MÄRCHEN AUS DEM BALTIKUM: Estland, Letland, Litauen, Lappland ...,

VERZEICHNIS II

 

„Rõugatajas Tochter“

„Der Zwerge Streit“

„Schnellfuss, Flinkhand und Scharfauge“

„Der Schlaukopf“

„Pikne´s Dudelsack“

„Dudelsack-Tiidu“

„Die zwölf Töchter“

„Die Meermaid“

„Die Zauberschuhe“

„Der Waise Handmühle“

„Die aus dem Ei entsprossene Königstochter“

„Der dankbare Königssohn“

„Das verwunschene Mädchen“

„Der Hirt Ans“

„Der Donnersohn“

„Die Unterirdischen“

„Die im Mondschein badenden Jungfrauen“

„Die Goldspinnerinnen“

„Das Glücksei“

„Goldhärchen und Goldsternchen“

„Der wunderliche Spiegel“

„Der Nordlands-Drache“

„Der gütige Holzfäller“

„Die fliegenden Haselnüsslein“

„Die Geschenke des Frostes“

„Die Sonne und die Mutter der Winde“

„Jonas und das Knochenweib“

„So lieb wie das Leben“

„Der Welt Lohn“

„Der Tontlawald“

„Der herzhafte Riegenaufseher“

„Die Sage von Batje und Nanna“

„Der Teufel und der Riegenmeister“

„Ein Weib ist schlimmer als der Teufel“

Der Pilzkönig“

„Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand“

„Das zerschlagene Hühnerei“

„Warum der Hase eine gespaltene Lippe hat“

„Das Weizenbrötlein“

„Eglä, Königin der Nattern“

„Loppi und Lappi“

„Der Lohn der Stieftochter und der Haustochter“

„Das Gesicht in der Neujahrsnacht“

„Die leichtfüssige Königstochter“

„Ants und der Drache“

„Der Mühlstein von Hiisi“

„Das goldene Beil“

"Warum das Elentier weiße Streifen unter dem Bauche hat"

"Der Arme und der Nimmersatt"

"Der Fuchs, der Wolf und der Bär"

"Der Mann mit der goldenen Nase" (zweite Märchen)

 

 

DER MANN MIT DER GOLDENEN NASE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In alten Zeiten lebte einmal in irgendeinem Land eine Mutter mit ihrer Tochter. Dieser Tochter wurde in der Kindheit von einem Weisen geweissagt, daß sie einst einen Mann mit einer goldenen Nase heiraten würde. Die Tochter wuchs auf und gab auch keinem Jüngling, der um sie freite, ihre Hand, sondern wartete auf den von dem Weisen versprochenen Mann mit der goldenen Nase. Ein Jahr nach dem anderen verging, die Mutter verstarb, aber der erwartete Mann erschien nicht.

 

Da fuhr eines Abends nach dem Tode der Mutter ein Mann mit einem schwarzen Hengst vor die Tür, und - o Wunder! - dieser Mann hatte eine goldene Nase. Er warb um das Mädchen, und sie gab ihm ihre Hand. Der Bräutigam sagte, daß er es eilig habe, und bat die Braut, gleich mitzukommen, er versprach, die Hochzeit gleich bei sich zu Hause abzuhalten und den Bruder der Braut zu sich zur Hochzeit einzuladen. Die Braut widersetzte sich dem zunächst, packte dann aber ihre teuersten Sachen ein, und die Fahrt begann so, daß ihr Hören und Sehen verging.

 

Nachdem sie mehrere Meilen gefahren waren, kamen sie an ein Haus, das wie eine große Kirche aussah. Der Bräutigam hielt das Pferd an, übergab der Braut die Zügel und sagte, daß er selbst hineingehen müsse. Nach langer Zeit kam er zurück, und die Fahrt wurde wie vorher fortgesetzt. Nachdem sie einige Meilen gefahren waren, kamen sie wieder an ein hohes Steinhaus, und der Bräutigam sagte wieder, daß er dort hineingehen müsse.

 

Die Braut ängstigte sich, und als der Bräutigam ins Haus gegangen war, ging sie heimlich nach, um zu sehen, was er dort zu tun habe. Als sie durchs Schlüsselloch spähte, sah sie, daß ihr Bräutigam in dem Hause auf einer erhöhten Stelle, die einem Altar ähnelte und vor der Kerzen brannten, saß und das Aas eines Hundes verschlang. Voller Schreck und Ekel kehrte sie zu ihrem Pferd zurück.

 

Nach einiger Zeit folgte ihr der Bräutigam, setzte sich, und die Fahrt begann wie zuvor. Zum dritten Male kamen sie an ein hohes Haus, und der Bräutigam sagte, daß er auch dort hineingehen müsse. Er sprang vom Schlitten und eilte ins Haus, und auch die Braut ging, um hinter der Tür zu spähen. Da sah sie, daß ihr Bräutigam wieder auf einer erhöhten Stelle saß und einen toten Menschen verspeiste. Wie ein Messerstich fuhr es ihr durchs Herz, wer wohl ihr Bräutigam sein könnte. Sie ging zum Pferd und dachte daran, auf ihm zu fliehen, da sie aber den Weg nicht kannte, wagte sie es nicht zu unternehmen. Nach langer Zeit kam der Bräutigam heraus, und nun wurde die Fahrt mit Windeseile fortgesetzt.

 

Schließlich gelangten sie zu einem großen, altertümlichen, halb verfallenen Schloß. Eine Menge Diener wartete auf dem Hof, die das Pferd in den Stall brachten. Der Bräutigam aber führte die Braut ins Schloß. Nachdem sie eine unendlich scheinende Zeit gegangen waren, während der sie keinen einzigen Diener sahen, kamen sie zu einer Kammer. "Hier kannst du jetzt wohnen", sagte ihr nun der Bräutigam, "bald will ich Hochzeit halten und zu dieser Zeit auch deinen Bruder herholen." Als er das gesagt hatte, ging er weg und ließ die Braut allein zurück.

 

In der darauffolgenden Nacht erschien der Braut der Geist ihrer verstorbenen Mutter und sagte: "Siehe, meine Tochter! Jetzt hast du das bekommen, was du wolltest, denn wisse, der Mann mit der goldenen Nase ist kein anderer als der alte Hagestolz (Teufel) selbst, und deine jetzige Wohnung ist der Vorraum zur Hölle." Auf die Frage, wie die Mutter zu ihr gelangt sei, erwiderte sie, daß ihre Wohnung nicht hier sei, sondern an einem anderen Ort, aber daß das Auge der Mutter überall über ihrer Tochter wache. Auf die Frage, wie sie von hier entkommen könne, erwiderte die Mutter, daß es jetzt wohl keine Möglichkeit dazu gebe.Am Tage kam ihr Mann sie besuchen, war in jeder Hinsicht höflich und freundlich, entschuldigte sich aber auch zugleich, daß es ihm wegen viel Beschäftigung nicht so bald möglich sein werde, die Hochzeit abzuhalten, sie müsse eine Zeitlang warten.

 

Einer von ihren früheren Freiern, dessen Herz sich nicht so schnell erkalten konnte, hörte, daß ein Mann mit einer goldenen Nase seine geliebte Braut weggeführt hatte. Er ging zu dem Weisen, um zu fragen, wer es denn gewesen sein konnte. Der Weise erklärte ihm, daß es der Teufel ("der Hagestolz") selbst gewesen sei und nun seine Braut in die Hölle geschleppt habe. Nun bat der Jüngling ihn zu sagen, wie er seine geliebte Braut retten könne. Der Weise erwiderte: "Nimm ein Knäuel und geh damit an drei Donnerstagen allein zu der nächsten Wegkreuzung, dreh dort das Knäuel dreimal in der der Sonne entgegengesetzten Richtung, dann wirst du schon sehen, was du machen mußt. Aber wehe dir, wenn du dich zu fürchten beginnst, dann bist du verloren!" Der Mann versprach, den Rat des Weisen zu befolgen und eilte nach Hause.

 

Am ersten und zweiten Donnerstag geschah nichts Besonderes. Am dritten Donnerstag kam ein starker Sturm auf und riß ihm das Knäuel aus der Hand. Der Mann ging und fing es ein. Dann riß ein feuriges Rad ihm das Knäuel von neuem aus der Hand. Auch dieses Mal konnte er das Knäuel noch fangen. Bald darauf erschien ein großer Mann. Der fragte ihn: "Was streichst du hier im tiefen Wald herum?" Der Mann erwiderte: "Ich bin ein armer Mensch, suche Arbeit und Verdienst, verirrte mich aber hier in diesem Wald und finde nicht mehr den Weg." Der große Mann sagte: "Ich bin auch einer, der einen Knecht sucht, vielleicht hast du Lust, in meinen Dienst zu treten. Die Arbeit bei mir ist nicht groß, besonders in der Winterzeit nicht, und wenn deine Lohnforderung es auch nicht ist, dann können wir uns bald einig werden." Der Freier erwiderte: "Mit dem Lohn hat es wohl Zeit, wenn die Arbeit schon gemacht ist, dann können wir wieder darüber reden." Der große Mann sagte: "Wenn es so ist, dann gehen wir zu mir nach Hause und wir wollen sehen, wie wir uns einigen."

 

Sie schritten weiter und gelangten nach langer Zeit an das altertümliche Schloß. Hier zeigte der Teufel ihm die künftige Arbeit und außerdem auch seine Wohnkammer und sagte: "Morgen kannst du dich ausruhen, und am zweiten Tage will ich dir Arbeit zuweisen. Im Winter hast du nicht viel zu tun, aber im Sommer mußt du dafür tüchtig die Glieder regen." Er sagte es und ging seines Weges.

 

Den ganzen Tag lang sah sich der neue Knecht um, ob er nicht irgendwo seine Braut sehen könnte, aber er erblickte sie nirgends. In der Nacht wachte er wegen eines großen Gepolters auf und eilte zum Fenster, um zu sehen, was los sei, sah aber nichts. Kurze Zeit darauf wurde eine Tür seiner Kammer geöffnet, die er bisher nicht bemerkt hatte. Die Frau trat ein, grüßte und fragte, wie er dorthin gekommen sei. Der Mann erzählte ihr, wer er sei und wen er suche, und daß er die Absicht habe, sie zu retten, auch wenn es ihm das Leben koste. Die Frau erwiderte: "Wenn dein Entschluß feststeht,dann warte bis zum zweiten Freitag bei Vollmond, dann geht er wie heute fort, dann wollen wir versuchen zu fliehen."

 

Der Mann wartete und arbeitete fleißig bis zum zweiten Freitag bei Vollmond. In der Nacht war wieder großer Lärm und großes Gepolter, und als dieses aufhörte, trat die Frau wieder in die Kammer. In der Hand hatte sie eine Rute, und dem Mann gab sie einen Holzspan, ein Sandkorn und etwas Wasser in einem Glas und sagte: "Wenn ich dir sage, daß du etwas davon wegwerfen sollst, dann tu es, aber laß uns jetzt eilen, denn die Zeit ist knapp."

 

Sie hatten schon eine lange Strecke zurückgelegt, da sagte die Frau: "Die Rute bewegt sich, wir werden verfolgt, wirf das Sandkorn schnell weg!" Der Jüngling tat es, sogleich entstand hinter ihnen ein großer Berg, aber sie selbst flüchteten mit Windeseile weiter. Der Teufel erreichte die Rückseite des Berges, rannte im ersten Anlauf gegen den Berg, prallte zurück und rief seinem kleinen Sohn zu: "Beweg dich, bemüh dich, mein Sohn, geh nach Haus und hol den Spaten!" Alsbald waren zwei Spaten zur Stelle, und sie gruben schwitzend am Berge, so daß der Kopf dampfte.

 

Der Jüngling und die Frau waren wieder eine weite Strecke gegangen, als die Frau rief: "Die Rute bewegt sich, wir werden verfolgt, wirf den Span auf den Weg!" Der Jüngling tat es, und sogleich entstand hinter ihnen ein hoher und dichter Wald. Der Teufel erreichte die andere Seite des Waldes, wischte sich den Schweiß von der Stirn und rief: "Beweg dich, bemüh dich, mein Sohn, geh und hol von zu Hause die Äxte!" Nach einiger Zeit war auch der Sohn mit den Äxten zurück, und nun fällten sie die Bäume, daß die Späne flogen. Alsbald war der Wald abgeholzt, und jetzt stürmten sie mit Windeseile weiter.

 

Der Jüngling und die Frau waren schon beinahe zu Hause, als der Teufel ihnen wieder auf den Fersen war. Da rief die Frau: "Wirf den Wassertropfen auf den Weg!" Der Jüngling tat es, und sogleich entstand zwischen ihnen ein großes, unendliches Meer. Der Teufel erreichte das andere Ufer des Meeres und rief: "Beweg dich, bemüh dich, mein Sohn, geh nach Haus und hol die Alte, die wird schon das Meer austrinken!" Bald war die Alte auch zur Stelle, die auch gleich begann, wie verrückt das Wasser zu saufen. Schon war das Meer beinahe leer, da platzte die Alte und das Wasser lief ins Meer zurück. Der Teufel mußte am Ufer stehenbleiben und erreichte die Fliehenden nicht mehr. Die aber gingen nach Hause und lebten als Mann und Frau mit Hilfe der Rute lange und glücklich.

 

Estnisches Märchen

 

DER FUCHS, DER WOLF UND DER BÄR ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Festtage kamen heran. Der Fuchs, der Wolf und der Bär hielten Rat: sie wollten Butter stehlen gehen. Sie gingen zum Keller, scharrten ein Loch aus und trugen zwei Bütten voll Butter davon. Die eine schleckten sie gleich aus, die andere sparten sie sich für die Festtage auf. Dann gingen sie in ihre Waldhöhle zurück.

Am ersten Tage sprach der Fuchs: »Man hat mich heute zu einem Taufschmaus geladen!« Er ging in den Wald zur Butterhütte, fraß das Obere auf und kehrte zurück. Die andern fragten gleich, wie das Kind getauft worden sei. Der Fuchs antwortete: »Es wurde getauft: 'Oberes'!« Das bedeutete, daß er das Obere aus der Butterbütte aufgefressen hatte.

Am zweiten Tage wollte der Fuchs abermals zu einem Taufschmaus. Er ging jedoch zum Butterfaß und fraß die Butter bis zur Hälfte auf. Zu Hause fragten ihn die anderen: »Wie wurde heute das Kind getauft?« Der Fuchs antwortete: »Biszurhälfte!« Das bedeutete, daß der Fuchs die Butterbütte bis zur Hälfte geleert hatte.

Am dritten Tage sprach der Fuchs: »Man hat mich heute wieder zu einem Taufschmaus geladen!« Er ging zur Bütte und fraß die Bütte leer. Als er zurückkam, fragten ihn die anderen: »Welcher Name wurde denn heute dem Kinde gegeben?« Der Fuchs antwortete: »Leer!«

Bald brachen die Festtage an. Man ging zur Butterbütte. Die Bütte aber war leer. Der Fuchs hatte gleich einen Vorschlag: »Legen wir uns in die Sonne schlafen. Aus wessen Schnauze Fett tropft, der hat alles aufgefressen!« Die anderen waren zufrieden, und sie legten sich alle an jener Stelle schlafen.

Als Bär und Fuchs schliefen, stand der Wolf auf und rieb seine Schnauzenspitze recht sauber, damit ja kein Fett da heraus tropfe. Dann ging er wieder schlafen. Nun stand der Fuchs auf, kratzte aus der Bütte die Butterreste und schmierte ganz leise die Schnauze des Wolfs mit Butter ein. Die Sonne schien heiß und brachte die Butter zum Schmelzen. Die Schnauze des Wolfs sah nun so recht fettig aus.

Als man aufstand, sah man nach, wessen Schnauze fettig sei. Es war nicht die Schnauze des Fuchses, auch nicht die des Bären: sieh, es war die Schnauze des Wolfs. Was war da zu machen? Der Wolf hatte eben die Butter gestohlen. Der Wolf schämte sich so stark, daß er den Schwanz einzog und in den Wald davon schlich.

Seit jener Zeit meidet der Wolf sowohl den Fuchs als den Bären, so sehr schämt er sich des Namens eines Butterdiebes.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DER ARME UND DER NIMMERSATT ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein armer Mensch fällte im Walde am Flussufer Bäume. Als er sie haute, schubbs! glitt die Axt vom Stiel, plumps! fiel sie ins tiefe Wasser des Flusses. Der Ärmste lamentierte: „O weh! Meine Axt! Futsch!

Wer wird sie mir herausfischen? Schade um mein handliches Beilchen!“ Unterdessen humpelpahumpel kam ein uralter Greis heran gehumpelt und fragte: „Warum jammerst du so sehr? Was ist geschehen?“ „Ja, ja! Meine Axt ist dahin! Fiel ins Wasser, und eine andere zu kaufen bin ich nicht imstande, ich bin sehr arm. Womit werde ich jetzt die Bäume fällen und den Kindern das Brot verdienen?“ „Still! Jammere nicht! Ich werde sie heraus fischen!” Und so gleich rips! raps! warf er seinen Rock und sprang Plumps ins Wasser, hatte eine goldenen Axt hervor gebracht und sprach: „Da! Nimm dir! Ist das nicht deine Axt?“

„Ach nein! Ist nicht meine!“ antwortete der Ärmste. Wieder plumps! tauchte der Alte unter das Wasser, und kam nach einer Weile hopp! aufrecht empor mit einer Axt von Silber. „Ist nicht meine! Ist nicht meine!“ schrie der Arme, als er sie kaum erblickte. Zum dritten mal plumpste er ins Wasser und brachte die eiserne Axt hervor. „Das ist mein Axtchen! Das ist mein Axtchen!“ schrie der Ärmste voller Freuden. „Gott und dir sei Dank, dass ich meine Axt wieder erhalten habe.“ Er ergriff schnupps! die Axt aus jenes Hand und kehrt! marsch! wollte schon nach Hause laufen. „Ahoi! Ahoi!“ rief der Alte ihm nach und sprach: „Weil du ein so ehrlicher und zufriedener Mensch bist, hier! Ich schenke dir auch die goldene und die silberne Axt.“

Als er nun nach Hause kam plantsch! plantsch! alles plauderte, hörte es auch einer der Nachbarn, ein Nimmersatt. Der besann sich, lief heissi! in den Wald, und los! haute er zapp! zapp! in einen Baum von derselben Stelle, und seine Axt, die lose aufgebracht war, glitt schubbs! vom Stiel und plumps! ins Wasser. Nun fing er an: „O weh! O weh!“ zu jammern wegen seiner Axt. Humpelpahumpel ist der uralte Mann auch schon da. „Was ist dir geschehen?“ „Mein Axtchen plumps! ist ins Wasser gefallen und versunken, wer wird es mir zusammen suchen?“ „Aber ich!“ rief der Alte, sprang hops! ins Wasser, kam nach einer Weile hopps! ins Wasser, kam nach einer Weile stehend mit der eisernen Axt: „Hier deine Axt!“ „

„Ist nicht meine! Ist nicht meine!“ antwortete der Nimmersatt. Wieder plumpste das Alterchen ins Wasser, kam nach einer Weile hopp! wieder mit der silbernen Axt. „Ist das die deine?“„Ist nicht meine! Meine war anders!“ antwortete der Nimmersatt. Zum dritten mal plumps! der Alte ins Wasser und hopp! wieder aus dem Wasser mit der goldenen Axt. „Das ist meine!“ schrie der Unverschämte auf voll Freuden. Aber während er so unverschämt log, wupps! war der Alte unter das Wasser getaucht und kam nicht mehr an die Oberfläche. Dem Nimmersatt ging husch! die goldene Axt an der Nase vorbei, er wartete und wartete, dass man ihm vielleicht eine diamantene Axt anbieten würde, vielleicht hockt er noch heute dort.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

WARUM DAS ELENTIER WEISSE STREIFEN UNTER DEM BAUCHE HAT ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Mann, der konnte es nicht vertragen, zu arbeiten. Er spazierte nur zwecklos im Walde umher und schlief. Endlich mußte er Hunger leiden; er hatte nichts mehr zu beißen und zu brechen.

In dieser Lage kam zu ihm ein alter Mann und gab ihm den Rat: »Stell eine Falle auf und bet zu Gott, dann wirst du schon ein Tier fangen!« Der Mann dachte: 'Sieh mal an, wie viel Mühe das ist!' Da aber sein Hunger immer größer wurde, konnte er sich nicht anders helfen. Er tat, wie er belehrt war: stellte die Falle auf und legte sich schlafen.

Als er aufwachte, sah er: ein Elentier (Elch )steckte in der Falle. Der Mann fiel sogleich über das Tier her und begann, ihm das Fell ab zu ziehen. Er hatte das Fell schon aufgeschnitten, als der grauköpfige Mann wieder zu ihm kam und sprach: »Nun, hab ich dir nicht gesagt: wenn du eine Falle aufstellst, so wird dir Gott einen Fang geben?« Der Mann entgegnete: »Wieso hat Gott ihn mir gegeben? Ich selber habe die Falle gemacht und aufgestellt!«

Diese Antwort ärgerte den grauköpfigen Mann. Er klopfte mit seinem Stock auf das Elentier: da sprang es auf und lief in den Wald. Der Mann eilte mit ausgebreiteten Armen hinter drein und schrie dabei: »Gott hat dich gegeben! Gott hat dich gegeben!« Das Elentier achtete aber nicht darauf, sondern lief seines Wegs und verschwand im Walde.

Der Mann dachte: 'Jetzt muß ich aber dem alten Graukopf dafür tüchtig das Fell gerben!' Er blickte um sich: da war kein alter Graukopf mehr zu sehen. Nun erst begriff der Mann, daß es der liebe Gott selber gewesen war, der ihn gelehrt hatte, die Falle aufzustellen, und der jetzt das Elentier in den Wald fort geklopft hatte.

Weil des Elentiers Fell am Bauch aufgeschnitten war, so wuchsen an dieser Stelle weiße Haare. Deswegen hat das Elentier unter dem Bauch weiße Streifen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DAS GOLDENE BEIL ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf einem Bauernhof, saß eine junge Magd spät Abends beim Kienspanlicht und spann. Die Wirtin und ihre Tochter – der Bauer war schon seit drei Jahren tot – schliefen bereits, denn sie waren sehr bequem, spielten gern die “großen Damen“ und luden der Magd alle häusliche Arbeit auf, so daß diese von Sonnenaufgang bis Mitternacht die Hände regen mußte, ohne doch die Zufriedenheit ihrer Brotgeberinnen zu erlangen. Wenn sie etwas gut und richtig ausgeführt hatte, so hieß es bloß: „Na, ja, das geht an; aber nun tummle dich, daß du das übrige fertig bringst!“ Bei dem geringsten Versehen aber setzte es Schelte und Schläge. Was tun?

 

Ilse hieß das Mädchen, war elternlos und arm; so mußte sie wohl oder übel auf ihrer Stelle aushalten. – Und das war noch aus einem anderen Grunde nicht leicht: - der Sohn des Nachbarwirtes, ein braver, hübscher Bursch, hätte sie gern zum Weibe genommen, wenn die Eltern nicht dagegen gewesen wären. In ihren Augen schickte es sich nicht, daß der Erbe eines Bauernhofes eine arme Magd freite; er dürfte nur eine Wirtstochter heimführen und diese war bereits gefunden. Keine andere als die Tochter der Wirtin sollte es sein. Das war vor drei Tagen alles abgemacht und ins Reine gebracht, die Hochzeit aber auf Ostern festgesetzt worden.

 

Ilse liebte den guten Ans von ganzem Herzen, mußte aber ihre Gefühle vor den Augen und Ohren der Welt streng in ihrem Herzen verschließen; Sie war ja nur eine arme, elternlose Magd; wer fragte viel nach ihren Wohl und Wehe! So daß in stummem Brüten am Spinnrad, indes der eisige Nordwind ums Haus herum heulte und brauste und der Schnee in wildem Flockenwirbel draußen auf dem Hof kreiste. Manch bittere Träne fiel auf das Flachs herab, manch schwerer Seufzer stieg zur niedrigen, rauchgeschwärzten Bohlendecke hinauf – bis aus Seufzen und Tränen ein wehmütig klagend Liedlein wurde:

„Eilig eilte fort die Sonne,

Ließ mich stehn im Schatten tief;

Ach, kein Mütterlein mehr hab ich,

Das mich in die Sonne führt.

Wart’ auf mich, du eil’ge Sonne,

Hör’ was ich dir sagen will -:

Bringe tausend Abendgrüße

Meinem lieben Mütterlein!

Niedrig steht die Sonn’ wie niedrig,

Fern ist Mütterlein, wie fern!

Nie ereile ich die Sonne,

Nie erruf’ ich’s Mütterlein.“

 

Da grollte im Nebenzimmer die heisere Stimme der Wirtin: „Zum Teufel mit dem Singsang! Dein Gekrähe kann Tote aus dem Grabe scheuchen.“ Die Tochter aber schalt: „Wenn du plärren willst, so gehe hinaus auf den Hof und heule mit dem Nordwind um die Wette!“ Ilse schwieg und versuchte wieder zu spinnen, aber Augen und Hände versagten den Dienst. Müde lehnte sie ihr goldblondes Köpfchen an die harte Wand und schloß die Augen. Draußen aber heulte und brauste der Nordwind. Es mochte gegen sechs Uhr morgens sein, als die Magd durch ein Klopfen am kleinen Fenster aus ihrem wenig erquicklichen Schlummer gescheucht wurde.

 

Sie ging hinaus und konnte in der Dunkelheit des Wintermorgens niemand gewahren. Eine zitternde Stimme, wie die eines alten Bettlers, schlug an ihr Ohr: „Erbarme dich, liebes Mädchen, eines verirrten und verhungerten, schier erfrorenen Greises!“ Ilse dachte einen Augenblick nach. Sie wußte wohl, daß die Wirtin keinem Bettler etwas verabreichte, sondern jeden mit Schimpf und Spott vom Hofe jagte. Aber sie und ihre Tochter schliefen noch und würden vor sieben Uhr gewiß nicht aufstehen. „Komm mit in den Kuhstall, Greis“, sagte die Mitleidige, „dort magst du dich ein Stündchen erwärmen, ich aber will dir Milch und Brot bringen.“ Sie führte den Erstarrten in den Stall, hieß ihn sich auf einen umgestürzten Kübel setzen, melkte Milch in ein Trinkgefäß und holte aus dem Hause ein Stück Brot, daß sie in ihrer großen Betrübnis am Abend vorher nicht hatte herunter würgen können.

 

Der Bettler labte und erwärmte sich, so gut es eben gehen wollte, aber nicht mehr mit zitternder, sondern mit voller, wohlklingender Stimme sprach er zu Ilse: „Hab Dank für dein Mitleid und deine Wohltat! Ich bin nicht der, für den du mich ansiehst – wer ich aber bin, brauchst du nicht zu wissen. Nur soviel sei gesagt: ich kenne dich und alles, was dein Kopf denkt und dein Herz fühlt – und will, daß du glücklich werdest. Merk also auf meine Worte.

 

Hast du niemals etwas von Lauskis und seinem goldnen Beil gehört?“ Ilse verneinte: „Nun, damit hat’s folgende Bewandtnis: der Lauskis ist ein Geist der Kälte, welcher zur Zeit starken Frostes mit einem goldnen Beil die Erde zu spalten pflegt. Wenn nun ein junges unschuldiges Mädchen um Mitternacht, gerade zwischen dem ersten und zwölften Schlage der Uhr, dreimal ums Haus herumläuft, so geschieht’s wohl, daß der Frostgeist sein Beil verliert. Dieses Beil ist aus schwerem Golde gefertigt, und wer’s findet, kann viele tausend Rubel dafür bekommen. Nur Unschuld, Mut und Behendigkeit gehören dazu!“ So sprach der Greis, Ilse sah ihn verwundert an – aber wo war er denn geblieben?

 

Der Kübel, auf dem er bislang gesessen, war leer – und das trüb herein dämmernde Morgenlicht ließ keine Spur von ihm sehen. Die junge Magd überlief es schaurig; sie sprach unwillkürlich ein kurzes Gebet – und ging nachdenklich ins Haus zurück. Da war schon die Wirtin auf den Beinen und das alltägliche Elend fing wieder an. So vergingen Wochen. Dem stürmischen Januar war ein bitter kalter aber klarer Februar gefolgt. Des Nachts fror es oft so stark, daß die Erde krachte und das Eis auf dem Teiche barst.

 

Eines Tages fuhren die Mutter und die Tochter zur Stadt, um noch einiges für die Aussteuer zu besorgen, und wollten erst am nächsten Nachmittag wieder zurück kehren, Ilse blieb nun allein in dem ganzen Hause. Am Abend beim Spinnen fiel ihr plötzlich die schon halb vergessene Erzählung jenes seltsamen Greises ein, und je länger sie über dessen Worte nach sann, umso unwiderstehlicher fühlte sie in ihrem Herzen ein Erwachen, einen Versuch mit dem Lauskis zu wagen. Die Stunden bis zur Mitternacht vergingen ihr wie im Traume.

 

Als die alte Wanduhr in der Wirtin Schlafstube, deren Tür jetzt offen stand, zum ersten Schlage ausholte – stürzte das Mädchen zur Tür hinaus und eilte wie der Wind dreimal ums Haus herum. Da geschah ein furchtbarer Krach, daß Haus, Stall und Kammer erbebten und zu schwanken begannen. Ilse selbst hielt sich nur mit Mühe am Türpfosten aufrecht. Da war aber auch schon alles vorüber. Der Mond schien hell – scharf, wie er’s nur in nordischen Winternächten tut, vom Himmel herab auf ein prächtiges goldenes Beil, das gerade zu den Füßen des Mädchens lag ....

 

Zu Ostern feierte Nachbars Ans Hochzeit, aber nicht mit der Wirtstochter, sondern mit ihrer so lange verachteten Magd, dem armen Waisenkinde, nun dem reichsten Mädchen in der Umgegend. – Glücklich und zufrieden gingen den also Vereinten die Jahre hin – und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

 

Märchen aus Lettland

 

DER MÜHLENSTEIN VON HIISI ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war bettelarm und der andere Bruder steinreich. Der Reiche war mit allen Nachbarn gut Freund, allein seinen armen Bruder schien er nicht zu kennen. Er fürchtete nämlich, jener könnte zu ihm kommen, um ihn um irgend etwas zu bitten. Der Arme, aber ging niemals zu seinem Bruder.

 

Doch einmal, an einem großen Festtag, als sie daheim nichts zu beißen und zu brechen hatten, sagte die Frau zum Armen: „Wie wollen wir den Feiertag begehen? Geh wenigstens ein einziges Mal zu deinem Bruder und bitte ihn um ein wenig Fleisch. Ich habe gesehen, wie er gestern eine Kuh geschlachtet hat.“ Der Arme suchte Ausflüchte zu machen, doch blieb ihm nichts übrig, er wußte nicht, an wen er sich sonst wenden sollte.

 

Der arme Bruder kam also zum Reichen und bat: „Lieber Bruder, borge mir ein wenig Fleisch, wir haben nichts im Haus zum Feiertag.“ Der reiche Bruder warf ihm den Huf von der geschlachteten Kuh hin und rief: „Da, nimm und scher dich in den Wald zum Waldschrat Hiisi!“ Der arme Bruder verließ den Reichen Hof und dachte bei sich: „Wenn er diesen Huf nicht mir, sondern Hiisi gab, so will ich ihn auch dem Waldschrat bringen! Und er ging in den Wald.

 

Ob er lange Zeit durch den Wald wanderte oder kurze Zeit, jedenfalls begegnete er Holzfällern. Sie fragten ihn: „Wohin des Weges?“ „Ich gehe zu Hiisi, will ihm einen Huf von der Kuh bringen“, erwiderte der Arme.  „Wißt ihr vielleicht, wo seine Hütte steht?“ Antworteten die Holzfäller: „Wenn du immer geradeaus durch den Wald gehst und nirgendwo abbiegst, so gelangst du zu Hiisi. Aber höre gut zu, was wir dir sagen. Wenn Hiisi dir für den Huf Silber geben will, so nimm es nicht an. Wenn er dir Gold geben will, lehne es ebenfalls ab. Bitte ihn vielmehr um den Mühlstein, den man mit der Hand drehen kann.“ Der Arme dankte den Holzfällern für ihren Rat, nahm Abschied von ihnen und zog fürbaß.

 

Ob er lange Zeit wanderte oder kurze Zeit, miteins erblickte er eine Hütte. Er trat ein, dort aber saß Hiisi. Der betrachtete den Armen und sagte: „Mir wird häufig etwas versprochen, doch nur selten wird es mir auch dargebracht. Was hast du dort in deinem Sack?“ „Den Huf von einer Kuh.“ Diese Worte freuten den Hiisi. Hab seit dreißig Jahren kein Fleisch mehr gegessen! Gib mir rasch den Huf!“ Er nahm den Huf, verspeiste ihn und sprach: „Ich will dir deinen Huf bezahlen. Verlangst du viel dafür? Hier, nimm zwei Silbermünzen!“ Antwortete der Arme: „Ich brauche kein Silber.“ Hiisi holte Gold hervor und reichte dem Armen zwei Hände voll.

 

Der Arme aber sprach: „Ich brauche auch kein Gold.“ „Was willst du denn haben?“ „Gib mir deinen Mühlstein!“ „Nein, diesen Mühlstein kann ich dir beim besten Willen nicht geben“, entgegnete Hiisi. „Nimm lieber Geld soviel du willst.“ Doch der Arme fand sich nicht drein – er bat um den Mühlstein. „Da ich den Huf verzehrt habe“, sagte schließlich Hiisi, „muß ich ihn auch bezahlen. Sei’s drum, nimm meinen Mühlstein! Aber weißt du auch, wie du ihn handhaben mußt?“ Erwiderte der Arme: „Nein. Bring es mir bei!“ Sprach Hiisi: Dieser Mühlstein besitzt Zauberkraft. Er mahlt alles, was du ihm befiehlst. Mußt nur sagen: Mahle, mein Mühlstein! Wenn du aber ausrufst: „Jetzt ist genug!, so steht er still. Nun aber geh fort. Der Arme dankte dem Waldschrat Hiisi und machte sich auf den Heimweg.

 

Lange wanderte er durch den Wald. Die Dunkelheit brach herein. Regen fiel, der Wind pfiff ungestüm, und die Zweige peitschten dem Armen das Angesicht. Erst gegen Morgen kehrte er heim. Fragte ihn sein Weib: „Wo hast du dich nur den lieben langen Tag und die ganze Nacht herum getrieben? Habe schon lange gedacht, daß ich dich niemals mehr wiedersehen werde!“ Antwortete der Arme: „Ich war beim Waldschrat Hiisi zu Gast. Schau, was ich dir für ein Geschenk von ihm mitgebracht hab!“ Er zog den Mühlstein aus dem Sack und befahl: „Mahle, mein Mühlstein! Mahle uns alles zum Feiertag!“ Da hub der Mühlstein zu mahlen an, und auf dem Tisch häuften sich Mehl, Grütze, Zucker, Fleisch und Fisch, alles, was sich nur wünschen ließ.

 

Die Frau füllte Beutel und Schüsseln. Da klopfte der Arme mit dem Finger auf den Tisch und sprach: „Jetzt ist es genug!“ Und der Mühlstein stand still. Der Arme feierte das Fest nicht schlechter als alle anderen. Fortan lebte er in Wohlstand Er mehrte sein Hab und Gut und kaufte seinem Weib und den Kindern neue Kleider und festes Schuhzeug. Fortan litten sie keine Not.

 

Eines Tages gebot der Arme dem Mühlstein, recht viel Hafer für sein Pferd zu mahlen. Das Pferd stand vor dem Haus und fraß. Just um diese Zeit schickte der reiche Bauer seinen Knecht zum See, um die Pferde zu tränken. Der Knecht trieb sie zur Tränke, doch als sie an dem Haus des Armen vorüber kamen, wurden sie störrisch, blieben stehen und begannen mit dessen Pferd aus einer Krippe den Hafer zu fressen. Das beobachtete der Reiche, trat auf seine Vortreppe und rief: „He Knecht! Treibe die Pferde geschwind zurück! Sie lesen vor einem fremden Haus den Unrat auf!“ Der Knecht trieb die Pferde heim und erzählte dem Herrn: „Herr, die Pferde haben keinen Unrat aufgelesen, sondern hervorragenden Hafer gefressen! Dein Bruder hat Hafer in Mengen!“

 

Da wurde der Reiche neugierig. „Will doch sehen, wie dieses Wunder geschah, daß mein Bruder jetzt alles besitzt“, sagte er. Er kam zum armen Bruder und fragte: „Auf welche Weise bist du eigentlich so reich geworden? Woher hast du all dein Hab und Gut?“ Der Arme erzählte dem Bruder, wie sich alles zugetragen hatte. „Der Waldschrat Hiisi hat mir geholfen“, sagte er. „Wie das?“ „Ganz einfach. Du hast mir zum Feiertag den Huf von deiner geschlachteten Kuh geschenkt und mir aufgetragen, mich zu Hiisi zu scheren. Da bin ich zu ihm gegangen und hab ihm den Huf gebracht. Als Entgelt hat mir Hiisi einen Mühlstein geschenkt, der Zauberkraft besitzt. Dieser Mühlstein gibt mir alles, was ich mir wünsche.

 

„Zeige ihn mir!“ „Hier, schau!“ Der Arme befahl seinem Mühlstein, feine Speisen zu bereiten. Der Mühlstein begann sich zu drehen, da häuften sich auf dem Tisch Piroggen und herrlicher Braten. Dem Reichen gingen vor Staunen und Habgier die Augen über. „Verkaufe mir diesen Mühlstein!“ „Nein, ich geb ihn nicht her, ich brauche ihn selbst.“ Doch der Reiche war hartnäckig: Verlange soviel Geld, wie du magst, aber laß mir den Mühlstein ab!“ „Nein, ich verkaufe ihn nicht!“

 

Als der Reiche merkte, daß er vergeblich bat, beschloß er, den armen Bruder auf andere Weise zu überreden. „Ach, du undankbarer Mensch“, rief er erzürnt. „Erinnere dich, wer hat dir den Huf der Kuh geschenkt?“ „Du.“ „Siehst du! Und nun ist es dir um den Mühlstein leid! Wenn du ihn mir schon nicht verkaufen willst, so leihe ihn mir wenigstens für einige Zeit!“ Der Arme sann nach und sprach: „Sei’s drum, nimm ihn für einige Zeit!“ Freudig nahm der Reiche den Mühlstein und eilte heim.

 

In seiner großen Freude aber hatte er ganz vergessen zu fragen, wie er den Mühlstein anhalten könne, wenn das von Nöten war. Am nächsten Morgen nahm er den Stein und stach mit seinem Schiff in See. Dabei überlegte er: Jetzt ist gerade die Fangzeit gekommen: die Fischer salzen die Fische ein, da wird das Salz teuer. Will mich drum auf den Salzhandel legen.

 

Als er auf hoher See war, gebot er dem Mühlstein: „Mahle, mein Mühlstein! Gib mir recht viel Salz!“ Der Mühlstein begann sich zu drehen und Salz, reines, weißes Salz zu mahlen. Der Reiche sah zu, freute sich und zählte im stillen schon den Gewinn. Er hätte dem Mühlstein längst befehlen müssen, einzuhalten, doch er rief: „Mahle, mahle weiter und haltet nicht ein!“ Unter der schweren Last war das Schiff schon bis zum Heck ins Wasser gesunken, der Reiche aber wiederholte noch immer, als habe er allen Verstand verloren: „Mahle, mahle weiter!“ Das Wasser rollte bereits über das Deck, das Schiff drohte zu sinken, da besann sich der Reiche und schrie: „hör auf zu mahlen!“

 

Der Mühlstein aber mahlte weiter. Rief der Reiche: „So hör doch auf!“ Der Mühlstein aber mahlte weiter ohne Unterlaß. Der Reiche wollte ihn aufheben und ins Meer werfen, doch er konnte ihn nicht anheben. Er schien am Deck fest gewachsen. „Rettet mich!“ schrie der Reiche. „Zu Hilfe!“ Doch wer vermochte ihn zu retten, wer vermochte ihm zu helfen? So sank das Schiff zusammen mit dem habgierigen Reichen auf den Meeresgrund. Der Reiche ertrank, das Meer wurde ihm zur letzten Ruhestatt.

 

Der Mühlstein aber, so erzählt man sich, hielt auch auf dem Meeresboden nicht inne: Er mahlt bis zum heutigen Tage Salz. Drum soll das Meereswasser salzig sein.

 

Karelisches Märchen

 

ANTS UND DER DRACHE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Erde lebten einmal drei Schwestern, drei gute Mädchen. Sie hatten einen Bruder, der hieß Ants. Die Mädchen kochten das Essen, räumten die Zimmer auf, versahen das Viehzeug, und der Bruder arbeitete auf dem Feld und im Garten. So verging ein Tag nach dem anderen. Plötzlich geschah ein Unglück.

 

Eines Morgens gingen die Schwestern im Garten spazieren, und mit einem Mal, wer weiß woher, brauste ein schrecklicher Orkan heran, ergriff die Schwestern und entführte sie, niemand konnte sagen wohin. Drei Tage lang suchte der Bruder seine Schwestern in den Nachbarwäldern und auf den umliegenden Feldern.

 

Nach drei Tagen schloss er sein Häuschen ab und zog aus, um in der weiten Welt nach ihnen zu forschen. Von Dorf zu Dorf ging er und fragte nach den Schwestern. Doch niemand konnte ihm Auskunft geben, niemand hatte sie gesehen. Mittlerweile gingen dem armen Ants alle Vorräte aus, die er von Zuhause mitgenommen hatte. Geld besaß er auch nicht. Was sollte er tun?

 

Ants ging durch einen Wald. Auf dem Wege begegnete ihm ein Hase, und Ants redete ihn an: "Häschen, lauf nicht fort, ich habe Hunger und muss dich verspeisen." Doch der Hase erwiderte: "Gedulde dich, Ants, iss mich nicht auf. Ich will dich lieber begleiten - vielleicht kann ich dir in schweren Zeiten nützlich sein. " Ants hatte Mitleid mit dem Hasen. "Also gut", sagte er, "lass uns gehen."

 

Sie zogen zusammen weiter. Da sah Ants einen Wolf vorbei laufen. "Wolf, lauf nicht fort", rief er, "ich habe Hunger und muss dich verspeisen." "Gedulde dich, Ants, iss mich nicht auf!" antwortete der Wolf. "Ich will dich lieber begleiten. Es wird eine Zeit kommen, da ich dir nützen kann. "Ants hatte Mitleid mit dem Wolf. "Na schön", sagte er, "lass uns gehen. "

 

Zu dritt zogen sie weiter. Da erblickte Ants einen Bienenstock und rief den Bienen zu: "Gebt mir euren Honig zu kosten!" Doch die Bienen antworteten: "Wir haben nur wenig Honig. Kaum langt er unsere Kinder zu füttern. Nimm ihn uns nicht weg. Es wird eine Zeit kommen, da wir dir nützen können. Wenn du willst, fliegen wir mit." "Abgemacht", sagte Ants, "folgt mir nach!" Summend flogen die Bienen hinter Ants her.

 

Ants zog weiter und sah einen Falken fliegen, mit krummen Krallen. "He, Falke", rief er, "flieg nicht fort, ich habe Hunger! Ich will dich verspeisen." "Iss mich lieber nicht auf, Ants", bat der Falke, "es wird eine Zeit kommen, da ich dir nützlich sein kann." So flog denn auch der Falke, der krumm krallige, hinter Ants her.

 

Da kroch ihnen ein Krebs entgegen. "Dann werde ich also den Krebs verspeisen", meinte Ants. Doch der Krebs flehte ihn an: "Iss mich nicht, Ants! Es wird eine Zeit kommen, da ich dir nützlich sein kann." So verspeiste Ants auch den Krebs nicht, und der Krebs folgte ihm. Einträchtig gingen sie alle zusammen des Wegs. Voran schritt Ants, ihm folgte der Hase mit dem Wolf, dann flogen die Bienen und der Falke, und den Schluss bildete Kriechbein, der Krebs.

 

Als sie einen Wald durchqueren, bemerken sie im Dickicht eine kleine Hütte. Ants tritt ein und sieht dort ein altes Mütterchen sitzen. "Woher kommst du, guter Mann? " fragt die Alte. Ants erzählt ihr, wie ein Orkan seine Schwestern fort getragen hat. "Weißt du nicht, Großmütterchen, wo meine Schwestern sind? " fragt der Bursche. "Oh, das weiß ich wohl", entgegnet die Alte. "Eine deiner Schwestern lebt bei einem Hecht, die andere - bei einem Adler und die dritte - bei einem Bären."

 

"Aber wie könnte ich wohl zu ihnen gelangen, Großmütterchen?" fragt Ants. "Dazu musst du dir ein Wunderpferd verschaffen", erwidert die Alte. "Und das Wunderpferd lebt bei einer Hexe." "Wie kann man denn zu der Hexe hinkommen?" Die Alte führt ihn auf einen Pfad. "Von hier aus geh schnurgeradeaus. Drei Tage musst du wandern - dann erreichst du ihre Hütte. Die Hexe hat zwölf Pferde. Sie wird dich zwingen, sie drei Tage lang zu hüten. Wenn du das fertig bringst, erlaubt sie dir, ein Pferd auszusuchen. Doch achte darauf, dass du nicht das prächtigste nimmst, sondern das allerkleinste und krummste."

 

Ants dankte der Alten, verabschiedete sich von ihr und ging den Pfad entlang. Seine Reisegefährten aber folgten ihm. Schließlich kam er zu der Hexenhütte. Die Hexe schaute gerade aus dem Fenster: "Wer bist du, braver Recke, und wohin gehst du?" "Ich bin unterwegs, Großmütterchen, meine Schwestern zu suchen", antwortete Ants, "und nun bin ich vom Laufen müde geworden und wollte dich um ein Pferdchen bitten." "Meinetwegen sollst du ein Pferdchen haben", sagte die Hexe, "nur nicht umsonst. Meine Pferde werden jeden Tag auf die Weide getrieben. Wenn du sie drei Tage lang hütest, kannst du dir ein Pferdchen aussuchen." Ants willigte ein.

 

Am nächsten Morgen jagte die Hexe zwölf Pferde aufs Feld. Ants ging hinaus, sie zu hüten, und seine Reisegefährten folgten ihm. Er ließ sich unter einem Baum nieder, während die Pferde auf der Wiese umher streiften und weideten. Da schlich sich der Hase heran und lauschte, worüber sich die Pferde unterhielten. "Wenn dieser Ants uns heute heimtreiben will", sagten die Pferde, "werden wir nicht nach Hause zurück kehren, sondern nach verschiedenen Seiten auseinander laufen. So hat unsere Herrin befohlen. Mag er hinter uns her rennen." Der Hase eilte spornstreichs zu den Bienen und erzählte ihnen, was die Pferde ausgeheckt hatten. "Keine Bange, wir helfen Ants", versprachen die Bienen.

 

Da war es auch schon Abend, und man musste die Pferde nach Hause treiben. Sie stürmten nach verschiedenen Richtungen auseinander, doch die Bienen flogen von allen Seiten heran, stachen sie und sammelten sie zu einer Herde. Nichts zu machen, die Pferde mussten zusammen heimkehren. Ebenso geschah es auch am folgenden Tag. Als der Hase am dritten Tag hörte, worüber sich die Pferde unterhielten, lief er mit seiner Nachricht zum Wolf. "Nun, so bin ich jetzt an der Reihe, Ants zu Hilfe zu eilen", sagte der Wolf.

 

Als Ants die Pferde abends heimtreiben wollte, stoben sie in wildem Galopp in den Wald. Dort erwartete sie jedoch schon der Wolf, fletschte die Zähne und knurrte, als wollte er sich auf sie stürzen und sie in Stücke reißen. Da erschraken die Pferde und kehrten nach Hause zurück. So vergingen die drei Tage, und Ants erfüllte seine Aufgabe. Es war nichts zu machen, die Hexe musste die Rechnung bezahlen.

 

"Nun, dann geh in den Pferdestall und such dir ein Pferd aus", sagte sie mit saurer Miene. Ants wählte das kleinste und krummste Pferdchen und erklärte: "Dies hier, Großmütterchen, will ich haben." "Na, nimm dir schon ein etwas Besseres", versuchte ihn die Hexe zu überreden, doch Ants antwortete: "Ich mag kein anderes, ich will nur dieses." Wie sich die Hexe auch drehen und wenden mochte, sie musste ihm das Pferd überlassen, das er sich ausgesucht hatte.

 

Ants nahm das struppige Pferdchen und zog weiter. Auf einmal fing das Pferd an zu sprechen: "Herr, führ mich drei Tage auf den weißen Klee zur Weide. Dann werde ich ein richtiges Reckenpferd sein, drei Flügel werden mir wachsen. Weidest du mich sechs Tage - dann werde ich sechs Flügel bekommen. Weidest du mich aber neun Tage - dann werde ich ein Reckenpferd mit neun Flügeln sein. Dann wird uns niemand mehr überwältigen."

 

Ants tat, wie das Pferd ihm geraten. Neun Tage verstrichen - und das krumme Pferdchen verwandelte sich in ein mächtiges, neunflügeliges Ross, stark wie ein Orkan. "Lass jetzt den Hasen, den Wolf und die Bienen nach Hause ziehen", sagte das Pferd, "sie haben ihren Dienst getan. Setz dich auf meinen Rücken und nimm den Falken auf die Schulter, der Krebs kann sich meinetwegen an den Schweif hängen. Wir wollen zu deiner ersten Schwester fliegen."

 

Ants tat, wie das Pferd ihm geraten. Er schwang sich auf seinen Rücken, nahm den Falken auf die Schulter, und der Krebs klammerte sich an den Schwanz des Pferdes. Darauf erhob sich das Pferd in die Luft und brauste davon. Die Erde fing an zu dröhnen, und der Wind pfiff Ants um die Ohren. Er hatte nicht einmal Zeit, sich umzuschauen, da hatte ihn das Ross schon zur Wohnung des Hechts, zu seiner ersten Schwester, gebracht.

 

Ants trat in das Haus. Drinnen kochte die Schwester das Mittagessen und erwartete ihren Hecht-Mann. Sie freute sich sehr über den Bruder, setzte sich mit ihm auf die Bank, unterhielt sich, gab ihm zu essen und zu trinken und bereitete ihm ein Lager zum Schlafen. Um diese Zeit kam ihr Hecht-Mann zurück, zog vorsichtig die Luft durch die Nase und fragte: "Frau, wer ist bei uns? Ist etwa der Drache gekommen?" "Aber nicht doch, lieber Mann! Das ist mein Bruder, der sich zu uns durchgeschlagen hat." "Wenn es so ist, habe ich also nichts zu fürchten", beruhigte sich der Hecht und verwandelte sich in einen Menschen.

 

Plötzlich sah Ants einen schmucken, braven Recken vor sich stehen, sie begrüßten sich, und der Schwager sagte: "Ein Unglück hat uns getroffen, lieber Ants. Der böse Drache hat mich und meine Brüder verwünscht. Den einen verwandelte er in einen Adler, den anderen in einen Bären, mich aber in einen Hecht. Bei uns dreien leben auch deine drei Schwestern. Nur wenn ein kühner Bursche den Drachen erschlägt, werden wir erlöst." "Deshalb bin ich gekommen", antwortete Ants. "Allein kannst du das Ungetüm nicht überwinden", meinte jedoch der Schwager. "Mach dich auf zu meinem Adler-Bruder. Vielleicht kann er dir einen Rat geben, was weiter geschehen soll. Wenn der Morgen graut, muss ich mich wieder in einen Hecht verwandeln." Ants übernachtete bei seiner Schwester. Am Morgen aber stieg er wieder auf sein Wunderpferd und flog zur zweiten Schwester.

 

Die Schwester freute sich sehr über den Bruder, gab ihm zu essen und zu trinken. Da kehrte auch schon der Adler heim. Er schlug mit den Fängen auf den Boden und - verwandelte sich in einen braven Recken. Ants erzählte, was ihn hierher geführt hatte, und der Schwager sagte: "Hab Dank, dass du gekommen bist, Brüderchen. Doch allein kannst du das Ungetüm nicht überwältigen. Hol dir bei meinem Bären-Bruder Hilfe." Ants übernachtete bei seiner Schwester, und am Morgen machte er sich weiter auf den Weg.

 

Er flog zur dritten Schwester. Den ganzen Tag unterhielt er sich mit ihr, und am Abend kehrte ihr Bär-Mann nach Hause zurück. Der Bär verwandelte sich sogleich in einen Menschen, freute sich über Ants und sagte: "Hab Dank, Brüderchen, dass du an uns gedacht hast. Leg dich einstweilen zur Ruhe, morgen werde ich mich wieder in einen Bären verwandeln, dann wollen wir uns beide zusammen tüchtig ans Werk machen. Der Drache haust in einer Feste, doch mit deinen Helfern werden wir ihn rasch erledigen."

 

Am Morgen setzte sich Ants mit dem Bären auf das Wunderpferd. Das Ross löste sich von der Erde - der Wind pfiff ihnen um die Ohren, die Erde huschte unter ihren Füßen vorbei, und schon standen die Reiter am Drachenfelsen. Ants wollte gleich durch das Tor reiten, doch der Bär hielt ihn zurück: "Gedulde dich, Brüderchen, lass mich erst alles vorarbeiten." Und er schickte sich an, die Steine zu zerschlagen.

 

Die Erde fing an zu dröhnen, die Felsen brachen auseinander, ein Heidenlärm erhob sich über den Bergschluchten - der Bär zertrümmerte das Drachennest. Er zerschlug die Wände, dann verschwand er im Schloss und kam bis zum Abend nicht mehr zum Vorschein. Am Abend aber sagte er zu Ants: "Auf, Brüderchen, ich habe das Meinige getan. Der Drache ist gefesselt. Morgen gehst du hin und schlägst ihn tot. Solange aber las uns ausruhen."

 

Ants und der Bär legten sich schlafen, und am Morgen wurde Ants von dem Bären geweckt: "Geh jetzt ins Schloss. Wenn du eintrittst, wirst du zwei Türen erblicken. Die linke Tür ist mit einem Stück Bast zugebunden. An der geh vorüber, dort liegt der Drache. Hinter der rechten Tür jedoch befindet sich ein schönes junges Mädchen. Der Drache hat sie ihrem Vater geraubt und hält sie gefangen. Geh zu ihr und bitte sie, dass sie den Drachen fragt, wo er seine Kraft verborgen hat. Sonst wirst du ihn nicht bezwingen können."

 

Ants ging ins Schloss und fand auch das schöne Mädchen. Er erzählte ihr, warum er gekommen sei, und das Mädchen freute sich sehr. "Du mein Retter", rief sie aus, "wie sollte ich dir nicht helfen! Wart hier auf mich, ich gehe sofort zum Drachen und werde ihn fragen, wo er seine unverwüstliche Stärke verborgen hält." Und gleich ging sie und fragte: "Was ist denn mit dir los, du liegst ja gebunden da? Bist du nicht mehr im Besitz deiner Kraft? Wo hast du sie nur gelassen?"

 

Der Drache erwiderte: "Über hundert Werst von hier entfernt steht ein Fels wie dieser. In dem Fels befindet sich ein Schloss. Darin haust ein schrecklicher Stier. Man kann ihn nicht töten: erschlägt man ihn, dann verwandelt er sich in eine graue Ente und fliegt davon. Schießt man jedoch die Ente ab - dann lässt sie ein Ei fallen. Das Ei sinkt auf den Meeresgrund. Niemand vermag es von dort herauf zu holen. In diesem Ei aber liegt meine unverwüstliche Kraft. Wenn mir jemand das Ei herbrächte, würde ich im Handumdrehen mit allen meinen Feinden fertig werden." Das Mädchen eilte zu Ants zurück und berichtete ihm, was sie erfahren hatte.

 

Ants stieg aufs Pferd, nahm auch den Bären, den Falken und den Krebs mit. Das Pferd flog zu dem Felsen, der an der Meeresküste lag, und der Bär zertrümmerte den Felsen. Gleich stürzte Ants der fürchterliche Stier entgegen. Mit gewaltigem Schwung schlug Ants den Stier, so dass er zu Boden fiel, doch da erhob sich eine graue Ente in die Lüfte und verschwand über dem Meer.

 

Als der Falke mit den krummen Krallen das sah, schoss er hinter der Ente her und bezwang sie. Die Ente aber ließ ein goldenes Ei ins Meer fallen. Das Ei glitzerte einen Augenblick in der Luft und sank dann auf den Grund. Nun warf sich der Krebs ins Wasser und glitt auf den Meeresboden. Ants hatte kaum Zeit, richtig hin zu schauen - als der Krebs schon wieder aus dem Wasser kroch und das goldene Ei mitbrachte. Da hob das Wunderpferd den Huf, trat auf das Ei und zerschlug es in kleine Stückchen. Im selben Augenblick war es um den schrecklichen Drachen. geschehen.

 

Nun flog Ants zurück, kam zum Drachenschloss, trat ein, und das Mädchen eilte ihm freudig entgegen. Ants hob die liebliche Gefangene in den Sattel und flog mit ihr zur ersten Schwester, dann zur zweiten und schließlich zur dritten. "Unser Feind ist nicht mehr am Leben", rief er, "der böse Drache ist tot!" Da löste sich auch der Zauberbann des Drachen von dem Bären, dem Adler und dem Hecht. Sie wurden wieder schmucke Recken wie zuvor. Ants aber heiratete das schöne junge Mädchen und war glücklich.

 

Quelle: lettisches Märchen

 

DIE LEICHTFÜSSIGE KÖNIGSTOCHTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es lebte einmal eine Königstochter, die wegen ihrer Schönheit und ihrer Anmut weit und breit berühmt war. Viele Freier kamen zu ihr, von Nord und Süd, von Ost und West, so daß der königliche Hof oft die ganze Woche von den Pferden der Freier nicht leer wurde. Zu dieser Zeit aber war das Brautwerben nicht so einfach wie heutzutage, da die Männer oft an sieben Türen klopfen mußten und dennoch nicht den Mut verlieren durften. Bei der schönen Königstochter verhielt es sich nämlich ganz anders, denn ein jeder, der sie freien kam, mußte auch außerordentlich kühn sein.

 

Die Königstochter war sehr leichtfüßig, und sie hatte ihrem Vater gelobt, nicht eher zu heiraten, als daß ein Freier käme, der nicht nur ebenso schnell wäre wie sie, sondern er sollte schneller als sie sein. Das wäre nun nicht so schlimm gewesen, doch die Sache mit dem Wettlauf hatte einen Haken. Jeder Freier, der es nicht vermochte, mit ihr Schritt zu halten, verlor auch noch seinen Kopf! Darum wunderte man sich, daß sich trotzdem Edelmänner fanden, die diesen vagen Versuch unternahmen. —

 

Lange Zeit schon hatte kein Freier mehr das Königsschloß betreten, und das Volk war der Hoffnung, diese unsinnigen Freierzüge hätten nun ihr Ende gefunden. Doch eines Tages machte sich in einem fremden Lande wiederum ein Königssohn auf den Weg. Nun war er sich seiner sicher, denn im ganzen Reich seines Vaters gab es niemanden, der ihn im Wettlauf bezwungen hätte. Er machte sich mit Kutsche und Pferden auf den Weg, um dem Volk seinen Reichtum zu zeigen und um seine Beine zu schonen, damit sie nicht schon vor dem Wettlauf ermüdeten. Als Reisegeld diente dem Königssohn ein halber Sack Gold, den er wie einen Hafersack hinten an die Kutsche binden ließ.

 

Der Königssohn war noch nicht allzu weit von zu Hause fort, da sah er in der Ferne eine Menschengestalt daher sausen wie vom Winde getragen. Einen Augenblick später hatte die Gestalt den Königssohn schon überholt. »He, du, halt ein!« rief der Königssohn aus Leibeskräften, damit es der Leichtfüßige bestimmt hörte. Der Mann hielt im Lauf inne, um zu hören, warum er gerufen wurde. Jetzt erst bemerkte der Königssohn, daß der Läufer an je einem Bein einen Mühlenstein hängen hatte. Der Königssohn konnte sich über die Laufgewalt des Schnellfußes nur wundern, und er fragte: »Wozu hast du dir die Steine an die Beine gebunden?« — »Weil ich sonst im schnellen Lauf nicht den Erdboden berühren würde«, erwiderte der Mann, »und unversehens wer weiß wohin geraten könnte, wenn meine Beine nichts weiter als meinen Leib zu tragen hätten.«

 

Der Königssohn dachte im stillen, solch einen Mann könnte ich gebrauchen, er könnte an meiner Stelle um die Wette laufen, wenn ich nicht schnell genug bin. Laut aber fragte er: »Hättest du nicht Lust, in meine Dienste zu treten?« — »Warum nicht, wenn wir uns einig werden. Was willst du mir als Lohn zahlen?« Der Königssohn erwiderte: »Reichlich Speis und Trank, soviel dein Herz nur begehrt, sowie prächtige Sommer- und Winterkleider und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.«

 

Dem Mann war es recht, und der Königssohn hieß ihn, sich hinten auf den Goldsack setzen. Den Mann wunderte es, und er sagte: »Glaubt Ihr, daß Eure Rosse flinkere und kräftigere Beine haben als ich? Seid unbesorgt, ich werde Ihnen schon immer voraus sein.« Darauf zogen sie weiter.

 

Nach einer Weile sah der Königssohn am Wege einen Mann sitzen, der die Flinte angelegt hatte, als ziele er auf einen Vogel. Aber wie scharf der Königssohn und seine Diener auch hin sahen, konnten sie weder auf dem Erdboden noch in den Lüften etwas entdecken, worauf der Schütze hätte zielen können. »Was machst du da? « fragte der Königssohn den Mann. Der Schütze winkte ab, als hätte er sagen wollen: Nicht so laut, ihr verscheucht mir den Vogel.

 

Als der Königssohn auch beim zweiten Mal keine Antwort erhielt, erkundigte er sich noch ein drittes Mal. »So schweigt doch endlich«, sagte der Schütze flüsternd, »bis ich sie getroffen habe.« Bald darauf knallte die Flinte des Schützen, er erhob sich und sprach: »Jetzt hab' ich sie getroffen und kann Eure Frage beantworten. Eine ganze Weile schon kreiste um den Turm zu Babel eine Mücke und wollte sich auf dessen Spitze niederlassen. Das durfte nicht geschehen, denn sie wog etliches und hätte die feine Turmspitze beschädigt. Deshalb hab' ich den Schädling abgeschossen.«

 

Verwundert fragte der Königssohn: »Kannst du denn so weit sehen?« — »Was ist das schon weit«, lachte der Mann, »mein Auge reicht noch viel weiter!« — »Haltet ein!« rief nun der schnellfüßige Läufer. »Werde hinlaufen und sehen, ob er uns nicht zum besten hält!« Und im Nu war er auf und davon, als hätte ihn der Wind fort geblasen, denn schon hatte der Königssohn ihn aus den Augen verloren.

 

Solch ein Schütze könnte mir von Nutzen sein, dachte der Königssohn und begann, mit dem Mann zu verhandeln. »Willst du nicht in meine Dienste treten?« fragte er den Scharfschützen. »Warum nicht«, erwiderte jener, »wenn wir uns einig werden. Was willst du mir als Lohn zahlen?« — »Reichlich Speis und Trank, soviel dein Herz nur begehrt, sowie prächtige Sommer- und Winterkleider und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.« Dem Schützen war es recht. Da kam auch der Schnellfuß aus Babel zurück gerannt und trug auf dem Rücken die Riesenmücke, als wäre sie so leicht wie Daunen. Der Scharfschütze setzte sich hinten auf den Goldsack, und so ging es weiter.

 

Sie waren noch nicht lange unterwegs, als der Königssohn, der als pfiffiger Mann stets Augen und Ohren offenhielt, am Wegrand einen Mann erblickte, der sein Ohr, das wie ein Rohr und drei Klafter lang war, an den Erdboden drückte, als lausche er. »Was machst du da?« fragte der Königssohn ihn. »Fünf Könige, die einen Krieg im Schilde führen, haben in Rom eine geheime Sitzung. Da möchte ich erfahren, ob auch uns der Krieg droht.« — »Kannst du denn so weit hören? « war der Königssohn erstaunt. »Das ist doch nicht weit«, entgegnete der Mann, »mein Ohr reicht noch viel weiter. Es gibt wohl kaum auf der Welt etwas, was ich nicht höre.«

 

Der Königssohn aber dachte im stillen, ein so hellhöriger Mann könnte ihm noch von Nutzen sein, und er fragte: »Möchtest du nicht in meine Dienste treten?« — »Warum nicht«, erwiderte der Hellhörige, »wenn wir uns einig werden. Was willst du mir als Lohn zahlen?« — »Reichlich Speis und Trank, soviel dein Herz nur begehrt, sowie prächtige Sommer- und Winterkleider und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.« Dem Hellhörigen war es recht, er rollte sein Ohr zusammen, daß es nicht hinter her schleife, kletterte neben den Scharfsichtigen auf den Goldsack, und so setzten sie ihren Weg fort.

 

Als sie ein gutes Stück des Weges hinter sich gelassen hatten, gelangten sie in einen dichten Wald. Schon seit einer Weile war dem Königssohn aufgefallen, daß von Zeit zu Zeit einige Baumwipfel die anderen Klafter hoch überragten und dann wieder verschwanden. Er fragte auch seine Diener, was das bedeuten sollte, doch sie wußten ihm keine Auskunft zu geben. Fällt jemand einen Baum mit der Axt, kann dieser zwar beim Niederstürzen dem Blick entschwinden, aber wie ein Baum, bevor er nieder fällt, den Wipfel noch emporstreckt, das vermochte ihr Verstand nicht zu erklären.

 

Der Wald wurde nun immer dichter, und alsbald konnten die Wanderer sich selbst überzeugen, was es mit dem sonderbaren Emporsteigen der Bäume auf sich hatte. Sie waren noch nicht lange durch das schattige Dickicht gefahren, da trafen sie auf einen Mann, der Bäume aus der Erde riß. Er wählte sich einen passenden Baum aus, packte ihn mit beiden Fäusten am Stamm und riß ihn mitsamt den Wurzeln aus dem Erdboden, als wäre es ein Kohlkopf oder eine Rübe. Wie er die Kutsche halten sah, ließ er von seiner Arbeit ab und trat näher, denn er dachte, in der prächtigen Kutsche reise der Besitzer des Waldes, der ihm nun sein Tun verbieten wollte.

 

Darum sagte er ergeben: »Hochverehrter Herr, nehmt es mir nicht übel, daß ich mir ohne Erlaubnis aus Eurem Walde etwas Kleinholz hole. Die größeren Bäume habe ich stehen lassen. Mein Weib will Brei kochen und hat mich in den Wald nach ein bißchen Holz geschickt, um unter dem Kessel ein Feuerchen zu machen. Ich wollte gerade noch ein paar dazu nehmen, da sah ich Euch kommen.«

 

Den Königssohn wunderte die ungeheure Kraft des Mannes nicht wenig, doch im stillen dachte er: >Werde mich zum Spaß als Herrn des Waldes ausgeben, mal sehen, wie stark der Mann wirklich ist.< Darum sagte er: »Ich verwehre es dir nicht, nimm dir meinetwegen noch ein paar von den dickeren dazu.« Das ließ sich der Mann nicht zweimal sagen. Vergnügt packte er einen Baum, den er mit beiden Händen nicht einmal umspannen konnte, und riß ihn mit einem Ruck aus dem Boden.

 

»Hättest du nicht Lust, in meine Dienste zu treten?« schlug der Königssohn vor. »Warum nicht, wenn wir uns einig werden«, erwiderte der Mann. »Was willst du mir aber als Lohn zahlen?« — »Reichlich Speis und Trank, soviel dein Herz begehrt, sowie prächtige Kleider und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.« Der Mann kratzte sich hinterm Ohr, als wäre er mit dem Lohn nicht zufrieden, sagte dann aber: »Laßt mir nur soviel Zeit, das Holz heim zu tragen und meinem Weib zu sagen, daß ich fort gehe, damit sie nicht unnötig auf mich wartet. Dann werde ich eilenden Fußes wieder da sein.«

 

Der Königssohn willigte ein, und der Mann nahm sein Holz unter den Arm, ging raschen Schrittes davon und war in Kürze wieder da. Der Königssohn war froh, noch einen Diener gewonnen zu haben, auf dessen Hilfe er notfalls bauen konnte.

 

Alsbald hatten sie den Wald hinter sich und fuhren nun durch offene Flur, die ihnen einen weiten Blick gestattete. In der Ferne sahen sie eine Stadt und vor dieser am Wege sieben Windmühlen, die alle in einer Reihe standen. Dem Königssohn, der aufmerksam umher schaute, fiel sofort auf, daß die Flügel der Windmühlen sich drehten, obwohl solch eine Windstille herrschte, daß kein Hälmchen sich regte. Als sie weiterfuhren, verspürte er plötzlich einen Luftzug. Ein Stückchen weiter legte sich der Wind ebenso plötzlich wie er gekommen war.

 

Der Königssohn ließ den Blick nach allen Seiten schweifen, gewahrte aber lange Zeit nichts Sonderliches, was auf die Ursache des Windes hinwies. Als sie nur noch einige Meter vom Stadttor entfernt waren, sah der Königssohn auf einmal einen Mann von mittlerem Wuchs, der sich gar eigenartig benahm, indem er die Füße gegen einen großen Stein stemmte und den Leib rückwärts bog.

 

Der Königssohn hielt an und fragte den Fremden: »Was treibst du da, Brüderchen?« — »Was sollte ich armer Schlucker schon treiben!« antwortete der Mann. »Da ich nirgends eine dankbare Arbeit finden konnte, muß ich mich mit dem Amt eines Mühlenpusters begnügen. Aber was verdient man schon mit der lumpigen Beschäftigung, bei Windstille die Mühlen der Stadt in Gang zu halten? Zu wenig, um zu leben, zu viel, um zu verhungern!« —

 

»Fällt es dir denn nicht schwer, die Mühlen in Gang zu blasen?« — »Das könnt Ihr ja mit eigenen Augen sehen«, erwiderte der Mann. »Ich schließe den Mund und drücke noch ein Nasenloch zu, sonst könnte der Wind zum Sturm anschwellen, und die Mühlen würden mitsamt ihren Flügeln in die Lüfte fliegen.« —

»Willst du nicht lieber in meine Dienste treten?« fragte der Königssohn. »Warum nicht«, sagte der Mühlenpuster, »wenn Ihr mir soviel zahlt, daß ich nicht mehr hungern muß. Und wie viel würde es in Euren Diensten sein?« — »Dienst du mir so, wie alle anderen, soll es auch dir an nichts fehlen. Du bekommst zu essen und zu trinken, soviel dein Herz begehrt, Kleider für Sommer und Winter und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.« Der Mühlenpuster antwortete darauf wohlgemut: »Damit kann unsereiner schon zufrieden sein, solange sich nichts Besseres findet. Den Mann beim Wort, den Stier beim Horn, sagt ein alter Spruch — also, schlagen wir ein!«

 

So zog der Königssohn mit seinen fünf Dienern der Hauptstadt zu, sollte es ihm Glück oder Verderben bringen. Entweder er bekam die schöne Königstochter zur Gemahlin oder er würde seinen Kopf verlieren. In der Königsstadt stieg er im besten Wirtshaus ab und befahl dem Wirt noch nachdrücklich, seinen Dienern vor zu setzen, was ein jeder sich nur wünschte.

 

Er warf eine Handvoll Goldmünzen auf den Tisch und sagte: »Diese Kleinigkeit hier nimm als Handgeld, den Rest bekommst du, wenn ich abreise.« Dann ließ er Schneider und Schuster zusammen rufen, die seinen Dienern schöne Kleider und neue Schuhe anfertigen sollten.

 

Der Vater der leichtfüßigen Jungfrau, der alte König, hatte inzwischen schon von der Pracht und dem Reichtum des Jünglings erfahren, noch ehe der Jüngling am dritten Tag selbst vor ihn trat. Als der König den edlen Jüngling erblickte, sagte er mit väterlicher Stimme: »Lieber Freund, laßt ab von diesem Wettlauf! Hättet Ihr noch so geschwinde Beine, so könnten sie es niemals mit denen meiner Tochter aufnehmen, denen geradezu Flügel gewachsen sind. Mich dauert Euer junges Leben, das Ihr unbedacht hingeben wollt.« —

 

»Gnädiger König«, erwiderte der Jüngling, »ich hörte von den Leuten hier, daß der, der mit Eurer Tochter nicht um die Wette zu laufen vermag, auch seinen Diener schicken dürfe.« — »Das stimmt zwar«, bestätigte der König, »doch wird Euch solch ein Gehilfe von geringem Nutzen sein. Verliert er nämlich, was zweifellos der Fall ist, so wird trotzdem Euch der Kopf abgeschlagen.« —

 

»Es sei denn«, sagte der Königssohn, als er eine Weile überlegt hatte, mit fester Stimme: »Soll mein Diener sein Glück versuchen, ich werde mit meinem Haupt seinen Mißerfolg büßen. Eher will ich meinen Kopf verlieren, als unverrichteter Dinge heimkehren und zum Spott in aller Leute Mund werden. Mögen die Leute lieber meinen toten Kopf verspotten.« Wie der alte König den Jüngling auch von seinem Vorhaben abzubringen versuchte, alles war vergeblich, und so mußte er schließlich nachgeben.

 

Der Wettlauf sollte am nächsten Tag stattfinden. Und kaum war der Königssohn gegangen, da wandte sich der König an seine Tochter mit den Worten, die der Hellhörige im Wirtshaus erhorchte und sogleich dem Königssohn weitererzählte: »Liebes Kind, du hast bis heute viele Jünglinge ins Verderben gestürzt, was mir oftmals schon das Herz betrübte. Aber keiner der hingerichteten Freier war mir so nach dem Sinn, wie der junge Königssohn, der sich morgen mit dir im Wettlauf messen will. Er ist im blühenden Alter und klug. Laufe morgen aus Liebe zu mir etwas langsamer, damit der Freier oder sein Diener siege und daß ich endlich einen Schwiegersohn bekäme, der nach meinem Tode das Reich erben könnte, denn ich selbst habe ja keinen Sohn.« —

 

»Was?« rief die Königstochter hochmütig. »Ich sollte um eines Burschen willen die Kraft meiner Beine verleugnen, nur um unter die Haube zu kommen? Da bleibe ich lieber schon mein Leben lang eine alte Jungfer! Warum ist er denn her gekommen? Habe ich ihn gerufen, oder die, die vor ihm hier waren? Habt Ihr Mitleid mit dem Freier, so schickt ihn heim, ehe er den Wettlauf wagt, von mir aber erwartet keine Gnade für ihn. Wer nicht hören will, muß fühlen!«

 

Der König sah, daß seine Tochter nicht nachgeben wollte, und er gab es auf. Als der Hellhörige dem Königssohn von diesem Gespräch berichtete, trat der Schnellfuß in die Stube und sagte: »Ich schäme mich, vor allen Leuten mit diesen Mühlsteinen herum zu laufen. Kauft lieber sechs Ochsenfelle, und laßt daraus einen Ranzen anfertigen mit soviel Eisen darin, wie die Mühlsteine wiegen, und alles wird seine beste Ordnung haben. Die Leute werden mich dann für einen wandernden Handwerker halten.«

 

Der Königssohn erfüllte den Wunsch des Mannes ohne Widerspruch, ließ herbei holen, was nötig, und am anderen Morgen war der Ranzen rechtzeitig fertig. Der Mann schnürte ihn sich auf den Rücken und machte einige Schritte, obwohl die ungewohnte Last den Beinen etwas fremd erschien, alsbald jedoch fügten sie sich.

 

Am Wettlaufplatz hatten sich unzählige Schaulustige eingefunden, die einen lachten über den Felleisenträger, die anderen meinten: »Ein gescheiter Mann wirft beim Wettlauf die überflüssigen Kleider ab, der kommt aber nicht einmal darauf, seinen Ranzen abzulegen.« Der Hellhörige erzählte dies sofort dem Königssohn, doch der Läufer kümmerte sich nicht im geringsten darum.

 

Die Wettlaufstrecke maß genau eine Meile, und von beiden Seiten dieser wuchsen Bäume, die den Laufenden vor den sengenden Sonnenstrahlen Schatten boten. Am Ende der Strecke sprudelte ein Quell aus dem Erdboden. Die Läufer sollten mit einer leeren Flasche zum Quell eilen, diese mit Wasser füllen und zurückkehren. Wer auch nur einen Schritt vor dem anderen anlangte, war Sieger.

 

Als die Königstochter und der geschwinde Diener des Königssohnes auf das Zeichen hin gleichzeitig los liefen, war der Schnellläufer der Königstochter wie der Wind voraus, füllte am Quell die Flasche und lief zurück. Auf halbem Wege traf er die Königstochter, die erst noch zum Quell eilte. »Halt ein, Brüderchen!« rief sie. »Habe mir das Bein verrenkt. Gib mir ein paar Tropfen aus deiner Flasche, um das Bein zu kühlen und mich etwas zu laben, dann kann es wieder weitergehen.« —

 

»Meinetwegen«, erwiderte der Mann, »ich habe es ja nicht eilig. Wenn Ihr wollt, warte ich hier, bis Ihr wieder da seid, und wir können gemeinsam weiterlaufen.« Als er sich aber ohne Argwohn zur Rast niederließ, hielt ihm die Königstochter ein Schlafkraut unter die Nase, und der Mann verfiel auf der Stelle in tiefen Schlaf. Da nahm die Jungfrau ihm die gefüllte Flasche aus der Hand und eilte mit ihr zurück.

 

Das blieb aber dem Scharfäugigen nicht unbemerkt. Er riß seine Flinte an die Backe und schoß geschickt einen Zweig vom Baum, der dem schlafenden Schnellfuß genau auf die Nase fiel. Zu seinem Schrecken entdeckte der Läufer die leere Flasche und das Mädchen, das schon eine gute Strecke voraus auf dem Rückweg war. Der Schreck fuhr ihm derart in die Beine, daß seine Fersen Funken sprühten, als er zum zweiten Mal zum Quell eilte, die Flasche füllte und wie der Wind zurückeilend die Königstochter gerade noch vorm Ziel überholte und wenige Augenblicke vor ihr anlangte.

 

Nun hatte der Freier gesiegt und konnte seinen Kopf behalten. Die Königstochter aber lief voller Wut nach Hause, denn solch einen Streich hatte ihr das Leben noch nicht gespielt, daß jemand flinkere Beine gehabt hätte als sie. Der Königssohn kehrte zurück ins Wirtshaus, ließ ein stattliches Mahl anrichten und den Schnellfuß reichlich belohnen, aber auch den Schützen, der den Läufer gerade noch zur rechten Zeit geweckt hatte.

 

Der Lärm der lustigen Gesellschaft vermochte jedoch nicht zu verhindern, daß der Hellhörige das Zwiegespräch auffing, das im Königsschloß zwischen Vater und Tochter stattfand: »Jetzt, liebes Kind«, sagte der König, »wirst du dich vermählen müssen, denn die Beine eines anderen waren schneller als deine. Es ist mir auch ganz recht, denn nun werden keine jungen Männer mehr sterben, und ich bekomme einen Schwiegersohn, wie ich mir einen besseren nicht wünschen kann.«

 

Er wollte noch etwas hinzufügen, da löste sich aber die Zunge der Tochter, die Zorn und Ingrimm bisher gefesselt hatten, und nun stürzte aus ihrem reizvollen Munde ein Wasserfall, so daß der König gar nicht mehr zu Worte kam. Die Tochter bestand hartnäckig darauf, eher ihrem Leben ein Ende zu machen, wenn der Vater sie zur Ehe zwinge, als die Frau eines Mannes zu werden, der sie durch seinen Diener zufällig bezwungen hatte. Der Vater versuchte, ihr zu drohen, zu schmeicheln, aber alles vergeblich. »Bietet Ihr ihm auch das halbe Königreich«, rief die Königstochter, »seine Frau werde ich nie und nimmer!«

 

Der Königssohn war tief betrübt, als er dies vom Hellhörigen erfahren hatte. Doch der Baumausreißer sagte: »Nehmt es Euch nicht allzu sehr zu Herzen, es gibt noch andere Jungfrauen auf der Welt, auch schönere und feinere als diese Königstochter hier. Verlangt als Lohn soviel Gold, wie ein Mann in einem Sack fortzuschleppen vermag, und laßt die Königstochter verrunzeln, daß niemand sie mehr anschauen mag, geschweige denn heiraten wollte!«

 

Der Königssohn gab sich mit diesem Rat zufrieden, um so mehr, als er am nächsten Morgen aus dem Munde des Königs erfuhr, was ihm der Hellhörige schon berichtet hatte. Darum sagte er: »Soll es von mir aus mit der Hochzeit nichts werden. Ich will mich zufrieden geben, wenn Ihr mir aus Eurer Schatzkammer als Ersatz meiner Reisekosten soviel Gold gebt, wie ein einziger Mann fortzutragen vermag.«

 

Ohne lange zu zögern, erfüllte der König diesen Wunsch und war noch froh dazu, so leicht davon gekommen zu sein. Hätte der Jüngling das halbe Königreich gefordert, hätte er es hingeben müssen, nun sollte es ihn nur einen Sack voll Gold kosten. Im stillen dachte der König: »Ich hätte den Jüngling für gewitzter gehalten, er ahnt ja nicht, wie schwer das Gold ist, denn selbst der stärkste Mann kann nicht viel davon fort tragen.« Und die beiden trennten sich in der Meinung, den anderen übertroffen zu haben.

 

Im Wirtshaus riet der Baumausreißer dem Königssohn: »Schickt einen Diener in die Stadt, daß er sämtliches Leinentuch, welches feilgeboten wird, aufkaufe. Dann ruft fünfzig Schneidergesellen zusammen, damit sie daraus einen sechsfachen Sack nähen, so groß und breit, wie der Stoff hinreicht. In diesem Sack werde ich das Lösegeld für die Jungfrau holen.« Wie gesagt, so geschehen.

 

Der Königssohn versprach den braven Schneidern reichlichen Lohn, würden sie den Sack über Nacht fertig nähen. Am frühen Vormittag war der Sack fertig genäht. Die Schneidergesellen bekamen außer dem Arbeitslohn noch ein so gutes Trinkgeld, daß sie für die Arbeit einer einzigen Nacht drei Tage lang im Wirtshaus zechen konnten. Der Baumausreißer warf sich den leeren Sack über die Schulter und begab sich zur Schatzkammer des Königs.

 

Als der Schatzmeister den riesigen Sack erblickte, lachte er voller Hohn: »Hast wohl den Weg verfehlt, Brüderchen? Du wolltest sicher in eine Heuscheune, für das bißchen Gold hätte es wahrlich nicht eines solchen Sackes bedurft!« Der Sackträger entgegnete: »Na, der Sack wird dem leeren Raum keine Träne nachweinen, auch kann ich nicht mehr hinein tun, als ich fort zu tragen schaffe.« Unter solchem Wortgeplänkel erreichten sie die Schatzkammer.

 

Als die Türen geöffnet waren und das Gold in den Truhen aufblinkte, fragte der Schatzmeister: »Was meinst du, genügt das hier, deinen Sack zu füllen und ihn dann fort zu schleppen?« Worauf der Sackträger erwiderte: »Wir werden sehen, wer kann es schon im voraus wissen. Mein Herr war, als er her reiste, der festen Hoffnung, sein junges Weib Heim zu führen, nun muß er sich mit einem Säckelchen schnöden Goldes begnügen. Aber immerhin ist ein guter Sack voll Gold besser als ein schlimmes Weib.« — »Wie schade, daß du keine Schaufel mitgebracht hast«, spottete der Schatzmeister. »Das würde dir die Arbeit verkürzen, denn es ist höchst langweilig, den Sack mit der Hand zu füllen, zumal er so groß ist.«

 

Doch der Baumausreißer hob die erste Goldtruhe an, als wäre sie ein Daunenkörbchen, bat den anderen, er möge ihm den Sack aufhalten, und schüttete das blinkende Gold hinein, daß es nur so schepperte. Als der Schatzmeister dies sah, beschlich ihn ein ungutes Gefühl, als aber mit den nächsten Truhen das gleiche geschah, wurde er bleich wie eine weiße Wand. Es dauerte nicht lange, da waren alle Truhen leer, der Sack aber erst halbvoll. Der Sackträger fragte nun: »Ist das denn wirklich der ganze Schatz Eures Königs?«

 

»Dort hinten in den Kästen findet sich noch Gold in Barren, es ist aber noch nicht geprägt.« — »Immer her damit!« rief der Baumausreißer und kippte die Kästen genauso munter in den Sack wie vorher die Truhen. Als dann alle Ecken sauber wie ausgefegt waren, hob er den Sack auf die Schultern und schritt zurück zum Wirtshaus.

 

Diesmal brauchte sich der Schatzmeister wegen des Abschließens keine Sorgen zu machen. Darum lief er Hals über Kopf, als hätte er einen Bienenschwarm im Nacken, zum König und berichtete ihm von dem Unglück. Erschrocken ließ der König seine Tochter rufen und schalt: »Sieh nun, welch Unglück deine Dreistigkeit uns beschert hat! Unser ganzer Staatsschatz ist hin, dein Freier hat mich arm gemacht wie eine Kirchenmaus! Was bin ich noch für ein König? Wie soll ein Herrscher ohne Gold das Reich vor seinen Feinden schützen? Sobald die Krieger hören, daß ich nichts habe, um ihnen ihren Lohn zu zahlen, laufen sie auseinander.« —

 

»So darf es freilich nicht bleiben«, meinte die Königstochter. »Wir müssen den Schatz wieder kriegen, sei es denn mit List oder mit Gewalt.« Doch ehe sie sich etwas ausdenken konnten, erreichte sie die Kunde, daß der Königssohn die Stadt verlassen habe. »Nun hilft nur noch Gewalt«, sagte die Königstochter. »Ruft augenblicklich das gesamte Heer zusammen und jagt dem spitzbübischen Freier nach, der mit seiner Last ja noch nicht weit sein kann.«

 

Der König erteilte den Befehl, der sofort ausgeführt wurde. Am nächsten Tag stand das Heer unter Waffen und rückte aus, dem schwer reich gewordenen Fremden nach zu setzen. Voran ritten die Reiter, hinter drein rannte das Fußvolk, und zuletzt in einer Kutsche fuhr der König und seine Tochter. Ein Drittel des Goldes, das dem Freier entrissen werden sollte, wurde den Kriegern versprochen, um sie zu heftigerem Angriff anzuspornen.

 

Der Königssohn hatte sich derweil mit seinem Schatz schon ein gutes Stückchen entfernt. Der sechsfache Goldsack hemmte den Schritt des Baumausreißers keineswegs, anders wäre es aber auch unmöglich gewesen, die ganze Last fort zu schleppen. Die nötigen Zugtiere hätte man ja für gutes Geld kaufen können, aber wo hätte man solch ein Fuhrwerk her genommen, dessen Achsen unter diesem Gewicht nicht gebrochen wären?

 

Der Schatzträger war eben über einen hohen Berg gestiegen und hatte sich am Fuße dessen unter einem Busch nieder gelassen, um auszuruhen, als der Hellhörige mitteilte, was hinter ihnen in der Königsstadt ausgeheckt und vorgenommen worden war. Als der Scharfsichtige nun von der Bergspitze aus das ihnen nachsetzende Heer erkennen konnte, wurde dem Königssohn doch etwas bange zumute. Der Mühlenbläser aber beruhigte ihn: »Wir müssen ein wenig weiterziehen, denn sobald sie den Berg erklommen haben, wird ein Windstoß aus meinem Munde sie um so sicherer treffen.«

 

So zogen die Freunde denn weiter, bis sie ein geschütztes Plätzchen fanden. Da meldete der Scharfsichtige, daß die voran ziehende Reiterschar den Berg erstiegen habe, und der Mühlenbläser begann zu blasen. Und als hätte ein Wirbelwind Staub und Asche in die Höhe gefegt, flogen Mann und Roß bis hoch in die Wolken und stürzten herab. Die gleiche Luftreise mußte etwas später auch das Fußvolk antreten, so daß zuletzt nichts weiter übrig blieb, als die Kutsche des alten Königs und seiner leichtfüßigen Tochter.

 

»Soll ich auch sie fliegen lassen?« fragte der Mühlenbläser. Der Königssohn war damit nicht einverstanden, denn er sagte: »Versuchen wir es noch ein letztes Mal, uns im Guten zu einigen«, und fuhr den Berg hinan, dem König entgegen, grüßte höflich und sprach: »Ihr seid auf einen Schlag ein armer Mann geworden, habt weder Schatz noch Krieger mehr, was für ein Herrscher seid Ihr da noch? Gewährt Ihr mir aber die Hand Eurer Tochter, hat alle Not sogleich ein Ende.«

 

Nun konnten sich der alte König und die leichtfüßige Königstochter nicht länger weigern, und alsbald wurde man sich einig. Der Königssohn tröstete den alten König: »Seid unbesorgt, den Schatz werde ich sogleich zurück tragen lassen, und unter einer fürsorglichen Regierung wird die Zahl Eurer Untertanen, anstelle derer, die heute in die Lüfte geschleudert wurden, rasch wieder zunehmen.

 

Meine braven Diener werden die Grenzen Eures Reiches schützen. Einer vermag es, die winzigste Mücke in den Wolken zu erspähen, der andere hört mit seinem Ohr das Niesen einer Maus hundert Klafter unter dem Erdboden, der dritte hat die Kraft, das gesamte Gold und Silber einer Schatzkammer auf dem Rücken davon zu schaffen, und der vierte bläst mit seinem Munde egal welches Heer auseinander.«

 

So zogen sie denn gemeinsam in die Königsstadt zurück, wo eine prächtige Hochzeit gefeiert wurde, die ganze vier Wochen dauerte. Der Schwiegersohn aber blieb im Schloß des alten Königs und wurde nach seinem Tode Herrscher des Königreiches.

 

Quelle: Estland

 

DAS GESICHT IN DER NEUJAHRSNACHT

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einmal ging ein Mädchen, ohne daß die anderen es wußten, in der Neujahrsnacht in eine leere Stube, stellte einen Spiegel vor sich auf, stellte zwei Schnapsflaschen rechts und links vom Spiegel hin, setzte sich vor den Spiegel und schaute starr hinein, um ihren zukünftigen Bräutigam zu erblicken.

 

Plötzlich tauchte vor dem Mädchen ein Soldat auf, der einen blanken Degen in der Hand hielt. Das Mädchen erschrak vor dem Soldaten und lief davon. Der Soldat warf ihr seinen Degen nach, und der Degen blieb in den Kleidern des Mädchens stecken. Darauf verschwand der Soldat. Das Mädchen aber nahm den Degen und versteckte ihn.

 

Im nächsten Jahr bekam das Mädchen auch wirklich einen abgedankten Soldaten zum Mann. Als sie schon ein paar Jahre zusammen gelebt hatten, da gebar die Frau einen Sohn. Um diese Zeit fand der Soldat den von seinem Weibe versteckten Degen. Er fragte sie sogleich, wo sie den Degen her habe.

 

Die Frau wollte es zuerst nicht sagen. Schließlich sagte sie's aber doch. Der Mann geriet in Zorn und rief, daß er wegen des verschwundenen Degens viel Leid erfahren habe. Da habe er damals geschworen, wenn er den Degen wieder in seine Hände bekomme, wolle er sofort den jenigen töten, bei dem er ihn finde.

 

Er zog darauf den Degen und tötete seine Frau und danach auch sich selbst.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DER LOHN DER STIEFTOCHTER UND DER HAUSTOCHTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine Mutter, die hatte eine eigne Tochter und eine Stieftochter. Die Mutter der Stieftochter war gestorben, Das Waisenkind aber wurde von Mutter und Tochter gehaßt und sehr geplagt.

 

Einmal schickte die Stiefmutter das Waisenmädchen aus, am Brunnenrande zu spinnen. Beim Spinnen fiel aber des Mädchens Spinnrocken in den Brunnen. Das Mädchen sprang ihm nach, aber sie fand den Spinnrocken nicht. Sie ging deshalb weiter, ihn zu suchen.

 

Eine Kuh kam dem Waisenmädchen entgegen, einen Melkkübel an ihren Hörnern, und sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, melk mich! Die Hälfte der Milch gieß auf die Erde, die andre in den Melkkübel an meinen Hörnern!« Das Waisenmädchen melkte die Kuh, goß die halbe Milch auf die Erde und die andere Hälfte in den Melkkübel an den Hörnern der Kuh. Dann ging sie weiter.

 

Ein Widder kam ihr entgegen mit einer Schere an den Hörnern, der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Scher mich! Die Hälfte der Wolle wirf auf die Erde, die andre Hälfte bind mir an den Hals!« Das Mädchen schor den Widder, warf die halbe Wolle auf die Erde und hängte die andere Hälfte dem Widder an den Hals. Dann ging sie weiter.

 

Ein Apfelbaum stand am Wege, der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Schüttle mich! Es ist mir zu schwer, mich unter der Last der Äpfel zu beugen! Was auf die Erde fällt, das soll liegenbleiben; was dir auf den Kopf fällt, das nimm du dir!« Das Waisenmädchen schüttelte die Äpfel. Was ihr auf den Kopf fiel, nahm sie sich, was auf die Erde fiel, blieb liegen. Sie ging weiter.

 

Ein Ofen voll heißer Brote stand am Wege. Die Brote sprachen: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Nimm uns aus dem Ofen heraus, wir haben es hier zu warm!« Das Waisenmädchen nahm die Brote ohne Schaufel heraus und ging wieder weiter.

 

Eine Badstube stand am Wege. Darin lebte ein alter Mann. Der Alte sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Bad mich, es ist mir zu schwer, so schmutzig zu sein!« Das Waisenmädchen fragte: »Womit soll ich den Ofen heizen?« Der Alte antwortete: »Sammle Holzpflöcke und Krähenmist und heiz damit.« Das Waisenmädchen holte aus dem Walde Reisig und heizte den Ofen recht heiß. Dann fragte sie: »Wo soll ich das Badewasser hernehmen?« Der Alte antwortete: »Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Laß sie in den Zuber pissen!«

 

Das Waisenmädchen suchte aber einen Brunnen auf und holte daraus Wasser. Dann fragte sie: »Wo soll ich einen Badequast hernehmen?« Der Alte antwortete: »Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Schneid ihr den Schwanz ab und mach daraus einen Badequast!« Das Waisenmädchen ging aber in den Wald und machte einen Badequast aus Birkenreisern. Dann fragte sie den alten Mann: »Wo soll ich Seife hernehmen?«

 

Der Alte antwortete: »Nimm einen Badstubenstein und scheure mich damit!« Das Waisenmädchen holte aus dem Dorfe Seife und quästete und wusch dann den alten Mann. Nach dem Bade sagte der Alte: »Dank dir, gutes Kind, daß du mich gebadet hast! Jetzt bist du auch deines Lohnes wert. Hier, da hast du eine Schachtel, worin sich dein Lohn befindet. Zu Hause ruf deine Familie zusammen und mach dann die Schachtel auf!«

 

Der Alte führte das Waisenmädchen auf die Oberfläche der Erde zurück. Es kehrte heim und rief die Familie zusammen und öffnete die Schachtel. In der Schachtel befand sich eine Menge Gold und Edelsteine.

 

Die Haustochter war auf das Glück des Waisenmädchens neidisch und ging ebenfalls an den Rand des Brunnens spinnen. Sie warf absichtlich ihren Spinnrocken in den Brunnen hinein und sprang selber nach. Den Spinnrocken fand sie wieder, ging aber dennoch weiter.

 

Eine Kuh kam der Haustochter entgegen, einen Melkkübel an ihren Hörnern. Sie sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, melk mich! Die eine Hälfte der Milch gieß auf die Erde, die andre in den Melkkübel an meinen Hörnern!« Die Haustochter aber antwortete: »Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine holen!« Sie ging weiter.

 

Ein Widder kam ihr entgegen mit einer Schere an den Hörnern, der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, scher mich! Die Hälfte der Wolle leg auf die Erde, die andere Hälfte bind mir an den Hals!« Die Haustochter antwortete: »Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine  holen!« Sie ging weiter.

 

Ein Apfelbaum stand am Wege, der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, schüttle mich! Es ist mir schwer, mich unter der Last der Äpfel zu beugen! Was auf die Erde fällt, das soll liegenbleiben; was dir auf den Kopf fällt, das nimm du dir!« Die Haustochter antwortete: »Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine  holen!« Sie ging immer weiter.

 

Ein Ofen mit heißen Broten stand am Wege. Die Brote sprachen: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, nimm uns aus dem Ofen heraus, wir haben es hier zu warm!« Die Haustochter antwortete: »Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine  holen!« Sie ging wieder weiter.

 

Eine Badstube stand am Wege. Darin lebte ein alter Mann. Der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, bad mich, es ist mir zu schwer, so schmutzig zu sein!« Die Haustochter sagte: »Hier ist kein Reisig noch sonst etwas, womit soll ich denn den Ofen heizen?« Der Alte antwortete: »Sammle Holzpflöcke und Krähenmist und heiz damit!« Die Haustochter sammelte Holzpflöcke und Krähenmist und heizte damit den Ofen.

 

Dann fragte sie: »Wo soll ich das Badewasser hernehmen?« Der Alte antwortete: »Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Laß sie in den Zuber pissen!« Die Haustochter machte es so. Dann fragte sie: »Wo soll ich einen Badequast hernehmen?« Der Alte antwortete: »Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Schneid ihr den Schwanz ab und mach daraus einen Badequast!« Die Haustochter schnitt dem Pferde wirklich den Schwanz ab.

 

Dann fragte sie wieder: »Wo soll ich Seife hernehmen?« Der Alte antwortete: »Nimm einen Badstubenstein und scheure mich damit!« Die Haustochter quästete den alten Mann mit dem Stutenschwanz und scheuerte ihn mit dem Badstubenstein. Darauf sagte der Alte: »Danke dir, gutes Kind, daß du mich gebadet hast! Jetzt bist du auch deines Lohnes wert. Hier, da hast du eine Schachtel, worin sich dein Lohn befindet. Zu Hause ruf deine Familie zusammen und mach dann die Schachtel auf!«

 

Der Alte führte die Haustochter auf die Oberfläche der Erde zurück. Die Haustochter kehrte heim und rief ihre ganze Familie zusammen. Dann machte sie die Schachtel auf. Die Schachtel aber war voll feuriger Kohlen. Und die Kohlen füllten das ganze Haus an und töteten die Haustochter und ihre Familie.

 

Das Waisenmädchen blieb jedoch am Leben, denn man hatte sie überhaupt nicht zum Öffnen der Schachtel gerufen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

LOPPI UND LAPPI

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es lebte einmal ein armer Kleinbauer mit seiner Frau in einer einsamen Hütte abseits vom Dorfe. Der Mann hieß Loppi und das Weib Lappi, Es schien, als wären die beiden zum Unglück geboren, denn es wollte ihnen nichts gelingen. Gott hatte ihnen in den früheren Jahren ihrer Ehe auch Kinder geschenkt, es war aber keines am Leben geblieben, das den Eltern eine Stütze im Alter hätte sein können.

 

Wie zwei dürre Baumstümpfe saßen Mann und Frau alle Abend auf der Ofenbank, und da lief ihnen erst ohne Grund die Galle über, und es gab Zank. Wie bekannt, sucht der Mensch im Verdruß meist die eigene Schuld auf den nächsten zu wälzen, und oft auch da, wo menschliche Bosheit nicht im Spiele war, dennoch anderen Menschen die Ursache des Unglücks aufzubürden.

 

So konnte man nicht selten den Loppi im Ärger sagen hören: „Hätte ich nur das Glück gehabt, eine bessere Frau zu bekommen, was hätte mir da gefehlt, ich könnte heute ein reicher Mann sein.“ Aber Lappi hatte eine beflügelte Zunge, die gegen ein Wort des Mannes gleich Dutzende bereit hatte. Wenn also der Mann Worte wie die angeführten wieder vorbringen wollte, so kam er nicht über den Anfang hinaus, vielmehr belferte Lappi flugs dagegen.

 

„Da seh“ einer den Lumpenkerl! Wenn ich in meiner kindsfältigen Einfalt keinen besseren Mann zu wählen wußte, so ist das freilich meine Schuld, aber ich glaube auch sicherlich, daß nur Hexenkünste im Stande waren, mich zu betören, und der Teufel mag wissen, was du mir heimlich ins Essen oder Trinken getan hast, bis mein Sinn sich dir zu wandte. An Freiern hat es nicht gefehlt, und wärst du ein abgerissener Gesell mir nicht zum Unglück in den Wurf gekommen, so könnte ich als Dame am gedeckten Tische sitzen. Um dich nichtsnutzigen Menschen muß ich jetzt Hunger und Kummer leiden, bis der Tod mich erlöst. Daß alle unsere Kinder gestorben sind, da bist du auch schuld, da du weder für Weib noch für Kind, zu sorgen wußtest“, und so floß der einmal los gelassene Redestrom noch lange weiter und hörte oft nicht eher auf, als bis der Mann ihr mit der Faust das Maul stopfte,

 

So saß eines Abends das Ehepaar der Hütte wieder zankend auf der Ofenbank, als eine stattliche Frau in Kleidern von deutschem Schnitt eintrat und durch ihr Erscheinen des Weibes Zungenwerk plötzlich zum Stehen und des Mannes gehobenen Arm zum Sinken brachte.

 

Nachdem sie freundlich gegrüßt, sagte die Fremde: „Ihr seid arme Schlucker und habt bis heute viel Not zu leiden gehabt; aber nach dreien Tagen wird alle Not mit einem Mal aufhören; darum haltet Frieden im Hause und sagt selber, was für ein Los ihr euch als das beste wünschen wollt. Ich bin nicht, was ich euch scheine, ein menschliches, sondern ein höheres Wesen, das die Wünsche der Menschen vermöge göttlicher Kraft in Erfüllung gehen lassen kann. Drei Tage habt ihr Zeit, zu überlegen, und drei Wünsche dürft ihr aussprechen, hinsichtlich der Lage oder der guten Gabe, die ihr begehrt. Dann sprecht eure Wünsche nur aus, sie werden sich im selben Augenblick durch geheime Kraft verwirklichen. Aber seid gescheit, daß ihr euch nicht etwa unnütze Dinge herbeiwünscht.“ Nach diesen Worten grüßte die stattliche Frau abermals und war wie der Blitz zur Tür hinaus.

 

Loppi und Lappi, welche ihren Zank vergessen hatten, starrten jetzt sprachlos auf die Tür, zu der die Wundererscheinung herein gekommen, und durch die sie wieder verschwunden war; endlich sagte der Mann: „Legen wir uns zur Ruhe; wir haben drei Tage Zeit, zu überlegen, und wollen sie weislich anwenden, damit wir uns das allerbeste Glückslos wünschen mögen.“

 

Allein obgleich ihnen drei Tage Bedenkzeit vergönnt waren, so verbrachten sie doch schon über die Hälfte der selben Nacht unter der Last der Gedanken und überlegten, welcher Wunsch wohl der allerbeste wäre, Oh, was für ein köstlicher Friede jetzt drei Tage ununterbrochen in der Hütte wohnte! Loppi und Lappi waren andere Menschen geworden, sprachen freundlich miteinander an den Augen abzusehen, wie jegliches verlangte.

 

Den größte Teil des Tages saßen beide stumm im Winkel und überlegten, was sie wünschen sollten. Am dritten Tage, nach Tisch, ging Loppi ins Dorf, wo den Morgen ein Schwein geschlachtet war und der Wurstkessel gerade auf dem Feuer stehen mußte. Er nahm von zu Hause den Butternapf samt Deckel und wollte des Nachbarn Frau um etwas Wurstwasser bitten, abends seinen Kohl darin kochen. Loppi dachte, wenn der Magen mit guter Suppe gefüllt ist, so kommen dem Menschen gleich bessere Gedanken. Als er wieder heimkam, stellte er den Kohl aufs Feuer, damit die Speise zu rechter Zeit auf den Tisch käme.

 

Als nun die Abendstunde und mit ihr die Zeit heran gekommen war, die Wünsche kund zu tun, dampfte der Kessel mit Kohlsuppe auf dem Tische, und Mann und Frau setzten sich zum Essen – zugleich sollten sie nun auch ihre Wünsche sich vollziehen lassen. Sie hatten schon manchen Löffel von dem schmackhaften Süppchen hinunter gebracht, da sagte Lappi vergnügt: „Gott sei gedankt für das schöne Süppchen, davon kann der Mensch schon satt werden; aber noch viel besser würde die Suppe schmecken, wenn nur auch eine Wurst dabei wäre!“

 

Bums! fiel von der Zimmerdecke eine große Wurst mitten auf den Tisch. Mann und Frau waren ein Weilchen über das Geschenk so erschrocken, daß es ihnen nicht einfiel, sich der Wurst zu bemächtigen. Loppi merkte, daß mit der Wurst der erste Wunsch in Erfüllung gegangen war, und das brachte ihn so auf, daß er mit vollem Munde rief: „Daß dich der Böse hole und dir die Wurst an die Nase setze!

 

Wenn...“ Aber das arme Männlein konnte vor Schrecken nicht weiter sprechen, denn die Wurst hing der Lappi schon an der Nase; und zwar nicht mehr die wirkliche Wurst, sondern als ein mit der Nase aus einer und der selben Wurzel heraus gewachsenes Stück Fleisch. Was jetzt tun? Zwei Wünsche waren schon verpufft, und der zweite hatte obendrein die Nase der Frau so verunstaltet, daß sie sich nicht getrauen konnte, den Leuten unter die Augen zu treten.

 

Immerhin blieb noch ein Wunsch, und der war noch nicht ausgesprochen: mit diesem konnten sie klugerweise alles zum Guten wenden. Aber die arme Lappi hatte in diesem Augenblicke keinen sehnlicheren Wunsch als den, daß ihre Nase von der langen Wurst befreit würde, darum sprach sie diesen Wunsch aus, und die Wurst war verschwunden. Jetzt war es mit den drei Wünschen vorbei, und Loppi und Lappi mußten wieder wie früher armselig in ihrer Hütte leben.

 

Wohl warteten sie eine Zeit lang darauf, daß die schöne Frau wieder komme, allein die teure Fremde erschien nicht mehr. Wer ein unerwartetes Glück nicht gleich beim Schopf oder Zipfel zu fassen und fest zu halten weiß, der hat es verscherzt.

 

Märchen aus Estland

 

EGLÄ, KÖNIGIN DER NATTERN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eines Abends ging Eglä (Tanne) mit ihren Schwestern in die See baden. Sie zogen sich alle aus und sprangen ins Wasser. Nachdem die Mädchen gebadet hatten, stiegen sie alle ans Ufer und wollten sich ankleiden.

 

Die jüngste, Eglä, entdeckte aber in ihren Kleidern eine Ringelnatter, die sie mit menschlicher Stimme ansprach: „Versprich mir, dass du meine Frau wirst, dann gebe ich dir dein Hemdchen." Eglä glaubte nicht, das sie eine Natter heiraten könnte und gab das Versprechen. Die Natter schlich aus ihrem Hemdchen weg.

 

Nach sieben Tagen hörte Eglä eine Kutsche, in die Nattern eingespannt waren, polternd und zischend auf den Hof ihrer Eltern raddern. Es versammelte sich voller Hof von Nattern. die die Braut verlangten. Da erschrak Eglä — und erzählte ihren Eltern, was sie am Meer erlebt hatte. Die Eltern wollten ihre Tochter nicht weg geben, sie versteckten Eglä in die dunkelste Kammer, nahmen eine weisse Gans, schmückten sie als eine Braut und setzten sie in den Brautwagen. Als die Nattern durch den Wald fuhren, hörten sie den Kuckuck schreien: „Ihr habt die falsche Braut! Ihr habt die falsche Braut!“

 

Die Nattern kehrten um, kamen mit viel Krach auf den Hof zu Egläs Eltern zurück, die richtige Braut zu holen. Diesmal gaben ihnen Eglä`s Eltern ein weiss gekleidetes Schaf mit, doch der Kuckuck verlautbarte wiederum die List den Brautwerbern. Die Nattern kamen ganz erbost zurück und drohten das Haus zu verbrennen, wenn sie auch diesmal betrogen würden. Was blieb den Eltern übrig, sie beweinten ihre jüngste Tochter und verabschiedeten sich von ihr.

 

Die Nattern brachten Eglä ans Meeresufer, wo auf sie ein schöner Jüngling wartete. Er erzählte Eglä, dass er die Natter sei, die im Ärmel ihres Hemdchens das Verprechen von ihr ausgelockt hatte. Es war der Natternkönig Žilvinas (Weidenbaum). Er nahm Eglä in seinen Palast auf dem Meeresgrunde, wo sie glücklich und in Freude lebten. Sie schenkte Žílvinas drei Söhne Äžuolas (Eiche), Beržas (Birke) und Uosis (Esche) und eine Tochter Drebulä (Espe).

 

Nach einigen Jahren bekam Eglä heftiges Heimweh und bat ihren Mann um Erlaubnis, ihre Eltern und Geschwister besuchen zu dürfen. Žilvinas sagte: „Gut, du kannst gehen, doch zu erst musst du diese Eisenschuhe abtragen,“ – und gab ihr ein paar eiserne Schuhe. Eglä wetzte die Schuhe an den Steinen, lief darin Tag für Tag um her, doch die Schuhe blieben wie neu.

 

Dann ging Eglä zu einer alten Hexe, die in der Nähe wohnte, und fragte diese nach dem Rat. Die Alte ließ Eglä zu einem Schmied gehen, der die Eisenschuhe im Feuer erhitzen sollte, dann konnte Eglä die Schuhe in drei Tagen abtragen. Und wieder bat Eglä Žilvinas, sie zu ihren Eltern gehen zu lassen. Žilvinas gab ihr aber eine Docke Seide und sagte: „Wenn du die Docke zu Ende spinnst, kannst du gehen.“

 

Eglä spann Tag und Nacht, doch die Docke wurde nicht kleiner. Sie ging wieder zu der Alten und bat um Hilfe. Die Hexe ließ die Docke ins Feuer werfen. Die Docke war verzaubert. Im Feuer sah Eglä eine Kröte, die den Seidenfaden immer hervor brachte. So konnte Eglä die Docke zu Ende spinnen.

 

Žilvinas wollte sie nicht so einfach zu den Menschen lassen und gab ihr noch eine Aufgabe. Sie sollte Hasenbrot für ihre Verwandten backen. Er versteckte alle Schüsseln und Töpfe, nur einen Sieb konnte Eglä finden. Wie sollte sie darin Teig kneten? Und wieder lief sie zu der Alten, die ihr zeigte, wie sie mit dem Teig die Löcher im Sieb verkleben und Wasser holen kann. Jetzt konnte Žilvinas sie nicht mehr zurückhalten.

 

Er brachte sie mit ihren Kindern ans Meeresufer und sagte: „Bleib nicht länger als neun Tage bei den Eltern, komm dann ans Meeresufer und rufe nach mir: „Geliebter Mann, mein Weidenbaum, bist du am Leben, komm als weißer Milchschaum, bist du tot, komm als roter Blutschaum.“

 

Eglä ging mit ihren Söhnen und der Tochter in ihr Elternhaus, wo sie von allen mit großer Freude empfangen wurde. Die Tage verstrichen schnell und die Brüder zerbrachen sich den Kopf, wie sie Eglä für immer bei sich behalten könnten. Sie führten den ältesten Sohn Eiche in den Wald, fragten ihn, wie der Vater zu rufen sei, peitschten ihn mit Ruten aus, hörten von ihm aber kein einziges Wort. Birke und Esche schwiegen auch, wenn sie auch ausgepeitscht wurden.

 

Nur die kleine Espe zitterte, als sie die Ruten erblickte und plauderte alles aus, wie der Vater heiße und wie man ihn rufen müsse. Da gingen die Brüder ans Meeresufer, riefen Žilvinas mit den Worten, die er Eglä gesagt hatte, und als Žilvinas als weißer Milchschaum angeschwommen kam, schlugen sie ihn mit ihren Sensen tot. Zu Hause erzählten sie aber keinem von ihrer bösen Tat.

 

Nach neun Tagen machte sich Eglä mit ihren Kindern auf den Weg nach Hause. Als sie am Meeresufer ihren Mann gerufen hatte, sah sie den blutig roten Schaum ans Ufer schwimmen und hörte die Stimme ihres Mannes aus der Meerestiefe erklingen: „Espe, unser Töchterlein verriet unser Geheimnis deinen Brüdern und sie schlugen mich tot. " Eglä weinte bittere Tränen, dann verwandelte sie ihre Kinder in Bäume und sich selbst in eine immer trauernde Tanne.

 

Märchen aus Litauen

 

DAS WEIZENBRÖTLEIN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es lebten einmal ein Greis und eine Greisin. Sie hatten zwei Kinder - Jonukas und Elenyte. Einmal buken sie den Kindern ein Weizenbrötlein. Sie schoben das Brötlein in den Ofen, doch es begann, langsam aus der Backofentür auf den Vorofen heraus zu rutschen. Als die Kinder das sahen, riefen sie laut: "Alte, liebe Alte, das Brötlein ist schon auf dem Vorofen!" - "Soll es noch backen, soll es noch backen", antwortete die Alte.

 

Da stieg das Brötlein schon vom Vorofen auf den Boden herunter. Die Kinder schreien wieder: "Alte, liebe Alte, das Brötlein ist schon unten auf dem Boden!" - "Soll es noch backen, soll es noch backen", antwortete die Alte.

 

Da stieg das Brötlein schon auf die Schwelle. Die Kinder begannen wieder laut zu rufen: "Alte, liebe Alte, das Brötlein ist schon auf der Schwelle!" - "Soll es sich abkühlen, soll es sich abkühlen", antwortete die Alte.

 

Da stieg das Brötlein schon auf die Treppenstufen. Die Kinder fingen wieder an zu schreien: "Alte, liebe Alte, das Brötlein ist schon auf der Treppe!" - "Oi, hinter her, hinter her!" antwortete das alte Weiblein, ergriff einen Besenstiel, der Alte nahm einen Ofenhaken, und sie jagten hinter dem Brötlein her. Sie laufen und laufen hinterher, doch sie können es nicht einholen. Und das Brötlein rennt aus Leibeskräften, es schaut sich nicht einmal um!

 

Wie es so rennt, trifft es die Heumahd. Die Heumahd sagt: "Weizenbrot, Weizenbrot, wohin läufst du? Ich will mir ein Stück von dir abschneiden!" - "O weh, schneide nichts von mir ab, ich will dir ein schönes Liedchen vorsingen!" - "Na, dann singe nur!" Und das Brötlein begann zu singen:

"Schon der Opa jagte mich - er fing mich nicht,

Schon die Oma jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon der Junge jagte mich - er fing mich nicht,

Schon das Mädchen jagte mich - sie fing mich nicht,

Der Ofenhaken jagte mich - er fing mich nicht,

Der Besenstiel, er jagte mich - er fing mich nicht,

Jetzt willst du mich jagen, Heumahd -

Du fängst mich nicht!"

 

Und das Brötlein lief Hals über Kopf los, und die Heumahd schaut, schaut und weiß nicht, wo es hin gelaufen ist. Da sieht sie - es kommen der Greis und die Greisin angelaufen, das Mädchen und der Junge. Sie fragt: "Wohin lauft ihr?" - "Den Brotlaib wollen wir fangen! Hast du ihn vielleicht gesehen?" - "Ja, ich hab' ihn gesehen, ich wollt' ihn fangen, doch er entwischte mir!" - "Dann auf und alle hinterher!" - "Schön", antwortete sie und jagte mit ihnen hinterher.

 

Doch das Brötlein lief. Und da traf es die Roggenmahd. Die Roggenmahd fragt: "Weizenbrot, Weizenbrot, wohin läufst du? Ich will mir ein Stück von dir abschneiden!" - "O weh, schneide nichts von mir ab! Ich will dir ein schönes Liedchen vorsingen!" - "Na, dann singe nur! Dann werde ich nichts abschneiden." Und es hub an zu singen:

"Schon der Opa jagte mich - er fing mich nicht,

Schon die Oma jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon der Junge jagte mich - er fing mich nicht,

Schon das Mädchen jagte mich - sie fing mich nicht,

Der Besenstiel, erjagte mich - er fing mich nicht,

Der Ofenhaken jagte mich - er fing mich nicht,

Auch die Heumahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Wenn du mich jagst. Roggenmahd - du fängst mich nicht!"

 

Und das Brötlein - hopp! - und lief los. Und die Roggenmahd hinterher! Aber wo denkst du hin! Das Brötlein ist klein - sogleich ist es entwischt und hat sich versteckt. Da kommen der Greis und die Greisin, das Mädchen und der Junge angelaufen. Und sie fragt: "Wohin lauft ihr?" - "Den Brotlaib wollen wir fangen! Hast du ihn vielleicht gesehen?" - "Gesehen habe ich ihn schon, aber er ist mir entwischt." - "Na, dann hinterher!" Und sie alle hinterdrein.

 

Doch das Brötlein traf den Wolf. Der Wolf fragt es: "Weizenbrot, Weizenbrot, wohin läufst du? Ich will mir ein Stück von dir abschneiden!" - "O weh, schneide nichts von mir ab! Ich will dir ein schönes Liedchen vorsingen!" - "Na, dann singe nur!" Und es hub an zu singen:

"Schon der Opa jagte mich - er fing mich nicht,

Schon die Oma jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon der Junge jagte mich - er fing mich nicht,

Schon das Mädchen jagte mich - sie fing mich nicht,

Der Ofenhaken jagte mich - er fing mich nicht,

Der Besenstiel, erjagte mich - er fing mich nicht,

Auch die Heumahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Die Roggenmahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Willst du mich jagen. Wölflein - du fängst mich nicht!"

 

Und es lief Hals über Kopf davon. Doch der Wolf hinterher! Aber was glaubst du wohl! Das Brötlein ist klein, doch der Wolf groß wie ein Teufelsaas, er kommt schlecht voran. Das Brötlein immer nur husch-husch!, doch der Wolf buch-buch-buch-buch und blieb zurück. Da sieht der Wolf: Es kommt der Alte angelaufen, die Alte, das Mädchen und der Junge. "Wohin lauft ihr?" fragt der Wolf. "Sieh, uns ist ein Weizenbrot entwischt, darum laufen wir hinterher, doch wir können und können es nicht fangen. Hast du es vielleicht gesehen?" - "Gesehen habe ich es schon, es ist bei mir vorbei gelaufen, doch ich konnte es nicht halten, es entwischte mir." - "Dann wirst du uns vielleicht fangen helfen?" - "Schön, ich will euch helfen", antwortete der Wolf. Und alle - auf und hinterher.

 

Doch das Weizenbrötlein war schon weit und begegnete nun dem Füchslein. Und das Füchslein fragt: "Weizenbrot, Weizenbrot, wohin läufst du? Sag's mir schnell, denn ich will mir ein Stück von dir abschneiden!" - "O weh, schneide nichts von mir ab! Ich will dir ein schönes Liedchen vorsingen!" - "Na, dann singe nur, doch du bleibst trotz allem nicht am Leben!" Und das Weizenbrötlein hub an zu singen:

"Schon der Opa jagte mich - er fing mich nicht,

Schon die Oma jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon das Mädchen jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon der Junge jagte mich - er fing mich nicht,

Schon der Ofenhaken jagte mich - er fing mich nicht,

Schon der Besenstiel, erjagte mich - er fing mich nicht,

Auch die Heumahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Die Roggenmahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Auch das Wölflein jagte mich - es fing mich nicht,

Willst du mich jagen. Füchslein - du fängst mich nicht!"

 

Und dann lief es los, Hals über Kopf, und das Füchslein hinterher. Das Brötlein - hops! - über den Graben, aber auch das Füchslein - hops! - über den Graben; das Brötlein - husch! - in den Wald, aber auch das Füchslein - husch! - in den Wald; das Brötlein - husch! - aus dem Wald, doch auch das Füchslein - husch! - aus dem Wald.

 

Schließlich - das Brötlein lief und lief - da stürzte es hin. Und das Füchslein fing an zu fressen. Als nun die beiden Alten das Brötlein nicht einholen konnten, kehrten sie unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Doch das Füchslein ist inzwischen in aller Ruhe mit seinem Weizenbrötlein beschäftigt.

 

Es beißt die Rinde in zwei Teile und frisst die weiche Brotkrume heraus. Danach machte es sein Geschäft in die eine Hälfte, deckte die andere darüber und beschloss, irgend jemanden zu betrügen. Für das schlaue Füchslein ist das Betrügen eine Kleinigkeit. Es erinnerte sich, dass am Waldrande zwei Hirtenjungen hüten. Es lief also zu ihnen hin und sagte: "Kommt, wir wollen tauschen! Ich gebe euch diesen Laib Weizenbrot, und ihr gebt mir dafür einen kleinen Schafbock!" - "Gut", antworteten die Hirtenjungen und tauschten ohne viel Umstände.

 

Das Füchslein brachte seinen kleinen Schafbock in den Sumpfwald, briet ihn sich und war froh, dass es die Hirtenjungen so schlau betrogen hatte. Aber auch die Hirtenjungen freuen sich, dass sie einen so schönen Laib Weizenbrot haben.

 

Sie breiten sich sogleich ein schönes Tüchlein hin und schneiden das Brötlein an. Als sie aber den Laib Brot angeschnitten haben - pfui!, da fließt es heraus und auf ihr schönes Tuch und beschmutzte es gründlich. So ist nun auch - pfui! - unser Märchen zu Ende.

 

aus Litauen

 

WARUM DER HASE EINE GESPALTENE LIPPE HAT ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einst versammelten sich alle Hasen unter einer großen Kiefer, um Rat zu halten, wie ihr Leben gebessert werden könne. Jeder klagte über seine Not.

 

»Seht, ihr lieben Hasen!« sagte der allergrößte unter ihnen. »Wir müssen uns alle fürchten, aber niemand fürchtet sich vor uns! Wir müssen die Katzen und Hunde fürchten und wissen nicht, wo wir unsere Nester bauen und wo wir mit unseren Frauen und Kindern leben sollen! Es ist auch nicht zu hoffen, daß unser Leben besser wird. Eher wird es noch schlechter. Jeder Knirps jagt hinter uns her. Wo jemand uns erblickt, da schreit er gleich: 'Ein Hase! Ein Hase!' Lieber gehen wir zum See und ertränken uns. Sterben müssen wir ja sowieso!«

 

Alle Hasen waren damit einverstanden. Sie liefen zum See und wollten sich ertränken. Am Ufer des Sees weidete aber eine große Schafherde. Als die Schafe die Hasen heran kommen hörten, da erschraken sie so sehr, daß sie Hals über Kopf davon rasten. Der Hirt mit dem Hunde hinterdrein.

 

Als die Hasen das sahen, blieben sie stehen und brachen in ein Gelächter aus. Sie sahen, daß es doch noch Tiere und Menschen gab, die sich vor ihnen fürchteten. Da lachten sie so sehr, daß ihre Lippen platzten. Und seit der Zeit bis heute sind die Lippen der Hasen gespalten geblieben. -

 

Die Lust, sich zu ertränken, war ihnen aber seit jenem Augenblick ganz vergangen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DAS ZERSCHLAGENE HÜHNEREI ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal ein Greis und eine Greisin. Sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein. Dieses Hühnchen legte ein goldenes Ei, die Greisin verwahrte es auf dem Wandbrett. Da kam eine Maus und warf das goldene Ei herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert!

 

Da kommt eine Krähe geflogen und fragt: "Alte, liebe Alte, was klagst du so?" - "Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest noch lauter klagen!" antwortete das alte Weiblein. "Ich hatte ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, ich tat es aufs Wandbrett, da lief eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Wie soll ich denn da nicht klagen?"

 

Da riss sich die Krähe vor Kummer ihre Schwanzfedern aus. Sie hatte im Walde im Wipfel einer Eiche ein Nest. Zu der Eiche fliegt sie nun. Die Eiche sieht, dass sie ohne Schwanz ist, und fragt: "Krähe, Krähe, warum bist du ohne Schwanz?" -

 

"Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin. Sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, ich habe mir den Schwanz ausgerissen."

 

Da brach sich die Eiche vor Kummer ihre Äste ab. Unter dieser Eiche hatte ein Hirsch sein Lager. Der kommt und sieht, dass die Eiche ohne Äste ist, und fragt: "Eiche, Eiche, warum bist du ohne Äste?" - "Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, ich habe mir die Äste abgebrochen.

 

Da - hast du nicht gesehen! - der Hirsch vor Kummer mit dem Geweih gegen die Eiche und brach sich das Geweih ab. Dann geht der Hirsch zum Fluss, um zu trinken. Der Fluss sieht, dass der Hirsch ohne Geweih ist, und fragt: "Hirsch, Hirsch, warum hast du dir das Geweih abgestoßen?" -

 

"Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, die Eiche hat sich die Äste abgebrochen, ich habe mir das Geweih abgestoßen."

 

Da wurde der Fluss vor Schrecken zu Blut. Da kommt ein Mädchen zum Fluss mit ihrem Henkelkrug, um Wasser zu holen (weißt du, die Hausfrau hatte Brot eingerührt, und es fehlte an Wasser), sie sieht: der Fluss ist zu Blut geworden. Und sie fragt den Fluss: "Fluss, Fluss, warum bist du zu Blut geworden?"

 

Der Fluss sagt zu ihr: "Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, die Eiche hat sich die Äste abgebrochen, der Hirsch hat sich das Geweih abgestoßen, und ich bin zu Blut geworden."

 

Da stieß das Mädchen den Henkelkrug so heftig auf einen Stein, dass nur noch Scherben übrig blieben. Das Mädchen kommt ohne Henkelkrug. Die Hausfrau sieht das und fragt: "Mädchen, Mädchen, wo hast du den Henkelkrug gelassen?" -

 

"Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, die Eiche hat sich die Äste abgebrochen, der Hirsch hat sich das Geweih abgestoßen, der Fluss ist zu Blut geworden, und ich habe meinen Henkelkrug zerschlagen!"

 

Die Hausfrau - schwupp, schwapp und warf den Teig aus dem Fenster. Da kommt der Hausherr von der Jagd. Er sieht: der Teig ist aus dem Fenster geworfen! Er geht ins Haus und fragt die Hausfrau: "Hausfrau, Hausfrau, warum hast du den Teig aus dem Fenster geworfen?" -

 

"Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, die Eiche hat sich die Äste abgebrochen, der Hirsch hat sich das Geweih abgestoßen, der Fluss ist zu Blut geworden, das Mädchen hat den Henkelkrug zerschlagen, ich habe den Teig hinausgeworfen."

 

"Na, dann werde ich mich wohl erschießen müssen!" sagt der Hausherr. Wie sprang da die Hausfrau auf von der Bank, fiel ihm um den Hals, küsste ihn heftig und bat: "Liebstes Herrlein, du mein allerliebster Mann! Erschieße dich nicht, lass mich nicht als arme Witwe zurück. Zum Teufel mit dem alten Weiblein und ihrem Hühnervieh! Sollen die Mäuse doch ihr und dem Huhn alle Eier zerschlagen! Nur du, mein liebster Mann, du, mein Täubchen, erschieße dich nicht! Und du, Mädchen, was stehst du da und hältst Maulaffen feil! Geh hin und bringe alle Scherben des Henkelkrugs und kratze draußen vor dem Fenster den ganzen Teig zusammen!"

 

Litauen

 

WIE EINE WAISE UNVERHOFFT IHR GLÜCK FAND ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einmal lebte ein armer Tagelöhner, der sich mit seiner Frau kümmerlich von einem Tage zum anderen durchbrachte. Von drei Kindern war ihnen das jüngste, ein Sohn, geblieben, der neun Jahr alt war, als man erst den Vater und dann die Mutter begrub. Dem Knaben blieb nichts übrig, als vor den Türen guter Menschen sein Brot zu suchen.

 

Nach Jahresfrist geriet er auf den Hof eines wohlhabenden Bauerwirts, wo man gerade einen Hüterknaben brauchte. Der Wirt war nicht eben böse, aber das Weib hatte die Hosen an und regierte im Hause wie ein böser Drache. Wie es dem armen Waisenknaben da erging, läßt sich denken. Die Prügel, die er alle Tage bekam, wären dreimal mehr als genug gewesen, Brot aber wurde nie soviel gereicht, daß er satt geworden wäre. Da aber das Waisenkind nichts Besseres zu hoffen hatte, mußte es sein Elend ertragen.

 

Zum Unglück verlor sich eines Tages eine Kuh von der Herde; wohl lief der Knabe bis Sonnenuntergang den Wald entlang, von einer Stelle zur anderen, aber er fand die verlorene Kuh nicht wieder. Obwohl er wußte, was seinem Rücken zu Hause bevorstand, mußte er doch jetzt nach Sonnenuntergang die Herde zusammentreiben. Die Sonne war noch nicht lange unter dem Horizont, da hörte er schon der Wirtin Stimme: »Fauler Hund! wo bleibst du mit der Herde?« Da half kein Zaudern, nur rasch nach Hause unter den Stock.

 

Zwar dämmerte es schon, als die Herde zur Pforte hereinkam, aber das scharfe Auge der Wirtin hatte sogleich entdeckt, daß eine Kuh fehle. Ohne ein Wort zu sagen, riß sie den nächsten Staken aus dem Zaun und begann damit den Rücken des Knaben zu bearbeiten, als wollte sie ihn zu Brei stampfen. In der Wut hätte sie ihn auch zu Tode geprügelt oder ihn auf Zeit Lebens zum Krüppel gemacht, wenn der Wirt, der das Schreien und Schluchzen hörte, dem Armen nicht mitleidig zu Hülfe gekommen wäre. Da er die Gemütsart des tückischen Weibes genau kannte, so wollte er sich nicht geradezu dazwischen legen, sondern suchte zu vermitteln.

 

Er sagte halb in bittendem Tone: »Brich ihm lieber die Beine nicht entzwei, damit er doch die verlorene Kuh suchen kann. Davon werden wir mehr Nutzen haben, als wenn er umkommt.« »Wahr,« sagte die Wirtin, »das Aas kann auch die teure Kuh nicht ersetzen,« - zählte ihm noch ein Paar tüchtige Hiebe auf und schickte ihn dann fort, die Kuh zu suchen. »Wenn du ohne die Kuh zurück kommst,« - setzte sie drohend hinzu, - »so schlage ich dich tot.«

 

Weinend und stöhnend ging der Knabe zur Pforte hinaus und geradeswegs in den Wald, wo er Tages mit der Herde gewesen war, suchte die ganze Nacht, fand aber nirgends eine Spur von der Kuh. Als am anderen Morgen die Sonne sich aus dem Schoße der Morgenröte erhoben hatte, war des Knaben Entschluß gefaßt. »Werde aus mir, was da wolle, nach Hause gehe ich nicht wieder.« Mit diesen Worten nahm er Reißaus und lief in einem Atem vorwärts, so daß er das Haus bald weit hinter sich hatte. Wie lange und wie weit er so gelaufen war, wußte er selber nicht, als ihm aber zuletzt die Kraft ausging und er wie tot nieder fiel, stand die Sonne fast schon in Mittagshöhe.

 

Als er aus einem langen schweren Schlafe erwachte, kam es ihm vor, als ob er etwas Flüssiges im Munde gehabt habe, und er sah einen kleinen alten Mann mit langem grauen Barte vor sich stehen, der eben im Begriffe war, den Spund wieder auf den Lägel (Milchfäßchen) zu setzen. »Gieb mir noch zu trinken!« bat der Knabe. »Für heute hast du genug,« erwiederte der alte Vater, »wenn mein Weg mich nicht zufällig hier her geführt hätte, so wäre es sicher dein letzter Schlaf gewesen, denn als ich dich fand, warst du schon halb tot.«

 

Dann befragte der Alte den Knaben, wer er wäre und wohin er wollte. Der Knabe erzählte alles, was er erlebt hatte so lange er sich erinnern konnte, bis zu den Schlägen von gestern Abend. Schweigend und nachdenklich hatte der Alte die Erzählung angehört, und nachdem der Knabe schon eine Weile verstummt war, sagte jener ernsthaft: »Mein liebes Kind! dir ist es nicht besser noch schlimmer ergangen als so Manchen, deren liebe Pfleger und Tröster im Sarge unter der Erde ruhen. Zurückkehren kannst du nicht mehr.

 

Da du einmal fort gegangen bist, so mußt du dir ein neues Glück in der Welt suchen. Da ich weder Haus noch Hof, weder Weib noch Kind habe, so kann ich auch nicht weiter für dich sorgen, aber einen guten Rat will ich dir umsonst geben. Schlafe diese Nacht hier ruhig aus; wenn morgen die Sonne aufgeht, so merke dir genau die Stelle, wo sie emporstieg. In dieser Richtung mußt du wandern, so daß dir die Sonne jeden Morgen ins Gesicht und jeden Abend in den Nacken scheint. Deine Kraft wird von Tage zu Tage wachsen.

 

Nach sieben Jahren wird ein mächtiger Berg vor dir stehen, der so hoch ist, daß sein Gipfel bis an die Wolken reicht. Dort wird dein künftiges Glück blühen. Nimm meinen Brotsack und mein Fäßchen, du wirst darin täglich soviel Speise und Trank finden, als du bedarfst. Aber hüte dich davor, jemals ein Krümchen Brot oder ein Tröpfchen vom Trank unnütz zu vergeuden, sonst könnte deine Nahrungsquelle leicht versiegen. Einem hungrigen Vogel und einem durstigen Tiere darfst du reichlich geben: Gott sieht es gern, wenn ein Geschöpf dem anderen Gutes tut.

 

Auf dem Grunde des Brotsacks wirst du ein zusammen gerolltes Klettenblatt finden; das mußt du sehr sorgfältig in Acht nehmen. Wenn du auf deinem Wege an einen Fluß oder einen See kommst, so breite das Klettenblatt auf dem Wasser aus, es wird sich sofort in einen Nachen verwandeln und dich über die Flut tragen. Dann wickele das Blatt wieder zusammen und stecke es in deinen Brotsack.« Nach dieser Unterweisung gab er dem Knaben Sack und Fäßchen und rief: »Gott befohlen!« Im nächsten Augenblick war er den Augen des Knaben entschwunden.

 

Der Knabe hätte alles für einen Traum gehalten, wenn nicht Sack und Fäßchen in seiner Hand die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt hätten. Er ging jetzt daran, den Brotsack zu prüfen und fand darin: ein halbes Brot, ein Schächtelchen voll gesalzener Strömlinge, ein anderes mit Butter und dazu noch ein hübsches Stückchen Speckschwarte. Als der Knabe sich satt gegessen hatte, legte er sich schlafen, Sack und Fäßchen unter dem Kopfe, damit kein Dieb sie wegnehmen könne. Den anderen Morgen wachte er mit der Sonne auf, stärkte seinen Körper durch Speise und Trank und machte sich dann auf die Wanderung.

 

Wunderbarer Weise fühlte er gar keine Müdigkeit in seinen Beinen; erst der leere Magen mahnte ihn daran, daß die Mittagszeit gekommen war. Er sättigte sich mit der guten Kost, tat ein Schläfchen und wanderte weiter. Daß er den rechten Weg eingeschlagen hatte, sagte ihm die untergehende Sonne, die ihm gerade im Nacken stand. So war er viele Tage in derselben Richtung vorwärts gegangen, als er einen kleinen See vor sich erblickte. Hier konnte er die Kraft seines Klettenblattes prüfen.

 

Wie es der alte Mann vorausgesagt hatte, so geschah es: ein kleines Boot mit Rudern lag vor ihm auf dem Wasser. Er stieg ein, und einige tüchtige Ruderschläge führten ihn ans andere Ufer. Dort verwandelte sich das Boot wieder in ein Klettenblatt, und dieses ward in den Sack gesteckt.

 

So war der Knabe schon manches Jahr gewandert, ohne daß die Nahrung im Brotsack und im Fäßchen abgenommen hätte. Sieben Jahre konnten recht gut verstrichen sein, denn er war zu einem kräftigen Jüngling herangewachsen; da sah er eines Tages von weitem einen hohen Berg, der bis in die Wolken hinein zu ragen schien. Es verging aber noch eine Woche, ehe er den Berg erreichte. Dann setzte er sich am Fuße des Berges nieder, um auszuruhen und zu sehen, ob die Prophezeiungen des alten Mannes in Erfüllung gehen würden.

 

Er hatte noch nicht lange gesessen, als ein eigentümliches Zischen sein Ohr berührte: gleich darauf wurde eine große Schlange sichtbar, welche mindestens zwölf Klafter lang war und sich dicht bei dem jungen Manne vorbei wand. Schrecken lähmte seine Glieder, so daß er nicht fliehen konnte; aber im Nu war auch die Schlange vorüber. Dann blieb ein Weilchen alles still. Darauf schien es ihm, als käme aus der Ferne ein schwerer Körper in einzelnen Sätzen herangehüpft. Es war eine große Kröte, so groß wie ein zweijähriges Füllen. Auch dieses häßliche Geschöpf zog an dem Jüngling vorüber, ohne ihn gewahr zu werden. Sodann vernahm er in der Höhe ein starkes Rauschen, als wenn ein schweres Gewitter sich erhebe. Als er hinauf sah, flog hoch über seinem Haupte ein großer Adler in der selben Richtung, welche vorher die Schlange und die Kröte genommen hatten.

 

»Das sind wunderbare Dinge, die mir Glück bringen sollen!« dachte der Jüngling. Da sieht er plötzlich einen Mann auf einem schwarzen Pferde auf sich zu kommen. Das Pferd schien Flügel an den Füßen zu haben, denn es flog mit Windesschnelle. Als der Mann den Jüngling am Berge sitzen sah, hielt er sein Pferd an und fragte: »Wer ist hier vorüber gekommen?« Der Jüngling erwiederte: »Erstens eine große Schlange, wohl zwölf Klafter lang, dann eine große Kröte von der Größe eines zweijährigen Füllens und endlich ein großer Adler hoch über meinem Kopfe. Wie groß er war, konnte ich nicht abschätzen, aber sein Flügelschlag rauschte wie ein Gewitter daher.« -

 

»Du hast recht gesehen,« sagte der Fremde, »es sind meine schlimmsten Feinde, und ich jage ihnen jetzt eben nach. Dich könnte ich in meinem Dienste brauchen, wenn du nichts Besseres vor hast. Klettere über den Berg, so kommst du gerade in mein Haus. Ich werde dort mit dir zugleich anlangen, wenn nicht noch früher.« - Der junge Mann versprach zu kommen, worauf der Fremde wie der Wind davon ritt.

 

Es war nicht leicht, den Berg zu erklimmen. Unser Wanderer brauchte drei Tage, ehe er den Gipfel erreichte, und dann wieder drei Tage, ehe er auf der anderen Seite an den Fuß des Berges gelangte. Der Wirt stand schon vor seinem Hause und erzählte, daß er Schlange und Kröte glücklich erschlagen habe, des Adlers aber nicht habhaft geworden sei. Dann fragte er den jungen Mann, ob er Lust habe, als Knecht bei ihm einzutreten. »Gutes Essen bekommst du täglich, soviel du willst, und auch mit dem Lohne will ich nicht geizen, wenn du dein Amt getreulich verwaltest.«

 

Der Vertrag wurde abgeschlossen und der Wirt führte den neuen Knecht im Hause umher, und zeigte ihm, was er zu tun habe. Es war dort ein Keller im Felsen angebracht und durch dreifache Eisentüren verschlossen. »In diesem Keller sind meine bösen Hunde angekettet,« sagte der Wirt, »du mußt dafür sorgen, daß sie sich nicht unterhalb der Tür mit den Pfoten heraus graben. Denn wisse: wenn auch nur einer dieser Hunde frei würde, so wäre es nicht mehr möglich, die beiden anderen fest zu halten, sondern sie würden nacheinander dem Führer folgen und alles Lebendige auf Erden vertilgen. Wenn endlich der letzte Hund aus bräche, so wäre das Ende der Welt da, und die Sonne hätte zum letzten Male geschienen.«

 

Darauf führte er den Knecht an einen Berg, den Gott nicht geschaffen hatte, sondern der von Menschenhänden aus mächtigen Felsblöcken aufgetürmt war. »Diese Steine« - sagte der Wirt - »sind deßwegen zusammen getragen, damit immer wieder ein neuer Stein hin gewälzt werden kann, so oft die Hunde ein Loch ausgraben. Die Ochsen, welche den Stein führen sollen, will ich dir im Stalle zeigen, und dir auch alles Übrige mitteilen, was du dabei zu beobachten hast.«

 

Im Stalle fanden sie an hundert schwarze Ochsen, deren jeder sieben Hörner hatte; sie waren reichlich zwei Mal so groß wie die größesten Ukrainer Ochsen. »Sechs Paar Ochsen vor die Steinfuhre gespannt, führen einen Stein mit Leichtigkeit weg. Ich werde dir eine Brechstange geben, wenn du den Stein damit berührst, rollt er von selbst auf den Wagen. Du siehst, deine Arbeit ist so mühsam nicht, desto größer muß deine Wachsamkeit sein. Drei Mal bei Tage und ein Mal bei Nacht mußt du nach der Tür sehen, damit kein Unglück geschieht, der Schaden könnte sonst größer sein, als du vor mir verantworten könntest.«

 

Bald hatte unser Freund alles begriffen und sein neues Amt war ganz nach seinem Sinne: alle Tage das beste Essen und Trinken, wie es ein Mensch nur begehren konnte. Nach zwei bis drei Monaten hatten die Hunde ein Loch unter der Tür gekratzt, groß genug, um die Schnauze durchzustecken, aber sogleich wurde ein Stein davor gestemmt, und die Hunde mußten ihre Arbeit von neuem beginnen.

 

So waren viele Jahre verstrichen und unser Knecht hatte sich ein hübsches Stück Geld gesammelt. Da erwachte in ihm das Verlangen, ein Mal wieder unter andere Menschen zu kommen; er hatte so lange in kein anderes Menschenantlitz gesehen, als in das seines Herrn. War der Herr auch gut, so wurde dem Knecht doch die Zeit entsetzlich lang, zumal wenn den Herrn die Lust anwandelte, einen langen Schlaf zu halten. Dann schlief er immer sieben Wochen lang ohne Unterbrechung und ohne sich sehen zu lassen.

 

Wieder war einmal eine solche Schlaflaune über den Wirt gekommen, als eines Tages ein großer Adler sich auf dem Berge nieder ließ und so zu sprechen an hub: »Bist du nicht ein großer Thor, daß du dein schönes Leben für gute Kost hin opferst? Dein zusammen gespartes Geld nützt dir nichts, denn es sind ja keine Menschen hier, die es brauchen. Nimm des Wirtes windschnelles Roß aus dem Stalle, binde ihm deinen Geldsack um den Hals, setze dich auf und reite in der Richtung fort, wo die Sonne untergeht, so kommst du nach wenig Wochen wieder unter Menschen. Du mußt aber das Pferd an einer eisernen Kette fest binden, damit es nicht davon laufen kann, sonst kehrt es zu seiner gewohnten Stätte zurück und der Wirt kann kommen, um dich anzufechten. Wenn er aber das Pferd nicht hat, so kann er nicht von der Stelle.«

 

»Wer soll denn hier die Hunde bewachen, wenn ich weg gehe, während der Wirt schläft?« fragte der Knecht. »Ein Thor bist du, und ein Thor bleibst du!« erwiederte der Adler. »Hast du denn noch nicht begriffen, daß der liebe Gott ihn dazu geschaffen hat, daß er die Höllenhunde bewache? Es ist reine Faulheit, daß er sieben Wochen schläft. Wenn er keinen fremden Knecht mehr hat, so wird er sich aufraffen und seines Amtes selber warten.«

 

Der Rat gefiel dem Knechte sehr. Er tat, wie der Adler gesagt hatte, nahm das Pferd, band ihm den Geldsack um, setzte sich auf und ritt davon. Noch war er nicht gar weit vom Berge, als er schon hinter sich den Wirt rufen hörte: »Halt an! Halt an! Geh' in Gottes Namen mit deinem Gelde, aber laß mir mein Pferd.« Der Knecht hörte nicht darauf, sondern ritt immer weiter, bis er nach einigen Wochen wieder zu sterblichen Menschen kam.

 

Dort baute er sich ein hübsches Haus, freite ein junges Weib, und lebte glücklich als reicher Mann. Wenn er nicht gestorben ist, so muß er noch heute leben; aber das windschnelle Roß ist schon längst verschieden.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER PILZKÖNIG ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor langer, langer Zeit gingen einmal Pilzsammler in den Wald, um Pilze zu sammeln. Sie fanden einen großen Pilz, und unter diesem kam ein kleines Männlein hervor. Es war so groß wie ein Finger mit einem sehr langen Bart. Das Männlein nahm sogleich Reißaus, die Pilzsammler hinterdrein. Als sie das Männlein eingefangen hatten, fragten sie, wer es sei. Das Männlein sagte: »Ich regiere über die Pilze, die in diesem Walde wachsen!« Nun berieten die Pilzsammler, was mit dem Männlein zu tun wäre. Zuletzt entschlossen sie sich, das kleine Männlein dem König als Geschenk zu überbringen, und so brachten sie es dem König. Der König zahlte den Pilzsammlern ehrlich ihren Finderlohn, das kleine Männlein aber ließ er in den Keller sperren.

 

Nun hatte der König große Lust, ein Fest zu veranstalten, um seinen Gästen das unter dem Pilz gefundene Männlein zu zeigen. Bis dahin sollte das Männlein im Keller bleiben. In dieser Zeit spielte der kleine Sohn des Königs mit seinem Goldei auf dem Hof. Mitten im Spiel fiel das Goldei dem Königssohn aus der Hand und rollte durchs Fenster in den Keller. Gerade in jenen, wo der König das kleine Männlein gefangen hielt. Das kleine Männlein hob das Goldei auf und zeigte es durchs Fenster dem Jungen. Der Junge rief: »Gib mir bitte mein Goldei wieder!« Das Männlein erwiderte: »Du bekommst es, wenn du selbst zu mir in den Keller kommst!« Der Junge fragte: »Wie kann ich zu dir kommen? Die Tür ist doch verschlossen!« Das Männlein sprach zu ihm: »Geh in das Schloß und hol den Schlüssel!«

 

Der Junge ging und holte den Schlüssel. Dann öffnete er die Kellertür und trat ein. Das Männlein reichte dem Jungen das Goldei, selbst aber sprang es — schwupp! — zwischen den Beinen des Jungen zur Tür hinaus. Der Junge bemerkte nicht einmal, wie das Männlein davon lief. Als der Junge die Tür wieder zuschließen wollte, schaute er aber erst nach, ob das Männlein noch da war, konnte es jedoch nirgends entdecken. Da wurde dem Jungen angst und bange. Er schloß die Tür zu und brachte den Schlüssel zurück. Daß er im Keller war und daß das Männlein davon gelaufen war, sagte er niemandem.

 

Der Festtag rückte heran, an dem der König seinen Gästen das kleine Männlein zeigen wollte. Viele Gäste kamen herbei, das Wunder zu sehen. Der König schickte einen Diener in den Keller, um das Männlein zu holen. Der Diener kam zurück und flüsterte dem König ins Ohr, daß das Männlein verschwunden sei. Der König wollte es nicht glauben. Er ging selbst nachschauen, aber das Männlein war und blieb verschwunden. Da half alles nichts, der König schämte sich zwar, die geladenen Gäste und das Volk an der Nase herum geführt zu haben, er mußte ihnen schließlich doch verkünden, daß das Männlein verschwunden sei. Er fügte noch hinzu, das Männlein wird wahrscheinlich durch ein Mauseloch entkommen und geflohen sein. Die Gäste schenkten dieser Meinung Glauben, bedauerten aber sehr, das kleine Männlein nicht gesehen zu haben.

 

Die Jahre verstrichen. Der Königssohn wuchs zum Manne heran. Da kam man eines Tages während der Mahlzeit auf das kleine Männlein zu sprechen. Nun erzählte der Königssohn seinem Vater zum ersten Mal, wie sein Goldei in den Keller gerollt war, wie er es holen ging und das Männlein dadurch entkommen sei. Da wurde der König sehr böse, sogar so sehr, daß er seinem Sohn befahl ihn für immer zu verlassen. Die Mutter legte zwar für ihn ein gutes Wort ein, aber der König ließ sich nicht erweichen. Er beschloß jedoch, dem Sohn einen General als Weggefährten mit zu schicken. In Gesellschaft des Generals sollte der Königssohn sehen, wie er in der Welt zurecht käme.

 

So zogen der Königssohn und der General in die weite Welt. Alsbald gelangten sie in einen Wald. Es war sehr heiß und der Königssohn verspürte Durst. Wo sollten sie Wasser finden? Da sahen sie einen Brunnen. Der Brunnen war jedoch zu tief, um Wasser zu schöpfen. Der General sagte nun zum Königssohn: »Ich lasse dich an einem Strick hinunter. Du kannst trinken, soviel du willst. Nachher werde ich dich wieder hochziehen!« Der Königssohn war damit einverstanden. Auf dem Grund des Brunnens löschte er ausgiebig seinen Durst.

 

Der General aber sagte oben: »Ich zieh dich nur dann hoch, wenn du versprichst, daß du von jetzt ab der General bist, ich aber der Königssohn.« Was blieb dem Königssohn in seiner Not übrig? Erfüllte er nicht den Wunsch des Generals, zog ihn jener nicht wieder hoch. So war es wohl doch besser, das zu versprechen, was der listige General verlangte. Nun zog der General den Königssohn aus dem Brunnen.

Beide wanderten weiter in das Reich eines anderen Königs, bei dem sie sich um Arbeit bewarben. Der General sagte, er sei der Königssohn, und der Königssohn sagte, er sei dessen General. Der König nahm nun den falschen Königssohn zu sich ins Schloß, den richtigen Königssohn aber ließ er seinen Pferdestallmeister werden. Die Pferde wurden jeden Tag in den Wald getrieben, wo sie sich ihr Futter suchten und dabei von Wächtern bewacht wurden. Der arme Königssohn mußte sich um die Wächter kümmern. Im Wald setzte sich der Königssohn auf einen Stein. Da saß er nun und grübelte über seine traurige Lage.

 

Plötzlich sah er vor sich das kleine Männlein stehen, das er in seiner Kindheit aus dem Keller befreit hatte. Das kleine Männlein fragte ihn: »Warum bist du so betrübt? « Der Königssohn entgegnete: »Warum sollte ich nicht betrübt sein? Mein Vater hat mich fort gejagt, weil ich dir damals zu entfliehen half. Nun hat mir mein General auch noch meinen Namen geraubt — er gibt sich selbst als Königssohn aus, ich aber muß hier die Pferde hüten! «Das kleine Männlein tröstete den Königssohn: »Sei nicht traurig deshalb, du wirst es einmal noch besser haben! Komm heute zu meiner ältesten Tochter zu Besuch!« Der Königssohn fragte: »Aber wer bist du denn?« Das kleine Männchen sagte: »Die Menschen rufen mich den Pilzkönig, denn ich regiere über die Pilze!« Und der Pilzkönig führte den Königssohn zu seiner ältesten Tochter, die in einem kupfernen Schloß lebte. Alle Gegenstände in diesem Schloß waren aus Kupfer. Voll Verwunderung schaute sich der Königssohn alles an. Die älteste Tochter des Pilzkönigs empfing den Königssohn sehr liebenswürdig. Die Zeit verging bei ihr wie im Fluge.

 

Schließlich sagte der Pilzkönig: »Es ist Zeit, daß wir wieder aufbrechen! Einem Gast aber gebührt ein Geschenk. Bringt ihm das kupferne Pferd!« Sofort wurde dem Königssohn das kupferne Pferd gebracht. Vier Männer mußten es am Zügel halten. Der Pilzkönig sagte zum Königssohn: »Dieses Pferd schenke ich dir!« Ein wenig verängstigt entgegnete der Königssohn: »Wie werde ich das Pferd zügeln können, wenn schon vier Männer es kaum schaffen? « Der Pilzkönig sagte: »Siehst du dort die vier Flaschen mit Zauberwasser? Trink sie aus!« Der Königssohn tat, wie befohlen. Auf einmal fühlte er seine Kräfte mächtig wachsen. Nun war er dem Pferd überlegen.

 

Der Pilzkönig gab dem Königssohn eine Kupferpfeife und sagte: »Hüte diese Pfeife wie deinen Augapfel! Verlierst du sie, verlierst du auch das Pferd! Nun zieh dir noch diese kupfernen Kleider an, die auf dem Sattel liegen!« Der Königssohn zog sich die kupfernen Kleider an und sprang in den Sattel. Dann verabschiedete er sich und sprengte zurück zu seiner Pferdeherde. Am anderen Tag saß der Königssohn wieder im Wald bei seinen Pferden. Auf einmal sah er, daß der Pilzkönig wieder vor ihm stand und ihn wie am vorigen Tag bittet: »Komm und besuche heute meine mittlere Tochter!« Der Königssohn schwang sich in den Sattel des kupfernen Pferdes und ritt zur mittleren Tochter des Pilzkönigs. Jene lebte in einem silbernen Schloß, und alle Gegenstände darin waren aus Silber. Sehr fröhlich verbrachte der Königssohn dort die Zeit, bis der Pilzkönig schließlich sagte: »Es ist Zeit, aufzubrechen! Doch erst bringt das silberne Pferd her!«

 

Das silberne Pferd wurde herbei geführt. Acht Männer mußten es am Zügel halten. Da sagte der Pilzkönig: »Nimm die acht Flaschen Zauberwasser dort, und trink sie aus! Dann wirst du das Pferd zügeln können. Ich schenke es dir!« Der Königssohn tat, wie befohlen, und fühlte sofort die Kräfte wachsen. Nun war es ein leichtes für ihn, das Pferd zu zügeln. Auf dem Sattel des Pferdes lagen diesmal silberne Kleider, und der Königssohn zog sie sich an. Da stand er nun, ganz aus Silber. Der Pilzkönig nahm eine Silberpfeife aus der Tasche, reichte sie dem Königssohn und sprach: »Hüte diese Pfeife wie deinen Augapfel, sonst verlierst du dein Pferd!« Der Königssohn bedankte sich, verabschiedete sich und ritt zurück zu seinen Pferden.

 

Am nächsten Tag saß er wieder im Walde auf seinem Stein. Und wieder kam der Pilzkönig und bat ihn nun, seine jüngste Tochter zu besuchen. Der Königssohn machte sich auf den Weg. Die jüngste Tochter des Pilzkönigs lebte in einem goldenen Schloß, und alles darin war ebenfalls aus Gold. Auch hier verbrachte der Königssohn sehr fröhlich seine Zeit, bis der Pilzkönig ihn schließlich daran erinnerte, daß es Zeit wäre, zu den Pferden zurückzukehren. Zugleich gab er den Befehl, ihm das goldene Pferd zu bringen. Sogleich brachten zwölf Männer das goldene Pferd, das sie kaum fest zu halten vermochten. Der Pilzkönig sagte zum Königssohn: »Dieses Pferd schenke ich dir. Siehst du dort die zwölf Flaschen mit Zauberwasser? Trink sie aus, dann wirst du auch mit diesem Pferd zurechtkommen!« Der Königssohn tat, wie geheißen, und fühlte, wie er sehr stark wurde. Mit fester Hand hielt er das Pferd am Zügel, auf seinem Sattel lagen goldene Kleider. Diese zog der Königssohn sich an. Nun glänzte er über und über golden. Der Pilzkönig schenkte dem Königssohn noch eine Goldpfeife und sagte darauf zur jüngsten Tochter: »Schenke auch du dem Fremden etwas zur Erinnerung!« Die jüngste Tochter des Pilzkönigs schenkte dem Königssohn ein Goldei. Der Königssohn bedankte sich, schwang sich in den Sattel des goldenen Pferdes und ritt zurück zu seinen Pferden.

 

Am nächsten Tag begab sich der Königssohn in die Stadt. Dort sah er, wie die Königstochter das Schloß verließ und laut weinte. Der Königssohn fragte: »Warum weinst du? Was fehlt dir?« Die Königstochter entgegnete: »Warum sollte ich nicht weinen! Morgen kommt das große Ungeheuer aus dem Meer und fordert mich zur Braut. Bekommt es mich nicht, vernichtet es das ganze Reich!« Der Königssohn tröstete die Königstochter, so gut wie er konnte. Am nächsten Tag wurden am Meer Soldaten aufgestellt. Die Königstochter fuhr ans Meer, um auf das Ungeheuer zu warten. Der Königssohn begab sich inzwischen in den Wald. Dort pfiff er auf seiner Kupferpfeife, und sofort erschien das kupferne Pferd mit den kupfernen Kleidern. Der Königssohn zog sich die Kleider an und stieg aufs Pferd. Dann sprengte er ans Meer. Das fürchterliche Ungeheuer war schon aus dem Wasser gekommen und fragte die Versammelten: »Wer hat soviel Mut, sich mit mir zu messen?« Niemand hatte soviel Mut. Allein der Königssohn ritt auf seinem kupfernen Pferd dem Ungeheuer mutig entgegen. Das Ungeheuer fragte sogleich: »Für wen kämpfst du?« Der Königssohn entgegnete: »Für mich selbst und für die Königstochter!« Das Ungeheuer wiederum fragte: »Kämpfen wir zu Roß oder Mann gegen Mann?« Der Königssohn erwiderte: »Wir kämpfen zu Roß, du hast ja ebenso vier Beine wie mein Pferd!«

 

Das Ungeheuer begann, voraus zu laufen. Dabei dachte es, ich werde mich blitzschnell umdrehen und den Königssohn samt Roß verschlingen. So einfach ging es aber doch nicht. Der Königssohn ritt dem Ungeheuer nach. Mit einem gewaltigen Hieb schlug er dem Ungeheuer den Kopf ab, den Rumpf aber warf er ins Meer. Nun, da er das Ungeheuer getötet hatte, ritt er mit seinem kupfernen Pferd eiligst zurück in den Wald und tat, als wäre nichts geschehen. Am nächsten Tag begab er sich wiederum in die königliche Stadt. Und wieder sah er, wie die Prinzessin weinend das Schloß verließ. Der Königssohn fragte: »Warum weinst du?« Die Königstochter erwiderte: »Morgen kommt aus dem Meer ein Ungeheuer mit sechs Köpfen, um sich meine ältere Schwester zu holen! Oh, käme doch der selbe Mann, der mich errettete! Oh, käme er doch und rettete auch meine Schwester!« Der Königssohn eilte zurück in den Wald.

 

Am nächsten Morgen nahm er die Silberpfeife und pfiff. Augenblicklich erschien das silberne Pferd mit den silbernen Kleidern auf dem Sattel. Der Königssohn legte sich die Kleider an, schwang sich in den Sattel und ritt wie der Wind ans Meer. Die Königstochter stand schon am Ufer und wartete auf das Ungeheuer. Da begann das Meer zu tosen, und das schreckliche Ungeheuer mit den sechs Köpfen kam aus dem Meer. Es schaute sich um, mit wem es seine Kräfte messen könnte. Die Soldaten suchten voller Angst das Weite. Der Königssohn aber ritt auf seinem silbernen Pferd dem Ungeheuer mutig entgegen. Das Ungeheuer rief nun: »Komm nur, komm, Söhnchen, bist mir ein leckerer Bissen! Ich dachte nur einen zu bekommen, da sind es gleich zwei auf einmal!«

 

Der Königssohn ritt auf seinem silbernen Pferd wie der Sturmwind dem Ungeheuer entgegen. Das Ungeheuer riß den Rachen auf und wollte den Königssohn samt Roß verschlingen. Doch das Schwert des Königssohnes war flinker. Alle sechs Köpfe des Ungeheuers rollten auf den Meeresgrund. Dann ritt der Königssohn gemütlich auf seinem silbernen Pferd zurück in den Wald, als wäre nichts geschehen. Im Wald ließ er das Pferd laufen, er selbst aber legte sich zur Ruhe. Am nächsten Tag kam der Königssohn wieder zur Stadt, sah die Königstochter weinen und fragte: »Warum weinst du?« Die Königstochter erwiderte: »Morgen kommt aus dem Meer ein Ungeheuer mit zwölf Köpfen, um sich meine älteste Schwester zu holen! Oh, käme doch der Mann, der meine ältere Schwester errettete! Oh, rettete er doch auch meine älteste Schwester!« Der Königssohn sagte, sie sollte nicht mehr weinen, und kehrte zurück in den Wald.

 

Am nächsten Morgen pfiff er auf der goldenen Pfeife. Alsbald erschien das goldene Pferd mit den goldenen Kleidern im Sattel. Der Königssohn legte die Kleider an, schwang sich in den Sattel und eilte ans Meer. Die älteste Tochter des Königs stand schon am Ufer und wartete auf das Ungeheuer mit den zwölf Köpfen. Sogar der König war mit vielen Soldaten erschienen, um zu sehen, was mit seiner Tochter geschieht. Da begann das Meer fürchterlich zu tosen, es brodelte und kochte. Das schreckliche Ungeheuer steckte seine zwölf Köpfe aus dem Wasser und kroch ans Ufer. Die Soldaten nahmen voller Angst sofort Reißaus. Auch der König verlor den Mut, zuzusehen. Der Königssohn aber ritt auf seinem goldenen Pferd dem Ungeheuer mutig entgegen. Das Meeresungeheuer spottete: »Komm nur, komm, Söhnchen! Bist mir ein leckerer Bissen! Ich dachte nur einen zu bekommen, da sind es gar zwei!« Und es riß die Rachen auf, um den Königssohn zu verschlingen. Der Königssohn schwang das Schwert nur einmal, und sechs Köpfe des Ungeheuers rollten auf den Meeresgrund. Doch nun griff das Ungeheuer um so wilder den Königssohn an. Es ließ den Reiter nicht näher kommen und versuchte ihn samt Pferd mit dem Schwanz niederzuschlagen.

 

Der Königssohn hatte es schwer, sich vor den Schlägen des Schwanzes zu schützen. Aus Rachen und Nüstern des Ungeheuers strömten dem Königssohn Feuerschwaden entgegen. Der Königssohn wußte nicht, wie er sich nähern sollte, um von seinem Schwert Gebrauch zu machen. Er mußte sehr vorsichtig sein, damit das Ungeheuer seiner nicht Herr wurde. Plötzlich bemerkte der Königssohn neben einem großen Stein den Pilzkönig. Der Pilzkönig rief ihm zu: »Nimm das Goldei zu Hilfe!« Sofort holte der Königssohn das Goldei hervor und öffnete es. Im Handumdrehen umgaben ihn unzählige mutige Soldaten. Diese kämpften von allen Seiten mit dem Ungeheuer. Sie fürchteten sich kein bißchen vor ihm! Das Ungeheuer wandte sich nun den Soldaten zu. Da griff der Königssohn erneut das Ungeheuer an und schlug ihm mit seinem Schwert die übrigen sechs Köpfe ab. Das Ungeheuer war auf der Stelle tot.

Der Königssohn nahm wieder das Goldei, öffnete es, und augenblicklich verschwand die gesamte Kriegerschar darin. Der Königssohn ließ das tote Ungeheuer liegen und ritt geschwind zurück in den Wald, so, als ob nichts geschehen wäre. Im Wald legte er sich vor lauter Müdigkeit schlafen. Er schlief drei Tage hintereinander. Am dritten Tag weckte jemand den Königssohn. Er öffnete die Augen und sah, daß der Pilzkönig neben ihm stand. Der Pilzkönig sagte: »Wach auf! Du mußt in die Königsstadt gehen! Dort erzählt dein falscher Gefährte, der sich als Königssohn ausgibt, er sei derjenige, der die drei Ungeheuer getötet habe. Als Lohn fordert er vom König die Hand der jüngsten Tochter.«

 

Der Königssohn war sofort hellwach, ergriff die kupferne Pfeife und pfiff. Augenblicklich erschien das kupferne Pferd. Der Königssohn legte die kupfernen Kleider an und ritt eiligst zur Königsstadt. Der falsche Königssohn, sein General, war gerade beim König und erzählte ihm von seinen großen Taten und den Kämpfen mit den Ungeheuern. Da ritt auf den Hof des Königs der Königssohn im Sattel seines kupfernen Pferdes. Die jüngste Tochter des Königs sah es und rief: »Seht, dort ist mein wirklicher Retter!« Der Königssohn aber trat nicht ein, sondern machte kehrt und ritt eilig zurück in den Wald. Dort pfiff er auf der silbernen Pfeife, schwang sich in den Sattel des silbernen Pferdes und ritt mit ihm auf den Hof des Königs. Die mittlere Tochter des Königs sah es und rief: »Seht, dort ist mein wirklicher Retter!« Der Königssohn machte wiederum kehrt und eilte zurück in den Wald. Nun pfiff er auf der goldenen Pfeife. Augenblicklich war das goldene Pferd zur Stelle. Und wieder ritt der Königssohn auf den Hof des Königs. Die älteste Tochter des Königs sah es und rief: »Seht, dort ist mein wirklicher Retter!«

 

Der Königssohn wollte auch jetzt in den Wald zurückkehren, aber da trat der König vors Schloß und bat ihn einzutreten, um den ihm gebührenden Lohn zu empfangen. Der König sagte: »Hier ist ein fremder Königssohn, welcher behauptet, meine Töchter gerettet zu haben. Meine Töchter beteuern aber, du hättest sie gerettet!« Der Königssohn entgegnete: »Dieser, der sich Königssohn nennt, ist keiner, er ist nur mein General!« Der König antwortete verwundert: »Dann bist du also der wirkliche Königssohn? Tritt ein, du sollst reichlich belohnt werden! Und du sollst eine meiner Töchter zur Gemahlin haben, welche dir besten gefällt!«

 

Der Königssohn bedankte sich beim König und sagte: »Ich begehre wirklich nichts!« Und er ritt geschwind zurück in den Wald, ohne von dem König etwas anzunehmen. Der König ging zurück ins Schloß. Den General aber, der sich als Königssohn und als Retter seiner Töchter ausgegeben hatte, jagte er davon. Der Königssohn ritt nun zurück in den Wald, blieb aber nicht dort. Er ritt mit seinem goldenen Pferd immer weiter, bis er zur jüngsten Tochter des Pilzkönigs gelangte, die ihm das Goldei geschenkt hatte. Um ihre Hand hielt er beim Pilzkönig an, und beide lebten glücklich in ihrem goldenen Schloß.

 

Den Pilzkönig aber hat man nie wiedergesehen.

 

Quelle: Estland

 

EIN WEIB IST SCHLIMMER ALS DER TEUFEL ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf einem Hofe lebte ein junger Wirt, der hatte eine schöne junge Frau geheiratet. Und sie paßten auch sonst so gut zu einander, daß niemals und zu keiner Stunde je ein böses Wort zwischen ihnen gesagt worden ist, sondern sie sprachen immer liebevoll zu einander, und sie küßten sich immer zu und zu jeder Zeit.

 

Da geschah es einmal, daß der Teufel, der überall herum streift, auch das junge Paar besuchte. Er wunderte sich nicht wenig über die unsagbar große Eintracht zwischen ihnen und trachtete, sie zu stören, doch das gelang ihm nicht, wie sehr er es auch auf allerlei Weise versuchte.

 

Als er nun lange Zeit alles vergebens probiert hatte, da wurde er furchtbar wütend und machte sich spuckend davon und ging seiner Wege. Als er so dahin zog, traf er eine alte Frau, die auf ihrem Bettelgang unterwegs war. Sie fragte ihn: "Gevatter, was spuckst du denn so arg?" Der Teufel brauste auf und antwortete: "Ach, laß mich in Frieden und frag mich nicht, denn du kannst mir ja doch nicht helfen !" "Warum denn?" antwortete die Frau. " Wir Weiber wissen sehr viel und verstehen sehr viel. Sage nur frei heraus, was dir fehlt, vielleicht kann ich auch dir helfen, wie ich schon vielen geholfen habe."

 

Der Teufel denkt: Warte mal! Sollte das alte Weib wirklich so schlau sein? Und er erzählt ihr nun seinen ganzen Kummer und sagte: "Stell dir nur einmal vor, ich habe fast ein halbes Jahr hier auf diesem Hof bei diesen Jungvermählten herum gehockt, die in solch großer Eintracht leben, und wollte sie irgendwie entzweien und gegeneinander aufbringen, doch ich habe trotz allem und auf keine Weise und nirgend wie etwas ausrichten können - und basta! Da soll ich nun nicht wütend sein, wo ich eine so lange Zeit vergeudet und trotzdem nichts erreicht habe ?"

 

Das Weib antwortete ihm: "Das ist mir aber wirklich eine lächerliche Kleinigkeit, hier will ich dir Ehre machen!" Der Teufel war darüber hoch erfreut und fragte das Weib, was er ihr dafür geben sollte. Das alte Weib antwortete: "Ich will nichts weiter als nur ein Paar Bastschuhe und ein Paar neue Salzburger Schuhe !" Der Teufel versprach, ihr das alles, schön und haltbar gemacht, zu geben. Nachdem sie sich so besprochen hatten, trennten sich die beiden, doch das Weib rief ihm beim Fortgehen noch zu, ja nicht so weit weg zu wandern, denn sie wollte noch heute etwas unternehmen und ausrichten.

 

Nun ging sie zu dem Hof zu der jungen Hausfrau. Die war gerade allein zu Hause, ihr Mann pflügte auf dem Acker. Das Weib ging in die Stube und bat zu erst um ein Almosen, und als sie das bekommen hatte, fing sie an, mit süßer Stimme sich ein zu schmeicheln und allerlei Torheiten zu reden: "Ach, du mein liebes Herzchen, wie bist du mir so schön und lieblich! Dein liebes Männlein, so scheint mir, kann sich über dich nur von Herzen freuen. Ich weiß sehr wohl, daß ihr schön und einträchtig zusammen lebt wie sonst niemand auf der ganzen Welt. Aber mein Hühnchen, mein Töchterchen, ich will dir sagen, daß ihr in noch schönerer Eintracht leben könnt und euch das ganze Leben lang kein einziges böses Wort sagen werdet !"

 

Die junge Frau freute sich und bat das Weib, sie das Geheimnis zu lehren, sie würde sie auch reichlich beschenken. Das Weib sagte: "Auf dem Kopfe deines Mannes unweit des Haarwirbels wächst ein graues Haar. Das mußt du ihm ganz nahe an der Kopfhaut, doch ohne daß er etwas merkt, abschneiden, dann werdet ihr euer ganzes Leben lang nicht nur in solch einer Liebe leben wie bisher, sondern in einer noch viel größeren !"

 

Die junge Frau glaubte, das wäre die Wahrheit, und sie fragte das Weib, wie sie das ohne Wissen ihres Mannes machen könnte. Jene sagte: " Wenn du deinem lieben Männlein das Mittagessen hin bringst, dann sage ihm, daß er seinen Kopf auf deinen Schoß legen und ein Mittagsschläfchen halten soll. Und wenn er eingeschlafen ist, dann hole das Rasiermesser aus der Tasche und schneide das graue Haar ab."

 

Das gefiel der jungen Frau alles sehr wohl, und nachdem sie das Weib reich beschenkt und sich bei ihr herzlich bedankt hatte, ließ sie sie wieder gehen. Das Weib verließ sie und ging zu dem Manne auf den Acker, wo er pflügte. "Guten Tag, mein liebes Vögelchen, guten Tag !" "Danke, danke, liebe Alte !"

 

Als die beiden sich so begrüßt hatten, bat das Weib ihn, ein bißchen Halt zu machen, denn vielleicht müßten auch die Öchslein sich ein wenig verschnaufen. Er hielt auch wirklich an. "Und was möchtest du, liebe Alte?" Sie sagte: "Ach, du mein liebes Kindchen, mein Herzlein, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich erschreckt habe und wie sehr ich weinen mußte!"

 

Der Mann sagte: "Aber was ist dir denn, sag es mir nur ruhig!" Das Weib weinte und sagte: "Ich weiß, du lebst mit deinem Frauchen in großer Eintracht, aber ach, Gott erbarme dich, sie will dir die Kehle durchschneiden und einen anderen heiraten, der viel reicher ist als du. Ich war eben bei ihr, und da habe ich diese ganze Abscheulichkeit gesehen und gehört."

 

Der Mann erschrak sehr über ihre Worte und fragte das alte Weib, ob sie nicht wüßte, wann und wie seine Frau das machen wollte. Die Alte sagte: "Heute um die Mittagszeit, wenn sie dir das Essen bringt, dann wird sie ein Rasiermesser in ihrer Tasche haben. Und dann wird sie dir sagen, daß du nach dem Essen deinen Kopf in ihren Schoß legen möchtest, um ein Mittagsschläfchen zu halten, und wenn du dann eingeschlafen bist, dann wird sie dir die Kehle durchschneiden."

 

Der Mann dankte ihr vielmals und versprach, sie dafür ein andermal reichlich zu beschenken. Und das Weib ging weiter, doch nur bis zum Roggenfeld, denn hier wollte sie sich verstecken und von weitem zu sehen, wie sich die beiden Leute um die Mittagszeit raufen würden.

 

Als nun die Mittagsstunde gekommen war, da holte sich die junge Frau das Rasiermesser ihres Mannes und steckte es in ihre Tasche. Aber ihr Mann erwartete mit großer Unruhe die Mittagszeit, denn er wollte wissen, ob das alles Wahrheit war, was die Alte ihm erzählt hatte.

 

Als sie zu ihm gekommen war, umarmten sich beide und tauschten süße Küsse, wie sie es gewöhnt waren. Und dann setzte er sich, um Mittag zu essen. Als er gegessen hatte, sagte sie zu ihm: "Komm her und lege dein liebes Köpfchen in meinen Schoß und halt ein Mittagsschläfchen, denn du bist doch von der Arbeit am Vormittag müde geworden."

 

Er machte das denn auch und tat bald so, als ob er schliefe, denn schon jetzt meinte er, daß alles wahr sei, was die Alte ihm gesagt hatte. Als sie nun schon meinte, daß er schliefe, zog sie langsam das Rasiermesser aus der Tasche, um ihm das graue Haar abzuschneiden. Doch da er nicht schlief, merkte er das sofort und - schwupp - wie der Blitz sprang er auf und jetzt - hast du nicht gesehen -zapp! ihr an den Kopf, riß die Frauenhaube herunter, griff ihr in die Haare und fing an, ihr schrecklich die Haare zu raufen, sie zu schlagen und sie mit furchtbaren Worten zu beschimpfen.

 

"Du Teufelsfratze, du Verbrecherin, du Bestie, du Mörderin, hast du mir nur deshalb so schön getan und gesagt, daß du mich liebst, um mich desto eher umbringen zu können? Jetzt werde ich's dir aber zeigen und heimzahlen, damit dir in Zukunft solche teuflische Abscheulichkeit nicht mehr in den Sinn kommt !" Sie bat und beteuerte, soviel sie nur immer konnte, aber das half alles nichts. Er schlug sie, solange er nur Kräfte hatte, bis er vom Prügeln müde geworden war.

 

Der Teufel lauerte unweit, hinter einen Stein geduckt, und als er die schmerzlichen Hiebe sah, da klatschte er in die Hände und brach in schallendes Gelächter aus. Doch danach schüttelte ihn ein Schauer vor dieser Bosheit, und er fühlte Abscheu vor der gemeinen Schlauheit des alten Weibes, und er dachte bei sich: Sieh mal an, das Weib ist böser als ich! Warum schmähen die Leute bei allem Bösen und allen Nöten immer nur den Teufel, während doch, wie man sieht, solche alten Weiber viel schrecklichere Untaten begehen als ich!

 

Die versprochenen Bastschuhe und Salzburger Schuhe gab er ihr zwar, doch er brachte eine furchtbar lange Stange mit und hängte die Schuhe an das äußerste Ende, hielt es der Alten hin und sagte: "Ich kann nicht nahe zu dir heran kommen, denn mir scheint, du könntest auch mich verblenden und betrügen, denn ich sehe jetzt, du bist böser und gerissener als ich."

 

Und als sie die Schuhe genommen hatte, da schleuderte er die Stange fort und stürmte, wie aus der Kanone geschossen, eiligst von dannen. Doch das alte Weib ging ihres Weges und freute sich, daß sie schlauer gewesen war als der Teufel und daß ihn die Angst vor ihr gepackt hatte und er vor ihr davongelaufen war .

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DER TEUFEL UND DER RIEGENMEISTER

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Riegenmeister, der saß einst und goss zinnerne Knöpfe. Da kam der Teufel heran und grüßte ihn: „Guten Tag, Mann! Was tust du hier?“ Der Mann erwiderte den Gruß und sprach: „Ich gieße Augen.“ Fragte der Teufel: „Könntest du wohl auch mir neue Augen gießen?“ Der Mann sprach: „Natürlich, aber da brauchst Augensalbe, und die habe ich eben nicht.“ – „Kannst du es denn wohl auch ein anderes Mal tun?“ – „Kann´s freilich.“ – „Wann soll ich denn wiederkommen?“ – „Wann´s dir grade recht ist.“

 

Anderen Tages kam der Teufel aufs neue zum Riegenmeister wegen der Augen. Da fragte der Riegenmeister: „Möchtest du große oder kleine Augen?“ – „Nur recht große!“ sagte der Teufel. Nun brachte der Mann ein tüchtig Stück Zinn in der Gießkelle zum schmelzen und sprach zum Teufel: „Du musst aber angebunden werden, sonst kann ich nicht gießen. “So hieß er ihm denn, sich rücklings auf die Bank zu strecken, erwischte einen langen und derben Strick und band ihn gehörig fest.

 

Wie der Teufel so verwahrt war, fragte er den Riegenmeister nach seinem Namen. „Selber ist mein Name“, versetzte der Mann. Der Teufel sagte: „Schon gut – dass ich´s nur weiß. “Wie nun das Zinn flüssig geworden, sprach der Meister zum Teufel: „Halt nun still, die Salbe ist fertig. “Der Teufel hielt mäuschenstill und sperrte die Augen tüchtig auf, damit nur die neuen recht schön würden.

 

Da goss ihm der Riegenmeister das glühende Zinn in die Augen. Im schrecklichen Schmerz sprang der Teufel auf und rannte ins Freie mitsamt der Bank am Rücken. Draußen auf dem Feld pflügten die Knechte, und wie sie des Teufels Schaden sahen, fragten sie: „Wer hat es dir getan?“ – „Selber, Selber“, schrie der Teufel. Da lachten die Knechte und sprachen: „Hast du´s selber getan, wer kann da helfen?“ Aber der Teufel musste mit seinen neuen Augen unter kläglichen Schmerzen verenden, und seitdem

gibt s keinen Teufel mehr.

 

Der Riegenmeister hieß dem Hund, des Teufels Begräbnis auszurichten. Der vermochte es aber nicht allein und nahm sich den Fuchs zum Beistand, aber sie konnten´s beide nicht. Hieß der Hund auch die Ratte kommen. Wie er aber sah, sie wären ihm beide nichts nutz, erwürgte er Fuchs und Ratte. Nun musste der Wolf heran, und so begruben sie den Teufel unter dem Mist einer weißen Mähre.

 

Darauf beginnen sie den Leichenschmaus, und Fuchs und Ratte kamen als Braten auf den Tisch. Der Hund spielte eine üble Festmusik auf, und der Wolf tanzte dazu. Auf diese Art wurde des Teufels Begräbnis ausgerichtet.

 

Quelle: Estnische Märchen

 

DIE SAGE VON BATJE UND NANNA ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Jubmel das Land der Samen umwendete, geschah es, daß alles Wasser über die Erde floß und die Menschen allesamt ertranken. Nein, doch nicht alle. Jubmel hatte zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, die Batje und Nanna hießen, ergriffen und sie auf einen hohen Berg getragen.

 

Dort lagen sie und schliefen, bis Jubmel das Land herum gedreht hatte. Als die beiden erwachten, konnten sie sich zuerst nicht mehr zurechtfinden, denn das Land hatte ja inzwischen ein ganz anderes Aussehen bekommen, da es von Jubmel umgedreht worden war. Keine Milch floß mehr in den Flüssen und aus den Quellen, und die Bäume trugen auch Fleisch und Käse nicht mehr. Doch der Berghang schimmerte grün von den sprießenden Wiesenkräutern, und dort, unten am Fuße des Fjälls stand der Wald hoch und dunkel.

 

Die beiden Kinder, die nicht wußten, daß sie nun allein in dem großen weiten Land waren, wanderten sorglos den Berghang hinunter, pflückten Beeren und spielten und waren glücklich. Aber als sie recht lange gewandert waren und doch keinen einzigen Menschen auf ihrem Wege getroffen hatten, begannen sie darüber nachzudenken. Und dann sagte Batje zu seiner Schwester Nanna: "Liebe Schwester! Wir sind lange umher gegangen, Hand in Hand, aber wir sind keinem einzigen von unserm Geschlecht begegnet. Laß uns darum für einige Zeit von einander scheiden. Ein jeder soll eine andere Richtung nehmen, vielleicht ist das Glück einem von uns gewogen, und wir finden Menschen."

 

Das Mädchen war sogleich mit dem Vorschlag des Bruders einverstanden, und so wurde beschlossen, daß der Junge in die nördliche Richtung und das Mädchen in die südliche Richtung gehen sollte. So trennten sie sich, und Batje und Nanna zogen fort, ein jeder für sich, der eine nach Norden und der andere nach Süden. Aber Menschen trafen sie nicht. Und in der Einsamkeit wurde den beiden immer schwerer ums Herz.

 

Als sie dann ein ganzes Jahr gewandert waren, geschah es, daß Batje, als er einen Berghang hinaufstieg, in der Ferne etwas sah, das sich bewegte und einem Menschen ähnelte. "Ha", dachte der Junge, "dort ist endlich das, was ich suche." Und er lief dem kleinen Geschöpf, welches sich in der Ferne regte, entgegen. Zur gleichen Zeit erging es auch Nanna so; sie glaubte weit entfernt einen Menschen zu sehen. "Ha", dachte sie, "am Ende ist ihr das Glück doch hold, da ist endlich ein Mensch."

 

Und dann liefen sie mit schnellen Schritten in jene Richtung. Sie wußten aber beide nicht, daß sie selbst es waren, die aufeinander zuliefen. Doch dann erkannten sie sich. "Ha – ich glaube – das ist Nanna", sagte der Junge. "Nein, sehe ich recht, ich glaube, das ist Batje", erwiderte das Mädchen. Sie gingen einige Zeit zusammen, erzählten von ihren Abenteuern während der Wanderschaft und daß sie nirgendwo Menschen angetroffen oder auch nur eine Spur von ihnen bemerkt hatten.

 

Als sie eine Weile so gewandert waren, sagte Batje erneut zu Nanna: "Liebe Schwester, laß uns noch einmal unser Glück versuchen. Ich will gegen Sonnenaufgang ziehen, und du magst gegen Sonnenuntergang wandern – vielleicht werden wir da einem Menschen begegnen." Und sie zogen fort, Batje nach Osten und Nanna nach Westen. Viele sonderbare Dinge sahen sie, und vieles lernten sie auf ihrem Weg, aber andere Menschen erblickten sie nirgends.

 

Als sie wiederum ein ganzes Jahr gewandert waren, trafen sie sich erneut. Beide hatten sich in diesem Jahr sehr verändert, dennoch erkannten sie sich sogleich. "Du bist Batje", rief das Mädchen. "Und du bist Nanna", sagte der Junge. Da küßten sie sich, und wieder wanderten sie einige Zeit zusammen. Doch sie waren nicht mehr so froh und sorglos wie früher. Oft kam eine Unruhe über sie beide, und bisweilen suchte jeder für sich Einsamkeit, obgleich sie einander sehr mochten.

 

Eines Tages zog Batje von Nanna fort ohne ihr zum Abschied einen Kuß zu geben. Und Nanna, die nun ganz allein in dem großen, weiten Land war, weinte bittere Tränen. Da ließ Beijen–Nejta, des Sonnengottes Tochter, einen tiefen Schlaf über die Kinder kommen, und als sie erwachten, fanden Batje und Nanna sich zwar wieder, aber sie erkannten sich nicht mehr. Doch wurden die beiden sehr froh, als sie sich ansahen. Und sie lebten viele Jahre und waren glücklich bis zu ihrem Tod.

 

Von Batje und Nanna stammen alle Lappen her, oder Samen, wie sie selbst sich nannten. Und wie Batje und Nanna umherwanderten, um Menschen zu suchen, aber nur sich selbst fanden, so wandern die Samen noch heute ohne Rast und Ruhe, vom Gebirge zum Meer und vom Meer zum Gebirge.

 

Sage aus Lappland

 

DER HERZHAFTE RIEGENAUFSEHER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der »alte Bursche«(Teufel) selber gerühmt, ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht vorgekommen. Der Alte ging deshalb häufig an den Abenden, wo die Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter angenehmen Gesprächen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn für einen einfachen Bauern, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er sich auch nichts merken ließ, und hatte sich vorgenommen, den (alten Hörnerträger) Teufel wo möglich einmal übers Ohr zu hauen.

 

Als der alte Bursche eines Abends über sein Junggesellen-Leben klagte, und daß er Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nähe, fragte der Aufseher: »Warum gehst du denn nicht auf die Freite, Brüderchen?« Der alte Bursche erwiederte: »Ich habe schon manchmal mein Heil versucht, aber die Mädchen wollen mich nicht. Je jünger und blühender sie waren, desto ärger spotteten sie meiner.« Der Aufseher riet ihm, um ältere Mädchen oder Witwen zu freien, die viel eher kirre zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmähen würden.

 

Nach einigen Wochen heiratete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes Mädchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum Riegenaufseher, ihm seine Not zu klagen, daß die junge Frau voller Tücke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht, noch bei Tage Ruhe, sondern quäle ihn ohne Unterlass. »Was bist du denn für ein Mann,« lachte der Aufseher, »daß dein Weib die Hosen hat anziehen dürfen! Nahmst du einmal ein Weib, so mußtest du auch deines Weibes Herr werden!« Der alte Bursche erwiederte: »Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und jener, ich setze meinen Fuß nicht mehr in's Haus.« Der Riegenaufseher suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das Joch eines Weibes zu legen.

 

Im Herbste des nächsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte, machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher merkte gleich, daß dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte aber nicht, sondern wollte abwarten, daß der Andere selber mit der Sache heraus käme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Mißgeschick. Im Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Witwe gemacht, die wie ein Täubchen girrte, so daß dem Männlein abermals Freiersgedanken aufstiegen. Er heiratete sie auch, fand aber später, daß sie der ärgste Hausdrache war, den es geben konnte, und daß sie ihm gern die Augen aus dem Kopfe gerissen hätte, so daß er endlich seinem Glücke dankte, als er sich von der bösen Sieben losgemacht hatte.

 

Der Riegenaufseher sagte: »Ich sehe wohl, daß du zum Ehemann nicht taugst, denn du bist ein Hasenfuß, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.« Darin mußte ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch eine Weile über Weiber und Heiraten geplaudert hatten, sagte der alte Bursche: »Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, daß du dir getraust, den schlimmsten Höllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine Herzhaftigkeit besseren Lohn finden wird, als bei der Zähmung eines bösen Weibes.

 

Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge? dort liegt ein großer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu Teil geworden ist, weil eben noch keiner Mut genug hatte, ihn zu heben.« Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: »Wenn hier nichts weiter nötig ist, als Mut, so habe ich den Schatz schon so gut wie in der Tasche!« Darauf teilte der alte Bursche dem Aufseher mit, daß er in künftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen müsse, um den vergrabenen Schatz zu heben, und fügte hinzu: »Hüte dich aber, daß nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen, oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben einbüßen, wie viele Andere, die vor dir ihr Glück versuchten.

 

Wenn du mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauernhof und laß die Leute erzählen, was sie über das Gemäuer des alten Schlosses gehört - Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hüte dich vor aller Furcht.«

 

Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf Menschen zu stoßen, die ihm Eins oder das Andere über die alten Schloßmauern berichten könnten. Er fragte den Wirt, was das für alte Mauern wären auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darüber wüßten, wer sie aufgeführt, und wer sie dann wieder zerstört habe.

 

Ein alter Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehört hatte, gab folgenden Bescheid: »Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher Gutsherr dort gewohnt, der über weite Ländereien und zahlreiches Volk gebot. Dieser Herr führte ein eisernes Regiment, und behandelte seine Untertanen grausam, aber mit dem Schweiß und Blut der selben hatte er unermeßlichen Reichtum zusammen gescharrt, so daß Gold und Silber fuderweise von allen Seiten her aufs Schloß kam, wo es in tiefen Kellern vor Dieben und Räubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der reiche Bösewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem Boden, und eine große schwarze Katze zu Häupten des Bettes, die man vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher, die Katze sei der böse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den Herrn in seinem Bette erwürgt, und dann zur Hölle gebracht habe, wo er für seine Frevel büßen müsse. -

 

Als später auf die Nachricht von dem Todesfall die Verwandten des Schloßherrn sich einfanden, um dessen Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopeke Geld vor. Anfangs hielt man die Diener für die Diebe, und stellte sie vor Gericht; allein da sie sich ihrer Unschuld bewußt waren, so bekannten sie auch auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und die Aussage bestätigt fand, wurden die Diener freigelassen.

 

Das seltsame nächtliche Geldgeklapper wurde später noch oft gehört, auch fanden sich Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von den Schatzgräbern kehrte keiner zurück; sicher hatte eben Der sie geholt, der dem Herrn des Geldes ein so gräßliches Ende bereitet hatte. Soviel sah Jeder, daß hier Etwas nicht geheuer war, - darum getraute sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach und die Wände durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter übrig blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nächtlicher Weile in die Nähe, noch weniger erkühnt sich Einer, dort nach alten Schätzen zu suchen.« - So sprach der alte Bauer.

 

Als der Riegenaufseher seine Erzählung vernommen hatte, äußerte er wie halb im Scherze: »Ich hätte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht künftige Nacht mit mir?« Die Männer schlugen ein Kreuz und beteuerten einhellig, daß ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schätze der Welt, die doch Niemand erlangen könne, ohne seine Seele zu verderben. Dann baten sie den Fremden, er möge den eitlen Gedanken fahren lassen, und sein Leben nicht dem Teufel überantworten. Allein der kühne Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschüchterungen, sondern war entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am Abend von dem Schenkwirt ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu bleiben, und erkundigte sich dann nach dem kürzesten Wege zu den alten Schloßruinen.

 

Einer der Bauern, der etwas mehr Mut zu haben schien als die Anderen, ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Führer voran, kehrte aber um, als sie noch über eine halbe Werst weit von dem Gemäuer entfernt waren. Da der bewölkte Nachthimmel Nichts erkennen ließ, so mußte der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an sein Ohr, konnte aber sein tapfere steigen könnte. Nachdem er eine Weile vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fuße der Mauer ein Loch, welches abwärts führte. Er steckte den brennenden Span in eine Mauerspalte, und räumte mit den Händen soviel Geröll und Schutt fort, daß er hinein kriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war, fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, daß er aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam endlich an eine eiserne Tür, die nicht verschlossen war.

 

Er stieß die schwere Tür auf und wollte eben eintreten, als eine große schwarze Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Tür und zur Treppe hinauf schoß. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewiß den Herrn des Geldes erwürgt, stieß die Tür zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und sah sich dann den Ort näher an. Es war ein großer breiter Saal, an dessen Wänden überall Türen angebracht waren; er zählte deren zwölf, und überlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. »Sieben ist doch eine Glückszahl!« sagte er, und zählte dann von der Eingangstür bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht aufgehen. Als er sich indeß mit aller Leibeskraft gegen die Tür stemmte, gab das verrostete Schloß nach, und die Tür sprang auf.

 

Als der Riegenaufseher hinein trat, fand er ein Gemach von mittlerer Größe, welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der anderen Wand einen Ofen und vor dem selben einen Herd enthielt; neben dem Herde lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah beim Scheine desselben, daß ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfaß. »Sieh' doch!« rief der Aufseher. »Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrat, Wasser habe ich mir im Fäßchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe kochen.«

 

Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, tat Mehl und Wasser hinein, streute Salz darauf, rührte mit einem Splitter um, und kochte die Suppe gar; dann goß er sie in die Schale, und setzte sie auf den Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so daß er keinen Span anzuzünden brauchte. Der mutige Riegenaufseher setzte sich nun an den Tisch, nahm den Löffel und fing an, sich mit der warmen Suppe den leeren Magen zu füllen. Plötzlich sah er, als er aufblickte, die schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte nicht begreifen, wie das Tier dahin gekommen sei, da er doch mit eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt war.

 

Darauf wurden draußen drei laute Schläge an die Tür getan, so daß Wände und Fußboden schütterten, aber der Riegenaufseher verlor den Mut nicht, sondern rief mit strenger Stimme: »Wer einen Kopf auf dem Rumpfe hat, soll eintreten!« Augenblicklich prallte die Tür weit auf, die schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und schoß durch die Tür, wobei ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprühten. Als die Katze davon gelaufen war, traten vier lange Männer ein in langen weißen Röcken und mit feuerroten Mützen, welche dermaßen funkelten, daß sich Tageshelle im Gemach verbreitete. Die Männer trugen eine Bahre auf den Schultern, und auf der Bahre stand ein Sarg; das flößte aber dem beherzten Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die Männer den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem anderen zur Tür hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte an der Tür, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kümmerte sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe.

 

Als er satt war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und erblickte einen kleinen Mann mit langem weißen Barte. Der Riegenaufseher hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu erwärmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Männchen an, sich zu erholen und Hände und Füße zu regen. Der mutige Riegenaufseher hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschüssel und den Löffel vom Tische, und fing an, den Alten zu füttern. Diesem aber dauerte das zu lange, drum faßte er die Schüssel mit beiden Händen und schlürfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: »Dank dir, Söhnchen! daß du dich über mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und Kälte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Für diese Wohltat will ich dir so fürstlichen Lohn spenden, daß du mich Zeit Lebens nicht vergessen sollst. - Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, zünde eine der selben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Tür fest zu, damit die wütige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen würde. Später wollen wir sie so kirre machen, daß sie Niemanden mehr Schaden zufügen kann.«

 

Mit diesen Worten hob der Alte eine viereckige Fliese von der Breite einer halben Klafter aus dem Boden, und es zeigte sich, daß der Stein den Eingang zu einem Keller bedeckt hatte. Der Alte stieg zuerst die Stufen hinunter, und furchtlos folgte ihm der Riegenaufseher mit der brennenden Pechfackel auf dem Fuße, bis sie in eine schauerliche tiefe Höhle gelangten. In dieser großen kellerartig gewölbten Höhle lag ein gewaltiger Geldhaufen, so hoch wie der größte Heuschober, halb Silber, halb Gold. Das alte Männchen nahm jetzt aus einem Wandschranke eine Handvoll Wachslichter, drei Flaschen Wein, einen geräucherten Schinken und ein Brotlaib heraus, und sagte dann zum Riegenaufseher: »Ich gebe dir drei Tage Zeit, diesen Geldklumpen zu zählen und zu sondern. Du mußt den Haufen in zwei Teile teilen, so daß beide ganz gleich werden und kein Rest bleibt. Während du mit dieser Teilung dich beschäftigst, will ich mich an der Wand schlafen legen, aber hüte dich, daß du dabei nicht das geringste Versehen machst, sonst erwürge ich dich.«

 

Der Riegenaufseher machte sich sogleich an die Arbeit, und der Alte streckte sich nieder. Damit kein Versehen vorkommen könne, teilte der Riegenaufseher so, daß er immer zwei gleichartige Geldstücke nahm, es mochten Taler oder Rubel, Gold- oder Silbermünzen sein; das eine Geldstück legte er dann links und das andere rechts, so daß zwei Haufen entstanden. Wenn ihm die Kraft auszugehen drohte, so erquickte er sich durch einen Schluck aus der Flasche, genoß etwas Brot und Fleisch, und setzte dann neu gestärkt seine Arbeit fort. Weil er sich die Nacht nur einen kurzen Schlaf gönnte, um die Arbeit rasch zu fördern, wurde er schon am Abend des zweiten Tages mit der Teilung fertig, aber ein kleines Silberstück war übrig geblieben. Was jetzt tun? Das machte dem braven Riegenaufseher keine Not, er zog sein Messer aus der Tasche, legte die Schneide auf die Mitte des Geldstücks, und schlug dann mit einem Steine so kräftig auf des Messers Rücken, daß das Geldstück in zwei Hälften gespalten wurde. Die eine Hälfte legte er dann zu dem Haufen rechts, und die andere zu dem Haufen links; darauf weckte er den Alten auf und lud ihn ein, die Arbeit in Augenschein zu nehmen.

 

Als der Alte die beiden Hälften des übrig gebliebenen Geldstücks je rechts und links erblickte, fiel er mit einem Freudengeschrei dem Riegenaufseher um den Hals, streichelte lange seine Wangen und sagte endlich: »Tausend und aber tausend Dank dir, kühner Jüngling, der du mich aus meiner langen, langen Gefangenschaft erlöst hast. Ich habe schon viele hundert Jahre meinen Schatz hier bewachen müssen, weil sich kein Mensch fand, der Mut oder Verstand genug hatte, das Geld so zu teilen, daß Nichts übrig blieb. Ich mußte deßhalb, einem eidlichen Gelöbnisse zufolge, Einen nach dem Anderen erwürgen, und da Keiner wiederkehrte, so wagte in den letzten zweihundert Jahren Niemand mehr her zu kommen, obgleich ich keine Nacht verstreichen ließ, ohne mit dem Gelde zu klappern. Dir, du Glückskind! war es beschieden, mein Retter zu werden, als mir schon alle Hoffnung schwinden wollte, und ich ewige Gefangenschaft fürchten mußte. Dank, tausend Dank dir für deine Wohltat!

 

Den einen Geldhaufen bekommst du jetzt zum Lohn für deine Mühe, den anderen aber mußt du unter die Armen verteilen, zur Sühne für meine schweren Sünden; denn ich war, als ich auf Erden lebte und diesen Schatz anhäufte, ein großer Frevler und Bösewicht. Noch eine Arbeit hast du zu meinem und deinem Nutzen zu vollbringen. Wenn du wieder hinauf gehst, und die große schwarze Katze dir auf der Treppe entgegen kommt, dann packe sie und hänge sie auf. Hier ist eine Schlinge, aus der sie sich nicht wieder heraus ziehen soll.« Damit zog er eine aus feinem Golddraht geflochtene Schnur von der Dicke eines Schuhbandes aus dem Busen, gab sie dem Riegenaufseher und verschwand, als wäre er in den Boden gesunken. Aber in demselben Augenblicke entstand ein Gekrach, als ob die Erde unter den Füßen des Riegenaufsehers bersten wollte. Das Licht erlosch, und um ihn her herrschte tiefe Finsterniß, allein auch dieses unerwartete Ereigniß machte ihn nicht mutlos.

 

Er suchte tappend seinen Weg, bis er an die Treppe kam, kletterte die Stufen hinan, und kam in die erste Stube, wo er sich die Suppe gekocht hatte. Das Feuer auf dem Herde war längst ausgegangen, aber er fand in der Asche noch Funken, die er zur Flamme anblasen konnte. Der Sarg stand noch auf der Bahre, aber statt des Alten schlief die große schwarze Katze darin. Der Riegenaufseher packte sie am Kopfe, schlang die Goldschnur um ihren Hals, hing sie an einem starken eisernen Nagel in der Wand auf, und legte sich auf den Boden zur Ruhe.

 

Erst am andern Morgen kam er aus dem Gemäuer heraus, und nahm den nächsten Weg zur Schenke, in der er vorher eingekehrt war. Als der Wirt sah, daß der Fremde unversehrt entronnen sei, kannten seine Freude und sein Erstaunen keine Grenzen. Der Riegenaufseher aber sagte: »Besorge mir für gute Bezahlung ein paar Dutzend Säcke von Tonnengehalt und miete Pferde, damit ich meinen Schatz wegführen kann.« Daran merkte der Schenkwirt, daß des Fremden Gang kein fruchtloser gewesen war, und erfüllte sogleich des reichen Mannes Verlangen.

 

Als darauf der Riegenaufseher von den Leuten erkundet hatte, was für Gebiete vor Alters unter der Herrschaft des damaligen Schloßbesitzers gestanden hatten, wies er den dritten Teil des den Armen bestimmten Geldes jenen Gebieten zu, übergab die beiden anderen Drittel dem Gericht zur Verteilung und siedelte sich mit seinem eigenen Gelde in einem fernen Lande an, wo ihn Niemand kannte. Dort müssen noch heutigen Tags seine Verwandten als reiche Leute leben, und die Kühnheit ihres Ahnherrn preisen, der diesen Schatz errungen hatte.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER TONTLAWALD ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu alten Zeiten stand in Allentacken ein schöner Hain, der Tontlawald hieß, den aber kein Mensch zu betreten wagte. Dreistere, die zufällig einmal näher gekommen waren und gespäht hatten, erzählten, sie hätten unter dichten Bäumen ein verfallenes Haus gesehen und um dasselbe herum menschenähnliche Wesen, von denen der Rasen wie von einem Ameisenhaufen wimmelte. Die Geschöpfe hätten rußig und zerlumpt ausgesehen wie die Zigeuner, und es wären namentlich viel alte Weiber und halbnackte Kinder darunter gewesen.

 

Als einst ein Bauer, der in finsterer Nacht von einem Schmause nach Hause ging, etwas tiefer in den Tontlawald hinein geraten war, hatte er seltsame Dinge gesehen. Um ein helles Feuer war eine Unzahl Weiber und Kinder versammelt, einige saßen am Boden, die andern tanzten auf dem Plan. Ein altes Weib hatte einen breiten eisernen Schöpflöffel in der Hand, mit welchem sie von Zeit zu Zeit die glühende Asche über den Rasen hin streute, worauf die Kinder mit Geschrei in die Luft hinauf fuhren und wie Nachteulen um den aufsteigenden Rauch flatterten, bis sie zuletzt wieder herabkamen.

 

Dann trat aus dem Walde ein kleiner alter langbärtiger Mann, der auf dem Rücken einen Sack trug, der länger war als er selbst! Weiber und Kinder liefen dem Männlein lärmend entgegen, tanzten um ihn herum und suchten ihm den Sack vom Rücken zu reißen, aber der Alte machte sich von ihnen los. Jetzt sprang eine schwarze Katze, so groß wie ein Fohlen, die mit glühenden Augen auf der Türschwelle gesessen, auf des Alten Sack und verschwand dann in der Hütte. Weil aber dem Zuschauer schon der Kopf brannte und es ihm vor den Augen flimmerte, so blieb auch seine Erzählung unsicher, und man konnte nicht recht dahinter kommen, was daran wahr und was falsch sei.

 

Auffallend war es, daß von Geschlecht zu Geschlecht solche Dinge vom Tontlawalde erzählt wurden; aber Niemand wußte genauere Auskunft zu geben. Der Schwedenkönig hatte mehr als einmal befohlen, den gefürchteten Wald zu fällen, aber die Leute wagten es nicht den Befehl zu vollziehen. Einmal hieb ein dreister Mann mit einer Axt in einige Bäume, da floß sogleich Blut und man hörte Jammergeschrei wie von gequälten Menschen. Der erschreckte Holzfäller nahm zitternd und bebend die Flucht; seitdem war kein noch so strenger Befehl, kein noch so reichlicher Lohn im Stande, wieder einen Holzfäller in den Tontlawald zu locken. -

 

Sehr wunderbar erschien es auch, daß weder ein Weg aus dem Walde heraus noch einer hinein führte; auch sah man das ganze Jahr durch keinen Rauch aufsteigen, der das Dasein menschlicher Wohnstätten verraten hätte. Groß war der Wald nicht, und rings um ihn her war flaches Feld, so daß man freien Ausblick auf den Wald hatte. Hausten wirklich hier von Alters her lebende Wesen, so konnten sie doch nicht anders in dem Walde ein- und ausgehen als auf unterirdischen Schlupfwegen, oder sie mußten auch wie die Hexen bei nächtlicher Weile, wo Alles ringsum schlief, durch die Luft fahren. Das Letztere ist, dem Erzählten zufolge, das Wahrscheinlichere. Vielleicht erhalten wir über diese Wundervögel mehr Auskunft, wenn wir den Wagen der Erzählung etwas weiter lenken und im nächsten Dorfe ausruhen.

 

Einige Werst vom Tontlawalde lag ein großes Dorf. Ein verwittweter Bauer hatte unlängst wieder ein junges Weib genommen und, wie das wohl oft vorkommt, ein rechtes Schüreisen ins Haus gebracht, so daß Verdruß und Zank kein Ende nahmen. Das von der ersten Frau nachgebliebene siebenjährige Mädchen, mit Namen Else, war ein kluges sinniges Geschöpf. Dieser Armen machte aber die böse Stiefmutter das Leben ärger als die Hölle, sie puffte und knuffte das Kind vom Morgen bis zum Abend und gab ihm schlechteres Essen als den Hunden.

 

Da die Frau die Hosen anhatte, so konnte die Tochter sich auf ihren Vater nicht stützen: der Hansdampf mußte ja selbst nach des Weibes Pfeife tanzen. Länger als zwei Jahre hatte Else dieses schwere Leben ertragen und hatte viele Tränen vergossen. Da ging sie eines Sonntags mit andern Dorfkindern aus, um Beeren zu pflücken. Schlendernd, nach Kinderart, waren sie unbemerkt an den Rand des Tontlawaldes gekommen, wo sehr schöne Erdbeeren wuchsen, so daß der Rasen ganz rot davon war.

 

Die Kinder aßen von den süßen Beeren und pflückten noch soviel in ihre Körbchen, als jedes konnte. Plötzlich rief ein älterer Knabe, der die gefürchtete Stelle erkannt hatte: »Fliehet, fliehet! wir sind im Tontlawalde!« Dies Wort war schlimmer als Donner und Blitz, alle Kinder nahmen Reißaus, als wären ihnen die Tontla-Unholde schon auf den Fersen. Else, welche etwas weiter gegangen war als die Anderen, und unter den Bäumen sehr schöne Beeren gefunden hatte, hörte wohl das Rufen des Knaben, mochte sich aber nicht von dem Beerenfleck trennen. Sie dachte wohl: Die Tontla-Bewohner können doch nicht schlimmer sein als meine Stiefmutter daheim.

 

Da kam ein kleiner schwarzer Hund mit einem silbernen Glöcklein um den Hals bellend auf sie zu. Auf dies Gebell eilte ein kleines Mädchen in prächtigen seidenen Kleidern herbei, verwies den Hund zur Ruhe und sagte dann zur Else: »Sehr gut, daß du nicht mit den andern Kindern davon gelaufen bist. Bleibe mir zur Gesellschaft hier, dann wollen wir gar schöne Spiele spielen und alle Tage miteinander gehen Beeren zu pflücken; die Mutter wird es mir gewiß nicht abschlagen, wenn ich sie darum bitte. Komm, laß uns sogleich zu ihr gehen!« Damit faßte das prächtige fremde Kind Else bei der Hand und führte sie tiefer in den Wald hinein. Der kleine schwarze Hund bellte jetzt vor Vergnügen, sprang an Elsen herauf und leckte ihr die Hand, als wären sie alte Bekannte.

 

Ach du liebe Zeit, was für Wunder und Herrlichkeit tauchten jetzt vor Else's Augen auf! Sie glaubte sich im Himmel zu befinden. Ein prächtiger Garten, mit Obstbäumen und Beerensträuchern angefüllt, stand vor ihnen; auf den Zweigen der Bäume saßen Vögel, bunter als die schönsten Schmetterlinge, manche mit Gold- und Silberfedern bedeckt. Und die Vögel waren nicht scheu, die Kinder konnten sie nach Belieben in die Hand nehmen. Mitten im Garten stand das Wohnhaus, aus Glas und Edelsteinen aufgeführt, so daß Wände und Dach glänzten wie die Sonne. Eine Frau in prächtigen Kleidern saß vor der Tür auf einer Bank und fragte die Tochter: »Was bringst du da für einen Gast?« Die Tochter antwortete: »Ich fand sie allein im Walde und nahm sie mir zur Gesellschaft mit. Erlaubst du, daß sie hier bleibt?« Die Mutter lächelte, sagte aber kein Wort, sondern musterte Else mit scharfem Blick vom Kopf bis zu den Füßen.

 

Dann hieß sie Else näher treten, streichelte ihre Wangen und fragte freundlich, wo sie zu Hause sei, ob ihre Eltern noch lebten, und ob sie den Wunsch habe, hier zu bleiben? Else küßte der Frau die Hand, fiel vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und erwiederte dann unter Tränen: »Die Mutter ruht schon lange unter dem Rasen.

Mutter ward hinweg getragen

Liebe zog mit ihr von dannen!

Der Vater lebt wohl noch, aber was hilft mir das, die Stiefmutter haßt mich und schlägt mich unbarmherzig alle Tage. Nichts kann ich ihr recht machen. Bitte, Goldfrauchen, laßt mich hier bleiben! Laßt mich die Herde hüten, oder gebt mir andere Arbeit, ich will alles tun und euch gehorchen, aber schickt mich nur nicht zur Stiefmutter zurück! Sie schlüge mich halb tot, weil ich nicht mit den anderen Dorfkindern gekommen bin.«

 

Die Frau lächelte und sagte: »Wir wollen sehen, was mit dir zu machen ist.« Dann erhob sie sich von der Bank und trat in's Haus. Die Tochter aber sagte zur Else: »Sei getrost, meine Mutter ist freundlich! Ich sah an ihrem Blicke, daß sie unsere Bitte gewähren wird, wenn sie die Sache näher überlegt hat.« Sie ging dann ihrer Mutter nach und hieß Else warten. Diese bebte zwischen Furcht und Hoffnung, und ungeduldig harrte sie des Bescheides, den die Tochter bringen würde.

 

Nach einer Weile kam die Tochter mit einem Schächtelchen in der Hand zurück und sagte: »Die Mutter will, daß wir heute mit einander spielen, derweil sie deinetwegen Weiteres beschließen wird. Ich hoffe, du bleibst uns, ich möchte dich nicht mehr von mir lassen. Bist du schon zur See gefahren?« Else machte große Augen und fragte dann: »Zur See? was ist das? davon habe ich noch nie etwas gehört.« »Du sollst es sogleich sehen,« erwiederte das Fräulein und nahm den Deckel vom Schächtelchen.

 

Da lagen ein Blatt von Frauenmantel, eine Muschelschale und zwei Fischgräten; auf dem Blatte schimmerten ein Paar Tropfen, diese schüttete das Kind auf den Rasen. Augenblicklich waren Garten, Rasen und was sonst noch da gestanden hatte, verschwunden, als hätte die Erde es verschlungen: und soweit das Auge reichte, war nur Wasser sichtbar, das in der Ferne mit dem Himmel zusammen zu stoßen schien. Nur unter ihren Füßen war ein kleiner Fleck trocken geblieben.

 

Jetzt setzte das Fräulein die Muschelschale auf's Wasser und nahm die Fischgräten zur Hand. Die Muschelschale schwoll an, und dehnte sich zu einem hübschen Nachen aus, worin ein Dutzend Kinder und wohl noch mehr Platz gehabt hätten. Die Kinder setzten sich nun selbander in den Nachen, Else mit Zagen, das Fräulein aber lachte; die Gräten, welche sie hielt, wurden zu Rudern. Von den Wellen wurden die Mädchen fort geschaukelt, wie in einer Wiege; nach und nach kamen andere Kähne in ihre Nähe, in jedem saßen Menschen, welche sangen und fröhlich waren. »Wir müssen ihren Gesang beantworten,« sagte das Fräulein, aber Else verstand nicht zu singen. Um so schöner sang das Fräulein.

 

Von dem, was die andern sangen, konnte Else nicht viel verstehen, nur ein Wort kehrte immer wieder, nämlich »Kiisike!« Else fragte, was es bedeute, und das Fräulein antwortete: »Das ist mein Name.« Ich weiß nicht, wie lange sie so spazieren gefahren waren, da hörten sie rufen: »Kinder, kommt nach Hause, es wird Abend.« Kiisike nahm ihr Körbchen aus der Tasche, in welchem das Blatt lag, und tauchte es in's Wasser, so daß einige Tropfen daran hängen blieben, - augenblicklich waren sie in der Nähe des prächtigen Hauses, mitten im Garten; Alles ringsum erschien trocken und fest wie zuvor, Wasser war nirgends. Die Muschelschale und die Fischgräten wurden sammt dem Blatte ins Körbchen gelegt, und die Kinder gingen ins Haus.

 

In einem großen Gemache saßen um einen Eßtisch vierundzwanzig Frauen, alle in prächtigen Kleidern, als wären sie auf einer Hochzeit. Oben am Tische saß die Herrin auf einem goldenen Stuhle. Else wußte nicht, woher die Augen nehmen, um all die Herrlichkeit zu betrachten, die ihr hier entgegen schimmerte. Auf dem Tische standen dreizehn Gerichte, alle in goldenen und silbernen Schüsseln; ein Gericht aber blieb unberührt und wurde abgetragen, wie es aufgetragen war, ohne daß man den Deckel gelüftet hätte. Else aß von den köstlichen Speisen, die noch besser schmeckten als Kuchen, und es kam ihr wieder vor, als müßte sie im Himmel sein; auf Erden konnte sie sich der gleichen nicht denken.

 

Bei Tische wurde leise gesprochen, aber in einer fremden Sprache, von der Else kein Wort verstand. Die Frau sagte jetzt einige Worte zu einer Magd, die hinter ihrem Stuhle stand; die Magd eilte hinaus und kam bald mit einem kleinen alten Manne wieder, dessen Bart länger war als er selber. Der Alte machte einen Bückling und blieb am Türpfosten stehen. Die Frau deutete mit dem Finger auf Else und sagte: »Betrachte dir dieses Bauernmädchen, ich will es als Pflegekind annehmen. Forme mir ein Abbild von ihr, welches wir morgen statt ihrer in's Dorf schicken können.« Der Alte sah Else scharf an, als wolle er das Maaß nehmen, verbeugte sich dann wieder vor der Frau und verließ das Gemach.

 

Nach Tische sagte die Frau freundlich zu Else: »Kiisike hat mich gebeten, ich möchte dich ihr zur Gesellschaft hier behalten und du selbst sagtest, du hättest Lust hier zu bleiben. Ist dem nun wirklich so?« Else fiel auf die Kniee, und küßte der Frau Hände und Füße zum Dank für die barmherzige Rettung aus den Klauen der bösen Stiefmutter. Die Frau aber hob sie vom Boden auf, streichelte ihr den Kopf und die tränenfeuchten Wangen und sagte: »Wenn du immer ein folgsames gutes Kind bleibst, so wird es dir gut gehen, ich will für dich sorgen und dir allen nötigen Unterricht geben lassen, bis du erwachsen bist und dich selbst fortbringen kannst. Meine Fräulein, welche Kiisike unterrichten, werden auch dir behilflich sein, alle feinen Handarbeiten zu erlernen und dir andere Kenntnisse zu erwerben.«

 

Nach einem Weilchen kam der Alte zurück mit einer langen mit Lehm gefüllten Mulde auf der Schulter, und einem kleinen Deckelkörbchen in der linken Hand. Er setzte Mulde und Körbchen an die Erde, nahm ein Stück Lehm und machte daraus eine Puppe, welche Menschengestalt hatte. In den Leib, der hohl geblieben war, legte der Alte drei gesalzene Strömlinge und ein Stückchen Brot. Dann machte er in der Brust der Puppe ein Loch, nahm aus dem Korbe einen ellenlangen schwarzen Wurm und ließ ihn durch das Loch hineinkriechen. Die Schlange zischte und wand sich mit dem Schwanze, als sträubte sie sich, aber sie mußte doch hinein. Nachdem die Frau die Puppe von allen Seiten betrachtet hatte, sagte der Alte: »Jetzt brauchen wir nichts weiter als ein Tröpflein von dem Blute des Bauernmädchens.«

 

Else wurde blaß vor Schrecken, als sie das hörte; sie meinte ihre Seele damit dem Bösen zu verkaufen. Aber die Frau tröstete sie: »Fürchte nichts! Wir wollen dein Blut nicht zu etwas Bösem sondern lediglich zu etwas Gutem und zu deinem künftigen Glücke.« Dann nahm sie eine kleine goldene Nadel, stach damit der Else in den Arm und gab die Nadel dem Alten, der sie in das Herz der Puppe bohrte. Darauf legte er diese in den Korb, damit sie darin wachse und versprach, am nächsten Morgen der Frau zu zeigen, was für ein Werk aus seinen Händen hervorgegangen sei. Man ging hernach zur Ruhe, und auch Else wurde von einer Stubenmagd in ihre Schlafkammer gebracht, wo ihr ein weiches Bett bereitet wurde.

 

Als sie am anderen Morgen in dem seidenen Bette auf weichem Pfühl erwachte und ihre Augen weit auf machte, fand sie sich mit einem feinen Hemde bekleidet und sah reiche Gewänder auf einem Stuhle vor dem Bette liegen. Dann trat ein Mädchen ins Zimmer und hieß Else sich waschen und kämmen, worauf es sie vom Kopf bis zum Fuß mit den schönen Kleidern schmückte, als wäre sie das stolzeste deutsche Kind. Nichts machte Elsen so viel Freude als die Schuhe! Sie war ja bis jetzt fast immer barfuß gegangen. Nach Else's Meinung konnten auch des Königs Töchter keine schöneren Schuhe haben! In ihrer Freude über die Schuhe hatte sie nicht Zeit, die übrigen Stücke des Anzugs zu beachten, obschon Alles prachtvoll war. Die Bauernkleider, welche sie mitgebracht hatte, waren in der Nacht fort genommen worden, weshalb? das sollte sie später erfahren.

 

Ihre Kleider waren nämlich der Lehmpuppe angelegt worden, welche an ihrer statt ins Dorf gehen sollte. Die Puppe war in der Nacht in ihrem Behälter angeschwollen und am Morgen ein vollständiges Ebenbild der Else geworden, und ging einher wie ein von Gott geschaffenes Wesen. Else erschrack, als sie die Puppe erblickte, die ganz so aussah, wie sie selbst gestern ausgesehen hatte. Als die Frau Else's Erschrecken bemerkte, sagte sie: »Fürchte dich nicht, Kind! Das Lehmbild kann dir keinen Schaden zufügen, wir jagen es zu deiner Stiefmutter, damit es ihr als Prügelklotz diene! Mag sie es schlagen, so viel sie will, das steinharte Lehmbild fühlt keinen Schmerz. Aber wenn das böse Weib nicht anderen Sinnes wird, so kann dein Ebenbild einmal die verdiente Strafe an ihr vollziehen.«

 

Von diesem Tage an lebte Else so glücklich wie ein verwöhntes deutsches Kind, das in goldener Wiege geschaukelt worden; sie hatte weder Sorge noch Mühe; das Lernen wurde ihr von Tag zu Tage leichter und das vorige harte Leben im Dorfe erschien ihr nur noch wie ein böser Traum. Aber je tiefer sie das Glück dieses Lebens empfand, desto wunderbarer erschien ihr auch Alles. Auf natürliche Weise konnte es nicht zugehen - es mußte eine unbekannte unerklärliche Macht hier walten.

 

Auf dem Hofe stand ein Granitblock etwa zwanzig Schritt vom Hause. Wenn die Essenszeit heranrückte, ging der Alte mit dem langen Barte an den Block, zog ein silbernes Stäbchen aus dem Busen und klopfte damit dreimal an, so daß es hell wiederklang. Dann sprang ein großer goldener Hahn heraus und setzte sich auf den Block. So oft er in dieser Stellung mit den Flügeln schlug und krähte, kam aus dem Block etwas hervor, zuerst ein langer gedeckter Tisch, auf dem so viel Teller standen als essende Personen waren; der Tisch ging von selbst ins Haus, als trügen ihn des Windes Flügel. Wenn der Hahn zum zweiten Male krähte, kamen Stühle dem Tische nachgegangen; darauf eine Schüssel mit Speise nach der andern - Alles sprang aus dem Block heraus und flog wie der Wind zum Eßtisch. Desgleichen Methflaschen, Aepfel und Beeren; Alles schien beseelt, so daß Niemand zu heben noch zu tragen brauchte. Wenn Alle sich satt gegessen hatten, klopfte der Alte zum zweiten Male mit dem Silberstäbchen an den Block, und dann krähte der goldene Hahn Flaschen, Schüsseln, Teller, Stühle und Tisch wieder in den Block hinein. Wenn aber die dreizehnte Schüssel kam, aus welcher niemals gegessen wurde, so lief eine große schwarze Katze der Schüssel nach, und beide blieben auf dem Block neben dem Hahn, bis der Alte sie fort trug.

 

Er nahm die Schüssel in die Hand, die Katze in den Arm und den goldenen Hahn auf die Schulter, und verschwand mit ihnen unter dem Block. Nicht nur Speisen und Getränke, sondern auch alle übrigen Bedürfnisse des Haushalts, selbst Kleider kamen auf das Krähen des Hahns aus dem Block hervor. - Obwohl bei Tische wenig und immer in einer fremden Sprache gesprochen wurde, welche Else nicht verstand, so wurde dafür desto mehr geredet und gesungen, wenn die Frau mit ihren Fräulein in Zimmer und Garten weilte. Allmählich lernte Else auch die Sprache ihrer Gefährtinnen auffassen; sie verstand fast Alles, was gesagt wurde, aber Jahre verstrichen, ehe ihre eigne Zunge sich den fremden Lauten gewöhnte.

 

Einst hatte Else die Kiisike gefragt, warum die dreizehnte Schüssel täglich auf den Tisch komme, da doch Niemand daraus esse, aber Kiisike konnte es ihr nicht erklären. Sie mußte es aber ihrer Mutter gesagt haben, denn nach einigen Tagen ließ diese Elsen zu sich rufen und sprach zu ihr mit ernstem Ausdruck: »Beschwere dein Herz nicht mit unnützen Grübeleien. Du möchtest wissen, warum wir niemals aus der dreizehnten Schüssel essen! Sieh, liebes Kind, das ist die Schüssel verborgenen Segens; wir dürfen sie nicht anrühren, sonst würde es mit unserem glücklichen Leben zu Ende sein. Auch mit den Menschen würde es auf dieser Welt viel besser stehen, wenn sie nicht in ihrer Habsucht alle Gaben an sich rissen, ohne dem himmlischen Segenspender irgend etwas zum Danke zu lassen. Habsucht ist der Menschen größter Fehler!«

 

Die Jahre verstrichen Elsen in ihrem Glücke pfeilgeschwind, sie war zur blühenden Jungfrau heran gewachsen und hatte Vieles gelernt, womit sie in ihrem Dorfe ihr Leben lang nicht bekannt geworden wäre. Kiisike aber war immer noch dasselbe kleine Kind wie an dem Tage, wo sie das erste Mal mit Elsen im Walde zusammen getroffen war. Die Fräulein, welche bei der Frau vom Hause lebten, mußten Kiisike und Else täglich einige Stunden im Lesen und Schreiben und in allerlei feinen Handarbeiten unterweisen. Else begriff alles gut, aber Kiisike hatte mehr Sinn für kindliche Spiele als für nützliche Beschäftigung. Wenn ihr die Laune kam, so warf sie die Arbeit weg, nahm ihr Schächtelchen und lief ins Freie, um See zu spielen, was ihr Niemand übel nahm. Manchmal sagte sie zu Elsen: »Schade, daß du so groß geworden bist, du kannst nun nicht mehr mit mir spielen.«

 

Als jetzt neun Jahre in dieser Weise verflossen waren, ließ die Frau eines Abends Else in ihr Schlafzimmer rufen. Else wunderte sich darüber, denn um diese Zeit hatte die Frau sie noch niemals zu sich kommen lassen. Das Herz schlug ihr so heftig, daß es zu springen drohte. Als sie über die Schwelle trat, sah sie, daß die Wangen der Frau gerötet waren, ihre Augen voll Tränen standen, welche sie rasch trocknete, als wollte sie die selben vor Elsen verbergen. »Liebes Pflegkind,« begann die Frau, »die Zeit ist gekommen, wo wir scheiden müssen.« »Scheiden?« rief Else und warf sich schluchzend der Frau zu Füßen. »Nein, teure Frau, das kann nimmer mehr geschehen, bis uns einst der Tod trennt. Ihr habt mich einmal huldreich aufgenommen, darum verstoßt mich nicht wieder!« Die Frau sagte beschwichtigend: »Kind, sei ruhig! Du weißt ja noch gar nicht, was ich für dein Glück tun will.

 

Du bist heran gewachsen und ich darf dich hier nicht länger in Haft halten. Du mußt wieder unter Menschen gehen, wo Glückspfade deiner warten.« Else aber bat flehentlich: »Teure Frau, verstoßet mich nicht. Ich sehne mich nach keinem anderen Glücke, als bei euch zu leben und zu sterben. Macht mich zur Stubenmagd oder gebt mir andere Arbeit, nach eurem Belieben, aber schickt mich nicht fort in die weite Welt. Da wäre es besser gewesen, ihr hättet mich bei der Stiefmutter im Dorfe gelassen, als daß ihr mich auf so viele Jahre in den Himmel brachtet, um mich jetzt wieder in die Hölle zu stoßen.«

 

»Still, liebes Kind!« sagte die Frau - »du begreifst nicht, was ich zu deinem Glücke zu tun verpflichtet bin, wie sehr es mich auch schmerzt. Aber Alles muß so sein, wie ich es mache. Du bist ein sterbliches Menschenkind, deine Jahre nehmen zu ihrer Zeit ein Ende und deßhalb darfst du nicht länger hier bleiben. Ich und die mich umgeben haben wohl Menschengestalt, aber wir sind nicht Menschen, wie ihr, sondern Geschöpfe höherer Art und euch unbegreiflich. Du wirst in der Ferne einen lieben Gemahl finden, der für dich geschaffen ist, und wirst glücklich mit ihm sein, bis eure Tage sich zu Ende neigen. Die Trennung von dir wird mir nicht leicht, aber es muß sein, und deßhalb mußt du dich ruhig darein fügen.«

 

Dann strich sie mit ihrem goldenen Kamme durch Elsens Haar und hieß sie zu Bette gehen; aber wo sollte die arme Else in dieser Nacht den Schlaf her nehmen? Das Leben kam ihr vor wie ein dunkler sternenloser Nachthimmel.

 

Während wir Else ihrem Kummer überlassen, wollen wir uns ins Dorf begeben, um zu sehen, wie die Sachen auf dem väterlichen Hofe gehen, wo das Lehmbild an ihrer Statt der Prügelklotz ihrer Stiefmutter war. Daß ein böses Weib im Alter nicht besser wird, ist eine bekannte Sache; man erfährt wohl, daß aus einem hitzigen Jünglinge im Alter ein frommes Lamm wird, aber kommt ein Mädchen, das kein gutes Herz hat, unter die Haube, so wird sie auf die alten Tage wie ein reißender Wolf. Wie ein Höllenbrand quälte die Stiefmutter das Lehmbild Tag und Nacht, aber dem starren Geschöpfe, dessen Körper keinen Schmerz empfand, schadete es nicht. Wollte der Mann einmal dem Kinde zu Hilfe kommen, so setzte es für ihn gleichfalls Prügel, zum Lohn für seinen Versuch Frieden zu stiften.

 

Eines Tages hatte die Stiefmutter ihre Lehmtochter wieder fürchterlich geschlagen und drohte ihr dann, sie umzubringen. Wütend packte sie das Lehmbild mit beiden Händen an der Gurgel, um es zu erwürgen, siehe, da fuhr eine schwarze Schlange zischend aus des Kindes Munde, und stach der Stiefmutter in die Zunge, so daß sie tot nieder fiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Mann Abends nach Hause kam, fand er die tote Frau dick aufgeschwollen am Boden liegen; die Tochter war nirgends zu finden.

 

Auf sein Geschrei kamen die Dorfbewohner herbei. Die Nachbarn hatten wohl um Mittag einen großen Lärm im Hause gehört, aber da so etwas fast täglich dort vorfiel, war Niemand hingegangen. Nachmittags war alles still geblieben, aber Niemand hatte die Tochter erblickt. Der Körper der toten Frau wurde nun gewaschen und gekleidet, und es wurden für die Totenwächter zur Nacht Erbsen in Salz gekocht. Der müde Mann ging in seine Kammer, um zu ruhen, und dankte sicherlich seinem Glücke, daß er diesen Höllenbrand los war. Auf dem Tische fand er drei gesalzene Strömlinge und einen Bissen Brot, verzehrte Beides und legte sich zu Bette.

 

Am andern Morgen wurde er tot auf dem Platze gefunden, und zwar ebenso aufgeschwollen wie die Frau. Nach einigen Tagen wurden beide in ein Grab gelegt, wo sie einander kein Leid mehr antun konnten. Von der verschwundenen Tochter erfuhren die Bauern seitdem nichts weiter.

 

Else hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, sie weinte und beklagte die harte Notwendigkeit, so schnell und unerwartet von ihrem Glücke scheiden zu müssen. Am Morgen steckte ihr die Frau einen goldenen Siegelring an den Finger und hing ihr eine kleine goldene Schachtel an einem seidenen Bande um den Hals, rief dann den Alten, zeigte mit der Hand auf Else, und nahm darauf mit betrübter Miene von ihr Abschied. Eben wollte Else danken, als der Alte dreimal mit seinem Silberstäbchen sanft ihren Kopf berührte. Else fühlte alsbald, daß sie zum Vogel geworden war; aus den Armen wurden Flügel und aus den Beinen Adlerfüße mit langen Klauen, aus der Nase ein krummer Schnabel, Federn bedeckten den ganzen Leib. Dann hob sie sich plötzlich in die Luft und schwebte ganz wie ein aus dem Ei gebrüteter Adler unter den Wolken dahin.

 

So war sie schon mehrere Tage gen Süden geflogen und hatte wohl zuweilen gerastet, wenn die Flügel ermatteten, aber Hunger hatte sie nicht gefühlt. Da geschah es, daß sie eines Tages über einem niedrigen Walde schwebte, wo Jagdhunde sie anbellten, die freilich dem Vogel nichts anhaben konnten, weil ihnen Flügel fehlten. Mit einem Male fühlte sie ihr Gefieder von einem scharfen Pfeile durchbohrt und fiel zu Boden. Vor Schrecken war sie ohnmächtig geworden.

 

Als Else aus ihrer Ohnmacht erwachte und die Augen weit öffnete, fand sie sich in menschlicher Gestalt unter einem Gebüsche. Wie sie dahin gekommen und was ihr sonst Seltsames begegnet war, lag wie ein Traum hinter ihr. Da kam ein stolzer junger Königssohn daher geritten, sprang vom Pferde und bot Elsen freundlich die Hand, indem er sagte: »Zur glücklichen Stunde bin ich heute Morgen ausgeritten! Von euch, teures Fräulein, träumte mir ein halbes Jahr lang jede Nacht, daß ich euch hier im Walde finden würde. Obschon ich den Weg wohl hundert Mal umsonst gemacht hatte, ließ doch meine Sehnsucht und meine Hoffnung nicht nach. Heute schoß ich einen großen Adler, der hierher gefallen sein mußte; ich ging der erlegten Beute nach und fand statt des Adlers - euch.«

 

Dann half er Elsen aufs Pferd und ritt mit ihr zur Stadt, wo der alte König sie freudig empfing. Einige Tage später ward eine prachtvolle Hochzeit gefeiert; am Morgen des Hochzeitstages waren funfzig Fuder mit Kostbarkeiten angekommen, welche die liebe Pflegemutter Elsen geschickt hatte. Nach des alten Königs Tode wurde Else Königin und hat dann im Alter die Ereignisse ihrer Jugend selbst erzählt. Aber vom Tontlawald hat man seitdem Nichts mehr gesehen noch gehört.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER WELT LOHN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Knecht hat seinen Wirt vor Gericht gebracht, weil er ihm nicht richtig den Lohn gegeben hatte. Das Korn hatte der Wirt dicht gesät, der Speck war verfault, und das Geld hatte er ihm immer in alten, abgeschabten Fünfern ausgezahlt. Nun gehen sie vor Gericht klagen.

 

Aber als sie des Weges dahin gingen, ruft eine Schlange, die zwischen Steinen stecken geblieben war, sie um Erbarmen an und verspricht der Welt Lohn zu geben. Der Wirt, der wohl ein wenig liebevolles Herz hatte, hilft doch des Lohnes willen und befreit die Schlange.

 

„Streck nun den Hals aus, dann gebe ich dir mit meiner Zunge der Welt Lohn“, spricht die Schlange. Der Mann ist damit nicht zufrieden und spricht: “Dann müssen wir noch weitergehen, und wer uns zuerst entgegen kommt, der mag das Urteil sprechen.“

 

So gehen sie nun. Es begegnet ihnen ein altes Pferd, und nun erzählen sie ihr Anliegen. Das Pferd spricht: „Als ich jung war, hatte ich sehr leichte Füße, und deswegen hielt mich auch mein Herr sehr gut. Wenn der Kutscher mir den Sattel auf den Rücken legte und mich vor die Treppe des Hauses führte, da kam ich ganz lustig und tanzend, und wenn der Herr heraus kam und mit seiner Rute auf den Sattel schlug, so musste ich meine Füße ausstrecken und den Rücken gebogen halten, bis der Herr seinen Fuß aufhob. Dann musste ich anfangen ganz sachte zu gehen, aber wenn der Herr mit dem Stiefelabsatz drückte, dann musste ich die Füße loslassen. Und auf dem Weg, wenn einige geputzte Deutsche uns entgegen kamen, dann musste ich den Kopf in die Höhe halten und die Hinterfüße länger. Aber wenn einige Arme entgegenkamen, dann musste ich in die Quere über den Weg gehen, so dass der Kopf seitwärts war und der Hintern den Armen entgegen; und wenn ich dies ausführen konnte, so gaben sie mir, wenn ich nach Hause kam, so viel Hafer, als noch übrig blieb, und damit fuhr man mir dann über den Rücken, dass das Haar danach glänzend wurde. Aber nun bin ich alt geworden, und die Füße sind Steif, denn jetzt geht es nicht mehr so, und jetzt tauge ich nicht mehr zum Reiten. Nun treiben sie mich mir einem Klotz in die Riege und heißen mich bei einem Heukorb fressen. Seht, das ist der Welt Lohn.“

 

„Nun, was ist jetzt zu tun?“ – „Man muss noch weiter gehen, was kann so ein Alter urteilen? Und wer uns jetzt begegnet, der mag entscheiden.“ Nun kommt ein alter Hund entgegen, sie erzählen ihm ihr Anliegen, und er soll nun wieder entscheiden. „Als ich ein kleines Hündchen war, wurde mir ein an jedem Morgen warme Milch gewärmt, und zuletzt kam noch der Herr selbst und versuchte mit dem Finger, ob sie nicht noch heiß wäre. Und als ich erwachsen war, da nahm er mich mit auf die Jagd, und wenn ich einen Hasen fing, gab mir der Herr die Füße und den Kopf. Als ich aber nicht mehr zu rennen vermochte, so versalzte man es mir manches Mal mit der Peitsche und gab mir nicht mehr Kopf und Füße, weil ich so manchen Hasen davon gelassen hatte, und jetzt gibt man mir nicht mehr als zweimal täglich Brantweinspülicht zu lecken und befiehlt mir, draußen zu liegen und zu frieren. Wenn ihr darüber einig geworden seid, so seht ihr wohl, welches der Welt Lohn ist, und dann musst du auch deinen Hals her geben.“

 

Der Mann ist damit noch nicht zufrieden und spricht: „Was können solche urteilen, sie haben ja beide Herrenbrot gegessen. Wir müssen noch weiter gehen, Recht zu suchen.“ Die Schlange ist auch damit zufrieden, sie gehen.

 

Aber nun kommt ihnen ein Fuchs entgegen, dem sie nun wieder ihr Anliegen klagen und dass sie nicht Recht finden können. Der spricht nun: „Wenn ich euch nicht recht sprechen kann, so kann es keiner mehr tun, denn ich bin ein überaus kluges Waldtier, das schon viel auf der Welt gesehen hat. Habt ihr nicht in Büchern gelesen, welche Prozesse ich durchgeführt habe?“ Und er schleicht sich dem Mann ganz nahe ans Ohr und fragt: „Wie viel versprichst du?“ Der Mann verspricht zehn Hühner, zwei Gänse und ein Putermännchen. „Aber was für ein Urteil kann ich euch hier sprechen? Wir müssen zu der Stelle gehen, wo die Schlange zwischen den Steinen gewesen ist, und sie mag ihren Kopf ebenso dazwischen legen, dann sehe ich, wie ihr sie gerettet habt.“

 

Und das tun sie; sie legen die Schlange zwischen die Steine, und der Fuchs geht tanzend mit dem Mann zusammen in den Bauernhof. Der Mann geht nun ins Zimmer und heißt den Fuchs zu warten, erzählt der Frau, dass der Fuchs ihn gerettet hat, denn sonst wäre er nicht lebendig nach Hause gekommen, und dass man dem Fuchs zehn Hühner, zwei Gänse und ein Putermännchen geben müsse.

 

Als ob der Frau Salpeter in den Hintern gesteckt wäre, rennt sie hinaus und fängt an, aus vollem Hals die Hunde zu rufen: „Seipur, Seipur! Briten, Dux, Kranz! Hussa, hussa! Der Fuchs will unsere Hühner erwürgen!“ Und wenn der Mann nicht die Hunde eingesperrt hätte, so hätte der Fuchs recht eigentlich der Welt Lohn zu kosten bekommen. Seht, wie dieser Lohn der Welt beschaffen ist.

 

Quelle: Livische Märchen

 

SO LIEB WIE DAS LEBEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu einem der dahin wanderte, sprach das junge Mädchen, das am Wege saß: „Ach wandre doch lieber nicht mehr voran, denn du wanderst in Not und Kummer hinein.“ Er aber sah sie kaum und eilte weiter. Da saß eine andere am Wege, die sah viel älter aus und sagte: „Hüte dich doch, noch fort zu wandern, denn du wanderst in Tod und Verderbnis.“

 

Er sah sie etwas an, aber er eilte weiter, ohne mit ihr zu sprechen. Da saß zum dritten ein Weib da, faltig im Gesicht und greisenhaft in den Augen, die raunte: „Wandersmann, Wandersmann, deine Seele liegt im Bann.“

 

Da blieb er stehen mit den Worten, nun habe er aber genug von den Weiberrufen. „Es wird dich keine mehr aufhalten wollen“, mahnte die Greisin mit hoch erhobener Rechten, „aber nun höre die letzte Rede von mir. Der Rabe hat mir in aller Frühe erzählt, daß du ausziehest, die strahlende Blume zu suchen. Wir drei sind die Warnerinnen vor Gefahr für Leib und Seele dabei. Hüte dich, wenn du um deinetwillen gehst aus Fürwitz, Habgier oder Eitelkeit; dann kommt deine Leiche baldigst hier den Fluß zurück geschwommen. Sage mir, warum du gehst?“

 

Da der junge Wandersmann merkte, daß das Mütterchen es wirklich gut mit ihm meinte, so vertraute er ihr an, daß er die strahlende Blume suche, um seiner Braut vor der Hochzeit das Schönste zu schenken, was sie auf Erden wisse; sie hielte die Blume so lieb wie ihr Leben, und darum ging er.

 

Die Alte schüttelte ihr schneeweißes Haupt: „Höre, das ist nicht recht von ihr, daß sie dich gehen läßt. Dir kann es vielleicht gelingen, aber was dann daraus wird, das mußt du hin nehmen. Du gelangest jetzt an einen großen Sumpf, der voll lauter Schlangen ist; mittendurch zieht sich ein Pfad, von dem du kein bißchen abweichen darfst, wenn dir die Schlangen noch so sehr vor die Füße kriechen; weichst du nur im geringsten ab, so bist du verloren. Nachher kommt eine große Schlucht, in welcher der Riesenbär sein Lager hat, der wird dir den Weg versperren; du mußt ihm aber ganz ruhig die Hand in den Rachen stecken und ihn einladen, er möge nur zubeißen, wenn er wolle, so wirst du ihn loswerden, ohne Schaden für dich. Dann erblickst du bald die Blume, aber was du nun zu tun hast, mußt du dir alleine raten.“

 

Er kam durch den Sumpf und kam auch von dem Bären los. Wie er dann die strahlende Blume ansah, stutze er. Sie stand rings umgeben von einem tiefen grässlichen Abgrund, über den nirgends eine Brücke führte; nur an einer Stelle hing ein Spinnwebefädchen von einer Kante zur anderen. Er schloß eine Weile die Augen und schritt dann kurz gefasst über das Spinnwebefädchen, daß ihn ganz gut trug, als wäre es eine Brücke von Stein.

 

Nun konnte er die Blume pflücken; aber so oft er auch danach greifen wollte, zuckte es in ihm wieder zurück. Da warf er sich auf die Knie und rief vor sich hin: „Meine Braut ersehnt es ja, es ist ihr so lieb wie das Leben.“ Danach brach er die Blume und barg sie wohl. Kaum geschehen, erfaßte es ihn wie ein Wirbelwind. Ehe er es nur ordentlich wahrnehmen konnte, war er an den drei Frauen vorbei und flog nur so durch das Land dahin.

 

Aus dem Haus der Braut klang ihm frohes Lachen und Jubeln entgegen von allen, die darin waren. Die Braut griff voller Wonne die Blume und drückte sie an die Lippen. Auf einmal lag sie dem Bräutigam tot im Arm. Sie hatte sich selbst das Schönste auf Erden gewünscht, so lieb wie ihr Leben.

 

Volksmärchen aus  Ostpreußen

 

JONAS UND DAS KNOCHENWEIB ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einstmals hatte ein Gutsherr sieben Söhne. Doch als eine schwere Krankheit ihn befiel, wollte er keinem von seinen Söhnen das Gut übereignen, denn er dachte: Ich kann ja wieder gesund werden, und sie könnten dann hartherzig gegen mich sein. (Wir wissen ja, wie es sonst so mit den Vätern und den Müttern ist: wem zu Lebzeiten ihr Herz mehr zugeneigt ist, dem verschreiben sie bei ihrem Tode mehr.) Aber ihn trog seine Hoffnung, denn in einem unglücklichen Augenblick drückte ihm die Krankheit das Herz zusammen, und er starb eher, als er geglaubt hatte.

 

Die Söhne aber wußten nach dem Begräbnis des Vaters weder, an wen der Hof nun fallen sollte, noch wie sie ihn sich teilen könnten. Der eine will ihn haben und der andere auch. Da vertranken sie schließlich das Gut, und so hatte nun ein jeder gleich viel davon. Sie kamen dann überein, sie wollten gemeinsam irgendwo in den Dienst treten.

 

Sie zogen aus, einen größeren Bauern zu suchen, der sie alle sieben in den Dienst nimmt. Als sie einen solchen Bauern gefunden hatten, vereinbarten sie, wie es sich gehört einen Dienst auf ein Jahr und sie blieben bei ihm. Nun kam die Heumahd, und sie machten sich auf, das Gras zu mähen.

 

Als sie einen Tag gemäht hatten und schon ein gutes Stück Wiese abgemäht war, da kommen sie am nächsten Morgen wieder und sehen: irgend jemand hat alles am Tag zuvor gemähte Gras weg genommen. So geschah es an einem Tage, am zweiten und am dritten. Da kamen sie überein, in der Nacht eine Wache aufzustellen, um zu sehen, wer da kommt und das Heu wegnimmt. So blieb der Älteste über Nacht als Wächter, und die anderen gingen nach Hause.

 

In der Nacht kam eine Stute mit sieben Hengstfohlen. Sie gingen die Mähbahnen entlang und fraßen alles dort liegende Heu auf. Der Bruder versuchte immer wieder, die Pferde zu fangen, doch er konnte nichts ausrichten, und das ganze Heu wurde aufgefressen.

 

Als die Brüder am Morgen zum Mähen kamen, fragen sie den Ältesten: "Na, hast du gut aufgepaßt?" Er antwortet: "Da kam eine Stute mit ihren sieben Hengstfohlen, und sie haben alles aufgefressen, immer die Mähbahnen entlang"

 

"Du Dummkopf, warum hast du sie denn nicht gefangen?" Er sagt: "Ich habe sie die ganze Nacht hindurch zu fangen versucht, doch ich konnte nichts ausrichten..." In der folgenden Nacht wacht ein anderer, in der dritten Nacht wieder ein anderer. Keiner von ihnen hatte Erfolg.

 

In der siebenten Nacht war nur noch der jüngste Bruder übrig. Doch den wollten die anderen durchaus nicht als Wächter zurücklassen: "Wenn wir schon nichts fangen konnten, dann kannst du es doch erst recht nicht !.." Mit großer Hartnäckigkeit erreichte er jedoch irgendwie, daß er bleiben durfte. So machte er sich in der Nacht einen großen Heuhaufen zurecht und lag nun darin. Da kam die Stute mit ihren Hengstfohlen zu dem Heuhaufen, um zu fressen. Sofort packte er die Stute. Da begann sie zu sprechen und sagte: "Wenn du nach Hause geritten kommst, dann nehmen sich deine Brüder mit Gewalt die guten Fohlen, und für dich wird nur das kleinste übrig bleiben. Doch gräme dich nicht, nimm das kleinste und tue immer, was es dir sagt, dann wird alles gut ausgehen..."

 

So kam es denn auch. Kaum war der Jüngste nach Hause geritten, da teilten die älteren Brüder auch schon die besseren Pferde unter sich auf und ließen ihm nur das schlechteste übrig. Sie waren selber sieben, und es waren ja auch sieben Hengstfohlen - es fehlte keines, und keines war zu viel. Sie sprachen untereinander: "Wohin reiten wir jetzt? Wollen wir doch zum Knochenweib reiten und sie besuchen. Sie hat sieben Töchter ..."

 

Doch das Knochenweib wohnte auf einer Insel. Darum überlegten sie: "Wie sollen wir auf die Insel kommen?" Der jüngste Bruder hieß Jonas. Der sagt: "Reiten wir nur los, ich werde euch auf die Insel bringen..." Und sie ritten los. Sie kamen an das Haff. Das kleine Pferdchen sagt zu Jonas: "Schlage mit einem Tüchlein nach der einen und nach der anderen Seite, so wird das Wasser auseinander gehen."

 

Also schlug er mit einem Tuch, und das Wasser trat auseinander. Alle ritten nun zum Knochenweib zu Besuch. Sie empfing sie gastlich, gab ihnen reichlich zu essen und zu trinken. Am Abend ließ sie alle in den schönen Wohnspeicher, wo sie schlafen sollten. Doch der Jüngste ging, ehe er sich niederlegte, nach seinem Pferdchen sehen.

 

Das fing an zu sprechen und sagte zu ihm: "Wenn ihr euch hingelegt habt, werden die anderen schlafen, doch du schlafe nicht. Die Jungfern decken sich mit Decken zu, doch euch geben sie keine. Auch wenn alle schlafen, hüte du dich und schlafe nicht! Ihr werdet mit euren Mänteln zugedeckt sein. Vertausche Decken und Mäntel! Nimm die Decken und bedecke dich und deine Brüder damit, die Jungfern aber decke mit euren Mänteln zu, und du wirst sehen, was dann passiert." So tat er denn auch.

 

Als die anderen alle eingeschlafen waren, schlief er nicht, sondern vertauschte Decken und Mäntel. Die Mädchen deckte er mit den Mänteln zu, doch die Brüder und sich selbst mit den Decken, die er den Töchtern weg genommen hatte. Plötzlich, mir nichts dir nichts, löste sich der Säbel vom Haken und schnitt allen Jungfern die Köpfe ab. Da lief der Jüngling eilig zu seinem Pferdchen: ".. das und das ist geschehen: der Säbel hat alle Jungfern geköpft und ist dann wieder an seinen Haken zurückgekehrt!"

 

Das Pferdchen sagte: "Lauf flink, wecke deine Brüder und reitet so schnell wie möglich fort, daß das Knochenweib es nicht merkt!" Er lief und weckte seine Brüder: "Seht mal, hier ist es nicht geheuer für uns, reiten wir lieber nach Hause!" Alle sprangen hurtig auf die Pferde und ritten los.

 

Sie kamen an das Haff. da schlug er wieder rechts und links mit dem Tuch auf das Wasser, und sofort teilte es sich auseinander. Sie reiten durch das Haff - da kommt das Knochenweib angerannt. Das Wasser schlug sofort wieder hinter ihnen zusammen, da war nichts mehr zu machen. Das Knochenweib begann zu rufen: "Ach, Jonas, Jonas, bist du schlau, daß du meine Töchter hast köpfen lassen!"

 

Doch die sieben Brüder ritten ans andere Ufer des Haffs und sprachen untereinander: "Wohin soll'n wir jetzt reiten '! Ach, reiten wir doch zum König und treten in seine Dienste." Als sie zu den Soldaten ritten, fanden sie auf dem Wege eine wunderschöne Feder. Die wollte Jonas gern haben, er stieg ab und hob sie auf. Doch das Pferdchen erlaubt es nicht und sagt: "Du wirst dadurch in große Not kommen!" Doch nein, er gehorchte nicht und nahm die Feder mit.

 

Sie ritten zum König und traten in den Kriegsdienst. Jonas freute sich sehr über die wunderschöne Feder und steckte sie an seine Mütze und trug sie immerfort. Dem König gefiel auch die Feder und er verlangte nach ihr. Als Jonas ihm sie gab, erhielt er vom König für die Feder einen höheren Rang, als seine Brüder. Die Brüder aber packte die Wut darüber, daß er, der Jüngste, höher gestellt war als sie.

 

Sie fingen an, ihn beim König  schlecht zu machen: "Gnädiger Herr König, unser Jonas schüttet sich aus vor Lachen, daß du, der König, dich über Nichtigkeiten freust. Er behauptet, er hätte auch noch den dazu gehörigen Vogel selbst." Der König rief Jonas sofort zu sich und herrschte ihn an: "Gib mir den zu der Feder dazu gehörigen Vogel!" Der Jüngste aber erschrak, denn er wußte ja, daß er den Vogel nicht hatte. Was sollte er tun - er ging zu dem Pferdchen und fragte es, was er machen solle. "Denn so und so, der erlauchteste König fordert von mir den dazu gehörigen Vogel selbst !"

 

Das Pferdchen antwortet: "Warum hast du nicht auf mich gehört? Habe ich dir nicht gesagt, nimm diese Feder nicht, du wirst in Not geraten? Du hast nicht hören wollen. Und nun - das Knochenweib hat den dazu gehörigen Vogel, doch wie willst du ihn ihr weg nehmen? Komm, reiten wir hin, ganz gleich, wie es ausgeht!"

 

Sie ritten beide zum Knochenweib. Das Pferd gebot ihm, sich in einen Kater zu verwandeln, im Obstgarten herum zu spazieren und laut zu schreien. So tat er  es auch, er ging hin, verwandelte sich in einen Kater, lief im Obstgarten umher und schrie laut. Das Knochenweib lockte ihn: miez-miez-miez!, doch er schrie nur noch lauter.

 

Wieder lockte sie und sagte: "Liebes Katerchen, bist du nicht vielleicht Jonaslein?" Der schrie: "Nein, nein." Sie nahm ihn mit in die Gästestube und gab ihm Milch zu schlappern. Er sieht, daß der Vogel, dem die Feder gehört,  in einem Käfig sitzt. Das Knochenweib legt sich zum Mittagsschlaf hin, und Jonas packte sich darauf hin den ganzen Käfig, lief aus dem Hause und ritt davon. Als er zum Haff geritten kam, trennte er das Wasser, und als er zum anderen Ufer geritten war, schlug das Wasser des Haffs wieder zusammen. Das Knochenweib kam angerannt und rief: "Ach, Jonas, bist du schlau! Aber ich werde dich noch kriegen! Meine Töchter hast du köpfen lassen, und den kostbaren Vogel hast du mir gestohlen!"

 

Der Jüngste ritt nach Hause, übergab dem König den Vogel und erhielt dafür einen noch höheren Rang. Die Brüder packte darauf eine noch größere Wut. Sie hätten ihn am liebsten aufgefressen. Da schrieb ein anderer König an diesen, daß er, in dem und dem Monat, an dem und dem Tage, gegen ihn einen Krieg beginnen wolle. Da war der König in großer Bedrängnis geraten, denn er hatte nur ein kleines Land, der andere aber, der den Krieg ankündigte, hatte ein großes.

 

Da sagten die neidischen Brüder zum König, daß Jonas einen Säbel habe, der von selbst ein ganzes Heer nieder machen könnte. Der König rief Jonas sofort zu sich und gebot ihm, den Säbel zu geben. Er antwortete aber: "Durchlauchtigster König, einen solchen Säbel habe ich nicht." Sollte ihm der König das glauben? Wenn seine Brüder es behaupten, dann muß er solch einen Säbel haben und er der König, verlangte von Jonas den Säbel.

 

Jonas ging zu seinem kleinen Pferd und sagt: " Was soll ich jetzt machen? Wo bekomme ich einen solchen Säbel her, der allein ein ganzes Heer nieder macht?" Das Pferdchen antwortet: "Das Knochenweib hat ihn, doch wie willst du ihn bekommen? Reiten wir beide auf gut Glück zu ihr!" Sie ritten beide zum Haff. Er schlug mit dem Tuch das Wasser, und es teilte sich auseinander und sie ritten hindurch.

 

Als sie ankamen, sagte das Pferdchen zu ihm: "Verwandle dich in ihren wunderschönen Vogel und fliege auf dem Hof um her." Als sie hin geritten waren, verwandelte sich Jonas sofort in jenen Vogel, flatterte um her und sang. Gleich wollte das Knochenweib ihn greifen: "Mein liebes Vögelchen, du bist zu mir nach Hause zurück geflogen!" Sie trug ihn in die Gästestube, gab ihm Zucker zu picken und sagte: "Vöglein, bist du nicht vielleicht Jonaslein?" Doch dieser singt: "Nein, nicht Jonaslein!"

 

Da legte sich das Knochenweib zum Mittagsschlaf hin, Jonas jedoch packte den Säbel und lief damit aus dem Hause. Er ritt in das Haff, und als er am anderen Ufer war, schlug das Wasser wieder zusammen. Das Knochenweib kam gelaufen, doch sie konnte nichts mehr ausrichten. Sie ruft: "Wenn du auch noch so schlau bist Jonas,  so denke daran, daß du mich nicht noch einmal betrügen wirst!"

 

Jonas brachte den Säbel dem König und zeigte ihn ihm, doch er sagte: "Durchlauchtigster König, sei nicht böse auf mich! Ich zeige dir den Säbel nur - im Kriege werde ich ihn selber tragen, aber nach dem Kriege werde ich ihn dir übergeben." "Gut", sagte der König, "ich habe keinen Grund, auf dich böse zu sein, denn ich werde ja nicht selber im Kriege kämpfen, das brauche ich nicht. Wir wollen diesen Säbel nur als Hilfe für unser Heer haben."

 

Da kam der Tag des angegebenen Monats, und sie treten beide zum Kriege an. Als aber der Jüngste seinen Säbel los ließ da machte er das ganze Heer nieder. Der König bekam nun auch noch das andere Königreich. Da machte dieser König Jonas zum Höchsten nach ihm selbst. Die anderen Brüder platzten fast vor Neid - sie wußten nicht mehr, wie sie Jonas los werden sollten und suchten nach Möglichkeiten, ihm zu schaden.

 

Nach dem Kriege herrschte drei Tage und drei Nächte lang eine solche Finsternis, daß weder Sonne noch Mond zu sehen waren. Daraufhin meldeten seine Brüder dem König, dass Jonas  gesagt hätte, er wisse, warum drei Tage und drei Nächte diese Finsternis gekommen ist. Die Jungfrau des Haffs hätte auf dem Wasser ein Festgelage veranstaltet, so daß von den verschiedenen Freudenschüssen und Rauchschwaden die Sonne am Tage und der Mond bei Nacht nicht zu sehen gewesen waren.

 

Der König schickte Jonas sofort hin, die Wasserjungfrau zu fangen und vor ihn zu bringen. Jonas lief zu seinem Pferdchen: "Was soll ich tun? Kann ich irgendwie die Wasserjungfrau fangen?" Das Pferdchen antwortet: "Wir fangen sie, aber nimm einen kleinen Tisch und zwölf Flaschen gefüllt mit einem starken, wohlschmeckenden Trunk mit."

 

Jonas lief und besorgte alles, und beide ritten los. Sie kamen zum Haff, stellten das Tischlein am Ufer auf, stellten alle Flaschen darauf und zogen sich zurück. Die Wasserjungfrau tauchte im Haff ein Stückchen vom Ufer entfernt auf, tauchte wieder unter, dann tauchte sie wieder ganz nahe am Ufer auf, stieg das steile Ufer hinauf, kam zu dem Tischchen, nahm eine Flasche, trank sie aus, dann die zweite und die dritte und fiel schließlich  unter den Tisch um. Das Pferdchen sagt: "Lege sie jetzt auf meinen Rücken, steige selber auf und reite nach Hause, doch wecke sie nicht!" Die Wasserjungfrau wachte nicht auf, als sie  nach Hause ritten.

 

Der König war ein Witwer, und als er die Wasserjungfrau erblickte, wollte er sie sofort heiraten, . "Nein", sagt sie, "ich werde dich nicht heiraten, solange du nicht so schön geworden bist wie ich." Der König fragt: "Wie kann ich so schön werden wie du?" Sie antwortet: "Lasse einen Kessel voll süßer Milch aufkochen, springe in die kochende Milch, und du wirst so schön, wie ich."

 

Der König befahl sofort einen Kessel mit Milch kochen zu lassen. Seine Köche brachten die Milch zum Kochen, doch der König konnte und konnte sich kein Herz fassen, um hinein zu springen. Er gebot Jonas hinein zu springen.  Jonas lief zum Pferdchen, um sich Rat zu holen: "Pferdchen, soll ich hinein springen, wenn der König mich dazu drängen sollte?" Das Pferdchen antwortet: "Wenn er dich nötigen wird, so springe nur, aber gib dir die größte Mühe gleich wieder heraus zu springen!"

 

Er lief zurück - der König ging immer noch unschlüssig um den Kessel herum: "Nun, Jonas, wirst du zuerst hinein springen?" Daruf hin sprang Jonas sofort - hops - hinein und wieder hinaus. Und als er sofort wieder heraus gesprungen kam, war er eben so schön wie die Jungfrau. Nun wollte auch der König springen, doch  als er hinein sprang, zerging er sofort in der Milch. Daraufhin heiratete Jonas die Jungfrau und wurde ein sehr tapferer und gerechter König. So beschämte er alle seine Neider.

 

Je mehr die Neider einem Menschen übel wollen, desto besser gelingt ihm alles.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DIE SONNE UND DIE MUTTER DER WINDE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal drei Brüder. Der eine Bruder, Juozapas, sah mit seinen Augen immer zwei Sonnen: am Morgen zur Frühstückszeit und gegen Abend zur Zeit der Vesper, sonst sah er die zweite Sonne nicht. Er bat seine Brüder, sie möchten ihn die andere Sonne suchen lassen. Die Brüder ließen ihn ziehen und segneten ihn. Er zog in andere Länder und kam in große Wälder. Da hörte er im Walde einen lauten Streit. Juozapas wollte gerne wissen, wer sich dort zankt. Er sah einen Löwen, einen Habicht, eine Ameise und einen Wolf, die  einen Bullen gerissen hatten und wissen nun nicht, wie sie ihn unter sich aufteilen sollen.

 

Da bemerkte der Löwe den Menschen und rief ihn herbei: "Mensch, sei so gut, teile das Fleisch unter uns auf!" Da schnitt Juozapas dem Bullen den Kopf ab und gab ihn der Ameise: "Du bist klein, du kannst alle kleinen Löcher leer fressen." Das Fleisch gab er dem Löwen, die Knochen dem Wolf, die Därme dem Habicht. "Seid ihr alle mit meiner Teilung zufrieden?" fragte er - "Ja, sehr zufrieden!" Jedes der Tiere gab ihm ein wenig von seinen Haaren, die Ameise gab ihm einen Fühler, der Habicht eine Feder: "Wenn du einmal in Not bist, dann erinnere dich an unsere Gaben - dann wird wahr, was du dir wünschst!" Juozapas ging weiter durch den Wald und wurde hungrig. Er dachte an den Wolf und wurde sogleich zum Wolf, fing sich einen Widder und aß sich satt. Dann dachte er an den Habicht. Er wurde zum Habicht und flog schnell in ein fernes Land.

 

Es fügte sich so, dass er in das Reich der Mutter der Winde flog. Er ging in ein Haus und grüßt mit dem Lob Gottes. "In Ewigkeit! Was suchst du?"  wurde er gefragt - "Ich suche die zweite Sonne." - "Ich werde ein Knäuel rollen. Folge diesem Knäuel - und du kommst zu meiner Mutter." Er fasste mit dem Schnabel, da er ein Habicht war, den Faden, und er musste sehr weit  fliegen, bis er zur Mutter der Winde kam.

 

Die Mutter der Winde stellte ihn in den Obstgarten als Wächter ein: "Wenn du auf den Garten aufpasst, wirst du morgen von der Sonne hören!" Sie gab ihm ein Schwert, und er ging hinaus in den Obstgarten. Mitten in der Nacht kam ein Mann, die Bäume reichten ihm nicht einmal bis zu den Lenden. Wie nichts stieg der Riese über den Zaun, riß Bäume aus und wollte sie davon tragen. Juozapas stürzte sich mit dem Säbel auf ihn und hieb dem Riesen beide Hände ab, und der Riese ging fort. Nach einer Stunde kam ein anderer, der trat den Wald mit seinen Füßen nieder. Er stützte sich auf den Zaun, wollte wieder einen Apfelbaum ausreißen. Da schlug Juozapas ihm den Kopf ab. Da kam ein dritter Riese, den spaltete er mitten durch.

 

Als es Tag wurde, ging Juozapas zur Hausherrin und erzählte ihr von den Sorgen und Mühen dieser Nacht. Da ging die Mutter der Winde mit ihm in den Obstgarten nachsehen, und sie fand die erschlagenen Riesen. Für diese gute Tat schenkte sie ihm drei Äpfel. Diese Äpfel waren sehr kostbar. Sie rief ihre Kinder zusammen, die vier Winde, und fragte sie: "Habt ihr nicht irgendwo die zweite Sonne gesehen?"

 

Der Nordwind antwortete: "Das ist keine Sonne. Ich war heute dort und habe sie gesehen. Das ist eine Jungfrau auf einer Insel im Meer, dort steht ihr Palast. Sie hat Haare wie die Sonne." Die Mutter der Winde rollte für Juozapas wieder ein Fadenknäuel auf. Er verwandelte sich in einen Habicht, ergriff mit dem Schnabel den Faden und flog ans Ufer des Meeres.

 

Da kam der Nordwind zu ihm geflogen und riet ihm: "Warte jetzt bis zum Abend. Dann kommt der Bulle der Jungfrau mit drei Kühen aus dem Walde nach Hause, und sie schwimmen über das Meer zum anderen Ufer. Hänge dich dem Bullen an den Schwanz, er bringt dich zum anderen Ufer hinüber. Aber wenn du drüben bist, dann tauche unter, denn er stößt dich mit den Hörnern zu Tode, wenn er dich sieht.

Wenn du aus dem Wasser kommst, wirst du auf der Insel einen Birkenstamm finden. Krieche unter den Stamm, denn der Bulle wird dich suchen. Nach dem Frühstück geh ins Schloß und finde das Zimmer, wo die Jungfrau schläft. Du wirst sie schlafend vorfinden, sie liegt auf dem Gesicht. Setze dich auf ihren Rücken wie auf ein Pferd, winde ihre Haare um deine Hände. Sie wird sagen: 'Lass mich frei! Wenn du mich nicht frei lässt, wird das Land verschwinden und überall Meer sein.' Antworte darauf: 'Ich werde auf dir zum Ufer schwimmen.' Dreimal wird sie das sagen und du antwortest immer das selbe. Warte bis sie zu dir sagt: 'Du bist mein, ich bin dein.' Dann lass sie frei."

 

Als abends der Bulle mit den Kühen aus dem Walde heim kam, hängte sich Juozapas  an den Schwanz des Bullen, und der brachte ihn über das Wasser. Darauf tat Juozapas alles nach dem Rat des Windes. Die Jungfrau ließ er erst frei, als sie gesagt hatte "Du bist mein, ich bin dein!" Sie beide lebten dort viele Jahre, und Juozapas als ihr niedriger Diener. Er trieb selbst jeden Morgen die Kühe über das Meer, der Bulle tat ihm nichts mehr.

 

Einmal fand Juozapas auf einem Dornenstrauch ein Haar der Jungfrau, und fand eine Haselnuss mit einem Loch. Er wickelte das Haar zusammen, steckte es in die hohle Nuss und warf sie ins Meer. Da leuchtete aus dem Meer ein Strahl zum Himmel auf, wie der größte Stern. Ein Königssohn, der auf dem Meere fuhr, sah den hellen Strahl. Er richtete sein Schiff direkt auf den Strahl zu, fuhr näher heran, schaute durch sein Fernrohr und fand die Haselnuss. So schnell wie möglich fuhr er nach Hause zurück.

Der Königssohn hatte eine alte Hexe in seinen Diensten und er fragte diese: "Sage, Großmütterchen, was ist das für ein Haar?" - "Es gibt eine Jungfrau mit solch goldenen Haaren!" - "Könntest du sie nicht hierher schaffen? Ich werde dir dafür eine goldene Hängewiege gießen und dich Tag und Nacht schaukeln!"

 

Die alte Hexe verwandelte sich in eine Bettlerin und ging zu der Jungfrau, und sie erzählte ihr, dass man sie von einem Schiff gejagt und ans Ufer gesetzt hätte: "Ich arme Bettlerin habe sie gebeten mich mitfahren zu lassen, doch sie haben mich hier ans Ufer gesetzt. Vielleicht nimmt die gnädige Herrin mich als Dienerin? Ich will ihr treulich dienen."

 

Die Jungfrau nahm sie auf als Dienerin. Die Hexe war bei der Jungfrau eine Woche, eine zweite - sie erwies sich treu, wie eine richtige Dienerin. Was die Herrin sie zu tun hieß, das machte sie zweimal besser, als es von ihr gefordert war. Als die Hexe eines Nachts den Königssohn traf, gebot sie ihm, ein goldenes Schiff gießen zu lassen und dorthin zu fahren, wo er die Haselnuss gefunden hatte; und er sollte dafür sorgen,  dass dort eine silberne Brücke sein sollte.

 

Am Morgen um die achte Stunde stand die Jungfrau auf, trat aus ihrem Palast und erblickte das neue Schiff. Ein solches Schiff hatte sie noch nie gesehen! Die alte Frau rief die Herrin zu: "Kommt, wir wollen uns das Schiff ansehen!" Die Jungfrau war barhäuptig aus dem Palast getreten, und sie wollte zurück kehren, um ein Tuch zu holen. Doch die Zauberin sagte zu ihr: "Ich werde eines holen!" und sie begab sich zurück zum Palast.

 

Als sie dort an kam, schlief Juozapas noch. Die Hexe nahm ein Messer und schlachtete ihn ab. Sie nahm  ihm die Lunge und die Leber heraus, und im Vorübergehen warf sie beides ins Meer. Die Herrin wußte nicht, was sie da getan hatte. Sie kammen nahe an das Schiff heran und sahen, dass kein Mensch darauf war. Die Zauberin forderte die Herrin auf ein zu steigen, um sich das Schiff an zu sehen.

Als sie eingestiegen war, fuhr das Schiff aufs Meer hinaus. Da kam der Königssohn heraus gesprungen, ergriff die Herrin und führte sie in sein Gemach: "Fürchte dich nicht, bei mir wirst du es besser haben als hier. Ich habe ein Königreich, ich habe viele Krieger." Er fuhr mit ihr in sein Königreich. Er wollte sie sofort heiraten. Die Jungfrau wollte ihn nicht heiraten und sagte dem Königssohn: "Ich kann erst in einem Jahr heiraten! Ich trauere um meinen Vater, der  vor kurzem gestorben ist." So lange sie nur immer konnte, zögerte sie immer wieder die Zeit hinaus, denn sie wollte nicht, dass er sie heiratete.

 

Im Land der Mutter der Winde, kamen alle vier Winde bei ihrer Mutter zusammen, um von ihr Neuigkeiten zu hören. Sie sahen, dass im Obstgarten der Mutter alle Apfelbäume verwelkt waren. "Warum ist das so, Mütterchen?" - "Lauft hin und seht nach, vielleicht ist unser Freund  der unseren Garten bewacht hat, nicht mehr am Leben." Also flogen alle vier Winde aus, um Juozapas zu finden. Sie fanden ihn abgeschlachtet im Schloß auf der Insel. Sie fingen an, an den Ufern entlang und überall im Wasser seine Lunge und Leber zu suchen. Da sahen sie einen sehr großen Krebs, der die Lunge in seine Höhle schleppte. Sie nahmen ihm die Lunge und die Leber weg.

 

Der Nordwind tauchte in das Meer und brachte das heilende Wasser des Lebens mit. Sie bestrichen und wuschen Juozapas mit dem Heilwasser und Juozapas wurde lebendig und gesund. Die vier Winde fragten: "Wo ist die Jungfrau abgeblieben?" - "Ich weiß es nicht. Ich hatte geschlafen." - "Nein, du bist abgeschlachtet worden! und die Jungfrau ist verschwunden." Darauf hin suchte Juozapas  die Jungfrau in allen Ländern -  aber nirgends konnte er seine Herrin finden. Er fragte die Winde um Rat: "Was soll ich jetzt tun?"

 

Der Nordwind sagte: "Geh im Schloß in ihr Gemach, dort findest du Zaumzeug und einen Sattel. Sattle dir deinen Bullen, er wird sich in ein prächtiges Pferd verwandeln, dass es im ganzen Königreich kein zweites solches gibt. Steige auf, und reite dann über dem Meer, denn  du wirst besser voran kommen  als über Land. Das Pferd wird dich in das Königreich bringen, wo die Jungfrau sich befindet. Dort wird an dem Tage Pferdemarkt sein, und der König wird versuchen, dir den Hengst ab zu kaufen. Wenn er anfängt zu handeln, dann sage: 'Wenn ihr kaufen wollt, so kauft, ich habe keine Zeit', sage es so lange, bis die Jungfrau heraus kommt." Juozapas tat alles nach dem Rat des Windes.

 

Da kam die Jungfrau heraus, und sie erkannte ihr Tier. Sie ergriff Juozapas bei der Hand, trat ihm auf den Fuß und stieg auf. Sie erhoben sich in die Lüfte und flohen zu ihrem Palast. Der König viel in tiefe Trauer. Er fragt die Zauberin: "Was soll ich jetzt tun? Wie bekomme ich die Jungfrau zurück?" - "Da gibt es keine Hilfe mehr!" antwortete ihm die Hexe.

 

Als die Jungfrau wieder  nach Hause kam, ließ sie den Bullen frei. Der Bulle viel  auf die Knie nieder und begann mit menschlicher Stimme zu sprechen: "Schlage mir den Kopf ab!" Die Jungfrau wollte ihm den Kopf nicht abschlagen, aber schließlich, nach langem Bitten, musste sie es doch tun. Sie schlug ihm den Kopf ab, und es verschwand der vierte Teil des Meeres, und an seiner Stelle war nun Land. Und aus dem Bullen wurde ihr Bruder. Sie schlug allen drei Kühen die Köpfe ab, und diese verwandelten sich in ihre Schwestern. Da verschwand das ganze Meer, und es entstand überall Land. Es siedelten sich dort Menschen an und die Jungfrau wurde Königin in diesem Lande. Juozapas wurde ihr Mann und König, weil er dabei behilflich war, ihren Bruder und ihre Schwestern, zu erlösen. Alle  lebten nun glücklich und froh zusammen. Und so endet das Märchen.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DIE GESCHENKE DES FROSTES ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal ein Greis und eine Greisin. Die Alte war aber nicht gesund: sie hustete in einem fort und konnte keinerlei Arbeit verrichten. Deshalb liebte der Greis sie nicht, und er hoffte von Tag zu Tag, dass sie endlich sterben möchte. Doch die Greisin dachte gar nicht daran zu sterben, sie hielt sich und quälte sich immer so weiter. Als der Greis sah, dass sie nicht starb, packte er sie, warf sie, nur mit einem Hemd bekleidet, in den Schlitten, fuhr mit ihr in den Wald, warf sie auf einem Berge hinaus und fuhr einfach wieder nach Hause. Und es friert, friert, dass es nur so knackt!

 

Die Alte schmiegt sich an einen Stein, sitzt und wartet auf den Tod. Sie sieht, dass sie erfrieren muss. Wie sie da so saß, kam ein furchtbar großer Herr und fragt die Greisin: "Nun, wie ist's - friert es, Weiblein?" - "Es friert, lieber Herr, wie sollte es nicht frieren? Es ist ja jetzt die Zeit dafür, soll es nur ordentlich frieren!" Da wandte sich der Herr und ging weiter. Doch inzwischen hatte die Kälte etwas nachgelassen.

 

Nach kurzer Zeit kommt derselbe Herr wieder, doch er war schon viel kleiner. Er brachte einen Schafspelz, Stiefel, ein Kopftuch und einen halben Laib Käse, und wieder fragt er die Alte: "Friert es. Weiblein?" Die Alte antwortete: "Es friert, lieber Herr, das muss es ja, es ist die Zeit dafür; soll es ordentlich frieren!" Da zog der Herr der Alten den Schafspelz und die Stiefel an, band ihr das Kopftuch um, reichte ihr den halben Käse und gebot ihr zu essen, doch selbst ging er wieder fort. Die Kälte hatte schon fast ganz aufgehört. Da wurde der Alten warm. Sie sitzt still für sich an den Steinen und isst Käse.

 

Nicht lange darauf sah sie, dass jemand in einer schönen Kutsche angefahren kommt, die mit vier Pferden bespannt war. Als die Kutsche nahe herangekommen war, erkannte sie ihn wieder: es war jener Herr, doch nun war er schon ganz klein geworden. Als er herangekommen war, fragte er: "Friert es, Weiblein?" - "Es friert, lieber Herr, warum sollte es nicht frieren? Das muss es doch, es ist die Zeit dafür; soll es ordentlich frieren!" Darauf stieg der Herr aus der Kutsche, setzte die Alte hinein, gab ihr einen großen Sack voller Geld und gebot ihr, nach Hause zu fahren.

 

Da fuhr die Alte nach Hause. Der Greis sah, dass jemand mit einem Kutschwagen auf seinen Hof gefahren kommt. Er meinte, dass irgendein Herr gekommen ist, um ihn zu verprügeln, weil er die Alte hat zu Tode frieren lassen. Er lief eilig aus der Hütte, um ihn ohne Mütze zu empfangen, doch da sieht er, dass in der Kutsche seine Alte sitzt und einen großen Sack voll Geld hat. Jetzt versöhnte sich der Greis mit der Alten, und sie lebten hinfort in Eintracht miteinander.

 

Nicht weit von ihnen in der Nachbarschaft lebte ein anderer Greis. Als er von dieser Sache hörte, besprach er sich mit seiner Frau, dass sie den Frost betrügen wollen. Obwohl beide zuvor in großer Eintracht lebten, fing der Greis jetzt absichtlich an, die Alte zu hassen, und als die Kälte gekommen war, fuhr er die Alte auf den Berg und ließ sie da, nur mit einem Hemd bekleidet. Und es friert, dass es kracht und die Zäune bersten!

 

Da kommt ein sehr großer Herr und fragt die Alte: "Nun, wie ist's - friert es, Weiblein?" Die Alte erhob die froststarren Augen und begann, obwohl sie die steife Zunge kaum rühren konnte, zu fluchen und sagte: "Fort mit dir, du Verfluchter, dass dich doch das Donnerwetter erschlagen möchte!" Der Herr wandte sich und ging fort. Doch mittlerweile begann es noch stärker zu frieren.

 

Nach kurzer Zeit kommt derselbe Herr wieder, doch er war jetzt noch viel größer, und fragt die Alte: "Friert es, Weiblein?" Doch wie zuvor verfluchte ihn die Alte und schrie nur in einem fort, dass ihn das Donnerwetter erschlagen möchte. Denn, siehst du, sie glaubte, dass der Herr hier lauert, um an ihr Geld zu kommen, das sie erwartete. Wie sie da so saß und wetterte, erstarrte sie schließlich. Da steckte der Frost sie in den großen Sack, legte sie in einen Trog, spannte ein Schwein davor und fuhr sie zur Hütte des Greises.

 

Als der Alte sah, dass jemand angefahren kommt, lief er voller Freude zum Empfang hinaus, doch als er gesehen hatte, dass sie nicht mit Pferden in einer Kutsche kam, sondern mit einem Schwein in einem Trog, wurde der Alte traurig. Aber als er sah, dass in dem Trog ein großer Sack lag, vergaß er, dass doch die Alte nicht zu sehen war, und stürzte sich mit Freude auf den Sack, denn er glaubte, das wäre der Sack voller Geld. Er bindet ihn auf und sieht: das ist seine Alte, völlig erstarrt.

 

Das war also die Lehre, die der Greis für seine Gier nach Geld erhielt.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DIE FLIEGENDEN HASELNÜSSLEIN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Alter mit seiner Alten. Und der Greis verließ das Weib. Der Sohn und die Tochter blieben bei der Alten. Der Greis ging zu einer Zauberhexe.

 

Einmal gingen die Kinder aus, um den Vater zu besuchen. Sie kamen zu der kleinen Hütte und baten, dass sie übernachten dürften. Doch die Hexe erlaubte es nicht. Die Kinder bitten, dass sie sich wenigstens im Garten ein kleines Feuer anmachen dürfen. Sie sagt: "Geht und macht euch eins!" Sie waren sehr müde und schliefen ein. Da schweben um das Feuer zwei Haselnüßlein. Und die Hexe fragt: "Schlafen die beiden jungen Fürsten?" Die Haselnüßlein antworten: "Wir schlafen nicht, wir überlegen, wie wir die Hexe totschlagen können."

 

Sie lief ins Haus. Nachdem sie sich dort etwas aufgehalten hatte, kam sie wieder angelaufen. Doch jetzt schwebte nur ein Haselnüßlein umher. "Schlafen die beiden jungen Fürsten?" - "Wir schlafen nicht, wir denken nach, wie wir die Hexe totschlagen können." Und das andere Haselnüßlein fiel ins Feuer. Als die Hexe zum dritten Mal fragte, antwortete niemand mehr. Sie kam und schlachtete die Kinder.

 

Und ihre Mutter wartet, aber sie kommen nicht - da geht sie die Kinder suchen. Jemand sagte ihr dort Bescheid und zeigte ihr den Weg. Sie kam zu dem Feuer, fand die Knochen und sang:

"Hier liegt, hier liegt

Der Fürst unten und mit ihm die Fürstin,

Hier liegen auch meine beiden Kindlein

An dem Graben verscharrt."

 

Sie klagt schmerzlich, verwandelt sich in einen bunt gesprenkelten Kuckuck und fliegt davon. Sie fliegt an das Fenster des Alten und singt:

"Ku-ku, o ihr meine Kindlein,

Ku-ku, o ihr meine Blümlein,

Ku-ku, sagte ich euch nicht,

Ku-ku, bat ich euch denn nicht:

Ku-ku, Vater findet ihr nicht,

Ku-ku, ihr verliert die Mutter,

Ku-ku, selber sterbt ihr beide!"

 

Der Alte: "Wer singt hier am Fenster?" Da scheucht die Hexe den Kuckuck vom Fenster fort. Doch der Greis sagt: "Mag er doch singen!" Der Kuckuck aber singt am anderen Fenster dasselbe:

"Ku-ku, o ihr meine Kindlein,

Ku-ku, o ihr meine Blümlein,

Ku-ku, sagte ich euch nicht,

Ku-ku, bat ich euch denn nicht:

Ku-ku, Vater findet ihr nicht,

Ku-ku, ihr verliert die Mutter,

Ku-ku, selber sterbt ihr beide!"

 

Dann sang der Kuckuck auch am dritten und am vierten Fenster und an der Tür. Der Greis ließ den Kuckuck in das Haus, warf ihn über die eine Schulter, dann über die andere, verwandelte ihn wieder in einen Menschen und ging zu den Knochen der Kinder. Er warf die Knochen über die eine Schulter, dann über die andere, über den Kopf - und sie wurden wieder zu den Kindern.

 

Doch die Hexe legte er auf die Zinken einer Egge und fuhr mit ihr über die Felder.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DER GÜTIGE HOLZFÄLLER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einst ging ein Mann in den Wald, um Holz zu fällen. Er kam zu einer Birke und wollte sie fällen. Als die Birke die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin noch jung und habe viele Kinderchen, die um meinen Tod weinen würden." Der Mann gab der Bitte nach und ging zur Eiche, um sie zu fällen.

 

Als die Eiche die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin noch nicht groß und stark, meine Eicheln noch nicht reif, um sie zu säen. Woher soll für deine Kinder ein Eichenwald wachsen, wenn meine Eicheln verkommen?" Der Mann gab der Bitte der Eiche nach und ging zur Esche, um sie zu fällen.

 

Als die Esche die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin noch jung und war erst gestern auf Brautschau. Was wird aus der Liebsten, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Esche nach und ging zum Ahorn, um ihn zu fällen.

 

Auch der Ahorn begann jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Meine Kinder sind noch klein und schwach, was wird aus ihnen, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte des Ahorns nach und ging zur Erle, um sie zu fällen.

 

Als die Erle die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich treibe gerade Saft und ernähre damit viele kleine Tierchen. Was wird aus ihnen, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Erle nach und ging zur Espe, um sie zu fällen.

 

Die Espe aber begann jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich muss mit meinen Blättern im Winde säuseln und des Nachts die Bösen vor ihren Taten warnen. Was wird aus der Welt, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Espe nach und ging zum Vogelkirschbaum.

 

Als der Vogelkirschbaum die Axt sah, begann er jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Meine Krone steht noch voller Blüten, und ich muss den Vögelchen Schutz bieten, wenn sie auf meinen Zweigen singen. Wo könnten die Leute so schönen Vogelgesang hören, wenn alle Vögelchen geflohen sind, weil du mich gefällt hast?" Der Mann gab der Bitte des Vogelkirschbaums nach und ging zur Eberesche, um sie zu fällen.

 

Die Eberesche aber begann jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich blühe gerade so schön und werde viele Beeren tragen, die im Herbst und im Winter den Vögeln als Futter dienen. Was wird aus den Ärmsten, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Eberesche nach und dachte: 'Wenn es mit den Laubbäumen nichts wird, muss ich mein Glück bei den Nadelbäumen versuchen!' Er ging zur Fichte und wollte sie fällen.

 

Als die Fichte die Axt sah, begann sie jämmerlich zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin noch jung und stark und muss meine Kinder großziehen, im Sommer und im Winter aber zur Freude der Menschen grünen. Wo würden sie Zuflucht finden, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Fichte nach und ging zur Kiefer.

 

Als die Kiefer die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Bin noch jung und stark und muss mit der Fichte um die Wette grünen. Es wäre schade, wenn du mich fällst!" Der Mann gab der Bitte der Kiefer nach und ging zum Wacholder, um ihn zu fällen.

 

Der Wacholder aber begann jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin der größte Schatz des Waldes und bringe allen nur Glück, denn man kann mit mir neunundneunzig Krankheiten heilen. Was wird aus den Menschen und den Tieren, wenn du mich fällst?"

 

Nun setzte sich der Mann nieder und begann zu grübeln: "Was ist es doch wunderlich, dass jeder Baum seine Sprache hat und für sich bitten kann, um nicht umzukommen. Was soll ich tun, wenn ich keinen Baum mehr finde, der sich stillschweigend fällen lässt? Ich bringe es nicht übers Herz, ihnen ihre Bitte abzuschlagen. Hätte ich kein Weib würde ich mit leeren Händen heimkehren."

 

Da trat aus dem Dickicht ein alter Mann hervor, mit langem, grauem Bart, einem Hemd aus Birkenrinde und einem Wams aus Fichtenborke, und fragte den Holzfäller: "Warum bist du so betrübt, Brüderchen? Hat dir jemand Schlechtes zugefügt?" Der Mann erwiderte: "Warum sollte ich nicht betrübt sein? Ich nahm am Morgen die Axt und ging in den Wald, um Brennholz zu fällen und es nach Hause zu schaffen. Aber welch Wunder! Plötzlich scheint der ganze Wald zu leben, und jeder Baum hat eine Bitte, dass ich es nicht übers Herz bringe, sie ihnen abzuschlagen. Es komme, was da will aber ich habe kein Herz, die lebenden Bäume zu töten."

 

Der Alte sah ihn mit gütigen Augen an und sagte: "Hab Dank, guter Mann, dass du ein Ohr für das Bitten meiner Kinder hattest. Für deine Güte werde ich dich belohnen und dafür sorgen, dass es dir nie an etwas fehlen wird. Das unvergossene Blut meiner Kinder soll dein Glück bedeuten. Es soll dir von jetzt ab niemals mehr an Brennholz fehlen, in dein Haus wird Segen ziehen, so dass du nichts weiter tun musst, als deine Wünsche auszusprechen. Verstehe aber, deine Wünsche zu zügeln. Sage es auch deinem Weib und deinen Kindern, dass sie in Maßen sich etwas wünschen sollen, so dass jeder Wunsch die Möglichkeit der Erfüllung nicht übersteigt. Sonst könnte das Glück zum Unglück werden. Hier, nimm diese Goldrute, und hüte sie wie deinen Augapfel!"

 

Er reichte dem Mann eine lange Goldrute und fügte noch hinzu: "Willst du ein Haus bauen oder andere notwendige Arbeit verrichten dann geh zum Ameisenhaufen, lasse dreimal darüber die Rute sausen, aber pass auf, dass du nicht den Ameisenhaufen triffst, sonst könntest du den kleinen Wesen weh tun. Sag ihnen, was du wünschst, und am Morgen wird alle Arbeit deinem Wunsch nach verrichtet sein.

 

Hast du Hunger, befiel dem Kochtopf zu kochen, was du begehrst. Möchtest du als Nachspeise etwas Leckeres, zeige die Goldrute den Bienen, und sie werden dir Honig bringen, der für dich und auch für deine Familie reichen wird. Möchtest du aber Saft, dann geh zur Birke oder zum Ahorn, sie werden deinen Wunsch sofort erfüllen. Die Eberesche wird dir Milch bringen und der Wacholder Gesundheit, du brauchst es ihnen nur zu sagen.

 

Der Kochtopf wird dir jeden Tag Fisch- und Fleischgerichte kochen, ohne dass du nur ein Lebewesen zu töten brauchst. Möchtest du Seide oder wollenen Stoff, so sag es den Spinnen, sie werden dir weben, soviel du benötigst. Es wird dir an nichts fehlen, du wirst alles in reichlicher Fülle haben, denn du hattest ein Herz für meine Kinder und ließest sie am Leben. Ich bin der König des Waldes, der Herrscher aller Bäume." Dann sagte der Alte ihm Lebewohl und war im nächsten Augenblick verschwunden.

 

Der Mann hatte aber ein böses Weib, das ihn schon auf dem Hof wie ein zornig bellender Hund empfing, als es ihn mit leeren Händen aus dem Walde kommen sah. "Wo ist das Holz, das du bringen solltest?" schrie das Weib. Der Mann erwiderte leise: "Es wächst im Walde weiter!"

 

Das Weib herrschte ihn zornig an: "Ach, hätten sich doch alle Birkenruten zu einem Bündel geschnürt und dir Faulpelz das Fell gegerbt!" Der Mann ließ heimlich seine Rute sausen und sagte so, dass das Weib es nicht hörte: "Möge sich der Wunsch an dir selbst erfüllen!"

 

Plötzlich begann das Weib, laut zu jammern: "Aua-aua-au! Es tut ja so weh! Aua-au! Schenkt mir Gnade, schenkt mir Gnade!" Mit lautem Geschrei sprang sie bald hier hin, bald dort hin und schrie und jammerte vor Schmerzen. Die Rute aber schlug immer wieder kräftig zu. Als der Mann dachte, es würde genug sein, gab er seiner Rute leise den Befehl.

 

Nun merkte der Mann, welch teures Geschenk er vom Herrscher des Waldes bekommen hatte, konnte er doch mit der Glücksrute auch sein böses Weib strafen. Auf seinem Hof stand ein alter Schuppen, und so beschloss er, noch am selben Tage die Baukunst der Ameisen zu probieren. Er ging zum Ameisenhaufen, ließ dreimal die Goldrute sausen und rief: "Baut mir bitte auf meinen Hof eine neue Scheune!" Als er sich am anderen Morgen den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, sah er, dass die Scheune schon fertig war.

 

Wer hätte nun glücklicher sein können als der gütige Mann. Sie hatten nicht die geringsten Sorgen. Was das Herz begehrte und die Goldrute dem Kochtopf befahl, das brachte der Kochtopf ihnen auf den Tisch, und sie hatten weiter keine Mühe, als es zu essen. Die Spinnen webten ihnen Stoff, die Maulwürfe pflügten ihr Feld, und die Ameisen säten und brachten die Ernte ein, so dass der Mann und sein Weib keinen Finger zu krümmen brauchten.

 

Wurde aber die Frau wieder böse oder hatte schlechte Gedanken, musste sie es durch die Macht der Goldrute selbst auskosten. Der Mann lebte mit der Goldrute glücklich bis ans Ende seiner Lebtage, denn er wünschte sich nie etwas, was unmöglich gewesen wäre. Vor seinem Tode vererbte er die Goldrute seinen Kindern und lehrte sie so, wie der Alte des Waldes es ihn gelehrt hatte, mit der Rute wie mit einem zarten Gegenstand umzugehen und sich nie Unmögliches zu wünschen.

 

Die Kinder folgten dem Rat des Vaters und lebten ebenso glücklich wie er.

 

Quelle: Märchen aus Estland

 

DER NORDLANDS-DRACHE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vormals lebte, der Erzählung alter Leute zufolge, ein gräuliches Untier, das aus Nordland gekommen war, schon große Landstriche von Menschen und Tieren entblößt hatte, und allmählich, wenn niemand Abhilfe gebracht hätte, alles Lebendige vom Erdboden vertilgt haben würde.

 

Es hatte einen Leib wie ein Ochs und Beine wie ein Frosch, nämlich zwei kurze vorn und zwei lange hinten, ferner einen schlangenartigen zehn Klafter langen Schweif; es bewegte sich wie ein Frosch, legte aber mit jedem Sprung eine halbe Meile zurück. Zum Glücke blieb es an dem Ort, wo es sich einmal niedergelassen hatte, mehrere Jahre, und zog nicht eher weiter, als bis die ganze Umgegend kahl gefressen war. Der Leib war über und über mit Schuppen bedeckt, welche fester waren als Stein und Erz, so daß nichts ihn beschädigen konnte. Die beiden großen Augen funkelten bei Nacht und bei Tage wie die hellsten Kerzen, und wer einmal das Unglück hatte, in ihren Glanz hinein zu blicken, der war wie bezaubert, und mußte von selbst dem Ungeheuer in den Rachen laufen. So kam es, daß sich ihm Tiere und Menschen selber zum Fraße lieferten, ohne das es sich von der Stelle zu rühren brauchte.

 

Die Könige der Umgegend hatten demjenigen überaus reichen Lohn verheißen, der durch Zauber oder durch andere Gewalt das Ungeheuer vertilgen könnte, und viele hatten schon ihr Heil versucht, aber ihre Unternehmungen waren alle gescheitert. So wurde einst ein großer Wald, in welchem das Ungeheuer hauste, in Brand gesteckt; der Wald brannte nieder, aber dem schädlichen Tiere konnte das Feuer nicht das Mindeste anhaben. Allerdings sagten Überlieferungen, die im Munde alter Leute waren, daß niemand auf andere Weise des Ungeheuers Herr werden könne, als durch des Königs Salomo Siegelring; auf diesem sei eine Geheimschrift eingegraben, aus welcher man erfahre, wie das Untier umgebracht werden könne. Allein niemand wisse zu melden, wo jetzt der Ring verborgen sei, und eben so wenig sei ein Zauberer zu finden, der die Schrift deuten könne.

 

Endlich entschloss sich ein junger Mann, der Herz und Kopf auf dem rechten Flecke hatte, auf gut Glück den Spuren des Ringes nachzuforschen. Er schlug den Weg gen Morgen ein, allwo vornehmlich die Weisheit der Vorzeit zu finden ist. Erst nach einigen Jahren traf er mit einem berühmten Zauberer des Ostens zusammen und fragte ihn um Rat. Der Zauberer erwiederte: »Das Bischen Klugheit der Menschen kann dir hier nichts helfen, aber Gottes Vögel unter dem Himmel werden dir die besten Führer sein, wenn du ihre Sprache erlernen willst. Ich kann dir dazu verhelfen, wenn du einige Tage bei mir bleiben willst.«

 

Der Jüngling nahm das freundliche Anerbieten mit Dank an und sagte: »Für jetzt bin ich freilich nicht im Stande, dich für deine Wohltat zu beschenken, fällt aber mein Unternehmen glücklich aus, so werde ich dir deine Mühe reichlich vergelten.« Nun kochte der Zauberer aus neunerlei Kräutern, die er heimlich bei Mondenschein gesammelt hatte, einen kräftigen Trank und gab davon dem Jüngling drei Tage hintereinander neun Löffel täglich zu trinken, was zur Folge hatte, daß ihm die Vogelsprache verständlich wurde. Beim Abschied sagte der Zauberer: »Solltest du das Glück haben, Salomonis Ring zu entdecken und des selben habhaft zu werden, so komm zu mir zurück, damit ich dir die Schrift auf dem Ringe deute, denn es lebt jetzt außer mir keiner, der das vermöchte.«

 

Schon am nächsten Tage fand der Jüngling die Welt wie verwandelt, er ging nirgends mehr allein, sondern hatte überall Gesellschaft, weil er die Vogelsprache verstand, durch welche ihm vieles offenbar wurde, was menschliche Einsicht ihn nicht hätte lehren können. Aber geraume Zeit verfloß, ohne daß er von dem Ring etwas gehört hätte. Da geschah es eines Abends, als er vom Gang und der Hitze ermüdet, sich zeitig im Walde unter einem Baume niedergelassen hatte, um sein Abendbrot zu verzehren, daß auf hohem Wipfel zwei buntgefiederte fremde Vögel ein Gespräch mit einander führten, welches ihn betraf.

 

Der erste Vogel sagte: »Ich kenne den windigen Herumtreiber unter dem Baume da, der schon so lange wandert, ohne die Spur zu finden. Er sucht den verlorenen Ring des Königs Salomo.« Der andere Vogel erwiederte: »Ich glaube, er müßte bei der Höllenjungfrau Hilfe suchen, die wäre gewiß im Stande ihm auf die Spur zu helfen. Wenn sie den Ring auch nicht selbst hat, so weiß sie doch ganz genau, wer das Kleinod jetzt besitzt.« Der erste Vogel versetzte: »Das wäre schon recht, aber wo soll er die Höllenjungfrau auffinden, die nirgends eine bleibende Stätte hat, sondern heute hier und morgen dort wohnt: eben so gut könnte er die Luft fest halten!« Der andere Vogel erwiederte: »Ihren gegenwärtigen Aufenthalt weiß ich zwar nicht anzugeben, aber heute binnen drei Tagen kommt sie zur Quelle, ihr Gesicht zu waschen, wie sie jeden Monat in der Nacht des Vollmonds tut, damit die Jugendschöne nie von ihren Wangen schwinde und die Runzeln des Alters ihr Antlitz nicht zusammenziehen.« Der erste Vogel sagte: »Nun, die Quelle ist nicht weit von hier; wollen wir des Spaßes halber ihr Treiben mit ansehen?« »Meinethalben, wenn du willst,« gab der andere Vogel zur Antwort. -

 

Der Jüngling war gleich entschlossen, den Vögeln zu folgen und die Quelle aufzusuchen, doch machte ihn zweierlei besorgt, erstens, daß er die Zeit verschlafen könne, wo die Vögel aufbrächen, und zweitens, daß er keine Flügel hatte, um dicht hinter ihnen zu bleiben. Er war zu sehr ermüdet, um die ganze Nacht wach zu bleiben, die Augen fielen ihm zu. Aber die Sorge ließ ihn doch nicht ruhig schlafen, er wachte öfters auf, um den Aufbruch der Vögel nicht zu verpassen. Darum freute er sich sehr, als er bei Sonnenaufgang zum Wipfel hinauf blickte und die bunt gefiederten Gesellen noch sah, wie sie unbeweglich saßen, mit den Schnäbeln unter den Federn. Er verzehrte sein Frühstück und wartete dann, daß die Vögel aufbrechen sollten. Aber sie schienen diesen Morgen nirgends hin zu wollen, sie flatterten, wie zur Kurzweil oder um Nahrung zu suchen, von einem Wipfel zum andern und trieben das so fort bis zum Abend, wo sie sich an der alten Stelle zur Ruhe begaben. Eben so ging es noch den folgenden Tag.

 

Erst am Mitmorgen des dritten Tages sagte der eine Vogel zum anderen: »Heute müssen wir zur Quelle, um zu sehen, wie sich die Höllenjungfrau ihr Antlitz wäscht.« Bis Mittag blieben sie noch, dann flogen sie davon und nahmen ihren Weg gerade gen Süden. Dem Jüngling klopfte das Herz vor Furcht, seine Führer aus dem Gesicht zu verlieren. Aber die Vögel waren nicht weiter geflogen, als sein Gesichtskreis reichte, und hatten sich dann auf einem Baumwipfel niedergelassen. Der Jüngling rannte ihnen nach, daß seine Haut dampfte und ihm der Atem zu stocken drohte. Nach dreimaligem Ausruhen kamen die Vögel auf eine kleine Fläche, an deren Rande sie sich auf einem hohen Baumwipfel niederließen. Als der Jüngling nach ihnen dort anlangte, gewahrte er mitten in der Fläche eine Quelle; er setzte sich nun unter den selben Baum, auf dessen Wipfel die Vögel sich aufhielten. Dann spitzte er seine Ohren, um zu vernehmen, was die gefiederten Geschöpfe miteinander redeten.

 

»Die Sonne ist noch nicht unter« - sagte der eine Vogel - »wir müssen noch eine Weile warten, bis der Mond aufgeht, und die Jungfrau zur Quelle kommt. Wollen doch sehen, ob sie den Jüngling unter dem Baume bemerkt?« Der andere Vogel erwiederte: »Ihrem Auge entgeht wohl Nichts, was nach einem jungen Manne riecht. Sollte der Jüngling verschlagen genug sein, um nicht in ihr Garn zu gehen?« Worauf der erste Vogel sagte: »Wir werden ja sehen, wie sie miteinander fertig werden.«

 

Der Abend war schon vorgerückt, der Vollmond stand schon hoch über dem Wald, da hörte der Jüngling ein leises Geräusch: nach einigen Augenblicken trat aus dem Walde eine Maid hervor, und schritt flüchtigen Fußes, so daß ihre Sohlen den Boden nicht zu berühren schienen, über den Rasen zur Quelle. Der Jüngling mußte sich gestehen, daß er in seinem Leben noch kein schöneres Weib gesehen habe, und mochte kein Auge mehr von der Jungfrau verwenden.

 

Diese ging, ohne seiner zu achten, zur Quelle, hob die Augen zum Monde empor, fiel auf die Knie, tauchte neun Mal ihr Antlitz in die Quelle, blickte nach jedem Male den Mond an und rief: »Vollwangig und hell, wie du jetzt bist, möge auch meine Schönheit blühen unvergänglich!« Dann ging sie neun Mal um die Quelle und sang nach jedem Gange:

»Nicht der Jungfrau Antlitz welke,

Nie der Wangen Rot erbleiche,

Ob der Mond auch wieder schwinde,

Möge ich doch immer wachsen,

Mir das Glück stets neu erblühen!«

Darauf trocknete sie sich mit ihren langen Haaren das Gesicht ab, und wollte von dannen gehen, als ihre Augen plötzlich auf die Stelle fielen, wo der Jüngling unter dem Baum saß. Sogleich wandte sie ihre Schritte dahin. Der junge Mann erhob sich und blieb in Erwartung stehen. Die schöne Maid kam näher und sagte: »Eigentlich müßtest du einer schweren Strafe verfallen, daß du der Jungfrau heimliches Tun im Mondschein belauscht hast; aber da du fremd bist und zufällig herkamst, so will ich dir verzeihen. Doch mußt du mir wahrheitsgetreu bekennen, woher du bist und wie du hierher kamst, wohin bisher noch kein Sterblicher seinen Fuß gesetzt hat?«

 

Der Jüngling antwortete mit vielem Anstande: »Vergebet, teure Jungfrau, wenn ich ohne Wissen und Willen gegen euch gefehlt habe. Da ich nach langer Wanderung hierher geriet, fand ich den schönen Platz unter dem Baume, und wollte da mein Nachtlager nehmen. Eure Ankunft ließ mich zögern, so blieb ich sitzen, weil ich glaubte, daß stilles Schauen euch nicht nachteilig werden könne.« Die Jungfrau versetzte liebreich: »Komm zur Nacht zu uns! Auf Kissen ruht es sich besser als hier auf kühlem Moose.« Der Jüngling stand ein Weilchen zweifelnd, und wußte nicht, was er tun solle, ob das freundliche Anerbieten annehmen oder zurückweisen. Da sprach auf dem Baumwipfel ein Vogel zum anderen: »Er wäre ein Tor, wenn er sich das Anerbieten nicht gefallen ließe.« Die Jungfrau, die der Vogelsprache wohl nicht kundig war, sagte mit freundlicher Mahnung: »Fürchte nichts, mein Freund! ich lade dich nicht in böser Absicht ein, ich wünsche dir von ganzem Herzen Gutes.« Die Vögel sagten hinterdrein: »geh', wohin man dich ruft, aber hüte dich, Blut zu geben, um deine Seele nicht zu verkaufen.«

 

Nun ging der Jüngling mit ihr. Nicht weit von der Quelle kamen sie in einen schönen Garten, in welchem ein prächtiges Wohnhaus stand, das im Mondschein schimmerte, als wären Dach und Wände aus Gold und Silber gegossen. Als der Jüngling hinein trat, fand er viele prachtvolle Gemächer, eins immer schöner als das andere; viele hundert Kerzen brannten auf goldenen Leuchtern und verbreiteten überall eine Helligkeit wie die des Tages. Darauf gelangten sie in ein Gemach, wo eine mit köstlichen Speisen besetzte Tafel sich befand; an der Tafel standen zwei Stühle, der eine von Silber, der andere von Gold; die Jungfrau ließ sich auf den goldenen Stuhl nieder, und bat den Jüngling, sich auf den silbernen zu setzen. Weiß gekleidete Mädchen trugen die Speisen auf und räumten sie wieder ab, wobei aber kein Wort gesprochen wurde, auch traten die Mädchen so leise auf, als gingen sie auf Katzenpfoten. Nach Tisch, als der Jüngling mit der königlichen Jungfrau allein geblieben war, wurde ein anmutiges Gespräch geführt, bis endlich ein Frauenzimmer in roter Kleidung erschien, um zu erinnern, daß es Zeit sei, sich schlafen zu legen.

 

Da führte die Jungfrau den Jüngling in eine andere Kammer, wo ein seidenes Bett mit Daunenkissen stand; sie wies es ihm und entfernte sich. Der Jüngling meinte bei lebendigem Leibe im Himmel zu sein, auf Erden sei solch' ein Leben nicht zu finden. Nur darüber wußte er später keine Rechenschaft zu geben, ob ihn Träume getäuscht, oder ob er wirklich Stimmen an seinem Bette vernommen hätte, welche ihm ein Wort zuriefen, das sein Herz erschreckte: »Gib kein Blut!«

 

Am anderen Morgen fragte ihn die Jungfrau, ob er nicht Lust habe hier zu bleiben, wo die ganze Woche aus lauter Feiertagen bestehe. Und als der Jüngling auf die Frage nicht gleich Antwort gab, setzte sie hinzu: »Ich bin, wie du selbst siehst, jung und blühend, und ich stehe unter niemandes Botmäßigkeit, sondern kann tun, was mir beliebt. Bisher ist es mir noch nie in den Sinn gekommen zu heiraten, aber von dem Augenblicke an, wo ich dich erblickte, stiegen mir plötzlich andere Gedanken auf, denn du gefällst mir. Sollten nun unsere Gedanken übereinstimmen, so könnte ein Paar aus uns werden. Hab' und Gut besitze ich unendlich viel, wie du dich selber auf Schritt und Tritt überzeugen kannst, und so kann ich Tag für Tag königlich leben. Was dein Herz nur begehrt, kann ich dir gewähren.«

 

Wohl drohte die Schmeichelrede der schönen Maid des Jünglings Sinn zu verwirren, aber zu seinem Glücke fiel ihm ein, daß die Vögel sie die Höllenjungfrau genannt und ihn gewarnt hatten, daß er ihr Blut gebe, und daß er auch in der Nacht, sei es träumend oder wachend, dieselbe Warnung vernommen habe. Darum erwiederte er: »Teure Jungfrau, verargt es mir nicht, wenn ich euch ganz aufrichtig gestehe, daß man das Freien nicht abmachen kann wie einen Roßkauf, sondern daß es dazu längerer Überlegung bedarf. Vergönnt mir deßhalb einige Tage Bedenkzeit, dann wollen wir uns darüber verständigen.« »Warum nicht,« erwiederte die schöne Maid - »meinethalben kannst du dich einige Wochen bedenken und mit deinem Herzen zu Rate gehen.«

 

Damit nun dem Jünglinge inzwischen die Zeit nicht lang würde, führte ihn die Jungfrau von einer Stelle ihres prächtigen Hauses zur anderen, und zeigte ihm alle die reichen Schatzkammern und Truhen, welche sein Herz erweichen sollten. Alle diese Schätze waren aber durch Zauberei entstanden, denn die Jungfrau konnte mit Hilfe des Salomonischen Siegelringes alle Tage und an jedem Orte eine solche Wohnung nebst allem Zubehör hervor bringen, aber das Alles hatte keine Dauer: es war vom Winde her geweht, und ging auch wieder in den Wind, ohne eine Spur zurückzulassen. Da der Jüngling das aber nicht wußte, so hielt er das Blendwerk für Wirklichkeit. Eines Tages führte ihn die Jungfrau in eine verborgene Kammer, wo auf einem silbernen Tische ein goldenes Schächtelchen stand. Auf das Schächtelchen zeigend sagte sie: »Hier steht mein teuerster Schatz, dessen Gleichen auf der ganzen Welt nicht zu finden ist, es ist ein kostbarer goldener Ring. Wenn du mich freien solltest, so würde ich dir diesen Ring zum Mahlschatz geben, und er würde dich zum glücklichsten aller Menschen machen. Damit aber das Band unserer Liebe ewige Dauer erhalte, mußt du mir dann für den Ring drei Tropfen Blut von dem kleinen Finger deiner linken Hand geben.«

 

Als der Jüngling diese Rede hörte, überlief es ihn kalt; daß sie sich Blut ausbedang, erinnerte ihn daran, daß er seine Seele aufs Spiel setze. Er war aber schlau genug, sich nichts merken zu lassen, und auch keine Einwendung zu machen, vielmehr fragte er, wie beiläufig, was es für eine Bewandniss mit dem Ringe habe.

 

Die Jungfrau erwiederte: »Kein Lebendiger ist bis jetzt im Stande gewesen, die Kraft dieses Ringes ganz zu ergründen, weil keiner die geheimen Zeichen desselben vollständig zu deuten wußte. Aber schon mit dem halben Verständniß vermag ich Wunder zu verrichten, welche mir kein anderes Wesen nachmachen kann. Stecke ich den Ring auf den kleinen Finger meiner linken Hand, so kann ich mich wie ein Vogel in die Luft schwingen, und hinfliegen wohin ich will. Stecke ich den Ring auf den Ringfinger meiner linken Hand, so bin ich sogleich für alle unsichtbar, mich selbst und Alles, was mich umgibt, sehe ich, aber die Anderen sehen mich nicht. Stecke ich den Ring an den Mittelfinger meiner linken Hand, dann kann mir kein scharfes Werkzeug, noch Wasser und Feuer etwas anhaben. Stecke ich den Ring an den Zeigefinger meiner linken Hand, dann kann ich mir mit seiner Hilfe alle Dinge schaffen, die ich begehre; ich kann in einem Augenblicke Häuser aufbauen und sonstige Gegenstände hervor bringen. So lange endlich der Ring am Daumen der linken Hand sitzt, ist die Hand so stark, daß sie Felsen und Mauern brechen kann. Außerdem trägt der Ring noch andere geheime Zeichen, welche, wie gesagt, bis heute noch niemand zu deuten wußte; doch läßt sich denken, daß sie noch viele wichtige Geheimnisse enthalten. Der Ring war vor Alters Eigentum des Königs Salomo, des weisesten der Könige, unter dessen Regierung die weisesten Männer lebten. Doch ist es bis auf den heutigen Tag nicht kund geworden, ob der Ring durch göttliche Kraft oder durch Menschenhände entstanden ist; es wird behauptet, daß ein Engel dem weisen Könige den Ring geschenkt habe.«

 

Als der Jüngling die Schöne so reden hörte, war sein erster Gedanke, sich des Ringes durch List zu bemächtigen, er tat deshalb, als ob er das Gehörte durchaus nicht für wahr halten könne. So hoffte er die Jungfrau zu bewegen, daß sie den Ring aus dem Schächtelchen nehme und ihm zeige - wobei er dann vielleicht Gelegenheit fände, sich des Wunderringes zu bemächtigen. Er wagte aber nicht, die Jungfrau geradezu darum zu bitten, daß sie ihm den Ring zeige. Er umschmeichelte sie und gebärdete sich zärtlich, aber sein Herz sann nur darauf, in den Besitz des Ringes zu gelangen.

 

Schon nahm die Jungfrau den Schlüssel zum Kästchen aus dem Busen, um es aufzuschließen, aber sie steckte ihn wieder zu sich und sagte: »Dazu haben wir künftig noch Zeit genug.« Ein Paar Tage darauf kam die Rede wieder auf den Wunderring, und der Jüngling sagte: »Nach meinem Dafürhalten sind solche Dinge, wie ihr sie mir von der Kraft eures Ringes erzählt, schlechterdings nicht möglich.« Da öffnete die Jungfrau das Schächtelchen und nahm den Ring heraus, der zwischen ihren Fingern blitzte wie der hellste Sonnenstrahl. Dann steckte sie ihn zum Spaße an den Mittelfinger ihrer linken Hand und sagte dem Jüngling, er solle ein Messer nehmen und damit auf sie los stechen wohin er wolle, denn es könne ihr doch nicht schaden.

 

Der Jüngling sträubte sich gegen dies bedenkliche Beginnen, als aber die Jungfrau nicht abließ, mußte er sich fügen. Obwohl er nun, anfangs mehr spielend, dann aber ernsthaft, auf alle Weise die Jungfrau mit dem Messer zu treffen suchte, so war es doch, als ob eine unsichtbare Wand von Eisen zwischen Beiden stünde; die Schneide konnte nicht eindringen, und die Jungfrau stand lachend und unbewegt vor ihm.

 

Darauf steckte sie den Ring an ihren Ringfinger, und war im Nu den Blicken des Jünglings entschwunden, so daß dieser durchaus nicht begreifen konnte, wohin sie gekommen war. Bald stand sie wieder lachend vor ihm auf der alten Stelle, den Ring zwischen den Fingern haltend. »Laßt doch sehen« - bat der Jüngling - »ob es mir auch möglich ist, so seltsame Dinge mit dem Ringe zu machen?« Die Jungfrau, welche keinen Betrug ahndete, gab ihm den Wunderring.

 

Der Jüngling tat, als wisse er noch nicht recht Bescheid, und fragte: »An welchen Finger muß ich den Ring stecken, damit mir ein scharfes Werkzeug nicht schaden könne?« - Worauf die Jungfrau lachend erwiederte: »An den Mittelfinger der linken Hand!« Sie nahm dann selbst das Messer und suchte damit zu stoßen, konnte aber dem Jüngling keinen Schaden tun. Darauf nahm dieser das Messer und versuchte sich selber zu beschädigen, aber es war auch ihm unmöglich.

 

Darauf bat er die Jungfrau, ihm zu zeigen, wie er mit dem Ringe Steine und Felsen spalten könne. Sie führte ihn in den Hof, wo ein klafterhoher Kiesel lag. »Jetzt stecke den Ring« - so unterwies ihn die Jungfrau - »an den Daumen deiner linken Hand, und schlage dann mit der Faust auf den Stein, und du wirst sehen, welche Kraft in deiner Hand liegt.« Der Jüngling tat es und sah zu seinem Erstaunen, wie der Stein unter dem Schlage seiner Hand in tausend Trümmer barst.

 

Da dachte der Jüngling, wer das Glück nicht bei den Hörnern zu fassen weiß, der ist ein Thor, denn einmal entflohen, kehrt es nicht zurück. Während er noch über die Zertrümmerung des Steines scherzte, steckte er wie spielend den Ring an den Ringfinger seiner linken Hand. Da rief die Jungfrau: »Jetzt bist du für mich so lange unsichtbar, bis du den Ring abziehst.« Aber das zu tun war der Jüngling nicht gesonnen, vielmehr ging er rasch einige Schritte weiter, steckte dann den Ring an den kleinen Finger der linken Hand, und schwang sich in die Höhe wie ein Vogel. Als die Jungfrau ihn davon fliegen sah, hielt sie Anfangs auch diesen Versuch für bloßen Scherz, und rief: »Komm zurück, mein Freund! Jetzt hast du gesehen, daß ich dir die Wahrheit gesagt habe!« Aber wer nicht zurück kam, war der Jüngling; da merkte die Jungfrau den Betrug, und brach in bittere Klagen aus über ihr Unglück.

 

Der Jüngling hielt seinen Flug nicht eher an, bis er nach einigen Tagen wieder zu dem berühmten Zauberer gekommen war, bei welchem er die Vogelsprache gelernt hatte. Der Zauberer war außerordentlich froh, daß des Mannes Wanderung so guten Erfolg gehabt hatte. Er machte sich sogleich daran, die geheime Schrift auf dem Ringe zu deuten. Er brauchte aber sieben Wochen ehe er damit zu Stande kam.

 

Darauf gab er dem Jünglinge folgende Auskunft, wie der Nordlands-Drache zu vertilgen sei: »Du mußt dir ein eisernes Pferd gießen lassen, das unter jedem Fuße kleine Räder hat, so daß man es vorwärts und rückwärts schieben kann. Dann mußt du aufsitzen und dich mit einem eisernen zwei Klafter langen Speere bewaffnen, den du freilich nur führen kannst, wenn der Wunderring am Daumen deiner linken Hand steckt. Der Speer muß in der Mitte die Dicke einer mäßigen Birke haben und seine beiden Enden müssen gleich scharf sein. In der Mitte des Speeres mußt du zwei starke zehn Klafter lange Ketten befestigen, die stark genug sind, den Drachen zu halten. Sobald der Drache sich in den Speer fest gebissen hat, so daß dieser ihm die Kinnlade durchbohrt, mußt du wie der Wind vom Eisenroß herunter springen, um dem Untier nicht in den Rachen zu fallen, und mußt die Enden der Ketten mit eisernen Pflöcken dergestalt in die Erde rammen, daß keine Gewalt sie herausziehen kann.

 

Nach drei oder vier Tagen ist die Kraft des Untiers so weit erschöpft, daß du dich ihm nähern kannst, dann stecke Salomo's Kraftring an den Daumen deiner linken Hand, und schlage es vollends tot. Bis du aber herangekommen bist, muß der Ring am Ringfinger deiner linken Hand stecken, damit das Untier dich nicht sehen kann, sonst würde es dich mit seinem langen Schwanze tot schlagen. Wenn du alles vollbracht hast, trage Sorge, daß du den Ring nicht verlierst, und daß dir auch niemand mit List das Kleinod entwende.«

 

Unser Freund dankte dem Zauberer für die Belehrung und versprach, ihn später für seine Mühe zu belohnen. Aber der Zauberer erwiederte: »Ich habe aus der Entzifferung der Geheimschrift des Ringes so viel Zauberweisheit geschöpft, daß ich keines anderen Gutes weiter bedarf.« So trennten sie sich, und der Jüngling eilte nach Hause, was ihm nicht mehr schwer wurde, da er wie ein Vogel fliegen konnte wohin er wollte.

 

Als er nach einigen Wochen in der Heimat anlangte, hörte er von den Leuten, daß der gräuliche Nordlands-Drache schon in der Nähe sei, so daß er jeden Tag über die Grenze kommen könne. Der König ließ überall bekannt machen, daß er demjenigen, der dem Untier das Garaus machen würde, nicht nur einen Teil seines Königreiches schenken, sondern auch seine Tochter zur Frau geben wolle. Nach einigen Tagen trat unser Jüngling vor den König und erklärte, er hoffe das Untier zu vernichten, wenn der König alles wolle anfertigen lassen, was dazu erforderlich sei. Der König ging mit Freuden darauf ein.

 

Es wurden nun sämmtliche geschickte Meister aus der Umgegend zusammen berufen, die mußten erst das Eisenpferd gießen, dann den großen Speer schmieden, und endlich auch die eisernen Ketten, deren Ringe zwei Zoll Dicke hatten. Als aber Alles fertig war, fand es sich, daß das eiserne Pferd so schwer war, daß hundert Männer es nicht von der Stelle bringen konnten. Da blieb dem Jüngling nichts übrig, als mit Hilfe seines Kraftringes das Pferd allein fort zu bewegen.

 

Der Drache war keine Meile mehr entfernt, so daß er mit ein Paar Sprüngen über die Grenze setzen konnte. Der Jüngling überlegte nun, wie er allein mit dem Untier fertig werden solle, denn da er das schwere Eisenpferd von hinten her schieben mußte, so konnte er sich nicht aufsetzen, wie es der Zauberer vorgeschrieben hatte. Da belehrte ihn unerwartet eines Raben Schnabel: »Setze dich auf das Eisenpferd, und stemme den Speer gegen den Boden, als wolltest du einen Kahn vom Ufer abstoßen.« Der Jüngling machte es so und fand, daß er auf diese Weise vorwärts kommen könne.

 

Das Ungeheuer sperrte schon von Weitem den Rachen auf, um die erwartete Beute zu vertilgen. Noch einige Klafter, so wären Mann und Eisenroß im Rachen des Untiers gewesen. Der Jüngling bebte vor Entsetzen und das Herz erstarrte ihm zu Eis, allein er ließ sich nicht verwirren, sondern stieß mit aller Kraft zu, so daß der eiserne Speer, den er aufrecht in der Hand hielt, den Rachen des Untiers durchbohrte. Dann sprang er vom Eisenroß und wandte sich schnell wie der Blitz, als das Untier die Kinnladen zusammenklappte. Ein gräßliches Gebrüll, das viele Meilen weit erscholl, gab den Beweis, daß der Nordlands-Drache sich fest gebissen hatte.

 

Als der Jüngling sich umwandte, sah er eine Spitze des Speers Fuß lang aus der oberen Kinnlade hervorragen, und schloß daraus, daß die andere im Boden fest steckte. Das Eisenroß aber hatte der Drache mit seinen Zähnen zermalmt. Jetzt eilte der Jüngling, die Ketten am Boden zu befestigen, wozu starke Eisenpflöcke von mehreren Klaftern Länge in Bereitschaft gesetzt waren.

 

Der Todeskampf des Ungeheuers dauerte drei Tage und drei Nächte: wenn es sich bäumte, schlug es so gewaltig mit dem Schwanze gegen den Boden, daß die Erde auf zehn Meilen weit bebte. Als es endlich den Schwanz nicht mehr rühren konnte, hob der Jüngling mit Hilfe des Ringes einen Stein auf, den zwanzig Männer nicht hätten bewegen können, und schlug damit dem Tiere so lange auf den Kopf, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Grenzenlos war überall der Jubel, als die Botschaft kam, daß der schlimme Feind sein Ende gefunden. -

 

Der Sieger wurde in der Königsstadt mit großen Ehrenbezeugungen empfangen, als wäre er der mächtigste König. Der alte König brauchte auch seine Tochter nicht zur Heirat zu zwingen, sondern diese verlangte selber, sich dem starken Manne zu vermählen, der allein ausgerichtet hatte, was die anderen auch mit einer ganzen Armee nicht vermochten. Nach einigen Tagen wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert, welche vier Wochen lang dauerte, und zu welcher alle Könige der Nachbarländer sich versammelt hatten, um dem Manne zu danken, der die Welt von ihrem schlimmsten Feinde befreit hatte. Allein über dem Hochzeitsjubel und der allgemeinen Freude hatte man vergessen, daß des Ungeheuers Leichnam unbegraben liegen geblieben war, und da er jetzt in Verwesung überging, so verbreitete er einen solchen Gestank, daß Niemand sich in die Nähe wagte. Es entstanden Seuchen, welche viele Menschen hinrafften.  Deßhalb beschloß der Schwiegersohn des Königs, Hilfe bei dem Zauberer im Osten zu suchen, was ihm mit seinem Ringe nicht schwer fiel, weil er auf Vogelschwingen hin fliegen konnte.

 

Aber das Sprichwort sagt, unrecht Gut gedeiht nicht, und wie gewonnen, so zerronnen. Diese Erfahrung sollte auch des Königs Schwiegersohn mit dem entwendeten Ring machen. Der Höllenjungfrau ließ es weder Tag noch Nacht Ruhe, ihrem Ring wieder auf die Spur zu kommen. Als sie mit Hilfe von Zauberkünsten erfahren hatte, daß des Königs Schwiegersohn sich in Vogelgestalt zu dem Zauberer aufmache, verwandelte sie sich in einen Adler, und kreiste so lange in den Lüften, bis ihr der Vogel, auf den sie wartete, zu Gesicht kam - sie erkannte ihn sogleich an dem Ring, der ihm an einem Bande um den Hals hing. Da schoß der Adler auf den Vogel nieder und in demselben Augenblick, wo seine Klauen ihn packten, hatte er ihm auch mit dem Schnabel den Ring vom Halse gerissen, ehe noch der Mann in Vogelgestalt etwas dagegen tun konnte. Jetzt ließ der Adler sich mit seiner Beute zur Erde nieder, und beide standen in ihrer früheren Menschengestalt neben einander.

 

»Jetzt bist du in meiner Hand, Frevler!« rief die Höllenjungfrau. - »Ich nahm dich als meinen Geliebten auf, und du übtest Betrug und Diebstahl: ist das mein Lohn? Du nahmst mir mein kostbarstes Kleinod durch List, und hofftest, als Schwiegersohn des Königs ein glückliches Leben zu führen, aber jetzt hat sich das Blatt gewandt. Du bist in meiner Gewalt und sollst mir für alle Frevel büßen.« »Vergebt, vergebt,« bat des Königs Schwiegersohn, »ich weiß wohl, daß ich mich schwer gegen euch vergangen habe, und bereue meine Schuld von ganzem Herzen.« Die Jungfrau erwiederte: »Deine Bitten und deine Reue kommen zu spät, und Nichts kann dir mehr helfen. Ich darf dich nicht schonen, das brächte mir Schande und machte mich zum Gespött der Leute. Zweifach hast du dich an mir versündigt, erst hast du meine Liebe verschmäht, und dann meinen Ring entwendet, dafür mußt du Strafe leiden.«

 

Mit diesen Worten steckte sie den Ring an den Daumen ihrer linken Hand, nahm den Mann wie eine Hedekunkel auf den Arm und ging mit ihm von dannen. Diesmal führte ihr Weg nicht in jene prächtige Behausung, sondern in eine Felsenhöhle, wo Ketten von der Wand herunter hingen. Die Jungfrau ergriff die Enden der Ketten, und fesselte damit dem Manne Hände und Füße, so daß Entkommen unmöglich war; dann sagte sie mit Zorn: »Hier sollst du bis an dein Ende gefangen bleiben. Ich werde dir täglich so viel Nahrung bringen lassen, daß du nicht Hungers sterben kannst, aber auf Befreiung darfst du nimmer hoffen.« Damit verließ sie ihn.

 

Der König und seine Tochter verlebten eine schwere Zeit des Kummers, als Woche auf Woche verging, und der Schwiegersohn weder zurück kam, noch auch Nachricht von sich gab. Oftmals träumte der Königstochter, daß ihr Gemahl schwere Pein leiden müsse, sie bat deshalb ihren Vater, von allen Seiten her Zauberer zusammen rufen zu lassen, damit sie vielleicht Auskunft darüber gäben, wo der Verschwundene lebe, und wie er zu befreien sei. Aber sämtliche Zauberer konnten nichts weiter berichten, als daß er noch lebe und schwere Pein leide, keiner wußte den Ort zu nennen, wo er sich befinde, noch anzugeben, wie man ihn auffinden könne.

 

Endlich wurde ein berühmter Zauberer aus Finnland vor den König geführt, der den weiteren Bescheid erteilen konnte, daß des Königs Schwiegersohn im Ostlande gefangen gehalten werde, und zwar nicht durch Menschen, sondern durch ein mächtigeres Wesen. Also schickte der König seine Boten in der genannten Richtung aus, um den verlorenen Schwiegersohn aufzusuchen. Glücklicherweise kamen sie zu dem alten Zauberer, der die Schrift auf Salomonis Siegelring gedeutet und daraus eine Weisheit geschöpft hatte, die allen Übrigen verborgen blieb. Dieser Zauberer fand bald heraus, was er wissen wollte, und sagte: »Den Mann hält man durch Zaubermacht da und da gefangen, aber ohne meine Hilfe könnt ihr ihn nicht befreien, ich muß selbst mit euch gehen.«

 

Sie machten sich also auf und kamen, von Vögeln geführt, nach einigen Tagen in die Felsenhöhle, wo des Königs Schwiegersohn jetzt schon beinah sieben Jahre die schwere Kerkerhaft erduldet hatte. Er erkannte den Zauberer augenblicklich, dieser aber erkannte ihn nicht, weil er sehr abgemagert war. Der Zauberer löste durch seine Kunst die Ketten, nahm den Befreiten zu sich, und pflegte und heilte ihn, bis er wieder kräftig genug war, um die Reise anzutreten.

 

Er langte an dem selben Tage an, wo der alte König gestorben war, und wurde nun zum Könige erhoben. Jetzt kamen nach langen Leidenstagen die Freudentage, welche bis an sein Ende währten; den Wunderring aber erhielt er nicht wieder, - auch hat ihn nachmals keines Menschen Auge mehr gesehen.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER WUNDERLICHE SPIEGEL ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor langer, langer Zeit lebte einmal in einer riesengroßen Stadt ein berühmter König. Er war sehr reich und mächtig. Der König hatte drei Söhne. Die beiden älteren waren gesund, stark und hatten kluge Köpfe, der jüngere aber war schwach. Die älteren Brüder nannten ihn Dümmling. Aber der jüngste Bruder machte sich nichts daraus.

 

Eines Tages ließ der König seine zwei ältesten Söhne vor sich treten und sagte: „Ich merke, dass ich alt werde, mein Haar wird grau und beginnt aus zu fallen. In meiner Kindheit erzählte mir ein hinkender Alter, dass es irgendwo auf der Welt einen Spiegel gäbe, der einen jeden, der hineinschaut, wieder jung macht. Wenn ihr mir diesen Spiegel bringt, gebe ich euch das halbe Königreich. Auf die Reise könnt ihr mitnehmen, was ihr begehrt. Seid also flink, und versucht, diesen seltenen Spiegel zu finden. Es wird euer Glück bedeuten.“

 

Die Königssöhne waren mit der Bitte des Vaters einverstanden und sagten: „Gib uns die Kutsche mit sechs Pferden und einen Sack voll Gold mit auf den Weg, den Spiegel werden wir schon finden, und sei er auch am Ende der Welt. Der König war damit einverstanden. Am anderen Tag wurden sechs Pferde vor eine Kutsche gespannt, ein Sack Gold hinein gelegt, ein Kutscher an die Zügel gesetzt, und die Königssöhne machten sich auf den Weg.

 

Der jüngste Bruder hatte davon gehört, und so trat auch er vor den König und bat um Erlaubnis, ebenso diesen Spiegel suchen zu dürfen. Doch der König begann darauf hin zu lachen und sagte: „Was weißt du, Dümmling, von der Welt! Du verreckst beim ersten Meilenstein, wenn du es überhaupt schaffst, aus der Stadt zu gelangen. Geh nur, geh. und bleib hübsch in der Nähe des Schlosses, die älteren Brüder werden den Spiegel schon finden.“ Der jüngste Sohn ließ aber nicht locker, bis der König schließlich sagte: „Also, von mir aus kannst du gehen. Sieh aber zu, wie du selbst zurecht kommst. Auf den Weg werde ich dir nichts mitgeben, findest du den Tod, ist es deine eigene Schuld.“

 

Der jüngste Sohn dankte dem König und versprach, sich unverzüglich auf den Weg zu machen. So suchte er seine letzten Heller zusammen, es waren aber nicht einmal zehn Taler. „Also werde ich mit all dem bisschen mein Glück versuchen! Nur zu Fuß kann ich nicht gehen, ich werde mir ein altes Pferd kaufen.“ Alsbald kaufte er für seine zehn Taler einen steinalten weißen Wallach. Er saß auf und machte sich auf den Weg. Ab und zu setzte sich der alte Wallach auch in Trab, mehr aber ging es im Schritt voran. „Was macht’s“, dachte der Königssohn, „wir werden es schon schaffen!“

 

Am Abend gelangte er zu einer Schenke, die sehr groß war. Hier sah der Königssohn die Pferde und die Kutsche der Brüder vor der Tür stehen. „Oho! Die Brüder werden nicht weit sein, wenn ihre Pferde hier stehen! Ich werde mal rein schauen, vielleicht können wir dann gemeinsam weiter ziehen.“ Er band sein weißes Ross fest und trat ein. „Sieh dir den Dummkopf an! Was suchst du denn hier?“ grinsten die Brüder, die bisher am Stammtisch gesessen und hier den Spiegel gesucht hatten.

 

„Ich will auch den Spiegel suchen. Kam schauen, ob wir nicht gemeinsam weiter ziehen könnten. In Gesellschaft wird auch der Weg kürzer sein.“ „Scher dich nur weiter, du Dümmling! Wie könnten wir so einen wie dich noch mit auf den Weg nehmen?“ Der jüngste Bruder trat stillschweigend aus der Schenke, setzte sich auf seinen alten Gaul und ließ ihn gemütlich dahin trappeln. Die beiden Brüder lachten hinter ihm her: „Lass den Dümmling ziehen! Die Wölfe werden ihn schon mitsamt dem alten Gaul fressen, und wir brauchen uns nicht um ihn zu kümmern.“

 

Der jüngste Königssohn machte sich aber nichts aus dem Gelächter der Brüder und ritt die Landstraße entlang immer weiter, bis er in einen großen Eichenwald gelangte. „Ich werde geradeaus durch den Wald reiten!“ sagte er. Auf einmal sah er einen kleinen Fußpfad, der in den Wald abbog. Er drehte das Pferd dem Fußpfad zu, und sie schritten den engen Pfad entlang immer tiefer in den Wald hinein.

 

„Wir werden ja sehen, wo es uns hinführt, mein alter Gaul!“ sagte der Königssohn. Dann griff er sich ein Blatt vom Baum und blies munter darauf, in dem das Pferd immer weiter schritt. Am dritten Tag gelangte der Königssohn zu einer kleinen Waldlichtung, und siehe da, zwischen den Bäumen an der Lichtung stand eine kleine Hütte. „Ich werde schauen, was es dort gibt!“ Und er ritt näher. Als man seine Schritte hören konnte, kam aus der Hütte ein altes graues Mütterchen und sagte voll Verwunderung: „Was muss ich sehen! Bekomme ich hier sogar einmal einen Menschen zu sehen! Ich habe hier solange gelebt, ein Eichenwald verfaulte und ein neuer wuchs wieder, aber einen Menschen sah ich bisher noch nie. Was suchst du hier, Jüngling?“

 

Der Königssohn erzählte der alten Frau den Grund seiner Reise und sagte: „Ich bin gekommen, um den Spiegel zu suchen, der einen jeden, der hinein schaut, wieder jung macht. Unser König will nicht alt werden und lässt nun diesen Spiegel in der ganzen Welt suchen. Kannst du, Mütterchen, mir den Weg weisen?“ ....“Nein, Söhnchen! Ich bin zwar alt, aber von so einem Spiegel habe ich noch nie gehört. Vielleicht weiß meine ältere Schwester etwas davon. Sie lebt drei Tage weit von hier. Reite hin, und lass dir von ihr einen guten Rat geben!“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten für ihren Ratschlag, ließ das Pferd ein wenig ruhen, stärkte sich und machte sich auf den Weg.

 

Am dritten Tag gelangte er zu einer Hütte, wie die Alte ihm gesagt hatte. Aus der Hütte kam ein noch älteres Mütterchen heraus, und es wunderte sich nicht weniger als das erste, dass seine Augen noch eine Menschenseele zu sehen bekamen, und sagte: „Ich lebe hier schon solange, zwei Eichenwälder verschwanden und zwei wuchsen neu. Ich habe hier noch nie einen Menschen gesehen. Was suchst du hier, Jüngling?“ Der Königssohn erzählte der Alten vom Spiegel und fügte hinzu: „Deine jüngere Schwester hat mit den Weg gewiesen. Vielleicht kannst du, Mütterchen, sagen, wie ich den Weg finde?“

Die Alte erwiderte: „Nein, Söhnchen diesen Weg kenne ich nicht. In meiner Kindheit habe ich wohl von solch einem Spiegel gehört, aber wer weiß, wo man ihn jetzt finden könnte. In drei Tagen gelangst du zu meiner älteren Schwester, vielleicht weiß sie etwas von diesem Wunderspiegel!“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten für ihren guten Rat, ließ das Pferd ein wenig ruhen, stärkte sich und machte sich wieder auf den Weg.

 

Am dritten Tag gelangte er zum Häuschen der älteren Schwester. Auch die ältere Schwester wunderte sich und wollte wissen, was den Jüngling hergeführt habe. Der Königssohn erzählte von seiner Reise und fragte, wiederum, ob die Alte ihm nicht den Weg weisen könnte. „Nein, Söhnchen, diesen Weg kenne ich nicht. Ich habe zwar vor kurzem von solch einem Spiegel gehört, weiß aber nicht, wo er zu finden wäre. Doch steig ab, Jüngling, und ruh dich in meinem Häuschen aus! Ich werde meine Familie zusammenrufen, vielleicht kann einer von ihnen Rat geben.“

 

Der Jüngling trat ins Häuschen. Er staunte, wie schön und sauber es hier war. Die Alte aber nahm vom Wandbrett eine große Pfeife und ging hinaus. Dort pfiff sie, dass es aus dem Wald widerhallte. Gleich darauf hörte der Jüngling das Getrappel vieler Füße. Er schaute aus dem Fenster hinaus und sah, dass sich ums Häuschen alle Tiere des Waldes versammelt hatten. Nach einer Weile kam die Alte herein und sagte: „Nein, von diesem Spiegel haben sie nichts gehört. Ich werde die anderen rufen, vielleicht haben sie etwas von dem Wunderspiegel gesehen oder gehört!“ Sie nahm vom Wandbrett eine andere Pfeife und ging wieder hinaus. Draußen pfiff sie, dass es aus dem Wald wie vorher laut widerhallte. Nun hörte der Jüngling auf einmal ein Rauschen und Sausen, als hätten sich etliche Dutzend Windmühlen in Gang gesetzt.

 

Er schaute zum Fenster hinaus, und welch Wunder! Alle Vögel des Waldes hatten sich versammelt! Nun würde die Alte das Geheimnis wohl erfahren. Nach einer Weile kam die Alte wieder herein und sagte: „Auch sie wissen nichts von dem Spiegel. Ich habe da aber noch einen kleinen Ratgeber. Weiß er auch nichts davon, wird der Spiegel wohl verloren gegangen sein!“ Die Alte nahm vom Wandbrett eine dritte Pfeife und sagte: „Komm auch du mit hinaus, und höre, wie das letzte Urteil lautet!“

 

Dann gingen beide hinaus vors Häuschen. Die Alte hob die Pfeife an den Mund und pfiff, dass es dem Jüngling in den Ohren gellte. Plötzlich war ein Rauschen zu hören, als brauste ein mächtiger Windstoß über die Wipfel der Bäume. Ein großer Adler mit zwei Köpfen kam zum Häuschen geflogen, setzte sich auf einen Stein neben diesem und fragte: „Was wünschst du, Herrscherin des Waldes?“... „Lieber Adler, Söhnchen mein, hast du etwas von einem Spiegel gehört, der einen jeden wieder jung macht, der in ihn hinein schaut?“...“Ja, ich hab von ihm gehört“, antwortete der Adler. „Kein Mensch aber soll ihn finden. Dort draußen im Meer liegt eine große Insel, umgeben von großen Felsen, und kein Schiff kann sich ihr nähern. In der Stadt auf der Insel steht ein großes Schloss, in dem eine Königstochter lebt. Ihr gehört der wundersame Spiegel!“...„

 

Lieber Adler, Söhnchen mein, fliege mit dem Jüngling zur Insel, und hole den Wunderspiegel!“ Der Jüngling dachte: „Es komme was will, ich fliege mit!“ Der Adler breitete seine Schwingen aus, der Jüngling setzte sich auf seinen Rücken, und der Adler erhob sich in die Lüfte. Die Alte gab dem Pferd derweilen freien Lauf, damit es sich stärke, solange der Jüngling unterwegs war. Die Luftreise nahm viel Zeit in Anspruch. Neun Tage und Nächte flog der Adler, ohne zu ruhen, bis sie endlich zur Stadt auf der Insel gelangten. Gerade am Abend des neunten Tages kamen sie an.

 

Nun gab der Adler dem Königssohn folgenden Rat: „Heute Nacht gehst du zur Königstochter ins Schloss und holst den Spiegel. Sieh aber zu, dass du nicht zu lange verweilst, es könnte unser Unglück sein. Der Spiegel hängt über dem Bett der Königstochter. Nimm ihn und eile hierher zurück! Du brauchst nichts zu befürchten, dass das Mädchen erwacht. Um Mitternacht liegt sie in so tiefem Schlaf, dass sogar der Lärm von Pferdehufen in ihrem Gemach sie nicht zu wecken vermag.“ Dann gab der Adler dem Königssohn zwei von seinen Federn und sagte: „Vor dem Tor wachen zwei Bären. Wirf ihnen diese Feder zu und eile furchtlos weiter. Nun aber mach dich auf den Weg!“

 

Die Bären am Tor richteten sich auf und drohten über den Jüngling herzufallen. Sobald er ihnen die Federn des Adlers zuwarf, legten sie sich nieder und schliefen ein. Der Jüngling trat ins Königsschloss. Im Schloss schien alles zu schlafen. Die Stuben aber waren hell erleuchtet, als schien hier die Mittagssonne. Ungehindert gelangte der Jüngling bis ans Bett der Königstochter. Schließlich nahm er den Spiegel von der Wand, steckte ihn ein und wollte zur Tür hinaus eilen. Da sah er in der Ecke des Zimmers einen reichlich gedeckten Tisch stehen. Der Jüngling dachte: „Es wird nicht lange dauern, ich werde mich erst stärken und dann gehen.“

 

Er setzte sich an den Tisch und aß nach Herzenslust. Dann stand er auf und dachte: „Ich müsste doch mal schauen, wie die Königstochter aussieht.“ Er trat ans Bett und konnte sich nicht satt sehen. Die Königstochter war so schön, wie der Jüngling nie zuvor ein Mädchen auf der Welt gesehen hatte. Am Finger des Mädchens strahlte ein Ring aus Gold so hell wie die Sonne. „Welch ein Unglück soll es bringen, wenn ich den Goldring nehme!“ sagte der Jüngling. Und er nahm dem Mädchen vorsichtig den Rind vom Finger, eilte damit aus dem Königsschloss, vorbei an den schlafenden Bären und geradewegs zum Adler. Der Adler aber war böse über die Verspätung. Er fasste den Jüngling mit dem Schnabel am Kragen, warf sich ihn auf den Rücken und stieg in die Luft. Im selben Augenblick waren auch die Bären zur Stelle. Sie brüllten und sprangen in die Lüfte, konnten den Adler aber nicht mehr fassen.

 

Der Adler und der Königssohn waren gerettet. Als sie übers Meer nach Hause flogen, fasste der Adler den Königssohn mit dem anderen Schnabel beim Kragen und tauchte ihn bis zu den Knien ins Wasser. Dann hob er ihn zurück auf den Rücken und flog weiter. Nach einer Weile tauchte der Adler den Königssohn bis zur Brust ins Meer, und schließlich bis zum Hals. Der Königssohn schrie jedes mal laut vor Angst. Als sie das Ufer erreichten, konnte der Königssohn wieder freier atmen, und er fragte den Adler: „Hör mal, warum hast du mich auf dem Meer dreimal ins Wasser getaucht? Mein Herz zitterte wie ein Espenlaub. Du wolltest dich wohl über mich lustig machen?“

 

„Ich habe es deshalb getan“, antwortete der Adler, „damit du verstehst, was mein Herz empfand, als ich auf deine Rückkehr von der Königstochter wartete. Das erste Mal, als du dich im Königsschloss umsahst und dich nicht beeiltest, hatte ich das gleiche Gefühl wie du, als du bis zu den Knien im Wasser warst, denn die Bären hoben schon die Köpfe. Meine Schlaffedern schienen nicht mehr zu wirken. Das zweite Mal, als du dich an den königlichen Tisch setztest, verspürte ich die gleiche Angst wie du, als du bis zur Brust im Wasser warst, denn die Bären richteten sich schon auf. Beim dritten Mal aber, als du den Ring nahmst, war meine Angst am größten, denn die Bären waren aufgestanden. Wäre die Königstochter dabei erwacht, hätten die Bären mich zerrissen, und auch du wärst nicht mit dem Leben davongekommen.“

 

Der Jüngling dankte dem Himmel, dass das Mädchen nicht erwacht war. Dann waren sie wieder bei der Alten im Eichenwald. Der Jüngling bedankte sich bei seinem Wegbegleiter und zeigte den Wunderspiegel der Alten. Die Alte sagte: „Ich habe keinen Nutzen mehr von ihm, ich bin schon zu alt. Hier, Söhnchen, nimm dieses Rutenbündel! Lässt du es durch die Luft sausen, geschieht sofort, was du dir wünschst!“ Dann brachte sie dem Königssohn das Pferd und schickte ihn auf den Heimweg.

 

Als der Wanderer zur zweiten Schwester gelangte, zeigte er auch ihr den Wunderspiegel. Doch die Alte sagte: „Ich habe keinen Nutzen mehr von ihm. Hier mein Kind, nimm dies Beutelchen! Solltest du Getreide brauchen, öffne den Beutel ein wenig. Du wirst sehen, was dann geschieht!“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten, sagte ihr Lebewohl und eilte weiter heimwärts, so schnell ihn die Hufe des alten Wallachs trugen. So gelangte er zur ersten Schwester und zeigte auch ihr den Wunderspiegel und die Geschenke der älteren Schwestern. Auch die jüngste Schwester erwiderte: „Ich habe keinen Nutzen von ihn, ich bin schon zu alt. Hier, mein Kind, nimm diese Schere mit! Solltest du jemals Stoff oder Kleider brauchen, so lass die Schere klappern.“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten für das Geschenk, sagte ihr Lebewohl und machte sich eiligst auf den Heimweg.

 

Unterwegs sah er, dass die Pferde und die Kutsche der Brüder immer noch vor der selben Schenke standen wie an dem Tage, als er sich von hier auf den Weg gemacht hatte. Der Jüngling dachte: „Ich werde hinein schauen!“ Und er trat ein. Die Brüder riefen gleich: „Na, Brüderchen, hast du den Spiegel gefunden?“ „Aber, warum denn nicht?“ antwortete der jüngste Bruder. Die älteren Bruder baten ihn zu sich an den Tisch und ließen ihn essen und trinken, solange, bis der Wein dem jüngeren Bruder zu Kopfe stieg. Dann baten sie: „So zeig uns doch den Wunderspiegel. Wer weiß, ob es überhaupt derjenige ist, den wir suchen wollten!“ „Er ist schon der richtige!“ antwortet der jüngste Bruder und gab den Spiegel den Brüdern, damit sie sich überzeugen sollten.

 

Die Brüder besahen den Spiegel von vorn und hinten und mussten zugeben, dass es der richtige war. „Was machst du Brüderchen, mit dem teuren Ding?“ grinsten die Brüder. Der älteste Bruder steckte den Spiegel ein und sagte zum jüngeren: „Also komm! Wir haben das Glück gefunden!“ Und schon waren sie auf und davon. Was sollte der jüngere Bruder nun tun? Die Peitsche sollte er zu kosten bekommen, falls er den Mund nicht hielt.

 

Der alte König schaute in den Spiegel, und – welch Wunder, er wurde immer jünger und jünger. Da lobte er die Söhne für ihren Fleiß und ihren Mut und versprach ihnen das halbe Königreich. Schließlich jedoch kam auch der jüngste Sohn zu Hause an. Er trat vor den König und sagte: „Ich war es der den Spiegel gefunden hat. Die älteren Brüder haben es nicht weit geschafft, sie haben in der Schenke gesessen und mir den Spiegel weg genommen, als ich von meiner langen Reise zurückkehrte........“ „Sieh dir doch den Dümmling an!“ schrie der König und lachte. Die älteren Brüder aber begannen, den König aufzuhetzen und sagten: „Lass den jüngsten Bruder töten! Wozu lebt so ein dummer Mensch auf dieser Welt?“

 

Als der König nun noch hörte, dass der jüngste Bruder sagte, er sei mit einem Adler geflogen, packte ihn die Wut, und er befahl, den Dümmling aufs Meer zu bringen. Er sagte zu seinen ältesten Söhnen: „Setzt ihn in einen Kahn, nehmt die Ruder weg und stoßt den Kahn hinaus in die Wellen!“ So geschah es denn auch mit dem armen Königssohn. Die Brüder spotteten noch am Ufer hinterher: „Ruf nur deinen Adler zu Hilfe, Brüderchen!“

 

Der Königssohn schaukelte in seinem Kahn über die Wellen, und diese trugen ihn weiter hinaus aufs Meer. Wie er nun eine Zeitlang dem Meer zutrieb, kam eine Welle und schleuderte ihn mitsamt dem Kahn ans Ufer. Es dauerte eine Weile, bis der Königssohn sich von seinem Schreck erholte und sich umschaute, wohin er geraten war. Bald sah er, dass die Welle ihn an den Strand einer Insel getragen hatte. „Was fange ich nun an diesem einsamen Ort an!“ klagte der Unglückliche. „Ich werde meinen Kahn aus dem Wasser ziehen. Wer weiß, wann er mir von Nutzen sein wird!“

 

Wie er nun den Kahn aus dem Wasser zerrte, fühlte er etwas unter seiner Jacke. Er guckte genauer hin und sah das Rutenbündlein. „Da habe ich doch die Geschenke der alten Frauen aus den Eichenwäldern ganz und gar vergessen! Nun werde ich sehen, ob sie die Wahrheit gesagt haben!“ Er nahm das Rutenbündel, ließ es durch die Luft sausen und rief dabei: „Ich wünsche mir eine große Stadt mit vielen Menschen darin.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, da war die Stadt schon fertig und das Volk strömte in Mengen durch die Tore ein und aus. Nur waren die Ärmsten alle nackt.

 

„Wozu habe ich die Schere in der Tasche!“ sagte der Königssohn, nahm sie heraus, ließ sie klappern und fügte hinzu: „Schere, Scherchen, nähe den Menschen neue Kleider!“ Und welch Wunder! Da lagen auch schon Hunderte Fuhren von Kleidern. „Nehmt sie euch und zieht sie euch an!“ Aber was sollten sie essen? Nirgends ein Körnchen Getreide.

 

„Mal sehen, was in des Beutels Macht liegt!“ Sobald der Jüngling den Beutel lüftete, begann aus diesem Getreide zu fließen, dass es für zehn Königreiche gereicht hätte. Nun fehlte ihnen weiter nichts mehr! Die Menschen ernannten den Jüngling zu ihrem König und so lebte er in Lust und Freude, denn das Rutenbündel, die Schere und das Beutelchen besorgten ihm alles, was sein Herz begehrte.

 

Nach einiger Zeit ging der junge König am Meer spazieren. Da sah er weit draußen auf dem Meer ein Schiff vorübersegeln. „Warte, wo ist mein Kahn?“ sagte der König. Er ließ den Kahn ans Ufer bringen, setzte sich hinein und ruderte hinaus aufs Meer, immer weiter und weiter dem Schiff zu. Er stieg aufs Schiff und sah dort die schöne Königstochter der Inselstadt. Der König verbeugte sich tief vor der Prinzessin und bat sie an Land zu kommen, damit sie sich ausruhe.

 

Die Königstochter aber erwiderte: „Ich darf nicht an Land gehen! Vor ein paar Jahren wurde aus meinem Schloss ein Spiegel gestohlen, der einen jeden, der hineinschaut, wieder jung macht. Mehr noch als um den Spiegel tut es mir um den Goldring leid, den der Dieb mitnahm. Wer im Besitz des Wunderspiegels ist, muss ihn wie seinen Augapfel hüten, und wird er dabei auch etliche hundert Jahre alt. Ich darf aber keinen anderen Mann heiraten als den, dem ich selbst den Ring gegeben hätte oder der ihn nun hat. Es könnte aber sein, dass er im Besitz eines alten Mannes oder eines bösen Hexenmeisters ist. Darum habe ich meine Stadt verlassen und lebe auf dem Meer, damit mir nicht irgendein Ungeheuer den Ring wiederbringt.“

 

Als der junge König diese Worte hörte, nahm er den Ring und reichte ihn der Prinzessin. Wie groß war ihre Freude, als sie nun sah, dass ihr Ring sich im Besitz eines schönen Jünglings befand, der zudem noch König war. Sie fuhren ans Ufer, und das Volk empfing sie jubelnd. Dann wurde Hochzeit gefeiert, die viele Wochen dauerte. Aber von dem Wunderspiegel hatte nie wieder jemand etwas gehört.

 

Märchen aus Estland

 

GOLDHÄRCHEN UND GOLDSTERNCHEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der wollte keine andere freien, als nur die Allerschönste und Sittsamste aus dem ganzen Lande. Und sie wiesen ihm ein so schönes Mädchen zu, mit goldenen Haaren, daß man sich bei ihrem Anblick nicht satt sehen konnte. Der König verliebte sich in sie und nahm sie zur Frau, aber seine alte böse Mutter konnte ihre Schwiegertochter in den Tod nicht leiden, hätte sie lieber vergiftet, als sie in ihrem Haus gelitten, und lauerte auf sie.

 

Nach einer Zeit bekam die junge Königin einen sehr schönen Sohn. Die alte Königin leistete Beistand und windelte ihn und legte ihn scheinbar in die Wiege, in Wahrheit aber warf sie ihn in ein Kästchen, schlug den Deckel zu, trug ihn an den Fluß, setzte ihn dort ins Wasser und ließ ihn stromabwärts los. Aber in die Wiege legte das alte Nickel einen Kater in Windeln. Als man am Morgen frühe bei Tageslicht zur Besichtigung kam, wunderten sich alle über das wunderbare, behaarte Kind, und nach dem Auswindeln, siehe da! wars ein Kater.

 

Die Königin wußte nichts zu sagen; die alte Teufelin schwieg, verleumdete vielmehr die Königin, als wenn sie eine Hexe wäre und einen Kater geboren hätte. Im anderen Jahr machte sie es ebenso. Als die Königin ein junges Töchterchen bekommen hatte, schön wie eine Tochter der lieben Sonne, trug sie das Kind auf den Fluß hinaus und legte in die Wiege eine Katze in Windeln. Der König wurde fast auf seine Gemahlin böse, die Königin verzagt und bekam seit dem keine Kinder mehr, und alle Welt verleumdete die Königin als gräßliche Hexe.

 

Aber in der Nacht, in welcher der erste Sohn geboren wurde, hörte ein Mann im Finstern beim Fischen auf dem See die weinerliche Stimme eines Kindes. Nach der Stimme zufahrend, erblickte er ein schwimmendes Kästchen, fischte dieses auf und fand ein kleines Kindchen. Fröhlich eilte er nach Hause, es seiner Frau zu zeigen, und nachdem er es heim getragen hatte, fragte er: Sonnchen! Nun rate einmal auf, was ich im Kästchen bringe?“ Als sie es nicht erraten konnte, öffnete er den Deckel und zeigte ihr das schlafende Kind mit den Worten: „Du hast mir kein Kind geschenkt, nun bringe ich dir wenigstens einen Findling.“

 

Beim Auswickeln fanden sie prächtige Windeln und Leinwand und auf dem Boden auch ein wenig Geld eingewickelt. Als sie das Kind besahen, erblickten sie wirklich drei goldene Haare hinterm Ohr, nannten ihn darum Goldhärchen und erzogen ihn als ihren Sohn. Das Geld aber und die Windeln verwahrten sie im Kasten, in dem sie meinten: „Geld brauchen wir beide nicht, wir haben ja, Gott sei Dank! unser Brot, und für das Kind wird’s auch noch erreichen, besser ist es, wir heben ihm alles auf. Wer weiß, ob er dies nicht einmal gebrauchen wird.“

 

Nach einem Jahr fischte er wieder ein Kästchen auf und brachte es heim, und in demselben fand er ein schönes Mädchen, ebenso schön gekleidet, auch ein Teilchen Geld; es schien des ersten Schwester zu sein. Sie fanden aber drei goldene Sterne hinter dem Ohre, nannten sie Goldsternchen und erzogen sie mit Freuden. Lange Jahre blieben diese beiden Kinder im Hause des Fischers und wuchsen in guter Obhut und Pflege auf. Sie waren schon ziemlich groß, als sie einmal von fremder Stätte her nach Hause gelaufen kamen und fragten: „Väterchen! Mütterchen! Ist das wahr?" Die anderen Kinder sagen, wir seien nicht eure Kinder, sondern Findlinge, aus dem Wasser gefischt?“

 

Was sollten sie tun, sie mußten die Wahrheit sagen, zeigten jedem seinen Kasten und was darinnen für jeden zum Andenken drin war. Als sie alles erforscht und besehen hatten, sprachen sofort beide: „Dank euch beiden für eure Pflege und alles Gute, nun müssen wir in die Welt hinaus gehen und die Eltern suchen.“ Lange irrten und fragten sie, endlich waren sie des Wanderns müde. Sie trafen eine Stadt an, kauften dort ein Haus, richteten einen schönen Garten ein, daß der Ruf ausging durch die ganze Stadt vom Goldhärchen und Goldsternchen.

 

Sie beide wußten aber nicht, daß sie den Eltern so nahe wären, denn das war dieselbe Stadt, in welcher die Eltern herrschten. Da hörte auch des alten Königs Mutter das Gerücht von diesen beiden Kindern und merkte am Namen, was das für Kinder sein könnten, die goldenen Haare und die goldenen Sterne hatte sie damals beim Einwindeln wohl bemerkt. Sie dachte hin, sie dachte her, vielleicht daß es möglich wäre, die beiden auf irgendeine Weise in den Tod zu treiben.

 

Verkleidet ging das alte Ungestüm zu beiden ins Haus mit süßer Zunge und allerlei Lobeserhebungen. „Ach! Wie schön ist euer Haus und ihr beide gar, meine Hühnchen! Wie jung und schön! Herzchen! Ich wollte auch euren Garten sehen, mein Töchterchen! Ich habe sagen hören, daß er sehr schön sei.“ Dort hingekommen, heuchelte sie: „Ach! Was ist das für eine Pracht! Hast du die schönen Blumen großgezogen? Und du, mein Goldchen? Hast hier wohl die Bäume so schön gepflanzt? Meine Küchlein! Überaus schön ist das Gärtchen, aber wenn an jedem Baume Glöcklein wären, wie würde das klingen!“ – „Und wo könnte man die bekommen?“ fragte sogleich Goldhärchen. „Ich weiß, dort auf dem Berge ist ein ganzer Garten voll, nur eins braucht man sich heimzutragen, dann wächst in der Nacht der ganze Garten voll. Ja! Wenn ihr dieses Glöcklein hättet, meine weißen Lieblinge!“

 

Nachdem sie das gesagt hatte, zog sie ab wie ein dürres Jahr, daß seine Zeichen hinterlässt. Sie schickte beide Kinder geradezu in des Todes Rachen, denn der Garten auf dem Berge war verzaubert und wer in ihm länger als eine Stunde blieb, kam schon nicht mehr heraus, sondern verwandelte sich in irgendeinen Baum. Nach Abgang der Alten sprachen die beiden unter sich, was zu tun wäre. Goldhärchen sagte: „Ich gehe und bringe mit ein solches Glöckchen!“ – „Geh nicht! Geh nicht! wehrte die Schwester, „wer weiß was dir begegnen kann?“ - „Du wirst mich nicht abwendig machen! Ich gehe und damit genug! Furcht habe ich nicht in Gottes Namen.“ „Dann kehre wenigstens rasch um und halte dich nicht auf!“ sagte die Schwester.

 

Frühmorgens erwachte er, lief hinauf auf den Berg, kam an einen schönen Garten, groß ohne Ende, stellte sich auf die Fußspitzen, riß sich eins der Glöcklein ab und lief ohne sich umzuschauen, wie von Furien getrieben, vom Berge heimwärts, kam nach Hause und hängte es an den Baum. Am andern Morgen klang der ganze Garten, es war lieblich anzuhören. Die alte Hexe kommt wieder und spricht mit süßer Zunge: „Mein liebes Töchterchen, nun ist ein schönes Klingen Im Garten! Aber, meine Gute! Wenn noch im Teich goldene Fischlein wären, dann wäre es noch schöner, mein süßes Täubchen!“ – „Und wo kann man die bekommen?“ – „Wieder dort auf dem Berge wirst ein Teichlein finden, mein Junge!“ sagte sie und schlich davon.

 

Früh am Morgen lief Goldhärchen auf den Berg, sich ein Fischlein holen, fand es, sputete sich rasch heim und ließ es in den Teich hinein. Am anderen Morgen kribbelte und wibbelte das ganze Wasser voll von Fischen aus Gold, welche herumschwammen glitzernd, daß man seine lieblichen Augenweide dran hatte.

 

Als das alte Weib dies hörte, wunderte sie sich, wie er leben bleiben und aus dem Garten heraus kommen konnte, sie entwarf aber einen Plan, sie gewiß zu verderben, wenn nicht beide, doch wenigstens einen. Zum dritten Male kam sie und lobte den schönen Garten der beiden und sprach: „Meine Kleeblättchen! Schön! Sehr schön! Aber noch eine Sache fehlt, nämlich der Vogel der Wahrheit!“ – „Wo ist der zu erhalten?“ „Mein Herzchen! Auch dort auf dem selben Berge in der hintersten Stube auf den Ofen ist er hingesetzt.“ Das sagend bürzelte sie hinaus, innerlich sich belachend: nun muß sicher einer verloren gehen.

 

Als sie herausgewatschelt war, sagte Goldhärchen sogleich: „Den Vogel muß ich haben, und wenn da wer weiß was wäre.“ Die Schwester redete ab so gut sie konnte, aber vergebens. Am anderen Morgen nach dem Erwachen wehrte sie wieder: „Um Gottes Willen, geh nicht! Mir ist so bange ums Herz! Und diese Nacht habe ich so wunderbar von dir geträumt, mein Brüderchen! Bitte, bleibe zu Hause, du wirst sonst umkommen!“ Der aber fragte nach nichts und lief des Morgens auf den Berg in sein Unglück.

 

Gleichsam absichtlich ließ er sich Zeit, bummelte im Garten herum, besah Bäume und Blumen, schlich nachher ins Haus. Aber dort im ersten Zimmer fand er solch schöne Sachen, daß er sich nicht sattwundern konnte, im zweiten, die schönsten silbernen und goldenen Geräte, im dritten lauter Gemälde, im vierten die schönsten Anzüge, im fünften Geld und Geschmeide, überall wollte er seine Augen und verzögerte sich. Zuletzt kam er in das rechte Stübchen, sah dort den Vogel sitzen. und wollte ihn hoch steigend schon ergreifen, da fiel er als ein Glasstückchen auf die Erde und blieb liegen. Das Schwesterlein wartete auf ihren Bruder einen Tag und eine Nacht und konnte ihn durchaus nicht erwarten.

 

Am anderen Morgen stand sie auf, ging auf den Berg, ihn zu suchen, immer mit Weinen. Bei ihrem Umherirren traf sie eine alte Frau an, welche sich ihrer erbarmte, sie ausfragte und belehrte, wie sie tun sollte. Sie merkte sich alles wohl, lief durch den Garten, durch die Stuben, ohne die Augen seitwärts zu wenden, las die Glasstückchen in die Schürze, stieg hoch, ergriff den Vogel der Wahrheit und lief wieder im Trabe zurück nach Hause. Als sie aber aus dem Garten kam, fielen die Glasstückchen aus der Schürze und verwandelten sich sogleich in die Kinder, welche dort den Vogel hatte greifen wollen. Unter diesen erblickte sie auch ihr verlorenes Brüderchen, erfaßte ihn rasch bei der Hand und führte ihn mit sich nach Hause.

 

Den Vogel stellte sie  zu Hause im Bauer auf. Wieder ging das Gerücht von der beiden Kinder Gewinn durch die ganze Stadt, auch der König und die Königin hörten die Nachricht und kamen sich die Neuigkeit zu beschauen. Nach Bewunderung aller Dinge sahen sie auch den Vogel und erfuhren, daß es ein Verkünder der Wahrheit sei. Sogleich fingen sie ihn an zu fragen von ihren Kindern, wie das zugegangen sei und ob sie noch am Leben sind.

 

Der Vogel bezeugte alles der Wahrheit gemäß, und mit einem Male fanden zum Staunen aller die Eltern ihre Kinder und die Kinder ihre Eltern, das war eine Freude ohne Ende! Sie fragten aber auch, wer das alles verbrochen habe, und bekamen zu wissen, daß des Königs alte Mutter an dem allen Schuld sei. Zornig befahl der König sie zu greifen und gebunden in ebensolch einer Kiste auf dem Wasser loszulassen. Wer weiß, wohin sie gekommen ist! Aber in des Königs Hause richteten die Eltern ihren wiedergefundenen Kindern ein großes Fest aus, zu welchem viele eingeladen waren.

 

Märchen aus Litauen

 

DAS GLÜCKSEI ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einmal lebte in einem großen Walde ein armer Mann mit seinem Weibe; Gott hatte ihnen acht Kinder gegeben, von denen die ältesten schon ihr Brot bei fremden Leuten verdienten, und so machte es den Eltern gerade nicht viel Freude, als ihnen im späten Alter noch ein neuntes Söhnlein geboren wurde. Aber Gott hatte es ihnen einmal geschenkt, und so mußten sie es nehmen, und ihm nach Christenbrauch die Taufe geben lassen. Nun wollte aber Niemand zu dem Kinde Gevatter stehen, weil Jeder besorgte: wenn die Eltern sterben, so fällt mir das Kind zur Last. Da dachte der Vater: ich nehme das Kind, und trage es am Sonntag in die Kirche, und sage, daß ich nirgends Gevattern habe finden können, mag dann der Prediger tun, was er will, mag er das Kind taufen oder nicht, auf meine Seele kann keine Sünde fallen.

 

Als er sich am Sonntag aufmachte, fand er nicht weit von seinem Hause einen Bettler am Wege sitzen, der ihn um ein Almosen bat. Der Mann sagte: »Ich habe dir nichts zu geben, Brüderchen, die wenigen Kopeken die ich in der Tasche habe, muß ich für die Kindtaufe ausgeben; willst du mir aber einen Gefallen tun, so komm und steh bei meinem Kinde Gevatter, nachher gehen wir nach Hause und nehmen vorlieb mit dem, was uns die Hausfrau zum Taufschmaus beschert hat.«

 

Der Bettler, den bis dahin noch niemand zu Gevatter gebeten hatte, erfüllte mit Freuden die Bitte des Mannes, und ging mit ihm zur Kirche. Als sie eben dort angekommen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit vier Pferden vor, und eine junge vornehme Dame stieg aus. Der arme Mann dachte: hier will ich zum letzten Male mein Glück versuchen, trat mit demütigem Gruße vor die Frau oder das Fräulein, was sie nun sein mochte, und sagte: »Geehrtes Fräulein, oder was ihr sonst sein mögt! würdet ihr euch nicht der Mühe unterziehen, bei meinem Kinde Gevatter zu stehen?« Das Fräulein sagte zu.

 

Als nun nach der Predigt das Kind zur Taufe gebracht wurde, verwunderten sich Prediger und Gemeinde sehr darüber, daß ein armseliger Bettelmann und eine stolze vornehme Dame zusammen bei dem Kinde Gevatter standen. Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Pärtel. Die reiche Pate bezahlte das Taufgeld und machte noch ein Patengeschenk von drei Rubeln, worüber der Vater des Kindes höchlich erfreut war. Der Bettler ging dann mit zum Taufschmause.

 

Ehe er am Abend fortging, nahm er ein in einen kleinen Lappen gewickeltes Schächtelchen aus der Tasche, gab es der Mutter des Kindes, und sagte: »Mein Patengeschenk ist zwar unbedeutend, aber verschmähet es dennoch nicht, vielleicht erwächst eurem Söhnlein einmal Glück daraus. Ich hatte eine sehr kluge Tante, die sich auf vielerlei Zauberkünste verstand, die gab mir vor ihrem Tode das Vogelei in diesem Schächtelchen, indem sie sagte: 'wenn dir einmal etwas ganz Unerwartetes begegnet, was du niemals ahnden konntest, dann entäußere dich dieses Eies; wenn es demjenigen zu Teil wird, für den es bestimmt ist, so kann es ihm großes Glück bringen. Aber hüte das Ei wie deinen Augapfel, damit es nicht zerbricht, denn die Glücksschale ist zart.' Nun ist mir bis auf den heutigen Tag, obwohl ich nahe an sechzig Jahre alt bin, noch nichts so Unerwartetes begegnet, als daß ich heute morgen zu Gevatter gebeten wurde, und es war gleich mein erster Gedanke: Du mußt dem Kinde das Ei zum Patengeschenk geben.«

 

Der kleine Pärtel gedieh vortrefflich, und wuchs seinen Eltern zur Freude auf, bis er im Alter von zehn Jahren in ein anderes Dorf zu einem wohlhabenden Wirte als Hüterknabe kam. Alle im Hause waren mit dem Hüterknaben sehr zufrieden, da er ein frommer stiller Bursche war, der seiner Brotherrschaft niemals Verdruß machte. Die Mutter hatte ihm beim Abschied das Patengeschenk in die Tasche gesteckt, und ihm empfohlen, es sorgfältig zu hüten, wie seinen Augapfel, was Pärtel auch befolgte.

 

Auf dem Weideplatze stand ein alter Lindenbaum, und unter diesem lag ein großer Kieselstein; diesen Ort hatte der Knabe sehr lieb, so daß den Sommer über kein Tag verging, an dem er nicht unter der Linde auf dem Steine gesessen hätte. Auf diesem Steine verzehrte er auch gewöhnlich das Brot, welches ihm alle Morgen mitgegeben wurde, und seinen Durst stillte eine kleine Quelle in der Nähe des Steines. Mit den anderen Hirtenknaben, die viel Mutwillen trieben, hielt Pärtel keine Freundschaft. Wunderbar war es, daß ringsum nirgends so schönes Gras anzutreffen war, als zwischen dem Stein und der Quelle; obwohl die Herde jeden Tag hier weidete, so hatte doch am andern Morgen der Rasen mehr das Ansehen einer geschonten Wiese als das einer Weide.

 

Wenn Pärtel zuweilen an einem heißen Tage auf dem Steine ein wenig einschlummerte, so erfreuten ihn jedesmal wunderbare Träume, und noch beim Erwachen klangen ihm Spiel und Gesang in den Ohren, so daß er mit offenen Augen weiter träumte. Der Stein war ihm wie ein teurer Freund, von dem er täglich mit schwerem Herzen schied, und zu dem er den anderen Morgen voll Sehnsucht zurückeilte. So war Pärtel funfzehn Jahre alt geworden, und sollte nun nicht länger mehr Hüterknabe bleiben. Der Wirt nahm ihn zum Knecht, ohne ihm jedoch schwerere Arbeit aufzulegen, als er zu leisten vermochte.

 

Am Sonntage oder an Sommerabenden, wenn die anderen Bursche mit den Dirnen schäkerten, gesellte sich Pärtel nicht zu ihnen, sondern ging still sinnend auf den Weideplatz an seinen lieben Lindenbaum, unter welchem er nicht selten die halbe Nacht zubrachte. So saß er einmal wieder an einem Sonntag Abend auf dem Steine und schlug die Maultrommel, da kroch eine milchweiße Schlange unter dem Steine hervor, hob den Kopf, als wollte sie zuhören, und blickte den Pärtel mit ihren klaren Augen an, die wie feurige Funken glänzten. Dies wiederholte sich in der Folge, weßhalb Pärtel, sobald er nur freie Zeit hatte, immer nach seinem Steine eilte, um die schöne weiße Schlange zu sehen, die sich zuletzt so an ihn gewöhnt hatte, daß sie sich oftmals um seine Beine wand.

 

Pärtel war nun in das Jünglingsalter getreten, seine beide Eltern waren gestorben, und seine Brüder und Schwestern lebten alle weit entfernt, so daß sie nicht viel von einander hörten, geschweige denn einander sahen. Aber lieber als Brüder und Schwestern war ihm die weiße Schlange geworden; bei Tage waren seine Gedanken auf sie gerichtet, und fast jede Nacht träumte er von ihr. Deshalb wurde ihm die Winterzeit sehr lange, wo tiefer Schnee lag und der Boden gefroren war. Als im Frühling die Sonnenstrahlen den Schnee geschmolzen und den Boden aufgetaut hatten, war Pärtels erster Gang wieder zum Steine unter der Linde, obwohl noch kein Blättchen am Baume zu sehen war.

 

O die Freude! Sobald er seine Sehnsucht in den Tönen der Maultrommel ausgehaucht hatte, kroch die weiße Schlange unter dem Stein hervor und spielte zu seinen Füßen, aber dem Pärtel schien es heute, als wenn die Schlange Tränen vergossen hätte, und das tat seinem Herzen weh. Er ließ nun keinen Abend mehr hingehen, ohne zum Steine zu kommen, und die Schlange wurde immer dreister, so daß sie sich schon streicheln ließ, aber wenn Pärtel sie festhalten wollte, schlüpfte sie ihm durch die Finger und kroch wieder unter den Stein.

 

Am Abend des Johannistages, da alle Dorfbewohner, alt und jung, mit einander zum Johannisfeuer gingen, durfte doch auch Pärtel nicht zurück bleiben, obwohl sein Herz ihn auf einen andern Weg lockte. Aber mitten in der Lustbarkeit, als die anderen sangen, tanzten und andere Kurzweil trieben, schlich er sich von ihnen fort zum Lindenbaum, denn das war der einzige Ort, wo sein Herz Ruhe fand. Als er näher kam, glänzte ihm vom Steine her ein helles kleines Feuer entgegen, was ihn sehr in Verwunderung setzte, da, so viel er wußte, Menschen sich um diese Zeit dort nicht aufhielten. Als er ankam, war das Feuer erloschen, und hatte weder Asche noch Funken zurückgelassen. Er setzte sich auf den Stein und fing an, wie gewöhnlich, die Maultrommel zu rühren. Mit einem Male tauchte das Feuer wieder auf, und es war nichts anderes als das funkelnde Augenpaar der weißen Schlange. Diese spielte wieder zu seinen Füßen, ließ sich streicheln, und sah ihn so durchdringend an, als wollte sie sprechen. Mitternacht konnte nicht weit sein, als die Schlange unter den Stein in ihr Nest schlüpfte, und auch auf Pärtels Spiel nicht wieder zum Vorschein kam.

 

Als er sein Instrument vom Munde nahm, in die Tasche steckte, und sich anschickte, nach Hause zu gehen, da säuselte das Laub der Linde im Hauch des Windes so wunderbar, daß es wie eine Menschenstimme an sein Ohr schlug, und er mehrmals die Worte zu hören glaubte:

»Zarte Schale hat das Glücksei,

Zähen Kernes ist die Trübsal;

Zaudre nicht das Glück zu haschen.«

 

Da fühlte er ein so schmerzliches Verlangen, daß ihm das Herz zu brechen drohte, und doch wußte er selber nicht, wonach er sich sehnte. Bittre Tränen rannen ihm von den Wangen, und er klagte: »Was hilft mir Unglücklichem das Glücksei, da mir auf dieser Welt doch kein Glück beschieden ist! Von klein auf fühle ich, daß ich für die Menschen nicht passe, sie verstehen mich nicht, und ich sie nicht: was ihnen Freude macht, das schafft mir Qual, was mich aber glücklich machen könnte, das weiß ich selbst nicht, wie sollten es Andere wissen. Der Reichtum und die Armut haben beide bei mir zu Gevatter gestanden, darum habe ich auch zu nichts Rechtem kommen können.«

 

Da wurde es plötzlich so hell um ihn her, als ob Linde und Stein von der vollen Sonne beschienen würden, so daß er eine Weile die Augen nicht öffnen konnte, sondern sich erst an die Helligkeit gewöhnen mußte. Da sah er neben sich auf dem Steine ein schönes Frauenbild stehen, in schneeweißen Kleidern, wie wenn ein Engel vom Himmel herunter gestiegen wäre. Aus dem Munde der Jungfrau aber tönte eine Stimme, die ihm süßer klang, als der Gesang der Nachtigall, und die Stimme sprach:

 

»Lieber Jüngling, fürchte dich nicht, sondern erhöre die Bitte eines unglücklichen Mädchens! Ich Arme lebe in einem trübseligen Kerker, und wenn du dich meiner nicht erbarmst, so habe ich nimmer Hoffnung auf Erlösung. O, lieber Jüngling, habe Mitleid mit mir, und weise mich nicht ab. Ich bin eines mächtigen Königs Tochter aus dem Ostlande, unendlich reich an Gold und Schätzen, aber das kann mir nichts helfen, weil ein Zauber mich zwang, in Gestalt einer Schlange hier unter dem Felsen zu leben, wo ich schon viele hundert Jahre weile, ohne je älter zu werden. Obwohl ich noch nie einem Menschenkinde Böses zugefügt habe, so fliehen doch Alle vor meiner Gestalt, so wie sie mich erblicken. Du bist das einzige lebende Wesen, das meine Annäherung nicht scheute; ja, ich durfte zu deinen Füßen spielen, und deine Hand hat mich oftmals freundlich gestreichelt. Darum erwachte in meinem Herzen die Hoffnung, daß du mein Retter werden könntest. Dein Herz ist rein, wie das eines Kindes, in welchem Lug und Trug noch nicht wohnen. Auch trifft bei dir Alles zu, was zu meiner Rettung erforderlich ist: eine vornehme Dame und ein Bettler standen zusammen Gevatter bei dir, und das Glücksei wurde dein Patengeschenk. Nur einmal nach je fünf und zwanzig Jahren in der Johannisnacht ist es mir vergönnt, in Menschengestalt eine Stunde lang auf der Erde zu wandeln, und wenn dann ein Jüngling reinen Herzens, der diese besonderen Gaben besitzt, kommen und meine Bitte erhören würde, so könnte ich aus meiner langen Gefangenschaft erlöst werden. Rette, o rette mich aus der endlosen Kerkerhaft, ich bitte dich in aller Engel Namen.« So sprechend fiel sie dem Pärtel zu Füßen, umfaßte seine Knie und weinte bitterlich.

 

Dem Pärtel schmolz das Herz bei diesem Anblick und bei dieser Rede, er bat die Jungfrau aufzustehen und ihm zu sagen, wie die Rettung möglich sei. »Ich würde ja ohne Zögern durch Feuer und Wasser gehen,« sagte er, »wenn dadurch deine Rettung möglich würde, und hätte ich zehn Leben zu verlieren, ich würde sie alle für deine Rettung hingeben! Eine nie gekannte Sehnsucht läßt mir keine Ruhe mehr, aber wonach ich mich sehne, weiß ich selbst nicht.«

 

Die Jungfrau sagte: »Komm morgen Abend gegen Sonnenuntergang wieder hierher, und wenn ich dir dann als Schlange entgegen komme, und mich wie einen Gürtel um deinen Leib winde, und dich dreimal küsse, so erschrick nicht, und bebe nicht zurück, sonst muß ich wieder weiter seufzen unter dem Fluche der Verzauberung, und wer weiß auf wie viel hundert Jahre.« Mit diesen Worten war die Jungfrau den Blicken des Jünglings entschwunden, und wieder säuselte es aus dem Laube der Linde:

»Zarte Schale hat das Glücksei,

Zähen Kernes ist die Trübsal;

Zaudre nicht das Glück zu haschen!«

 

Pärtel war nach Hause gekommen und hatte sich vor Tages Anbruch schlafen gelegt, aber wunderbar bunte Träume, teils freundliche, teils häßliche, scheuchten die Ruhe von seinem Lager. Mit einem Schrei sprang er auf, weil ein Traum ihm vorgespiegelt hatte, daß die weiße Schlange sich um seine Brust schlang und ihn erstickte. Zwar achtete er nicht weiter auf dieses Schreckbild, vielmehr war er fest entschlossen, die Königstochter aus den Banden der Verzauberung zu erlösen, und wenn er selber darüber zu Grunde gehen sollte - aber dennoch wurde ihm das Herz immer schwerer, je näher die Sonne dem Horizonte kam.

 

Zur festgesetzten Zeit stand er am Steine unter der Linde, und blickte seufzend zum Himmel empor, den er um Mut und Kraft anflehte, damit er nicht vor Schwäche zittere, wenn sich die Schlage um seinen Leib winden und ihn küssen werde. Da fiel ihm plötzlich das Glücksei ein; er zog das Schächtelchen aus der Tasche, wickelte es los, und nahm das kleine Ei, das nicht größer war, als das Ei einer Grasmücke, zwischen die Finger.

 

In demselben Augenblicke war die schneeweiße Schlange unter dem Steine hervorgeschlüpft, hatte sich um seinen Leib gewunden, und richtete eben ihren Kopf empor, um ihn zu küssen, da - der Mann wußte selbst nicht wie es geschah - hatte er der Schlange das Glücksei in den Mund gesteckt. Er stand, ob auch mit frierendem Herzen, ohne zu beben, bis die Schlange ihn dreimal geküßt hatte. Jetzt erfolgte ein Krachen und Leuchten, als hätte der Blitz in den Stein geschlagen, und schwerer Donner machte die Erde erzittern, so das Pärtel wie tot zu Boden fiel, und nicht mehr wußte, was mit ihm oder um ihn her geschah.

 

Aber in diesem furchtbaren Augenblicke waren die Bande des Zaubers gebrochen, und die königliche Jungfrau war aus ihrer langen Haft erlöst. Als Pärtel aus seiner schweren Ohnmacht erwachte, fand er sich auf weichen Seidenkissen, in einem prächtigen Glasgemach von himmelblauer Farbe. Das schöne Mädchen kniete vor seinem Bette, streichelte seine Wangen, und rief, als er die Augen aufschlug: »Dank dem himmlischen Vater, der mein Gebet erhört hat! und tausend, tausend Dank auch dir, teurer Jüngling, der du mich aus der langen Verzauberung erlöst hast! Nimm jetzt zum Lohne mein Reich, dieses prachtvolle Königsschloß mit allen seinen Schätzen, und wenn du willst, auch mich als Gemahlin mit in den Kauf. Du sollst fortan hier glücklich leben, wie es dem Herrn des Glücksei's gebührt. Bis heute war dein Loos wie das deines Taufvaters, jetzt harrt deiner ein besseres Loos, ein solches, wie es deiner Taufmutter zugefallen war.«

 

Pärtel's Glück und Freude vermöchte wohl niemand zu schildern; alle unbegriffene Sehnsucht seines Herzens, die ihn ruhelos immer wieder unter die Linde trieb, war jetzt gestillt. Von der Welt geschieden lebte er mit seiner teuren Gemahlin im Schoße des Glückes bis an sein Ende. -

 

In dem Dorfe aber und auf dem Bauernhofe, wo er gedient hatte, und wo man ihn um seines frommen Wesens willen lieb hatte, erregte sein Verschwinden große Betrübnis. Darum machten sich Alle auf, ihn zu suchen, und ihr erster Gang war zur Linde, welche Pärtel so häufig zu besuchen pflegte, und wohin man ihn auch Abends zuvor noch hatte gehen sehn. Groß war das Erstaunen der Leute, als sie dort weder den Pärtel, noch die Linde, noch den Stein mehr vorfanden; auch die kleine Quelle in der Nähe war vertrocknet, und keines Menschen Auge hat selbige Dinge jemals wieder erblickt.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald: Estnische Märchen

 

DIE GOLDSPINNERINNEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich will euch eine schöne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzählen, welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der Weisheit-Sprache der Vierfüßer und der Befiederten wiederhallten.

 

Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit drei frischen Töchtern: ihre Hütte lag im Dickicht versteckt. Die Töchter blühten schönen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf; besonders war die jüngste Schwester schön und zierlich wie ein Bohnenschötchen. Aber in dieser Einsamkeit gab es keine anderen Beschauer als am Tage die Sonne, und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne.

»Brennend heiß mit Jünglingsaugen

Schien die Sonn' auf ihren Kopfputz,

Glänzte auf den bunten Bändern,

Rötete die bunten Säume.«

 

Die alte Mutter ließ die Mädchen nicht müßig gehen, noch säumig sein, sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie saßen Tag für Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen Dingern wurde weder Donnerstag noch Sonnabend Abendmuße gegönnt, den Gabenkasten zu bereichern, und wenn nicht in der Dämmerung oder im Mondenschein verstohlener Weise die Stricknadel zur Hand genommen wurde, so blieb der Kasten ohne Zuwachs. War die Kunkel abgesponnen, so wurde sofort eine neue aufgesetzt, und überdies mußte das Garn eben, drall und fein sein.

 

Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloß und Riegel in einer geheimen Kammer, wohin die Töchter ihren Fuß nicht setzen durften. Von wo der Goldflachs ins Haus gebracht wurde, oder zu was für einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen nicht bekannt geworden; die Mutter gab auf solche Fragen niemals Antwort. Zwei oder drei Mal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise, man wußte nicht wohin, blieb zuweilen über eine Woche aus und kam immer bei nächtlicher Weile zurück, so daß die Töchter niemals erfuhren, was sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, teilte sie jedesmal den Töchtern auf so viel Tage Arbeit aus, als sie aus zu bleiben gedachte.

 

Jetzt war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung unternehmen wollte. Gespinnst auf sechs Tage wurde den Mädchen ausgeteilt, und dabei abermals die alte Ermahnung eingeschärft: »Kinder laßt die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit der Faden in der Spule nicht reißt, sonst würde der Glanz des Goldgarns verschwinden und mit eurem Glücke würde es auch aus sein!« Die Mädchen verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung; ehe noch die Mutter auf ihrer Krücke zehn Schritte weit vom Hause gekommen war, fingen sie alle drei an zu höhnen.

 

»Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt wird, hätten wir nicht nötig gehabt,« sagte die jüngste Schwester. »Der Goldgarnfaden reißt nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen.« Die andere Schwester setzte hinzu: »Eben so wenig ist es möglich, daß der Goldglanz sich verliere.« Oft schon hat Mädchen-Vorwitz manches voreilig verspottet, woraus doch endlich nach vielem Jubel Tränenjammer erwuchs.

 

Am dritten Tage nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter Vorfall, der den Töchtern anfangs Schrecken, dann Freude und Glück, auf lange Zeit aber Kummer bereiten sollte. Ein Kalew-Sproß, eines Königs Sohn, war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefährten abgekommen, und hatte sich im Walde so weit verirrt, daß weder das Gebell der Hunde noch das Blasen der Hörner ihm einen Wegweiser herbeischaffte. Alles Rufen fand nur sein eigenes Echo, oder fing sich im dichten Gestrüpp.

 

Ermüdet und verdrießlich stieg der königliche Jüngling endlich vom Pferde und warf sich nieder, um im Schatten eines Gebüsches auszuruhen, während das Pferd sich nach Gefallen auf dem Rasen sein Futter suchen durfte. Als der Königssohn aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne schon niedrig. Als er jetzt von neuem in die Kreuz und in die Quer nach dem Wege suchte, entdeckte er endlich einen kleinen Fußsteig, der ihn zur Hütte der lahmen Alten brachte.

 

Wohl erschracken die Töchter, als sie plötzlich den fremden Mann sahen, dessen Gleichen ihr Auge nie zuvor erblickt hatte. Indeß hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in der Abendkühle mit dem Fremden befreundet, so daß sie gar nicht einmal zur Ruhe gehen mochten. Und als endlich die älteren Schwestern sich schlafen gelegt hatten, saß die jüngste noch mit dem Gaste auf der Türschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen.

 

Während die Beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne sich ihr Herz öffnen und süße Gespräche führen, wollen wir uns nach den Jägern umsehen, die ihren Anführer im Walde verloren hatten. Unermüdlich war der ganze Wald nach allen Seiten hin von ihnen durchsucht worden, bis das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ziel setzte. Dann wurden zwei Männer in die Stadt zurück geschickt, um die traurige Botschaft zu überbringen, während die Übrigen unter einer breiten ästigen Fichte ihr Nachtlager aufschlugen, um am nächsten Morgen wieder weiter zu suchen.

 

Der König hatte gleich Befehl gegeben, am andern Morgen ein Regiment zu Pferde und eins zu Fuß ausrücken zu lassen, um seinen verlorenen Sohn aufzusuchen. Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tage aus; dann erst wurden in der Frühe Fußstapfen gefunden, die man verfolgte und dadurch den Fußsteig entdeckte, der zur Hütte führte.

 

Dem Königssohne war in Gesellschaft der Mädchen die Zeit nicht lang geworden, noch weniger hatte er Sehnsucht nach Hause gehabt. Ehe er schied, gelobte er der Jüngsten heimlich, daß er in kurzer Zeit wieder kommen und dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, sie mit sich nehmen und zu seiner Gemahlin machen wolle. Wenn gleich die älteren Schwestern von dieser Verabredung nichts gehört hatten, so kam die Sache doch heraus und zwar in einer Weise, die Niemand vermutet hätte.

 

Nicht gering war nämlich der jüngsten Tochter Bestürzung, als sie, nachdem der Königssohn fortgegangen war, sich an den Rocken setzte und fand, daß der Faden in der Spule gerissen war. Zwar wurden die Enden des Fadens im Kreuzknoten wieder zusammengeknüpft und das Rad in rascheren Gang gebracht, damit emsige Arbeit die im Kosen mit dem Bräutigam verlorene Zeit wieder ein brächte. Allein ein unerhörter und unerklärlicher Umstand machte das Herz des Mädchens beben: das Goldgarn hatte nicht mehr seinen vorigen Glanz. -

 

Da half kein Scheuern, kein Seufzen und kein Benetzen mit Tränen; die Sache war nicht wieder gut zu machen. Das Unglück springt zur Tür ins Haus, kommt durchs Fenster herein und kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein altes weises Wort; so geschah es auch jetzt.

 

Die Alte war in der Nacht nach Hause gekommen. Als sie am Morgen in die Stube trat, erkannte sie augenblicklich, daß hier etwas Unrechtes vorgegangen sei. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie ließ die Töchter eine nach der anderen vor sich kommen und verlangte Rechenschaft. Mit Leugnen und Ausreden kamen die Mädchen nicht weit, Lügen haben kurze Beine; die schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem Rücken der jüngsten Tochter ins Ohr gekräht hatte. Das alte Weib fing nun an so gräulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren Verwünschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem Jüngling den Hals zu brechen und sein Fleisch den wilden Tieren zur Speise vor zu werfen, wenn er sich gelüsten ließe, noch einmal wieder zu kommen. -

 

Die jüngste Tochter wurde rot wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag keine Ruhe und konnte auch die Nacht kein Auge zu tun; immer lag es ihr schwer auf der Seele, daß der Jüngling, wenn er zurück käme, seinen Tod finden könnte. Früh am Morgen, als die Mutter und die Töchter noch im Morgenschlummer lagen, verließ sie heimlich das Haus, um in der Taueskühle aufzuatmen. Zum Glück hatte sie als Kind von der Alten die Vogelsprache gelernt, und das kam ihr jetzt zu Statten. In der Nähe saß auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder zurechtzupfte.

 

Das Mädchen rief: »Lieber Lichtvogel, klügster des Vogelgeschlechts! willst du mir zu Hilfe kommen?« »Was für Hilfe begehrst du?« fragte der Rabe. Das Mädchen erwiederte: »Flieg' aus dem Walde heraus über Land, bis dir eine prächtige Stadt mit einem Königssitz aufstößt. Suche mit dem Königssohn zusammen zu kommen und melde ihm, was für ein Unglück mir widerfahren ist.« Darauf erzählte sie dem Raben die Geschichte ausführlich, vom Reißen des Fadens an bis zu der gräßlichen Drohung der Mutter, und sprach die Bitte aus, daß der Jüngling nicht mehr zurück kommen möchte. Der Rabe versprach, den Auftrag auszurichten, wenn er Jemand fände, der seiner Sprache kundig wäre und flog sogleich davon.

 

Die Mutter ließ die jüngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn aufzuwickeln. Diese Arbeit wäre dem Mädchen leichter gewesen als die frühere, aber das ewige Fluchen und Zanken der Mutter ließ ihr vom Morgen bis zum Abend keine Ruhe. Versuchte die Jungfrau sich zu entschuldigen, so wurde die Sache noch ärger. Wenn einem Weibe einmal die Galle überläuft, und der Zorn ihre Kinnladen geöffnet hat, so vermag keine Gewalt sie wieder zu schließen.

 

Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenwipfel her kraa, kraa! und das gequälte Mädchen eilte hinaus, um den Bescheid zu hören. Der Rabe hatte glücklicherweise in des Königs Garten eines Windzauberers Sohn gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Ihm meldete der schwarze Vogel die von der Jungfrau ihm anvertraute Botschaft, und bat ihn, die Sache dem Königssohn mit zu teilen. Als der Gärtnerbursche dem Königssohn alles erzählt hatte, wurde diesem das Herz schwer, doch pflog er mit seinen Freunden heimlich Rat über die Befreiung der Jungfrau.

 

»Sage dem Raben,« so unterwies er dann des Windzauberers Sohn - »daß er eilig zurückfliege und der Jungfrau melde: sei wach in der neunten Nacht, dann erscheint ein Retter, der das Küchlein den Klauen des Habichts entreißen wird.« Zum Lohn für die Bestellung erhielt der Rabe ein Stück Fleisch, um seine Flügel zu kräftigen, und dann wurde er wieder zurück geschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel für seine Besorgung, verbarg aber das Gehörte in ihrem Herzen, damit die andern nichts davon erführen. Aber je näher der neunte Tag kam, desto schwerer wurde ihr das Herz, wenn sie bedachte, daß ein unvorhergesehenes Unglück alles zu Schanden machen könnte.

 

In der neunten Nacht, als die alte Mutter und die Schwestern sich zur Ruhe gelegt hatten, schlich die jüngste Schwester auf den Zehen aus dem Hause, und setzte sich unter einen Baum auf den Rasen, um des Bräutigams zu harren. Hoffnung und Furcht erfüllten zugleich ihr Herz. Schon krähte der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her war weder ein Geräusch von Tritten noch ein Rufen zu hören. Zwischen dem zweiten und dritten Hahnenschrei drang von weitem ein Geräusch wie leises Pferdegetrappel an ihr Ohr. Sie ließ sich durch dies Geräusch leiten und ging den Kommenden entgegen, damit deren Annäherung die im Hause Schlafenden nicht wecken möchte.

 

Bald erblickte sie die Kriegerschaar, an deren Spitze der Königssohn selbst als Führer ritt, denn er hatte, als er von hier fortgegangen war, an den Bäumen heimliche Zeichen gemacht, durch die er den rechten Weg erkannte. Als er die Jungfrau gewahr wurde, sprang er vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin, damit sie sich an ihn lehne und dann ging es schleunig heimwärts. Der Mond gab zwischen den Bäumen so viel Licht, daß der bezeichnete Pfad ihnen nicht verloren ging.

 

Das Frührot hatte überall der Vögel Zungen gelöst und ihr Gezwitscher geweckt. Hätte die Jungfrau auf sie zu achten und aus ihrer Zwiesprach Belehrung zu schöpfen gewußt, es hätte den Beiden mehr genützt als die honigsüße Schmeichelrede, welche aus des Königssohnes Munde floß und das Einzige war, was in ihr Ohr drang. Sie hörte und sah nichts Anderes als den Bräutigam, der sie bat, alle eitle Furcht aufzugeben und dreist auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als sie in's Freie kamen, stand die Sonne schon ziemlich hoch.

 

Zum Glück hatte die alte Mutter am Morgen früh der Tochter Flucht nicht gleich bemerkt; erst etwas später, als sie die Garnwinde nicht abgewickelt fand, fragte sie, wohin die jüngste Schwester gegangen sei. Darauf wußte Niemand Antwort zu geben. Aus mancherlei Zeichen ersah jetzt die Mutter, daß die Tochter entflohen war; sofort faßte sie den tückischen Vorsatz, der Flüchtigen die Strafe auf dem Fuße nachzusenden. Sie holte vom Boden herunter eine Handvoll aus neunerlei Arten gemischter Hexenkräuter, schüttete Salz, das besprochen war, dazu und band alles in ein Läppchen, daß es ein Quast wurde; dann hauchte sie Flüche und Verwünschungen darauf und ließ nun das Hexenknäuel mit dem Winde davon ziehen, während sie sang:

»Wirbelwind! verleihe Flügel!

Windesmutter! deinen Fittig!

Treibet dieses Knäulchen vorwärts,

Daß es windesschnell dahin saust,

Daß es todverbreitend hinfährt,

Seuchenbringend weiter fliege!«

 

Zwischen Mittmorgen und Mittag gelangte der Königssohn mit der Kriegerschaar an das Ufer eines breiten Flusses, über welchen eine schmale Brücke geschlagen war, so daß die Männer nur einzeln herüber konnten. Der Königssohn ritt eben mitten auf der Brücke, als mit dem Winde das Hexenknäuel daher fuhr und wie eine Bremse auf das Pferd traf. Das Pferd schnaubte vor Schreck, stellte sich plötzlich hoch auf die Hinterbeine, und ehe noch Jemand zu Hilfe kommen konnte, glitt die Jungfrau vom Sattel herab jählings in den Fluß. Der Königssohn wollte ihr nachspringen, aber die Krieger hinderten ihn daran, indem sie ihn festhielten; denn der Fluß war grundlos tief und menschliche Hilfe konnte dem Unglück, das einmal geschehen war, doch nicht mehr abhelfen.

 

Schrecken und tiefe Betrübniß hatten den Königssohn ganz betäubt; die Krieger führten ihn gegen seinen Willen nach Hause zurück, wo er Wochen lang in stiller Kammer über das Unglück trauerte, so daß er anfangs nicht einmal Speise noch Trank zu sich nahm. Der König ließ aus allen Orten von nah und fern Zauberer zusammenrufen, aber keiner konnte die Krankheit erklären, noch wußte einer ein Mittel dagegen anzugeben. Da sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der in des Königs Garten Gärtnerbursch war: »Sendet Botschaft nach Finnland, daß der uralte Zauberer komme, der versteht mehr als die Zauberer eures Landes.«

 

Alsbald sandte der König eine Botschaft an den alten Zauberer Finnlands, und dieser traf schon nach einer Woche auf Windesflügeln ein. Er sagte zum König: »Geehrter König! die Krankheit ist vom Winde angeweht. Ein böses Hexen-Knäuel hat des Jünglings bessere Herzenshälfte hingerafft, und darüber grämt er sich beständig. Schickt ihn oft in den Wind, damit der Wind die Sorgen in den Wald treibt.« So kam es auch wirklich; der Königssohn fing an sich zu erholen, Nahrung zu nehmen und Nachts zu schlafen. Zuletzt gestand er seinen Eltern seinen Herzenskummer; der Vater wünschte, daß der Sohn wieder auf die Freite gehen und ein junges Weib nach seinem Sinne heim führen möchte, aber der Sohn wollte nichts davon wissen.

 

Schon über ein Jahr war dem Jüngling in Trauer verstrichen, als er eines Tages zufällig an die Brücke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden hatte. Als er sich das Unglück ins Gedächtnis zurück rief, traten ihm bittere Tränen in die Augen. Mit einem Male hörte er einen schönen Gesang anstimmen, obwohl nirgends ein menschliches Wesen zu sehen war. Die Stimme sang:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Nahm das Wasser die Unselige,

Barg das Wellengrab die Kleine,

Deckte Ahti's Flut das Liebchen.«

 

Der Königssohn stieg vom Pferde und spähte nach allen Seiten, ob nicht Jemand unter der Brücke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte, war nirgends ein Sänger zu sehen. Auf der Wasserfläche schaukelte zwischen breiten Blättern ein Teichröschen, das war der einzige Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blümchen konnte doch nicht singen, dahinter mußte irgend ein wunderbares Geheimniß stecken. Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die Brücke und lauschte, ob Auge oder Ohr nähere Auskunft geben würden. Eine Zeitlang blieb alles still, dann sang wieder der unsichtbare Sänger:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Nahm das Wasser die Unselige,

Barg das Wellengrab die Kleine,

Deckte Ahti's Flut das Liebchen.«

 

Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Königssohn dachte: wenn ich ungesäumt zur Waldhütte reite, wer weiß, ob mir nicht die Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten können. So stieg er zu Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den früheren Zeichen hoffte er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er hatte über einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fußsteig gelangte. In der Nähe der Hütte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen herauskommen würde.

 

Früh Morgens kam die älteste Schwester zur Quelle, um sich das Gesicht zu waschen. Der Jüngling trat näher, erzählte das Unglück, welches sich voriges Jahr auf der Brücke zugetragen, und was für einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehört habe. Die alte Mutter war glücklicher Weise gerade nicht daheim, deßwegen lud die Jungfrau den Königssohn ins Haus. Als die Mädchen die ausführliche Erzählung angehört hatten, begriffen sie ohne Weiteres, daß das Unglück des vorigen Jahres durch ein Hexenknäuel der Mutter entstanden war, und daß die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden liege.

 

Die älteste Schwester fragte: »Ist euren Blicken auf dem Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang hätte können ertönen lassen?« »Nichts,« erwiederte der Königssohn. »So weit mein Auge reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein gelbes Teichröschen zwischen breiten Blättern, aber Blümchen und Blätter können doch nicht singen.« Die Töchter mutmaßten sogleich, daß das Teichröschen nichts Anderes sein könne, als ihre in den Wellen versunkene und durch Hexenkunst in ein Blümchen verwandelte Schwester. Sie wußten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknäuel hatte fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tötete, in jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermutung sagten sie indeß dem Königssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rat wußten zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die Rückkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie Zeit sich zu beraten.

 

Die älteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehörig gemischter Zauberkräuter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jüngling zu essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Königssohn hatte in der Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vögeln lebte und die einem jeden der selben eigene Sprache verstünde. Als er am Morgen seinen Traum den Jungfrauen erzählte, sagte die älteste Schwester: »Zur guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen buck und zu essen gab, war mit Zauberkräutern gefüllt, welche euch in den Stand setzen, alles zu verstehen, was die klugen Vögel unter einander reden. In diesen Männlein im Federkleide steckt viel verborgene Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, deßhalb gebt scharf Acht, was die Vögelschnäbel verkünden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorüber ist, so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen Kerker am Rocken sitzen.«

 

Der Königssohn dankte den Mädchen für ihre gute Gesinnung und versprach, sie später aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es für ein Lösegeld oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rückreise an. Die Mädchen freuten sich, als sie sahen, daß ihnen der Faden nicht gerissen und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie heim kam, ihnen nichts vorwerfen.

 

Um so spaßhafter ging die Sache mit dem Königssohne, der im Walde wie mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das Gezwitscher der Vögel ganz verständlich wie Worte an sein Ohr schlugen. Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch unbekannt bleibt, daß er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht fassen; es wurde über vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert, aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er plötzlich auf einem hohen Föhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren Unterhaltung auf ihn gemünzt war.

 

»Die Dummheit der Menschen ist groß,« sagte die Drossel. »Sie wissen auch die geringfügigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben der Brücke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorübergehenden ihre Not, aber Niemand kommt sie zu erlösen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger Bräutigam über die Brücke, und hörte den sehnsüchtigen Gesang der Jungfrau, war aber auch nicht klüger als die Anderen.« Die Elster erwiederte: »Und gleichwohl muß das Mädchen um seinetwillen von der Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine größere Weisheit zu Teil wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt das Mädchen ewig ein Blümlein.« »Des Mädchens Befreiung würde eine Kleinigkeit sein,« sagte die Drossel, »wenn die Sache dem alten Zauberer von Finnland gründlich dargelegt würde. Er könnte die Jungfrau leicht aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.«

 

Dieses Gespräch machte den Jüngling nachdenklich; indem er weiter ritt, ging er mit sich zu Rate, wo er wohl einen Boten her nähme, den er nach Finnland schicken könnte. Da hörte er über seinem Haupte, wie eine Schwalbe zur andern sagte: »Komm, laß uns nach Finnland ziehen, dort ist besser nisten als hier!« »Haltet, Freunde!« rief der Königssohn in der Vogelsprache. »Bringt dem alten Zauberer in Finnland tausend Grüße von mir und bittet ihn um Bescheid, wie es wohl möglich wäre, eine in eine Teichrose verwandelte Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen.« Die Schwalben versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon.

 

Als er ans Ufer des Flusses kam, ließ er sein Pferd verschnaufen und blieb auf der Brücke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich wieder hören lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts zu hören, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes. Unmutig setzte sich der Jüngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer.

 

Eine Woche später saß er eines Tages im Garten, und dachte, die Schwalben müßten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein großer Adler hoch in den Lüften über seinem Haupte kreiste. Allmählich stieg der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast in der Nähe des Königssohnes niederließ. »Der alte Zauberer in Finnland,« so ließ der Adler sich vernehmen, »sendet euch viele Grüße, und bittet es ihm nicht zu verübeln, daß er nicht früher Antwort erteilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte.

 

Um die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlösen, ist nur dies nötig: Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch den Körper über und über mit Schlamm ein, so daß kein weißer Fleck bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: 'Aus dem Mann ein Krebs!' Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befürchten. Drängt euch dreist unter die Wurzeln des Teichröschens, und löset sie von Schlamm und Schilf, so daß sie nirgends mehr fest sitzen. Hängt euch dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das Wasser sammt dem Blümchen auf die Oberfläche heben. Dann treibet mit dem Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit beblätterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche steht ein Stein von der Höhe einer kleinen Badstube. Beim Steine müßt ihr die Worte ausstoßen: 'Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs der Mann!' In demselben Augenblick wird es so geschehen.« Als der Adler geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jüngling sah ihm eine Weile nach und wußte nicht, was er davon halten sollte.

 

Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm über eine Woche; er hatte weder Mut noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen. Da hörte er eines Tages aus dem Munde einer Krähe: »Was zögerst du, der Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen. Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtstränen der Jungfrau.« Die Rede der Krähe machte dem Jünglinge Mut; er dachte: Größeres Unglück kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter ist der Tod als unaufhörliches Trauern.

 

Er setzte sich zu Pferde und ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brücke kam, hörte er den Gesang:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Muß ich hier im Schlummer liegen,

Muß das junge Kind verwelken,

In der Wellen Schoos hinsiechen.

Feucht und kalt das tiefe Bette

Decket jetzt die zarte Jungfrau.«

 

Der Königssohn legte seinem Pferde die Fußfessel an, damit es sich nicht zu weit von der Brücke entfernen könnte, warf die Kleider ab, schmierte den Körper über und über mit Schlamm, so daß nirgends ein weißer Fleck blieb, faßte sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem Rufe: »Aus dem Mann ein Krebs!« Einen Augenblick zischte das Wasser auf, dann war alles wieder still wie zuvor.

 

Der in einen Krebs verwandelte Königssohn begann die Wurzeln der Teichrose aus dem Flußbette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die Würzelchen saßen im Schlamm und Schilf fest, so daß der Krebs sieben Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmännlein seine Scheeren in ein Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blümchen auf die Oberfläche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und Teichrose nur allmählich vorwärts, und wie wohl Bäume und Sträuche genug am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem großen Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit seinem Laube und den roten Beerenbüscheln, und etwas weiterhin stand auch der Fels, der die Höhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stieß das Krebsmännlein die Worte aus: »Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebse der Mann!« - Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei Menschenhäupter, ein männliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie ans Ufer, aber beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen.

 

Die verschämte Jungfrau bat nun: »Lieber Jüngling, ich habe keine Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen!« - Der Jüngling bat dagegen: »Tretet ans Ufer unter die Eberesche, ich mache so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume berget. Dann eile ich zur Brücke, wo ich mein Pferd und meine Kleider ließ, als ich in den Fluß sprang.« Die Jungfrau hatte sich unter der Eberesche verborgen, und der Jüngling eilte zur Brücke, wo er Kleider und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das Andere. Daß sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wußte er nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prächtige mit sechs Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles Nötige, sowohl für sich, wie für die aus dem Wasserkerker erlöste Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche angekommen. Den Diener behielt der Königssohn für sich, das Mädchen schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes Liebchen unter der Eberesche harrte.

 

Es verging über eine Stunde, da kam die hochzeitlich geschmückte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo der Königssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prächtig als Bräutigam gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs zur Stadt und vor die Kirchentür. Der König und die Königin saßen in Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten über den teuren verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und Kleider am Ufer gefunden hatte. Groß war der Eltern Freude, als der für tot beweinte Sohn lebend an der Seite einer schönen Jungfrau vor sie trat, beide in Prunkgewändern. Der König führte sie selbst zum Altar und sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte.

 

Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu fließen als die Stunden der Trübsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann kam Frost und Schnee, so daß das junge Paar nicht viel Lust hatte, den Fuß aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frühling wiederkehrte und neue Freuden brachte, ging der Königssohn mit seiner jungen Gattin im Garten spatzieren. Da hörten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab rief: »O du undankbares Geschöpf, das in den Tagen des Glücks seine hilfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der Mädchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Sünden sind groß, sie verdient keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wäre für sie das beste Gericht; sonst würde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem Hexenknäuel verfolgen.«

 

Jetzt fiel es dem Königssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin, wie er zur Waldhütte gegangen sei, die Schwestern um Rat zu fragen, dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Die Gattin bat mit Tränen in den Augen, den Schwestern zu Hilfe zu eilen. Als sie den andern Morgen erwachte, sagte sie: »Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte Mutter war von Hause gegangen und hatte die Töchter allein gelassen; jetzt wäre gewiß die rechte Zeit ihnen zu Hilfe zu kommen.«

 

Der Königssohn ließ sofort eine Kriegerschaar sich rüsten und zog mit ihnen zur Waldhütte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mädchen waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus für die Alte ein Gericht zu kochen, so daß, wenn sie nach Hause käme und sich daran satt äße, ihr die Lust am Essen für immer verginge. Sie blieben zur Nacht in der Waldhütte und machten sich am andern Morgen in der Frühe mit den Mädchen auf den Weg, so daß sie Abends die Stadt erreichten. Der Schwestern Freude war groß, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder vereinigt fanden.

 

Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit großer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann ins Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Königssohn eine Woche später einen zuverlässigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache anzusehen, fand man die Alte tot. In der heimlichen Kammer wurden funfzig Fuder Goldgarn aufgehäuft gefunden, welche unter die Schwestern verteilt wurden. Als der Schatz weggeführt war, ließ der Hauptmann den Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen roten Kamm zum Rauchloch heraus, als eine große Katze mit glühenden Augen vom Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vögelchen gab von einem Baumwipfel herab die Weisung: »Heftet der Katze eine Falle an den Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen!« Die Männer taten es.

 

»Peinigt mich nicht, ihr Männer!« bat nun die Katze. »Ich bin ein Mensch wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt bin. Es war der Lohn für meine Schlechtigkeit, daß ich in eine Katze verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Königsschlosse Haushälterin, und die Alte war der Königin erste Kammerjungfer. Von Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des Königs drei Töchter und außerdem einen großen Schatz zu stehlen und dann zu entfliehen. Nachdem wir allmählich alle goldenen Geräthe bei Seite geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen wir die Kinder, deren ältestes drei Jahre, das jüngste sechs Monate alt war. Die Alte fürchtete dann, daß ich bereuen und anderen Sinnes werden möchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in ihrer Todesstunde die Zunge gelöst, aber die frühere Gestalt habe ich nicht wieder erhalten.« Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze ausgesprochen hatte: »Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die Alte!« und ließ sie in's Feuer werfen.

 

Die beiden Königstöchter aber bekamen bald, wie ihre jüngste Schwester, Königssöhne zu Männern, und das von ihnen in der Waldhütte gesponnene Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern blieben unbekannt. Man erzählt sich, daß das alte Weib noch manches Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die Stelle angeben.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DIE IM MONDSCHEIN BADENDEN JUNGFRAUEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es lebte einmal ein Jüngling, der nirgends Ruhe hatte, sondern sich abmühte, alle verborgenen Dinge zu erforschen, die anderen Leuten unbekannt geblieben waren. Als er die Vogelsprache und andere geheime Weisheit genugsam erlernt hatte, hörte er zufällig, daß unter der Decke der Nacht sich Manches zutragen solle, was den Augen Sterblicher zu schauen verwehrt sei. Jetzt sehnte er sich darnach, solche Heimlichkeiten der Nacht zu ergründen, und mochte sich nicht eher zufrieden geben, als bis ihm diese verborgene Kunde geworden wäre. Wohl ging er eine Zeit lang von einem Zauberer zum anderen, und lag ihnen an, ihm zu seinem Zwecke die Augen zu schärfen, aber keiner konnte helfen.

 

Da kam er durch einen glücklichen Zufall endlich mit einem Mana-Zauberer aus Finnland zusammen, der über diese verborgenen Dinge Auskunft zu geben wußte. Als er diesem seinen Wunsch kund getan hatte, sagte der Zauberer warnend: »Söhnlein! jage nicht allerlei leerer Weisheit nach, welche dir kein Glück bringen kann, wohl aber Unglück. Manches ist den Augen der Menschen verhüllt, weil es dem Frieden des Herzens ein Ende machen müßte, wenn es erkannt würde. Wer alle geheimen Dinge schauen lernt, der findet keine Freude mehr an dem, was ihm die Alltagswelt vor Augen bringt. Dies bedenke, ehe du später bereuest. -

 

Dennoch will ich, falls du meiner Abmahnung nicht achtest und dein Unglück wünschest, dich unterweisen, wie du die unter der Decke der Nacht geschehenden Dinge gewahr werden kannst. Aber du mußt mehr als Mannesmut haben, sonst kannst du nie geheimer Weisheit inne werden.« Darauf gab ihm der Zauberer aus Finnland einen Ort an und nannte ihm die, zum Glück nahe bevorstehende Nacht, wo der Schlangenkönig immer nach sieben Jahren mit seinem Hofstaat zusammen kommt, um ein großes Festgelage zu halten.

 

»Der Schlangenkönig hat ein Goldschüsselchen mit Himmelsziegenmilch vor sich; wenn es dir nur gelingt, ein Stückchen Brot in diese Milch zu tunken und den eingetunkten Bissen in den Mund zu stecken, ehe du dich wieder auf die Flucht begiebst, so kannst du alles Geheime schauen, was unter der Decke der Nacht geschieht, ohne daß die Menschen Kunde davon haben. Als einen glücklichen Zufall kannst du es ansehen, daß des Schlangenkönigs Fest gerade in dieses Jahr fällt, sonst hättest du sieben Jahre auf die Wiederkehr desselben warten müssen. Sei aber dreist, beherzt und rasch, sonst geht die Sache schief.« -

 

Der Jüngling dankte für diese Belehrung und ging mit dem festen Vorsatz, der selben nach zu kommen, und müßte er auch dabei sein Leben einbüßen. Als nun die bezeichnete Nacht herangekommen war, ging er Abends auf ein großes Moor, wo der Schlangenkönig mit seinen Untertanen zusammen kommen sollte, um das Fest zu feiern. Obwohl aber der Jüngling seine Augen nach allen Seiten scharf umher gehen ließ, so sah er doch im Mondenschein nichts weiter, als eine Anzahl Rasenhügel, die unbeweglich da lagen.

 

Schon wurde ihm die Zeit lang, Mitternacht konnte nicht mehr fern sein, als plötzlich mitten auf dem Moor ein heller Feuerschein aufstieg, etwa wie wenn ein Stern des Himmels auf einem der Rasenhügel schimmerte. In demselben Augenblicke, wo der Feuerschein aufglänzte, fingen sämmtliche Rasenhügelchen an zu krimmeln und zu wimmeln, und von jedem derselben kamen Hunderte von Schlangen herunter und krochen alle auf den Feuerschein zu - und jetzt war nur noch flaches Moor vorhanden. Die vermeintlichen Hügelchen waren nichts weiter als Haufen lebendiger Schlangen gewesen, die hier ihren König erwartet hatten.

 

Als nun sämmtliche Schlangen sich an der Stelle, wo der Feuerschein glänzte, versammelt und sich dort zu einem Haufen zusammen geknäult hatten, war dieser so hoch und breit wie ein kleiner Heuschober geworden, und auf der Spitze des selben hielt sich der helle Feuerschein. Das Gewirre und Geschwirre in dem Schlangenhaufen war so groß, daß der Jüngling vor Furcht keinen Schritt näher zu treten wagte, sondern lange von weitem stehen blieb, und das Wunder betrachtete. Allmählich aber faßte er sich ein Herz, und ging fein sachte Schritt vor Schritt auf den Zehen vorwärts.

 

Was er da sah, war gräulicher als gräulich, und ging über alle Begriffe. Tausende von Schlangen, groß und klein, von allen Farben, waren hier wie in einem Traubenbündel um eine große Schlange gelagert, deren Körper die Dicke eines tüchtigen Balkens zu haben schien, und die auf dem Kopfe eine prächtige goldene Krone trug, von welcher jener Glanz ausstrahlte. Hunderte und Tausende von Schlangenhäuptern, die aus dem Haufen hervorragten, züngelten und zischten wie böse Gänse und machten ein so arges Geräusch, daß es zum Taub werden war.

 

Der Jüngling hatte lange nicht das Herz, an den Schlangenhaufen heranzugehen, wo jeder Augenblick ihm Tod drohte; als er aber plötzlich das Goldschüsselchen, von dem er gehört hatte, vor dem Schlangenkönig erblickte und an den daran geknüpften Gewinn dachte, durfte er nicht länger zaudern. Obwohl ihm die Haare zu Berge standen und das Blut im Herzen erstarrte, so stachelte ihn doch sein Verlangen und trieb ihn vorwärts. - O was für ein Gewirr und Geschwirr sich jetzt in dem Schlangenhaufen erhob! Alle die Tausend Köpfe sperrten die Mäuler weit auf und suchten den Mann zu stechen, aber zum Glück konnten sie ihre Leiber nicht so schnell aus dem Knäuel los wickeln.

 

Der Jüngling hatte mit Blitzesschnelle einen Bissen Brot in das Goldschüsselchen getunkt, ihn in den Mund gesteckt und dann Fersengeld gegeben, als ob Feuer hinter ihm drein jagte. Aber der Verfolger war schlimmer als Feuer, darum ließ er sich nicht Zeit, hinter sich zu blicken, obgleich ihm war, als ob Tausende von Feinden ihm auf der Ferse wären und er stets das Geräusch derselben zu hören glaubte. Endlich stockte ihm der Atem und seine Kraft erlahmte; er fiel ohne Bewußtsein auf den Rasen und blieb starr wie ein Toter liegen. Wohl war er in Schlaf gefallen, aber schreckliche Traumbilder ließen die Gefahr noch viel größer erscheinen.

 

So träumte ihm, als wäre der Schlangenkönig mit der funkelnden Goldkrone auf ihn gefallen und wollte ihn verschlingen. Mit lautem Geschrei sprang er auf und zur Seite, um dem Feinde zu entkommen und sah, daß der Strahl der aufgehenden Sonne ihn geweckt hatte. Er riß die Augen weit auf, sah aber nirgends die nächtlichen Feinde, und das Moor, wo er in so großer Gefahr gewesen, mußte zum mindesten eine Meile weit entfernt sein. Sicherlich hatte die Himmelsziegenmilch seine Kraft gestählt, daß er so weit hatte laufen können. Als er dann seine Gliedmaßen prüfte, fand er sie unversehrt; und nun war seine Freude groß, daß er mit heiler Haut davon gekommen war.

 

Nach Mittag ruhte er mehrere Stunden vom Schrecken und der Ermüdung der vergangenen Nacht aus, dann beschloß er, noch in dieser Nacht in den Wald zu gehen, um den Nutzen der Himmelsziegenmilch zu erproben, ob ihm nun wirklich verborgene Dinge offenbar werden würden. Im Walde sah er alsbald, was noch kein sterbliches Auge gesehen hatte und auch gewiß nicht wieder sehen wird. Unter den Baumwipfeln zeigten sich goldene, rötlich schimmernde Badebänke, silberne Quäste und silberne Eimer fehlten nicht, aber nirgends waren lebende Wesen sichtbar, welche hätten baden wollen.

 

Der Vollmond glänzte und gab so viel Licht, daß der Mann Alles deutlich sehen konnte. Nach einiger Zeit hörte er ein Geräusch im Laube, als ob ein Wind sich erhoben hätte, dann kamen von allen Seiten nackte Jungfrauen, viel schöner und stattlicher anzuschauen, als sie irgendwo in unsern Dörfern aufwachsen. Sie waren alle des Waldelfen und der Rasenmutter Töchter und kamen, um zu baden. Der hinter dem Gebüsch spähende Jüngling hätte sich diese Nacht hundert Augen gewünscht, denn seine zwei konnten all die Schönheit nicht erschauen.

 

Endlich, als es schon gegen Morgen ging, verlor der Schauende Badegerüste und badende Jungfrauen aus dem Gesichte, als wären sie in Nebel verschwommen. Er blieb noch, bis die Sonne aufging; dann erst ging er wieder heim. Wohl dehnte sich seinem Sehnen der Tag länger als ein Jahr, bis wieder Abend und Nacht herein brachen, wo er hoffte, der im Mondschein badenden Jungfrauen abermals ansichtig zu werden; doch endlich war auch diese Zeit des Sehnens verstrichen. Aber im Walde fand er nichts mehr, weder Badegerüst noch Jungfrauen. Dennoch wurde er nicht müde, Nacht für Nacht hin zu gehen, aber jeder Gang war vergeblich.

 

Jetzt nagte der Kummer an ihm, es gab nichts mehr auf der Welt, was ihm hätte Freude machen können; er nahm weder Speise noch Trank zu sich, sondern verzehrte sich vor Sehnsucht. Gewiß ist es für den Menschen ein Glück, wenn er der gleichen Geheimnisse nimmer schaut.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DIE UNTERIRDISCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einer stürmischen Nacht zwischen Weihnacht und Neujahr war ein Mann vom Wege abgekommen; während er sich durch die tiefen Schneetriften durchzuarbeiten suchte, erlahmte seine Kraft, so daß er von Glück sagen konnte, als er unter einem dichten Wacholderbusch Schutz vor dem Winde fand. Hier wollte er übernachten, in der Hoffnung, am hellen Morgen den Weg leichter zu finden. Er zog seine Glieder zusammen wie ein Igel, wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief bald ein.

 

Ich weiß nicht, wie lange er so gelegen hatte, als er fühlte, daß Jemand ihn rüttele. Als er aus dem Schlafe auffuhr, schlug eine fremde Stimme an sein Ohr: »Bauer, ohe! steh auf! sonst begräbt dich der Schnee, und du kommst nicht wieder heraus.« Der Schläfer steckte den Kopf aus dem Pelze hervor und sperrte die noch schlaftrunkenen Augen weit auf. Da sah er einen Mann von langem schlanken Wuchse vor sich; der Mann trug als Stock einen jungen Tannenbaum, der doppelt so hoch war wie sein Träger. »Komm mit mir,« sagte der Mann mit dem Tannenbaum - »für uns ist im Walde unter Bäumen ein Feuer gemacht, wo  es sich besser ruht, als hier auf freiem Felde.«

 

Ein so freundliches Anerbieten mochte der Mann nicht ausschlagen, vielmehr stand er sogleich auf, und schritt rüstig mit dem fremden Manne vorwärts. Der Schneesturm tobte so heftig, daß man auf drei Schritt nicht sehen konnte, aber wenn der fremde Mann seinen Tannenbaum aufhob und mit strenger Stimme rief: »Hoho! Stürmesmutter! mach' Platz!« so bildete sich vor ihnen ein breiter Pfad, wohin auch kein Schneeflöckchen drang. Zu beiden Seiten und im Rücken tobte wildes Schneegestöber, aber die Wanderer focht es nicht an. Es war, als ob auf beiden Seiten eine unsichtbare Wand das Gestürm abwehrte.

 

Bald kamen die Männer an den Wald, aus dem schon von fern der Schein eines Feuers ihnen entgegen leuchtete. »Wie heißt du?« fragte der Mann mit dem Tannenstock, und der Bauer erwiederte: »Des langen Hans Sohn Hans.«

 

Am Feuer saßen drei Männer mit weißen leinenen Kleidern angetan, als wäre es mitten im Sommer. Auch sah man in einem Umkreise von dreißig oder mehr Schritten nur Sommerschöne: das Moos war trocken, die Pflanzen grün, und der Rasen wimmelte von Ameisen und Käferchen. Von fern aber hörte des langen Hans Sohn den Wind sausen und den Schnee brausen. Noch verwunderlicher war das brennende Feuer, welches hellen Glanz verbreitete, ohne daß ein Rauchwölkchen aufstieg.

 

»Was meinst du, Sohn des langen Hans, ist dies nicht ein besserer Ruheplatz für die Nacht, als da auf freiem Felde unter dem Wacholderbusch?« Hans mußte dies zugeben, und dem fremden Manne dafür danken, daß er ihn so gut geführt hatte. Dann warf er seinen Pelz ab, wickelte ihn zu einem Kopfkissen zusammen, und legte sich im Scheine des Feuers nieder. Der Mann mit dem Tannenstock nahm sein Fäßchen aus einem Busche und bot Hansen einen Labetrunk, der schmeckte vortrefflich und erfreute ihm das Herz. Der Mann mit dem Tannenstock streckte sich nun auch auf den Boden hin und redete mit seinen Genossen in einer fremden Sprache, von der unser Hans kein Wörtchen verstand; er schlief darum bald ein.

 

Als er aufwachte, fand er sich allein an einem fremden Orte, wo weder Wald noch Feuer mehr war. Er rieb sich die Augen und rief sich das Erlebnis der Nacht zurück, meinte aber geträumt zu haben; doch konnte er nicht begreifen, wie er denn hierher an einen ganz fremden Ort geraten war. Aus der Ferne drang ein starkes Geräusch an sein Ohr, und er fühlte den Boden unter seinen Füßen zittern. Hans horchte eine Zeit lang, von wo der Lärm komme, und beschloß dann, dem Schalle nachzugehen, weil er hoffte, auf Menschen zu treffen. So kam er an die Mündung einer Felsengrotte, aus welcher der Lärm erscholl, und ein Feuer hervor schien.

 

Als er in die Grotte trat, sah er eine ungeheure Schmiede vor sich mit einer Menge von Blasebälgen und Ambossen; an jedem Ambos standen sieben Arbeiter. Närrischere Schmiede konnten auf der Welt nicht zu finden sein! Die einem Manne bis zum Knie reichenden Männlein hatten Köpfe, die größer waren als ihre winzigen Leiber, und führten Hämmer, die mehr als doppelt so groß waren, als ihre Träger. Aber sie hämmerten mit ihren schweren Eisenkeulen so wacker auf den Ambos los, daß die kräftigsten Männer keine wuchtigeren Schläge hätten führen können. Bekleidet waren die kleinen Schmiede nur mit Lederschürzen, die vom Halse bis zu den Füßen reichten; auf der Rückseite waren die Körper nackend, wie Gott sie geschaffen hatte.

 

Im Hintergrunde an der Wand saß der Hansen wohlbekannte Mann mit dem Tannenstocke auf einem hohen Block, und gab scharf Acht auf die Arbeit der kleinen Gesellen. Zu seinen Füßen stand eine große Kanne, aus welcher die Arbeiter ab und zu einen Trunk taten. Der Herr der Schmiede hatte nicht mehr die weißen Kleider von gestern an, sondern trug einen schwarzen russigen Rock und um die Hüften einen Ledergürtel mit großer Schnalle; mit seinem Tannenstocke gab er den Gesellen von Zeit zu Zeit einen Wink, denn das Menschenwort wäre bei dem Getöse unvernehmlich gewesen.

 

Ob Jemand den Hans bemerkt hatte, blieb diesem unklar, sintemal Meister und Gesellen ihre Arbeit hurtig förderten, ohne den fremden Mann zu beachten. Nach einigen Stunden wurde den kleinen Schmieden eine Rast gegönnt; die Bälge wurden angehalten, und die schweren Hämmer zu Boden geworfen. Jetzt, da die Arbeiter die Grotte verließen, erhob sich der Wirt vom Blocke und rief den Hans zu sich: »Ich habe deine Ankunft wohl bemerkt,« sagte er, »aber da die Arbeit drängte, konnte ich nicht früher mit dir reden. Heute mußt du mein Gast sein, um meine Lebensweise und Haushaltung kennen zu lernen. Verweile hier so lange, bis ich die schwarzen Kleider ablege.« Mit diesen Worten zog er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß eine Tür in der Grottenwand auf, und ließ Hans hineintreten.

 

O was für Schätze und Reichtümer Hans hier erblickte! Ringsum lagen Gold- und Silberbarren aufgestapelt und schimmerten und flimmerten ihm vor den Augen. Hans wollte zum Spaße die Goldbarren eines Haufens überzählen und war gerade bis fünfhundert und siebzig gekommen, als der Wirt zurückkehrte und lachend rief: »Laß nur das Zählen, es würde dir zu viel Zeit kosten! Nimm dir lieber einige Barren vom Haufen, ich will sie dir zum Andenken verehren.« Natürlich ließ sich Hans so etwas nicht zweimal sagen; mit beiden Händen erfaßte er einen Goldbarren, konnte ihn aber nicht einmal von der Stelle rühren, geschweige denn aufheben. Der Wirt lachte und sagte: »Du winziger Floh vermagst nicht das kleinste meiner Geschenke fortzubringen, begnüge dich denn mit der Augenweide.«

Mit diesen Worten führte er Hans in eine andere Kammer, von da in eine dritte, vierte und so fort, bis sie endlich in die siebente Grottenkammer kamen, die von der Größe einer großen Kirche und gleich den anderen vom Fußboden bis zur Decke mit Gold- und Silberhaufen angefüllt war. Hans wunderte sich über die unermeßlichen Schätze, womit man sämtliche Königreiche der Welt hätte zu erb und eigen kaufen können, und die hier nutzlos unter der Erde lagen.

 

Er fragte den Wirt: »Weswegen häuft ihr hier einen so ungeheuren Schatz an, wenn doch kein lebendes Wesen von dem Gold und Silber Vorteil zieht? Käme dieser Schatz in die Hände der Menschen, so würden sie alle reich werden, und Niemand brauchte zu arbeiten oder Not zu leiden.« »Gerade deshalb,« erwiederte der Wirt - »darf ich den Schatz nicht an die Menschen überliefern; die ganze Welt würde vor Faulheit zu Grunde gehen, wenn Niemand mehr für das tägliche Brot zu sorgen brauchte. Der Mensch ist dazu geschaffen, daß er sich durch Arbeit und Sorgfalt erhalten soll.« Hans wollte das durchaus nicht wahr haben und bestritt nachdrücklich die Ansicht des Wirts. Endlich bat er, ihm doch zu erklären was es fromme, daß hier all das Gold und Silber als Besitztum eines Mannes lagere und schimmele, und daß der Herr des Goldes unablässig bemüht sei, seinen Schatz zu vergrößern, da er schon einen so überschwenglichen Überfluß habe?

 

Der Wirt gab zur Antwort: »Ich bin kein Mensch, wenn ich gleich Gestalt und Gesicht eines solchen habe, sondern eines jener höheren Geschöpfe, welche nach der Anordnung des Allvaters geschaffen sind, der Welt zu walten. Nach seinem Gebot muß ich mit meinen kleinen Gesellen ohne Unterlass hier unter der Erde Gold und Silber bereiten, von welchem alljährlich ein kleiner Teil zum Bedarf der Menschen herausgegeben wird, nur knapp soviel als sie brauchen, um ihre Angelegenheiten zu betreiben. Aber Niemand soll sich die Gabe ohne Mühe zu eignen. Wir müssen deshalb das Gold erst fein stampfen, und dann die Körnlein mit Erde, Lehm und Sand vermischen; später werden sie, wo das Glück will, in diesem Grant gefunden, und müssen mühsam herausgesucht werden. Aber, Freund, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen, denn die Mittagsstunde naht heran. Hast du Lust, meinen Schatz noch länger zu betrachten, so bleib hier, erfreue dein Herz an dem Glanze des Goldes, bis ich komme dich zum Essen zu rufen.« Damit trennte er sich von Hans.

 

Hans schlenderte nun wieder aus einer Schatzkammer in die andere, und versuchte hie und da ein kleineres Stück Gold aufzuheben, aber es war ihm ganz unmöglich. Er hatte zwar schon früher von klugen Leuten sagen hören, wie schwer Gold sei, aber er hatte es niemals glauben wollen - jetzt lehrten es ihn seine eigenen Versuche. Nach einer Weile kam der Wirt zurück, aber so verwandelt, daß Hans ihn im ersten Augenblick nicht erkannte. Er trug rote feuerfarbene Seidengewänder, reich verziert mit goldenen Tressen und goldenen Fransen, ein breiter goldener Gürtel umschloß seine Hüften und auf seinem Kopfe schimmerte eine goldene Krone, aus welcher Edelsteine funkelten, wie Sterne in einer klaren Winternacht. Statt des Tannenstockes hielt er ein kleines aus feinem Gold gearbeitetes Stäbchen in der Hand, an welchem sich Verästelungen befanden, so daß das Stäbchen aussah wie ein Sproß des großen Tannenstockes.

 

Nachdem der königliche Besitzer des Schatzes die Türen der Schatzkammern verschlossen und die Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte, nahm er Hans bei der Hand und führte ihn aus der Schmiedewerkstatt in ein anderes Gemach, wo für sie das Mittagsmahl angerichtet war. Tische und Sitze waren von Silber; in der Mitte der Stube stand ein prächtiger Eßtisch, zu beiden Seiten desselben ein silberner Stuhl. Eß- und Trinkgeschirr, als da sind Schalen, Schüsseln, Teller, Kannen und Becher, waren von Gold.

 

Nachdem sich der Wirt mit seinem Gaste am Tisch niedergelassen hatte, wurden zwölf Gerichte nach einander aufgetragen; die Diener waren ganz wie die Männlein in der Schmiede, nur daß sie nicht nackt gingen sondern helle reine Kleider trugen. Sehr wunderbar kam Hansen ihre Behendigkeit und Geschicklichkeit vor; denn obgleich man keine Flügel an ihnen wahrnahm, so bewegten sie sich doch so leicht, als wären sie gefiedert. Da sie nämlich nicht bis zur Höhe des Tisches hinan reichten, so mußten sie wie die Flöhe immer vom Boden auf den Tisch hüpfen. Dabei hielten sie die großen mit Speisen angefüllten Schalen und Schüsseln in der Hand, und wußten sich doch so in Acht zu nehmen, daß nicht ein Tropfen verschüttet ward.

 

Während des Essens gossen die kleinen Diener Met und köstlichen Wein aus den Kannen in die Becher und reichten diese den Speisenden. Der Wirt unterhielt sich freundlich und erläuterte Hansen mancherlei Geheimnisse. So sagte er, als auf sein nächtliches Zusammentreffen mit Hans die Rede kam: »Zwischen Weihnacht und Neujahr streife ich oft zum Vergnügen auf der Erde umher, um das Treiben der Menschen zu beobachten und einige von ihnen kennen zu lernen. Von dem, was ich bis jetzt gesehen und erfahren habe, kann ich nicht viel Rühmens machen. Die Mehrzahl der Menschen lebt einander zum Schaden und zum Verdruß. Jeder klagt mehr oder weniger über den Anderen, Niemand sieht seine eigene Schuld und Verfehlung, sondern wälzt auf Andere, was er sich selbst zugezogen hat.«

Hans suchte nach Möglichkeit die Wahrheit dieser Worte abzuleugnen, aber der freundliche Wirt ließ ihm reichlich einschenken, so daß ihm endlich die Zunge so schwer wurde, daß er kein Wort mehr entgegnen, und auch nicht verstehen konnte, was der Hausherr sagte. Binnen kurzem schlief er auf seinem Stuhle ein, und wußte nicht mehr, was mit ihm vorging.

 

In seinem schlaftrunkenen Zustande hatte er wunderbare bunte Träume, in welchen ihm unaufhörlich die Goldbarren vorschwebten. Da er sich im Traume viel stärker fühlte, nahm er ein paar Goldbarren auf den Rücken und trug sie mit Leichtigkeit davon. Endlich ging ihm aber doch unter der schweren Last die Kraft aus, er mußte sich niedersetzen und Atem schöpfen. Da hörte er schäkernde Stimmen, er hielt es für den Gesang der kleinen Schmiede; auch das helle Feuer von ihren Blasebälgen traf sein Auge. Als er blinzelnd aufschaute, sah er um sich her grünen Wald, er lag auf blumigem Rasen und kein Feuer von Blasebälgen, sondern der Sonnenstrahl war es, was ihm freundlich ins Gesicht schien. Er riß sich nun vollends aus den Banden des Schlafes los, aber es dauerte eine Zeit lang, ehe er sich auf das besinnen konnte, was ihm in der Zwischenzeit begegnet war.

 

Als endlich seine Erinnerungen wieder wach wurden, schien ihm Alles so seltsam und so wunderbar, daß er es mit dem natürlichen Lauf der Dinge nicht zu reimen wußte. Hans besann sich, wie er im Winter einige Tage nach Weihnacht in einer stürmigen Nacht vom Wege abgekommen war, und auch was sich später zugetragen hatte, tauchte wieder in seiner Erinnerung auf. Er hatte die Nacht mit einem fremden Manne an einem Feuer geschlafen, war am anderen Tage zu diesem Manne, der einen Tannenstock führte, zu Gast gegangen, hatte dort zu Mittag gegessen und sehr viel getrunken - kurz er hatte ein paar Tage in Saus und Braus verlebt. Aber jetzt war doch rings um ihn her vollständiger Sommer, es konnte also nur Zauberei im Spiele sein.

 

Als er sich erhob, fand er ganz in der Nähe eine alte Feuerstelle, welche in der Sonne wunderbar glänzte. Als er die Stätte schärfer ins Auge faßte, sah er, daß der vermeintliche Aschenhaufe feiner Silberstaub und die übrig gebliebenen Brände lichtes Gold waren. O dieses Glück! Woher nun einen Sack nehmen, um den Schatz nach Hause zu tragen? Die Not macht erfinderisch. Hans zog seinen Winterpelz aus, fegte die Silberasche zusammen, daß auch kein Stäubchen übrig blieb, tat die Goldbrände und das Zusammenfegte in den Pelz und band dann die Zipfel desselben mit seinem Gürtel zusammen, so daß nichts herausfallen konnte. Obwohl die Bürde nicht groß war, so wurde sie ihm doch gehörig schwer, so daß er wie ein Mann zu schleppen hatte, ehe er einen passenden Platz fand, um seinen Schatz zu verstecken.

 

Auf diese Weise war Hans durch ein unverhofftes Glück plötzlich zum reichen Manne geworden, der sich wohl ein Landgut hätte kaufen können. Als er aber mit sich zu Rate ging, hielt er es zuletzt für das Beste, seinen alten Wohnort zu verlassen, und sich weiter weg einen neuen aufzusuchen, wo die Leute ihn nicht kannten. Dort kaufte er sich denn ein hübsches Grundstück, und es blieb ihm noch ein gut Stück Geld übrig. Dann nahm er eine Frau und lebte als reicher Mann glücklich bis an sein Ende.

Vor seinem Tode hatte er seinen Kindern das Geheimnis entdeckt, wie es der Unterirdischen Wirt gewesen, der ihn reich gemacht. Aus dem Munde der Kinder und Kindeskinder verbreitete sich dann die Geschichte weiter.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER DONNERSOHN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Donnersohn schloß mit dem Teufel einen Vertrag auf sieben Jahre, laut dessen sollte der Teufel ihm als Knecht dienen und unweigerlich in allen Stücken des Herrn Willen erfüllen; zum Lohn für treue Dienste versprach  der Donnersohn ihm seine Seele zu geben. Der Teufel tat seine Schuldigkeit gegen seinen Herrn, er scheute nicht die schwerste Arbeit und murrte niemals über das Essen, denn er wußte ja, was für einen Lohn er nach sieben Jahren von Rechtswegen erhalten sollte. Sechs Jahre waren vorüber, und das siebente hatte begonnen, aber der Donnersohn hatte durchaus keine Lust, dem bösen Geist seine Seele so wohlfeilen Kaufes zu überlassen, und hoffte deshalb durch irgend eine List den Klauen des Feindes zu entrinnen. Schon beim Abschluss des Vertrages hatte er dem alten Burschen den Streich gespielt, daß er ihm statt des eigenen Blutes Hahnenblut zur Besiegelung gab, und der kurzsichtige Teufel hatte den Betrug nicht gemerkt. Und doch war eben dadurch das Band, welches die Seele des Donnersohns unauflöslich verstricken sollte ganz locker geworden. Obgleich indes das Ende der Dienstzeit immer näher rückte, hatte der Donnersohn sich immer noch keinen Kunstgriff ersonnen, der ihn frei machen konnte.

 

Da traf es sich, daß an einem heißen Tage von Mittag her eine schwarze Wetterwolke aufstieg, die den Ausbruch eines schweren Gewitters drohte. Der alte Bursche verkroch sich sogleich in der Tiefe der Erde, zu welchem Behuf er immer ein Schlupfloch unter einem Steine bereit hatte. »Komm Brüderchen, und leiste mir Gesellschaft, bis das Ungewitter vorüber ist!« bat der Teufel seinen Herrn mit honigsüßer Zunge. »Was versprichst du mir, wenn ich deine Bitte erfülle?« fragte der Donnersohn. Der Teufel meinte, darüber könne man sich unten einigen, denn hier oben mochte er die Bedingungen nicht mehr besprechen, da die Wolke ihm jeden Augenblick über den Hals zu kommen drohte.

 

Der Donnersohn dachte: heute hat die Furcht den alten Burschen ganz mürbe gemacht; wer weiß, ob es mir nicht glückt, mich von ihm los zu machen. So ging er denn mit ihm in die Höhle. Das Gewitter dauerte sehr lange, Krach folgte auf Krach, daß die Erde zitterte und die Felsen erbebten. Bei jeder Erschütterung drückte sich der alte Bursche die Fäuste gegen die Ohren und kniff die Augen fest zu; kalter Schweiß bedeckte seine zitternden Glieder, und er konnte kein Wort hervorbringen.

 

Gegen Abend, als das Gewitter vorüber war, sagte er zum Donnersohn: »Wenn der alte Vater nicht dann und wann so viel Lärm und Getöse machte, so könnte ich mit ihm schon durchkommen und könnte ruhig leben, da mir seine Pfeile unter der Erde nicht schaden können. Aber sein grässliches Getöse greift mich so an, daß ich gleich die Besinnung verliere und nicht mehr weiß, was ich tue. Denjenigen, der mich von diesem Drangsal befreit, würde ich reichlich belohnen.«

 

Der Donnersohn erwiederte: »Da ist kein besserer Rat, als dem alten Papa das Donnergerät heimlich wegzunehmen.« »Ich würde es schon entwenden,« antwortete der Teufel, »wenn die Sache möglich wäre, aber der alte Kõu ist stets wachsam, er läßt weder Tag noch Nacht das Donnerwerkzeug aus den Augen, wie wäre da ein Entwenden möglich?« Der Donnersohn blieb aber dabei, daß sich die Sache wohl machen ließe. »Ja, wenn du mir helfen würdest,« rief der Teufel, »dann könnte der Anschlag vielleicht gelingen, ich allein komme damit nicht zu Gange.«

 

Der Donnersohn versprach nun sein Helfershelfer zu werden, verlangte aber dafür keinen geringeren Lohn, als daß der Teufel den Seelenkauf rückgängig mache. »Meinethalben nimm drei Seelen, wenn du mich von dieser grässlichen Not und Angst befreist!« rief der Teufel vergnügt. Nun setzte ihm der Donnersohn auseinander, in welcher Weise er die Entwendung für möglich halte, wenn sie sich Beide einmütig und mit vereinten Kräften ans Werk machten. »Aber,« so schloß er, »wir müssen so lange warten, bis der alte Papa sich wieder einmal so sehr ermüdet, daß er in tiefen Schlaf fällt, denn gewöhnlich schläft er ja wie der Hase mit offenen Augen.«

 

Einige Zeit nach dieser Beratung brach ein schweres Gewitter aus, das lange anhielt. Der Teufel saß wieder mit dem Donnersohn in seinem Schlupfwinkel unter dem Steine. Die Furcht hatte den alten Burschen so betäubt, daß er kein Wort von dem hörte, was sein Gefährte sprach. Am Abend aber erstiegen Beide einen hohen Berg, wo der alte Bursche den Donnersohn auf seine Schultern hob und sich dann selber durch Zauber immer weiter in die Höhe reckte, wobei er sang:

»Recke, Brüderchen, dich aufwärts,

Wachse, Freundchen, in die Höhe!«

bis er zur Wolkengrenze hinaufgewachsen war. Als der Donnersohn über den Wolkenrand hinüber spähte, sah er den Papa Kõu ruhig schlafen, den Kopf auf zusammengeballte Wolken gestützt, aber die rechte Hand lag quer über das Donnergerät ausgestreckt. Man konnte das Instrument nicht fortnehmen, weil das Berühren der Hand den Schlafenden geweckt haben würde. Der Donnersohn kroch nun von der Schulter des alten Burschen in die Wolken hinein, schlich leise wie eine Katze näher und suchte sich durch List zu helfen.

 

Er holte hinter seinem Ohre eine Laus hervor und setzte sie dem Papa Kõu zum Kitzeln auf die Nase. Der Alte nahm alsbald die Hand, um seine Nase zu kratzen, in demselben Augenblick aber packte der Donnersohn das frei gewordene Donnerwerkzeug und sprang vom Wolkenrand auf den Nacken des Teufels zurück, der mit ihm den Berg hinunter rannte, als hätte er Feuer hinter sich. Der alte Bursche hielt auch nicht eher an, als bis er die Hölle erreicht hatte. Hier verschloß er seinen Raub in eiserner Kammer hinter sieben Schlössern, dankte dem Donnersohn für die treffliche Hilfe und leistete auf dessen Seele völlig Verzicht.

 

Jetzt aber brach über die Welt und die Menschen ein Unglück herein, welches der Donnersohn nicht hatte vorhersehen können: die Wolken spendeten keinen Tropfen Feuchtigkeit mehr, und Alles welkte in der Dürre hin. - Habe ich leichtsinniger Weise dieses unerwartete Elend über die Leute gebracht, so muß ich suchen, die Sache, soweit möglich, wieder gut zu machen, - dachte der Donnersohn und überlegte, wie der Not abzuhelfen sei.

 

Er zog gen Norden an die finnische Grenze, wo ein berühmter Zauberer wohnte, entdeckte ihm den Raub und gab auch an, wo das Donnerwerkzeug gegenwärtig versteckt sei. Da sagte der Zauberer: »Zunächst muß dem alten Vater Kõu Kunde werde, wo sein Donnergerät festgehalten wird, er findet dann selbst wohl Mittel und Wege, wieder zu seinem Eigentume zu gelangen.« Und er schickte dem alten Wolkenvater Botschaft durch den Adler des Nordens.

 

Gleich am folgenden Morgen kam Kõu zum Zauberer, um ihm dafür zu danken, daß er die Spur des Diebstahls nachgewiesen hatte. Sodann verwandelte sich der Donnerer in einen Knaben, suchte einen Fischer auf und verdingte sich bei dem selben als Sommerarbeiter. Er wußte nämlich, daß der Teufel häufig an den See kam, um Fische zu raffen, und hoffte ihn dort einmal zu treffen. Wie wohl nun der Knabe Pikker Tag und Nacht kein Auge von seinen Netzen verwandte, so verging doch eine Weile, ehe er des Feindes ansichtig wurde.

 

Dem Fischer war es längst aufgefallen, daß oftmals die bei Nacht in den See gelassenen Netze am Morgen leer herauf gezogen wurden, aber er konnte die Ursache nicht erklären. Sein Knabe wußte freilich recht gut, wer der Fischdieb sei, aber er wollte nicht früher sprechen, als bis er seinem Herrn den Dieb auch zeigen könnte.

 

In einer mondhellen Nacht, als er mit seinem Herrn an den See kam, um nach den Netzen zu sehen, traf es sich, daß der Dieb gerade bei der Arbeit war. Als sie über den Rand ihres Kahnes ins Wasser blickten, sahen sie Beide, wie der alte Bursche aus den Maschen des Netzes Fische heraus holte und in seinen Schultersack stopfte. Am folgenden Tage ging der Fischer einen berühmten Zauberer um Hilfe an und bat ihn, den Dieb durch seine Kunst der maßen an das Netz zu bannen, daß er ohne Willen des Besitzers sich nicht los machen könne. Das geschah denn auch ganz nach des Fischers Wunsch.

 

Als man am folgenden Tage das Netz aus dem See herauf wand, kam auch der alte Bursche mit an die Oberfläche und wurde ans Ufer gebracht. Hei! was er da vom Fischer und Fischerknaben durch gegerbt wurde! Da er ohne Willen des Zauberers vom Netze nicht loskommen konnte, so mußte er alle Hiebe ruhig hin nehmen. Die Fischer zerschlugen ihm wohl ein Fuder Prügelstecken auf dem Leibe, ohne hin zu sehen auf welchen Körperteil die Schläge fielen. Des alten Burschen Kopf blutete und war dick aufgeschwollen, die Augäpfel traten aus ihren Höhlen - es war ein grässlicher Anblick - aber der Fischer und sein Knabe hatten kein Erbarmen mit dem gemarterten Teufel, sondern ruhten nur von Zeit zu Zeit aus, um von neuem darauf los zu dreschen.

 

Als klägliches Bitten nicht half, bot der alte Bursche endlich ein hohes Lösegeld, ja er versprach dem Fischer die Hälfte seiner Habe und noch mehr, wenn der Bann gelöst würde. Der erzürnte Fischer ließ sich aber nicht eher auf den Handel ein, als bis ihm die letzte Kraft ausging, so daß er keinen Stock mehr rühren konnte. Endlich kam, nachdem ein Vertrag geschlossen worden, der alte Bursche mit Hilfe des Zauberers vom Netze los, worauf er den Fischer bat, er möge nebst seinem Knaben mit ihm kommen, um das Lösegeld abzuholen. Wer weiß, ob er nicht hoffte, sie noch durch irgend eine List zu betrügen.

 

Im Höllenhofe wurde den Gästen ein prächtiges Fest bereitet, das über eine Woche dauerte und bei welchem es an Nichts fehlte. Der alte Wirt zeigte den Gästen seine Schatzkammern und geheimnisvolle Geräte, und ließ von seinen Spielleuten dem Fischer zur Erheiterung die schönsten Weisen aufspielen. Eines Morgens sprach der Knabe Pikker heimlich zum Fischer: »Wenn du heute wieder bewirtet und geehrt wirst, so bitte dir aus, daß man das Instrument bringe, welches in der Eisenkammer hinter sieben Schlössern liegt.« Bei Tische, als die Männer schon einen halben Rausch hatten, bat der Fischer, man möge ihm das Instrument aus der geheimen Kammer zeigen.

 

Der Teufel zeigte sich willig, holte das Instrument herbei und fing selbst an darauf zu spielen. Allein obgleich er aus Leibeskräften hinein blies und die Finger an der Röhre auf und ab bewegte, so war der Ton, den er heraus brachte, doch nicht besser als das Geschrei einer Katze, die in den Schwanz gekniffen wird, oder das Gequieke eines Ferkels, das man auf die Wolfsjagd nimmt. Lachend sagte der Fischer: »Quälet euch nicht umsonst ab! ich sehe wohl, daß aus euch doch kein Dudelsackbläser mehr wird! Mein Hüterknabe würde es besser machen.« »Oho!« rief der Teufel. - »Ihr meint vielleicht, das Blasen auf dem Dudelsack sei ungefähr wie das Flöten auf einem Weidenrohr, und haltet es für ein Kinderspiel? Komm, Freundchen, versuch' es erst, und wenn du oder dein Hüterknabe etwas wie einen Ton auf dem Instrumente hervor bringen könnt, so will ich nicht länger der Höllenwirt heißen.« »Da versuch's!« rief er und reichte das Instrument dem Knaben hin.

 

Der Knabe Pikker nahm es, als er aber den Mund an die Röhre setzte und hinein blies, da erbebten die Wände der Hölle, der Teufel und sein Gesinde fielen ohnmächtig hin und lagen wie tot da. Plötzlich stand an Stelle des Knaben der alte Vater Donnerer selbst neben dem Fischer, dankte für geleistete Hilfe und sagte: »Künftig, wenn mein Instrument wieder aus den Wolken ertönt, soll deinen Netzen reiche Gabe beschieden sein.« Dann trat er eilig die Heimkehr an.

 

Unterwegs kam ihm der Donnersohn entgegen, fiel auf die Knie, bereute seine Schuld und bat demütig um Verzeihung. Der Vater Kõu sagte: »Oft genug vergeht sich des Menschen Leichtsinn gegen die Weisheit des Himmels; danke drum deinem Glücke, Söhnchen, daß ich wieder Macht habe, die Spuren des Elends zu vertilgen, welches deine Thorheit über die Leute gebracht hat.« Mit diesen Worten setzte er sich auf einen Stein und blies das Donnerinstrument, bis die Regenpforten sich auftaten und die Erde tränkten. Den Donnersohn nahm der alte Kõu als Knecht zu sich, und da muß er noch heute sein.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER HIRT ANS ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei einem reichen Gutsherrn diente der arme Ans als Hirt. Er war ein guter Kerl. Alle im Dorf und auf dem Herrenhof mochten ihn gern wegen seines munteren Wesens, aber mehr noch, weil er so schön auf der Rohrflöte blasen konnte. Ans hatte seine Flöte aus einem einfachen Schilfhalm selbst geschnitten und trennte sich niemals von ihr. Wer Ans flöten hörte, fand das Leben leichter und fröhlicher.

 

Nur der Gutsherr liebte diese Lieder nicht. Er behandelte Ans grob und schrie ihn oft ,,Spielst du schon wieder deine dummen Lieder? Ich habe dich in den Dienst genommen, damit du das Vieh hütest, aber nicht, um auf der Flöte zu blasen.“ Dabei störte die Rohrflöte Ans bei seiner Arbeit überhaupt nicht.

 

Einmal erzürnte sich der Gutsherr wegen einer Kleinigkeit so sehr, daß er Ans aus seinem Dienst jagte. Er ließ seine Wut an dem armen aus. So, dachte er, da hast du es Bursche!, nahm ihm seine Flöte weg und zerbrach sie. Wie willst du jetzt noch spielen! Ans begann zu weinen und zog vom Herrenhof weg. Er wußte nicht wohin.

 

Da begegnete ihm ein altes Männchen. ,,Was ist mit dir, Bursche? Warum weinst du?“ ,,Mein Herr hat mich fortgejagt und meine geliebte Flöte in lauter kleine Stücke gebrochen.“ Da sprach der Alte zu ihm: ,,Weine nicht, Ans. Komm mit mir! Ich lehre dich, wie du dich an dem Herrn rächen kannst.“ Der Alte nahm ihn zu sich, und Ans fertigte sich eine neue Flöte an, die noch besser war. Der Alte lehrte ihn, auf der Flöte so wunderbar zu blasen, daß alle Tiere des Waldes zusammen liefen, sich niederließen und der Musik lauschten.

 

Der Gutsherr hatte inzwischen längst vergessen, wie sehr er den armen Ans gekränkt hatte. Denn bei einem Herrn vergeht ja kein Tag, an dem er nicht neue Launen hat.

 

Eines Tages rief der Gutsherr seine Söhne zu sich und sprach: ,,Ich habe im Traum einen wunderbaren Hasen gesehen. Er war so weiß wie Schnee, nur auf der Stirn hatte er ein schwarzes Sternchen. Einen solchen Hasen will ich mir im Garten halten.“

 

,,Vater, woher sollen wir dir einen solchen Hasen beschaffen?“ fragten die Söhne. Da bestand der Herr erst recht auf seiner Laune. ,,Ich will einen solchen Hasen! Wer ihn mir bringt, dem hinterlasse ich mein gesamtes Gut als Erbe.“ Die Brüder verließen den Vater, dachten nach und berieten, was zu tun sei. Der älteste Bruder ging in den Wald, um solch einen Hasen zu suchen.

 

Da begegnete ihm der Alte. ,,Nun, junger Bursche, wohin führt dich dein Weg?“ Der älteste Bruder erzählte ihm, weshalb er sich aufgemacht hatte. Der Alte gab ihm einen Rat: ,,Geh in den Wald, dort hütet ein junger Hirt meine Kühe. Frage ihn, vielleicht kann er dir helfen.“ Der älteste Bruder ging in den Wald, traf den Hirten Ans und erzählte ihm von seinem Vorhaben. Ans lächelte spöttisch. ,,Gut“, sagte er, "Ich helfe dir, einen solchen Hasen zu finden. Komm heute Abend hierher und bring tausend Rubel mit!“

 

Der älteste Bruder freute sich: Tausend Rubel waren viel Geld aber dafür würde er den gesamten väterlichen Reichtum bekommen. Er ging abends wieder in den Wald und brachte das Geld mit. Ans saß auf einem Baumstumpf und spielte so schön auf seiner Flöte, wie es nicht einmal die herrschaftlichen Musikanten konnten. Ringsum hatten sich die Tiere des Waldes versammelt und lauschten der Musik. Unter ihnen saß auch der Hase mit dem schwarzen Sternchen auf der Stirn.

 

Ans nahm den Hasen an den Ohren und gab ihn dem Sohn des Herrn. ,,Nimm ihn“, sagte er, ,,aber halt ihn recht fest. Wenn du ihn aus den Händen läßt, bekommst du ihn nicht zurück!“ Der Herrensohn gab Ans das Geld, bedankte sich und ging mit dem Hasen nach Hause. Kaum hatte er den Wald verlassen, als Ans von neuem auf seiner Flöte zu spielen begann. Der Hase befreite sich, sprang in den Wald zurück und war nicht mehr zu sehen. Der Sohn des Herrn lief zu Ans zurück und sagte ,,Dein Hase ist mir durch die Hände geschlüpft und in den Wald gelaufen. Was soll ich nun tun?“ ,,Das weiß ich nicht“, antwortete Ans, ,,ich habe ihn dir gegeben. Du bist selbst schuld, wenn du ihn nicht festgehalten hast.“

 

Der älteste Bruder kam nach Hause und erzählte, wie es ihm ergangen war. ,,Morgen werde ich gehen“, sagte der mittlere Bruder. Es erging ihm nicht anders. Ans hatte schon zweitausend Rubel in der Tasche, aber die Herrensöhnchen kehrten mit leeren Händen aus dem Wald zurück. Auch der dritte Bruder brachte den Hasen nicht nach Hause.

 

Als der Herr sah, daß seine Söhne nichts ausrichten konnten, entschloß er sich, selbst in den Wald zu gehen, um den weißen Hasen zu suchen. Ans erkannte den Herrn schon von weitem und begann auf seiner Flöte zu spielen. Im Nu kamen alle Tiere des Waldes zu ihm gelaufen. Nicht nur Hasen, sondern auch Wölfe und Bären. Der Herr stand starr vor Schreck — er wußte nicht, wohin er sich vor den wilden Tieren retten sollte.

 

Da sprach Ans: ,,Erinnerst du dich, Herr, wie du mich und das übrige Gesinde gekränkt hast? Wenn ich jetzt will, stürzen sich die Tiere auf dich und zerreißen dich.“ ,,Bester“, schrie der Herr, ,,nimm, was du willst! Ich gebe dir die Hälfte meines Vermögens, aber bring mich nicht um!“ ,,Gut“, sagte Ans, ,,ich bin einverstanden. und vergiß nicht, daß auch die Armen es den Herren recht gut einmal heimzahlen können.

 

Lettland

 

DAS VERWUNSCHENE MÄDCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Vater hatte einen Sohn; der hatte seine Schlafstätte in der Riege. In der Nacht kam zu ihm ein Mädchen, das brachte selbst alles mit: Bett, Kissen, Decke. Dieses Mädchen war verwunschen und lebte beim Bösen. Das Mädchen schlief beim Jungen bis zum Hahnenschrei, dann verschwand es samt dem Bett.

 

Am zweiten Abend kam das Mädchen wieder. Sie war schön, ihr Gesicht wie Milch und Blut, sie selbst weich wie frisches Weißbrot. Sie schlief beim Jungen wieder bis zum Hahnenschrei, dann war sie in die Erde verschwunden.

 

Es kam der dritte Abend. Das Mädchen kam, wie gewöhnlich, und brachte alles mit sich: Kissen, Decken. Sie legte sich neben den Jungen und schlief ein. Als der Hahn krähte, war alles verschwunden – der Junge lag wieder auf der Diele der Riege, wie am Abend.

 

Was war da zu tun? Der Junge begab sich zum Weisen und fragte ihn um Rat. „Es ist jetzt schon die dritte Nacht, dass ein Mädchen zu mir kommt, jung und schön, aber wenn der Hahn kräht, ist sie spurlos verschwunden.“ Der Alte sagte: „Kauf einen Rosenkranz, kauf ein Skapulier (Überwurf über einer Ordenstracht). Wenn sie wieder bei dir schläft, so leg ihr beides um.“

 

Der Junge kaufte einen Rosenkranz, und er kauft ein Skapulier. Als es Abend wurde, ging er in die Riege zum Schlafen. Die Jungfrau kam, ihr Bett hatte sie unter dem Arm, und legte sich neben den Jungen hin. Der Junge wartete, bis das Mädchen eingeschlafen war, dann nahm er den Rosenkranz und den Skapulier, hing beides dem Mädchen um, liess sie aber nicht aus der Hand. Als der Hahn krähte – das Mädchen zerrte und zerrte. Der Hahn krähte zum zweiten Mal – das Mädchen zerrte mit noch größerer Kraft. Der Hahn krähte  zum dritten Mal – das Mädchen konnte sich nicht loszerren, es blieb und schlief, bis zum Tagesanbruch.

 

Am Morgen warteten die Eltern auf den Jungen und dachten: >Es ist schon ganz hell, und der Junge liegt immer noch.< Sie gingen zur Riege, um nach ihm zu sehen. Was erblickten sie! Neben dem Jungen lag ein Mädchen, so schön, so lieblich, dass man nicht das Auge von ihr wenden mochte.

 

Das junge Paar erhob sich, das Mädchen wurde dann beim Priester getauft, und es wurde dem Jungen angetraut. So lebten sie, so gut es sich leben ließ. Sie waren arme Leute, ihr Stüblein schmutzig und dunkel.

 

Eines Tages schnitt die Frau Korn auf dem Feld, da flog ein Rabe vorbei: „Kraa, kraa, kraa!“ – „Hilf Gott!“ rief die Frau dem Raben zu. „Väterchen“, sagte sie, „mein Bruder feiert Hochzeit, man ladet mich auch ein.“

 

Sie kam nach Hause, kämmte sich das Haar, wusch sich das Gesicht. Sie sagte zu ihrem Mann: „Du, komm mit mir zur Hochzeit, und merk dir: Mein Vater hat viele Kohlen. Bitte ihn um Kohlen – und sie werden zu Geld. Doch gibt er Geld – so werden aus dem Geld Kohlen. Mein Vater hat auch viel Stroh, alles in Bündel gebunden, in Haufen gelegt. Erfrag dir etwa zehn Bündel und sage folgendes: >Vater, ich muss mein Haus abdecken, sei so gut und gib mir Stroh; bekomme ich welches, so sollst du dein Stroh zurück haben!< Versprichst du ihm als Bezahlung dein eigenes Stroh, so wird er dir nichts geben.“

 

Die Frau und der Mann gingen hinter die Riege. Dort drehten sie sich auf der linken Hacke dreimal und waren sofort beim Bösen. Dort gab es große Festlichkeiten, viele Tage hindurch.

 

Als die Festlichkeiten vorbei waren, trat der Mann zum Bösen: „Du hast viele Kohlen, sei doch so freundlich und gib mir welche. Ich muss zum Schmied, muss meinen Wagen beschlagen lassen.“ Er bat auch um das Stroh: „Ich muss zu Hause die Dächer ausbessern, das Haus decken, vielleicht gibst du mir einige Bündel. Bekomme ich Stroh, will ich das deinige zurückbringen.“ –„Wenn du es mir zurück bringst, dann sollst du es haben.“ antwortete der Böse.

 

Nachdem sie alles erhalten haben,  traten sie auf die Schwelle. Die Frau sagte zum Mann: „Dreh dich dreimal auf der linken Hacke um.“ Wie er sich umgedreht hatte, waren sie wieder hinter der Riege. Sie brachten die Kohlen ins Zimmer. Die Kohlen wurden zu Geld und sie litten keine Not mehr.

 

„Doch das Stroh, wo sollen wir das hin tun?“ – „Das Stroh“, sagte die Frau, „müssen wir zusammenbinden: je drei Hälmlein zusammen.“ Sie banden je drei Hälmlein zusammen. Die Frau pflanzte das gebündelte Stroh im und um den Garten, ums Haus, überall hin, wo sich Platz fand.

 

Aus dem Stroh wuchsen Apfelbäume, aus jedem Bündelchen einer. Ein Apfelbaum golden, der andere Silbern; es blitzte und glitzerte, Gold- und Silberäpfel hingen an den Zweigen. Alle kamen und bewunderten diese Schönheit, diesen Reichtum. Doch die Frau sagte dem Mann: „Von den Äpfeln darfst du nicht einen nehmen; du wirst sehen, was aus ihnen wird!“ Der Mann befolgte ihren Rat und sie lebten im Wohlstand.

 

Nach langer, langer Zeit  kam zu ihnen ein alter Mann, das war der Herrgott; er bat, ob er nicht ein Äpfelchen vom Baum nehmen dürfe. Die Frau führte ihn in den Garten: „Du darfst es nehmen, dir ist es erlaubt!“ Als der Alte einen Apfel genommen hatte, wurde aus allen Äpfeln Engelein, reine weiße Kindelein.

 

Der Altvater ging voran in den Himmel und die Kinder folgten ihm nach. Auch der Mann und die Frau wurden von der Erde abberufen und folgten ihm.

 

Estnische Märchen

 

DER DANKBARE KÖNIGSSOHN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einmal hatte sich ein König des Goldlandes im Walde verirrt und konnte, trotz alles Suchens und hin und her Streifens, den Ausweg nicht finden. Da trat ein fremder Mann zu ihm und fragte: »Was suchst du, Brüderchen, hier im dunklen Walde, wo nur wilde Tiere hausen?« Der König erwiederte: »Ich habe mich verirrt und suche den Weg nach Hause.« »Versprecht mir zum Eigentum, was euch zuerst auf eurem Hofe entgegenkommen wird, so will ich euch den rechten Weg zeigen,« sagte der Fremde.

 

Der König sann eine Weile nach und erwiederte dann: »Warum soll ich wohl meinen guten Jagdhund einbüßen? Ich finde mich wohl auch noch selbst nach Hause.« Da ging der fremde Mann fort, der König aber irrte noch drei Tage im Walde umher, bis sein Speisevorrat zu Ende ging; dem rechten Wege konnte er nicht auf die Spur kommen. Da kam der Fremde zum zweiten Mal zu ihm und sagte: »Versprecht ihr mir zum Eigentum, was euch auf eurem Hofe zuerst entgegenkommt?« Da der König aber sehr halsstarrig war, wollte er auch dies Mal noch nichts versprechen.

 

Unmutig durchstreifte er wieder den Wald in die Kreuz und die Quer, bis er zuletzt erschöpft unter einem Baume nieder sank und seine Todesstunde gekommen glaubte. Da erschien der Fremde - es war kein anderer als der »alte Bursche« selber - zum dritten Male vor dem Könige und sagte: »Seid doch nur kein Thor! Was kann euch an einem Hunde so viel gelegen sein, daß ihr ihn nicht hingeben mögt, um euer Leben zu retten? Versprecht mir den geforderten Führerlohn, und ihr sollt eurer Not ledig werden und am Leben bleiben.« »Mein Leben ist mehr wert, als tausend Hunde!« entgegnete der König. »Es hängt daran ein ganzes Reich mit Land und Leuten. Sei es denn, ich will dein Verlangen erfüllen, führe mich nach Hause!« Kaum hatte er das Versprechen über die Zunge gebracht, so befand er sich auch schon am Saum des Waldes und konnte in der Ferne sein Schloß sehen.

 

Er eilte hin und das Erste, was ihm an der Pforte entgegen kam, war die Amme mit dem königlichen Säugling, der dem Vater die Arme entgegenstreckte. Der König erschrack, schalt die Amme und befahl, das Kind eiligst hinweg zu bringen. Darauf kam sein treuer Hund wedelnd angelaufen, wurde aber zum Lohn für seine Anhänglichkeit mit dem Fuße fortgestoßen. So müssen schuldlose Untergebene gar oft ausbaden, was die Oberen in tollem Wahne Verkehrtes getan haben.

 

Als des Königs Zorn etwas verraucht war, ließ er sein Kind, einen schmucken Knaben, gegen die Tochter eines armen Bauern vertauschen, und so wuchs der Königssohn am Herde armer Leute auf, während des Bauern Tochter in der königlichen Wiege in seidenen Kleidern schlief. Nach Jahresfrist kam der alte Bursche, um seine Forderung einzuziehen und nahm das kleine Mädchen mit sich, welches er für das echte Kind des Königs hielt, weil er von der betrügerischen Vertauschung der Kinder nichts erfahren hatte. Der König aber freute sich seiner gelungenen List, ließ ein großes Freudenmahl anrichten, und den Eltern des geraubten Kindes ansehnliche Geschenke zukommen, damit es seinem Sohne in der Hütte an Nichts fehlen möge. Den Sohn wieder zu sich zu nehmen, getraute er sich nicht, weil er fürchtete, der Betrug könnte dann heraus kommen. Die Bauernfamilie war mit dem Tausche sehr zufrieden; sie hatten einen Esser weniger am Tische und Brot und Geld im Überfluß.

 

Inzwischen war der Königssohn zum Jüngling herangewachsen, und führte im Hause seiner Pflege-Eltern ein herrliches Leben. Aber er konnte dessen doch nicht recht froh werden. Denn als er vernommen hatte, wie es gelungen war, ihn zu befreien, war er sehr unwillig darüber, daß ein armes unschuldiges Mädchen statt seiner büßen mußte, was seines Vaters Leichtsinn verschuldet hatte. Er nahm sich daher fest vor, entweder, wenn irgend möglich, das arme Mädchen frei zu machen, oder mit dem selben umzukommen. Auf Kosten einer Jungfrau König zu werden, war ihm zu drückend. Eines Tages legte er heimlich die Tracht eines Bauernknechtes an, lud einen Sack Erbsen auf die Schulter und ging in jenen Wald, wo sein Vater sich vor achtzehn Jahren verirrt hatte.

 

Im Walde fing er laut an zu jammern: »O ich Armer, wie bin ich irre gegangen! Wer wird mir den Weg aus diesem Walde zeigen? Hier ist ja weit und breit keine Menschenseele zu treffen!« Bald darauf kam ein fremder Mann mit langem grauen Barte und einem Lederbeutel am Gürtel, wie ein Tatar, grüßte freundlich und sagte: »Mir ist die Gegend hier bekannt, und ich kann euch dahin führen, wohin euch verlangt, wenn ihr mir eine gute Belohnung versprecht.« »Was kann ich armer Schlucker euch wohl versprechen,« erwiederte der schlaue Königssohn, »ich habe nichts weiter als mein junges Leben, sogar der Rock auf meinem Leibe gehört meinem Brotherrn, dem ich für Nahrung und Kleidung dienen muß.«

 

Der Fremde bemerkte den Erbsensack auf der Schulter des Anderen und sagte: »Ohne alle Habe müßt ihr doch nicht sein, ihr tragt ja da einen Sack, der recht schwer zu sein scheint.« »In dem Sacke sind Erbsen,« war die Antwort. »Meine alte Tante ist vergangene Nacht gestorben und hat nicht so viel hinterlassen, daß man den Totenwächtern nach Landesbrauch gequollene Erbsen vorsetzen kann. Ich habe mir die Erbsen von meinem Wirte um Gottes Lohn ausgebeten, und wollte sie eben hinbringen; um den Weg abzukürzen, schlug ich einen Waldpfad ein, der mich nun, wie ihr seht, irre geführt hat.«

 

»Also bist du, aus deinen Reden zu schließen, eine Waise,« sagte der Fremde grinsend. »Möchtest du nicht in meinen Dienst treten, ich suche gerade einen flinken Knecht für mein kleines Hauswesen, und du gefällst mir.« »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden, antwortete der Königssohn. Zum Knecht bin ich geboren, fremdes Brot schmeckt überall bitter, da ist es mir denn ziemlich einerlei, welchem Wirt ich gehorchen muß. Welchen Jahreslohn versprecht ihr mir?« »Nun,« sagte der Fremde, »alle Tage frisches Essen, zwei Mal wöchentlich Fleisch, wenn außer Hause gearbeitet wird, Butter oder Strömlinge als Zukost, vollständige Sommer- und Winterkleidung, und außerdem noch zwei Külimit-Teil Land zu eigener Nutznießung.« »Damit bin ich zufrieden,« sagte der schlaue Königssohn. »Die Tante können auch Andere in die Erde bringen, ich gehe mit euch.«

 

Der alte Bursche schien mit diesem vortheilhaften Handel sehr zufrieden zu sein, er drehte sich wie ein Kreisel auf einem Fuße herum, und trällerte so laut, daß der Wald davon wiederhallte. Als dann machte er sich mit seinem neuen Knechte auf den Weg, wobei er bemüht war, die Zeit durch angenehme Plaudereien zu verkürzen, ohne zu bemerken, daß sein Gefährte, je nach zehn und fünfzehn Schritten immer eine Erbse aus dem Sack fallen ließ. Ihr Nachtlager hielten die Wanderer im Walde unter einer breiten Fichte, und setzten am anderen Morgen ihre Reise fort. Als die Sonne schon hoch stand, gelangten sie an einen großen Stein. Hier machte der Alte Halt, spähte überall scharf umher, pfiff in den Wald hinein und stampfte dann mit dem Hacken des linken Fußes dreimal gegen den Boden. Plötzlich tat sich unter dem Stein eine geheime Pforte auf, und es wurde ein Eingang sichtbar, welcher der Mündung einer Höhle glich. Jetzt faßte der alte Bursche den Königssohn beim Arm und befahl in strengem Tone: »Folge mir!«

 

Dicke Finsternis umgab sie hier, doch kam es dem Königssohne vor, als ob ihr Weg immer weiter in die Tiefe führe. Nach einer guten Weile zeigte sich wieder ein Schimmer, aber das Licht war weder dem der Sonne, noch dem des Mondes zu vergleichen. Scheu erhob der Königssohn den Blick, aber er sah weder einen Himmel noch eine Sonne; nur eine leuchtende Nebelwolke schwebte über ihnen und schien diese neue Welt zu bedecken, in der alles ein fremdartiges Gepräge trug. Erde und Wasser, Bäume und Kräuter, Tiere und Vögel, alles erschien anders, als er es früher gesehen hatte. Was ihn aber am meisten befremdete, war die wunderbare Stille ringsum; nirgends war eine Stimme oder ein Geräusch zu vernehmen. Alles war still wie im Grabe; nicht einmal seine eigenen Schritte verursachten ein Geräusch.

 

Man sah wohl hie und da einen Vogel auf dem Aste sitzen mit lang gerecktem Halse und aufgeblähter Kehle, als ob ein Laut heraus komme, aber das Ohr vernahm ihn nicht. Die Hunde sperrten die Mäuler auf, wie zum Bellen, die Ochsen hoben, wie sie pflegen, den Kopf in die Höhe, als ob sie brüllten, aber weder Gebell noch Gebrüll wurde hörbar. Das Wasser floß ohne zu rauschen über die Kiesel des flachen Grundes, der Wind bog die Wipfel des Waldes, ohne daß man ein Säuseln hörte, Fliege und Käfer flogen ohne zu summen. Der alte Bursche sprach kein Wort, und wenn sein Gefährte zuweilen zu sprechen versuchte, so fühlte er gleich, daß ihm die Stimme im Munde erstarb.

 

So waren sie, wer weiß wie lange, in dieser unheimlichen stillen Welt dahin gezogen, die Angst schnürte dem Königssohne das Herz zu und sträubte sein Haar wie Borsten empor, Schauerfrost schüttelte seine Glieder - als endlich, o Wonne! das erste Geräusch sein lauschendes Ohr traf, und dieses Schattenleben zu einem wirklichen zu machen schien. Es kam ihm vor, als ob eine große - Roßherde sich durch Moorgrund durcharbeitete. Nun tat auch der alte Bursche seinen Mund auf und sagte, indem er sich die Lippen leckte: »Der Breikessel siedet, man erwartet uns zu Hause!« Wieder waren sie eine Weile weiter gegangen, als der Königssohn das Dröhnen einer Sägemühle zu hören glaubte, in der mindestens ein Paar Dutzend Sägen zu arbeiten schienen, der Wirt aber sagte: »Die alte Großmutter schläft schon, sie schnarcht.«

 

Sie erreichten dann den Gipfel eines Hügels, und der Königssohn entdeckte in einiger Entfernung den Hof seines Wirtes; der Gebäude waren so viele, daß man das Ganze eher für ein Dorf oder eine kleine Vorstadt hätte halten können, als für die Wohnung eines Besitzers. Endlich kamen sie an, und fanden an der Pforte ein leeres Hundehäuschen. »Krieche hinein,« herrschte der Wirt, »und verhalte dich ruhig, bis ich mit der Großmutter deinetwegen gesprochen habe. Sie ist, wie die alten Leute fast alle, sehr eigensinnig, und duldet keinen Fremden im Hause.« Der Königssohn kroch zitternd in's Hundehäuschen und begann schon seine Überkühnheit, die ihn in diese Klemme gebracht hatte, zu bereuen.

 

Erst nach einer Weile kam der Wirt wieder, rief ihn aus seinem Schlupfwinkel heraus und sagte mit verdrießlichem Gesicht: »Merke dir jetzt genau unsere Hausordnung und hüte dich, dagegen zu verstoßen, sonst könnte es dir hier recht schlecht gehen:

 

Augen, Ohren halte offen,

Mundes Pforte stets verriegelt!

Ohne Weigerung gehorche,

Hege, wie du willst, Gedanken,

Rede nimmer, wenn gefragt nicht.«

 

Als der Königssohn über die Schwelle trat, erblickte er ein junges Mädchen von großer Schönheit, mit braunen Augen und lockigem Haar. Er dachte in seinem Sinne: »Wenn der Alte solcher Töchter viele hätte, so möchte ich gern sein Eidam werden! Das Mädchen ist ganz nach meinem Geschmack.« Die schöne Maid ordnete nun, ohne ein Wort zu sprechen, den Tisch, trug die Speisen auf und nahm dann bescheiden ihren Sitz am Herde ein, als ob sie den fremden Mann gar nicht bemerkt hätte. Sie nahm Garn und Nadeln und fing an, ihren Strumpf zu stricken. Der Wirt setzte sich allein zu Tisch, und lud weder Knecht noch Magd dazu, auch die alte Großmutter war nirgends zu sehen. Des alten Burschen Appetit war grenzenlos; binnen Kurzem machte er reine Bahn mit allem, was er auf dem Tische fand, und davon hätten doch wenigstens ein Dutzend Menschen satt werden können. Nachdem er endlich seinen Kinnladen Ruhe gegönnt hatte, sagte er zur Jungfrau: »Kehre jetzt aus, was auf dem Boden der Kessel und Grapen ist, und sättiget euch mit den Resten, die Knochen aber werfet dem Hunde vor.«

 

Der Königssohn verzog wohl den Mund über das angekündigte Kesselbodenkehrichtsmahl, welches er mit dem hübschen Mädchen und dem Hunde zusammen verzehren sollte. Aber bald erheiterte sich sein Gesicht wieder, als er fand, daß die Reste ein ganz leckeres Mahl auf den Tisch lieferten. Während des Essens sah er unverwandt das Mädchen verstohlener Weise an, und hätte wer weiß wie viel darum gegeben, wenn er einige Worte mit ihr hätte sprechen dürfen. Aber sobald er nur den Mund zum Sprechen öffnen wollte, begegnete ihm der flehende Blick des Mädchens, der zu sagen schien: »Schweige!« So ließ denn der Jüngling seine Augen reden, und gab dieser stummen Sprache durch seinen guten Appetit Nachdruck, denn die Jungfrau hatte ja doch die Speisen bereitet, und es mußte ihr angenehm sein, wenn der Gast brav zulangte und ihre Küche nicht verschmähte. Der Alte hatte sich auf der Ofenbank ausgestreckt und machte seinem vollen Magen dermaßen Luft, daß die Wände davon dröhnten.

 

Nach der Abend-Mahlzeit sagte der Alte zum Königssohn: »Zwei Tage kannst du von der langen Reise ausruhen, und dich im Hause umsehen. Übermorgen Abend aber mußt du zu mir kommen, damit ich dir die Arbeit für den folgenden Tag anweisen kann; denn mein Gesinde muß immer früher bei der Arbeit sein, als ich selber aufstehe. Das Mädchen wird dir deine Schlafstätte zeigen.« Der Königssohn nahm einen Ansatz zum Sprechen, aber o weh! der alte Bursche fuhr wie ein Donnerwetter auf ihn los und schrie: »Du Hund von einem Knecht! Wenn du die Hausordnung übertrittst, so kannst du ohne Weiteres um einen Kopf kürzer gemacht werden. Halt das Maul und jetzt scher' dich zur Ruhe!«

 

Das Mädchen winkte ihm, mit zu kommen, schloß dann eine Tür auf und bedeutete ihn, hinein zu treten. Der Königssohn glaubte eine Träne in dem Auge des Mädchens Quillen zu sehen und wäre gar zu gern noch auf der Schwelle stehen geblieben, aber er fürchtete den Alten und wagte nicht länger zu zögern. »Das schöne Mädchen kann doch unmöglich seine Tochter sein,« dachte der Königssohn, »denn sie hat ein gutes Herz. Sie ist am Ende gar das selbe arme Mädchen, welches statt meiner hierher getan wurde, und um dessen willen ich das tolle Wagstück unternahm.« Es dauerte lange, ehe er den Schlaf auf seinem Lager fand, und dann ließen ihm bange Träume keine Ruhe; er träumte von allerlei Gefahr, die ihn umstrickte, und überall war es die Gestalt der schönen Jungfrau, die ihm zu Hilfe eilte.

 

Als er am anderen Morgen erwachte, war sein erster Gedanke, daß er alles tun wolle, was er der Schönen an den Augen absehen könnte. Er fand das fleißige Mädchen schon bei der Arbeit, half ihr Wasser aus dem Brunnen heraufwinden und ins Haus tragen, Holz spalten, das Feuer unter den Grapen schüren, und ging ihr bei allen andern Arbeiten zur Hand. Nachmittags trat er hinaus, um seine neue Wohnstätte näher in Augenschein zu nehmen, und wunderte sich sehr, daß er die alte Großmutter nirgends zu Gesicht bekam.

 

Im Stalle fand er ein weißes Pferd, im Pfahlland eine schwarze Kuh mit einem weißköpfigen Kalbe, in andern verschlossenen Ställen glaubte er Gänse, Enten, Hühner und anderes Fasel zu hören. Frühstück und Mittagsessen waren eben so schmackhaft gewesen, als Abends zuvor, und er hätte mit seiner Lage ganz zufrieden sein können, wenn es ihm nicht so sehr schwer geworden wäre, dem Mädchen gegenüber seine Zunge im Zaume zu halten. Am Abend des zweiten Tages ging er zum Wirt, um die Arbeit für den kommenden Tag zu erfahren.

 

Der Alte sagte: »Für morgen will ich dir eine leichte Arbeit geben. Nimm die Sense zur Hand, mähe so viel Gras, als das weiße Pferd zu seinem Tagesfutter braucht, und miste den Stall aus. Wenn ich hin käme und die Krippe leer oder auf der Diele Mist fände, so könnte es dir bitterbös bekommen. Hüte dich davor!« Der Königssohn war ganz vergnügt, denn er dachte in seinem Sinn: »Mit dem bischen Arbeit komme ich schon zu Gange; wenn ich auch bis jetzt weder Pflug noch Sense geführt habe, so sah ich doch oft, wie leicht die Landleute mit diesen Werkzeugen umgehen, und Kraft genug habe ich.«

 

Als er sich eben auf's Lager hinstrecken wollte, kam das Mädchen leise herein geschlichen, und fragte ihn mit gedämpfter Stimme: »Was für eine Arbeit hast du bekommen?« »Morgen« - erwiederte der Königssohn - »habe ich eine leichte Arbeit; ich soll für das weiße Pferd Futtergras mähen und den Stall säubern, das ist Alles.« »Ach du unglückseliges Geschöpf!« seufzte das Mädchen: »wie könntest du die Arbeit vollbringen? Das weiße Pferd, des Wirtes Großmutter, ist ein unersättliches Geschöpf, welchem zwanzig Mäher kaum das tägliche Futter liefern könnten, und andere zwanzig hätten vom Morgen bis Abend zu tun, den Mist aus dem Stalle zu führen. Wie würdest du denn allein mit beidem zu Stande kommen? Merke auf meinen Rat und befolge ihn genau. Wenn du dem Pferde einige Schooß voll Gras in die Krippe geschüttet hast, so mußt du aus Weidenreisern einen starken Reif flechten, und aus festem Holze einen Keil schnitzen, und zwar so, daß das Pferd sieht, was du tust. Es wird dich sogleich fragen, wozu die Dinge dienen sollen, und dann mußt du ihm also antworten: Mit diesem Reifen binde ich dir das Maul fest, wenn du mehr fressen wolltest, als ich dir hin schütte, und mit diesem Pflock werde ich dir den After verkeilen, wenn du mehr solltest fallen lassen, als ich Lust hätte fort zu schaffen.« Nachdem das Mädchen dies gesprochen, schlich es auf den Zehen eben so leise wieder hinaus, wie es gekommen war, ohne dem Jüngling Zeit zum Dank zu lassen. Er prägte sich des Mädchens Worte ein, wiederholte sich alles noch einmal, um nichts zu vergessen, und legte sich dann schlafen.

 

Früh am andern Morgen machte er sich an die Arbeit. Er ließ die Sense wacker im Grase tanzen und hatte zu seiner Freude nach kurzer Zeit so viel gemäht, daß er einige Schooß voll zusammenharken konnte. Als er dem Pferde den ersten Schoß voll hingeworfen hatte, und gleich darauf mit dem zweiten Schooß voll in den Stall trat, fand er zu seinem Schrecken die Krippe schon leer, und über ein halbes Fuder Mist auf der Diele. Jetzt sah er ein, daß er ohne des Mädchens klugen Rat verloren gewesen wäre, und beschloß, denselben sogleich zu benutzen. Er begann den Reifen zu flechten: das Pferd wandte den Kopf nach ihm hin und fragte verwundert: »Söhnchen, was willst du mit diesem Reifen machen?« »Gar nichts,« entgegnete der Königssohn, »ich flechte ihn nur, um dir die Kinnladen damit fest zu klemmen, falls es dir in den Sinn käme, mehr zu fressen, als ich Lust habe dir aufzuschütten.« Das weiße Pferd seufzte tief auf und hielt augenblicklich mit Kauen inne.

 

Der Jüngling reinigte jetzt den Stall, und dann machte er sich daran, den Keil zu schnitzen. »Was willst du mit diesem Keil machen?« fragte das Pferd wieder. »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich mache ihn nur fertig, um ihn im Notfalle als Spunt für die Ausleerungspforte zu gebrauchen, damit dir das Futter nicht zu rasch durch die Knochen schießt.« Das Pferd sah ihn wieder seufzend an, und hatte ihn sicher verstanden, denn als Mittag längst vorüber war, hatte das weiße Pferd noch Futter in der Krippe, und die Diele war rein geblieben. Da kam der Wirt, um nachzusehen, und als er alles in bester Ordnung fand, fragte er etwas erstaunt: »Bist du selber so klug, oder hast du kluge Ratgeber?« Der schlaue Königssohn erwiederte schnell: »Ich habe niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte warf unwillig die Lippen auf und verließ brummend den Stall; der Königssohn aber freute sich, daß alles gelungen war.

 

Am Abend sagte der Wirt: »Morgen hast du keine eigentliche Arbeit, da aber die Magd manches Andere im Hause zu besorgen hat, so mußt du unsere schwarze Kuh melken. Hüte dich aber, daß keine Milch im Euter zurückbleibt. Fände ich das, so könnte es dir das Leben kosten.« Der Königssohn dachte, als er hinausging: »wenn dahinter nicht etwa wieder eine Tücke steckt, so kann mir die Arbeit nicht schwer werden; ich habe, Gottlob, starke Finger, und will die Zitzen schon so pressen, daß kein Tropfen Milch darin bleiben soll.«

 

Als er sich eben zur Ruhe legen wollte, kam das Mädchen wieder zu ihm und fragte: »Was für eine Arbeit hast du morgen?« »Morgen habe ich Gesellentag« - antwortete der Königssohn. »Ich bin morgen den ganzen Tag frei, und habe nichts weiter zu tun, als die schwarze Kuh zu melken, so daß kein Tropfen Milch im Euter zurückbleibt.« »O du unglückseliges Geschöpf! wie wolltest du das zu Stande bringen,« sagte das Mädchen seufzend. »Du mußt wissen, lieber unbekannter Jüngling, daß, wenn du auch vom Morgen bis zum Abend ununterbrochen melken würdest, du doch nimmer das Euter der schwarzen Kuh leeren könntest; die Milch strömt gleich einer Wasserader ununterbrochen. Ich sehe wohl, daß der Alte dich verderben will. Aber sei unbesorgt, so lange ich am Leben bin, soll dir kein Haar gekrümmt werden. Achte auf meinen Rat und befolge ihn pünktlich, so wirst du der Gefahr entgehen. Wenn du zum Melken gehst, so nimm einen Topf voll glühender Kohlen und eine Schmiedezange mit. Im Stalle lege die Zange in die Kohlen und blase diese zu heller Flamme an. Wenn die schwarze Kuh dich dann fragt, weshalb du das tust, so antworte ihr, was ich dir jetzt in's Ohr sagen werde.« Das Mädchen flüsterte ihm einige Worte in's Ohr, und schlich dann auf den Zehen, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer. Der Königssohn legte sich schlafen.

 

Kaum strahlte die Morgenröte am Himmel, als er sich schon von seinem Lager erhob, den Melkkübel in die eine und den Kohlentopf in die andere Hand nahm und in den Stall ging. Er machte Alles so, wie das Mädchen am Abend zuvor angegeben hatte. Befremdet sah die schwarze Kuh, seinem Treiben eine Weile zu, dann fragte sie: »Was machst du da, Söhnchen?« »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich will die Zange nur rotglühend machen, weil manche Kuh die niederträchtige Gewohnheit hat, nach dem Melken noch Milch im Euter zu behalten, und da ist kein besserer Rat, als ihr die Zitzen mit einer glühenden Zange zusammen zu kneifen, damit sich die Milch nicht unnütz ins Euter ergieße.« Die schwarze Kuh seufzte tief auf und sah den Melkenden scheu an. Der Königssohn nahm den Kübel, melkte das Euter aus, und als er es nach einer Weile wieder anzog, fand er nicht einen Tropfen Milch.

 

Später kam der Wirt in den Stall, zog und drückte wiederholt an den Zitzen, fand aber keine Milch, und fragte mit böser Miene: »Bist du selbst so klug, oder hast du kluge Ratgeber?« Der Königssohn antwortete: »Ich habe niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte ging aufgebracht fort.

 

Als der Königssohn sich am Abend beim Wirt nach seiner Arbeit erkundigte, sagte dieser: »Ich habe noch ein Schoberchen Heu auf der Wiese stehen, das ich bei trockener Witterung unter Dach bringen möchte. Führe mir morgen das Heu ein, aber hüte dich, daß nicht das Mindeste zurückbleibt, sonst könntest du dein Leben einbüßen.« Der Königssohn verließ vergnügt das Zimmer und dachte: »Heu führen ist keine große Arbeit, ich habe weiter keine Mühe, als aufzuladen, das Pferd muß ziehen. Ich werde die Großmutter dieses Wirts nicht schonen.«

 

Abends kam das Mädchen wieder zu ihm geschlichen, und fragte ihn nach seiner Arbeit für morgen. Der Königssohn sagte lachend: »Hier lerne ich alle Arten von Bauernarbeit, morgen soll ich ein Schoberchen Heu einführen, und nur darauf achten, daß nicht das Mindeste zurückbleibt; das ist mein ganzes Tagewerk.« »Ach du unglückseliges Geschöpf,« seufzte das Mädchen: »wie könntest du das vollbringen? Wolltest du auch mit allen Leuten eines noch so großen Gebiets eine ganze Woche lang Heu führen, so würdest du doch dieses Schoberchen nicht fortschaffen. Was von oben her weg genommen wird, das wächst vom Grunde auf wieder nach. Merke wohl, was ich dir sage: du mußt morgen vor Tagesanbruch aufstehen, das weiße Pferd aus dem Stalle ziehen, und einige starke Stricke mitnehmen. Dann geh an den Heuschober, lege die Stricke herum, und schirre das Pferd an die Stricke. Wenn du damit fertig bist, so klettere auf den Schober hinauf, und fange an zu zählen: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und so weiter. Das Pferd wird dich sogleich fragen, was du da zählst, dann mußt du antworten, was ich dir in's Ohr sage.« Das Mädchen flüsterte ihm das Geheimnis zu, und verließ das Zimmer; der Königssohn wußte nichts Besseres zu tun, als zu Bette zu gehen.

 

Als er den anderen Morgen erwachte, fiel ihm sogleich des Mädchens guter Rat von gestern ein; er nahm starke Stricke, eilte in den Stall, führte das weiße Pferd heraus, schwang sich darauf und ritt zum Heuschober, der aber mindestens an fünfzig Fuder hielt, also kein »Schoberchen« zu nennen war. Der Königssohn tat Alles, was ihm das Mädchen geheißen hatte, und als er endlich, oben auf dem Heuschober sitzend, bis zwanzig gezählt hatte, fragte das weiße Pferd verwundert: »Was zählst du da, Söhnchen?« »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich machte mir nur den Spaß, die Wolfsherde dort am Walde zu zählen, aber es sind ihrer so viel, daß ich nicht damit fertig werde.« Kaum hatte er das Wort »Wolfsherde« heraus, als auch das weiße Pferd wie der Wind davon schoß, so daß es in einigen Augenblicken mit dem Schober zu Hause war.

 

Des Wirts Erstaunen war nicht gering, als er nach dem Frühstück hinaus kam, und das Tagewerk des Knechts schon getan fand. »Bist du selber so klug, oder hast du kluge Ratgeber?« fragte der Alte, worauf der Königssohn erwiederte: »Ich habe niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte ging kopfschüttelnd und fluchend von dannen.

 

In der Abenddämmerung ging der Königssohn wieder zu ihm, nach seiner Arbeit zu fragen. Der Wirt sagte: »Morgen mußt du mir das weißköpfige Kalb auf die Weide führen, doch hüte dich, daß es sich nicht verläuft, sonst könntest du leicht dein Leben einbüßen.« Der Königssohn dachte bei sich: »mancher zehnjährige Bauerbursch muß eine ganze Herde hüten, da kann mir doch die Hut eines einzigen Kalbes nicht schwer werden.« Als er sich eben schlafen legen wollte, kam das Mädchen wieder in seine Kammer geschlichen und fragte, was für eine Arbeit er morgen habe. »Morgen habe ich Faullenzerarbeit,« sagte der Königssohn, »ich soll mit dem weißköpfigen Kalbe auf die Weide gehen.« »O du unglückseliges Geschöpf,« seufzte das Mädchen: »damit wirst du wohl nimmer durch kommen. Du mußt wissen, daß dieses Kalb eine solche Rennwut hat, daß es an einem Tage dreimal um die Welt laufen könnte. Merke dir genau, was ich dir jetzt sagen will. Nimm diesen Seidenfaden, binde das eine Ende an das linke Vorderbein des Kalbes, und das andere Ende an den kleinen Zeh deines linken Fußes, dann wird das Kalb keinen Schritt von deiner Seite weichen, gleichviel ob du gehst, stehst oder liegst.« Darauf ging das Mädchen fort, und der Königssohn legte sich schlafen, aber es ärgerte ihn, daß er wieder vergessen hatte, für den guten Rat zu danken.

 

Den anderen Morgen tat er pünktlich, was ihm das gute Mädchen vorgeschrieben hatte, und führte das Kalb an dem seidenen Faden auf die Weide, wo es, wie ein treues Hündlein, keinen Schritt von seiner Seite wich. Bei Sonnenuntergang führte er es wieder in den Stall, als ihm der Wirt auch schon entgegenkam und mit zornfunkelndem Blick fragte: »Bist du selber so klug, oder hast du kluge Ratgeber?« Der Königssohn erwiederte: »Ich habe niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.« Wieder ging der Alte wütend davon, und der Königssohn glaubte nun darüber im Reinen zu sein, daß die Nennung des göttlichen Namens den alten Burschen jedesmal in Harnisch brachte.

 

Spät Abends ging er wieder zum Wirt, um dessen Befehle für den folgenden Tag einzuholen. Der Wirt gab ihm ein Säckchen mit Gerste und sagte: »Morgen hast du einen Feiertag und kannst ausschlafen, aber dafür mußt du dich heute Nacht brav rühren. Säe mir sogleich diese Gerste aus, sie wird rasch wachsen und reifen; dann schneidest du sie, drischst sie und windigest sie, so daß du sie mälzen und mahlen kannst. Aus dem erhaltenen Malzmehl mußt du mir Bier brauen, und morgen früh, wenn ich erwache, mir eine Kanne frischen Biers zum Morgentrunk bringen. Hab Acht, daß meine Befehle genau befolgt werden, sonst könntest du leicht das Leben einbüßen.«

 

Niedergeschlagen, mit sorgenschwerem Herzen verließ der Königssohn das Gemach, blieb draußen stehen und weinte bitterlich. Er sprach zu sich selbst: »Die heutige Nacht ist meine letzte, solche eine Arbeit kann kein Sterblicher vollbringen, und eben so wenig kann mir des klugen Mädchens Rat hier helfen. O ich unglückseliges Geschöpf! warum habe ich leichtsinnig das Königsschloß verlassen und mich in Gefahren verstrickt. Nicht einmal den Sternen des Himmels kann ich mein bitteres Leid klagen, denn hier sieht man weder Himmel noch Sterne, doch haben wir einen Gott, der überall ist.«

 

Als er mit seinem Gerstensäcklein da stand, öffnete sich die Haustür und das liebe Mädchen trat zu ihm heraus. Sie fragte, was ihn so betrübe, und der Jüngling antwortete mit Tränen in den Augen: »Ach, meine letzte Stunde ist gekommen, wir müssen auf immer scheiden. Vernimm denn noch alles, ehe ich scheide: ich bin eines mächtigen Königs einziger Sohn, dem der Vater einst ein großes Reich hinterlassen sollte; aber nun ist alles hin, Glück und Hoffnung.«

 

Dann erzählte er ihr unter häufigen Tränen, was für eine Arbeit der Wirt ihm für die Nacht aufgegeben habe, aber es verdross ihn, zu sehen, daß das Mädchen sich aus seiner Betrübnis nicht viel machte. Als er endlich seinen langen Bericht geschlossen hatte, sagte die Jungfrau lachend: »Heute Nacht kannst du denn, mein lieber Königssohn, ganz ruhig schlafen, und morgen den ganzen Tag feiern. Merke genau auf meinen Rat und verschmähe ihn nicht, weil er aus dem Munde einer niedrig geborenen Magd kommt. Nimm diesen kleinen Schlüssel, er schließt den dritten Faselstall auf, worin des Alten dienende Geister wohnen. Wirf den Gerstensack in den Stall und schärfe ihnen Wort für Wort den Befehl ein, den dir der Wirt für die Nacht gegeben hat; füge aber hinzu: Wenn ihr ein Haar breit von meiner Vorschrift abweicht, so müßt ihr alle samt sterben; solltet ihr aber Hilfe brauchen, so wird heut' Nacht die Tür des siebenten Stalles offen stehen, in welchem des Wirts mächtigste Geister wohnen.«

 

Der Königssohn richtete alles nach Vorschrift aus, und legte sich schlafen. Als er am folgenden Morgen aufwachte und in der Brauküche nachsah, fand er die Bierkufen in voller Gährung, so daß der Schaum über den Rand floß. Er kostete das Bier, füllte dann eine große Kanne mit dem schäumenden Trank an, und brachte sie dem Wirte, der sich eben auf seinem Lager aufrichtete. Aber statt des erwarteten Dankes sagte der Wirt ungehalten: »Das kommt nicht aus deinem Kopfe! Ich merke, du hast gute Freunde und Ratgeber gefunden. Schon gut, heut' Abend wollen wir weiter sprechen.«

 

Am Abend sagte der Alte: »Morgen habe ich dir keine Arbeit aufzutragen, du mußt nur, wenn ich erwache, vor mein Bett treten, und mir zum Gruße die Hand reichen.« Der Königssohn spottete innerlich über des Alten wunderliche Grille, und lachend setzte er das Mädchen davon in Kenntnis. Dieses aber wurde sehr ernst und sagte: »Wahre deine Haut! Der Alte will dich morgen früh auffressen. Nur Eins kann dich retten. Du mußt eine eiserne Schaufel im Ofen rothglühend machen, und ihm statt deiner Hand das glühende Eisen zum Morgengruß dar bieten.« Damit eilte sie davon, und der Königssohn ging zu Bette.

 

Am Morgen hatte er die Schaufel schon rotglühend gemacht, ehe noch der alte Bursche aufwachte. Endlich hörte er ihn rufen: »Fauler Knecht, wo bleibst du? komm' und grüße!« Als darauf der Königssohn mit der glühenden Schaufel eintrat, rief der Alte ihm mit kläglicher Stimme zu: »Ich bin heute sehr krank und kann deine Hand nicht fassen. Aber komm' heute Abend wieder, damit ich dir meine Befehle geben kann.«

 

Der Königssohn schlenderte nun den ganzen Tag um her, und ging dann am Abend zum Wirt, um sich von ihm die Arbeit für den folgenden Tag auftragen zu lassen. Der Wirt war sehr freundlich und sagte schmunzelnd: »Ich bin mit dir sehr zufrieden! komm Morgen früh mit dem Mädchen zu mir, ich weiß, daß ihr euch schon längst lieb habt, und will euch als Mann und Frau zusammengeben!«

 

Der Königssohn hätte vor Freude jauchzen und in die Höhe springen mögen, aber glücklicher Weise fiel ihm noch zu rechter Zeit die strenge Hausordnung ein, deßhalb blieb er ruhig. Als er vor dem Schlafengehen der Geliebten von seinem Glücke erzählte und von ihr eine gleiche Freude erwartete, sah er zu seinem großen Erstaunen, daß das Mädchen vor Schrecken bleich wurde wie eine getünchte Wand, und ihr die Zunge wie gelähmt war. Als sie sich wieder erholt hatte, sagte sie: »Der alte Bursche ist dahinter gekommen, daß ich deine Ratgeberin gewesen bin, und will uns Beide verderben. Wir müssen noch diese Nacht die Flucht ergreifen, sonst sind wir verloren. Nimm ein Beil, gehe in den Stall und schlage dem weißköpfigen Kalbe mit einem kräftigen Hieb den Kopf ab, mit einem zweiten Hieb spalte den Schädel entzwei. Im Hirn des Kalbes findest du ein glänzend rotes Knäulchen, das bringe mir, alles was sonst nötig ist, werde ich selbst besorgen.«

 

Der Königssohn dachte: »lieber töte ich ein unschuldiges Kalb, als daß ich mich selbst und das liebe Mädchen umbringen lasse; gelingt uns die Flucht, so sehe ich meine Heimat wieder. Die Erbsen, welche ich ausstreute, müssen jetzt aufgegangen sein, so daß wir den Weg nicht verfehlen werden.«

 

Darauf ging er in den Stall. Die Kuh lag neben dem Kalb hingestreckt, und beide schliefen so fest, daß sie ihn nicht kommen hörten. Als er aber dem Kalb den Kopf ab hieb, stöhnte die Kuh so schauerlich, als hätte sie einen schweren Traum. Rasch führte er den zweiten Hieb, der den Schädel spaltete. Siehe! da wurde der Stall plötzlich hell, wie am Tage. Das rote Knäulchen fiel aus dem Gehirn heraus und leuchtete wie eine kleine Sonne. Der Königssohn wickelte das Knäulchen behutsam in ein Tuch und steckte es in seinen Busen. Es war ein Glück, daß die Kuh nicht aufwachte, sonst hätte sie angefangen zu brüllen, und dadurch hätte auch der Wirt geweckt werden können.

 

An der Pforte fand der Königssohn das Mädchen schon reisefertig, ein Bündelchen am Arme. »Wo ist dein Knäulchen?« fragte sie. »Hier!« antwortete der Jüngling, und gab es ihr. »Wir müssen schnell fliehen!« sagte sie, und wickelte einen kleinen Teil des Knäulchens aus dem Tuche heraus, damit der leuchtende Schein gleich einer Laterne das nächtliche Dunkel ihres Pfades erhelle. Die Erbsen waren, wie der Königssohn vermutet hatte, alle aufgegangen, so daß sie sicher waren, den Weg nicht zu verfehlen.

 

Unterwegs erzählte ihm die Jungfrau, daß sie einmal ein Gespräch zwischen dem Alten und seiner Großmutter belauscht und daraus erfahren habe, daß sie eine Königstochter sei, welche der alte Bursche ihren Eltern mit List abgenommen habe. Der Königssohn wußte freilich die Sache besser, schwieg aber und war nur von Herzen froh, daß es ihm gelungen war, das arme Mädchen zu befreien. So mochten die Wanderer eine gute Strecke zurückgelegt haben, als es begann zu tagen.

 

Der alte Bursche erwachte erst spät am Morgen und rieb sich lange die Augen, bis der Schlaf abfiel, dann weidete er sich im voraus an dem Gedanken, daß er die Beiden bald verzehren würde. Nachdem er ziemlich lange auf sie gewartet hatte, sagte er für sich: »Sie sind wohl noch nicht mit ihrem Hochzeitsstaat fertig!« Als ihm aber das Warten doch zu lange dauerte, rief er: »Knecht und Magd, he! wo bleibt ihr?« Fluchend und schreiend wiederholte er den Ruf noch einige Male, aber weder Knecht noch Magd ließen sich sehen.

 

Endlich kletterte er zornig aus dem Bette und ging die Säumigen suchen. Aber er fand das Haus menschenleer, und bemerkte auch, daß diese Nacht die Lagerstätten unberührt geblieben waren. Jetzt stürzte er in den Stall ... als er hier das Kalb getötet und das Zauberknäulchen entwendet fand, begriff er alles. Er fluchte, daß alles schwarz wurde, öffnete rasch den dritten Geisterstall und schickte seine Gehilfen aus, die Entflohenen zu suchen. »Bringt sie mir, wie ihr sie findet, ich muß ihrer habhaft werden!« So sprach der alte Bursche und seine Geister stoben wie der Wind davon.

 

Die Flüchtlinge befanden sich gerade auf einer großen Fläche, als das Mädchen den Schritt anhielt und sagte: »Es ist nicht alles, wie es sein sollte. Das Knäulchen bewegt sich in meiner Hand, gewiß werden wir verfolgt!« Als sie hinter sich sahen, erblickten sie eine schwarze Wolke, welche mit großer Geschwindigkeit näher kam. Das Mädchen drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um und sprach:

 

»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!

Würde gern alsbald zum Bächlein,

Mein Gefährte auch zum Fischlein!«

 

Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen floß als Bächlein dahin, und der Königssohn schwamm als Fischlein im Wasser. Die Geister sausten vorüber, kehrten nach einer Weile um, und flogen wieder heim, aber Bächlein und Fischlein ließen sie unangetastet. Sobald die Verfolger fort waren, verwandelte sich das Bächlein wieder in ein Mädchen und machte das Fischlein zum Jüngling, und dann setzten sie in menschlicher Gestalt ihre Reise fort.

 

Als die Geister müde und mit leeren Händen zurück kehrten, fragte sie der alte Bursche, ob ihnen denn beim Suchen nichts Besonderes aufgefallen wäre? »Gar nichts!« war die Antwort: »nur ein Bächlein floß in der Ebene, und ein einziges Fischlein schwamm darin.« Wütend brüllte der Alte: »Schafsköpfe! Das waren sie ja, das waren sie ja!« Schnell riß er die Türen des fünften Stalles auf, ließ die Geister heraus und befahl ihnen, des Bächleins Wasser auszutrinken und das Fischlein zu fangen. Die Geister stoben wie der Wind von dannen.

 

Unsere Wanderer näherten sich eben dem Saum eines Waldes, da blieb das Mädchen stehen und sagte: »Es ist nicht alles, wie es sein soll. Das Knäulchen bewegt sich wieder in meiner Hand.« Als sie sich umsahen, erblickten sie abermals eine Wolke am Himmel, dunkler als die erste und mit roten Rändern. »Das sind unsere Verfolger!« rief die Jungfrau und drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um, indem sie sprach:

 

»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!

Wandele uns alle Beide:

Mich zum wilden Rosenstrauche,

Ihn zur Blüte an dem Strauche.«

 

Augenblicklich waren sie verwandelt. Aus dem Mädchen ward ein wilder Rosenstrauch, und der Jüngling hing als Rose am Stock. Sausend zogen die Geister über ihnen hin und kehrten erst nach einer guten Weile wieder um; da sie weder Bächlein noch Fischlein gefunden hatten, kümmerten sie sich nicht um den Rosenstrauch. Sobald die Verfolger vorüber waren, verwandelten sich Strauch und Blume wieder in Mädchen und Jüngling, welche nach der kurzen Ruhe rasch weiter eilten.

 

»Habt ihr sie gefunden?« fragte der Alte, als er seine Gesellen keuchend wiederkehren sah. »Nein,« antwortete der Anführer der Geister: »wir fanden weder Bächlein noch Fischlein in der Ebene.« »Habt ihr denn sonst nichts Besonderes unterwegs gesehen?« fuhr der Alte auf. Der Anführer antwortete: »Dicht am Saume des Waldes stand ein wilder Rosenstrauch, an dem eine Rose hing.« »Schafsköpfe!« schrie der Alte, »das waren sie ja, das waren sie ja!« Er schloß darauf den siebenten Stall auf und schickte seine mächtigsten Geister aus, sie zu suchen. »Bringt sie mir, wie ihr sie findet, tot oder lebendig! ich muß ihrer habhaft werden. Reißt den verfluchten Rosenstrauch mit den Wurzeln heraus, und nehmt alles mit, was euch Befremdliches aufstößt.« Wie der Sturmwind flogen die Geister davon.

 

Die Flüchtlinge ruhten eben im Schatten eines Waldes aus, und stärkten die ermüdeten Glieder durch Speise und Trank. Plötzlich rief das Mädchen: »Alles ist nicht, wie es sein soll; das Knäulchen will mit Gewalt aus meinem Busen. Gewiß verfolgt man uns wieder, und die Gefahr ist nahe, aber der Wald verbirgt uns unsere Feinde noch.« Dann nahm sie das Knäulchen aus dem Busen, drehte es dreimal in der Hand herum und sprach:

 

»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!

Mache mich alsbald zum Lüftchen,

Den Gefährten mein zum Mücklein!«

 

Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen löste sich in Luft auf, der Königssohn aber schwebte darin als Mücklein. Die mächtige Geisterschaar brauste wie ein Sturm über sie hin, und kehrte nach einiger Zeit wieder um, weil sie weder einen Rosenstrauch noch sonst etwas Befremdliches gefunden hatten. Aber kaum waren die Geister vorüber, so verwandelte der Lufthauch sich wieder in das Mädchen, und machte aus der Mücke den Jüngling. »Jetzt müssen wir eilen,« rief das Holdchen, »bevor der Alte selber kommt zu suchen - der wird uns in jeder Verwandlung erkennen.«

 

Sie liefen nun eine gute Strecke vorwärts, bis sie den dunklen Gang erreichten, in welchem sie bei dem hellen Schein des Knäulchens ungehindert emporstiegen. Erschöpft und atemlos kamen sie endlich an den großen Stein. Hier wurde das Knäulchen wiederum dreimal gedreht, wobei die kluge Jungfrau sprach:

 

»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!

Laß den Stein empor sich heben,

Eine Pforte sich bereiten!«

 

Augenblicklich hob sich der Stein weg, und sie waren glücklich wieder auf der Erde. »Gott sei Dank!« rief das Mädchen aus: »wir sind gerettet. Hier hat der alte Bursche keine Macht mehr über uns, und vor seiner List wollen wir uns hüten. Aber jetzt, Freund, müssen wir uns trennen! Du gehst zu deinen Eltern, und ich will die meinigen aufsuchen.« - »Mit nichten,« erwiederte der Königssohn: »ich kann mich nicht mehr von dir trennen, du mußt mit mir kommen und mein Weib werden. Du hast Leidenstage mit mir ertragen, darum ist es billig, daß du nun auch Freudentage mit mir teilst.« Zwar sträubte sich das Mädchen Anfangs, aber endlich ging sie doch mit dem Jüngling.

 

Im Walde trafen sie einen Holzhacker, von dem sie erfuhren, daß im Schlosse, wie im ganzen Lande, große Trauer herrsche über das unbegreifliche Verschwinden des Königssohnes, von dem seit Jahren jede Spur verloren sei. Mit Hilfe des Zauberknäulchens schaffte das Mädchen dem heimkehrenden Sohne seine früheren Kleider wieder, damit er vor seinem Vater erscheinen könne. Sie selbst aber blieb einstweilen in einer Bauernhütte zurück, bis der Königssohn alles mit seinem Vater besprochen hätte.

 

Aber der alte König war noch vor dem Eintreffen seines Sohnes dahin geschieden: der Kummer über den Verlust des einzigen Sohnes hatte sein Ende beschleunigt. Noch auf seinem Totenbette hatte er sein leichtsinniges Versprechen und seinen Betrug bereut, daß er dem alten Burschen ein armes unschuldiges Mädchen überlieferte, wofür Gott ihn durch den Verlust des Sohnes gezüchtigt habe.

 

Der Königssohn beweinte, wie es einem guten Sohne geziemt, den Tod seines Vaters und ließ ihn mit großen Ehren bestatten. Dann trauerte er drei Tage, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen. Am vierten Morgen aber zeigte er sich dem Volke als neuer Herrscher, versammelte seine Räte und teilte ihnen mit, was für wunderbare Dinge er in des alten Burschen Behausung gesehen und ertragen habe, vergaß auch nicht zu erzählen, wie die kluge Jungfrau seine Lebensretterin geworden.

 

Da riefen die Räte wie aus einem Munde: »Sie muß eure Gemahlin und unsere Herrscherin werden!« Als der junge König sich nun aufmachte, um seine Braut einzuholen, erstaunte er sehr, als ihm die Jungfrau in königlicher Pracht entgegenkam. Mit Hilfe des Zauberknäulchens hatte sie sich alles Nötige verschafft, weshalb auch das ganze Land glaubte, daß sie die Tochter eines unermesslich reichen Königs und aus fernen Landen gekommen sei. Darauf wurde die Hochzeit ausgerichtet, welche vier Wochen dauerte, und sie lebten darnach glücklich und zufrieden noch manches liebe Jahr.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DIE AUS DEM EI ENTSPROSSENE KÖNIGSTOCHTER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einmal lebte ein König, dessen Gemahlin keine Kinder hatte, was beide sehr bekümmerte, besonders wenn sie sahen, wie niedriger stehende Menschen in dieser Hinsicht viel reicher waren als sie selber. Trauriger als gewöhnlich war die Königin immer, wenn der König einmal nicht zu Hause war; dann saß sie fast immer im Garten unter einer breiten Linde, senkte den Kopf und hatte die Augen voll Tränen.

 

Da saß sie auch wieder eines Tages, als der König auf einige Wochen verreist war, um die Kriegsmacht zu besichtigen, welche an der Grenze des Reiches stand, einen drohenden feindlichen Einbruch abzuwehren. Der Königin war das Herz so beklommen, als stehe ihr ein unerwartetes Unglück bevor, und ihre Augen füllten sich mit bitteren Tränen. Als sie das Antlitz emporhob, sah sie ein altes Mütterchen, welches auf Krücken einher hinkte, sich an der Quelle bückte, um zu trinken, und nachdem sie ihren Durst gestillt hatte, gerade auf die Linde zu humpelte, wo die Königin weilte.

 

Das Mütterchen neigte ihr Haupt und sagte: »Nehmt es nicht übel, geehrtes hohes Frauchen, daß ich es wage, vor euch zu erscheinen, und fürchtet euch nicht vor mir, denn es wäre leicht möglich, daß ich zur guten Stunde gekommen bin und euch Glück bringe.« Die Königin betrachtete sie zweifelhaft und antwortete: »Du selber scheinst mir an Glück keinen Überfluß zu haben, was kannst du anderen davon gewähren?« Die Alte ließ sich aber nicht irre machen, sondern sagte: »Unter rauher Schale steckt oft glattes Holz und süßer Kern. Zeiget mir eure Hand, damit ich erfahre, wie es mit euch werden wird.« Die Königin streckte ihr die Hand hin, damit die Alte darin lesen könne.

 

Als diese die Linien und Striche eine Weile genau betrachtet hatte, ließ sie sich folgendermaßen vernehmen: »Euer Herz ist jetzt mit zwei Sorgen beladen, einer alten und einer neuen. Die neue Sorge, die euch quält, ist die um euren Gemahl, der jetzt weit von euch ist; - aber glaubet meinem Worte, er ist gesund und munter und wird binnen zwei Wochen zurück kommen und euch frohe Zeitung bringen. Eure alte Sorge aber, welche eurer Hand tiefere Striche eingedrückt hat, rührt daher, daß Gott euch keine Leibesfrucht geschenkt hat!« Die Königin errötete und wollte ihre Hand aus der Hand der Alten losmachen, aber die Alte bat: »Habt noch ein wenig Geduld, so bringen wir alles auf einmal ins Reine.«

Die Königin fragte: »Sage mir, Mütterchen, wer du bist, daß du mir aus der Handfläche meine Herzensgedanken kund tun kannst?«

 

Die Alte erwiederte: »Um meinen Namen ist es hier nicht zu tun, und ebenso wenig darum, welche Kraft mir eures Herzens geheime Wünsche kund macht; ich freue mich nur, daß es mir vergönnt ist, euch auf die rechte Bahn zu bringen, und eures Herzens Kummer zu mindern. Durch Zaubermacht ist euer Leib verschlossen, so daß ihr nicht eher Kinder zur Welt bringen könnt, bis die Bänder des Verschlusses gelöst sind, und die natürliche Beschaffenheit wieder hergestellt ist. Ich kann dies bewirken, jedoch nur dann, wenn ihr alles befolgt, was ich euch sagen werde.« »Alles will ich ja gern tun, und dich auch für deine Mühe königlich belohnen, wenn du deine Versprechungen wahr machst,« sagte die Königin. -

 

Die Alte stand eine Zeitlang in Gedanken und fuhr dann fort: »Heute über's Jahr sollt ihr sehen, daß meine Prophezeiungen eintreffen.« Mit diesen Worten zog sie ein in viele Lappen gewickeltes Bündel aus dem Busen, und als die Lappen abgenommen waren, kam ein kleines Körbchen von Birkenrinde zum Vorschein; sie gab es der Königin und sagte: »In dem Körbchen findet ihr ein Vogelei; dieses brütet drei Monate in eurem Schoße aus, bis ein lebendiges Püppchen herauskommt, das einem menschlichen Kinde gleicht.

 

Das Püppchen legt in einen Wollkorb, und lasset es so lange wachsen, bis es die Größe eines neugeborenen Kindes hat; Speise oder Trank braucht es nicht, das Körbchen aber muß immer an einem warmen Orte stehen. Neun Monate nach der Geburt des Püppchens werdet ihr einen Sohn zur Welt bringen. An demselben Tage hat auch das Püppchen die Größe eines neugeborenen Kindes erreicht, nehmet es dann heraus, leget es neben den neugeborenen Sohn ins Bette und lasset dem Könige melden, daß Gott euch Zwillinge geschenkt habe, einen Sohn und eine Tochter.

 

Den Sohn säuget an eurer Brust, für die Tochter aber müßt ihr eine Amme nehmen. An dem Tage, wo beide Kinder zur Taufe gebracht werden, bittet mich, bei der Tochter Patenstelle zu vertreten. Das macht ihr so: Auf dem Boden des Körbchens findet ihr unter der Wolle einen Flederwisch, den blaset zum Fenster hinaus, dann erhalte ich augenblicklich die Botschaft und komme, bei eurem Töchterchen Gevatter zu stehen. Von dem, was euch jetzt begegnet ist, dürft ihr Niemanden etwas sagen.«

 

Ehe noch die Königin ein Wort erwiedern konnte, eilte die hinkende Alte davon, und nachdem sie zehn Schritte gemacht hatte, war von einer Alten keine Spur mehr, sondern statt derselben schritt ein junges Weib in aufrechter Haltung so rasch dahin, daß sie mehr zu fliegen als zu gehen schien. Die Königin aber konnte sich von ihrer Verwunderung noch nicht erholen, und würde alles für einen Traum gehalten haben, wenn nicht das Körbchen in ihrer Hand bezeugt hätte, daß die Sache wirklich vorgefallen war.

 

Sie fühlte ihr Herz mit einem Male wunderbar erleichtert. Sie trat in ihr Gemach, wickelte das Körbchen, in welchem ein kleines Ei in feiner Wolle lag, in seidene Tücher und steckte es in ihren Busen, wie das Mütterchen vorgeschrieben hatte. Auch alles Übrige gelobte sie sich zu erfüllen und das Geheimnis zu bewahren.

 

Gerade als der letzte Tag der zweiten Woche nach dem Besuche der Alten zu Ende ging, kehrte der König zurück und rief schon von fern der Frau die frohe Nachricht zu: »Mein Heer hat einen vollständigen Sieg davon getragen und den Feind mit blutigen Köpfen heimgeschickt, so daß unsere Untertanen fürs erste Ruhe haben werden.« So war die erste Prophezeiung der Alten vollständig eingetroffen, und dadurch befestigte sich im Herzen der Königin die Hoffnung, daß auch die übrigen Prophezeiungen in Erfüllung gehen würden.

 

Sie hütete das Körbchen mit dem Ei in ihrem Busen wie ein Kleinod, und ließ ein goldenes Kästchen machen, in welches sie das Körbchen legte, damit das Eichen nicht etwa beschädigt würde. Nach drei Monaten schlüpfte aus dem Ei ein lebendiges Püppchen von halber Fingerlänge, welches der Vorschrift gemäß in den Wollkorb gelegt wurde, um zu wachsen. So war auch die zweite Prophezeiung wahr geworden, und die Königin harrte nun mit Spannung der Zeit, wo ihr Herz zum ersten Male Mutterfreuden schmecken sollte.

 

Und in der Tat brachte sie nach Jahresfrist ein Söhnlein zur Welt, wie das alte Mütterchen vorhergesagt hatte. Da nahm sie das Mägdlein aus dem Wollkasten, legte es neben den Sohn in die Wiege, und ließ dem Könige sagen, daß sie Zwillinge geboren habe, einen Sohn und eine Tochter. Die Freude des Königs und seiner Untertanen kannte keine Grenzen. - Alle glaubten fest daran, daß die Königin mit Zwillingen nieder gekommen sei.

 

An dem Tage, wo die Kinder getauft werden sollten, öffnete die Königin ein wenig das Fenster und ließ den Flederwisch fliegen, um die Taufmutter für die Tochter herbeizuschaffen, denn sie war überzeugt, die Gevatterin würde zur rechten Zeit da sein. Als die eingeladenen Taufgäste schon alle beisammen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit sechs dotterfarbigen Rossen vor, und aus der Kutsche stieg eine junge Frau in rosenroten goldgestickten seidenen Gewändern, die einen Glanz verbreiteten, der mit dem Glanze der Sonne wetteiferte; das Antlitz hatte sie mit einem feinen Schleier verhüllt.

 

Als sie eintrat, nahm sie den Schleier ab, und Alle mußten staunend bekennen, daß sie in ihrem Leben noch keine schönere Jungfrau gesehen hätten. Die schöne Jungfrau nahm nun das Töchterchen auf ihre Arme und trug es zur Taufe, in welcher dem Kinde der Name Dotterine beigelegt wurde, was freilich niemanden verständlich war, als der Königin, da ja das Kind wie ein Vogeljunges aus einem Eidotter geboren war.

 

Taufvater des Sohnes war ein vornehmer Herr, und das Knäblein erhielt den Namen Willem. Nach vollzogener Taufe ließ sich die Taufmutter von der Königin das Körbchen mit den Eierschalen geben, legte das Kind in die Wiege und sagte heimlich zur Königin: »So lange die Kleine in der Wiege schläft, muß das Körbchen neben ihr liegen, damit ihr nichts Übles zustoßen kann, denn in dem Körbchen ruht ihr Glück. Darum hütet diesen Schatz wie euren Augapfel, und schärfet auch eurem Töchterchen, wenn es anfängt zu begreifen, ein, daß es dieses unscheinbare Ding sorgfältig in Acht nehmen muß.« Sie sprach dann noch manches mit der Mutter über die Erziehung ihrer Pate, küßte diese drei Mal, nahm Abschied, stieg in die Kutsche und fuhr davon. Niemand wußte, woher sie gekommen war und wohin sie ging; auch die Königin gab auf Befragen keinen weiteren Bescheid als: es ist eine mir bekannte Königstochter aus fernem Lande.

 

Die Kinder gediehen fröhlich, Willem bei der Muttermilch und Dotterine an der Brust der Amme. Diese liebte das Mägdlein so zärtlich, als wäre es ihr leibliches Kind gewesen, und die Königin behielt sie deshalb nach der Entwöhnung als Kinderwärterin. Die kleine Dotterine wurde von Tage zu Tage hübscher, so daß die älteren Leute meinten, sie würde einmal ihrer Taufmutter ähnlich werden. Die Amme hatte zuweilen bemerkt, daß in der Nacht, wenn alles schlief, eine fremde schöne Frau erschien, um den Säugling zu betrachten; als sie dies der Königin entdeckte, schärfte ihr diese ein, gegen niemanden von dem nächtlichen Gaste etwas verlauten zu lassen.

 

Als die Zwillinge zwei Jahr alt waren, wurde die Königin plötzlich schwer krank; zwar wurden Ärzte von nah und fern herbei gerufen, aber sie konnten nicht helfen, denn für den Tod ist kein Kraut gewachsen. Die Königin fühlte selbst, daß sie von Stunde zu Stunde dem Grabe immer näher kam, und ließ deßhalb die Wärterin und vormalige Amme der Dotterine rufen. Ihr, als der treuesten ihrer Dienerinnen, übergab sie das Glückskörbchen mit den Eierschalen und schärfte ihr ein, das verwunderliche Ding sorgfältig in Acht zu nehmen. »Wenn mein Töchterchen,« so sagte die Königin, »zehn Jahr alt ist, dann händige ihr das Kleinod ein, und ermahne sie, es zu hüten, weil es das Glück ihrer Zukunft birgt. Um meinen Sohn sorge ich mich nicht. Ihn, als des Reiches Erben, wird der König unter seine Obhut nehmen.« Die Wärterin mußte ihr dann eidlich versprechen, das Geheimniß vor jedermann zu bewahren. Darauf ließ sie den König an ihr Bett rufen und bat ihn, er möge die gewesene Amme Dotterinen's ihr als Wärterin und Dienerin lassen, so lange als Dotterine es wünschen würde. Der König versprach es; noch den selben Abend gab seine Gemahlin ihren Geist auf.

 

Nach einigen Jahren freite der verwittwete König wieder, und brachte eine junge Frau ins Haus, die sich aus dem gealterten Gemahl nichts machte, sondern ihn nur aus Ehrgeiz genommen hatte. Die Kinder der ersten Frau konnte sie nicht vor Augen sehen, weshalb der König sie an einem abgesonderten Orte aufziehen ließ, wo Dotterinen's frühere Amme mütterlich für sie sorgte. Kamen die Kinder einmal zufällig der Stiefmutter zu Gesicht, so stieß sie die selben wie junge Hunde mit dem Fuße fort, so daß die Kinder sie scheuten wie das Feuer.

 

Als Dotterine das Alter von zehn Jahren erreicht hatte, händigte ihr die Amme das Patengeschenk aus, und ermahnte sie, dasselbe wohl in Acht zu nehmen. Da das Geschenk aber dem Kinde so gar unansehnlich vorkam, so gab es nicht viel darauf, legte es zu den übrigen von der Mutter geerbten Sachen in den Kasten, und dachte nicht weiter daran. Darüber waren wieder ein Paar Jahre hingegangen, als eines Tages, da der König sich entfernt hatte, die Stiefmutter Dotterine im Garten unter einer Linde sitzend fand: wie ein Habicht fuhr sie auf das Kind los, riß es an den Ohren und schlug es, daß Blut aus Mund und Nase floß. Weinend lief das Mädchen in ihr Gemach, und als sie die Amme dort nicht fand, fiel ihr mit einem Male das Patengeschenk ein.

 

Sie nahm es aus dem Kasten und wollte nun zu ihrer Zerstreuung sehen, was denn wohl darin wäre. Aber sie fand im Körbchen keinen größeren Schatz als eine Handvoll feine Schafwolle und ein paar leere Eierschalen. Unter der Wolle auf dem Grunde des Körbchens lag ein Flederwisch. Als nun das Mädchen am geöffneten Fenster die wertlosen Sachen betrachtete, verursachte es einen Luftzug, der den Flederwisch fort blies.

 

Augenblicklich stand eine fremde schöne Frau neben Dotterine, streichelte ihr Kopf und Wangen und sagte freundlich: »Fürchte dich nicht, liebes Kind, ich bin deine Taufmutter, und bin hergekommen, dich zu sehen. Deine vom Weinen angeschwollenen Augen sagen mir, daß du traurig bist. Ich weiß, daß das Leben, welches du unter dem Joche deiner Stiefmutter führst, nicht leicht ist, allein halte aus und bleibe brav in allen Anfechtungen, dann werden einst bessere Tage für dich anbrechen. Wenn du erwachsen bist, hat deine Stiefmutter keine Gewalt mehr über dich, und eben so wenig können andere böse Menschen dir schaden, wenn du dein Körbchen nicht verloren gehen lässest; auch die Eierschalen darfst du nicht abhanden kommen lassen, zu rechter Zeit werden sie sich wieder zu einem Eichen zusammenfügen, und dann wird dein Glück erblühen.

 

Nähe dir ein seidenes Säckchen, stecke das Körbchen hinein und verwahre es Tag und Nacht im Busen, so können dir weder deine Stiefmutter noch andere Menschen etwas Böses anhaben. Sollte dir aber irgend etwas zustoßen, wobei du ohne meinen Rat nicht durchkommen zu können glaubst, so nimm den Flederwisch aus dem Körbchen und blase ihn in's Freie; dann werde ich augenblicklich da sein, dir zu helfen. Komm jetzt in den Garten, da können wir uns unter der Linde weiter unterhalten, ohne daß ein anderer es hört.«

 

Unter der Linde setzten sie sich auf eine Rasenbank und die Taufmutter wußte der Kleinen durch anmutiges Gespräch die Zeit so gut zu verkürzen, daß sie nicht merkte, wie die Sonne schon längst untergegangen war und die Nacht hereinbrach. Da sagte die Taufmutter: »Reiche mir das Körbchen, ich will etwas Abendbrot besorgen, damit du nicht mit leerem Magen schlafen zu gehen brauchst.«

 

Sie sprach dann heimliche Worte über das Körbchen, worauf ein Tisch mit wohlschmeckenden Speisen aus dem Boden stieg. Beide aßen sich satt, dann begleitete die Taufmutter Dotterinen wieder zum Hause des Königs, und lehrte ihr während dieses Ganges die geheimen Worte, welche sie dem Körbchen zuflüstern müsse, wenn sie etwas zu begehren hätte. Seltsam war es, daß von da an die Stiefmutter ihrer Stieftochter kein böses Wort mehr gab, sondern fast immer freundlich gegen sie war.

 

Nach einigen Jahren war Dotterine zur reifen Jungfrau herangewachsen, und ihre Schönheit und Wohlgestalt war so blendend, daß man glaubte, es gebe ihres Gleichen nicht auf der Welt. Da brach ein schwerer Krieg aus, der von Tag zu Tage schlimmer wurde, bis zuletzt der Feind vor die Königsstadt zog und sie mit Heeresmacht einschloß, so daß keine Seele heraus noch herein kommen konnte. Der Hunger begann die Einwohner zu quälen, und auch in des Königs Hause drohte binnen wenigen Tagen der Mundvorrat auszugehen.-

 

Da ließ Dotterine eines Tages ihren Flederwisch fliegen, und siehe da! augenblicklich war die Taufmutter bei ihr. Als die Königstochter ihr die Not und das Elend geklagt hatte, sagte die Taufmutter: »Dich, liebes Kind, kann ich wohl aus dieser Gefahr erretten, für die anderen aber reicht meine Hilfe nicht aus, sie müssen selber sehen, wie sie durch kommen.« Darauf nahm sie Dotterinen bei der Hand und führte sie aus der Stadt mitten durch das Heer der Feinde, deren Augen sie so verblendet hatte, daß Niemand die Flüchtlinge sehen konnte.

 

Am folgenden Tage fiel die Stadt in die Hand der Feinde, und der König mit seinem ganzen Hause wurde gefangen genommen, sein Sohn Willem aber war glücklich entronnen. Die Königin hatte durch einen feindlichen Speer den Tod gefunden. Für Dotterine hatte die Taufmutter Bauernkleider besorgt, und ihr Antlitz so verändert, daß Niemand sie erkennen konnte. »Wenn einst wieder eine bessere Zeit kommt,« sagte die Taufmutter, »und du dich sehnst, in deiner früheren Gestalt vor die Leute zu treten, dann flüstere dem Körbchen die geheimen Worte zu und gebiete ihm, dich in deine eigene Gestalt zurück zu verwandeln; und es wird so geschehen. Jetzt ertrage eine Zeitlang geduldig schwere Tage, bis die Lage sich bessert.«

 

Scheidend ermahnte sie noch das Mädchen, das Körbchen gut in Acht zu nehmen, und entfernte sich dann. Dotterine wanderte mehrere Tage von einem Orte zum andern umher, da aber der Feind die ganze Umgegend verwüstet hatte, so fand sie anfangs weder Obdach noch Dienst. Zwar bot ihr das Körbchen ihre tägliche Nahrung, aber sie wollte doch nicht so auf eigene Hand weiter leben, und nahm deßhalb mit Freuden einen Dienst als Magd in einem Bauerhofe an, wo sie so lange zu bleiben gedachte, bis die Dinge sich wenden würden.

 

Anfangs wurde die ungewohnte grobe Arbeit Dotterinen sehr schwer, weil sie sich eben noch niemals damit abgegeben hatte. Aber war es nun, daß ihre Gliedmaßen sich wirklich so schnell abhärteten, oder daß das Wunderkörbchen ihr heimlich half - nach drei Tagen ging ihr Alles so gut von der Hand, als wäre sie von Kindesbeinen an dabei aufgewachsen. An ihr wurde das alte Wort zu Schanden, welches sagt: »Man kann wohl aus einem Bauern eine Herrschaft, aber aus einer Herrschaft keinen Bauern machen.«

 

Da traf es sich, daß eines Tages eine Edelfrau durch's Dorf fuhr, als Dotterine gerade auf dem Hofe Holzgefäße scheuerte. Des Mädchens flinkes Tun und anmutiges Wesen fesselte die Frau; sie ließ halten, rief das Mädchen heran und fragte: »Hast du nicht Lust bei mir auf dem Gute in Dienst zu treten?« »Gern,« antwortete die Königstochter, »wenn meine jetzige Brotherrschaft mir Erlaubnis gibt.« Die Frau versprach die Sache mit dem Wirte in Ordnung zu bringen, ließ das Mädchen den Sitz hinter der Kutsche einnehmen und fuhr mit ihr auf's Gut.

 

Hier hatte es Dotterine wieder leichter, denn ihre ganze Arbeit bestand darin, die Zimmer aufzuräumen und der Frau und den Fräulein beim Ankleiden behilflich zu sein. Nach einem halben Jahre kam die fröhliche Kunde, daß des alten Königs Sohn, der den Feinden glücklich entkommen war, in der Fremde ein Heer gesammelt, mit welchem er sein Königreich dem Feinde wieder abgenommen habe, und daß er nun selber zum Könige erhoben worden sei. Die Freudenbotschaft war aber zugleich von einer Todesbotschaft begleitet: der alte König war im Gefängniß gestorben. Da nun Dotterine anderen ihren Kummer nicht zeigen durfte, so weinte sie heimlich bittere Tränen über ihres Vaters Tod, denn ein anderer als ihr Vater konnte ja doch der verstorbene König nicht sein.

 

Nach Ablauf des Trauerjahres ließ der junge König verkünden, daß er entschlossen sei, sich zu vermählen. Es wurden deßwegen von nah und fern alle Jungfrauen vornehmer Herkunft zu einem Feste in das Haus des Königs geladen, damit der selbe sich aus ihrer Mitte eine junge Frau wählen könne, wie Auge und Herz sie begehrten. Auch die Töchter der Dame, bei welcher Dotterine diente, und die alle drei jung und blühend waren, rüsteten sich zum Feste. Dotterine hatte jetzt einige Wochen vom Morgen bis zum Abend vollauf mit dem Putze der Fräulein zu tun. In dieser Zeit träumte ihr jede Nacht, ihre Taufmutter käme an ihr Bett und sagte: »Schmücke erst deine Fräulein zum Feste, und dann folge selber nach. Keine kann dort so schmuck und so schön sein wie du!«

 

Je näher der Tag des Festes heranrückte, desto unruhiger wurde Dotterinen zu Mute, und als die Frau mit ihren Töchtern davon gefahren war, warf sie sich mit dem Gesicht auf's Bett und vergoß bittere Tränen. Da war's, als ob ihr eine Stimme zurief: »Nimm dein Körbchen zur Hand, dann wirst du alles finden, was du brauchst.« Dotterine sprang auf, nahm das Körbchen aus dem Busen, sprach darüber die geheimen Worte, welche sie gelernt hatte, und siehe das Wunder! augenblicklich lagen prachtvolle goldgewirkte Gewänder auf dem Bette. Als sie sich dann das Gesicht wusch, erhielt sie ihr früheres Ansehen wieder, und als sie die prächtigen Kleider angelegt hatte, und dann vor den Spiegel trat, erschrak sie selber über ihre Schönheit.

 

Als sie die Treppe hinunter kam, fand sie vor der Tür eine stattliche Kutsche mit vier dotterfarbigen Pferden bespannt. Sie setzte sich ein und fuhr mit Windesschnelle fort, so daß sie in weniger als einer Stunde vor der Pforte des Königshauses angelangt war. Als sie eben aussteigen wollte, fand sie zu ihrem Schrecken, daß sie beim raschen Ankleiden das Glückskörbchen zu Hause vergessen hatte. Was jetzt beginnen? Schon entschloß sie sich zurückzufahren, als eine kleine Schwalbe mit dem Körbchen im Schnabel ans Kutschfenster geflogen kam. Erfreut nahm ihr Dotterine das Körbchen aus dem Schnabel, steckte es in den Busen und hüpfte leicht wie ein Eichhörnchen die Treppe hinauf.

 

Im Festgemach funkelte alles von Pracht und Schönheit, die vornehmen Fräulein hatten ihren kostbarsten Schmuck angelegt, jede in der Hoffnung, daß des jungen Königs Auge auf sie fallen würde. Als aber plötzlich die Tür sich öffnete und Dotterine eintrat, da erbleichte der anderen Glanz wie der der Sterne beim Aufgang der Sonne, so daß der Königssohn nur noch diese Jungfrau sah. Einige ältere Personen, die sich noch dessen erinnerten, was vorgefallen war, als der König mit seiner später verschwundenen Schwester die Taufe erhielt, sprachen zu einander: »Diese Jungfrau kann gar wohl die Tochter jener unbekannten Dame sein, welche bei unseres alten Königs Tochter Gevatter stand.« Der König kam Dotterinen nicht mehr von der Seite, und kümmerte sich nicht um die übrigen Gäste. Um Mitternacht geschah etwas Wunderbares: das Gemach war plötzlich wie in Wolken gehüllt, so daß man weder den Glanz der Lichter noch die Menschen sah.

 

Nach einer kleinen Weile entwickelte sich aus dem Nebel wieder Helligkeit und es erschien eine Frau, die keine andere war, als Dotterinens Taufmutter. Sie sprach zum jungen Könige: »Das Mädchen, welches neben dir steht, ist deine vermeintliche Schwester, welche mit dir zusammen getauft wurde, und an dem Tage verschwand, wo die Stadt in die Hände der Feinde fiel. Die Jungfrau ist aber nicht deine Schwester, sondern eines weit entfernten Königs Tochter, welche ich aus der Verzauberung erlöste, und deiner verstorbenen Mutter zur Pflege übergab.« Dann krachte es, daß die Wände zitterten, und in demselben Augenblick war die Taufmutter verschwunden, ohne daß jemand sah, wo sie hingekommen war.

 

Der junge König ließ sich am folgenden Tage mit Dotterinen trauen, worauf eine prächtige Hochzeitsfeier folgte. Der König lebte mit seiner Gemahlin sehr glücklich bis an sein Ende, aber niemand hat je gehört, wohin das Glückskörbchen gekommen ist. Man meint, die Taufmutter habe es heimlich mit genommen, als sie ihre Pate das letzte Mal gesehen.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER WAISE HANDMÜHLE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein armes elternloses Mädchen war allein zurück geblieben wie ein Lamm, und dann als Pflegekind in eine böse Wirtschaft gekommen, wo es keinen anderen Freund hatte als den Hofhund, dem es zuweilen eine Brotrinde gab. Das Mädchen mußte vom Morgen bis zum Abend für die Wirtin auf der Handmühle mahlen, und stand einmal die Mühle stille, weil die müde Hand ausruhen wollte, so war gleich der Stock da, um das arme Kind anzutreiben. Des Abends waren die Hände der Waise so starr wie die Klötze. Das Gnadenbrot, welches die Waisen essen, muß fast immer mit Schweiß und Blut bezahlt werden. Gott im Himmel allein hört die Seufzer der Waisen und zählt die Tränen, die von ihren Wangen rollen! -

 

Eines Tages, als das schwache Mädchen wieder die schwere Mühle drehte und voller Unmut war, weil die Wirtin sie den Morgen nüchtern gelassen hatte, kam ein hinkender einäugiger Bettler in zerlumpten Kleidern heran. Es war aber kein wirklicher Bettler, sondern ein berühmter Zauberer aus Finnland, der sich, um nicht erkannt zu werden, in einen Bettler verwandelt hatte.

 

Der Bettler setzte sich auf die Schwelle, sah sich die schwere Arbeit des Kindes an, nahm ein Stück Brot aus seinem Schultersack, steckte es dem Kinde in den Mund und sagte: »Mittag ist noch weit, iß etwas Brot zur Stärkung.« Die Waise nahm den trockenen Bissen und er schmeckte ihr besser als Weißbrot, auch fühlte sie gleich ihre Kräfte wieder zunehmen. Der Bettler sagte dann: »Dir Armen müssen wohl von dem ewigen Umdrehen der schweren Mühle die Hände recht müde sein?« Das Mädchen sah den Alten ungewiß an, wie um zu forschen, ob seine Frage ernsthaft oder spöttisch gemeint sei. Da sie aber fand, daß sein Antlitz einen liebreichen und ernsthaften Ausdruck hatte, so erwiederte sie: »Wer kümmert sich um die Hände einer Waise? Das Blut dringt mir immer unter die Nägel, und der Stock fährt mir über den Rücken, wenn ich nicht so viel arbeiten kann, als die Wirtin verlangt.«

 

Der Bettler ließ sich nun ausführlich erzählen, was für ein Leben das Kind führe. Als die Waise geendigt hatte, nahm der Alte aus seinem Sacke ein altes Tuch, gab es ihr und sagte: »Wenn du dich heut Abend schlafen legst, so binde dies Tuch um deinen Kopf und seufze aus der Tiefe des Herzens: »Süßer Traum, trage mich dahin, wo ich eine Handmühle finde, welche von selbst mahlt, so daß ich mich nicht mehr abmühen darf!« Die Waise steckte das Tuch in ihren Busen und dankte dem Alten, der sich sogleich entfernte.

 

Als sich das Waisenkind Abends schlafen legte, tat es nach Vorschrift des Bettlers, band das Tuch um den Kopf und stieß unter Seufzern und Tränen seinen Wunsch aus, obgleich es selber nicht viel Hoffnung darauf setzte. Dennoch schlief es leichteren Herzens ein, als sonst. Ein wunderbarer Traum führte das Mädchen in weite Fernen und ließ es auf seiner Wanderung viel seltsame Dinge erleben.

 

Zuletzt kam es tief unter die Erde, und da mochte wohl die Hölle sein, denn alles sah schauerlich und fremd aus. Die Hoftore standen weit offen und kein lebendes Wesen rührte sich. Als das Mädchen weiter ging, ließ sich ein Geräusch vernehmen, wie wenn eine Handmühle gemahlen würde. Dem Geräusch folgend ging das Waisenkind schüchternen Schrittes vorwärts, bis es unter dem Abschauer einen großen Kasten fand, aus welchem das Geräusch einer Mühle an sein Ohr drang. Das Kind war nicht stark genug den Kasten zu rühren, geschweige denn von der Stelle zu bringen.

 

Da sah es im Stalle ein weißes Pferd an der Krippe und kam auf den guten Einfall, das Pferd aus dem Stalle zu ziehen, es mit Stricken vor den Kasten zu spannen, und ihn so fortzuführen. Gedacht, getan: die Waise schirrte das Pferd an, setzte sich auf den Deckel des Kastens, ergriff eine lange Rute und jagte in vollem Galopp nach Hause.

 

Als sie am andern Morgen erwachte, fiel ihr der bedeutsame Traum wieder ein, und zwar stand er so lebendig vor ihr, als wäre sie wirklich eine Strecke weit auf dem Deckel gefahren. Als sie die Augen aufriß, erblickte sie den Kasten an ihrem Lager. Sie sprang auf, nahm ein halbes Loof (Scheffel) Gerste, das vom Abend zurück geblieben war, schüttete es in die Öffnung, die sie im Deckel des Kastens fand und siehe das freudige Wunder: die Steine fingen augenblicklich an zu lärmen!

 

Es dauerte nicht lange, so war das fertige Mehl im Sacke. Jetzt hatte die Waise einen leichten Stand; die Mühle im Kasten mahlte alles, was man ihr bot, und das Mädchen hatte weiter keine Mühe, als das Getreide oben hineinzuschütten und das Mehl unten herauszunehmen. Den Deckel des Kastens durfte sie aber nicht öffnen, der Bettler hatte es ihr streng verboten, in dem er hinzufügte: das würde dein Tod sein!

 

Die Wirtin kam bald dahinter, daß der Kasten dem Waisenkinde beim Mahlen half, sie beschloß daher das Mädchen aus dem Hause zu jagen und dafür den Mahlkasten zu behalten, der kein Futter verlangen würde. Zuerst wollte sie sich aber mit dem Dinge näher bekannt machen, um zu sehen, wo denn der Wundermüller eigentlich stecke. Die Begierde, das Geheimnis herauszubringen, stachelte das Weib Tag und Nacht.

 

An einem Sonntag Morgen schickte sie das Waisenkind zur Kirche, und sagte, sie selbst wolle da bleiben, um das Haus zu hüten. Ein so freundliches Anerbieten hatte die Waise noch niemals vernommen; vergnügt zog sie ein reines Hemd und etwas bessere Kleider an, und machte sich eilig auf den Weg. Die Wirtin lauerte so lange hinter der Tür, bis ihr das Mädchen aus dem Gesichte war, dann nahm sie aus der Klete ein halb Loof Getreide und schüttete es auf den Deckel, damit der Kasten es mahle, aber der Kasten tat es nicht. Erst als eine Hand voll in das Loch des Deckels kam, machten sich die Steine an's Werk; aber nun kostete es dem Weibe noch viel Mühe und Arbeit, den schweren Kastendeckel los zu machen. Endlich ging er so weit auf, daß die Alte den Kopf hineinzustecken wagte, - aber o weh! eine lichte Lohe schlug aus dem Kasten heraus und verbrannte die Wirtin, als wär's eine Hedekunkel; es blieb nichts weiter von ihr übrig als eine Handvoll Asche.

 

Als der Wittwer späterhin eine andere Frau nehmen wollte, fiel ihm ein, daß sein Pflegekind, die Waise, vollständig erwachsen war, so daß er nicht erst anderswo auf die Freite zu gehen brauche. Die Hochzeit wurde still gefeiert, und als sich die Nachbaren am Abend entfernt hatten, ging der Mann mit seiner jungen Frau zu Bette. Als diese den anderen Morgen in die Klete ging, war der Kasten mit der Handmühle verschwunden, ohne daß man die Spuren eines Diebes fand.

 

Obgleich nun überall gesucht und nah und fern angefragt wurde, ob der vermißte Gegenstand irgend Jemanden zu Gesicht gekommen sei, so hat man doch bis auf den heutigen Tag nichts entdeckt. Der wunderbare Handmühlen-Kasten, den einst ein Traum aus der Tiefe der Erde heraufgeholt hatte, mußte wohl in eben so wunderbarer Weise dahin zurückgekehrt sein.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DIE ZAUBERSCHUHE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Schuhmacher, der war ein Künstler in seinem Fache. Er war weit in der Welt herum gewesen, hatte bei den größten Meistern aller Länder gearbeitet und ihnen die besten Handgriffe und Künste abgelauscht. So kam es, daß er weit und breit berühmt war, und daß die größten Monarchen der Welt sich von ihm ihre Fußbekleidung machen ließen.

 

Der Schuhmacher war aber sehr ehrgeizig. Er war nicht zufrieden mit dem großen Reichtum, welchen ihm seine Kunst eingetragen hatte. Er wollte sich auch einen berühmten Namen machen, und alle Welt sollte noch lange nach seinem Tode von ihm sprechen. So grübelte er unablässig darüber nach, wie er ein paar Schuhe herstellen könne, wie sie die Welt noch nie gesehen habe. Es sollte ein Meisterstück werden, über welches alle Völker der Erde sprechen würden. Soviel er aber auch nachsann, es wollte ihm nichts Gescheites einfallen. Eines Tages saß er wiederum auf dem Dreibein und sann über seine Aufgabe nach. „Wenn ich zum Beispiel ein paar Schuhe herstellen könnte, die von selbst liefen“, meinte er für sich, „dann wäre ich in kürzester Frist ein berühmter Mann. Allein, wie soll ich’s anfangen?“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Tür aufging und ein kleines, dürres Männlein eintrat.

 

Das Männlein schien bereits ein Jahrhundert alt zu sein, so gebeugt und verwittert sah es aus. Ein langer, schlohweißer Bart hing ihm bis auf die Brust herab und sein Gang war müde und schwankend. „Ich habe gehört, was Du Dir gewünscht hast“, sagte der Ankömmling, „und bin gekommen, Dir zu helfen.“ Der Schuster horchte auf. „Sprecht Ihr die Wahrheit, oder wollt Ihr mich nur zum besten haben?“ fragte er. „Ich spreche die Wahrheit“, sagte das Männlein und zog unter seinem Mantel einen Sack hervor, aus welchem er allerlei Material hervor zog, wie es die Schuhmacher brauchen.

 

„Hier ist Leder aus sieben Mal übereinander gelegten Hasenfellen, gegerbt mit Schirlingstannensaft“, sagte es leise. „Pechdraht aus Goldfäden, mit Paradiesbienenwachs gewichst, Nägel aus siebenfach im Feuer gehärtetem Stahl mit Diamantköpfen und Stifte aus Ebenholz. Und hier sind sorgfältig gearbeitete Werkzeuge, der schärfste, schneidigste Stahl, die spitzeste Ahle, eine Lampe von gediegenem Silber, mit Quappenlebertran genährt und eine Kugel aus Aetherkristall, mit dem Wasser von tausend Diamanten gefüllt. Wenn Du mit diesem Material und diesen Werkzeugen arbeitest, so wirst Du ein Paar Schuhe herstellen, die den jenigen, der sie trägt, zum schnellsten Läufer der Erde machen.“

 

Der Schuster traute kaum seinen Augen. Er musterte die Schätze, welche vor ihm lagen, mit einem prüfenden Blick und mußte sich gestehen, daß er so ausgezeichnetes Material in seinem Leben nicht beisammen gesehen habe. „Und was wollt Ihr für alles dies haben?“ fragte er hocherfreut. „Nichts“, antwortete das Männlein, „Du sollst Dich nur verpflichten, die Schuhe so schön als möglich anzufertigen, kein anderes Material hinzu zu tun, als das, welches ich Dir gegeben habe. Wenn Du sie fertig hast, so bringst du sie dem Kaiser von Marokko, der wird Dir einen hohen Preis dafür zahlen, den Du zu Deinem Nutzen verwenden kannst.“

 

Der Schuster bedankte sich vielmals für die wertvollen Geschenke, und das Männlein verabschiedete sich und ward nicht mehr gesehen. Meister Flick aber ging sofort an die Arbeit, und es war schier zum Erstaunen, wie rasch die selbe ihm von der Hand ging. Ehe 24 Stunden vergingen, waren die kostbaren Schuhe vollendet, und der Meister mußte sich gestehen, daß er ein Werk geschaffen habe, wie es kein zweites in der Welt gab. Die Schuhe fühlten sich so weich an wie der feinste Samt, die Diamanten darauf blitzten, wie Sterne am dunklen Nachthimmel.

 

Meister Flick warf sich in seine Sonntagskleider, packte sein Werk sorgfältig ein und machte sich auf den Weg nach dem Hof des Kaisers von Marokko. Er hätte die prächtigen Schuhe zu seinem schnelleren Fortkommen benutzen können, allein er wollte sie dem Kaiser ohne jeden Fleck funkel nagel neu überliefern. Nach dreitägiger Reise traf Meister Flick am kaiserlichen Hofe ein, wo sein Werk das größte Aufsehen erregte.

 

Der Kaiser zeigte sich sehr erfreut, lobte den Schuster über die Maßen und befahl seinem Schatzmeister, dem Künstler eine Tonne Gold zu verehren. Als der Kaiser die Schuhe anprobierte, saßen sie wie angegossen, und sie rannten mit ihm zur Tür hinaus in den Schlosshof und von da in den Park, und das geschah so schnell, wie man eine Hand herumdreht. Als der Herrscher, wieder zu Atem gekommen war, sagte er: „Ich bin alt und werde keine weite Reise mehr machen, deshalb sollen die Schuhe in die kaiserliche Schatzkammer kommen. Vorher aber will ich sie noch benutzen, um den Krieg mit meinem bösen Nachbar, dem Sultan von Fey auszufechten. Unser Herold Timurlan soll die Schuhe anlegen und damit zu allen Völkern Afrikas reisen und sie in meinem Namen bitten, uns beizustehen – im Kampfe gegen den Sultan.“

 

Timurlan wurde gerufen und hatte kaum die Schuhe angelegt, als er auch schon zum Fenster hinaus schoß und wie der Blitz durch die Luft sauste. Zu seinem Schrecken wurde er dennoch inne, daß er nicht die geringste Macht über die Zauberschuhe besaß, und daß sie eine ganz andere Richtung einschlugen, als die jenige, in welcher die afrikanischen Länder lagen. Noch größer war seine Bestürzung, als er an das Meer gelangte und die entsetzlichen Schuhe geradewegs in die schäumende Flut hinein rannten. Weiter und weiter ging es.

 

Er sah nichts mehr als Himmel und Wasser, und von Angst und Grauen erfüllt, verwünschte er sein entsetzliches Schicksal. Aber, wenn auch die haushohen Wogen ihn mit unzähligen Wassergüssen überschütteten, so hielten ihn doch die Schuhe oben und ließen ihn nicht in der gährender Flut versinken. Endlich sah er wieder Land vor sich liegen. Es war eine Kette von Bergen, deren Spitzen bis in die Wolken reichten, zuweilen so steil, daß es unmöglich schien, über sie hinwegzukommen. Allein die Zauberschuhe kannten kein Hindernis. Sie stürmten in rasender Eile den nächsten Berg hinauf und jenseits wieder hinab.

 

Der unglückliche Läufer befand sich in einem Talkessel, und in geringster Entfernung vor ihm stieg eine himmelhohe Felsenwand senkrecht in die Höhe. Jetzt war es dem armen Schnellläufer, als wenn der Sternengalopp der Schuhe sich verminderte. Er atmete auf. Weiter als bis zur steilen Felsenwand konnten sie doch unmöglich laufen. Dann mußten sie Halt machen, und wenn er nur eine Sekunde gewann, dann wollte er die entsetzliche Fußbekleidung von sich werfen und die Teufelsschuhe laufen lassen, wohin sie wollten.

 

Es kam aber anders, als er’s gedacht hatte. Die Schuhe rannten auf die Felswand zu und diese klaffte plötzlich auseinander. Ein mächtiges Tor zeigte sich. Der Läufer schoß hindurch und sah sich am Fuße eines zweiten steilen Berges, auf dessen breitem Gipfel unzählige Arbeiter beschäftigt waren, ein prachtvolles Luftschloß aus lauter Edelsteinen und Diamanten herzustellen. In großen Haufen war das hohe Baumaterial aufgetürmt. Riesige Smaragde, Rubine, Türkise und Saphire, gleichmäßig zugeschnitten und geschliffen, lagen übereinander geschichtet und warfen grüne und blaue Lichter über den Platz. Weit umher schimmerte die Gegend im feenhaften Glanze. Jetzt machten auch die rätselhaften Schuhe Halt.

 

Von der Höhe des Berges herab schritt ein kleines, dürres Männlein mit kahlem Haupte und weißem Barte dem Ankömmling entgegen. „Willkommen im Reiche der Edelsteine, Timurlan“, nickte es mit widerwärtigem Grinsen, „wie geht’s Deinem Kaiser, dem alten Marokkaner? Ist er noch wohlauf? du kommst zur rechten Zeit. Es gibt Arbeit in Fülle hier, in meinen großartigen Bergwerken. Schau, dort fahren die Knappen gerade hinunter in den Schacht. Spute Dich, sonst kommst Du zu spät zur Niederfahrt und mußt drei Tage lang zur Strafe Diamanten schleifen, was eine noch mühseligere Arbeit ist. Die Schuhe aber kannst Du nun ablegen. Du wirst sie in dieser Welt nicht brauchen.“

 

„Da bin ich ja schön in die Patsche hineingeraten“, dachte Timurlan. „Arbeiten konnte ich zu Hause auch, wenn ich es gewollt hätte.“ Indessen war er froh, daß seine Füße von den Folterschuhen befreit waren, und gute Miene zum bösen Spiel machend, begab er sich in den Schacht, in welchem die Bergleute sich eben zur Niederfahrt anschickten. Ein babylonisches Sprachgewirr empfing ihn, denn es waren Menschen aus allen Zonen und Ländern, die sich hier versammelt hatten. Schwarze, rote, braune, gelbe und weiße Gesichter schauten ihn teils mit stumpfem, teils mit neugierigem Ausdruck an.

 

Eine mächtig, lange, glatt geschliffene Bahn aus Granit führte tief in den Schacht hinunter. Auf dieser Bahn mußten die Knappen hinabrutschen, meilentief hinunter in die kalten, finsteren Schlünde des Erdbauches, und die Edelsteine und Diamanten heraufholen, welche dort unten im Wasser lagerten, oder im felsigen Gestein eingeklammert waren. Von der Höhe des Berges, wo die anderen Arbeiter beschäftigt waren, gab jetzt das Männlein ein Zeichen mit der Glocke, worauf die Niederfahrt begann.

 

Timurlan erhielt ein Schurzfell und einen Spitzhammer und mußte sich dann auf die Granitbahn setzen. Pfeilgeschwind ging es nun in den düsteren Erdschacht hinab. Immer finsterer wurde es um ihn her. Bald fiel das Licht von oben nur noch wie ein kleiner, matter Stern in die Kluft, aber um so heller glitzerte es von unten herauf aus den verschiedensten Gesteinsschichten, welche die funkelnde Diamantenlager bargen.

 

Ein kleiner, buckliger Zwerg mit grünen Augen und schwarzem Haar, das in langen Zöpfen über Nacken und Schultern fiel, beaufsichtigte die Arbeitenden. Er wies Timurlan an, wie er aus dem eiskalten Grundwasser die Diamanten heraufholen und Smaragde aus den Glimmer und Schieferstein lösen sollte. Dem Läufer kam die Arbeit sehr sauer an, und unaufhörlich beschäftigte er sich mit Plänen zur Flucht. Er gewann jedoch bald die Überzeugung, daß an Entrinnen nicht zu denken sei. Denn rings um das Bergwerk zog sich eine unübersteigliche Felswand, welche sich nur auf einen Zauberspruch öffnete, den einzig und allein der Besitzer des Diamantengebirges kannte.

 

Dieser war, wie Timurlan bald erfuhr, ein böser Zauberer, welcher durch allerlei Hexenkünste die Leute in sein Bergwerk lockte und sie hier Mühseligkeiten und Leiden aller Art ausstehen ließ. Ihre Nahrungsmittel bestanden in Erdäpfeln und trockenem, harten Haferbrote, und als Getränk hatten sie nichts weiter als Wasser tief unten in den Bergschächten. Schlafen mußten sie unter freiem Himmel, gleich viel ob es regnete oder schneite, und wer an ein weiches Lager gewöhnt war, mußte sich Moos und Gras sammeln. An eine Decke, oder wohl gar ein Federbett war nicht zu denken. Timurlan bemühte sich vergeblich wieder in der Besitz der Schuhe zu gelangen, um mit ihrer Hilfe einen Fluchtversuch zu machen.

 

Soviel er auch danach suchte, sie waren und blieben verschwunden. Und das hatte seinen Grund, kaum war der Läufer in die unterirdische Werkstatt eingeführt worden, als der Zauberer die Schuhe ergriff und sie mit einem gewaltigen Wurfe weit weg über die Felsenmauer schleuderte. Sie fielen mitten auf die Landstraße nieder und zogen sofort die Blicke eines des Weges daher kommenden Schneidergesellen auf sich, dessen Schuhwerk sich gerade in einem äußerst misslichen Zustande befand und der die herrliche Fußbekleidung daher mit einem donnernden Jubelruf begrüßte: „Ei der Tausend, da habe ich ja einen Fund gemacht, der mir für alle Zeiten zum Glück gereichen wird!“ rief er, indem er sich auf einen Stein setzte und sich seiner sohlenlosen Stiefel entledigte, die er sofort in den Chausseegraben warf. „Sapperment, sind das ein Paar Trittlinge. Kein Kaiser kann sie schöner haben. Brillanten und Gold überall. Wenn ich alle Jahre einen Edelstein herauslöse und ihn verkaufe, kann ich ein Leben führen wie ein Fürst.“

 

Er hatte während dieser Worte die Schuhe angelegt und wollte eben seiner Freude über den herrlichen Sitz derselben Ausdruck geben, als dem armen Burschen etwas Entsetzliches passierte. Seine Beine fingen an in eine fürchterlich rasche Bewegung zu geraten. Wie von unsichtbarer Gewalt fort getrieben, schossen sie vorwärts quer über das Stoppelfeld, über Erdhügel und Moraste, über Gräben und fußhohe Hecken, bis er zu seinem Entsetzen die hohen Berge vor sich liegen sah, in welchen, wie er als Kind von seiner Amme vernommen, der böse Zauber Murzuphlos hausen sollte.

 

Vergeblich waren seine Bemühungen, in seinem pfeilschnellen Laufe einen Pfahl oder den Zweig eines Baumes zu erhaschen und sich daran festzuklammern. Ehe er sich’s versah, stand er vor der Riesenmauer. Diese spaltete sich. Er mußte ohne Gnade hinein in das Zaubergebiet. Die Teufelsschuhe trugen ihn bis an den Schacht. Der Schneider schoß hinunter, als wäre er von einer Kanone abgeschossen, und unten drückte der häßliche Zwerg ihm sofort die Hacke in die Hand und befahl ihm unter wieherndem Gelächter an die Arbeit zu gehen. Die Schuhe befanden sich gleich darauf wieder in Murzphlos Händen, der sie von neuem mit einem gewaltigen Wurf in die Welt sandte.

 

Diesmal nahmen sie ihren Flug nach dem öffentlichen Platz einer großen Stadt, auf welchem gerade Jahrmarkt abgehalten wurde. Sie fielen in die Bude eines jüdischen Handelsmannes nieder, der die putzsüchtigen Großstädter mit dünn vergoldeten Messingringen und bleiernen Armbändern betrog, bei dem Anblick des kostbaren Schatzes jedoch vor Entzücken außer sich geriet.

 

„Gott, der Gerechte, was ein Wunder!“ schrie er, „ein paar Schuhe, die Millionen wert sind. Werde sie verkaufen an den Schah von Persien. Wird er mir geben tausend mal tausend Millionen! Werde ich sein der reichste Mann auf Gottes Erdboden!“ Mit freudestrahlenden Blicken betrachtete er die herrlichen Schuhe. Zuletzt plagte ihn die Neugier, ob sie sich seinen unförmlichen Füßen wohl anbequemen würden.

 

Kaum aber stak mit dem letzten Ruck drinnen, als er sich auch schon auf der Reise nach dem Diamantengebirge befand. Kaum eine Stunde später stand er bereits bis über die Knie in dem eiskalten Quellwasser des Diamantenschachtes und arbeitete, daß ihm der Schweiß den Rücken hinab lief. Die Zauberschuhe fuhren fort, ihren entsetzlichen Zauber auszuüben. Sie führten aus aller Herren Länder Leute herbei, und die Schätze, welche der unersättliche Murzuphlos aus den Diamantenlagern herauf schaffen ließ, wehrten sich von Tag zu Tag. Die Sache sprach sich übrigens herum. Bald hier, bald dort hörte er man, daß ein paar kostbare Schuhe aus der Luft nieder gefallen wären, die dem ehrlichen Finder jedoch nichts weniger als Glück gebracht hätten, da derselbe gleich darauf mit samt seinen Schuhen spurlos verschwunden sei.

 

Der Kaiser von Marokko ließ sofort den Meister Flick kommen, erzählte ihm das Vernommene und fragte ihn, was er dazu meine. „Herr“, erwiderte der Schuster, „ich hege keinen Zweifel, daß das kleine, dürre Männlein, welches die Schuhe bei mir bestellt hat, und der gefährliche Zauberer Murzphlos im Diamantengebirge eine und dieselbe Person ist.“ „Daran zweifle ich auch nicht“, sagte der Kaiser. „Habe gar viel von dem Unhold gehört.

 

Sollte es kein Mittel geben, ihn zu fassen?“ „Ich möchte es wohl wagen“, versetzte der Schuster. „Ich habe noch so viel Material übrig behalten, um ein zweites Paar solcher Hexenschuhe anfertigen zu können, und wenn mir das gelingt, so wär’s leicht möglich, daß wir den Murzuphlos für immer das Handwerk legen.“ „Gut“, nickte der Kaiser, „ versuche es, und wenn Dein Unternehmen glückt, so lasse ich Dir noch eine Tonne Goldes auszahlen.“

 

Meister Flick ging heim und machte sich sogleich an die Arbeit. Das verzauberte Material erwies sich vollkommen für ein zweites Paar Schuhe ausreichend. Es gelang ihm sogar, dieses zweite paar noch größer als das erste herzustellen. Nur die Besetzung der Diamanten mußte unterbleiben, da der Vorrat von edlen Steinen vollständig dem ersten Paar zu Gute gekommen war. Als die Schuhe vollendet waren, verschloß Meister Flick sie sorgfältig in ein Kästchen, steckte dieses in eine Reisetasche und machte sich auf den Weg zu dem Diamantengebirge. Ein segeltüchtiges Schiff brachte ihn über das Meer.

 

Danach mußte er noch eine Strecke zu Pferde durch den dicken Wüstensand traben. Endlich aber stand er vor der kolossalen Felsmauer, welche das Gebiet des bösen Murzuphlos umschloß. Nun zog er die funkelnagelneuen Schuhe hervor und stieß mit den Spitzen der selben gegen die Felswand. Diese öffnete sich sofort. Meister Flick trat ein und hinter ihm fügte sich das Riesentor wieder zusammen. Einen Augenblick blieb er stehen, um das herrliche Diamantenschloß zu betrachten, das einen Glanz wie das helle Sonnenlicht ausstrahlte.

 

Als er aber den bösen Zauberer den Berg herunter kommen sah, schlüpfte er rasch in eine Felsspalte und hielt sich hier bis zum Abend verborgen. Der Himmel war bereits mit Sternen übersät, als er wieder heraus trat und den Weg nach den Berggipfeln einschlug. Er konnte nicht fehlen, da das Prachtschloß weithin durch die Nacht leuchtete. Bald stand er in dem von Rubinensäulen getragenen Vorbau. Hier zeigte sich eine Tür, welche in den bis jetzt vollendeten Teil des Schlosses führte, in welchem Murzuphlos seine Wohnung genommen hatte.

 

Er stand bereits vor dieser Tür, als ein häßlicher Zwerg mit grünen Augen ihm in den Weg sprang. Der Kleine hatte eine Lanze in der Hand die dreimal so lang war, wie er selbst. Flick versetzte ihm dennoch einen Fußtritt, daß er sich dreimal überschlug und den Berg hinabkullerte. Dann stieß der Schuster wiederum mit den Spitzen seiner Schuhe gegen die verschlossene Tür, worauf dieselbe mit einem dumpfen Ächzen aufsprang. Meister Flick stand in einem geräumigen, von Smaragdwänden gebildeten Zimmer, dessen glänzende Einrichtung jeder Beschreibung spottete. Er war durch einen von Diamanten zusammen gesetzten Kandelaber erleuchtet, und die zahlreichen Kerzen darauf wurden von dem funkelnden Gestein tausendmal zurückgeworfen.

 

Tische, Stühle und Etageren waren aus Smaragden gefertigt, und dicke Teppiche und Polster aus grüner Seide, mit Gold- und Silberblumen durchwirkt, luden zur süßen Ruhe ein. Er kam aus diesem in ein zweites Zimmer, dessen Wände und Möbel aus Rubinen zusammen gesetzt waren, von da in ein drittes, welches aus Saphiren bestand. Ganze Reihen von Prachtgemächern folgten, und jedes vertrat eine besondere Edelsteinart. Zuletzt gelangte er in das Schlafzimmer des Zauberers. Brillanten auf Brillanten funkelten an den Wänden, und in einem Himmelbett aus Eiderdaunen lag Murzphlos, und seine regelmäßigen und tiefen Atemzüge verrieten, daß sein Schlaf ein fester und traumloser war.

 

Vor dem Bett standen die Zauberschuhe mit welchen der Zauberer die Arbeiter von nah und fern in sein Bergwerk gelockt hatte. Flick nahm sie rasch zur Hand, setzte das mitgebrachte zweite Paar einstweilen auf den Tisch und hatte im Umsehen die Füße des Schläfers bekleidet. Ebenso rasch hatte er das zweite Paar über die ersten gezogen. Kaum war er jedoch mit dieser Arbeit zu stande gekommen, als Murzuphlos erwachte und mit einem gotteslästerlichen Fluche aus dem Bette sprang. Es war zu spät. Er befand sich bereits in der Gewalt der Zauberschuhe, die mit ihm durch die Wand ins Freie schossen, den Berg hinabstürzten und, durch die Felsenmauer brechend, auf gut Glück in die Welt hineinrasten.

 

In demselben Augenblick versank das Diamantenschloß mit einem Krachen, wie von tausend Ungewittern, klaftertief in die Erde. In gleicher Weise verschwanden die aufgespeicherten Edelsteine, das Bergwerk schloß sich und die gewaltige Ringmauer zerfiel in Trümmer. Die armen Gefangenen aber, welche aus ihrer jahrelangen Knechtschaft nunmehr erlöst waren, dankten ihrem Erretter mit tausend Freudentränen und kehrten glücklich in ihre Heimat zurück. Zwar hätte der einen oder andere gern ein Diamantlein mitgenommen, um daheim etwas für den ersten Anfang zu haben, allein so eifrig sie auch suchten, von all den ungeheuren Schätzen, die sie aus den Diamantenspeichern der Erde zu Tage gefördert hatten, fand sich auch nicht das kleinste Krümelchen mehr vor.

 

Meister Flick kehrte gleichfalls nach Hause zurück und griff wieder zur Ale und Pechdraht. Sein Hauptwunsch war erfüllt, denn alle Welt sprach von dem berühmten Schuster, der durch seine Kunst die Zaubermacht des bösen Murzuphlos gebrochen hatte. Die zweite Tonne Gold hat er übrigens vom Kaiser von Marokko erhalten. Von dem habgierigen Zauberer aber hat niemand wieder etwas gehört. Es läßt sich nur annehmen, daß die Schuhe ihm nicht Ruh’ und Rast gelassen haben, bis er sich vollständig zu Schanden gelaufen hat.

 

Märchen aus Litauen

 

DIE MEERMAID ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der alten glücklichen Zeit gab es auf Erden viel bessere Menschen als jetzt, darum ließ ihnen der himmlische Vater auch manche Wunder offenbar werden, welche heutzutage entweder ganz verborgen bleiben, oder nur selten einmal einem Glückskinde erscheinen. Zwar singen die Vögel nach alter Weise, und die Tiere tauschen ihre Laute aus, aber leider verstehen wir ihre Sprache nicht, und was sie sagen, bringt uns weder Lehre noch Nutzen.

 

In der Wiek wohnte vor Zeiten am Strande eine schöne Meermaid, die sich den Leuten oftmals zeigte; noch meines Großvaters Vetter, der in dieser Gegend aufwuchs, hatte sie zuweilen auf einem Steine sitzen sehen, aber das Bürschlein hatte nicht gewagt näher zu treten. Die Jungfrau erschien in mancherlei Gestalten, bald als Füllen oder Färse, bald wieder als ein anderes Tier; manchen Abend mischte sie sich unter die Kinder, und ließ es sich gefallen, daß sie mit ihr spielten, daß sich die Knäblein ihr auf den Rücken setzten - dann war sie plötzlich wie unter die Erde gesunken!

 

Wie die alten Leute jener Zeit erzählten, konnte man die Jungfrau in früheren Tagen fast jeden schönen Sommerabend am Meeresufer sehen, wo sie auf einem Steine sitzend ihr langes blondes Haar mit goldenem Kamme glättete, und so schöne Lieder sang, daß den Hörern das Herz hin schmolz. Die Annäherung der Menschen aber duldete sie nicht, sondern entschwand ihren Blicken, oder entwich ins Meer, wo sie als Schwan sich auf den Wellen schaukelte. Warum sie vor den Menschen floh, und nicht mehr das frühere Zutrauen zu ihnen hatte, darüber wollen wir jetzt das Nähere melden.

 

In alten Tagen, lange vor der Schwedenzeit, lebte am Strande der Wiek ein wohlhabender Bauer mit seiner Frau und vier Söhnen; ihren täglichen Unterhalt gewannen sie mehr der See als dem Acker ab, weil der Fischfang zu ihrer Zeit gar reich gesegnet war.

 

Ihr jüngster Sohn zeigte sich von klein auf in allen Stücken anders als seine Brüder, er mied die Gesellschaft der Menschen, schlenderte am Meeresufer und im Walde umher, sprach mit sich selbst, mit den Vögeln oder mit Wind und Wellen, aber wenn er unter die Leute kam, öffnete er den Mund nicht viel, sondern stand wie träumend. Wenn im Herbst die Stürme auf dem Meere tobten, die Wellen sich haushoch türmten und sich schäumend am Ufer brachen, dann ließ es dem Knaben zu Hause keine Ruhe mehr, er lief wie besessen, oft halb nackend, an den Strand. Wind und Wetter scheute sein abgehärteter Körper nicht.

 

Er sprang in den Kahn, ergriff die Ruder und fuhr, gleich einer wilden Gans, auf dem Kamme der tobenden Wellen weit in die See hinaus, ohne daß seine Verwegenheit ihm jemals Gefahr gebracht hätte. Am Morgen, wenn der Sturm ausgetobt hatte, fand man ihn am Meeresufer in süßem Schlafe. Schickte man ihn irgend wohin, um ein Geschäft zu besorgen, z.B. im Sommer das Vieh zu hüten, oder sonst kleine Arbeiten zu übernehmen, so machte er seinen Eltern nur Verdruß.

 

Er warf sich irgendwo in den Schatten eines Busches, ohne der Tiere zu achten, die sich zerstreuten, Wiesen oder Kornfelder betraten, und sich auch teilweise verliefen, so daß die Brüder Stunden lang zu tun hatten, bis sie der verlorenen Tiere wieder habhaft wurden. Wohl hatte der Vater den Knaben die Rute bitter genug fühlen lassen, aber das wirkte nicht mehr, als Wasser auf eine Gans gegossen.

 

Als der Knabe zum Jüngling herangewachsen war, ging es auch nicht besser, keine Arbeit gedieh unter seinen lässigen Händen; er zerschlug und zerbrach das Arbeitsgerät, mattete die Arbeitstiere ab, und schaffte doch nichts Rechtes.Der Vater gab ihn nun auf fremde Bauerhöfe in Dienst, weil er hoffte, daß vielleicht die fremde Peitsche den Lotterer bessern und zum ordentlichen Menschen machen möchte; aber wer den Burschen eine Woche lang auf Probe gehabt hatte, schickte ihn auch in der nächsten Woche wieder zurück.

 

Die Eltern schalten ihn einen Tagedieb, und die Brüder hießen ihn »Schlaf-Tönnis;« binnen kurzem war dieser Spitzname in aller Munde, wie wohl er auf den Namen Jürgen getauft war. Weil nun der Schlaf-Tönnis keinem Menschen Nutzen brachte, vielmehr Eltern und Geschwistern nur zur Last fiel und im Wege war, so hätten sie gern ein Stück Geld hingegeben, wenn Jemand sie von dem Faulenzer befreit hätte.

 

Als der Schlaf-Tönnis nirgends mehr aushielt, und auch Niemand ihn behalten wollte, verdingte ihn endlich der Vater bei einem fremden Schiffer als Knecht, weil er doch auf der See nicht davon laufen konnte, und weil der Bursche auch das Meer von klein auf geliebt hatte. Trotzdem war er nach einigen Wochen, ich weiß nicht wie? von dem Schiffe entkommen, und hatte seine trägen Füße wieder auf den heimischen Boden gesetzt. Nur schämte er sich, das Haus seiner Eltern zu betreten, wo er auf keinen freundlichen Empfang hoffen durfte, er trieb sich von einem Orte zum andern herum, und suchte sein Leben zu fristen, wie es ging, ohne zu arbeiten.

 

Er war ein hübscher starker Bursche, und konnte ganz angenehm sprechen, wenn er wollte, obschon er im elterlichen Hause seinen Mund nie viel zum Reden gebraucht hatte. Jetzt mußten ihn sein schmuckes Aussehen und seine glatte Rede erhalten, denn er wußte sich damit bei Frauen und Mädchen einzuschmeicheln.

 

Da geschah es, als er an einem schönen Sommerabend nach Sonnenuntergang allein am Strande sich erging, daß der Meermaid holder Gesang an sein Ohr drang. Schlaf-Tönnis dachte alsbald: »Sie ist auch ein Weib, und wird mir nichts zu Leide tun!« Er zögerte also nicht, dem Gesange nachzugehen, um den schönen Vogel in Augenschein zu nehmen. Er bestieg den höchsten Hügel, und gewahrte von da über einige Felder weg die Meermaid, die auf einem Steine saß, wo sie mit goldenem Kamm ihr Haar glättete und ein herrliches Lied sang.

 

Der Jüngling hätte sich mehr Ohren gewünscht, um den Gesang zu hören, der ihm ins Herz schlug wie eine Flamme; als er aber näher kam, sah er, daß hier eben so viele Augen Not täten, die Schönheit der Jungfrau zu fassen. Gewiß hatte die Meermaid den Kommenden bemerkt, aber sie floh nicht vor ihm, was sie doch sonst immer tat, wenn sich Menschen ihr näherten. Schlaf-Tönnis mochte etwa noch zehn Schritte von ihr sein, als er plötzlich still stand, unentschlossen, ob er warten oder näher treten solle. Und wunderbar!

 

Die Meermaid erhob sich vom Steine und kam ihm mit freundlicher Miene entgegen. Grüßend bot sie dem Jüngling die Hand und sagte: »Ich habe dich hier schon manchen Tag erwartet, weil ein bedeutsamer Traum mir deine Ankunft kündete. Du hast unter den Menschen nirgends Haus noch Heim, wohin du gehen könntest, oder wo Leute deines Schlages taugten. Warum solltest du auch von Fremden abhängig sein, wenn die Eltern dir in ihrem Hause keine Stätte bieten?

 

Ich kenne dich von klein auf und besser, als die Menschen dich kennen, weil ich ungesehen oft um dich war und dich schützte, wenn dein verwegener Übermut dich hätte verderben können. Ja, meine Hände haben oft dein schwankendes Boot gehütet, daß es nicht in die Tiefe sank! Komm mit mir, du sollst Herrentage haben, und es soll dir an nichts mangeln, was dein Herz nur begehrt, sollst du kosten. Ich will dich warten und hüten wie meinen Augapfel, daß weder Wind noch Regen noch Frost dir etwas anhaben sollen.«

 

Schlaf-Tönnis stand noch immer im Zweifel, er kratzte sich hinter den Ohren und überlegte, was er antworten solle; obgleich jedes Wort der Jungfrau ihm wie ein Feuerpfeil ins Herz gedrungen war. Endlich fragte er schüchtern, ob ihre Behausung weit von hier sei. »Wir können mit Windesschnelle dahin kommen, wenn du festes Vertrauen zu mir hast,« erwiederte die Meermaid.

 

Da fielen dem Schlaf-Tönnis plötzlich mancherlei Reden ein, die er früher von den Leuten über die Meermaid gehört hatte, das Herz bangte ihm, und er bat sich drei Tage Bedenkzeit aus. »Ich will deinen Wunsch erfüllen,« sagte die Meermaid, »aber damit du nicht wieder unsicher werdest, will ich dir, bevor wir scheiden, meinen goldenen Ring an deinen Finger stecken, auf daß du das Wiederkommen nicht vergessest. Wenn wir dann näher mit einander bekannt werden, so kann vielleicht aus diesem Pfande ein Verlobungsring werden.«

 

Mit diesen Worten zog sie den Ring ab, steckte ihn dem Jüngling an den kleinen Finger und verschwand dann, als wäre sie in Luft zerflossen. Schlaf- Tönnis blieb mit offenen Augen stehen, und hätte das Vorgefallene für einen Traum gehalten, wenn nicht der glänzende Ring an seinem Finger das Gegenteil dargetan hätte. - Aber mit diesem Ringe schien wie ein fremder Geist in ihn gefahren zu sein, der ihm nirgends mehr Rast noch Ruhe ließ. Er streifte die ganze Nacht unstet am Strande um her und kam immer wieder zu dem Steine zurück, auf welchem die Jungfrau gesessen hatte - aber der Stein war kalt und leer.

 

Am Morgen legte er sich ein wenig nieder, aber unruhige Träume störten seinen Schlaf. Als er erwachte, fühlte er weder Hunger noch Durst, all sein Sinnen stand nur auf den Abend, da hoffte er die Meermaid wieder zu sehen. Der Tag neigte sich endlich, es wurde Abend, der Wind legte sich, die Vögel im Erlenbusch hörten auf zu singen, und steckten die müden Schnäbel unter die Flügel - aber die Meermaid sah er an dem Abend nirgends.

 

Sorge und Leid preßten ihm schwere Tränen aus, in seinem Unmut hätte er sich die bitterste Qual antun mögen - warum hatte er am gestrigen Abend das dar gebotene Glück verschmäht und sich eine Bedenkzeit ausbedungen, wo ein Klügerer als er das Glück mit beiden Händen bei den Hörnern gepackt haben würde. Nun half keine Reue noch Klage. Nicht minder trübselig verstrich ihm die Nacht und der folgende Tag; unter der Last des Kummers fühlte er nicht einmal den Hunger. Gegen Sonnenuntergang setzte er sich zerknirschten Herzens auf eben den Stein, auf welchem die Meermaid vorgestern gesessen hatte, fing an bitterlich zu weinen und sagte ächzend: »Wenn sie heute nicht kommt, so will ich nicht länger mehr leben, sondern entweder hier auf dem Steine Hungers sterben, oder mich jählings in die Wellen stürzen und in der Tiefe des Meeres mein elendes Leben enden!« -

 

Ich weiß nicht, wie lange er so in Gram versunken gesessen hatte, als er eine weiche warme Hand auf seiner Stirne fühlte. Als er die Augen aufschlug, sah er die Jungfrau vor sich, die ihn liebreich anredete: »Ich sah deine herbe Qual, hörte dein sehnsüchtiges Seufzen und mochte nicht länger zögern, obgleich deine Bedenkzeit erst morgen Abend abläuft.« »Vergebt mir, vergebt mir, teure Jungfrau!« bat Schlaf-Tönnis schluchzend. »Vergebt mir! ich war ein sinnloser Thor, daß ich das unverhoffte Glück nicht festzuhalten wußte. Der Teufel weiß, was für eine Tollheit mir vorgestern in den Kopf kam! Bringt mich, wohin ihr wollt, ich widerstrebe nicht, ja ich würde mit Freuden mein Leben für euch hingeben.«

 

Die Meermaid erwiederte lachend: »Mich verlangt nicht nach deinem Tode, sondern ich will dich lebend als lieben Genossen zu mir nehmen.« Dann nahm sie den Jüngling bei der Hand, führte ihn einige Schritte näher ans Meer, verband ihm mit einem seidenen Tuche die Augen, und in dem selben Augenblicke fühlte sich Schlaf-Tönnis von zwei starken Armen umfaßt, welche ihn wie im Fluge empor hoben und dann jählings in die Flut stürzten. Als die kalte Flut seinen Leib berührte, verlor er das Bewußtsein, so daß er nicht mehr wußte, was mit ihm und um ihn vorging. Er konnte also späterhin auch nicht sagen, wie lange seine Ohnmacht gedauert hatte. Als er erwachte, sollte er noch Seltsameres erfahren.

 

Er fand sich auf weichem Kissen in seidenem Bette, das in einem prächtigen Gemache stand, dessen Wände von Glas und von innen mit roten Samtdecken verhüllt waren, damit das grelle Licht den Schläfer nicht wecke. Eine Zeit lang wußte er selbst nicht recht, ob er noch lebe oder sich nach dem Tode an einem unbekannten Orte befinde. Er reckte seine Glieder hin und her, nahm seine Nasenspitze zwischen die Finger, und siehe! - es war alles, wie es sein mußte. Angetan war er mit einem feinen weißen Hemde, und schöne Kleider lagen auf einem Stuhl vor seinem Bette. Nachdem er sich eine Zeit lang im Bette gedehnt und sich handgreiflich überzeugt hatte, daß er wirklich am Leben sei, stand er endlich auf und zog sich an. -

 

Zufällig hustete er, und augenblicklich traten zwei Mädchen ein, grüßten ehrerbietig und baten, der »gnädige Herr« möge ihnen sagen, was er frühstücken wolle. Während die eine den Tisch deckte, ging die andere die Speisen zubereiten. Es dauerte nicht lange, so standen Schüsseln mit Schweinefleisch, Wurst, Blutklößen und Scheibenhonig, nebst Bier- und Metkannen auf dem Tische - gerade als ob eine prächtige Hochzeit gefeiert würde. Schlaf-Tönnis, der mehrere Tage ohne Nahrung geblieben war, setzte seine Kinnladen in Bewegung und aß, was der Magen fassen wollte, dann streckte er sich aufs Bett, um zu verdauen.

 

Als er wieder aufstand, kamen die Dienerinnen zurück und baten den »gnädigen Herrn«, im Garten spazieren zu gehen, während die gnädige Frau sich ankleiden lasse. Es wurden ihm von allen Seiten so viel »gnädige Herren« an den Hals geworfen, daß er schon anfing, sich für einen solchen zu halten, und seines früheren Standes vergaß.

 

Im Garten fand er auf Schritt und Tritt Schönheit und Zierde; im grünen Laube glänzten goldene und silberne Aepfel, sogar die Fichten- und Tannenzapfen waren golden und goldgefiederte Vögel hüpften in den Wipfeln und auf den Zweigen. Zwei Mädchen traten hinter einem Gebüsche hervor, sie hatten Auftrag, den »gnädigen Herrn« im Garten herum zu führen und ihm alle Schönheiten desselben zu zeigen.

 

Weiter gehend gelangten sie an den Rand eines Teiches, auf welchem silbergefiederte Gänse und Schwäne schwammen. Überall schimmerte Morgenrot, doch nirgends sah man die Sonne. Die mit Blüten bedeckten Gebüsche hauchten süßen Duft aus, und Bienen, groß wie Bremsen, flogen um die Blüten herum. Alles, was unser Freund hier von Bäumen und Gewächsen erblickte, war viel herrlicher, als wir es jemals schauen.

 

Sodann erschienen zwei prächtig gekleidete Mädchen, um den »gnädigen Herrn« zur gnädigen Frau einzuladen, welche ihn erwarte. Ehe man ihn zu ihr führte, wurde ihm noch ein blauseidener Shawl um die Schultern gelegt. Wer hätte in diesem Aufzuge den früheren Schlaf-Tönnis wieder erkannt?

 

In einer prächtigen Halle, die so groß wie eine Kirche und auch, wie das Schlafgemach, aus Glas gegossen war, saßen zwölf schöne Jungfrauen auf silbernen Stühlen. Hinter ihnen auf einer Erhöhung unweit der Wand standen zwei goldene Stühle, auf deren einem die hehre Königin saß, während der andere noch leer war. Als Schlaf-Tönnis über die Schwelle trat, erhoben sich alle Jungfrauen von ihren Sitzen und grüßten den Ankömmling ehrerbietig, setzten sich auch nicht eher wieder, als bis es ihnen geheißen worden.

 

Die Herrin selber blieb auf ihrem Stuhle sitzen, nickte dem Jünglinge ihren Gruß zu und winkte befehlend mit dem Finger, worauf die Führerinnen den Schlaf- Tönnis in die Mitte nahmen und zur Herrin geleiteten. Der Jüngling ging schüchternen Schrittes vorwärts, und wagte nicht die Augen aufzuschlagen, denn alle die unerwartete Pracht und Herrlichkeit blendete ihn. Man wies ihm seinen Platz auf dem goldenen Stuhle neben der Herrin an, und diese sagte: »Dieser Jüngling ist mein lieber Bräutigam, mit dem ich mich verlobt und den ich mir zu meinem Gemahl erkoren habe. Ihr müßt ihm jegliche Ehre erweisen und ihm eben so gehorchen wie mir. Jedes Mal, daß ich das Haus verlasse, müßt ihr ihm die Zeit vertreiben und ihn pflegen und hüten wie meinen Augapfel. Schwere Strafe würde den treffen, der meinen Willen nicht pünktlich erfüllt.«

 

Schlaf-Tönnis sah wie verbrüht drein, weil er gar nicht wußte, was er von der Sache halten solle; die Erlebnisse dieser Nacht schienen wunderbarer als Wunder. Er mußte sich in Gedanken immer wieder fragen, ob er wache oder träume. Die Herrin erriet, was in ihm vorging, erhob sich von ihrem Stuhle, nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus einem Zimmer ins andere; alle waren menschenleer. So waren sie in das zwölfte Gemach gelangt, das etwas kleiner aber noch prächtiger war, als die andern.

 

Hier nahm die Herrin ihre Krone vom Haupte, warf den goldverbrämten seidenen Mantel ab, und als Schlaf-Tönnis jetzt die Augen aufzuschlagen wagte, sah er keine fremde Herrin, sondern die Meermaid an seiner Seite. O du liebe Zeit! jetzt wuchs ihm plötzlich der Mut und seine Hoffnung erblühte. Freudig rief er: »O teure Meermaid!« - aber in demselben Augenblick schloß die Hand der Jungfrau ihm den Mund; sie sprach in ernstem Tonne: »Wenn dir mein und dein eigenes Glück lieb ist, so nenne nie mehr diesen Namen, den man mir zum Schimpf beigelegt hat. Ich bin der Wasser-Mutter Tochter, und unserer sind viele Schwestern, wenn wir auch alle einsam, jede an ihrem Ort, im Meere, in Seen und Flüssen wohnen, und uns nur selten einmal durch einen glücklichen Zufall zu sehen bekommen.«

 

Dann erklärte sie ihm, sie habe bis jetzt jungfräulich gelebt, müsse aber als verordnete Herrscherin Namen und Würde einer königlichen Frau aufrecht erhalten. Schlaf-Tönnis war durch sein unverhofftes Glück wie von Sinnen gekommen, er wußte nicht, was er in seiner Freude beginnen sollte, aber die Zunge war ihm wie gebunden, und er brachte nicht viel mehr heraus als Ja oder Nein. Als er sich aber beim Mittagsmahl die leckeren Speisen schmecken ließ, und als die köstlichen Getränke ihm warm machten, da löste sich auch seine Zunge, und er wußte sich nicht bloß wie sonst gut zu unterhalten, sondern auch manchen artigen Scherz anzubringen.

 

Am folgenden und am dritten Tage ging dieses glückliche Leben eben so fröhlich weiter; Schlaf-Tönnis glaubte sich bei lebendigem Leibe in den Himmel versetzt. Vor Schlafengehen sagte die Meermaid zu ihm: »Morgen haben wir Donnerstag, und allwöchentlich muß ich, einem Gelübde gemäß, an diesem Tage fasten und einsam von allen anderen getrennt leben. Donnerstags kannst du mich nicht früher sehen, als bis der Hahn Abends drei Mal gekräht hat. Meine Dienerinnen werden inzwischen für dich sorgen, daß dir die Zeit nicht lang werde, und es dir an Nichts fehle.«

 

Am anderen Morgen fand Schlaf-Tönnis seine Genossin nirgends - er gedachte dessen, was sie ihm am Abend zuvor angekündigt hatte, nämlich, daß er heute und jeden künftigen Donnerstag ohne seine Gemahlin zubringen müsse. Die Dienerinnen bemühten sich, ihm auf alle Weise die Zeit zu vertreiben, sie sangen, spielten und führten heitere Tänze auf; dann setzten sie ihm wieder Speise und Trank vor, wie ein geborener Königssohn sie nicht besser haben konnte, und der Tag verging ihm schneller als er geglaubt hatte.

 

Nach dem Abendessen begab er sich zur Ruhe, und als der Hahn das dritte Mal gekräht hatte, kam die Schöne wieder zu ihm. Ebenso ging es an jedem folgenden Donnerstage. Oft zwar hatte er die Geliebte gebeten, am Donnerstage mit ihr zusammen fasten zu dürfen, aber vergebens. Als er nun einst wieder an einem Mittwoch seine Gemahlin mit dieser Bitte quälte und ihr keine Ruhe ließ, sagte die Meermaid mit tränenden Augen: »Nimm mein Leben, wenn du willst, ich gebe es gerne hin, aber deinen Wunsch, dich zu meinem Fasttage mit zu nehmen, kann und darf ich nicht erfüllen.«

 

Ein Jahr oder darüber mochte ihnen so verflossen sein, als sich Zweifel im Herzen des Schlaf-Tönnis regten, die immer quälender wurden, so daß er keine Ruhe mehr fand. Das Essen wollte ihm nicht munden, und der Schlaf erquickte ihn nicht. Er fürchtete nämlich, daß die Meermaid außer ihm noch einen heimlichen Geliebten habe, in dessen Armen sie jeden Donnerstag ruhe, während er die Zeit mit ihren Dienerinnen hinbringen müsse. Die Kammer, in welcher die Meermaid sich Donnerstags verborgen hielt, kannte er längst, aber was half es?

 

Die Tür war immer verschlossen und die Fenster waren von innen durch doppelte Vorhänge so dicht verhüllt, daß nirgends eine Öffnung wenn auch nur von der Breite eines Nadelöhrs blieb, durch welche ein Sonnenstrahl, geschweige denn ein menschliches Auge, hätte eindringen können. Aber je unmöglicher die Aufhellung dieses Geheimnisses schien, desto heftiger wurde sein Verlangen, der Sache auf den Grund zu kommen. Wenn gleich er von dem, was ihm auf dem Herzen lastete, der Meermaid kein Wörtchen verriet, so merkte sie doch an seinem unsteten Wesen, daß die Sachen nicht mehr standen wie sie sollten. Wiederholt bat sie ihn mit Tränen in den Augen, er möge sie und sich selbst doch nicht mit verkehrten Gedanken plagen.

 

»Ich bin,« sagte sie, »frei von aller Schuld gegen dich, ich habe keine heimliche Liebe noch irgend eine andere Sünde gegen dich auf dem Gewissen. Aber dein falscher Argwohn macht uns Beide unglücklich, und wird unseren Herzensfrieden zerstören. Mit Freuden würde ich jeden Augenblick mein Leben für dich hingeben, wenn du es wünschen würdest, aber an meinem Fasttage kann ich dich nicht in meine Nähe lassen. Es darf nicht sein, und würde unserer Liebe und unserem Glücke für immer den Untergang bringen. Wir leben ja sechs Tage in der Woche in ruhigem Glücke mit einander, wie kann uns die Trennung eines Tages so schwer fallen, daß du sie nicht ertragen solltest.«

 

Sechs Tage hielt solch ein verständiger Zuspruch immer wieder vor, aber wenn der nächste Donnerstag kam, und die Meermaid nicht erschien, dann verlor er den Kopf und gebärdete sich wie ein halb Verrückter. Er hatte keine Ruhe mehr, zuletzt wollte er am Donnerstage niemand um sich haben, die Dienerinnen durften nur die Speisen und Getränke auftragen und mußten sich dann gleich entfernen, damit er allein hausen könne wie ein Gespenst.

 

Diese gänzliche Verwandlung nahm Alle Wunder, und als die Meermaid die Sache erfuhr, wollte sie sich die Augen aus dem Kopfe weinen; doch überließ sie sich ihrem Schmerze nur, wenn niemand dabei war. Schlaf-Tönnis hoffte, wenn er allein gelassen würde, bessere Gelegenheit zur Untersuchung der geheimnißvollen Fastenkammer zu finden - vielleicht entdeckte er doch irgendwo ein Spältchen, durch welches er spähen und beobachten könnte, was dort vorginge. Je mehr er sich aber abquälte, desto unmutiger wurde auch die Meermaid, und wenn sie noch ein freundliches Antlitz zeigte, so kam ihr doch die Freundlichkeit nicht mehr von Herzen wie sonst.

 

So vergingen einige Wochen, und die Sache wurde nicht besser und nicht schlechter; da fand Schlaf-Tönnis eines Donnerstags neben dem Fenster eine kleine Stelle, wo die Vorhänge sich zufällig verschoben hatten, so daß der Blick in die Kammer dringen konnte. Was er da sah, machte sein Herz ärger als Februarkälte gerinnen.

 

Das geheimnißvolle Gemach hatte keinen Fußboden, sondern sah aus wie ein großer viereckiger Kübel, der viele Fuß hoch mit Wasser gefüllt war. Darin schwamm seine geliebte Meermaid. Vom Kopf bis zum Bauch hatte sie noch die Schönheit des weiblichen Körpers, aber die untere Hälfte vom Nabel abwärts war ganz Fisch, mit Schuppen bedeckt und mit Flossen versehen. Mit dem breiten Fischschwanz plätscherte sie zuweilen im Wasser, daß es hoch aufspritzte. - Der Späher wich wie betäubt zurück, und ging betrübt hinweg. Wie viel hätte er darum gegeben, wenn er diesen Anblick aus seinem Gedächtnisse hätte auslöschen können! Er dachte hin und her, wußte aber nicht, was er anfangen sollte.

 

Der Hahn hatte am Abend wie gewöhnlich drei Mal gekräht, aber die Meermaid kam nicht zu ihm zurück. Er durchwachte die ganze Nacht, aber die Schöne erschien noch immer nicht. Erst am Morgen kam sie in schwarzen Trauerkleidern, das Gesicht mit einem dünnen Seidentuch verhüllt, und sprach mit weinender Stimme: »O, du Unseliger, der du durch deine Torheit unserem glücklichen Leben ein Ende gemacht hast! Du siehst mich heute zum letzten Male und mußt nun wieder in deinen früheren Zustand zurückkehren, was du dir selber zuzuschreiben hast. Leb' wohl zum letzten Male!«

 

Ein plötzlicher Krach und ein starkes Getöse, als ob der Boden unter den Füßen weg rollte, warf den Schlaf-Tönnis nieder, und in seiner Betäubung hörte und sah er nicht mehr, was mit ihm und um ihn her vorging. Als er endlich, wer weiß wie lange nachher, aus seiner Ohnmacht erwachte, fand er sich am Meeresstrande, dicht bei demselben Steine, auf welchem die schöne Meermaid gesessen hatte, als sie den Freundschaftsbund mit ihm schloß.

 

Statt der prächtigen Kleider, die er in der Behausung der Meermaid täglich getragen hatte, fand er seinen alten Anzug, der aber viel älter und zerlumpter aussah, als es nach seiner Annahme der Fall sein konnte. Die Glückstage unseres guten Freundes waren vorüber, und keine noch so bittere Reue konnte sie zurückbringen.

 

Als er weiter ging, stieß er auf die ersten Gehöfte seines Dorfs. Sie standen wohl an der alten Stelle, aber sahen doch anders aus. Was ihm aber, als er sich umsah, noch viel wunderbarer dünkte, war, daß die Menschen ihm ganz fremd waren, und nicht ein einziges bekanntes Gesicht ihm begegnete. Auch ihn sahen alle befremdet an, als ob sie ein Wundertier vor sich hätten.

 

Schlaf-Tönnis ging nun zum Hofe seiner Eltern; auch hier kamen ihm fremde Menschen entgegen, die ihn nicht kannten, und die er nicht kannte. Erstaunt fragte er nach seinem Vater und seinen Brüdern, aber niemand konnte ihm Bescheid geben. Endlich kam ein gebrechlicher Alter auf einen Stock gestützt aus dem Hause und sagte: »Bauer, der Wirt, nach welchem du dich erkundigst, schläft schon über dreißig Jahre in der Erde; auch seine Söhne müssen tot sein. Wo kommst du denn her, Alterchen, um solchen vergessenen Dingen nachzuforschen?«

 

Das Wort »Alterchen« hatte den Schlaf-Tönnis der maßen erschreckt, daß er nichts weiter fragen konnte. Er fühlte seine Glieder zittern, wandte den fremden Menschen den Rücken, und eilte zur Pforte hinaus. Die Anrede »Alterchen« ließ ihm keine Ruhe; dies Wort war ihm centnerschwer auf die Seele gefallen - die Füße versagten ihm den Dienst.

 

An der nächsten Quelle besah er seine Gestalt im Wasserspiegel: die bleichen zusammengeschrumpften Wangen, die eingefallenen Augen, der lange graue Bart und die grauen Haare bestätigten, was er vernommen hatte. Diese vergilbte, verwelkte Gestalt hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem Jüngling, den die Meermaid sich zum Bräutigam erkoren hatte.

 

Jetzt erst ward der Unglückliche inne, daß die vermeintlichen paar Jahre ihm den größten Teil seines Lebens hinweg genommen hatten, denn als blühender Jüngling war er in das Haus der Meermaid eingezogen, und als gespenstischer Alter war er zurück gekommen. Dort hatte er weder den Fluß der Zeit noch das Hinschwinden des Körpers gespürt, und er konnte es sich nicht erklären, wie die Bürde des Alters ihm so plötzlich, gleich einer Vogelschlinge, über den Hals gekommen war. Was sollte er jetzt beginnen, da er als Fremder unter Fremde verschneit war? -

 

Einige Tage lang streifte er am Strande von einem Bauerhofe zum andern umher, und gute Menschen gaben ihm aus Barmherzigkeit ein Stück Brot. Da traf er einst mit einem munteren Burschen zusammen, dem er seinen Lebenslauf ausführlich erzählte, aber in derselben Nacht war er auch verschwunden. Nach einigen Tagen wälzten die Wellen seinen Leichnam ans Ufer. Ob er vorsätzlich oder zufällig im Meere ertrunken war, ist nicht bekannt geworden.

 

Von dieser Zeit an hat sich das Wesen der Meermaid den Menschen gegenüber gänzlich verändert; nur Kindern erscheint sie zuweilen, fast immer in anderer Gestalt, erwachsene Menschen aber läßt sie nicht an sich heran kommen, sondern scheut sie wie das Feuer.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DIE ZWÖLF TÖCHTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein armer Käthner, der zwölf Töchter hatte, unter ihnen zwei Paar Zwillinge. Die hübschen Mädchen waren alle gesund und frisch und von zierlichem Wesen. Da die Eltern es so knapp hatten, mochte es manchem unbegreiflich sein, wie sie den vielen Kindern Nahrung und Kleidung schaffen konnten; die Kinder waren täglich gewaschen und gekämmt und trugen immer reine Hemden, wie deutsche Kinder. Einige meinten, der Käthner habe einen heimlichen Schatzträger, andere hielten ihn für einen Hexenmeister, wieder andere für einen Windzauberer, der im Wirbelwinde einen verborgenen Schatz zusammen zu raffen wußte. In Wahrheit aber verhielt sich die Sache ganz anders.

 

Die Frau des Käthners hatte eine heimliche Segenspenderin, welche die Kinder nährte, säuberte und kämmte. Als sie nämlich noch als Mädchen auf einem fremden Bauernhof diente, sah sie drei Nächte hinter einander im Traume eine stattliche Frau, welche zu ihr trat und ihr befahl, in der Johannisnacht zur Quelle des Dorfes zu gehen. Sie hätte nun wohl auf diesen Traum nicht weiter geachtet, wenn nicht am Johannisabend ein Stimmchen ihr immerwährend wie eine Mücke ins Ohr gesummt hätte: »Geh zur Quelle, geh zur Quelle, wo deines Glückes Wasseradern rieseln!« Obgleich sie den heimlichen Ratschlag nicht ohne Schrecken vernahm, faßte sie sich doch endlich ein Herz, verließ die anderen Mädchen, die bei der Fiedel um das Feuer herum lärmten und schritt auf die Quelle zu. Aber je näher sie kam, desto bänger wurde ihr ums Herz; sie wäre umgekehrt, wenn ihr das Mückenstimmchen Ruhe gelassen hätte; unwillkürlich ging sie weiter.

 

Als sie hinkam, sah sie eine Frau in weißen Kleidern, die auf einem Steine an der Quelle saß. Als die Frau des Mädchens Furcht gewahrte, ging sie dem selben einige Schritte entgegen, bot ihm die Hand zum Gruß und sagte: »Fürchte dich nicht, liebes Kind, ich tue dir ja nichts zu Leide! Merke auf und behalte genau, was ich dir sage. Auf den Herbst wird man um dich freien; der Mann ist so arm wie du, aber mach dir deshalb keine Sorge, sondern nimm seinen Branntwein an. Da ihr beide gut seid, will ich euch Glück bringen und euch forthelfen; aber lasset darum Sorgsamkeit und Arbeit nicht dahinten, sonst kann kein Glück Dauer haben. Nimm dieses Säckchen und stecke es in die Tasche, es sind nur einige Steinchen darin. Nachdem du das erste Kind zur Welt gebracht hast, wirf ein Steinchen in den Brunnen, damit ich komme dich zu sehen. Wenn das Kind zur Taufe geführt wird, will ich zu Gevatter stehen. Von unserer nächtlichen Zusammenkunft laß gegen Niemanden etwas verlauten - für dieses Mal sage ich dir Lebe wohl!«

 

Mit diesen Worten war die wunderbare Fremde dem Mädchen entschwunden, als wäre sie unter die Erde gesunken. Vielleicht hätte das Mädchen auch diesen Vorfall für einen Traum gehalten, wenn nicht das Säckchen in ihrer Hand das Gegenteil bezeugt hätte; sie fand darin zwölf Steinchen. Die Prophezeiung traf ein, das Mädchen wurde im Herbst verheiratet und der Mann war ein armer Knecht.

 

Im folgenden Jahre brachte die junge Frau die erste Tochter zur Welt, besann sich auf das, was ihr in der Johannisnacht begegnet war, stand heimlich aus dem Bette auf, ging an den Brunnen und warf ein Steinchen hinein. Plumps fiel es ins Wasser! Sofort stand die freundliche Frau weiß gekleidet vor ihr und sagte: »Ich danke dir, daß du mich nicht vergessen hast. Sonntag über vierzehn Tage laß das Kind zur Taufe bringen, dann komme ich auch in die Kirche und will beim Kinde Gevatter stehen.«

 

Als an dem bezeichneten Tage das Kind in die Kirche gebracht wurde, trat eine fremde Dame hinzu, nahm es auf den Schoß und ließ es taufen. Als dies geschehen war, band sie einen silbernen Rubel in die Windel des Kindes und sandte es der Mutter zurück. Ganz ebenso geschah es später bei jeder neuen Taufe, bis das Dutzend voll war. Bei der Geburt des letzten Kindes hatte die Frau zur Mutter gesagt: »Von heute an wird dein Auge mich nicht mehr schauen, obwohl ich ungesehen täglich um dich und deine Kinder sein werde. Das Wasser des Brunnens wird den Kindern mehr Gedeihen bringen als die beste Kost. Wenn die Zeit herankommt, daß deine Töchter heiraten, so mußt du einer Jeden den Rubel mitgeben, den ich zum Patengeschenk brachte. So lange sie ledig sind, sollen sie keinen größeren Staat machen, als daß sie Alltags und Sonntags saubere Hemden und Tücher tragen.«

 

Die Kinder wuchsen und gediehen, daß es eine Lust war anzusehen; Brot gab es im Hause zur Genüge, auch zuweilen dünne Zukost, doch am meisten wurden Eltern und Kinder offenbar durch das Brunnenwasser gestärkt. Die älteste Tochter wurde dann an einen wohlhabenden Wirtssohn verheiratet. Wiewohl sie ihm außer der notdürftigsten Kleidung nichts zubrachte, so wurde doch ein Brautkasten gemacht und Kleider und Paten-Rubel hineingelegt. Als die Männer den Kasten auf den Wagen hoben, fanden sie ihn so schwer, daß sie glaubten es seien Steine darin, denn der arme Käthner hatte doch seiner Tochter sonst nichts Wertvolles mitzugeben. Weit mehr aber war die junge Frau erstaunt, als sie im Hause des Bräutigams den Kasten öffnete, und ihn mit Stücken Leinewand angefüllt und auf dem Grunde einen ledernen Beutel mit hundert Silberrubeln fand. Dasselbe wiederholte sich nachher bei jeder neuen Verheiratung; und die Töchter wurden bald alle weggeholt, als es bekannt geworden war, welch einen Brautschatz eine jede mitbekam.

 

Einer der Schwiegersöhne war aber sehr habsüchtig und mochte sich mit der Mitgift seiner Frau nicht zufrieden geben. Er dachte nämlich: die Eltern müssen wohl selbst noch vielen Reichtum besitzen, wenn sie schon jeder Tochter so viel mitgeben konnten. Er ging daher eines Tages zu seinem Schwiegervater und suchte ihm den Schatz abzuzwacken. Der Käthner sagte ganz der Wahrheit gemäß: »Ich habe Nichts hinter Leib und Seele, und auch meinen Töchtern konnte ich nichts weiter mitgeben als den Kasten. Was jede in ihrem Kasten gefunden hat, das rührt nicht von mir her, sondern war die Patengabe der Taufmutter, welche jedem Kinde an seinem Tauftage einen Rubel schenkte. Diese Liebesgabe hat sich im Kasten vervielfältigt.« Der habsüchtige Schwiegersohn glaubte indessen den Worten des Schwiegervaters nicht, sondern drohte vor Gericht die Anklage zu erheben, daß der Alte ein Hexenmeister und ein Windbeschwörer sei, der mit Hilfe des Bösen einen großen Schatz zusammengebracht habe.

 

Da der Käthner ein reines Gewissen hatte, so flößte ihm die Drohung seines Schwiegersohnes keine Furcht ein. Dieser aber klagte wirklich. Das Gericht ließ darauf die anderen Schwiegersöhne des Käthners vorfordern und befragte sie, ob jeder von ihnen dieselbe Mitgift erhalten habe. Die Männer sagten aus, daß Jeder einen Kasten voll Leinewand und hundert Silberrubel erhalten habe. Das erregte große Verwunderung, denn die ganze Nachbarschaft wußte recht gut, daß der Käthner arm war und keinen anderen Schatz hatte als zwölf hübsche Töchter. Daß diese Töchter von klein auf stets reine weiße Hemden getragen hatten, wußten die Leute wohl, aber Niemand hatte sonst einen Prunk an ihnen bemerkt, weder Brustspangen noch bunte Halstücher. Die Richter beschlossen jetzt, die wunderliche Sache näher zu untersuchen, um herauszubringen, ob der Alte wirklich ein Hexenmeister sei.

 

Eines Tages verließen die Richter, von einer Häscherschaar begleitet, die Stadt. Sie wollten das Haus des Käthners mit Wachen umstellen, damit Niemand heraus und kein Schatz auf die Seite gebracht werden könne. Der habsüchtige Schwiegersohn machte den Führer. Als sie an den Wald gekommen waren, in welchem die Hütte des Käthners stand, wurden von allen Seiten Wachen ausgestellt, die keinen Menschen durchlassen sollten, bis die Sache aufgeklärt sei. Man ließ hier die Pferde zurück und schlug den Fußsteig zur Hütte ein.

 

Der Schwiegersohn mahnte zu leisem Auftreten und zum Schweigen, damit der Hexenmeister nicht aufmerksam werde und sich auf Windesflügeln davon mache. Schon waren sie nahe bei der Hütte, als plötzlich ein wunderbarer Glanz sie blendete, der durch die Bäume drang. Als sie weiter gingen, wurde ein großes schönes Haus sichtbar; es war ganz von Glas und viele hundert Kerzen brannten darin, obgleich die Sonne schien und Helligkeit genug gab. Vor der Thür standen zwei Krieger Wache, die ganz in Erz gehüllt waren und lange bloße Schwerter in der Hand hielten. Die Gerichtsherrn wußten nicht, was sie denken sollten, alles schien ihnen mehr Traum als Wirklichkeit zu sein. Da öffnete sich die Tür: ein schmucker Jüngling in seidenen Kleidern trat heraus und sagte: »Unsere Königin hat befohlen, daß der oberste Gerichtsherr vor ihr erscheine.« Obgleich dieser einige Furcht empfand, folgte er doch dem Jüngling ins Haus.

 

Wer beschriebe die Pracht und Herrlichkeit, die sich vor seinen Augen auftat! In der prächtigen Halle, welche die Größe einer Kirche hatte, saß auf einem Throne eine mit Seide, Sammet und Gold geschmückte Frau. Einige Fuß tiefer saßen auf kleineren goldenen Sesseln zwölf schöne Fräulein, ebenso prächtig geschmückt wie die Königin, nur daß sie keine goldene Krone trugen. Zu beiden Seiten standen zahlreiche Diener, alle in hellen seidenen Kleidern, mit goldenen Ketten um den Hals.Als der oberste Gerichtsherr unter Verbeugungen näher trat, fragte die Königin: »Weßhalb seid ihr heute mit einer Schaar von Häschern gekommen, als hättet ihr Uebeltäter einzufangen?« Der Gerichtsherr wollte antworten, aber der Schrecken band ihm die Zunge, so daß er kein Wörtchen vorbringen konnte. »Ich kenne die boshafte und lügnerische Anklage,« fuhr die Frau fort, »denn meinen Augen bleibt nichts verborgen. Lasset den falschen Kläger hereinkommen, aber legt ihm zuvor Hände und Füße in Ketten, dann will ich ihm Recht sprechen. Auch die übrigen Richter und die Diener sollen eintreten, damit die Sache offenkundig wird und sie bezeugen können, daß hier Niemanden Unrecht geschieht.«

 

Einer ihrer Diener eilte hinaus, um den Befehl zu vollziehen. Nach einiger Zeit wurde der Kläger vorgeführt, an Händen und Füßen gefesselt und von sechs Geharnischten bewacht. Die anderen Gerichtsherren und deren Diener folgten. Dann begann die Königin also: »Bevor ich über das Unrecht die verdiente Strafe verhänge, muß ich euch kurz erklären, wie die Sache zusammenhängt. Ich bin die oberste Wasserbeherrscherin, alle Wasseradern, welche aus der Erde quillen, stehen unter meiner Botmäßigkeit. Des Windkönigs ältester Sohn war mein Liebster, aber da sein Vater ihm nicht erlaubte eine Frau zu nehmen, so mußten wir unsere Ehe geheim halten, so lange der Vater lebte.

 

Da ich nun meine Kinder nicht zu Hause aufziehen konnte, so vertauschte ich jedesmal, wenn des Käthners Frau niederkam, sein Kind gegen das meinige. Des Käthners Kinder aber wuchsen als Pfleglinge auf dem Hofe meiner Tante auf. Kam die Zeit, daß eine von den Töchtern des Käthners heiraten wollte, so wurde ein abermaliger Tausch vorgenommen. Jedesmal ließ ich die Nacht vor der Hochzeit meine Tochter wegholen und dafür des Käthners Kind hinbringen. Der alte Windkönig lag schon lange krank darnieder, so daß er von unserem Betruge nichts merkte. Am Tauftage schenkte ich jedem Kinde ein Rubelstück, welches die Mitgift im Kasten hecken sollte. Die Schwiegersöhne waren denn auch alle mit ihren jungen Frauen und dem, was sie mitbrachten, zufrieden, nur dieser habgierige Frevler, den ihr hier in Ketten seht, unterfing sich, falsche Klage gegen seinen Schwiegervater zu führen, in der Hoffnung sich dadurch zu bereichern.

 

Vor zwei Wochen ist nun der alte Windkönig gestorben und mein Gemahl zur Herrschaft gelangt. Jetzt brauchen wir unsere Ehe und unsere Kinder nicht länger zu verheimlichen. Hier vor euch sitzen meine zwölf Töchter, deren Pflegeeltern, der Käthner und sein Weib, bis an ihren Tod bei mir das Gnadenbrot essen werden. Aber du verworfener Bösewicht, den ich habe fesseln lassen, sollst sogleich den verdienten Lohn erhalten. In deinen Ketten sollst du in einem Goldberge gefangen sitzen, damit deine gierigen Augen das Gold beständig sehen, ohne daß dir ein Körnchen davon zu Teil wird. Siebenhundert Jahre sollst du diese Qual erdulden, ehe der Tod Macht erhält dich zur Ruhe zu bringen. Das ist mein Richterspruch.«

 

Als die Königin bis dahin gesprochen hatte, entstand ein Gekrach wie ein starker Donnerschlag, so daß die Erde bebte und die Richter samt ihren Dienern betäubt nieder fielen. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie sich zwar in dem Walde, zu welchem der Führer sie geleitet hatte, aber da, wo eben noch das gläserne Haus in aller Pracht gestanden hatte, sprudelte jetzt aus einer kleinen Quelle klares kaltes Wasser hervor. -

 

Von dem Käthner, seiner Frau und dem habsüchtigen Schwiegersohne ist später nie mehr etwas vernommen worden; des letzteren Witwe hatte im Herbst einen anderen Mann geheiratet, mit dem sie glücklich lebte bis an ihr Ende.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DUDELSACK-TIIDU ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es lebte einmal ein armer Käthner, den Gott mit Kindern reichlicher gesegnet hatte, als mit Brot. Töchter und Söhne wuchsen den Eltern zur Freude auf, und verdienten sich meist schon ihr Stück Brot bei Fremden - nur aus einem Sohne wollte nichts Rechtes werden. Ob der Bursche von Natur einfältig war, oder ob sonst ein Gebreste ihn drückte, oder ob er träges Blut unter den Nägeln hatte, das konnte niemand mit Sicherheit sagen. Aber daß er faul und lotterig war und zu keinerlei Geschäft taugte, das mußten seine Eltern sowohl wie das ganze Dorf eingestehen. Es halfen auch weder gute Worte noch Rutenstreiche, vielmehr wuchs die Faulheit des Burschen, je älter er wurde. Im Winter hinter dem Ofen liegen und im Sommer unter einem Busche schlafen, war sein Haupt-Tagewerk, dazwischen pfiff er oder blies die Weidenflöte, daß es eine Lust war anzuhören.

 

So saß er eines Tages wieder hinter einem Busche und blies mit den Vögeln um die Wette, als ein fremder alter Mann des Weges daher kam. Er fragte mit freundlicher Stimme: »Sage mir, Söhnchen! was für ein Gewerbe möchtest du denn einst treiben?« Der Bursche erwiederte: »Das Gewerbe wäre meine geringste Sorge, könnte ich nur ein reicher Mann werden, daß ich nicht nötig hätte zu arbeiten, und unter anderer Leute Zuchtrute zu stehen.« Der alte Mann lachte und sagte: »Der Plan wäre gar nicht übel, aber ich sehe nicht ein, woher dir Reichtum kommen soll, wenn du gar nicht arbeiten willst? Läuft doch die Maus einer schlafenden Katze nicht in den Rachen. Wer Geld und Gut erwerben will, der muß seine Glieder rühren, arbeiteten und sich Mühe geben, sonst« -

 

Der Bursche fiel ihm in die Rede und bat: »Lassen wir diese Reden! das habe ich schon viele hundert Mal gehört, und es kommt mir vor, wie wenn man Wasser auf die Gans gießen wollte, denn aus mir kann doch nimmer ein Arbeiter werden.« Der alte Mann erwiederte milde: »Der Schöpfer hat dir eine Gabe verliehen, mit welcher du leicht das tägliche Brot und noch ein Stück Geld dazu verdienen könntest, wenn du dich auf's Dudelsackpfeifen legen würdest. Verschaffe dir einen guten Dudelsack, blase ihn eben so geschickt wie jetzt die Weidenflöte, und du findest Brot und Geld überall, wo fröhliche Menschen wohnen.«

 

»Aber woher soll ich den Dudelsack nehmen?« fragte der junge Bursche. Der Alte erwiederte: »Verdiene dir Geld und kaufe dir dann einen Dudelsack. Für den Anfang kannst du die Weidenflöte blasen und auf dem Blatte pfeifen, auf beiden bist du schon ein kleiner Meister! Ich hoffe auch künftig noch mit dir zusammen zu treffen, dann wollen wir sehen, ob du meinen Rat benutzt hast, und welcher Gewinn dir aus meiner Belehrung erwachsen ist.«

 

Damit trennte er sich von dem Burschen und ging seines Weges. Tiidu - so hieß der Bursche - begann über des alten Mannes Rede nachzudenken, und je länger er sann, desto mehr mußte er dem Alten Recht geben. Er entschloß sich, den von dem Alten angegebenen Weg zum Glücke einzuschlagen; allein er verriet niemanden ein Wort von seinem Vorhaben, sondern ging eines Morgens vom Hause und - kam nicht wieder.

 

Den Eltern machte sein Scheiden keinen Kummer, der Vater dankte noch seinem Geschicke, daß er den faulen Sohn los geworden war, und hoffte, daß die Welt mit der Zeit dem Tiidu die faule Haut abstreifen und die Not ihn zum ordentlichen Menschen erziehen würde.

 

Tiidu strich einige Wochen von Dorf zu Dorf und von Gut zu Gut umher; überall nahmen die Leute ihn freundlich auf, und hörten gern zu, wenn er seine Weidenflöte blies, gaben ihm zu essen, und schenkten ihm auch manchmal einige Kopeken. Diese Kopeken sammelte der Bursche sorgfältig, bis er endlich soviel beisammen hatte, um sich einen guten Dudelsack kaufen zu können. Jetzt fing sein Glück an zu blühen, denn weit und breit war kein Dudelsackpfeifer zu finden, der so kunstgerecht und so taktmäßig zu blasen verstand.

 

Tiidu's Dudelsack setzte alle Beine in Bewegung. Wo nur eine Hochzeit, ein Ernteschmaus, oder eine andere Lustbarkeit begangen wurde, da durfte der Dudelsack-Tiidu nicht mehr fehlen. Nach einigen Jahren war er ein so berühmter Dudelsackpfeifer geworden, daß man ihn wie einen Zauberkundigen von einem Orte zum anderen, oft viele Meilen weit, kommen ließ.

 

So blies er einst auf einem Gute beim Ernteschmaus, wozu auch viele Gutsherren aus der Umgegend gekommen waren, um die Belustigung des Volkes mit anzusehen. Alle mußten einmütig bekennen, daß ihnen in ihrem Leben noch kein geschickterer Dudelsackpfeifer vorgekommen war. Ein Gutsherr nach dem andern lud den Dudelsack-Tiidu zu sich, dann mußte er die Herrschaft durch sein Spiel ergötzen und erhielt dafür gute Kost und gutes Getränk, dazu noch Geld und mancherlei Geschenke.

 

Einer der reichen Herren ließ ihn von Kopf bis Fuß neu kleiden, ein anderer schenkte ihm einen schönen Dudelsack mit messingener Röhre. Die Fräulein banden ihm seidene Bänder an den Hut, und die Frauen strickten ihm bunte Handschuhe. Jeder Andere wäre an Tiidu's Stelle mit diesem Glücke sehr zufrieden gewesen, aber seine Sehnsucht nach Reichthum ließ ihm keine Ruhe, sondern trieb ihn wie mit einer Feuergeißel immer weiter. Je mehr er einsah, daß der Dudelsack allein ihn nicht zum reichen Manne machen könne, desto stärker wurde seine Geldgier.

 

Erzählungen, die im Munde des Volkes lebten, wußten viel zu berichten von dem Reichtume des Landes Kungla, und Tiidu konnte das Tag und Nacht nicht aus dem Kopfe bringen. Wenn ich nur hinkommen könnte, dachte er, so würde ich schon den Weg zum Reichtum finden. Er wanderte nun am Strande hin, um vielleicht durch einen glücklichen Zufall ein Schiff oder ein Segelboot zu finden, das ihn über die See brächte.

 

Endlich kam er in die Stadt Narwa, wo gerade viele fremde Kauffahrer im Hafen lagen. Einer derselben sollte nach einigen Tagen nach Land Kungla absegeln, und Tiidu suchte den Schiffer auf. Dieser wollte ihn mitnehmen, aber der geforderte Preis war dem kargen Dudelsackpfeifer zu hoch. Er suchte sich nun durch seinen Dudelsack bei dem Schiffsvolke einzuschmeicheln, und hoffte dadurch die Kosten der Fahrt zu verringern.

 

Das Glück wollte, daß er einen jungen Matrosen fand, der ihm versprach, ihn heimlich hinter dem Rücken des Schiffers aufs Schiff zu bringen. In der letzten Nacht vor dem Abgange des Schiffes brachte der Matrose wirklich den Tiidu aufs Schiff und versteckte ihn in einem dunkeln Winkel zwischen Fässern, brachte ihm auch, ohne daß die Andern es merkten, Speise und Trank dahin, damit er in seinem Schlupfwinkel nicht Hunger leide.

 

In der folgenden Nacht, als das Schiff schon auf hoher See war, und Tiidu's Freund auf dem Verdeck allein Wache hielt, holte er ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor, band ihm ein Tau um den Leib, befestigte das andere Ende des Taues am Schiffe und sagte: »Ich werde dich jetzt an dem Taue ins Meer lassen, und wenn man dir zu Hilfe eilt, so mußt du das Tau von deinem Leibe losschneiden und ihnen weiß machen, du seiest vom Hafen her dem Schiffe nach geschwommen.«

 

Obwohl dem Tiidu ein wenig bange wurde, hoffte er doch mit Hilfe des Taues sich eine Zeit lang über Wasser zu halten, da er ein guter Schwimmer war. Sobald er in's Wasser gelassen worden, weckte sein Freund die anderen Matrosen und zeigte ihnen die menschliche Gestalt, die schwimmend dem Schiffe folgte. Die Leute sperrten Mund und Augen auf, als sie das seltsame Abenteuer erblickten, und weckten auch den Schiffer, damit er sich die Sache ansehe.

 

Dieser schlug dreimal das Kreuz und fragte dann den Schwimmer: »Bekenne wahrhaft, wer du bist, ein Geist oder ein sterblicher Mensch?« Der Schwimmer antwortete: »Ein armer sterblicher Mensch, dessen Kraft bald erschöpft sein wird, wenn ihr euch seiner nicht erbarmt.« Der Schiffer ließ nun ein Tau in's Meer werfen, um den Schwimmenden daran heraufzuziehen. Als Tiidu das Ende des Taues gefaßt hatte, schnitt er erst mit einem Messer das um seinen Leib geschlungene Tau entzwei und bat sodann, man möge ihn heraufziehen.

 

Als es geschehen war, fragte ihn der Schiffer: »Sage, woher du kommst und wie du bis hierher gelangtest.« Dudelsack-Tiidu erwiederte: »Ich schwamm eurem Schiffe nach, als ihr aus dem Hafen abfuhrt, und hielt mich von Zeit zu Zeit, wenn die Kraft mir auszugehen drohte, am Steuer fest. So hoffte ich nach Land Kungla zu kommen, weil ich nicht so viel Geld hatte, als ihr für die Überfahrt verlangtet.«

 

Des Jünglings wunderbare Kühnheit rührte des Schiffer's Herz, und freundlich sagte er: »Danke dem himmlischen Vater, der dein Leben so wunderbar beschützt hat! Ich will dich unentgeltlich nach Kungla bringen.« Dann befahl er, dem Tiidu trockene Kleider anzuziehen, und ihn in der Schiffskajüte zu betten, damit er sich von der Anstrengung der langen Schwimmfahrt erhole. Tiidu aber und sein Freund waren froh, daß ihre List so glücklich abgelaufen war.

 

Am anderen Morgen sah das Schiffsvolk auf den Tiidu wie auf ein Wunder, da er eine Strecke geschwommen war, wie es keiner für möglich gehalten. Weiterhin machte ihnen sein schönes Dudelsackspiel große Freude, und der Schiffer gestand mehr als einmal, daß er noch nie einen so herrlichen Dudelsack gehört habe. Als das Schiff nach einigen Tagen in Land Kungla vor Anker gegangen war, verbreitete sich durch der Schiffsleute Mund mit Windesschnelle die Kunde von dem melodischen Fisch, den sie im Meere gefangen, und der Nacht und Tag dem Schiffe nach geschwommen wäre.

 

Natürlich durften Tiidu und sein Freund dieser Erzählung nicht widersprechen, da sie sich sonst selber in Gefahr gebracht hätten. Die wunderbare Mär verschaffte dem Tiidu an der fremden Küste viele Freunde, weil jeder die wunderbare Schwimmfahrt aus seinem eigenen Munde hören wollte. Da mußte denn der Bursche aus der Not eine Tugend machen, und den Leuten vorlügen, daß es puffte.

 

Es wurde ihm mehr als ein Dienst angeboten, allein er lehnte alle ab, weil er fürchtete, als Lügner dazustehen, sobald sein Herr eine Probe seiner Schwimmkunst zu sehen wünschte. Lieber wollte er gerades Wegs in die Königsstadt gehen, wo weder er noch seine Schwimmkraft bekannt war, dort hoffte er am leichtesten einen Dienst zu finden, der ihn zum reichen Manne machte.

 

Als er nach einigen Tagen ankam, schwindelte ihm der Kopf bei dem Anblicke der Pracht und Herrlichkeit, die überall verbreitet waren. Für zwei Augen war es schlechterdings unmöglich, das alles ordentlich zu betrachten, dazu hätte er einiger Dutzend Augen bedurft. Je mehr er sich in die Anschauung dieses Glanzes und Reichtums vertiefte, desto kläglicher kam ihm seine eigene Armut vor. Noch unerträglicher war es ihm, daß keiner von den stolzen Leuten seiner achtete, sondern daß man ihn wie einen Lump aus dem Wege stieß, als hätte er gar nicht das Recht, sich in den Strahlen von Gottes Sonne zu wärmen. -

 

Seinen Dudelsack wagte er gar nicht sehen zu lassen, denn er dachte mit Zagen: wer von diesen stolzen Leuten wird auf meinen armen Dudelsack hören! - So irrte er viele Tage in den Straßen der Stadt umher und trachtete nach einem Dienste, fand aber keinen, bei dem er hoffen konnte, in kurzer Zeit reich zu werden. Endlich, als er schon die Flügel hängen ließ, fand er einen Dienst im Hause eines reichen Kaufmannes, dessen Koch gerade einen Küchenjungen brauchte.

 

Hier konnte nun Tiidu den Reichtum von Land Kungla gründlich kennen lernen, der in der Tat größer war, als man sich vorstellen konnte. Alle Geräte fürs tägliche Leben, die bei uns zu Lande aus Eisen, Kupfer, Zinn, Holz oder Lehm gefertigt werden, waren hier aus reinem Silber oder Gold; in silbernen Grapen wurden die Speisen gekocht, in silbernen Pfannen wurden die Kuchen gebacken, und in goldenen Schalen und goldenen Schüsseln wurde aufgetragen. Selbst die Schweine fraßen nicht aus Trögen, sondern aus silbernen Kübeln.

 

Man kann sich hiernach leicht denken, daß es dem Tiidu an nichts gebrach, er führte als Küchenjunge ein Herrenleben; aber sein habsüchtiges Gemüt hatte doch keine Ruhe. Unaufhörlich quälte ihn der eine Gedanke: was hilft mir all der Reichtum, den ich vor Augen habe, wenn die Schätze nicht mein sind; mein Dienst als Küchenjunge kann mich doch niemals zum reichen Manne machen. Und doch betrug sein Monatslohn mehr als bei uns ein Jahreslohn, so daß er durch Ansammlung des selben nach Jahren, wenn nicht reich, doch wohlhabend geworden wäre.

 

Er hatte schon ein Paar Jahre als Küchenjunge im Dienst gestanden, und ein gut Stück Geld zurück gelegt, aber das hatte seine Geldgier nur noch erhöht. Er war zugleich ein solcher Filz geworden, daß er sich keinen neuen Anzug besorgen mochte, doch mußte er es tun auf Geheiß des Herrn, der schlechte Kleider in seinem Hause nicht duldete. Als der Kaufherr dann einen großen Kindtaufschmaus gab, ließ er allen seinen Dienern auf seine Kosten schöne Anzüge machen.

 

Den ersten Sonntag nach dieser Kindtaufe legte Tiidu seinen neuen stattlichen Anzug an, und ging zur Stadt hinaus in einen Lustgarten, in welchem sich an Sonntagen die Einwohner der Stadt zu ergehen pflegten. Als er eine Zeit lang unter den fremden Leuten gewandelt war, von denen er niemand kannte, und niemand ihn, traf sein Blick zufällig auf eine Gestalt, die ihm wie bekannt vorkam, obwohl er sich nicht darauf besinnen konnte, wo er den Mann früher gesehen habe.

 

Während er sein Gedächtniß noch anstrengte, verlor sich der vermeintliche Bekannte in dem Gewühl. Tiidu strich hin und her, und spähte nach ihm aus, aber alles Suchen war umsonst. Erst gegen Abend sah er seinen Mann unter einer mächtigen Linde allein auf einer Rasebank sitzen. Tiidu war im Zweifel, ob er hinzu treten oder warten sollte, bis der fremde Mann ihn erblicken und sich merken lassen würde, ob er ihn, den Tiidu, kenne oder nicht?

 

Ein paar Mal hustete Tiidu, aber der fremde Mann beachtete es nicht, sondern heftete wie in tiefen Gedanken die Augen auf den Boden. Ich trete näher - dachte Tiidu - und wecke ihn aus seinen Gedanken, dann wird es sich schon zeigen, ob wir einander kennen oder nicht. Sachte vorwärts gehend, hielt er den Blick scharf auf den fremden Mann gerichtet. Jetzt schlug dieser die Augen auf und es war klar, daß er ihn sogleich erkannte, denn er stand auf, ging auf Tiidu zu und reichte ihm zum Gruße die Hand, dann fragte er: »Wo hast du deinen Dudelsack gelassen?«

 

Da erst überzeugte sich Tiidu, daß der Fragende derselbe alte Mann war, der ihm früher empfohlen hatte, Dudelsackpfeifer zu werden. Er ging nun mit dem Alten aus der Volksmenge heraus an einen abgelegenen Ort, und erzählte ihm seine bisherigen Erlebnisse. Der Alte runzelte die Stirn, schüttelte wiederholt den Kopf und sagte, als Tiidu seinen Bericht beendigt hatte: »Ein Thor bist du und ein Thor bleibst du! Was war das für ein verrückter Einfall, daß du den Dudelsack aufgabst und Küchenjunge wurdest? Mit dem Dudelsack hättest du hier in einem Tage mehr verdienen können, als durch deinen Dienst in einem halben Jahre. Eile nach Hause, hole deinen Dudelsack her und blase, so wirst du mit eigenen Augen sehen, daß ich die Wahrheit gesagt habe.«

 

Tiidu sträubte sich freilich, weil er das Gespötte der stolzen Leute fürchtete, auch meinte er, er habe in der langen Zeit das Spielen verlernt. Aber der Alte ließ nicht ab, sondern setzte dem Tiidu so lange zu, bis er nach Hause ging und seinen Dudelsack herbrachte. Der Alte hatte so lange unter der Linde gesessen und gewartet; als Tiidu mit dem Dudelsack wieder kam, sagte er: »Setze dich neben mich auf die Rasenbank und fang' an zu blasen, dann wirst du schon sehen, wie sich die Leute um uns her versammeln werden.«

 

Tiidu tat es, wenn auch mit Widerstreben - aber als er anfing zu spielen, kam es ihm vor, als wäre heute ein neuer Geist in den Dudelsack gefahren, denn noch niemals hatte er dem Instrumente einen so schönen Ton entlocken können. Bald sammelte sich eine dichte Menge um die Linde, angezogen von dem schönen Spiele. Je zahlreicher die Menge wurde, desto lieblicher ertönten die Weisen des Dudelsacks. Als die Leute eine Zeitlang zugehört hatten, nahm der Alte seinen Hut ab und trat unter sie, um die Gaben für den Spieler einzusammeln.

 

Da wurden von allen Seiten Thaler, halbe Thaler und kleine Silbermünzen hineingeworfen, dann und wann fiel auch ein blinkendes Goldstück in den Hut. Tiidu spielte dann noch zum Danke manche schöne Weise auf, ehe er sich anschickte, nach Hause zu gehen. Als er durch den dichten Haufen schrit, hörte er vielfach sagen: »Kunstreicher Meister! komm nächsten Sonntag wieder, uns zu erfreuen!« -

 

Als sie an's Tor gekommen waren, sagte der Alte: »Nun, was meinst du, ist die heutige Arbeit von ein paar Stunden nicht angenehmer, als die Hantierung eines Küchenjungen? - Zum zweiten Male habe ich dir den Weg gezeigt, packe nun, wie ein vernünftiger Mann, den Ochsen bei beiden Hörnern, damit das Glück dir nicht wieder entschlüpfe! Meine Zeit erlaubt mir nicht, hier länger dein Führer zu sein, drum merke dir, was ich sage, und handle darnach.

 

Jeden Sonntag Nachmittag setze dich mit deinem Dudelsack unter die Linde und blase, daß die Leute sich ergötzen. Kaufe dir aber einen Filzhut mit tiefem Boden, und stelle ihn zu deinen Füßen hin, damit die Hörer ihre Spenden hineinlegen können. Ruft man dich zu einem Feste, um den Dudelsack zu spielen, so bedinge niemals einen Preis, sondern versprich mit dem zufrieden zu sein, was man dir freiwillig geben werde.

 

Du wirst so von den reichen Bürgern mehr erhalten, als du selbst gewagt hättest zu verlangen, und kommt es auch zuweilen vor, daß irgend ein Filz dir zu wenig gibt, so wird es dir durch die reichere Gabe der Übrigen zehnfach ersetzt, und du hast noch den Vorteil, daß niemand dich geldgierig nennen darf. Vor allen Dingen hüte dich vor dem Geiz! - Vielleicht treffen wir künftig noch einmal wieder zusammen, dann werde ich ja hören, wie du meiner Weisung nachgekommen bist. Für dies Mal Gott befohlen!« So schieden sie von einander.

 

Dudelsack-Tiidu war sehr erfreut, als er zu Hause sein Geld zählte und fand, daß ihm das Spiel von einigen Stunden mehr eingebracht hatte, als sein Dienst in einem halben Jahre. Da dauerte ihn die falsch angewandte Zeit; doch konnte er seinen Dienst nicht sogleich verlassen, weil er erst einen Stellvertreter schaffen mußte. Nach einigen Tagen fand er einen solchen und wurde entlassen. Dann ließ er sich schöne farbige Kleider machen, band einen Gürtel mit silberner Schnalle um die Hüften, und ging den nächsten Sonntag Nachmittag unter die Linde, um den Dudelsack zu blasen.

 

Es hatten sich noch viel mehr Leute eingefunden, als das erste Mal, denn das Gerücht von dem geschickten Dudelsackpfeifer hatte sich in der Stadt verbreitet, und Jedermann wünschte ihn zu hören. Als er am Abend sein Geld zählte, fand er fast doppelt so viel als am ersten Sonntage. Ebenso günstig war ihm das Glück fast jeden Sonntag, so daß er sich im Herbst eine Wohnung in einem stattlichen Gasthof mieten konnte.

 

An den Abenden, wo die Bürger den Gasthof besuchten, wurde der geschickte Meister oft gebeten, die Gäste durch seinen Dudelsack zu ergötzen, wofür er dann doppelte Bezahlung erhielt, einmal vom Wirt, und so dann noch von den Gästen. Als der Wirt später sah, wie der Künstler jeden Abend immer mehr Gäste ins Haus zog, gab er ihm Kost und Wohnung frei.

 

Gegen den Frühling ließ Tiidu an seinen Dudelsack silberne Röhren machen, die von innen und von außen vergoldet waren, so daß sie in der Sonne und am Feuer funkelten. Als es wieder Sommer wurde, kamen auch die Städter wieder zu ihrer Erholung ins Freie, und Sonntag für Sonntag spielte Tiidu und sah seinen Reichtum anwachsen.

 

Da kam einstmals auch der König, um die Lustbarkeit des Volkes mit anzusehen, und hörte schon von fern das schöne Dudelsackspiel. Der König ließ den Spielenden zu sich rufen, und schenkte ihm einen Beutel voll Gold. Als die andern Großen das sahen, ließen sie einer nach dem andern den Dudelsackpfeifer in ihre Häuser kommen, wo er ihnen vorspielen mußte. Tiidu beobachtete pünktlich die Vorschrift des Alten, indem er sich nie einen Lohn ausbedang, sondern Jedem überließ, nach Gutbefinden zu geben, und es fand sich, daß er fast immer viel mehr erhielt, als er selber zu fordern gewagt hätte.

 

Nach einigen Jahren war Dudelsack-Tiidu im Lande Kungla zum reichen Manne geworden, und beschloß nun, in seine Heimat zurück zukehren, um sich dort ein Gut zu kaufen, und das Blasen aufzugeben. Die Geschenke des Königs und der anderen hohen Herren hatten sein Vermögen beträchtlich vergrößert, und des alten Mannes Prophezeiung wahr gemacht. Er brauchte jetzt nicht mehr heimlich in einen Schiffswinkel zu kriechen, sondern war reich genug, um für sich allein ein Schiff zu mieten, das ihn mit allen seinen Schätzen in's Vaterland führen sollte.

 

Er hatte sich, wie das im Lande Kungla üblich war, viele goldene und silberne Geräte gekauft, welche jetzt in Kisten gepackt und an Bord gebracht wurden; wieder andere Kisten waren mit barem Gelde angefüllt. Zuletzt bestieg der Herr dieser Schätze selbst das Schiff, und dieses segelte ab. Ein günstiger frischer Wind trieb sie bald auf die hohe See, wo nur Himmel und Wasser zu sehen waren.

 

Zur Nacht aber drehte sich der Wind und trieb das Schiff gegen Süden. Von Stunde zu Stunde wuchs die Gewalt des Sturms, und der Schiffer konnte keinen festen Kurs mehr halten, weil Wind und Wellen jetzt die einzigen Herren des Schiffes waren, nach deren Willen es sich bewegen mußte. Als das Schiff einen Tag und zwei Nächte auf diese Weise hin und hergeschleudert worden, krachte der Kiel gegen einen Felsen, und das Schiff begann zu sinken.

 

Die Boote wurden ins Meer gelassen, damit die Menschen dem Tode entrinnen möchten - allein was konnte gegen die tobenden Wellen Stand halten? Bald warf eine hohe Welle das kleine Boot um, in welchem Tiidu mit drei Matrosen saß, und das feuchte Bett umschloß die Männer. Zum Glück schwamm nicht weit von Tiidu eine Ruderbank; es gelang ihm, sie zu ergreifen und sich mit Hülfe derselben auf der Oberfläche zu halten. Als darauf der Wind sich legte und das Wetter sich aufklärte, sah er das Ufer, das gar nicht weit zu sein schien. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und suchte das Ufer zu erreichen, fand aber, daß es viel weiter entfernt war, als es den Anschein gehabt hatte. Auch hätte ihn die eigene Kraft nicht mehr an's Ziel gebracht, nur mit Hilfe der Brandung, die ihn vorwärts schleuderte, erreichte er endlich die Küste. Ganz erschöpft, mehr tot als lebendig, sank er auf das felsige Ufer und schlief ein.

 

Wie lange sein Schlaf gedauert hatte, darüber konnte er sich keine Rechenschaft geben, er hatte aber die traumhafte Erinnerung, als habe jener alte Mann ihn besucht und ihm aus seinem Schlauche zu trinken gegeben, was ihn wunderbar gestärkt und ihm gleichsam neue Lebensgeister eingeflößt habe. Als er nach dem langen Schlafe vollends munter wurde, fand er sich allein auf dem bemoosten Felsen, und sah nun wohl, daß die Ankunft des Alten nur ein Traum gewesen war.

 

Doch hatte der Schlaf ihn wieder so weit gestärkt, daß er sich ohne Mühe erheben und eine Wanderung antreten konnte, auf welcher er Menschen zu finden hoffte. Er ging eine Weile am Ufer entlang, und spähte nach einem Fußsteige oder sonst einer Spur, die zu Menschen leiten könnte. Aber soweit sein Auge reichte, war von Fußstapfen nichts zu entdecken. Moos, Sand und Rasen hatten ein so friedliches Ansehen, als ob noch niemals die Füße von Menschen oder Tieren darüber hin geschritten wären. Was jetzt beginnen?

 

Er mochte überlegen, soviel er wollte, er wußte nichts Besseres, als der Nase nach weiter zu gehen, in der Hoffnung, daß ein glücklicher Zufall ihn einen Weg finden lasse, der zu Menschen führe. Eine halbe Meile weiter fand er schöne üppige Laubwälder, aber die Bäume hatten alle ein fremdartiges Ansehen, und nicht ein einziger war ihm bekannt. Im Walde fand er weder Fußtritte von Herden noch von Menschen, sondern je weiter er vordrang, desto dichter wurde der Wald, und das Weiterkommen wurde immer schwieriger.

 

Er setzte sich nieder, um seinen müden Beinen Ruhe zu gönnen. Da wurde ihm plötzlich das Herz schwer, Wehmut überfiel ihn und bittere Reue; zum ersten Male kam ihm der Gedanke, er habe Unrecht getan ohne Wissen und Willen der Eltern von Hause fort zu laufen, die Seinigen zu verlassen, und wie ein Landstreicher umher zu schweifen. »Wenn ich hier unter wilden Tieren umkomme,« - schluchzte er - »so wird mir der gebührende Lohn für meinen Leichtsinn. Meinen Schatz, der in's Meer sank, würde ich nicht bedauern - wie gewonnen, so zerronnen! wenn mir nur der Dudelsack geblieben wäre, womit ich mein trauerndes Herz beschwichtigen und meine Sorgenlast erleichtern könnte!«

 

Als er weiter schritt, erblickte er einen Apfelbaum mit seinem wohl bekannten Laube, und durch das Laub schimmerten große rote Äpfel, welche seine Eßlust reizten. Er eilte hin und - welch' ein Glück! noch nie hatte er schmackhafteres Obst gekostet. Er aß sich satt und legte sich dann unter den Apfelbaum zur Ruhe, in dem er dachte: wenn es hier viele solche Apfelbäume gibt, so ist mir vor Hunger nicht bange.

 

Als er erwachte, verzehrte er noch einige Äpfel, stopfte sich dann Taschen und Rockbusen voll und wanderte weiter. Das dunkle Waldesdickicht zwang ihn langsam zu gehen, und machte an vielen Stellen das Durchkommen schwierig, so daß die Nacht hereinbrach, ohne daß freies Feld oder Menschenspuren sichtbar wurden. Tiidu streckte sich auf das weiche Moos und schlief, als ob er auf den schönsten Kissen läge.

 

Am anderen Morgen frühstückte er einige Äpfel, und suchte dann mit frischer Kraft weiter vorzudringen, bis er nach einiger Zeit an eine Lichtung kam, die wie eine kleine Insel mitten im Walde lag. Ein kleiner Bach, der aus einer nahen Quelle entsprang, ergoß sein klares frisches Wasser über die Lichtung. Als Tiidu an den Rand des Baches kam, erblickte er zufällig im Wasser sein Bild, was ihn dermaßen erschreckte, daß er einige Schritte zurücksprang und an allen Gliedern zitterte wie Espenlaub.

 

Aber auch Beherztere als er, wären hier wohl erschrocken. Sein Bild im Wasserspiegel zeigte ihm nämlich, daß seine Nasenspitze wie der Fleischzapfen eines Puters aussah und bis zum Nabel reichte. Die tastende Hand bestätigte, was das Auge gesehen. Was jetzt beginnen? So konnte er schlechterdings nicht unter die Leute gehen, die ihn wohl gar wie ein wildes Tier tot geschlagen hätten. War es nun das Gefühl der Angst, was die Nase zusehends wachsen ließ, oder reckte sie sich wirklich immer weiter aus - genug es war dem Eigentümer der Nase so gräulich zu Mute, als ob sie immer länger und länger würde, so daß er keinen Schritt tun konnte, ohne zu fürchten, seine Nase würde an die Beine stoßen.

 

Er setzte sich nieder und beklagte sein Unglück bitterlich: »O wenn nur jetzt niemand käme, und mich so fände! Lieber will ich im Walde verhungern, als mich mit einer so abscheulichen Nase zeigen.« Hätte er jetzt schon gewußt, was er später erfuhr, daß diese Waldinsel unbewohnt war, so hätte er sich darüber trösten können. Je mehr ihn aber jetzt sein Unglück verdroß, desto dicker schwoll seine Nase an, und desto bläulicher wurde sie, wie bei einem zornigen Puterhahn.

 

Da sieht er nahebei an einem Strauche sehr schöne Nüsse, und es gelüstet ihn, sich damit zu laben; er pflückt eine Handvoll, beißt eine Nuß auf und findet einen süßen Kern in der Schale. Er verschluckt noch einige Kerne und bemerkt zu seinem Erstaunen, daß die scheußliche Länge seiner Nase sichtlich abnimmt. Nach kurzer Zeit erblickt er im Wasser seine Nasenspitze wieder an ihrer natürlichen Stelle, ja noch etwas höher über dem Munde, als sie vorher stand.

 

Jetzt löste sich sein Kummer in Frohlocken auf, und er verfiel darauf, den wunderbaren Vorfall näher zu ergründen, um zu erfahren, was denn eigentlich seine Nase erst lang und dann wieder kurz gemacht habe. Sollten es die schönen Äpfel gewesen sein - fragte er sich in Gedanken, nahm einen Apfel aus der Tasche, und begann davon zu essen. Sowie er ein Stück gekaut und verschluckt hat, nimmt er im Wasser deutlich wahr, wie die Nasenspitze sich zusehends in die Länge dehnt. Spaßes halber ißt er den Apfel ganz auf, und findet jetzt die Nase spannenlang; dann nimmt er einige Nußkerne, zerkaut und verschluckt sie, und sieh', o Wunder! die lange Nase schrumpft zusammen, bis sie auf ihr natürliches Maaß zurückgegangen ist.

 

Jetzt wußte der Mann, woran er war. Er denkt: was ich für ein großes Unglück hielt, kann mir vielleicht noch Glück bringen, wenn ich wieder unter Menschen kommen sollte; pflückt eine Tasche voll Nüsse und eilt, in seine eigenen Fußstapfen tretend, zurück, um den Baum mit den nasenvergrößernden Äpfeln aufzusuchen. Da hier nun keine anderen Spuren liefen, als die, welche er selbst zurückgelassen hatte, fand er den Apfelbaum ohne Mühe wieder.

 

Er schälte nun erst einige junge Bäume ab und machte sich aus der Rinde einen Korb, den er dann mit Äpfeln füllte. Da aber die Nacht schon hereinbrach, wollte er heute nicht weiter gehen, sondern hier sein Nachtlager halten. Wiederum hatte er das seltsame Traumgesicht, daß der wohlbekannte Alte ihm aus seinem Fäßchen zu trinken gab und ihm den Rat erteilte, auf demselben Wege, den er gekommen, an den Strand zurück zu gehen, wo er gewiß Hilfe finden würde.

 

Zuletzt hatte der Alte gesagt: »Weil du deinen in's Meer gesunkenen Schatz nicht bedauert hast, sondern nur deinen Dudelsack, so will ich dir einen neuen zum Andenken verehren.« Am Morgen erinnerte er sich seines Traumes; aber wer vermöchte seine Freude und sein Glück zu beschreiben, als er den im Traum ihm verheißenen Dudelsack neben dem Korbe am Boden liegen sah. Tiidu nahm den Dudelsack und begann nach Herzenslust zu blasen, daß der Wald davon wiederhallte. Nachdem er sich satt gespielt hatte, nahm er den Weg unter die Füße und schlug die Richtung nach der See ein.

 

Es war schon etwas über Mittag, als er die Küste erreichte, in deren Nähe er ein Schiff liegen sah, an welchem das Schiffsvolk eben Ausbesserungen vornahm. Die Leute wunderten sich, auf dieser Insel, die sie für unbewohnt gehalten, einen Menschen zu erblicken. Der Schiffer ließ ein Boot herunter, und schickte mit dem selben zwei Männer ans Ufer. Tiidu erzählte ihnen sein Unglück, wie das Schiff untergegangen sei, und Gottes Gnade ihn wunderbarer Weise aus Todesgefahr errettet habe. Der Schiffer versprach ihn unentgeltlich mitzunehmen und nach Land Kungla zurückzubringen, wohin das Schiff bestimmt war.

 

Unterwegs erfreute Tiidu den Schiffer und das Schiffsvolk durch sein schönes Spiel; nach einigen Tagen hatten sie die Küste von Land Kungla erreicht. Mit nassen Augen dankte Tiidu dem Schiffer, der ihn erlöst hatte, und versprach, das Überfahrtgeld redlich nachzuzahlen, sobald es ihm wieder gut gehe. Als er nach einigen Tagen wieder in des Königs Stadt angekommen war, spielte er gleich den ersten Abend öffentlich, und nahm dafür so viel Geld ein, daß er sich neue Kleider nach ausländischem Schnitt machen lassen konnte. Darauf tat er einige rote Äpfel in ein Körbchen und ging mit seiner Ware an das Tor des Königshauses, wo er sie am leichtesten los zu werden hoffte.

 

Es dauerte auch nicht gar lange, so kam ein königlicher Diener, kaufte die schönen Äpfel, bezahlte mehr als gefordert war, und hieß den Verkäufer am nächsten Tage wiederkommen. Tiidu aber machte sich eilig davon, als ob er Feuer in der Tasche hätte, und dachte nicht daran, mit seiner Ware wieder zu kommen, denn er wußte ja recht gut, daß der Genuß der Äpfel ein Wachsen der Nasen hervorbringen würde. Er ließ sich dann noch an dem selben Tage einen anderen Anzug machen, und kaufte sich einen langen schwarzen Bart, den er sich ans Kinn klebte; dadurch veränderte er sein Aussehen dermaßen, daß selbst seine nächsten Bekannten ihn nicht wieder erkannt hätten. Darauf nahm er in einem Wirthshause in einer entlegenen Vorstadt seine Wohnung und nannte sich einen ausländischen Zauberkünstler, der alle Gebrechen zu heilen wisse.

 

Am anderen Tage war die ganze Stadt voll Bestürzung über das Unglück, welches sich im Hause des Königs zugetragen hatte. Der König, seine Gemahlin und seine Kinder hatten gestern Äpfel genossen, die man von einem Fremden gekauft hatte, und waren darnach alle erkrankt. Worin ihre Krankheit bestand, das wurde nicht verraten. Alle Doktoren, Ärzte und Zauberkünstler der Stadt wurden zusammen gerufen, aber keiner konnte helfen, weil sie eine solche Krankheit noch niemals bei Menschen gesehen hatten. Später verlautete über die Krankheit, es sei ein Nasenübel.

 

Als eines Tages alle Ärzte und Zauberkünstler zur Beratung versammelt waren, hielten einige es für notwendig, die überflüssige Verlängerung der Nasen wegzuschneiden; aber der König und seine Familie wollten sich einer so schmerzhaften Kur nicht unterziehen. Da wurde gemeldet, daß bei einem Gastwirt in der Vorstadt ein ausländischer Zauberkünstler sich aufhalte, der alle Gebrechen heilen könne.

 

Der König schickte sogleich seine mit vier Pferden bespannte Kutsche hin, und ließ den Zauberkünstler zu sich bescheiden. Tiidu hatte über die halbe Nacht daran gearbeitet, sich ganz unkenntlich zu machen, und es war ihm so gut gelungen, daß weder von dem Dudelsackpfeifer noch von dem Apfelverkäufer eine Spur geblieben war. Auch seine Ausdrucksweise war so gebrochen, daß er manches erst mit den Fingern andeuten mußte, ehe die anderen daraus klug wurden. Als er zum Könige kam, besah er das seltsame Gebrechen, nannte es die Puterseuche, und versprach, es ohne Schneiden zu kurieren.

 

Dem Könige und seiner Gemahlin waren die Nasen schon über eine Elle lang gewachsen, und dehnten sich noch immer weiter. Dudelsack-Tiidu hatte feines Pulver von seinen Nüssen in eine kleine Dose getan, gab jedem Kranken eine Messerspitze voll ein, und ordnete an, daß die Kranken sich in ein finsteres Gemach verfügten, wo sie sich zu Bette legen und in Kissen hüllen mußten, damit starker Schweiß erfolge, und den Krankheitsstoff zum Körper heraustreibe. Als sie nach einigen Stunden wieder ans Licht traten, hatten alle ihre vorigen Nasen wieder.

 

Der König hätte in seiner Freude gern die Hälfte seines Königreiches für diese Kur hingegeben, die ihn und die Seinigen von der gräulichen Nasenkrankheit befreit hatte. Allein durch die Not, welche Dudelsack-Tiidu beim Schiffbruch erlebt hatte, war seine Geldgier schwächer geworden, und er verlangte nicht mehr, als hinreichte bringen sollte. Vor seiner Abfahrt hatte er seinen falschen Bart abgenommen, und die fremdartigen Kleider mit anderen vertauscht. Dem Schiffer, der ihn von der wüsten Insel gerettet hatte, erstattete er das Geld, welches er ihm für die Überfahrt schuldete.

 

Nachdem er an seiner heimischen Küste gelandet war, begab er sich nach seinem Geburtsorte, und fand seinen Vater, zwei Brüder und drei Schwestern noch am Leben; die Mutter und drei Brüder waren gestorben. Tiidu gab sich den Seinigen nicht eher zu erkennen, als bis er das Gut gekauft hatte. Dann ließ er ein prächtiges Gastmahl anrichten, und seine ganze Familie dazu einladen. Bei Tische gab er sich zu erkennen und sagte: »Ich bin Tiidu, euer fauler Sohn und Bruder, der zu Nichts zu gebrauchen war, seinen Eltern Kummer machte, und endlich heimlich davon lief. Mein Glück war mir holder als ich selbst, und darum komme ich jetzt als reicher Mann zurück. Jetzt müsset ihr Alle kommen und auf meiner Besitzung wohnen, und der Vater muß bis an seinen Tod in meinem Hause bleiben.« -

 

Später freite er ein tugendsames Mädchen, das nichts weiter besaß, als ein hübsches Gesicht und ein gutes Herz. Als er am Abend des Hochzeitstages mit seiner jungen Frau das Schlafgemach betrat, fand er große Kisten und Kasten vor dem selben, welche alle seine ins Meer gesunkenen Schätze enthielten. In einem der Kasten lag ein Blatt, worauf die Worte geschrieben waren: »Einem guten Sohne, der für Eltern und Verwandte sorgt, gibt auch die Meerestiefe den geraubten Schatz heraus.« Wer aber der zauberkräftige Alte gewesen, der ihn auf den Weg des Glückes geführt, ihn aus der Seegefahr gerettet und Gier und Geiz aus seinem Herzen getilgt hatte, das hat er niemals erfahren.

 

Ob gegenwärtig noch von Dudelsack-Tiidu's Nachkommen jemand lebt, ist mir nicht bekannt, sollte man aber einige von ihnen ausfindig machen, dann sind es gewiß so feine Herrschaften, daß bei ihnen weder bäuerlicher Rauchgeruch noch Riegenstaub mehr anzutreffen ist.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald: Estnische Märchen

 

PIKNE'S DUDELSACK ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Urzeit hatte Altvater gar viel zu tun, die Welt in Ordnung zu bringen, und das nahm ihm vom Morgen bis zum Abend alle seine Zeit, so daß er Manches nicht beachtete, was hier und da hinter seinem Rücken vorging. Riesen standen schon von Anbeginn der Welt wider einander, was gar oft die Ruhe störte. So hatten Pikne und der alte Tühi eine Zeitlang ihre Kraft aneinander versucht und darum gekämpft, wer von beiden die Oberhand gewänne. Obwohl die Männer Tag und Nacht einander auflauerten und sich schier die Köpfe zerbrachen, ob sie einen Gewaltstreich verüben oder List anwenden sollten - so hatten sie doch noch nicht den passenden Augenblick zur Ausführung ihrer Anschläge gefunden.

 

Da traf es sich einmal, daß Pikne, von dem beständigen Wachen müde geworden, eingenickt war und bald wie ein Sack schlief; unglücklicherweise hatte er vergessen, sich seinen Dudelsack zu Häupten zu legen, wo das Instrument sonst immer seinen Platz fand. Der tiefe Schlaf verschloß ihm Augen und Ohren so fest, daß der Mann weder sah noch hörte, was in seiner Nähe vorging. Der alte Tühi, der dem Feinde fast immer auf Schritt und Tritt nachspürte, fand den Pikne schlafend, trat sachte auf den Zehen heran, nahm den Dudelsack von der Seite des Schlafenden und machte sich mit seinem Raube auf die Socken. Dadurch hoffte er jetzt des Donners Vater am meisten zu ärgern und die Macht desselben zu schwächen, daß er das Werkzeug versteckte, welches bis dahin das schlimmste Züchtigungsmittel für die Bewohner der Hölle gewesen war.

 

Als nun Pikne, aus dem Schlafe erwachend, die Augen weit aufsperrte, sah er alsbald, welch einen Verlust ihm, derweil er schlief, der Feind verursacht hatte. Daß kein Anderer als der alte Tühi den Dudelsack hatte stehlen können, das war ihm gleich klar; allein wie sollte er es anfangen, das ihm gestohlene Eigentum den Klauen des Diebes wieder zu entreißen? Wohl hätte er Altvater die Sache mit den Diebstahl klagen und ihn um Hilfe bitten können, aber dadurch hätte er seine eigene Sorglosigkeit verraten, und Altvater hätte ihn im Zorn noch obendrein gezüchtigt.

 

Diese Gedanken machten dem Pikne eine Zeit lang viel Sorge, und er flüchtete sich meist an einsame Orte, wo niemand ihn zu Gesicht bekam. Der alte Tühi nun, der sonst ungeschlacht wie ein Kalb und in allen Stücken einfältig war, hatte doch seine Haut immer vor Pikne zu wahren gewußt. Sonst fürchtete er Pikne's Dudelsack wie die Pest, so daß er schon von weitem davon lief; jetzt aber konnte er schon etwas mehr wagen. Er kannte manches heimliche Schlupfloch, wo Pikne's Pfeile ihm nichts anhaben konnten: auf dem Meeresgrunde konnte er vor Pikne ohne Sorge sein.

 

Pikne dachte gleich, als er des alten Tühi Tagelang nicht ansichtig wurde, daß er irgendwo unter dem Wasser versteckt säße, doch fand er immer keinen zweckmäßigen Plan, wie er des Feindes habhaft werden und ihm den Dudelsack wieder abnehmen könnte. Da hatte er eines Tages plötzlich einen prächtigen Einfall, mit dessen Ausführung er auch nicht säumte. Er nahm die Gestalt eines kleinen Knaben an, ging früh Morgens in ein Dorf am Strande und forschte dort nach, ob es nicht möglich sei, irgendwo bei einem Fischer in Dienst zu treten.

 

Ein wohlhabender Fischer, Namens Lijon, sagte, nachdem er des feinen Knaben Rede angehört: »Eine Viehherde habe ich nun zwar nicht, wo ich deinesgleichen brauchen könnte, aber ich will dich auf Probe nehmen, ob man aus dir nicht mit der Zeit einen Gehilfen beim Fischfang machen kann. Du siehst mir ganz aus wie ein Geschöpf von klugem Geiste, wenn du nun auch fleißig und folgsam sein wirst, so können wir leicht Handels einig werden.«

 

Als er am folgenden Morgen an den See ging, nahm er den Knaben mit, und lehrte ihn mit Angel und Netzen umzugehen und alle übrigen Obliegenheiten eines Fischers zu besorgen. Schon nach einigen Tagen fand er, daß ihm der muntere Lehrling von Nutzen war, der alle Handgriffe leicht auffaßte und seinem Herrn auf jedem Schritt behilflich zu sein wußte. Allmählich wurde der Knabe gleichsam seine rechte Hand, so daß der Fischer gar nicht mehr allein auf den Fischfang ging. Die anderen Fischer nannten den Knaben spöttisch Lijon's Pudel.

 

Der Knabe aber nahm den Spitznamen gar nicht übel, sondern freute sich des unverhofften Glückes, daß er jetzt täglich vom Morgen bis zum Abend auf dem Wasser fahren konnte, wo der Feind sich doch sicher irgendwo auf dem Grunde versteckt hielt.

 

Jetzt traf es sich, daß der alte Tühi seinem Sohne Hochzeit machen und den Hochzeitsgästen prächtige Feste geben wollte, so daß die Leute noch lange von seinem Reichtum zu erzählen hätten; - Eitelkeit ist für den Teufel der schlimmste Kitzel! Der alte Höllenvater streckte die Pfoten überall hin, wo er einen Fang zu tun hoffte, am meisten aber trachtete er, das Getreide von solchen Feldern zu schneiden, auf welchen andere gesät hatten, so daß er keine weitere Mühe hatte, als den Fleiß Anderer einzusacken.

 

So geriet er eines Tages auch an den See, dahin, wo der Fischer in der Nacht seine Netze ausgelegt hatte. Er holte sich eben gemächlich die Fische aus den Maschen heraus, als der Fischer mit dem Knaben kam, um die Netze herauszuziehen. Des Knaben Luchsauge hatte mit Blitzesschnelle schon von weitem den Feind unter dem Wasser erblickt. Er zog seinen Herrn bei Seite und flüsterte ihm in's Ohr, woran es läge, daß ihr Fang in den letzten Tagen so schlecht ausgefallen sei.

 

»Eine Diebshand fuschelt jetzt eben am Netze herum« - sagte er, indem er mit ausgestrecktem Finger des Wirts Auge auf den Dieb lenkte, der eben auf dem Grunde des Sees bei der Arbeit war und die Kommenden nicht bemerkte. Aber Lijon war ein gewiefter Zauberkünstler, der eine Diebespfote auf frischer Tat zu bannen wußte, so daß der Dieb nicht hoffen konnte, ohne ihn wieder loszukommen.

 

Als er alle geheimen Bräuche der Ordnung nach vollzogen hatte, ging er mit dem Knaben wieder heim und sagte scherzend: »Mag er bis morgen früh die Fische zählen, wie viel ihrer ins Netz gegangen sind!« Als man am anderen Morgen an den See kam, um die Netze herauszuziehen, wurde Altväterchen Tühi in der Schlinge festgemacht gefunden, und konnte sich nicht losmachen, sondern war genötigt, dem Fischer unter die Augen zu treten.

 

Als nun sein Kopf mit dem Netze auf die Oberfläche des Wassers stieg, versetzte ihm der Fischer mit dem Ruder von Ebereschenholz gleich einige Hiebe zum Gruß, daß dem Männlein die Ohren sausten. Am Ufer nahmen dann Beide, der Fischer und sein Knabe, die Knüttel zur Hand und machten sich daran, dem Diebe seinen Lohn auszuzahlen. Obgleich der Knabe von schmächtigem Körperbau zu sein schien, so schmeckten doch seine Hiebe so bitter, daß sie dem alten Tühi durch Mark und Bein gingen und ihm den Atem zu benehmen drohten.

 

Da begann Tühi zu schreien und zu flehen: »Vergib mir diesmal, Brüderchen, und höre nur meine Entschuldigung an. Not treibt den Ochsen an den Brunnen, und Not trieb auch mich Armen jetzt an dein Netz. Mir steht zu Hause des Sohnes Hochzeit bevor, die, wie du wohl weißt, sich ohne Fische nicht ausrichten läßt. Und da ich selbst keine Netze hatte, mußte ich schon einige Fische aus deinen Netzen auf Borg nehmen. Dies war mein erstes Vergehen gegen dich und soll auch mein letztes bleiben. Ich will mein Lebtag das Bad nicht vergessen, das ihr mir heute eingeheizt habt. Dein Knabe hat mich so wacker gequästet, daß ich meine Knochen nicht fühle und nicht Hand noch Fuß regen kann.«

 

Der Fischer erwiederte: »Mag denn unser Handel diesmal abgemacht sein. Du kennst jetzt meine Netze und wirst dich sicherlich ein anderes Mal vor ihnen zu hüten wissen. Nimm den Fischsack auf den Rücken, und dann geh mir flink aus den Augen, daß ich deine Fersen nicht mehr sehe, oder aber -!« Bei diesen Worten zeigte er ihm den Stock. Der alte Tühi küßte dem Fischer die Füße zum Dank dafür, daß er so leichten Kaufes losgekommen war.

 

Obwohl er aber schon über ein Fuder fremder Fische im Sacke hatte, so gelüstete es ihn doch, noch einen Fisch zu fangen, den er für das allerköstlichste Gericht hielt. Mit Honigworten begann er den Fischer zu bitten, auf seines Sohnes Hochzeit zu Gast zu kommen, denn er hoffte dort mit Gewalt oder mit List der Seele des Fischers habhaft zu werden. Der Fischer versprach zu kommen, wenn er auch den Knaben mit bringen könnte.

 

Der alte Tühi dachte: »Vortrefflich, das Glück scheint mir günstiger zu sein, als ich mir vorstellte, hier werden mir zwei für einen geboten.« »Meinethalben bring' den Bengel mit, wenn du allein nicht kommen willst!« rief er Abschied nehmend und schleppte seine vor Schmerz steif gewordenen Glieder weiter.

 

Obwohl der alte Tühi nun gewöhnlich durch und durch ein Filz ist, so richtete er doch seinem Sohne eine prächtige Hochzeit aus, wo es an Nichts fehlte, sondern Überfluß, Glanz und Jubel auf Schritt und Tritt sich vor den Augen der Gäste entfalteten. Tühi zeigte ihnen seinen unermeßlichen Reichtum an Geld und Schätzen, womit in seinen Speichern Kisten und Kasten bis zum Rande angefüllt waren.

 

Er ließ auch mancherlei wundersame Instrumente spielen und noch wundersamere Tänze aufführen, wie es Niemand sonst verstand, als eben nur sein Hausgesinde. »Bitte ihn doch, daß er den Dudelsack herausnimmt, der hinter sieben Schlössern liegt, und uns darauf eine Weise vorspielen läßt!« sagte der Knabe heimlich zu seinem Herrn. Der Fischer kam seinem Wunsche nach und begann sofort dem Höllenvater anzuliegen, daß er ihnen seinen wunderbaren Dudelsack zeige und den Hochzeitsgästen zur Lust ein Stücklein darauf spielen lasse.

 

Der alte Tühi ging, ohne etwas zu ahnen, zum zweiten Mal in die Falle. Er holte des Himmelsdonnerers Dudelsack hinter sieben Schlössern hervor, legte seine fünf Finger an den Hals desselben und fing an aus Leibeskräften zu blasen. Aber sein Spiel gab einen gräulichen Klang. »Werdet nicht böse und nehmt es nicht übel, wenn ich euch geradeaus sage, daß aus euch kein Meister auf dem Dudelsack mehr wird; mein Hirtenknabe könnte es wohl besser machen. Ja ihr könntet bei ihm noch alle Tage in die Lehre gehen.«

 

Tühi, der keinen Betrug witterte, gab dem Knaben den Dudelsack in die Hand. Ob man da ein Wunder sah! Statt des Knaben steht plötzlich der alte Pikne selber da und bläst den Dudelsack so gewaltig, daß der böse Geist mit sammt seinem Gesinde zu Boden stürzt. Pikne eilte darauf mit dem Fischer von dannen, sehr erfreut, daß ihnen die List so vortrefflich gelungen war.

 

Als sie eine Strecke  des Weges zurückgelegt hatten, setzten sie sich beide auf den Rand eines breiten Steines, um auszuruhen. Hier begann Pikne zur Lust den Dudelsack zu blasen, worauf er dann dem Fischer erzählte, was für Listen er angewandt, um seinen Dudelsack dem alten Tühi wieder abzunehmen.

 

Während des Gespräches fiel plötzlich Regen, welcher die ausgetrocknete Erde nach sieben Monden wieder erfrischte. Pikne dankte, als er schied, seinem gewesenen Brotherrn und versprach, dessen Gebet immer zu erhören. Von der Zeit an ist Lijon der Mittelsmann zwischen Göttern und Menschen geworden und bis auf diesen Tag in diesem Ehrenamt geblieben.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald: Estnische Märchen

 

SCHLAUKOPF ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In den Tagen des Kalew-Sohnes lebte im Kungla-Lande ein sehr reicher König, der seinen Untertanen alle sieben Jahre in der Mitte des Sommers ein großes Gelage gab, das jedesmal zwei, auch drei Wochen hintereinander dauerte. Das Jahr eines solchen Festes war wieder herangekommen und man erwartete den Beginn des selben binnen einigen Monaten; aber die Leute schienen dies Mal noch unsicher in ihren Hoffnungen, weil ihnen nämlich schon zwei Mal, vor vierzehn und vor sieben Jahren, die erwartete Freude zu Wasser geworden war.

 

Von Seiten des Königs war beide Male hinlänglich für die nötigen Vorräte gesorgt worden, aber keines Menschen Zunge war dazu gekommen, sie zu kosten. Wohl schien die Sache wunderbar und unglaublich, aber es fanden sich aller Orten viele Menschen, welche die Wahrheit der selben als Augenzeugen bekräftigten. Beide Male, - so wurde erzählt - als die Gäste der hergerichteten Speisen und Getränke warteten, war ein unbekannter fremder Mann zum Oberkoch gekommen und hatte ihn gebeten, von Speis und Trank ein paar Mundvoll kosten zu dürfen; aber das bloße Eintunken des Löffels in den Suppenkessel und das Heben der Bierkanne zum Munde hatte gereicht, um mit wunderbarer Gewalt alle Vorratskammern, Schaffereien und Keller leer zu machen, so daß auch kein Körnchen und kein Tröpfchen übrig blieb.

 

Köche und Küchenjungen hatten alle den Vorfall gesehen und beschworen; gleichwohl war des Volkes Zorn über die zerstörte Festfreude so groß, daß der König, um die Leute zu besänftigen, vor sieben Jahren den Oberkoch hatte aufhängen lassen, weil er dem Fremden die verlangte Erlaubniß gegeben hatte. Damit nun jetzt nicht abermals ein solches Ärgernis entstünde, war von Seiten des Königs dem jenigen, der die Herstellung des Festes übernähme, eine reiche Belohnung zugesichert worden: und als gleichwohl niemand die Verantwortlichkeit auf sich nehmen wollte, versprach der König endlich dem Übernehmer seine jüngste Tochter zur Gemahlin; wenn aber die Sache unglücklich ausfiele, sollte er mit seinem Leben für den Schaden büßen.

 

An der Grenze des Reichs, weit von der Königsstadt, wohnte ein wohlhabender Bauer mit drei Söhnen, von denen der jüngste schon von klein auf einen scharfen Verstand zeigte, weil die Rasenmutter ihn aufgezogen und ihn gar oft heimlich an ihrer Brust gesäugt hatte. Der Vater nannte diesen Sohn deshalb: Schlaukopf. Er pflegte zu seinen Söhnen zu sagen: »Ihr, die beiden älteren Brüder, müsset durch Körperkraft und Händearbeit euch das tägliche Brot verdienen; du, kleiner Schlaukopf, kannst durch deinen Verstand in der Welt fortkommen und dich einmal über deine Brüder emporschwingen.« -

 

Vor seinem Tode teilte er Äcker und Wiesen zu gleichen Teilen unter seine beiden älteren Söhne. Dem jüngsten gab er so viel Reisegeld, daß er in die weite Welt gehen konnte, um sein Glück zu versuchen. Noch war des Vaters Leiche auf dem Tische nicht kalt geworden, als auch die älteren Brüder ihrem jüngsten alles bis auf den letzten Kopeken wegnahmen, dann warfen sie ihn zur Tür hinaus und riefen ihm höhnisch nach: »Du schlauer Kopf sollst dich über uns erheben und bloss durch deinen Verstand in der Welt fortkommen, drum könnte das Geld dir lästig sein!«

 

Der jüngste Bruder schlug sich die Mißgunst seiner beiden Brüder aus dem Sinne und machte sich sorglos auf den Weg. »Gott gibt wohl schon Glück!« den Spruch hatte er sich zum Trost und Begleiter aus dem Vaterhause mitgenommen; er pfiff die trüben Gedanken fort und ging leichten Schrittes weiter. Als er anfing Hunger zu verspüren, traf er zufällig mit zwei reisenden Handwerksgesellen zusammen. Sein angenehmes Wesen und seine Scherzreden gefielen den Gesellen, sie gaben ihm, als Rast gehalten wurde, von ihrer Kost ab, und so brachte Schlaukopf den ersten Tag glücklich zu Ende. Er trennte sich vor Abend von den Gesellen und ging vergnügt fürbaß, denn das Gefühl der Sättigung ließ keine Sorge für den nächsten Tag aufkommen. Ein Nachtlager bot sich ihm überall, wo der grüne Rasen die Diele unter ihm und der blaue Himmel das Dach über ihm bildete; ein Stein unter dem Haupte diente als weiches Schlafkissen.

 

Am folgenden Tage kam er Vormittags an ein einsames Gehöft. Vor der Tür saß eine junge Frau und weinte kläglich. Schlaukopf fragte, was sie so sehr bekümmere, und erfuhr Folgendes: »Ich habe einen schlimmen Mann, der mich alle Tage schlägt, wenn ich seine tollen Launen nicht befriedigen kann. Heute befahl er mir, ihm zur Nacht einen Fisch zu kochen, der kein Fisch sein dürfe, und der wohl Augen, aber nicht am Kopfe habe. Wo auf der Welt soll ich ein solches Tier finden?« - »Weine nicht, junges Weibchen« - tröstete sie Schlaukopf: »dein Mann will einen Krebs, der zwar im Wasser lebt, aber kein Fisch ist, und der auch Augen hat, aber nicht im Kopfe.«

 

Die Frau dankte für die gute Belehrung, gab ihm zu essen und noch einen Brotsack mit auf die Reise, von dem er manchen Tag leben konnte. Da ihm nun diese unvermutete Hilfe geworden war, beschloß er sogleich in die Königsstadt zu gehen, wo Klugheit am Meisten wert sein müsse, und wo er sicher sein Glück zu finden hoffte.

 

Überall, wohin er kam, hörte er von nichts Anderem sprechen, als von dem Sommerfeste des Königs. Als er erfuhr, was für ein Lohn demjenigen verheißen war, der das Fest herstellen werde, ging er mit sich zu Rate, ob es nicht möglich sei, die Sache zu übernehmen. Gelingt es - so sprach er zu sich selbst - so bin ich mit einem Male auf dem Wege zum Glücke. Was sollte ich wohl fürchten? Im allerschlimmsten Falle würde ich mein Leben verlieren, allein sterben müssen wir doch einmal, sei es früher oder später. Wenn ich's beim rechten Ende anfange, warum sollte es nicht gehen? Vielleicht habe ich mehr Glück als die anderen. Und gäbe mir dann auch der König seine Tochter nicht, so muß er mir doch den versprochenen Lohn an Geld auszahlen, der mich zum reichen Manne macht.

 

Unter diesen Gedanken schritt er vorwärts, sang und pfiff wie eine Lerche, ruhte zuweilen im Schatten eines Busches von des Tageshitze aus, schlief die Nacht unter einem Baume oder im Freien, und langte glücklich an einem Abend in der Königsstadt an, nachdem er am Morgen seinen Brotsack bis auf den Grund geleert hatte. Am folgenden Tage erbat er sich Zutritt zum Könige.

 

Dieser sah, daß er es mit einem gescheiten und unternehmenden Menschen zu tun hatte und so wurde man leicht handelseinig. Dann fragte der König: »Wie heißt du?« Der Mann von Kopf erwiederte: »Mein Taufname ist Nikodemus, aber zu Hause wurde ich immer Schlaukopf genannt, um anzudeuten, daß ich nicht auf den Kopf gefallen bin.« »Ich will dir diesen Namen lassen,« - sagte der König, - »denn dein Kopf muß mir für allen Schaden einstehen, wenn die Sache schief geht!«

 

Schlaukopf bat sich vom Könige siebenhundert Arbeiter aus und machte sich ungesäumt an die Vorbereitungen zum Feste. Er ließ zwanzig große Riegen aufführen, die nach Art gutsherrlicher Viehställe im Viereck zu stehen kamen, so daß ein weiter Hofraum in der Mitte blieb, zu welchem eine einzige große Pforte hineinführte. In den heizbaren Räumen ließ er große Kochgrapen und Kessel einmauern, und die Öfen mit Eisenrosten versehen, um darauf Fleisch, Blutklöße und Würste zu braten.

Andere Riegen wurden mit Kesseln und großen Kufen zum Bierbrauen versehen, so daß oben die Kessel, unten die Kufen standen. Noch andere Häuser ohne Feuerstellen wurden aufgeführt, um zu Schaffereien für kalte Speisen zu dienen, die eine um Schwarzbrot, die andere um Hefebrot, die dritte um Weißbrot usw., aufzubewahren. Alle nötigen Vorräte, wie Mehl, Grütze, Fleisch, Salz, Fett, Butter udgl. wurden auf dem Hofraum aufgestapelt, und dann wurden fünfzig Soldaten als Wache vor die Pforte gestellt, damit kein Diebesfinger etwas antasten könnte.

 

Der König besichtigte alle Tage die Zurüstungen und rühmte Schlaukopfs Geschick und Klugheit. Außerdem wurden noch einige Dutzend Backöfen im Freien erbaut, und vor jedem Ofen eine eigene Abteilung Wachsoldaten aufgestellt. Für das Fest wurden geschlachtet tausend Mastochsen, zweihundert Kälber, fünfhundert Schweine und Ferkel, zehntausend Schafe und noch viel anderes Kleinvieh, das herdenweise von allen Seiten zusammengetrieben wurde.

 

Auf den Flüssen sah man Kähne und Bote, auf den Landstraßen Frachtwagen unaufhörlich Proviant zuführen, und zwar, waren die Fuhren nun schon seit Wochen in Bewegung. An Bier allein wurden siebentausend Ahm gebraut.

 

Wie wohl die siebenhundert Gehilfen von früh bis spät arbeiteten, und ab und zu auch noch Tagelöhner angenommen wurden, so lastete doch die meiste Sorge und Mühe auf Schlaukopf, weil seine Einsicht die Anderen in allen Stücken leiten mußte. Den Köchen, Bäckern und Brauern hatte er aufs strengste eingeschärft, nicht zuzulassen, daß ein fremder Mund von den Speisen und Getränken koste; wer gegen diesen Befehl handele, dem war der Galgen angedroht. Sollte sich aber irgendwo so ein naschhafter Fremder zeigen, so müsse derselbe augenblicklich vor den obersten Anordner des Festes gebracht werden.

 

Am Morgen des ersten Festtages erhielt Schlaukopf Nachricht, daß ein unbekannter alter Mann in eine Küche gekommen sei und den Koch um Erlaubnis gebeten habe, aus dem Suppengrapen mit dem Schöpflöffel ein wenig zu kosten, was ihm der Koch nun also auf eigene Hand nicht gestatten durfte. Schlaukopf befahl, den Fremden vorzuführen, und bald erschien ein kleiner alter Mann mit grauen Haaren, welcher demütig um Erlaubnis bat, die Festspeisen und das Getränk schmecken zu dürfen. Schlaukopf hieß ihn in eine der Küchen mitkommen, dort wolle er, wenn es möglich sei, den ausgesprochene Wunsch erfüllen.

 

Während sie gingen, sah er scharf hin, ob an dem Alten nicht irgend etwas Absonderliches zu entdecken sei. Da erblickte er einen glänzenden goldenen Ring an dem Ringfinger der linken Hand des Alten. Als sie in die Küche getreten waren, fragte Schlaukopf: »Was für ein Pfand kannst du mir geben, daß kein Schaden entsteht, wenn ich dich die Speise kosten lasse?« »Gnädiger Herr,« - erwiederte der Fremde - »ich habe dir nichts zum Pfande zu geben.« Schlaukopf zeigte auf den schönen goldenen Ring und verlangte ihn zum Pfande. Dagegen sträubte sich der alte Schelm, indem er versicherte, der Ring sei ein Andenken seiner verstorbenen Frau und er dürfe ihn einem Gelübde zufolge niemals aus der Hand geben, weil sonst Unglück kommen könnte.

 

»Dann ist es mir auch nicht möglich, dein Verlangen zu erfüllen,« sagte Schlaukopf - »ohne Pfand kann ich Niemanden weder Festes noch Flüssiges schmecken lassen.« Den Alten stachelte die Lüsternheit so sehr, daß er endlich seinen Ring zum Pfande gab. Als er jetzt den Löffel in den Kessel tunken wollte, versetzte ihm Schlaukopf von hinten mit dem Rücken eines Beiles einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, daß der stärkste Mastochse davon umgefallen wäre, aber der alte Schelm sank nicht, sondern taumelte nur ein bischen.

 

Schlaukopf packte ihn jetzt mit beiden Händen am Barte und ließ starke Stricke bringen, mit denen dem Alten Hände und Füße festgebunden wurden, worauf er bei den Beinen an einem Balken in die Höhe gezogen wurde. Schlaukopf rief ihm spottend zu: »Da warte nun, bis die Festtage vorüber sind, dann wollen wir weiter miteinander abrechnen. Der Ring, in welchem deine Kraft steckt, bleibt mir inzwischen als Pfand.« Der Alte mußte sich wohl oder übel zufrieden geben; er konnte, gefesselt wie er war, nicht Hand noch Fuß bewegen.

 

Jetzt begann das Gelage, zu welchem die Leute zu Tausenden von allen Seiten herbei geströmt waren. Obwohl die Gasterei volle drei Wochen dauerte, so mangelte es doch weder an Speise noch an Trank, viel mehr blieb von Allem noch ein gut Teil übrig. Das Volk war voll Dank und Preis für den König und den Hersteller des Festes.

 

Als der König diesem den bedungenen Lohn auszahlen wollte, sagte Schlaukopf: »Ich habe noch mit dem Fremden ein kleines Geschäft abzumachen, ehe ich meinen Lohn in Empfang nehme.« Dann nahm er sieben starke Männer mit sich, die er mit tüchtigen Knütteln versorgen ließ, und führte sie dahin, wo er den Alten vor drei Wochen an einen Balken aufgehängt hatte. »Ihr Männer! fasset die Knüttel fest in die Faust und verarbeitet mir den Alten, daß er dieses Bad und unser Gastgebot in seinem Leben nicht vergesse!« -

 

Die Männer begannen nun alle sieben den Alten greulich durchzugerben, so daß sie ihm fast das Leben genommen hätten; aber von ihren harten Schlägen riß endlich der Strick. Das Männlein fiel herunter und verschwand im Nu unter der Erde, hinterließ aber eine breite Öffnung. Schlaukopf sagte: »Ich habe ein Pfand, mit welchem ich ihm folgen muß. Bringet dem Könige viele tausend Grüße und saget ihm, er möge, wenn ich nicht zurück kommen sollte, meinen Lohn unter die Armen verteilen.«

 

Er kroch nun durch das selbe Schlupfloch, durch welches der Alte verschwunden war, in die Tiefe. Anfangs fand er den Weg sehr eng, aber einige Klafter tiefer wurde er viel breiter, so daß man leicht vorwärts kommen konnte. Eingehauene Stufen bewahrten den Fuß davor, daß er trotz der Finsterniß nicht glitt. Schlaukopf war eine Weile gegangen, als er an eine Tür kam. Er lugte durch eine kleine Öffnung und sah drei junge Mädchen sitzen und den ihm wohl bekannten Alten, dessen Kopf dem einen der Mädchen im Schoße lag.

 

Das Mädchen sagte: »Wenn ich noch ein Paar Mal die Beule mit der Klinge presse, so vergeht Geschwulst und Schmerz.« Schlaukopf dachte, das ist gewiß die Stelle, die ich vor drei Wochen mit dem Rücken des Beils gezeichnet habe. Er nahm sich vor, so lange hinter der Tür zu warten, bis der Hausherr sich schlafen gelegt habe und das Feuer ausgelöscht sei.

 

Der Alte bat: »Helft mir in die Kammer, daß ich mich zu Bette lege, mein Körper ist ganz aus den Gelenken, ich kann nicht Hand noch Fuß regen.« Darauf wurde er in die Schlafkammer geführt. Während der Dämmerung, als die Mädchen das Gemach verlassen hatten, schlich Schlaukopf herein und fand ein Versteck hinter dem Biertönnchen.

 

Die Mädchen kamen bald zurück und sprachen leise miteinander, um den alten Papa nicht aufzuwecken. »Die Kopfbeule hätte nichts zu sagen,« meinte die eine, - »und der verrenkte Körper würde sich auch schon wieder herstellen, aber der verlorene Kraftring ist ein unersetzlicher Schade, und der quält den Alten wohl mehr als sein körperlicher Schmerz.«

 

Als man später den Alten schnarchen hörte, trat Schlaukopf aus seinem Versteck hervor und befreundete sich mit den Mädchen. Anfangs sahen diese wohl erschrocken drein, aber der verschlagene Jüngling wußte ihre Furcht zu beschwichtigen, so daß sie ihn zur Nacht da bleiben ließen. Er hatte von den Mädchen herausgebracht, daß der Alte zwei ganz besondere Dinge besitze, ein berühmtes Schwert und eine Gerte vom Ebereschenbaum, und er gedachte beides mit zu nehmen. Die Gerte schuf auf dem Meere eine Brücke vor ihrem Besitzer her, und mit dem Schwerte ließ sich das zahlreichste Heer vernichten.

 

Den folgenden Abend hatte sich Schlaukopf des Schwertes und der Gerte bemächtigt, und war vor Tagesanbruch mit Hilfe des jüngsten Mädchens entkommen. Aber vor der Tür fand er das alte Schlupfloch nicht mehr, sondern einen großen Hofplatz und weiterhin wogte das Meer hinter der Koppel.

Unter den Mädchen hatte sich nach seinem Scheiden ein Wortwechsel erhoben, der so heftig wurde, daß der Alte von dem Lärm erwachte. Aus ihrem Gezänke wurde ihm klar, daß ein Fremder hier verkehrt hatte, er stand zornig auf und fand Schwert und Gerte entwendet. »Mein bester Schatz ist mir geraubt!« brüllte er, vergaß allen Körperschmerz und stürmte hinaus.

 

Schlaukopf saß noch immer am Meeresufer und sann darüber, ob er die Kraft der Gerte erproben oder sich einen trockenen Weg suchen solle. Plötzlich hört er hinter sich ein Sausen wie von einer Windsbraut! Als er sich umsieht, erblickt er den Alten, der wie toll gerade auf ihn los rennt. Er springt auf und hat eben noch Zeit, mit der Gerte auf die Wellen zu schlagen und zu rufen: »Brücke vorn, Wasser hinten!« Kaum hat er das Wort gesprochen, so befindet er sich auf einer Brücke im Meere, schon eine Strecke vom Ufer entfernt.

 

Der Alte kommt ächzend und keuchend ans Ufer und bleibt stehen, als er den Dieb auf der Brücke über dem Meere sieht. Schnaufend ruft er: »Nikodemus, Söhnchen! wo willst du hin?« - »Nach Hause, Papachen!« war die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! du hast mir mit dem Beil auf den Kopf geschlagen und mich bei den Beinen am Balken aufgehängt?« - »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du mich von sieben Mann durchprügeln lassen und meinen goldenen Ring geraubt?« - »Ja, Papachen!« »Nikodemus, Söhnchen! hast du dich mit meinen Töchtern befreundet?« - »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du das Schwert und die Gerte gestohlen?« - »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! willst du zurück kommen?« - »Ja, Papachen!« gab - Schlaukopf wieder zur Antwort.

 

Inzwischen war er auf der Brücke so weit gekommen, daß er des Alten Rede nicht mehr hören konnte. Als er über das Meer hinübergelangt war, erfragte er den nächsten Weg zur Stadt des Königs und eilte dahin, um seinen Lohn zu fordern.

 

Aber siehe da! er fand hier alles ganz anders als er gehofft hatte. Seine Brüder standen beide im Dienste des Königs, der eine als Kutscher, der andere als Kammerdiener. Beide lebten gar lustig, sie waren reiche Leute. Als Schlaukopf sich vom Könige seinen Lohn ausbat, sagte dieser: »Ich hatte dich ein ganzes Jahr lang erwartet, da aber nichts von dir zu hören noch zu sehen war, so hielt ich dich für tot, und wollte deinen Lohn unter die Armen verteilen lassen nach deinem Geheiß. Da kamen aber eines Tages deine älteren Brüder, um diesen Lohn zu erben. Ich übergab die Sache dem Gericht, welches ihnen den Lohn zu erkannte, wie sich's auch gebührte, weil man glaubte, du seiest nicht mehr am Leben. Später traten deine Brüder in meinen Dienst, und stehen noch darin.«

 

Als Schlaukopf diese Rede des Königs hörte, glaubte er zu träumen, denn seines Bedünkens war er nicht länger als zwei Nächte in der unterirdischen Behausung des Alten gewesen, und hatte dann einige Tage gebraucht, um heimzukehren; jetzt zeigte sich's aber, daß jede Nacht Jahreslänge gehabt hatte. Er wollte seine Brüder nicht verklagen, ließ ihnen das Geld, dankte Gott, daß er mit dem Leben davon gekommen war und sah sich nach einem neuen Dienste um.

 

Der königliche Koch nahm ihn als Küchenjungen an, und er mußte jetzt alle Tage den Braten am Spieße drehen. Seine Brüder verachteten ihn wegen dieser geringen Hantierung und mochten nicht mit ihm umgehen, er aber hatte sie doch lieb. So hatte er ihnen auch eines Abends manches von dem erzählt, was er in der Unterwelt gesehen hatte, wo die Gänse und Enten goldenes und silbernes Gefieder trugen. Die Brüder hinterbrachten das Gehörte dem Könige und baten ihn, er möge ihren jüngsten Bruder doch hin schicken, damit er die seltenen Vögel herbringe. Der König ließ den Küchenjungen rufen und befahl ihm, sich am nächsten Morgen aufzumachen, um die Vögel mit dem kostbaren Gefieder zu holen.

 

Mit schwerem Herzen machte sich Schlaukopf auf den Weg, nahm aber Ring, Gerte und Schwert, die er heimlich bewahrt hatte, mit sich. Nach einigen Tagen kam er an den Meeresstrand und sah an der Stelle, wo er auf seiner Flucht ans Land gestiegen war, einen alten Mann an einem Steine sitzen.

 

Als er näher trat, fragte ihn der Mann, der einen langen grauen Bart hatte: »Weßhalb bist du so verdrießlich, Freundchen?« Schlaukopf erzählte ihm den schlimmen Handel. Der Alte hieß ihn gutes Mutes und ohne Sorge sein und sagte: »So lange der Kraftring in deiner Hand ist, kann dir nichts Böses geschehen.« Dann erhielt Schlaukopf eine Muschel von ihm und wurde bedeutet, mit der Zaubergerte die Brücke bis in die Mitte des Meeres zu schlagen; als dann solle er mit dem linken Fuße auf die Muschel treten, so werde er dadurch in die Unterwelt gelangen, wo das Gesinde gerade schlafen werde.

Weiter hieß er ihn aus Spinnegewebe einen Sack nähen, um die silber- und goldgefiederten Schwimmvögel hinein zu tun; dann solle er unverzüglich zurück kommen. Schlaukopf dankte für die erwünschte Anleitung und eilte fort.

 

Die Sache ging so, wie vorhergesagt war; aber kaum war er mit seiner Beute bis ans Meeresufer gelangt, so hörte er den alten Burschen hinterdrein keuchen und vernahm auch, wie er auf die Brücke trat, wieder dieselben Fragen als das erste Mal: »Nikodemus, Söhnchen! Du hast mir mit dem Rücken des Beils auf den Kopf geschlagen und hast mich bei den Beinen am Balken aufgehängt?« usw. bis zuletzt noch die Frage hinzukam, welche den an den Schwimmvögeln verübten Diebstahl betraf. Schlaukopf antwortete auf jede Frage »ja« und eilte weiter.

 

So wie ihm der Freund mit dem grauen Barte vorausgesagt hatte, kam er am Abend mit seiner kostbaren Vogellast in der Stadt des Königs an; der Sack aus Spinnegewebe hielt die Tiere so fest, daß keines heraus konnte. Der König schenkte ihm ein Trinkgeld und befahl ihm, am folgenden Tage wieder hinzugehen, denn er hatte von den älteren Brüdern gehört, der Herr der Unterwelt besitze sehr viele goldene und silberne Hausgeräte, und diese begehrte der König für sich.

 

Schlaukopf wagte nicht sich dem Befehle zu widersetzen, aber er ging unmutig von dannen, weil er nicht vorher wissen konnte, wie die Sache ablaufen würde. Am Meeresufer aber kam ihm der Mann mit dem grauen Barte freundlich entgegen und fragte ihn nach der Ursache seiner Betrübniß.

 

Als dann erhielt Schlaukopf wiederum eine Muschel und noch eine Handvoll kleiner Steinchen nebst folgender Anweisung: »Wenn du nach Mittag hin kommst, so liegt der Wirt im Bette, um zu verdauen, die Töchter spinnen in der Stube, und die Großmutter scheuert in der Küche die goldenen und silbernen Gefäße blank. Klettere dann behend auf den Schornstein, wirf die in ein Läppchen eingebundenen Steinchen der Alten an den Hals, folge selbst schleunigst nach, stecke die kostbaren Geräte in den Sack von Spinnegewebe und dann lauf', was die Beine halten wollen.« Schlaukopf dankte und machte es ganz, wie vorgeschrieben war.

 

Als er aber das Läppchen mit den Steinchen fahren ließ, dehnte es sich zu einem sechslöfigen mit Kieselsteinen gefüllten Sacke aus, der die Alte zu Boden schmetterte. Flugs hatte Schlaukopf alle goldenen und silbernen Gefäße in den Sack von Spinnegewebe gepackt und war davon gejagt. Der »alte Bursche« meinte, als er das Gepolter des Sackes hörte, der Schornstein sei eingestürzt und getraute sich nicht gleich nachzusehen. Als er aber die Großmutter lange vergeblich gerufen hatte, mußte er endlich selbst gehen. Als er das Unglück entdeckte, eilte er, dem Diebe nachzusetzen, der noch nicht weit sein konnte.

 

Schlaukopf war schon auf dem Meere, als der Verfolger ächzend und keuchend an's Ufer kam. »Nikodemus, Söhnchen!« usw. wiederholte der alte Bursche alle früheren Fragen der Reihe nach. Die letzte Frage war: »Nikodemus, Söhnchen! hast du mir mein Gold- und Silbergerät gestohlen?« »Freilich, Papachen!« war die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! versprichst du noch wiederzukommen?« - »Nein, Papachen!« antwortete Schlaukopf und lief auf der Brücke vorwärts.

 

Obwohl der alte Bursche hinter dem Diebe her schimpfte und fluchte, so konnte er seiner doch nicht habhaft werden, weil alle Zauberwerkzeuge in den Händen des Diebes waren. Schlaukopf fand den Alten mit dem grauen Barte wieder am Strande, warf den schweren Sack mit den Gold- und Silbersachen, den er nur mit Hilfe des Kraftringes hatte fortbringen können, ab, und setzte sich dann, um die müden Glieder auszuruhen. Im Gespräch erfuhr er nun von dem alten Manne manches, was ihn erschreckte.

 

Der Alte sagte: »Die Brüder hassen dich und trachten, dir auf alle Weise den Garaus zu machen, - wenn du ihrem bösen Anschlag nicht zuvorkommst. Sie werden den König hetzen, dir solche Arbeit aufzutragen, bei der du leicht den Tod finden kannst. Wenn du nun heute Abend mit der reichen Last vor den König trittst, so wird er freundlich gegen dich sein, dann erbitte dir als einzigen Gnadenlohn, daß die Tochter des Königs Abends heimlich hinter die Tür gebracht werde, um zu hören, was deine Brüder untereinander sprechen.«

 

Als Schlaukopf darnach mit der reichen Habe, die man wenigstens auf zehn Pferdelasten schätzen konnte, vor den König trat, fand er diesen sehr freundlich und gütig. Schlaukopf bat nun um den von dem Alten angegebenen Gnadenlohn. Der König war froh, daß der Schatzbringer keinen größeren Lohn verlangte und befahl seiner Tochter, sich Abends heimlich hinter die Tür zu begeben, um zu hören, was der Kutscher und der Kammerdiener miteinander sprächen.

 

Durch das Wohlleben übermütig geworden, prahlten die Brüder mit ihrem Glücke, und was noch einfältiger war, sie beschimpften dabei lügenhafter Weise des Königs Tochter. Der Kutscher sagte: »sie ist viele Mal des Nachts zu mir gekommen, um bei mir zu schlafen.« Der Kammerdiener erwiederte lachend: »Das kam daher, weil ich sie nicht mehr wollte und meine Tür vor ihr zu schloß, sonst würde sie jede Nacht in meinem Bette sein.«

 

Rot vor Scham und Zorn kam die Tochter zu ihrem Vater, erzählte weinend, welch eine schamlose Lüge sie mit ihren eigenen Ohren von den Dienern hatte aussprechen hören, und bat, die Frevler zu bestrafen. Der König ließ die Beiden als bald ins Gefängniß werfen und am anderen Tage, nachdem sie vor Gericht ihre Schuld eingestanden hatten, hinrichten. Schlaukopf wurde zum Ratgeber des Königs erhoben.

Nach einiger Zeit fiel ein fremder König mit einem großen Heere in's Land, und Schlaukopf ward gegen den Feind ins Feld geschickt. Da zog er sein aus der Unterwelt geholtes Schwert zum ersten Mal aus der Scheide und begann das feindliche Heer nieder zu mähen, bis nach kurzer Zeit alle auf der blutigen Wahlstatt den Tod gefunden hatten. Der König freute sich über diesen Sieg so sehr, daß er Schlaukopf zum Schwiegersohn nahm.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

SCHNELLFUSS, FLINKHAND UND SCHARFAUGE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es lebte einmal ein wohlhabender Bauerwirt mit seinem Weibe; es mangelte ihnen an Nichts, viel mehr hatte Gott sie mit allem reichlich gesegnet, so daß sie in den Augen der Menschen als glücklich galten. Aber eins fehlte ihnen doch, was kein Reichtum geben konnte, sie waren kinderlos, wie wohl ihre Ehe schon über zehn Jahre dauerte.

 

Da geschah es eines Abends, als der Mann von Hause gegangen war und die Frau allein im Zimmer saß, daß ihr die Zeit lang wurde und Unmut sie überfiel. »Da sind doch die Nachbarweiber viel glücklicher als ich,« dachte die Frau. »Sie haben das Zimmer voll Kinder, um sich die Zeit zu vertreiben; ist auch der Mann einmal von Hause, so brauchen sie doch nicht allein zu sitzen. Ich aber habe Niemand weiter, den ich mein nenne, wie ein verdorrter Baumstamm muß ich allein im leeren Gemach hausen.« Während sie so dachte, traten ihr die Tränen in die Augen, und ich weiß nicht, wie lange die Frau schon so kummervoll da gesessen hatte, ohne zu bemerken, daß ein unerwarteter Gast ins Zimmer getreten war.

 

Plötzlich fühlte sie, daß etwas ihre Fußknöchel kitzele und meinte, es sei die Katze, als sie aber die Augen an den Boden heftete, sah sie einen zierlichen Zwerg zu ihren Füßen. »Ach!« rief sie erschreckt und wollte aufspringen und fliehen, aber des Zwergleins Hände hielten sie fest wie mit eisernen Zangen, so daß sie nicht von der Stelle konnte. »Erschrick nicht, liebes junges Weib!« sagte der Zwerg freundlich - »daß ich ungerufen kam deinen Sinn zu erheitern und deinen Gram zu stillen; du bist allein, der lange Abend schleicht dem Menschen so träge hin, dein Mann ist verreist und kommt erst nach einigen Tagen zurück. Liebes junges Weib.« -

 

Die Frau unterbrach ihn unwillig: »Spotte nur nicht, die Haube, welche ich bei der Hochzeit trug, schimmelt schon über zehn Jahre in der Truhe und beweint, verwaist, die frühere bessere Zeit.« »Was tut's,« erwiederte der Zwerg, »Wenn die Frau noch keinen Schweif hinter sich hat, und noch jugendlich und frisch ist wie du, dann ist sie immer noch 'junges Weib', und du hast ja bis jetzt keine Kinder gehabt, darfst dich also auch so nennen lassen.« »Ja,« sagte die Frau, »das ist es eben, was mich oft so bekümmert, daß mein Mann mich schon längst gering achtet, da er mich fruchtlos umarmt wie einen dürren Stamm, der keine Zweige mehr treibt.«

 

Der Zwerg aber sagte tröstend: »Sorge dich nicht, du stehst noch nicht am Abend deiner Tage, und ehe du ein Jahr älter geworden bist, werden deinem Stamm, den du für vertrocknet hältst, drei Zweige entsprießen und den Eltern zur Freude aufwachsen. Du mußt nun aber alles so machen, wie ich dir jetzt anzeigen werde. Wenn dein Mann wieder nach Hause kommt, so mußt du ihm drei Eier von einer schwarzen Henne sieden und Abends zu essen geben. Wenn er dann schlafen geht, so mache dir etwas auf dem Hofe zu schaffen und verweile dort einige Zeit, bevor du an die Seite deines Mannes ins Bette schlüpfst. Wenn die Zeit da ist, daß meine Worte in Erfüllung gehen, so komme ich wieder. Bis dahin bleibe mein heutiger Besuch allen ein Geheimniß. Leb' wohl, liebes junges Weib, bis ich wiederkehre und: Mutter! sage.« Darauf entschwand der Zwerg den Blicken der Frau, als wäre er in die Erde gesunken.

 

Das junge Weib - ihr war der Name kränkend - rieb sich lange die Augen, als ob sie hinter die Wahrheit kommen und sehen wollte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen sei. Wonach der Mensch sich sehnt, das hält er meist für wahr, und so war es auch mit der Frau. Der seltsame Vorfall mit dem Zwerge kam ihr nicht mehr aus dem Sinn, und als der Mann nach einigen Tagen heimkehrte, sott die Frau drei schwarze Hühnereier, gab sie ihm am Abend zu essen und tat sonst, wie ihr vorgeschrieben war.

 

Nach einigen Wochen traf ein, was der Zwerg vorausgesagt hatte. Mann und Frau waren froh und konnten zuletzt kaum die lange Frist abwarten, binnen welcher sich ihr Verlangen erfüllen sollte. Zur rechten Zeit kam die Frau in die Wochen und brachte Drillinge zur Welt, lauter Knaben, schön und gesund. Als die Wöchnerin schon wieder in der Genesung und der Mann eines Tages von Hause gegangen war, um Taufgäste und Gevattern zusammen zu bitten, kam der glückbringende Zwerg, die Wöchnerin zu besuchen. »Guten Tag, Goldmutter!« rief der Zwerg ins Zimmer tretend. »Siehst du jetzt, wie Gott deinen Herzenswunsch mit einem Male erfüllt hat? Du bist Mutter dreier Knaben geworden. Da siehst du, daß meine Prophezeiung keine leere war, und du kannst jetzt um so leichter glauben, was ich dir heute sagen werde.

 

Deine Söhne werden weltberühmte Männer werden und werden dir noch viele Freude machen vor deinem Tode. Zeige mir doch deine Bübchen!« Mit diesen Worten war er wie eine Katze auf den Rand der Wiege geklettert, nahm ein Knäulchen roten Garns aus der Tasche und band dem einen Knaben einen Faden um beide Fußknöchel, dem anderen wieder um die Handgelenke und dem dritten über die Augenlieder um die Schläfen herum.

 

»Diese Fäden,« so lautete des Zwerges Vorschrift, »mußt du so lange an ihrer Stelle belassen, bis die Kinder zur Taufe geführt werden; dann verbrenne die Fäden, sammle die Asche in einem kleinen Löffel und netze sie, wenn die Kinder nach Hause gebracht werden, mit etwas Milch aus deiner Brust. Von dieser stärkenden Aschenmilch mußt du jedem Knaben ein Paar Tropfen auf die Zunge gießen, ehe du ihm die Brust reichst. Dadurch wird jeder von ihnen da stark werden, wo der Faden haftete, der eine an den Füßen, der andere an den Händen und der dritte an den Augen, so daß ihres Gleichen nicht sein wird auf der Welt.

 

Jeder wird schon mit seiner eigenen Glücksgabe Ehre und Reichtum finden, wenn sie aber selbdritt etwas unternehmen, so können sie Dinge ausrichten, die man nicht für möglich halten würde, wenn man sie nicht vor Augen sähe. Mich wirst du nicht mehr wiedersehen, aber du wirst dich wohl noch manches Mal dankbar meiner erinnern, wenn deine Knäblein zu Männern herangewachsen sind und dir Freude machen werden. Und jetzt sage ich dir zum letzten Male Lebewohl, liebe junge Mutter!« - Mit diesen Worten war der Zwerg wieder, wie das erste Mal, plötzlich verschwunden.

 

Die Wöchnerin tat sorgfältig alles, was ihr in Betreff der Kinder vorgeschrieben war. Sie verbrannte am Tauftage die roten Fäden zu Asche, ließ, als die Kinder aus der Kirche nach Hause gebracht wurden, Milch aus ihrer Brust auf die Asche fließen und goß von dieser Kraftmilch jedem Kinde ein Paar Tropfen auf die Zunge, ehe sie ihm die Brust reichte. Doch sagte sie Anfangs weder ihrem Manne noch sonst Jemanden ein Wort von den wunderbaren Dingen, die ihr mit dem Zwerge begegnet waren.

 

Die Kinder wuchsen alle drei blühend heran und gaben, als sie fest auf ihren Füßen standen, Proben großer Klugheit. Doch zeigte sich schon von früh auf, daß bei jedem die durch den Wunderfaden gekräftigten Glieder am tüchtigsten waren: bei dem einen die Augen, bei dem anderen die Hände und beim dritten die Füße. Deshalb nannten die Eltern sie später je nach ihrer Hauptstärke, den ersten Scharfauge, den zweiten Flinkhand und den dritten Schnellfuß.

 

Als nach einigen Jahren die Brüder ins Jünglingsalter getreten waren, beschlossen sie, im Einvernehmen mit ihren Eltern, in die Fremde zu ziehen, wo jeder durch seine Stärke und Geschicklichkeit Dienste und Lohn zu finden hoffte. Und zwar wollte jeder der Brüder für sich allein den Weg zum Glücke antreten, der eine gen Morgen, der andere gen Mittag und der dritte gen Abend; nach drei Jahren aber wollten sie alle drei wieder zu den Eltern zurückkommen und melden, wie es ihnen in fremden Landen ergangen sei.

 

Schnellfuß nahm den Weg gen Morgen, von ihm müssen wir nun zuerst erzählen. Daß er mit seinen mächtigen Schritten viel rascher vorwärts kam als seine Brüder, das kann jeder leicht ermessen, denn wo die Meilen einem Manne unter den Füßen schwinden, ohne daß diese ermüden, da wird ihm das Wandern nicht beschwerlich. Gleichwohl sollte er die Erfahrung machen, daß flinke Beine wohl überall einen Menschen aus einer Gefahr befreien können, aber nicht so leicht zu Amt und Brod verhelfen: denn Hände sind aller Orten nötiger als Füße.

 

Schnellfuß fand erst nach geraumer Zeit bei einem Könige in Ostland einen festen Dienst. Der König besaß große Roßherden, unter denen viele stätische Renner waren, die kein Mensch fangen konnte, auch nicht einmal zu Roß. Aber mit Schnellfuß konnte kein Pferd Schritt halten, der Mann war immer schneller als das Roß. Was früher funfzig Pferdehirten zusammen nicht ausrichten konnten, das besorgte er ganz allein und ließ nie ein Pferd von der Herde wegkommen. Darum zahlte ihm der König unweigerlich den Lohn von funfzig Hirten, und machte ihm außerdem noch Geschenke.

 

Die flüchtigen Schritte des neuen Roßhirten hatten Windesschnelle, und wenn er vom Abend bis zum Morgen die ganze Nacht durch, oder vom Morgen bis zum Abend den Tag über gelaufen war, ohne auszuruhen, so war er doch nicht müde, sondern konnte am anderen und am dritten Tage wieder eben so viel laufen. Es geschah oft, daß die Rosse, bei heißem Wetter von Bremsen gestochen, nach allen Seiten hin auseinander fuhren und viele Meilen weit rannten: aber dennoch war am Abend die ganze Herde wieder beisammen.

 

Da gab einst der König ein großes Gastmahl, zu welchem viele vornehme Herren und Fürsten geladen waren. Während des Festes hatte der König seinen Gästen viel von seinem schnellfüßigen Roßhirten erzählt, so daß alle den Wundermann zu sehen begehrten. Manche meinten, es dürfe wohl nicht Wunder nehmen, wenn die in der Herde aufgezogenen und an den Hirten gewöhnten Rosse sich einfangen ließen; das allerstörrigste Pferd höre auf des Herrn Wort und komme auf dessen Ruf. Aber gebt ihm einmal ein Pferd aus einem fremden Stalle, das ihn nicht kennt, dann werden wir sehen, wie weit die Schnelligkeit des Mannes gegen die des Rosses kommt.

 

Da ließen einige fremde Herren die best gefütterten und feurigsten Rosse aus ihren Ställen herführen und dann ins Freie treiben, auf daß Schnellfuß sie einfange. Das war dem Hirten mit den beflügelten Füßen eine Kleinigkeit, denn auch ein gestandenes, wohlgenährtes Pferd kann doch nicht mit einem um die Wette laufen, der wie ein Vogel des Waldes gewohnt ist, Nacht und Tag sich zu rühren.

 

Die fremden Herrschaften priesen die Schnellfüßigkeit des Mannes und schenkten ihm viel goldene und silberne Münzen, versprachen auch daheim von ihm zu reden, damit man erfahre, wo solch' ein Mann zu finden sei. Bald darauf war im ganzen Ostlande der Name Schnellfuß berühmt geworden, und wenn irgend ein König einmal einen schnellen Boten brauchte, so wurde Schnellfuß gemietet, der dann reichen Lohn und außerdem noch Geschenke erhielt, damit er sich ein anderes Mal wieder willig finden ließe. Als er nach drei Jahren sich aufmachte um in die Heimat zurückzukehren, hatte er soviel Geld und Schätze gesammelt, daß er zwanzig Pferde damit beladen konnte, welche ihm der König geschenkt hatte.

 

Der zweite Bruder, Flinkhand, der gen Mittag gezogen war, fand aller Orten lohnenden Dienst; alle Meister brauchten seine Arbeit, weil kein anderer Gesell so geschickt war und so viel fertig machte wie er. Obwohl er nicht in einer Zunft ein bestimmtes Handwerk erlernt hatte, so geriet in seiner geschickten Hand doch jegliche Arbeit; er war Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Gold- und Grobschmied, oder was sonst dergleichen, und es war auf der Welt kein Meister zu finden, dem er nicht zum Gesellen getaugt hätte.

 

Einmal war er bei einem Schneidermeister auf Stücklohn in Arbeit und nähte an einem Tage zwanzig Paar Hosen, ein anderes Mal machte er für einen Schuster in eben der Zeit ebenso viel Paar Stiefel fertig. Dabei war alles, was er machte, so vollkommen, daß, wer einmal seine Arbeit kennen gelernt hatte, von derjenigen anderer Meister und Gesellen nichts mehr wissen wollte.

 

Flinkhand hätte bei jedem Handwerk ein reicher Mann werden können, wenn er irgendwo längere Zeit hätte aushalten können, allein er sehnte sich darnach, die weite Welt zu sehen und streifte deshalb gewöhnlich von einem Ort zum anderen. So kam er auch einmal in eine Königsstadt, wo er alles in großer Bewegung fand. Es sollten Truppen gegen den Feind ausgesandt werden, aber es mangelte an Kleidern, an Fuß- und Kopfbedeckung und auch an Waffen. Und obgleich überall Meister und Gesellen von früh Morgens bis Mitternacht eifrig arbeiteten und sogar Sonntags und Montags nicht feierten, so konnten sie doch in der kurzen Zeit nicht soviel anfertigen, wie der König wollte. Zwar wurde nah und fern nach Gesellen gesucht, die helfen sollten, aber des Fehlenden war so viel, daß all' die Arbeit nicht hinreichend schien, es herzustellen.

 

Eines Tages nun trat Flinkhand in des Königs Schloß und wünschte den König zu sprechen. Dann sagte er: »Geehrter König! ich höre von den Leuten, daß ihr sehr eilige Arbeiten braucht. Ich bin ein weit gereister Meister und kann vielleicht die Arbeiten übernehmen, wenn wir Handels einig werden und ihr mir die Frist nennt, binnen welcher sie fertig sein müssen.« Als der König die Frist genannt hatte, sagte Flinkhand: »Lasset alle Meister der Stadt zusammenrufen und befragt sie, ob sie bis zu dem genannten Tage mit den Arbeiten fertig werden können, wenn das nicht der Fall ist, so übernehme ich alles, aber den Arbeitslohn habt ihr dann mir allein zu zahlen.« -

 

»Das wäre schon recht,« erwiederte der König, »wenn ihr so viele Gesellen bekommen könntet, aber das ist ja eben, was unsern städtischen Meistern fehlt, sie finden nicht genug Arbeiter.« - »Das sei meine Sorge,« erwiederte Flinkhand. Den andern Tag wurden alle Meister der Stadt in das Schloß gerufen und gefragt, wann Jeder mit seiner Arbeit fertig zu werden glaube, worauf einige vier und fünf Monate, andere noch mehr Zeit verlangten. »Nun,« sagte Flinkhand zum Könige, »wenn ihr mir für drei Monate den doppelten Lohn versprecht, so will ich allein all' die Arbeit übernehmen, mit der die anderen wohl erst in einem halben Jahre zu Stande kämen.«

 

Das schien indes dem Könige so wunderbar und so unglaublich, daß er besorgte, man wolle ihm einen Possen spielen und deshalb fragte: »Was für eine Bürgschaft kannst du mir geben, daß du deine Versprechungen erfüllen wirst?« Flinkhand erwiederte: »Geld und Kostbarkeiten, die ich als Schadenersatz bieten könnte, habe ich freilich nicht, aber wenn ihr mein Leben zum Pfande wollt, so ist unser Handel bald geschlossen. Damit ihr aber auch nicht die Katze im Sack zu kaufen braucht, will ich euch morgen eine Probearbeit bringen.« Da war der König zufrieden.

 

Die Gesellen aber meinten untereinander, wenn er doppelte Zahlung erhält, so muß er uns auch doppelten Arbeitslohn geben, sonst werden wir ihm nicht helfen. Als der König am folgenden Tage die Probearbeit gesehen hatte, war er sehr zufrieden damit, und obwohl alle übrigen Meister vor Neid bersten wollten, konnte doch keiner die Arbeit tadeln. Jetzt machte sich Flinkhand wie ein Mann an's Werk. War ihm auch früher schon alle Arbeit von der Hand geflogen, so war doch die Hurtigkeit, die er jetzt von früh bis spät entfaltete, mehr als wunderbar; kaum nahm er sich soviel Zeit, um zu essen und in der Nacht ein wenig, wie ein Vogel auf dem Ast, zu ruhen. Zwei Wochen vor der bedungenen Frist war aller Bedarf für die Soldaten fertig und dem Könige abgeliefert.

 

Der König zahlte den für drei Monate bedungenen Preis doppelt, und fügte fast eben soviel noch als Geschenk hinzu. Dann sagte er: »Lieber kluger Meister! ich möchte mich von dir nicht so schnell trennen. Hast du nicht Lust mit dem Heere gegen die Feinde zu ziehen? Wer so geschickt alle Arbeiten anzufertigen weiß, aus dem kann sicher auch der allerbeste Kriegsmann werden.« Flinkhand erwiederte: »Vielleicht verhält sich die Sache so, wie ihr, geehrter König, meint, aber aufrichtig gesagt: ich habe, so lang ich lebe, das Kriegshandwerk noch nicht versucht, sondern bis jetzt nur unblutige Arbeit getan. Über dies rückt auch die Zeit heran, wo die Eltern mich zu Hause erwarten; nehmt es darum nicht übel, wenn ich eurem Verlangen diesmal nicht entsprechen kann.« So schied er von der Königsstadt, wo er in kurzer Zeit zum reichen Manne geworden war. Er hatte noch über ein halbes Jahr bis zur Heimreise, darum streifte er von einem Orte zum andern und wenn er sich irgendwo länger aufhielt, so arbeitete er, um das Reisegeld zusammenzubringen, denn er wollte sein angesammeltes Vermögen nicht angreifen.

 

Der dritte Bruder, Scharfauge, der seinen Weg gen Abend genommen hatte, schweifte lange von einem Orte zum anderen, ohne einen passenden und lohnenden Dienst zu finden. Als geschickter Schütze konnte er zwar allenthalben soviel erwerben, um seinen täglichen Unterhalt zu bestreiten, aber was hatte er dann bei der Heimkehr mit nach Hause zu bringen? Mit der Zeit war er auf seiner Wanderung in eine große Stadt geraten, wo man nur von dem Unglück sprach, das den König schon drei Mal getroffen hatte, und das Niemand zu begreifen, geschweige zu verhüten vermochte. Die Sache verhielt sich so.

 

Der König hatte in seinem Garten einen kostbaren Baum, der wie ein Apfelbaum aussah, aber goldene Äpfel trug, von denen manche so groß waren wie ein großes Knäuel Garn, und viele tausend Rubel Wert sein mochten. Es läßt sich denken, daß ein solches Obst nicht ungezählt blieb, und daß Nacht und Tag Wachen rings umher standen, um jeden Diebstahl zu verhüten. Trotzdem war schon drei Nächte hintereinander immer einer der größesten Äpfel gestohlen worden; man schätzte den Wert eines solchen auf sechstausend Rubel. Die Wachen hatten weder den Dieb gesehen noch seine Spur gefunden.

 

Scharfauge dachte sich gleich, daß hier eine ganz besondere List obwalte, die er mit seinem durchdringenden Blick wohl herausbringen könnte. Er meinte, wenn der Dieb nicht körperlos und unsichtbar zum Baume kommt, so wird er meinem scharfen Auge nicht entgehen. Er bat deßhalb den König um die Erlaubniß, sich in den Garten begeben zu dürfen, um ohne Vorwissen der Wächter seine Beobachtungen anzustellen. Als er die Erlaubnis erhalten hatte, machte er sich im Wipfel eines hohen Baumes, der nicht weit von dem Goldapfelbaume stand, ein Versteck zurecht, wo Niemand ihn gewahr werden konnte, während sein scharfes Auge überall hin reichte und alles, was vorging, sehen konnte. -

 

Brotsack und Milchfäßchen nahm er mit sich, damit er nicht genötigt wäre seinen Schlupfwinkel zu verlassen, falls das Wachen sich in die Länge zöge. Den Goldapfelbaum und was rings um denselben vorging, behielt er nun unausgesetzt im Auge. Die Wachsoldaten hatten um den Baum herum drei so dichte Kreise geschlossen, daß kein Mäuslein unbemerkt hätte durchschlüpfen können. Wenn der Dieb nicht etwa Flügel hatte, auf dem Boden konnte er nicht an den Baum gelangen.

 

Den ganzen Tag über bemerkte Scharfauge nichts, was einem Diebe ähnlich gesehen hätte. Bei Sonnenuntergang flatterte ein kleiner gelber Schmetterling um den Apfelbaum herum, bis er sich endlich auf einen seiner Zweige niederließ, an welchem gerade ein sehr schöner Apfel hing. Daß ein kleiner Schmetterling keinen goldenen Apfel vom Baume fortbringen konnte, begreift jeder so gut wie Scharfauge, allein da dieser nichts Größeres gewahr wurde, so verwandte er kein Auge von dem gelben Schmetterling.

 

Die Sonne war längst untergegangen und auch die Abendröte verschwand allmählich vom Horizont, aber die um den Baum herum aufgestellten Laternen gaben so viel Licht, daß man alles sehen konnte. Der gelbe Schmetterling saß immer noch unbeweglich auf seinem Zweige. Es mochte um Mitternacht sein, als dem Wächter auf dem Baume die Augen ein wenig zufielen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, als aber seine Augen wieder auf den Apfelbaum fielen, sah er, daß der gelbe Schmetterling nicht mehr auf dem Zweige saß, - noch mehr erschrak er, als er entdeckte, daß auch der herrliche Goldapfel von diesem Zweige verschwunden war.

 

Ein Diebstahl war geschehen, daran war nicht zu zweifeln, allein wenn der geheime Wächter die Sache erzählt hätte, so würden die Leute ihn für verrückt gehalten haben, denn soviel konnte ein Kind einsehen, daß ein Schmetterling nicht im Stande war, den Goldapfel weg zu tragen.

 

Am Morgen gab es wieder großen Lärm, als man fand, daß ein Apfel fehle, ohne daß einer der Wächter eine Spur vom Diebe gesehen hätte. Da trat Scharfauge abermals vor den König und sagte: »Ich habe zwar den Apfeldieb ebenso wenig gesehen wie eure Wachen, aber wenn ihr in der Stadt oder in der Nähe derselben einen zauberkundigen Mann habt, so weiset mich zu ihm, mit seiner Hilfe hoffe ich künftige Nacht des Diebes habhaft zu werden.«

 

Als er erfahren hatte, wo der Zauberer zu finden sei, ging er unverzüglich zu ihm. Die Männer beratschlagten dann, wie sie die Sache wohl am besten anfangen könnten. Nach einiger Zeit rief Scharfauge »Ich habe einen Plan! kannst du durch Zauber einem Spinngewebe solche Festigkeit geben, daß die Fäden auch das stärkste Geschöpf festhalten, dann legen wir den Dieb in Fesseln, so daß er uns nicht wieder entrinnt.« Der Zauberer sagte, das sei möglich; nahm drei große Kreuz-Spinnen, machte sie durch Hexenkraft so stark, daß kein Geschöpf sich aus ihrem Gewebe losmachen konnte, tat sie in ein Schächtelchen und gab sie dem Scharfauge. »Setze diese Spinnen, wohin du willst, und zeige ihnen mit dem Finger an, wie sie ihr Netz ziehen sollen, so spinnen sie als bald einen Käfig um den Gefangenen, aus welchem nur Mana's Weisheit erlösen kann; übrigens eile ich dir zu Hilfe, wenn es dessen bedarf.«

 

Scharfauge schlüpfte mit dem Schächtelchen im Busen wieder auf seinen Baum, um den Verlauf der Sache zu überwachen. Zu derselben Zeit wie gestern sah er den gelben Falter wieder um den Apfelbaum her schweben, aber es dauerte heute viel länger als gestern, ehe sich der Schmetterling auf einen Zweig setzte, an welchem ein großer Goldapfel hing. Sofort ließ sich Scharfauge von seinem Baume herunter, näherte sich dem Goldapfelbaum, ließ eine Leiter anlegen, kletterte sachte hinauf, um den Schmetterling nicht zu scheuchen, und setzte seine kleinen Weber je auf drei Zweige.

 

Eine Spinne kam so einige Spannen über dem Schmetterling, die andere zu seiner Rechten, die dritte zu seiner Linken zu sitzen; dann beschrieb Scharfauge mit dem Finger eine Linie in die Kreuz und die Quer um den Schmetterling herum. Dieser saß mit aufgerichteten Flügeln unbeweglich da. Mit Sonnenuntergang war der Wächter wieder in seinem Baumversteck. Von da aus sah er zu seiner Freude, wie die drei Gesellen um den Schmetterling her von allen Seiten ein Gehege machten, aus welchem das Männlein nicht hoffen durfte zu entkommen, wenn anders die Kraft, deren der Zauberer sich gerühmt hatte, sich bewähren würde.

 

Wohl suchte unser Mann auf seinem Baume sich vor dem Einschlummern zu hüten, aber dennoch waren ihm mit einem Male die Augen zugefallen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, aber ein großer Lärm hatte ihn plötzlich aufgeweckt. Als er hinsah, nahm er wahr, daß die Wachsoldaten wie die Ameisen um den Goldapfelbaum herum liefen und tobten; auf dem Baume aber saß ein alter graubärtiger Mann, einen Goldapfel in der Faust, in einem eisernen Netze.

 

Hurtig stieg Scharfauge von seinem Wipfel herunter, aber ehe er den Goldapfelbaum erreicht hatte, war auch schon der König da, der bei dem Lärm der Wachen aus dem Bette gesprungen und herbeigeeilt war, um zu sehen, was sich Unerwartetes in seinem Garten zutrug. Da saß nun der Dieb im Eisenkäfig und konnte nirgends hin. »Geehrter König,« sagte dann Scharfauge: »jetzt könnt ihr euch ruhig niederlegen und bis zum hellen Morgen schlafen, der Dieb entkommt uns nicht mehr. Wäre er auch noch so stark, so kann er doch die durch Hexenkraft entstandenen Maschen seines Käfigs nicht zerreißen.« Der König dankte und befahl dem Haupthaufen der Wachsoldaten ebenfalls schlafen zu gehen, so daß nur noch einige unter dem Baume auf Wache blieben; Scharfauge, der zwei Nächte und zwei Tage gewacht hatte, ging ebenfalls um auszuschlafen.

 

Am anderen Morgen ging er mit dem Zauberer in des Königs Schloß. Der Zauberer war froh, als er den Dieb im Käfig fand und wollte ihn auch nicht eher herauslassen, als bis das Männlein seine wahre Gestalt gezeigt haben würde. Zu dem Ende schnitt er ihm den halben Bart unter dem Kinne ab, ließ Feuer bringen und fing an die Barthaare zu sengen. O der Pein und Qual, welche der Vogel im Eisenkäfig jetzt auszustehen hatte! Er schrie jämmerlich und überschlug sich vor Schmerz, aber der Zauberer ließ nicht ab, sondern sengte immer mehr Haare, um den Dieb mürber zu machen. Dann rief er: »Bekenne, wer du bist?« Das Männlein antwortete: »Ich bin des Hexenmeisters Piirisilla Knecht, den sein Herr ausgeschickt hat zu stehlen.«

 

Der Zauberer begann wieder die Barthaare zu sengen. »Au, au!« schrie der Hexenmeister, »laßt mir Zeit, ich will bekennen! Ich bin nicht der Knecht, ich bin des Hexenmeisters Sohn.« Abermals wurden Haare gesengt, da rief der Gefangene heulend: »Ich bin der Hexenmeister Piirisilla selbst.« »Zeige uns deine natürliche Gestalt - oder ich senge wiederum,« befahl der mächtige Zauberer. Da begann das Männlein im Käfig sich zu strecken und auszudehnen, und war in wenig Augenblicken zu einem gewöhnlichen Manne angewachsen, der die Entwendung der Goldäpfel ohne Umschweife eingestand. Jetzt wurde er samt dem Käfige vom Baume herunter genommen und gefragt, wo das Gestohlene versteckt sei?

 

Er versprach die Stelle selbst zu zeigen, aber Scharfauge bat den König, den Dieb ja nicht aus dem Käfig zu lassen, denn sonst könnte er sich wieder in einen Schmetterling verwandeln und ihnen entkommen. Ehe er aber alle Diebeslöcher angab, mußte er noch manches Mal gesengt werden, und als endlich alle Goldäpfel herbeigeschafft waren, wurde der böse Dieb im Käfig verbrannt und seine Asche in die Luft gestreut.

 

Als der König seinen Schatz wieder hatte, zahlte er dem Scharfauge einen sehr großen Lohn, so daß er auf ein Mal wohl noch reicher ward als seine beiden Brüder. Der König hätte ihn gern in seine Dienste genommen, aber Scharfauge sagte: »Ich kann jetzt keinen Dienst mehr annehmen, sondern muß nach Hause, um meine Eltern zu sehen.« Darauf schenkte ihm der König Pferde, Wagen und Diener, welche ihm seine Reichtümer nach Hause brachten.

 

Als nun die Brüder im elterlichen Hause wieder beisammen waren, fanden sie sich so reich, daß sie mehr als ein halbes Königreich hätten kaufen können. Die Mutter erinnerte sich jetzt, wie der glückbringende Zwerg das alles zu Wege gebracht hatte, aber sie verschwieg den wunderbaren Vorfall. Reichtum war jetzt in solchem Maße vorhanden, daß die Söhne gewiß nicht nötig gehabt hätten sich einen neuen Dienst zu suchen; aber wo fände man wohl auf der Welt den Reichen, der mit seiner Habe zufrieden wäre und dieselbe nicht immer noch zu mehren suchte?

 

Als die Brüder später erfuhren, daß eines überaus reichen Königs Tochter im Nordlande dem jenigen zu Teil werden sollte, der drei besonders schwierige Dinge ausführen könnte, die bis dahin noch keinem möglich gewesen waren - beschlossen sie einmütig, die Sache zu versuchen. Es waren schon Leute genug von weit und breit erschienen, um sich daran zu versuchen, aber keiner war im Stande gewesen die Aufgaben zu lösen, denen ihre Kräfte nicht gewachsen waren. Einem Einzelnen zumal war es ganz unmöglich das Verlangte zu vollbringen.

 

Als die Brüder den Entschluss gefaßt hatten, machten sie sich selbdritt auf den Weg, und damit sie rascher vorwärts kämen, trug Schnellfuß die beiden anderen von Zeit zu Zeit auf seinem Rücken weiter. Weil nun aber die Arbeit von einem Manne getan werden sollte, so konnten sie nicht alle drei zugleich vor den König treten. Schnellfuß wurde ausgesandt, Erkundigungen einzuziehen.

 

Die drei Probestücke, welche der künftige Schwiegersohn des Königs ausführen sollte, waren folgende: Erstens sollte er einen Tag mit einer großen Renntierkuh auf die Weide gehen und Sorge tragen, daß ihm das windschnelle Tier nicht davon laufe; Abends mit Sonnenuntergang sollte er es wieder in den Stall bringen. Zweitens sollte er Abends das Schloßtor verschließen. Das dritte Probestück erschien als das schwerste. Er sollte nämlich mit seinem Bogen einen Apfel wegschießen, dessen Stiel ein Mann auf einem hohen Berge im Munde hielt, ohne daß der Mann Schaden nähme, und so, daß der Pfeil mitten durch den Apfel ginge.

 

Die beiden ersten Arbeiten schienen wohl nicht so schwer, doch hatte niemand sie bisher ausführen können, und zwar deßhalb, weil es nicht mit rechten Dingen zuging. Die Renntierkuh besaß nämlich eine so wunderbare Schnelligkeit, daß sie in einem Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die ganze Welt hätte laufen können. Wie konnte ein Mensch mit ihr aushalten?

 

Bei dem zweiten Probestück war Hexerei im Spiel. Eine Hexe hatte sich in den eisernen Pfortenriegel verwandelt, und wenn der Mann die Leiter hinanstieg, um den Riegel anzufassen, so packte sie mit höllischer Kraft die Hand des Unglücklichen, und keine Gewalt konnte sie befreien, bis die Hexe selber los ließ. Das war aber noch nicht alles - in demselben Augenblicke, wo die Hand festgeklemmt war, fing der Pfortenflügel an, wie vom Winde geschüttelt hin und her zu tanzen. So mußte der an der Hand festgehaltene Mann bis zum Morgen wie ein Glockenschwengel hin und her baumeln, und wenn er endlich losgelassen wurde, war er mehr tot als lebendig. Obendrein lachten der König und die Leute über sein Unglück und er mußte mit Schande abziehen; auch hatten sich Viele die Schultern so verrenkt, daß sie zeitlebens nicht mehr arbeiten konnten.

 

Die dritte Aufgabe konnte nur einem geschickten Schützen gelingen, dessen Hand und Auge gleich fest und sicher waren. Als Schnellfuß dies alles erfahren hatte, ging er nicht gleich zum Könige, sondern suchte erst seine Brüder wieder auf, die ihn vor der Stadt erwarteten. Nachdem sich die Männer beraten hatten, fanden sie, daß sie zu Dreien diese Dinge wohl zu Stande bringen könnten, das Verdrießliche war nur, daß sie in den Augen des Königs als Einer erscheinen mußten, wenn sie den versprochenen Kampflohn erringen wollten.

 

Die schlauen Brüder beschnitten also ihre Bärte auf gleiche Weise, so daß keinem weder auf der Oberlippe noch unter dem Kinn die Haare dichter standen als dem anderen; und da sie als Söhne einer Mutter und als Drillinge an Körperbildung und Gebärde wenig verschieden waren, so konnte ein fremdes Auge den Betrug nicht herausfinden. Sie ließen sich dann einen gar prächtigen fürstlichen Anzug machen, der aus Seide und dem kostbarsten Samt bestand und mit Gold und blitzenden Edelsteinen verziert war, so daß alles glänzte und schimmerte, wie der Sternenhimmel in einer klaren Winternacht. Ehe sie sich anschickten, die Probearbeiten zu unternehmen, gelobten sich die Brüder mit einem Eide, daß nur das Los entscheiden solle, wer von ihnen des Königs Schwiegersohn werden sollte.

 

Da nun die starken Brüder auf diese Weise allen künftigen Mißhelligkeiten vorgebeugt hatten, schmückten sie eines Tages Schnellfuß mit den prächtigen Kleidern und schickten ihn zum Könige, damit er die Renntierkuh auf die Weide führe. Ging die Sache nach Wunsch, so war der erste große Stein hinweg gewälzt, der bis jetzt alle Freier verhindert hatte, die Brautkammer zu betreten.

 

Schnellfuß trat so stolz vor den König hin, als wäre er ein geborener Königssohn, grüßte mit Anstand und bat um Erlaubnis, das Probestück am andern Morgen zu versuchen. Der König gab sie, fügte aber hinzu: »Gut wäre es, wenn ihr schlechtere Kleider anzöget, denn unsere Renntierkuh läuft unbekümmert durch Sumpf und Moor, immer gerade aus, da könntet ihr die teuren Kleider verderben.« Schnellfuß erwiederte: »Wer eure Tochter freien will, was macht sich der aus Kleidern?« und ging dann zur Ruhe, um den andern Tag desto munterer zu sein. Des Königs Tochter, die heimlich durch eine Türspalte nach dem stattlichen Manne gespäht hatte, sagte seufzend: »Wenn ich doch dem Renntier Fußfesseln anlegen könnte, ich täte es, um diesen Mann zum Gemahle zu erhalten.«

 

Als den anderen Morgen die Sonne aufgegangen war, band Schnellfuß der Renntierkuh einen Halfterstrang um den Hals und nahm das andere Ende in die Faust, damit die Kuh sich nicht zu weit entfernen könnte. Als die Stalltür geöffnet wurde, schoß die Kuh wie der Wind davon, der Hirte aber lief den Halfter festhaltend neben ihr her, und blieb keinen Schritt zurück. Der König und die Zuschauer aus der Stadt erstaunten über die wunderbare Schnelligkeit des Mannes, denn bis hierzu hatte noch Keiner auch nur ein paar hundert Schritt weit neben der Kuh herlaufen können.

 

Wiewohl Schnellfuß sobald keine Ermüdung zu fürchten hatte, so hielt er es doch für geraten, die Kuh zu besteigen, sobald er den Leuten aus den Augen war. Er sprang auf den Rücken des Tieres, hielt sich am Halfter fest und ließ sich weiter tragen. Es war noch früh am Morgen, als die Renntierkuh schon merkte, daß von diesem Hirten nicht loszukommen sei; sie hielt den Schritt an und rupfte das Gras vom Boden. Schnellfuß sprang ab und warf sich unter einen Busch, um auszuruhen, hielt aber den Halfter fest, damit die Kuh nicht davon liefe.

 

Als die Sonne um Mittag brannte, legte sich auch die Kuh neben ihn in den Schatten und fing an wiederzukäuen. Nach Mittag versuchte das Tier noch einige Mal die Schnelligkeit seiner Beine, um dem Hirten zu entkommen, aber dieser war wie der Wind wieder auf dem Rücken der Kuh, so daß er seine Beine nicht anzustrengen brauchte. Sehr groß war das Erstaunen des Königs und der Leute, als sie bei Sonnenuntergang sahen, wie die störrige Renntierkuh gleich dem frömmsten Lamme mit ihrem Hirten heim kehrte. Schnellfuß führte sie in den Stall, verschloß die Tür und speiste dann auf Einladung des Königs an dessen Tafel. Nach dem Abendessen verabschiedete er sich, indem er sagte, er wollte zeitig zur Ruhe gehen, um die Ermüdung des Tages los zu werden.

 

Allein er ging nicht zur Ruhe, sondern begab sich zu seinen Brüdern, die seiner im Walde harrten. Den anderen Tag sollte Flinkhand die prächtigen Kleider anziehen und zum Könige gehen, um das zweite Probestück auszuführen. Der König, welcher ihn für den Mann von gestern hielt, lobte seine Hirtenarbeit und wünschte ihm Glück zu seiner heutigen Aufgabe, nämlich am Abend die Pforte zu verschließen. Des Königs Tochter hatte wieder durch die Türspalte nach dem stattlichen Manne gespäht und sagte seufzend: »Wenn ich könnte, ich schaffte die böse Hexe von der Pforte fort, damit diesem teuren Jünglinge kein Leid geschähe, den ich mir zum Gemahl wünsche.«

 

Flinkhand, der genau wußte, wie es sich mit dem Pfortenriegel verhielt, ging vom Könige gerades Wegs zum Schmied und ließ sich eine starke eiserne Hand machen. Als am Abend alle Welt im Schlosse zur Ruhe gegangen war, machte er Feuer an und ließ darin die Eisenhand rotglühend werden. Darauf stellte er eine Leiter gegen die Pforte, denn seine Körperlänge reichte nicht hinan. Von der Leiter aus legte er die glühende Eisenhand an den Riegel, und in demselben Augenblick hatte die Hexe, die darin steckte, zugepackt und die Hand ergriffen, welche sie für eine natürliche hielt. Als sie aber den brennenden Schmerz fühlte, fing sie so an zu brüllen, daß alle Wände bebten und viele Schläfer im Schloß durch den Lärm aufgeweckt wurden.

 

Aber Flinkhand hatte in demselben Augenblick, wo die Eisenhand ihn selbst vor dem Griffe der Hexe geschützt hatte, den Riegel vorgeschoben, so daß die Pforte verschlossen war. Gleichwohl blieb er wach, bis der König am Morgen aufstand und die Sache selbst in Augenschein nahm. Die Pforte war noch verriegelt. Der König lobte die Geschicklichkeit des Jünglings, der schon zwei schwierige Arbeiten ausgeführt hatte und lud ihn zu Mittag zu Gaste. Flinkhand aß sich an des Königs Tafel satt und wußte sich auch angenehm zu unterhalten, bis er endlich um Erlaubnis bat, nach Hause zu gehen, und auszuruhen, da er die ganze vorige Nacht kein Auge zugetan, auch noch mancherlei Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen habe. Er ging dann in den Wald, wo die Brüder ihn längst erwarteten und wissen wollten, wie das Probestück abgelaufen wäre. Da nun die starken Brüder sich einander nicht beneideten und keiner voraus wissen konnte, wen endlich das Glück treffen würde, Schwiegersohn des Königs zu werden, so freuten sie sich gemeinschaftlich des gelungenen Werkes.

 

Am folgenden Morgen wurde Scharfauge mit dem prächtigen königlichen Anzuge bekleidet und ausgeschickt, um das dritte Probestück auszuführen. Nicht minder stolz und anmutig wie die beiden anderen Brüder trat er vor den König, und bat um die Erlaubnis, das letzte Probestück zu unternehmen. Der König sagte: »Ich freue mich sehr, daß es euch möglich gewesen ist zwei Arbeiten zu vollbringen, welche bis auf den heutigen Tag noch keiner ausführen konnte, so viel ihrer auch von allen Seiten zusammen strömten, um den Versuch zu machen. Dennoch fürchte ich, daß ihr die dritte Arbeit nicht zu Stande bringen werdet, denn das Ziel, welches ihr treffen müßt, steht sehr hoch und ist ein kleiner Körper.«

 

Scharfauge erwiederte: »Wer euer Schwiegersohn werden will, der darf nichts für schwer achten, denn so großes Glück fällt Niemanden im Schlafe zu.« Darauf gab der König die Erlaubnis, am folgenden Morgen das Probestück zu unternehmen. Aber des Königs Tochter, welche wiederum durch die Türspalte nach dem Jüngling gespäht hatte, seufzte mit Tränen in den Augen: »Könnte ich etwas für diesen Jüngling tun, daß er morgen zum dritten Male Sieger bliebe, ich gäbe Hab' und Gut dafür - um ihn zum Gemahl zu erhalten.«

 

War schon das erste und zweite Mal eine große Menge Volks von allen Seiten herbei gekommen, um die Wunderwerke zu sehen, so waren heute die Tausende gar nicht mehr zu zählen. Auf dem Gipfel eines Berges stand der Apfelträger, der in solcher Höhe nicht viel größer aussah als eine Krähe, und ihm sollte Scharfauge den Apfel vom Munde weg schießen, so daß der Pfeil ihn in der Mitte spaltete. Niemand hielt die Sache für möglich. Gleichwohl fürchtete der Mann oben, der den Apfel am Stiele im Munde zu halten hatte, der Schütze könnte doch vielleicht ins Ziel treffen, darum beschloß er in seinem mißgünstigen Sinne, dem Schützen die an sich schwere Aufgabe noch schwerer zu machen. Er faßte nicht, wie vorgeschrieben war, den Apfel mit den Zähnen am Stiele, sondern steckte den halben Apfel in den Mund und dachte: je kleiner ich den Gegenstand mache, auf den er zielen muß, desto weniger kann er sehen und treffen.

 

Aber für Scharfauge war der halbe Apfel nicht minder deutlich als der ganze. Er zielte einige Augenblicke mit seinem durchdringenden Blicke, schnellte den Pfeil vom Bogen und o Wunder! der Apfel war mitten durchgespalten, so daß beide Hälften genau gleiche Größe hatten. Der neidische Apfelhüter hatte zugleich den verdienten Lohn für seine Bosheit erhalten, denn da Scharfauge gerade auf die Mitte des Apfels gezielt hatte, der Mann aber dessen größere Hälfte im Munde hielt, so hatte der Pfeil von beiden Seiten des Mundes ein Stück Fleisch mit weggerissen. Als der entzwei geschossene Apfel dem Könige zum Beweise überreicht wurde, brach die Menge in ein Freudengeschrei aus. Ein solches Wunder hatte sich noch nicht begeben.

 

Des Königs Tochter vergoß Freudentränen, da ihres Herzens Wunsch in Erfüllung gegangen war; der König aber lud Scharfauge ein, zu ihm zu kommen, damit er ihn sofort seiner Tochter verloben könne. Scharfauge lehnte es ehrfurchtsvoll ab mit den Worten: »Vergönnt mir, den heutigen Tag mich nach der Arbeit zu erholen! morgen wollen wir uns der Freude ergeben!« Er wollte sich nämlich keines Fehls gegen seine Brüder schuldig machen, welche gleich ihm ihren Teil der Arbeit getan hatten; das Los mußte entscheiden, welchem von ihnen der Lohn zufallen sollte.

 

Als Scharfauge zu seinen Brüdern kam, erzählte er ihnen den Hergang, und sie freuten sich erst noch mit einander wie die Kinder, ehe sie das Los warfen. Nach Gottes Fügung brachte das Los dem Scharfauge Glück; er sollte nun des Königs Schwiegersohn werden. Noch einmal schliefen die Brüder beisammen, dann schlug die bittere Trennungsstunde, Scharfauge begab sich in die Königsstadt, Schnellfuß und Flinkhand machten sich in die Heimat zu ihren Eltern auf.

 

Nach ihrer Rückkehr kauften die beiden reichen Brüder sich viele Güter und Ländereien, so daß ihr Gebiet bald einem kleinen Königreiche glich. Scharfauge hatte alles seinen Eltern und Brüdern geschenkt, da er, als Schwiegersohn des Königs, seines eigenen Vermögens nicht mehr bedurfte. Die Eltern freuten sich über das Glück ihrer Kinder, nur war der Mutter das Herz oft schwer, weil ihr dritter Sohn so weit von ihnen in der Fremde lebte, daß sie nicht hoffen durfte ihn wieder zu sehen.

 

Als aber die Eltern später gestorben waren, da hatten Schnellfuß und Flinkhand keine Ruhe mehr in der Heimat, sie verpachteten ihre Besitzungen und streiften wieder in fremden Landen umher, um neue Reichtümer und Schätze durch ihre Gaben zu erwerben. Wie weit ihre Wanderung reichte, was für Taten sie auf derselben verrichteten und ob sie später wieder in die Heimat zurück kehrten, darüber kann ich euch nichts weiter melden. Aber Scharfauge's Geschlecht muß noch heutiges Tages in dem Lande wohnen, wo der Stammvater einst das Glück hatte, Schwiegersohn des Königs zu werden.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER ZWERGE STREIT ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ging einmal ein Mann durch einen Wald und stieß auf eine kleine Lichtung, wo drei Zwerge in argem Streite miteinander begriffen waren. Sie schlugen, stießen, bissen einander, traten sich mit Füßen und packten sich an den Haaren, daß es gräulich anzusehen war.

 

Der Mann trat näher und fragte, worüber ihr Zank sich entsponnen. »Sehr gut, Bauer, daß du gekommen bist,« schrien die Zwerge - »du kannst Richter sein und unsern Zank schlichten!« Der Mann sagte: »Erst erzählt mir die Ursache eures Streites, damit ich Recht sprechen kann. Aber schreit nicht alle zugleich, sondern einer rede zur Zeit und deutlich, damit ich aus dem, was ihr vorbringt, klug werde.« - »Sehr wohl,« erwiederte einer der Zwerge. »Ich will dir den Ursprung unserer Streitigkeit erklären.

 

Sieh! Gestern starb unser Vater und wir drei Brüder wollten jetzt seine Erbschaft untereinander teilen; und daraus entstand der Zank.« Der Mann fragte: »Was für eine Erbschaft hinterließ euch denn der Vater?« - »Hier ist seine ganze Verlassenschaft,« erwiederte der wortführende Zwerg, und zeigte dem Manne einen alten Filzhut, ein Paar Bastschuhe und einen tüchtigen Knüttel.

 

»Seid doch nicht unvernünftig,« sagte der Mann, »sind denn diese unnützen Dinge des Zankes wert? Ein Klügerer würde sie alle zusammen auf einen Misthaufen werfen. Da ihr das aber nicht wollt, so teilt denn. Ihr seid eurer drei und drei Dinge hat der Vater hinterlassen, also nehme einer den Hut, der andere die Bastschuhe und der Dritte den Stock, so ist die Sache in Ordnung.« »Das geht nicht!« schrien die Zwerge. »Diese Dinge darf Niemand teilen, sonst schwindet die geheime Kraft daraus; die Dinge müssen ungetrennt bleiben.« Der Mann erkundigte sich nun weiter, warum man diese unnützen Dinge nicht trennen dürfe, und einer der Zwerge gab ihm folgenden Bescheid:

 

»Der alte unscheinbare verknitterte Hut, den ihr da seht, ist für den, der ihn trägt, der größte Schatz. Wenn er den Hut auf hat, so sieht er alles, was auf der Welt vorgeht, es sei nah oder fern, sichtbar oder unsichtbar; - ja der Besitzer des Hutes erkennt dann sogar die Gedanken der Menschen. Legt er dann noch die Bastschuhe an und sagt: Ich will nach Kurland oder Polen, so braucht er nichts weiter zu tun, als den Fuß aufzuheben: augenblicklich gelangt er an die gewünschte Stätte. Nimmt der Träger des Hutes und der Bastschuhe dann den Stock in die Hand und schlägt damit durch die Luft, so muß alles vor ihm schmelzen, es sei Freund oder Feind. Ja starre Felsen, Berge und selbst böse Geister müssen vor diesem Stocke schwinden, denn er ist noch mächtiger als der Donnerkeil, Pikne's Pfeil. Ihr seht nun selbst, daß man diese drei Dinge nicht trennen darf, sondern wir müssen uns ihrer der Reihe nach bedienen, der eine heute, der andere morgen und der Dritte übermorgen.«

 

»Die Sache scheint spaßhaft genug,« sagte der Mann, dem beim Anhören dieser Erzählung ein guter Gedanke aufstieg. »Wenn ich aber euren Erbschaftsstreit schlichten soll, so muß ich erst probieren, ob auch alles wahr ist, was ihr sagt.« - »Das kannst du tun,« riefen die Zwerge wie aus einem Munde, »aber beeile dich. Heute wird in Kurland gerade eine prächtige Hochzeit gefeiert, und unsere ganze Freundschaft und Sippschaft hat sich dort versammelt. Wir möchten auch dahin.« Der Mann erwiederte: »Das könnt ihr ja leicht machen, wenn die gerühmte Zauberkraft wirklich in den Dingen steckt.«

 

Darauf nahm er zuerst den alten verknitterten Hut zur Hand, und sah, daß derselbe nicht aus Filz gemacht war, sondern vielmehr aus menschlichen Nägelschnitzeln bestand. Als er den Hut aufsetzte, ward er die prächtige Hochzeit in Kurland gewahr und alles, was sonst noch in der weiten Welt geschah. Drauf sagte er zu den Zwergen: »Legt mir nun die Bastschuhe an und gebt mir den Stock, dann stellt euch alle drei in eine Reihe, den Rücken zu mir und das Gesicht gegen Morgen gewendet, aber seht euch nicht eher um, als bis ich euch den Bescheid erteile, wie ihr eure Zauberdinge dem Willen des Vaters gemäß teilen müsset.« -

 

Die einfältigen Zwerge erfüllten ohne Widerrede des Richters Geheiß, kehrten das Gesicht nach Morgen und wandten ihm den Rücken zu. Als der Mann den Hut auf dem Kopfe und die Bastschuhe an den Füßen hatte, schwang er den Knüttel ein paar Mal in der Luft um und ließ ihn dann hart auf die Zwerge fallen. Augenblicklich waren diese wie weggefegt, und es war keine Spur weiter von ihnen geblieben, als drei Tropfen Wasser auf dem Frauenmantel-Blatt, auf welchem die Männlein gestanden hatten.

 

Da ihm das erste Probestück so gut gelungen war, beschloß der Mann sich nach Kurland zur Hochzeit, zu begeben. Mit diesem Wunsche hob er den Fuß auf und rief: »Zur kurischen Hochzeit!« und war in demselben Augenblicke auf dem Feste angekommen. Da fand er eine große Menge Menschen versammelt, Hohe und Niedere, denn der Hochzeitgeber war ein vielgenannter reicher Wirt. Da der Mann mit dem Zauberhute Verborgenes eben so gut gewahrte, wie Offenbares, so sah er, als er die Augen zur Decke empor hob, daß sich an derselben und auf den Dörrstangen ein Schwarm kleiner Gäste befand, deren Menge viel größer zu sein schien, als die der eingeladenen Gäste unten. Außer ihm aber konnte Niemand das kleine Volk sehen.

 

Die Kleinen flüsterten: »Seht doch! der alte Ohm ist auch zur Hochzeit gekommen.« - »Nein!« riefen andere dagegen, - »der fremde Mann hat wohl des Ohms Hut, Bastschuhe und Stock, aber der Ohm selbst ist nicht hier.« Inzwischen wurden die Schüsseln mit den Speisen aufgetragen, und zwar lagen Deckel darauf. Da sah der Allsichtige, was von den Übrigen niemand bemerkte, daß mit einer wunderbaren Geschwindigkeit die guten Speisen aus den Schüsseln herausgenommen und schlechtere dafür hineingetan wurden. Eben so ging es mit den Kannen und Flaschen.

 

Jetzt fragte der Allsichtige nach dem Hausherrn, trat mit schicklichem Gruß zu ihm und sagte: »Nehmt es nicht übel, daß ich als unbekannter Fremder unerwartet zu eurem Feste gekommen bin.« »Seid willkommen,« entgegnete der Wirt - »Speise und Trank haben wir genug, so daß uns ein und der andere ungeladene Gast nicht lästig fallen kann.«

 

Der Allsichtige versetzte: »Ich will es glauben, daß ein Gast mehr oder weniger hier nicht lästig fällt, wenn aber die Zahl der ungebetenen Gäste die der gebetenen übersteigt, da kann doch auch der reichste Wirt zu kurz kommen.« »Ich verstehe eure Rede nicht,« sagte der Wirt. Der Fremde gab ihm seinen Hut und sagte: »Setzet meinen Hut auf und hebt die Augen zur Decke hinauf, da werdet ihr schon sehen.«

 

Der Wirt tat es, und als er sah, was für Streiche die kleinen Gäste mit der Mahlzeit verübten, wurde er totenbleich und rief mit zitternder Stimme: »Ei, Freundchen! von diesen Gästen hat meine Seele nichts gewußt; und da ich euren Hut wieder abnehme, sind sie verschwunden. Wie könnte ich sie wohl los werden?« Der Eigner des Hutes erwiederte: »Ich will euch die kleinen Gäste bald vom Halse schaffen, wenn ihr die geladenen Gäste auf kurze Zeit hinausführen, Türen und Fenster sorgfältig verschließen und dafür sorgen wollt, daß nirgends ein Astloch oder ein Spalt in der Wand unverstopft bleibt.«

 

Obwohl der Festgeber dem Dinge nicht recht traute, so tat er doch was der Fremde gewünscht hatte, und bat ihn, die kleinen Windbeutel hinauszujagen. Nach einer kleinen Weile war das Gemach von den geladenen Gästen geräumt, Türen, Fenster und andere Öffnungen sorgfältig verschlossen, und der Allsichtige war mit den kleinen Gästen allein. Da begann er seinen Knüttel gegen die Decke und in den Zimmerecken zu schwingen, daß es eine Lust war zu sehen!

 

In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar der kleinen Gäste vernichtet, und an der Diele lagen so viele Wassertropfen, als wenn es stark geregnet hätte. Nur ein Bohrloch war zufällig unverstopft geblieben, dahinaus schlüpfte eins der Zwerglein, wie wohl der Knüttel den Flüchtling noch gestreift hatte. Dieser stöhnte auf dem Hofe: »Ai, ai, was für ein Schmerz! Schon manches Mal habe ich die Pfeile des alten Papa Pikne geschmeckt, aber das war nichts gegen diesen Knüttel.«

 

Als der Wirt mit Hilfe des Wunderhutes sich überzeugt hatte, daß das Gemach von den Zwerglein gereinigt war, bat er die Gäste wieder einzutreten. Bei Tische durchschaute der Allsichtige die geheimen Gedanken der Hochzeitsgäste, und erfuhr Manches, wovon die anderen nichts ahndeten. Der Bräutigam trug mehr Verlangen nach der Habe seines Schwiegervaters, als nach seiner jungen Frau; diese, welche als Mädchen mit dem Junker des Gutes zu tun gehabt hatte, hoffte durch ihren Mann und ihre Haube ihre Schande zu bedecken. - Jammerschade, daß in unsern Tagen solche Hüte nirgends mehr zu finden sind.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

Rõugatajas Tochter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es lebte einmal vor Zeiten in einer breiten Waldlichtung der alte Rõugataja mit seinem Weibe. Sie hatten auch eine Tochter, die nicht in natürlicher Beschaffenheit zur Welt gekommen war, dennoch bemühte sich die Mutter, sie nach Art der Menschenkinder aufzuziehen, um späterhin einen Schwiegersohn zu bekommen. Es ging die Rede, daß das Mägdlein, so viel davon sichtbar wurde, wohl menschliche Haut hatte, daß aber unter dem Gewande Tannenrinde statt der Haut den Körper deckte. Nichtsdestoweniger hoffte die Mutter, sie mit der Zeit an den Mann zu bringen, und schickte deßhalb das Mädchen überall hin unter die Leute, wo nur in den Dörfern eine Gasterei oder Festlichkeit vorkam. Der Tochter schöne Kleider, vielfach gewundene Perlenschnüre, Halsgeschmeide von vergoldeten Münzen, große Brustspange und Seidenbänder stachen den jungen Burschen wohl in die Augen, aber Freier zogen sie doch nicht ins Haus. Die Bursche lachten und spotteten: oben hübsch und glatt, unterhalb rauh wie Krötenhaut.

Damit nun das Töchterchen nicht zuletzt daheim als alte Jungfer verschimmele, suchte die Mutter bei einer Hexenmutter Hülfe und ließ von ihr einen geheimnißvollen Trank bereiten, der, sobald ein Junggeselle unversehens davon kostete, ihn unfehlbar trieb, dem Mädchen nachzugehen, er mochte nun wollen oder nicht. Die Mutter gab der alten Hexe ein Bündelchen mit Achselhaaren nebst andern Heimlichkeiten von ihrer Tochter, womit die Hexe das Reizmittel für die Burschen bereiten sollte. Als der Wundertrank gekocht war, sagte die Hexe: »von diesem Naß sieben Tropfen, in Speise oder Trank geträufelt, betören jeden Burschen, der davon kostet.«

Darnach wurde auf dem Hofe des Rõugataja ein großer Gastschmaus angerichtet, zu welchem von allen Seiten Menschen zusammen gebeten wurden, besonders zahlreich aber Junggesellen, damit die Jungfer aus der Schaar derselben einen wählen könnte, der vor allen andern nach ihrem Geschmack wäre. Als das Gelage nun schon zwei Tage im Gange war, zeigte die Tochter ihrer Mutter einen jungen Mann, den sie sich gar sehr zum Ehegemahl ersehnte. Die schlaue Mutter tat heimlich sieben Tropfen vom Zaubertrank in einen Kuchen und gab ihn dem Burschen zu essen, worauf der arme Schelm nirgends mehr seines Bleibens fand, sondern, wie das Kätzchen nach dem Strohhalm, der Tochter Rõugataja's nachlaufen mußte, da er sonst weder Tag noch Nacht Ruhe hatte.

Bald darauf erschien er als Freier, und sein Branntwein wurde freundlich angenommen. Einige Wochen später wurde ein prächtiges Hochzeitsmahl angerichtet, so daß noch Kinder und Kindeskinder der Pracht und Herrlichkeit gedachten. Aber was half das Alles? Als das junge Paar Abends in die Kammer geführt wurde, um zu Bette zu gehen, fand der Bräutigam unter der Decke so viel Unheimliches, daß ihm das Blut im Herzen gerann; noch in derselben Nacht nahm er die Flucht und ließ die junge Frau als Witwe zurück.

Mutter und Tochter warteten wohl noch eine Zeitlang, daß der Liebestrank der Hexenmutter den jungen Mann wieder herlocken würde; aber wer nicht kam, war der entwichene Bräutigam. Als noch eine Woche verstrichen war, und der Mann gleichwohl ausblieb, regten sich allerdings Zweifel in ihnen. Endlich kam die Nachricht, daß der entwichene Mann eine andere Frau gefreit hatte, und damit nahm denn ihr Harren und Hoffen ein Ende.

Ein Jahr später hörte die alte Frau des Rõugataja, daß ihres vormaligen Schwiegersohnes Frau einen Knaben geboren hatte. Da reizte ein böser Anschlag ihr Herz, daß sie nirgends mehr Ruhe fand, bis mit Hülfe der Hexe des Kindes Mutter in einen Werwolf verwandelt war. Sodann schaffte sie heimlich ihre Tochter an Stelle der Wöchnerin ins Bett. Da aber die Tochter keine Brust hatte, wie Frauen sie sonst haben, so konnte sie auch das Kind nicht säugen. Wohl goß sie Kuhmilch in die künstlich aus Bork geformte Brust, allein das Kind nahm sie nicht in den Mund, sondern schrie Tag und Nacht vor Hunger, daß der Zeter kein Ende nahm. Es wurden zwar Kindesbaderinnen und Tränenstillerinnen von nah und fern zusammengeholt, allein was konnte es helfen? Das Kind ließ nicht ab zu schreien.

Eines Tages rief der Vater in zornigem Mute: »Tragt den Schreihals aus der Stube, sonst sprengt er mir die Ohren: ich kann sein Geschrei nicht länger aushalten.« Die Wärterin ging mit dem Kinde hinaus, da kam auf dessen Geschrei aus einem Erlenbusch eine Wölfin hervor, entriß der Wärterin das Kind mit Gewalt, tat aber weder ihr noch dem Kinde ein Leides, sondern legte fein säuberlich das Kleine sich an die Brust und säugte es. Als das Kind darauf süß eingeschlummert war, brachte die Wärterin es nach Haus und legte es in die Wiege, wo es bis zum andern Tage ganz ruhig lag. Die Wärterin ließ nichts verlauten von dem Vorfall mit der Wölfin, ging aber den folgenden Tag wieder auf's Feld, wo sich Alles ganz so begab, wie Tags zuvor. Dabei war die Wärterin guter Laune, denn sie hatte es jetzt leicht, und auch der Vater des Kindes war seines Lebens wieder froher geworden, weil kein Geschrei mehr im Hause war, wiewohl die Wöchnerin noch immer schwer krank zu Bette lag und vorgab, weder Hand noch Fuß rühren zu können.

Als nun am dritten Tage die Wärterin wieder ging, dem Kinde seine Amme zu suchen, sagte die Wölfin: »Ich darf nicht jeden Tag so öffentlich in's Freie kommen, das Kind zu säugen. Wenn du es aber alle Morgen an den Erlenbusch am Ukkofelsen bringst, so will ich es säugen; doch mußt du, so lang' ich es säuge, am Rande des Busches Wache halten, damit nicht Jemand plötzlich dazu komme und sehe, wie ich das Kind säuge. Und auch du selbst darfst nicht eher nach dem Kinde kommen, als bis ich dich rufe.« Die Wärterin tat, wie geboten war, und die Sache ging über eine Woche lang vortrefflich; das Kind gedieh zusehends, schlief ruhig ohne Geschrei, und erwachte aus dem Schlafe mit freundlich lächelndem Antlitz.

Eines Tages dünkte der Wärterin das Säugen der Wölfin all zu lange zu dauern, und das Verbot übertretend ging sie heimlich zu spähen, was wohl die Amme mit dem Kinde machen möchte. Ein wunderbares Ding war es denn freilich, was sie da erblickte. Am Ukkofels saß eine junge nackte Frau, das Kind auf ihrem Schoße, welches sie zärtlich liebkoste und auf den Armen schaukelte. Endlich nahm sie eine Wolfshaut vom Felsen, schlüpfte hinein und rief dann die Wärterin, daß sie käme, das Kind zu nehmen. Als die Wärterin drei Tage nach der Reihe diese wunderbare Säugung des Kindes beobachtet hatte, konnte sie zu Hause nicht mehr reinen Mund halten, sondern tat dem Vater Alles kund, was bisher täglich mit dem Kinde geschehen war, sowohl das Säugen durch die Wölfin, als auch die Gestalt der Frau, die aus der Wolfshaut herausgeschlüpft war.

Der Mann schloß sofort, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen könne; er verbot der Wärterin das Geheimniß irgend Jemand weiter zu sagen, und eilte selbst zu einem berühmten weisen Manne, um Rat und Hülfe zu suchen.

Der weise Mann sagte, als er die Erzählung gehört hatte: »Hier scheint einer bösen Hexe Werk dahinter zu stecken, was ich sofort ganz aufzuklären nicht im Stande bin; aber wir müssen versuchen, durch List die Wolfshaut zu erlangen und zu vernichten, dann werden wir schon sehen, was für ein Betrug hier verübt ist.« Dann befahl er dem Manne, in der Nacht den Ukkofels glühend heiß zu machen, damit, wenn die Wölfin die Haut wieder auf den Fels werfen würde, diese versengt und zum Anziehen untauglich gemacht würde.

Der Mann führte den andern Tag, als des Kindes Säugerin sich in den Wald zurückgezogen hatte, ein Paar Fuder Holz um den Fels her und auf denselben, und zündete dann in der Nacht das Holz an, wodurch der Ukkofels glutrot wurde, wie die Glühsteine eines Badstubenofens. Als dann die Zeit herannahte, wo des Kindes Säugerin zu kommen pflegte, räumte er Brände und Asche bei Seite und schlüpfte selbst hinter das Gebüsch in ein Versteck, wo er Alles sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Auf des Kindes Geschrei kam die Wölfin aus dem Walde gelaufen, nahm der Wärterin das Kind ab, und legte es dann so lange ins Gras, bis sie die Wolfshaut abgezogen und auf den Felsrand geworfen hatte. Dann nahm sie das Kind auf den Schoß und begann es zu säugen.

Je schärfer der Mann die Säugende ansah, desto bekannter wurden ihm Gesicht und Gestalt der Frau. Ja - er erkannte in der Säugerin des Kindes sein Weib und begriff jetzt, weshalb die Wöchnerin noch immer zu Hause im dunkeln Zimmer saß. Er sprang nun aus dem Gebüsch hervor und eilte auf die Frau zu. Diese schrie vor Schrecken auf, legte das Kind ins Gras und wollte ihre Wolfshaut wieder vom Felsen nehmen und anziehen, aber das Fell war ganz verbrannt, und nur ein zusammengeschrumpftes Ende davon nachgeblieben. Auch dieses warf jetzt der Mann auf die aller heißeste Stelle, wo nun die letzten Fetzen zu Asche verbrannten. Dann zog er seinen Rock aus, gab ihn der Frau, sich damit zu bedecken, und bat sie, so lange mit dem Kinde da zu bleiben, bis er nach Hause ginge, die Badstube zu heizen.

Zu Hause ging er mit freundlicher Ansprache zur Wöchnerin und sagte: »Du mußt heute in die Badstube gehen, Liebchen, dann wirst du schneller gesund werden.« Die Frau sträubte sich zwar mit aller Macht dagegen; sie könne den Luftzug nicht vertragen; wie könne sie so über den Hof in die Badstube gehen. »Wenn ich so über den Hof ginge, so würde ich draußen ohnmächtig werden und mir den Tod holen.« Der Mann erwiederte: »Das hat gar nichts zu sagen, wir wickeln dir Mund und Augen in eine wollene Decke, so daß der Luftzug deinem zarten Körper nicht schaden kann.« Damit war die Frau ganz zufrieden, denn sie fürchtete nicht den Luftzug, sondern des Mannes Auge, der den Betrug gleich erkannt haben würde.

Als die in die Decke gewickelte Wöchnerin mit Hülfe des Mannes in die Badstube gebracht worden war, machte der Mann die Tür so fest zu, daß keine lebende Seele herein noch heraus kommen konnte, setzte sich dann zu Pferde und jagte im Galopp nach Rõugataja's Hof. In die Stube tretend rief er mit freundlicher Stimme: »Guten Tag, liebe Schwiegermutter! Ich komme euch zu danken, daß ihr mir ein gutes Weib erzogen und mich von der Ofengabel von Frau losgemacht habt, die ich in meinem einfältigen Sinn gefreit hatte. Wir leben glücklich mit einander, und deshalb wünscht die Tochter euch zu sehen, damit ihr euch selbst von unserer Zufriedenheit überzeugen könnt.« Rõugatajas Frau merkte den Betrug nicht, sondern freute sich, daß die Sache so gut gegangen war. Der Schwiegersohn spannte an, setzte sich mit der Schwiegermutter auf den Wagen und fuhr nach Haus.

Hier sagte er: »Die junge Frau ist in die Badstube gegangen, sich zu baden, habt ihr nicht auch Lust hineinzugehen, um den Staub der Fahrt abzuwaschen?« »Warum nicht!« erwiederte die Mutter. Der Mann ließ sie in die Badstube treten, verschloß die Tür und warf dann den roten Hahn auf's Dach. Da verbrannte denn die Badstube sammt Rõugataja's Frau und ihrer Tochter. - Da jetzt das Haus von der bösen Sippschaft gereinigt war, nahm der Mann Weib und Kind zu sich, und sie lebten ungestört bis an ihr Ende.

(Estland, Friedrich Reinhold Kreutzwald)