RUSSISCHE VOLKSMÄRCHEN

VERZEICHNIS

"Schneeflöckchen"

"Die Froschprinzessin"

"Die Rübe"

"Das Mäuschen"

"Das Ungeheuer"

"Der Kloß"

"Masch und der Bär"

"Das weiße Entchen"

"Baba Jaga"

"Finist, der Falke"

"Väterchen Frost"

"Aljonuschka und Iwanuschka"

"Das goldene Ei"

"Filipka"

"Das buckelige Pferdchen"

"Die leblose Prinzessin"

"Das kluge Mädchen"

"Wilde Schwäne"

"Maria Morewna"

"Ilja Muromez"

"Prinz Iwan und der graue Wolf"

"Wasilisa und der Feuervogel"

"Die Geschichte von König Saltan"

"Das weiße Entchen"

 

DAS WEISSE ENTCHEN ...

 

Es war einmal ein Fürst, der eine wunderschöne Frau zur Fürstin hatte. Kurz nach der Hochzeit jedoch musste er weit, weit fort. Die Fürstin weinte sehr, auch wenn sie wusste, dass man nicht sein ganzes Leben da sitzen und sich in den Armen liegen kann. Der Fürst jedoch wies sie an, in dem hohen Turm zu bleiben, in dem sie lebte, nicht auf der Suche nach Unterhaltung umher zu wandern, mit bösen Leuten zu verkehren oder böses Gerede anzuhören.

 

Die Fürstin versprach ihm, so zu handeln, wie er es ihr auftrug und so ritt der Fürst hinfort. Sie aber verschloss die Tür zu ihrem Zimmer und ging nicht mehr hinaus. Nach einer Zeit aber kam eine fremde Frau zu ihr, die wirkte ehrlich und nett und sprach: „Du langweilst dich doch in deinem Zimmer. Wenn du im Garten spazieren gehen würdest, würde dein Kopf freier und deine Sehnsucht gemildert.“ Erst weigerte sich die Fürstin eine ganze Weile herauszukommen, aber schließlich meinte sie:

 

„Spazieren gehen im Garten ist nichts unrechtes“ und so ging sie hinaus. Draußen floss Wasser klar wie Glas in einem Flüsschen und die fremde Frau sprach: „Es ist so heiß, die Sonne brennt hernieder. Komm, wir wollen im kühlen Wasser baden gehen.“

 

Zuerst sprach die Fürstin: „Nein, ich will nicht.“ Dann aber dachte sie: „Baden ist eigentlich auch nichts unrechtes“, zog ihre Kleider aus und stieg ins Wasser. Kaum aber war sie darin, da schlug die fremde Frau sie auf den Rücken und sprach:

 

„Fürstin, Fürstin schwimme fort

als weiße Ente von diesem Ort.“

 

Im gleichen Moment verwandelte sich die Fürstin in ein weißes Entchen und schwamm als solches im Flüsschen herum. Die fremde Frau, die eine Hexe war, zog die Fürstinnenkleider an, schmückte und putzte sich nach einem hohen Stand und wartete auf den Fürsten. Als die Glocken zu seiner Begrüßung läuteten und die Schlosshunde ihn mit ihrem Gebell begrüßten, lief sie, ihn zu empfangen. Sie fiel ihm um den Hals, küsste und betörte ihn. Voller Freude und geblendet von ihrer Kunst nahm er sie in die Arme und erkannte nicht, dass sie nicht die rechte Fürstin war.

 

Das weiße Entchen jedoch legte Eier und bekam drei Kinder von Menschengestalt, zwei große Jungen und einen kleinen. Sie wuchsen heran, gingen am Flüsschen spazieren, fingen Fischlein, sammelten Lumpen und nähten sich daraus Röckchen für sich. Sie liefen kreuz und quer am Ufer herum, dass es eine Freude war.

 

„Geht nicht weg, Kinder“ sprach da die Mutter, aber die Buben gehorchten nicht. Sie spielten auf der Wiese, sie sprangen über Stock und Stein und entfernten sich immer weiter vom Flüsschen, bis sie zum Schloss des Fürsten kamen. Die Hexe wusste sogleich, wessen Kinder dies waren und knirschte vor Ärger mit den Zähnen. Mit gespielter Freundlichkeit rief sie die Jungen zu sich, reichte ihnen Speis und Trank und wies ihnen danach ein weiches Bett zum schlafen an. Dann befahl sie, dass ein Feuer gemacht und ein Kessel darüber gehängt werden solle und ließ scharfe Messer wetzen. Die beiden größeren Buben schliefen schon, aber der kleinste, den der älteste vorne in sein Hemd gesteckt hatte, damit er nicht krank wurde, war noch wach und sah voller Furcht, was rings um ihn geschah.

 

Mitten in der Nacht ging die Hexe zur Tür des Schlafraums und sprach:

„Schlaft ihr, liebe Kinderlein?

Schlaft ihr schon gar hübsch und fein?“

Der kleine Junge antwortete:

„Wir schlafen nicht, wir schlafen nicht,

die Angst steht uns tief im Gesicht,

man will uns schlachten drauß´ im Licht

Das Wasser ist aufgesetzt

Die Messer sind gewetzt!“

 

„Sie schlafen noch nicht“ dachte die Hexe und ging eine Weile fort, um später in der Nacht wieder zu kommen. Nach ihrer Rückkehr fragte sie wieder:

„Schlaft ihr, liebe Kinderlein?

Schlaft ihr schon gar hübsch und fein?“

Der kleine Junge antwortete:

„Wir schlafen nicht, wir schlafen nicht,

die Angst steht uns tief im Gesicht,

man will uns schlachten drauß´ im Licht

Das Wasser ist aufgesetzt

Die Messer sind gewetzt!“

 

„Das ist wieder die gleiche Stimme“ bemerkte die Hexe, öffnete ganz leise die Tür und sah, dass die beiden großen Jungen fest schliefen. So schlich sie zu ihrem Bett, berührte die Brüder mit ihrer eisigen Todeshand und noch im gleichen Moment hauchten sie ihr Leben aus und lagen regungslos da.

 

Am folgenden Morgen rief die Ente ihre Kinder, doch keines kam. Sie spürte, dass etwas Böses passiert war und ihr Herzchen raste. Sie flog in das Schloss des Fürsten und dort im Hof lagen die drei Brüderchen, weiß wie Tücher, kalt wie ein Eisblock, still und regungslos. Die Mutter landete auf ihnen, bedeckte sie mit ihren Flügeln und sang:

„Quak, quak meine Söhnelein,

Quak, quak liebste Kinderlein,

Ich zog euch groß in vieler Not,

Sorgte gut, nun seid ihr tot.

Ich schlief nicht in so mancher Nacht,

Bin nun um jeden Schlaf gebracht.“

 

Der Fürst hörte den Gesang und sagte zu seiner falschen Frau: „Hast du so das schon einmal gehört? Die Ente singt mit der Stimme einer Frau!“

„Das scheint dir nur so. Lass sie fort jagen!“

Die Diener des Fürsten vertrieben die Ente, aber schon bald kam sie wieder zurück zu ihren Kindern und klagte:

„Quak, quak meine Söhnelein,

Quak, quak liebste Kinderlein,

Die Hexe hat euch verdammt,

so dass euer Leben schwand.

Die böse Hexe, voll Gier und voll Neid,

Nahm euch den Vater vor langer Zeit,

Stieß mich ins Bächlein, verwandelte mich

Setzte sich auf meinen Platz wie zuvor ich.

So musste ich dann als Entchen leben

Und sie lebte das Fürstinnenleben.“

 

Der Fürst horchte auf und wies seine Diener an: „Fangt mir das weiße Entchen!“

Alle rannten, um sie zu erwischen, doch niemand konnte sie fassen. Als aber der Fürst selbst ihr hinterher lief, fiel sie in seine Arme. Er nahm einen Flügel in seine Hand und sprach:

 

„Steh, weiße Birke hinter mir,

Steh, schönes Mädchen vor mir!“

 

Da schien es, als ob die Birke hinter ihm sich streckte und mit einem mal stand an Stelle des Vogels ein schönes Mädchen vor dem Fürsten, das er sogleich als seine wahre Gemahlin erkannte. Das Mädchen rief eine Elster, band ihr zwei Bläschen für Wasser unter die Flügel und befahl ihr, in dem einen das Wasser des Lebens und in dem anderen das Wasser des Sprechens herbei zu schaffen.

 

Die Elster flog fort und einige Zeit später kehrte sie tatsächlich mit den beiden Wassern zurück. Die Brüder wurden mit dem Wasser des Lebens besprengt, da fingen sie an sich zu rühren und standen auf, dann wurden sie mit dem Wasser des Sprechens besprengt und schon redeten sie. So bekam der Fürst seine Familie und lebte mit ihnen zusammen in Glück und Zufriedenheit. Die böse Hexe jedoch band man an ein Pferd, jagte es über die Felder, so dass ihr Arme und Beine an den Gräben und Steinen brachen. Was von ihr später übrig war, pickten die Vögel auf uns so blieb von ihr keine Spur, nicht mal eine Gedanke zurück.

DIE GESCHICHTE VON KÖNIG SALTAN ...

Ein Wiedersehen

 

Vor langer Zeit in einem weit entfernten Königreich lebten einmal drei Schwestern. Sie unterhielten sich im Hof ihres Hauses und stellten sich vor, was sie tun würden, wenn König Saltan sie heiraten würden. Eine sagte, sie würde ein großes Fest mit der ganzen Welt feiern. Die zweite meinte, sie würde feinstes Leinen für die ganze Welt weben. Die dritte schließlich sprach, sie würde dem König einen stattlichen und unvergleichlich tapferen Erben gebären.

 

Es geschah, dass eben in diesem Moment der König am Zaun vorbei ging und das Gespräch der drei Frauen mit anhörte. Als er die Worte der dritten hörte, verliebte er sich in sie und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie heirateten noch in der gleichen Nacht und wenig später erwartete die Königin von ihm einen Sohn. Die beiden Schwestern aber erhielten als Köchin und Weberin Arbeit im Schloss.

 

Einige Monate später musste der König in den Krieg ziehen und seine Frau alleine daheim zurück lassen. Während seines Kriegszugs gebar ihm die Königin einen Sohn. Ein Reiter wurde ausgesandt, ihm die gute Nachricht zu überbringen. Die beiden Schwestern der Königin jedoch und eine Freundin von ihnen namens Barbarika waren so eifersüchtig auf deren Glück, dass sie den Reiter entführen ließen und ihn durch ihren eigenen Boten ersetzten. Dieser aber überbrachte eine Nachricht zum König mit den Worten: „Euer Weib, die Königin, hat weder einen Sohn, noch eine Tochter, weder eine Maus noch einen Frosch, sondern ein unbekanntes kleines Wesen geboren.“

 

Als der König diese Nachricht las, war er ärgerlich und schickte einen Brief an seine Frau, dass sie auf seine Rückkehr warten und vorher nichts unternehmen solle. Die intriganten Schwestern trafen jedoch den Reiter auf seinem Rückweg mit der Nachricht, machten ihn betrunken und vertauschten seinen Brief mit einer gefälschten Anweisung von ihm, die besagte, man solle die Königin und ihr Kind in ein Fass stecken, dieses zunageln und ins Meer werfen.

 

Natürlich gab es keinen Weg, die Anweisung eines Königs zu missachten und so steckten die Palastwachen nach dem Eintreffen der gefälschten Nachricht die Königin und ihren Sohn in ein Fass, nagelten einen Deckel darauf und warfen es ins Wasser. Als die Königin im Fass weinte, wurde ihr Sohn größer und stärker, nicht mit jedem Tag, sondern mit jeder Minute. Er bat die Wellen, das Fass an Land zu spülen. Die Wellen erbarmten sich seiner und trugen ihn und seine Mutter in ihrem Fass auf eine Wüsteninsel.

 

Da beide sehr hungrig waren, machte sich der Sohn aus Zweigen eines Baumes einen Bogen und einen Pfeil und ging auf die Jagd. Nicht weit vom Meer hörte er einen Schrei und sah einen armen Schwan im Kampf schon fast besiegt von einem mächtigen schwarzen Falken. Gerade als der Falke kurz davor war, seinen scharfen Schnabel im Hals des Schwans zu versenken, schoss der Junge einen Pfeil auf ihn, tötete damit den Falken und vergoss sein Blut über das weite Meer. Da schwamm der Schwan zu dem Jungen, dankte ihm und sprach: „Du hast keinen Falken getötet, sondern einen bösen Zauberer. Dafür, dass du mein Leben gerettet hast, werde ich dir für immer dienen.“

 

Der Sohn ging zurück zu seiner Mutter und erzählte ihr von seinem Abenteuer, dann ruhten sie sich zusammen aus und waren trotz ihres großen Hungers und Durstes schon bald eingeschlafen. Als sie am nächsten Morgen aufwachten, erblickten sie vor sich eine wundervolle Stadt, wo noch am Abend zuvor gar nichts gewesen war. Sie hatte mächtige Tore und die Häuser und Kirchen in ihr waren von reinstem weiß mit Dächern aus purem Gold. „Schau, welches Wunder der Schwan vollbracht hat“ dachte da der Junge und gemeinsam mit seiner Mutter ging er durch das offene Tor in die Stadt hinein. Da wurden sie darin von einer großen Menschenmenge begrüßt, die den Jungen zu ihrem Fürsten machten und ihn Fürst Gwidon nannten.

 

Eines Tages segelte ein Handelsschiff an der Insel vorbei und drehte bei, als die Seeleute die prächtige Stadt erblickten. Mit einem Salutschuss von der Stadt wurde dem Schiff bedeutet zu ankern und so lief das Schiff in den Hafen der Stadt ein. Dort empfing Fürst Gwidon die Seeleute und bewirtete sie mit feinster Speise und Getränken. Er fragte sie auch, was sie zu verkaufen hätten und wohin sie ihre Wege führten. Sie antworteten, dass sie mit edlen Pelzen und Fellen handelten und sie unterwegs hinter die Insel Bujan in das Reich des Königs Saltan seien.

 

Gwidon beauftragte die Seeleute, dem König Saltan seine Grüße auszurichten und dachte an dessen Nachricht, von der ihm seine Mutter erzählt hatte und die ihre Vertreibung aus dem Königreich ausgelöst hatte. Doch trotzdem war Fürst Gwidon, der immer nur das Beste von den Menschen dachte, der festen Überzeugung, dass sein Vater einen solchen Befehl nicht absichtlich gegeben haben konnte.

 

Als die Seeleute von Gwidons Insel wieder aufbrechen wollten, wurde der Fürst traurig und dachte an seinen Vater. „Was ist los mit dir? Warum bist du so betrübt?“ fragte ihn der Schwan. „Ich würde so gerne meinen Vater, den König sehen“ antwortete Gwidon. Und so verwandelte der Schwan Gwidon mit einem Spritzer des Wassers in eine kleine Mücke, so dass er sich in einem Spalt im Mast des Schiffs verstecken und so in das Reich des Königs reisen konnte.

 

Als das Schiff in König Saltans Reich ankam, begrüßte dieser die Seeleute und fragte sie nach den Ländern, die sie in der weiten Welt gesehen hatten. Die Seeleute erzählten dem König von der Insel und von der prächtigen, ummauerten Stadt darauf und sprachen auch vom Herrscher der Insel, dem großzügigen Fürsten Gwidon. Der König wusste nicht, das Gwidon sein Sohn war, doch sogleich erbrannte in ihm der Wunsch, diese schöne Stadt mit eigenen Augen zu sehen. Die beiden Schwestern der Königin und ihre alte Freundin Barbarika wollten ihn nicht gehen lassen und meinten, das an diesem Seemannsgarn von der prächtigen Stadt mit Sicherheit kein wahres Wort sein würde. „Was viel interessanter ist“, sprach Barbarika, „ist ein Eichhörnchen das drüben am Waldrand unter einer Fichte sitzt und goldene Nüsse mit Kernen aus Edelsteinen knackt. Das ist wirklich etwas außergewöhnliches!“

 

Als sie das hörte, wurde die kleine Mücke, die in Wirklichkeit Fürst Gwidon war, sehr zornig. Sie flog zu Barbarika, stach der alten Frau mitten ins rechte Auge und flog zurück zur Insel. Dort angekommen, erzählte Gwidon dem Schwan seine Erlebnisse und von der Geschichte mit dem bemerkenswerten Eichhörnchen. Dann lief er in den Schlosshof und plötzlich erblickte er dort ein Eichhörnchen, das unter einer Fichte saß und goldene Nüsse knackte und neben dem bereits ein Berg von goldenen Nussschalen und Edelsteinen lag. Da freute sich der Fürst und ließ dem kleinen Tier ein Haus aus feinstem Kristall bauen. Er stellte eine Wache für das Haus und rief einen Schreiber, der die Schalen und Edelsteine sammeln und zählen sollte. So wurde das Eichhörnchen weithin berühmt, der Fürst jedoch und seine Stadt unermesslich reich.

 

Einige Zeit später kam ein neues Schiff auf der Insel an, das ebenfalls auf dem Weg in König Saltans Reich war. So ging der Fürst zum Schwan und wünschte sich erneut, seinen Vater zu sehen. Dieses mal verwandelte der Schwan den Fürsten in eine Fliege, sodass er sich wieder im Schiff verstecken konnte.

 

Als das Schiff im Reich Saltans ankam, erzählten diesem die Seeleute sogleich von dem wundersamen Eichhörnchen, das sie in der Stadt des Fürsten Gwidon gesehen hatten. Saltan wollte wieder diese fabelhafte Stadt besuchen, doch die beiden Schwestern und Barbarika redeten es ihm wieder aus. Sie verhöhnten die Seeleute wegen ihrer Geschichte und Barbarika erzählte von einem noch viel größeren Wunder: Von 33 tapferen Rittern in blinkender Rüstung unter der Führung des mächtigen Helden Tschernomor, die mitten aus der wildesten See herauf kämen. Die Fliege, die Fürst Gwidon war, wurde bei dieser Geschichte wieder sehr böse auf die Frauen, stach in Barbarikas linkes Auge und flog zurück zu seiner Insel.

 

Daheim erzählte Gwidon dem Schwan von Tschernomor und den 33 tapferen Rittern und jammerte, dass er selbst noch nie ein so großes Wunder gesehen habe. Da erschien im Meer plötzlich eine gigantische Welle, die am Ufer brach und als das Wasser weg war, standen dort an seiner Stelle 33 Ritter in blinkender Rüstung unter der Führung von Tschernomor – bereit, dem Fürsten Gwidon zu dienen. Sie versprachen, dass sie nun aus dem Meer jeden Tag emporsteigen würden, um die Stadt des Fürsten zu beschützen.

 

Einige Monate später kam ein drittes Schiff bei der Insel Fürst Gwidons vorbei und angelockt von der Pracht der Stadt, ging auch dieses im Hafen vor Anker. Der Fürst hieß auch die Seeleute auf diesem Schiff herzlich willkommen, bewirtete sie aufs Feinste und trug ihnen auf, dem König Saltan Grüße von ihm zu bestellen. Als die Seeleute sich daraufhin zum Aufbruch rüsteten, ging Fürst Gwidon wieder zum Schwan und sagte ihm, dass er seinen Vater nicht vergessen könne und ihn wiedersehen wolle. So verwandelte der Schwan den Fürsten dieses Mal in eine Hummel.

 

Einige Zeit später erreichte das Schiff das Reich König Saltans und auch die Seeleute auf diesem Schiff erzählten dem König von der wundervollen Stadt auf der Insel, die sie gesehen hatten und wie jeden Tag die 33 Ritter dem Meer entstiegen, um die Insel und die Stadt zu beschützen.

 

Der König erfreute sich an dieser wunderbaren Geschichte und wollte nun endlich dieses außergewöhnliche Land sehen. Erneut redeten die beiden Schwestern und die alte sein Vorhaben aus. Sie spotteten über die Geschichte der Seemänner und Barbarika erzählte die Geschichte von einer Prinzessin, die jenseits des Meeres lebe und so wunderschön sei, dass man seinen Blick von ihr gar nicht abwenden könne. „Das Lichte des hellen Tages verblasst neben ihrer Schönheit, die dunkelste Nacht wird von ihrer zarten Anmut erhellt. Ihre Stimme ist fein und wohlklingend wie reinstes Gold – das ist ein wahres Wunder!“ Da wurde die Hummel Gwidon wieder sehr böse auf die alte Frau und stach ihr in die Nase. Die drei Frauen versuchten danach, die Hummel zu fangen, doch ohne Erfolg und so flog Gwidon zurück nach Hause.

 

Als er dort ankam, starrte Gwidon am Strand auf das Meer hinaus, bis der weiße Schwan wieder zu ihm kam und fragte: „Warum bist du heute so betrübt?“ Gwidon sprach, dass er traurig sei, weil er keine Frau habe. Er erzählte die Geschichte von der wunderschönen Prinzessin mit der großen Anmut und der Stimme wie Gold. Da schwieg der Schwan für eine Weile und sprach dann: „Es gibt eine solche Prinzessin. Aber eine Frau ist nichts, was du einfach so als Geschenk aus der Hand eines anderen empfangen kannst.“ Gwidon antwortete, dass er bereit sei, den Rest von seinem Leben zu allen vier Ecken der Welt zu reisen, um die schöne Prinzessin zu finden. Daraufhin sprach der Schwan:

 

Du brauchst auf keine Reise

Noch Schiff noch and´re Weise

Die Frau steht hier am Strand

Neben dir im Sand

Ich weiß es sicherlich

Die Prinzessin, das bin ich.

 

Als der Schwan dies gesprochen hatte, schlug er mit den Flügeln und verwandelte sich in die hübscheste Frau, von der der Fürst jemals gehört hatte. Da umarmten und küssten sich die beiden leidenschaftlich und Gwidon führte sie mit sich, um sie zu seiner Mutter zu bringen. Noch am selben Abend wurde zwischen ihnen prunkvoll Hochzeit gehalten.

 

Nach einigen Monaten kam wieder ein Schiff und ankerte im Hafen der Stadt. Wie immer hieß Fürst Gwidon die Seeleute willkommen und als sie wieder aufbrachen, trug er ihnen auch dieses Mal auf, dem König Saltan Grüße von ihm auszurichten und ihn eine Einladung auszurichten, seine Insel zu besuchen. Glücklich vereint mit seiner Braut, entschied er sich jedoch, dieses Mal nicht mit dem Schiff mit zu segeln.

 

Als das Schiff im Königreich von Saltan ankam, erzählten ihm die Seemänner erneut von der fantastischen Insel, die sie besuchen durften, vom Eichhörnchen mit den goldenen Nüssen, von den 33 gepanzerten Rittern aus dem Meer und von der lieblichen Fürstin, deren Schönheit unbeschreiblich war.

Dieses mal hörte der König nicht auf die verächtlichen Bemerkungen von den Schwestern und Barbarika. Stattdessen rief er seine Flotte und bestieg sogleich ein Schiff, mit dem er sofort zur Insel segelte. Die Schwestern der Königin und ihre Freundin aber nahm er mit sich. Als sie dort ankamen, stand Fürst Gwidon bereits am Hafen, um König Saltan zu treffen. Wortlos führte Gwidon diesen, seine beiden Tanten und Barbarika zu seinem Palast.

 

Auf dem Weg sah der König alles, wovon er so viel gehört hatte. An den Toren zum Palast standen die 33 Ritter Spalier, im Schlosshof saß das Eichhörnchen und knackte eine goldene Nuss und dort stand auch schließlich die wunderschöne Fürstin, Gwidons Frau. Neben der Fürstin stand eine Frau und als Saltan sie ansah, erkannte er sofort Gwidons Mutter, seine verlorene Frau. Mit Tränen der Freude in den Augen lief er zu ihr, nahm sie in die Arme und Jahre mit gebrochenem Herzen waren vergessen. Da begriff Saltan, dass Fürst Gwidon sein Sohn war und die beiden umarmten sich ebenfalls.

 

Da wurde ein großes Fest gefeiert. Die beiden Schwestern und Barbarika jedoch versteckten sich voller Scham, wurden aber bald gefunden und zum König geführt. Dort gestanden sie voller Angst all ihre Untaten. Aber König Saltan war so glücklich, dass er ihnen vergab und sie gehen ließ. Und so lebten der König, seine Frau, der Fürst und die Fürstin glücklich für alle Tage ihres Lebens.

 

 

WASILISA UND DER FEUERVOGEL ...

Wasilisa und der Feuervogel

 

In einem weit entfernten Königreich, hinter dreimal neun Ländern im dreimal zehnten Reich lebte einst ein starker und mächtiger König. Der König hatte einen mutigen Jägersmann in Diensten und dieser Jäger besaß ein tapferes Pferd. Eines Tages ritt der Jäger auf einer Jagd durch den tiefen Wald. Er folgte einem alten, verwitterten Pfad und plötzlich lag da auf dem Boden eine goldene Feder vom Feuervogel. Sie glänzte so hell wie eine Flamme. Da sagte das Pferd zum Jäger: „Nimm diese Feder nicht! Wenn du sie nimmst, wirst du großes Unglück kennen lernen!“ Der Jäger bedachte die Worte des Pferdes wohl – sollte er sie aufheben oder nicht? Wenn er sie aufhob und zu seinem König brachte, würde er sicherlich eine große Belohnung erhalten. Und gab es etwas, das es nicht wert war, dem König zu Diensten zu sein?

 

So hörte der Jägersmann nicht auf sein Pferd, hob die Feder des Feuervogels auf und brachte sie dem König als Geschenk. „Ich danke dir“ sprach der König, doch sein Herz war angesichts der goldenen Feder voll der Gier. „Aber wenn du die Feder des Feuervogels finden konntest, so finde auch den Feuervogel selbst. Wenn du dies nicht kannst, so verlierst du deinen Kopf!“ Der Jäger weinte bittere Tränen und ging zurück zu seinem tapferen Pferd. „Warum weinst du?“ fragte ihn das Ross. „Der König hat mir befohlen, ihm den Feuervogel zu bringen!“ „Habe ich dich nicht gewarnt, die Feder zu nehmen? Doch gräme und ängstige dich nicht. Dies ist nicht das Unglück, das auf dich wartet. Geh zum König und frag nach hundert Scheffeln Korn, die morgen auf ein offenes Feld gestreut werden sollen.“

 

Der Jäger tat wie geheißen und ritt am folgenden Tag zu diesem Feld, stieg von seinem Pferd und versteckte sich hinter einem Baum. Nach einer Weile hörte er ein Rauschen im Wald – der Feuervogel kam geflogen. Er erreichte das Feld, ließ sich dort nieder und begann, das Korn aufzupicken. Leise näherte sich ihm das Pferd, stieg mit seinen Hufen auf seine Flügel und drückte sie auf den Boden. Der Jäger kam aus seinem Versteck, rannte zum Feuervogel und fesselte ihn mit Stricken. Darauf band er ihn an sein Pferd und ritt zurück zum Schloss. Dort zeigte er den Feuervogel dem König. Dieser bestaunte den Vogel mit Entzücken, dankte dem Jägersmann für seine Dienste, erhob ihn in den Adelsstand und gab ihm sofort eine andere Order. „Nun musst du mir eine Braut suchen. Hinter dem dreimal neunten Land am Ende der Welt lebt die wunderschöne Prinzessin Wasilisa – sie ist die, die ich begehre. Wenn du sie mir bringst, überhäufe ich dich mit Silber und Gold. Wenn nicht, wirst du deinen Kopf verlieren.“

 

Der Jäger weinte erneut bittere Tränen und ging zurück zu seinem Pferd. „Warum weinst du, Meister?“ fragte ihn das Ross. „Der König hat mir befohlen, Prinzessin Wasilisa zu ihm zu bringen!“ “Gräme und ängstige dich nicht. Dies ist noch immer nicht das Unglück, das auf dich wartet. Geh zum König und frag nach einem Zelt mit einem goldenen Dach sowie nach aller Art von Speis und Trank für die Reise.“

Der König gab ihm Speis und Trank und ein Zelt mit goldenem Dach ebenso. Der Jäger bestieg sein tapferes Pferd und ritt hinter das dreimal neunte Land. Nach einiger Zeit erreichte er das Ende der Welt, wo die rote Sonne aus dem blauen Meer stieg. Auf dem Meer erblickte er die Prinzessin Wasilisa. Sie war voll der Schönheit und segelte dort in einem silbernen Boot mit goldenen Rudern. Der Jägersmann stieg von seinem Pferd, schickte es auf eine saftige Weide und errichte das Zelt mit dem goldenen Dach. Dann tischte er darin alle Arten von Speisen und Getränken auf. Er setzt sich, bewirtete sich selbst und wartete auf die Prinzessin.

 

Prinzessin Wasilisa erblickte das goldene Dach des Zeltes, segelte ans Ufer, verließ ihr Boot und schritt zum Zelt. „Seid gegrüßt, Prinzessin Wasilisa“ sagte der Jägersmann „seid mein Gast und testet meine erlesenen Weine!“ Wasilisa betrat das Zelt und sie begannen zu essen und trinken und sich zu unterhalten. Die Prinzessin trank ein großes Glas von dunklem Wein, wurde betrunken und fiel in Schlaf. Der Jäger rief sein Pferd, faltete das Zelt zusammen und ritt schnell wie der Wind zusammen mit der schlafenden Prinzessin nach Hause.

 

Sie kamen zum König und als dieser Wasilisa erblickte, war er hoch erfreut. Er dankte dem Jägersmann für seine Dienste, beschenkte ihn mit großem Reichtum und gab ihm Titel mit höchsten Würden. Währenddessen erwachte Wasilisa, entdeckte, dass sie weit entfernt war von ihrer blauen See war und begann sich zu grämen und zu weinen. In ihrem lieblichen Gesicht lag tiefer Schmerz. Egal was der König sagte, um sie zu trösten, alles war umsonst. Der König wollte sie heiraten, doch sie sprach: „Schick den, der mich hierher brachte, zurück zu der blauen See. In der Mitte der See liegt ein Stein, darunter ist meine Hochzeitsrobe versteckt. Ohne die Robe werde ich nicht heiraten.“ Der König ließ sofort den Jägersmann rufen und sprach zu ihm: „Eile zurück zum Ende der Welt, wo die rote Sonne aufgeht. Dort in der See liegt ein großer Stein und unter dem Stein liegt Prinzessin Wasilisas Hochzeitskleid. Hole das Kleid und bringe es hierher – es ist Zeit meine Hochzeit zu feiern. Wenn du es bringst, belohne ich dich noch reicher als zuvor, wenn nicht, verlierst du deinen Kopf!“

 

Der Jäger weinte wieder bittere Tränen und ging zurück zu seinem Pferd. „Dieses mal“ dachte er „werde ich dem Tod nicht entkommen!“ „Warum weinst du, Meister?“ fragte das Ross. „Der König befahl mir, Wasilisas Hochzeitsrobe vom Grund der tiefen See zu holen. „Nun siehst du es! Riet ich dir nicht, die goldene Feder nicht zu nehmen oder du wirst das Unglück kennen lernen? Doch fürchte dich nicht. Dies ist noch immer nicht das Unglück, das auf dich wartet. Setze dich nieder auf meinem Rücken und lass uns reisen zur großen blauen See.

 

Nach einiger Zeit erreichte der Jägersmann wieder das Ende der Welt und zügelte sein Ross an der Küste der See. Das Pferd sah eine große Krabbe über den Sand kriechen und trat mit seinem schweren Huf in ihren Nacken. „Tötet mich nicht, lasst mir das Leben“ sprach die Krabbe „Ich will für euch tun, was ihr wollt.“ Das Pferd antwortete: „In der Mitte der weiten See liegt ein großer Stein. Unter dem Stein liegt Prinzessin Wasilisas Hochzeitsgewand versteckt. Bring mir das Kleid!“ Die Krabbe rief etwas mit lauter Stimme über die weite blaue See und auf einmal kam eine unzählbar große Menge von Krabben – große und kleine – zum Ufer geschwommen. Der Krabbenkönig gab ein Kommando und sie sprangen alle zurück ins Wasser. Schon nach einer Stunde fanden sie Prinzessin Wasilisas Hochzeitsrobe am Grund der See, direkt unter dem großen Stein.

 

Der mutige Jägersmann ging darauf mit dem Hochzeitsgewand zurück zum König, doch die Prinzessin war noch immer verstockt. „Ich werde dich nicht heiraten, bevor du den Jäger in kochendem Wasser badest.“ Der König ließ einen großen Kessel mit Wasser füllen, wies die Diener an, ihn zu heizen und den Jäger hineinzuwerfen, sobald das Wasser anfing zu kochen. Dann war alles bereit, das Wasser kochte und brodelte und der Jägersmann wurde zum Kessel gebracht. „Nun, das ist das Unglück!“ dachte er, „Warum nur habe ich die goldene Feder des Feuervogels aufgehoben? Warum habe ich nicht auf mein Pferd gehört?“ Er dachte an sein tapferes Ross und sprach zum König: „König, mein Herr! Lass mich lebe wohl zu meinem Pferd sagen, bevor ich sterbe.“ „Gehe, sag lebe wohl zu ihm“ sprach da der König.

 

Der Jäger ging zu seinem Pferd und weinte bittere Tränen. „Warum weinst du, Meister?“ fragte ihn das Ross. „Der König befahl, mich in kochendem Wasser zu baden.“ „Ängstige dich nicht, du wirst überleben!“ Und das Pferd verzauberte den Jäger, so dass das kochende Wasser seinen Körper nicht verletzen konnte. Der Jägersmann kam zurück vom Stall, die Diener brachten ihn zum Kessel und warfen ihn direkt hinein. Er tauchte seinen Kopf ein oder zweimal unter, sprang aus dem Kessel und hatte sich in einen stattlichen und ansehnlichen Mann verwandelt. Als der König sah, dass der Jäger so stattlich und schön im kochenden Wasser geworden war, wollte er auch darin baden. Er sprang in den Topf und fing auf der Stelle an zu kochen. Nach seinem Tod wurde der tapfere Jägersmann König, heiratete die Prinzessin Wasilisa und sie lebten viele Jahre glücklich bis an ihr Ende.

 

 

PRINZ IWAN UND DER GRAUE WOLF ...

Prinz Iwan mit seinem Wolf.

 

In einem weit entfernten Königreich lebte einst ein König. Der König hatte drei Söhne und der jüngste von ihnen wurde Prinz Iwan genannt. Nahe beim Königsschloss war ein wunderschöner Garten und in dem Garten wuchs ein Apfelbaum, an dem wuchsen Äpfel aus reinem Gold. Doch es kam eine Zeit, da drang jemand immer wieder in den Garten ein und raubte goldene Äpfel. Der König postierte Wachen im Garten, doch dennoch gelang es nicht, den Dieb zu fassen. Da wurde der König traurig, der Verlust der Äpfel raubte ihm sogar nachts den Schlaf. So sprachen seine Söhne: „Lieber Vater, sei nicht traurig. Wir werden selbst den Garten bewachen.“

 

„In der nächsten Nacht gehe ich in den Garten“ sprach der Älteste. Doch als die Nacht hereinbracht, legte er sich auf weiches Moos und schlief ein. Am nächsten Morgen fragte ihn der König: „Guter Sohn, was hast du erfahren? Hast du den Räuber erblickt?“

„Lieber Vater, gräme dich nicht. Aber ich wachte die ganze Nacht und sah niemand in den Garten gehen.“

In der folgenden Nacht wollte der mittlere Sohn den Garten bewachen. Aber auch er schlief ein und sagte am nächsten Morgen: „Lieber Vater, gräme dich nicht. Aber ich wachte die ganze Nacht und sah niemand in den Garten gehen.“

 

In der dritten Nacht schließlich war Prinz Iwan an der Reihe im Garten zu wachen. Er ging zur Abendstunde hin, wollte sich aber weder setzen noch legen, um nicht dem Schlaf anheim zu fallen. Als er müde wurde, wusch er sein Gesicht mit Tau und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Nachdem die Nacht zur Hälfte vorbei war, sah er einen Schimmer von Licht, der heller und heller wurde, bis der ganze Garten in strahlendes Licht getaucht war. Da sah der Prinz am Apfelbaum den Feuervogel sitzen, der an den goldenen Äpfeln pickte. Leise schlich Prinz Iwan zum Baum, stürzte sich auf den Vogel und bekam ihn am Schwanz zu packen. Der Feuervogel erhob sich jedoch in die Lüfte, so dass nur die Schwanzfeder ausriss, an der der Prinz ihn gepackt hatte.

 

Am folgenden Morgen ging Prinz Iwan zum König. „Nun Iwan, hast du den Dieb erblickt?“ „Lieber Vater, fangen konnte ich ihn leider nicht. Aber ich weiß, wer es ist, der unseren Garten beraubte – es ist der Feuervogel! Diese Feder habe ich dem Dieb ausgerissen.“ Der Prinz reichte die Feder dem König. Von diesem Tag an war der König wegen des Diebstahls nicht mehr so traurig, doch der Feuervogel ging ihm nie mehr ganz aus dem Kopf. Eine Zeit später rief er seine Söhne wieder zu sich und sprach: „Liebe Söhne. Warum sattelt ihr nicht eure edlen Pferde und reitet in die weite Welt. Lernt fremde Städte und Völker kennen und findet den Feuervogel.“ Die Prinzen verneigten sich vor dem König, sattelten ihre Pferde und ritten davon, jeder in eine andere Richtung.

 

Prinz Iwan ritt eine Zeit und an einem warmen Sommertag wurde er sehr müde, stieg herunter vom Pferd und legte sich schlafen. Als er wieder erwachte, bemerkte er, dass sein Pferd verschwunden war und ging es suchen. Er musste lange suchen, da fand er schließlich nur die Knochen des toten Pferdes, komplett ohne das abgenagte Fleisch. Da wurde der Prinz sehr traurig, denn wie sollte er ohne sein Ross weiter reisen? „Was soll ich machen“ dachte er schließlich und ging zu Fuß weiter. Weit, weit wanderte er durch das Land und wurde sehr müde. Mit traurigem Gesicht setzte er sich ins Gras und machte eine Rast. Da kam ein grauer Wolf auf ihn zu.

 

„Warum bist du so traurig, Prinz Iwan?“

„Wie soll ich nicht traurig sein? Heute hab ich mein gutes Pferd verloren.“

„Ich bin es gewesen, der dein Pferd gefressen hat. Aber ich habe Mitleid mit dir. Warum bist du in die weite Welt gezogen? Was suchst du?“

„Mein Vater, der König hat mich in die Welt hinausgeschickt. Ich soll den Feuervogel finden!“ „Mit einem Pferd wärst du auch in drei Jahren nicht zum Feuervogel gekommen. Nur ich weiß, wo er lebt. Dafür, dass ich dein Pferd gefressen habe, will ich dir bei deiner Suche helfen. Setze dich auf meinen Rücken und halte dich gut fest.“

 

Prinz Iwan setzte sich auf den grauen Wolf und dieser rannte los. Zusammen reisten sie durch tiefe Wälder und über hohe Berge, durch enge Schluchten und über weite Felder. Eines Tages erreichten sie eine mächtige Burg. Da sprach der Wolf: „Gib gut acht, Prinz Iwan. Du musst über diese hohe Mauer steigen, die Wächter dort schlafen zu dieser Stunde. Hinter der Mauer findest du einen Turm, der hat ein Fenster. Im Fenster schließlich steht ein goldener Käfig und in dem Käfig wirst du den Feuervogel finden.

 

Nimm den Feuervogel aus dem Käfig aber gib acht und berühre nicht den Käfig.“ Der Prinz erklomm die Mauer, erreichte den Turm und sah im Fenster den goldenen Käfig mit dem Feuervogel stehen. Er nahm den Vogel, steckte ihn in sein Gewand, aber konnte seinen Blick nicht vom goldenen Käfig abwenden. „Ein Käfig aus Gold, wie kostbar und schön“ dachte er, vergaß alle Warnungen des Wolfs und griff nach dem Käfig. Kaum hatte er ihn berührt, erhob sich ein furchtbares Getöse. Trompeten erschallten, Trommeln wurden geschlagen, die Wächter erwachten, packten Prinz Iwan und schleppten ihn zu dem König, der über die Burg herrschte und Afron hieß. Dieser fragte den Prinzen wütend:

„Wer bist du und woher kommst du?“

„Ich bin Prinz Iwan.“

„Welch eine Schande für ein hohes Haus. Der Sohn eines Königs und ein Dieb.“

„Doch euer Vogel flog in unseren Garten und stahl dort unsere goldenen Äpfel.“

 

„Wärest du zu mir im Guten gekommen und hättest mich gebeten – du hättest den Feuervogel von mir bekommen. Denn höre, dann werde ich keine Gnade walten lassen und auch aller Welt verkünden, dass der Sohn eines mächtigen Königs ein Dieb ist. Ich kann dich nur verschonen, wenn du deine Tat sühnst und mir einen Dienst erweist. Im Nachbarreich regiert ein König, der Kusman heißt. Er hat ein Pferd mit einer goldenen Mähne. Bring mir das Pferd und ich werde dir vergeben und den Feuervogel gebe ich dir dann noch dazu.“

 

Traurig ging Prinz Iwan zurück zum grauen Wolf. Dieser sprach: „Ich habe dich gewarnt, den Käfig zu berühren. Warum hast du dich an meine Worte nicht gehalten?“ „Bitte vergibt mir, grauer Wolf.“ „Nun gut. Steig wieder auf meinen Rücken. Ich werde dir trotzdem weiter helfen.“ Und der Wolf lief mit dem Prinzen weiter. Nach einiger Zeit erreichten sie die Burg von König Kusman. Der Wolf sprach: „Gib gut acht, Prinz Iwan. Du musst über diese hohe Mauer steigen, die Wächter dort schlafen zu dieser Stunde. Hinter der Mauer findest du einen Stall, in dem das Pferd mit der goldenen Mähne steht. Doch gibt acht. Berühre ja nicht das Zaumzeug.“

 

Der Prinz kletterte erneut über die Mauer und sah, dass die Wächter oben schliefen, wie es der Wolf gesagt hatte. So ging er in den Stall, öffnete das Gatter des Pferdes mit der goldenen Mähne und wollte es nach draußen führen. Doch da fiel sein Blick auf das Zaumzeug des Pferdes. Es war aus reinem Gold. Da dachte Prinz Iwan „Zaumzeug aus Gold, wie kostbar und schön“, vergaß erneut alle Warnungen des Wolfs und griff nach dem Zaumzeug. Kaum hatte er es berührt, erhob sich ein furchtbares Getöse. Trompeten erschallten, Trommeln wurden geschlagen, die Wächter erwachten, packten Prinz Iwan und schleppten ihn zu König Kusman. Der fragte ihn:

„Wer bist du und woher kommst du?“

„Ich bin Prinz Iwan.“

 

„Ein Prinz und welch große Dummheit. Nicht einmal ein Bauer würde sich am edlen Ross des Königs vergreifen! Ich kann dir nur vergeben, wenn du mir einen Dienst erweist. Im Nachbarreich regiert König Dalmat. Der hat eine wunderschöne Tochter, die Helena heißt. Entführe das Mädchen für mich und bringe sie zu mir, dann erhälst du das Pferd mit der goldenen Mähne und sein Zaumzeug dazu.“

 

Todtraurig kehrte Iwan zum grauen Wolf zurück. „Prinz Iwan, ich habe dich gewarnt, das Zaumzeug zu nehmen, aber wieder hast du nicht auf mich gehört.“ „Bitte verzeih mir, Wolf.“ „Jetzt ist es einfach, sich zu entschuldigen. Nun gut, steig wieder auf.“ Und so rannte der Wolf mit Prinz Iwan über das Land, bis sie zur Burg des Königs Dalmat kamen. Im Burggarten ging die schöne Prinzessin Helena mit ihren Hofdamen und Wächterinnen spazieren. Als sie einmal ein Stück hinter ihren Damen ging, packte sie der graue Wolf, warf sie über seinen Rücken und jagte mit ihr und Prinz Iwan davon. Zusammen mit Helena und Iwan lief er durch tiefe Wälder und über hohe Berge, durch enge Schluchten und über weite Felder bis zum König Kusman. Dort fragte der graue Wolf:

„Warum bist du wieder so traurig, Prinz Iwan?“

 

„Wie soll ich nicht traurig sein, Gevatter Wolf? Sie die Prinzessin, ihre Schönheit, ihr großer Liebreiz. Wie soll ich mich von ihr trennen, wie kann ich sie gegen ein Pferd tauschen?“ Da antwortete der Wolf: „Du wirst die Prinzessin behalten. Wir werden sie verstecken, dann verwandele ich mich in ihre Gestalt und du führst mit als Helena zum König.“ Sie versteckten die liebliche Helena in einer Blockhütte im Wald. Der Wolf drehte sich dreimal im Kreis und verwandelte sich in die Gestalt Prinzessin Helenas. Darauf führte Prinz Iwan den verzauberten Wolf zum König Kusman. Der dachte, es sei die echte Prinzessin, die Iwan brächte, dankte ihm und sprach: „Dafür wirst du das Pferd mit der Goldmähne bekommen, mitsamt dem Zaumzeug.“ Der Prinz bestieg das Pferd und ritt zur Blockhütte Helenas. Mit ihr zusammen eilte er daraufhin davon. König Kusman aber feierte Hochzeit, einen ganzen Tag bis zum späten Abend und erst in der Nacht führte er seine vermeintliche Helena zum Hochzeitsbett. Aber kaum hatte er sich mit ihr hingelegt, schaute er in einen Wolfsrachen anstatt auf ihre lieblichen Lippen. Vor Schreck fiel er aus dem Bett, aus dem nun auch der Wolf sprang und aus des Königs Burg floh.

 

 

Illustration Iwan Bilibin

 

Schon bald erreichte der Wolf den Prinzen Iwan. „Was schaust du so nachdenklich, Prinz?“

„Was soll ich nicht denken .... es betrübt mich, ein so herrliches Pferd mit goldener Mähne hergeben zu müssen, nur um es gegen den Feuervogel zu tauschen.“ „Denke nicht darüber nach, ich werde dir helfen.“ Als sie bei der Burg von König Afron ankamen, sagte der Wolf: „Versteck´ das Pferd und die schöne Prinzessin. Ich werde mich in die Gestalt des Pferdes verwandeln und du führst mich zum König.“ So verstecke Iwan die Prinzessin und das Pferd im Wald. Der graue Wolf drehte sich dreimal im Kreis und verwandelte sich in das Pferd mit der Goldmähne. Darauf führte der Prinz ihn zu König Afron, der sich sehr freute und ihm den Feuervogel mitsamt dem goldenen Käfig dafür gab. Der Prinz lief mit beidem zurück in den Wald, setzte die schöne Helena auf das edle Pferd und ritt mit seinen Schätzen Richtung Heimat. Inzwischen betrachtete König Afron sein vermeintliches neues Pferd. Als er gerade aufsteigen wollte, verwandelte es sich jedoch zurück in den grauen Wolf. Der König fiel erschrocken auf die Erde und der Wolf rannte davon in den großen weiten Wald und hatte Prinz Iwan schon bald eingeholt.

 

„Nun gehab dich wohl, Gevatter Wolf und ich danke dir vielmals für deine Hilfe.“ Prinz Iwan verneigte sich tief vor dem Wolf und war voll der Ehrerbietung. Da sagte der Wolf: „Verabschiede dich nicht für immer, sondern sag lieber auf bald. Der Tag wird kommen, wo du mich wieder brauchen wirst.“ Der Prinz konnte sich nicht vorstellen wofür, da seine Wünsche nach einer schönen Braut, einem edlen Pferd und dem Feuervogel doch erfüllt waren, und ritt seiner Wege. An der Grenze des Königreichs seines Vaters machte er noch einmal Rast, da es bereits Abend geworden war. Zusammen mit der Prinzessin aß er vom Reiseproviant, trank Wasser aus einer Quelle und legte sich schlafen. Kaum war er eingeschlafen, als plötzlich seine Brüder des Weges kamen. Auch sie waren auf der Suche nach dem Feuervogel in der Welt herumgekommen, hatten jedoch nichts errungen. Als sie sahen, was ihr Bruder alles erstritten hatte, waren sie voller Neid und sprachen: „Wenn wir den Bruder töten, dann gehört die Beute uns.“ Und so taten sie es auch, erschlugen Prinz Iwan, setzten sich auf das Pferd mit der Goldmähne, nahmen den Feuervogel und Prinzessin Helena mit auf das Pferd und drohten ihr: „Wenn du nur ein Wort verrätst, was heute geschehen ist, so hat dein letztes Stündlein geschlagen.“ Darauf ritten sie davon, hin zur Burg ihres Vaters.

 

Da lag nun Prinz Iwan dahingestreckt auf der Erde und Raben kreisten über seinem Körper. Da kam der graue Wolf angesprungen und schnappte sich einen Raben mit seinem Jungen.

„Flieg davon, Rabe und hole mir das Wasser des Lebens und das Wasser des Todes. Wenn du mir beides herbringst, so lasse ich dein Junges ziehen.“ Der Rabe bekam Angst und flog davon, während der Wolf sein Junges festhielt. Nach einiger Zeit kam der Rabe zurück und hatte tatsächlich vom Wasser des Todes und Wasser des Lebens etwas dabei. Der graue Wolf besprengte den Körper des Prinzen mit dem Wasser des Todes und augenblicklich heilten alle Wunden, die ihm seine Brüder beigebracht hatten. Daraufhin besprengte der Wolf den Prinzen mit dem Wasser des Lebens und Iwan wurde wieder lebendig und gähnte. „Oh, ich habe so tief geschlafen.“ „Du hast wirklich sehr tief geschlafen. Ohne mich wärst du nie wieder erwacht.“ Deine Brüder haben dich getötet und alles, was du errungen hast, geraubt. Steig auf meinen Rücken, schnell. Sie verfolgten die beiden älteren Brüder und hatten sie schnell eingeholt. Da sprang der graue Wolf auf sie und riss sie in Stücke. Prinz Iwan dankte ihm nochmals herzlich und verabschiedete sich dann von ihm.

 

Auf dem Pferd mit der Goldmähne kehrte er dann heim zur Burg seines Vaters. Er gab dem König dort den Feuervogel und stellte ihm die Prinzessin vor, die er zu seiner Braut erwählt und die inzwischen auch an ihm Gefallen gefunden hatte. Als er dem Vater seine Erlebnisse berichtete, wurde dieser sehr traurig über den Verrat seiner beiden älteren Söhne und ihr Ende, tröstete sich aber bald mit dem Glück seines jüngsten Sohnes und seiner wunderschönen Braut. So heirateten denn auch bald Prinz Iwan und die schöne Helena und lebten glücklich in guten und schlechten Tagen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

 

ILJA MUROMEZ ...

Ilja mit seinem Pferd

 

Nach einer alten Legende lebte einmal ein Sohn von Bauersleuten in einem kleinen Dorf, der schon seit seiner Geburt ein Krüppel war, nicht laufen konnte und Ilja Muromez hieß. Seine Eltern ließen ihn immer auf dem großen Ofen in der Küche liegen, wenn sie morgens das Haus für die Arbeit auf den Feldern verließen.

 

Eines Tages, als Ilja wieder alleine zu Hause war, kamen einige Männer in altertümlichen Kleidern herein und sprachen: „Sei gegrüßt, Ilja Muromez, du tapferer Ritter. Du bis der Beschützer des Landes und der Sieger über unsere Feinde.“

 

Da antwortete Ilja schwermütig: „Warum nennt ihr mich Ritter? Mich, einen Krüppel ? Ich kann nicht einmal laufen und die Leute treiben ihren Spott mit mir.“ Die Männer aber redeten ihm zu, doch aufzustehen und sangen:

Ilja Muromez steh auf

Gib deinem tapferen Herzen Ruhm

Richte deine Schultern auf

Lass deine Beine nicht mehr ruh´n.

 

Durch ihren Gesang befiel Ilja eine große Fröhlichkeit und wie durch ein Wunder stand er plötzlich auf – er konnte laufen, rennen, hüpfen und tanzen und fühlte eine große und mächtige Kraft durch seinen Körper fließen. Er war geheilt.

 

Inzwischen versuchten seine Eltern draußen Baumwurzeln und – stümpfe für einen neues Feld aus dem Boden zu ziehen. Sie arbeiteten hart, waren aber doch nicht in der Lage, die Stümpfe und Wurzeln aus der Erde zu bekommen, so fest steckten sie darin. Als sie schon ganz erschöpft waren und sich auf einem der Stümpfe ausruhten, hörten sie ein lautes Geräusch wie von zersplitterndem Holz. Es war Ilja, der gekommen war, um ihnen zu helfen und die Stümpfe und Wurzeln in einer Schnelligkeit aus der Erde riss, dass es eine Freude war. Die Eltern trauten ihren Augen kaum. „Bist du es, lieber Sohn ? Wer gab dir diese Kraft, wer heilte dich von deiner Lahmheit?“ Er antwortete: „Seid gegrüßt, meine lieben Eltern. Ich hatte heute Besuch von einer Reihe von Gästen und sie schenkten mir eine unglaubliche Kraft.“

 

Kurz darauf kaufte Iwan ein Fohlen namens Karuschka und sprach zu ihm: „Du wirst das Pferd eines mächtigen Ritters sein und deine Arbeit hart.“ Er sorgte gut für das kleine Pferdchen, zog es groß und so wurde es ein prächtiges Ross. In der Schmiede währenddessen hämmerten große Meister der Schmiedekunst in seinem Auftrag ein Kettenhemd, ein stählernes Schwert, eine große Lanze und einen purpurnen Schild für den mächtigen Ritter Ilja. Danach fragten sie Ilja, wohin er denn nun ziehen wolle. „Zur Stadt des Königs“ sprach er und mit seiner neuen Ausrüstung ritt er sogleich los.

 

Auf dem Weg kam er an einer anderen Stadt vorbei, die gerade von bösen Feinden belagert wurde. Ganz alleine griff Ilja sie an und war mit seiner glitzernden Rüstung und großen Kraft ein so furchterregender Anblick, dass die Feinde davon liefen und er sie dadurch ganz alleine besiegte. Da öffneten die Bewohner der Stadt ihre Tore und begrüßten Ilja freudig mit Brot und Salz. Danach fragten sie ihn sogleich, ob er nicht der Anführer der Krieger der Stadt werden möchte. Er aber lehnte ab, dankte ihnen und meinte, er müsse weiter zur Stadt des Königs.

 

Iljas Weg führte ihn weiter durch einen dunklen, sumpfigen Wald. Dort gab es weder Vögel noch andere Tiere. Im Wald jedoch lebte der böse Räuber Solowej, der dort auf einem Baum wartete und Reisende mit einem schrecklich lauten Pfeifen tötete, um sie danach auszurauben. Als Solowej das Hufgetrappel von Ilja hörte, wurde er zornig. Er ließ seinen tödlichen Pfiff erschallen, Furcht einflößender als das Heulen jedes Wolfes, das Brüllen jedes Bären und jeder Laut, den irgend ein anderes Tier von sich geben wollte. Von diesem furchtbaren Geräusch verdorrten selbst auf den Bäumen rings herum die Blätter in nur einem einzigen Augenblick. Doch Ilja Muromez zeigte keine Regung, holte seinen schweren Bogen vom Rücken und schoss einen Pfeil direkt in Solowejs Stirn, so dass dieser vom Baum direkt vor Iljas Füße fiel. Ilja legte ihn auf sein Pferd und ritt direkt in die Stadt des Königs.

 

Als es gerade Mittagszeit war, erreichte Ilja des Königs Stadt, stieg von seinem Pferd und ging in des Königs Schloss, wo dieser und seine Ritter ihr Mittagsmahl verzehrten. Der König fragte Ilja, woher er sei und dieser antwortete: „Ich bin Ilja, Sohn von Bauersleuten aus einem kleinen Dorf. In der letzten Stadt war ich am Morgen und hörte danach das Pfeifen vom Räuber Solowej.“

 

Da lachten alle anderen Ritter und der König sagte: „Worüber sprichst du, junger Ritter? Die letzte Stadt in der Richtung, aus der du gekommen bist, wird vom Feind belagert und der Wald dort ist ein furchtbarer Ort. Sogar Wölfe und Bären meiden ihn wegen des bösen Räubers Solowej. Wer immer sein Pfeifen hört, muss sofort sterben.“

 

Ilja nahm sie mit in den Hof zu seinem Pferd, wo Solowej auf Iljas Pferd gebunden war. Der König sah den Räuber und beschloss zu prüfen, ob es sich wirklich um den furchtbaren Solowej handelte. Er sprach: „Pfeife, beiß´ wie ein Tier und zische wie eine Schlange.“ Er reichte Solowej einen Weinschlauch und dieser trank ihn komplett leer. Dann ließ er einen Pfiff hören, der die Blätter von den Bäumen riss und einen großen Sandsturm auslöste. Nur Ilja konnte ihn erneut stoppen. Der König war so beeindruckt, dass er Ilja zu einem seiner Ritter machte. Und so wurde Ilja der größte Verteidiger des ganzen Königreichs gegen alle Feinde der Zukunft.

 

 

MARIA MOREWNA ...

Iwan und Maria

 

Es war einmal ein Königreich, das wurde regiert von einem jungen König namens Iwan. Er hatte drei Schwestern, die Maria, Olga und Anna hießen und Iwan hatte von ihrem Vater vor dessen Tod aufgetragen bekommen, auf sie zu achten und für sie zu sorgen. Eines Tages, als er mit Maria im Garten spazieren ging, sah er plötzlich einen Blitz und ein Falke erschien am Himmel. Er landete, verwandelte sich in einen tapferen Prinzen und hielt um die Hand der Prinzessin Maria an. Iwan gab ihnen seinen Segen und beide heirateten.

 

Und so geschah es auch mit den beiden anderen Schwestern. Olga heiratete einen verzauberten Adler und Anna einen Raben und alle drei Prinzessinnen zogen fort zum Königreich ihres Gemahls. Eines Tages beschloss Iwan, seine Schwestern zu besuchen. Auf seinem Weg kam er am wundervollen Schloss der Kriegerprinzessin Maria Morewna vorbei. Er blieb dort als Gast für einige Tage und die beiden verliebten sich ineinander und heirateten.

 

Eines Morgens ging Maria Morewna fort, um mit ihren Feinden zu kämpfen. Sie gab ihm die Schlüssel zu allen Räumen des Schlosses, aber warnte ihn „geh nicht in den dunklen Raum im Keller.“ Aber als sie weg war, gab er dennoch seiner Neugier nach und schloss die Tür zu diesem Raum auf. Drinnen sah er den bösen Koschej, den Unsterblichen, der dort an die Wand gekettet war.

 

Koschej bat ihn: „Gib mir bitte etwas Wasser. Ich bin so durstig.“ So gab der mitleidige König Iwan ihm drei Kellen voll Wasser. Dadurch wuchs Koschejs Kraft. Er zerbrach seine Ketten und lachte furchterregend. „Danke, König Iwan. Aber von heute an wirst du deine geliebte Maria Morewna nie mehr wiedersehen“. Darauf flog Koschej hinfort wie ein gewaltiger Wirbelsturm und König Iwan blieb weinend zurück.

 

Danach brach der König auf, seine geliebte Frau zu finden. Auf seiner Reise besuchte er seine Schwester Maria und ihren Gemahl, den Falken und erzählte ihnen, was passiert war. Der Falke sagte: „Es wird sehr schwer werden, Maria Morewna zu finden und sie von Koschej zu befreien. Gib uns deinen silbernen Löffel und denke an sie. Wenn er schwarz wird, werden wir wissen, dass etwas Schlimmes passiert ist.“ Danach besucht Iwan seine Schwester Olga und den Adler und gab ihnen eine silberne Gabel. An Ende besuchte er auch Anna und den Raben und gab ihnen ein Silbermesser.

 

König Iwan reiste ein Jahr durch die Welt und schließlich fand er das Schloss von Koschej, der gerade nicht zu Hause war. Maria Morewna war sehr glücklich, Iwan zu sehen. Dieser sprach: „Es tut mir leid, dass ich nicht auf dich gehört habe und Koschej so zu seiner Flucht verholfen habe. Aber nun möchte ich, dass du mit mir kommst, er kann uns bestimmt nicht einholen.“ Doch Koschej holte die beiden ein und schnitt Iwan in kleine Stücke. Maria Morewna jedoch brachte er zurück in sein Schloss.

 

Zur gleichen Zeit sahen die Schwäger dass der Löffel, die Gabel und das Messer sich schwarz verfärbten und sie wussten sofort, dass etwas Schreckliches mit König Iwan passiert war. Der Falke, der Adler und der Rabe fanden ihn schließlich und belebten ihn mit dem Wasser des Lebens neu. Er dankte ihnen und brach dann erneut auf, um Maria Morewna zu suchen.

 

Als er wieder an Koschejs Schloss kam, fand er wieder seine geliebte Maria Morewna dort alleine und fragte sie: „Kannst du Koschej fragen, woher er so ein prächtiges schnelles Pferd hat ?“ In der Nacht fragte sie Koschej nach dem Pferd. Er sagte ihr: „Hinter dem Feuerfluss lebt die Hexe Baba Jaga. Sie hat viele gute Pferde. Einmal arbeitete ich für sie als Pferdeknecht und sie hat mir meines als Geschenk gegeben.“

 

Am nächsten Tag entschied sich König Iwan, zu Baba Jaga zu gehen und ein Pferd zu bekommen, das besser war, als Koschejs. Er war sehr lange unterwegs und wurde sehr hungrig. Durch einen Zufall sah er einen Vogel mit Küken im Nest und beschloss, sie zum Mahl zu schießen. Er nahm einen Pfeil, aber die Vogelmutter bat ihn: „Bitte töte nicht meine Kinder, König Iwan. Ich könnte dir später hilfreich sein.“ Iwan hatte Mitleid mit ihr und tötete die Vögel trotz seines großen Hungers nicht. Ein Stück weiter des Wegs sah er einen Bienenstock. Aber die Bienen baten ihn, ihren Honig nicht zu nehmen. Dann sah er eine Löwin und ihr Junges. „Die sind ein gutes Abendessen,“ dachte er und legte seinen Pfeil in seinen Bogen. Aber auch die Löwin bat ihn: „Oh König Iwan, bitte töte nicht mein Junges. Ich kann dir hilfreich sein in der Zukunft.“

 

Müde und sehr hungrig kam Iwan schließlich zur Hütte der Baba Jaga und fragte sie nach Arbeit. Sie sprach zu ihm: „Du kannst für drei Tage mein Pferdeknecht sein. Wenn du all meine Pferde jeden Tag heil zurück in den Stall bringst, darfst du eins von ihnen auswählen, das dir gehört. Wenn aber jemals eines fehlen sollte, werde ich dich töten, Iwan.“

 

Am nächsten Morgen öffnete Iwan die Stalltür. Sofort liefen alle Pferde heraus und verschwanden. Da fing er an zu weinen und legte sich schlafen, weil ihm sonst nichts einfiel, was er tun könnte. Bei Sonnenuntergang kam dann der Vogel zu ihm, dessen Küken er verschont hatte und sprach: „Steh auf, König Iwan. All die Pferde sind wieder zurück im Stall!“ Als Baba Jaga sie dort fand, wurde sie böse und fragte sie: „Warum seid ihr zurück gekommen?“ Sie antworteten: „Wir sind aus Angst zurück gekommen. All die Vögel des ganzen Waldes kamen angeflogen und haben draußen auf uns herum gepickt!“

 

Am nächsten Tag half die Löwin Iwan, als die Pferde davon liefen, sie wieder einzufangen. Baba Jaga war außer sich und wütend fragte sie die Pferde: „Und warum seit ihr heute nach Hause gekommen?“ „Oh, wir hatten solche Angst! Wilde Tiere kamen von überall her und haben uns gejagt.“

 

An dritten Tag schließlich halfen die Bienen Iwan und eine alte Biene sprach: „Geh nicht zurück zu Baba Jaga, geh in den Stall, nimm das kleinste Pferd und reite davon.“ Er tat alles, was die Biene ihm gesagte hatte.

 

Am nächsten Morgen bemerkte Baba Jaga das Fehlen des Pferdes und folgte König Iwan, aber sie fiel in den Feuerfluss und ertrank darin. Iwan sorgte gut für das kleine Pferd und schon wenig später wuchs es und wurde stark und schnell. So kehrte Iwan mit ihm zu Koschejs Haus zurück und nahm Maria Morewna mit sich. Koschej folgte ihnen und versuchte alles, sie einzuholen. Doch Iwans Pferd war schneller und lief unerreichbar davon. Maria Morewna und er besuchten dessen Schwäger und kehrten schließlich zurück nach Hause. Von dieser Zeit aber lebten sie glücklich und zufrieden.

 

WILDE SCHWÄNE ...

Schwesterchen weint um ihr Brüderchen

 

Es war einmal ein Mann und seine Frau, die hatten zwei Kindern, ein Mädchen und einen Jungen. Eines Tages sprach die Mutter: „Töchterchen, wir gehen jetzt auf die Arbeit. Pass gut auf Dein kleines Brüderchen auf und spielt nur auf dem Hof. Wir bringen Dir auch ein schönes buntes Tüchlein mit.“

 

Als die Eltern gegangen waren, setzte das Mädchen das kleine Brüderchen ins Gras vor dem Haus und lief auf die Straße, um dort mit den anderen Kindern zu spielen. Da kam eine Gruppe wilder Schwäne angeflogen, hob das Brüderchen in die Luft und trug ihn mit sich hinfort.

 

Als das Mädchen zurück kam, war ihr Brüderchen verschwunden. Sie suchte am Haus, rief nach ihm und weinte, doch das Brüderchen blieb verschwunden. Da lief sie hinaus aufs Feld und sah in der Ferne die Schwäne davon fliegen. Sie konnte erkennen, dass die Schwäne etwas trugen und sie waren direkt aus der Richtung ihres Hauses gekommen und nichts anderes war zu sehen. So wurde ihr klar, dass die Schwäne ihr Brüderchen hinfort trugen. Verzweifelt lief das Mädchen den Schwänen hinterher, verlor sie jedoch aus ihren Augen. Nach einer Weile kam sie an einem Ofen vorbei. Das Mädchen fragte den Ofen:

 

„Ofen, Ofen, sage mir, wohin sind die Schwäne geflogen?“ Der Ofen antwortete: „Iss von meinem Roggenbrot, dann sag ich Dir, was Du begehrst.“ Da meinte das Mädchen: „Ich mag aber kein Roggenbrot, ich mag nur solches aus Weizen!“ Da schwieg der Ofen und das Mädchen lief weiter. Sie kam zu einem Apfelbaum:

 

„Apfelbaum, Apfelbaum, sage mir, wohin sind die Schwäne geflogen?“ Der Apfelbaum antwortete: „Iss von meinen grünen Äpfeln, dann sag ich Dir, was Du begehrst.“ Da sagte das Mädchen: „Ich mag kein grünen Äpfel, nur die süßen roten!“ So schwieg auch der Apfelbaum und das Mädchen musste wieder weiter. Sie lief ein ganzes Stück ziellos umher und kam an einen Fluss aus Milch mit einem Ufer aus Grütze. Sie fragte den Fluss:

 

„Milchfluss, Milchfluss, sage mir, wohin sind die Schwäne geflogen?“ Da sprach auch der Milchfluss: Iss von meiner Grütze, dann sag ich Dir, was Du begehrst.“ Das Mädchen sprach: „Bei uns daheim gibt es süße Sahne.“ Und lief weiter durch den Wald und über die Felder. Als es schließlich Abend wurde, wollte das Mädchen zurück nach Hause. Da sah sie von Weitem eine Hütte, die auf zwei Hühnerbeinen stand und sich auf ihnen drehte. Drinnen saß die Hexe Baba Jaga und spann den Flachs. Neben der Hexe saß das kleine Brüderchen und spielte mit einem silbernen Apfel.

 

„Sei gegrüßt, Großmütterchen.“

„Guten Tag mein Kind, was willst Du hier?“

„Mein Kleid ist nass und ich bin müde. Ich möchte mich ein wenig aufwärmen.“

 

„Dann setz dich hier und spinne für mich“ sagte Baba Jaga und ging, während das Mädchen anfing zu spinnen. Da kam ein Mäuschen unter dem Ofen vor und flüsterte: „ Mädchen, gib mir etwas Brot. Dann werde ich Dir auch etwas Wichtiges sagen!“ Das Mädchen gab ihr das Brot. Das Mäuschen sprach: „Die Hexe heizt gerade ihr Bad. Dort will sie Dich waschen und schrubben. Aber dann steckt sie dich in den Ofen, brät Dich und frisst Dich mit Haut und Haaren!“ Das Mädchen fing an zu weinen und war ganz verzweifelt. Das Mäuschen aber sagte: „Eile dich, nimm dein Brüderchen und laufe davon. Ich spinne für dich weiter.“

 

Das Mädchen nahm sein Brüderchen auf den Arm und rannte davon. Da hörte das Mäuschen die Stimme von Baba Jaga, die fragte: „Spinnst Du, Mädchen?“ „Ja, Großmütterchen“ antwortete das Mäuschen mit der Stimme des Mädchens und drehte am Spinnrad. Als das Bad warm war, kam Baba Jaga, um das Mädchen zu holen. Als sie im Zimmer war, sah sie, dass es nicht mehr da war. Sie wurde sehr böse und schrie:

 

„Ihr wilden Schwäne fliegt davon, sucht das Mädchen und das Bübchen!“ Das Mädchen aber kam wieder an den Milchfluss und bat ihn: „Bitte lieber Fluss, versteck uns vor den Schwänen!“ „Iss meine Grütze, dann werde ich dir helfen.“ Das Mädchen aß von der Grütze und der Fluss versteckte die beiden in den Schatten an seinem Ufer.

 

Die Schwäne sahen sie nicht und flogen weiter. Als sie weg waren, verließen auch die Kinder den Fluss. Nach einer Weile merkten die Schwäne jedoch, dass sie die Kinder verpasst haben mussten und kehrten um. Die Kinder waren gerade bei dem Apfelbaum, als sie von weitem die Schwäne zurückkehren sahen. Die Kinder hatten große Angst und das Mädchen fragte den Baum: „Bitte lieber Apfelbaum, versteck uns vor den Schwänen!“ „Iss meine grünen Äpfel, dann werde ich Euch helfen.“ Das Mädchen tat es und der Apfelbaum bedeckte die beiden Kinder mit seinen Blättern. So sahen die Schwäne die Kinder auch dieses mal nicht und flogen vorbei. Als sie weg waren, lief das Mädchen mit seinem Brüderchen weiter.

 

Sie waren schon fast zu Hause, da stürzten plötzlich erneut die Schwäne von oben herab. Das Mädchen sah in der Nähe den Ofen stehen und rannte mit dem Brüderchen zu ihm: „Bitte, lieber Ofen, hilf uns! Die Schwäne wollen uns fangen!“ „Iss zuerst von meinem Roggenbrot!“ Das Mädchen steckte ein Stück Brot in ihren Mund, kroch mit dem Bruder durch die Ofenklappe in den Ofen hinein und schlug die Klappe zu. Die Schwäne umschwirrten den Ofen, konnten jedoch nicht hinein gelangen. Nach einer Weile musste sie wieder unverrichteter Dinge abziehen.

 

Das Mädchen bedankte sich beim Ofen und lief mit ihrem Brüderchen nach Hause. Schon bald kamen auch ihre Eltern zurück und zusammen lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Ende.

 

 

DAS KLUGE MÄDCHEN ...

Das kluge Mädchen

 

Es waren einmal zwei Brüder, die zusammen durch die Welt fuhren. Der einen von ihnen war arm, der andere reich und beide hatten ein Pferd, der arme Bruder eine Stute und der reiche einen Wallach.

 

Eines Nachts standen die beiden Pferde bei einander, als die Stute ein Fohlen warf, das sich unter dem Wagen des Reichen hinlegte. Am nächsten Morgen weckte der Reiche den Armen und sprach: „Wach auf, Bruderherz, heute Nacht hat mein Wagen ein Fohlen bekommen!“ Da stand der arme Bruder auf und sagte: „Wie kommst du darauf, dass dein Wagen das Fohlen bekommen hat. Das war meine Stute!“

 

Der reiche Bruder widersprach: „Wäre es deine Stute gewesen, so würde das Fohlen bei ihr stehen. Es liegt aber neben meinen Wagen!“ So stritten sie noch lange und wussten schließlich keinen Ausweg, als den Fall vor einen Richter zu bringen, der entscheiden sollte, wem das Fohlen gehörte. Der Reiche jedoch gab dem Richter Geld, der Arme stritt vor dem Gericht nur mit Worten. So kam die Sache vor den König, der beide Brüder zu sich befahl und ihnen vier Rätsel aufgab:

Was ist auf der Welt das stärkste und schnellste?

Was ist das dickste?

Was ist das weichste?

Was ist das liebste?

Für die Lösung der Rätsel gab ihnen der König drei Tage Zeit. Am vierten jedoch mussten sie mit den Antworten zu ihm kommen.

 

Der Reiche dachte erst sehr lange nach, dann ging er zu seiner Patin, um sie nach der Lösung zu fragen. Er setzte sich zu ihr und aß mit ihr. Nach dem Mahl fragte sie ihn:

„Patensohn, was bist du so traurig?“

„Der König hat mir vier Rätsel aufgegeben und ich habe zur Lösung nur drei Tage Zeit.“

„Sprich, wie lauten die Rätsel?“

„Das erste ist: Was ist auf der Welt das stärkste und schnellste?“

„Das soll ein Rätsel sein? Mein Gemahl hat eine braune Stute. Gibt er ihr die Peitsche, läuft sie schneller als jeder Hase!“

„Das zweite Rätsel ist: Was ist auf der Welt das dickste?“

„Wir mästen seit zwei Jahren ein Fleckenschwein. Es ist schon so fett, dass es nicht mehr aufstehen kann.“

„Das dritte Rätsel ist: Was ist auf der Welt das weichste?“

„Ein Federbett natürlich, was denn sonst?“

„Das vierte Rätsel ist: Was ist auf der Welt das liebste?“

„Das liebste auf der Welt ist mein kleiner Enkel Iwanuschka.“

„Danke, liebe Patin, du hast mir sehr gut geholfen. Das werde ich dir nie vergessen.“

Der arme Bruder jedoch ging nach Hause und weinte. Da kam sein kleines, siebenjähriges Töchterchen zu ihm, sein einziger und ganzer Stolz. Sie sprach: „Vater, warum weinst du?“

„Wie soll ich nicht weinen? Der König hat mir vier Rätsel aufgegeben, die kann ich nie und nimmer lösen.“

„Sag mir, wie lauten die Rätsel?“

„Sie gehen so: Was ist auf der Welt das stärkste und schnellste, was ist das dickste, was das weichste und was das liebste?“

„Vater, das ist doch ganz einfach. Sag zum König: Das schnellste und stärkste ist der Wind, das dickste die Erde, denn alles was wächst, lebt von ihr und ihrer Größe. Weicher aber als alles andere ist die Hand des Menschen, denn egal wo er liegt, die Hand schiebt man noch unter den Kopf. Und das liebste, was es denn auch gibt, ist der Schlaf.“

 

So gingen die beiden Brüder zum König. Er hörte die Antworten der beiden an und sprach zum Armen: „Hast du die Antworten selbst gefunden oder hat sie dir jemand erzählt?“

„Eure Majestät, mein kleines Töchterchen hat sie mir gesagt.“

„Wenn deine Tochter so klug ist, so gib ihr diesen Faden aus Seide. Bis morgen soll sie daraus ein Handtuch weben.“

 

Der Arme nahm den Faden und ging traurig nach Hause. „Was für ein Unglück“, sprach er zu seinem Töchterchen, „der König möchte, dass du aus diesem Fädchen ein Handtuch webst!“

„Sei nicht traurig, Vater“ sprach das Kind, brach einen kleinen Zweig von einem Reisigbesen und gab ihn dem Vater.

„Geh zum König und sag zu ihm, er soll jemanden finden, der aus diesem Zweig einen Webstuhl macht, damit ich damit das Handtuch weben kann.“

Der Bauer richtete das dem König aus, dieser jedoch gab ihm 150 Eier und sagte: „Bring die deinem Töchterchen, sie soll mir bis morgen daraus 150 Küken machen.“ Der Arme ging wieder nach Hause, noch trauriger als zuvor. „Ach Töchterchen, das eine Unglück wendest du ab und schon zieht ein neues herauf.“

„Sei nicht traurig, Vater“ sprach da wieder das Töchterchen, kochte die Eier, machte damit ein Mittagsmahl und ein Abendbrot und schickte ihren Vater zurück zum König.

„Sag ihm, die Küken brauchen Hirse, die in einem Tag gewachsen ist. An nur einem Tag muss das Feld gepflügt, die Hirse gesät, gewachsen, geerntet und gemahlen sein. Nur solche Hirse fressen unsere Küklein.“

Der König hörte sich den Vater an und sprach: „Wenn deine Tochter so klug ist, soll sie morgen zu mir kommen.

Nicht zu Fuß und nicht zu Pferd

Nicht nackt und nicht bekleidet

Nicht mit Geschenk und nicht mit leeren Händen“

„Ach Gott“ meinte der heim gekommene Arme, „solch ein Rätsel kann nicht mal mein Töchterchen lösen. Wir sind verloren.“

„Sei nicht traurig, Vater“, sprach da das Töchterchen, „geh zum Jäger und kauf mir dort einen lebenden Hasen und eine lebende Wachtel.“ So ging der Vater hin und kaufte beides für sie. Am folgenden Morgen zog das Mädchen ihre Kleider aus, wickelte sich in ein Netz, nahm die Wachtel in die Hand, setzte sich auf den Hasen und ritt ins Schloss des Königs. Dieser kam ihr schon am Tor entgegen. Sie stieg ab, knickste vor ihm, gab ihm die Wachtel und sprach:

„König, diese kleine Gabe ist für dich.“ Als der König jedoch die Wachtel ergreifen wollte, ließ das Mädchen sie los und sie flog davon.

„Gut“, sprach da der König, „wie ich es befohlen habe, bist du gekommen. Jetzt aber sprich, dein Vater ist so arm, wovon lebt ihr?“

„Mein Vater fängt Fische auf dem Trockenen, ohne Netz im Wasser. Ich trage die Fische an Angelschnüren nach Hause und koche uns beiden daraus Suppe.“

„Was bist du so dumm! Fische leben nicht auf dem Land, sie schwimmen im Wasser!“

„Und Wagen bekommen keine Fohlen! Sondern Stuten werfen sie und so auch unsere Stute das Fohlen meines Vaters!“

So befahl der König, dass das Fohlen der arme Bruder bekommen sollte. Das Mädchen und ihr Vater jedoch nahm er zu sich und sie lebten fortan in seinem Palast. Als das Mädchen jedoch erwachsen wurde, wurde sie Königin.

DIE LEBLOSE PRINZESSIN ...

Spiegel in der Hand

 

Es war einmal ein König, der sein Königreich verlassen und in den Krieg ziehen musste. Zurück ließ er auch sein schwangeres Weib, die geduldig am Fenster ihres Zimmers sitzen blieb, um auf seine Rückkehr zu warten. Während der König noch an fernen Plätzen weilte, gebar die Königin eine wunderschöne Tochter. Aber die harte und einsame Schwangerschaft und eine schwere Geburt forderten von ihr einen hohen Tribut und sie starb noch an dem Tag, an dem der König wieder nach Hause in sein Schloss zurück kam.

 

Ein Jahr lang weinte der König und war sehr traurig, aber einige Zeit später fand er eine neue Frau, die die neue Königin wurde. Sie war schlank, von zarter Gestalt und großer Schönheit. Aber sie war auch launisch, boshaft und eifersüchtig. Sie liebte es, in ihren kleinen Handspiegel zu schauen, ihr Haar zu kämmen und ihn zu fragen:

Spiegel, Spiegel in meiner Hand,

wer ist die schönste Frau im Land?

Der Spiegel antwortete ihr:

Meine Liebe, Ihr seid die schönste Frau,

Von zarter Gestalt, das Antlitz so weich

Und die Augen so blau.

Da kicherte die Königin stets wie ein kleines Mädchen und ging wieder ihren boshaften Angelegenheiten nach.

 

Währenddessen wuchs die Tochter des Königs auf und wurde zu einer wunderschönen und bezaubernden jungen Prinzessin. Mit ihren langen Wimpern und ihrer anmutigen Gestalt wurde sie sogar noch hübscher als die Königin. In Kürze sollte sie mit dem Mann ihrer Träume – dem tapferen Prinzen Jelisey verlobt werden.

 

Kurz nach Bekanntgabe der Verlobung fragte die Königin wieder ihren kleinen Spiegel, der der ehrlichste von allen Spiegeln war. Und der Spiegel antwortete:

Meine Liebe, Ihr seid eine schöne Frau,

Doch die Schönste ist die Prinzessin,

Das weiß ich genau.

 

Die Königin war außer sich, schimpfte den Spiegel und warf ihn auf einen Stuhl. Sie war so wütend, dass sie eine Kammerfrau rief und dieser befahl, dass die Prinzessin in den tiefsten Teil des dunkelsten Waldes gebracht, dort an einem Baum gebunden und den Wölfen zum Fraß überlassen werden solle.

Die Kammerfrau, die sich nicht traute, der Königin zu widersprechen, brachte die Prinzessin selbst in den tiefsten Teil des dunkelsten Waldes und ließ sie dort. Da sie aber Mitleid mit der Prinzessin hatte, band sie sie nicht an einen Baum.

 

Die Prinzessin lief alleine durch den Wald und erspürte ihren Weg zwischen hohen alten Eichen. Als es Morgen wurde, fand sie den Weg zu einem alten Landhaus. Als sie näher kam, kam von dort ein Hund näher, bellte und machte ihr große Angst. Er nährte sich vorsichtig, roch an ihren Beinen und lief dann mit wedelndem Schwanz um sie herum und wirkte gleich viel weniger bedrohlich, so dass die Prinzessin ihren neuen Freund lobte und streichelte.

 

Dann ging sie in das Haus und sah, dass niemand zu Hause war. Alles war recht prächtig mit Möbeln aus gutem Eichenholz ausgestattet und an der Wand hingen Ikonen mit Bildern von Heiligen. Sie sah gleich, dass ehrliche und gute Leute hier wohnten und fühlte sich gleich weniger unsicher. Sie ging durch das ganze Haus und gegen Nachmittag legte sie sich todmüde in ein Bett, um sich dort auszuruhen.

Eine kurze Zeit später kamen die Besitzer des Hauses, sieben tapfere Ritter, zurück. Sie bemerkten gleich, dass sich etwas geändert hatte, ihr Haus war aufgeräumt und alles war sauber und blitze und blinkte, dass es eine Freude war. Da entdeckten sie die Prinzessin, die sich für ihr Eindringen gleich bei ihnen entschuldigte. Die Ritter jedoch waren guten Herzens und nahmen sie in ihrem Haushalt auf wie eine eigene Schwester.

 

Die Tage vergingen ruhig und friedlich. Wenn die Ritter auf der Jagd waren, machte die Prinzessin das Haus sauber und bereitete ihnen das Essen. Die Ritter fanden sie zauberhaft und von größter Anmut, dass sie sie fragten, ob sie sich nicht einen von ihnen zum Gemahl erwählen wolle. Doch sie wies ihr Ansinnen höflich zurück und sagte ihnen, dass sie sie zwar alle liebe, aber nur wie Brüder. Sie erzählte ihnen von der Liebe ihres Lebens, den Prinzen Jelisey.

 

Währenddessen im Schloss nahm die Königin wieder ihren Spiegel und fragte ihn wieder, wer die Schönste im Königreich sei. Doch der Spiegle antwortete:

Meine Liebe, Ihr seid eine schöne Frau,

Doch eine schönere gibt es immer noch genau

Die Prinzessin ist die schönste Frau.

 

Da erkannte die Königin, dass die Kammerfrau sie hintergangen hatte und die Prinzessin nicht tot war. Sie rief die Kammerfrau zu sich und drohte ihr: „Wenn du sie nicht tötest, hast du dein eigenes Leben verwirkt!“

 

Eine kurze Zeit später verkleidete sich die Kammerfrau als alte Bettlerin und lief zum Haus der sieben Ritter. Der Hund bellte sie feindselig an, knurrte und lies sie nicht hinein. Die Prinzessin jedoch kam in ihrer Freundlichkeit aus dem Haus und gab der vermeintlichen Bettlerin ein frisches Brot. Die Bettlerin gab ihr dafür einen roten saftigen Apfel. Da kam der Hund heran und bellte die Prinzessin an, als wollte er sie warnen. Aber die Prinzessin verstand ihn nicht und schob den Hund sanft zurück. Dann ging sie zurück ins Haus.

 

Etwas später wurde sie sehr hungrig, während sie auf die Rückkehr der Ritter wartete und biss in den Apfel hinein. Plötzlich wurde sie ganz bleich, fiel auf eine nahe Bank und tat ihren letzten Atemzug.

Die Ritter kamen zurück nach Hause und hörten schon von Weitem das wilde Gebell des Hundes. Sie wussten sofort, dass etwas Schlimmes passiert sein musste und als sie die Tür öffneten, rannte der Hund in das Zimmer der Prinzessin. Er aß den Rest des Apfels, damit die Ritter nicht auch durch ihr vergiftet wurden und starb so für die Gesundheit und das Wohl seiner Meister.

 

Die Augen der Ritter füllten sich mit Tränen, als sie den leblosen Körper der Prinzessin erblickten. Zuerst wollten sie ihr gleich ein würdiges Begräbnis geben, aber dann warteten sie. Sie wirkte wie in einem tiefen, friedlichen Schlaf, so still und frisch sah sie aus. Aber nach drei Tagen gaben sie die Hoffnung auf und legten sie in einen Sarg, der aus Kristall gemacht war. Dann nahmen sie den Sarg und trugen ihn zur letzten Ruhe in eine kleine Höhle.

 

„Schlafe Prinzessin in diesem Sarg“ sagte der älteste Ritter. „So bald hast du uns verlassen. Möge der gnädige Gott deine Seele im Himmel aufnehmen.“

Am gleichen Tag nahm die Königin wieder ihren Spiegel und fragte ihn, wer die Schönste sei. Dieser antwortete wieder:

Meine Liebe, Ihr seid die schönste Frau,

Von zarter Gestalt, das Antlitz so weich

Und die Augen so blau.

 

Da war die Königin wieder zufrieden.

In dieser ganzen Zeit war der Prinz Jelisey im Königreich unterwegs gewesen, um seine verlorene Liebe zu finden. Er fragte die Sonne und den Mond, wo die Prinzessin sei, doch beide wussten sie es nicht. So fragte Jelisey den Wind. Und der Wind wusste, wo die Prinzessin war und beschrieb ihm sogleich den Weg. Der Prinz machte sich sofort auf die Reise.

 

Keine Worte können seinen tiefen Schmerz beschreiben, als er bei der Höhle ankam und die Prinzessin in ihrem Kristallsarg liegen sah. Weinend brach Jenisey zusammen, und schlug mit seinen Fäusten in unbeschreiblichem Gram auf den Sarg. Da sprang der Deckel des Sarges auf und die Prinzessin setzte sich auf und war wieder am Leben.

 

„Oh, wie lange habe ich geschlafen?“ sagte sie. Dann sah sie ihren Prinzen und fiel ihm in die Arme mit Tränen der Freude. Sie kehrten zusammen zurück zum Königsschloss, heirateten und die Hochzeit wurde mit großer Pracht gefeiert. Die Königin schließlich starb vor Gram, als sie sah, dass die Prinzessin wieder am Leben war und den Platz als Schönste im ganzen Königreich wieder besetzt hielt.

 

DAS BUCKELIGE PFERDCHEN ...  von Pjotr Jerschow

Glücksbringer

 

Es lebten einmal in einem Land, das heute nur noch sehr wenige Leute kennen und die Tiere manchmal auch sprechen konnten, in einem Königreich voller Wunder drei junge Brüder. In irgendeinem Jahr hatten die Brüder ein großes Problem. Irgend etwas trampelte auf ihren Feldern herum und zerstörte so ihre Ernte. So beschlossen sie, in den Nächten an ihren Äckern Wache zu halten, um den Bösewicht, der sie um ihr täglich Brot brachte, zu fassen. Die zwei älteren Brüder wachten in den ersten beiden Nächten, aber flohen und versteckten sich voller Angst, als Stürme und kalte Winde in den Nächten über das Land wehten.

 

Der jüngste Bruder, der Iwan hieß und als der Dummling der Familie galt, blieb standhaft in einer Ecke sitzen, als die kalten Winde über das Land fuhren und sang statt davon zu laufen mit klarer Stimme ein Lied. Aber irgendwann in der Nacht hielt er in seinem Gesang inne, da er im Licht des Mondes sah, wer den Schaden auf den Feldern der Brüder anrichtete. Es war ein junges Pferd mit schneeweißem Fell. Iwan schlich sich an das Pferd heran und mit einem Satz sprang er auf das Tier hinauf. Dieses fing sofort an auszuschlagen, sich aufzubäumen und zu schütteln, um seinen ungebetenen Reiter wieder los zu werden. Doch Iwan hielt sich auf dem Rücken des Pferdes, obwohl er falsch herum darauf saß und sich nur an seinem Schweif festhalten konnte.

 

Plötzlich gab das Pferd auf, aber versprach Iwan, dass wenn er es frei lasse, es ihm zwei goldmähnige Stuten von unbeschreiblicher Schönheit geben würde sowie ein Pferdchen mit zwei Buckeln und langen Ohren. Iwan könne die Stuten verkaufen, wenn er wolle, solle sich jedoch nie von dem Pferdchen trennen, das ihn immer als treuer Freund durch das Leben begleiten würde. Iwan erklärte sich einverstanden, denn als der Dummling hatte er nur wenige Freunde und ein Pferdchen als Freund zu haben, gefiel ihm sehr wohl. So ließ er das Pferd frei und ging nach Hause, verschwieg aber seinen Brüdern, was er auf dem Feld genau erlebt hatte.

 

Einige Tage später kam einer der beiden Brüder in den Stall und entdeckte dort die zwei goldhaarigen Stuten und das buckelige Pferdchen. „So ist das der Grund, dass unser dummer Bruder in den letzten Nächten hier geschlafen hat“ dachte er. Er und der andere Bruder Iwans beschlossen daraufhin, die Stuten in der Stadt zu verkaufen, den Gewinn unter sich aufzuteilen und Iwan nichts davon zu erzählen. „Lass den Dummling nach allem suchen, was er will“ sagten sie.

 

Kurz drauf entdeckte auch Iwan, dass die beiden Stuten im Stall fehlten und das buckelige Pferdchen erzählte ihm, was passiert war. Das Pferdchen meinte, er solle auf seinen Rücken springen und sie würden die beiden Brüder sicher noch fangen. Das Pferdchen war klein, doch schnell wie der Blitz. Schon nach kurzer Zeit hatten sie die Diebe überholt. Iwan rief ihnen zu: „Schande auf euch, meine Brüder. Ihr mögt vielleicht schlauer als ich sein, aber Pferde zu stehlen ist etwas, was ich nie tun würde.“ Die Brüder entschuldigten sich bei Iwan, meinten jedoch, die Familie bräuchte das Geld. Vertrauensvoll, wie er war, glaubte Iwan ihnen, stimmte dem Verkauf der Stuten zum Besten der Familie zu und begleitete sie in die Stadt.

 

Schnell wurde es dunkel und die Brüder beschlossen zu rasten. Plötzlich sahen sie ein fremdartiges Schimmern in der Ferne und Iwan wurde ausgesandt, es zu untersuchen. Auf dem Rücken des buckeligen Pferdchens ritt er auf das Licht zu, bis er zu einem Feld gelangte, das erleuchtet war wie am hellen Tag. Und alles Licht kam von einer glänzenden Feder des fabelhaften Feuervogels, die mitten auf dem Feld lag. Das buckelige Pferdchen warnte Iwan, die Feder des Feuervogel nicht zu berühren, oder Ärger würde seinen Weg kreuzen. Doch dennoch hob Iwan die glänzende Feder auf und steckte sie unter seinen Hut. Als er zu seinen Brüdern zurück kam, sagte er ihnen, das Licht wäre ausgegangen, bevor er dort gewesen sei und erwähnte die Feder mit keinem Wort.

 

Am nächsten Tag erreichten alle die Stadt, in der sie die goldmähnigen Stuten verkaufen wollten. Der König erfuhr davon, dass zwei derart außergewöhnlich prächtige Tiere verkauft werden sollten und ging persönlich zum Markt, um einen Blick auf sie zu werfen. Er war sofort begeistert von den beiden schönen Pferden und kaufte beide sofort. Aber als die Knechte des Königs die Pferde davon führen wollten, rissen sich die Tiere los, brachen aus und liefen zurück zu Iwan, ihrem Meister. Als der König die Zuneigung der Pferde zu dem Jungen bemerkte, fragte er Iwan, ob er nicht in den königlichen Stallungen arbeiten wolle, womit Iwan sofort einverstanden war. Er wünschte sich nur, dass er nicht geschlagen werden und so viel schlafen dürfe, wie er wolle.

 

Iwan arbeitete gut in den Stallungen, wenn auch sein Gesinge den anderen Knechten den letzten Nerv raubte. Der königliche Kammerherr, dessen Aufgaben als Oberstallmeister nun von Iwan wahrgenommen wurden, war dennoch ein wenig neidisch. Er beobachtete den jungen Burschen bei seiner Arbeit genau, um möglichst bald Fehler bei seiner Arbeit zu finden. Eines Tages, als er Iwan hinterher spionierte, befiel ihn große Furcht, als er ein gleißendes Licht aus Iwans Zimmer scheinen sah. Natürlich hatte Iwan die Feder aus seinem Hut genommen. Der Kammerherr berichtete sogleich dem König, dass Iwan absichtlich eine Feder des Feuervogels versteckte und dass er in der Lage sei, den Feuervogel selbst jederzeit zu bekommen.

 

Als Iwan zum König gerufen wurde, leugnete er alles, war jedoch sprachlos, aber der König ein kleines Kästchen öffnete und ihm die Feder des Feuervogels zeigte. Iwan flehte um Verzeihung. Der König sagte, er würde ihm nur dann vergeben, wenn Iwan ihm einen lebendigen Feuervogel brächte. Andernfalls würde er in den Kerker geworfen und habe sein Leben verwirkt.

 

Der arme Iwan verließ des Palast mit Tränen in den Augen und erzählte dem buckeligen Pferdchen von seinem Problem. Das Pferdchen versprach ihm zu helfen und sagte:

 

„Diese Aufgabe ist eher klein

ich werde für die Lösung bei dir sein.

Zuerst vermischen wir Brot und Wein

Und dann gehen wir los und alles wird fein.“

 

Nach acht Tagen erreichten sie einen kleinen Tümpel, der vor einem majestätisch Berg aus purem Silber lag. Das Pferdchen meinte, dies wäre das liebste Wasserloch der Feuervögel und er solle nur das Brot in den Wein tauchen und für die Feuervögel auslegen. Um Mitternacht kamen die Vögel und aßen die Brotkrumen. Als einer hiervon etwas betrunken wurden, schnappte Iwan ihn sich, steckte ihn in einen Sack und ritt zurück zum König.

 

Als Iwan mit seinem Fang in den Palast kam, war das Licht des Vogels so grell, dass der König, als er es sah, um Hilfe rief, da er dachte, das Zimmer stünde in Flammen. „Es gibt keine Flammen hier“ versicherte ihm Iwan. „Das Licht kommt von dem sagenhaften Feuervogel.“ Der König war so entzückt, dass er Iwan zu seinem persönlichen Leibdiener machte.

 

Der königliche Kammerherr war nun ärgerlicher und neidischer als jemals zuvor. Er schwor, dass er den jungen Burschen doch noch in den Kerker bringen würde.

 

Einige Wochen später hörte der Kammerherr Küchenmägde über ein Märchen von einer Königstochter, schön und jung, deren Bruder der Mond und deren Mutter die Sonne sei, reden. Der Kammerherr erzählte dem König von der edlen Jungfrau und das Iwan damit angegeben hätte, er könne das Mädchen her holen, wann immer er wolle. Der König war so begeistert von der Erzählung, dass er das Mädchen unbedingt für sich selbst haben wollte. So rief er nach Iwan, sie zu ihm zu bringen – oder aber er würde seinen Kopf verlieren. Iwan verließ erneut den König in großer Betrübnis. Aber sein Pferdchen versprach ihm erneut, bei der Suche nach dem Mädchen zu helfen.

 

Die beiden verließen den Palast und am achten Tag erreichten sie die See an einer Stelle, die dafür bekannt war, dass die Jungfrau mehrmals im Jahr hier vorbei kam. Nach den Anweisungen des Pferdchens erbaute Iwan dort ein Zelt mit Speisen und süßen Leckereien darin, so dass er sie fangen konnte, wenn sie hinein ging, um von den Köstlichkeiten zu probieren. Und einen Tag später kam dann auch die Königstochter in einem kleinen Boot und ging zu dem Zelt, wie das Pferdchen versprochen hatte. Iwan schaute durch ein Loch in der Zeltwand und dachte, dass das Mädchen zwar schön, aber doch zu blass und zu dünn für ihn sei. Dann begann sie auf der Laute zu spielen und eine Melodie auf das lieblichste zu singen, so dass Iwan die Augen zu fielen und  er sogleich in tiefen Schlaf fiel. So vergab er an diesem Tag seine Chance, die Jungfrau zu fangen, aber am nächsten Tag hatte er mehr Glück, fing sie und zu dritt gingen sie zurück zum Palast des Königs.

 

Der alte König sah die junge Königstochter und bat sie, ihn zu heiraten. Sie wies ihn ab, doch auch diese Zurückweisung steigerte nur noch sein Verlangen, sie zur Frau zu bekommen so hörte er nicht auf, sie um ihre Hand zu bitten. Zuletzt, um seinen dauernden Nachstellungen zu entgehen, sagte sie ihm, dass sie ihn erst heiraten würde, wenn er ihr einen Ring brächte, den sie einstmals auf dem Grunde des Ozeans verloren habe.

 

Sofort wurde Iwan gerufen, diese unmögliche Aufgabe zu lösen und wieder unter Androhung der Todesstrafe, falls er versage. Als Iwan den Palast verließ, trug ihm die Prinzessin auf, ihre Grüße an ihren Bruder den Mond und ihre Mutter die Sonne auszurichten und sie zu fragen, warum sie sich nun bereits seit drei Tagen vor ihr verbergen würden.

 

Iwan und das Pferdchen starteten daraufhin ihre Suche nach dem Ring am Meeresstrand, wo sie Schuda-Juda, einen großen Wal entdeckten, der dort vor zehn Jahren auf dem Strand angelandet war. Schuda-Juda war gerade noch am Leben und Löcher und Narben waren überall auf seinem riesigen Körper zu sehen. Zwei Bäume hatten seinen Schwanz eingeklemmt, es war sogar eine Vogelkolonie auf seinem Rücken. Der riesige Wal schaute sehr traurig zu Iwan und versicherte ihm: „Wenn du sie bald siehst, frage bitte die Sonne und den Mond, warum ich so bestraft wurde. Dann kann ich dir vielleicht auch helfen, den Ring zu finden.“

 

So ritt Iwan auf seinem buckeligen Pferdchen weiter, die Sonne zu besuchen, die in einem Palast aus Gold mit einem Dach aus reinstem Kristall lebte. Iwan überbrachte die Grüße von ihrer Tochter, der Prinzessin, und fragte ihn, warum sie und der Mond sich seit drei Tagen vor der Jungfrau versteckten. Da brach die Sonne in Tränen aus, umarmte Iwan, küsste ihn auf die Stirn und sprach: „Was für eine Erleichterung zu hören, dass sie am Leben ist!“ sagte sie. „Der Mond und ich haben über den dunklen Wolken geweint, da wir dachten, sie wäre verloren. Iwan erzählte der Sonne die ganze Geschichte und dass der König die Prinzessin zur Frau haben wolle.

 

Die Sonne war sehr befremdet über die Nachricht, da sie wusste, dass der König alt genug war, um der Großvater der Prinzessin zu sein. „Sag ihr“ sagte sie „dass eines Tages ein tapferer Bursche kommen und sie heiraten wird und sie dann von dem zahnlosen König erlöst sein wird. Sag ihr auch, dass ich sie liebe und immer bei ihr sein werde, ebenso wie ihr Bruder, der Mond.“

 

Da beendete Iwan seinen Besuch bei der Sonne mit der Frage für den Wal Schuda-Juda, warum dieser so leiden müsse. Da meinte sie, er würde bestraft, weil er drei Dutzend Schiffe verschlungen habe. „Wenn er die Schiffe davon segeln lässt, wird Gott seine Bestrafung beenden.“

 

Iwan sagte der Sonne Lebewohl und ging zurück zum Wal Schuda-Juda. Zu seiner Verteidigung meinte der Wal, dass er die Schiffe nur zu seinem Schutz verschluckt hätte. Aber wie es sich auch verhielt – mit großem Laut öffnete er seinen gigantischen Rachen und drei Schiffe, voll beladen und mit Besatzung segelten heraus. Im gleichen Moment heilten alle Wunden des Wals und wie in alten Zeiten zog Schuda-Juda seinen Schwanz zwischen den Bäumen hervor, platschte mit ihm in das Wasser und kam schließlich vom Strand frei. Kaum wieder im Meer, versprach er sogleich Iwan, für ihn den Ring zu finden, tauchte sofort auf der Suche zum Meeresgrund hinab und schon bald hatte er ihn gefunden.

 

Zurück im Königreich, gab Iwan den Ring dem König der ihn sofort der Prinzessin brachte. Aber noch immer weigerte sie sich, ihn zu heiraten. „Ich bin gerade 15 Jahre alt“ sagte sie „wie könnten wir heiraten? Alle anderen Könige würden uns auslachen. Alle würden sagen: Dieser alte Narr heiratet seine Enkeltochter!“ Aber sie meinte, er könne seine Jugend zurück erhalten, wenn er in drei Kesseln bade: Einem mit kochendem Wasser, einem mit kochender Milch und einem mit Eiswasser.

 

Der König ließ sogleich drei Kessel in den Hof des Königsschlosses schaffen und alles vorbereiten. Am nächsten Tag wies er Iwan an, in sie hinein zu springen, um ihre Wirkung zu testen. „Wenn du das nicht für mich tust, werde ich dich in kleine Stücke zerschneiden lassen“ drohte er ihm. Iwan bekam natürlich große Angst. Aber das kleine buckelige Pferdchen war wieder bei ihm und bevor Iwan in die Kessel sprang, hielt das Pferdchen sein Maul in die drei Kessel, besprengte Iwan mit einem Schütteln seines Kopfs und pfiff drei Mal eine kurze Melodie.

 

Nun sprang Iwan in die drei Kessel. Nachdem er aus dem letzten heraus gestiegen war, hatte er sich tatsächlich in einen prächtigen jungen Mann verwandelt. Diese Verwandlung ermutigte den König. Er warf sogleich seine Kleider von sich, sprang in den ersten Kessel und wurde in ihm sogleich zu Tode gekocht.

 

Die Prinzessin aber nahm Iwan bei der Hand. Dieser empfand sie nicht länger als blass und dünn, sondern als das schönste und anmutigste Geschöpf, dass es jemals auf Erden gab. Später heirateten die beiden mit großem Prunk in einer feierlichen Zeremonie. Und da der alte König tot war und keine Nachkommen hinterlassen hatte, wurden sie gleich aufgefordert, das Königreich von nun an zu regieren. So lebten alle glücklich in all den folgenden Jahren, auch das buckelige Pferdchen, das für immer Iwans wahrer und treuer Freund blieb.

 

 

FILIPKA ...

Auf dem See

 

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten keine Kinder. Die Frau klagte: „Kein Kind, um es in der Wiege zu schaukeln, kein Kind, um es ans Herz mir zu drücken.“ Da ging der Mann in den Wald, hackte einen Erlenscheit, brachte ihn der Frau und meinte: „Tue ihn in die Wiege und schaukle.“

 

Die Frau tat, wie der Mann ihr geheißen, legte das Stück Holz in die Wiege, schaukelte es hin und her und sang:

 

„Schlaf mein Söhnchen, schlaf ein,

Deine weißen Schulterchen klein,

Deine dunklen Äugelchen mach zu,

Die Mutter schaukelt Dich zur Ruh.“

 

Und sie schaukelte die Wiege einen ganzen Tag von morgens bis abends, dann noch einen zweiten. Am dritten Tag aber, also sie in die Wiege schaute, lag anstelle des Holzstücks ein kleiner Junge in der Wiege. Da waren die Frau und der Mann glücklich und froh. Sie nannten den Jungen Filipka und behandelten ihn von nun an, wie einen eigenen Sohn.

 

Filipka wuchs heran. Eines Tages sprach er zu seinem Vater: „Mach mir einen goldenen Kahn und ein silbernes Ruder, ich möchte Fische fangen.“ Der Vater machte ihm den Kahn und das Ruder und schickte ihn zum Fische fangen auf den See.

 

Filipka saß nun da mit seiner Angel und fischte und fischte. Es gefiel ihm so gut, dass er gar nicht mehr aufhören wollte. Bis in die Nacht angelte er und fing einen Fisch nach dem anderen. Die Mutter brachte ihm Essen. Als sie am See war, rief sie:

 

„Filipka, komm ans Ufer geschwind,

Hab Essen für Dich, mein liebes Kind.“

 

Da ruderte Filipka ans Ufer, gab der Mutter die gefangenen Fische, aß eine Kleinigkeit und fuhr gleich wieder auf den See hinaus.

 

Da hörte die böse alte Hexe Baba Jaga von dem glücklichen Fischerjungen und schlich zu dem See, als seine Mutter ihn wieder Essen brachte. Sie holte einen Schürhaken und einen großen Sack, humpelte auf ihren knorrigen Beinen zum See und rief:

 

„Filipka, komm ans Ufer geschwind,

Hab Essen für Dich, mein liebes Kind.“

 

Der Junge dachte, es sei seine Mutter und ruderte zum Ufer. Baba Jaga fasste das Boot mit ihrem Hacken, zog es an Land, packte Filipka und steckte ihn in ihren Sack. Sie warf den Sack über ihre Schulter und schleppte ihn heimwärts. Doch es war ein weiter Weg und der Junge eine schwere Last. So wurde Baba Jaga schon bald sehr müde und musste sich hinsetzen, um ein wenig zu verschnaufen. So müde war sie, dass sie, kaum war sie zur Ruhe gekommen, schon bald kurz einnickte. Da schlüpfte Filipka schnell aus dem Sack, legte ein paar schwere Steine hinein und rannte zurück zum See.

 

Kurz darauf wachte Baba Jaga wieder auf, nahm den Sack mit den Steinen auf die Schulter und trug ihn laut ächzend nach Hause. Dort sagte sie zu ihrer Tochter: „Brat mir zum Mittagessen den Fischersjungen hier.“ Sie leerte den Sack, doch statt des Jungen fielen lauter Steine heraus. Da wurde Baba Jaga sehr wütend. Sie schrie, dass das ganze Hexenhaus wackelte: „Mich so hinters Licht zu führen! Dir werde ich´s noch zeigen, Fischersjunge!“ Wie der Wind rannte sie zurück zum See und rief wieder:

 

„Filipka, komm ans Ufer geschwind,

Hab Essen für Dich, mein liebes Kind.“

Doch Filipka erkannte dieses Mal Baba Jagas Stimme.

„Nein, dies ist nicht meiner Mutter Stimme,

Denn die ist lieblich, fein und voll der Sinne.“

 

Und so rief die Hexe und rief vergebens. Filipka kam nicht mehr ans Ufer. Na schön, dachte die Hexe, muss ich mir wohl eine feinere Stimme zulegen. Sie lief zum Schmied und sprach: „Schmied, lieber Schmied, schlag mir meine Zunge dünner!“

 

„Wenn Du willst“ meinte der Schmied „kann ich machen, leg sie bloß auf dem Amboss.“ Baba Jaga legte ihre Zunge auf den Amboss und der Schmied begann, sie mit seinem Hammer zurecht zu schmieden. Er schmiedete sie so lange, bis sie dünn wie ein Blatt war.

 

Dann lief Baba Jaga zurück zum See und ruft mit ihrer neuen feinen Stimme:

 

„Filipka, komm ans Ufer geschwind,

Hab Essen für Dich, mein liebes Kind.“

 

Jetzt dachte Filipka, es wäre doch wieder seine Mutter und ruderte ans Ufer. Kaum angekommen, wurde er gleich wieder von der Hexe in den Sack gesteckt. „Jetzt wirst Du mir nicht mehr entkommen!“ freute sie sich und trug den Sack auf schnellsten Weg in ihr Hexenhaus. Dort angekommen, holte sie Filipka aus dem Sack und sagte zu ihrer Tochter: „Da ist der Betrüger! Heiz den Ofen und brat ihn gut durch. Bis zur Mittagszeit muss er fertig sein!“ Dann verließ sie das Haus und ließ ihre Tochter mit Filipka alleine zurück. Die Tochter heizte den Ofen, nahm die Ofenschaufel und ging zu Filipka.

 

„Leg Dich auf die Schaufel, ich will Dich in den Ofen stecken!“ Phillip legte sich darauf, streckte aber die Beine in die Höhe. „Nicht so“, meinte die Hexentochter, „so passt Du nicht hinein!“. Da nahm Filipka die Beine herunter und ließ sie von der Schaufel baumeln. „Nein, so auch nicht!“ schrie die Tochter Baba Jagas. „Wie denn?“ fragte Filipka. „Zeig es mir doch bitte!“ „Mein Gott, bist du dumm!“ schimpfte die Tochter der Hexe, „komm, ich zeig´s dir!“ Sie legte sich auf die Schaufel und streckte sich flach aus. Wie der Wind nahm Filipka die Schaufel mit ihr und schob sie in den Ofen. Er schloss die Ofentür und verriegelte sie mit einem Stößel, damit die Tochter nicht mehr heraus kam. Gerade hatte er das Hexenhaus verlassen, sah er Baba Jaga zurück zur Hütte kommen. Er hatte gerade noch Zeit, auf einen hohen Baum zu springen und versteckte sich in seinen Ästen.

 

Die Hexe ging in die Küche. Als sie den Duft von gebratenem Fleisch wahrnahm, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Sie nahm den Braten aus dem Ofen, aß sich satt, warf die Knochen nach draußen und wälzte sich auf ihnen herum. Da bei sprach sie:

 

„Ich rolle mich und drehe mich. Filipkas Fleisch verzehrte ich.“

Da rief Filipka vom Baum.

„Roll´ dich nur und drehe dich. Deine Tochter aßest Du, nicht mich.“

 

Als die Hexe das hörte, wurde sie schwarz vor Ärger. Sie ging zum Baum und fing an in den Stamm zu beißen. Aber dieser war zu dick und der Baum blieb stehen. So lief die alte Jaga wieder zum Schmied.

„Schmied, lieber Schmied, mach mir eine Axt, sonst fress ich deine Kinder!“ Da bekam der Schmied Angst und machte ihr die Axt. Baba Jaga lief zurück zum Baum und fing an, auf ihn einzuhacken. Da rief Filipka vom Baum:

 

„Nicht in den Stamm, hau auf den Stein!“

Da meinte die Hexe ärgerlich: „Nicht in den Stein, ich haue den Stamm!“

Aber Filipka meinte erneut: „Nicht in den Stamm, hau auf den Stein!“

 

Und mit einem mal rutschte die Axt ab, schlug auf einen großen Stein und wurde mit einem mal stumpf und schartig. Die Hexe war außer sich vor Wut. Sie kreischte, nahm die Axt und ging wieder zum Schmied. Da merkte Filipka, dass der Baum schon ganz wackelig war. Die Hexe hatte schon so viel vom Stamm durchgehackt, dass er schnell herunter musste, bevor es zu spät war. Am Himmel flog ein Schwarm Wildgänse, Filipka rief ihnen zu:

 

„Liebe Gänse, werft mir jede eine Feder hinunter. Ich flieg mit euch heim und dort werdet ihr belohnt!“ Da warf jede Gans eine Feder herunter, aber es reichte nur für einen halben Flügel für Filipka. Da kam ein zweiter Schwarm angeflogen und Filipka rief wieder: „Liebe Gänse, werft mir jede eine Feder hinunter. Ich flieg mit euch heim und dort werdet ihr belohnt!“ Und wieder erhielt er von jeder Gans eine Feder. Später flogen noch zwei Schwärme vorbei, warfen Federn herunter und so hatte Filipka genug für zwei Flügel zusammen. Er fertigte sie und flog damit den Gänsen hinterher.

 

Da kam die Hexe zurück vom Schmied und hackte wie eine Wilde auf den Baum ein, auf dem Filipka gesessen hatte. Sie hieb und hieb und – bumm – fiel der Baum um, ihr direkt auf den Kopf. Filipka aber flog mit den Gänsen nach Hause. Vater und Mutter waren überglücklich, dass sie ihn wieder hatten. Sie fütterten die Gänse, bereiteten ein festliches Mahl und damit ist unser Märchen zu Ende.

 

 

DAS GOLDENE EI

Mäuschen und das goldene Ei

 

Opa und Oma hatten eine Henne

Die legte ein großes Ei

Völlig aus Gold lag‘s auf der Tenne

Dotter war keiner dabei.

 

Der Opa klopfte auf das Ei,

doch das Ei, das brach nicht entzwei

Die Oma klopfte auf das Ei,

das Ei brach noch immer nicht entzwei.

 

Kam ein Mäuschen herbei

Stieß das Ei mit dem Schwänzelein

Und runter fiel es fast von allein

Und brach entzwei.

 

Da weinte das Großelternpaar

Die Henne gackerte sonderbar

Ein neues Ei das ist nicht schwer

Ich lege es euch jetzt gleich da her

Bloß golden wird es nicht mehr sein,

Dafür mit Eiweiß und Dotter fein.

ALJONUSCHKA UND IWANUSCHKA

Illustration Iwan Bilibin

 

Es waren einmal zwei Waisenkinder. Nachdem ihre Eltern gestorben waren, standen die beiden, die Aljonuschka und Iwanuschka hießen, ganz alleine auf der Welt. Also verließen sie ihr zu Hause und gingen auf die Wanderschaft.

 

Als sie eine Weile unterwegs waren und die Sonne vom Himmel brannte, bekam Iwanuschka großen Durst. Doch weit und breit war kein Brunnen zu sehen, nur mit Wasser vollgelaufene Hufabdrücke einer Kuh.

 

„Schwesterchen, ich bin so durstig.“

„Warte Brüderchen, bis wir einen Brunnen finden.“

„Darf ich nicht das Wasser aus einem Hufabdruck trinken?“

„Nein, da darfst du nicht trinken, sonst verwandelst du dich in ein Kälbchen.“

 

Iwanuschka hörte auf seine Schwester und so liefen sie weiter. Die Sonne stieg höher, doch so lange sie auch liefen, kein Brunnen kam in Sicht und es wurde immer heißer. Da sahen sie den Abdruck eines Pferdehufs auf der Straße, der voll mit Wasser war.

 

„Schwesterchen, darf ich aus dem Hufabdruck trinken?“

„Trink nicht, sonst verwandelst du dich in ein Fohlen.“

 

Iwanuschka seufzte und beide gingen weiter. Die Sonne wanderte weiter über den Himmel, doch kein Brunnen lag auf ihrem Weg. Die Hitze drückte sie nieder und vergrößerte noch weiter ihren Durst. Da sahen sie den Hufabdruck einer Ziege, der wie die vorherigen voller Wasser war. Iwanuschka sprach:

 

„Schwesterchen, ich kann nicht mehr. Darf ich nicht aus dem Hufabdruck trinken?“

„Trink nicht, sonst verwandelst du dich in ein Zicklein.“

 

Doch dieses mal gehorchte Iwanuschka nicht und trank aus dem Hufabdruck. Kaum hatte er zu trinken begonnen, verwandelte er sich in ein Zucklein. Aljonuschka rief erschrocken den Namen ihres Bruders, doch nicht seine Gestalt, sondern ein weißes Zicklein kam zu ihr herangesprungen. Da weinte Aljonuschka bitterlich, während das Zicklein um sie herum im Gras umher lief. Ein Mann kam des Weges, hielt bei dem Mädchen an und fragte sie:

 

„Warum weinst du, hübsches Mädchen?“

 

Sie erzählte vom Unglück der beiden. Der Mann sagte:

„Heirate mich. Ich werde dich schmücken mit Gold und Geschmeide und dein Zicklein darf für immer bei uns bleiben.“

 

Aljonuschka sagte ja und so hielten sie Hochzeit und lebten glücklich lange Zeit zusammen mit dem Zicklein. Eines Tages ging der Mann auf Reisen. Kurz nachdem er weg war, kam eine böse Hexe in Aljonuschkas Haus. Sie zwang das Schwesterchen, zum Fluss zu gehen, band ihr einen Stein um den Hals und warf sie ins Wasser. Danach verwandelte sie sich in Aljonuschkas Gestalt, zog Kleider von ihr an und ging zurück ins Haus. Da sie nun genau wie Aljonuschka ausschaute, erkannte sie niemand, bis eines Tages der Mann zurück kam. Auch der merkte nicht, dass die Frau in seinem Haus nicht mehr die echte Aljonuschka war, nur das Zicklein wusste Bescheid. Es war ganz traurig, aß nichts mehr, trank nichts mehr, ging jeden Tag zum Fluss und rief nach seinem Schwesterchen. Die Hexe bemerkte das Treiben des Zickleins und sagte dem Mann:

 

„Schlachte das Zicklein für mich!“

 

Der Mann wunderte sich. Hütete seine Frau vor seiner Reise das Zicklein wie ihr wervollstes Gut, wollte sie nun, dass es geschlachtet wird. Die Hexe entzündete ein großes Feuer, hängte einen ehernen Kessel darüber und schliff ein scharfes Messer. So merkte das Zicklein, dass es nicht mehr lange leben würde und legte sich am Ufer des Flusses nieder. Es sprach:

 

„Schwesterchen Aljonuschka,

komm aus dem Wasser und sei wieder da.

Die Flammen lodern hell,

Das Wasser im Kessel kocht schnell.

Scharf sind die Messer gewetzt,

Geschlachtet werde ich jetzt.“

 

Da antwortete Aljonuschka aus dem Wasser:

„Brüderchen Iwanuschka,

der Stein um den Hals hält mich da.

Um meine Beine schlingen wie ein Band,

Die Pflanzen und der tiefe Sand.“

 

Währenddessen suchte die Hexe das Zicklein. Da sie es nicht fand, sandte sie einen Knecht: „Bring mir das Zicklein geschwind!“ So ging der Knecht hinunter zum Fluss und fand dort das Zicklein. Er hörte, was es mit dem Schwesterchen im Wasser sprach, lief zurück und erzählte alles dem Mann. Dieser ging zusammen mit dem Knecht zum Wasser, schnitt dem Stein von Aljonuschkas Hals und zog sie aus dem Fluss. Darauf wuschen sie sie in reinem Quellwasser und zogen ihr frische und feine Gewänder an. Aljonuschka erwachte wieder und war schön wie der junge Morgen.

 

Das Zicklein wälzte sich vor Freude dreimal im Gras und verwandelte sich zurück in den Jungen Iwanuschka. Die böse Hexe aber wurde bestraft, an ein Pferd gebunden und durch das Dorf geschleift. Die beiden Geschwister aber lebten glücklich bis an ihr Ende.


(Alexander Nikolajewitsch Afanasjew)

VÄTERCHEN FROST

Illustration Iwan Bilibin

 

Es war einmal vor langer Zeit in einem weit entfernten Land ein Mann mit seiner Frau. Beide waren bereits zuvor verheiratet gewesen, doch ihre früheren Eheleute waren gestorben und so hatten sie wieder geheiratet. Beide hatten aus ihrer früheren Ehe je eine Tochter. Die Tochter der Frau war böse und gemein, während die Tochter des Mannes lieb und sanft war. Die Frau liebte nur ihre eigene Tochter und ließ ihre Stieftochter den ganzen Tag hart arbeiten. Das Mädchen musste das ganze Haus alleine putzen und wurde von der Stiefmutter oft geschlagen. Doch dennoch hasste die Frau die Tochter des Mannes von Tag zu Tag mehr.

 

Eines Tages, mitten in einem harten, kalten Winter, beschloss die Stiefmutter, dass das arme Mädchen in den tiefen Wald gebracht und sich selbst überlassen werden sollte. Der Vater des Mädchen wollte das natürlich nicht, doch seine Frau war so boshaft und herrisch, dass er mittlerweile Angst vor ihr hatte, seine Tochter tatsächlich mit in den Wald nahm und sie dort alleine ließ.

 

Einsam und verlassen saß das Mädchen nun unter einem Baum. Doch schon nach kurzer Zeit hörte sie ein Knacken von Zweigen und kurz darauf eine Stimme, die sprach: „Frierst Du, liebes Kind?“ Das Mädchen erkannte die Stimme als die von Väterchen Frost und antwortete: „Nein, Väterchen Frost. Mir ist nicht kalt.“ Da fragte er sie nochmals und noch mal und kam näher und näher zu dem Kind. Das Mädchen antwortete jedes Mal, dass ihr warm sei, doch das arme Kind dauerte dem Väterchen so sehr, dass er es in einen weichen, prächtigen Mantel wickelte, die ganze Nacht wärmte und es am Morgen mit Geschenken überhäufte.

 

Dem Vater bedauerte seine böse Tat inzwischen und kam am nächsten Tag in den Wald zurück, um seine Tochter zu retten und freute sich sehr, als er sie nicht nur lebendig, sondern auch warm bekleidet und mit großen Reichtümern beladen fand. Beide kehrten nach Hause zurück. Als sie wieder da waren und die Stiefmutter die Reichtümer des Mädchens sah, wollte sie sofort, dass auch ihre eigene Tochter in den Wald gebracht und dort eine Nacht verbringen solle. Natürlich hoffte sie, dass auch ihre Tochter reich beschenkt zurückkommen würde.

 

Also ging der Mann in den Wald und ließ die Tochter der Frau dort zurück. Doch als er sie am nächsten Morgen holen wollte, erschrak er. Nicht beladen mit Reichtum, sondern kalt gefroren war der Leib des bösen Mädchens. Er brachte ihren Leichnam der bösen Frau zurück, nahm seine eigene Tochter bei der Hand und zog von der bösen Stiefmutter für immer fort. Und wenn er und das Mädchen nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

 

(Alexander Nikolajewitsch Afanasjew)

 

 

FINIST, DER FALKE

Illustration Iwan Bilibin

 

Vor vielen Jahren lebte einmal ein reicher verwitweter Kaufmann, der drei Töchter hatte. Die beiden älteren Töchter waren vor allem interessiert an schönen Kleidern und dem feiern von Festen, aber Maria, die Jüngste, besorgte dem Vater den Haushalt und war sittsam und gut.

 

Eines Tages ging der Kaufmann zum Markt und fragte seine Töchter, was für Geschenke er ihnen mitbringen solle. Die beiden älteren Töchter wünschten sich teure Stoffe für neue Kleider, aber Maria sprach: „Alles was ich will, ist eine Feder von Finist, dem Falken.“ Doch eine solche Feder konnte er im Gegensatz zu den Stoffen auf dem Markt nicht finden.

 

Auf seiner nächsten Reise ging er zu einem Markt weiter weg von zu Hause. Seine älteren Töchter fragten ihn nach seidenen Schals, aber Maria wollte wieder eine Feder von Finist dem Falken. Wieder fand er die teuren Geschenke für die älteren Töchter, aber niemand auf dem Markt hatte jemals etwas von einer solchen Feder gehört.

 

Als der Kaufmann wieder zum Markt wollte, dieses Mal weit, weit weg von zu Hause, fragten ihn die beiden älteren Töchter nach neuen Ohrringen und Maria wünschte sich wieder nur die Feder von Finist dem Falken. Der Kaufmann fand auch schöne Ohrringe auf dem Markt. Auf seinem Weg zurück traf er einen alten Mann mit einem kleinen Kästchen in seiner Hand. „Was ist in dem Kästchen?“ fragte der Kaufmann. „Eine Feder von Finist dem Falken“ antwortete der alte Mann. „Bitte, verkaufe sie mir,“ bat ihn da der Kaufmann, aber der alte Mann sprach: „Diese Feder ist nicht zu verkaufen. Aber ich kann sie einem gutmütigen Mann, wie ihr es seid, zum Geschenk machen.“

 

Als der Kaufmann mit der Feder heim kam, danke ihm Maria mit großer Freude und rannte in ihr Zimmer, um das Kästchen zu öffnen. Sie nahm die Feder heraus, warf sie in die Luft und ein Falke erschien. Sie stampfte mit dem Fuß auf den Boden und der Falke verwandelte sich in einen prächtigen jungen Mann. Sie sprachen miteinander voller Glück bis in die späte Nacht. Da dachten die beiden älteren Schwestern, sie hörten eine Männerstimme im Zimmer der Jüngsten, klopften an die Tür und verlangten Einlass. Aber bevor sie herein kamen, flog Finist aus dem Fenster heraus. In das leere Zimmer hereinstürzend waren die Schwestern sehr verärgert und voller Misstrauen.

 

In den nächsten drei Nächten flog Finist erneut durch Marias Fenster, um sie zu besuchen, als sie die Feder fallen ließ. Aber in der dritten Nacht sahen die bösen Schwestern ihn davon fliegen. Als Maria nicht in ihrem Zimmer war, klemmten sie ein scharfes Messer und Nägel in den Fensterrahmen. In der folgenden Nacht wartete Maria erneut auf Finist, da sie aber sehr müde von den Nächten mit wenig Schlaf war, nickte sie ein. Als Finist versuchte in das Fenster hinein zu fliegen, verletzte er seine Flügel an den scharfen Spitzen und Schneiden. Traurig sprach er zur schlafenden Maria: „Lebe wohl, meine Liebste. Wenn du mich liebst, wirst du mich finden“ und flog davon.

 

Illustration Iwan Bilibin

 

Am nächsten Morgen entdeckte Maria die mit Blut beschmierten Messer auf dem Fensterrahmen. Sie weinte und rief nach Finist. Als sie keine Antwort erhielt, beschloss sie, ihren Liebsten zu finden. Sie wanderte Tage und Tage durch den Wald und kam zuletzt an eine kleine Hütte.

 

Eine alte Frau kam aus der Tür und fragte ihn: „Wohin gehst du, schönes Mädchen?“

Maria antwortete: „Ich suche Finist, den Falken.“

„Oh, es ist ein weiter Weg zu ihm“ sagte da die alte Frau Nimm diesen silbernen Teller und das goldene Ei. Gib sie nicht her für alles Geld der Welt, aber verkaufe sie für eine Unterhaltung mit Finist.

 

Maria nahm die Geschenke, dankte der alten Frau und ging wieder auf die Reise. Sie kam noch an zwei anderen kleinen Häuslein vorbei, wo die Schwestern der alten Frau lebten, die für sie viele freundliche Worte hatten und zwei weitere Geschenke gaben: Eine goldene Nadel und eine goldene Spindel. Schließlich erreichte Maria einen Palast. Sie hörte, dass Finist dort war und die Prinzessin des Landes, in dem sie sich befand, ihn dort heiraten wollte. Maria ging zur Palastküche, fragte nach Arbeit als Dienstmagd und durfte als Spülfrau bleiben.

 

Eines Abends, nach einem langen Tag mit harter Arbeit, ließ sie sich nieder und spielte mit ihrem silbernen Teller und goldenen Ei. Durch einen Zufall sah die Prinzessin Maria mit ihren wertvollen Schätzen und fragte diese sogleich, ob sie sie ihr verkaufen würde. Maria, die sich noch an den Rat der alten Frau erinnerte, antwortete:

 

„Ich kann sie nicht verkaufen. Aber wenn ihr mich heute Abend mit Finist dem Falken sprechen lasst, gebe ich sie euch als Geschenk.“

 

Die Prinzessin willigte ein, aber sie war misstrauisch und tat Schlafpulver in Finists Speisen. Später am Abend ging Maria zu Finists Gemach und sprach zu ihm: „Mein liebster Finist der Falke, erwache!“

 

Aber er war schon eingeschlafen und konnte sie nicht hören. Am nächsten Tag sah die Prinzessin erneut, als sie gerade mit der goldenen Nadel spielte. Doch es passierte wieder dasselbe und Finist entschlief, bevor Maria mit ihm sprechen konnte. In der dritten Nacht, als sie sich das Recht, mit ihm zu sprechen mit der goldenen Spindel erkaufte, ging sie in sein Gemach und kniete vor seinem Bett, als sie ihn rief. Doch er war wieder von der Prinzessin betäubt worden und konnte sie nicht hören. Im Wissen, dass sie ihre letzte Chance verloren hatte, begann sie zu weinen und eine ihrer Tränen fiel auf seine Backe. Dieses mal spürte er ihre Sorge, öffnete seine Augen und sprach:

 

„Liebste Maria, ich bin so glücklich, dich wieder zu sehen!“ Sie erzählte ihm von ihren Abenteuern seit sie sich das letzte Mal begegnet waren. Sie versprachen sich ewige Liebe und flüchteten zusammen aus dem Palast der Prinzessin. Als sie zurück zu Marias Haus kamen, vergaben sie Marias Schwestern, heirateten sich und lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

 

(Alexander Nikolajewitsch Afanasjew)

BABA JAGA

Illustration Iwan Bilibin

 

Es war einmal ein Mann und seine Frau, die hatten eine Tochter. Sie lebten glücklich miteinander, doch eines Tages wurde die Frau schwer krank und starb. Lange Zeit war der Mann sehr traurig, aber einige Jahre später heiratete er doch eine andere Frau. Diese war ein böses Weib. Von Anfang an hasste sie die Tochter des Mannes, schimpfte und schlug sie sogar. Sie plante sogar noch böseres: Als der Mann länger verreisen musste, machte sie einen Plan, das Mädchen zu Tode kommen zu lassen. Sie sprach zu dem Mädchen:

 

„Geh zu meiner Schwester und lass Dir von ihr Nadel und Faden geben, damit ich Dir ein neues Kleid nähen kann.“ Ihre Schwester aber war Baba Jaga, eine böse Hexe. Das Mädchen hatte Angst vor ihrer Stiefmutter und traute sich nicht zu widersprechen. Voller Angst ging sie aus dem Haus. Auf dem Weg zu Baba Jaga kam sie beim Haus ihrer Tante, der Schwester ihres Vaters, vorbei. Die stand in ihrem Garten und schaute sie freundlich an.

 

„Sei gegrüßt, liebste Tante.“

„Hallo Mädchen, wohin gehst Du denn so betrübt?“

„Meine Stiefmutter hat mich zu ihrer Schwester geschickt, um Nadel und Faden zu holen. Und Du weißt doch, ihre Schwester ist die böse Hexe Baba Jaga.“

„Da hast Du gut getan, dass Du vorher bei mir vorbei gekommen bist“ sprach da die Tante. „Warte hier.“ Sie ging ins Haus und kam mit einem Band, einem Brot, einem Krug Öl und einem Stück Fleisch zurück.

„Nimm diese Sachen. Dich wird eine Birke mit ihren Ästen schlagen, um Dich beim Gehen zu stören. Mit dem Band binde die Äste zusammen. Ein Tor wird quietschen und Dich nicht durchlassen, öle die Türangel. Hunde werden Dich beißen wollen, gib ihnen vorher das Brot und eine Katze wird Dich kratzen wollen, so gibt ihr vor ihrer Tat das Fleisch.“

 

Das Mädchen ging in den Wald und kam an eine Hütte, die auf riesigen Beinen stand, die wie die von einem Huhn aussahen. In der Hütte saß Baba Jaga mit ihren knochigen Beinen und webte. Die Tür stand offen und das Mädchen trat ein.

 

“Seid gegrüßt, Baba Jaga.“

„Was willst Du Mädchen?“

„Meine Stiefmutter, Deine Schwester, schickt mich. Ich soll bei Dir für sie Nadel und Faden holen, damit sie mir ein Kleid nähen kann.“

„Du wirst beides erhalten. Aber während ich die Sachen hole, musst Du hier weiter für mich weben.“

 

Da setzte sich das Mädchen und webte. Baba Jaga ging in den Nachbarraum der Hütte, wo sich ihre Magd befand und sagte zu ihr: „Ich gehe jetzt ins Bett. Heize den Ofen und wasche das Mädchen, das im anderen Zimmer für mich webt. Wenn ich aufwache, will ich es braten und essen.“ Da Baba Jaga die Tür nicht richtig geschlossen hatte, hatte das Mädchen gehört, was diese zu ihrer Magd gesagt hatte. Sie bekam furchtbare Angst. Als Baba Jaga im Bett war, ging sie zur Magd und bat sie: „Hab erbarmen mit mir! Mach kein Feuer im Ofen!“ Sie reichte ihr ein kostbares Tuch, das sie einst von ihrer Mutter bekommen hatte und schaute sie flehentlich an.

 

Da erwachte Baba Jaga. Eilig lief das Mädchen zurück zum Webstuhl und begann wieder emsig zu weben. Da fragte die Hexe durch die geschlossene Türe.

 

„Webst Du auch schön, Mädchen?“

„Ich webe noch“ antwortete das Mädchen laut und sprach dann leise zu einem Kater, der durch die Stube lief. „Katerchen, weißt Du, wie man von hier fliehen kann?“ Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Tante und gab ihm das Stück Fleisch, das sie von ihr bekommen hatte. Der Kater aß es und antwortete ihr: „Hör zu. Auf dem Tisch dort drüben liegt ein Handtuch und ein Kamm. Nimm beide und lauf, so schnell Du kannst. Baba Jaga wird schnell merken, wenn Du aus ihrer Hütte läufst und Dich verfolgen.

 

Sie kann rennen wie der Wind. Sobald sie dich fast einholt, wirf den Kamm hinter Dir auf die Erde. Sofort wird, wo er den Boden berührt, ein dichter Wald wachsen. So lange sich Baba Jaga durch den Wald kämpfen muss, renne weiter. Wenn Sie Dich wieder einholt, wirf das Handtuch hinter Dich. Sofort wird dort, wo es den Boden berührt, ein Fluss entstehen.“

„Ich danke Dir vielmals, Katerchen“ sprach das Mädchen. Sie nahm den Kamm und das Handtuch und rannte aus der Hütte. Da kamen um die Hütte zwei Hunde gerannt und wollten sie beißen und in Stücke reißen. Das Mädchen warf das Brot zu ihnen und sie schnappten danach und ließen sie in Ruhe.

 

Sie rannte weiter und kam an ein Tor. Quietschend sprang es auf und zu und war nie lange genug offen, dass jemand hindurch eilen konnte. Das Mädchen goss ihr Öl auf seine Angeln, da blieb es offen stehen und ließ sie durch. Da kam sie an eine Birke, die sie mit ihren Ästen aufhalten wollte, doch sie band die Äste mit dem Band zurück und so ließ auch die Birke sie weiter laufen.

 

Illustration Iwan Bilibin

 

Inzwischen hatte sich der Kater an den Webstuhl gesetzt und die Arbeit des Mädchens fortgeführt. Zumindest tat er so, als ob er weben würde und klapperte fleißig mit dem Webstuhl. Da erwachte Baba Jaga erneut und fragte:

 

„Webst Du auch schön, Mädchen?“

„Ich webe noch“ antwortete der Kater. Doch die Hexe merkte an der Stimme, dass etwas nicht stimmte und stürzte ins Zimmer. Da sah sie, dass nun der Kater und nicht mehr das Mädchen am Webstuhl saß. Da schimpfte Baba Jaga den Kater:

„Du Betrüger ! Du Verräter ! Warum hilfst Du dem Mädchen? Warum hast Du sie nicht aufgehalten? Warum hast Du ihr das Gesicht nicht zerkratzt?“ Da sprach der Kater: „Ich diene Dir schon viele Jahre, doch niemals erhielt ich von Dir auch nur einen Knochen! Aber das Mädchen hat mir sofort ein gutes Stück Fleisch geschenkt!“

 

Da öffnete Baba Jaga die Tür, rannte hinaus und sah ihre beiden Hunde das Brot essen. Wütend sagte sie zu ihnen: „Warum habt Ihr das Mädchen nicht in Stücke gerissen? Warum habt Ihr sie laufen lassen?“ Da meinten die Hunde: „Wir stehen in Deinen Diensten schon viele Jahre, doch niemals erhielten wir von Dir auch nur eine alte Brotrinde! Aber das Mädchen hat uns sofort ein ganzes frisches Brot geschenkt!“

 

Da lief Baba Jaga zum Tor und rief ihm zu „Warum bliebst Du nicht geschlossen? Warum hast Du das Mädchen durch gelassen?“ Da seufzte das Tor: „Ich bin Dir zu Diensten schon viele Jahre und quietschte bereits jämmerlich. Doch niemals hast Du auch nur Wasser auf meine Angeln gegossen. Das Mädchen hat mich mit Öl geschmiert!“

 

Da rannte Baba Jaga durch das Tor und kam an der Birke vorbei. Sie sprach zu ihr: „Warum hast Du das Mädchen mit Deinen Ästen nicht aufgehalten? Warum hast Du ihr nicht in die Augen gestochen ?“ Der Baum antwortete: „ Ich diene Dir schon viele Jahre. Du hast mich nicht einmal mit einem Faden zusammen gebunden. Das Mädchen hat mir ein schönes Band geschenkt!“

 

Da sah Baba Jaga die Magd und schimpfte sie: „Du dumme Göre! Warum hast Du sie nicht aufgehalten?“ Die Magd antwortete: „So viele Jahre diene ich Dir. Doch nie warst Du freundlich zu mir. Das Mädchen aber hat mir ein feines Tuch geschenkt und war sehr höflich und nett.“

 

Baba Jaga sprang in ihren großen Zauberbottich, der dicht über den Boden fliegen konnte und nahm mit dieser die Verfolgung des Mädchens auf. Mit einem Stößel beschleunigte sie, mit einem Besen verwischte sie ihre Spur und die Erde bebte, überall wo sie vorbei kam.

 

Das Mädchen rannte derweil, so schnell es konnte. Bald spürte es, wie die Erde zitterte und Baba Jaga in ihrem fliegenden Bottich näher kam. Da nahm sie den Kamm aus dem Hexenhaus und warf ihn hinter sich auf den Boden. Dort wuchs augenblicklich ein dichter und hoher Wald mit tief im Erdreich verwurzelten Bäumen. Über diesen konnte Baba Jaga nicht hinüber und stieß bei ihrer Verfolgung gegen die Bäume. Da biss die böse Hexe in die dicken Zweige und knickte sie um, bis sie so durch den Wald hindurch gelangte und nahm die Verfolgung des Mädchens wieder auf. Eine Weile später spürte das Mädchen wieder das Zittern des Bodens hinter ihr, da ihr die Hexe erneut näher und näher kam. Da warf das Mädchen das Handtuch aus dem Hexenhaus und warf es hinter sich über die Schulter auf den Boden. Sofort entstand dort ein breiter Fluss. Schon einen Moment später kam Baba Jaga ans Ufer, ärgerte sich und knirschte mit ihren Zähnen. Über das Wasser konnte sie mit ihrem Zauberbottich nicht hinüber. Sie ging fort, kehrte mit einer Herde Rinder zurück und befahl ihnen, den Fluss leer zu trinken. Sie tranken und tranken, doch das Wasser wurde nicht weniger. Da legte sich die Hexe selbst mit ans Ufer und begann zu trinken. Sie trank und trank und trank, wurde dicker und dicker – und platzte.

 

Spät am Abend desselben Tages kehrte der Vater des Mädchens von seiner Reise zurück und fragte seine Frau, die böse Stiefmutter: „Wo ist meine Tochter?“ „Sie ist zu ihrer Tante gegangen, Nadel und Faden zu holen. Sie ist wohl irgendwo aufgehalten worden.“ Der Vater machte sich Sorgen, da seine Tochter sonst nie so lange aus blieb und wollte schon seine Tochter suchen gehen. Da ging die Tür auf und vom laufen völlig außer Atem kam das Mädchen herein.

 

“Wo bist Du gewesen?“ fragte sie der Vater. „Oh Vater. Die Stiefmutter hat mich zu ihrer Schwester geschickt, doch die war die böse Hexe Baba Jaga! Wäre ich ihr nicht entkommen, hätte sie mich mit Haut und Haaren gefressen!“

 

Da nahm der Vater den Besen und jagte das böse Weib aus dem Haus. Seitdem lebte er alleine mit seiner Tochter glücklich und in Wohlstand zusammen und damit ist das Märchen vorbei.

 

(Alexander Nikolajewitsch Afanasjew)

 

DAS WEISSE ENTCHEN

  Illustration von Iwan Bilibin

 

Es war einmal ein Fürst, der eine wunderschöne Frau zur Fürstin hatte. Kurz nach der Hochzeit jedoch musste er weit, weit fort. Die Fürstin weinte sehr, auch wenn sie wusste, dass man nicht sein ganzes Leben da sitzen und sich in den Armen liegen kann. Der Fürst jedoch wies sie an, in dem hohen Turm zu bleiben, in dem sie lebte, nicht auf der Suche nach Unterhaltung umher zu wandern, mit bösen Leuten zu verkehren oder böses Gerede anzuhören.

 

Die Fürstin versprach ihn, so zu handeln, wie er es ihr auftrug und so ritt der Fürst hinfort. Sie aber verschloss die Tür zu ihrem Zimmer und ging nicht mehr hinaus. Nach einer Zeit aber kam eine fremde Frau zu ihr, die wirkte ehrlich und nett und sprach: „Du langweilst dich doch in deinem Zimmer. Wenn du im Garten spazieren gehen würdest, würde dein Kopf freier und deine Sehnsucht gemildert.“ Erst weigerte sich die Fürstin eine ganze Weile herauszukommen, aber schließlich meinte sie:

 

„Spazieren gehen im Garten ist nichts unrechtes“ und so ging sie hinaus. Draußen floss Wasser klar wie Glas in einem Flüsschen und die fremde Frau sprach: „Es ist so heiß, die Sonne brennt hernieder. Komm, wir wollen im kühlen Wasser baden gehen.“

 

Zuerst sprach die Fürstin: „Nein, ich will nicht.“ Dann aber dachte sie: „Baden ist eigentlich auch nichts unrechtes“, zog ihre Kleider aus und stieg ins Wasser. Kaum aber war sie darin, da schlug die fremde Frau sie auf den Rücken und sprach:

 

„Fürstin, Fürstin schwimme fort

als weiße Ente von diesem Ort.“

 

Im gleichen Moment verwandelte sich die Fürstin in ein weißes Entchen und schwamm als solches im Flüsschen herum. Die fremde Frau, die eine Hexe war, zog die Fürstinnenkleider an, schmückte und putzte sich nach einem hohen Stand und wartete auf den Fürsten. Als die Glocken zu seiner Begrüßung läuteten und die Schlosshunde ihn mit ihrem Gebell begrüßten, lief sie, ihn zu empfangen. Sie fiel ihm um den Hals, küsste und betörte ihn. Voller Freude und geblendet von ihrer Kunst nahm er sie in die Arme und erkannte nicht, dass sie nicht die rechte Fürstin war.

 

Das weiße Entchen jedoch legte Eier und bekam drei Kinder von Menschengestalt, zwei große Jungen und einen kleinen. Sie wuchsen heran, gingen am Flüsschen spazieren, fingen Fischlein, sammelten Lumpen und nähten sich daraus Röckchen für sich. Sie liefen kreuz und quer am Ufer herum, dass es eine Freude war.

 

„Geht nicht weg, Kinder“ sprach da die Mutter, aber die Buben gehorchten nicht. Sie spielten auf der Wiese, sie sprangen über Stock und Stein und entfernten sich immer weiter vom Flüsschen, bis sie zum Schloss des Fürsten kamen. Die Hexe wusste sogleich, wessen Kinder dies waren und knirschte vor Ärger mit den Zähnen. Mit gespielter Freundlichkeit rief sie die Jungen zu sich, reichte ihnen Speis und Trank und wies ihnen danach ein weiches Bett zum schlafen an. Dann befahl sie, dass ein Feuer gemacht und ein Kessel darüber gehängt werden solle und ließ scharfe Messer wetzen. Die beiden größeren Buben schliefen schon, aber der kleinste, den der älteste vorne in sein Hemd gesteckt hatte, damit er nicht krank wurde, war noch wach und sah voller Furcht, was rings um ihn geschah.

 

Mitten in der Nacht ging die Hexe zur Tür des Schlafraums und sprach:

 

„Schlaft ihr, liebe Kinderlein?

Schlaft ihr schon gar hübsch und fein?“

 

Der kleine Junge antwortete:

„Wir schlafen nicht, wir schlafen nicht,

die Angst steht uns tief im Gesicht,

man will uns schlachten drauß´ im Licht

Das Wasser ist aufgesetzt

Die Messer sind gewetzt!“

 

„Sie schlafen noch nicht“ dachte die Hexe und ging eine Weile fort, um später in der Nacht wieder zu kommen. Nach ihrer Rückkehr fragte sie wieder:

 

„Schlaft ihr, liebe Kinderlein?

Schlaft ihr schon gar hübsch und fein?“

 

Der kleine Junge antwortete:

„Wir schlafen nicht, wir schlafen nicht,

die Angst steht uns tief im Gesicht,

man will uns schlachten drauß´ im Licht

Das Wasser ist aufgesetzt

Die Messer sind gewetzt!“

 

„Das ist wieder die gleiche Stimme“ bemerkte die Hexe, öffnete ganz leise die Tür und sah, dass die beiden großen Jungen fest schliefen. So schlich sie zu ihrem Bett, berührte die Brüder mit ihrer eisigen Todeshand und noch im gleichen Moment hauchten sie ihr Leben aus und lagen regungslos da.

 

Am folgenden Morgen rief die Ente ihre Kinder, doch keines kam. Sie spürte, dass etwas Böses passiert war und ihr Herzchen raste. Sie flog in das Schloss des Fürsten und dort im Hof lagen die drei Brüderchen, weiß wie Tücher, kalt wie ein Eisblock, still und regungslos. Die Mutter landete auf ihnen, bedeckte sie mit ihren Flügeln und sang:

 

„Quak, quak meine Söhnelein,

Quak, quak liebste Kinderlein,

Ich zog euch groß in vieler Not,

Sorgte gut, nun seid ihr tot.

Ich schlief nicht in so mancher Nacht,

Bin nun um jeden Schlaf gebracht.“

 

Der Fürst hörte den Gesang und sagte zu seiner falschen Frau: „Hast du so was schon einmal gehört? Die Ente singt mit der Stimme einer Frau!“

 

„Das scheint dir nur so. Lass sie fort jagen!“

 

Die Diener des Fürsten vertrieben die Ente, aber schon bald kam sie wieder zurück zu ihren Kindern und klagte:

 

„Quak, quak meine Söhnelein,

Quak, quak liebste Kinderlein,

Die Hexe hat euch verdammt,

so dass euer Leben schwand.

Die böse Hexe, voll Gier und voll Neid,

Nahm euch den Vater vor langer Zeit,

Stieß mich ins Bächlein, verwandelte mich

Setzte sich auf meinen Platz wie zuvor ich.

So musste ich dann als Entchen leben

Und sie lebte das Fürstinnenleben.“

 

Der Fürst horchte auf und wies seine Diener an: „Fangt mir das weiße Entchen!“

 

Alle rannten, um sie zu erwischen, doch niemand konnte sie fassen. Als aber der Fürst selbst ihr hinterher lief, fiel sie in seine Arme. Er nahm einen Flügel in seine Hand und sprach:

 

„Steh, weiße Birke hinter mir,

Steh, schönes Mädchen vor mir!“

 

Da schien es, als ob die Birke hinter ihm sich streckte und mit einem mal stand an Stelle des Vogels ein schönes Mädchen vor dem Fürsten, das er sogleich als seine wahre Gemahlin erkannte. Das Mädchen rief eine Elster, band ihr zwei Bläschen für Wasser unter die Flügel und befahl ihr, in dem einen das Wasser des Lebens und in dem anderen das Wasser des Sprechens herbei zu schaffen.

 

Die Elster flog fort und einige Zeit später kehrte sie tatsächlich mit den beiden Wassern zurück. Die Brüder wurden mit dem Wasser des Lebens besprengt, da fingen sie an sich zu rühren und standen auf, dann wurden sie mit dem Wasser des Sprechens besprengt und schon redeten sie. So bekam der Fürst seine Familie und lebte mit ihnen zusammen in Glück und Zufriedenheit. Die böse Hexe jedoch band man an ein Pferd, jagte es über die Felder, so dass ihr Arme und Beine an den Gräben und Steinen brachen. Was von ihr später übrig war, pickten die Vögel auf uns so blieb von ihr keine Spur, nicht mal eine Gedanke zurück.

 

(Alexander Nikolajewitsch Afanasjew)

 

MASCHA UND DER BÄR ..., Märchen aus Russland

Unterwegs nach Hause

 

Es waren einmal ein Großvater und eine Großmutter, mit denen lebte ihre kleine Enkeltochter Mascha. Eines Tages wollte Mascha in den Wald gehen, um Pilze zu sammeln. „Geh, kleine Enkeltochter, aber geh nicht verloren!“ meinten ihre Großeltern.

 

Doch Mascha ging in den Wald und lief und lief und wusste bald nicht mehr, wo sie war. Plötzlich sah sie ein kleines Häuselein, das ganz aus Holz gemacht war. Das Mädchen ging zum Holzhaus, aber niemand war darin. „Wer wohnt hier? Wem gehört das Häuselein?“ fragte sie sich. Aber das Haus gehörte einem großen Bären.

 

Am Abend kam er nach Hause und sah Mascha, die noch immer in der Hütte war und war sehr glücklich. Er sprach:

„Du wirst mit mir leben

Wirst meinen Ofen heizen

Wirst meinen Brei kochen

Wirst mich füttern

Und ich lass dich nie mehr fort!“

 

So begann Mascha, im Holzhaus des Bären zu leben. Morgens ging er in den Wald, um sich Futter zu suchen und sprach zum Mädchen: „Du gehst nirgendwo hin! Und wenn du davon rennst, fang ich dich ein und fresse dich auf!“

 

Mascha dachte darüber nach, wie sie vom Bär fortkommen und wieder nach Hause gelangen konnte. Überall um die Hütte herum war Wald und sie kannte den Weg zurück zu ihren Großeltern nicht. Und so dachte sie und dachte lange Zeit.

 

Sie backte ein paar Kuchen und legte sie in einen großen Korb. Danach sprach sie zum Bären: „Lieber Bär. Bitte lass mich einen Tag weg, so dass ich ins Dorf gehen kann. Ich möchte diese Kuchen zu Großmutter und Großvater bringen.“

 

„Nein, ich werde die Kuchen selbst zu deinen Großeltern bringen“ sprach darauf der Bär.

„Öffne auf dem Weg nicht den Korb! Iss nicht die Kuchen, sie sind für Großmutter und Großvater! Ich werde auf einem hohen Baum im Wald wachen und alles sehen, was du tust!“

 

Der Bär erklärte sich einverstanden und Mascha legte die Kuchen in den Korb. „Geh´ hinaus und schau nach, ob es regnet“ sagte Mascha zum Bär. Der Bär ging hinaus und Mascha stieg selbst in den Korb, nahm eine große Platte auf den Kopf und legte die Kuchen darauf. Der Bär kam wieder herein, nahm den Korb und ging zum Dorf.

 

Der Bär lief und lief durch den Wald und schon bald wurde er müde. „Ich werde mich auf den Baumstumpf setzen und die Kuchen essen“ sagte er. Da hörte er Maschas Stimme:

„Ich sehe dich, ich sehe dich!

Setz dich nicht, setz dich nicht!

Ess nicht die Kuchen,

bring sie der Großmutter!“

 

Der Bär schaute zu den Bäumen. „Mascha sitzt oben in einem Baum und sieht alles“, dachte er.

So ging er weiter zum Dorf. Angekommen im Haus der Großeltern sprach er: „Öffnet schnell den Korb. Ich habe euch Kuchen von Mascha gebracht. Da sah der Hund der Großeltern den Bären, rannte zu ihm hin, bellte und fletschte die Zähne. Der Bär bekam Angst, ließ den Korb fallen und rannte zurück in den Wald.

 

Großmutter und Großvater kamen heraus, öffneten den Korb und fanden Mascha darin sitzen. Da freuten sie sich sehr, denn sie hatten sich bereits große Sorgen um sie gemacht. Sie nahmen Mascha in den Arm und küssten das schlaue Mädchen und lebten mit ihr von nun an glücklich und zufrieden.

DER KLOSS ..., Märchen aus Russland

Der Fuchs und der Kloss

 

Es waren einmal ein alter Großvater und seine Frau. Eines Tages sagte der Mann zur Frau: „Mach mir einen Kloß!“ Sie meinte „Woraus soll ich einen Kloß machen? Seit einer Woche ist kein Mehl mehr im Haus !“ „Feg den Boden aus, kratz alles aus dem Schubfach heraus, dann wirst Du sicher noch genug Mehl für einen Kloß finden.“

 

Die Großmutter ging, fegte den Boden aus, kratze alles aus dem Schubfach heraus und brachte wirklich noch zwei Hände voll Mehl für einen Kloß zusammen. Sie machte den Kloß und legte ihn auf das Fensterbrett zum abkühlen. Doch dort wurde es dem Kloß langweilig. Er sprang vom Fensterbrett und rollte auf dem Boden zur Tür in die weite Welt hinaus.

 

Er rollte und rollte, jagte den Hühnern und Gänsen auf dem Hof Angst ein und sang

„Von dem Boden gefegt

Aus dem Fach gekratzt

In der Butter gebacken

Aus dem Fenster gehopst“.

 

Da traf der Kloß den Hasen. Der sagte zu ihm: „Klößchen, Klößchen, ich werde Dich fressen!“ Der Kloß aber sang

„Von dem Boden gefegt

Aus dem Fach gekratzt

In der Butter gebacken

Aus dem Fenster gehopst

Opa konnte mich nicht fangen

Oma konnte mich nicht fangen

Und vor Dir Hase, reiß´ ich sowieso aus!“

 

Da traf der Kloß den Wolf. Der sagte zu ihm: „Klößchen, Klößchen, ich werde Dich fressen!“ Der Kloß aber sang:

„Von dem Boden gefegt

Aus dem Fach gekratzt

In der Butter gebacken

Aus dem Fenster gehopst

Opa konnte mich nicht fangen

Oma konnte mich nicht fangen

Der Hase konnte mich nicht fangen

Und vor Dir Wolf, reiß´ ich sowieso aus!“

 

Da traf der Kloß den Bär. Der sagte zu ihm: „Klößchen, Klößchen, ich werde Dich fressen!“ Der Kloß aber sang:

„Von dem Boden gefegt

Aus dem Fach gekratzt

In der Butter gebacken

Aus dem Fenster gehopst

Opa konnte mich nicht fangen

Oma konnte mich nicht fangen

Der Hase konnte mich nicht fangen

Der Wolf konnte mich nicht fangen

Und vor Dir Bär, reiß´ ich sowieso aus!“

 

Da traf er Kloß den Fuchs. Der sagte zu ihm: „Klößchen, Klößchen, ich werde Dich fressen!“ Der Kloß aber sang

„Von dem Boden gefegt

Aus dem Fach gekratzt

In der Butter gebacken

Aus dem Fenster gehopst

Opa konnte mich nicht fangen

Oma konnte mich nicht fangen

Der Hase konnte mich nicht fangen

Der Wolf konnte mich nicht fangen

Der Bär konnte mich nicht fangen

Und vor Dir Fuchs, reiß´ ich sowieso aus!“

 

Da sprach der Fuchs: „Oh was für ein schönes Lied. Aber ich höre so schlecht. Kannst Du auf meine Nase hüpfen und noch mal singen?“

Glücklich, so einen dankbaren Zuhörer zu finden, sprang der Klos auf die Nase vom Fuchs und begann wieder zu singen:

„Von dem Boden gefegt

Aus dem Fach gekratzt

In der Butter gebacken

Aus dem Fenster gehopst ...“

Da schnappte sich der Fuchs den Kloß mit seinem Maul und fraß ihn mit einem Schluck.

 

 

DAS UNGEHEUER ..., von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi ...,

Ungeheuer mit dem halben Mond

 

Es war einmal ein Ungeheuer, das saß auf einem Baumstumpf und zählte mit seinen Krallen die Sterne. „Eins, zwei, drei, vier.“ Der Kopf des Ungeheuers sah aus wie der von einem Hund, der Schwanz war kahl und kräftig wie der von einer Ratte. „Fünf, sechs, sieben.“ Die gezählten Sterne erloschen und statt ihnen erschienen schwarze Löcher am Himmel, aus denen es regnete. Und so wurde die Erde immer dunkler und nasser.

 

Da war das Ungeheuer froh, da es ja ein böses Ungeheuer war und ging in ein Dorf, um auch den Menschen Böses zu tun. Vom Zählen hatte es mittlerweile genug und schon Hornhaut auf den Krallen. Im Dorf torkelte ein betrunkener Schneider durch die Straße, der das Ungeheuer erblickte und schrie: „Hilfe, ein Monster!“ Er lief auch gleich zum Mond, um ihn um Hilfe zu bitten.

 

So kam der Mond herbei, stellte sich vor das Ungeheuer und ließ nicht mehr zu, dass es noch mehr Sterne auslöschte. Das Ungeheuer wollte mit seinen Krallen nach den Sternen greifen, doch der Mond stellte sich so, dass es sie nicht erreichen konnte. Wütend peitschte das Ungeheuer mit seinem Schwanz, aber der Mond stieß es erneut zurück und fletschte mit seinen Zähnen. Überall wurde es still im Wald. Der Mond versuchte, das Ungeheuer mit seinen Zähnen zu halten Dieses jedoch schnappte mit seinen Reißzähnen nach dem Mond, riss von ihm die Hälfte ab und verschluckte sie. Der verletzte Mond bäumte sich auf vor Schmerzen und zog sich hinter einige Wolken zurück.

 

Nun jammerte das Ungeheuer so kläglich, das überall im weiten Umkreis die Blätter von den Bäumen fielen. In seinem Bauch nämlich tobte die abgebissene Mondhälfte hin und her und machte dem Ungeheuer mächtiges Bauchweh. Immer weiter und weiter wand sich das Ungeheuer und hatte keine ruhige Minute mehr. Schließlich lief es zum Fluss und sprang ins Wasser, um dort seine Schmerzen zu lindern. Überall spritzte die Gischt. Doch immer noch krümmte sich das Ungeheuer und die Schmerzen ließen nicht nach.

 

Vom mächtigen Platschen angelockt schwammen kleine Wassernixen zum Ungeheuer. Sie starrten es an, erschraken, erblickten jedoch auch die abgerissene Mondhälfte in seinem Inneren und sprachen: „Der Mond ist da, der Mond ist da.“

 

Das Ungeheuer wand sich nochmals in einem großen Schmerz, dann jedoch wurde es ohnmächtig, fiel hernieder und blieb regungslos liegen. Die Wassernixen jedoch ergriffen das Mondstück, das aus seinen Fängen ragte und zogen es heraus.

 

Sogleich wurde der Fluss hell erleuchtet und klar, wie an einem jungen Tag im Frühling. Dem Mond hinter den Wolken jedoch wuchs nach und nach die abgerissene Seite wieder nach und schon bald zog er wieder in voller Größe über den Himmel der Nacht. Und so zeigte sich wieder einmal: Abgerissene Seiten kann man reparieren.

 

 

DAS MÄUSCHEN ..., von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi ...,

Iltis und Mäuschen

 

Die Maus entdeckte im tiefen Schnee einen Tannenzapfen, ergriff ihn mit ihren Mäusezähnen, knabberte daran und schaute nervös mit ihren kleinen schwarzen Augen hin und her. Sie hatte Angst vor Iltissen, doch keiner war ringsum zu sehen.

 

Aber es war doch ein böser Iltis dem Mäuschen gefolgt und lief mit wehenden Schwanz hinter ihm durch den Schnee. Er riss sein weites Maul auf und rannte auf das Mäuschen zu. Da rutschte die Maus mit ihren Zähnen am Zapfen ab fiel hin und tauchte in den tiefen Schnee ab.

 

Nur ihr Schwanz war noch zu sehen, der Rest des Mäuschens war im Tiefschnee verschwunden. Und der Iltis biss mit seinem Maul in den Schnee. Wütend knirschte er mit den Zähnen. Das war kein guter Moment, ihm zu begegnen.

 

Das Mäuschen aber dachte gar nicht über das nach, was geschehen war. Es war halt nicht besonders schlau und sein Gehirn nur so groß wie eine Erbse. Und so lief es weiter.

 

 

 

DIE RÜBE ..., Märchen aus Russland

Eine Rübe

 

Großvater hatte eine Rübe in den Boden gesteckt und sagte zu ihr:

„Wachse, meine Rübe, wachse, werde süß,

wachse, meine Rübe, wachse, werde fest!“

Und die Rübe wuchs und wuchs. Sie wurde süß, fest und groß –

riesig groß.

 

Da ging der Großvater, um die Rübe herauszuziehen.

Er zog und zog – aber sie ging nicht heraus.

Da rief der Großvater die Großmutter.

Die Oma hielt den Opa,

Der Opa hielt die Rübe

und sie zogen und zogen – aber sie ging nicht heraus.

 

Da rief die Großmutter ihre Enkelin.

Das Mädchen hielt die Oma,

Die Oma hielt den Opa,

Der Opa hielt die Rübe

und sie zogen und zogen – aber sie ging nicht heraus.

 

Da rief die Enkelin ihr Hündchen.

Das Hündchen hielt das Mädchen,

Das Mädchen hielt die Oma,

Die Oma hielt den Opa,

Der Opa hielt die Rübe

und sie zogen und zogen – aber sie ging nicht heraus.

 

Da rief das Hündchen das Kätzchen.

Das Kätzchen hielt das Hündchen,

Das Hündchen hielt das Mädchen,

Das Mädchen hielt die Oma,

Die Oma hielt den Opa,

Der Opa hielt die Rübe

und sie zogen und zogen – aber sie ging immer noch nicht heraus.

 

Da rief das Kätzchen das Mäuschen.

Das Mäuschen hielt das Kätzchen,

Das Kätzchen hielt das Hündchen,

Das Hündchen hielt das Mädchen,

Das Mädchen hielt die Oma,

Die Oma hielt den Opa,

Der Opa hielt die Rübe

Und sie zogen und zogen – und zogen die Rübe heraus.

 

 

(Alexander Nikolajewitsch Afanasjew) 

DIE FROSCHPRINZESSIN ..., Märchen aus Russland

Illustration von Iwan Bilibin

 

Vor vielen Jahren lebte ein König, der hatte drei Söhne. Als diese das Mannesalter erreichten, rief sie der König zu sich und sagte: „Meine Söhne, die Zeit ist für Euch gekommen, Euch eine Frau zu suchen. Jeder von Euch nimmt einen Pfeil und einen Bogen, geht hinaus auf das Feld und schießt den Pfeil ab. Wo er hinfällt, wartet Euer Schicksal.“

 

Der Pfeil des ältesten Sohnes fiel in den Hof eines Fürsten und die Tochter des Fürsten hob ihn auf. Der Pfeil des mittleren Sohnes fiel in den Hof eines Kaufmanns, dessen Tochter ihn ebenfalls aufhob. Der Pfeil des jüngsten Sohnes, des Prinzen Iwan, flog hoch in die Luft, weit weit davon, bis niemand ihn mehr sehen konnte. Da machte sich der Prinz auf, den Pfeil zu suchen. Er lief weit durch die Welt und gelang schließlich in einen Sumpf. Dort saß ein Frosch, der seinen Pfeil in seinen Klauen hielt. Der Prinz lief nach Hause zurück und sagte zum König: „Was soll ich tun ? Ich kann doch keinen Frosch zur Frau nehmen!“ Der König antwortete: „Das musst Du aber, denn es ist Dein Schicksal.“ Iwan ging also zurück in den Sumpf und trug den Frosch von dort nach Hause. Da richtete der König drei Hochzeiten aus: Der älteste Sohn heiratete die Tochter des Fürsten, der mittlere die Tochter des Kaufmanns und Prinz Iwan, der jüngste, den Frosch.

 

Einige Tage später rief der König seine Söhne zu sich: „Jede eurer Frauen soll mir bis morgen ein Brot backen. Ich will wissen, welche am besten backt.“

 

Prinz Iwan ging betrübt nach Hause. Der Frosch fragte ihn: „Quack, quack, Iwan! Warum bis Du so traurig ?“ Der Prinz antwortete: „Bis morgen sollst Du für den König ein Brot backen!“ „Mach Dir keine Sorgen, Iwan. Leg Dich nur zu Bett, morgen schaut die Welt wieder anders aus.“ Iwan legte sich schlafen. Der Frosch hüpfte um das Haus, warf die Froschhaut ab und verwandelte sich in eine weise Jungfrau mit dem Namen Wasilisa. Sie war von solch großer Schönheit, dass Sonne, Mond und Sterne neben ihr verblassten. Sie klatsche in die Hände und rief:

 

„Mägde und Frauen, hierher sofort

Backt mir ein Brot an diesem Ort

Backt es geschwind bis morgen heraus

Weich und weiß wie in Väterchens Haus“

 

Als Prinz Iwan am nächsten Morgen erwachte, lag das Brot schon auf dem Tisch. Es war herrlich verziert mit einer Stadt mit Türmen und einer mächtigen Stadtmauer. Der Prinz freute sich, schlug das Brot in ein Tuch und brachte es zum König. Dort waren schon seine beiden Brüder mit den Broten ihrer Frauen. Der König nahm das Brot vom ältesten Sohn, betrachtete es und gab es enttäuscht seinen Dienern zum essen. Dann nahm er das Brot vom mittleren Sohn, betrachtete es auch, ließ es dann aber auch seinen Dienern zum Essen bringen. Als er danach das Brot von Prinz Iwan genommen hatte, rief er: „Was für ein herrliches Brot! Gut genug, um an einem Feiertag verzehrt zu werden!“ Und so hatte der Frosch das beste Brot gebacken.

 

Ein paar Tage später ließ der König seine Söhne wieder zu sich kommen: „Ich will wissen, welche von euren Frauen am geschicktesten im Weben ist. Bis morgen soll mir jede Eurer Frauen einen Teppich weben.“

 

Iwan ging wieder traurig heim und setzte sich. Der Frosch hüpfte zu ihm und fragte: „Was macht Dich so traurig, Iwan ?“ „Der König will, dass Du bis morgen einen Teppich webst!“ Der Frosch antwortet „Sei nicht besorgt, Iwan! Leg du dich nur schlafen, morgen schaut die Welt wieder anders aus.“ Der Frosch hüpfte aus dem Haus, warf die Froschhaut ab und verwandelte sich wieder in die wunderschöne weise Jungfrau Wasilisa. Sie klatschte wieder in die Hände und rief:

 

„Mägde und Frauen, hierher sofort

Webt einen Teppich an diesem Ort

Webt ihn geschwind bis morgen heraus

Prächtig und schön wie in Väterchens Haus“

 

Als Iwan am nächsten Morgen aufwachte, war der Frosch wieder bei ihm und neben ihm lag der fertige Teppich. Er war gewebt mit Gold und Silber, mächtige Städte, Berge und Wälder, liebliche Dörfer und Seen, ein ganzes Königreich war kunstvoll hineingewebt. Iwan freute sich und brachte den Teppich dem König. Der nahm gerade die Teppiche der beiden anderen Söhne entgegen. Der älteste Sohn rollte seinen aus und überreichte ihn seinem Vater. Doch dieser sprach: „Das ist kein schöner Teppich. Der taugt höchstens, um ihn vor die Tür zu legen.“ Der mittlere Sohn rollte ebenfalls seinen Teppich aus und reichte ihn dem Vater. „Auch dieser ist nicht schön. Der kann höchstens zum Abtreten der Füße dienen.“

 

Nun rollte Iwan seinen Teppich aus. Der König betrachtete ihn und rief: „Das ist ein prächtiger Teppich. Gut genug, um vor dem Thron eines Königs zu liegen.“ Und der König wies seine Söhne an, am nächsten Tag zu einem Festmahl bei ihm zu erscheinen. Das machte Iwan wieder traurig und betrübt und mit hängender Schulter ging er nach Hause zurück. Der Frosch saß auf dem Boden und fragte ihn:

 

„Quack, quack, warum bist Du wieder so traurig, Iwan? War Dein Vater, der König böse zu Dir?“

 

„Fröschchen, Fröschchen, wie sollte ich nicht traurig sein! Mein Vater befielt uns beide morgen zu einem Festmahl zu sich. Alle werden uns verspotten – ein Paar aus einem Prinzen und einem Frosch.“

 

Der Frosch antwortete: „Sei doch nicht traurig, Iwan. Geh erst mal alleine zum Fest, ich komm dann nach. Und wenn Du es krachen und poltern hörst, so musst Du nicht erschrecken. Sag einfach, ´Da kommt mein Fröschchen in einem Kästchen gefahren‘.“

 

So ging der Prinz erst einmal alleine zum Festmahl. Seine Brüder kamen mit ihren Frauen, die waren prächtig geputzt, gepudert und geschmückt nach ihrem Stand. Sie betrachteten Iwan und lachten ihn aus. „Wo ist denn Deine Frau? Du hättest sie doch in einem Taschentuch mitbringen können. Sie ist doch so eine bezaubernde Schönheit! Bestimmt ist sie der schönste Frosch in allen Wassern der Welt!“

 

Nachdem sie ihren Spott mit ihm getrieben hatten setzten sie sich zum König und seinen Gästen an die Tafel. Da hörten sie ein Krachen und Poltern, dass der Boden zu beben schien. Die Gäste erschraken, doch Iwan sprach: „Habt keine Furcht! Das kommt bloß mein Fröschchen gefahren!“

 

Und schon kam eine goldene Kutsche an die Türschwelle gefahren, die von sechs Schimmeln gezogen wurde. Heraus stieg Wasilisa – eine Schönheit wie aus dem Märchenbuch. Sie nahm den Prinzen Iwan an die Hand und ging mit ihm zu den schweren Eichentischen, auf denen die erlesensten Speisen standen. Die Gesellschaft speiste und trank und war guter Dinge. Wasilisa hob das Glas an die Lippen. Was sie aber nicht trank, schüttete sie in den linken Ärmel ihres Kleides. Auch aß sie vom gebratenen Schwan, steckte aber die Knochen in den rechten Ärmel. Die Ehefrauen der anderen Prinzen bemerkten es und machten – noch beeindruckt von ihrer Kunst des Backens und Webens - dasselbe.

 

Nach dem Mahl begann der Tanz. Wasilisa nahm Iwans Arm und tanzte mit ihm im Kreis, sie wirbelten herum, dass sie alle anderen Gäste in Erstaunen versetzten. Da schüttelte Wasilisa ihren linken Ärmel und neben ihr entstand ein See und sie schüttelte den rechten Ärmel, da schwammen in dem See prächtige weiße Schwäne. Nun wollten es auch die Ehefrauen der anderen Prinzen versuchen. Sie tanzten und schüttelten ebenfalls ihre linken Ärmel, aber sie machten nur die andere Gäste nass. Als sie dann ihre rechten Ärmel schüttelten, flogen die abgenagten Schwanenknochen nur so durch die Luft und einer sogar dem König ins Auge. Da wurde dieser sehr böse und jagte sie aus dem Saal hinaus.

 

Inzwischen war Prinz Iwan heimlich nach Hause geschlichen. Dort fand er die abgestreifte Froschhaut seiner Gemahlin. Er machte den Ofen auf und warf sie hinein, so dass sie verbrannte. Als auch Wasilisa heimkam, suchte sie vergeblich nach der Froschhaut. Betrübt sank sie auf die Bank und meinte niedergeschlagen zu Iwan:

 

„Ach Iwan, was hast Du gemacht? Hättest Du nur noch drei Tage gewartet, ich wäre für immer dein gewesen! Jetzt muss ich gehen. Willst Du mich finden, so musst Du hinter dreimal neun Ländern im dreimal zehnten Reich suchen. Dort fragst Du nach Koschej, dem Unsterblichen. Dorthin muss ich jetzt ziehen.“ Dann verwandelte sich Wasilisa in einen Schwan und flog aus dem Fenster hinaus. Iwan vergoss große Tränen, packte seine Sachen und ging in die weite Welt hinaus, um seine Liebste zu finden. Er zog überall durch die Lande, viele Tage, bis seine Stiefel durchgelaufen waren. Er wanderte, bis sein Rock zerriss und seine Mütze unter dem Regen ganz unansehnlich geworden war. Nach langer Zeit traf er auf seinem Weg ein uraltes Männlein. Dieser begrüßte ihn freundlich. „Grüß Gott, Wanderer. Wohin des Weges ?“ Prinz Iwan erzählte ihm von seiner Suche. Da sprach das Männlein:

 

„Ach Prinz, warum hast Du die Froschhaut verbrannt? Du hast sie ihr nicht gegeben, Du hättest sie ihr auch nicht wegnehmen dürfen. Wasilisa war klüger als ihr Vater und weil er deshalb einen so großen Ärger empfang, verzauberte er sie für drei Jahre in einen Frosch. Nur drei Mal durfte sie sich in dieser Zeit für eine Nacht zurück in eine Frau verwandeln. Wurde in dieser Zeit ihre abgestreifte Froschhaut zerstört, so musste sie die Gefangene des bösen Koschej werden. Aber jetzt ist nichts mehr zu ändern. Da, hast Du einen Knäuel Garn, wohin er rollt, dorthin musst du gehen.“

 

Iwan dankte dem Männlein, warf den Knäuel auf den Boden und lief ihm nach, wohin er rollte. Nach einer Weile traf er einen Bären. Er legte einen Pfeil in seinen Bogen, um ihn zu erlegen. Da sprach der Bär:

 

„Töte mich nicht, Iwan. Eines Tages kann ich Dir nützlich sein.“

 

Da tat Iwan der Bär leid. Er verschonte den Bären und ging weiter dem rollenden Knäuel hinterher. Nach einer Weile sah er in der Luft eine Ente fliegen. Er zog erneut einen Pfeil aus seinem Köcher, legte ihn in den Bogen und wollte die Ente jagen. Diese aber sprach:

 

„Töte mich nicht, Iwan. Eines Tages kann ich Dir nützlich sein.“

 

Iwan verschonte auch die Ente und ging wieder weiter. Da sprang ein Häschen über seinen Weg. Wieder wollte Iwan ihn erlegen, aber auch der Hase sprach:

 

„Töte mich nicht, Iwan. Eines Tages kann ich Dir nützlich sein.“

 

Der Prinz verschonte auch den Hasen und ging weiter. So kam er an das große Meer. Am Strand lag im Sand ein Hecht. Er schnappte nach Luft und sprach:

 

„Rette mich, Iwan. Eines Tages kann ich Dir nützlich sein.“

 

Iwan warf den Hecht ins Meer und lief am Meeresufer entlang. Der Knäuel rollte weiter in einen Wald. Dort stand eine Hütten auf großen Beinen, die ausschauten wie die von einem Huhn und drehte sich darauf im Kreise. Da sprach Iwan:

 

„Hüttchen, Hüttchen, stehe still,

wie ich es jetzt gerne will.

Dreh den Rücken zu dem Wald

Und die Türe zu mir bald.“

 

Da blieb das Hüttchen stehen, genau so, dass seine Tür zu Iwan zeigte. Er ging hinein und sah auf dem Ofen eine Hexe sitzen. Es war eine sehr berühmte Hexe, die Baba-Jaga hieß und ihre knorrigen Beine baumelten vom Ofenrand herunter, während sie ihre Nase nach oben reckte.

 

„Was führt dich zu mir, braver Mann?“ fragte die Hexe „suchst Du etwas oder rennst Du vor etwas davon ?“ Iwan antwortete: „ Ach, mach mir lieber etwas zu essen und zu trinken und bereite mir ein Bad. Fragen stellen kannst Du auch später.“

 

Baba-Jaga richtete ihm ein Bad, setzte im zu essen und trinken vor und zeigte im einen Platz zum schlafen. Da erzählte ihr Iwan, dass er Wasilisa, seine liebste Frau suche. „Ich weiß, ich weiß“ sagte Baba-Jaga und sprach weiter: „Deine Frau ist bei Koschej, dem Unsterbliche. Sie zu befreien, ist schwierig, denn es ist nicht leicht, Koschej zu besiegen. Seit Tod sitzt auf der Spitze einer Nadel, die Nadel ist versteckt in einem Ei, das Ei in einer Ente, die Ente in einem Hasen, der Hase sitzt in einem Kasten aus Stein, der Kasten aber steht auf einer hohen Eiche, die von Koschej streng bewacht wird.“

 

Iwan übernachtete bei der Hexe und zeigte ihm am nächsten Morgen den Weg zu der Eiche. Er ging zu dem Baum und hörte das Rauschen seiner Blätter im Wind. Als er an der Eiche nach oben schaute, erblickte er den steinernen Kasten. Wie sollte er sie nur herunter holen? Da kam der Bär gelaufen, dem Iwan das Leben geschenkt hatte, packte die Eiche und riss sie mit den Wurzeln aus. Der Kasten fiel herunter und zersprang in tausend Stücke. Aus der Truhe sprang ein Hase, der gleich in den Wald hoppelte. Da rannte ihm der Hase, den Iwan ebenfalls verschont hatte, hinterher, holte ihn ein und zerriss ihn in zwei Stücke. Aus dem Hasen flog eine Ente heraus und flog in die Luft, höher und höher. Da kam die Ente angeflogen, die Iwan nicht gejagt hatte, rammte die andere Ente in der Luft, so dass ihr das Ei verlor. Es fiel herunter ins Meer, wo es der Hecht auffing, den Iwan gerettet hatte, der es an Land brachte. Iwan zerbrach das Ei, holte die Nadel heraus und brach ihre Spitze ab. Im gleichen Moment fiel Koschej zu Boden und es war mit ihm zu Ende.

 

Da ging Iwan in Koschejs Gemächer, die aus reinem Marmor waren. Wasilisa kam ihm schon entgegen gelaufen, nahm ihn in den Arm und gab ihm einen tiefen Kuss. Prinz Iwan und Wasilisa kehrten nach Hause zurück und lebten glücklich bis an ihr Ende.

 

(Alexander Nikolajewitsch Afanasjew)

 

 

SCHNEEFLÖCKCHEN ..., von Alexander Nikolajewitsch Afanassjew

Illustration Iwan Biblin

 

Vor langer Zeit lebte der Bauer Iwan mit seiner Frau Maria. Sie liebten sich und lebten miteinander in Harmonie. Und doch waren sie nicht glücklich, denn sie hatten keine Kinder. Die Zeit verging und sie wurden immer älter. Vor Kummer wurden sie ganz traurig und das Einzige, was ihnen Freude bereitete, war den Kindern anderer Leute zuzuschauen.

 

Eines Tages hatte es im Winter stark geschneit. Die Kinder liefen auf der Straße herum und spielten im Schnee. Die beiden Alten nahmen am Fenster Platz, um sich am Anblick der Kinder zu erfreuen. Die Kinder liefen vergnügt umher, spielten und begannen einen Schneemann zu bauen. Da überlegte Iwan und sprach zu Maria:

 

"Wie wäre es, komm, wir bauen auch einen Schneemann!"

Maria gefiel die Idee: "Warum nicht? Wir spielen auch ein bisschen. Wir wollen aber keinen Schneemann bauen, sondern ein Schneemädchen. Gott hat uns kein lebendiges Kind gegeben, deshalb bauen wir uns eins aus Schnee!"

"Wahrhaftig eine gute Idee“ erwiderte Iwan, setzte seine Mütze auf und ging mit der Frau in den Hof. Dort machten sie sich an die Arbeit. Sie bauten aus Schnee einen Körper mit Armen und Beinen, setzten einen runden Schneeball darauf und formten aus diesem einen Kopf.

"Grüß Euch Gott. Was macht Ihr da?" - fragte ein Mann, der vorbei kam.

"Ich grüße Euch. Seht selbst, das ist unser ... Schneeflöckchen" - antwortete Maria und lachte.

 

Da machten sie ein Näschen, einen Mund und plötzlich... kam warmer Atem aus dem Mund des Schneemädchens. Es öffnet seine Augen und die waren von reinstem Blau und die Lippen wurden zu tiefem Rot und begannen, freundlich zu lächeln. Da neigte Schneeflöckchen den Kopf, als ob es lebendig war, und wackelte mit Armen und Beinen wie ein Wickelkind.

 

"Was ist das? Das kann doch nicht wahr sein“ murmelte Iwan und bekreuzigte sich. "Ach, Iwan, Iwan!" - rief Maria aus und zitterte vor Freude. "Gott hat uns ein Kind geschenkt!" Maria küsste Schneeflöckchen und umarmte sie. Da fiel der Schnee vom Mädchen ab wie eine gesprengte Eierschale, und es stand ein lebendiges Mädchen vor ihnen. "O, mein liebes Schneeflöckchen!" Maria freute sich unendlich und führte das Mädchen ins Haus. Iwan konnte das Wunder noch gar nicht begreifen und folgte ihnen.

 

Seitdem lebte Schneeflöckchen bei Iwan und Maria. Sie wuchs schnell und wurde schöner von Tag zu Tag. Lange Zeit lebten sie glücklich und nun besuchten viele Kinder ihr Haus. Schneeflöckchen spielte und sang mit ihnen, und diese lehrten sie alles, was sie selbst wussten. Schneeflöckchen war brav und klug, lernte und merkte sich alles schnell.

 

Schneeflöckchen

 

Bis zum Ende des Winters wuchs sie heran zu einem dreizehnjähriges Mädchen, das bereits alles verstand wie eine junge Frau. Man konnte mit ihr über alles sprechen oder ihr den ganzen Tag zuhören, weil sie so eine wunderschöne Stimme hatte. Und sie war immer freundlich zu allen und bescheiden. Im Haushalt half sie Maria bei aller Arbeit. Sie war wunderhübsch, die Haut weiß wie Schnee, die Augen blau wie Vergissmeinnicht, die Haare so lang, dass ihr Zopf bis zum Gürtel ging. Sie war immer gut gelaunt. Maria und Iwan waren sehr glücklich, besonders Maria. "Schau, Iwan!" - pflegte sie zu sagen - "Was für ein Geschenk haben wir von Gott in unserem Alter bekommen! Unser Kummer ist jetzt vorbei!"

Iwan antwortete: "Gott sei Dank! Doch die Freude ist nicht ewig, so wie der Kummer nicht unendlich ist!"

 

Der Winter verging. Die Frühlingssonne blitzte fröhlich am Himmel und es wurde wieder wärmer. Auf den Wiesen erschien das erste Gras und die Vögelchen zwitscherten. Schöne Mädchen sammelten sich hinter dem Dorf, tanzten und sangen: "Schöner Frühling! Sag, woher bist Du gekommen?" Nur Schneeflöckchen wurde plötzlich traurig. "Was ist denn mit dir, mein Lieblingskind?" - fragte Maria - "Bist du krank? Warum bist du so traurig? Hat dich ein schlechter Mensch gekränkt?

 

Schneeflöckchen antwortete ihr aber jedes Mal: "Es geht mir gut, liebe Großmutter! Ich bin gesund."

Der Frühling vertrieb den letzten Schnee. Wiesen und Gärten wurden von ihm mit Blumen bedeckt. Die Nachtigall fing an zu singen. Alles wurde lebendig. Nur das arme Schneeflöckchen suchte Schatten, wie ein Maiglöckchen unter dem Baum. Sie wurde ganz traurig und mied ihre Freundinnen. Einzig das Bad in der kalten Quelle an der Wiese brachte ihr Freude und richtig froh war sie nur, wenn es regnete. Dann wurde sie lustig. Eines Tages kamen dicke Wolken und brachten Hagel. Schneeflöckchen war so froh darüber, als ob es Perlen waren. Als der Hagel aber unter den Sonnenstrahlen wieder zu tauen begann, weinte Schneeflöckchen so bitterlich, wie eine Schwester um ihren Bruder.

 

Der Frühling ging zu Ende. Die Mädchen vom Dorf wollten in den Wald spazieren gehen. Sie kamen zu Schneeflöckchen und baten Großmutter Maria, ob Schneeflöckchen mit ihnen gehen könnte. Maria aber wollte nicht, dass Schneeflöckchen das Haus verließ. Auch Schneeflöckchen selbst wollte nicht mit in den Wald. Doch da überlegte Maria: "Vielleicht bekommt sie dort bessere Laune." So zog sie doch Schneeflöckchen hübsch an, küsste sie und sagte: "Geh, mein Kind. Amüsiere dich doch ein bisschen mit den anderen!"

 

Dann trug sie den anderen Mädchen auf, auf Schneeflöckchen gut acht zu geben:

"Seid vorsichtig! Schneeflöckchen ist meine einzige Freude..."

"Gut, gut" - antworteten alle in glücklicher Stimmung, holten Schneeflöckchen und gingen zusammen mit ihr in den Wald. Dort fertigten sie sich Blumenkränze, machten Blumensträußchen und sangen fröhliche Lieder. Schneeflöckchen war die ganze Zeit mit ihnen zusammen.

 

Als es aber zu dämmern begann, zündeten die Mädchen ein Feuer aus trockenem Gras und Ästen an. Dann standen sie in einer Reihe und mit einem Lied begannen sie, eine nach der andern, über das Feuer zu springen. Schneeflöckchen war die Letzte in der Reihe. Nach und nach sprangen alle Mädchen, bis Schneeflöckchen an der Reihe war, dann hörten sie hinter sich ein klagendes Geräusch:

"Au, au ..." Sie schauen sich erschrocken um. Wo war Schneeflöckchen?

 

"Wahrscheinlich hat sie sich vor uns versteckt!" - Sie suchten sie überall. Aber sie war nirgendwo. Die Mädchen riefen und riefen. Keiner antwortete. "Wohin konnte sie verschwinden?" - fragen die Mädchen. "Wahrscheinlich ist sie heim gelaufen". Sie gingen ins Dorf, aber Schneeflöckchen war auch dort nicht. Man suchte sie am nächsten Tag und auch am dritten. Der ganze Wald wurde abgesucht, jeder Baum, jeder Strauch. Keine Spur war von Schneeflöckchen zu finden.

 

Niemand wusste, dass Schneeflöckchen während des Sprunges über das Feuer geschmolzen war. Sie verwandelte sich in ein dünnes Wölkchen und als leichtes Dämpfchen flog sie zu den Wolken in den Himmel.

 

Lange, lange weinten Iwan und Maria. Lange Zeit noch ging die arme Alte in den Wald, suchte nach Schneeflöckchen und rief:

"Schneeflöckchen, meine Liebste!“

Oft schien es, als ob sie wie mit einem Windhauch leise die Stimme von Schneeflöckchen hörte: "Au, au ...". Doch Schneeflöckchen ward nie wieder gesehen.

 

(Alexander Nikolajewitsch Afanasjew)