MÄRCHEN AUS DEUTSCHLAND

Verzeichnis II

 

"Die Geschichte eines alten Wolfs, in sieben Fabeln"

"Die junge Schwalbe"

"Der Knabe und die Schlange"

"Die List des Fuchses und des Storches"

"Der Esel will den Herrn liebkosen"

"Zeus und das Pferd"

"Der Riese und der Zwerg"

"Die Spinne und die Biene"

"Vom klinkesklanken Lowesblatt"

"Das Märchen von der silbernenen Kugel"

"Pertharit und Ferrandine"

"Neangir und seine Brüder, Argentine und ihre Schwestern"

"Timander und Melissa"

"Nadir und Nadine"

"Der Stein der Weisen"

"Himmelblau und Lupine"

"Der goldene Zweig"

"Der eiserne Armleuchter"

"Der Greif vom Gebirge Kaf"

"Alboflede"

"Adis und Dahy"

"Die Regentrude"

"Vom Handwerksburschen, der mit dreihundert Gulden in den Himmel ritt"

"Die Bernsteinfee"

"Hans ohne Sorgen"

"Hans holt sich eine Frau"

"Hui, in meinen Sack!"

"Schäfer Veit und die drei Riesen"

"König Meerfahrer"

"Fläschlein, tu deine Pflicht!"

"Drei Rosen auf einem Stiel"

"Donner, Blitz und Wetter"

"Die vier kunstreichen Brüder"

"Die teure Metzelsuppe"

"Die gute Gonda"

"Die geraubte Königstochter"

"Die drei Schwäne"

"Die drei Fragen des Kaisers"

"Die Reise zum Vogel Greif"

"Der pfiffige Seilergeselle"

"Der lustige Ferdinand mit dem Goldhirsch"

"Der kranke König und seine drei Söhne"

"Der kluge Martin"

"Der gute schlaue Philipp"

"Der betrogene Teufel"

"Der Meisterlügner"

"Der Kaufmannssohn und die Königstochter"

"Der Köhlerprinz"

"Der Glücksvogel"

"Der Drachentöter"

"Die Zauberei im Herbste"

"Das Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen"

"Der Klabautermann"

"Der Tod und das kleine Mädchen"

"Das andere Ufer"

"Das verlorene Lied"

"Ratzepetz"

"Maimärchen"

"Der Giftpilz"

"Kater Martinchen"

"Prinzessin Svanvithe"

"Die Hand der Jezerte"

"Die Elfen"

"Zottelhaube"

"Goldtöchterchen"

"Das Märchen von der Padde"

  

DAS MÄRCHEN VON DER PADDE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Es lebte aber auch damals eine alte Frau, die hatte nur ein Töchterlein, welches Petersilie hieß.

 

Der König schickte seine Söhne aus, um sich in der Welt umzusehen, seine und fremde Lande kennen zu lernen, um so weise genug zu werden, dereinst ihr Erbteil beherrschen zu können.

 

Die alte Frau aber lebte stille und eingezogen mit ihrem Töchterlein, das den Namen davon hatte, dass es Petersilie lieber als alle andere Speise aß, ja einen rechten Heißhunger darnach hatte. Die arme Mutter hatte nicht Geld genug, immer und immerfort Petersilie für die Tochter zu kaufen, und es blieb ihr daher nichts übrig, da das Töchterlein gar zu schön war und sie auf keine Weise ihrer Schönheit nachteilig sein wollte, als nächtlich aus dem Garten des gegenüberliegenden Jungfrauenklosters die schönsten Petersilienwurzeln zu entwenden und das Töchterchen damit zu füttern.

 

Das Gelüst der schönen Petersilie war nicht unbekannt, eben so wenig blieb der Diebstahl verborgen, und die Äbtissin war über ihre schöne Nachbarin nicht wenig erzürnt.

 

Die drei Prinzen kamen auf ihrer Wanderung auch in das Städtlein, wo Petersilie mit ihrer Mutter wohnte und gingen gerade durch die Straße, als das schöne Mägdlein am Fenster stand und ihre langen, wunderprächtigen Haare kämmte und flocht. Entzündet von Liebe, stieg in einem jeden der Wunsch auf, die Schöne zu besitzen, und kaum war der Wunsch über die Lippen gekommen, als auch ein jeglicher, in blinder Eifersucht, seinen Säbel zog und auf seinen brüderlichen Mitbewerber losging.

 

Der Kampf ward nicht wenig heftig, auch die Äbtissin trat an die Pforte, und kaum hatte die fromme Frau gehört, dass ihre Nachbarin die Ursache sei, als aller Grimm, früher und späterer, sich in ihr zu der Verwünschung sammelte: sie wünschte, dass Petersilie in einen hässlichen Frosch verwandelt würde und unter einer Brücke am entferntesten Ende der Erde säße. Kaum ausgesprochen, ward Petersilie ein Frosch und war verschwunden. Die Prinzen, die nun keinen Gegenstand des Kampfes hatten, steckten ihre Degen ein, umarmten sich wieder brüderlich und zogen heim zu ihrem Vater.

 

Der alte Herr merkte indessen, dass er stumpf und schwach in den Regierungsgeschäften ward, und wollte daher das Reich abtreten, aber wem? Dazu konnte sich sein väterliches Herz nicht entschließen, unter den drei Söhnen zu wählen. Das Schicksal sollte es bestimmen und er ließ sie daher vor sich kommen.

 

»Meine lieben Kinder, - sprach er - ich werde alt und schwach und will meine Regierung niederlegen, kann mich aber nicht entschließen, einen von euch zu wählen, da ich euch alle drei gleich zärtlich liebe und denn doch auch dem Besten und Klügsten von euch mein Volk übergeben wollte. Ihr sollt mir daher drei Aufgaben lösen und wer sie mir löst, der soll mein Erbe sein. Das erste ist: ihr müsst mir ein Stück Leinwand von hundert Ellen bringen, das man durch einen goldnen Ring ziehen kann.« Die Söhne verneigten sich, versprachen ihr möglichstes zu tun und machten sich auf die Reise.

 

Die beiden ältesten Brüder nahmen viel Gefolge und viele Wagen mit, um alle die schöne Leinwand, die sie finden würden, aufzuladen, der Jüngste ging ganz allein. Bald kamen drei Wege, zwei lustig und trocken, der dritte düster, feucht und schmutzig. Die beiden älteren Brüder nahmen die beiden ersten Wege, der Jüngste nahm Abschied von ihnen und schlenderte den düstern Weg entlang. Wo nur schöne Leinwand war, besahen sie die älteren Brüder und erstanden sie, ihre Wagen krachten unter der Last, und wo nur irgend der Ruf sie hinwies, dahin eilten sie auch und kauften. Sie kehrten reich versehen zurück.

 

Der Jüngste dagegen ging mehrere Tagereisen auf seinem unwirtlichen Wege fort, nirgends wollte ihm ein Ort erscheinen, in dem er auch nur eine erträglich feine Leinwand gefunden und so reiste er lange und ward immer missmutiger. Einst kam er an eine Brücke, setzte sich an dem Rande nieder und seufzte recht tief über sein böses Schicksal. Da kroch eine missgestaltete Padde aus dem Sumpf hervor, stellte sich vor ihn und fragte, mit nicht ganz übeltönender Stimme: was ihm denn fehle?

 

Der Prinz, unwillig, antwortete: »Frosch, du wirst mir nicht helfen.« - »Und doch, - erwiderte der Frosch - sagt mir nur eure Leiden.« Nach mehreren Weigerungen erklärte endlich der Prinz die Ursache, warum ihn sein Vater ausgesendet habe. »Dir soll geholfen werden,« sagte die Padde, kroch in ihren Sumpf zurück und zerrte bald ein Läppchen Leinwand, nicht größer als eine Hand und nicht eben zum saubersten aussehend, hervor, das sie vor den Prinzen niederlegte und ihm andeutete, das solle er nur nehmen.

 

Der Prinz hatte gar keine Lust, ein so übel scheinendes Läppchen anzunehmen, doch lag etwas in den Zuredungen der Padde, das ihn bereitwillig machte und er dachte: etwas ist doch besser, als gar nichts, steckte daher sein Läppchen ein und empfahl sich dem Frosche, der mühsam sich wieder in das Wasser schob.

 

Je weiter er ging, je mehr merkte er zu seiner Freude, dass ihm die Tasche, in welche er das Läppchen gesteckt hatte, immer schwerer ward und er wanderte daher mutvoll auf den Hof seines Vaters zu, den er auch in kurzem erreichte, als eben auch seine Brüder mit ihren Frachtwagen wieder anlangten.

 

Der Vater war erfreut, seine drei Kinder wieder zu sehen, zog sogleich seinen Ring vom Finger und die Probe begann. Auf alle den Frachtwagen war auch nicht ein Stück, das nur zum zehnten Teile durch den Ring gegangen wäre, und die beiden älteren Brüder, die erst ziemlich spöttisch auf ihren Bruder, der ganz ohne alle große Vorräte gekommen war, sahen, wurden ziemlich kleinlaut.

 

Wie ward ihnen zu Mute, als er aus seiner Tasche ein Gespinst zog, das an Zartheit, Feinheit und Weiße alles übertraf, was man je gesehen hatte. Es wallte in glänzenden Lagen und ging nicht allein höchst bequem durch den Ring durch, man hätte wohl noch ein Stück zu gleicher Zeit durch den Ring ziehen können, und dennoch gab das Maas richtige hundert Ellen.

 

Der Vater umarmte den glücklichen Sohn, befahl die unbrauchbare Leinwand ins Wasser zu werfen, und sagte dann zu seinen Kindern: »nun, ihr lieben Prinzen, müsst ihr die zweite Forderung erfüllen, ihr müsst mir ein Hündlein bringen, das in eine Nuss-Schale passt.« Die Söhne waren über eine so wunderbare Aufgabe nicht wenig erschrocken, aber der Reiz der Krone war zu groß, sie versprachen auch dies zu erfüllen zu suchen, und wanderten nach wenig Tagen Ruhe wieder aus.

 

Am Scheidewege trennten sie sich; der Jüngste ging seinen feuchten, unscheinbaren Weg, er hatte schon bei weitem mehr Mut. Kaum hatte er einige Zeit an der Brücke gesessen und wieder geseufzt, so kroch auch die Padde wieder hervor, setzte sich ihm, wie das erste Mal, gegenüber, öffnete den weiten Mund und fragte: was ihm denn fehle? Der Prinz setzte diesmal keinen Zweifel in die Macht der Padde, sondern gestand ihr gleich sein Bedürfnis.

 

»Dir soll geholfen werden,« sagte wiederum die Padde, kroch in den Sumpf und brachte ein Haselnüsslein hervor, legte sie ihm vor die Füße, sagte ihm, er solle sie nur mitnehmen und seinen Herrn Vater bitten, die Nuss sauber aufzuknacken, das andere würde er schon sehen. Der Prinz ging vergnügt fort und die Padde schob sich wieder mühsam in das Wasser hinab.

 

Daheim waren die Brüder auch schon zu gleicher Zeit angekommen und hatten eine große Menge sehr zierlicher Hündlein mitgebracht. Der alte Vater hatte eine beträchtlich große Wallnussschale bereit und schob jedes Hündlein hinein, aber die hingen bald mit den Vorderfüßen, bald mit dem Kopf, bald mit den Hinterfüßen, bald ganz über die Wallnussschale fort, so dass gar nicht daran zu denken war, dass ein Hündlein hineingepasst hätte.

 

Als nun kein Hund mehr zu proben übrig war, überreichte der Jüngste mit einer zierlichen Verbeugung dem Vater seine Haselnuss und bat, sie auf das behutsamste aufzuknacken. Kaum hatte der alte König es getan, als aus der Haselnuss ein wunderkleines und niedliches Hündlein sprang, das gleich auf der Hand des Königs umher lief, mit dem Schwänzlein wedelte, ihm schmeichelte und gegen die anderen auf das zierlichste bellte.

 

Die Freude des Hofes war allgemein, der Vater umarmte wieder den glücklichen Sohn, befahl abermals, die anderen Hunde in das Wasser zu werfen und zu ersäufen, und sagte dann zu seinen Söhnen: »liebe Kinder, die beiden schwierigsten Bedingnisse sind nun erfüllt. Hört nun mein drittes Verlangen: Wer die schönste Frau mir bringt, der soll mein Erbe und Nachfolger sein.« Die Bedingung war zu nahe, der Preis zu reizend, als dass die Prinzen nicht sogleich, jeder auf seinem gewohnten Wege, wieder hätten aufbrechen sollen.

 

Dem Jüngsten war diesmal gar nicht wohl zu Mute. Er dachte: alles andere hat der alte Frosch wohl erfüllen können, aber nun wird's vorbei sein, wo wird er mir ein schönes Mädchen und noch dazu das schönste herschaffen können? Seine Sümpfe sind fern und breit menschenleer und nur Kröten, Unken und anderes Ungeziefer wohnt dort. Er ging indessen doch fort und seufzte diesmal aus schwerem Herzen, als er wieder an der Brücke saß.

 

Nicht lange darnach stand die Padde wieder vor ihm und fragte: was ihm fehle? »Ach, Padde, diesmal kannst du mir nicht helfen, das übersteigt deine Kräfte.« - »Und doch - erwiderte der Frosch - sagt mir nur euer Leiden.« Der Prinz entdeckte ihm endlich seine neuen Leiden. »Dir soll geholfen werden - sagte wieder der Frosch - gehe du nur voran, die Schöne wird dir schon folgen, aber du musst über das, was du sehen wirst, nicht lachen.« Darauf sprang er, wider seine Gewohnheit, mit einem herzhaften Sprunge weit in das Wasser hinein und verschwand.

 

Der Prinz seufzte wiederum recht tief, stand auf und ging fort; denn er erwartete nicht viel von dem Versprechen. Kaum hatte er einige Schritte gemacht, so hörte er hinter sich ein Geräusch; er blickte sich um und sah sechs große Wasserratzen, die, in vollem Trabe, einen Wagen von Kartenpappe gemacht hinter sich herzogen. Auf dem Bocke saß eine übergroße Kröte als Kutscher, hinten auf standen zwei kleinere Kröten als Bediente und zwei bedeutend große Mäuse, mit stattlichen Schnurrbärten, als Heiducken, im Wagen selbst aber saß die ihm wohlbekannte dicke Padde, die, im Vorbeifahren, etwas ungeschickt, aber doch möglichst zierlich, ihm eine Verbeugung machte.

 

Viel zu sehr in Betrachtungen vertieft von der Nähe seines Glückes, und wie ferne er nun sei, da er die schönste Schöne nicht finden würde, betrachtete der Prinz kaum diesen lächerlichen Aufzug, noch weniger hatte er gar Lust zu lachen. Der Wagen fuhr eine Weile vor ihm her und bog dann um eine Ecke. Wie ward ihm aber, als bald darauf um dieselbe Ecke ein herrlicher Wagen rollte, gezogen von sechs mächtigen, schwarzen Pferden, regiert von einem wohl gekleideten Kutscher und in dem Wagen die schönste Frau, die er je gesehen und in der er sogleich die reizende Petersilie erkannte, für die sein Herz schon früher entbrannt war. Der Wagen hielt bei ihm stille, Bediente und Heiducken, aus der Tiergestalt entzaubert, öffneten ihm den Wagen und er säumte nicht, sich zu der schönen Prinzessin zu setzen.

 

Bald kam er in der Hauptstadt seines Vaters an, mit ihm seine Brüder, die eine große Menge der schönsten Frauen mit sich führten, aber als sie vor den König traten, erkannte sogleich der ganze Hof der schönen Petersilie den Kranz der Schönheit zu, der entzückte Vater umarmte seinen Sohn, als Nachfolger, und seine neue Schwiegertochter, die anderen Frauen wurden aber alle, wie der Leinwand und den Hündleinen geschehen war, ins Wasser geworfen und ersäuft. Der Prinz heiratete die Prinzessin Petersilie, regierte lange und glücklich mit ihr, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch.

 

Aus Büsching; Volkssagen, Märchen und Legenden

GOLDTÖCHTERCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor dem Tor, gleich an der Wiese, stand ein Haus, darin wohnten zwei Leute, die hatten nur ein einziges Kind, ein ganz kleines Mädchen. Das nannten sie Goldtöchterchen. Es war ein liebes, kregles kleines Ding, flink wie ein Wiesel.

 

Eines Morgens geht die Mutter früh in die Küche, Milch zu holen; da steigt das Ding aus dem Bett und stellt sich im Hemdchen in die Haustüre. Nun war ein wunderherrlicher Sommermorgen, und wie es so in der Haustüre steht, denkt es: "Vielleicht regnet's morgen; da ist's besser, du gehst heute spazieren." Wie's so denkt, geht's auch schon; läuft hinters Haus auf die Wiese und von der Wiese bis an den Busch. Wie's an den Busch kommt, wackeln die Haselbüsche ganz ernsthaft mit den Zweigen und rufen:

 

"Nacktfrosch im Hemde,

Was willst du in der Fremde?

Hat kein' Schuh und hast kein' Hos,

Hast ein einzig Strümpfel bloß;

Wirst du noch den Strumpf verlier'n,

Mußt du dir ein Bein erfrier'n.

Geh nur wieder heime;

Mach dich auf die Beine!"

 

Aber es hört nicht, sondern läuft in den Busch, und wie es durch den Busch ist, kommt es an den Teich. Da steht die Ente am Ufer mit einer vollen Mandel Junger, alle goldgelb wie die Eidotter, und fängt entsetzlich an zu schnattern; dann läuft sie Goldtöchterchen entgegen, sperrt den Schnabel auf und tut, als wenn sie es fressen wollte. Aber Goldtöcherchen fürchtet sich nicht, geht gerade darauf los und sagt:

 

"Ente du Schnatterlieschen,

Halt doch den Schnabel und schweig ein bißchen!"

 

"Ach", sagt die Ente, "du bist's, Goldtöchterchen! Ich hatte dich gar nicht erkannt; nimm's nur nicht übel! Nein, du tust uns nichts. Wie geht es dir denn?Wie geht es denn deinem Herrn Vater und deiner Frau Mutter? Das ist ja recht schön, daß du uns einmal besuchst. Das ist ja eine große Ehre für uns. Da bist du wohl recht früh aufgestanden? Also, du willst dir wohl auch einmal unsern Teich besehen? Eine recht schöne Gegend! Nicht wahr?"

 

Wie sie ausgeschnattert hat, fragt Goldtöchterchen: "Sag einmal, Ente, wo hast du denn die vielen kleinen Kanarienvögel her?"

 

"Kanarienvögel?" wiederholt die Ente, "ich bitte dich, es sind ja bloß meine Jungen."

 

"Aber sie singen ja so fein und haben keine Federn, sondern bloß Haare! Was bekommen denn deine kleinen Kanarienvögel zu essen?"

 

"Die trinken klares Wasser und essen feinen Sand."

 

"Davon können sie ja aber unmöglich wachsen."

 

"Doch, doch", sagt die Ente; "der liebe Gott segnet's ihnen; und dann ist auch zuweilen im Sand ein Würzelchen und im Wasser ein Wurm oder eine Schnecke."

 

"Habt ihr denn keine Brücke?" fragt dann weiter Goldtöchterchen.

 

"Nein", sagt die Ente, "eine Brücke haben wir nun allerdings leider nicht. Wenn du aber über den Teich willst, will ich dich gern hinüberfahren."

 

Darauf geht die Ente ins Wasser, bricht ein großes Wasserrosenblatt ab, setzt Goldtöchterchen darauf, nimmt den langen Stengel in den Schnabel und fährt Goldtöchterchen hinüber. Und die kleinen Entchen schwimmen munter nebenher.

 

"Schönen Dank, Ente!" sagte Goldtöchterchen, als es drüben angekommen ist.

 

"Keine Ursache", sagt die Ente. "Wenn du mich mal wieder brauchst, steh ich gern zu Diensten. Empfiehl mich deinen Eltern. Schön adje!"

 

Auf der anderen Seite des Teiches ist wieder eine große grüne Wiese, auf der geht Gold-töchterchen weiter spazieren. Nicht lange, so sieht es einen Storch, auf den läuft's gerade zu: "Guten Morgen, Storch", sagt's; "was ißt du denn, was so grünscheckig aussieht und dabei quakt?"

 

"Zappelsalat", antwortet der Storch, "Zappelsalat, Goldtöchterchen!"

 

"Gib mir auch was, ich bin hungrig!"

 

"Zappelsalat ist nichts für dich", sagt der Storch; geht an den Bach, taucht mit seinem langen Schnabel tief unter und holt erst einen goldenen Becher mit Milch und dann eine Wecke heraus. Darauf hebt er den rechten Flügel und läßt eine Zuckertüte herunterfallen. Goldtöchterchen läßt sich's nicht zweimal sagen, sondern setzt sich hin und ißt und trinkt. Wie's satt ist, sagt's:

 

"Ein'n schönen Dank,

Und gute Gesundheit dein Leben lang!"

 

Darauf läuft's weiter. Darauf läuft's weiter. Nicht lange, so kommt ein kleiner blauer Schmetterling geflogen. "Kleines Blaues", sagt Goldtöchterchen, "wollen wir uns ein wenig haschen?" "Ich bin's zufrieden", antwortet der Schmetterling, "aber du darfst mich nicht angreifen, damit nichts abgeht."

 

Nun haschten sie sich lustig auf der Wiese herum, bis es Abend wird. Wie es anfängt zu dämmern, setzt sich Goldtöchterchen hin und denkt, jetzt willst du dich ausruhen; dann gehst du nach Hause. Wie's so sitzt, merkt's, daß die Blumen im Grase auch schon alle müde sind und einschlafen wollen. Das Gänseblümchen nickt ganz schläfrig mit dem Kopfe, richtet sich dann auf, sieht sich mit gläsernen Augen um, und dann nickt's noch einmal. Da steht eine weiße Aster daneben (und das war jedenfalls die Mutter) und sagt:

 

"Gänseblümchen, mein Engelchen,

Fall nicht vom Stengelchen!"

 

"Geh zu Bett, mein Kind." Und das Gänseblümchen duckt sich hin und schläft ein. Dabei verschiebt sich's das weiße Mützchen, daß ihm die Spitzen gerade übers Gesicht fallen. Darauf schläft die Aster auch ein.

 

Wie Goldtöchterchen sieht, daß alles schläft, fallen ihm die Augen auch zu. Da liegt es nun auf der Wiese und schläft, und mittlerweile läuft seine Mutter immer noch im ganzen Hause umher und sucht's und weint. Sie geht in alle Kammern und sieht in alle Winkel, unter alle Betten und unter die Treppe. Dann geht sie auf die Wiese bis an den Busch und durch den Busch bis an den Teich. "Über den Teich kann es nicht gekommen sein", denkt sie und geht wieder zurück und durchsucht noch einmal alle Winkel und Ecken und sieht unter alle Betten und unter die Treppe.

 

Wie sie damit fertig ist, geht sie wieder auf die Wiese und wieder in den Busch und wieder bis an den Teich. Das tut sie den ganzen Tag, und je länger sie es tut, desto mehr weint sie. Der Mann aber läuft unterdes in der ganzen Stadt umher und fragt, ob niemand Goldtöchterchen gesehen hat.

 

Als es aber ganz dunkel geworden war, kam einer von den zwölf Engeln, die jeden Abend über die ganze Welt hinwegfliegen müssen, um nachzusehen, ob sich nicht irgendwo ein kleines Kind verlaufen hat, und es wieder zu seiner Mutter zu bringen, auch auf die grüne Wiese. Als er Goldtöchterchen hier liegen und schlafen sah, hob er es behutsam auf, ohne es zu wecken, flog bis über die Stadt und sah nach, in welchem Hause noch Licht war.

 

"Das wird wohl das Haus sein, wo's hingehört", sagte er, als er das Haus von Goldtöchterchens Eltern sah, und das Licht im Wohnzimmer brannte immer noch. Heimlich sah er zum Fenster hinein: Da saßen Vater und Mutter sich an dem kleinen Tische gegenüber und weinten, und unter dem Tisch hielten sie sich die Hände. Da öffnete er ganz leise die Haustüre, legte das Kind unter die Treppe und flog fort.

 

Und die Eltern saßen immer noch am Tisch. Da stand die Frau auf, zündete noch ein Licht an und leuchtete noch einmal in alle Winkel und Ecken und unter die Betten.

 

"Frau", sagte der Mann traurig, "du hast ja schon so oft vergeblich in alle Winkel und Ecken und unter die Treppe gesehen. Geh zu Bett. Unser Goldtöchterchen wird wohl in den Teich gefallen und ertrunken sein."

 

Doch die Frau hörte nicht, sondern ging weiter, und wie sie unter die Treppe leuchtete, lag das Kind da und schlief. Da schrie sie vor Freude so laut auf, daß der Mann eilends die Treppe herabgesprungen kam. Mit dem Kinde auf dem Arm kam sie ihm freudestrahlend entgegen. Es schlief ganz fest, so müde hatte es sich gelaufen.

 

"Wo war es denn? Wo war es denn?" rief er.

 

"Unter der Treppe lag's und schlief", erwiderte die Frau, "und ich habe doch heute schon so oft unter die Treppe gesehen."

 

Da schüttelte der Mann mit dem Kopfe und sagte: "Mit rechten Dingen geht's nicht zu, Mutter; wir wollen nur Gott danken, daß wir unser Goldtöchterchen wieder haben!"

 

Richard von Volkmann-Leander

ZOTTELHAUBE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal zwei ungleiche Schwestern. Fast zugleich erblickten sie das Licht der Welt, doch sie konnten nicht verschiedener sein. Einmal glücklich da, hielten sie immer zusammen.

Aber bis die beiden endlich in unseren Kreis treten! Das dauert lange.

 

'Viel zu lang dauert mir das‘, dachte die Königin. 'Die Zeit verrinnt. Jetzt wird sie allmählich knapp. Der König und ich, wir kriegen und kriegen und kriegen kein Kind. Das Volk hat schon aufgehört, sich zu wundern. Der Hofstaat hat aufgehört, sich in die Ohren zu tuscheln. Der Herr Gemahl hat aufgehört, mich anzusehn. Und dieser ganze weite Spiegelsaal dröhnt mir die Ohren voll. Ach, Schwermut und Stille, das klingt lauter als alles Kindergeschrei‘.

 

Da riß die Königin rasch ein Fenster auf, schaute ins Weite und dann auf den Platz. Dort unten spielten Kinder Verstecken. Eins hielt sich hinter dem Wachhäuschen verborgen. Eins kauerte unter dem Tisch der Spargelverkäuferin. Ein drittes drückte sich lang und dünn an den Stamm der Kastanie. Ein Kind sollte die anderen suchen, blickte aber just in diesem Augenblick auf, sah die Königin oben an ihrem Fenster und begann heftig zu winken.

 

Die Königin winkte schweren Herzens zurück.

 

Nicht lange darauf bestellten Königin und König einen Mann ein. Der erschien und war beflissen und übergab eine Kassette. Der Kasten war mit grünem Leinen überzogen. Darin Bilder von großäugigen Kindern.

"Wähl Du eins."

"Nein, zieh Du eins."

Am Ende schickten die beiden den Mann wieder fort.

 

Eine gute Frau vom anderen Ende der Hofstraße brachte eins ihrer Mädchen. Das spielte und schlief im Palast und durfte sogar nachmittags dem Teefräulein zur Hand gehen. An einem hellen Sommertag segelte dem Kind eine Papierschwalbe aus dem offenen Fenster. Sie rannte die Treppen hinunter, eilte hinaus auf den Schloßplatz, um den Flieger zu retten. Wie sie wieder hinauf ging, hielt sie den Papierflügler sicher in der einen Hand. Mit der anderen aber zog und zurrte sie ein armseliges Bettlermädchen hinter sich her.

 

"Wen hast Du da mitgebracht, ach herrje", rief die Königin aus. "Du bist aber ein besonders lumpiges Bettelkind. Bleib vom Teppich, nimm einen Keks. Gruß an die Eltern." "Bist Du die Königin, die keine Kinder bekommt?" So sprach das Bettelmädchen. "Meine Mutter sagt, sie kann Dir welche verschaffen." "Solche wie von Deiner Sorte?", fragte die Königin mißtrauisch. "Das Königshaus dankt." "An Deiner Stelle wäre ich ein wenig mehr interessiert", entgegnete das schmutzige Kind. "Frag nur die Mutter."

 

"Will sich die auch noch einschleichen? Hier, eine letzte Katzenzunge. Und dann ab." "Frag nur die Mutter. Wirst schon sehen." Und das Schmuddelkind stemmte sich breitbeinig vor die königliche Hoheit, die Hände fest in die Hüften gestützt. Es warf die Schultern zurück und wölbte einen nicht vorhandenen Bauch.

 

"Jetzt muß ich mich gar im eigenen Palast verspotten lassen", klagte die Königin. "Nun spring los, geh die Mutter holen." "Wein liebt sie. Die Alte nämlich. Roten Wein und süßen Kuchen. Tisch ihr nur starken Wein auf, dann taut sie gleich auf. Gläser nicht notwendig." Das Kind rannte los.

 

Die schmutzige Alte erschien so schnell unter der Tür, als hätte sie draußen gelauert. Sie delektierte sich am Wein, dann am Kuchen, dann wieder am Wein. Verlangte nach einer zweiten Flasche. "Die gibt es mit auf dem Weg. Jetzt gib Du mir erst mal was", verlangte die Königin. "Ich will und will und will ein Kind. Wie Du sicher schon weißt." "Noch hat der Wein meine Zunge nicht gelöst," meinte die scheußliche Alte. Doch das Bettelmädchen nahm ihr schnell die Flasche vom Tisch und das Weib lenkte ein.

 

"Zwei Schüsseln mit Wasser laß abends in Deine Waschkammer tragen. Benetz Dein Gesicht mit dem ersten Wasser. Die Hände säubere aber in der zweiten Schale. Ruf den König herein. Schütte alles Waschwasser über seine Füße. Am nächsten Morgen, wenn Du nachsiehst, ist vom Boden alle Feuchtigkeit verschwunden. Doch dafür stehen zwei Blumen, eine schöne und eine häßliche. Die schöne sollst Du brechen, klein schneiden und auf einem Butterbrot verspeisen. Die häßliche laß stehen." "Ich muß mir das alles sauber notieren", seufzte die Königin. "Sonst mach ich am Ende noch etwas falsch."

 

Die Königin tat, wie geheißen. Zwei große weiße Porzellanschüsseln voll Wasser; Gesicht und Hände benetzt. Den König kommen lassen. Alles über seine Füße gekippt. Den König beschwichtigt. Endlich das Licht ausgelöscht und eingeschlafen.

 

Zwei Blumen wuchsen am Morgen danach. Soll ich sie beschreiben? Die eine mit fleischigen Blüten, die andere ganz verwelkt. Die eine mit glänzenden Blättern, die andere glanzlos. Grün die eine, schwärzlich die andere. Die Königin hatte ihren Aufschrieb verlegt und schnitt deshalb kurzerhand beide Blumen ab. Sie halbierte ihr Butterbrot, belegte die Hälften mit dem feingehackten Grünzeug und verspeiste die Mahlzeit mit großem Genuß. "Das wird schon nicht schaden. Viel hilft schließlich viel."

 

Das tat es auch. Der Königliche Bauch schwoll an und füllte sich Tag um Tag mehr. Die Königliche Hoheit lächelte glücklich. Eines Tages aber legte sie sich ins Kindbett. Eine nach der anderen, schlüpften die zwei ungleichen Schwestern heraus. Mit großem Ach und Krach kam die erste. Einen Rührlöffel hielt sie in der Hand! Auf einem Bock kam sie geritten! Was für ein Graus.

 

"Mama, wir sind da!", krähte das garstige Kind. "Gott helf mir, wenn ich deine Mama sein soll", rief die Mutter. "Keine Sorge. Wir drei schaffen das schon. Da kommt ja noch eine. Siehst, die ist viel hübscher als ich." Da seufzte die Königin und brachte auch noch die andere Schwester zur Welt. Dieses Kind war so schön wie die Ältere häßlich. Der König freute sich über beide. Ob lieblich oder abstoßend, vor Gott und dem König ist jedes Kind gleich.

 

Die Ältere ritt auf dem Bock, sang, schwang wild den Löffel. Die Jüngere trippelte ihr hinterdrein, mit verklärtem Gesicht. Mutter, Zofen, sie wollten nicht zusehen. Sie trennten die beiden, nahmen die häßliche Schwester weg. Die Zweitgeborene schlüpfte ihnen durch die Beine, schlich hinüber zum Geschwister. Wo immer die eine war, da wollte die andere auch sein.

 

Auf der Straße klang es:

 

"Zottelhaube, Distelkind,

bockig wie ein Wirbelwind."

 

So sangen die Kinder, so schrie lauthals die Ältere. Zottelhaube. Das Wort klebte an ihr wie eine schäbige Mütze. Sie trug es mit Stolz. Der Name blieb haften.

 

Die Schwestern wuchsen heran, die Jahre vergingen, ein jedes in seinem eigenen Takt. Die Königin blickte zum Fenster heraus. Sah eine wilde Kinderschar. Darunter Zottelhaube auf ihrem Bock, mit dem Löffel die freien Lüfte aufrührend. Die hübsche Schwester im Pulk mit den anderen und ebenso wild.

 

In einer Julnacht ruckelte es in den Schornsteinen, trippelte es auf den Dächern, klapperte es in den Fluren. Die Trollweiber suchten den Palast heim. Hier wollten sie Weihnachten feiern; das Schloßvolk hielt sich wohlweislich versteckt.

 

"Die Trollweiber? Auf's Dach will ich sie jagen!" Der Zottelkopf war nicht zu halten. Die Schwester sollte derweil auf die Eltern aufpassen, sollte Sorge tragen, daß alle Türen wohl verschlossen blieben.

 

Zottelhaube ließ den Rührlöffel wirbeln und hetzte, hoch die Treppen, runter die Treppen, hinter den Trollweibern her. Im sicheren Hort freuten sich alle königlich. Was mußten diese Weiber auch immer zur Weihnachtszeit schwärmen. Auf dem Flur war es bald still. Der König öffnete beherzt die Tür. Unter ihm steckte die Schwester ihren Kopf aus dem Zimmer. Doch das war nicht klug.

 

"Gott helf mir, mein Kind hat einen Kalbskopf", schrie die Mutter auf. Da fegte die Ältere auf ihrem Bock den langen Flur zurück. "Ein Dummschädel! Bei diesen Eltern auch nicht verwunderlich!", wütete Zottelhaube. Die weinende Schwester fuhr sich wieder und wieder über das Haupt. Zottelkopf überlegte nicht lange. "Das muß sich ändern. So paßt Du mir gar nicht."

Mit der Schwester mußte sie zu den Trollhexen reisen; davon brachte niemand die Bockreiterin ab. "Vater, gebt mir ein Schiff, einen Steuermann, eine Mannschaft. Zwieback, soviel das Schiff trägt. Reisen macht hungrig."

 

Schließlich lenkte der König ein. Kopfjägerin und kalbsköpfige Schwester brachen bald auf. Wie mit der Feder gezogen segelte das Schiff geradewegs über die See und auf das Land der Trollhexen zu. Das Schiff glitt in den Hafen hinein.

 

"Das ist kein Geschäft für euch. Wer sich rührt, kriegt eins mit dem Löffel", drohte Zottelhaube Schwester und Reisegefährten. Sie selbst lenkte den Bock aufs Land und trabte den Anweg zur Trollburg hinauf. Da stand schon der schöne Kopf ihrer Schwester, auf einem Fenstersims. Ach, Tränen strömten aus den Augen, flossen die Wangen hinab!

 

Zottelhaube preschte heran, griff sich das Schwesternhaupt, machte kehrt, stieß dem Bock in die Flanken. Schwirrend und wirbelnd brachen Trollgestalten aus allen Ecken hervor. Zottelhaube aber ließ den Rührlöffel kreisen; der brave Bock selbst keilte und rammte und stieß. Entmutigt ließen die Tollhexen ab. "Haben wir nicht gut mit dem Trollvolk verhandelt?", frohlockte die zottlige Jungfrau.

 

Die Mannschaft stand im Kreis, als Zottelhaube der schönen Schwester den Kopf wieder aufsetzte und ihn sorgsam zurecht schob. Wohin sollte es jetzt noch gehen? So früh schon in die Heimat zurück? "Ich will und will und will noch was von der Welt sehen", rief Schwester Wiederschön. Zottelhaube studierte die Karte. "Wir sind ziemlich hier. Was man so Welt nennt, befindet sich hauptsächlich dort."

 

Das Schiff nahm Kurs auf ein fernes Königreich. Dort ankerte es im Hafen. Und wieder befahl Zottelhaube: "Dies ist kein Geschäft für euch. Verhaltet euch still. Wer sich rührt, den mische ich mit dem Breilöffel auf!"

 

Ein König, ein Witwer wohnte hier, mit seinem einzigen Sohn. Er schickte seine Leute aus, um nach dem seltsamen Schiff zu forschen. Sie erblickten ein häßliches Mädchen mit wirbelnden, zottligen Strähnen. Es ritt auf dem Bock, trieb ihn hart über das Deck.

 

"Sagt Eurem König, wir sind da!", krähte das garstige Mädchen. "Wer seid ihr?", riefen die Männer zurück. "Zottelhaube mit ihrer bildschönen Schwester."

 

Zottelhaube, eine Bockreiterin? Mit einer bildschönen Schwester? So ein Unfug! Der König eilte zum Strand. Zwei Schwestern erblickte er in trautem Gespräch. Ach, und er sah nur die Schöne und wollte fortan nichts anderes mehr sehen.

 

"Aufs Schloß? Dich gleich mir ihr verloben? Nichts da!", schrie Zottelhaube vom Schiff herüber. "Versprich mir erst Deinen Sohn! Der soll mich nehmen, dann heiratet Dich meine Schwester." "Gott helf mir, ich will diesen Wirrkopf nicht haben", klagte der junge Prinz. Vergebens. Für zwei Paare ließ der König die Hochzeit bestellen. Der Sohn war verzweifelt. Solch schweren Kirchgang hatte er noch nie unternommen.

 

In einer Kutsche fuhren König und des Zottelhaupts schöne Schwester voraus.

 

Der junge Prinz auf seinem Pferd hintendrein. Neben dem Rappen schnaubte der Bock. Zottelhaube ritt gleichmütig wie immer und schwang den Rührlöffel nach altem Brauch. 'So jung bin ich noch und doch ist mir gar nichts mehr peinlich‘, dachte der Prinz bei sich. 'Sofern ich diesen Gang überhaupt überlebe.‘

 

"Du bist recht still. Und das an unserem Freudentag", bemerkte der Wildkopf. "Ich trau mich nicht lauter freuen." "Auch fragst Du recht wenig." "Das ist, weil ich mich vor Deinen Antworten fürchte." "Frag doch mal, warum ich auf diesem häßlichen Bock reite", schlug Zottelhaube vor.

 

Der Prinz seufzte. "Warum reitest Du auf diesem häßlichen Bock? "Ist gar nicht häßlich. Schau doch genau hin." Dies tat der Prinz. Just ebenda war aus dem Bock ein prächtiger Gaul geworden, stärker und höher als der Rappe des Jünglings.

 

'Na und', dachte der Prinz. 'Ein feuriges Pferd macht eine Braut doch nicht schöner'. Und wieder ritten beide stumm nebeneinander. Zottelhaube lächelnd, der Prinz sorgenvoll und bedrückt.

 

"Warum manche Prinzen gar nicht neugierig sind", begann das wilde Mädchen aufs Neue.

"Ehrlich gesagt, will ich gar nicht so viel wissen." "Frag doch mal, warum ich diesen blöden Breilöffel schwinge."

 

Der Prinz seufzte wieder. "Warum schwingst Du diesen blöden Breilöffel?", fragte er schließlich.

"Ist gar nicht blöde. Schau doch genau hin." Und wie er so hinsah, verwandelte sich der stumpfe Kochlöffel in eine lange Reitgerte. Zottelhaube, die vortreffliche Reiterin, hielt sie lässig und sicher.

 

Und weiter ging es. Der Prinz blieb in sich gekehrt wie ein paar vom Wind verwirbelte Blätter am Wegrand. "Ich weiß, was Du mich eigentlich fragen willst", warb Zottelhaube wieder um ihn. Als Antwort kam nur ein Seufzer. Aus tiefstem Herzen. Doch das ließ der Wildfang, das lassen wir gelten. "Frag doch mal, warum ich diese grauslige Zottelhaube trage."

 

Ein weiteres Mal wollte der Prinz aufseufzen. Doch er fragte stattdessen: "Warum trägst Du diese grauslige Zottelhaube?" "Ist gar nicht grauslig. Lieber Dummkopf, schau doch genau hin."

Dies tat der Prinz und sah die Verwandlung mit eigenem Auge. Da schwadronierte kein rauhbeiniges Frauenzimmer, da ritt neben ihm auf einmal das beste Mädchen der Welt. Nichts mehr zu sehen vom zottligen, haarigen Filz. Jetzt warf ein Blondkopf das prächtige Haar. " Leider nur mittelblond," lachte die Braut. "Die Farbe von Weizen und Sommer", antwortete der Prinz.

 

Bevor die beiden Schwestern in die Kirche traten, wandten sie sich noch einmal um, faßten sie sich an der Hand, blickten sie über die See.

„So verschieden", sagte die eine.

„Doch immer dieselbe", sagte die zweite.

 

Gerhard Winkle

DIE ELFEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Wo ist denn die Marie, unser Kind?" fragte der Vater. "Sie spielt draußen auf dem grünen Platze", antwortete die Mutter, "mit dem Sohne unsers Nachbars." "Dass sie sich nicht verlaufen", sagte der Vater besorgt; "sie sind unbesonnen."

Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen ihr Vesperbrot. "Es ist heiß!" sagte der Bursche, und das kleine Mädchen langte begierig nach den roten Kirschen. "Seid nur vorsichtig, Kinder", sprach die Mutter, "lauft nicht zu weit vom Hause, oder in den Wald hinein, ich und der Vater gehen aufs Feld hinaus." Der junge Andres antwortete: "O sei ohne Sorge, denn vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben hier beim Hause sitzen, wo Menschen in der Nähe sind."

Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater wieder heraus. Sie verschlossen ihre Wohnung und wandten sich nach dem Felde, um nach den Knechten und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehen. Ihr Haus lag auf einer kleinen grünen Anhöhe, von einem zierlichen Stakete umgeben, welches auch ihren Frucht- und Blumengarten umschloss; das Dorf zog sich etwas tiefer hinunter, und jenseits erhob sich das gräfliche Schloss.

Martin hatte von der Herrschaft das große Gut gepachtet, und lebte mit seiner Frau und seinem einzigen Kinde vergnügt, denn er legte jährlich zurück, und hatte die Aussicht, durch Tätigkeit ein vermögender Mann zu werden, da der Boden ergiebig war und der Graf ihn nicht drückte.
Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern ging, schaute er fröhlich um sich, und sagte:

"Wie ist doch die Gegend hier so ganz anders, Brigitte, als diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so grün, das ganze Dorf prangt von dicht gedrängten Obstbäumen, der Boden ist voll schöner Kräuter und Blumen, alle Häuser sind munter und reinlich, die Einwohner wohlhabend, ja mir dünkt, die Wälder hier sind schöner und der Himmel blauer, und so weit nur das Auge reicht, sieht man seine Lust und Freude an der freigebigen Natur."

"So wie man nur", sagte Brigitte, "dort jenseits des Flusses ist, so befindet man sich wie auf einer anderen Erde, alles so traurig und dürr; jeder Reisende behauptet aber auch, dass unser Dorf weit und breit in der Runde das schönste sei."

"Bis auf jenen Tannengrund", erwiderte der Mann; "schau einmal dorthin zurück, wie schwarz und traurig der abgelegene Fleck in der ganzen heiteren Umgebung liegt; hinter den dunkeln Tannenbäumen die rauchige Hütte, die verfallenen Ställe, der schwermütig vorüber fließende Bach."

"Es ist wahr", sagte die Frau, in dem beide still standen, "sooft man sich jenem Platze nur nähert, wird man traurig und beängstigt, man weiß selbst nicht warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mögen, die dort wohnen, und warum sie sich doch nur so von allen in der Gemeinde entfernt halten, als wenn sie kein gutes Gewissen hätten."

"Armes Gesindel", erwiderte der junge Pächter, "dem Anschein nach Zigeunervolk, die in der Ferne rauben und betrügen, und hier vielleicht ihren Schlupfwinkel haben. Mich wundert nur, dass die gnädige Herrschaft sie duldet."

"Es können auch wohl", sagte die Frau weichmütig, "arme Leute sein, die sich ihrer Armut schämen, denn man kann ihnen doch eben nichts Böses nachsagen; nur ist es bedenklich, dass sie sich nicht zur Kirche halten, und man auch eigentlich nicht weiß, wovon sie leben, denn der kleine Garten, der noch dazu ganz wüst zu liegen scheint, kann sie unmöglich ernähren, und Felder haben sie nicht."

"Weiß der liebe Gott", fuhr Martin fort, indem sie weiter gingen, "was sie treiben mögen; kommt doch auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo sie wohnen, ist ja wie verbannt und verhext, so dass sich auch die vorwitzigsten Bursche nicht hin getrauen."

Dieses Gespräch setzten sie fort, in dem sie sich in das Feld wandten. Jene finstere Gegend, von welcher sie sprachen, lag abseits vom Dorfe. In einer Vertiefung, welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Hütte und verschiedene fast zertrümmerte Wirtschaftsgebäude, nur selten sah man Rauch dort aufsteigen, noch seltener wurde man Menschen gewahr; je zuweilen hatten Neugierige, die sich etwas näher gewagt, auf der Bank vor der Hütte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem Anzuge wahrgenommen, auf deren Schoß ebenso hässliche und schmutzige Kinder sich wälzten; schwarze Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden ging wohl ein ungeheurer Mann, den niemand kannte, über den Steg des Baches und verlor sich in die Hütte hinein; dann sah man in der Finsternis sich verschiedene Gestalten, wie Schatten um ein ländliches Feuer bewegen. Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Hütte machten wirklich in der heiteren grünen Landschaft, gegen die weißen Häuser des Dorfes und gegen das prächtige neue Schloss, den sonderbarsten Abstich.

Die beiden Kinder hatten jetzt die Früchte verzehrt; sie verfielen darauf, in die Wette zu laufen, und die kleine behände Marie gewann dem langsameren Andres immer den Vorsprung ab. "So ist es keine Kunst!" rief endlich dieser aus, "aber lass es uns einmal in die Weite versuchen, dann wollen wir sehen, wer gewinnt!"

"Wie du willst", sagte die Kleine, "nur nach dem Strome dürfen wir nicht laufen." "Nein", erwiderte Andres, "aber dort auf jenem Hügel steht der große Birnbaum, eine Viertelstunde von hier, ich laufe hier links um den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das Feld hinein rennen, dass wir nicht eher als oben wieder zusammenkommen, so sehen wir dann, wer der Beste ist."

"Gut", sagte Marie, und fing schon an zu laufen, "so hindern wir uns auch nicht auf dem selben Wege, und der Vater sagt ja, es sei zum Hügel hinauf gleich weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung geht."

Andres war schon voran gesprungen und Marie, die sich rechts wandte, sah ihn nicht mehr. "Er ist eigentlich dumm", sagte sie zu sich selbst, "denn ich dürfte nur den Mut fassen, über den Steg, bei der Hütte vorbei, und drüben wieder über den Hof hinaus zu laufen, so käme ich gewiss viel früher an." Schon stand sie vor dem Bache und dem Tannenhügel. "Soll ich? Nein, es ist doch zu schrecklich", sagte sie.

Ein kleines weißes Hündchen stand jenseits und bellte aus Leibeskräften. Im Erschrecken kam das Tier ihr wie ein Ungeheuer vor, und sie sprang zurück. "O weh!" sagte sie, "nun ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und überlege." Das Hündchen bellte immerfort, und da sie es genauer betrachtete, kam es ihr nicht mehr fürchterlich, sondern im Gegenteil ganz allerliebst vor: es hatte ein rotes Halsband um, mit einer glänzenden Schelle, und sowie es den Kopf hob und sich im Bellen schüttelte, erklang die Schelle äußerst lieblich.

"Ei! es will nur gewagt sein!" rief die kleine Marie, "ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseits wieder hinaus, sie können mich doch eben nicht gleich von der Erde weg auffressen!" Somit sprang das muntere mutige Kind auf den Steg, rasch an den kleinen Hund vorüber, der still ward und sich an ihr schmeichelte, und nun stand sie im Grunde, und rundumher verdeckten die schwarzen Tannen die Aussicht nach ihrem elterlichen Hause und der übrigen Landschaft.

Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, fröhlichste Blumengarten umgab sie, in welchem Tulpen, Rosen und Lilien mit den herrlichsten Farben leuchteten, blaue und goldrote Schmetterlinge wiegten sich in den Blüten, in Käfigen aus glänzendem Draht hingen an den Spalieren vielfarbige Vögel, die herrliche Lieder sangen, und Kinder in weißen kurzen Röckchen, mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen, sprangen umher, einige spielten mit kleinen Lämmern, andere fütterten die Vögel, oder sammelten Blumen und schenkten sie einander, andere wieder aßen Kirschen, Weintrauben und rötliche Aprikosen.

Keine Hütte war zu sehen, aber wohl stand ein großes schönes Haus mit eherner Tür und erhabenem Bildwerk leuchtend in der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen außer sich und wusste sich nicht zu finden; da sie aber nicht blöde war, ging sie gleich zum ersten Kinde, reichte ihm die Hand und bot ihm guten Tag.

"Kommst du uns auch einmal zu besuchen?" sagte das glänzende Kind; "ich habe dich draußen rennen und springen sehen, aber vor unserem Hündchen hast du dich gefürchtet." - "So seid ihr wohl keine Zigeuner und Spitzbuben", sagte Marie, "wie Andres immer spricht? O freilich ist der nur dumm, und redet viel in den Tag hinein." - "Bleib nur bei uns", sagte die wunderbare Kleine, "es soll dir schon gefallen" - "Aber wir laufen ja in die Wette." - "Zu ihm kommst du noch früh genug zurück. Da nimm, und iss!" - Marie aß, und fand die Früchte so süß, wie sie noch keine geschmeckt hatte, und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern waren gänzlich vergessen.

Eine große Frau in glänzendem Kleide trat herzu, und fragte nach dem fremden Kinde. "Schönste Dame", sagte Marie, "von ungefähr bin ich herein gelaufen, und da wollen sie mich hier behalten." "Du weißt, Zerina", sagte die Schöne, "dass es ihr nur kurze Zeit erlaubt ist, auch hättest du mich erst fragen sollen." "Ich dachte", sagte das glänzende Kind, "weil sie doch schon über die Brücke gelassen war, könnt ich es tun; auch haben wir sie ja oft im Felde laufen sehen, und du hast dich selber über ihr munteres Wesen gefreut; wird sie uns doch früh genug verlassen müssen."

"Nein, ich will hier bleiben", sagte die Fremde, "denn hier ist es schön, auch finde ich hier das beste Spielzeug und dazu Erdbeeren und Kirschen, draußen ist es nicht so herrlich." Die goldbekleidete Frau entfernte sich lächelnd, und viele von den Kindern sprangen jetzt um die fröhliche Marie mit Lachen her, neckten sie und ermunterten sie zu Tänzen, andere brachten ihr Lämmer oder wunderbares Spielgerät, andere machten auf Instrumenten Musik und sangen dazu.

Am liebsten aber hielt sie sich zu der Gespielin, die ihr zuerst entgegen gegangen war, denn sie war die freundlichste und holdseligste von allen. Die kleine Marie rief ein Mal über das andere: "Ich will immer bei euch bleiben und ihr sollt meine Schwestern sein", worüber alle Kinder lachten und sie umarmten. "Jetzt wollen wir ein schönes Spiel machen", sagte Zerina. Sie lief eilig in den Palast und kam mit einem goldenen Schächtelchen zurück, in welchem sich glänzender Samenstaub befand.

Sie fasste mit den kleinen Fingern, und streute einige Körner auf den grünen Boden. Alsbald sah man das Gras wie in Wogen rauschen, und nach wenigen Augenblicken schlugen glänzende Rosenbüsche aus der Erde, wuchsen schnell empor und entfalteten sich plötzlich, in dem der süßeste Wohlgeruch den Raum erfüllte. Auch Maria fasste von dem Staube, und als sie ihn ausgestreut hatte, tauchten weiße Lilien und die buntesten Nelken hervor.

Auf einen Wink Zerinas verschwanden die Blumen wieder und andere erschienen an ihrer Stelle. "Jetzt", sagte Zerina, "mache dich auf etwas Größeres gefasst." Sie legte zwei Pinienkörner in den Boden und stampfte sie heftig mit dem Fuße ein. Zwei grüne Sträucher standen vor ihnen. "Fasse dich fest mit mir", sagte sie, und Maria schlang die Arme um den zarten Leib.

Da fühlte sie sich empor gehoben, denn die Bäume wuchsen unter ihnen mit der größten Schnelligkeit; die hohen Pinien bewegten sich und die beiden Kinder hielten sich hin und wider schwebend in den roten Abendwolken umarmt und küssten sich; die anderen Kleinen kletterten mit behänder Geschicklichkeit an den Stämmen der Bäume auf und nieder, und stießen und neckten sich, wenn sie sich begegneten, unter lautem Gelächter.

Stürzte eins der Kinder im Gedränge hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich langsam und sicher zur Erde hinab. Endlich fürchtete sich Marie; die andere Kleine sang einige laute Töne, und die Bäume versenkten sich wieder ebenso allgemach in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich erst in die Wolken gehoben hatten.

Sie gingen durch die erzene Tür des Palastes. Da saßen viele schöne Frauen umher, ältere und junge, im runden Saal, sie genossen die lieblichsten Früchte, und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In der Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und Laubwerk gemalt, zwischen denen Kinderfiguren in den anmutigsten Stellungen kletterten und schaukelten; nach den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse und glühten in den brennendsten Farben; bald war das Grüne und Blaue wie helles Licht funkelnd, dann sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur flammte auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die nackten Kinder in den Blumengewinden zu leben, und mit den rubinroten Lippen den Atem einzuziehen und auszuhauchen, so dass man wechselnd den Glanz der weißen Zähnchen wahr nahm, so wie das Aufleuchten der himmelblauen Augen.

Aus dem Saale führten eherne Stufen in ein großes unterirdisches Gemach. Hier lag viel Gold und Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten dazwischen. Wundersame Gefäße standen an den Wänden umher, alle schienen mit Kostbarkeiten angefüllt. Das Gold war in mannigfaltigen Gestalten gearbeitet und schimmerte mit der freundlichsten Röte. Viele kleine Zwerge waren beschäftigt, die Stücke auseinanderzusuchen und sie in die Gefäße zu legen; andere, höckrig und krummbeinig, mit langen roten Nasen, trugen schwer und vorn übergebückt Säcke herein, so wie die Müller Getreide, und schütteten die Goldkörner keuchend auf dem Boden aus.

Dann sprangen sie ungeschickt rechts und links, und griffen die rollenden Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah nicht selten, dass einer den anderen im Eifer umstieß, so dass sie schwer und tölpisch zur Erde fielen. Sie machten verdrießliche Gesichter und sahen scheel, als Marie über ihre Gebärden und Hässlichkeit lachte. Hinten saß ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen Zerina ehrerbietig grüßte, und der nur mit ernstem Kopfnicken dankte.

Er hielt ein Zepter in der Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle übrigen Zwerge schienen ihn für ihren Herren anzuerkennen und seinen Winken zu gehorchen. "Was gibt es wieder?" fragte er mürrisch, als die Kinder ihm etwas näher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin antwortete, dass sie nur gekommen seien, sich in den Kammern umzuschauen.

"Immer die alten Kindereien!" sagte der Alte; "wird der Müßiggang nie aufhören?" Darauf wandte er sich wieder an sein Geschäft und ließ die Goldstücke wiegen und aussuchen; andere Zwerge schickte er fort, manchen schalt er zornig. "Wer ist der Herr?" fragte Marie; "unser Metallfürst", sagte die Kleine, in dem sie weitergingen.

Sie schienen sich wieder im Freien zu befinden, denn sie standen an einem großen Teiche, aber doch schien keine Sonne, und sie sahen keinen Himmel über sich. Ein kleiner Nachen empfing sie, und Zerina ruderte sehr emsig. Die Fahrt ging schnell. Als sie in die Mitte des Teiches gekommen waren, sah Marie, dass tausend Röhren, Kanäle und Bäche sich aus dem kleinen See nach allen Richtungen verbreiteten.

"Diese Wasser rechts", sagte das glänzende Kind, "fließen unter euren Garten hinab, davon blüht dort alles so frisch; von hier kommt man in den großen Strom hinunter." Plötzlich kamen aus allen Kanälen und aus dem See unendlich viele Kinder auftauchend angeschwommen, viele trugen Kränze von Schilf und Wasserlilien, andere hielten rote Korallenzacken, und wieder andere bliesen auf krummen Muscheln; ein verworrenes Getöse schallte lustig von den dunklen Ufern wider; zwischen den Kleinen bewegten sich schwimmend die schönsten Frauen, und oft sprangen viele Kinder zu der einen oder der anderen, und hingen ihnen mit Küssen um Hals und Nacken.

Alle begrüßten die Fremde; zwischen diesem Getümmel hindurch fuhren sie aus dem See in einen kleinen Fluss hinein, der immer enger und enger ward. Endlich stand der Nachen. Man nahm Abschied und Zerina klopfte an den Felsen. Wie eine Tür tat sich dieser voneinander, und eine ganz rote weibliche Gestalt half ihnen aussteigen. "Geht es recht lustig zu?" fragte Zerina. "Sie sind eben in Tätigkeit", antwortete jene, "und so freudig, wie man sie nur sehen kann, aber die Wärme ist auch äußerst angenehm."

Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, und plötzlich sah sich Marie in dem glänzendsten Saal, so dass beim Eintreten ihre Augen vom hellen Lichte geblendet waren. Feuerrote Tapeten bedeckten mit Purpurglut die Wände, und als sich das Auge etwas gewöhnt hatte, sah sie zu ihrem Erstaunen, wie im Teppich sich Figuren tanzend auf und nieder in der größten Freude bewegten, die so lieblich gebaut und von so schönen Verhältnissen waren, dass man nichts Anmutigeres sehn konnte; ihr Körper war wie von rötlichem Kristall, so dass es schien, als flösse und spielte in ihnen sichtbar das bewegte Blut.

Sie lachten das fremde Kind an, und begrüßten es mit verschiedenen Beugungen; aber als Marie näher gehen wollte, hielt sie Zerina plötzlich mit Gewalt zurück, und rief: "Du verbrennst dich, Mariechen, denn alles ist Feuer!"

Marie fühlte die Hitze. "Warum kommen nur", sagte sie, "die allerliebsten Kreaturen nicht zu uns heraus, und spielen mit uns?" "Wie du in der Luft lebst", sagte jene, "so müssen sie immer im Feuer bleiben, und würden hier draußen verschmachten. Sieh nur, wie ihnen wohl ist, wie sie lachen und kreischen; jene dort unten verbreiten die Feuerflüsse von allen Seiten unter der Erde hin, davon wachsen nun die Blumen, die Früchte und der Wein; die roten Ströme gehen neben den Wasserbächen, und so sind die flammigen Wesen immer tätig und freudig. Aber dir ist es hier zu heiß, wir wollen wieder hinaus in den Garten gehen."

Hier hatte sich die Szene verwandelt. Der Mondschein lag auf allen Blumen, die Vögel waren still und die Kinder schliefen in mannigfaltigen Gruppen in den grünen Lauben. Marie und ihre Freundin fühlten aber keine Müdigkeit, sondern lustwandelten in der warmen Sommernacht unter vielerlei Gesprächen bis zum Morgen.

Als der Tag anbrach, erquickten sie sich an Früchten und Milch, und Marie sagte: "Lass uns doch zur Abwechselung einmal nach den Tannen hinaus gehen, wie es dort aussehen mag." "Gern", sagte Zerina, "so kannst du auch zugleich dorten unsere Schildwachen besuchen, die dir gewiss gefallen werden, sie stehen oben auf dem Walle zwischen den Bäumen."

Sie gingen durch die Blumengärten, durch anmutige Haine voller Nachtigallen, dann stiegen sie über Rebenhügel, und kamen endlich, nachdem sie lange den Windungen eines klaren Baches nachgefolgt waren, zu den Tannen und der Erhöhung, welche das Gebiet begrenzte. "Wie kommt es nur", fragte Marie, "dass wir hier innerhalb so weit zu gehen haben, da doch draußen der Umkreis nur so klein ist?"

"Ich weiß nicht", antwortete die Freundin, "wie es zugeht, aber es ist so." Sie stiegen zu den finsteren Tannen hinauf, und ein kalter Wind wehte ihnen von draußen entgegen; ein Nebel schien weit umher auf der Landschaft zu liegen. Oben standen wunderliche Gestalten, mit mehligen bestäubten Angesichtern, den widerlichen Häuptern der weißen Eulen nicht unähnlich; sie waren in faltigen Mänteln von zottiger Wolle gekleidet, und hielten Regenschirme von seltsamen Häuten ausgespannt über sich; mit Fledermausflügeln, die abenteuerlich neben dem Rockelor hervor starrten, wehten und fächelten sie unablässig.

"Ich möchte lachen und mir graut", sagte Marie. "Diese sind unsere guten fleißigen Wächter", sagte die kleine Gespielin, "sie stehen hier und wehen, damit jeden kalte Angst und wundersames Fürchten befällt, der sich uns nähern will; sie sind aber so bedeckt, weil es jetzt draußen regnet und friert, was sie nicht vertragen können. Hier unten kommt niemals Schnee und Wind, noch kalte Luft her, hier ist ein ewiger Sommer und Frühling, doch wenn die da oben nicht oft abgelöst würden, so vergingen sie gar."

"Aber wer seid ihr denn", fragte Marie, indem sie wieder in die Blumendüfte hinunter stiegen, "oder habt ihr keinen Namen, woran man euch erkennt?" "Wir heißen Elfen", sagte das freundliche Kind, "man spricht auch wohl in der Welt von uns, wie ich gehört habe." Sie hörten auf der Wiese ein großes Getümmel.

"Der schöne Vogel ist angekommen!" riefen ihnen die Kinder entgegen; alles eilte in den Saal. Sie sahen in dem schon, wie jung und alt sich über die Schwelle drängte, alle jauchzten und von innen scholl eine jubilierende Musik heraus. Als sie hinein getreten waren, sahen sie die große Rundung von den mannigfaltigsten Gestalten angefüllt, und alle schauten nach einem großen Vogel hinauf, der in der Kuppel mit glänzendem Gefieder langsam fliegend vielfache Kreise beschrieb.

Die Musik klang fröhlicher als sonst, die Farben und Lichter wechselten schneller. Endlich schwieg die Musik, und der Vogel schwang sich rauschend auf eine glänzende Krone, die unter dem hohen Fenster schwebte, welches von oben die Wölbung erleuchtete. Sein Gefieder war purpurn und grün, durch welches sich die glänzendsten goldenen Streifen zogen, auf seinem Haupte bewegte sich ein Diadem von so hell leuchtenden kleinen Federn, dass sie wie Edelgesteine blitzten. Der Schnabel war rot und die Beine glänzend blau. Wie er sich regte, schimmerten alle Farben durcheinander, und das Auge war entzückt. Seine Größe war die eines Adlers.

Aber jetzt eröffnete er den leuchtenden Schnabel, und so süße Melodie quoll aus seiner bewegten Brust, in schönern Tönen, als die der liebesbrünstigen Nachtigall; mächtiger zog der Gesang und goss sich wie Lichtstrahlen aus, so dass alle, bis auf die kleinsten Kinder selbst, vor Freude und Entzücken weinen mussten. Als er geendigt hatte, neigten sich alle vor ihm, er umflog wieder in Kreisen die Wölbung, schoss dann durch die Tür und schwang sich in den lichten Himmel, wo er oben bald nur noch wie ein roter Punkt erglänzte und sich den Augen dann schnell verlor.

"Warum seid ihr alle so in Freude?" fragte Marie und neigte sich zum schönen Kinde, das ihr kleiner als gestern vorkam. "Der König kommt!" sagte die Kleine, "den haben viele von uns noch gar nicht gesehen, und wo er sich hin wendet ist Glück und Fröhlichkeit; wir haben schon lange auf ihn gehofft, sehnlicher, als ihr nach langem Winter auf den Frühling wartet, und nun hat er durch diesen schönen Botschafter seine Ankunft melden lassen.

Dieser herrliche und verständige Vogel, der im Dienst des Königes gesandt wird, heißt Phönix, er wohnt fern in Arabien auf einem Baum, der nur einmal in der Welt ist, so wie es auch keinen zweiten Phönix gibt. Wenn er sich alt fühlt, trägt er aus Balsam und Weihrauch ein Nest zusammen, zündet es an und verbrennt sich selbst, so stirbt er singend, und aus der duftenden Asche schwingt sich dann der verjüngte Phönix mit neuer Schönheit wieder auf.

Selten nur nimmt er seinen Flug so, dass ihn die Menschen sehen, und geschieht es einmal in Jahrhunderten, so zeichnen sie es in ihre Denkbücher auf, und erwarten wundervolle Begebenheiten. Aber nun, meine Freundin, wirst du auch scheiden müssen, denn der Anblick des Königes ist dir nicht vergönnt."

Da wandelte die goldbekleidete schöne Frau durch das Gedränge, winkte Marien zu sich und ging mit ihr unter einen einsamen Laubengang; "du musst uns verlassen, mein geliebtes Kind", sagte sie; "der König will auf zwanzig Jahr, und vielleicht auf länger, sein Hoflager hier halten, nun wird sich Fruchtbarkeit und Segen weit in die Landschaft verbreiten, am meisten hier in der Nähe; alle Brunnen und Bäche werden ergiebiger, alle Äcker und Gärten reicher, der Wein edler, die Wiese fetter und der Wald frischer und grüner; mildere Luft weht, kein Hagel schadet, keine Überschwemmung droht.

Nimm diesen Ring und gedenke unser, doch hüte dich, irgendwem von uns zu erzählen, sonst müssen wir aus dieser Gegend fliehen, und alle umher, so wie du selbst, entbehren dann das Glück und die Segnung unserer Nähe: noch einmal küsse deine Gespielin und lebe wohl." Sie traten heraus, Zerina weinte, Marie bückte sich, sie zu umarmen, sie trennten sich. Schon stand sie auf der schmalen Brücke, die kalte Luft wehte hinter ihr aus den Tannen, das Hündchen bellte auf das herzhafteste und ließ sein Glöckchen ertönen; sie sah zurück und eilte in das Freie, weil die Dunkelheit der Tannen, die Schwärze der verfallenen Hütten, die dämmernden Schatten sie mit ängstlicher Furcht befielen.

"Wie werden sich meine Eltern meinethalber in dieser Nacht geängstigt haben!" sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Felde stand, "und ich darf ihnen doch nicht erzählen, wo ich gewesen bin und was ich gesehen habe, auch würden sie mir nimmermehr glauben." Zwei Männer gingen an ihr vorüber, die sie grüßten, und sie hörte hinter sich sagen: "Das ist ein schönes Mädchen! Wo mag sie nur her sein?"

Mit eiligeren Schritten näherte sie sich dem elterlichen Hause, aber die Bäume, die gestern voller Früchte hingen, standen heute dürr und ohne Laub, das Haus war anders angestrichen, und eine neue Scheune daneben erbaut. Marie war in Verwunderung, und dachte, sie sei im Traum; in dieser Verwirrung öffnete sie die Tür des Hauses, und hinter dem Tische saß ihr Vater zwischen einer unbekannten Frau und einem fremden Jüngling.

"Mein Gott, Vater!" rief sie aus, "wo ist denn die Mutter?" - "Die Mutter?" sprach die Frau ahndend, und stürzte hervor; "ei, du bist doch wohl nicht - ja freilich, freilich bist du die verlorene, die tot geglaubte, die liebe einzige Marie!" Sie hatte sie gleich an einem kleinen braunen Male unter dem Kinn, an den Augen und der Gestalt erkannt. Alle umarmten sie, alle waren freudig bewegt, und die Eltern vergossen Tränen.

Marie verwunderte sich, dass sie fast zum Vater hinauf reichte, sie begriff nicht, wie die Mutter so verändert und gealtert sein konnte, sie fragte nach dem Namen des jungen Menschen. "Es ist ja unseres Nachbars Andres", sagte Martin, "wie kommst du nur nach sieben langen Jahren so unvermutet wieder? wo bist du gewesen? Warum hast du denn gar nichts von dir hören lassen?" -

"Sieben Jahre?" sagte Marie, und konnte sich in ihren Vorstellungen und Erinnerungen nicht wieder zurechtfinden; "sieben ganze Jahre?" "Ja, ja", sagte Andres lachend, und schüttelte ihr treuherzig die Hand; "ich habe gewonnen, Mariechen, ich bin schon vor sieben Jahren an dem Birnbaum und wieder hierher zurück gewesen, und du Langsame, kommst nun heut erst an!"

Man fragte von neuem, man drang in sie, doch sie, des Verbotes eingedenk, konnte keine Antwort geben. Man legte ihr fast die Erzählung in den Mund, dass sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden Wagen genommen, und an einen fremden Ort geführt sei, wo sie den Leuten den Wohnsitz ihrer Eltern nicht habe bezeichnen können; wie man sie nachher nach einer weit entlegenen Stadt gebracht habe, wo gute Menschen sie erzogen und geliebt; wie diese nun gestorben, und sie sich endlich wieder auf ihre Geburtsgegend besonnen, eine Gelegenheit zur Reise ergriffen habe und so zurückgekehrt sei. "Lasst alles gut sein", rief die Mutter; "genug, dass wir dich nur wiederhaben, mein Töchterchen, du meine Einzige, mein Alles!"

Andres blieb zum Abendbrot, und Marie konnte sich noch in nichts finden. Das Haus dünkte ihr klein und finster, sie verwunderte sich über ihre Tracht, die reinlich und einfach, aber ganz fremd erschien; sie betrachtete den Ring am Finger, dessen Gold wundersam glänzte und einen rot brennenden Stein künstlich einfasste. Auf die Frage des Vaters antwortete sie, dass der Ring ebenfalls ein Geschenk ihrer Wohltäter sei.

Sie freute sich auf die Schlafenszeit, und eilte zur Ruhe. Am anderen Morgen fühlte sie sich besonnener, sie hatte ihre Vorstellungen mehr geordnet, und konnte den Leuten aus dem Dorfe, die alle sie zu begrüßen kamen, besser Red und Antwort geben. Andres war schon mit dem frühesten wieder da, und zeigte sich äußerst geschäftig, erfreut und dienstfertig. Das fünfzehnjährige aufgeblühte Mädchen hatte ihm einen tiefen Eindruck gemacht, und die Nacht war ihm ohne Schlaf vergangen.

Die Herrschaft ließ Marien auf das Schloss fordern, sie musste hier wieder ihre Geschichte erzählen, die ihr nun schon geläufig geworden war; der alte Herr und die gnädige Frau bewunderten ihre gute Erziehung, denn sie war bescheiden, ohne verlegen zu sein, sie antwortete höflich und in guten Redensarten auf alle vorgelegten Fragen; die Furcht vor den vornehmen Menschen und ihrer Umgebung hatte sich bei ihr verloren, denn wenn sie diese Säle und Gestalten mit den Wundern und der hohen Schönheit maß, die sie bei den Elfen im heimlichen Aufenthalt gesehen hatte, so erschien ihr dieser irdische Glanz nur dunkel, die Gegenwart der Menschen fast geringe. Die jungen Herren waren vorzüglich über ihre Schönheit entzückt.

Es war im Februar. Die Bäume belaubten sich früher als je, so zeitig hatte sich die Nachtigall noch niemals eingestellt, der Frühling kam schöner in das Land, als ihn sich die ältesten Greise erinnern konnten. Allerorten taten sich Bächlein hervor und tränkten die Wiesen und Auen; die Hügel schienen zu wachsen, die Rebengeländer erhuben sich höher, die Obstbäume blühten wie niemals, und ein schwellender duftender Segen hing schwer in Blütenwolken über der Landschaft.

Alles gedieh über Erwarten, kein rauer Tag, kein Sturm beschädigte die Frucht; der Wein quoll errötend in ungeheuern Trauben, und die Einwohner des Ortes staunten sich an, und waren wie in einem süßen Traum befangen. Das folgende Jahr war ebenso, aber man war schon an das Wundersame mehr gewöhnt. Im Herbst gab Marie den dringenden Bitten des Andres und ihrer Eltern nach: sie ward seine Braut und im Winter mit ihm verheiratet.

Oft dachte sie mit inniger Sehnsucht an ihren Aufenthalt hinter den Tannenbäumen zurück; sie blieb still und ernst. So schön auch alles war, was sie umgab, so kannte sie doch etwas noch Schöneres, wodurch eine leise Trauer ihr Wesen zu einer sanften Schwermut stimmte. Schmerzhaft traf es sie, wenn der Vater oder ihr Mann von den Zigeunern und Schelmen sprachen, die im finstern Grunde wohnten; oft wollte sie sie verteidigen, die sie als Wohltäter der Gegend kannte, vorzüglich gegen Andres, der eine Lust im eifrigen Schelten zu finden schien, aber sie zwang das Wort jedes Mal in ihre Brust zurück.

So verlebte sie das Jahr, und im folgenden ward sie durch eine junge Tochter erfreut, welche sie Elfriede nannte, indem sie dabei an den Namen der Elfen dachte.

 

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Die jungen Leute wohnten mit Martin und Brigitte in dem selben Hause, welches geräumig genug war, und halfen den Eltern die ausgebreitete Wirtschaft führen. Die kleine Elfriede zeigte bald besondere Fähigkeiten und Anlagen, denn sie lief sehr früh, und konnte alles sprechen, als sie noch kein Jahr alt war; nach einigen Jahren aber war sie so klug und sinnig, und von so wunderbarer Schönheit, dass alle Menschen sie mit Erstaunen betrachteten, und ihre Mutter sich nicht der Meinung erwehren konnte, sie sehe jenen glänzenden Kindern im Tannengrunde ähnlich.

Elfriede hielt sich nicht gern zu anderen Kindern, sondern vermied bis zur Ängstlichkeit ihre geräuschvollen Spiele, und war am liebsten allein. Dann zog sie sich in eine Ecke des Gartens zurück, und las oder arbeitete eifrig am kleinen Nähzeuge; oft sah man sie auch wie tief in sich versunken sitzen, oder dass sie in Gängen heftig auf und nieder ging und mit sich selber sprach.

Die beiden Eltern ließen sie gern gewähren, weil sie gesund war und gedieh, nur machten sie die seltsamen verständigen Antworten und Bemerkungen oft besorgt. "So kluge Kinder", sagte die Großmutter Brigitte vielmals, "werden nicht alt, sie sind zu gut für diese Welt, auch ist das Kind über die Natur schön, und wird sich auf Erden nicht zurechtfinden können."

Die Kleine hatte die Eigenheit, dass sie sich höchst ungern bedienen ließ, alles wollte sie selber machen. Sie war fast die früheste auf im Hause, und wusch sich sorgfältig und kleidete sich selber an; ebenso sorgsam war sie am Abend, sie achtete sehr darauf, Kleider und Wäsche selbst einzupacken, und durchaus niemand, auch die Mutter nicht, über ihre Sachen kommen zu lassen.

Die Mutter sah ihr in diesem Eigensinne nach, weil sie sich nichts weiter dabei dachte, aber wie erstaunte sie, als sie sie an einem Feiertage, zu einem Besuch auf dem Schlosse, mit Gewalt umkleidete, so sehr sich auch die Kleine mit Geschrei und Tränen dagegen wehrte, und auf ihrer Brust an einem Faden hängend, ein Goldstück von seltsamer Form antraf, welches sie sogleich für eines von jenen erkannte, deren sie so viele in dem unterirdischen Gewölbe gesehen hatte.

Die Kleine war sehr erschrocken, und gestand endlich, sie habe es im Garten gefunden, und da es ihr sehr wohl gefallen, habe sie es so emsig aufbewahrt; sie bat auch so dringend und herzlich, es ihr zu lassen, dass Marie es wieder auf der selben Stelle befestigte und voller Gedanken mit ihr stillschweigend zum Schlosse hinaufging.

Seitwärts vom Hause der Pächterfamilie lagen einige Wirtschaftsgebäude zur Aufbewahrung der Früchte und des Feldgerätes, und hinter diesen befand sich ein Grasplatz mit einer alten Laube, die aber kein Mensch jetzt besuchte, weil sie nach der neuen Einrichtung der Gebäude zu entfernt vom Garten war. In dieser Einsamkeit hielt sich Elfriede am liebsten auf, und es fiel niemanden ein, sie hier zu stören, so dass die Eltern oft in halben Tagen ihrer nicht ansichtig wurden.

An einem Nachmittage befand sich die Mutter in den Gebäuden, um aufzuräumen und eine verlorene Sache wieder zu finden, als sie wahrnahm, dass durch eine Ritze der Mauer ein Lichtstrahl in das Gemach falle. Es kam ihr der Gedanke, hindurchzusehen, um ihr Kind zu beobachten, und es fand sich, dass ein locker gewordener Stein sich von der Seite schieben ließ, wodurch sie den Blick gerade hinein in die Laube gewann.

Elfriede saß drinnen auf einem Bänkchen, und neben ihr die wohlbekannte Zerina, und beide Kinder spielten und ergötzten sich in holdseliger Eintracht. Die Elfe umarmte das schöne Kind und sagte traurig: "Ach, du liebes Wesen, so wie mit dir habe ich schon mit deiner Mutter gespielt, als sie klein war und uns besuchte, aber ihr Menschen wachst zu bald auf und werdet so schnell groß und vernünftig; das ist recht betrübt: bliebest du doch so lange ein Kind, wie ich!"

"Gern tät ich dir den Gefallen", sagte Elfriede, "aber sie meinen ja alle, ich würde bald zu Verstande kommen, und gar nicht mehr spielen, denn ich hätte rechte Anlagen, altklug zu werden. Ach! und dann sehe ich dich auch nicht wieder, du liebes Zerinchen! Ja, es geht wie mit den Baumblüten: wie herrlich der blühende Apfelbaum mit seinen rötlichen aufgequollenen Knospen! der Baum tut so groß und breit, und jedermann, der drunter weg geht, meint auch, es müsse recht was Besonderes werden; dann kommt die Sonne, die Blüte geht so leutselig auf, und da steckt schon der böse Kern drunter, der nachher den bunten Putz verdrängt und hinunter wirft; nun kann er sich geängstigt und aufwachsend nicht mehr helfen, er muss im Herbst zur Frucht werden.

Wohl ist ein Apfel auch lieb und erfreulich, aber doch nichts gegen die Frühlingsblüte: so geht es mit uns Menschen auch; ich kann mich nicht darauf freuen, ein großes Mädchen zu werden. Ach, könnt ich euch doch nur einmal besuchen!"

"Seit der König bei uns wohnt", sagte Zerina, "ist es ganz unmöglich, aber ich komme ja so oft zu dir, Liebchen, und keiner sieht mich, keiner weiß es, weder hier noch dort; ungesehen geh ich durch die Luft, oder fliege als Vogel herüber; o wir wollen noch recht viel beisammen sein, solange du klein bist. Was kann ich dir nur zu Gefallen tun?"

"Recht lieb sollst du mich haben", sagte Elfriede, "so lieb, wie ich dich in meinem Herzen trage; doch lass uns auch einmal wieder eine Rose machen." Zerina nahm das bekannte Schächtelchen aus dem Busen, warf zwei Körner hin, und plötzlich stand ein grünender Busch mit zweien hochroten Rosen vor ihnen, welche sich zueinander neigten, und sich zu küssen schienen. Die Kinder brachen die Rosen lächelnd ab, und das Gebüsch war wieder verschwunden.

"O müsste es nur nicht wieder so schnell sterben", sagte Elfriede, "das rote Kind, das Wunder der Erde." "Gib!" sagte die kleine Elfe, hauchte dreimal die aufknospende Rose an, und küsste sie dreimal; "nun", sprach sie, indem sie die Blume zurück gab, "bleibt sie frisch und blühend bis zum Winter." "Ich will sie wie ein Bild von dir aufheben", sagte Elfriede, "sie in meinem Kämmerchen wohl bewahren, und sie morgens und abends küssen, als wenn du es wärst." "Die Sonne geht schon unter", sagte jene, "ich muss jetzt nach Hause." Sie umarmten sich noch einmal, dann war Zerina verschwunden.

Am Abend nahm Marie ihr Kind mit einem Gefühl von Beängstigung und Ehrfurcht in die Arme; sie ließ dem holden Mädchen nun noch mehr Freiheit als sonst, und beruhigte oft ihren Gatten, wenn er, um das Kind aufzusuchen, kam, was er seit einiger Zeit wohl tat, weil ihm ihre Zurückgezogenheit nicht gefiel, und er fürchtete, sie könne darüber einfältig, oder gar unklug werden.

Die Mutter schlich öfter nach der Spalte der Mauer, und fast immer fand sie die kleine glänzende Elfe neben ihrem Kinde sitzen, mit Spielen beschäftigt, oder in ernsthaften Gesprächen. "Möchtest du fliegen können?" fragte Zerina einmal ihre Freundin. "Wie gerne!" rief Elfriede aus. Sogleich umfasste die Fee die Sterbliche, und schwebte mit ihr vom Boden empor, so dass sie zur Höhe der Laube stiegen.

Die besorgte Mutter vergaß ihre Vorsicht, und lehnte sich erschreckend mit dem Kopfe hinaus, um ihnen nachzusehen; da erhob aus der Luft Zerina den Finger und drohte lächelnd, ließ sich mit dem Kinde wieder nieder, herzte sie, und war verschwunden. Es geschah nachher noch öfter, dass Marie von dem wunderbaren Kinde gesehen wurde, welches jedes Mal mit dem Kopfe schüttelte oder drohte, aber mit freundlicher Gebärde.

Oftmals schon hatte bei vorgefallenem Streite Marie im Eifer zu ihrem Manne gesagt: "Du tust den armen Leuten in der Hütte Unrecht!" Wenn Andres dann in sie drang, ihm zu erklären, warum sie der Meinung aller Leute im Dorfe, ja der Herrschaft selber entgegen sei und es besser wissen wolle, brach sie ab, und schwieg verlegen.

Heftiger als je ward Andres eines Tages nach Tische und behauptete, das Gesindel müsse als landesverderblich durchaus fortgeschafft werden; da rief sie im Unwillen aus: "Schweig, denn sie sind deine und unser aller Wohltäter!" "Wohltäter?" fragte Andres erstaunt; "die Landstreicher?" In ihrem Zorne ließ sie sich verleiten, ihm unter dem Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen, und da er bei jedem ihrer Worte ungläubiger wurde und verhöhnend den Kopf schüttelte, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in das Gemach, von wo er zu seinem Erstaunen die leuchtende Elfe mit seinem Kinde in der Laube spielen, und es liebkosen sah.

Er wusste kein Wort zu sagen; ein Ausruf der Verwunderung entfuhr ihm, und Zerina erhob den Blick. Sie wurde plötzlich bleich und zitterte heftig, nicht freundlich, sondern mit zorniger Miene machte sie die drohende Gebärde, und sagte dann zu Elfriede: "Du kannst nichts dafür, geliebtes Herz, aber sie werden niemals klug, so verständig sie sich auch dünken." Sie umarmte die Kleine mit stürmender Eil, und flog dann als Rabe mit heiserem Geschrei über den Garten hinweg, den Tannenbäumen zu.

Am Abend war die Kleine sehr still und küsste weinend die Rose, Marie war ängstlich zu Sinne, Andres sprach wenig. Es wurde Nacht. Plötzlich rauschten die Bäume, Vögel flogen mit ängstlichem Geschrei umher, man hörte den Donner rollen, die Erde zitterte und Klagetöne winselten in der Luft. Marie und Andres hatten nicht den Mut aufzustehen; sie hüllten sich in die Decken und erwarteten mit Furcht und Zittern den Tag. Gegen Morgen ward es ruhiger, und alles war still, als die Sonne mit ihrem Lichte über den Wald hervor drang.

Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, dass der Stein des Ringes an ihrem Finger verblasst war. Als sie die Tür öffneten, schien ihnen die Sonne klar entgegen, aber die Landschaft umher kannten sie kaum wieder. Die Frische des Waldes war verschwunden, die Hügel hatten sich gesenkt, die Bäche flossen matt mit wenigem Wasser, der Himmel schien grau, und als man den Blick nach den Tannen hinüber wandte, standen sie nicht finsterer oder trauriger da, als die übrigen Bäume; die Hütten hinter ihnen hatten nichts Abschreckendes, und mehrere Einwohner des Dorfes kamen und erzählten von der seltsamen Nacht, und dass sie über den Hof gegangen seien, wo die Zigeuner gewohnt, die wohl fort gegangen sein müssten, weil die Hütten leer ständen, und im Innern ganz gewöhnlich wie die Wohnungen anderer armen Leute aussähen; einiges vom Hausrat wäre zurück geblieben.

Elfriede sagte zu ihrer Mutter heimlich: "Als ich in der Nacht nicht schlafen konnte, und in der Angst bei dem Getümmel von Herzen betete, da öffnete sich plötzlich meine Tür, und herein trat meine Gespielin, um Abschied von mir zu nehmen. Sie hatte eine Reisetasche um, einen Hut auf ihren Kopf, und einen großen Wanderstab in der Hand. Sie war sehr böse auf dich, weil sie deinetwegen nun die größten und schmerzhaftesten Strafen aushalten müsse, da sie dich doch immer so geliebt habe; denn alle, so wie sie sagte, verließen nur sehr ungern diese Gegend."

Marie verbot ihr, davon zu sprechen, und in dem kam auch der Fährmann vom Strome herüber, welcher Wunderdinge erzählte. Mit einbrechender Nacht war ein großer fremder Mann zu ihm gekommen, welcher ihm bis zu Sonnenaufgang die Fähre abgemietet habe, doch mit dem Bedingnis, dass er sich still zu Hause halten und schlafen, wenigstens nicht aus der Tür treten solle.

"Ich fürchtete mich", fuhr der Alte fort, "aber der seltsame Handel ließ mich nicht schlafen. Sacht schlich ich mich ans Fenster und schaute nach dem Strome. Große Wolken trieben unruhig durch den Himmel und die fernen Wälder rauschten bange; es war als wenn meine Hütte bebte und Klagen und Winseln um das Haus schlich. Da sah ich plötzlich ein weißströmendes Licht, das breiter und immer breiter wurde, wie viele tausend niedergefallene Sterne, funkelnd und wogend bewegte es sich von dem finstern Tannengrunde her, zog über das Feld, und verbreitete sich nach dem Flusse hin.

Da hörte ich ein Trappeln, ein Klirren, ein Flüstern und Säuseln näher und näher; es ging nach meiner Fähre hin, hinein stiegen alle, große und kleine leuchtende Gestalten, Männer und Frauen, wie es schien, und Kinder, und der große fremde Mann fuhr sie alle hinüber; im Strome schwammen neben dem Fahrzeuge viel tausend helle Gebilde, in der Luft flatterten Lichter und weiße Nebel, und alles klagte und jammerte, dass sie so weit, weit reisen müssten, aus der geliebten angewöhnten Gegend fort.

Der Ruderschlag und das Wasser rauschten dazwischen, und dann war wieder plötzlich eine Stille. Oft stieß die Fähre an, und kam zurück und ward von neuem beladen, auch viele schwere Gefäße nahmen sie mit, die grässliche kleine Gesellen trugen und rollten; waren es Teufel, waren es Kobolde, ich weiß es nicht. Dann kam im wogenden Glanz ein stattlicher Zug. Ein Greis schien es, auf einem weißen kleinen Rosse, um den sich alles drängte; ich sah aber nur den Kopf des Pferdes, denn es war über und über mit kostbaren glänzenden Decken verhangen; auf dem Haupt trug der Alte eine Krone, so dass ich dachte, als er hinüber gefahren, die Sonne wolle von dorten aufgehen, und das Morgenrot funkle mir entgegen.

So währte es die ganze Nacht; ich schlief endlich in dem Gewirre ein, zum Teil in Freude, zum Teil in Schauder. Am Morgen war alles ruhig, aber der Fluss ist wie weg gelaufen, so dass ich Not haben werde mein Fahrzeug zu regieren."

Noch in dem selben Jahre war ein Mißwachs, die Wälder starben ab, die Quellen vertrockneten, und die selbe Gegend, die sonst die Freude jedes Durchreisenden gewesen war, stand im Herbst verödet, nackt und kahl, und zeigte kaum hie und da noch im Meere von Sand ein Plätzchen, wo Gras mit fahlem Grün empor wuchs. Die Obstbäume gingen alle aus, die Weinberge verdarben, und der Anblick der Landschaft war so traurig, dass der Graf im folgenden Jahre mit seiner Familie das Schloss verließ, welches nachher verfiel und zur Ruine wurde.

Elfriede betrachtete Tag und Nacht mit der größten Sehnsucht ihre Rose und gedachte ihrer Gespielin, und so wie die Blume sich neigte und welkte, so senkte sie auch das Köpfchen, und war schon vor dem Frühlinge verschmachtet. Marie stand oft auf dem Platze vor der Hütte und beweinte das entschwundene Glück. Sie verzehrte sich, wie ihr Kind, und folgte ihm in einigen Jahren. Der alte Martin zog mit seinem Schwiegersohn nach der Gegend, in der er vormals gelebt hatte.

 

Ludwig Tieck

DIE HAND DER JEZERTE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In des Königs Garten, eh das Frühlicht schien, rührte der Myrtenbaum die Blätter, sagend: "Ich spüre Morgenwind in meinen Zweigen; ich trinke schon den süßen Tau: wann wird Jezerte kommen?" Und ihm antwortete die Pinie mit Säuseln: "Am niederen Fenster sehe ich sie, des Gärtners Jüngste, schon durchs zarte Gitter. Bald tritt sie aus dem Haus, steigt nieder die Stufen zum Quell und klärt ihr Angesicht, die Schöne."

Darauf antwortete der Quell: "Nicht Salböl hat mein Kind, nicht Öl der Rose; es tunkt sein Haar in meine lichte Schwärze, mit seinen Händen schöpft es mich. Stille! ich höre das Liebchen."
Da kam des Gärtners Tochter zum Born, wusch sich und kämmte sich und flocht ihre Zöpfe.
Und sieh, es traf sich, dass Athmas, der König, aus dem Palast ging, der Morgenkühle zu genießen, bevor der Tag anbrach; und wandelte den breiten Weg daher auf gelbem Sand und wurde der Dirne gewahr, trat nahe zu und stand betroffen über ihre Schönheit, begrüßte die Erschrockene und küsste ihr die Stirn.

Seit diesem war sie Athmas lieb und kam nicht mehr von seiner Seite Tag und Nacht; trug köstliche Gewänder von Byssus und Seide, und war geehrt von den Vettern des Königs, weil sie sich hold und demütig erwies gegen Große und Kleine und gab den Armen viel. Übers Jahr aber wurde Jezerte krank, und half ihr nichts, sie starb in ihrer Jugend.

Da ließ der König ihr am Garten des Palasts ein Grabgewölbe bauen, wo der Quell entsprang, darüber einen kleinen Tempel, und ließ ihr Bildnis drin aufstellen aus weißem Marmor, ihre ganze Gestalt, wie sie lebte, ein Wunderwerk der Kunst. Den Quell aber hielt das Volk heilig.
Alle Monden einmal ging der König dahin, um Jezerte zu weinen. Er redete mit niemand jenen Tag, man durfte nicht Speise noch Trank vor ihn bringen.

Er hatte aber eine andere Buhle, Naïra; die ward ihm gram darob und eiferte im stillen mit der Toten; gedachte, wie sie ihrem Herrn das Andenken an sie verkümmere und ihm das Bild verderbe. Sie beschied insgeheim Jedanja zu sich, einen Jüngling, so dem König diente; der trug eine heimliche Liebe zu ihr, das war ihr nicht verborgen. Sie sprach zu ihm: "Du sollst mir einen Dienst erzeigen, dran ich erkennen will, was ich an dir habe. Vernimm.

Ich höre von Jezerten immerdar, wie schön sie gewesen, so dass ich viel drum gäbe, nur ihr Bildnis zu sehen, und ob ich zwar das nicht vermag, weil mein Herr es verschworen, will ich doch eines von ihr sehen, ihre Hand, davon die Leute rühmen, es sei ihresgleichen nicht mehr zu finden. So sollst du mir nun dieses Wunder schaffen und mir vor Augen bringen, damit ich es glaube."

"Ach, Herrin", sagte er, "ich will dich selbst hinführen, dass du Jezerte beschauest, bei Nacht."
"Mitnichten!" antwortete sie: "Wie könnte ich aus dem Palast gehen? Tu, wie ich sagte, Lieber, und stille mein Gelüst." - Und sie verhieß ihm große Gunst, da versprach es der Knabe. Auf eine Nacht ersah er die Gelegenheit durch Pforten und Gänge, und kam zum Grabmal unbeschrieen, denn die Wache stand in den Höfen. Er hatte aber einen künstlichen Haken, der öffnete das Schloss, und wie er eintrat, sah er das Bildnis stehen im Schein der Lampen; die brannten Tag und Nacht.

Er trat herzu, fasste die eine Hand und brach sie ab, hart über dem Gelenke, barg sie in seinen Busen, eilte und zog die Tür hinter sich zu. Wie er nun längs der Mauer hin lief, vernahm er ein Geräusch und deuchte ihm als käme wer. Da nahm er in der Angst die Hand und warf sie über die Mauer hinweg in den Garten und floh. Die Hand fiel aber mitten in ein Veilchenbeet und nahm keinen Schaden.

Alsbald gereute den Jüngling seine Furcht, denn sie war eitel, und schlich in den Garten, die Hand wiederzuholen; er fand sie aber nicht, und suchte bis der Tag anfing zu grauen, und war wie verblendet. So machte er sich fort und kam in seine Kammer. Am anderen Morgen, als die Sonne schien, lustwandelte Athmas unter den Bäumen. Er kam von ungefähr an jenes Beet und sah die weiße Hand in den Veilchen und hob sie auf mit Schrecken, lief hinweg und es entstand ein großer Lärm durch den Palast.

Kamen auch alsbald Knechte des Königs und sagten ihm an: "Wir haben in der Dämmerung Jedanja gesehen durch den Garten hin fliehen und haben seine Fußstapfen verfolgt." - Darauf ward der Jüngling ergriffen und in das Gefängnis geworfen. Naïra mittlerweile bangte nicht, denn sie war keck und sehr verschlagen. Berief in der Stille Maani zu sich, Jedanjas Bruder, und sagte: "Mich jammert dein Bruder, ich möchte ihm wohl heraushelfen, wenn er den Mut hätte, zu tun wie ich ihn heiße, und du mir eine Botschaft an ihn brächtest."

Maani sprach: "Befiehl und nimm mein eigen Leben, dass ich nur den Knaben errette!" Da hieß Naïra ihn schnell einen Pfeil herbeiholen. Sie aber nahm einen Griffel und schrieb der Länge nach auf den Schaft diese Worte: "Verlange vor den König und sprich: Jedanja liebte Jezerten und war von ihr geliebt, und hängt sein Herz noch an der Toten, also dass er im blinden Wahn die Übeltat verübte. So spreche mein Freund und fürchte nicht, dass ihn das Wort verderbe. Die dieses rät, wird alles gutmachen."

Nachdem sie es geschrieben, sagte sie: "Nimm hin und schieße diesen Pfeil zu Nacht durchs Gitter, wo dein Bruder liegt im Turm." Maani ging und richtete es kühnlich aus. Den anderen Tag rief Athmas den Gefangenen vor sich und redete zu ihm: "Du hast das nicht von selbst getan. So bekenne denn, wer dich gedungen!" Der Jüngling sagte: "Herr, niemand."

Und als er Grund und Anlass nennen sollte seines Frevels, verweigerte er es und schwieg, so hart man ihn bedrohte, und mussten ihn die Knechte wieder wegführen. Sie schlugen ihn und quälten ihn im Kerker, drei Tage nacheinander, solchermaßen, dass er nahe daran schien, zu sterben. Dies litt er aber listigerweise, der Absicht, dass er Glauben finden möge, wenn er nunmehr zu reden selbst begehrte. Ließ sich also am vierten Morgen, da die Peiniger aufs neue kamen, zu dem König bringen, fiel zitternd auf sein Angesicht, schien sprachlos, wie vor großer Angst und Reue, bis ihm verheißen ward, das Leben zu behalten, sofern er die Wahrheit bekenne.

Da sagte er: "So wisse, Herr! Bevor des Gärtners Tochter meinem Herrn gefiel, dass er sie für sich selbst erwählte, war sie von Jedanja geliebt, und sie liebte ihn wieder. Hernach floh ich hinweg aus Kummer, und kehrte nicht zur Stadt zurück, bis ich vernahm, Jezerte sei gestorben. Die ganze Zeit aber habe ich nicht aufgehört, das Kind zu lieben. Und da ich jüngst bei Nacht, von Sehnsucht übernommen, wider dein Gebot in das Gewölbe ging und sah das Bild, trieb mich unsinniges Verlangen, den Raub zu begehen."

Der König hatte sich entfärbt bei dieser Rede und stand verworren eine Zeit lang in Gedanken; dann hieß er die Diener Jedanja freilassen, denn er zweifelte nicht mehr, dass dieser wahr gesprochen. Doch befahl er dem Jüngling und allen, die jetzo zugegen gewesen, bei Todesstrafe, nicht zu reden von der Sache. Athmas war aber fortan sehr bekümmert, denn er dachte, Jezerte habe ihm belogen, da sie ihm schwur, sie habe keinen Mann gekannt, bis sie der König gefunden; also dass er nicht wusste, sollte er die Tote ferner lieben oder hassen.

Einstmals, da Naïra sich bei ihm befand wie gewöhnlich, erblickte sie an seinem Sitz ein Kästchen von dunklem Holz, mit Perlen und Steinen geziert. Daran verweilten ihre Augen, bis Athmas es bemerkte und ihr winkte, das Kästchen zu öffnen. Sie lief und hob den Deckel auf, da lag Jezertes Hand darin auf einem Kissen. Sie sah die selbe mit Verwunderung an und pries sie laut mit vielem Wesen vor dem König.

Und er, indem er selber einen Blick hin tat, sprach ohne Arg: "Schaut sie nicht traurig her, gleich einer Taube in der Fremde? Siehe, es war ein weißes Taubenpaar, nun hat der Wind die eine verstürmt von ihrer Hälfte weg. Ich will, dass sie der Grieche wieder mit dem Leib zusammenfüge."

Diese Rede empfand Naïra sehr übel. Sie fing aber an, mit falschen Worten ihren Herrn zu trösten und sagte arglistig dabei, Jezerte möge wohl vor Gram um ihren Knaben krank geworden und gestorben sein. Hiermit empörte sie des Königs Herz und schaffte sich selbst keinen Vorteil, vielmehr ward er misstrauisch gegen sie.

Er ging und sprach bei sich: Sollte es sein, wie dies Weib mir sagt, so will ich doch nimmer das Bildnis vertilgen. Wann jetzt die Zeit der heiligen fünf Nächte kommt, will ich's versenken in das Meer, nicht allzu fern der Stadt. Es sollen sich ergötzen an seiner Schönheit holde Geister in der Tiefe, und der Mond mit täuschendem Schein wird es vom Grund heraufheben. Dann werden die Schiffer dies Trugbild sehen und werden sich des Anblicks freuen.

Nicht lang hernach, da der König vor solchen Gedanken nicht schlief, erhob er sich von seinem Lager und ging nach dem Grabmal, sah das Bild, daran das abgebrochene Glied vom Künstler mit einer goldenen Spange wieder wohl befestigt war, dass niemand einen Mangel hätte finden können, der es nicht wusste. Er kniete nieder, abgewendet von Jezerte, mit dem Gesicht gegen die Wand, und flehte Gott um ein gewisses Zeichen, ob das Kind unschuldig war oder nicht; wo nicht, so wollt er Jezerte vergessen von Stund an.

Er hatte aber kaum gebetet, so ward der ganze Raum von süßem Duft erfüllt, als von Veilchen; als hätte Jezertes Hand von jenem Gartenbeet allen Wohlgeruch an sich genommen und jetzt von sich gelassen mit eins. Da wusste Athmas gewiss, sie sei ohne Tadel, wie er und jedermann sie immerdar gehalten; sprang auf, benetzte ihre Hand mit Tränen und dankte seinem Gott. Zugleich gelobte er ein großes Opfer, und ein zweites mit reichen Gaben an das arme Volk, wenn ihm der Täter geoffenbart würde.

Und sieh, den anderen Morgen erschien Naïra zur gewohnten Stunde nicht in des Königs Gemächern, und ließ ihm sagen, sie sei krank, er möge auch nicht kommen, sie zu besuchen. Sie lag im Bette, weinte sehr vor ihren Frauen und tobte, stieß Verwünschungen aus und sagte nicht, was mit ihr sei; auch schickte sie den Arzt mit Zorn von sich.

Da sie nach einer Weile stiller geworden, rief sie herzu ihre Vertrauteste und wies ihr dar ihre rechte Hand, die war ganz schwarz, wie schwarzes Leder, bis an das Gelenk. Und sprach mit Lachen zu der ganz entsetzten Frau: "Diesmal wenn du nicht weißt zu schmeicheln und ein Bedenken hast, zu sagen, sie ist viel weißer als das Elfenbein, und zarter als ein Lotosblatt, will ich dir nicht feind sein!" -

Dann weinte sie von neuem, besann sich und sagte mit Hast: "Nimm allen meinen Schmuck, Kleider und Gold zusammen, und schaffe, dass wir heute in der Nacht entkommen aus dem Schloss! Ich will aus diesem Lande." Das letzte Wort war ihr noch nicht vom Munde, da tat sich in der Wand dem Bette gegenüber eine Tür auf ohne Geräusch, die war bis diese Stunde für jedermann verborgen, und durch sie trat der König ein in das Gemach.

In ihrem Schrecken hielt Naïra beide Hände vors Gesicht, alsdann fuhr sie zurück und barg sich in die Kissen. Er aber rief: "Bei meinem Haupt, ich wollte, dass meine Augen dieses nicht gesehen hätten!" - So zornig er auch schien, man konnte doch wohl merken, dass es ihm leid tat um das Weib. Er ging indes, wie er gekommen war, und sagte es den Fürsten, seinen Räten, an, alles, wie es gegangen. Diese verwunderten sich höchlich, und einer, Eldad, welcher ihm der nächste Vetter war, fragte ihn:

"Was will mein Herr, dass Naïra geschehe, und was dem Buben, den du losgelassen hattest?" - Der König sagte: "Verbannet sei die Lügnerin an einen wüsten Ort. Ihr Blut begehre ich nicht; sie hat den Tod an der Hand. Jedanja mögt ihr fangen und verwahren."

Es war aber im Meer, zwo Meilen von dem Strand, an dem die Stadt gelegen, eine Insel, von Menschen nicht bewohnt, nur Felsen und Bäume. Dahin beschloss Eldad sie bringen zu lassen; denn beide hatten sich immer gehasst. Als ihr nun das verraten ward, obwohl es noch geheim bleiben sollte, sprach sie sogleich zu ihren Frauen. "Nicht anderes hat er im Sinn, denn dass ich dort umkomme. Ihr werdet Naïra nicht sehen von dieser Insel wiederkehren."

Fortan hielt sie sich still und trachtete auf keine Weise dem zu entgehen, das ihrer wartete. Sie machte sich vielmehr bereit zur Reise auf den anderen Morgen. Denn schon war bestellt, dass ein Fahrzeug drei Stunden vor Tag sie an der hintern Pforte des Palasts empfange. Und als sie in der Frühe völlig fertig war und angetan mit einem langen Schleier, und schaute durchs Fenster herab in die Gärten, da der Mond hell hinein schien, sprach sie auf einmal zu den Frauen:

"Hört, was ich jetzt dachte, indem ich also stand und mir mein ganz Elend vor Augen war. Ich sagte bei mir selbst: du möchtest dies ja wohl erdulden alles, die Schmach, den Bann und den Tod, wenn du nicht müsstest mit dir nehmen das böse Mal an deiner Hand; denn es grauste mir vor mir selbst. In meinem Herzen sprach es da: Wenn du die Hand eintauchtest in Jezertes Quell beim Tempel, mit Bitten, dass sie dir vergebe, da wärest du rein. - Wer ginge nun gleich zu dem Hauptmann der Wache, dass er den Fürsten bitte, mir so viel zu gestatten?"

Und eine der Frauen lief alsbald. Der Hauptmann aber wollte nicht. Naïra sagte: "So gehe du selbst an den Quell, es wird dir niemand wehren, und tauche dieses Tuch hinein und bring es mir." Doch keine traute sich, ihr diesen Liebesdienst zu tun. Naïra rief und sah auf ihre Hand: "O wenn Jezertes Gottheit wollte, ein kleiner Vogel machte sich auf und striche seinen Flügel durch das Wasser und käme ans Fenster, dass ich ihn berühre!" -

Dies aber mochte nicht geschehen; und kamen jetzt die Leute, Naïra abzuholen. Sie fuhr auf einem schlechten Boot, mit zweien Schergen und acht Ruderknechten, schnell dahin; saß auf der mittleren Bank allein, gefesselt; zu ihren Füßen etwas Vorrat an Speisen und Getränk, nicht genug für fünf Tage. Und saß da still, in dichte Schleier eingewickelt, dass die Blicke der Männer sie nicht beleidigten, auch dass sie selbst nicht sehen musste; und war, als schiffte sie schon jetzt unter den Schatten.

Bei jenem Eiland als sie angekommen waren, lösten die Begleiter ihre Bande und halfen ihr aussteigen; setzten drei Krüge und einen Korb mit Brot und Früchten auf den Stein und stießen wieder ab ungesäumt. Die Männer behielten den Ort im Gesicht auf der Heimfahrt, solange sie vermochten, und sahen die Frau verhüllt dort sitzen, im Anfang ganz allein, so wie sie dieselbe verlassen, darnach aber gewahrten sie eine andere Frauengestalt, in weißen Gewändern, sitzend neben ihr.

Da hielten die Ruderer inne mit Rudern, und die Schergen berieten sich untereinander, ob man nicht umkehren solle. Der eine aber sagte: "Es geht nicht natürlich zu, es ist ein Geist. Fahrt immer eilig zu, dass man es dem Fürsten anzeige." - So taten sie und meldeten es Eldad; der aber verlachte und schalt sie sehr.

Jedanja unterdessen, nachdem er zeitig innegeworden, dass möchte seine Unwahrheit an Tag gekommen sein, hatte sich außer den Mauern der Stadt, unter dem Dach einer Tenne, versteckt. Und seine Brüder verkündigten ihm, Naïra sei heut nach dem Felsen gebracht. Alsbald verschwor er sich mit ihnen und etlichen Freunden, sie zu befreien, und wenn es alle den Hals kosten sollte.

Um Mitternacht bestiegen sie ein kleines Segelschiff, sechs rüstige Gesellen, mit Waffen wohl versehen. Sie mussten aber einen großen Umweg nehmen, weil Wächter waren am Strand verteilt und weithin hohes Felsgestade, da kein Schiff an- und abgehen konnte. Dennoch am Abend des zweiten Tags, nach Ankunft der Naïra auf der Insel, erreichten sie die selbige und erkannten bald den rechten Landungsplatz; sahen allda die Krüge und den Korb und fanden alles unberührt.

Es überkam Jedanja große Angst um das Weib, das er liebte. Und suchten lang nach ihr und fanden sie zuletzt auf einem schönen Hügel unter einem Palmbaum liegen, tot; der Schleier über ihr Gesicht mit Fleiß gelegt, die Hände bloß und alle beide weiß wie der Schnee.

Da kamen die Jünglinge bald überein, es sollten ihrer vier auf gradem Weg zur Stadt zurücksteuern, derweil zwei andere bei der Leiche blieben. Jedanja selber wollte sich freiwillig vor den König stellen, ihm alles redlich zu gestehen und zu berichten, denn er kannte ihn für gut und großmütig und wusste wohl, es sei mit seinem Willen nicht also verfahren gegen Naïra.

Auch kam er glücklich vor Athmas zu stehen, obwohl Eldad es verhindern wollte. Wie nun der König alle diese Dinge, teils von dem Jüngling, teils von anderen, aus dem Grund erforscht, auch jetzt erfahren hatte, was die Männer auf dem Boot gesehen, daraus er wohl merkte, Jezerte sei mit Naïra gewesen, da war er auf das äußerste bestürzt und so entrüstet über seinen Vetter, dass er ihn weg für immer jagte von dem Hof.

Zugleich verordnete der König, Naïra auf der Insel mit Ehren zu bestatten, ließ die Wildnis lichten und Gärten anlegen. In deren Mitte auf dem Hügel, erbaute man das Grab, bei dem Palmbaum, wo sie verschieden war.

 

Eduard Mörike

PRINZESSIN SVANVITHE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Du hast wohl von der Sage gehört, daß hier bei Garz, wo jetzt der Wall über dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein großes und schönes Heidenschloß gewesen ist mit herrlichen Häusern und Kirchen, worin sie ihre Götzen gehabt und angebetet haben.

Dieses Schloß haben vor langer, langer Zeit die Christen eingenommen, alle Helden totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Götzen, die darin standen, mit Feuer verbrannt; und nun ist nichts mehr übrig von all der großen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche die Leute sich erzählen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer angetan, der auf dem weißen Schimmel oft über die Stadt und den See hinreitet.

Einige, die ihn nächtlich gesehen haben, erzählen, es sei der alte König des Schlosses, und er habe eine güldene Krone auf. Das ist aber alles nichts. Daß es aber um Weihnachten und Johannis in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen geläutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehört, und auch mein Vater.

Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist, andere sagen, es ist der alte Götzentempel. Das glaube ich aber nicht; denn was sollten die Helden an christlichen Festtagen läuten? Aber das Klingen und Läuten im See ist dir gar nichts gegen das, was im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzählen. Da sitzt eine wunderschöne Prinzessin mit zu Felde geschlagenen Haaren und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erlösen soll; und dies ist eine sehr traurige Geschichte.

In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschloß von den Christen belagert ward und die drinnen in großen Nöten waren, weil sie sehr gedrängt wurden, als schon manche Türme niedergeworfen waren und sie auch nicht recht mehr zu leben hatten und die armen Leute in der Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein alter, eisgrauer Mann, der Vater des Königs, der auf Rügen regierte.

Dieser alte Mann war so alt, daß er nicht recht mehr hören und sehen konnte; aber es war doch seine Lust, unter dem Golde und unter den Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im Reiche gesammelt hatten und welche tief unter der Erde in einem schönen, aus eitel Marmelsteinen und Kristallen gebauten Saale verwahrt wurden. Davon waren dort ganz große Haufen aufgeschüttet, viel größere als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters Kornboden aufgeschüttet sind.

Als nun das Schloß zu Garz von den Christen in der Belagerung so geängstet ward und viele der tapfersten Männer und auch der König, des alten Mannes Sohn, in dem Streite auf den Wällen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht darin und hatte die Türen und Treppen, die dahin führten, dicht vermauern lassen; er aber wußte noch einen kleinen heimlichen Gang, der unter der Erde weg lief, viele hundert Stufen tiefer als das Schloß, und jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch wußte als er, und wo er hinausschlüpfen und sich draußen bei den Menschen Speise und Trank kaufen konnte.

Als nun das Schloß von den Christen erobert und zerstört ward und die Männer und Frauen im Schlosse getötet und alle Häuser und Kirchen verbrannt wurden, daß kein Stein auf dem anderen blieb, da fielen die Türme und Mauern übereinander, und die Türe der Goldkammer ward gar verschüttet; auch blieb kein Mensch lebendig, der wußte, wo der tote König seine Schätze gehabt hatte.

Der alte König aber saß drunten bei seinen Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen und hat noch viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schloß zerstört war; denn sie sagen, die Menschen, welche sich zu sehr an Silber und Gold hängen, können vom Leben nicht erlöst werden und sterben nicht, wenn sie Gott auch noch so sehr um den Tod bitten. So lebte der alte, eisgraue Mann noch viele, viele Jahre und mußte sein Gold bewachen, bis er ganz dürr und trocken ward wie ein Totengerippe.

Da ist er denn gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden und muß nun als ein schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen, wenn einer kommt und den Schatz holen will. Des Nachts aber zwischen zwölf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, muß er noch immer rundgehen als ein altes graues Männlein mit einer schwarzen Pudelmütze auf dem Kopf und einem weißen Stock in der Hand.

So haben die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holze am Wege nach Poseritz; auch geht er zuweilen um den Kirchhof herum. Denn da sollen vor alters Heidengräber gewesen sein, und die Helden haben immer viel Silber und Gold mit sich in die Erde genommen. Das will er holen, darum schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die geweihte Erde nicht berühren. Das ist aber seine Strafe, daß er so rund laufen muß, wann andere Leute in den Betten und Gräbern schlafen, weil er so geizig gewesen ist.

Nun begab es sich lange nach diesen Tagen, daß in Bergen ein König von Rügen wohnte, der hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß Svanvithe; und sie war die schönste Prinzessin weit und breit, und es kamen Könige und Fürsten und Prinzen aus allen Landen, die um die schöne Prinzessin warben.

Und der König, ihr Herr Vater, wußte sich kaum zu lassen vor allen den Freiern und hatte zuletzt nicht Häuser genug, daß er die Fremden beherbergte, noch Ställe, wohin sie und ihre Knappen und Staller ihre Pferde zögen; auch gebrach es fast an Hafer im Lande und Raum für alle die Kutscher und Diener, die mit ihnen kamen, und war Rügen so voll von Menschen, als es nie gewesen seit jenen Tagen. Und der König wäre froh gewesen, wenn die Prinzessin sich einen Mann genommen hätte und die übrigen Freier weg gereist wären.

Das läßt sich aber bei den Königen nicht so leicht machen als bei anderen Leuten, und muß da alles mit vieler Zierlichkeit und Langsamkeit hergehen. Die Prinzessin, nachdem sie wohl ein ganzes halbes Jahr in ihrer einsamen Kammer geblieben war und keinen Menschen gesehen, auch kein Sterbenswort gesagt hatte, fand endlich einen Prinzen, der ihr wohl gefiel, und den sie gern zum Mann haben wollte, und der Prinz gefiel auch dem alten Könige, daß er ihn gern als Eidam wollte.

Und sie hatten einander Ringe geschenkt, und war große Freude im ganzen Lande, daß die schöne Svanvithe Hochzeit halten sollte, und hatten alle Schneider und Schuster die Fülle zu tun, die schönen Kleider und Schuhe zu machen, die zur Hochzeit getragen werden sollten. Der verlobte Prinz aber und Svanvithens Bräutigam hieß Herr Peter von Dänemarken und war ein über die Maßen feiner und stattlicher Mann, daß seinesgleichen wenige gesehen wurden.

Da, als alles in lieblicher Hoffnung und Liebe grünte und blühte und die ganze Insel in Freuden stand und nur noch ein paar Tage bis zur Hochzeit waren, kam der Teufel und säte sein Unkraut aus, und die Luft ward in Traurigkeit verwandelt. Es war nämlich all da an des Königs Hofe auch ein Prinz aus Polen, ein hinterlistiger und schlechter Herr, sonst schön und ritterlich an Gestalt und Gebärde. Dieser hatte manches Jahr um die Prinzessin gefreit und sie geplagt Tag und Nacht; sie hatte aber immer nein gesagt, denn sie mochte ihn nicht leiden.

Als dieser polnische Prinz nun sah, daß es wirklich eine Hochzeit werden sollte und daß Herr Peter von Dänemarken zum Treuliebsten der schönen Svanvithe erkoren war, sann er in seinem bösen Herzen auf arge Tücke und wußte es durch seine Künste so zu stellen, daß der König und alle Menschen glaubten, Svanvithe sei keine züchtige Prinzessin und habe manche Nächte bei dem polnischen Prinzen geschlafen.

Das glaubte auch Herr Peter und reiste plötzlich weg; und der polnische Prinz war zuerst weg gereist, und alle Könige und Prinzen reisten weg. Und das Schloß des Königs in Bergen stand wüst und leer da, und alle Freude war mit weg gezogen und alle Geiger und Pfeifer und alles Saitenspiel, die sich auf Turniere und Feste gerüstet hatten. Und die Schande der armen Prinzessin klang über das ganze Land; ja in Schweden und Dänemark und Polen hörten sie es, wie die Hochzeit sich zerschlagen hatte.

Sie aber war gewiß unschuldig und rein wie ein Kind, das aus dem Mutterleibe kommt, und war es nichts als die greuliche Bosheit des verruchten polnischen Prinzen, den sie als Freier verschmäht hatte.

So ging es der armen Svanvithe, und der König, ihr Vater, war einige Tage nach diesen Geschichten wie von Sinnen und wußte nicht von sich, und ihm war so zumute, daß er sich hätte ein Leid antun können von wegen seiner Tochter und von wegen des Schimpfes, den sie auf das ganze königliche Haus gebracht hatte.

Und als er sich besann und wieder zu sich kam und die ganze Schande bedachte, worein er geraten war durch seine Tochter, da ergrimmte er in seinem Herzen, und er ließ die schöne Svanvithe holen und schlug sie hart und zerraufte ihr Haar und stieß sie dann von sich und befahl seinen Dienern, daß sie sie hinaus führten in ein verborgenes Gemach, daß seine Augen sie nimmer wiedersähen. Darauf ließ er in einen mit dichten Mauern eingeschlossenen und mit dunklen Bäumen beschatteten Garten hinter seinem Schlosse einen düstern Turm bauen, wo weder Sonne noch Mond hinein schien, da sperrte er die Prinzessin ein.

Der Turm, den er hatte bauen lassen, war aber fest und dicht und hatte nur ein einziges kleines Loch in der Türe, wodurch ein wenig Licht hinein fiel und wodurch der Prinzessin die Speise gereicht ward. Es war auch weder Bett noch Tisch oder Bank in dem traurigen Gefängnis; auf harter Erde mußte sie liegen, die sonst auf Sammet und Seiden geschlafen hatte, und barfuß mußte sie gehen, die sonst in goldenen Schuhen geprangt hatte. Und Svanvithe hätte sterben müssen vor Jammer, wenn sie nicht gewußt hätte, daß sie unschuldig war, und wenn sie nicht zu Gott hätte beten können.

Sie aber war ein sehr junges Kind, als sie eingesperrt ward, erst sechzehn Jahre alt, schön wie eine Rose und schlank und weiß wie eine Lilie, und die Menschen, die sie lieb hatten, nannten sie nicht anders als des Königs Lilienstengelein. Und dieses süße Lilienstengelein sollte so jämmerlich verwelken in der kalten und einsamen Finsternis.

Und sie hatte wohl drei Jahre so gesessen zwischen den kalten Steinen, und auch der alte König war nicht mehr froh gewesen seit jenem Tage, als der polnische Prinz sie in die große Schande gebracht hatte, sondern sein Kopf war schneeweiß geworden vor Gram wie der Kopf einer Taube; aber vor den Leuten gebärdete er sich stolz und aufgerichtet und tat, als wenn seine Tochter tot und lange begraben wäre.

Sie aber saß von der Welt ungewußt in ihrem Elende und tröstete sich allein Gottes und dachte, daß er ihre Unschuld wohl einmal an den Tag bringen würde. Weil sie aber in ihren einsamen Trauerstunden Zeit genug hatte, hin und her zu denken, so fiel ihr die Sache ein von dem Königsschatze unter dem Garzer Walle, die sie in ihrer Kindheit oft gehört hatte, und sie gedachte damit ihre Unschuld, und daß der polnische Prinz sie unter einem falschen Schein schändlich belogen hatte, sonnenklar zu beweisen.

Und als darauf ihr Wächter kam und ihr die Speise durch das Loch reichte, sprach sie zu ihm: »Lieber Wächter, gehe zu dem Könige, meinem und deinem Herrn, und sage ihm, daß seine arme einzige Tochter ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen und zu sprechen wünscht in ihrem Leben und daß er ihr diese letzte Gunst nicht versagen mag.«

Und der Wächter sagte ja und lief und dachte bei sich: »Wenn der alte König ihre Bitte nur erhört!« Denn es jammerte ihn die arme Prinzessin unaussprechlich, und sie jammerte alle Menschen; denn sie war immer freundlich gewesen gegen jedermann, auch hatten die meisten von Anfang an geglaubt, daß sie fälschlich verklagt war und daß der polnische Prinz einen argen Lügenschein auf sie gebracht hatte; denn sie hatte sich immer aller Zucht und Jungfräulichkeit beflissen vor jedermann.

Und als ihr Wächter vor den König trat und ihm die Bitte der Prinzessin anbrachte, da war der alte Herr sehr zornig und schalt ihn und drohte ihm, ihn selbst in den Turm zu werfen, wenn er den Namen der Prinzessin vor ihm je wieder über seine Lippen laufen lasse. Und der erschrockene Wächter ging weg. Der König aber legte sich hin und schlief ein. Da soll er einen wunderbaren Traum gehabt haben, den kein Mensch zu deuten verstanden hat, und er ist früh erwacht und sehr unruhig gewesen und hat viel an seine Tochter denken müssen, bis er zuletzt befohlen hat, daß man sie aus dem Turm herauf brächte und vor ihn führte.

Als Svanvithe nun vor den König trat, war sie bleich und mager, auch waren ihre Kleider und Schuhe schon abgerissen, und sie stand fast nackt und barfuß da und sah einer Bettlertochter ähnlicher als einer Königstochter. Und der alte König ist bei ihrem Anblick blaß geworden vor Jammer wie der Kalk an der Wand, aber sonst hat er sich nichts merken lassen. Und Svanvithe hat sich vor ihm verneigt und also zu ihm gesprochen:

»Mein König und Herr! Ich erscheine nur als eine arme Sünderin vor dir, als eine, die an der göttlichen Gnade und an dem Lichte des Himmels kein Recht mehr haben soll. Also hast du mich von deinem Angesicht verstoßen und von allem Lebendigen weg gesperrt. Ich beteure aber vor dir und vor Gott, daß ich unschuldig leide und daß der polnische Prinz aus eitel Tücke und Arglist all den schlimmen Schein auf mich gebracht hat. Und nun hat Gott, der sich mein erbarmen will, mir einen Gedanken ins Herz gegeben, wodurch ich meine unbefleckte Jungfrauschaft beweisen und dich und mich und dein ganzes Reich zu Reichtum und Ehren bringen kann.

Du weißt, es geht die Sage, unter dem alten Schloßwalle zu Garz, wo unsere heidnischen Ahnen weiland gewohnt haben, liege ein reicher Schatz vergraben. Diese Sage, die mir in meiner Kindheit oft erzählt ist, meldet ferner, dieser Schatz könne nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von jenen alten Königen herstamme und noch eine reine Jungfrau sei: wenn nämlich diese den Mut habe, in der Johannisnacht zwischen zwölf und ein Uhr nackt und einsam diesen Wall zu ersteigen und darauf rückwärts so lange hin und her zu treten, bis es ihr gelinge, die Stelle zu treffen, wo die Tore und Treppen verschüttet sind, die zu der Schatzkammer hinabführen.

Sobald sie diese mit ihren Füßen berühre, werde es sich unter ihr öffnen, und sie werde sanft herunter sinken mitten in das Gold und könne sich von den Herrlichkeiten dann auslesen, was sie wolle, und bei Sonnenaufgang wieder heraus gehen. Was sie aber nicht tragen könne, werde der alte Geist, der den Schatz bewacht, nebst seinen Gehilfen nachtragen. Hierauf habe ich nun meine Hoffnung eines neuen Glückes gestellt, ob es mir etwa aufblühen wolle; laß mich denn, Herr König, mit Gott diese Probe machen. Ich bin ja doch einer Toten gleich, und ob ich hier begraben bin oder dort begraben werde, kann dir einerlei sein.«

Sie hatte die Gebärde, als wolle sie noch mehr sagen; aber bei diesen Worten stockte sie und konnte nicht mehr, sondern schluchzete und weinte bitterlich. Der König aber winkte dem Wächter leise zu, der sie hereingeführt hatte, und als bald kamen Frauen und Dienerinnen herbei und trugen sie hinaus von dem Könige weg in ein Seitengemach. Und nicht lange, so ward der Wächter wieder zu dem Könige gerufen, und er brachte ihr Speise und Trank, daß sie sich stärkte und erquickte, und zugleich die Botschaft, daß der König ihr die gebetene mitternächtliche Fahrt erlaube.

Bald trugen Dienerinnen ihr ein Bad herein nebst zierlichen Kleidern, daß sie sich bedecken konnte, denn sie war fast nackend. Und sie lebte nun wieder in Freuden, obgleich sie ganz einsam saß und gegen niemand den Mund auftat - auch den Dienern und Dienerinnen war das Sprechen zu ihr verboten, sie wußten auch nicht, wer sie war, noch wie sie in das Schloß gekommen, denn von denen, die sie kannten, ward niemand zu ihr gelassen denn allein der Wächter, der ihr immer die Speise gebracht hatte im Turme.

Und ihre Schönheit fing wieder an aufzublühen, wie blaß und elend sie auch aus dem Turm gekommen war; und alle, die sie sahen, entsetzten sich über ihre Huld und Lieblichkeit, und sie deuchte ihnen fast einem Engel gleich, der vom Himmel in das Schloß gekommen sei.

Und als vierzig Tage vergangen waren und der Tag vor Johannis da war, da ging sie zu dem König, ihrem Vater, ins Gemach und sagte ihm Lebewohl. Und der alte Herr neigte noch einmal  seinen weißen Kopf über sie und weinte sehr, und sie sank vor ihm hin und umfaßte seine Knie und weinte noch mehr. Und darauf ging sie hinaus und verkleidete sich so, daß niemand sie für eine Prinzessin gehalten hätte, und trat ihre Reise an.

Die Reise war aber nicht weit von Bergen nach Garz, und sie ging in der Tracht eines Reiterbuben einher. Und in der Nacht, als es vom Garzer Kirchturm zwölf geschlagen hatte, betrat sie einsam den Wall, tat ihre Kleider von sich, also daß sie da stand, wie Gott sie erschaffen hatte, und nahm eine Johannisrute in die Hand, womit sie hinter sich schlug.

Und so tappte sie stumm und rücklings fort, wie es geschehen mußte. Und nicht lange war sie geschritten, so tat sich die Erde unter ihren Füßen auf, und sie fiel sanft hinunter, und es war ihr, als würde sie in einem Traum hinab gewiegt; und sie fiel hinab in ein gar großes und schönes und von tausend Lichtern und Lampen erleuchtetes Gemach, dessen Wände von Marmor und diamantenen Spiegeln blitzten und dessen Boden ganz mit Gold und Silber und Edelsteinen beschüttet war, daß man kaum darauf gehen konnte.

Sie aber sank so weich auf einen Goldhaufen herab, daß es ihr gar nicht weh tat. Und sie besah sich alle die blitzende Herrlichkeit in dem weiten Saale, wo die Schätze und Kostbarkeiten ihrer Ahnherren von vielen Jahrhunderten gesammelt und aufgehängt waren; und da sah sie in der hintersten Ecke in einem goldenen Lehnstuhl das kleine graue Männchen sitzen, das ihr freundlich zunickte, als wolle es mit der Urenkelin sprechen.

Sie aber sprach kein Wort zu ihm, sondern winkte ihm nur leise mit der Hand. Und auf ihren Wink hob der Geist sich hinweg und verschwand, und statt seiner kam eine lange Schar prächtig gekleideter Diener und Dienerinnen, welche sich in stummer Ehrfurcht hinter sie stellten, als erwarteten sie, was die Herrin befehlen würde.

Svanvithe aber säumte nicht lange, bedenkend, wie kurz die Mittsommersnacht ist, und sie nahm die Fülle der Edelsteine und Diamanten und winkte den Dienern und Dienerinnen hinter ihr, daß sie ebenso täten; auch diese füllten Hände und Taschen und Zipfel und Geren der Kleider mit Gold und edlen Steinen und kostbaren Geschirren.

Und noch ein Wink, und die lange Reihe wandelte, und die Prinzessin schritt voran der Treppe zu, als wenn sie herausgehen wollte; jene aber folgten ihr. Und schon hatte sie viele Stufen vollendet und sah schon das dämmernde Morgenlicht und hörte schon den Lerchengesang und den Hahnenschrei, die den Tag verkündeten - da ward es ihr bange, ob die Diener und Dienerinnen ihr auch nach träten mit den Schätzen.

Und sie sah sich um, und was erblickte sie? Sie sah den kleinen grauen Mann sich plötzlich in einen großen schwarzen Hund verwandeln, der mit, feurigem Rachen und funkelnden Augen gegen sie hinauf sprang. Und sie entsetzte sich sehr und rief: »Oh Herr je!« Und als sie das Wort ausgeschrien hatte, da schlug die Tür über ihr mit lautem Knalle zu, und die Treppe versank, und die Diener und Dienerinnen verschwanden, und alle Lichter des Saales erloschen, und sie war wieder unten am Boden und konnte nicht heraus.

Der alte König aber, da sie nicht wiederkam, grämte sich sehr; denn er dachte, sie sei entweder umgekommen bei dem Hinabsteigen zu dem Schatze durch die Tücke der bösen Geister, die unter der Erde ihre Gewalt haben, oder sie habe sich der Sache überhaupt nicht unterstanden und laufe nun wie eine arme, verlassene Streunerin durch die Welt. Und er lebte nur noch wenige Wochen nach ihrem Verschwinden; dann starb er und ward begraben.

Der Prinzessin Svanvithe war dieses Unglück aber geschehen, weil sie sich umgesehen hatte, als sie weg gehen wollte, und weil sie gesprochen hatte. Denn über die Unterirdischen hat man keine Gewalt, wenn man sich umsieht oder spricht, sondern es gerät dann fast immer unglücklich, wovon man viele Beispiele und Geschichten weiß.

Und es waren viele Jahre vergangen, vielleicht hundert Jahre und mehr, und alle die Menschen waren gestorben und begraben, welche zu der Zeit des alten Königs und der schönen Svanvithe gelebt hatten, und schon ward hie und da von ihnen erzählt wie von einem alten, alten, längst verschollenen Märchen; da hörte man hin und wieder, die Prinzessin lebe noch und sitze unter dem Garzer Wall in der Schatzkammer und müsse nun mit dem alten, grauen Urgroßvater die Schätze hüten helfen.

Und kein Mensch weiß zu sagen, wie dies hier oben bekannt geworden ist. Vielleicht hat der kleine graue Mann, der zur Zeiten rundgeht, es einem verraten, oder es hat es auch einer der hellsichtigen Menschen gesehen, die an hohen Festtagen in besonderen Stunden geboren sind und die das Gras und das Gold in der Erde wachsen sehen und mit ihren Augen durch die dicksten Berge und Mauern dringen können.

Und es war viel erschollen von der Geschichte und von dem wundersamen Versinken der Prinzessin unter die Erde, und daß sie in der dunkeln Kammer sitze und noch lebe und einmal erlöst werden solle. Sie kann aber, sagen sie, erlöst werden, wenn einer es wagt, auf die selbe Weise, wie sie einst in der Johannisnacht getan hat, in die verbotene Schatzkammer hinabzufallen.

Dieser muß sich dann dreimal vor ihr verneigen, ihr einen Kuß geben, sie an die Hand fassen und sie still heraus führen; denn kein Wort darf er beileibe nicht sprechen. Wer sie herausbringt, der wird mit ihr in Herrlichkeit und in Freuden leben und so viele Schätze haben, daß er sich ein Königreich kaufen kann. Darin wird er dann fünfzig Jahre als König auf dem Throne sitzen und sie als seine Königin neben ihm, und werden gar liebliche Kinder zeugen; der kleine graue Spuk wird dann aber auf immer verschwinden, wann sie ihm die Schätze weg gehoben haben.

Nun hat es wohl so kühne und verwegene Prinzen und schöne Knaben gegeben, die mit der Johannisrute in der Hand zu ihr hinab gekommen sind; aber sie haben es immer in etwas versehen, und die Prinzessin ist noch nicht erlöst. Ja, wenn das ein so leichtes Ding wäre, wie viele würden Lust haben, eine so schöne Prinzessin zu freien und Könige zu werden!

Die Leute erzählen aber, der greuliche schwarze Hund ist an allem schuld; keiner hat es mit ihm aushalten können, sondern wenn sie ihn sehen, so müssen sie aufschreien, und dann schlägt die Türe zu, und die Treppe versinkt, und alles ist wieder vorbei.

So sitzt denn die arme Svanvithe da in aller ihrer Unschuld und muß da unten frieren und das kalte Gold hüten, und Gott weiß, wann sie erlöst werden wird. Sie sitzt da über Goldhaufen gebeugt; ihr langes Haar hängt ihr über die Schultern herab, und sie weint unaufhörlich. Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithüten müssen. Das sind die, denen die Erlösung nicht gelungen ist. Wem es aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen Schatz und befreit zugleich die anderen armen Gefangenen.

Sie sagen, der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein Schuhmachergesell, der Jochim Fritz hieß. Das war ein junges, schönes Blut und ging immer viel auf dem Wall spazieren. Der ist mit einem Male verschwunden, und keiner hat gewußt, wo er gestoben und geflogen war, und seine Eltern und Freunde haben ihn in der ganzen Welt suchen lassen, aber nicht gefunden! Er mag nun auch wohl da sitzen bei den anderen.

 

Sage von Ernst Moritz Arndt

 

KATER MARTINCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Halbinsel Wittow auf Rügen ist ein Dorf, das heißt Putgarten, nicht weit von dem berühmten Vorgebirge Arkona, wo der alte heidnische Götze Swantewit weiland seinen Tempel gehabt und sein wüstes Wesen getrieben hat.

In diesem Dorfe Putgarten lebte eine reiche Bäuerin, die hieß Trine Pipers. Sie war jung Witwe geworden und hatte keine Kinder, wollte auch nicht wieder freien, obgleich viele Freier um sie warben, denn sie war ein sehr schönes und frisches Weib. Das konnten die Leute nicht recht begreifen, zumal da sie sonst immer lustig und munter war und bei keinem Tanze und Gelage fehlte.

Denn das mußte man sagen, einen aufgeräumteren Menschen gab es nicht als diese Bäuerin, und kein Haus hatte so viel Lustigkeit als das ihrige. Alle hohen Feste hatte es Tanz und Spiel bei ihr; die Fasten wurden von Anfang bis zu Ende durchgehalten und mit Schmäusen, Spielen und Tänzen gefeiert, Pfingsten und am Johannistage ward unter grünen Lauben getanzt, und am Martinstage setzte keine Bäuerin so viele gebratene Gänse auf, und wenn sie ihr Korn eingebracht, wenn sie Ochsen oder Schweine geschlachtet oder Wurst gemacht hatte, mußte die ganze Nachbarschaft sich mit freuen und mit ihr schmausen.

Kurz, diese Bäuerin lebte so prächtig, daß kaum eine Edelmannsfrau besser leben konnte. In ihrem Hause war alles nett und tüchtig und fast über das Vermögen einer Bäuerin zierlich. Ebenso lustig und tüchtig sah es auf ihrem Hofe und in ihren Ställen aus. Ihre Pferde glänzten immer wie die Aale, und man hätte sie Sommer und Winter als Spiegel gebrauchen können; ihre Kühe waren die schönsten und gedeihlichsten im ganzen Dorfe und hatten immer volle Euter; ihre Hühner legten zweimal des Tages, und von ihren Gänseeiern war nie eines schier, sondern jedes gab ein Junges. Weil ihr Haus lustig und sie freigebig war, so hatte sie auch immer die schönsten und flinksten Knechte und Dirnen auf ganz Wittow.

So lebte Trine manches Jahr, und kein Mensch konnte begreifen, wie sie als Bäuerin das Leben so halten und durchsetzen konnte, und viele hatten schon gesagt: »Nun, die wird auch bald vor den Türen herumschleichen und schnurren gehen.« Aber sie focht und schnurrte nicht herum, sondern blieb die reiche und lustige Trine Pipers nach wie vor.

Andere, die dies lustige Leben so mit ansahen, meinten, es gehe nicht mit natürlichen Dingen zu; sie habe Umgang und Gemeinschaft mit bösen Geistern, und die bringen es ihr alles ins Haus und geben ihrem Vieh und ihren Früchten so wunderbaren Segen und Gedeihen - als wenn Gott nicht der beste und einzige Segenbringer und Segensprecher wäre.

Viele wollten bei nächtlicher Weile einen Drachen gesehen haben, der wie ein langer feuriger Schwanz auf ihr Haus herab geschossen sei; das sei ihr heimlicher Buhler, der hänge ihr den Wiem voll Schinken und Mettwürste, fülle ihr die Kisten und Kasten mit Silber und Gold und stehe mit am Butterfasse und helfe buttern und gehe mit in den Stall und helfe melken.

Andere, noch boshafter, sagten, sie selbst sei eine Hexe und könne sich unsichtbar machen: so schleiche sie den Nachbarn in die Häuser, stehle aus Keller und Speisekammer, nehme den Hühnern die Eier aus den Nestern, melke die Kühe und rupfe den Schafen die Wolle und den Gänsen die Dunen aus. Darum sei sie so glatt und glau und könne so viele Wohlleben ausrichten und ein Leben führen, als wenn es alle Tage Sonntag wäre.

Das bemerkten einige Nachbarsleute noch und schüttelten die Köpfe dabei, daß Trine eine leidige Freundlichkeit habe, womit sie wohl hexen könne, und daß sie Kindern nie in die Augen sehe, wie viel sie auch sonst mit ihnen schmeichle und kose; denn sie habe als Hexe kein Kind in ihren Augen, und es tue ihr sehr wehe, wenn sie den unschuldigen Kindern, die noch nichts verbrochen haben, in ihre reinen Augen schauen müsse.

So lief allerlei Geschwätz unter den Leuten rund, und sie flüsterten und munkelten viel über Trine Pipers; aber sie konnten ihr doch nichts anhaben und beweisen. Sie tat all ihr Werk tüchtig vor den Leuten, war redlich in Handel und Wandel, ging fleißig zur Kirche und gab Priester und Küster willig und freundlich das Ihrige und hatte immer eine offene Tasche und einen offenen Brotkorb für die Armen, wenn sie an ihre Türe kamen. Auch gingen die, welche ihr die Ehre so hinter ihrem Rücken zerwuschen, recht gern zu ihren Festen und Tänzen und schmeichelten und heuchelten ihr.

Trine Pipers hatte auf diese Weise wohl zwanzig Jahre ihre Wirtschaft geführt, und alles war ihr immer nach Wunsch geraten. Da bekam sie einen bunten Kater ins Haus, und bald ging im Dorfe und in der Nachbarschaft das Gerede: der sei es, das sei der Gewaltige, nun sei es endlich zum Vorschein gekommen, und auch ein Kind könne es sehen, der trage ihr all das Glück zu. Denn leider sind die meisten Menschen so, daß sie meinen, es müsse mit einem Menschen was Heimliches oder Ungeheures sein, wenn er die Narrenkappe des Lebens nicht gerade so trägt wie sie, und wenn er die Schellen daran nicht ebenso klingen läßt.

Ein bunter Kater ward in Trines Hause gesehen, und kein Mensch wußte, wo der Kater hergekommen war. Trine lächelte und machte einen Scherz, wenn man sie fragte, und sagte es nicht. Einigen hatte sie wohl gesagt, sie habe einen Bruder, der sei Schiffer in Stockholm, der habe ihr den schönen Kater einmal aus Lissabon mitgebracht; aber das glaubten sie nicht. Der Kater war groß, bunt und schön, grau mit gelben Streifen über dem Rücken und hatte einen weißen Fleck am linken Vorderfuß.

Da schrien die alten Weiber: »Da sehen wir's ja, da haben wir's! Einen dreifarbigen Kater? Wer hat in seinem Leben gesehen oder gehört, daß es Kater mit drei Farben gibt?« Trine liebte den Kater sehr und saß manche Stunde mit ihm allein und spielte mit ihm, der mit wohlgefälligem Brummen seinen Kopf an ihr streichelte und gegen alles, war ihr zu nah kam, ausprustete und aufpfuchsete: die arme Trine ward älter, die arme Trine hatte keine Kinder, sie mußte was zu spielen haben.

So saß sie nun manche Stunde, wo sie sich sonst draußen in ihrer Wirtschaft tummelte, still in der Stube und spielte mit ihrem Martinchen; denn so rief sie den Kater. Martinchen und Mieskater Martinchen klang es in der Stube, Martinchen klang es auf der Flur, Martinchen auf der Treppe und auf dem Boden. Keinen Tritt und Schritt tat sie, Martinchen war immer dabei, und von dem Vorratsboden und aus der Speisekammer brachte er immer seine Bescherung mit im Munde.

Kurz, der bunte Kater Martinchen aus Lissabon war ihre Puppe und ihr Spielzeug; er stand mit ihr auf und ging mit ihr zu Bette, ja sie ging nicht in die Nachbarschaft, daß sie ihr Martinchen nicht unterm Arm trug; Martinchen leckte von ihrem Teller und lappte aus ihrem Napf, er war der Liebling, er durfte alles, keiner durfte ihm was tun: Hunde wurden herausgejagt, die ihn beißen wollten, ein Knecht ward verabschiedet, weil er ihn Murrkater und Brummkater, Speckfresser und Mausedieb genannt hatte.

Dies gab Geschichten und Lügen und Märchen im ganzen Dorfe, bald im ganzen Kirchspiele, dann im ganzen Ländchen: Trine hieß eine Hexe, die einen wundersamen Kater habe, mit dem es nicht richtig sei, und vor dem man sich hüten müsse.

Das sei ein Kater, einen solchen zweiten werde man in der ganzen Welt umsonst suchen; den ganzen Tag tue er nichts als fressen und sich hinstrecken und sonnen oder auf Trines Knien herumwälzen, des Nachts liege er auf ihrem Bette bis an den lichten Morgen, und doch finde der Knecht, wenn er morgens frühe zur ersten Fütterung in den Pferdestall gehe, immer zwei große Haufen toter Ratten und Mäuse vor der Haustüre aufgetürmt. Was möge das wohl für ein Kater sein, der für diesen feisten und glatten Faulenzer die Arbeit tue?

Dies Gerede und Gemunkel hatte sich freilich erst draußen herumgetrieben; dann kam es auch in Trinens Haus und zu Trinens Leuten, und ihnen fing an, bei ihr ungeheuer zu werden. Wenn sie mit schmeichelnder Stimme Mieskaterchen! Mies - Mieskaterchen! Martinchen! Misichen - Martinchen! rief und den knurrenden und spinnenden Kater auf den Schoß nahm und ihm den Rücken streichelte, und er sich dann vor Vergnügen krümmte und an ihr strich und brummte, und ihm die grünen, umnebelten Augen im Kopfe funkelten, dann guckten die Leute die beiden Spieler mit großen Augen an und wären um alles in der Welt mit ihnen nicht lange in der Stube geblieben.

Trine hatte sonst immer die tüchtigsten und schönsten Leute gehabt, aber die konnten es jetzt in ihrem Hause nicht aushalten; sie zogen weg, und sie konnte zuletzt nichts als Hack und Mack in ihren Dienst bekommen, und auch die blieben nicht lange, und fast jeden Monat hatte sie frische Leute.

Alle Welt glaubte nun einmal, Trine sei eine Hexe, und keiner wollte mit ihr zu tun haben. Auch war es mit der alten Gastlichkeit und Fröhlichkeit des Hauses vorbei und mit den Schmäusen und Tänzen, denn keiner wollte kommen; und Trine mußte mit ihrem Mieskater Martinchen einsam sitzen und ihre Bratgänse und Würste allein verzehren.

Aber ach, du arme Trine Pipers, die du sonst so froh und fröhlich gewesen warst und alle gern erfreut hattest, wie ging es dir auf deinen alten Tagen? Nicht allein keine Gesellen und Gesellinnen und Nachbarn und Nachbarinnen kamen mehr, sich des Segens zu freuen, den Gott dir gegeben hatte, und sich mit dir zu erlustigen, sondern in wenigen Jahren verging auch das, wovon du dich hättest erlustigen können.

Die Leute kopfschüttelten und flüsterten zwar, der Kater sei es, der sei bisher der unsichtbare Bringer und Zuträger gewesen und habe Scheunen, Kornböden, Keller, Speisekammern, Milcheimer und Butterfässer und Geldkatzen und Sparbüchsen gefüllt; aber nun war ja dieser Wundertäter und Hexenmeister da, warum ging es denn nicht noch gedeihlicher als vorher? Warum ging vielmehr Trinens Wirtschaft von Tage zu Tage mehr zurück?

Die arme Trine hatte Knechte und Mägde, wie sie kaum ein Bettlerkrug willig beherbergt hätte, recht was man Krücken und Ofenstecken nennt; ihre sonst so glatten Pferde magerten ab und verreckten an Rotz und Wurm; ihre Schweine und Kühe hatten Läuse und gaben keine Milch mehr; ihre Schafe und Gänse wurden Drehköpfe, als hätten sie geheime Wissenschaft studiert; ihre Hühner und Enten legten keine Eier und brüteten nicht mehr; ihr Feld trug Disteln und Dornen für Korn und Weizen.

Kurz, Trine geriet in zwei Jahren in die bitterste Armut: Pferde waren weg, Kühe waren weg, Schweine ausgestorben, Schafe geschlachtet, Tauben und Hühner vom Marder aufgefressen, der Hund an der Kette verhungert - kein Hahn krähte mehr auf ihrer Haustüre, kein Bettler seufzte mehr sein Gebet davor.

Und Trine saß allein und verlassen mit gelben, gefurchten und gerunzelten Wangen und von Tränen und Jammer triefenden Augen und schneeweißen Haaren in der frierenden Ecke ihres leeren Zimmers und hielt ihren mageren und in der Asche verbrannten Kater auf dem Schoße und weinte jämmerlich über den kargen Brocken, die man ihr von fern zuwarf; denn keiner mochte ihr gern nah kommen.

So hat man sie eines Morgens gefunden tot auf dem Boden ihres Stübchens hingestreckt und ihren treuen Mieskater Martinchen tot auf ihr liegend. Die Leute haben mit Grauen davon erzählt. Und die sonst so reiche Trine, die der Kirche und Geistlichkeit immer so gern gab, als sie noch was zu geben hatte, ist begraben, wie man Bettler begräbt, ohne Sang und Klang, ohne Glocken und Gefolge; kein Nachbar hat sie zum Kirchhof begleiten wollen, kein Verwandter ist ihrer Leiche gefolgt, sie hatte ihnen ja nichts nachgelassen.

O kalte Welt, wie kalt wirst du denen im Alter, die dann nichts haben, womit sie sich die Füße zudecken können, und ach, auch die irdischen Mängel, die man mit schärferen Augen an den Alten betrachtet!

Als Trine nun tot war, erzählen die Leute, ist sie immer als Hexe umgegangen und geht bis diesen Tag als Hexe um in der Gestalt einer alten, grauen Katze, die man daran kennt, daß sie Augen hat, die wie brennende Kohlen leuchten, und daß sie ganz entsetzlich laut sprühet und prustet, wenn man sie jagt.

Sie wird noch alle Mitternächte auf der Stelle gesehen, wo ehedem Trinens Haus war, und heult dort erbärmlich; im Winter aber, wann in den Scheunen und auf den Dächern die wütigen Katzenhochzeiten sind, ist sie immer voran auf der höllischen Jagd und führt das ganze Getümmel und miaulet und winselt auf das allerscheußlichste. Diese Stimme verstehen die Leute in Putgarten so wohl, daß alt und jung gleich rufet: »Hört! Da ist wieder die alte Trine!«

So ist es Trine Pipers gegangen, und so geht es vielen Menschen bis diesen Tag. Sie ist eine arme, elendige Bettlerfrau geworden und hat ihren christlichen, guten Namen verloren, weil sie den bunten Kater Martinchen lieber gehabt hat als Menschen. Denn wenn sie auch keine Hexe gewesen ist, so haben die Nachbarn und Nachbarinnen es doch geglaubt, weil sie sich in ihrer unnatürlichen und häßlichen Liebe zu der unverständigen Kreatur so in des Katers Gemüt und Gebärden hineingestohlen und hineinvertieft hatte, daß sie Menschen nicht mehr so suchte und liebte wie sonst.

Sie mag zuletzt auch mit Katzenfreundlichkeit geblinzelt und mit Katzenaugen geschielt und mit allerlei Katzenmännchen sich gekrümmt und gewunden haben, so daß kein Mensch und kein Vieh und also auch kein Glück es länger bei ihr hat aushalten können und sie zuletzt mit ihrem Mieskater Martinchen ganz allein geblieben und so im größten Elende umgekommen ist.

 

Sage von Ernst Moritz Arndt

DER GIFTPILZ ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es hatte mal geregnet und dann hatte es aufgehört; und als es aufgehört hatte, da saß was auf dem grünen Moosboden im Walde - klein und dick und unangenehm - und das war ein Giftpilz. Giftpilze kommen immer so etwas unvermittelt ans Tageslicht; sie sind eben da, und wenn sie da sind, gehen sie nicht mehr weg, ganz gewiss nicht. Sie sitzen im Moos und sehen furchtbar geärgert und giftig aus. Es sind eben Giftpilze!

Der Giftpilz saß auch so da und ärgerte sich und hatte einen roten Hut mit weißen Tupfen und mit einem ganz schrecklich breiten Rande. Was unter dem Rand war, war eigentlich nichts - und das war zu vermieten.

Zuerst zog eine Mausefamilie darunter ein: eine graue Mama und sehr viele kleine schlüpfrige Mausekinder. Wie viele es waren, wusste der Giftpilz nicht. Sie waren stets so lebendig und beweglich, dass er immer eins statt zweien zählte oder zwei statt einem. Aber es waren sehr viele. Und wenn die Mausemutter, wie meistens, nicht zu Hause war und Futter suchte, dann spielten die Kleinen Fangen und sausten auf ihren weichen Pfötchen wie toll um den Giftpilz herum, und das sah eisig niedlich aus.

Aber der Giftpilz ärgerte sich furchtbar darüber, er stand da und ärgerte sich den ganzen Tag und sogar Nachts, wenn die Mausefamilie schlafen ging. Er wurde immer giftiger und schließlich, als er mal ganz giftig wurde und es vor lauter Gift nicht mehr aushalten konnte, da sagte er zur Mausemama: "Ich kündige Ihnen! Sie haben Kinder! Das ist ekelhaft! Sie müssen ausziehen!"

Die Mausemama weinte und barmte und die Kleinen fiepten und rangen die Pfoten, aber der Giftpilz war unerbittlich. Und so zog die arme Mausegesellschaft traurig von dannen, sich eine neue Wohnung zu suchen, der Giftpilz aber nahm sich's ganz giftig vor, nie und nie wieder an eine Familie zu vermieten, höchstens an einen einzelnen Herrn.

Es dauerte auch gar nicht lange, da kam ein junger, alleinstehender Frosch und zog beim Giftpilz ein. Zuerst war er sehr angenehm und still, er schlief nämlich bis zum Abend. Als aber der Mond schien, wachte er auf und ging zum nahen Teich in den Gesangsverein. Das war ja soweit alles ganz gut, aber es wurde spät und später und der Frosch kam nicht wieder. Endlich, gegen Morgen, erschien er, mit grässlich großen Augen und sang sehr laut und tat dabei den Mund so weit auf, dass man bequem einen Tannenzapfen hineinwerfen konnte. Er sang das Leiblied des Gesangvereins:

Immer feucht und immer grün, vom Geschlecht der Quappen,
hupfen wir durchs Leben hin - Füße wie die Lappen!

"Brüllen Sie nicht so!" ,keifte der Giftpilz. "Das ist Ruhestörung ,und zwar nächtliche. Haben Sie gar keine Moral?" - "Füße wie die Lappen!", sang der Frosch noch einmal und dann legte er sich höchst fidel und ungeniert unter den giftigen Giftpilz, schlug die feuchten Beine übereinander dass es klatschte und schlief ein.

Der Giftpilz ärgerte sich furchtbar, er ärgerte sich die ganze Nacht und den ganzen Tag, und als es Abend wurde und der Frosch aufstand, um in den Gesangsverein zu gehen, da wurde ihm gekündigt. "Ich kündige Ihnen! ,sagte der Giftpilz. "Sie gehen in den Gesangsverein! Das ist ekelhaft. Sie müssen ziehen!"

Der Frosch machte Vorstellungen, der Gesangsverein sei durchaus einwandfrei - lauter feine, feuchte Leute - aber es half nichts, der Giftpilz blieb dabei. Da wurde der Frosch böse: "Sie sind ein ekelhafter Kerl!" ,sagte er. "Glauben Sie vielleicht, dass Ihr lächerlicher Hut mit seinen weißen Tupfen die einzige Wohnung ist? Ich miete mir ein Klettenblatt, das ich persönlich kenne, Sie albernes Geschöpf!"

Damit drehte er sich um und ging, die Hände auf dem Rücken, in den Gesangverein. Und nachts schlief er schon unterm Klettenblatt, das er persönlich kannte. Der Giftpilz aber nahm sich vor, von nun ab an niemand mehr zu vermieten.

Eine Weile blieb's auch still, auf einmal aber saß was unter ihm und das war ein Sonnenscheinchen. Ein Sonnenscheinchen ist ein verirrter Sonnenstrahl, der eigentlich in den Himmel gehört, aber auf der Erde geblieben ist - und da ist ein süßes kleines Mädel draus geworden mit goldnen Haaren und Augen, wie lauter Sonnenschein.

Als nun der Giftpilz das Sonnenscheinchen sah, war er sehr unangenehm berührt und sagte giftig: "Ich vermiete nicht mehr!" Das Sonnenscheinchen lachte. "Ich vermiete nicht!" ,schrie der Giftpilz noch einmal. "Machen Sie, dass Sie hinauskommen!"

Das Sonnenscheinchen lachte wieder und streckte sich ganz behaglich unterm Giftpilz aus, so dass ihr Haar in tausend goldnen Fäden übers dunkle Moos husche. Der Giftpilz war eine Zeitlang sprachlos, dann aber raffte er sich auf, nahm all sein Gift zusammen und sagte: "Ich kündige Ihnen! Das ist ekelhaft. Sie müssen ziehen!"

Das Sonnenscheinchen blieb aber sitzen und lachte so sonnenhell und vergnügt, dass der Giftpilz ordentlich zitterte vor Wut. Aber es war nichts zu machen und es ging auch so weiter: der Giftpilz kündigte und schimpfte und das Sonnenscheinchen lachte und blieb.

Endlich, eines Nachts, war der Giftpilz so giftig geworden, dass ihm's selbst unheimlich wurde vor lauter Gift. Und da hat er sich mit einem Ruck auf seine kleinen Füße gestellt und ist vorsichtig und ängstlich weg gewackelt. Das Sonnenscheinchen aber lachte hinter ihm her und streckte behaglich seine feinen Gliederchen, dass ihr Haar in tausend goldnen Fäden übers dunkle Moos huschte.

Der Giftpilz wackelte weiter, halbtot vor Wut - und als er um die Ecke bog, sah er die Mausefamilie in ihrem neuen Heim und es waren schon wieder Junge angekommen! Und die ganze Gesellschaft piepste ihm schadenfroh nach.

Und als er um die nächste Ecke bog, da wanderte der alleinstehende Frosch übern Wiesenhang; er kam vom Gesangverein und ging zum Klettenblatt, das er persönlich kannte. Dazu sang er ganz laut und voller Heiterkeit:

Immer feucht und immer grün, vom Geschlecht der Quappen,
hupfen wir durchs Leben hin - Füße, wie die Lappen!

Da ist der giftige Giftpilz ganz weit fort gegangen und ist niemals wiedergekommen. Und wenn heute noch so viele davon im Walde stehen, so kommt das daher, dass es so sehr viele Giftpilze in der Welt gibt und sehr, sehr wenig Sonnenscheinchen.

 

Manfred Kyber

MAIMÄRCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Maikäfer, der war wie alle Maikäfer im Mai auf die Welt gekommen - und die Sonne hatte dazu geschienen, so hell und so goldlicht, wie sie nur einmal im Jahre scheint, wenn die Maikäfer auf die Welt kommen. Dem Maikäfer aber war's einerlei. "Das Sonnengold kann man nicht fressen" ,sagte er sich, "also was geht's mich an." Dann zählte er seine Beine, erst links und dann rechts und addierte sie zusammen.

Das schien ihn befriedigt zu haben, und nun überlegte er, ob er einen Versuch machen solle, sich fortzubewegen, oder ob das zu anstrengend wäre. Er dachte drei Stunden darüber nach, dann zählte er noch einmal seine Beine und fing an, sich langsam vorwärts zu schieben, möglichst langsam natürlich, um sich nicht zu überanstrengen. Bequemlichkeit war ihm die Hauptsache!

Da stieß er plötzlich an was Weiches, an etwas, was so weich war, dass er sich's unbedingt ansehen musste. Es lag im Grase und sah aus wie eine schwarze Samtweste, hatte vier kleine Schaufeln und keine Augen. Den Maikäfer, der noch keinen Maulwurf gesehen hatte, interessierte das fabelhaft, er überzählte noch schnell einmal seine Beine und dann ging es mit wütendem Eifer mitten in die schwarze Samtweste hinein.

Der Maulwurf fuhr empört auf. "Sind Sie verrückt?" ,schrie er den Maikäfer an. "So eine Rücksichtslosigkeit!" Der Maikäfer lachte. Es war zu komisch, wie sich die Samtweste aufregte.
"Wissen Sie" ,sagte er vorlaut, "wenn man aus nichts weiter besteht, als aus einer Samtweste und vier kleinen Schaufeln und auch keine Augen hat, soll man lieber ruhig sein." -

"Reden Sie nicht so blödes Zeug" ,kreischte der Maulwurf, atemlos vor Wut. "Sie sind ein ganz verrohtes Subjekt!" Und damit kroch er in die Erde, der Maikäfer aber setzte angenehm angeregt und erheitert seinen Weg fort. Schließlich, als es Abend wurde, kam er an einen Teich, da saß ein großer alter Frosch auf einem Stein, ganz grün und ganz feucht, der las beim Mondlicht die Zeitung, das "Allgemeine Sumpfblatt".

Den frechen Maikäfer reizte der breite Rücken des vertieften Lesers und er kitzelte ihn ganz leise und boshaft mit den Fühlhörnern. Der Frosch fuhr mit seinen langen Fingern herum und kratzte sich, ohne von der Zeitung aufzusehen, denn das "Allgemeine Sumpfblatt" ist sehr lehrreich und sehr schön geschrieben - und dabei lässt man sich nicht gerne stören.

Aber der Maikäfer kitzelte beharrlich weiter, bis der Frosch sich schließlich geärgert umdrehte und den Störenfried vorwurfsvoll betrachtete. Da er aber alle Tage das "Allgemeine Sumpfblatt" las und also sehr gebildet war, so erkannte er in dem respektlosen Wesen sofort einen Maikäfer.
"Heut ist der erste Mai" ,sagte er ruhig, "es steht in der Zeitung, da kommen diese merkwürdigen Geschöpfe. Dagegen lässt sich nichts machen."

Und dann las er weiter und kratzte sich geduldig, wenn ihn der Käfer kitzelte. Der arme Frosch hätte sich noch lange kratzen müssen, wenn der Maikäfer nicht plötzlich was gehört hätte, was ihm noch übers Kitzeln ging; es klang, als ob es mit vielen feinen Stimmchen singt, und das war ein Elfenreigen: viele kleine Elfchen in weißen Hemdchen und mit goldnen Krönlein im goldnen Haar hatten sich bei den Händen gefasst und schlangen den Ringelreihen und sangen dazu.

Der Frosch sah gar nicht hin, das stand ja alles im "Allgemeinen Sumpfblatt" unter "Lokales", aber der Maikäfer kannte so was nicht und kroch, so schnell er konnte, um sich das Seltsame zu betrachten, was so seltsam mit vielen feinen Stimmchen sang. Die Elfen flohen entsetzt auseinander, nur eine blieb stehen und sah sich den komischen Gesellen an.

"Du hast ja sechs Beine!" ,rief sie, "Du bist gewiss ein verwunschener Prinz - und ich warte schon so lange auf einen, um ihm mein Krönlein zu schenken." Der Maikäfer sah auf seine sechs Beine, bewegte verlegen die Fühlhörner und sagte nichts. "Es ist ganz gewiss ein verwunschener Prinz" ,dachte das Elfchen, "er hat doch sechs Beine und sagt nichts!"

Und dann fragte es ihn: "Willst du mich heiraten?" Der Maikäfer verstand nur, dass er gefragt wurde, ob er was wolle, und da sagte er: "Fressen will ich" ,und legte sich auf den Rücken. "Er muss sehr stark verwunschen sein!" ,dachte das Elfchen und gab ihm zu essen, lauter schöne Sachen, wie man sie nur im Elfenreich hat.

Als er satt war, setzte sich das Elfchen neben ihn und beschloss, geduldig zu warten, bis sich der verwunschene Prinz entpuppt. Und als die Glockenblumen Mitternacht läuteten, da dachte das Elfchen, jetzt müsste es sein, und wollte ihm sein Krönlein schenken. Aber der Maikäfer hörte weder die blauen Glockenblumen noch sah er das goldene Krönlein, er lag auf dem Rücken und schlief.

Das war so schrecklich langweilig - und so ging es alle Tage und Nächte weiter, er fraß grässlich viel; und wenn die Glockenblumen läuteten, schlief er ein. Und das arme Elfchen wartete und wartete.

Da, eines Nachts, geschah etwas Wunderbares: Der Maikäfer rührte sich, streckte seine sechs Beine, bewegte die Fühlhörner und bekam plötzlich Flügel. "Jetzt entpuppt sich der verwunschene Prinz", dachte das Elfchen und freute sich furchtbar. Und grad wie es sich so furchtbar freute - flog der Maikäfer davon und zerbrach noch dabei mit seinen plumpen Beinen das goldene Krönlein, dass es in tausend Scherben ging. Die Elfenkrönlein sind ja so zerbrechlich!

Da saß nun das arme Elfchen und hatte keinen verwunschenen Prinzen bekommen und hatte auch kein Krönlein mehr, es ihm zu schenken. Und so stützte es das Gesichtchen in die Hände und weinte bitterlich. Das klang so traurig, dass der Frosch vom "Allgemeinen Sumpfblatt" aufsah und sich das Elfchen mitleidig betrachtete.

"Ja, ja" ,sagte er seufzend, "heute ist der letzte Mai, es steht in der Zeitung, da gehen diese merkwürdigen Geschöpfe wieder. Dagegen lässt sich nichts machen." Und dann schlug er nachdenklich eine Seite um - das Umblättern ist für einen Frosch sehr leicht, weil er so feuchte Finger hat - und las weiter.

Auch der Maulwurf kam aus der Erde heraus und sagte: "Es war ein ganz verrohtes Subjekt!" In Wirklichkeit aber war der Maikäfer weder ein verrohtes Subjekt, noch ein verwunschener Prinz, sondern eben nur ein ganz gewöhnlicher Maikäfer. Und von dem soll ein Elfenkind keine Märchen erwarten und soll ihm sein Krönlein nicht schenken.

Und was aus dem Elfchen wurde? Das hat der liebe Gott in den Himmel geholt und hat ein Englein draus gemacht mit zwei kleinen Flügeln und hat ihm einen Heiligenschein für das zerbrochene Krönlein gegeben.

 

Manfed Kyber

RATZEPETZ ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine kleine Elfe, die tanzte mit ihren Elfenschwestern am Wiesenrain, wo der Holderbaum (Holunderbeerenstrauch) steht, in den die Liebenden ihre Herzen und die Zweige ihre Runenzeichen schneiden. Die Elfen tanzen gerne am Holderbaum, aber es ist bar nicht so ungefährlich da zu tanzen, denn schon manche Elfe hat dabei ihren Schleier verloren.

Der Mond schien dazu und auch die Irrlichter leuchteten, obwohl das gar nicht nötig war, denn wenn der Mond scheint, ist es für einen Elfentanz gerade hell genug. Aber die Irrlichter leuchteten trotzdem mit, sie taten das teils aus Höflichkeit, teils aus Neugier - und dann leuchten sie überhaupt gerne, wenn die Elfen tanzen, obwohl das gar nicht ungefährlich ist. Denn dabei hat schon manche Elfe ihren Schleier verloren.

Als nun der Elfenreigen zu Ende war und die Elfenschwestern ihre Schleier aufnahmen, um nach Hause zu gehen, da sah die kleine Elfe, dass sie ihren Schleier verloren hatte und nun nicht mehr mit den Schwestern gehen konnte. Sie suchte und suchte, aber sie fand ihn nicht mehr. Es war auch dunkel geworden, denn der Mond, der offenbar erkältet war, hielt sich eine Wolke vors Gesicht und nieste und die Irrlichter hatten sich in den Sumpf empfohlen, wo sie eigentlich ja auch zu Hause sind.

Die Schwestern der kleinen Elfe hatten alle noch ihren Schleier. Die brauchten bloß einmal mit den feinen Füßen aufs Gras zu stampfen und die Schleierformel zu sprechen - dann tat der Hügel sich auf und nahm sie in seinen Schoß, als wären sie niemals da gewesen. Nun waren die Elfenschwestern verschwunden und die kleine Elfe war ganz allein im Dunkeln und sie weinte und fürchtete sich. Es ist auch sehr, sehr traurig für eine Elfe, ihren Schleier zu verlieren. Es gilt als eine Schande, sie kann auch nie mehr nach dem Elfenreich zurück und das ist äußerst bedauerlich, wie ein jeder weiß, der einmal im Elfenreich war.

Wie die kleine Elfe nun so da saß und weinte, kam ein Glühwürmchen angekrochen, das von sehr mitleidigem Gemüt war. "Liebe Elfe" ,sagte er, "darf ich Ihnen behilflich sein? Der Mond scheint nicht mehr, aber ich kann ihn vielleicht ersetzen. Sie müssen mich ins Haar nehmen, dann werden Sie Ihren Weg schon finden. Ich bin zwar nicht ganz so hell wie der Mond, aber sehr ähnlich."

Die kleine Elfe dankte, setzte sich das Glühwürmchen ins Haar und ging ihren Schleier zu suchen. Aber ob sie auch rechts oder links ging und überallhin spähte, es war weit und breit nichts zu sehen und auch niemand, der ihr hätte Auskunft oder Rat geben können. Endlich traf sie eine alte dicke Kröte, die am Wegrande saß und wollene Strümpfe strickte. Die Kröte war gar nicht schön, wenigstens nicht nach den Begriffen der Elfen, aber wenn sie lächelte, hatte sie etwas ganz Angenehmes, und so beschloss die kleine Elfe, die alte Kröte um Rat zu fragen.

"Ach bitte" ,sagte die kleine Elfe" , "Sie kennen sich doch hier sicher gut aus. Haben Sie nicht vielleicht meinen Schleier gesehen? Ich habe ihn beim Tanz unter dem Holderbaum verloren."
"Beim Tanz unter dem Holderbaum haben schon viele Elfen ihre Schleier verloren" ,sagte die Kröte und lächelte - aber, wie gesagt, sie lächelte durchaus angenehm. "Leider bin ich da gar nicht sachverständig. Ich bin eine Kröte und stricke mir wollene Strümpfe, weil ich rheumatisch bin. Wollene Strümpfe aber sind kein Elfenschleier, liebes Kind." -

"Das meinte ich auch nicht" ,sagte die kleine Elfe. "Ich wollte auch nicht um Ihre wollenen Strümpfe bitten für meinen Elfenschleier, aber ich dachte, Sie könnten mir vielleicht einen Rat geben, denn wenn man schon rheumatisch ist und sich wollene Strümpfe strickt, so muss man doch sicher viel Lebenserfahrung haben."

"Der Rheumatismus allein macht es nicht" ,sagte die Kröte und lächelte wieder - aber, wie gesagt, durchaus angenehm. Dabei kratzte sie sich mit der Stricknadel die Warzen auf dem Rücken. "Aber das ist schon wahr, das habe ich oft gesehen: Es hat schon manche Elfe ihren Schleier verloren und wenn sie ihn nicht wiederfand, so ist sie aus dem Märchenland in den Sumpf gegangen, wo immer Alltag ist, und hat Rheumatismus und wollene Strümpfe bekommen." -

"Ich will aber nicht in den Sumpf" ,sagte die kleine Elfe weinerlich, "ich bin ein Märchenkind und will im Märchenlande bleiben." Sie erhob bittend die Hände zum Strickstrumpf der rheumatischen Kröte und das Glühwürmchen in ihrem Haar leuchtete geradezu überzeugend. Man konnte gar nicht anders, als der selben Meinung zu sein, man wurde einfach sozusagen überleuchtet.

Die Kröte zählte die Maschen an ihrem Strickstrumpf und überlegte. "Ich will Ihnen was sagen, liebes Kind" ,meinte sie endlich. "Hier kann Ihnen nur einer helfen und das ist der weise Kater Ratzepetz. So weise ist keiner im ganzen Märchenland." -

"Aber wo wohnt der Kater Ratzepetz?" ,fragte die kleine Elfe.

Der Kater Ratzepetz wohnt im Häuschen an der goldenen Brücke, auf der man ins Sonnenland geht, zusammen mit einem menschenähnlichen Wesen, das ihn sozusagen bedient. Sagen Sie ihm meine schlüpfrigsten Empfehlungen und ich würde ihm zu Weihnachten wollene Strümpfe stricken."

Da bedankte sich die kleine Elfe tausendmal und die Kröte lächelte ihr angenehmstes Lächeln. Das Glühwürmchen aber empfahl sich mit vielen Segenswünschen, es war erschöpft und nun auch nicht mehr nötig. Denn wenn es auch ruhig mit dem Monde wetteifern konnte - die Brücke ins Sonnenland, an welcher der Kater Ratzepetz lebte, die leuchtete so strahlend in alles Dunkel hinein, dass es nicht schwer war, sie zu finden.

Das ist die Brücke, auf der der liebe Gott ins Märchenland wandert, wenn er sich von der Schuld und den Tränen der Menschen erholen muss, und zu den Tieren und Kindern kommt und zu denen, die im Märchenland leben, weil sie die Brüder und Schwestern der Tiere und der Kinder sind.

Als die kleine Elfe an die goldene Brücke kam, da klopfte sie an die Tür des Hauses, in dem der Kater Ratzepetz lebte. Die Tür tat sich auf und ein menschenähnliches Wesen trat heraus. Es war ein Mann, der weiter nicht schön aussah, aber er hatte ein Leuchten in den Augen, weil er das Märchen liebte, die Tiere und die Kinder und weil er dem Kater Ratzepetz diente und sehr, sehr viel von ihm gelernt hatte.

Er war wohl auch ein Mensch gewesen und kannte Schuld und Tränen - aber dann hatte er es so gemacht wie der liebe Gott und war ins Märchenland gegangen zum Kater Ratzepetz. Man muss es eben schon dem lieben Gott abgucken, wenn man ins Märchenland kommen will.

"Wer sind Sie?" ,fragte das menschenähnliche Wesen die Elfe. "Ich bin eine kleine Elfe" ,sagte sie. "Ich habe meinen Schleier verloren und ich will den weisen Kater Ratzepetz sprechen. Die alte Kröte am Wegrand, die Rheumatismus hat, hat mich hergeschickt."

Das menschenähnliche Wesen führte die kleine Elfe ins Haus und nun stand sie vor dem Kater Ratzepetz. Ihr Herz schlug hörbar, denn so gewaltig hatte sie sich den Kater Ratzepetz nicht vorgestellt, so viel sie auch von ihm gehört hatte. Es war eben Ratzepetz - und das Licht von der goldenen Brücke flutete über sein weiches Fell. Er saß vor einem großen Buch, in dem er krallenhaft geblättert hatte.

"Viele schlüpfrige Empfehlungen von der alten Kröte und sie wird Ihnen zu Weihnachten wollene Strümpfe stricken" ,sagte die kleine Elfe. "Ich bin eine kleine Elfe und habe meinen Schleier verloren. Wenn ich meinen Schleier nicht wiederfinde, so muss ich in den Sumpf und kriege Rheumatismus und kann nie wieder zurück ins Elfenreich unter dem grünen Hügel. Es ist sehr traurig."

Der Kater Ratzepetz dachte nach. Er war vor zweitausend Jahren im Katzentempel von Bubastis (altägypt. Stadt und Kultstätte) gewesen und kannte viele Geheimnisse. Das menschenähnliche Wesen hatte auch schon damals mit ihm gelebt und hatte ihn gepflegt und geliebt wie heute. Ägyptens Sonne war noch in beiden - im Kater Ratzepetz und im Mann aus Bubastis. Das war freilich vor zweitausend Jahren und im Tempel gewesen - aber es gibt so viele Geheimnisse - was sind auch zweitausend Jahre und ist nicht das ganze Märchenland auch ein heiliger Tempel?

"Dein Schleier ist gar nicht verloren" ,sagte der Kater Ratzepetz, "die klatschhafte Elster hat ihn dir gestohlen, als du mit deinen Elfenschwestern getanzt hast unter dem Holderbaum. Die Elstern stehlen so gern die Elfenschleier und dann laden sie andere Elstern zum Kaffee ein. Sie zeigen die gestohlenen Schleier und sagen, die Elfen hätten sie verloren. Es gibt freilich sehr viele Elstern, aber ich will schon versuchen, die richtige zu finden. Dann bringe ich dir den Schleier wieder." -

"Ich danke Ihnen tausendmal" ,sagte die kleine Elfe, "und ich will auch jeden Tag kommen, um Sie am Halse zu krabbeln." Der Kater schnurrte, denn er liebte es überaus, so gekrabbelt zu werden. Das war eine Schwäche von ihm und auch große Leute haben ihre Schwächen. "Ich gehe jetzt zur Elster" ,sagte der Kater Ratzepetz zu dem menschenähnlichen Wesen, "setze die kleine Elfe unterdessen unter eine Käseglocke, damit ihr nichts passiert."

Der Kater Ratzepetz ging und das menschenähnliche Wesen setzte die kleine Elfe unter eine Käseglocke. Es war nicht schön drin zu sitzen, aber dazwischen hob das menschenähnliche Wesen die Käseglocke ein bisschen auf und ließ die Elfe hinausgucken und dann erzählte es ihr von den Denkwürdigkeiten des weisen Katers Ratzepetz. Das war so sein Lebensberuf. Der Beruf ist sehr selten.

Der Kater Ratzepetz hatte unterdessen fleißig umhergeschnüffelt und auch bald das richtige Elsternest herausgefunden. Es war hoch auf einem Baum am Rande des Märchenlandes. Denn im eigentlichen Märchenland selbst leben die klatschhaften Elstern nicht. Es wäre ihnen da zu poetisch, sagten sie, und davon bekämen sie Migräne. Es war doch viel netter, in einem warmen Nest zu sitzen, die Elfenschleier aus dem Märchenlande zu stehlen und dann darüber zu klatschen. Das war so ihr Lebensberuf und der Beruf ist sehr häufig.

"Sie haben einen Elfenschleier gestohlen!" ,fauchte der Kater Ratzepetz zum Elsternnest hinauf. "Geben Sie ihn sofort zurück!" - "Wie?!" ,schnatterte die Elster empört, "Ich bin eine ehrbare Frau und stehle niemals. Ich habe höchstens ein Fundbüro und das auch nur aus Gutmütigkeit, weil es mir leid tut, wenn die Leute leichtsinnig sind und was verlieren." -

"Und was befindet sich eben in Ihrem Fundbüro?" -

"Ich will ehrlich sein wie immer und es Ihnen sagen. Ich fand die Gummischuhe eines Frosches, den Regenschirm eines Pilzes, die durchbrochenen Strümpfe einer Bärin und das Klavier einer Eidechse. Weiter kann ich Ihnen nicht dienen und ich habe auch keine Zeit, denn ich gebe heute einen Nestkaffee."

"Meine Gnädige" ,sagte der Kater Ratzepetz, "wenn ich jetzt nach oben komme und selbst nachsehe, dann können Sie ihren Nestkaffee nackt geben, denn ich lasse Ihnen keine Feder am Leibe." Seine Krallen setzten sich fest in den Baumstamm und rupften beängstigend an der Rinde.

Da flog ein Elfenschleier zu Pfoten des Katers Ratzepetz. Die Elster aber sagte den anderen Elstern die kamen, sie habe Migräne und ihr Nestkaffee könne heute nicht stattfinden.

So kam die kleine Elfe wieder zu ihrem Schleier. Und dafür krabbelte sie den Kater Ratzepetz jeden Tag am Halse, so dass er laut und vernehmlich schnurrte. Jeder würde gewiss gerne schnurren, wenn ihn eine Elfe am Hals krabbelte - aber das erlegt nicht ein jeder. Dazu muss man schon so weise werden, wie der weise Kater Ratzepetz.

 

Manfred Kyber

DAS VERLORENE LIED ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein armer Hirtenbub, der hütete das Vieh hoch oben im Gebirge. Seine Eltern waren schon lange tot und er hatte nur noch eine Stiefmutter - und die war böse und konnte hexen. Sie war schlecht gegen den armen Hirtenbuben und er wäre schon lange davon gelaufen, wenn er sich nicht so sehr vor ihr gefürchtet hätte.

Denn sie konnte doch hexen - und wenn jemand hexen kann, so ist das nicht angenehm für die anderen Leute und man muss sich gar sehr in Acht nehmen. Darum blieb der kleine Hirtenbub lieber, aber er war sehr traurig und unglücklich und wenn er so allein im Mittagssonnenlicht auf der grünen Wiese lag und die bunten Kühe um ihn herumstanden und recht langweilig aussahen, dann dachte er oft daran, ob es wohl einmal besser werden würde.

Doch die Kühe blieben stehen und sahen langweilig aus und die Wolken zogen vorbei, denn es war ja hoch oben auf den Bergen, und die Sonne ging zur Ruhe und es blieb alles wie es war. Eines Tages aber, als der arme Hirtenbub ganz besonders traurig und unglücklich war und wieder daran dachte, ob es wohl einmal besser werden würde, da wurde er müde und schlief ein. Wie er so da lag und schlief, da sah er plötzlich eine wunderschöne Fee vor sich, die hielt eine Laute aus Rosenholz in den Händen und feine silberne Saiten waren drauf gespannt und das war gar seltsam anzuschauen. Die Fee aber griff in die Saiten der Rosenlaute und sang dazu:

Ich kenne ein Lied von holdem Klang,
das zieht die ganze Erde entlang.
Und ist nichts so lieb und heilig und hold
In der Tiefe und oben im Sternengold,
wie das Lied von dem, wenn zwei sich frein
und wollen einander das Liebste sein.
Da ist nichts so lieb und heilig und hold
In der Tiefe und oben im Sternengold.

Wie das Lied zu Ende war, da lächelte die Fee und nickte dem Hirtenbuben zu und legte ihm die Laute von Rosenholz in den Schoß. Der Bub aber wusste gar nicht, wie ihm geschah, und als er erwachte, meinte er zuerst, das Ganze wäre wohl nur ein Traum gewesen. Doch die Laute von Rosenholz lag wirklich und wahrhaftig in seinem Schoß - und wie er sie in seine Hand nahm und in die feinen silbernen Saiten griff, da erklangen gar wunderbare Weisen und immer neue Lieder fielen ihm ein.

Aber so wie das Lied der Fee waren sie doch alle nicht und er konnte und konnte sich nicht darauf besinnen, so sehr er sich auch mühte und nachdachte. Und da fasste ihn mit einem Male eine so unsagbare Sehnsucht nach jenem Liede, dass er alles vergaß, die Kühe, die so langweilig aussahen, und die Stiefmutter, die hexen konnte, und dass er auf und davon ging, um die seltsame Weise wiederzufinden.

Von der Tiefe war drin die Rede gewesen und vom Sternengold und in den Beiden wollte er suchen, dachte er bei sich. Denn das andere hatte er vergessen oder nicht verstanden. So ging er immer weiter und weiter und wollte in die Tiefe kommen und wusste nur nicht wie. So kam er schließlich an einen großen See, der lag ganz vereinsamt im Walde, nur am Ufer hupften lauter grüne Frösche herum und quakten dazu. Der Hirtenbub meinte, die Frösche müssten doch wohl am besten in der Tiefe Bescheid wissen, und so trat er auf einen Frosch zu, grüßte höflich und fragte:

"Ach bitte, kannst du mir nicht sagen, wie man in die Tiefe kommt?" - "Ja, das ist für dich wohl nicht so leicht" ,sagte der Frosch und schluckte eine Fliege herunter. "Warum willst du überhaupt nach unten? Bleibe doch lieber oben." - "Mir hat eine Fee ein Lied gesungen auf dieser Laute von Rosenholz" ,sagte der Hirtenbub, "aber ich kann mich nicht mehr auf das Lied besinnen und nun will ich es suchen." -

"Das ist ja sehr schlimm" ,meinte der Frosch gedankenvoll, "war es vielleicht so ähnlich, wie wir singen?" - "Nein, es war ganz anders" ,sagte der Hirtenbub. "Dann wird es wohl auch nichts Besonderes gewesen sein" ,sagte der Frosch hochmütig und blies sich dabei auf, so dass er ganz dick wurde. "Aber ich will dir den Gefallen tun und mal den Froschkönig fragen, ob er dich empfängt. Dann kannst du selbst mit ihm darüber sprechen."

Ehe der Hirtenbub sich noch besinnen konnte, war der Frosch ins Wasser gehüpft, dass es nur so klatschte - und fort war er. Es dauerte eine ganze Weile, dann kam er wieder, machte eine Verbeugung und sagte: "Majestät lässt bitten." Da tat sich das Wasser auf und trat zur Seite, so dass der Hirtenbub mitten hindurch gehen konnte, bis tief auf den Grund des Sees und zum Palast des Froschkönigs.

Der Froschkönig war ganz besonders grün und hatte ein kleines goldenes Krönlein auf und saß, die Beine übereinander geschlagen, auf einem großen Wasserrosenblatt. Neben ihm saßen viele alte, dicke Frösche, die alle sehr würdig aussahen, und um ihn herum schwammen kleine Nixen und warfen ihm Kusshändchen zu. Dann lächelte der Froschkönig immer und das sah sehr eigentümlich aus, weil er doch einen so sehr großen Mund hatte. Der Hirtenbub aber verneigte sich tief vor seiner feuchten Majestät und sagte:

"Guten Tag. Ich suche ein Lied, das mir eine Fee gespielt hat auf dieser Laute von Rosenholz. Aber ich kann mich nicht mehr darauf besinnen, wie es war. Es ist auch nicht so, wie die Frösche singen." Da ging der Froschkönig an zu denken und mit ihm alle die alten dicken Frösche, die neben ihm saßen. Endlich sagte er: "Wenn es nicht so ist, wie die Frösche singen, dann kann es nur so sein, wie die Nixlein singen."

Dabei winkte er mit der grünen königlichen Hand den Nixlein, die um ihn herum schwammen und ihm Kusshändchen zuwarfen, und die Nixlein fingen an zu singen und der Froschkönig schlug mit den feuchten Füßen den Takt dazu und es war sehr schön. Aber als es zu Ende war, da sagte der Hirtenbub: "Ich danke dir sehr und es war auch sehr schön, aber es war doch nicht so wie das Lied, das mir die Fee gesungen." -

"Ja, dann tut es mir von Herzen leid, sagte der Froschkönig, "aber dann kann ich dir wirklich nicht helfen." Er reichte dem Hirtenbuben die nasse Hand zum Abschied und war sehr gerührt und höflich und ließ ihn wieder hinauf an das Ufer des Sees geleiten. Der Hirtenbub aber dachte: "Wenn es nicht in der Tiefe ist, so muss es wohl in der Höhe sein, oben im Sternengold." Denn das andere hatte er ja vergessen oder nicht verstanden.

So ging er hoch hinauf auf einen Berg, wo die Wolken an ihm vorbeizogen, und als eine Wolke gerade recht nahe und bequem vorbeikam, da sagte er: "Ach bitte, nimm mich doch mit!" - "Steige nur auf meinen Rücken" ,sagte die Wolke, "aber beeile dich, denn ich habe keine Zeit und muss zum Wolkenkönig." Der Hirtenbub sprang auf den Rücken der Wolke und im Nu ging es fort durch die weite Luft über Meere und Länder. Und ehe sich's der Hirtenbub versah, war er am Schloss des Wolkenkönigs angekommen und der Wolkenkönig stand auf der Treppe und bestimmte gerade, wo es heute regnen sollte.

"Ja, wer ist denn das?" ,sagte er erstaunt, als er den Hirtenbuben sah, "du willst wohl Sternenputzer werden?" - "Nein, Sternenputzer möchte ich nicht werden" ,sagte der Hirtenbub, "aber mir hat eine Fee ein Lied gespielt auf einer Laute von Rosenholz und das Lied habe ich vergessen und ich wollte nur einmal fragen, ob es nicht vielleicht hier oben zu finden wäre." - "So, so" ,sagte der Wolkenkönig, "ich werde mal nachsehen" - und holte ein großes Buch hervor, wo alle die Lieder drin standen, die die kleinen Sternlein sangen, wenn sie nachts spazieren gehen. Aber es war nichts darunter, was so gewesen wäre, wie das Lied der Fee auf der Laute von Rosenholz.

Da wurde der Hirtenbub sehr traurig und ging wieder auf die Erde zurück auf einer Treppe, die ihm der Wolkenkönig gezeigt hatte. Und wie er wieder auf der Erde war, da zog er überall umher in allen Landen und sang den Leuten seine Lieder und spielte dazu auf seiner Laute von Rosenholz. Die Leute waren alle froh und wollten nur immer und immer wieder die wunderbaren Weisen hören und baten ihn, doch immer bei ihnen zu bleiben, und boten ihm Geld und Gut und hohe Ehren.

Er aber hatte nirgends Ruhe und war sehr traurig, denn er dachte, er würde das verlorene Lied nun nie und nimmer wiederfinden. So wanderte er jahrein, jahraus und endlich kam er vor ein herrliches Königsschloss, in dem lebte eine wunderschöne junge Königin. Die hatte etwas vergessen - und da sie selbst nicht wusste, was sie eigentlich vergessen hatte, so konnte ihr auch niemand helfen, sich darauf zu besinnen, und es war große Trauer in den Königshallen und im ganzen Lande.

Der Hirtenbub aber fragte, ob er vor der traurigen jungen Königin seine Lieder singen dürfe. Es wurde ihm erlaubt und er wurde in den Königssaal geführt, wo die traurige junge Königin auf dem Throne saß. Die Minister standen um sie herum in goldstrotzenden herrlichen Kleidern und hatten große Taschentücher in der Hand, weil sie doch immer so viel weinen mussten um die traurigen junge Königin. Denn mehr als weinen konnten sie nicht, weil die Königin ja selbst nicht wusste, was sie vergessen hatte, und ihr also auch niemand helfen konnte.

Wie der Hirtenbub aber die Königin sah, da ward ihm ganz wunderbar zu Mute und er hatte sie von ganzen Herzen lieb. Und als er nun vor ihr singen sollte, da fiel ihm mit einem Male das Lied ein, das ihm die Fee gesungen und es war ihm, als könne er gar kein anderes mehr singen. So nahm er die Laute von Rosenholz zur Hand, griff in die feinen silbernen Saiten und sang dazu:

Ich kenne ein Lied von holdem Klang,
das zieht die ganze Erde entlang.
Und ist nichts so lieb und heilig und hold
In der Tiefe und oben im Sternengold,
wie das Lied von dem, wenn zwei sich frein
und wollen einander das Liebste sein.
Da ist nichts so lieb und heilig und hold
In der Tiefe und oben im Sternengold!

Und wie er das Lied gesungen, da stieg die Königin von ihrem Thron herunter und hatte ganz und gar vergessen, dass sie etwas vergessen hatte, und trat auf den Hirtenbuben zu und küsste ihn und sagte: "Ich habe dich lieb und will deine Frau sein." Da jubelte alles und freute sich und die Minister steckten die Taschentücher wieder ein und es wurde eine herrliche Hochzeit hergerichtet.

Wie es aber gerade losgehen sollte mit den Hochzeitsfeierlichkeiten, da meldete de Oberhofmeister drei große Frösche, die vom Froschkönig zum Gratulieren geschickt waren. Sie wurden herein gebeten und gratulierten und waren sehr grün und hießen: Herr Schlupferich, Herr Hupferich und Herr Tupferich.

Der Wolkenkönig aber hatte ein kleines Sternchen geschickt, das knickste und leuchtete und gratulierte dazu. Und es war eine ganz herrliche Hochzeit. Es wurde gegessen, getrunken und getanzt und Herr Schlupferich, Herr Hupferich und Herr Tupferich tanzten auch mit und benahmen sich dabei sehr manierlich, so wie sich das für feine und vornehme Frösche gehört. Etwas nasse Füße hatten sie freilich, aber das schadete nichts.

So war alles sehr schön, nur das kleine Sternlein war unvorsichtig und hatte sich, um besser sehen zu können, dem Minister für außerordentliche Angelegenheiten auf den Kopf gesetzt, so dass hochdero Perücke zu brennen anfing. Aber das Feuer wurde bald gelöscht, wie das bei einem Minister für außerordentliche Angelegenheiten gar nicht anders zu erwarten ist - und das Sternlein wurde ermahnt, daran zu denken, dass doch nicht jeder Kopf solch ein Feuer verträgt.

Und als die ganze Hochzeit zu Ende war und der junge König und die junge Königin allein waren, da küssten sie sich auf den Mund und sangen das verlorene Lied dazu, das einst die Fee gespielt hatte auf der Laute von Rosenholz.

 

Manfred Kyber

DAS ANDERE UFER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Sammler, der sammelte allerlei Seltsamkeiten aus fernen Ländern. Er sammelte auch alltägliche Dinge, aber dann hatten sie einen besonderen Sinn und ihre besondere Geschichte. Diese Geschichte der Dinge verstand der Sammler zu lesen wie wenige es verstehen, denn es ist keine leichte Kunst. So saß der Tage und Nächte unter all seinen Seltsamkeiten und las ihre Schicksale und er wusste, dass es Menschenschicksale waren, die daran hingen. Wie ein breiter Fluss flutete das arme verworrene Menschenleben um ihn herum, er stand an seinem Ufer und schaute mit erkenntnisreichen Augen, wie Welle um Welle an ihm vorüberzog.

Aber er wusste auch, dass ihm noch etwas fehlte: Er wusste, dass das menschliche Leben, in dem er so viel gelesen hatte, nicht nur das eine Ufer haben konnte, auf dem er stand und es betrachtete. Er wusste, dass es auch ein anderes Ufer haben musste, und das andere Ufer suchte er - wie lange schon! Aber er hatte es nicht gefunden. Einmal aber hoffte er es bestimmt zu finden. Er suchte in allen Läden der Städte, ob er nicht ein Ding finden würde, das ihm etwas vom anderen Ufer erzählen könne. Er war ja sein Leben lang ein Sammler und Sucher gewesen und hatte viel Geduld gelernt.

So kam er einmal in einer fernen Stadt im Süden in einen sehr merkwürdigen Laden. Der Laden war ein richtiger Kramladen des Lebens, denn es waren wohl alle Dinge darin vertreten, die man sich im menschlichen Leben nur denken konnte, von den seltensten Kostbarkeiten herab bis zu den geringsten Alltäglichkeiten. Und alle Dinge hatten, so wie es sich gehört, ihre eigene Geschichte.

Der Sammler besah sich alle die vielen Dinge mit großer Sachkenntnis. Manches gefiel ihm sehr und manches hätte er gerne gekauft, aber irgendwie erinnerte es ihn doch an etwas, was er schon einmal erworben hatte. "Dies ist wohl die seltsamste Sammlung der Dinge vom menschlichen Leben, die ich je gesehen habe" ,sagte der Sammler, und da der Händler ihm kein gewöhnlicher Händler zu sein schien - denn er hatte etwas Stilles und Feierliches in seinem Wesen - so fragte er ihn, ob er nicht etwas habe, was ihm vom anderen Ufer erzählen könne.

Der Händler war auch wirklich kein gewöhnlicher Händler. Er wusste zu gut, wie viel Leid und Tränen manche Dinge, die die Menschen bei ihm um teuren Preis erstanden, denen bringen mussten, die sie mit einer Inbrunst erwarben, als hinge ihr ganzes Leben davon ab. Es kam nicht oft vor, dass einer den richtigen Gegenstand bei ihm verlangte. Als nun der fremde Sammler den Händler nach dem anderen Ufer fragte, da lächelte der Händler und reichte ihm eine kleine Lampe von unscheinbarer Form, doch von sehr sorgfältiger Arbeit. Die Lampe aber brannte schon mit einer schönen bläulichen Flamme und brauchte nicht erst entzündet zu werden.

"Diese Lampe stellt man nirgends aus" ,sagte der Händler, "man gibt sie nur denen, die nach dem anderen Ufer fragen." - "Erzählt mir denn diese Lampe etwas vom anderen Ufer?", fragte der Sammler und betrachtete die Lampe mit aufmerksamen und erstaunten Blicken, denn er hatte so etwas noch nicht in seiner Sammlung und er hatte es bisher auch nirgends gesehen. "Vom anderen Ufer darf dir die Lampe nichts erzählen" ,sagte der Händler, "zum anderen Ufer musst du selber wandern, aber die Lampe wird dir leuchten und dir den Weg zum anderen Ufer weisen."

Da dankte der Sammler dem Händler und fragte ihn, was er ihm für die Lampe zu zahlen habe. "Ich habe viele Gegenstände in meinem Laden, die man um billigen Preis erstehen kann" ,sagte der Händler, "ich habe auch manche darunter, die um ein Königreich nicht zu haben sind. Aber die kleine Lampe, die du in der Hand hast, kostet nichts für den, der nach dem anderen Ufer fragte. Es ist deine eigene Lampe und es ist eine ewige Lampe - und sie wird dir den Weg zum anderen Ufer weisen."

Da wurde der Sammler ein Wanderer. Er ließ alle die vielen seltsamen Dinge, die er bisher gesammelt hatte, hinter sich und wanderte dem Licht seiner ewigen Lampe nach, das andere Ufer zu suchen. Er sah viel Schönes auf seinem Wege, das er früher nicht gesehen hatte. Er sah, wie die Steine sich regten und formten, er schaute in die Träume der Blumen und er verstand die Sprache der Tiere. Allmählich aber wurde der Weg des Wanderers immer einsamer und verlassener, er stand allein in einer Einöde und vor sich erblickte er sieben steile, felsige Berge.

Die Lampe warf ihren Lichtschein auf seinen Weg und sie zeigte ihm an, dass er alle die sieben Berge besteigen müsse. So bestieg er alle sieben Berge und von jedem Berge hoffte er das andere Ufer zu sehen, aber er sah es nicht. Ein eisiger Neuschnee lag auf allen sieben Gipfeln. Mitten aber im Schnee blühte eine rote Rose, leuchtend wie ein Rubin. Die pflückte der Wanderer und nahm sie mit sich auf den Weg.

Als er nun alle sieben Berge bestiegen hatte und sich ihre sieben Rosen zum Kranz geholt hatte aus dem eisigen Neuschnee der Gipfel, da stand er vor einem dunklen Tor. Der Torhüter trat auf ihn zu und fragte ihn, was er wolle.
"Ich suche das andere Ufer" ,sagte der Wanderer. "Was führst du mit dir auf deinem Weg?" ,fragte der Torhüter. "Sieben rote Rosen und meine ewige Lampe" ,sagte der Wanderer. Da ließ ihn der Torhüter in das dunkle Tor eintreten.

"Es ist ein langes und dunkles Tor" ,sagte der Torhüter, "du musst bis an sein Ende gehen, dann kommst du an das Meer der Unendlichkeit." - "Ich will nicht an das Meer der Unendlichkeit" ,sagte der Wanderer, "ich suche das andere Ufer. Das Meer der Unendlichkeit aber ist uferlos." - "Du musst warten, bis die Sonne aufgeht, dann wirst du das andere Ufer sehen" ,sagte der Torhüter.

Da ging der Wanderer durch das lange dunkle Tor hindurch und setzte sich am Meer der Unendlichkeit nieder, denn er war sehr müde geworden von seiner Wanderung. Das Meer der Unendlichkeit brandete zu seinen Füßen und über seinen wilden Wellen und dem einsamen Wanderer an seinem Gestade stand die gestirnte Nacht. Der Wanderer aber wartete und wachte bei seiner ewigen Lampe die ganze Nacht und es war eine so lange Nacht, dass er dachte, sie wolle gar kein Ende nehmen.

Endlich verblassten die Sterne, die brandenden Wellen wurden still und klar und über ihnen ging die Sonne auf. Im Licht der aufgehenden Sonne aber tauchte eine leuchtende Insel mitten aus dem Meer der Unendlichkeit empor. Da erkannte der Wanderer, dass es das andere Ufer war, das er gesucht hatte. Über das dunkle Tor kam eine Taube geflogen und zeigte dem Wanderer den Weg zur Insel und er schritt über das Meer der Unendlichkeit so sicher wie auf klarem Kristall hinüber zum anderen Ufer.

Vom anderen Ufer aber darf ich euch nichts weiter erzählen, so wenig als es die Lampe getan hat. Zum anderen Ufer muss ein jeder selber wandern im Licht seiner eigenen ewigen Lampe. Denn das Märchen vom anderen Ufer ist ein Märchen der Wanderer.

 

Manfred Kyber

DER TOD UND DAS KLEINE MÄDCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein kleines Mädchen, das war immer sehr einsam. Es sei ein sonderbares Kind, sagten die Großen und es sei dumm und es vertrage keinen Lärm, sagten die Kleinen - und darum spielte niemand mit ihm. Ihr werdet nun gewiss denken, dass das sehr langweilig und sehr traurig für das kleine Mädchen war.

Ein bisschen traurig war es manchmal schon, aber langweilig war es gar nicht, denn das kleine Mädchen langweilte sich niemals. Es kamen immer so viele Gedanken zu ihm zu Besuch und diese Gedanken sah es auch alle und sprach mit ihnen, als ob sie leibhaftig vor ihm stünden. Es war eine Sprache ohne Worte und diese Sprache kennen alle, zu denen die Gedanken zum Besuch kommen.

Die Gedanken, die zu dem kleinen Mädchen kamen, waren alle sehr verschieden und sie waren auch ganz verschieden angezogen, wenn man das von einem Gedanken überhaupt sagen kann. Es waren traurige Darunter in grauen Kleidern, frohe in rosenfarbenen mit goldenen Sternen darauf, rote und lustige, die Fratzen machten, und blaue, die von Märchenländern erzählten und deren Augen immer irgendwo hinaus in eine weite Ferne sahen.

Es muss sehr still um einen herum sein, wenn so viele Gedanken zu einem zum Besuch kommen. Darum ging das kleine Mädchen am liebsten ganz allein auf den Dorffriedhof und setzte sich zwischen alle die Gräber unter den hohen Bäumen. Das kleine Mädchen kannte alle die Gräber mit Namen und es war wirklich merkwürdig zu beobachten, welche Gedanken an den verschiedenen Gräbern zum Besuch kamen und an welchen Gräbern die Gedanken fort blieben. Es war, als ob es ihnen da nicht recht gefiele.

Lehrreich und unterhaltend war es auch, was die Gedanken an dem einen oder anderen Grabe sagten, wenn sie zum Besuch kamen. Was sie sagten, war nicht immer schmeichelhaft für die Toten in den Gräbern. Aber das kleine Mädchen konnte daraus sehen, an welchen Gräbern man am besten sitzen und sich mit seinen Gedanken unterhalten konnte.

Als nun das kleine Mädchen wieder einmal auf dem Friedhof saß und sich von seinen bunten Gedanken besuchen ließ, da kam eine Gestalt im schwarzen Gewande durch alle die Grabhügel geschritten und ging gerade auf das kleine Mädchen zu. "Bist du auch ein Gedanke?" ,fragte das kleine Mädchen. "Aber du bist so sehr viel größer als die Gedanken, die mich sonst besuchen, und du bist so schön, wie keiner von meinen vielen Gedanken es jemals war." Die schöne Gestalt im schwarzen Gewand setzte sich neben das kleine Mädchen.

"Du fragst ein bisschen viel auf einmal. Ich bin wohl ein Gedanke - und doch wieder auch etwas mehr. Es ist für mich gar nicht so leicht, dir das zu erklären. Sonst täte ich es gewiss gerne." - "Bemühe dich nicht meinetwegen" ,sagte das kleine Mädchen, "ich brauche dich gar nicht zu verstehen. Es ist auch sehr schön, dich bloß anzusehen. Aber ich möchte gerne wissen, wie du heißt. Meine Gedanken sagen mir immer alle, wie sie heißen, und das ist sehr lustig."

"Ich bin der Tod" ,sagte die schöne Gestalt und sah das kleine Mädchen sehr freundlich an. Man musste Vertrauen zum Tod haben, wenn man ihm in die Augen sah, denn es waren schöne und gute Augen, die der Tod hatte. Solche Augen hatte das kleine Mädchen noch nicht gesehen. Das kleine Mädchen erschrak auch gar nicht. Es war nur sehr erstaunt und überrascht und fast freute es sich, dass es so ruhig neben dem Tod sitzen konnte.

"Weißt du" ,sagte es, "es ist so komisch, dass alle Menschen Angst haben, wenn sie von dir sprechen, wo du so nett bist. Ich möchte gerne mit dir spielen. Es spielt sonst niemand mit mir." Da spielte der Tod mit dem kleinen Mädchen - wie zwei Kinder miteinander spielen, mitten unter den Gräbern auf dem Friedhof. "Wir wollen Himmel und Erde bauen" ,sagte das kleine Mädchen, "hoffentlich verstehst du es auch. Wir machen den Himmel aus den hellen Kieseln und die erde aus den dunklen. Du musst aber fleißig Steine suchen."

Der Tod suchte kleine Steine zusammen und er gab sich viele Mühe, um das kleine Mädchen zufriedenzustellen. "Jetzt haben wir genug" ,sagte das kleine Mädchen. "Ich finde, dass du sehr schön spielen kannst. Willst du nun den Himmel bauen und ich die Erde oder umgekehrt? Mir ist es einerlei. Du kannst dir aussuchen, was dir mehr Spaß macht. Ich erlaube es dir." -

"Ich danke dir sehr" ,sagte der Tod, "aber siehst du, ich bin kein Kind mehr und verstehe nicht mehr so zu bauen, wie man das als Kind versteht. Du bist ja noch ein Kind und ich denke, du baust dir deinen Himmel und deine Erde selber. Aber ich will dir bei beidem helfen."

"Das ist nett von dir" ,sagte das kleine Mädchen und baute sich seinen Himmel und seine Erde aus den bunten Kieselsteinen. Der Tod sah zu und half dem kleinen Mädchen dabei. "Jetzt pass auf" ,sagte das kleine Mädchen, "hier ist der Himmel und drin wohnt der liebe Gott und hier ist die Erde und da wohne ich. Nun musst du auch noch eine Wohnung haben. Aber ich weiß ja noch gar nicht, wo du wohnst?"

"Ich wohne zwischen Himmel und Erde" ,sagte der Tod, "denn ich muss ja die Menschenseelen von der Erde zum Himmel führen." - "Richtig" ,sagte das kleine Mädchen, "dann kriegst du eine Wohnung aus hellen und dunklen Steinen zusammen. Es soll eine feine Wohnung werden, du wirst schon sehen." Der Tod freute sich und sah zu, wie das kleine Mädchen ihm seine Wohnung baute.

"Höre mal" ,sagte das kleine Mädchen, "du hast doch eben gesagt, dass du die Menschenseelen von der Erde zum Himmel führst. Erzähle mir mal ein bisschen davon, wie du das machst - und warum müssen wir überhaupt sterben? Kann man denn nicht einfach in den Himmel 'rüberlaufen?" Als das kleine Mädchen das fragte, läuteten die Glocken Feierabend.

"Hörst du die Glocken läuten?" ,fragte der Tod. "Siehst du, mit den Menschenseelen ist das ganz ähnlich wie mit den Glocken. Jede Menschenseele ist eine Glocke und du hörst sie läuten, wenn du ordentlich aufpasst, in frohen und in traurigen Stunden. Bei manchen läutet sie nur noch ganz schwach und das ist dann wirklich sehr schlimm. Wenn ich nun zu einem Menschen komme, dann läutet seine Glockenseele Feierabend - und ich hänge die Glocke dann in den Himmel. Dort läutet sie weiter."

"Läuten sie denn da alle durcheinander?" ,fragte das kleine Mädchen. "Das muss gar nicht schön klingen, denn jede läutet doch sicher ganz anders. Es ist gewiss nicht angenehm für den lieben Gott, sich das immer anhören zu müssen." - "Das ist schon wahr" ,sagte der Tod, "aber siehst du, die Glockenseelen kommen so oft auf die Erde zurück und werden so lange umgegossen, bis sie alle ihr eigenes richtiges Geläute haben und alle zusammenklingen. So lange aber muss ich die Menschen von der Erde zum Himmel tragen."

"Das tut mir sehr leid für dich", sagte das kleine Mädchen, "es ist gewiss eine sehr mühsame Arbeit. Aber pass nur auf, es wird schon mal besser werden und dann hast du gar nichts mehr zu tun und wir beide spielen immer so nett zusammen wie heute." Der Tod nickte und seine Augen sahen in eine sehr, sehr weite Ferne.

"Deine Wohnung ist jetzt fertig" ,sagte das kleine Mädchen, "ist sie nicht sehr hübsch geworden?" - "Sie ist sehr hübsch" ,sagte der Tod, "ich danke dir auch. Aber es ist spät und du musst jetzt nach Hause gehen. Es war schön, mit dir zu spielen." Und der Tod reichte dem kleinen Mädchen die Hand. "Guten Abend" ,sagte das kleine Mädchen und knickste, "kommst du nicht auch einmal mich besuchen? Ich bin so viel allein." - "Ja" ,sagte der Tod freundlich, "ich werde dich sehr bald besuchen, weil du so allein bist."

Bald darauf wurde das kleine Mädchen sehr krank und die Leute meinten alle, dass es wohl sterben müsse. Die Leute waren traurig, denn es erschien ihnen immer traurig, wenn einer starb - und besonders wenn es ein Kind war, das das Leben noch vor sich hatte, wie sie sagten. Aber es war ja ein sonderbares Kind, das die Großen nicht verstanden und mit dem die Kleinen nicht spielen mochten. Am Ende war es so auch besser.

Als die Glocken Feierabend läuteten, da trat der Tod zu dem kleinen Mädchen ins Zimmer. "Das ist nett von dir, dass du mich besuchen kommst" ,sagte das kleine Mädchen. "Es ist Feierabend" ,sagte der Tod und setzte sich zu dem kleinen Mädchen aufs Bett. "Ach ja" ,sagte das kleine Mädchen, "davon hast du mir damals so schön erzählt, als wir zusammen Himmel und Erde bauten. Dann kommst du gewiss, um meine Glockenseele zu holen. Hoffentlich klingt sie aber auch hübsch, so dass sich der liebe Gott nicht ärgert."

"Sie sehnen sich im Himmel nach einer reinen Glocke" ,sagte der Tod, "darum haben sie mich gebeten, zu dir zu kommen." - "Muss ich dann sterben?" ,fragte das kleine Mädchen. "Das brauchst du gar nicht so zu nennen" ,sagte der Tod. "Siehst du, es ist ganz einfach: An deiner Tür stehen zwei Engel und die führen dich dann zum lieben Gott in den Himmel." - "Ich kann aber die Engel nicht sehen" ,sagte das kleine Mädchen. "Ich werde dich mal auf den Arm nehmen" ,sagte der Tod, "dann wirst du die Engel gleich sehen."

Da nahm der Tod das kleine Mädchen auf die Arme - und als er es auf die Arme genommen hatte, da sah es zwei strahlende Engel in weißen Kleidern mit schimmernden Flügeln und die Engel führten es zum lieben Gott in den Himmel. Die Glockenseele des kleinen Mädchens aber läutete und es war lange her, dass eine so reine Glocke oben ihren Feierabend geläutet hatte.

Im Himmel war es sehr schön und da war das kleine Mädchen kein sonderbares Kind mehr, denn die großen Engel verstanden es und die kleinen Engel spielten mit ihm. Auch der liebe Gott war zufrieden und freute sich, dass er eine so reine Glocke bekommen hatte. Das kleine Mädchen fand es nur sehr traurig, dass der Tod unten auf der Erde bleiben musste. Es sah ihn auf dem Friedhof stehen, wenn es mal herunterguckte und dann nickte es ihm zu.

"Kannst du hören, wenn ich von oben 'runterrufe?" ,fragte das kleine Mädchen. "Ja", sagte der Tod, "du brauchst auch nicht so laut zu rufen, denn für mich sind Himmel und Erde so nahe beieinander, wie wir sie einmal zusammen aus Kieselsteinen gebaut haben." - "Das freut mich" ,sagte das kleine Mädchen, "es ist bloß sehr schade, dass ich nicht mehr mit dir spielen kann. Jetzt spielt niemand mehr mit dir. Sei bloß nicht zu traurig darüber. Hörst du?"

"Es war schön, dass du mit mir gespielt hast", sagte der Tod, "und wenn ich einmal traurig werde, dann höre ich oben deine Glockenseele läuten und freue mich darüber, dass einmal ein Kind mit mir gespielt hat." - "Ja, tue das" ,sagte das kleine Mädchen, "und ich will dir auch etwas Wunderhübsches sagen, was mir die großen Engel erzählt haben. Die großen Engel sagen, dass einmal eine Zeit kommen wird, wo alle Glockenseelen zusammenklingen und alle Menschen mit dem Tod wie die Kinder spielen werden."

 

Manfred Kyber

DER KLABAUTERMANN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dort, wo die blauen Wogen der Ostsee die schneeweißen Kreideklippen der Insel Rügen umspülen, lag vor langer Zeit, zwischen Felsen eingezwängt, ein einsames, winziges Fischerhaus. Gleich dem Neste der Seeschwalbe war es hoch über dem Meeresspiegel erbaut. Keine noch so hohe Flut vermochte das Bauwerk zu erreichen, und darum konnten seine Bewohner ohne Sorge auf die entfesselten Wogen blicken, wenn der Sturm sie brandend gegen die Felsen schlenderte. Mochten sie sich noch so gierig recken und dehnen, so hoch reichte ihre Macht nicht.

Lachend betrachtete Jan Classen, der Fischer, die vergeblichen Anstrengungen des Meeres, sein Heim zu vernichten, und die Wut, mit welcher die Wogen unverrichteter Sache schäumend und brausend wieder zurückstürzten. Ja, solch ein Unwetter vom sicheren Ort aus zu beobachten und der Gewalt der Fluten zu spotten, das war Jans größtes Vergnügen. Dann stand er vor seiner Hütte auf dem Felsenvorsprung, drückte die Lederkappe fest auf den Kopf und stemmte die harten braunen Hände in die Seiten. Sein sonst so gleichgültiges Gesicht schien Leben zu bekommen. In den festen Zügen mit den unzähligen Falten und Runzeln zuckte es wie Wetterleuchten, und seine Augen funkelten vor heimlicher Lust.

"Ja, brülle nur, tobe nur", schrie er in das Donnern des Meeres hinein, "mich sollst du nicht verschlingen! Mein Häuschen steht hoch, mein Kahn ist fest, und meine Hand hat Kraft genug, mein Fahrzeug zu zwingen!"

"Rede doch nicht so, Mann", mahnte eine tiefe Frauenstimme. In der Tür der Hütte erschien eine hochgewachsene, kräftige Frau; auch ihr Äußeres zeigte, daß ihr harte Arbeit und Kampf mit Wind und Wetter zur Gewohnheit geworden waren. Aus ihren Gesichtszügen sprach ruhiger Ernst. Große blaue Augen blickten treuherzig-freundlich, die gerade, scharfgeschnittene Nase, der fest geschlossene Mund und das starke Kinn deuteten auf Willensstärke, indessen sich über das gebräunte Antlitz ein Ausdruck von Gutmütigkeit verbreitete.

Gekleidet war sie in die dunkle Tracht, welche bei den Frauen Rügens üblich war. Zeugte der Anzug auch von großer Armut, so doch auch wiederum von peinlicher Ordnung und Sauberkeit.
Sie war einst ein hübsches Mädchen gewesen, die Helge, und viele junge Männer hatten sich um sie beworben, auch wohlhabendere als Jan Classen. Sie hätte nur zuzugreifen brauchen, und sie wäre des reichsten Bauern Weib geworden und hätte heute in teuren Kleidern mit goldenen Knöpfen einhergehen können.

Ihre Mutter hatte ihr vergebens zugeredet, ihr Glück nicht von sich zu stoßen, und hatte die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen, als sie erfuhr, daß Helge den wilden, unbändigen, jähzornigen Jan heiraten wollte. Dieser besaß nichts als einen Fischerkahn, und ein Häuschen wollte er sich erst von seinen Ersparnissen bauen, die er als Steuermann eines Kauffahrers erworben hatte. Und doch wurde es so.

Allgemein bedauerte man, daß die brave Helge eine solche Wahl getroffen hatte, und die Mutter sagte ärgerlich: "Meinetwegen denn, wenn du dir einmal einbildest, daß du den wilden Menschen zähmen willst. Komme mir aber später nicht mit Klagen!" Helge kam nicht mit Klagen, obgleich sie viel unter ihres Mannes Ungestüm und rohem Sinn zu leiden hatte.
Aber sie hatte ihn eben lieb und er sie auch.

Das Häuschen, welches Jan sich weitab von allen anderen erbaut hatte, war wohl klein, doch nett und wohnlich. Helge wußte der sehr bescheidenen Einrichtung eine solche Behaglichkeit zu geben, daß es jedem wohl tat, der in die kleine Stube trat. Aber nicht nur ihr kleines Hauswesen hielt sie in Ordnung; sie half ihrem Mann auch tüchtig bei der Arbeit. Sie fuhr mit hinaus zum Fischfang, trocknete und räucherte die Fische, strickte, flickte und wusch die Netze, kurz: Sie war eine richtige und echte Gefährtin ihres Mannes.

Ja, und wenn er es auch nicht laut sagte, er empfand ihren Wert gut und ehrte und liebte sie in seiner barschen Weise. Er gab viel auf ihren Rat und ihre verständige Rede, wenn er ihr auch scheinbar niemals recht gab. Vielleicht hätte sich seine Rauheit noch gemildert, wenn die bunte Wiege, die ihnen als Hochzeitsgabe verehrt worden war, nicht leer geblieben wäre. Doch Jahr um Jahr ging dahin, und das Paar blieb allein. Kein helles Kinderlachen unterbrach die Stille der Hütte, kein Kindesauge strahlte Jan und Helge an. Und sie hätten sich beide unendlich gefreut, wenn ihnen solches Glück beschert worden wäre.

So schön das Häuschen gelegen war, es gewährte einen prächtigen Ausblick auf das weite Meer, so gab es dabei doch einen Punkt, über den Helge mit ihrem Manne nie einig wurde, und das war die Nachbarschaft einer wunderbaren QueIle. Unweit der Hütte quoll klares, reines Wasser aus dem Felsen. Es war von einer merkwürdig blaugrünen Farbe, genau wie Seewasser, jedoch von süßem Geschmack. Als munteres Bächlein stürzte es sich über die Felsen hinab in das Meer, mit dem es sich sofort verband. Jan hatte sein Haus mit gutem Bedacht in die Nähe dieser Quelle gebaut, da Trinkwasser sonst nur aus großer Entfernung zu beschaffen war. Es gab zwar den Herthasee in der Nähe; aber daraus mochte niemand Wasser für den Haushalt schöpfen.

Kurze Zeit, nachdem Helge als junge Frau in ihr neues Heim gezogen war, fiel es ihr auf, daß sich in der Quelle jedesmal ein sonderbares Brausen und Rauschen bemerkbar machte, wenn sie ihre Eimer dort füllte. Einigemale war es ihr vorgekommen, als ob ein wunderliches Gesicht sie aus dem klaren Wasserspiegel drohend angeblickt hätte, so daß sie erschrocken zurückfuhr.
Eines Tages wollte sie eben wieder zur Quelle gehen, da begegnete ihr der greise Knut, der Ziegenhirt, der wohl mehr als hundert Jahre alt sein mochte.

Als er sah, daß die Frau in der Felsenquelle Wasser schöpfen wollte, fiel er ihr entsetzt in den Arm und rief: "Was beginnst du, törichtes Weib, willst du mit aller Gewalt Unheil über dich und deinen Mann bringen? Weißt du nicht, daß diese QueIle der Eingang zur Wohnung des Klabautermanns ist?"

"Was sagst du", stammelte Helge erschrocken, "hier wohnt der boshafte Wassergeist, der seine Freude daran hat, wenn die Schiffe ins Verderben stürzen?"
"Jaja." Der Alte nickte.
"Dein Mann weiß es recht gut; aber in seinem wilden Frevelmut hat er sich fern von allen Menschen trotzig hier angebaut."Helge überlief es eiskalt. Sie überlegte, daß sie ja, ihren ganzen Bedarf an Wasser von jeher aus dieser Quelle geschöpft hatte und daß ihr auch in Zukunft nichts anderes zu tun übrig blieb.

Wie, wenn dies nun den Zorn dieses unheimlichen Wasserzwerges erregte, der von den Seeleuten so gefürchtet war? Hatte sie nicht oft erzählen hören, wie der Klabautermann, lachend seine Laterne schwenkend, auf dem Kiel des Schiffes hockte oder in den Rahen umherkletterte, wenn des Wetters Ungestüm das Schiff, das dem Untergang geweiht war, in seinen Fugen erbeben ließ? Wenn der Blitz den Mast zerschmetterte, wenn die wilden Wogen das Steuer entrissen, wenn das unglückselige Wrack dem Untergang nahe war und die Besatzung dem Wellentod entgegensah, dann jauchzte der Klabautermann, und bis zum letzten Augenblick verweilte er auf dem untergehenden Fahrzeug.

Versank es endlich in den tosenden Fluten, so war der letzte Ton, der an die Ohren der Ertrinkenden schlug das gellende Gelächter des Klabautermanns. Und aus seinem Bereich war Helge gezwungen, Wasser zu holen! Natürlich hatte sie diese Tatsache sofort ihrem Manne mitgeteilt und ihn inständig gebeten, sich doch bei all den anderen Menschen im Dorf ein neues Häuschen zu bauen. Gern wollte sie alle ihre Ersparnisse hingeben, um nur dieser gefährlichen, unheimlichen Nachbarschaft zu entgehen.

Aber da war sie schön angekommen! Jan wollte über Helges Entsetzen schier platzen vor Lachen und rief: "Närrisches Weib, denkst du, ich weiß nicht, wer unser Nachbar ist? Das ist es ja eben, was mir Spaß macht, daß uns der wunderliche Kauz Trinkwasser geben muß, er mag wollen oder nicht. Sei nicht so dumm, dich zu fürchten! Der Klabautermann ist kein so schlimmer Gesell, wie du glaubst. Ich habe Beispiele genug gehört, daß er Schiffer und Fischer sogar beschützt hat."

"Um so weniger hättest du seinen Unwillen herausfordern sollen", entgegnete die Frau ernst. "Man muß die Bosheit nie herausfordern und die Gutmütigkeit nicht mißbrauchen. Warum störst du den Wassergeist in der Stille seiner Wohnung? Ich glaube nicht, daß es ihm gefällt, wenn ich den Eimer in die Quelle hinab lasse."
"Ach, Weibergeschwätz", brummte der Fischer. "Wenn ihm meine Nachbarschaft nicht gefällt, mag er fortziehen!"

Helge seufzte. Sie wußte leider schon längst, daß ihr Mann niemals auf vernünftige Vorstellungen hörte, sondern nur seinem Eigenwillen folgte. Seit der Zeit ging sie mit Zagen und Widerwillen nach der Quelle. Viel lieber wäre sie drei Stunden nach dem Herthasee gegangen. Allein dessen Wasser war am Ufer oft trüb und schlammig. Sie schöpfte von nun an mit der größten Vorsicht und vergaß niemals, vorher hinabzurufen: "Bitte erlaube mir, ein wenig Wasser hier zu schöpfen." Alsdann war es ihr, als ob aus dem Wasserspiegel ein runzliges Antlitz zustimmend nickte.

Es war an einem sonnigen Sommernachmittag. Das Meer glitzerte ,und glänzte im Sonnenschein und murmelte leise wie ein Waldbächlein. Über ihm wölbte sich tiefblau die Himmelsdecke. Am Horizont flossen Himmel und Meer so innig zusammen, als ob man dort aus einem ins andere schreiten könnte. Helge war zur Quelle gegangen, hatte aber ihre Eimer hingestellt und saß nun, die Hände über dem Knie verschränkt, nachdenklich auf einem Felsenvorsprung. GedankenvoIl blickte sie in die Ferne.

Dort draußen die weißen Punkte waren wohl die Fischerboote, bei denen sich auch Jan befand. Sie fühlte sich heute wieder einmal recht einsam. Die schwüle Stille wirkte niederschlagend auf ihr Gemüt. Es war so leer, so öde um sie. Warum war ihr nur das Glück nicht beschieden, ein Kindlein zu besitzen? Unwillkürlich hatte sie ihren Gedanken Worte verliehen; da, plötzlich ein Schrei, ein Platsch -- und als sie sich erschrocken umsah, bemerkte sie, daß von dem steilen Abhang ein kleines Kind in die Quelle gefallen war. Diese war tief.

Rasch und entschlossen beugte sich Helge über den Brunnenrand. In dem selben Augenblick tauchte das Kind wieder empor. Sie erfaßte es, und mit einem kräftigen Ruck hob sie es hoch. Es war ein Knabe von vielleicht drei Jahren. Weder der Fall noch das Bad schienen ihm geschadet zu haben; denn er blickte seine Retterin mit hellen Augen an und lachte. Schön war er nicht, das mußte man sagen.

Auf einem kleinen, schmächtigen, aber starkknochigen Körper saß ein großer, dicker Kopf, bedeckt mit lang strähnigem schwarzem Haar, das zottig in die breite, niedere Stirn hinein hing. Die gelbe Haut war straff über die hervorstehenden Backenknochen gezogen. Ein breiter Mund mit wulstigen Lippen ließ zwei Reihen mächtiger Zähne erkennen. Eine kleine, plumpe Nase gereichte dem Gesicht durchaus nicht zur Zierde, und nur die beweglichen grauen Augen verschönten das selbe einigermaßen. Im Grunde bot der Junge den Anblick eines recht häßlichen, kleinen Ungetüms. Er schien überdies auch keineswegs von reicher Herkunft zu sein; denn das einzige Kleidungsstück, das er trug, war ein grob wollener, brauner Kittel. Seine krummen Beinchen waren unbedeckt.

Was fragt denn aber ein Frauenherz nach Schönheit, wenn sein Mitgefühl für ein hilfsbedürftiges Wesen erweckt wird! Frau Helge trocknete den armen Schelm mit ihrer Schürze ab und fragte ihn besorgt, ob er sich weh getan habe. Da riß der Kleine den Mund weit auf und schrie: "Nein, Purzelbaum macht, bums, platsch!" Dabei bezeichnete er den Vorgang so komisch mit Händen und Beinen, daß die Frau mitlachen mußte. Endlich fragte sie den Knaben, der es sich auf ihrem Schoß bequem gemacht hatte: "Wie heißt du denn, mein Söhnchen? Wer sind deine Eltern, und wo wohnst du?"

Der Knabe schien aber gar nicht zu verstehen, was die Frau wissen wollte, sondern rief nur, vergnügt mit den Beinen strampelnd: "Bautzmann, Bautzmann!"
"Du kannst doch nicht Bautzmann heißen", erwiderte verwundert Helge. Aber: "Oja, oja!" beteuerte der Kleine lachend und zappelnd. Helge überlegte, was sie wohl mit dem Kind anfangen sollte. Es hatte etwas so Fremdartiges an sich und schien durchaus keine Auskunft über seine Angehörigen oder seine Heimat geben zu können. "Willst du mit mir kommen?" fragte sie von neuem, und "ei ja, ei ja! Hunger, essen!" antwortete der Kleine.

Das ließ sich die Frau gesagt sein. Rasch füllte sie ihre Eimer, hob den einen auf die Schulter und hieß den Kleinen sich an der Hand festhalten, mit welcher sie den anderen Eimer trug.
Hei, wie der Junge mit den krummen Beinchen rennen konnte! Im Häuschen angekommen, holte Helge Ziegenmilch und Brot herzu, um den Hunger ihres Findlings zu stillen. Dieser war auf die Bank geklettert und stemmte die Ärmchen auf den Tisch, als ob er von jeher hier daheim gewesen wäre. In unglaublich kurzer Zeit hatte er die Speisen verzehrt; doch war er nicht so unbescheiden, noch mehr zu fordern, obgleich sich Helge erbot, ihm noch Milch und Brot zu holen.

Er machte es sich bald bequem, streckte sich auf die Bank, legte den Kopf auf den Arm und schlief ein. Kopfschüttelnd betrachtete die Frau den kleinen Schläfer. Er war doch ein gar zu wunderliches Geschöpf. Was würde wohl ihr Mann zu dem kleinen Gast sagen? Es wurde Abend. Helge war mit dem Zubereiten des Abendbrotes fertig und trat hinaus, um nach Jan auszuschauen. Da nahten die Boote schon. Flink lief sie zum Ufer hinab, um beim Landen zur Hand zu sein. Ihr Mann winkte ihr schon von weitem fröhlich zu und rief herüber: "Solchen Fang wie heute habe ich noch nie gemacht. Schau her, Weib, das Boot faßt die Fische kaum!"

HeIge schlug die Hände vor Erstaunen zusammen. Da galt es, sich zu rühren, um das Glück richtig zu nützen, damit die schöne Beute nicht verderbe. Vorläufig wurden die Fische in Fässer getan und für die Nacht an einen kühlen Ort gestellt. Morgen in aller Frühe sollte es an das Einsalzen oder Trocknen gehen. Die Sonne war bereits untergegangen, als Jan und Helge in die Stube traten, um sich das wohlverdiente Abendbrot schmecken zu lassen. Erst jetzt fiel es der Frau ein, daß sie ganz vergessen hatte, ihrem Mann von dem kleinen Ankömmling etwas zu sagen.

Im Halbdunkel kollerte den Eintretenden ein sonderbares Etwas entgegen. Es war der kleine Junge, welcher ausgeschlafen hatte und nun zum Zeitvertreib Purzelbäume in der Stube schlug. Verwundert prallte Jan zurück; doch Helge erzählte kurz und bündig, während sie die Tranlampe anzündete, wie sie zu dem Kinde gekommen sei. Prüfend betrachtete der Fischer den wilden Knaben. Dann packte er ihn mit raschem Griffe beim Genick, stellte ihn auf die Beine und sagte: "Na, mal still, Knirps, muß doch sehen, was du eigentlich für ein Kerlchen bist."

Der guckte ihn von unten herauf mit einer so komisch ernsthaften Miene an, daß Jan in lautes Lachen ausbrach und rief: "Gelt, Weib, gerade so hätte unser Söhnchen nicht ausschauen sollen. Ich werde morgen nach der Arbeit Umfrage halten, wohin der kleine Schelm gehört. Sollte sich jedoch niemand zu ihm finden, nun, so mag er eben bei uns bleiben." Ein listiger Blick schoß aus des Knaben Augen nach Jan und Helge. Diese jedoch bemerkten es nicht. Helge hob ihn auf die Bank, damit er an der abendlichen Mahlzeit teilnehme.

Jans Nachforschungen nach des Kleinen Eltern und Heimat blieben erfolglos, obgleich er sie beharrlich wochenlang fortsetzte. Bautzmännchen zeigte auch gar kein Verlangen, wieder fortzukommen, sondern fühlte sich in Classens Hause ganz heimisch. Helge war dies recht. Sie hatte den Wildfang lieb gewonnen. "Er sieht auch gar nicht so häßlich aus, wie es mir anfangs vorkam", sagte sie zu ihrem Mann. Doch dieser schlug ihr lachend auf die Schulter und fügte hinzu: "Weil du dich bereits an den Kleinen gewöhnt hast!"

Wochen und Monate gingen dahin. Der Knabe, den man Klaus genannt hatte, weil Bautzmann doch gar zu sonderbar klang, brachte Leben in das eintönige Dasein Jans und Helges. Er tummelte sich auch sorglos außerhalb des Häuschens, kletterte mit den beiden Ziegen um die Wette oder bat den Fischer so lange, bis er ihn mit auf den Fischfang nahm. Dann hockte er auf der Spitze des Kieles, und wenn das Boot auf bewegten Wellen auf und nieder tanzte, schrie er lustig: "Hoioho, hoioho!"

Anfänglich war Jan ängstlich gewesen, das Kerlchen könne am Ende ins Meer fallen. Aber diese Sorge schwand bald; denn Klaus klebte wie eine Klette an dem Kahn. Und als er eines Morgens doch ins Wasser purzelte, sah Jan zu seinem höchsten Erstaunen, daß er schwimmen konnte wie eine Wassermaus. Das schien ihm doch nicht mit rechten Dingen zuzugehen, und bedenklich sah er den Jungen von der Seite an, als er wieder im Boot stand und wie ein nasser Pudel das Wasser abschüttelte. Bald aber beruhigte er sich. Er dachte: Der Klaus ist jedenfalls älter, als wir gemeint haben. Er ist nur so klein, und bei seinem häßlichen Gesicht läßt sich das Alter schwer bestimmen. Es ist schade, daß er darüber keine Auskunft geben kann.

Einige Tage später begleitete Klaus seine Pflegemutter, die eine Bütte voll Fische nach dem Markte trug. Unterwegs begegnete ihnen der alte Knut, der Ziegenhirt. Kaum hatte er den Knaben an Helges Seite erblickt, so fuhr er zusammen, als ob ihn eine Natter gestochen hätte. Starr sah er ihn an und hob warnend die Hand in die Höhe. "Woher habt Ihr denn den Jungen, Helge Classen?" rief er aus. "Schafft ihn schleunigst wieder hin, wo Ihr ihn gefunden habt. Denkt an meinen Rat!"

Klaus war hinter die Frau getreten und schnitt dem Hirten eine fürchterliche Fratze, wobei er drohend die kleine Faust ballte. Doch dieser ließ sich nicht irremachen, sondern sagte mit erhobener Stimme: "Er scheint aus Holland zu stammen, man hört es an der Sprache. Jaja, dort gibt es Leute, die haben Wohnungen wie die Dachse und Füchse. Nur daß sie mit Wasser gefüllt sind und ihre Ausgänge an den Ufern aller Meere haben, damit sie bei der Hand sind, wenn Sturm und Wetter die Schiffe in Not bringen!"

Hätte jetzt Frau Helge Obacht auf ihren Schützling gehabt, so würde sie mit Entsetzen die Veränderung bemerkt haben, die mit ihm vorging. Die Füße schienen vor Wut den Erdboden zerstampfen zu wollen. Die Gesichtszüge waren verzerrt. Aus dem Munde fletschten die Zähne wie bei einem Raubtier, und die Augen schienen Flammen zu sprühen. Von alledem nahm die gute Frau jedoch nichts wahr. Sanft antwortete sie: "Wir haben das hilflose Kind aufgenommen, weil niemand es haben mochte, und bis jetzt haben wir keine Ursache, den armen Schelm wieder fortzujagen. Uns ist endlich ein Kind geschenkt worden, das wir liebhaben können. Nicht wahr, Klaus, du hast uns auch lieb?"

Bei den freundlichen Worten Helges hatten sich die Mienen des Knaben wieder aufgehellt, und jetzt antwortete er freundlich, nicht ohne einen Seitenblick auf Knut, der mit vorgestrecktem Kopf aufhorchte: "Ja, habe euch lieb; Bautzmann will bei euch bIeiben!"
Bei dem Namen Bautzmann zuckte Knut zusammen, fuchtelte nochmals warnend mit seinem Stock in der Luft herum, sagte aber nichts mehr, sondern hinkte davon.

So war der Spätherbst gekommen. Das Wetter wurde von Tag zu Tag stürmischer und für die Fischer gefährlicher. Mit Sorge sah Helge oftmals ihren Mann hinausfahren auf die stürmische See. Sein alter Trotz und Übermut, die eine Zeit lang geruht hatten, brachen plötzlich mit Gewalt wieder hervor, und er achtete weder auf Bitten noch auf Warnungen. Seine Lust an der Gefahr überwog alle vernünftigen Vorstellungen.

Auch den kleinen Klaus befiel eine merkwürdige Unruhe. Er kam oft den ganzen Tag nicht heim, und Helge lebte in fortwährender Angst, daß ihm ein Unglück widerfahren sei. Seit die schlimme Witterung eingetreten war, durfte er Jan nicht mehr beim Fischfang begleiten. Seine Bitten wurden rauh zurück gewiesen: "Das fehlte mir noch, auf einen unnützen Bengel aufpassen zu müssen, wenn man alle Hände voll zu tun hat, um mit Wind und Wasser fertig zu werden. Warte, bis du groß bist, dann kannst du mir helfen!"

Eines Tages rüstete sich Jan wieder zum Fischfang. Der Sturm heulte um die Hütte, als ob alle bösen Geister los gelassen wären. Dichte Nebel verhüllten das Meer. Die Sonne glich einem schwefelgelben Ball, der sich mühsam im Firmament fortwälzte. Als Jan das Boot klar machte, war ihm Helge gefolgt. Sie war zum Mitfahren fest entschlossen, damit ihr Mann wenigstens jemanden in der Nähe habe, der ihm beistehen könne. Aber barsch und ungestüm hatte dieser ihre Hilfe zurückgewiesen.

"Ich bin Manns genug", schrie er ihr zu, "und ich brauche keinen Weiberbeistand. Du willst mich wohl gar retten, wenn es an Hals und Kragen geht? He? Da müßte ich mich ja schämen und auslachen lassen! Nein, du bleibst daheim. Punktum!"

Als Jans Boot in den wallenden Nebelmassen verschwunden war, kehrte Helge tiefbetrübt ins Häuschen zurück. Eben schlüpfte Klaus mit einem listigen Lächeln zur Hintertür hinaus, als die Frau in die Stube trat und sich nach dem Knaben umsah. Es war ihr gar nicht lieb, daß auch er sich bei dem bösen Wetter umhertrieb. Wollte er es ihrem Manne nachtun? Der Tag schlich dahin. Gegen Abend hellte sich der Himmel etwas auf. Heute war Vollmond. In Helges geängstigtem Herzen stieg die Hoffnung auf, daß ihr Mann beim Mondenschein zurückkehren werde, wenn nur das Meer sich erst etwas beruhigte.

Auch Klaus war den ganzen Tag nicht heimgekommen. Wo trieb sich nur der Bub umher? Die Frau trat vor die Tür, um nach ihm auszuschauen. Siehe, da nahte der alte Knut. Er winkte und machte schon von weitem allerhand Zeichen, daß Frau Helge mit ihm kommen solle. Ein Schrecken durchfuhr sie. War ein Unglück geschehen? Knut ging eilenden Schrittes den steilen Weg hinab, der in das Tal führte, wo der Herthasee lag. Immer winkend, rief er Helge halblaut zu: "Geschwind, geschwind, daß wir unten sind, wenn der Mond aufgeht. Da werdet Ihr sehen, was Ihr mir nicht glauben wolltet!"

Der Frau klopfte das Herz. Was sollte sie nur erfahren? Jetzt waren sie angekommen. Knut faßte sie bei der Hand und zog sie hinter einen Felsvorsprung von dem aus man ungesehen das Tal beobachten konnte. Alles lag still. In wunderlichen Formen und Gestalten wallten die Nebelschleier durcheinander. Ein fahles Licht ließ alles noch unheimlicher erscheinen. Aus dem sumpfigen Boden am Rande des Sees tauchten zahllose Irrlichter auf. Leuchtende Dünste durchzogen die Luft.

Es war ein Leben und Treiben, das unheimlich aussah. Plötzlich erschien den Mond über den Hügeln, und sofort veränderte sich das Bild. Den Abhang herab schritt Hertha, eine große weißgekleidete Frau. Weithin wallte ihr goldblondes Haar gleich einem mächtigen Schleier. Ihre großen blauen Augen strahlten in mildem Glanz; doch über ihrer ganzen Erscheinung lag der Ausdruck tiefer Trauer. Als sie am See angekommen war, umringten sie zahllose weibliche Wesen, die aus den Nebeln entstanden waren.

Sie brachten einen goldenen Wagen herbei, den sie vorher im See gewaschen hatten. Aber siehe, er war morsch, und die Speichen seiner Räder waren zerbrochen. Im wogenden Reigen zogen sie den Wagen hinweg, und nun umtanzten Kobolde und Erdgeister die betrübte Frau, die teilnahmslos am Seeufer saß und nach dem stillen Monde blickte. Da veränderte sich das Bild. Mitten auf dem See kam ein sonderbares Wesen in einem Muschelwagen gefahren.

Beinahe hätte Helge laut aufgeschrien und "Klaus!" gerufen, wenn ihr nicht zu rechter Zeit Knut die Hand auf den Mund gelegt hätte. Das Männchen sah aber durchaus nicht kindlich aus, sondern trug einen langen, dunklen Bart, auf dem Kopf eine Lederkappe und war nach Art der holländischen Schiffer gekleidet. In der Hand hielt es eine weithin leuchtende Laterne, weIche es lustig im Kreise schwang. Vor der weiß gekleideten Frau machte es halt, verneigte sich und schien ihr leise etwas mitzuteilen, wobei es mehrmals nach der Richtung deutete, in der Classens Hütte lag.

Ein Schimmer von Heiterkeit überflog Herthas Gesicht, als sie den Kleinen Abschied nehmend freundlich grüßte. Dieser lenkte alsbald seine Muschel nach der Mitte des Sees, wo er versank. In diesem Augenblick kamen düstere Wolken und verhüllten den Mond. Im Nu verschwanden auch die übrigen Gestalten auf dem Herthasee sowie Hertha selbst. In der Luft ertönte ein dumpfes, entsetzliches Brausen, und mit doppelter Gewalt brach das Unwetter wieder los. Helge war regungslos. Ihr wirbelte der Kopf von dem Gesehenen. Der Schrecken nahm ihr den Atem und ließ sie keinen Gedanken fassen.

Da packte Knut sie am Arm und rief: "Wißt Ihr nun, wen Ihr bei Euch aufgenommen habt? Habt Ihr den Klabautermann erkannt?" HeIge konnte nicht antworten. Sie nickte nur stumm und ließ sich willenlos von dem Hirten hinweg ziehen. Es war schwer, das Häuschen zu erreichen; denn die Naturgewalten schienen sich verschworen zu haben, den entsetzlichsten Reigen aufzuführen. Das Meer brüllte und schleuderte Wogenberge brandend gegen die Felsen, als ob es das Eiland vernichten wollte. Jammernd rang Helge die Hände; denn aus diesem Aufruhr der Natur kehrte wohl ihr Mann nimmer zurück.

Voll Trotz und sehr befriedigt, sein Weib zurückgewiesen zu haben, segelte Jan hinaus auf die See. Obgleich Wind und Nebel für den Fischer keine Verbündeten sind, senkte er doch die Netze ins Meer. Er hatte aber heute entschieden Unglück. Zuerst geriet das Netz an eine Klippe, und es war noch gut, daß es völlig zerriß; denn beinahe wäre durch die Gewalt des Rucks das Boot gekentert. Während Jan damit beschäftigt war, das Netz aus dem Wasser zu ziehen, legte sich der Wind in das Segel, und von neuem kam das Schiff in Gefahr umzuschlagen. Jan arbeitete aus Leibeskräften, um das Segel zu reffen; denn der Sturm erhob sich immer mehr.

Nur mit äußerster Anstrengung gelang es ihm endlich. Dichter und kälter umgaben die Nebelmassen den einsamen Fischer. Kaum konnte er die blendend weißen Schaumkämme der heranstürzenden Wogen erkennen. Doch der wetterharte Mann verzagte nicht. Mit eiserner Faust hielt er das Steuer und lugte scharf aus, daß er vor dem Winde blieb. Allerdings sagte er sich, daß er auf diese Weise keine Aussicht hätte, wieder in die Nähe der Heimatinsel zu gelangen, sondern vielmehr auf das weite Meer hinaus trieb. Mittag war vorbei, als sich der Wind einigermaßen legte und hier und da ein Riß in der Nebelwand entstand. Eiligst hißte Jan das Segel auf, und durch Kreuzundquerfahrt hoffte er, die Rückkehr noch vor dem Dunkelwerden bewerkstelligen zu können. Es sollte ihm nicht gelingen.

Der Sturm schien nur Atem geholt zu haben; denn als der Abend nahte, erhob er sich mit erneuter Gewalt. Gleichzeitig brach eine dichte Finsternis herein, und der unglückliche Fischer sah sich rettungslos dem empörten Meere preisgegeben. Vergebens kämpfte er mit Aufbietung seiner letzten Kräfte in Todesangst um sein Leben. Längst waren ihm das Spotten und das Trotzen vergangen. Noch einmal durchbrach der Vollmond die Wolken und den Nebel; dann wurde es wieder tiefe Nacht. Stumpf und starr, nur noch krampfhaft das Steuer umklammernd, hockte Jan in seinem Boot.

Da, plötzlich, was war das? Welch sonderbarer Lichtschein? Was kauerte denn da vorn auf dem Kiel? Dem Fischer lief es eiskalt über den Rücken, als er erkannte, daß es ein zwerghaftes Männchen mit einem langen Bart war, welches eine Laterne im Kreise schwang und gellend dazu lachte. "Der Klabautermann!" murmelte der erblassende Jan.
"Ja, der Klabautermann!" kreischte der Kleine. "Erkennst du mich nicht?"
"Klaus, Bautzmann!" rief entsetzt der Fischer.
"So ist es", entgegnete der. "Ich bin Helges und dein Pflegesohn. Euch zu prüfen, kam ich in euer Haus. Jetzt siehst du nun, eigenwilliger, hochmütiger Mensch, wohin dich dein wilder Trotz geführt hat."

Jan vermochte nicht zu antworten. Seine Zähne schlugen klappernd gegeneinander, und die helle Verzweiflung malte sich auf seinen Zügen. Seine schlotternden Beine trugen ihn nicht mehr. Kraftlos sank er in sich zusammen, und seinen Händen entglitt das Steuer. Hei, wie das befreite Schifflein nun auf den turmhohen Wogen tanzte; ein lustiges Spiel, wenn es nur nicht so verderblich gewesen wäre! Des Fischers Übermut war gebrochen. Er ergab sich in sein Schicksal und erwartete den Tod, den er selbst heraufbeschworen hatte. "Klaus", bat er mit leiser, demütiger Stimme, "ich habe mein Los verdient. Wenn es aber noch eine Gnade für mich gibt, so bitte ich dich: Grüße mein armes Weib, tröste sie und verlasse sie nicht!"

Der Kleine hob seine Laterne empor und leuchtete dem Mann ins Gesicht. Nachdem er ihn durchdringend angesehen hatte, rief er. "Will sehen, was sich für dich tun läßt." Und für sich setzte er hinzu: "Diese Lehre wird er nicht vergessen!" In dem selben Augenblick raste eine Riesenwelle heran, und -- verschwunden war das kleine Fahrzeug mit seinen Insassen.
Am andern Morgen ging die Sonne fröhlich und heiter auf, gerade als ob niemals ein Unwetter sie verdunkelt hätte. Das Meer murrte noch ein wenig, die Wellen schlugen noch unruhig gegen den Strand; aber die unendliche Wasserfläche machte einen friedlichen Eindruck.

In Classens Hütte war es still. Helge saß vor dem großen Bett, dessen bunt geblümte Vorhänge zurückgeschlagen waren, und blickte besorgt auf ihren Mann, der mit verbundenem Kopf in den Kissen lag und im Fieber irre redete. Sie beachtete die eigene Erschöpfung nicht. Hatte sie doch die ganze Nacht in Sturm und Graus am Ufer gestanden und in Angst auf ihren Mann gewartet. Beim Morgengrauen hatte sie auf einmal ein kreischendes "Hoioho" vernommen. Gleich darauf spülte eine Welle mit dumpfem Krach ein Boot ans Ufer, in dem sich, mit einem Seil an die Ruderbank festgeschnürt, Jan befand.

Voll Schreck und doch voll Jubel hatte Helge ihren Mann losgeknüpft. Freilich gab er nur schwache Lebenszeichen von sich und blutete aus einer Kopfwunde; aber die brave Helge hob ihn auf und trug ihn in die Hütte. So befand sich nun der Fischer in treuer Pflege, und nach wenigen Tagen hatte das gute Weib die Freude, ihren Mann genesen zu sehen. War dies aber noch ihr wilder Jan? Er war wie ausgewechselt.

Ernst und sanft, ruhig in seinem ganzen Benehmen, konnte sie ihn kaum wiedererkennen. Er bemerkte das freudige Erstaunen seiner Frau und benützte die erste Gelegenheit, als sie abends bei der Lampe behaglich beisammen saßen, ihr die Erlebnisse seiner letzten Schreckensfahrt zu erzählen. Am Schluss reichte er ihr die Hand und sagte: "Von nun an will ich ein anderer werden. Nie wieder werde ich mich mutwillig in Gefahr begeben. Wir wollen uns im Dorf bei all den anderen Menschen anbauen, dann werden wir auch den Klabautermann in Zukunft nicht mehr belästigen." Wie froh war Helge über diesen Entschluß! Sie erzählte, was sie mit Knut gesehen hatte, und Jan hörte ihr voll Staunen zu.

Im nächsten Frühjahr wurde im Dorf ein neues Häuschen erbaut. Es gehörte Jan Classen. Schon im Spätsommer konnte das glückliche Ehepaar einziehen. Hier sollte ihnen auch eine Freude zuteil werden, die ihnen bisher versagt geblieben war; denn im Herbst lag ein prächtiger Junge in der bunten Wiege. Von nun an wurde ihr Glück durch nichts gestört.
Den Klabautermann sahen sie nie wieder. Sein Andenken aber hielten sie in Ehren und litten nicht, daß man ihn einen boshaften Wassergeist schalt.

 

Sage von der Ostsee

DAS MÄRCHEN VON FANFERLIESCHEN SCHÖNEFÜSSCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hieß Jerum, und sein Land hieß Skandalia, und er regierte in der Stadt Besserdich. Dieser Jerum war gar nicht viel wert, er quälte seine armen Untertanen bis aufs Blut, so dass sie Jahraus, Jahrein schrien. "O Jerum, o Jerum, sieh auf Skandalia und besser dich!" Er wirtschaftete aber immer drauf los und war ganz das Gegenteil seines verstorbenen Vaters, dessen Sterbetag die Bürger von Besserdich jährlich mit großer Traurigkeit feierten.

Vor diesem Tage ritt der böse Jerum immer mit seinem ganzen Hofstaat nach einem fernen Jagdschloss Munkelwust, um nicht die Liebe seiner Untertanen zu seinem seligen Vater zu sehen. Als er nun einstens mit unanständigem Hörnergeblase und Peitschengeknall am Tag vor dem Trauerfest der Stadt hinaus zog, sah er nah an dem Tore vor einem kleinen Hause eine alte Frau ihre Ziege kämmen. Da nahm er seinen Bogen und legte einen Pfeil auf und verwundete der alten Frau die Ziege. Die Alte ergrimmte sehr und schrie ihm nach:
"O Jerum, o Jerum,
meine Ziege geschossen.
O Jerum, o Jerum,
dir selbst zum Possen;
sie ist ein armes Waiselein,
wird Königin im Lande sein."

Jerum bekümmerte sich nicht um das Geschrei der Alten und sprengte im Galopp zur Stadt hinaus. Die Alte hieß Fanferlieschen und war eine außerordentlich kluge Hexe; bei dem verstorbenen Vater des König Jerum hatte sie sehr viel gegolten; sie hatte damals große Macht in Händen und dem Lande viel Gutes getan. Wenn der alte König einen Minister oder General oder Gelehrten haben wollte, so ging er nur zu Fanferlieschen, die damals sehr schön war, und sprach nur:
"Fanferlieschen
hat schöne Füßchen,
nicht zu lang, nicht zu kurz;
schüttle mir aus deinem Schurz
einen guten Staatsminister!"

"Herr, da ist er!" sprach sie dann und schüttelte ihn aus der Schürze. So hatte sie dem König viele geschickte Leute verschafft.

Aber als der Jerum an die Regierung kam, wurde Fanferlieschen vertrieben, ja er ließ ihr ein großes Loch von seinen Jagdhunden in die Schürze reißen und misshandelte sie auf alle Weise. Da zog Fanferlieschen in ein kleines Haus in der Vorstadt und mästete Vieh und Geflügel, und man wunderte sich über gar nichts, als dass sie niemals einen Ochsen oder Esel oder ein Pferd oder einen Puthahn oder sonst etwas verkaufte.

Aber oft hörte man sie in der Nacht, wenn alles ganz still war, sehr ernsthafte Staatsgespräche mit ihrem Vieh halten, und lautete es nicht anders, als wenn die größten Professoren bei ihr versammelt wären, so dass es ordentlich in der ganzen Stadt ein Sprichwort war, wenn einer von den Hofleuten des König Jerum einen üblen oder dummen Streich machte, zu sagen: "Dieses Rindvieh hat nicht bei dem Fanferlieschen studiert!"

Als ihr der Jerum nun die Ziege verwundet hatte, geriet Fanferlieschen in den höchsten Zorn gegen ihn und entschloss sich, Rache an dem König zu nehmen. Sie legte die geliebte Ziege in ein schönes Bett und verband ihr die Wunde mit Kräutern und Wein.

In der Stadt machte man schon alle Anstalten, das Andenken des verstorbenen guten Königs Laudamus zu feiern. Alle Häuser waren mit schwarzem Tuch behängt, auf allen Türmen und Rauchfängen wehten schwarze Fahnen. Alle Glocken, die geläutet wurden, hatten Schwarze Flöre an den Schwengeln. Alle Bürger zogen schwarze Wäsche und Kleider an, alle Perückenmacher puderten schwarz, alle Schimmel waren Rappen, man aß nichts als Schwarzwildbret und Schwarzwurzeln und Schwarzsauer.

In solcher entsetzlichen Schwärze waren bereits alle Einwohner in der großen Kirche der heiligen Nigritia um das Grab des Königs Laudamus versammelt, auf welchem viele tausend schwarze Fackeln brannten, und warteten nur noch auf das Fräulein Fanferlieschen, um ihre Trauergesänge anzufangen. Denn Fanferlieschen pflegte alle Jahre dieses Trauerfest mit einem großen Leichenzug zu verherrlichen.

Sie kam immer an der Spitze ihres sämtlichen schwarzen Horn- und Federviehs durch die Stadt in die Kirche gezogen, und es war den guten Bürgern nichts so rührend, als alle die schwarzen Pferde, Esel, Stiere, Kühe, Böcke, Ziegen, Schafe, Schweine, Hunde, Katzen, Puthähne, Pfauen, Haushähne, Hühner, Schwanen, Gänse und Enten usw. die bittersten Tränen vergießen zu sehen. Ein großer Teil in der Mitte der Kirche war für sie und ihren Zug frei gelassen.

Die Bürger harrten; da kam der Kirchendiener und zeigte an, dass der Zug der Fanferlieschen sich nähere; die Tore wurden aufgetan, und man sah Fanferlieschen in schwarzem Samt gekleidet mit einer Krone von schwarzen Brillanten neben einer schwarzen Portechaise hergehen, die von zwei schwarzen Eseln getragen wurde. Vor ihr her ging ein schwarzer Pudel auf den Hinterbeinen, der trug Fanferlieschens Schürze, welche dem Lande so viel Gutes getan und von den Jagdhunden des Jerums zerrissen worden war, an einer Stange als Trauerfahne, und hinter der Trauer-Portechaise folgten viele schwarze Böcke und Ziegen mit Trauerflören und Zitronen auf den Hörnern.

Dann kam alles übrige schwarze Horn- und Wollen- und Federvieh, alle mit Zypressenzweigen und Kränzen geziert. Kurzum, die ganze Herde des Trauerviehs war auf die rührendste und anständigste Art geschmückt und bezeugte ein tiefes Leidwesen. Als jedermann und jedes Vieh seinen Platz eingenommen, wurde eine kohlrabenschwarze Melodie gesungen, und dann stieg Fanferlieschen auf das Grab des König Laudamus und erzählte den Bürgern alle seine guten Eigenschaften, worüber sie alle gallenbittere Tränen weinten, so schwarz wie Tinte.

Zuletzt kam sie auf die Bosheit des Königs Jerum zu sprechen und sagte: "Endlich ist es Zeit, dass wir ihm das Tor vor der Nase zumachen, seine Bosheit ist auf das höchste gestiegen: Als er gestern mit seinem gottlosen Hofstaat dem Tore hinaus ritt, stand ich vor meiner Türe und kämmte der Fräulein Ziegesar die schwarzen Locken zu dem heutigen Feste; da verwundete er mir diese geliebte Waise mit einem mutwilligen Pfeilschuss."

Bei diesen Worten Fanferlieschens entstand ein gewaltiges Murren in der Kirche, und alle Fackeln auf dem Grabe des König Laudamus knisterten und flackerten und tröpfelten schwarze Wachstränen herab. Der älteste Bürger der Stadt, der sich seine weißen Haare und seinen weißen Bart heute ganz schwarz gepudert hatte, trat zu Fanferlieschen und sprach:

"O Fanferlieschen, deine große Freundschaft mit dem seligen Laudamus, der Anblick deiner zerrissenen Schürzenfahne, aus der uns einst so viel würdige Staatsmänner geschüttelt wurden, dein stilles Leben, deine edlen Bemühungen zur Erziehung und Bildung unvernünftigen Viehs, ach! alles, was wir von dir wissen, lehrt uns, dass keine Lüge aus deinem Munde kommt; aber sage uns, wen verstehst du unter dem Fräulein Ziegesar?" -

"Wen soll ich darunter verstehen", sagte Fanferlieschen, "als jenes liebenswürdige Töchterlein des verstorbenen Fürsten von Buxtehude, dessen Land von seinem Freunde, dem verstorbenen Laudamus, verwaltet wurde, bis das liebe Fräulein herangewachsen sei, welches hier nebst vielen anderen vornehmen Waisenkindern unter meiner Aufsicht in dem Fräuleinstift und der Ritterakademie erzogen wurde.

Ach, der gute Laudamus dachte einst, den Jerum mit ihr zu vermählen; aber ihr wisst, als Jerum nach des Vaters Tod König ward, nahm er alle die Länder der Waisenkinder, deren Pflegevater er sein sollte, in Besitz und befahl seinem Kammerherrn, dem Herrn von Neuntöter, alle die armen Kinder im Fräuleinstift und in der Ritterakademie mit einem Reisbrei zu vergiften, den sie jährlich am Pfingstfeste auf der Eselswiese unter Tanzen und Springen zu verzehren pflegten.

Mich hätte er auch gern umgebracht, aber er weiß nicht, wie mein Ende ist. Als das Fest auf der Eselswiese bestellt war, zogen die unschuldigen Kinder mit Blumen geschmückt hinaus auf die Wiese. Der Reisbrei stand in einer silbernen Schüssel, welche Laudamus dazu gestiftet hatte, brotzelnd unter der großen Linde. Ich ließ die guten Kinder in einem großen Kreise niederknien und singen:
'Te regem laudamus,
qui nobis dedit Hirsenmus."

Da kam der Herr von Neuntöter und brachte Zucker und Zimt vom Jerum, welches der König immer sonst selbst drauf zu streuen pflegte. Aber es war dieses Mal Rattengift. Als der Neuntöter sich dem Musbecken nahte, sah ich auf einmal den Geist des verstorbenen Laudamus ihm entgegentreten; er sagte:

'Wenn der Jerum nicht selbst den Kindern Zucker und Zimt bringen will, so will ich es tun. Fliege hin, du Neuntöter!' Damit schlug er dem Kammerherrn erst die Zuckertüte und dann die Zimttüte um die Ohren, und sieh da, er flog in einen Neuntöter verwandelt davon. Nun kam der König Laudamus zu mir und sprach:
'Fanferlieschen
Schönefüßchen,
pfleg und zieh die Kinderlein,
bis sie wieder Menschen sein.'

Nun streute er selbst Zucker und Zimt auf das Mus und verschwand. Die Kinder hatten alle das gesehen und sangen wieder.
'Te regem laudamus,
qui nobis dedit Hirsenmus.'

Und nun fuhr jedes mit seinem silbernen Löffel in das Hirsenmus. Kaum aber hatten sie einen Löffel voll gegessen, als sie sich alle in Tiere verwandelten. Die Ziegesar in Ziegen, die Ochsenstierna in Ochsen, die Rindsmaul in Rinder, die Schimmelpennink in Schimmel, die Rabenhorst in Raben, die Boxberg in Böcke, die Putlitz in Puthähne, die Hühnerbein in Hühner, die Rothenhahn in Hähne und so ein jedes Kind nach dem Familiennamen in ein Tier dieses Namens.

Ich führte nun diese ganze Herde in den nahe gelegenen Wald in eine große Höhle und ging wieder in die Stadt. Da hörte ich, wie der König Jerum glaubte, der Kammerherr von Neuntöter sei mit den Kindern, statt sie umzubringen, in die weite Welt gelaufen, und dass Jerum Boten ausgesendet habe, ihn aufzusuchen.

Als er mich nach den Kindern fragte, sagte ich ihm: 'Der liebe Gott wird sich ihrer erbarmen.' Weiter sagte ich ihm nichts. Er ward sehr zornig auf mich, und weil er mir das Leben nicht nehmen konnte, so nahm er mir doch alles, was mir Laudamus geschenkt hatte, so dass mir nichts blieb als das Haus und der Hof und Garten meiner Eltern am Tore. Nachts führte ich nun die ganze verwandelte Herde aus dem Wald in mein Haus und habe sie bis jetzt immer in allen standesmäßigen Wissenschaften unterrichtet. Sie sind bereits alle erwachsen, und jeder wird seiner Familie Ehre machen.

Ach, Fräulein Ziegesar war vor allen ein Engel, sie tanzt alles vom Blatt weg und singt wie der größte Tanzmeister, sie webt und stickt wie eine perfekte Köchin und kocht und backt wie die größte Stickerin, sie macht Gedichte wie ein Sprachmeister und spricht alle Sprachen wie ein Dichter, kurz, sie ist eine der vollkommensten Fräulein der Welt; und diese hat mir der grausame Jerum mit einem Pfeile durch das linke Ohrläppchen geschossen.

Nein, länger wollen wir diese Schmach nicht mehr erdulden, übergebt einem anderen die Krone, denn Jerum denkt doch nur an seine Laster und niemals an Besserdich." So hatte Fanferlieschen gesprochen. Alles hatte mit der größten Spannung zugehört, und der älteste Bürger sagte: "Du erzählst uns sehr merkwürdige Geschichten, aber, wenn wir auch einen anderen König wählen, wo kriegen wir dann gleich alle die nötigen Minister und Hofkavaliere her, welche alle mit Jerum ausgereist sind? Deine Schürze, aus welcher du sie sonst schütteltest, hat ein Loch, und wird jeder durchfallen."

Nun sprach Fanferlieschen zu dem Pudel, der die Schürze trug:
"Herr von Pudelbeißmichnit,
schwenk die Fahn,
vivat Laudamus!
Es ist getan."

Da schwenkte der Pudel die Fahne und verwandelte sich zugleich in den schönsten Fahnenjunker, und alles anwesende Horn-, Wollen- und Federvieh verwandelte sich in die hoffnungsvollsten Ritter und Fräulein, und sie öffnete die Portechaise, und die Prinzessin Ziegesar mit dem verwundeten Ohrläppchen trat heraus und umarmte Fanferlieschen, und alle die verwandelten Ritter und Fräulein schrien laut:
"Oramus Laudamus!
Fanferlieschen
Schönefüßchen
soll regieren und florieren."

Da rief die ganze Versammlung das selbe, und sie nahmen Fanferlieschen und setzten sie in die Portechaise und trugen sie in das Schloss, und alles war richtig, sie musste Königin sein. Fanferlieschen aber machte nun aus allen ihren Zöglingen vornehme Leute; der Herr von Ochsenstierna wurde Minister des Ackerbaus, der Herr von Rindsmaul wurde Erz-Heumarschall, der Herr von Riedesel Generalobermühlenrat, der Herr von Rothenhahn wurde Direktor der Feuersbrunst und Hofwetterminister, und so hatte ein jeder seine Stelle nach seinen Qualitäten.

Die Prinzessin Ziegesar ward allgemein verehrt, und allgemein bekannt gemacht, wer ihr Gemahl werden würde, der sollte nicht nur ihr Fürstentum Buxtehude, sondern auch einstens das ganze Königreich Skandalia mit ihr erhalten. So ging nun alles herrlich in der Stadt, aber der König Jerum kriegte einen großen Schrecken, als die Fanferlieschen ihm einen Brief nach dem Jagdschloss Munkelwust schickte, worin drin stand, dass er abgesetzt sei und sich nicht mehr dürfe in der Stadt sehen lassen, sonst wolle man ihm den Kopf zwischen die Ohren stecken.

Wenn er aber sein Leben ändern, Witwen und Waisen das Ihrige zurückgeben und de- und wehmütig in die Stadt Besserdich zurückkehren wolle, so solle er vor allem eine fromme Gemahlin nehmen; die frömmste wäre die Prinzessin Ziegesar von Buxtehude. Hernach wolle man sehen, ob man ihn wieder zum König aufnehmen könne. Diesen Brief schickte ihm Fanferlieschen durch den Hofschäfer Mopsus, und Jerum wurde so zornig darüber, dass er dem armen Mopsus die Ohren abschneiden ließ und ihm die Nase breit schlug; und zu dessen Andenken tragen sich bis jetzt alle Mopse so.

Der König Jerum, der nun zu Munkelwust lebte, wurde jetzt ganz wie rasend, er verwüstete alles Land umher und beging tausend Grausamkeiten. Aber es ging ihm bald übel, seine Hofleute verließen ihn, und sein Geld wurde alle. Er hatte nichts mehr als das Ländchen Bärwalde, welches eigentlich der Fräulein Ursula gehörte und das er ihr noch immer zurückhielt.

Die armen Leute aus dem Ländchen mussten alles hergeben, dass er sein wildes Leben fort fahren konnte. Er hatte nur noch wenige Diener, und sein Ratgeber war ein großer hölzerner Götze, der bei Munkelwust unter einem dürren Baum stand und Pumpelirio hieß und, wenn man einen Menschen vor ihm schlachtete und ihn mit dem Blut bespritzte, auf alles antwortete, was man ihn fragte.

Jerum machte nun bekannt, er wolle sich bessern und eine fromme Frau nehmen. Da ließ er die Töchter seiner Untertanen zusammen kommen und heiratete eine. Aber in der Nacht schleppte er sie vor den Götzen Pumpelirio und brachte sie um und fragte ihn:
"Pumpelirio Holzebock!
Sag mir doch,
wann die Jungfer Fanferlieschen
Schönefüßchen
sterben wird?
Wann ich komme
nach Besserdich?"

Da fing der Pumpelirio an zu knacken wie nasses Holz im Ofen und sprach mit schnurrender Stimme:
"Fanferlieschen blind,
Ursulus das Kind
geschwind wie der Wind
Besserdich gewinnt."

Jerum wusste nicht, was das heißen sollte, er bat sich eine Erklärung aus, aber Pumpelirio sprach:
"Für einen Mord
nur ein Wort;
morgen ist auch ein Tag
zu Mord und Totschlag."

Am nächsten Morgen sagte Jerum, er habe seine Braut nach Haus geschickt, weil sie nicht fromm genug gewesen sei, und suchte sich eine andere Jungfrau und heiratete sie wieder und brachte sie wieder um vor dem Pumpelirio Holzebock und fragte ihn wieder. Der sagte aber immer dasselbe, und Jerum brachte immer mehr Fräulein um, bis sie endlich seine Grausamkeit merkten und entflohen.

Als die guten Leute in Bärwalde hörten, dass ihr Fräulein Ursula bei der Fanferlieschen lebe, gingen viele nach Besserdich, um die liebe Tochter ihres verstorbenen Fürsten zu sehen. Sie küssten ihr die Hände und Füße und klagten ihr das Elend, in dem sie durch den Jerum lebten, und wünschten nichts mehr, als dass Ursula bei ihnen sein und sie regieren möge.

Ursula weinte sehr über das Unglück ihrer Untertanen und versprach ihnen, mit Fanferlieschen zu überlegen, was zu tun sei; da zogen die guten Leute wieder ab. Als Fräulein Ursula eben mit Fanferlieschen hierüber sprach, kam ein Bote vom König Jerum zu ihr und sagte, wenn Fräulein Ursula seine Gemahlin werden wolle, so wolle er sich bessern.

Ursula willigte ein, um nur ihre armen Untertanen trösten zu können, und Fanferlieschen sagte mit bitteren Tränen zu ihr: "Ich kann dich nicht abhalten, gib dir alle Mühe, den Jerum gut zu machen; wenn du es verlangst, soll er seine Krone von mir wiedererhalten. Gehe hin, meine liebste Ursula, tue allem, was da lebt, Gutes, so wirst du in der Not nicht verderben!
Ursula, Ursula, große Not!
Wein dir nur die Äuglein rot;
Ursulus, Ursulus, gutes Kind,
macht das Fanferlieschen blind;
Ursulus, Ursula, Ursulum,
bin ich blind, so komm ich um.
Schau dich um, ich bitt dich drum."

Dann umarmten sie sich und weinten miteinander bitterlich, und Ursula zog mit dem Boten zum Tor hinaus zu dem König Jerum. Fanferlieschen aber stand auf dem Schlossturm und sah ihre liebe Ursula in ihrem weißen Hochzeitskleid fort über die grünen Wiesen ziehen; und so oft Ursula sich nach Besserdich umsah und mit ihrem weißen Tüchlein winkte und sich die Augen trocknete, musste der Fahnenjunker Pudelbeißmichnit die schwarze zerrissene Schürzenfahne auf dem Turm schwenken, wozu Fanferlieschen immer sang:
"Ursula, Ursula, große Not!
Wein dir nur die Äuglein rot;
Ursulus, Ursulus, gutes Kind,
macht das Fanferlieschen blind;
Ursulus, Ursula, Ursulum,
bin ich blind, so komm ich um.
Schau dich um, ich bitt dich drum."

Dazu bliesen die Türmer eine sehr betrübte Melodie auf den Posaunen, und dies währte so lange, bis ein Wald die Ursula und den Boten des Jerum verbarg. Ursula ging traurig neben dem Boten durch den Wald und dachte immer nach, was doch der wunderbare Gesang Fanferlieschens bedeuten möge; aber sie konnte ihn auf keine Art begreifen. Da hörte sie auf einmal einen Vogel ganz jämmerlich schreien und sah, wie er ängstlich um einen Baum herum flatterte.

Da schaute sie recht hin und erblickte einen großen Marder, der am Baum herunter geschlichen kam und sich dem Neste des Vogels nahte, um ihm seine Jungen zu fressen. Da nahm Ursula einen Stein und warf ihn so geschickt nach dem Marder, dass er tot von dem Baum herunter purzelte. Oh, wie froh war nun der Vogel: Er flog erst zu seinen Jungen, und da er sah, dass sie noch alle gesund waren, flog er immer um Ursulas Haupt und vor ihr her von Baum zu Baum und machte die rührendsten Bewegungen, als wolle er ihr Dank sagen, und sang auf allerlei Weise, bis er sie am Abend verließ, wo sie ihm noch ein Stückchen von dem Kuchen, den ihr Fanferlieschen mit auf die Reise gebacken hatte, für seine Jungen mitgab.

Nun ward der Weg immer trauriger und öder. Verbrannte Hütten und zerstörte Gärten waren am Weg; sie hörte in der Ferne einen traurigen Gesang, und das Herz ward ihr entsetzlich schwer. In der Ferne ging die Sonne ganz rot unter, und man sah in eine wilde schwarze Bergschlucht voll Dampf und Qualm. Hie und da am Weg stand ein dürrer Baum, von dem die Eulen herunter schrien: "Hu, hu, o weh! Hu, hu, o weh!"

Ach, das Herz ward Ursula immer schwerer, und sie fragte den Boten, der bis jetzt immer stumm neben ihr her gegangen war:
"Ach, mein Herz bricht in der Brust.
Sind wir bald in Munkelwust?"

Da sagte der Bote:
"In der Schlucht liegt Munkelwust,
hier am Baum du warten musst
bei dem Pumpelirio;
Jerum macht es immer so.
Setz dich an die Felsenstufen,
ich will dir den Bräutigam rufen." Und da verließ er die Ursula unter einem großen dürren Baum, wo der böse Pumpelirio Holzebock auf einem Felsen stand, und lief nach dem Tal hinunter.

Ursula war in der entsetzlichsten Angst; die Nacht brach an, die Eulen schrien auf dem dürren Baum; der Mond ging blutrot hinter dem Pumpelirio Holzebock auf. Ursula war sehr müde und setzte sich ins Gras und begann bitterlich zu weinen. Da hörte sie wieder den traurigen Gesang, und es kam immer näher und näher durch den Nebel, und sie sah eine Reihe von weißen Jungfrauen auf den Platz ziehen.

Sie hatten Brautkränze auf und waren alle ganz bleich, und in der Brust hatte jede ein Messer stecken, dass das Blut über ihre weißen Röcklein nieder floss. Sie zogen über die Grasspitzen weg, als wären sie von Luft, und sangen mit feiner Stimme:
"Willkommen, willkommen, du Jerum Braut!
Ein Messer ins Herz, das heißt getraut.
Ach, ohne Kreuz und Segen
liegen im Schnee und Regen
bald hier deine Beinelein
im Sonnen- und im Mondenschein.
Im Baum da schreien die Raben.
Ach, wäre ich doch ehrlich begraben!"

Ursula war in der fürchterlichsten Angst und riss vor Bangigkeit das Gras aus der Erde; da schrie auf einmal eine der weißen Jungfrauen sie an:
"O weh! o weh!
Was raufst du meinen Kranz,
morgen musst du auch an den Tanz!"

Da sprang Ursula auf und wollte fliehen, aber sie fiel über einen Hügel; da schrie eine andere sie an:
"O weh! o weh! Was trittst du auf mein Herz,
morgen leidest du denselben Schmerz."

So ging das immerfort; sie mochte fliehen nach welcher Seite sie wollte, immer trat ihr eine jener Jungfrauen in den Weg und schrie bald:

"O weh mein Arm, o weh mein Bein, o weh mein Leib", usw. Da stand Ursula endlich still und fragte: "Oh, ihr armen Jungfrauen, wer seid ihr und was wollt ihr von mir?" Da sangen sie:
"Jerums Frauen von gestern
sind wir, Messerschwestern,
Jerums Weib von heute:
Morgen gehst du uns zur Seite.
Bete fleißig, denn gar oft
kömmt das Messer unverhofft.
Im Baume schreien die Raben;
ach, wären wir ehrlich begraben.
Fort von hier, von hierio
weit vom Pumpelirio,
weit vom Holzebocke
hübsch mit Kreuz und Glocke;
mit Gesang und Posaunenspiel,
gibt uns Ruh und kost' nicht viel."

Da antwortete ihnen Ursula: "Ach, wenn es mir möglich ist, sollt ihr gewiss begraben werden:
Unter zarten Blumenrasen,
in dem Schatten grüner Linden,
wo die frommen Lämmer grasen,
sollt ihr euer Bettlein finden.
Und ein kühler Marmorbronnen
soll da bei der Linde springen,
an jed' Bettlein hingeronnen
kühlen Born wohl jeder bringen,
dass ihr könnt die heißen Schmerzen
eurer schreienden Wunden kühlen,
und das Blut zerrissner Herzen
von dem weißen Schleier spülen.
Ach! Wenn Gott euch wird erwecken,
sollt ihr für den Mörder bitten!
Ringsum blühen Rosenhecken,
und ein Kreuz steht in der Mitten.
Will der Herr mein Blut auch haben,
soll man zu des Kreuzes Füßen,
euch zur Seite mich begraben,
bis uns all die Englein grüßen."

Während Ursula diese Worte recht von Herzen sprach, sahen die Jungfrauen sie mit rechter Liebe an, und jede zog ihr Ringlein vom Finger, und sie flochten sie ineinander wie eine Kette und zogen Blumen durch, dass es eine Krone ward; die setzten sie der Ursula auf das Haupt und sangen:
"So viel Ringe, so viel Bräute;
so viel Bräute, so viel Messer;
so viel Messer, so viel Herzen;
so viel Herzen, so viel Wunden;
ach, du arme Braut von heute!
Ach, dir geht es auch nicht besser;
ach, du hast die bittern Schmerzen
alle bald wie wir empfunden."

Da krähte aber der Hahn, und sie schwebten über die Wiese weg. Ursula fühlte sich ruhiger, sie sah an dem blauen Himmel die Sterne an, und da glänzte das Gestirn, das man den großen Bär nennt, ihr besonders tröstlich in das Herz. Da gedachte sie recht innigst an ihre verstorbenen Eltern, den Fürsten Ursus und die Fürstin Ursa von Bärwalde, welche sie nie gesehen hatte, und sprach:

"Ach, mein geliebter Vater und meine liebe teure Mutter, ich habe euch nie gekannt, aber ich liebe euch doch wie ein frommes Kind; oh, verlasst mich nicht in meiner tiefen Angst; schaut auf euer armes Töchterlein; ich will ja alles ruhig ertragen, was über mich bestimmt ist." Als sie diese Worte recht von Herzen gesprochen hatte, sieh, da war es, als wenn die zwei Sterne am Himmel zusammenstießen und als wenn einer davon in den Schoß der guten Ursula herab fiele. Aber sie fand nichts.

Ihr Herz war aber sehr gestärkt und ihre Seele ganz voll frischem freiem Mut. Schon stand der Mond tief über der dunkeln Waldschlucht, worin Munkelwust lag, als sie auf einmal ein wildes Horngetön erklingen hörte und aus dem Waldgrund herauf Pferdegetrapp tönte. Sie richtete sich auf und trat auf einen Felsen; da sah sie einen Reiterzug mit brennenden Fackeln heran sprengen, dass die Funken und die brennenden Pechtropfen rings in das dürre Laub fielen und die Flammen prasselnd durch die Büsche herum zischten.

Sie sprengten im Galopp heran, an ihrer Spitze saß Jerum im roten Mantel auf einem getigerten Rosse. Auf seinem Helm war das Bild eines Drachen, seine langen schwarzen Haare wehten wie die Mähne seines Rosses im Wind, und an seinem Gürtel hatte er eine breite Scheide hängen, worin viele Messer staken. Sie sangen ein wildes Lied, welches also lautete:
"Juch! juch! Über die Heide!
Fünfzig Messer in einer Scheide
reitet Jerum auf die Freite:
Schürz dich, Braut! zur Hochzeitreite."

So schrecklich das auch klang, konnte Ursula doch nicht mehr erschrecken; sie stand in wunderbarer Schönheit auf dem Felsen, gerade dem hässlichen Pumpelirio Holzebock gegenüber, und als der König Jerum heran sprengte, wehte sie ihm mit ihrem Tüchlein entgegen.

Und da die Reiter mit den Fackeln um sie her standen und Jerum von ihrer wunderbaren Schönheit und ihrer schönen Hochzeitskrone, die ihr die Geisterfräulein geflochten hatten, ganz geblendet zu ihr hin ritt, streckte sie die Hand gegen ihn aus und sprach:
"O Jerum, Jerum, sei willkomm!
Nimm deine Braut und werde fromm!
Im Baum, da schreien die Raben;
ach, wären wir ehrlich begraben!
Drum sollst du mir erst versprechen -
willst du mich auch erstechen -
begrab mich und die Mägdelein
in einem kühlen Lindenhain,
unter den grünen Rasen,
wo fromme Lämmer grasen,
wo ein klarer Bronnen
kömmt an das Herz geronnen,
ein Kreuz steh in der Mitten:
Da will ich ruhn zu Füßen
und für den Mörder bitten
wenn mich die Englein grüßen,
dass ihn in Zorn und Schrecken
der Herr nicht mög erwecken."

Als sie diese lieb seligen Worte sprach, schüttelte sie ihr Haupt, und die Ringlein klingelten in der Krone, und in der Luft hörte man singen:
"Fort von hier, von hierio,
weit vom Pumpelirio,
weit vom Holzebocke.
Hübsch mit Kreuz und Glocke,
Chorgesang und Posaunenspiel,
gibt uns Ruh und kost' nicht viel!"

Dem Jerum ging das durch Mark und Bein; er zitterte, dass ihm die Messer in der Scheide tanzten, und schrie mit verzweifelter Stimme gegen Ursula:
"Was sein soll, das muss geschehen,
nichts kann dem Geschick entgehen.
Ach, ich möchte nicht und muss!
Oh, ich armer Jerumius!"

Da knackte auf einmal der Pumpelirio Holzebock so gewaltig, als wolle er in der Mitte auseinander platzen, und Jerum riss die arme Ursula vom Felsen und
fasste sie in der Mitten
und schwang sie auf sein Ros,
hei, wie sind sie geritten
nach Munkelwust ins Schloss.

Mehrere Wochen war Ursula schon die Gemahlin des bösen Jerum, und sie war so gütig und so fromm und so schön und so mild, dass er ganz tiefsinnig wurde und über sein böses Leben nachdachte. Ach, seine Stadt Besserdich lag ihm immer im Sinn. Ursula sprach immer von Besserdich, aber er schämte sich, gedemütigt an den Ort zurückzukehren, wo er immer ein übermütiger Herr gewesen war, und wurde dann oft plötzlich von Zorn und Wut überfallen und ritt im Land herum und tat viel Böses.

'Ach', dachte dann Ursula, 'wenn mir Gott ein liebes Kind schenkte, das ihm freundlich wäre, vielleicht würde sein wildes Herz gerührt werden, wann es ihn freundlich anblickte und ihm seine kleinen Hände entgegenstreckte.' Sie betete darum immer sehr fleißig zu Gott, und wenn sie abends allein am Fenster saß und den wilden Jerum von seinen Streifereien zurück erwartete, so blickte sie immer nach dem Gestirn des großen Bären und dachte ihrer verstorbenen Eltern, und streckte die Hände gen Himmel: 'Ach, wenn ich nur ein Kind hätte!'

Den einzigen Trost hatte sie in ihrem elenden Leben, dass die armen Leute aus Bärwalde die Bedrückung des Jerum leichter zu ertragen schienen, seit die liebe Tochter ihres ehemaligen Fürsten bei ihnen war. Auch tat sie, wo sie konnte, ihnen Gutes und redete ihnen freundlich zu. Das traurigste aber war ihr, dass Jerum niemals erlaubte, dass sie an Fanferlieschen schreibe, und dass er schon einige Boten dieser ihrer einzigen Freundin hatte ermorden lassen.

Als sie nun einstens Abends einsam und traurig am Fenster saß und auf Jerum wartete, der seit mehreren Tagen nicht mehr heimgekehrt war, war der Himmel ganz trüb und ihr liebes Gestirn nicht zu sehen. Und wie sie so an den wilden Bergwänden hinauf blickte, hörte sie wieder jenen traurigen Gesang, und die weißen Jungfrauen zogen ums Schloss herum und sangen sehr traurig:
"Im Baume schreien die Raben;
ach, wären wir ehrlich begraben!
Fort von hier, von hierio,
weit vom Pumpelirio,
weit vom Holzebocke.
Hübsch mit Kreuz und Glocke,
Chorgesang, Posaunenspiel,
gibt uns Ruh und kost' nicht viel."

Worauf sie verschwanden. Da nahm sich Ursula fest vor, nicht zu ruhen noch zu rasten, bis die Fräulein begraben wären. Bald darauf hörte sie wilden Hörnerklang und sah die Fackeln durch den Wald reiten und hörte den wilden Gesang von Jerums Zug:
"Juch! juch! Über die Heide!
Fünfzig Messer in einer Scheide."

Sie eilte hinab an das Tor, ihren Gemahl zu empfangen, aber er sprengte so wild herein, dass sie das Pferd gegen die Treppe schleuderte. Als Jerum absteigen wollte, raffte sie sich auf und hielt ihm den Steigbügel. Er redete aber nicht freundlich mit ihr und bat sie nicht um Vergebung. Finster stieg er die Treppe hinauf, und die arme Ursula folgte ihm nach.

Er setzte sich auf seinen Stuhl und redete kein Wort; sie konnte es vor Jammer nicht mehr aushalten und warf sich vor ihm auf die Knie und weinte und sprach: "Ach, mein Gemahl, was hab ich dir zuleide getan?" Er antwortete nicht. "O ich Unglückliche", rief sie, "ich hatte mich so auf deine Heimkehr gefreut, ich hatte dich recht innig bitten wollen:
Du möchtest begraben die Mägdelein
in einem kühlen Lindenhain - - -

"Weiter konnte sie vor Tränen nicht sprechen; sie legte ihr Haupt in seinen Schoß, und als die Ringe in ihrer Krone so rasselten, zitterte Jerum am ganzen Leibe. Plötzlich fasste er mit seiner Hand an ihr Ohr und schrie wie erschreckt:
"O wahr, wahr, wahrlich, wahr!
du musst auch zu der Schar,
Bärin Ursula, der Schuss! -
O ich armer Jerumius.

" Was fehlt dir, lieber Jerum", sagte Ursula, "dass du so traurig redest?" Da erwiderte er: "Nichts, mein Weib; aber stehe auf, wir wollen gleich dahin gehen, wo die Mägdelein sollen begraben werden; ich habe den Lindenhain gefunden, ich will dir ihn zeigen." Das sagte er so kalt, dass Ursula zitterte und sprach:
"Ach Jerum, hast du mich ein bisschen lieb:
Jetzt nicht, jetzt nicht, der Himmel ist trüb."

Er aber sprach:
"Nur fort! Nur fort! Der Himmel grau,
der ist so recht zur Totenschau."

Da zog er sie zum Schloss hinaus und zog mit ihr den Weg hinauf nach dem Pumpelirio Holzebock. Da sprach sie:
"Ach Jerum! Ach! kein Lindenhain
wird auf dem Weg zu finden sein."

Er aber sprach:
"Nur fort! Und ist's kein Lindenhain,
so finden wir doch Totenbein."

Da weinte Ursula sehr und klammerte sich an ihn und sprach:
"Ach Jerum! Ich flehte zum Himmelsthron,
dass Gott uns schenk' einen kleinen Sohn."

Er aber zerrte sie weiter den Berg hinauf und sprach:
"Nur fort! Nur fort! Es heult der Wind,
er wiegt der Bärin ihr schwarzes Kind."

Da sie aber oben waren, ging der Mond ganz blutig auf, und Ursula sprach:
"Ach Jerum! Der Mond ist blutig rot.
Ach Jerum! Stich mich heut nicht tot."

Er aber sprach:
"Nur fort! Das ist der Abendschein,
er scheinet in den Lindenhain."

Da kamen sie den Berg hinauf auf die öde Heide, und Ursula sprach:
"O Jerum! Wie die Wolken fliehen,
wie sie so wild vor dem Monde ziehen."

Er aber sprach:
"Nur fort, das sind die Lämmer klein,
sie ziehen nach dem Kirchhof dein."

Und immer riss er sie weiter fort, ach! dass die Dornen ihr Röcklein zerrissen, und Ursula sprach:
"O Jerum! Die Dornen zerreißen mich,
kehre um, ich bitte dich!"

Er aber sprach:
"Nur fort, es ist der Rosenhain,
er schließet rings den Kirchhof ein."

Und nun kamen sie an den dürren Baum, wo der Pumpelirio Holzebock stand, und Ursula sprach:
"Ach Jerum! Das ist der dürre Baum,
das ist der wüste, öde Raum,
das ist der Pumpelirio Holzebocke,
ach! hörst du, wie die Raben schreien?"

Er aber sprach:
"Hier ist der kühle Lindenhain,
hier läutet deine Glocke,
hörst du, wie der Neuntöter schreit?
Du musst sterben, halt dich bereit!"

Da sank sie auf die Knie und sprach:
"Ach Jerum! Sag mir doch, warum
bringst du deine arme Ursula um?"

Da sprach er:
"Weil du nur eine Bärin bist,
die mich betrog mit böser List.
Bei Besserdich gleich an dem Tor
schoss ich den Pfeil dir durch das Ohr.
Die Narbe habe ich gefühlt,
als ich mit deinen Locken spielt'.
Und jetzo muss ich dich erstechen,
um Fanferlieschens Schwur zu brechen.
Mach fort! Mach fort! Der Neuntöter schreit,
sterben musst du, halt dich bereit!"

Ursula kniete nieder, um zu beten, und Jerum suchte eins von seinen fünfzig Messern heraus und fing es an zu wetzen. Wie Ursula die Hände gegen Himmel hob und betete, sah sie plötzlich das Gestirn des großen Bären erscheinen, und es zuckte wieder wie damals, als sie zuerst hier betete, und es fiel wieder wie ein Stern in ihren Schoß nieder. Da war sie auf einmal wunderbar getröstet und stand auf und sprach:
"Herr, ist dies der Lindenhain,
wo ich soll begraben sein?
Sag, wo ist der kühle Bronnen,
der zum Grabe kömmt geronnen?"

Jerum sprach da:
"Aus der Brust soll er dir springen,
wenn ich werd das Messer schwingen."

Da griff er nach dem Messer, das er geschliffen und neben sich gelegt hatte, aber fort war es; er konnte es nicht mehr finden. Da sagte er zu Ursula: "Bete nur noch ein wenig." Sie kniete nieder und betete fort. Er nahm ein anderes Messer und wetzte es und legte es wieder hin und rief:
"Mach fort! Mach fort! Der Neuntöter schreit,
sterben musst du, halt dich bereit!"

Ursula nahte sich still und sprach wieder:
"Herr, ist dies der Lindenhain,
wo ich soll begraben sein?
Sag, wo ist der kühle Bronnen,
der zum Grabe kömmt geronnen?"

Da sprach er wieder:
"Aus der Brust soll er dir springen,
wenn ich werd das Messer schwingen."

Aber das Messer war wieder fort. Er konnte das nicht begreifen und ließ sie wieder beten und wetzte wieder. Und sie kniete hin und betete für den Jerum recht von Herzen. Er rief wieder:
"Der Neuntöter schreit,
halt dich bereit!"

Sie nahte wieder mit den selben Worten, das Messer war wieder fort, und so ging das, bis neunundvierzig Messer fort waren. Da hielt Jerum das fünfzigste Messer fest in der Hand und schwang den Arm und wollte es ihr in das Herz stoßen; aber auf einmal hielt er ein und tat einen lauten Schrei und ließ den Arm sinken, denn es flog ein Messer vom Himmel herunter auf seinen Arm und stach ihm die Hand durch und durch, und wo er hin floh, fielen Messer auf ihn und verwundeten ihn hier und dort.

Ursula lief auf ihn zu und umarmte ihn und bedeckte ihn mit ihren Armen; aber die Messer fielen überall auf ihn, bis sie alle herunter gefallen waren. Da hörte man die Hörner von Jerums Gefolge, da leuchteten die Fackeln heran. Sie zogen aus, ihren Herrn zu suchen, und fanden ihn mit Wunden bedeckt, und Ursula, die ohnmächtig bei ihm lag. Seine Diener waren sehr erschrocken, sie zogen ihm die Messer aus den Wunden, verbanden ihn, so gut sie konnten, und brachen Äste von dem dürren Baum, auf welche sie ihn und Ursula legten und nach Haus brachten. Dabei sangen sie:
"Juch! juch! Über die Heide!
Fünfzig Messer in einer Scheide,
fünfzig Messer in Mannes Leib,
durch Ursula, das böse Weib."

Über ihnen aber flog der Neuntöter und schrie sehr heftig, und neben dem Zug schwebten die weißen Jungfräulein über die Erde hin und sangen:
"Fünfzig Messer in Mörders Leib,
ihr könnt nicht retten sein treues Weib."

Das alles war sehr betrübt.
Als sie sich Munkelwust nahten, sahen sie das ganze Schloss erleuchtet. Da ließ der Führer den Zug halten, nahte sich dem Jerum, der sich etwas erholt hatte, und redete mit ihm heimlich, worauf sich der Zug trennte. Die mit den Fackeln zogen mit Jerum in das Schloss. Der Führer aber und sein Sohn blieben mit der armen Ursula zurück.

Als der Zug schon in das Schloss herein war, trugen sie die Ursula in einen alten, hohen Turm des Schlosses, in welchem gar kein Fenster war. Da legten sie die selbe an die Erde, gingen weg und mauerten die Türe zu und warfen eine Menge Disteln und Dornen davor.

Die arme Ursula mochte wohl ein paar Stunden in dem dunkeln Turm gelegen haben, als sie etwas Kühles an den Augen und Wangen spürte und erwachte. Das erste Wort, das sie aussprach, war: "Ach, mein teurer Herr und Gemahl, lebst du noch? Oh, wenn Gott nur deine Diener herführte, dich mit deinen vielen Wunden aus der dunkeln Nacht nach Hause zu bringen. Ich will dich so treulich pflegen und heilen, dass du mich gewiss lieb gewinnen sollst. O mein Gemahl, antworte mir! Wehe mir, haben dich die fallenden Messer getötet, konnte ich keines, mit meinem Leibe dich bedeckend, von dir abwenden?"

Da die arme Ursula, welche glaubte, sie sei noch an dem schrecklichen Orte bei dem bösen Pumpelirio Holzebock, keine Antwort erhielt, richtete sie sich auf und suchte herum, den Leichnam ihres Gemahls zu suchen; aber wie erschrak sie, da sie sich rings von kalten Mauern umschlossen fühlte. "Oh! allmächtiger Gott!" rief sie aus. "Wo bin ich, was ist aus mir geworden?
Weh, weh, ganz allein!
Erd und Himmel sind von Stein!
Ach, kein Mond, kein Sternenschein,
und kein Lüftlein grüßt herein,
und es singt kein Vögelein;
weh, weh, ganz allein!"

Da sprach eine Stimme zu ihr mit freundlichem Tone: "Erschrick nicht, liebe Ursula, ich bin da; erinnerst du dich wohl des Vogels, dessen Junge du von dem Marder durch einen Steinwurf befreitest und mit dem du deinen Kuchen teiltest, da du durch den Wald nach Munkelwust reistest?"

"O ja", sprach Ursula, "aber was soll dieser Vogel? Wer bist du? Sage mir um Gottes willen, wo ist Jerum, mein armer Gemahl, und wie komme ich an diesen Ort?"

"Ich bin dieser Vogel", antwortete die Stimme, "setze dich wieder an die Erde und erlaube mir, auf deine Hand zu sitzen, so will ich dir alles erzählen, was du mich gefragt, und noch viel, viel mehr. Aber fasse Mut und vertraue auf Gott, du bist sehr unglücklich.
Aber keiner ist so allein,
und wäre Erd und Himmel von Stein
und schiene kein Mond, kein Sternenschein,
und grüßte ihn kein Lüftlein,
und sänge ihm kein Vögelein:
Wird doch in seinem Herzen rein
der liebe Gott stets bei ihm sein."

Da setzte sich Ursula an die Erde und legte ihren Kopf gegen die harte Steinwand und streckte die Hand aus und sprach: "Komm, lieber Vogel, setze dich auf meine Hand; ach, du bist fromm, und ich will Gott vertrauen, und wäre mein Elend noch so groß." Da flog der Vogel auf ihre Hand, sie zog sie an sich und drückte ihn an ihre Wangen, die er sanft mit den Flügeln streichelte.

"Deine Flügel sind ja nass", sprach Ursula. "Ja, liebe Ursula", sagte der Vogel, "ich habe sie in kühles Quellwasser getaucht und habe flatternd dein Gesicht hiermit gesprengt, damit du aus der Ohnmacht erwachst." -

"Oh, wie gut bist du", erwiderte Ursula, "was bist du denn für ein Vogel?" - "Frage nicht", sagte der Vogel, "ich habe einen hässlichen Namen." Da erwiderte Ursula: "Sage ihn mir nur, du hast dich so gut gegen mich gezeigt, ich will dich lieben, und wärst du auch ein Neuntöter." -

"Der bin ich", sagte der Vogel, "und höre nun alles still an, denn ich habe noch viele Geschäfte für dich." - "Erzähle", sagte Ursula, "ich unterbreche dich nicht wieder!" Da sprach der Neuntöter also: "Du weißt, nach dem Tode von Jerums Vater, dem guten König Laudamus, führte Fanferlieschen wie gewöhnlich ihre Waisenkinder zu dem Hirsenmusfest auf die Eselswiese.

Der böse Jerum wollte den Kindern, statt ihnen wie sein verstorbener Vater Zucker und Zimt auf den Brei zu streuen, Gift drauf streuen lassen, damit sie alle sterben müssten, weil er wusste, dass die Erbin von Bärwalde dabei sei, welches Ländchen er gern gehabt hätte. Ich Unglücklicher war der Kammerherr von Neuntöter und sollte das Gift auf das Mus streuen; da erschien der Geist des verstorbenen Laudamus und verwandelte mich zur Strafe in einen Neuntöter, und als ein solcher Vogel habe ich bis jetzt im Walde gelebt.

Du kannst dir denken, wie es mich rührte, dass du, die ich dich doch auch mit den anderen vergiften wollte, mir so große Wohltaten erwiesest; und seit dieser Zeit habe ich nie wieder von anderen lebendigen kleinen Vögeln gelebt, was sonst die Art der Neuntöter ist, sondern ich habe mir große Gewalt angetan und habe nur schädliche Fliegen und Würmer und Samen von Unkraut gefressen. Immer habe ich mich gesehnt, dir für deine Wohltaten dankbar werden zu können, und endlich habe ich die Gelegenheit gefunden.

Ich flog oft um das Schloss Munkelwust und belauerte alles. Da habe ich denn auch gehört, wie Jerum zu seinem alten Diener sprach, als er das letzte Mal nach Hause ritt: 'Rüste alles zum Empfange der Königin Würgipumpa im Schlosse zu. Morgen kömmt sie hier an, ich bin schon mit ihr vermählt. Heute nacht steche ich die Ursula bei dem Pumpelirio Holzebock tot."

"Ach Gott, ach Gott, ist das wahr, Neuntöter?" rief da Ursula aus. "Ist das wahr?" "Ja, es ist wahr", sagte der Vogel, "die neue Königin ist da." "Ach, lieber Gott", sagte Ursula, "ich bitte dich, mache, dass Würgipumpa recht gut und fromm sei, dass sie ihm noch mehr Liebe erweise als ich, dass sie ihn recht pflege in seiner Krankheit. Gott segne ihn, dass sie ihn auf gute Wege und wieder in seine Stadt Besserdich führe. Nun erzähle weiter, lieber Neuntöter."

"Oh, wie bist du gütig, Ursula, du betest für deinen Mörder!" sagte der Vogel. "Rede nicht so hart von dem unglücklichen Jerum, Gott der Herr möge uns allen verzeihen", versetzte Ursula. - "Ach ja", seufzte der Vogel und sprach fort: "Als ich gehört hatte, dass du sterben solltest, flog ich auf den dürren Baum bei dem hässlichen Pumpelirio und wartete auf dich, und als Jerum sein Messer wetzte und du knietest und für ihn betetest, musste ich vor unendlichem Grimm laut schreien.

So oft er nun eines von seinen fünfzig Messern geschliffen hatte und neben sich legte, flog ich von der Nacht versteckt herzu und nahm das Messer weg und trug es auf den Baum. Das letzte aber hielt er fest in der Hand; ach! da zitterte ich für dein Leben, und mein Zorn ward so groß, dass ich eines seiner früheren Messer auf seine Hand herab fallen ließ, mit welcher er so eben dein liebes, treues Herz durchbohren wollte.

Meine Kinder und Freunde, welche still auf dem Baum gesessen, wurden nun auch so ergrimmt als ich, denn ich hatte ihnen erzählt, dass du von ihnen einst den Marder abgehalten, und da ergriffen sie alle die anderen Messer und ließen sie auf den bösen Jerum fallen. Ach, in welcher Angst war ich, da du ihn mit deinem Leibe vor den fallenden Klingen schützen wolltest, du möchtest verletzt werden, aber ich konnte ihren Zorn nicht abwehren; doch der hebe Gott hat dich beschützt."

"Was du erzählst, ist schrecklich und traurig", unterbrach Ursula den Vogel, "aber sage mir um Gottes willen, ist Jerum noch am Leben? Wird er wohl wieder gesund werden? Und wo bin ich denn? Werde ich je wieder aus diesen dunklen Mauern kommen?"

Da erwiderte der Vogel: "Jerum ist schwer krank, aber ich zweifle nicht, er wird genesen. Gott wird ihn doch nicht sterben lassen, ehe er sein schweres Unrecht eingesehen und bereut hat; denn als man ihn mit dir nach Munkelwust zurück brachte, machten seine Diener in der Nähe des Schlosses, welches wegen der Ankunft der neuen Königin schon prächtig erleuchtet war, halt und fragten ihn, was sie mit dir anfangen sollten.

Da sagte er, sie sollten dich umbringen und begraben. Aber dein Anblick rührte sie, und da haben sie dich in den alten Turm des Schlosses gelegt und haben ihn vermauert. Gott hat es gefügt, dass ich, um dir nahe zu sein, in den letzten Tagen mein Nest da oben in dem Dache gebaut, und so denke ich denn, dass Gott es mir auch künftig vergönnen wird, an dir das Böse, das ich als Mensch getan, wieder gut zu machen."

"Gott, sei gelobt und gepriesen", sagte Ursula, "ach, wenn ich nur den lieben Sternhimmel sehen könnte, das würde mich recht stärken und trösten!" "Das sollst du, liebe Ursula!" erwiderte der Vogel. "Überhaupt fasse Mut: Alles, was ich nur auf Erden vermag, soll dazu dienen, dir dein Leben erträglich zu machen. Das Dach des Turmes ist ziemlich lose, ich will mit meinen Freunden Löcher hinein machen, dass du den Himmel sehen kannst, und wenn es regnet, wollen wir es mit Strohhalmen und Moos decken.

Ach, liebe arme Ursula, lasse mich nur sorgen, ich habe den Kopf voller Gedanken, dir Freude zu machen: Wenn mir nur die Hälfte gelingt, sollst du in vielen Stunden glücklicher als manche Prinzessin sein, wenigstens glücklicher, als du es auf dem Schlosse Munkelwust warst. Lebe wohl, jetzt sorge ich dir vor allem für ein Lager und für Licht und für einige Erquickung."

Nach diesen Worten flog der gute Vogel in die Höhe des Turms, und Ursula rief ihm nach:
"Dank und Ehre und Preis sei Gott im Himmel, der dich guten Vogel bewogen hat, mich zu erhalten, damit ich fromm sei und beten kann." Kaum war der Neuntöter oben auf dem Turm angekommen, als er mit seinen anderen Gehilfen an einigen alten Ziegeln mit dem Schnabel den Kalk los hackte, und nach einigen Minuten hörte man die losen Steine über das Dach herunter rasseln und draußen an die Erde fallen.

Ach, da sah der liebe blaue Sternenhimmel hinunter in den Turm, in die Augen, in das liebe treue Herz der frommen Ursula, wie in einen tiefen Brunnen voll Schmerz und Bitterkeit. Aber sein milder Schein brachte Friede und fromme Ergebung herein. Ursula lehnte ihr Haupt gegen die Mauer und sah ruhig hinauf. Da erkannte sie das Gestirn des großen Bären, das sie an ihre Eltern erinnerte, mit viel Freude und betete recht fromm zu Gott für ihre Eltern und den grausamen Jerum und für Fanferlieschen und fiel dann in einen sanften Schlummer.

Gegen Morgen wurde sie von angenehmem Gesange erweckt. Da sah sie an den offenen Stellen des Daches mehrere Rotkehlchen und Distelfinken und Schwalben sitzen, die immer herab guckten und außerordentlich schön sangen; und da sie sich aufrichtete, kam der Neuntöter herab geflogen und brachte in seinen Klauen einen Zweig voll der schönsten Kirschen, der so groß war, dass er ihn kaum tragen konnte.

Er flog auf die Hand der Ursula und gab ihr den Zweig und sprach: "Da hast du vorerst eine kleine Erquickung, bald soll mehr kommen. Jetzt lasse uns vorerst sehen, wie Boden und Wände hier beschaffen sind." Ursula dankte und aß die süßen Kirschen, und dann besahen sie den ganzen Raum.

Der Turm war so geräumig als eine kleine Stube, die Wände aber waren raue Steine, und da Ursula daran herumfühlte, fand sie ihn an der einen Seite sehr warm. Da sagte der Vogel: "Ja, ja, ich weiß schon, gleich daneben ist die Schlossküche, und der Feuerherd steht dicht hier an der Wand." - "Du hast recht", sagte Ursula, "jetzt erinnere ich mich; aber da fällt mir etwas ein: Durch die Küche läuft ja ein fließendes Bächlein gerade unter dem Herd weg. Sollte das nicht auch unter dem Turm weg laufen?"

Da legte sie sich an die Erde und horchte und hörte es murmeln und rief voll Freude: "Ach, da ist lebendiges Wasser." - "Das muss geöffnet werden", sagte der Vogel, "damit du dich waschen und trinken und auch ein bisschen kochen kannst. Lass mich nur sorgen. Erst wollen wir den Boden fegen, damit du dein Bettlein machen kannst."

Nun pfiff er in der Vogelsprache in die Höhe, und viele Vögel schwebten sanft herab und pickten alle Steinchen und Späne auf, die am Boden lagen, und trugen alles so sorgsam zum Dach hinaus und fegten dann mit ihren Flügeln so rein, dass der Boden wie eine Tenne sauber wurde. Nun flogen sie weg und brachten eine Menge trockenes Moos und Wolle, welche die Schafe an den Dornen hatten hängen lassen, und fuhren so lange damit fort, bis so viel beisammen war, dass Ursula sich ein recht weiches Lager daraus bereiten konnte.

Als dies fertig war, kam der Neuntöter wieder und brachte einen großen Maulwurf, den setzte er an die Erde und sprach: "Da habe ich einen Bergknappen gebracht, der soll uns nach dem Brunnen wühlen." Der Maulwurf scharrte gleich munter drauflos; da er aber bald an das Wasser kam, so hörte er auf und ließ sich wieder hinweg tragen.

Ursula räumte mit einem Stein nun die Erde hübsch auf und hatte nun ein schönes Bächlein durch ihren Turm laufen, dessen Rand sie mit Steinen auslegte und dessen Grund sie mit bunten Kieseln belegte, die ihr die Vögel brachten. Von der aufgewühlten Erde machte sie sich einen kleinen Herd und eine Bank. Mit diesen Arbeiten ward es Mittag, die Sonne schien gerade vom Himmel in den Turm herein, und Ursula konnte durch die Wand den Bratenwender in der Küche schnurren hören.

Da kam auf einmal der Vogel geschwinde, geschwinde den Turm herab geflogen und trug ein gebratenes Rebhuhn in seinen Klauen und sprach: "Nimm, liebe Ursula; das hatte sich der Koch bei Seite gelegt, ich bin durch den Rauchfang in die Küche und habe es für dich geholt." Dann brachte er ihr auch Brot, und während sie aß, sprach er: "Denk dir, wie gerecht der Lohn des Himmels ist:

Die zwei bösen Diener Jerums, welche dich hier herein vermauert, sind von den Ziegelsteinen, die ich von dem Dach los machte, damit du den Himmel sehen solltest, tot geschlagen worden. Jetzt weiß niemand, dass du hier bist, und ich kann mit niemand reden als mit dir; nun wirst du wohl lange hier bleiben müssen." - "Wie Gott will", sagte Ursula und bat den Vogel, er möge ihr nur recht viele Wolle verschaffen und eine Spindel, damit sie spinnen könne, und ein paar feine Stäbchen, damit sie stricken könne.

Das brachte ihr der Vogel alles und brachte ihr täglich zu essen. Da spann sie und strickte und betete und entschlief Nachts, nach den Sternen sehend. An einem Morgen, als der Vogel ihr keine Kirschen, aber Weintrauben brachte, fragte ihn Ursula recht ängstlich, was Jerum mache. "Oh, er ist recht wohlauf", sagte der Vogel, "die neue Frau Königin ist recht strenge gegen ihn; wenn er heftig will werden, so zeigt sie ihm nur ihren Pantoffel, da wird er stille." -

"So", sagte Ursula, "möge es zu seinem Besten sein; aber, liebster Vogel, ich bitte dich, kannst du mir nicht recht zarte Flaumfedern schaffen?" - "Soviel du willst", erwiderte der Neuntöter, "alle Vögel sollen sich die zartesten ausrupfen; sie tun mir jetzt alles zulieb, weil ich ihre Jungen nicht mehr fresse." Da flog er fort, und bald waren viele Vögel da, die saßen auf Ursulas Schoß und rupften sich die Flaumfedern auf ihre Schürze aus. Als es genug war, dankte Ursula, und sie flogen weg.

Am anderen Tag sagte Ursula: "Kannst du mir wohl einige Leinentüchlein bringen?" - "O ja", sagte der Vogel, "sie bleichen Wäsche am Schlosse; heute Nacht bringe ich dir soviel du willst." In der Nacht brachte er ihr sechs Windeln, und sie nähte zwei zusammen und stopfte die Flaumfedern hinein und machte ein Kissen daraus, und suchte hervor, was sie alles gestrickt hatte, von Wolle, und legte es alles fein und ordentlich zurecht.

"Ei", sagte der Vogel, "liebe Ursula, ist es doch, als wenn du dir ein Nestchen bautest, so wirtschaftest du herum und stopfst Bettchen und legst allerlei schöne Kleidchen und Mützchen zurecht." - "Ach lieber Vogel", sagte Ursula, "ich habe heute Nacht, als ich so an den Himmel hinauf zu meinem Stern sah, einen recht innerlichen Trost empfunden, als sollte ich nun bald nicht mehr so allein sein." -

"Welche Gesellschaft hättest du dann am liebsten?" fragte der Vogel, und Ursula erwiderte: "Ach, so mir Gott ein liebes schönes Kindlein bescheren wollte, oh, ich wäre so glücklich, so glücklich!" - "Das glaube ich", sagte der Vogel, "aber lebe wohl, ich muss heute auch noch an meinem Nestchen bauen." Da flog er fort.

So lebte Ursula ruhig fort, von den guten Vögeln bedient und ernährt. Ihr Wohnort verschönerte sich täglich, die rauen Wände waren mit gestickten wollenen Decken behängt, der Fußboden war mit Strohmatten belegt, das durchfließende Bächlein war mit bunten Steinen ausgelegt, Bogen, Kränze, Sterne und Sonne von roten Beeren hingen an den Wänden umher; allerlei Körbe und Geräte von Weidenruten, welche ihr die Vögel brachten, hatte Ursula geflochten und auch eine recht schöne Wiege.

Als diese fertig war, legte sie die Bettchen hinein, und es ward Nacht. Der Sternenhimmel war gar hell, Ursula sah ihren lieben Stern, den großen Bären, recht ernsthaft an und dachte an ihre Eltern und betete recht fromm zu Gott. Da schlief sie ein, und es war ihr im Traum, als zuckten die Sterne zusammen und als falle einer herunter in ihre Wiege. Da fühlte sie eine so heftige Freude, einen so süßen Schmerz, als flöge alles irdische Glück wie ein goldner Pfeil durch ihr Herz und als fange sie ihn mit ihren Händen, und als wäre es ein wunderschöner bunter Vogel, der sich an ihre Brust schmiege und von ihren Lippen äße und tränke wie von roten Kirschen.

Ach, da war es ihr wie ein Blitz durch das innerste Leben, und sie erwachte. Und wer kann ihre Seligkeit aussprechen? Ein schöner kleiner Knabe schlummerte an ihrer Brust. Sie weinte und betete und nährte ihr Kindlein, und die gute fromme Mutter gefiel dem lieben Gott. Am anderen Morgen sangen die Vögel so süß und lieblich wie nie. Der Neuntöter und alle seine Freunde kamen, das Kindlein zu sehen, und streuten Blumen auf seine Wiege und brachten ihr die besten Speisen aus der Küche, und immer blieb ein wohl singendes Vöglein auf der Wiege sitzen und sang das Kindlein in Schlaf.

Nach drei Tagen, in einer Nacht, da die Sterne so hell schienen, als wollten sie zu Gevatter stehen in ihrem schönen Glanz, betete die gute Ursula recht herzlich und dankte Gott für das liebe Kind und versprach, es in Gottesfurcht aufzuziehen, und sprach: "Ach du lieber Gott, ich habe hier kein Kirchlein und keinen frommen Priester, der mein Kind taufen könnte, so nimm meinen guten Willen für den Priester und meine Not für ein Kirchlein an."

Und nun schöpfte sie Wasser mit der hohlen Hand aus dem Bächlein des Turmes und taufte ihr Kind im Namen Gottes und rief hinauf: "Sagt, liebe Sterne, bei welchen ich immer an meinen seligen Vater Ursus und meine Mutter Ursa denke, sagt, wie soll euer Patchen heißen?" Da bewegten sich die Sterne und es flüsterte in die Ohren der Mutter: "Ursulus." Und sie taufte den Knaben Ursulus.

Am folgenden Morgen kamen die Vöglein alle und wollten das liebe Kind sehen, und sie brachten der Mutter die besten Bissen aus der Schlossküche, und ein Vöglein blieb immer auf der Wiege sitzen und sang den kleinen Ursulus in den Schlaf. So lebte die arme Mutter sieben Jahre mit Ursulus in dem Turm und erzog ihn auf das beste. Aber er bekam eine gewaltige Begierde, wenn er die Vögel oben auf dem Turm im Sonnenschein sitzen und singen sah und wenn die Wolken so vorüberzogen, auch einmal da oben zu sein und sich umzuschauen, wie die Welt aussähe.

Das sagte er seiner Mutter, und da dachten sie nach, wie es zu machen sei. Da kam der gute Neuntöter zu ihnen und hörte ihren Wunsch. "Das soll bald in Ordnung sein", sprach er und flog weg. Er kam mit vielen Vögeln wieder, und alle brachten Hanf im Schnabel, daraus mussten nun Ursula und Ursulus Stricke drehen und mussten eine Strickleiter draus machen. Dann kam ein Adler, der trug die Strickleiter im Turm in die Höhe und hängte sie oben an einen Haken fest.

Ursulus wollte gleich hinauf klettern, aber seine Mutter erlaubte es nicht, weil es noch Tag war und man ihn da oben hätte sehen können. Als es Abend wurde, stieg er voraus und Ursula hinter ihm auf der Strickleiter in die Höhe. Ach, sie hatte seit sieben Jahren Berg und Tal nicht mehr gesehen, und er noch nie.

Als sie oben an dem Turmrand hinaus sahen, umklammerte sie ihren Sohn mit beiden Armen, denn er war wie betrunken von der Luft und dem Abendrot und von Berg und Tal. Ach! sie musste ihn sehr festhalten, dass er nicht herunter stürzte; denn wenn er die Vögel fliegen sah, so zuckte er die Arme hinaus und wollte auch fliegen. Sie stieg bald wieder mit ihm hinab, und nun musste sie ihm bis spät in der Nacht erzählen und erklären, was er gesehen hatte.

Bald musste sie es bereuen, dass sie ihm die Herrlichkeit der Welt gezeigt hatte, denn Ursulus ward täglich unruhiger, und sein einziger Gedanke war, über diese Hügel und Berge zu schweifen, die er gesehen. Er fragte seine Mutter über alles aus; er hörte, Jerum würde sie umbringen, wenn er wisse, dass sie noch lebe; auch erzählte sie ihm von dem bösen Pumpelirio Holzebock und von den armen Jungfrauen, welche gern möchten begraben sein.

Das tat dem kleinen Ursulus so leid, so leid; er konnte nicht mehr ruhen und rasten, und als sein Mütterlein einst in der Nacht schlief, schlich er an ihr Bett und küsste sie und weinte und flüsterte: "Leb wohl, leb wohl, Herzmutter mein!" Und nun stieg er die Strickleiter hinauf, und als er oben war, zog er die Leiter nach sich und warf Blumen, die oben wuchsen, in den Turm hinab, die fielen auf das Bett der Mutter, dass sie erwachte und ausrief:
"Wer warf das Blümlein, das mich traf?
Wer weckt sein Mütterlein aus dem Schlaf?
Bist du es, lieber Ursulus?
Komm, gib der Mutter einen Kuss!"

Da rief Ursulus hernieder:
"Leb wohl, leb wohl, lieb Mütterlein!
Der blanke Mond, der Sternenschein,
und Berg und Tal und Wies und Fluss,
die ziehen mich fort, ich muss, ich muss."

Da sah die Mutter ihn mit Schrecken oben auf dem Turm. Sie sprang auf und wollte die Leiter hinauf zu ihm, aber sie fand sie nicht, denn er hatte sie zu sich hinauf gezogen. Da war Ursula gar betrübt und bat ihn, er möge die Strickleiter wieder herab lassen, sie wolle ihn noch einmal an ihr Herz drücken. Er aber sagte: "Mutter, ich fühle, dann könnte ich Euch nicht verlassen; der Vogel soll Euch oft von mir Nachricht bringen, und so Gott will, sehn wir uns in Freuden wieder." -

"Aber wie willst du dann hinunter kommen?" rief die Mutter hinauf. "Ich habe mir alles ausgedacht", antwortete er, "daneben am Turm kommt der Rauchfang aus der Küche herauf, da hänge ich die Strickleiter hinein und werde Küchenjunge. Da bin ich immer in deiner Nähe; und wenn ich an der Mauer anpoche, dann lasse mir einen Faden auf dem Bächlein, das durch den Turm in die Küche fließt, herüber schwimmen, da werde ich dir etwas dran binden, das kannst du zu dir ziehen. Leb wohl, Herzensmutter; es muss, es wird alles besser werden." -

"O Gott, o Gott, mein Kind!" rief die Mutter und sank auf die Knie und weinte. Ursulus aber stieg durch den Rauchfang hinab in die Schlossküche. Die Mutter lauschte an der Wand, und sie konnte ihn klettern hören. Da pochte er mit der Feuerzange siebenmal, und sie nahm geschwind einen Faden, band einen Holzspan dran und ließ ihn hinüber schwimmen.

Als Ursulus den Span fühlte, band er einen Blumenstrauß dran, den der Koch am Fenster stehen hatte, worüber sich die Mutter sehr erfreute. Als Ursulus den Tag grauen sah, versteckte er sich hinter das Holz bei der Küchentüre, und als der Koch in der Küche zu wirtschaften anfing, trat er hervor, als sei er zur Tür herein gekommen, und grüßte den Koch sehr freundlich.

Dieser fragte ihn, wer er sei und wo er her komme. Ursulus sagte, dass seine Mutter im Walde von Räubern sei umgebracht worden und dass er als ein armes verlassenes Kind Dienst suche. Dem Koch gefiel der freundliche schöne Knabe, und er nahm ihn zu sich als Küchenjunge. Wenn nun der Koch nicht da war, klopfte er immer der lieben Mutter, und wenn dann der Faden angeschwommen kam, band er ihr etwas Gutes zu essen dran und immer schöne Blumen dazu.

Als aber der Hofmarschall einmal in die Küche kam und den wunderschönen Ursulus sah, gewann er ihn sehr lieb und sprach: "Morgen früh halte dich bereit, ich will dich zum König Jerum bringen; du sollst Edelknabe bei ihm werden." Da dankte ihm Ursulus höflich. Am Abend aber war er voller Sorge, wie er seiner Mutter nur sagen solle, dass er aus der Küche heraus in das Schloss komme.

Da ging er in den Küchengarten und suchte Blumen und band einen Strauß Vergissmeinnicht, und da kam der Neuntöter zu ihm und dem gab er den Strauß für seine Mutter und sprach zu ihm: "Lieber Vogel, sage meiner Mutter, dass ich Edelknabe werde, und besuche mich manchmal und erzähle mir von ihr." Der Vogel sagte leise: "Gott helfe dir, ich bleibe dein Freund" und nahm den Strauß und flog in den Turm.

Am folgenden Morgen ward Ursulus zu dem König Jerum gebracht. Als dieser ihn sah, ward er recht innerlich in seinem Herzen bewegt, denn Ursulus glich seiner Mutter sehr, und da gedachte der Jerum an sie und an seine Grausamkeit. Er fragte ihn: "Wie heißt du?" Da sagte Ursulus: "Kommtzeitkommtrat." Der Name machte den Jerum recht nachdenklich, aber er nahm ihn gleich zu sich und erzeugte ihm sehr viele Liebe und ließ ihn alles lehren, was nur auf der Welt zu lernen war.

Jerum hatte keine Kinder, und Ursulus war ihm so lieb, so lieb; er wusste nicht, warum. Deswegen konnten ihn aber die meisten anderen Diener nicht leiden, und vor allem die böse Königin Würgipumpa hatte immer einen inneren Zorn, wenn sie ihn sah. Ursulus aber wurde von den Untertanen Jerums sehr geliebt, denn Jerum war lange nicht mehr so wild, seit der Knabe bei ihm war, und er besserte sich alle Tage.

Wenn nun Ursulus allein war in der Nacht, so kam immer der Neuntöter und pickte am Fenster; da machte Ursulus auf, und der Vogel setzte sich auf sein Bett und erzählte ihm, was die Mutter im Turm mache, und Ursulus erzählte ihm wieder, wie es ihm gehe und wie Jerum viel besser sei als sonst, und schickte ihr immer viel gute Sachen und allerlei Bildchen und Ringe, die ihm der König schenkte.

Ach, da ward die arme Ursula recht froh in ihrer Einsamkeit und weinte vor Freuden und betete zu Gott. So lebte er eine Zeit lang fort und hatte sein größtes Vergnügen dran, in seinen Freistunden durch die ganze Gegend herumzuschweifen. Einstens aber kam er in einen Wald zu einem eisgrauen Schäfer; der saß an einem Brunnen unter grünen Linden, und seine Lämmer weideten um ihn her.

Er setzte sich zu ihm; es war so still und kühl, und die Sonne schien so freundlich durch die Bäume. Der Schäfer war traurig, und Ursulus sagte zu ihm: "Lieber Schäfer, dieses Plätzchen hier wäre recht schön, um die Gebeine der armen Fräulein hin zu begraben, die jetzt bei dem bösen Pumpelirio Holzebocke herumliegen."

Der Schäfer sagte: "Was sind das für Fräulein?" Da erzählte ihm Ursulus alles, was ihm die Mutter gesagt, und der Schäfer sagte: "Ach Gott, da war mein Töchterlein auch dabei!" und war sehr betrübt. "Ach", sagte Ursulus, "wenn du hier recht schöne Gruben machen wolltest, alle recht schön in einer Reihe, und wolltest Blumen hinein streuen, und wolltest um den Platz herum einen Zaun von Rosen machen, so wollte ich dir treulich helfen, und wollten wir die armen Fräulein hier zur Ruhe bringen."

Der alte Schäfer war alles zufrieden, und sie fingen gleich an zu hacken und zu graben, bis Ursulus wieder nach Hause musste. Aber er kehrte oft wieder, und der alte Schäfer war recht fleißig, so dass alles bald in Ordnung war. Eines Abends kam der gute Vogel zu Ursulus und fand ihn sehr nachdenklich. "Lieber Vogel", sprach er, "ich habe etwas Großes unternommen und weiß nun nicht, wie ich es ausführen soll. Ich habe einen stillen freundlichen Ort, um die Gebeine der armen Jungfrauen hin zu begraben; alles ist fertig und bereit, jetzt hilf mir das Begräbnis anstellen."

Da sprach der Vogel: "Ich will alles tun, was ich kann, sorge nur für Kreuz und Glocke und für Posaunenspiel und Chorgesang; bringe das morgen Nacht mit zum Pumpelirio Holzebock, so soll alles gut gehen." Ursulus sagte: "Gut, das will ich; nun grüße die Mutter und erzähle ihr alles." Da flog der Vogel fort.

Am anderen Morgen, als bei Hof noch alles schlief, sang ein Rotkehlchen am Fenster des Ursulus, und es war ihm, als höre er die Worte: "Lieber Schläfer, weck den Schäfer!" Da sprang er vom Lager und eilte zu dem Schäfer, und sie redeten alles miteinander ab. In der nächsten Nacht schlich sich Ursulus aus dem Schloss.

Der König Jerum konnte nicht ruhen, er hatte eine große Angst im Herzen; er stand allein auf, wickelte sich in seinen Mantel und ging dem Schloss hinaus. Er wollte zu dem Pumpelirio Holzebocke gehen und ihn fragen, ob er bald wieder seine Stadt Besserdich erhalten würde, denn er hatte ein rechtes Heimweh.

Er war seit jener schrecklichen Nacht, da die Messer auf ihn regneten, nicht mehr hingegangen. Als er an dem Ort vorüber kam, wo er den zwei Dienern befohlen hatte, die Ursula umzubringen, konnte er vor Bangigkeit nicht weiter; er lehnte an einen Baum und wünschte, nie geboren zu sein; da hörte er auf einmal ein wunderbares Tönen sich nahen und sah eine Reihe von Lichtern über das Feld herziehen.

Der Anblick war so wunderbar, dass er sich an den Baum andrückte. Jetzt war es ganz nah, er sah den kleinen Ursulus voraus gehen mit einem Kreuz von Rosen; dann flogen eine ungeheure Menge Vögel, welche allerlei Gebeine trugen; dann kam der alte Schäfer und blies eine sehr bewegliche Weise auf der Schalmei und weinte bitterlich; hinter ihm schwebten alle die Gestalten der armen Mägdelein, die Jerum umgebracht hatte, und sangen:
"Endlich, endlich schweigen die Raben,
endlich werden wir ehrlich begraben
weit von hier, von hierio,
weit vom Pumpelirio,
weit vom Holzebocke,
hübsch mit Kreuz und Glocke,
mit Chorgesang, Posaunenspiel,
gibt uns Ruh und kost' nicht viel."

Und nun schlossen die Schäflein des alten Hirten den Zug; sie gingen still und paarweise hatten alle Glöcklein anhängen, und nur dann und wann blökten sie gar traurig; an beiden Seiten des Zugs aber zogen zwei Reihen von großen Irrlichtern, welche leuchteten. Als der Zug vor Jerum vorüber ging, war alles ganz still, und das betrübte ihn noch weit mehr.

Da der Zug aber ganz in der Ferne war, nahm Jerum seine Streitaxt und rannte mit großem Zorn nach dem Orte, wo der Pumpelirio Holzebock stand, und sprach zornig zu ihm: "Du böser gottloser Pumpelirio! du hast mich zu allen meinen großen Verbrechen beredet; um deinetwillen habe ich alle die lieben Jungfrauen ermordet; nun sollst du auch nicht länger leben."

Da holte Jerum weit mit seiner Axt aus und, paff! hieb er den Pumpelirio mitten voneinander. Aber es fuhr ein schwarzer Rauch aus den Trümmern, und aus dem Rauch ward ein ungeheurer scheußlicher Bock, der sah den Jerum mit schrecklichen Augen an, meckerte abscheulich die Worte heraus: "Den Pumpelirio konntest du zerschlagen, aber den Holzebock nie." Dann ging er einige Schritte zurück, beugte den Kopf nieder, rannte gewaltig gegen Jerum, fasste ihn auf die Hörner und warf ihn weit, weit in das Feld hinaus, wo er wie tot nieder fiel.

Er hatte schon zwei Stunden so da gelegen, als Ursulus von dem Begräbnis zurück nach Hause ging und auf einmal über den König Jerum stolperte. Der Knabe fühlte bald an der Krone, dass es Jerum sei. Er rüttelte und schüttelte ihn und benetzte ihn mit seinen Tränen. Da wachte der König Jerum wieder auf; aber er konnte nicht gehen, er hatte sich ein Bein gebrochen.

Da lief Ursulus ins Schloss und holte die Diener; die trugen ihn nach seinem königlichen Bett, und der Doktor verband ihn, und die Königin sprach: "Das kommt davon, wenn man zu nachtschlafender Zeit herum rennt." Ursulus aber verließ das Lager des Königs nie, und dieser gewann ihn immer lieber.

Einstens nahm der Jerum die Hand des Ursulus und sagte: "Lieber Junge, erzähle mir, wo habt ihr dann die Gebeine der armen Fräulein begraben?" Da erzählte ihm Ursulus von dem kühlen Lindenhain und dem Brunnen und dem alten Hirten und seinen Schafen und sagte: "Herr König, es wäre sehr schön, wenn Ihr ein Kirchlein dort bauen ließet." -

"Ja", sagte der König, "aber wenn es die Königin erfährt, so bin ich verloren; ich habe ihr zuschwören müssen, nie eine Kirche zu bauen. Wenn du es recht heimlich zustande kriegst, so bin ich es zufrieden und will dir gerne Geld dazu geben; und baue auch ein kleines Häuslein dabei, worin ein armer Mann wohnen kann."

Ursulus dankte dem Jerum herzlich für seine Erlaubnis und setzte sich nun hin und zeichnete allerlei Gestalten von Kirchen, um sich eine auszusuchen; auch redete er oft mit Maurern und Steinmetzen. Die böse Königin Würgipumpa, welche immer einen heimlichen Hass auf den Ursulus hatte, wurde täglich grimmiger gegen ihn und nahm sich fest vor, ihn auf eine oder die andere Art ins Unglück zu bringen.

Wenn sie nun bei Ursulus vorüber ging und ihn fragte: "Was hast du denn zu bauen vor, du naseweiser Bursche, dass du immer mit Zirkel und Lineal herumziehst?", so antwortete Ursulus gewöhnlich: "Schlösser in die Luft, Ihre Majestät!" Als er ihr dies öfter gesagt hatte, ward sie über die Maßen zornig und sprach zu ihm: "Ich werde dich bei dem Wort halten."

Sie ging zum König und kniete vor ihm nieder und bat ihn um eine Gnade. Jerum war eine solche Demut von ihr gar nicht gewohnt und sagte ihr alles zu, was sie verlange. Da sprach sie: "Jerum, ich verlange, dass jeder deiner Diener, der mich belügt und der nicht das tut, was er mir sagt, dass er tue, des Todes sterbe."

Jerum gab ihr sein königliches Wort und seine Hand drauf, und an dem selben Tage noch ward das Gesetz in ganz Munkelwust bekannt gemacht: "Wer lügt, der stirbt!" Als die Königin das unterschriebene Gesetz in der Hand haltend von dem König weg ging, sah sie den Ursulus im Vorzimmer wieder allerlei Linien ziehen und allerlei Zirkel schlagen. Da fragte sie ihn gleich. "Ursulus, was willst du bauen?"

Er antwortete wieder: "Schlösser in die Luft, Ihre Majestät!" Da erwiderte aber Würgipumpa sehr heftig, indem sie ihm das königliche Gesetz vorhielt: "Wer lügt, der stirbt!" Sie lief gleich zum König zurück und verklagte den Ursulus. Der König ließ diesen rufen und sprach mit Tränen zu ihm: "Ursulus, du musst ein Schloss in die Luft bauen oder sterben."

Da ging Ursulus in seine Kammer und war sehr betrübt und weinte sich schier die Augen aus, weil er gar nicht wusste, wie er ein Schloss in die Luft bauen solle. In solchen Sorgen saß er, als der Neuntöter am Fenster pickte; Ursulus machte ihm auf, und der Vogel sprach: "Ursulus, was weinst du?" Und nun erzählte ihm der Knabe seine Not, dass er eine Kirche in die Luft bauen müsse oder sterben.

"Gräme dich nicht", sagte ihm der Vogel, "mache dir von Karten und Papier die ganze Kirche, wie du sie dir auf dem Kirchhof erdacht hast, fertig, und wenn du sie ganz vollendet hast aus einzelnen Stücken, dass man sie schön zusammen setzen kann, so lege alles bei offenem Fenster hierher; dann lade den König und die Königin auf den Altan des Schlosses und läute nur mit einem Glöckchen und befehle mir und den anderen Bauleuten, welche kommen werden, so sollst du deine Kirche bald in der Luft entstehen sehen.

Ich werde sie auch dann deiner Mutter im Turm zeigen, die wird sich sehr drüber freuen, und alles wird gut gehen; denn ich trage dann das Kirchlein in den kühlen Lindenhain, und die Arbeitsleute werden die Kirche dort nach dem Muster viel besser zustande bringen als nach der bloßen Zeichnung." -

"Tausend Dank, lieber Vogel", sagte Ursulus, "aber was hast du denn für Kräuter da in den Klauen mitgebracht?" - "Das sind Kräuter, mit welchen du das Bein des Königs Jerum in wenigen Tagen heilen kannst, wenn du sie ihm auf die Wunde legst", sprach der Vogel, "ich habe es von einem Reh gelernt, das neulich im Walde vom Felsen fiel; ich will dir alle Tage frische bringen. Aber du musst dir auch eine recht ordentliche Gnade dafür ausbitten!" -

"Gut", sagte Ursulus, "es fällt mir schon etwas Herrliches ein, was ich begehren will; nun lebe wohl und grüße mir die liebe Mutter viel tausendmal." Da flog der Vogel fort, und Ursulus träumte die ganze Nacht von schönen wunderbaren Kirchen.

Am anderen Morgen kam er ganz fröhlich zum König, wo auch die Königin zugegen war, und sagte: "Ihre Majestät, ich will sterben, wenn ich in acht Tagen das Gebäude nicht in die Luft baue; und so Ihre Majestät mir versprechen, das selbe Gebäude auf die Erde zu bauen, so will ich bis dahin Euer zerbrochenes Bein so gut heilen, dass Sie selbst auf den Altan gehen können, mein Luftgebäude bauen zu sehen." - "Ich verspreche es", sagte der König. "Und ich verspreche es noch dazu", sagte die Würgipumpa.

Das ließ sich Ursulus schriftlich geben, legte dann dem Jerum die Kräuter auf das Bein und begab sich auf seine Kammer und baute von Karten und Papier eine ganz erstaunlich schöne Kirche zusammen und machte alles so fein und ordentlich, dass man die ganze Kirche auseinanderlegen und wieder zusammenbauen konnte. Als er fertig war, war auch der Fuß des Königs, dem er alle Tage frische Kräuter aufgelegt hatte, gesund, und er forderte den Jerum und die Würgipumpa auf, morgen früh auf den Altan zu treten, weil er vor ihnen sein Schloss bauen wolle.

Die Königin sagte: "Ja, wir werden kommen; so du aber dein Gebäude nicht in die Luft baust, will ich dir eines in die Luft bauen, in dem du sterben sollst, nämlich einen Galgen." Ursulus verbeugte sich und ging weg. Am anderen Morgen fand er den König und die Würgipumpa schon auf dem Altan, als er mit einer kleinen Glocke in der Hand kam. "Was soll die Glocke?" sprach die Königin. Da sprach Ursulus:
"Ich muss jetzt von allen Seiten
meine Baumeister zusammenläuten."

Da fing er an zu klingeln, klingeling, klingeling, und es kamen eine Menge große Vögel herbei geflogen: Adler und Geier und Falken, und auch mancherlei kleinere: Tauben und Finken und Amseln und Stare, kurz, alle möglichen Vögel; worüber sich der König und die Königin sehr verwunderten. Da sprach Ursulus:
"Willkommen, ihr Meister und Gesellen,
ich will einen Bau in die Lüfte stellen,
nun schafft einen schönen Grund herbei,
worauf mein Werk zu richten sei!"

Da flogen die Adler weg und brachten auf einmal eine große starke Pappe getragen, auf welcher von Moos eine schöne Wiese ausgelegt war, aus der allerlei grüne Zweige als Bäume hervorragten. Nun sprach Ursulus:
"Eine schöne Kirche bauet mir,
ein hoher Turm sei ihre Zier."

Da flogen wieder viele Vögel fort und brachten allerlei einzelne Stücke von einer sehr schönen papiernen Kirche und einem hohen Turm und setzten alles das auf der Mooswiese zusammen, so dass es wunderlieblich anzuschauen war. Als aber alles fertig war, brachte auch der Kreuzschnabel einen kleinen Altar und ein Kreuz hinein getragen, und der Dompfaff trug eine kleine Kanzel hinein, und eine Amsel, wie ein schwarzer Kantor, brachte eine kleine Orgel hinein.

Dann flogen ein paar Nachtigallen als Sängerinnen hinein und eine Menge Finken und Grasmücken als Choristen. Da begannen allerlei Glöckchen im Turm zu läuten, und in der Kirche fingen die Vögel so lieblich an zu singen und zu klingen, als wenn der feierlichste Gottesdienst drin gehalten würde.

Darüber ward der König Jerum, ganz gerührt und umarmte den Ursulus mit den Worten: "Kommtzeitkommtrat, wie schön hast du dein Gebäude erbaut." Würgipumpa aber hatte alles mit dem entsetzlichsten Zorn angesehen und geriet in eine solche Wut, dass sie einen Stein von dem Altan nahm und nach der Kirche warf; aber auf einen Wink des Ursulus flogen die Vögel mit dem schönen Bau über ihrem Haupt hinweg, und da bei dieser Gelegenheit einiger Schmutz auf die Königin herab fiel, wollte sie erzürnt den kleinen Ursulus schlagen; aber der König nahm ihn in seine Arme und sprach: "Würgipumpa, wer nach den Bauleuten mit Steinen wirft, dem antworten sie mit Kalk."

Da ging die Königin erzürnt nach ihrer Kammer. Der König Jerum aber hatte den Ursulus noch viel lieber als vorher und ließ in dem Lindenhain, wo die Jungfräulein begraben waren, eine Kirche bauen, ganz nach der Gestalt der Kirche, die Ursulus in die Luft gebaut und welche die Vögel zu dem Schäfer im Lindenhain getragen. Alles das erzählte Ursulus dem Neuntöter, und der Neuntöter der Ursula, so dass diese sehr erfreut wurde, dass Jerum so gut werde, und herzlich in ihrer Einsamkeit dem lieben Gott dafür dankte.

Die Königin Würgipumpa aber sah nun ein, dass sie mit ihrem Zorn gegen Ursulus gar nichts mehr ausrichtete, weil der König ihn zu sehr liebte, und fing deswegen an, ihm auf alle mögliche Weise zu schmeicheln und schön zu tun. Heimlich aber dachte sie immer auf eine Gelegenheit, ihn in Lebensgefahr zu bringen. Sie wusste, dass der Pumpelirio Holzebock dem Jerum, als er ihn fragte, wann er seine Stadt Besserdich wieder erhalten werde, sprechend:
"Pumpelirio Holzebock,
sag mir doch,
wann wird Jungfer Fanferlieschen
Schönefüßchen
länger nicht vertreiben mich?
Wann kehr ich nach Besserdich?"

geantwortet hatte:
"Fanferlieschen blind,
ein unschuldig Kind
Besserdich gewinnt."

Das ging der Würgipumpa immer im Kopf herum, und sie dachte hin und her, wie sie den Kommtzeitkommtrat brauchen wolle, um Jungfer Fanferlieschen blind zu machen. Weil sich aber Jerum so sehr verändert hatte, getraute sie sich nicht, ihm ihr Vorhaben grad heraus zu sagen, und sprach einstens zu ihm: "Lieber Jerum, ich glaube, du könntest doch einmal bei Jungfer Fanferlieschen fragen lassen, ob sie dir deine Stadt nicht wiedergeben will; du bist jetzt so fromm und gut, dass sie es dir gewiss nicht abschlagen wird."

"Ach", sagte Jerum, "so gut werde ich niemals, dass ich wieder verdiene, auf dem Throne meines frommen seligen Vaters zu sitzen." - "Ja", erwiderte Würgipumpa, "darüber magst du nun denken, wie du willst; aber du bist es der Stadt schuldig, denn Jungfer Fanferlieschen kann der Regierung nicht länger vorstehen: Soeben habe ich die Nachricht erhalten, dass sie blind geworden."

Hier sah Jerum die Königin erschrocken an und sprach zu ihr: "Würgipumpa, lasse mich allein; ich muss über das, was du mir gesagt, nachdenken." Die Königin ging, und Jerum fiel in tiefe Gedanken. Der Spruch des Pumpelirio:
"Fanferlieschen blind,
ein unschuldig Kind
Besserdich gewinnt" fiel ihm ein, und er war in der größten Unruhe, ob er nicht nach Besserdich hinziehen sollte.

Als er aber dachte, wie der böse Holzebock ihm allzeit zum Bösen geraten hatte, entschloss er sich anders. Er ließ den Ursulus zu sich kommen und die Königin und sprach: "Da ich gehört, wie die weise und fromme Jungfer Fanferlieschen blind ist, so ist mein sehnlicher Wunsch, dass sie wieder sehend werde, damit sie die guten Leute in Besserdich noch länger so treu regiere, als sie es bis jetzt getan. Ich begehre eueren Rat, wie dies zu machen sei." Ursulus fing an zu weinen, als er das Unglück der Jungfer Fanferlieschen hörte, von welcher seine Mutter ihm so viel Gutes erzählt hatte.

Würgipumpa aber sprach: "Ich habe immer gehört, dass nichts so gut für die Augen sei als Schwalbenkot: Wenn es möglich wäre, dass Jungfer Fanferlieschen diesen in die Augen brächte, so würde sie gleich geheilt sein. Kommtzeitkommtrat ist ja mit den Vögeln so gut Freund, mit seinen Baumeistern, dass er ihr ein wenig von dem Kalke könnte ins Auge fallen lassen, der neulich bei dem Luftbau auf mich nieder fiel. Ich muss sagen, dass ich meine Augen seit jener Zeit sehr gestärkt finde." -

"Ach", erwiderte Ursulus, "wenn das möglich wäre, ich wollte die guten Vögel sehr darum bitten." - "Wohlan, mein Geliebter", sprach der König, "wenn es dir gelingt, sollst du begehren von mir, was du willst, ich will es dir halten." Nach diesen Worten gingen sie auseinander. Die böse Würgipumpa wusste wohl, dass man von Schwalbenkot blind werde, und sie dachte: 'In jedem Falle werde ich den verhassten Knaben los; denn wenn Fanferlieschen ihn erwischt, so lässt sie ihn umbringen, und sie erwischt ihn gewiss, weil sie wohl weiß, dass sie sterben muss, wenn sie blind wird, denn es steht im Zauberkalender; so lässt sie sich immer streng bewachen.'

Ursulus saß in seiner Kammer und lauerte auf den Neuntöter. Pick, pick, pick, da war er am Fenster. Ursulus öffnete und erzählte seinem Freund alles, was er von dem König und der Königin gehört. Der Neuntöter ward sehr nachdenklich darüber und bauschte seine Federn am Kopf einige Mal auf, als ob er sehr zornig sei. "Was machst du für wunderliche Gesichter?" fragte Ursulus.

"Nichts, nichts", sagte der Vogel, sich beruhigend, um zu überlegen. "Gut, ja, ja, morgen früh will ich dir sagen, was du zu tun hast", und fort flog er. Am anderen Morgen war er richtig wieder da und sprach: "Auf, auf, Ursulus! Mache dich auf die Reise; du hast einen weiten Weg nach Besserdich." Da sprang Ursulus aus dem Bett, zog seine Reisekleider an und machte sich auf den Weg. Der Vogel aber flog immer vor ihm her, um ihm den Weg zu zeigen.

Als sie in den Wald kamen um Mittag, machte der Vogel bei einem Eichbaum halt und sagte: "Hier musst du ausruhen, essen und trinken. Hier in dem Baume wohne ich; hier, lieber Ursulus, hat deine arme Mutter, als sie aus Besserdich ging, meinen Jungen das Leben gerettet durch einen Stein, den sie nach dem Marder warf; hier hat sie ihren Kuchen mit mir geteilt. Hier esse du auch, was ich dir aus der Hofküche hierher getragen."

Ursulus setzte sich auf das Moos am Fuße der Eiche und dachte mit vieler Liebe an seine liebe Mutter im Turm und musste recht weinen, als er gedachte, wie sie einst hier so unschuldig in das Elend ging. Da brachte der Neuntöter die Frau Neuntöter und die jungen Herren und das junge Fräulein Neuntöter, und diese hießen den Ursulus bei sich sehr willkommen mit Kopfnicken und Flügelschlagen und Sichverneigen, denn sie kannten die Menschensprache nicht. Der Neuntöter aber übersetzte dem Ursulus alles, was sie sagten.

Da gefielen ihm die Reden des Fräulein besonders wohl, denn sie sprach: "Ach, liebster Ursulus, ich wollte gern ewig ein Vogel bleiben, wenn ich dir nur recht viele Liebe erweisen könnte für alles das Gute, was deine Mutter meinem Vater und meiner Mutter und uns erwiesen hat." Das ging dem Ursulus recht durchs Herz.

Der Neuntöter brachte nun dem Ursulus einen Kaninchenbraten, den er schon am Abend vorher aus der Munkelwuster Hofküche hierher gebracht, und da Ursulus Brot in seiner Reisetasche bei sich hatte, schmeckte es ihm recht gut; denn er trank aus einer hellen Quelle, die ihm Fräulein Neuntöter zeigte, Wasser dazu. Auch rief sie ihre Spielgesellinnen, eine Amsel und eine Nachtigall, herbei, welche dem Ursulus die schönste Tafelmusik machten, während sie Erdbeeren und Brombeeren und Heidelbeeren und Haselnüsse pflückte und auf die Schultern des Ursulus fliegend sie mit ihrem blanken Schnabel zu den Lippen des Freundes reichte, der sie freundlich dafür streichelte.

Während diesem Mittagmahl rief der Neuntöter viele Schwalben herbei und fragte sie, welche es wohl unternehmen wolle, ihren Kot ins Aug der Fanferlieschen zu spritzen, und er versprach dafür so viel Fliegen und Mücken und Würmchen, als sie nur wollten. Da fand sich eine dazu bereit und flog gleich von dannen. Das Fräulein Neuntöter hatte alles das gehört und ihre eigenen Gedanken darüber; und da nun Ursulus mit dem alten Neuntöter sich wieder auf die Reise machte und für die freundliche Bewirtung dankte, war das Fräulein Neuntöter weg geflogen und nicht zugegen. Das war ihm leid; er ließ ihr recht schöne Grüße zurück, und sie machten sich auf den Weg.

Abends kamen sie in Besserdich an. Der Vogel führte den Ursulus in den Schlossgarten, da fand er eine Laube, einen gedeckten Tisch und ein Ruhebett. Er aß und schlief ein. Als er morgens erwachte, stand die Sonne schon am Himmel, und er sah auf dem Altan des Schlosses die Jungfer Fanferlieschen auf einem Ruhebett liegen, und neben ihr standen ein paar Pfauen, welche ihr mit ihren Schweifen wie mit Sonnenfächern die Fliegen abwehrten.

Die Jungfer Fanferlieschen war sehr alt, hatte aber wunderschöne lange weiße Locken, welche ihr ein schönes Ansehen gaben; und durch das goldne Gegitter des Altans sah Ursulus ihre schönen kleinen Füße in rotsamtenen Pantoffeln herabhängen. 'Ach', dachte Ursulus, 'was ist das für ein liebes gutes altes Jüngferchen, das Fanferlieschen Schönefüßchen, und wie wird sie sich freuen, wenn ihr der Sohn ihrer lieben Ursula wieder zu ihren gesunden Augen helfen wird.'

Da sah er auch, wie sich die Schwalbe grade über dem Kopf der Jungfer Fanferlieschen auf den Vorsprung der Türe setzte, und konnte vor Begierde, ihr zu helfen, sich nicht mehr halten; er winkte mit dem Schnupftuch, und die Schwalbe ließ den Kot der guten Fanferlieschen ins Aug fallen, welche erwachte, mit den Füßen, schüttelte und aufschrieb
"Der, den mein Pantoffel trifft,
nahm mir meiner Augen Licht."

Ursulus wollte grade zu ihr hinauf laufen und ihr Glück wünschen; aber ein niederfallender Pantoffel schlug ihm so auf die Nase, dass er betäubt nieder sank. Als er erwachte, lag er in Ketten und Banden in dem aller dunkelsten Kerker. Er wusste nicht, wie ihm geschehen, er tappte an den Wänden herum, er rief, er klagte, er weinte; ach! da erinnerte er sich der Worte, die er vor dem Pantoffelfall gehört:
"Der, den mein Pantoffel trifft,
nahm mir meiner Augen Licht."

Das fuhr ihm recht durch Mark und Bein. "Ach" sagte er, "die Würgipumpa hat mich betrogen; statt Fanferlieschen zu helfen, habe ich sie blind gemacht; o ich unglücklicher Ursulus." Als er so in Jammer und Klagen saß, sprang auf einmal ein eiserner Fensterladen auf, und das gute Fräulein Neuntöter flog zu ihm. Sie ließ ein kleines Büchlein auf seinen Schoß fallen und hatte eine Wurzel im Schnabel, die legte sie zu seinen Füßen, und saß auf seiner Schulter und streichelte ihn mit ihren Flügeln und tat sehr mitleidig.

Ursulus dankte ihr und klagte seinen Jammer. Da blätterte sie mit dem Schnabel in dem Büchlein herum und winkte ihm, zu lesen. Das tat Ursulus und fand, dass es die Geschichte des frommen Tobias war, und als er las, dass der auch durch eine Schwalbe blind geworden, ward er seines Unglücks gewiss und weinte noch mehr. Aber Fräulein Neuntöter blätterte noch mehr im Buche, und da las er weiter, dass der Sohn des Tobias seinen Vater wieder mit der Galle eines Fisches geheilt habe.

"Ach Gott im. Himmel", sagte er, "hätte ich einen Tropfen dieser Galle, wie selig wollte ich sein, wenn ich die gute Jungfer Fanferlieschen wieder heilen könnte." Da hielt ihm der Vogel die Wurzel an die Schlösser seiner Fesseln, und siehe da, sie fielen ihm ab, und hielt sie an das Schloss der Kerkertür, und sie sprang auf. Da machte Ursulus die Türe wieder zu, weil es noch Tag war, und wartete bis zur Nacht.

Dann nahm er Abschied von dem lieben Vogel, sagte ihm tausend Dank, und durch die Berührung der Wurzel sprangen alle Türen und Tore auf, und so ging er traurig zur Stadt hinaus in lauter Angst und Trauer, wie er nur die Galle von dem Fische finden sollte; und so lief er immer in den wilden Wald hinein, und kein Mensch wusste damals, wo er hingekommen war.

In Munkelwust wartete der König Jerum mit großer Ungeduld auf die Rückkehr des Ursulus, und da er nicht kam, sprach Würgipumpa: "Wie wäre es, wenn wir miteinander nach Besserdich reisten, um der Fanferlieschen zu ihrer Genesung Glück zu wünschen, sie hält den Kommtzeitkommtrat gewiss mit Liebkosungen zurück. Wenn du auch nicht wieder König dort sein willst, so kannst du doch gute Freundschaft mit Jungfer Fanferlieschen halten."

Das war der König zufrieden, und sie zogen mit einem großen Gefolge nach Besserdich. Jerum war sehr traurig auf der Reise, Würgipumpa aber sehr lustig. Auf halbem Wege kamen ihm einige schwarz gekleidete Reiter entgegen. Jeder trug in der einen Hand eine Zitrone, in der anderen Hand einen Ölzweig, und von ihren Hüten schleppten lange Trauerflöre bis an die Erde hinab. Sie machten halt bei dem König, und er erkannte bald mehrere alte Bürger von Besserdich.

Der eine sprach zu ihm: "König Jerum! So du dich wirklich gebessert hast, komme wieder zu uns in die Stadt und sei unser guter König, dieses hat uns Fanferlieschen dir zu sagen befohlen." Bei diesen Worten weinten sie. Jerum sprach: "Ich habe mich bestrebt, besser zu werden, aber ich fühle doch, dass ich noch nicht verdiene, über andre zu herrschen. Sagt das der Fanferlieschen, und bittet sie um Erlaubnis, dass ich sie sehen darf." -

"Ach", sagten sie, "diese Freude kann sie nicht mehr haben, denn vor einigen Tagen ist sie durch eine Schwalbe blind geworden." Da zitterte der König vor Schrecken und zog sein Schwert und wollte die Würgipumpa erstechen und schrie: "Verräterin, das hast du mir getan!" Würgipumpa warf sich vor ihm nieder und sprach: "Mein Gemahl, ermorde mich Unschuldige; mein Bruder hat es mich gelehrt, ich wusste nichts davon, dass dies den Augen schädlich sei."

Da steckte der König sein Schwert wieder ein und sprach zu den Herren: "Seht, wie soll ich über andre herrschen, da ich mich selbst nicht beherrschen kann." Die Herren redeten ihm aber so lange zu, bis er mit ihnen nach Besserdich ritt. Als er wieder in seinem Schloss war, fragte er nach Fanferlieschen und nach Ursulus, aber man erzählte ihm, dass Ursulus aus dem Kerker entkommen sei, niemand wisse wie, und dass die blinde Jungfer Fanferlieschen, als sie sich den Tag nach ihrem Unglück habe in den Garten führen lassen, ein anderes Unglück gehabt habe.

Sie habe sich auf eine Rasenbank gesetzt, und die habe sich unter ihr auf einmal in einen ungeheuren schwarzen Bock verwandelt und sei wie ein Pfeil mit ihr durch die Lüfte fort gefahren. Da rief der König mit Schrecken aus: "Ach, der böse Pumpelirio Holzebocke!" Er gab nun Befehl, überall nach dem Holzebock und Fanferlieschen und Ursulus zu suchen, und ritt selbst oft ganze Tage lang nach ihnen aus.

Als er nun einstens abends nach Hause kam und traurig in seine Stube ging, welche Freude! Ursulus kam ihm entgegen. Der Jüngling fiel ihm zu Füßen, der König umarmte ihn und weinte. "Ach", sagte da Ursulus, "wo ist Jungfer Fanferlieschen, dass ich sie wieder sehend mache. Seht, hier in dem Schneckenhaus habe ich von der Fischgalle, womit der blinde Tobias von seinem Sohne geheilt wurde; ach, wo ist sie, dass ich ihr helfe!" -

"Ach und o weh", sprach Jerum, "sie ist fort, niemand weiß, wohin; der Holzebock hat sie davon geführt." Da ward Ursulus noch viel trauriger. Der König fragte ihn, wo er die Fischgalle her habe. Da erzählte Ursulus alles, wie es ihm gegangen mit dem guten Vogel, und zeigte ihm das Tobiasbüchlein und die Wurzel. "Und als ich", sprach er, "in die Wildnis gelaufen, hat mich der Vogel an einen Fluss gebracht und hat da sehr lange mit einem alten Fischreiher gesprochen; der hat immer mit dem Kopf geschüttelt, als wisse er nicht, was für ein Fisch es sein müsse, weil im Büchlein stehe, ein Fisch, und es gar viele Fische gebe.

Endlich habe der alte Fischreiher in Gottes Namen einen Fisch nach dem anderen gefangen, und da ich mir die Augen ganz blind geweint hatte, so haben wir die Galle an meinen Augen versucht. Da haben wir endlich einen gefangen, dessen Galle meine Augen gleich wieder herstellte, und da habe ich mir das Schneckenhaus voll genommen und komme nun leider zu spät hierher." Jerum ließ gleich die Probe an einem alten blinden Manne machen, und er ward gleich wieder sehend und dankte dem König sehr.

Als Würgipumpa alles dies hörte, nahte sie sich dem König mit Tränen und sprach: "Ich muss alles tun, das Unrecht wieder gut zu machen, das ich unschuldig veranlasste. Ich habe nun durch meine Nachforschungen erfahren, dass der Holzebocke sich hier im Walde in einer Höhle aufhält; wie wäre es, wenn Kommtzeitkommtrat, der alles kann, was er unternimmt, den Holzebock zu bekämpfen suchte? Er ist jetzt schon ein schöner junger Ritter, und wenn er das Ungeheuer erlegt hätte, so würde er Fanferlieschen, die er in seiner Höhle gefangen hat, heilen und befreien können."

König Jerum sprach erzürnt: "Wie? Soll mein einziger Trost auf Erden, dieser gute Jüngling, noch einmal in Todesgefahr? Nein, das kann ich nimmer mehr zugeben." Ursulus hatte es aber kaum gehört, als er vor dem König niederkniete und zu ihm sagte: "Lieber König, gebt mir Waffen, es mag mir gehen, wie es will, so kann ich doch nicht eher ruhen, bis ich Fanferlieschen geheilt habe. Lasst mich ausziehen gegen den Holzebocke."

Jerum war sehr betrübt, aber Ursulus ließ mit Bitten nicht nach. "Wohlan", sagte der König, "so will ich mit meinem Hofstaat und dir nach Munkelwust ziehen, weil der böse Holzebocke dort in der Gegend wohnt, und in unserer neuen Kirche will ich dich zum Ritter schlagen, und ich will beten dort, bis du wiederkommst."

Da zog Jerum und seine Gemahlin und der Hofstaat und Ursulus nach Munkelwust, und der König ging mit Ursulus in die Kirche, die fertig war, und der alte Schäfer hatte den Altar mit wunderschönen Blumen geschmückt. Da schlug der König den Ursulus zum Ritter und gab ihm einen goldnen Harnisch von Kopf bis zu Fuß und ein herrliches Schwert, das war wie eine Säge. Und auf seinem Schild war abgebildet ein Kreuz und vier Nägel und ein Schwamm und eine Geißel und ein Speer und eine Dornkrone.

Den Knopf des Schwertes konnte man aufschrauben, da hinein legte Ursulus das Schneckenhaus mit der Fischgalle. Und nun nahm er eine große Lanze in die Hand, und ein schneeweißer Schimmel mit himmelblauem Geschirr ward vorgeführt; der König hielt ihm selbst den Bügel, und Ursulus schwang sich in den Sattel, dass es rasselte. Da kam der alte Neuntöter geflogen und zog immer vor ihm her. Die Frau Neuntöterin aber flog auf den Kopf seines Pferdes, und der Junker Neuntöter setzte sich auf die Spitze seiner Lanze. Das Fräulein Neuntöter aber setzte sich auf seinen Helm, und so sprengte er in den Wald hinein.

Der König sah ihm lange nach und warf sich dann in der Kirche betend auf sein Angesicht und der alte Schäfer auch, und alle Lämmer auch, und es war, als wenn die Blumen auch auf den Gräbern der Jungfrauen beteten. Auch Ursula, welcher der Neuntöter alles gesagt hatte, betete in ihrem einsamen Turme in heißen Tränen: "Ach Gott im Himmel, erhalte mir meinen Ursulus."

Die Königin Würgipumpa aber betete nicht, sie hatte sich krank gestellt und war im Schlosse geblieben, denn sie war falsch und verlogen und glaubte ganz gewiss, dass der Holzebocke den Ursulus umbringen werde; deswegen hatte sie den bösen Rat gegeben. Als Ursulus mitten in der Wildnis angekommen war, hielt er sein Pferd an, schlug mit dem Schwert gegen sein Schild und schrie:
"Pumpelirio Holzebocke,
hörst du deine Totenglocke?"

Da trat auf einmal sein Freund, der alte Schäfer, hinter einem Baum hervor und nahte seinem Pferd und sprach: "O lieber Ursulus, tue doch dem Pumpelirio Holzebocke nichts, wenn du den Pumpelirio umbringst, so muss ich sterben, denn wir sind in einer Stunde geboren." Da rief Ursulus:
"In einer Stunde geboren,
in einer Stunde verloren;
der Holzebock muss sterben,
sonst muss Fanferlieschen verderben.
Tritt aus dem Weg zur Seiten,
sonst muss ich dich überreiten"

Der Schäfer aber wollte nicht aus dem Weg, da machte Ursulus die Augen zu und ritt den Schäfer über den Haufen. Da flog der Vogel zu Ursulus und sagte ihm: "Gott segne dich, das war der Pumpelirio selber." Da ritt er weiter, hielt wieder an und rief wieder, an das Schild schlagend:
"Pumpelirio Holzebocke,
hörst du deine Totenglocke?"

Da stürzte auf einmal der König Jerum ihm in den Weg und hielt ihm den Zügel des Pferdes und sprach wie der Schäfer: "Tue dem Pumpelirio nichts, sonst muss ich sterben." Aber Ursulus schrie wieder:
"Tritt aus dem Weg zur Seiten,
sonst muss ich dich überreiten"

und machte die Augen wieder zu und ritt den König über den Haufen. Da kam der Vogel wieder zu Ursulus und lobte ihn sehr, dass er sich nicht irre machen ließ. Denn dieser Jerum war wieder nur der verstellte Holzebocke. Als Ursulus zum dritten Male auf das Schild schlug und den Pumpelirio rief, ach! welche Gestalt trat ihm da in den Weg, wer kniete vor seinem Pferd?

Niemand anders war es als seine Mutter Ursula. Sie rang die Hände und rief aus: "Mein Sohn, mein Sohn! Wenn du dem Pumpelirio etwas tust, so muss ich sterben." Ach, bei diesem Anblick brach dem Ursulus das Herz, und schon wollte er umwenden, da stieß der Vogel das Pferd mit seinem Schnabel in die Seite, und das rannte auch diese Gestalt des Pumpelirio über den Haufen, welcher ganz zornig, dass es ihm nicht gelungen war, den Ursulus zu betrügen, nun in Gestalt eines ungeheuren schwarzen Bocks auf ihn zukam und ihn fragte
"Ei, was willst du, Ursulus?"

Da sagte dieser:
"Fanferlieschen
Schönefüßchen,
die ich wieder heilen muss."

Da sagte der Bock wieder:
"Pumpelirio biet dir Trutz,
Holzebocke machet Stutz."

Und nun rannte der Bock auf ihn zu und stieß seinen weißen Schimmel über den Haufen, dass er tot nieder sank, und die Lanze, mit welcher Ursulus nach dem Bock gestochen, zerbrach. Die guten Vögel aber hatten alle die neunundvierzig Messer, welche sie schon einmal auf den Jerum geworfen hatten, schon auf einem Baum zurecht gelegt und ließen sie eins nach dem anderen auf den Holzebock fallen.

Er machte sich nichts draus, denn sie blieben alle in ihm stecken, und jedes ward ein Horn, so dass er endlich wie ein Stachelschwein aussah. Ursulus hatte sich vom Pferde geschwungen und schlug mit seinem Schwerte auf den Holzebock, aber das zerbrach, und Ursulus ward über den Haufen gerannt.

Da bedeckte er sich mit seinem Schild, und der Bock trampelte mit Füßen auf ihm herum. Das tat dem Fräulein Neuntöter so leid, dass sie dem Bock zwischen die Hörner flog und ihm die Augen aushackte, worüber er erschrecklich zu meckern anfing. Nun griff Ursulus unter dem Schild hervor und fasste den Bock beim Bart und zog das Messer hervor, das ihm seine Mutter gegeben, und stach es dem Holzebock ins Herz. Da machte er noch einen Seitensprung und fiel tot nieder.

"Gott sei Dank!" rief Ursulus und raffte sich von der Erde auf: "Ach, wo ist nun Fanferlieschen Schönefüßchen, die ich nun gleich heilen muss?" Da sagte ihm der Neuntöter, dass sie gleich hier in einer Höhle liege und schlafe. Ursulus lief in die Höhle, da lag Fanferlieschen tot auf einer steinernen Bank. Ursulus glaubte, sie schlafe, aber sie war nicht zu wecken, da klagte er Jammer und Not. Überdem kam der Vogel und sagte: "Ursulus, das Blut vom Holzebock ist auf dein Pferd gespritzt, da ist es wieder lebendig geworden."

Da nahm Ursulus gleich von dem Blut und bestrich die Fanferlieschen damit. Da wurde sie wieder lebendig, und nun bestrich er ihr die Augen mit der Fischgalle, da ward sie wieder sehend. Ach, wie glücklich war da Ursulus, auch sie weinte vor Freuden und drückte ihn an ihr Herz. "Geschwind wollen wir nun zu Jerum", rief sie, "denn der ist in großer Angst."

Da setzte sie der Ursulus hinter sich auf sein Pferd und ritt mit ihr nach der Kirche. Da war große Not und Kummer, denn es war die Nachricht gekommen, dass die Königin Würgipumpa tot mit einem Stich im Herzen auf ihrer Stube gefunden worden sei und dass ihr die Augen aus dem Kopf gesprungen seien. Der König aber vergaß bald seine Betrübnis, da Ursulus und Fanferlieschen angeritten kamen.

Er küsste der Fanferlieschen das schöne Füßchen und hob sie vom Pferd und küsste den Ursulus viel tausendmal. Da sagte Fanferlieschen: "Es ist mir lieb, Jerum, dass du dich gebessert hast; aber wo ist Ursula, meine Pflegetochter, zeige mir sie, dass ich sie umarme." Bei diesen Worten riss sich der König die Haare aus und schrie: "Weh, weh! Ich Elender, ich bin ein Mörder und bleib ein Mörder." -

"Ja", sagte Fanferlieschen, "das bist du, und deswegen sollst du lebendig in den Turm vermauert werden, in welchen du die gute Ursula hast mauern lassen." - "Von Herzen gern", sagte Jerum, "will ich sterben, wo sie gestorben ist, bringt mich hin." Da brachte man ihn an den Turm und gab ihm eine Hacke. Alle standen traurig um ihn her und sahen, wie der arme Jerum für sich selbst den Turm aufbrechen musste.

Er tat allen Abbitte, die er beleidigt hatte, er bat Fanferlieschen tausendmal um Verzeihung und bat sie, mit Ursulus sein Land zu regieren. Ach, und als er diesen ansah, wollte ihm das Herz zerreißen. Er umarmte ihn und sprach:
"Du brachtest mich zum rechten Pfad
Kommtzeitkommtrat,
dass ich dich nie mehr wiederseh,
das tut mir weh, o weh, o weh!"

Ursulus aber sprach:
"Kommtzeitkommtrat, dein Diener, spricht:
Meinen Herrn und König verlass ich nicht.
Ich geh mit dir ins Grab hinein,
ich denk, es wird uns wohl drin sein."

Da nahm er auch eine Hacke, und sie arbeiteten zusammen, und der König Jerum sagte, so oft ein Stein herausgebrochen war:
"Lieb Ursula so still und fromm,
o freue dich, ich komm, ich komm."

Und dann hielt er immer wieder ein und umarmte den Ursulus und bat ihn, zurückzubleiben. Ursulus aber sagte beständig:
"Ich geh mit dir ins Grab hinein,
ich denk, es wird uns wohl drin sein."

Und da arbeiteten sie immer drauflos, und sie waren schon bis an die wollene Decke gekommen, welche Ursula rings im Turme herum gespannt hatte, da ließ Jerum die Hacke sinken und sprach:
"Lieb Ursula so still und fromm,
o freue dich, ich komm, ich komm."

Und alle, die umher standen, weinten bitterlich. Aber auf einmal hörte man eine Stimme hinter der wollenen Decke, welche sprach: "Ihre königliche Majestät Jerum werden alleruntertänigst ersucht, noch einige Augenblicke zu verziehen zu geruhen, da Ihre Majestät die Königin Ursula noch mit ihrem Anzug beschäftigt sind." -

"Allmächtiger Gott, was ist das?" rief Jerum. "Himmel und Erde mögen zusammenfallen, sie lebt! Sie lebt! Oh, ich muss, ich muss sie sehen." Da wollte er die Decke niederreißen, aber Fanferlieschen und Ursulus hielten ihn zurück. "O lasst mich! Lasst mich ihre Füße mit meinen Tränen benetzen und sterben", rief Jerum.

Da steckte Ursula ein wunderschönes Füßchen zu der Decke heraus und sprach mit süßer Stimme:
"Da, mein lieber Jerumius,
hast du deiner Ursula Fuß."

Und Jerum sank zur Erde und küsste ihren Fuß und legte sein Haupt nieder und setzte den Fuß Ursulas auf sein Haupt und sprach:
"Der Unschuld Fuß auf Schlangenhaupt,
selig, wer da liebt und glaubt."

Da streckte Ursula ihre schöne Hand hervor und sprach:
"Da, Jerum, hast du meine Hand,
leg deine drein zum Liebespfand."

Da sprang Jerum auf und küsste die Hand und benetzte sie mit Tränen und sprach:
"O Engelshand, o segne mich,
nie mehr, nie mehr, beleidig ich dich!"

Da steckte Ursula den Kopf durch die Decke und rief:
"O Jerum, küsse meinen Mund,
da sind wir alle beide gesund."

Ach, da riss Jerum die Decke nieder und sank an das Herz der Ursula, und Ursulus auch und Fanferlieschen auch, und alle Schmerzen waren vergessen, und alles Böse war verziehen. Der Himmel war blau und heiter, die Zuschauer aber sanken auf die Knie und beteten. Als sie sich ein wenig erholt hatten, sagte Ursula zu Jerum: "Sieh, das ist dein Sohn Ursulus!"

Oh, da war Jerums Freude von neuem groß. Neben der Ursula aber stand der Vogel Neuntöter wieder in den Kammerherrn von Neuntöter verwandelt, und seine Gattin war wieder die Hofdame von Neuntöter, und der Junker war ein Edelknabe, und das Fräulein Neuntöter stand so schön, so blond und schlank mit niedergeschlagenen Augen vor Ursulus, dass er vor sie hin trat und sprach:

"Oh, mein schönes Fräulein! Ihnen verdanke ich die Befreiung aus dem Kerker durch die Springwurzel und das Tobias Büchlein und die Fischgalle, und Sie haben dem Holzebocke die Augen ausgehackt, wie lohne ich Ihnen?" Als Jerum und Ursula und Fanferlieschen dieses hörten, legten sie die Hände der beiden zusammen und sagten: "Ihr sollt Mann und Frau sein." Darüber waren beide glücklich.

Alle aber zogen nun nach der Kirche und dankten Gott, und Fanferlieschen sagte. "Gott sei Dank, Jerum, dass der Holzebock und Würgipumpa tot sind. Sie waren Geschwister und meine größten Feinde, aber sie wussten nicht, dass eines mit dem anderen sterben musste. Jetzt lasst uns alle nach Besserdich ziehen und in Tugend und Ehren das Land regieren."

Jerum aber sprach: "Ich bin das Glück nicht wert, nur die Unschuld soll regieren, die Schuld aber soll Buße tun. Ich bleibe hier bei dem alten Schäfer und büße ewiglich." Da setzte er seine Krone auf das Haupt des Ursulus, und Ursula setzte ihre Krone auf das Haupt der Fräulein Neuntöter, welche auch Ursula hieß, und sprach: "Auch ich will hier bleiben und beten."

Darüber ward das Herz des armen Jerums so gerührt, dass es mitten entzwei sprang und Jerum starb. Oh, da war Weinen und Wehklagen. Und sie begruben ihn zu Füßen eines Kreuzes bei dem Brunnen, und Ursula sang, und aus allen Gräbern der Jungfräulein sang es mit.

Ursula blieb nun da bei dem alten Schäfer wohnen und nahm viele Witwen und Waisen zu sich, und sie arbeiteten für die Armut und beteten und sangen. Fanferlieschen segnete sie, und Ursulus und seine Frau trennten sich weinend von ihr und zogen nach der Stadt Besserdich. Der Herr von Neuntöter und seine Frau und sein Sohn aber regierten das Ländchen Bärwalde für Ursula.

Als Fanferlieschen weg ritt, ging sie auf den alten Schäfer zu und sprach zu ihm: "Damon, kennst du mich noch? Wir sind beide alt geworden." - "Ja", sagte der Schäfer, "ich kenne dich noch; als du die Lämmer hütetest neben mir, da liebte ich dich und sagte dir es. Da sprachst du:
'Lieber guter Schäfer mein,
schön wär's wohl, doch kann's nicht sein.
Ich bin nur ein guter Geist,
der so durch das Leben reist.
Liebe Gott, das ist gescheiter',
also sprachst du, und zogst weiter."

"Richtig", sagte Fanferlieschen, "so war es, und du hast meinem Rat gefolgt, drum werd ich dich im Himmel wiedersehen." Da sank der Schäfer tot an die Erde, und Fanferlieschen flog durch die Lüfte davon und ließ ihre Pantoffeln nieder fallen. Die fing die Gemahlin des Ursulus auf und war gleich so schön und lieb und klug als Fanferlieschen. Sie kamen nach Besserdich und regieren gut bis dato.

 

Clemens von Brentano

DIE ZAUBEREI IM HERBSTE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ritter Ubaldo war an einem heiteren Herbstabend auf der Jagd weit von den Seinigen abgekommen und ritt eben zwischen einsamen Waldbergen hin, als er von dem einen der selben einen Mann in seltsamer, bunter Kleidung herabsteigen sah. Der Fremde bemerkte ihn nicht, bis er dicht vor ihm stand. Ubaldo sah nun mit Verwunderung, daß der selbe einen sehr zierlichen und prächtig geschmückten Wams trug, der aber durch die Zeit altmodisch und unscheinlich geworden war. Sein Gesicht war schön, aber bleich und wild mit Bart verwachsen.

Beide begrüßten einander erstaunt, und Ubaldo erzählte, daß er so unglücklich gewesen, sich hier zu verirren. Die Sonne war schon hinter den Bergen versunken, dieser Ort weit entfernt von allen Wohnungen der Menschen. Der Unbekannte trug daher dem Ritter an, heute bei ihm zu übernachten; morgen mit dem frühesten wolle er ihm den einzigen Pfad weisen, der aus diesen Bergen heraus führe. Ubaldo willigte gern ein und folgte nun seinem Führer durch die öden Waldesschluchten.

Sie kamen bald an einen hohen Fels, in dessen Fuß eine geräumige Höhle ausgehauen war. Ein großer Stein lag in der Mitte der selben, auf dem Stein stand ein hölzernes Kruzifix. Ein Lager von trockenem Laub füllte den Hintergrund der Klause. Ubaldo band sein Pferd am Eingang an, während sein Wirt stillschweigend Wein und Brot brachte. Sie setzten sich miteinander hin, und der Ritter, dem die Kleidung des Unbekannten für einen Einsiedler wenig passend schien, konnte sich nicht enthalten, ihn um seine früheren Schicksale zu befragen. -

«Forsche nur nicht, wer ich bin», antwortete der Klausner streng, und sein Gesicht wurde dabei finster und unfreundlich. - Dagegen bemerkte Ubaldo, daß der selbe hoch aufhorchte und dann in ein tiefes Nachsinnen versank, als er selber nun anfing, mancher Fahrten und rühmlicher Taten zu erwähnen, die er in seiner Jugend bestanden. Ermüdet endlich streckte sich Ubaldo auf das ihm angebotene Laub hin und schlummerte bald ein, während sein Wirt sich am Eingang der Höhle nieder setzte.

Mitten in der Nacht fuhr der Ritter, von unruhigen Träumen geschreckt, auf. Er richtete sich mit halbem Leibe empor. Draußen beschien der Mond sehr hell den stillen Kreis der Berge. Auf dem Platz vor der Höhle sah er seinen Wirt unruhig unter den hohen, schwankenden Bäumen auf und ab wandeln. Er sang dabei mit hohler Stimme ein Lied, wovon Ubaldo nur abgebrochen ungefähr folgende Worte vernehmen konnte:

Aus der Kluft treibt mich das Bangen,
Alte Klänge nach mir langen -
Süße Sünde, laß mich los!
Oder wirf mich ganz darnieder,
Vor dem Zauber dieser Lieder
Bergend in der Erde Schoß!
Gott! Inbrünstig möcht ich beten,
Doch der Erde Bilder treten
Immer zwischen dich und mich,
Und ringsum der Wälder Sausen
Füllt die Seele mir mit Grausen,
Strenger Gott! ich fürchte dich.

Ach! So brich auch meine Ketten!
Alle Menschen zu erretten,
Gingst du ja in bittern Tod.
Irrend an der Hölle Toren,
Ach, wie bald bin ich verloren!
Jesus, hilf in meiner Not!

Der Sänger schwieg wieder, setzte sich auf einen Stein und schien einige unvernehmliche Gebete herzumurmeln, die aber vielmehr wie verwirrte Zauberformeln klangen. Das Rauschen der Bäche von den nahen Bergen und das leise Sausen der Tannen sang seltsam mit darein, und Ubaldo sank, vom Schlafe überwältigt, wieder auf sein Lager zurück.

Kaum blitzten die ersten Morgenstrahlen durch die Wipfel, als auch der Einsiedler schon vor dem Ritter stand, um ihm den Weg aus den Schluchten zu weisen. Wohlgemut schwang sich Ubaldo auf sein Pferd, und sein sonderbarer Führer schritt schweigend neben ihm her. Sie hatten bald den Gipfel des letzten Berges erreicht, da lag plötzlich die blitzende Tiefe mit Strömen, Städten und Schlössern im schönsten Morgenglanz zu ihren Füßen.

Der Einsiedler schien selber überrascht. «Ach, wie schön ist die Welt!» rief er bestürzt aus, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und eilte so in die Wälder zurück. - Kopfschüttelnd schlug Ubaldo nun den wohl bekannten Weg nach seinem Schlosse ein. Die Neugierde trieb ihn indessen gar bald von neuem nach der Einöde, und er fand mit einiger Mühe die Höhle wieder, wo ihn der Klausner diesmal weniger finster und verschlossen empfing.

Daß der selbe schwere Sünden redlich abbüßen wolle, hatte Ubaldo wohl schon aus jenem Nächtlichen Gesang entnommen, aber es kam ihm vor, als ob dieses Gemüt fruchtlos mit dem Feinde ringe; denn in seinem Wandel war nichts von der heiteren Zuversicht einer wahrhaft Gott ergebenen Seele, und gar oft, wenn sie im Gespräch beieinander saßen, brach eine schwer unterdrückte irdische Sehnsucht mit einer fast furchtbaren Gewalt aus den irre flammenden Augen des Mannes, wobei alle seine Mienen sonderbar zu verwildern und sich gänzlich zu verwandeln schienen.

Dies bewog den frommen Ritter, seine Besuche öfter zu wiederholen, um den Schwindelnden mit der ganzen, vollen Kraft eines ungetrübten, schuldlosen Gemüts zu umfassen und zu erhalten. Seinen Namen und früheren Wandel verschwieg der Einsiedler indes fortdauernd, es schien ihm vor der Vergangenheit zu schaudern. Doch wurde er mit jedem Besuche sichtbar ruhiger und zutraulicher. Ja, es gelang dem guten Ritter endlich sogar, ihn einmal zu bewegen, ihm nach seinem Schlosse zu folgen.

Es war schon Abend geworden, als sie auf der Burg anlangten. Der Ritter ließ daher ein wärmendes Kaminfeuer anlegen und brachte von dem besten Wein, den er hatte. Der Einsiedler schien sich hier zum ersten Male ziemlich behaglich zu fühlen. Er betrachtete sehr aufmerksam ein Schwert und andere Waffenstücke, die im Widerscheine des Kaminfeuers funkelnd dort an der Wand hingen, und sah dann wieder den Ritter lange schweigend an.

«Ihr seid glücklich», sagte er, «und ich betrachte Eure feste, freudige, männliche Gestalt mit wahrer Scheu und Ehrfurcht, wie Ihr Euch, unbekümmert durch Leid und Freud, bewegt und das Leben ruhig regiert, während Ihr Euch dem selben ganz hinzugeben scheint, gleich einem Schiffer, der bestimmt weiß, wo er hinsteuern soll, und sich von dem wunderbaren Liede der Sirenen unterwegs nicht irre machen läßt. Ich bin mir in Eurer Nähe schon oft vorgekommen wie ein feiger Tor oder wie ein Wahnsinniger. - Es gibt vom Leben Berauschte - ach, wie schrecklich ist es, dann auf einmal wieder nüchtern zu werden!»

Der Ritter, welcher diese ungewöhnliche Bewegung seines Gastes nicht unbenutzt vorbeigehen lassen wollte, drang mit gutmütigem Eifer in den selben, ihm nun endlich einmal seine Lebensgeschichte zu vertrauen. Der Klausner wurde nachdenkend. «Wenn ihr mir versprecht», sagte er endlich, «ewig zu verschweigen, was ich Euch erzähle, und mir erlaubt, alle Namen wegzulassen, so will ich es tun.» Der Ritter reichte ihm die Hand und versprach ihm freudig, was er forderte, rief seine Hausfrau, deren Verschwiegenheit er verbürgte, herein, um auch sie an der von beiden lange ersehnten Erzählung teilnehmen zu lassen.

Sie erschien, ein Kind auf dem Arme, das andere an der Hand führend. Es war eine hohe, schöne Gestalt in verblühender Jugend, still und mild wie die untergehende Sonne, noch einmal in den lieblichen Kindern die eigene versinkende Schönheit abspiegelnd. Der Fremde wurde bei ihrem Anblick ganz verwirrt. Er riß das Fenster auf und schaute einige Augenblicke über den nächtlichen Waldgrund hinaus, um sich zu sammeln. Ruhiger trat er darauf wieder zu ihnen; sie rückten alle dichter um den lodernden Kamin, und er begann folgendermaßen:

«Die Herbstsonne stieg lieblich wärmend über die farbigen Nebel, welche die Täler um mein Schloß bedeckten. Die Musik schwieg, das Fest war zu Ende, und die lustigen Gäste zogen nach allen Seiten davon. Es war ein Abschiedsfest, das ich meinem liebsten Jugendgesellen gab, welcher heute mit seinem Häuflein dem heiligen Kreuze zuzog, um dem großen christlichen Heere das gelobte Land erobern zu helfen.

Seit unserer frühesten Jugend war dieser Zug der einzige Gegenstand unserer beiderseitigen Wünsche, Hoffnungen und Pläne, und ich versenke mich noch jetzt oft mit einer unbeschreiblichen Wehmut in jene stille, morgenschöne Zeit, wo wir unter den hohen Linden auf dem Felsenabhang meines Burgplatzes zusammen saßen und in Gedanken den segelnden Wolken nach jenem gebenedeiten Wunderland folgten, wo Gottfried und die anderen Helden in lichtem Glanze des Ruhmes lebten und stritten. - Aber wie bald verwandelte sich alles in mir!

Ein Fräulein, die Blume aller Schönheit, die ich nur einigemale gesehen und zu welcher ich, ohne daß sie davon wußte, gleich von Anfang eine unbezwingliche Liebe gefaßt hatte, hielt mich in dem stillen Zwinger dieser Berge gebannt. Jetzt, da ich stark genug war, mitzukämpfen, konnte ich nicht scheiden und ließ meinen Freund allein ziehen.

Auch sie war bei dem Fest zugegen, und ich schwelgte vor übergroßer Seligkeit in dem Widerglanz ihrer Schönheit. Nur erst, als sie des Morgens fort ziehen wollte und ich ihr auf das Pferd half, wagte ich, es ihr zu entdecken, daß ich nur ihretwillen den Zug unterlassen. Sie sagte nichts darauf, aber blickte mich groß und, wie es schien, erschrocken an und ritt dann schnell davon.» -

Bei diesen Worten sahen der Ritter und seine Frau einander mit sichtbarem Erstaunen an. Der Fremde bemerkte es aber nicht und fuhr weiter fort:

«Alles war nun fort gezogen. Die Sonne schien durch die hohen Bogenfenster in die leeren Gemächer, wo jetzt nur noch meine einsamen Fußtritte widerhallten. Ich lehnte mich lange zum Erker hinaus; aus den stillen Wäldern unten schallte der Schlag einzelner Holzhauer herauf. Eine unbeschreiblich sehnsüchtige Bewegung bemächtigte sich in dieser Einsamkeit meiner. Ich konnte es nicht länger aushalten, ich schwang mich auf mein Roß und ritt auf die Jagd, um dem gepreßten Herzen Luft zu machen.

Lange war ich umhergeirrt und befand mich endlich zu meiner Verwunderung in einer mir bis jetzt noch ganz unbekannt gebliebenen Gegend des Gebirges. Ich ritt gedankenvoll, meinen Falken auf der Hand, über eine wunderschöne Heide, über welche die Strahlen der untergehenden Sonne schräg blitzend hinfuhren; die herbstlichen Gespinste flogen wie Schleier durch die heitere blaue Luft; hoch über die Berge weg wehten die Abschiedslieder der fortziehenden Vögel.

Da hörte ich plötzlich mehrere Waldhörner, die in einiger Entfernung von den Bergen einander Antwort zu geben schienen. Einige Stimmen begleiteten sie mit Gesang. Nie noch vorher hatte mich Musik mit solcher wunderbaren Sehnsucht erfüllt als diese Töne, und noch heute sind mir mehrere Strophen des Gesanges erinnerlich, wie sie der Wind zwischen den Klängen herüberwehte:

Über gelb und rote Streifen
Ziehen hoch die Vögel fort.
Trostlos die Gedanken schweifen,
Ach! sie finden keinen Port,
Und der Hörner dunkle Klagen
Einsam nur ans Herz dir schlagen.
Siehst du blauer Berge Runde
Ferne überm Walde stehn,
Bäche in dem stillen Grunde
Rauschend nach der Ferne gehn?
Wolken, Bäche, Vögel munter,
Alles ziehet mit hinunter.

Golden meine Locken wallen,
Süß mein junger Leib noch blüht -
Bald ist Schönheit auch verfallen,
Wie des Sommers Glanz verglüht,
Jugend muß die Blüten neigen,
Rings die Hörner alle schweigen.

Schlanke Arme zu umarmen,
Roten Mund zum süßen Kuß,
Weiße Brust, dran zu erwarmen,
Reichen, vollen Liebesgruß
Bietet dir der Hörner Schallen,
Süßer! komm, eh sie verhallen!

Ich war wie verwirrt bei diesen Tönen, die das ganze Herz durchdrangen. Mein Falke, sobald sich die ersten Klänge erhoben, wurde scheu, schwang sich wild kreischend auf, hoch in den Lüften verschwindend, und kam nicht wieder. Ich aber konnte nicht widerstehen und folgte dem verlockenden Waldhorn Lied immerfort, das Sinnen verwirrend bald wie aus der Ferne klang, bald wieder mit dem Winde näher schwellte.

So kam ich endlich aus dem Walde heraus und erblickte ein blankes Schloß, das auf einem Berge vor mir lag. Rings um das Schloß, vom Gipfel bis zum Walde hinab, lachte ein wunderschöner Garten in den buntesten Farben, der das Schloß wie ein Zauberring umgab. Alle Bäume und Sträucher in dem selben, vom Herbst viel kräftiger gefärbt als anderswo, waren purpurrot, goldgelb und feuerfarben; hohe Astern, diese letzten Gestirne des versinkenden Sommers, brannten dort im mannigfaltigsten Schimmer. Die untergehende Sonne warf gerade ihre Strahlen auf die liebliche Anhöhe, auf die Springbrunnen und die Fenster des Schlosses, die blendend blitzten.

Ich bemerkte nun, daß die Waldhornklänge, die ich vorhin gehört, aus diesem Garten kamen, und mitten in dem Glanze unter wilden Weinlaubranken sah ich, innerlichst erschrocken - das Fräulein, das alle meine Gedanken meinten, zwischen den Klängen, selber singend, herumwandeln. Sie schwieg, als sie mich erblickte, aber die Hörner klangen fort. Schöne Knaben in seidenen Kleidern eilten herab und nahmen mir das Pferd ab.

Ich flog durch das zierlich übergoldete Gittertor auf die Terrasse des Gartens, wo meine Geliebte stand, und sank, von so viel Schönheit überwältigt, zu ihren Füßen nieder. Sie trug ein dunkelrotes Gewand; lange Schleier, durchsichtig wie die Sommerfäden des Herbstes, umflatterten die goldgelben Locken, von einer prächtigen Aster aus funkelnden Edelsteinen über der Stirn zusammengehalten.

Liebreich hob sie mich auf, und mit einer rührenden, wie vor Liebe und Schmerz gebrochenen Stimme sagte sie: ‹Schöner, unglücklicher Jüngling, wie lieb ich dich! Schon lange liebte ich dich, und wenn der Herbst seine geheimnisvolle Feier beginnt, erwacht mit jedem Jahr mein Verlangen mit neuer, unwiderstehlicher Gewalt. Unglücklicher! Wie bist du in den Kreis meiner Klänge gekommen? Laß mich und fliehe!›

Mich schauderte bei diesen Worten, und ich beschwor sie, weiter zu reden und sich näher zu erklären. Aber sie antwortete nicht, und wir gingen stillschweigend nebeneinander durch den Garten. Es war indes dunkel geworden. Da verbreitete sich eine ernste Hoheit über ihre ganze Gestalt.

‹So wisse denn›, sagte sie, ‹dein Jugendfreund, der heute von dir geschieden ist, ist ein Verräter. Ich bin gezwungen seine verlobte Braut. Aus wilder Eifersucht verhehlte er dir seine Liebe. Er ist nicht nach Palästina, sondern kommt morgen, um mich abzuholen und in einem abgelegenen Schlosse vor allen menschlichen Augen auf ewig zu verbergen. - Ich muß nun scheiden. Wir sehen uns nie wieder, wenn er nicht stirbt.›

Bei diesen Worten drückte sie einen Kuß auf meine Lippen und verschwand in den dunklen Gängen. Ein Stein aus ihrer Aster funkelte im Weggehen kühlblitzend über meinen beiden Augen; ihr Kuß flammte mit fast schauerlicher Wollust durch alle meine Adern. Ich überdachte nun mit Entsetzen die fürchterlichen Worte, die sie beim Abschied wie Gift in mein gesundes Blut geworfen hatte, und irrte, lange nachsinnend, in den einsamen Gängen umher. Ermüdet warf ich mich endlich auf die steinernen Staffeln vor dem Schloßtor; die Waldhörner hallten noch fort, und ich schlummerte unter seltsamen Gedanken ein.

Als ich die Augen aufschlug, war es heller Morgen. Alle Türen und Fenster des Schlosses waren fest verschlossen, der Garten und die ganze Gegend still. In dieser Einsamkeit erwachte das Bild der Geliebten und die ganze Zauberei des gestrigen Abends mit neuen morgenschönen Farben in meinem Herzen, und ich fühlte die volle Seligkeit, wiedergeliebt zu werden. Manchmal wohl, wenn mir jene furchtbaren Worte wieder einfielen, wandelte mich ein Trieb an, weit von hier zu fliehen; aber der Kuß brannte noch auf meinen Lippen, und ich konnte nicht fort.

Es wehte eine warme, fast schwüle Luft, als wollte der Sommer noch einmal wiederkehren. Ich schweifte daher träumend in den nahen Wald hinaus, um mich mit der Jagd zu zerstreuen. Da erblickt ich in dem Wipfel eines Baumes einen Vogel von so wunderschönem Gefieder, wie ich noch nie vorher gesehen. Als ich den Bogen spannte, um ihn zu schießen, flog er schnell auf einen anderen Baum. Ich folgte ihm begierig; aber der schöne Vogel flatterte immerfort von Wipfel zu Wipfel vor mir her, wobei seine hell goldenen Schwingen reizend im Sonnenschein glänzten.

So war ich in ein enges Tal gekommen, das rings von hohen Felsen eingeschlossen war. Kein rauhes Lüftchen wehte hier herein; alles war hier noch grün und blühend wie im Sommer. Ein Gesang schwoll wunderlieblich aus der Mitte dieses Tales. Erstaunt bog ich die Zweige des dichten Gesträuches, an dem ich stand, auseinander - und meine Augen senkten sich trunken und geblendet vor dem Zauber, der sich mir da eröffnete.

Ein stiller Weiher lag im Kreise der hohen Felsen, an denen Efeu und seltsame Schilfblumen üppig emporrankten. Viele Mädchen tauchten ihre schönen Glieder singend in der lauen Flut auf und nieder. Über allen erhoben stand das Fräulein prächtig und ohne Hülle und schaute, während die anderen sangen, schweigend um die wollüstig um ihre Knöchel spielenden Wellen wie verzaubert und versunken in das Bild der eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel widerstrahlte. Eingewurzelt stand ich lange in flammendem Schauer, da bewegte sich die schöne Schar ans Land, und ich eilte schnell davon, um nicht entdeckt zu werden.

Ich stürzte mich in den dicksten Wald, um die Flammen zu kühlen, die mein Inneres durchtobten. Aber je weiter ich floh, desto lebendiger gaukelten jene Bilder vor meinen Augen, desto verzehrender langte der Schimmer jener jugendlichen Glieder mir nach. So traf mich die einbrechende Nacht noch im Walde. Der ganze Himmel hatte sich unterdes verwandelt und war dunkel geworden; ein wilder Sturm ging über die Berge. ‹Wir sehen uns nie wieder, wenn er nicht stirbt!› rief ich immerfort in mich selbst hinein und rannte, als würde ich von Gespenstern gejagt.

Es kam mir manchmal dabei vor, als vernähme ich seitwärts Getös von Rosseshufen im Walde; aber ich scheute jedes menschliche Angesicht und floh vor dem Geräusch, so oft es näher zu kommen schien. Das Schloß meiner Geliebten sah ich oft, wenn ich auf eine Höhe kam, in der Ferne stehen; die Waldhörner sangen wieder wie gestern Abend; der Glanz der Kerzen drang wie ein milder Mondenschein durch alle Fenster und beleuchtete rings umher magisch den Kreis der nächsten Bäume und Blumen, während draußen die ganze Gegend in Sturm und Finsternis wild durcheinander rang.

Meiner Sinne kaum mehr mächtig, bestieg ich endlich einen hohen Felsen, an dem unten ein brausender Waldstrom vorüber stürzte. Als ich auf der Spitze ankam, erblickte ich dort eine dunkle Gestalt, die auf einem Steine saß, still und unbeweglich, als wäre sie selber von Stein. Die Wolken jagten so eben zerrissen über den Himmel. Der Mond trat blutrot auf einen Augenblick hervor - und ich erkannte meinen Freund, den Bräutigam meiner Geliebten.

Er richtete sich, sobald er mich erblickte, schnell und hoch auf, daß ich innerlichst zusammen schauderte, und griff nach seinem Schwert. Wütend fiel ich ihn an und umfaßte ihn mit beiden Armen. So rangen wir einige Zeit miteinander, bis ich ihn zuletzt über die Felsenwand in den Abgrund hinab schleuderte. Da wurde es auf einmal still in der Tiefe und ringsumher, nur der Strom unten rauschte stärker, als wäre mein ganzes voriges Leben unter diesen wirbelnden Wogen begraben und alles auf ewig vorbei.

Eilig stürzte ich nun fort von diesem grausigen Orte. Da kam es mir vor, als hörte ich ein lautes, widriges Lachen wie aus dem Wipfel der Bäume hinter mir drein schallen; zugleich glaubte ich in der Verwirrung meiner Sinne den Vogel, den ich vorhin verfolgte, in den Zweigen über mir wiederzusehen. - So gejagt, geängstigt und halb sinnlos, rannte ich durch die Wildnis über die Gartenmauer hinweg zu dem Schlosse des Fräuleins. Mit allen Kräften riß ich dort an den Angeln des verschlossenen Tores. ‹Mach auf›, schrie ich außer mir, ‹mach auf, ich habe meinen Herzensbruder erschlagen! Du bist nun mein auf Erden und in der Hölle!›

Da taten sich die Torflügel schnell auf, und das Fräulein, schöner als ich sie jemals gesehen, sank ganz hingegeben in flammenden Küssen an meine von Stürmen durchwühlte, zerrissene Brust. Laßt mich nun schweigen von der Pracht der Gemächer, dem Duft ausländischer Blumen und Bäume, zwischen denen schöne Frauen singend hervor sahen, von den Wogen von Licht und Musik, von der wilden, namenlosen Lust, die ich in den Armen des Fräuleins -»

Hier fuhr der Fremde plötzlich auf. Denn draußen hörte man einen seltsamen Gesang an den Fenstern der Burg vorüber fliegen. Es waren nur einzelne Sätze, die zuweilen wie eine menschliche Stimme, dann wieder wie die höchsten Töne einer Klarinette klangen, wenn sie der Wind über ferne Berge herüberweht, das ganze Herz ergreifend und schnell dahin fahrend. -

«Beruhigt Euch», sagte der Ritter, «wir sind das lange gewohnt. Zauberei soll in den nahen Wäldern wohnen, und oft zur Herbstzeit streifen solche Töne in der Nacht bis an unser Schloß. Es vergeht ebenso schnell, als es kommt, und wir bekümmern uns weiter nicht darum.» - Eine große Bewegung schien jedoch in der Brust des Ritters zu arbeiten, die er nur mit Mühe unterdrückte. -

Die Töne draußen waren schon wieder verklungen. Der Fremde saß, wie im Geiste abwesend, in tiefes Nachsinnen verloren. Nach einer langen Pause erst sammelte er sich wieder und fuhr, obgleich nicht mehr so ruhig wie vorher, in seiner Erzählung weiter fort:

«Ich bemerkte, daß das Fräulein mitten im Glanze manchmal von einer unwillkürlichen Wehmut befallen wurde, wenn sie aus dem Schlosse sah, wie nun endlich der Herbst von allen Fluren Abschied nehmen wollte. Aber ein gesunder, fester Schlaf machte durch eine Nacht alles wieder gut, und ihr wunderschönes Antlitz, der Garten und die ganze Gegend ringsumher blickte mich am Morgen immer wieder erquickt, frischer und wie neugeboren an.

Nur einmal, da ich eben mit ihr am Fenster stand, war sie stiller und trauriger als jemals. Draußen im Garten spielte der Wintersturm mit den herabfallenden Blättern. Ich merkte, daß sie oft heimlich schauderte, als sie in die ganz verbleichte Gegend hinausschaute. Alle ihre Frauen hatten uns verlassen; die Lieder der Waldhörner klangen heute nur aus weiter Ferne, bis sie endlich gar verhallten.

Die Augen meiner Geliebten hatten allen ihren Glanz verloren und schienen wie verlöschend. Jenseits der Berge ging eben die Sonne unter und erfüllte den Garten und die Täler ringsum mit ihrem verbleichenden Glanz. Da umschlang das Fräulein mich mit beiden Armen und begann ein seltsames Lied zu singen, das ich vorher noch nie von ihr gehört und das mit unendlich wehmütigem Akkorde das ganze Haus durchdrang. Ich lauschte entzückt, es war, als zögen mich diese Töne mit dem versinkenden Abendrot langsam hinab, die Augen fielen mir wider Willen zu, und ich schlummerte in Träumen ein.

Als ich erwachte, war es Nacht geworden und alles still im Schlosse. Der Mond schien sehr hell. Meine Geliebte lag auf seidenem Lager schlafend neben mir hingestreckt. Ich betrachtete sie mit Erstaunen; denn sie war bleich wie eine Leiche, ihre Locken hingen verwirrt und wie vom Winde zerzaust um Angesicht und Busen herum. Alles andere lag und stand noch unberührt umher, wie es bei meinem Entschlummern gelegen; es war mir, als wäre das schon sehr lange her. -

Ich trat an das offene Fenster. Die Gegend draußen schien mir verwandelt und ganz anders, als ich sie sonst gesehen. Die Bäume sausten wunderlich. Da sah ich unten an der Mauer des Schlosses zwei Männer stehen, die dunkel murmelnd und sich besprechend, sich immerfort gleichförmig beugend und neigend gegeneinander hin- und her bewegten, als ob sie ein Gespinste weben wollten.

Ich konnte nichts verstehen, nur hörte ich sie öfters meinen Namen nennen. - Ich blickte noch einmal zurück nach der Gestalt des Fräuleins, welche eben vom Monde klar beschienen wurde. Es kam mir vor, als sähe ich ein steinernes Bild, schön, aber totenkalt und unbeweglich. Ein Stein blitzte wie Basiliskenaugen vor ihrer starren Brust, ihr Mund schien mir seltsam verzerrt.

Ein Grausen, wie ich es noch in meinem Leben nicht gefühlt, befiel mich da auf einmal. Ich ließ alles liegen und eilte durch die leeren, öden Hallen, wo aller Glanz verloschen war, fort. Als ich aus dem Schlosse trat, sah ich in einiger Entfernung die zwei ganz fremden Männer plötzlich in ihrem Geschäfte erstarren und wie Statuen still stehen. Seitwärts, weit unter dem Berge, erblickt ich an einem einsamen Weiher mehrere Mädchen in schneeweißen Gewändern, welche, wunderbar singend, beschäftigt schienen, seltsame Gespinste auf der Wiese auszubreiten und am Mondschein zu bleichen.

Dieser Anblick und dieser Gesang vermehrte noch mein Grausen, und ich schwang mich nur desto rascher über die Gartenmauer weg. Die Wolken flogen schnell über den Himmel, die Bäume sausten hinter mir drein, ich eilte atemlos immer fort. Stiller und wärmer wurde allmählich die Nacht, Nachtigallen schlugen in den Gebüschen. Draußen, tief unter den Bergen, hörte ich Stimmen gehen, und alte, lang vergessene Erinnerungen kehrten halb dämmernd wieder in das ausgebrannte Herz zurück, während vor mir die schönste Frühlingsmorgen Dämmerung sich über dem Gebirge erhob. -

‹Was ist das? Wo bin ich denn?› rief ich erstaunt und wußte nicht, wie mir geschehen. ‹Herbst und Winter sind vergangen, Frühling ist es wieder auf der Welt. Mein Gott! wo bin ich so lange gewesen?› So langte ich endlich auf dem Gipfel des letzten Berges an. Da ging die Sonne prächtig auf. Ein wonniges Erschüttern flog über die Erde, Ströme und Schlösser blitzten, die Menschen, ach! ruhig und fröhlich kreisten in ihren täglichen Verrichtungen wie ehedem, unzählige Lerchen jubilierten hoch in der Luft. Ich stürzte auf die Knie und weinte bitterlich um mein verlorenes Leben.

Ich begriff und begreife noch jetzt nicht, wie das alles zugegangen; aber hinabstürzen mocht ich noch nicht in die heitere, schuldlose Welt mit dieser Brust voll Sünde und zügelloser Lust. In die tiefste Einöde vergraben, wollte ich den Himmel um Vergebung bitten und die Wohnungen der Menschen nicht eher wiedersehen, bis ich alle meine Fehler, das einzige, dessen ich mir aus der Vergangenheit nur zu klar und deutlich bewußt war, mit Tränen heißer Reue abgewaschen hätte.

Ein Jahr lang lebt ich so, als Ihr mich damals an der Höhle traft. Inbrünstige Gebete entstiegen gar oft meiner geängstigten Brust, und ich wähnte manchmal, es sei überstanden und ich hätte Gnade gefunden vor Gott; aber das war nur selige Täuschung seltener Augenblicke und schnell alles wieder vorbei. Und als nun der Herbst wieder sein wunderlich farbiges Netz über Berg und Tal ausbreitete, da schweiften von neuem einzelne wohlbekannte Töne aus dem Walde in meine Einsamkeit, und dunkle Stimmen in mir klangen sie wider und gaben ihnen Antwort, und im Innersten erschreckten mich noch immer die Glockenklänge des fernen Doms, wenn sie am klaren Sonntagmorgen über die Berge zu mir herüberlangten, als suchten sie das alte, stille Gottesreich der Kindheit in meiner Brust, das nicht mehr in ihr war. -

Seht, es ist ein wunderbares, dunkles Reich von Gedanken in des Menschen Brust, da blitzen Kristall und Rubin und alle die versteinerten Blumen der Tiefe mit schauerlichem Liebesblick herauf, zauberische Klänge wehen dazwischen, du weißt nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen, die Schönheit des irdischen Lebens schimmert von draußen dämmernd herein, die unsichtbaren Quellen rauschen, wehmütig lockend, in einem fort, und es zieht dich ewig hinunter - hinunter!»

«Armer Raimund!» rief da der Ritter, der den in seiner Erzählung träumerisch verlorenen Fremden lange mit tiefer Rührung betrachtet hatte.

«Wer seid ihr um Gottes willen, daß ihr meinen Namen wißt!» rief der Fremde und sprang wie vom Blitze gerührt von seinem Sitze auf. «Mein Gott!» erwiderte der Ritter und schloß den Zitternden mit herzlicher Liebe in seine Arme, «kennst du uns denn gar nicht mehr? Ich bin ja dein alter, treuer Waffenbruder Ubaldo, und da ist deine Berta, die du heimlich liebtest, die du nach jenem Abschiedsfeste auf deiner Burg auf das Pferd hobst.

Gar sehr hat die Zeit und ein viel bewegtes Leben seit dem unsere frischen Jugendbilder verwischt, und ich erkannte dich erst wieder, als du deine Geschichte zu erzählen anfingst. Ich bin nie in einer Gegend gewesen, die du da beschrieben hast, und habe nie mit dir auf dem Felsen gerungen. Ich zog gleich nach jenem Fest gen Palästina, wo ich mehrere Jahre mit focht, und die schöne Berta dort wurde nach meiner Heimkehr mein Weib.

Auch Berta hatte dich nach dem Abschiedsfest niemals wiedergesehen, und alles, was du da erzähltest, ist eitel Phantasie. - Ein böser Zauber, jeden Herbst neu erwachend und dann wieder samt dir versinkend, mein armer Raimund, hielt dich viele Jahre lang mit lügenhaften Spielen umstrickt. Du hast unbemerkt Monate wie einzelne Tage verlebt. Niemand wußte, als ich aus dem gelobten Lande zurückkam, wohin du gekommen, und wir glaubten dich längst verloren.»

Ubaldo merkte vor Freude nicht, daß sein Freund bei jedem Worte immer heftiger zitterte. Mit hohlen, starr offenen Augen sah er die beiden abwechselnd an und erkannte nun auf einmal den Freund und die Jugendgeliebte, über deren lang verblühte, rührende Gestalt die Flamme des Kamins spielend die zuckenden Scheine warf.

«Verloren, alles verloren!» rief er aus tiefer Brust, riß sich aus den Armen Ubaldos und flog pfeilschnell aus dem Schlosse in die Nacht und den Wald hinaus. «Ja, verloren, und meine Liebe und mein ganzes Leben eine lange Täuschung!» sagte er immerfort für sich selbst und lief, bis alle Lichter in Ubaldos Schlosse hinter ihm versunken waren. Er nahm fast unwillkürlich die Richtung nach seiner eigenen Burg und langte da selbst an, als eben die Sonne aufging.

Es war wieder ein heiterer Herbstmorgen wie damals, als er vor vielen Jahren das Schloß verlassen hatte, und die Erinnerung an jene Zeit und der Schmerz über den verlorenen Glanz und Ruhm seiner Jugend befiel da auf einmal seine ganze Seele. Die hohen Linden auf dem steinernen Burghofe rauschten noch immerfort; aber der Platz und das ganze Schloß war leer und öde, und der Wind strich überall durch die verfallenen Fensterbogen.

Er trat in den Garten hinaus. Der lag auch wüst und zerstört, nur einzelne Spätblumen schimmerten noch hin und her aus dem falben Grase. Auf einer hohen Blume saß ein Vogel und sang ein wunderbares Lied, das die Brust mit unendlicher Sehnsucht erfüllte. Es waren die selben Töne, die er gestern Abend während seiner Erzählung auf Ubaldos Burg vorüber schweifen hörte. Mit Schrecken erkannte er nun auch den schönen goldgelben Vogel aus dem Zauberwalde wieder. -

Hinter ihm aber, hoch aus einem Bogenfenster des Schlosses schaute während des Gesanges ein langer Mann über die Gegend hinaus, still, bleich und mit Blut bespritzt. Es war leibhaftig Ubaldos Gestalt. Entsetzt wandte Raimund das Gesicht von dem furchtbar stillen Bilde und sah in den klaren Morgen vor sich hinab. Da sprengte plötzlich unten auf einem schlanken Rosse das schöne Zauberfräulein, lächelnd, in üppiger Jugendblüte, vorüber. Silberne Sommerfäden flogen hinter ihr drein, die Aster von ihrer Stirne warf lange, grünlichgoldene Scheine über die Heide.

In allen Sinnen verwirrt, stürzte Raimund aus dem Garten, dem holden Bilde nach.

Die seltsamen Lieder des Vogels zogen, wie er ging, immer vor ihm her. Allmählich, je weiter er kam, verwandelten sich diese Töne sonderbar in das alte Waldhornlied, das ihn damals verlockte.

«Golden meine Locken wallen,
Süß mein junger Leib noch blüht -»

hörte er einzeln und abgebrochen aus der Ferne wieder herüberschallen.

«Bäche in dem stillen Grunde
Rauschend nach der Ferne gehen.» -

Sein Schloß, die Berge und die ganze Welt versank dämmernd hinter ihm.

«Reichen, vollen Liebesgruß
Bietet dir der Hörner Schallen.
Komm, ach komm! eh sie verhallen!»

hallte es wider - und, im Wahnsinn verloren, ging der arme Raimund den Klängen nach in den Wald hinein und ward niemals mehr wiedergesehen.

 

Josef Freiherr von Eichendorff

DER DRACHENTÖTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Als sie erwachsen waren, ließ er ihnen kostbare Gewänder anfertigen, gab jedem einen schön verzierten Gürteldolch und ein gutes Schwert in die Hand und sprach: "Nun reist hinaus in die Welt, seht euch überall wohl um und versucht euer Glück!" Dazu waren die drei Brüder gleich bereit, nahmen Abschied von ihrem alten Vater und zogen zum Tor hinaus.

Als sie ein gutes Stück gewandert waren, kamen sie zu einer großen Tanne; da beschlossen sie, sich zu trennen. "Wir wollen unsere Dolche in diese Tanne stecken", sagte der älteste. "Kommt einer von uns zu irgendeiner Zeit wieder einmal hier vorbei, so mag er an ihnen erkennen, ob wir noch am Leben oder ob wir gestorben sind, und dies wird das Zeichen sein: wessen Dolch einen Rostfleck zeigt, der ist tot und wird die Heimat seiner Väter nie mehr wiedersehen." -

Sie stießen also die blanken Klingen tief in den Baum; dann ging der eine zur Rechten, der andere zur Linken, der jüngste aber zog geradeaus und kam bald in einen großen, finsteren Wald. Wie er nun so allein zwischen den dunklen Tannen dahin ging, kam ihm mit einem Mal ein Bär entgegen. Ohne langes Besinnen griff er nach seinem Schwert und wollte ihm auf den Pelz rücken.

Der Bär aber rief: "Töte mich nicht, es wird dein Glück sein!" trottete freundlich und zutraulich heran und begleitete den Königssohn durch den Wald. Als er wieder eine Strecke gewandert war, kam plötzlich ein großer, wilder Wolf daher gesprungen. "Im nächsten Augenblick schon schwang der Prinz sein Schwert, stellte sich ihm in den Weg und wollte ihn erschlagen. Der Wolf aber rief: "Töte mich nicht, es wird dein Glück sein!" - Da ließ er auch ihn am Leben, und nun zog der Wolf mit dem Bären hinter ihm her.

Es dauerte nicht lange, da stand, wie aus der Erde gewachsen, ein mächtiger Löwe vor ihm und fletschte die Zähne. Dem Königssohn fuhr geschwind der Schreck in die Glieder; dann aber zog er blitzschnell sein Schwert, um es ihm in den Rachen zu stoßen. Weil aber der Löwe sagte: "Töte mich nicht, es wird dein Glück sein!", schenkte er auch ihm das Leben. Nun zog auch der Löwe mit dem Wolf und dem Bären hinter ihm her, und alle drei Tiere wichen nicht mehr von ihm.

Lange Zeit wanderte der Prinz mit seinen Begleitern durch den Wald, ohne einem Menschen zu begegnen. Endlich sah er in der Ferne eine Stadt. Da schritt er munter voran und zog bald darauf mit seinen Tieren durch das Tor ein. Doch seltsam: Alle Häuser waren mit schwarzem Flor behangen, und die Menschen gingen stumm und traurig durch die Straßen. Da fragte der Prinz, was denn der Stadt widerfahren sei.

"Ach !" erzählten ihm da die Leute, "auf dem Berg dort, wo die Kapelle steht, haust ein siebenköpfiger Drache. Dem muß man jeden Tag ein unschuldiges Mädchen zum Fressen bringen sonst ist vor ihm niemand seines Lebens sicher. Nun aber soll ihm morgen die einzige Tochter des Königs ausgeliefert werden, und darum ist die Stadt in so tiefer Trauer." - "Das verstehe ich wohl", meinte der Prinz, "aber - ist denn gar keine Rettung möglich?" -

"Ja, das fragen wir auch, lieber Herr", sagten sie. "Der König hat wohl schon lange im ganzen Lande bekanntmachen lassen, daß er dem Drachentöter die schöne Prinzessin zur Frau geben wolle; doch bis heute hat sich keiner gefunden, der den Kampf mit dem Ungeheuer wagen will." - Der Prinz hörte sich alles genau an und dachte: "Wenn du den Drachen erlegen und die schöne Königstochter gewinnen könntest! Vielleicht würden die drei Tiere dir helfen?" Und er nahm sich vor, den Kampf gegen den Drachen zu versuchen.

Am anderen Morgen, als die Sonne aufging, gürtete er sich sein Schwert um und stieg auf den Drachenberg, von seinen treuen Tieren begleitet. Als er zu der Kapelle kam, ging die Prinzessin gerade hinein, um zu beten. Sie war so jung und schön, daß er wie gebannt stehenblieb und ihr nachschaute. Da wurde er plötzlich durch ein fürchterliches Brüllen und Fauchen aufgeschreckt, und aus der Felsschlucht hervor stürzte der siebenköpfige Drache ungestüm auf ihn ein.

Der Bär, der Wolf und der Löwe warfen sich wütend auf das Untier und jeder riß und biß ihm zwei Köpfe ab. Der siebente Kopf aber, der schrecklichste und gefährlichste von allen, fiel unter dem scharfen, Schwert des Prinzen in den Sand. Lang ausgestreckt lag der tote Drache in seinem Blute. Da trat die Prinzessin aus der Kapelle, ihrem Retter zu danken. Sie nahm die goldene Kette, die sie bisher selber, getragen, zerteilte sie und legte jedem der Tiere ein Stück davon um den Hals.

Zu dem Prinzen aber sagte sie: "Ich danke dir von Herzen, du tapferer Mann! Du hast mich vom Tode errettet, und dafür will ich dir für mein ganzes Leben als deine liebe und treue Frau gehören! Nun aber komm mit zu meinem Vater. "Es kann noch nicht sein, liebe Prinzessin", sagte er; "ich muß mich zuerst noch eine Weile in der Welt umsehen. Heute übers Jahr aber komme ich wieder und dann wollen wir Hochzeit halten!"

Darauf schnitt er aus den sieben Drachenköpfen die Zungen heraus, wickelte sie in ein seidenes Tuch und steckte sie in die Tasche. Dann nahm er Abschied von seiner Braut und zog mit seinen getreuen Tieren auf gut Glück in die weite Welt hinaus.

Als der Prinz ihren Blicken in der Ferne entschwunden war, stieg die Prinzessin in die Kutsche, die am Fuße des Berges wartete, um sich nach Hause fahren zu lassen. Der Kutscher fuhr aber erst ab, nachdem er die sieben Drachenköpfe zu sich auf den Wagen geladen hatte. Und wie sie unterwegs durch einen dunkeln Wald kamen, hielt er plötzlich die Pferde an und sagte zu der Prinzessin: "So, nun sind wir allein und keiner ist da, der dir helfen könnte! Sage zum König, ich hätte den Drachen getötet! Versprich es mir, oder du mußt auf der Stelle sterben!"

Was konnte da die Prinzessin anderes tun, als zustimmen, wenn ihr das Leben lieb war? Als sie im Schloß ankamen, wies der Kutscher dem König die sieben Drachenköpfe vor, verlangte die Prinzessin zur Frau und wollte, daß die Hochzeit gleich am anderen Tage stattfinden sollte. Der König, der sein Wort halten wollte, war damit einig; die Prinzessin aber brachte es unter allerlei Vorwänden fertig, daß die Hochzeit immer wieder aufgeschoben wurde.

Ein ganzes Jahr lang trieb sie es so; dann aber mußte sie dem Drängen des Kutschers doch nachgeben. Sie tat es auch scheinbar willig, weil sie hoffte, daß der rechte Bräutigam sich nun bald einfinden werde, so wie er es ihr versprochen hatte.

Und richtig, als das Jahr bald um war, hatte der Prinz sich genug in der Welt umgesehen und die Heimreise angetreten. Als gerade noch ein einziger Tag an dem Jahr fehlte, kam er in der Stadt an und war erstaunt darüber, wie lustig und lebendig es überall zuging. Er kehrte in einem Wirtshaus ein, fragte den Wirt, ob er hier übernachten könne und fügte so beiläufig hinzu: "Was geht denn hier vor? Vor einem Jahr war die Stadt mit Trauerflor behangen und die Leute gingen stumm und traurig umher; heute dagegen sehe ich überall fröhliche Gesichter und die Stadt ist wie zu einem Fest geschmückt!" -

"lhr habt es erraten", antwortete der Wirt und erzählte ihm, daß morgen die Königstochter Hochzeit halte mit dem Kutscher, der sie vor einem Jahr aus den Klauen des Drachen errettet habe. "So so", sagte der Prinz, trank sein Glas leer und begab sich in seine Schlafkammer hinauf.

Am anderen Tag, während droben im Schloß das Hochzeitsmahl im Gange war, saß der Prinz, als Jäger gekleidet, mit dem Wirt in der Schankstube. Sie sprachen von der schönen Prinzessin und dem Drachentöter und dem prachtvollen Fest, und dabei sagte der Prinz: "Herr Wirt, holt mir doch auch einen Krug von dem Wein, den die Braut im Schlosse trinkt!" - "Das kann ich nicht, Herr!" antwortete der Wirt.

"Dann muß ich halt meinen Wolf hinschicken!" meinte der Prinz; rief den Wolf zu sich und sagte: "Geh zu der Prinzessin ins Schloß und sage, dein Herr lasse um einen Krug von dem Wein bitten den sie selbst trinke!" Es dauerte nicht lange, und der Wolf kam mit dem Krug angesprungen. Da konnte der Wirt sich nicht genug wundern", saß nur da und sah den Fremden an und schüttelte den Kopf.

"So, jetzt will ich auch von dem Braten haben, den die Braut ißt!" sprach der Prinz und schickte den Bären aufs Schloß, und der brachte wahrhaftig nach einer Weile ein Stück vom allerbesten Braten. "Nun fehlt bloß noch ein Stück von dem Brot, das die Prinzessin ißt!" sagte der Prinz, und schickte den Löwen hin. Der kam nach kurzer Zeit mit einem großen Stück Brot im Maul angetrottet.

Die Prinzessin aber, die an der Hochzeitstafel saß, hatte die Tiere erkannt und wußte wohl, wer ihr Herr war. Darum gab sie ihnen auch alles, was sie forderten, von Herzen gerne. Der König hatte die sonderbaren Besucher mit Staunen beobachtet, nahm endlich seine Tochter bei Seite und sprach: "Nun sage mir doch einmal, meine liebe Tochter: Was hast du eigentlich mit diesen wilden Tieren im Sinn?"

Da erzählte die Prinzessin ihrem Vater alles, so wie es sich zugetragen hatte, und gestand ihm zuletzt, daß der wahre Drachentöter nun da sei und daß sie den und keinen anderen heiraten werde. Der König schickte sogleich einen Boten in das Wirtshaus und ließ den Herrn, dem die drei wilden Tiere gehörten, zur Tafel laden.

Als die Hochzeitsgäste nun alle genug gegessen und getrunken hatten und noch eine Weile so recht vergnügt beisammen saßen, sagte der König: "Wir wollen uns zur Unterhaltung ein wenig erzählen. Und wer wird mehr erzählen können als der Drachentöter und unser lieber Gast, der Jäger, der heute erst von einer weiten Reise zurückkehrte? Beginne also, Freund Drachentöter!"

Da ließ der falsche Drachentöter die sieben Drachenköpfe auf den Tisch legen und berichtete mit vielen aufgeblähten Worten, wie er sie damals im Kampf dem Untier abgeschlagen habe. Und alle, die von dem bösen Betrug nichts wußten und den Kutscher für den Drachentöter hielten, bewunderten ihn und spendeten ihm Lob über Lob. Der König aber verzog keine Miene und sagte nur: "Nun denn, Herr Jäger, erzählt Ihr einmal von Euren Abenteuern!"

Der erhob sich, verbeugte sich höflich und gestand zum ersten, daß er kein Jäger, sondern ein Prinz sei. Dann schilderte er getreulich, auf welch eigentümliche Weise er zu den treuen Tieren gekommen sei und wie sie geholfen hätten, einen siebenköpfigen Drachen zu überwinden und eine Königstochter vom sicheren Tode zu erretten. "Und welch ein Zufall", sagte er, "gerade heute vor einem Jahr und nahe bei dieser Stadt hat sich all das zugetragen.

Auch die Drachenköpfe hier kommen mir so bekannt vor, als ob ich sie schon einmal gesehen hätte. Nur, will mir scheinen, haben sie keine Zunge im Maul, was doch sonst gewiß bei allen Tieren der Fall ist." Da erhob sich der König und rief: "Diener! Öffnet die Drachenmäuler!" Und richtig, - in keinem von allen sieben war eine Zunge zu entdecken. "Wo sind die Zungen, Kutscher?!" stellte der König den falschen Mann zur Rede.

"Da müßt Ihr nicht den da, sondern, mich fragen, Herr König", entgegnete der Prinz. "Hier sind sie!" - und dabei wickelte er die sieben Zungen aus dem seidenen Tuch. Und siehe, sie paßten genau auf die abgeschnittenen Enden in den Rachen der Drachenköpfe. "Und nun, edle Prinzessin", wandte sich der Prinz an die Königstochter, "kennt Ihr vielleicht die goldene Kette am Hals meiner Tiere?" -

"O gewiß!" sagte sie, "die kenne ich gut! Ich selbst habe sie ja deinen Tieren umgehängt, weil sie dir so treu und tapfer im Kampf gegen den Drachen beigestanden haben." Nun wußte der König gewiß, daß der Prinz der wahre Drachentöter, der Kutscher aber ein arglistiger Betrüger war. In der gleichen Stunde noch wurde der Falsche dem Henker übergeben. Der Prinz und die Prinzessin aber hielten Hochzeit und lebten nach des alten Königs Tod noch lange Jahre in Glück und Freude als König und Königin.

Was aus den beiden Brüdern des Königs geworden ist? Niemand weiß, ob sie heimgekehrt sind oder heute noch in der Welt umherwandern. Wenn ich aber an die große Tanne komme, will ich doch nachsehen, ob sie noch am Leben sind oder ob die blanken Klingen Rostflecke bekommen haben.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER GLÜCKSVOGEL ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einem Dorf lebte einmal ein Bäuerlein, das hatte nur ein paar magere Äcker und Wiesen und eine einzige Kuh im Stalle. Ihm und seinem Weib war aber das wenige, das sie besaßen, genug. Sie waren zufrieden, lebten glücklich miteinander und zeigten den Leuten stets ein freundliches Gesicht. Sie schafften fleißig vom Morgen bis zum Abend, waren sparsam und vorsorglich und brauchten darum nie jemand um Hilfe anzugehen. So schien das Bäuerlein mit seinem Wenigen wahrhaftig wohlhabender zu sein als die viel größeren und reicheren Bauern der Nachbarschaft.

Gerade darum aber waren ihm seine Nachbarn spinnefeind. Sie suchten ihm Schaden zuzufügen, wo sie nur konnten, und zuletzt trieb einige von ihnen der Neidteufel so weit, daß sie Nachts in den Stall des Bäuerleins einbrachen und die einzige Kuh tot schlugen. Der arme Mann war traurig, dachte aber, daß die Kuh wohl an einer plötzlichen, schlimmen Krankheit gestorben sei. Er schaffte sie am Abend in den Wald, zog ihr das Fell ab und vergrub sie.

Wie er nun, die Kuhhaut wie einen Mantel über sich geworfen, durch den Wald nach Hause ging, stieß er unversehens auf drei Räuber; die hockten auf einem Baumstumpf und zählten ihr gestohlenes Geld. Als die Spießgesellen die sonderbare Gestalt daher kommen sahen, kam ihnen das Grausen. Sie nahmen die Beine unter den Arm und liefen davon; denn sie hielten den, der da auf sie zukam, für den leibhaftigen Gottseibeiuns.

Das Bäuerlein aber steckte gemütlich die dahinten gelassenen Goldstücke in die Tasche und ging Heim. Die Nachbarn wunderten sich nicht wenig über das viele Geld und fragten ihn, wie er dazu gekommen sei. Da erzählte er ihnen wahrheitsgetreu, wie alles zugegangen war.

Da schlugen die neidischen Bauern des Dorfes alle ihre Kühe tot und vergruben sie im Wald. Dann warfen sie sich auch die Häute über den Rücken und schlichen auf den großen Baumstumpf zu, um den drei Räubern das gestohlene Geld abzujagen. Doch - wer sich nicht blicken ließ, waren die Räuber. Darüber ergrimmten die Bauern sehr. "Daran ist nur sein Weib schuld, die Hexe!" sagten sie untereinander, gingen in ihrem Zorn hin und erschlugen die Nachbarsfrau.

Da stand nun das arme Bäuerlein vor seiner toten Frau, wußte nicht was tun und dachte schließlich: "Ich will sie mit in die Stadt nehmen."

In seinem Garten waren gerade die Äpfel reif geworden. Er schüttelte sie, lud einen Wagen voll auf, setzte sein totes Weib oben drauf und fuhr los. In der Stadt stellte er den Wagen auf den Markt, so, als ob sein Weib die Äpfel zu verkaufen habe, und setzte sich dann nahe dazu zwischen abgeladene Säcke. Kaum war eine Weile vergangen, kam ein vornehmer Herr mit einem Stock daher, blieb vor dem Wagen stehen und fragte die Bäuerin, die da saß und sich nicht rührte, wie teuer sie ihre Äpfel verkaufe.

Die aber sagte nichts und blieb stumm. Er fragte noch einmal und erhielt wieder keine Antwort. Als sie ihn zum dritten mal ohne Antwort ließ, wurde er ungehalten und stach sie mit der Spitze seines Stockes in die Seite. Da fiel das Weib vom Wagen, blieb am Boden liegen und rührte sich nicht mehr. Im Augenblick war der Bauer herbei gesprungen, ,packte den Mann von hinten und schrie: "So! So! Ihr habt mein Weib tot geschlagen! Das sollt Ihr teuer bezahlen!" Da mußte der vornehme Herr wohl oder übel ein Häuflein Goldfüchse aus seinem Beutel tun, um den Bauern loszuwerden.

Als nun die Nachbarn daheim erfuhren, auf welche Weise er schon wieder zu so viel Geld gekommen, trieb sie der Neidteufel noch ärger. Sie schlugen ihre Weiber tot, setzten sie auf die Wagen und fuhren mit ihnen im Galopp auf den Markt in die Stadt. Wer aber vergebens auf den Herrn mit dem Stock wartete, waren die dummen und habsüchtigen Nachbarn des Bäuerleins.

Nun waren sie nicht nur voller Ärger, weil sie nicht auch reich geworden waren, sondern schoben auch ihrem Nachbarn die Schuld daran zu, daß sie keine Weiber mehr hatten. Darum beschlossen sie untereinander, ihn aus der Welt zu schaffen. Sie griffen ihn, steckten ihn in einen Sack und trugen ihn hinaus, um ihn im Dorfteich zu ersäufen. Weil aber gerade ein Schäfer mit seiner Herde die Landstraße daher kam, lehnten sie den Sack derweil an einen Baum und gingen wieder Dorf einwärts.

Als der Schäfer vorüberging, rief der Bauer im Sack: "Oh, wie glücklich bin ich! Oh, wie glücklich bin ich und kann es doch nicht brauchen!" Verwundert hielt der Schäfer an und fragte den im Sack drin um Bescheid, was seine Rede bedeute. "Ei", sagte das Bäuerlein, "die Leute im Ort wollen mich mit Gewalt zu ihrem Schulzen machen, und weil ich nicht will, haben sie mich in diesen Sack gesperrt, bis ich mürb werde und ja sage." -

"So?" sagte der Schäfer, "da wäre ich schon anders. Ich würde für mein Leben gern Schulze werden." - "Das könnt Ihr", versetzte das pfiffige Bäuerlein; "dann müßt halt Ihr in den Sack schlüpfen; und wenn sie wiederkommen und Euch fragen: ,Willst du noch nicht Schulze werden?', dann könnt ja Ihr an meiner Stelle antworten: ,Ja, ich will euer Schulze sein."

Der Schäfer war mit diesem Anerbieten gleich einig und kroch in den Sack. Das Bäuerlein aber versteckte sich hinter einem Weidenbusch. Da kamen auch schon die Bauern daher. Sie dachten, der Schäfer sei für einen Augenblick weg gegangen, so daß sie inzwischen ihr Vorhaben am besten ausführen könnten, und warfen den Sack ins Wasser. Wer aber über eine kleine Weile mit einer Schafherde zum Dorf herein fuhr, das war unser Glücksvogel.

Jetzt rissen die Nachbarn ihre Augen sperrangelweit auf vor Erstaunen, drängten herzu und fragten, wie er denn dazu gekommen sei; da gehöre doch mehr Glück dazu, als wenn einem gar der Holzschlegel auf dem Speicher kälbere. "Wir haben dich doch in den Teich geworfen, und dazuhin in einem zugebundenen Sack. Und jetzt kommst du mit einer Schafherde ins Dorf gezogen. Soll das vielleicht mit rechten Dingen zugehen?" sagten sie. -

"Ja", entgegnete der Schlaukopf, "hört zu, wie das ging", und erzählte: Wie er auf dem Grund des Teiches angekommen sei, habe ein kleines Seemännlein den Sack aufgebunden und ihn heraus gelassen. Da sei er tief unter dem Wasser mitten in einem wunderschönen Land gestanden. Vieh- und Schafherden in Menge seien dort auf der Weide gegangen. Das Männlein habe freundlich zu ihm gesagt, er solle sich doch eine Herde auslesen, wenn er Gefallen dran habe. "Da habe ich mir die Schafherde hier ausgesucht und bin heimgefahren."

Da wollten die neidischen Nachbarn auch so schöne Schafherden haben und liefen so schnell sie konnten an den Dorfweiher hinaus. Sie drängten und schoben und stritten sich, denn jeder wollte zuerst ins Wasser. "Halt!" rief da der Schulze. "Mir als der Obrigkeit gebührt der Vortritt, und das von Rechts wegen! Ich springe zuerst in den Teich und ihr folgt mir, wenn ich rufe: ,Kommet!"'

Was tat es da für einen gewaltigen Plumps, als der dicke Schulze ins Wasser fiel! Die Bauern, die mit gespitzten Ohren standen und auf den Befehl ihres Schulzen warteten, meinten, als sie den lauten Plumps hörten, es habe "kommet!" gerufen und plumpsten alle kopfüber in den Teich wie Frösche. Herausgekommen aber ist keiner mehr. Das arme Bäuerlein aber war nun reich und alleiniger Herr im Dorf, und wenn unser

Glücksvogel nicht gestorben ist, lebt er heute noch.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER KÖHLERPRINZ ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tief im Böhmerwald lag einmal ein kleines Dorf; das wurde Schwarzdorf geheißen, weil nur Kohlenbrenner darin wohnten. In einer der armseligen Hütten lebte ein alter Köhler mit seiner Frau und seinem Sohne. Der war wohl ein sauberer und stattlicher, aber leider auch ein fauler und nichtsnutziger Bursche. Er lief, wann es ihm gerade paßte, von den Kohlenfeuern weg ins Wirtshaus und zechte mit seinen Kumpanen die ganze Nacht hindurch, und wenn der Vater morgens in den Wald hinaus kam, waren die Meiler ausgebrannt und nur noch ein Haufen Asche übrig. Weil aber alles Mahnen und gute Zureden nichts half, tat der alte Köhler die Arbeit lieber selber und saß manchmal tage- und nächtelang draußen und hütete die Feuer.

Eines Abends aber kam er so müde nach Hause, daß er seinen Sohn gerade noch bitten konnte in den Wald hinauszugehen und diese Nacht bei den Kohlenmeilern zu wachen; dann sank er auf sein Lager und schlief ein. Die Mutter traute erst ihren Augen nicht, als der Sohn den Vespersack über den Rücken warf und sich auf den Weg machte. "Vielleicht wird er doch vernünftiger und gibt sein wildes Leben auf", dachte sie; "es wäre wahrhaftig an der Zeit, und der Vater könnte auf seine alten Tage eine tüchtige Stütze recht wohl brauchen."

All dies überlegte sich der Sohn auch, während er dem Walde zuschritt und nahm sich fest vor, ein anderer Kerl zu werden. Noch keine Stunde aber war vergangen, da fiel ihm plötzlich ein, daß ja heute Abend in der Dorfschenke drunten Tanz sei. Da vergaß er alle guten Vorsätze wieder, ließ die Arbeit Arbeit sein und eilte dem Wirtshaus zu. Dort ging es hoch her, und mit Trinken und Singen und Tanzen verging die Zeit wie im Fluge.

Die Hähne krähten schon, als der leichtsinnige Köhlerssohn endlich zu seinen Meilern zurückkehrte. Aber all das schöne Holz war zu Asche verbrannt; keine Handvoll Kohle blieb übrig. Da überfiel den Burschen plötzlich die Angst vor dem väterlichen Zorne der maßen, daß er auf und davon lief, immer tiefer in den stockdunklen Wald hinein. Stundenlang lief er wie ein gehetztes Wild, verstrickte sich in spitzdorniges Buschwerk und fand zuletzt weder Weg noch Steg mehr. Hungrig und sterbensmüde sank er unter einer Tanne ins Moos nieder und schlief ein.

Dort fand ihn am nächsten Morgen der König des Landes, der gerade eine Jagd abhielt; er hatte Mitleid mit ihm, und weil ihm auch der stattliche Bursche und sein gutes Benehmen wohl gefiel, fragte er ihn, ob er Stallknecht bei ihm werden wolle. O ja, das will ich wohl!" antwortete der Köhlerssohn und trat sogleich seinen Dienst an. Das Leben und Treiben am königlichen Hofe gefiel ihm sehr, und er hielt sich so gut, daß der König bald seine Freude an ihm hatte und ihn zu seinem Kammerdiener machte.

Nun hatte aber der König in der Hauptstadt des Landes noch ein zweites, großes Schloß. Darin lebte seine jüngere Schwester, eine sehr schöne, aber stolze und lieblose Prinzessin, die immer noch unverheiratet war, weil ihr kein Mann gut genug schien. Manch schmucker und reicher Freier hatte schon um ihre Hand angehalten, an jedem aber hatte sie etwas auszusetzen gehabt und einen nach dem anderen abgewiesen. Der König mochte ihr freundlich zusprechen oder ihr im Ärger Vorwürfe machen, soviel er wollte, sie lachte nur und sagte schnippisch : "Was geht es dich an?"

Als nun die Prinzessin wieder einen Bewerber, einen reichen Grafen, abgewiesen hatte, dachte der König bei sich. "Warte nur, ich will dich schon dran kriegen! Ist dir ein Graf zu schlecht, so ist dir mein Kammerdiener wohl recht." Er ließ ihn sogleich zu sich kommen und weihte ihn in seinen Plan ein, und der Bursche war wohl damit zufrieden.

Am nächsten Sonntag hieß der König dem Burschen fürstliche Kleider anlegen, gab ihm ein Dutzend Diener zur Begleitung, ließ seine besten Rappen vor die Staatskutsche spannen und schickte ihn zur Stadt in die Schloßkirche. Dort war die Prinzessin und der ganze Hofstaat schon versammelt, und man sang gerade das erste Lied, als das Portal noch einmal aufging und der fremde Prinz in prächtigem Gewande und mit stattlichem Gefolge in die Halle trat.

Alle Blicke wandten sich nach ihnen um, und auch die Prinzessin bewunderte den schönen Prinzen. Sie wandte kein Auge von ihm und hatte nur den einen Wunsch, daß er einmal zu ihr herübersehen und sie mit einem freundlichen Blick grüßen möge. Doch der Prinz beachtete sie gar nicht und verschwand noch ehe der Gottesdienst zu Ende ging, so rasch wie er gekommen war.

Am nächsten Sonntag, als der Köhlerprinz mit noch herrlicheren Gewändern und einem noch zahlreicheren Gefolge die Kirche betrat, sah die Prinzessin sich wiederum fast die Augen aus. Einmal seufzte sie sogar vor Sehnsucht laut auf. Doch der Prinz tat, als sehe und höre er überhaupt nicht und schritt wieder aus der Kirche, bevor der Pfarrer das Amen gesagt hatte.

Beim Heimgang sagte die Prinzessin zu ihrer ersten Hofdame: "Hast du den schönen fremden Prinzen gesehen, der heute schon zum zweiten Male in der Kirche war. Er gefällt mir und ich liebe ihn, er und kein anderer soll mein Gemahl werden! Lade ihn am nächsten Sonntag in meinem Namen zu Tisch aufs Schloß. Und daß du mir es ja nicht an Aufmerksamkeiten und Ehren fehlen läßt!"

Die Prinzessin konnte den nächsten Sonntag kaum erwarten, und das Schloß glich die ganze Woche hindurch einem riesigen Bienenkorbe, so krabbelte und summte es drin und drum herum: Da ging es an ein Putzen und Wischen und Scheuern, Mägde und Knechte und Pagen rannten, und Koch und Kellermeister hatten alle Hände voll zu tun.

Nun war es Sonntag. Der ganze Hof war in der Kirche versammelt, und zum dritten Male tat sich die hohe Pforte auf, durch die der Köhlerprinz mit seinem prunkvollen Gefolge einzog. Als er sich aber wieder vorzeitig entfernen wollte, trat die erste Hofdame zierlich vor ihn, entbot ihm den Gruß der Prinzessin und lud ihn zur Mittagstafel aufs Schloß ein. "Wen darf ich meiner hohen Herrin melden?" fragte die Hofdame.

"Den Prinzen von Schwarzdorf", gab der Kohlenbrenner zur Antwort. Die Prinzessin empfing ihn freundlich und ließ sich von ihm zu Tische führen. Die allerfeinsten Speisen wurden aufgetragen und die teuersten Weine eingeschenkt. So etwas hatte der Köhlerssohn in seinem Leben noch nie gegessen und getrunken! Und als ihn gar nach dem Essen die schöne Prinzessin in den Garten führte und ihn fragte, ob er ihr Gemahl werden wolle, da wäre er wohl der dümmste Kerl im ganzen Böhmerland gewesen, wenn er nicht von Herzen ja gesagt hätte. Da fand noch am gleichen Tage die Verlobung statt, und am dritten wurde die Hochzeit mit aller Pracht und Herrlichkeit gefeiert.

Ein ganzes Jahr lang lebte er nun schon als Prinz von Böhmen mit seiner Gemahlin im königlichen Schlosse, da erinnerte er sich in seinem Glück endlich auch einmal wieder an seine armen Eltern. Er sagte darum zu seiner Frau, er müsse seinen kranken Vater besuchen, ließ die Reisekutsche mit Geld und Kostbarkeiten vollpacken und fuhr seiner Wäldlerheimat zu. Als er aber mitten in dem riesengroßen Walde war, überfielen ihn Räuber, nahmen Pferd und Wagen und all sein Geld und Gut an sich und führten ihn in ihre Höhle.

Dort lag der Hauptmann schwer krank auf dem Bärenfell und dachte an kein Gesundwerden mehr. So war er milde und mitleidig gestimmt und schenkte dem Prinzen das Leben. Seine schönen Kleider aber ließ er ihm abnehmen, warf ihm dafür ein paar alte Lumpen hin und trieb ihn dann wieder in den finstern Wald hinaus.

Da stand er nun, der Prinzgemahl, und war wieder so arm wie früher. ja, wenn er seine zerrissenen Schuhe und die Fetzen an seinem Leibe ansah, schämte er sich in den Boden hinein; denn, dachte er: "Wenn ich so zu Hause anklopfe, werden mich Vater und Mutter gewiß für einen Bettler halten, und abweisen." Und als er sich nach langem Überlegen endlich doch nach Schwarzdorf aufmachte und in sein Vaterhaus eintrat, da erging es ihm beinahe so, wie er vermutet hatte.

Als er erzählte, daß er Prinz von Böhmen geworden sei und daß er ihnen einen Wagen voll Silber und Gold habe mitbringen wollen, im dunklen Wald aber von Räubern überfallen und ausgeplündert worden sei bis auf die paar Fetzen, die er anhabe - da sagte der Vater verächtlich: "Du bist mir der rechte Prinz! Man braucht dich ja nur anzusehen! Ein Lump und Lügner und Landstreicher bist du! - Wir kennen dich noch von früher her!" ja, der Alte glaubte sogar, sein Sohn müsse wohl durch sein unordentliches Leben den Verstand verloren haben. Deshalb band er ihn mit einer Eisenkette in der Ecke hinter dem großen Kachelofen fest. Da saß er nun hinterm Ofen, der Köhlerprinz, und konnte über sich und der Welt Lauf nachdenken.

Zur selben Zeit lag die junge Prinzessin im Königsschlosse an einer eigentümlichen Krankheit darnieder. Sie aß und trank nicht mehr, sprach mit keinem Menschen auch nur ein einziges Wort, sondern sah traurig vor sich hin oder weinte sich die Augen wund. Der Kummer um ihren spurlos verschwundenen Prinzen hatte ihr Gemüt krank gemacht.

Der König ließ alle berühmten Ärzte kommen, damit sie der Kranken helfen und Tag und Nacht an ihrem Bette wachen sollten. Die Prinzessin aber wollte von keinem Arzt und keiner Arznei etwas wissen; sie sann und grübelte immerzu nur dem einen Gedanken nach: wie sie am besten unerkannt aus dem Schlosse gelangen und ihren Mann suchen könnte. Und endlich hatte sie auch einen Plan ausgedacht:

Eines Abends, als wieder einer ihrer Ärzte ins Zimmer trat, um die Nacht bei ihr zu wachen, bot sie ihm zur Stärkung ein Glas Wein an, in das sie zuvor ein Schlafpulver geschüttet hatte. Über eine kleine Weile war er fest eingeschlafen. Da zog die Prinzessin rasch den schwarzen Gelehrtenmantel an und drückte sich den großen Doktorhut ins Haar. Dann packte sie ihr Hochzeitskleid in die Reisetasche, füllte sie vollends bis obenan mit Goldstücken und ritt auf ihrem Pferde im Galopp davon, in die Nacht hinein, Schwarzdorf zu.

Als sie aber mitten im finstern Böhmerwalde war, brachen plötzlich die Räuber aus ihrem Versteck hervor, nahmen sie gefangen und führten auch sie in die Höhle. Dort fiel ihr erster Blick auf die kostbaren Kleider, die da in einer Ecke an der Wand hingen. Sie erkannte sofort, daß es die Gewänder des Prinzen waren, ließ sich aber ihre Überraschung und ihren Schrecken nicht anmerken.

Der Hauptmann lag noch immer todkrank darnieder, und wie er sah, daß seine Kumpane einen Arzt in die Höhle brachten, bat er den sogleich um Hilfe. Da trat die Prinzessin an sein Lager, fühlte ihm den Puls und sprach mit verstellter Stimme: "Dir kann noch geholfen werden! Ich habe zufällig meine Lebensarznei in der Tasche. Wer davon einen Schluck trinkt, ist Zeit seines Lebens gegen alle Krankheiten gefeit und wird hundert Jahre alt."

Sie setzte dem Kranken die Flasche an den Mund, und der nahm einen tiefen Schluck daraus. Weil aber die anderen Räuber auch hundert Jahre alt werden wollten, rissen sie ihrem Hauptmann die Arzneiflasche vom Mund und tranken einer nach dem anderen, bis kein Tropfen mehr drin war. Im Augenblick aber lagen alle auf dem Boden der Höhle durcheinander und schnarchten um die Wette - denn sie hatten keine Lebensarznei, sondern -einen schweren Schlaftrunk eingenommen.

Nun schnürte die Prinzessin die Kleider ihres Gemahls in ein Bündel zusammen, versteckte sie unter ihrem weiten Doktormantel und ritt so schnell sie nur konnte nach Schwarzdorf. Dort war aber Kirchweih und das Wirtshaus so überfüllt von Gästen aus nah und fern, daß von der Scheune bis zum Speicher kein leeres Eckchen mehr zu finden war. -"Es tut mir leid, hochgelehrter Herr, daß ich Euch nicht beherbergen kann", sprach der dicke Wirt; "aber ich will mit meinem Nachbarn, dem alten Köhler, sprechen; er wird Euch gewiß für eine Nacht aufnehmen können."

Der Nachbar sagte auch zu, begrüßte den gelehrten Herrn freundlich und lud ihn ein, am Mahle teilzunehmen. Während sie aßen, seufzte auf einmal jemand in der dunkeln Ecke hinter dem Ofen. Als sich der Doktor umwandte, sagte der Kohlenbrenner: "Seid unbesorgt. Das ist nur mein Sohn, dem spukt es im Kopf, und darum habe ich ihn dort hinterm Ofen angebunden. Denkt Euch nur, er erzählt, er habe die schöne Prinzessin geheiratet und sei Prinz von Böhmen geworden! Daran seht Ihr schon, daß ihm ein Vögelchen unterm Schopfe pfeift." -

"So, so! Dies ist also mein Prinz von Schwarzdorf!" dachte die Prinzessin im stillen, gab den Köhlersleuten einen Gulden und sprach: "Geht noch ein bißchen auf die Kirchweih und trinkt einen Krug Bier auf meine Gesundheit. Ich muß morgen früh aus den Federn und will darum zeitig zu Bett gehen." Die beiden alten Leutchen wußten vor Freude nicht, wie sie sich bedanken sollten und trollten sich glücklich zur Tür hinaus.

Sobald die Köhlersleute aus dem Hause waren, zog die Prinzessin ihr Brautkleid an, nahm ein Licht zur Hand und leuchtete in die dunkle Ofenecke. "Schönen guten Abend, mein lieber Prinz von Schwarzdorf!" sprach sie. "So muß ich dich wiederfinden? Das hätte ich mir nie und nimmer träumen lassen!" Als der Köhlerssohn seine Frau erkannte, fing er bitterlich zu weinen an und verbarg vor Scham sein Gesicht in den Händen.

Da strich sie ihm liebevoll übers Haar, küßte ihn und sagte: "Ei, so weine doch nicht! Du bist und bleibst doch mein lieber Mann!" Dann machte sie ihn von seinen Ketten los, wusch ihm Gesicht und Hände und half ihm in seine fürstlichen Kleider, die sie aus der Räuberhöhle mitgebracht hatte. "So", sagte sie, "nun sind wir wieder Prinz und Prinzessin, gehen miteinander auf die Kirchweih und feiern unser Wiedersehen!" -

Da nahm der Prinz seine liebe Frau an den Arm, führte sie in den Tanzsaal und zu seinen Eltern und sprach: "Seht ihr nun, daß die schöne Prinzessin meine Frau ist und daß ich Prinz von Böhmen geworden bin?" Da reichte ihm der Vater die Hand zur Versöhnung, und die alte Mutter weinte vor Glück und Freude. Dann aber griff er in die Geldtasche und warf Hände voll Gold unter die Kirchweihgäste.

"Es lebe der Prinz! Es lebe die schöne Prinzessin!" riefen jung und alt durcheinander und hoben die vollen Gläser, um auf ihre Gesundheit anzustoßen. Als aber die Prinzessin erzählte, wie sie im finstern Wald von Räubern überfallen worden sei und wie sie die Bande mit einem Schlaftrunk unschädlich gemacht habe, da beschlossen die Dorfleute, den Kerlen das Handwerk zu legen sprangen von den Bänken hoch, spannten einen Leiterwagen ein und fuhren im Galopp in den Wald hinaus zur Räuberhöhle.

Da lagen noch die Kerle und schnarchten, als wollten sie den ganzen Böhmerwald zu Meilerholz klein sägen. Im Handumdrehen waren die Spießgesellen aufgeladen und nach Schwarzdorf geschafft. Dort luden die Köhlerburschen die Fracht ab, aber nicht vor dem Wirtshaus, sondern vor dem Diebesturm, aus dem sie nie wieder ans Tageslicht kamen. -

Der Köhlerprinz aber beschenkte seine Eltern reichlich, nahm Abschied von ihnen und fuhr mit seiner Gemahlin fröhlich durch den grünen Böhmerwald in die Stadt und vors Schloß. Dort wurden sie vom König herzlich empfangen, lebten bei ihm, bis er starb und wurden zuletzt noch König und Königin des schönen Böhmerlandes.

 

Schwäbisches Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER KAUFMANNSSOHN UND DIE KÖNIGSTOCHTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein reicher Kaufmann, der hatte einen einzigen Sohn, der schon als Knabe keinen größeren Wunsch kannte, als einmal eine Reise nach Indien machen zu dürfen. Weil er aber noch so jung war und weil sein Vater fürchtete, es könnte ihm auf einer so großen Seereise ein Unglück zustoßen, erlaubte er ihm nicht, die weite Fahrt anzutreten. So mußte er voll Sehnen und Ungeduld warten, bis er zwanzig Jahre alt geworden war.

Da kam eines Tages zu dem Kaufmann ein Bote mit der Nachricht, daß sein Schiff, das vielerlei kostbare Waren aus dem fernen Osten bringen sollte, untergegangen sei. Der Kaufmann war über den schweren Verlust so betrübt, daß er drei Nächte lang nicht schlafen konnte und sich gar nicht mehr zu fassen wußte. Da trat der Sohn zu ihm und sprach:

"Lieber Vater, ich habe auch lange über die schlimme Botschaft nachgedacht - und glaube sie nicht. Es ist schon mancher um ein Schiff betrogen worden, indem man ihm fälschlich berichtet hat, es sei in einen Sturm geraten oder auf eine Klippe gelaufen und gesunken. Laß mich nach Indien reisen, um mich an Ort und Stelle nach dem Schicksal unseres Schiffes zu erkundigen. So können wir am ehesten erfahren, ob ein Betrug geschehen ist." Der Vater billigte den Rat, und der Sohn trat die Reise an.

Viele Tage schon war das Schiff unterwegs, als es endlich in einer großen, fremden Hafenstadt anlegte. "Das muß die Hauptstadt von Indien sein, in der auch der König sein Schloß hat, denn eine herrlichere Stadt kann es kaum geben!" dachte der Kaufmannssohn. Er fragte einen der Seeleute, und es zeigte sich, daß er richtig vermutet hatte. Also stieg er vom Schiffe und mietete sich im schönsten Gasthof ein Zimmer.

Es lag hoch über dem Markt und den vier Hauptstraßen der Stadt, und er stand oft am Fenster und sah auf das bunte Gewimmel da drunten. Eines Tages drang plötzlich ein gewaltiger Lärm an sein Ohr. Er öffnete das Fenster und sah hinaus. Scharen von Männern, Weibern und Kindern drängten sich zu beiden Seiten der Straße, durch die ein Eselsgespann eine zusammengerollte Kuhhaut schleifte. "Was soll das bedeuten?" fragte der Kaufmannssohn den Wirt.

"Das will ich Euch erklären", sagte der. "Ein Kaufmann unserer Stadt hat gewuchert und gepraßt und riesige Schulden gemacht, um die er dann seine Gläubiger betrogen hat. Ein solch übler Betrüger aber wird nach unserem Gesetz aufgehängt; seine Leiche wird in eine Kuhhaut genäht, durch die Stadt geschleift und dann den Vögeln zum Fraße vorgeworfen. Nur wenn einer bereit ist, den dritten Teil der Schulden des Verurteilten zu bezahlen, gibt das Gericht den Leichnam frei und läßt ihn begraben." -

"Gut, so will ich mich für die arme Seele einsetzen", sprach der Kaufmannssohn, ging zum Richter, bezahlte das Drittel der Schuld und sorgte dafür, daß die Leiche dem Brauche gemäß in die Erde gelegt wurde.

Nun aber ging der Kaufmannssohn endlich daran, sich nach dem Schiff seines Vaters zu erkundigen. Tagelang reiste er von Hafen zu Hafen und fragte alle Handelsherren und Seeleute, die ihm begegneten, ob sie nichts Näheres über das Schicksal des Schiffes wüßten. Alle seine Bemühungen aber blieben vergebens, und so schiffte er sich wieder ein und fuhr in seine Heimat zurück.

Als sie sieben Tage unterwegs waren, ging das Schiff in einem kleinen Hafen vor Anker, und der Kaufmannssohn suchte ein Wirtshaus auf, um dort bis zur Weiterfahrt Herberge zu nehmen. Als er zu Nacht gegessen hatte, traten zwei wild und verwegen aussehende Burschen mit einem schönen Mädchen in die Schankstube und setzten sich zu ihm an den Tisch. Sie gerieten bald ins Gespräch und fragten einander auch nach dem Woher und Wohin.

"Wollen wir uns nicht die Zeit ein wenig mit Würfelspiel vertreiben?" fragten die Burschen. "Mir kann es gleich sein", antwortete der Kaufmannssohn, spielte mit und hatte so großes Glück, daß er den beiden ihr ganzes Geld ab gewann. Da baten sie ihn: "Kauf uns das Mädchen da ab, daß wir wenigstens das Geld haben, um weiterreisen zu können!" Da merkte der Kaufmannssohn, daß sie das Mädchen geraubt hatten, zählte fünfzig Golddukaten auf den Tisch und nahm die schöne Fremde mit auf sein Schiff. Er fragte sie nach ihrer Heimat und erklärte sich gerne bereit, sie auf dem nächsten Wege dorthin zu bringen.

Doch sie verriet ihm weder ihren Namen, noch woher sie war, sondern bat ihn herzlich, sie mit in seine Heimat zu nehmen; sie würde gewiß gerne zu ihrem Vater zurück kehren, doch es sei ein anderes, was sie an eine Heimkehr nicht denken lasse: Ein alter, häßlicher und gewalttätiger Edelmann wolle sie heiraten und habe sie sicher durch die beiden Seeräuber entführen und mit Gewalt in sein Haus schaffen lassen wollen. Lieber aber möchte sie sterben, als diesem bösen Manne angehören. "Das begreife ich wohl, liebes Mädchen", sagte darauf der Kaufmannssohn. "So komm nur mit mir; ich will dich beschützen, und du sollst es immer gut bei mir haben."

Der Vater aber machte ein bitterböses Gesicht, als er den Sohn mit dem fremden Mädchen ankommen sah, und verlangte, daß er es sogleich wieder aus dem Hause schaffe oder selber gehe. Da verließ der Sohn das väterliche Haus, kaufte sich in einer abgelegenen Gasse einen kleinen Laden und richtete ein eigenes Handelsgeschäft ein. Das Mädchen führte ihm den Haushalt und half auch fleißig im Laden mit, und war so sparsam und sorgte so gut für ihren Herren, daß er schon nach kurzer Zeit seine Schulden bezahlen konnte.

Als der Vater dies erfuhr und hörte, wie sehr jedermann das Mädchen lobte, beschloß er, sich selbst davon zu überzeugen. Damit ihn niemand erkenne, verkleidete er sich und ging eines Morgens, als sein Sohn gerade abwesend war, in den Laden, um ein Stück Tuch zu kaufen. Die schöne Verkäuferin legte ihm allerlei Muster vor. "Sie gefallen mir wohl, aber sie sind mir zu teuer", sagte er und versuchte den Preis herunterzuhandeln.

Aber sie ließ nicht einen Groschen nach und sagte, sie dürfe ohne den Willen ihres Herrn das Tuch nicht billiger hergeben. Da ging der Vater wieder aus dem Laden, ohne etwas gekauft zu haben. Für sich aber dachte er: "Das ist doch ein ordentliches Mädchen. Es ist freundlich und ehrlich und dazu auf den Vorteil meines Sohnes bedacht." Darum versöhnte er sich wieder mit den beiden und war auch damit einverstanden, daß sein Sohn das fremde Mädchen zur Frau nahm.

Zwei Jahre waren sie nun schon verheiratet, da brachte ein Schiff, das von fernen Ländern kam, die Kunde, daß der König von Indien seine Tochter suche, die von Seeräubern entführt worden sei. Wer sie ihm lebendig zurückbringe, solle sie zur Frau bekommen und König von Indien werden. Als die junge Frau dies hörte, dachte sie: "Es wäre doch besser, Königin von Indien zu sein, als bloß die Frau eines einfachen Kaufmanns."

Und als ihr Mann nach Hause kam, erzählte sie ihm, wer sie eigentlich sei und bat ihn, Hab und Gut zu verkaufen, sie zu ihrem Vater nach Indien zurückzubringen und dort König zu werden. "Den Wunsch erfülle ich dir von Herzen gerne!" sagte er, verkaufte sein Haus, nahm Abschied vom Vater und fuhr mit ihr übers weite Meer nach Indien.

Nach vielen Tagen sahen sie endlich eine Küste, die ihnen recht bekannt vorkam, und wahrhaftig: nach einiger Zeit landeten sie in dem selben Hafen, wo einst der Kaufmannssohn den beiden Seeräubern die Prinzessin abgekauft hatte. Sie sprachen eben miteinander von jener Zeit, als ein großes Segelschiff in den Hafen einfuhr und dicht neben ihrem eigenen Schiffe die Anker auswarf. Der Herr des Schiffes war aber kein anderer als jener Edelmann, der die Prinzessin mit Gewalt zu seiner Frau machen wollte.

Er war wirklich so alt und häßlich, wie die Prinzessin ihn geschildert hatte, und man sah es ihm an, daß er ein hartes und finsteres Herz in sich trug. Auf seinen Befehl ergriffen die Matrosen den Kaufmann, fesselten ihn an ein Balkenstück und warfen ihn ins Meer, wo ihn die Wellen auf die hohe See hinaus trieben.

Dann ließ er die Prinzessin auf sein Schiff bringen, trat in ihre Kammer, die er hinter sich abschloß, und sprach: "Wenn Euch Euer Leben lieb ist, so schwört mir hier, daß Ihr Eurem Vater berichten werdet, ich hätte Euch aus den Händen der Seeräuber befreit! Wagt es ja nicht, auch nur ein einziges Wort von jenem Menschen zu erzählen, von dem Ihr sagtet, daß er Euer Mann sei! Es könnte Euch sonst übel ergehen !"

Was konnte die arme, hilflose Prinzessin anders tun, als Ja sagen und sich in ihr Schicksal ergeben? - Das Schiff lichtete die Anker, fuhr auf das offene Meer hinaus und landete nach sieben Tagen im Hafen der indischen Hauptstadt. Als der König seine verloren geglaubte Tochter wiedersah, kannte er sich fast nicht mehr vor Freude und Glück und ließ sogleich alles vorbereiten, um sie mit dem reichen Edelmann zu vermählen und ihm das Reich zu übergeben.

Wie war es unterdessen dem Kaufmannssohn ergangen? Drei Tage und drei Nächte wurde er von den Wellen hin und her geworfen, und war nahe daran, zu sterben. Da kam mit einemmal ein riesiger Vogel herbei geflogen, ließ sich bis dicht über die Wellen herab und trieb mit seinem Flügelschlag den Balken auf eine Sandbank am Meeresufer.

Dann hackte er mit dem Schnabel die Stricke entzwei und sprach: "Ich bin der Geist des Kaufmanns, den du einst hast begraben lassen. Zum Dank dafür will ich dir nun in deiner Not helfen. Geh in die Hauptstadt und melde dich im königlichen Schloß. Der König sucht einen Maler, der im Laufe von drei Tagen den großen Saal des Schlosses mit Bildern auszuschmücken vermag, und er will dem, der die Aufgabe löst, hunderttausend blanke Goldstücke bezahlen und ihn zu seinem Hofmaler machen. Nimm diese Arbeit an; sie wird dir gelingen! Du mußt nur dafür sorgen, daß niemand in den Saal gelangen kann! Verschließe die Tür und öffne ein Fenster. Für alles Weitere laß mich sorgen." Als der Vogel dies gesagt hatte, flog er fort und verschwand in den Wolken.

Als der Kaufmannssohn in die Königsstadt eintrat, herrschte darin lauter Jubel und große Fröhlichkeit, und alle Straßen waren festlich geschmückt; denn in drei Tagen sollte die Hochzeit der Prinzessin stattfinden. Der König führte ihn in den Saal und fragte ihn, ob er Meister genug sei, Decke und Wände binnen drei Tagen zu bemalen, und versprach ihm auch, daß niemand ihn bei der Arbeit stören solle.

Als er gegangen war, verriegelte der Kaufmannssohn die Tür und öffnete eines der Fenster. Da kam auch schon der Vogel mit einem Schwert im Schnabel angeflogen und sagte: "Nimm das Schwert und hau mir den Kopf ab." - "Nein, das kann ich nicht! Du hast mir nur Gutes getan", sagte erschrocken der Kaufmannssohn. "Tust du es nicht, so kann ich dir auch nicht helfen", sprach der Vogel. Da nahm er das Schwert, schlug zu und sank sogleich ohnmächtig zu Boden.

Am Morgen des dritten Tages erwachte er und sah, daß der ganze Saal ohne sein Zutun fertig bemalt war. An der Decke waren Himmel, Sonne, Mond und Sterne dargestellt, an den Wänden aber erkannte er zu seinem Erstaunen seinen eigenen Lebenslauf, von seiner ersten Reise nach Indien bis heute.

Während er noch die Bilder betrachtete, suchte ihn der König voller Erwartung auf. Seine Tochter, die ihn begleitete, erkannte auf den ersten Blick ihren Mann, den sie so lange vermißt hatte. Voller Freude fanden sich die beiden wieder und erzählten dem König alles, was ihnen begegnet war. Dieser beschloß, den falschen Edelmann auf die Probe zu stellen und ließ ihn am nächsten Tage zur Hochzeit kommen, als ob nichts vorgefallen sei.

Als alle Gäste erschienen waren, führte er sie und den Edelmann in den Saal mit den bemalten Wänden und sprach: "Wer mir erklären kann, was diese Bilder bedeuten, der soll meine Tochter zur Frau bekommen und König von Indien werden." Nun gab es ein großes Raten, denn mancher der Gäste hätte sich gerne den schönen Preis verdient. Auch der Edelmann wollte auf die Prinzessin nicht so leichthin verzichten; doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht herausfinden, was die Bilder bedeuteten.

Da gab endlich der Kaufmannssohn die richtige Deutung des Rätsels und wies nach, wie ein jedes der Bilder einen Augenblick seines eigenen Schicksals zum Gegenstand hatte. Da erkannten alle, wie schmählich der Edelmann den König betrogen hatte und daß der Kaufmannssohn der rechtmäßige Gemahl der Prinzessin war.

Zur selben Stunde noch wurde der Edelmann auf Befehl des Königs ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt. Der Kaufmannssohn aber feierte zum zweiten mal Hochzeit mit der Königstochter und wurde bald darauf König von Indien.

 

Schwäbisches Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER MEISTERLÜGNER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da war auch einmal im Land Ichweißnichtwo ein König, dem konnte einer das Blaue vom Himmel herunter in die Ohren lügen; er konnte lügen, daß sich die eichene Balken im Thronsaale bogen - der König hielt alles für wahr; es gab nichts, was ihm zu Ohren kam, das er am Ende nicht doch für möglich gehalten hätte.

Viele Jahre war er nun schon König, und mindestens einmal an jedem Tag war es vorgekommen, daß einer seiner Hofleute oder Minister über irgendeine neue Kunde gesagt hatte: "Das ist eine Lüge!" oder: "Das ist Faustdick gelogen!" oder: "Das glaubt ja kein Sterblicher!" Da ärgerte sich der König über sich selbst, weil er immer alles für wahr halten mußte und noch kein einziges Mal in seinem Leben einem ins Gesicht hatte sagen können: "Du großmauliger Schelm, das lügst du!"

Ein mal wollte er es aber doch sagen können, ehe er starb, und sollte er gleich sein liebstes Kleinod dafür hingeben müssen. Darum ließ er in seinem Reich durch einen Herold verkünden: wer eine so große Lüge tun könne, daß selbst der König sie nicht glaube, der solle seine einzige Tochter, die schöne Prinzessin, zur Frau bekommen.

Viele edle und unedle Lügenbeutel hatten nun schon versucht, sich mit ihrer Schelmenkunst das Königstöchterlein zu erlügen; doch es war ihnen nicht gelungen. Sie hatten für ihre Dreistigkeit auf sieben Jahre in den dunklen Turm wandern müssen. Da hörte auch ein wandernder Handwerksgeselle in einer fernen Stadt den Herold die königliche Botschaft ausrufen.

Der Geselle hielt sich für einen Erzlügner, dem nicht so leicht einer das Wasser reichen konnte. Zudem dachte er, eines Königs schönes Töchterlein sei ein Preis, um den man schon ein paar saftige Lügen wagen könne, und machte sich also auf den Weg zum Schlosse.

Als der junge, schmucke Bursche durch das Tor trat und den Torhütern und Dienern Bescheid gab, was er da wolle, rieten ihm alle, keinen Schritt mehr weiter zu gehen. Doch der Handwerksbursche ließ sich nicht einschüchtern und verlangte, vor den König geführt zu werden.

Der König saß auf seinem goldenen Throne, ihm zur Seite seine Tochter. Sie war so schön, daß der Bursche die Augen schließen mußte, als er sie nur mit einem einzigen Blick gestreift hatte. Der König aber sprach: Drei Lügen will ich dir gestatten. Wenn ich sie aber alle für wahr halte und dich nicht wenigstens einmal einen Lügner heiße, so ist der köstliche Preis hier zu meiner Linken verscherzt, und du siehst für sieben Jahre das Licht der Sonne nicht mehr!"

Wie der König aber von dem köstlichen Preis zu seiner Linken sprach, wagte der Bursche noch einmal einen Blick zu der schönen Prinzessin hinüber, und - O Wunder! - die lächelte ihm so freundlich und lieb zu, daß er alles Bangen von sich warf und nicht mehr daran zweifelte, daß er sie noch heute in seine Arme schließen werde.

"Zum ersten also!" begann der König. Er wies mit seiner ringfunkelnden Hand auf den Boden des Thronsaales, der mit lauter Goldplatten belegt war, und fragte den Handwerksburschen: "Gelt, Junge, so einen kostbaren Boden hast du noch nirgends gesehen?" - "Ei, warum nicht", antwortete der. "Wo?" fragte der König. "In meinem Heimatdorf, das gleich hinter dem gläsernen Wald rechts unterm Mond liegt und Lügmireins heißt." -

"Und bei wem hast du einen solchen goldenen Boden gesehen?" - "Na, wo auch? Daheim, bei meinem Vater." - "Wer ist denn dein Vater?" - "Ei, wer sollte er auch sein: der Sauhirt in unserem Dorf." - "Wie viel Säue hat er zu hüten?" - "An die fünftausend." - "Wie lange schon treibt dein Vater auf die Weide?" - "Jetzt geht es gerade ins hundertneunundneunzigste Jahr. "

Der König räusperte sich und sagte: "Daß dein Vater in so viel Jahren mit so viel Säuen, so viel Geld erspart hat, daß er am Ende in seine Stube einen goldenen Boden hat legen lassen können, das glaube ich gerne; denn Sauhirt sein ist verdienstlich."

Der König schmunzelte spöttisch, weil die erste Lüge für ihn nicht groß genug gewesen war. Doch der Bursche ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. "Zum anderen denn!" fuhr darauf der König fort, wies mit der Hand nach dem Fenster und sprach: "Geh dort hin und schau in den Garten hinab! Hast du deiner Lebtage schon einmal so große Rüben gesehen?" -

"O jemine!" versetzte der kecke Geselle, "da sind die Euren vertrocknete Setzlinge gegenüber denen, die ich heut vor neunundneunzig Jahren weit hinterm Nirgendsmeer im Land Eckumeck gesehen habe. Selbige sind so groß gewesen, daß unter ihrem Krautwerk sechzehntausend Soldaten beim größten Wolkenbruch unterstehen konnten, und ist keiner auch nur einen Tropfen naß geworden."

Der König räusperte sich zweimal und sagte: "Nun ja, kann sich ein Schweinehirt einen goldenen Fußboden in seiner Stube leisten, so können auch im Land Eckumeck hinterm Nirgendsmeer so große Rüben wachsen. Was ist nicht alles möglich unter der Sonne!?"

Der König lächelte noch spöttischer als beim ersten Male. Und sogleich hob er wieder seine Hand und wies nach dem Fenster auf der anderen Seite des Saales. Dann sagte er: "Zum dritten also! Geh dort hinüber und sieh dir die Tanne in meinem Park an. Hast du je einmal auf deinen Wanderfahrten eine so hohe Tanne angetroffen?"

Der lustige Geselle, der voller Lügen steckte, besann sich rasch auf eine, die so grausam erlogen war, daß es gewiß auf der ganzen Welt keinen Menschen gab, der sie glaubte, und begann tapfer und mit prahlerischer Stimme zu erzählen: "O du meine Güte! Das hier? Das ist ja nur ein Besenreis gegen das, was ich im Himmeleieieigebirge einmal an Tannen gesehen habe! Ich habe wundershalber probiert, wie hoch die höchste wohl sein möge.

Habe mir also zweiundzwanzigtausend Sparrennägel gekauft und sie einen nach dem anderen in den Stamm geschlagen und bin drauf Gipfel wärts geklettert. Denkt Euch! Da bin ich bis in den siebten Himmel hinauf gekommen, und die Tannenwipfel waren immer noch nicht zu sehen. Weil ich nun doch schon einmal da war, dachte ich, ich könnte mir auch den Himmel ein bißchen ansehen. Fand viele alte Bekannte aus Lügmireins und aus dem Lande Eckumeck vor und erzählte ihnen, daß ich, ehe ein Jahr vergangen, des Königs schönes Töchterlein im Land Ichweißnichtwo als Gemahlin heimführen werde.

Und sie glaubten mir alle bei ihrer Seele Seligkeit und wünschten mir von Herzen Glück dazu. Sie hätten mich gar zu gerne zum Nachtessen eingeladen, aber ich war drauf bedacht, vor dem Dunkelwerden wieder in die Welt hinabzurutschen, und empfahl mich. Ich habe aber ums Leben nicht mehr die Tanne gefunden, auf der ich herauf gestiegen bin, und hatte drum im Sinn, im Himmel ein verstecktes Plätzchen zum Nachtlager zu suchen.

Wie ich da nun so herumstolperte, stieß ich von ungefähr an ein Bollenfaß. Sah hinein und bemerkte, daß es ein gut Stück über den Rand hinaus voll war mit Weizenkleie. Holla! habe ich gedacht, du kommst mir gerade recht! Habe aus der Kleie ein Seil geflochten, es mit einem Dutzend übrig gebliebenen Nägeln am Himmelfenster festgenagelt und mich an dem Kleieseil allmählich auf die Welt herabgelassen.

Wie ich aber noch weit über den aller obersten Wolken gewesen bin, ist das Trumm ausgegangen. Jetzt was tun? Nun, ich habe halt keine andere Wahl gehabt, als das Seil oben abzuschneiden und unten an den Rest wieder anzuknüpfen. Bis ich aber endlich auf festem Boden und geradeswegs vor dem Tor zu Eurem königlichen Palast angekommen bin, hat das Seil - Ihr mögt es mir glauben oder nicht! - nur noch aus lauter Knöpfen bestanden."

Da fuhr der König aus seinem Thronsessel auf und rief: "Das ist ja eine Lüge so groß wie das Seil, das du mir da vom Himmel herunter gelogen!" - "Gut", erwiderte freudestrahlend der Handwerksbursche, "und also bin ich Euer Tochtermann!", nahm die schöne Prinzessin, die ihn gar liebreich anlachte, bei der Hand und gab ihr den Verlobungskuß.

Dann trat das glückliche Paar vor den König, und der legte ihre Hände ineinander, nahm die Krone von seinem grauen Haupt und drückte sie dem wackeren Gesellen in die Locken. Und so ist der Meisterlügner König im Lande Ichweißnichtwo geworden.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER BETROGENE TEUFEL ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein junger Bursche, Berthold hieß er; dem waren Vater und Mutter gestorben und hatten ihm nichts hinterlassen, weder Geld noch Gut, und so stand er eines Tages arm und allein und ohne einen Freund auf der Welt. Jemand hätte er zwar schon gehabt, das war Gertrud, eine reiche Bauerntochter, die er heimlich liebte und die auch ihn gern hatte, denn er war ein sauberer und starker Bursche.

Weil er aber so gar nichts hatte als seinen kärglichen Lohn und mit knapper Not ein ordentliches Werktags- und Sonntagsgewand, wollte es der Bauer nicht leiden, daß seine Tochter den armen Taglöhner heirate. Darüber war Berthold sehr traurig, saß oft an einem einsamen Platz im Walde und sann und sann und mußte immer nur das eine denken: "Ja, wenn ich reich wäre, dann würde ich die schöne und reiche Gertrud ganz gewiß zur Frau bekommen. Wie aber soll aus mir armem Kerl ein wohlhabender Mann werden? Das wird im Leben nicht so weit kommen, und was tue ich also eigentlich auf dieser ungerechten Welt. Am besten wär es, ich würde einschlafen und nicht mehr aufwachen."

Wie er nun wieder einmal so in düsteren Gedanken da saß, stand plötzlich ein großer, fremder Jäger vor ihm - das war aber niemand als der Teufel - und sagte: "Ei, nur keinen solch trübseligen Gedanken nachspinnen, Bursche! Was drückt dich denn? Wo fehlt es?" - "Am Geld fehlt es mir. Reich sollte ich sein!" antwortete Berthold bitter. "Wenn es weiter nichts ist", sprach der Teufel, "dazu kann ich dir leicht verhelfen. Du brauchst mir nur deine Seele dafür verschreiben." - "Die sollst du nach meinem Tod gerne haben; ich fange ja dann doch nichts mehr mit ihr an", sagte Berthold; "aber jetzt will ich mich freuen mit ihr, wenn ich reich bin und das Mädchen, das ich schon lange gerne möchte, zur Frau bekommen habe."

So ging also der arme Berthold in seiner Not den Pakt mit dem Teufel ein, bekam gleich einen Stumpen Gold ausgehändigt und war vom Tage an der reichste Mann im Lande. Es dauerte auch gar nicht lange, da gab ihm der Bauer seine Tochter und ließ die Hochzeit zurichten. Als aber die Feier gerade am schönsten war und das junge Brautpaar bei Flöten- und Geigenspiel den ersten Tanz miteinander tanzte, da ging plötzlich die Tür auf und der Teufel trat herein, um den versprochenen Lohn abzuholen.

"Du siehst doch, ich halte gerade Hochzeit; da kann ich dir doch meine Seele nicht geben. Jetzt will ich erst recht anfangen zu leben! Komm in fünfzig Jahren wieder vorbei und frage nach", sagte Berthold und wollte wieder in den Saal zurück und zum Tanz gehen. So ließ sich aber der Teufel nicht abfertigen und bedachte, wie er sich heute noch des Burschen Seele mit List verschaffen könnte.

"Höre!" sagte er drum zu Berthold, "ich will dich fortan ungeschoren lassen und auf deine ärmliche Menschenseele verzichten, wenn du mich mit irgendeiner Arbeit einen ganzen Tag lang beschäftigen kannst." - "Das müßte eine Kunst sein, dir für einen Tag Arbeit zu verschaffen", dachte der Bursche und war mit diesem Vorschlag gleich einverstanden.

Er führte den Teufel vor das Dorf hinaus auf einen großen, abgemähten Fruchtacker und sagte: "So, diesen Acker sollst du umhacken!" Dazu brauchte ein einzelner Mann sonst drei volle Tage; der Teufel aber war schon nach einer Viertelstunde damit fertig und forderte weitere Arbeit. Da nahm Berthold ein Simri Kleesamen, säte den auf dem Felde aus und sagte: "Lies den Samen wieder in das Simrimaß zurück! Es darf aber kein Körnlein liegen bleiben!"

Doch auch das war dem Teufel eine Kleinigkeit; er war in einer halben Stunde fix und fertig und verlangte neue Arbeit. Nun wurde aber dem Berthold allmählich doch Höllenangst, und er kam jedesmal bleicher und aufgeregter in den Saal zurück. Die Braut merkte, daß da etwas nicht stimmte und fragte ängstlich und besorgt ihren Mann: "Warum bist du denn so blaß? Was hast du denn, daß du immer aus- und eingehst?"

Da gestand er seiner Frau alles und klagte ihr die Not und Gefahr, in der er schwebte. Als sie ihn angehört hatte, fing sie aber nicht etwa zu weinen und zu jammern an, sondern lachte und sprach: "Oh, hättest du mir das doch gleich zu Anfang gesagt! Ich kann dir helfen, mein lieber Berthold!" Dabei zupfte sie sich eins ihrer kurzen, krausen Haare aus, gab es ihm und sagte: So, nun bring das dem Teufel und verlange von ihm, daß er es gerade machen solle." -

"Was habe ich doch für eine kluge Frau!" sagte Berthold, gab seiner Braut einen Kuß und eilte so schnell er konnte auf den Hof hinaus. Als der Teufel das Haar nur sah, schnitt er schon ein Gesicht wie neun Tage Regenwetter, zupfte und zog und bog voll Wut an dem Härchen herum und legte es zuletzt sogar auf den Amboß, um es mit dem schweren Schmiedehammer grad zu klopfen. Doch es war alles umsonst; er konnte diese Arbeit an einem Tage nicht zustande bringen. Das Haar blieb kraus, und der Teufel war um seinen Lohn betrogen.

Voller Freude kehrte Berthold zu seiner Braut zurück, tanzte und feierte mit ihr bis in den frühen Morgen hinein und lebte nun mit seiner Frau in Glück und Wohlstand bis an sein Ende.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER GUTE SCHLAUE PHILIPP ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu den Zeiten, als der Herr noch mit seinen Jüngern in schlichtem Gewand und unerkannt auf Erden wandelte, kam er auch einmal mit den Zwölfen in ein kleines Bauerndorf im Allgäu und bat dort bei den reichen Bauern um Nachtherberge. Von allen aber wurden die Bittenden mit allerhand Ausreden und groben Worten abgewiesen. Der Bauer im letzten Hause rief ihnen noch durchs Fenster nach: draußen vor dem Ort in der kleinsten Hütte wohne ein alter Wittiber, der Philipp; der pflege solcherlei Leute, wie sie seien, übernachten zu lassen; den sollten sie einmal fragen.

Der alte Philipp kochte gerade für sich das Nachtessen, als die dreizehn vor seiner Hütte ankamen und um ein Nachtquartier fragten. Der Alte lächelte und sagte: "No ja! Das wäre alles schon recht, wenn, ich nur so viel Platz hätte, um euch alle beherbergen zu können. Für sechs Mann könnte es am Ende reichen." Sie wollten aber alle gerne hier bleiben. "No ja! So schauet in Gottes Namen, wie ihr es mit dem Liegen macht", meinte Philipp; "ich will mal im Ort drin Stroh betteln, damit ihr es euch auf meinem Stubenboden bequem machen könnt. Will mich auch nach Pferdedecken umschauen, damit ihr was zum Zudecken habt."

Am anderen Morgen stand der gute Philipp früh auf und kochte für seine dreizehn Gäste, soweit sein kleiner Vorrat reichte. Als sie gegessen hatten, wollten sie sich für die freundliche Bewirtung auch erkenntlich zeigen, und also sagte Petrus als ihr Wortführer: "Höre, Philipp! Du darfst drei Wünsche tun; die werden dir in Erfüllung gehen." - No ja, dachte Philipp bei sich, was soll ich mir jetzt geschwind wünschen?

Er hüstelte ein paarmal verlegen und sagte dann: "No ja! So wünsche ich fürs erste, daß ich noch fünfhundert Jahre lang so bleibe, wie ich jetzt gerade bin; fürs zweite, daß mein Birnbaum vor dem Haus allzeit Birnen trägt und daß jeder, der auf ihn steigt, nicht wieder herunter kann, ehe ich es ihn heiße, und zum dritten, daß der, der ohne meinen Willen in meinen Altvatersessel dort am Ofen sitzt, sich nicht mehr daraus erheben kann." - "Soll geschehen!" sagte der Herr und wanderte mit seinen Zwölfen weiter.

Als die fünfhundert Jahre um waren, kam der Tod zu Philipp. Es war Herbst und Philipp wollte eben die Birnen schütteln. Der Tod sagte: "Höre, Philipp! Die fünfhundert Jahre sind jetzt um und nun heißt es für dich: mit mir gehen!" - "No ja! Ei, ei! Schon?" erwiderte Philipp aufgeräumt. "Ich sollte doch noch vorher meine Birnen schütteln." -"Gut!" sagte der Tod. "Aber du machst mir zu langsam, alter Freund! Ich will für dich auf den Baum steigen und die Birnen schütteln, damit wir schneller fertig werden."

Der Philipp ließ es zu. Stieg also der Tod auf den Birnbaum und schüttelte nach Kräften; und Philipp las die Birnen auf und trug sie ins Haus. Hernach wollte der Knochenmann wieder vom Baum herunter steigen; er brachte es aber nicht fertig, so sehr er sich auch abmühte. Da bat er den Philipp um Hilfe. Philipp aber sagte seelenruhig: "No ja ... Ich hab dich nicht hinauf klimmen heißen. Also bleib, wo du bist!" Der Tod bettelte und flehte, er möge ihn doch wieder herabsteigen lassen.

Endlich sagte Philipp: "No ja! Gut, ich will es tun, wenn du dich nicht eher bei mir blicken läßt, als bis wieder fünfhundert Jahre vergangen sind!" Was konnte der Tod auf dem Birnbaum anders tun, als ja sagen? Er mußte dem Philipp sein Wort geben und weiter ziehen. Der alte Philipp aber lebte weiterhin glücklich und zufrieden in seiner kleinen Hütte und begnügte sich mit den Birnen, die ihm der Baum in seinem Garten trug.

Auch die zweiten fünfhundert Jahre gingen herum. Da stellte sich eines Morgens der Tod wieder ein und sprach: "So, Philipp, diesmal erwischst du mich nicht! Mach dich bereit!" -"No ja, wird nicht so pressieren, Meister Tod", meinte er. "Laß mich noch den Bart schaben, dann wollen wir gehen." Der Tod sagte: "Meinetwegen", und setzte sich aus Langeweile in den Ohrenstuhl am Ofen.

Weil ihm aber der Philipp gar zu lang brauchte, wollte er ihn ohne viel Federlesen am Arm packen und mitnehmen. Doch, o weh! - Er vermochte sich nicht aus dem Sessel zu erheben, und wenn er sich auch noch so sehr anstrengte. Er flehte den Philipp an, er solle ihn doch aus dem Sessel befreien. Der aber sagte: "No ja! Das will ich tun, wenn du dich abermals nicht eher bei mir blicken läßt, als bis fünfhundert Jahre vergangen sind." Und der Tod mußte noch einmal fünfhundert Jahre drein geben!

Als aber die um waren, half dem schlauen Philipp keine List mehr, und er ging willig mit dem Tod in die Ewigkeit. "No ja, führe mich zuerst in die Hölle", sagte er; "Will doch auch sehen, wie es da zugeht." Als sie vor dem Höllentor ankamen, schrien die Teufel: "Heio! Tod! Was bringst du uns denn da für einen Kerl?" - "Ei", entgegnete der unwirsch, "fragt ihn doch selber; er ist alt genug zum Schwätzen!"

Da fragten die Teufel den Philipp, wer er sei. "No ja, wer ich bin?" sagte der Philipp. "Ein Spieler und Säufer." Da stimmten die Teufel ein gewaltiges Gelächter an, und ihr Oberster fragte ihn: "Hör, Alter, hast du keine Würfel bei dir? " - "O ja!" sagte Philipp, "was gilt es?" - "Eine arme Seele", lachte der Teufelober, rüttelte den Knöchelbecher und warf. Philipp warf nach und hatte ein Auge mehr. "No ja! Das wär mal eine Seele!" schmunzelte Philipp, ging in die Höllenküche hinein und suchte sich eine Seele aus.

Wie staunte er aber, als er mitten drin im größten Haufen sein Weib erblickte! "Du Geizteufel du!" rief er ärgerlich. "Hab ich es nicht immer gesagt, du werdest einmal da herein kommen? Aber da du nun schon einmal mein Weib bist, will ich mich deiner annehmen." Faßte sie bei der Hand und nahm sie mit sich. Als Philipp wieder zu den Teufeln hinaus kam, fing ihr Oberster aufs neue mit ihm zu würfeln an und verlor nacheinander zwölf Seelen. Da wurde er fuchsteufelswild und schrie: ..So, du Kerle! Meinst du, du dürfest mir die ganze Hölle ausräubern?!", sprang in die Hölle und schlug das Tor zu.

Nun ging der Tod mit Philipp und seinen zwölf gewonnenen Seelen weiter, dem Himmel zu. Dort klopfte Meister Philipp an. Petrus öffnete ein wenig die Tür, schaute heraus und fragte nach seinem Begehr. "No ja! Ich wollte nur gern mit meinen Reisegesellen in den Himmel", antwortete Philipp. Petrus schaute den stattlichen Zug, der da hinter dem Philipp vor der Himmelstür draußen stand, gar verwundert an und sprach: "Sapperlott! Das sind halt viel auf einmal!" -

"No ja", sagte Philipp, "weißt du nicht mehr, daß ihr auch so viel gewesen seid, als ihr damals zu mir kamt? Hab euch seinerzeit auch in mein Haus gelassen und hat viel weniger Platz gehabt als der Himmel da oben." -"Potz Kuckuck!" rief da Petrus voller Freude, "so, Ihr seid es, alter Philipp? Nur alle hereinspaziert!" Und so sind der Philipp und seine Zwölfe allesamt in den Himmel gekommen.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER KLUGE MARTIN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein armer Tagelöhner, der besaß drei Söhne. Jeder hatte ein Handwerk erlernen dürfen, und so war der eine Weber, der andere Schneider und der dritte Schuster geworden. Der Schuster war der jüngste, aber auch der gescheiteste, und darum wurde er von allen nur "der kluge Martin" genannt.

Als die Lehrzeit um war, schickte der Vater sie auf die Wanderschaft. Weil er aber so arm war, konnte er ihnen außer seinem Segen nichts mitgeben als Messer, Gabel und Löffel, die in einem einfachen Ledertäschchen beisammen steckten. Doch die drei Brüder waren mit diesem wenigen zufrieden und zogen frohgemut in die weite Welt hinaus.

Am Abend nach ihrem ersten Reisetage kehrten sie in einem Dorfwirtshaus ein. Ehe sie aber am anderen Morgen weiterwanderten, beschlossen sie: "Wir wollen nun ein jeder einen anderen Weg einschlagen, heute über fünf Jahre aber hier an diesem Tische wieder zusammentreffen." Dann wünschten sie sich gegenseitig viel Glück und nahmen herzlich Abschied voneinander.

Als der kluge Martin eine Weile gewandert war, kam er an eine steinerne Brücke, und wie er gerade den Fuß auf sie setzen wollte, trat ihm ein Mann in den Weg und fragte mit finsterem Gesicht: "Was suchst du hier und wo willst du hin?" Sprach der kluge Martin: "Ich bin ein Schuhmacher, bin auf Wanderschaft und suche Arbeit." - "Soso", brummte der Fremde. - "Ja", nickte Martin; "aber nun sag mir auch, wer du bist und was du hier treibst." -

Da grinste der andere ganz unheimlich unter seinem breitrandigen Schlapphut hervor und antwortete: "Ich? - Ich bin ein Räuber." - "So", sagte der kluge Martin; "ein seltsames Handwerk. Ist es auch einträglich?" - "Das will ich meinen! Mehr als das deine!" - "Ei, was!" rief da der kluge Martin verwundert aus. "Meinst du, daß ich es auch erlernen könnte?" - "Das kommt ganz darauf an, wie du dich anläßt", meinte der Räuber. -

"Weißt du was? - Behalte mich hier. Ich will auch ein Räuber werden!" sagte Martin. - "Gut. Ich will dich einstweilen da behalten. In die Schar der Kumpanen aufnehmen kann dich aber nur mein Meister, und der ist gerade nicht zu Hause." Da wartete der kluge Martin drei Tage lang, bis der Räuberhauptmann zurückkehrte und er ihm seinen Wunsch vorbringen konnte.

Der Hauptmann hörte den Burschen an und sagte dann: "Gut, ich will dich aufnehmen. Du mußt aber erst eine Probe ablegen und deine Geschicklichkeit zeigen." - "Daran soll es nicht fehlen! In ein paar Stunden bin ich wieder hier; dann sollst du sehen, daß ich wohl zu brauchen bin", sagte der kluge Martin und schritt über die Brücke davon, dem Walde zu.

Wie er nun in den Wald hinein kam, sah er einen Metzger des Weges ziehen, der führte ein Kalb mit sich. Der kluge Martin schlich seitwärts durchs Unterholz und gewann so ungesehen auf einem Fußpfad einen Vorsprung. Dann bog er wieder auf die Straße ein, die der Metzger mit dem Kalb daher kommen mußte, nahm Messer, Gabel und Löffel aus dem Ledertäschchen und warf die leere Hülle mitten auf den Weg.

Nachdem er eine Strecke gegangen war, ließ er die Gabel fallen. Und wieder nach einer Weile den Löffel und das Messer zusammen. Drauf versteckte er sich in der Nähe und wartete, bis der Metzger mit seinem Kalbe zwischen den Bäumen auftauchte. Jetzt war er bei dem Ledertäschchen angekommen, hob es auf und besah es sich genau. Er dachte aber wohl: "Was kannst du mit diesem nichtsigen Lederzeug anfangen? Ist ja des Aufhebens nicht wert", - warf es wieder auf den Weg und zog weiter.

Nun kam er an die Stelle, wo die Gabel lag. Er sah sie nur von oben her an und ging weiter, ohne sich nach ihr zu bücken. Als er aber danach den Löffel und das Messer fand, hob er beide auf und steckte sie in die Tasche. "Jetzt wäre es doch gut, wenn ich das ganze Besteck beisammen hätte!" überlegte sich der Metzger, band das Kalb an einen Baum und lief zurück, um die Gabel und die Lederhülle zu holen.

Inzwischen sprang der kluge Martin aus seinem Versteck hervor, band das Tier los und trieb es in den Wald hinein. Dabei blökte er beständig wie ein Kalb. Als der Metzger wieder an die Stelle kam, wo er das Vieh angebunden hatte und es nicht mehr vorfand, dachte er: "Es wird sich losgerissen und verlaufen haben" und ging dem Blöken nach, das er aus dem Walde hörte.

Der kluge Martin aber war inzwischen an einen Teich gekommen, hatte dort schnell das Kalb geschlachtet und den abgeschnittenen Kopf ins Wasser geworfen. Dann hatte er sich im Gebüsch versteckt und blökte erbärmlich. Als der Metzger aus dem Walde heraus und ans Ufer trat, glaubte er nicht anders, als daß sein Kalb ins Wasser gelaufen sei und nur noch den Kopf herausstrecke. Deshalb zog er sich flink aus und sprang in den Teich, um es herauszuziehen.

Während er aber im Wasser patschte, sprang der kluge Martin aus dem Versteck hervor, nahm die Kleider des Metzgers, samt allem was darin war, unter den Arm und machte sich wie der Wind davon. Dann brachte er alles dem Räuberhauptmann und erzählte ihm, wie er dazu gekommen war. Da war der Hauptmann mit dem Probestück des klugen Martin wohl zufrieden und nahm ihn unter seine Gesellen auf und es dauerte nicht lange, da war Martin der geschickteste und kühnste Räuber weit und breit.

Als die fünf Jahre um waren, dachte er an die Verabredung, die er mit seinen Brüdern getroffen hatte. Er zog vornehme Kleider an, bekam von seinem Hauptmann Kutsche und Pferde geliehen und fuhr vor das Wirtshaus. Da saßen seine zwei Brüder schon am Tische, erkannten ihn aber nicht wieder, bis er sich ihnen zuletzt zu erkennen gab. War das eine Wiedersehensfreude! Martin ließ Braten und Wein auftragen, und sie waren miteinander vergnügt bis in die späte Nacht hinein.

Gerade in dieser Nacht aber geschah es, daß der Räuberhauptmann mit seiner ganzen Bande gefangen genommen wurde. Der kluge Martin war der einzige, den die Schergen nicht erwischten. Da ließ der König durch einen Herold bekannt machen, daß derjenige, der den klugen Martin lebendig oder tot herbei schaffe, tausend Gulden zum Lohn erhalten solle. Das hörte der kluge Martin selbst ausrufen, als er am anderen Morgen mit seinen Brüdern in der Wirtsstube saß.

"Habt ihr es gehört: Tausend Goldgulden ist dem König mein Kopf wert! Die soll kein anderer einstecken als ich selber, verlaßt euch drauf!" sagte er, verkaufte die Kutsche samt den schönen Pferden davor und kaufte sich dafür einen alten Krämerwagen. Darauf lud er ein Faß voll Branntwein, zog die lumpigsten Kleider an, die er auftreiben konnte, und fuhr so zum Tor hinaus, ohne daß ihn jemand erkannte.

Froh und guter Dinge fuhr er dahin. Wie er aber in die Nähe der Brücke kam, war diese von fünfundzwanzig Husaren umstellt, die ihn auf Befehl des Königs gefangen nehmen sollten. Martin besann sich nicht lange. Er tat, als wäre er betrunken, sang und schrie und taumelte hinter dem Wagen drein von einer Straßenseite zur anderen. Gerade vor der Brücke aber trieb er das Pferd so heftig auf die eine Seite, daß ein Rad in den tiefen Graben geriet und der Wagen umfiel.

"Ach, ich armer Mann! Ach, ich armer Mann!" jammerte er und versuchte den Wagen wieder aufzurichten. "Oh, jetzt ist alles hin! Alles und der gute teure Schnaps dazu! Helft mir doch, Soldaten! Soll mir auf ein paar Schoppen nicht ankommen!". Da legten die Husaren wacker Hand an, und der kluge Martin schenkte zum Dank jedem ein großes Glas Branntwein ein und füllte nach, bis die Husaren so betrunken waren, daß keiner mehr lallen konnte und einer nach dem anderen wie ein Sack in den Graben fiel.

Da holte der kluge Martin aus seiner Höhle fünfundzwanzig Kapuzinerkutten, zog sie den Husaren an und fuhr die Kerle dann in der Nacht zur königlichen Schloßwache. Ihr könnt euch denken, was der König am anderen Morgen für Augen machte, als er die Kapuziner in der Wachstube antraf! Er fragte alle Diener und Knechte und Hofleute, ob sie in der Nacht nichts Verdächtiges gesehen oder gehört hätten.

Niemand konnte ihm eine Auskunft geben; jedoch die junge Königstochter sprach: "Das hat niemand anders als der kluge Martin getan!" - "Daß ich daran nicht gedacht habe!" sagte der König und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. "Du bist klug, mein Kind. Rate mir: Wie, meinst du, kann man wohl den klugen Martin am besten fangen?" -

"Mir dünkt, das dürfte nicht so gar schwer sein, lieber Vater", antwortete die Prinzessin. "Laßt einmal einen öffentlichen Tanz im Schloß ausrufen und bald da, bald dort Goldstücke auf den Boden des Saales legen. Der kluge Martin wird bei dem Fest gewiß nicht fehlen, und wenn er das Gold sieht, so kann er es nicht liegen lassen, sondern wird es aufheben und in die Tasche stecken. Daran werdet Ihr ihn leicht erkennen und ihn dann festnehmen können."

Der Rat der Tochter gefiel dem König, und er ließ darum sogleich landauf, landab durch einen Herold den Tanzabend ausrufen. Ehe aber die ersten Gäste eintrafen, streute er eine Tasche voll Goldstücke im Saale aus, so wie die Prinzessin es ihm geraten hatte. Wahrhaftig, die Pforten des Schlosses waren kaum eine Weile geöffnet, so erschien der kluge Martin im Saale, mit dem allerfeinsten Gewand angetan und von einem Diener begleitet. Niemand aber wußte, wer dieser fremde Herr war.

Wie er nun da die Goldstücke am Boden zerstreut liegen sah, dachte er bei sich: "Die lägen in meiner Tasche viel weicher und besser als hier auf den harten Dielen." Und er überlegte sich, wie er die Goldvögel am besten einfangen könne, ohne dabei ertappt zu werden. Als der erste Tanz zu Ende war, ging er hinaus zu seinem Diener und befahl ihm, eilends Pech zu holen. Dann machte er das Pech warm, strich es auf seine Schuhsohlen, ging wieder in den Saal zurück und tanzte, daß es eine Art hatte; einige Male sogar mit der schönen Prinzessin selber.

Sooft aber ein Tanz zu Ende war, verließ er den Saal und hieß draußen seinen Diener die Goldstücke abnehmen, die an den Pechsohlen hängen geblieben waren. Ein dutzendmal, wenn nicht mehr, trieb er es so und trug manches blanke Goldstück hinaus, ohne daß die geheimen Späher des Königs ihn als Dieb hätten entlarven können. Im Gegenteil, der kluge Martin hatte noch einen viel kostbareren Fang als die paar Dutzend Goldvögelein gemacht.

Die Prinzessin nämlich hatte ihn wohl erkannt und der stattliche, kühne Bursche hatte ihr so gut gefallen, daß sie den ganzen Abend mit keinem anderen tanzen wollte. Als das Fest zu Ende ging, nahm sie ihn heimlich auf die Seite und sagte: "Nimm dich in acht, Martin; mein Vater will dir ans Leben. Aber sei ohne Sorge, ich werde alles schon zum rechten Ende bringen."

Nun war also der Tanzabend aus, und der kluge Martin war weder erkannt noch gefangen genommen worden. "Es fehlen mehr als dreißig Goldstücke!" sagte der König am anderen Tage zu seiner Tochter. "Also ist er da gewesen! Mir ist das ein Rätsel. Wenn ich nur wüßte, wie ich den Kerl in die Hand bekommen könnte! Kannst du mir nicht noch einen Vorschlag machen?"

Da besann sich die Prinzessin eine Weile und sagte: "Laßt ein Turnier ausschreiben und versprecht mich dem Sieger als Preis. Der kluge Martin wird bestimmt an dem Kampf teilnehmen und ihn gewinnen. So erkennt Ihr ihn sicher und könnt ihn inmitten Eurer Ritter und Hofleute leicht gefangen nehmen lassen." "Ja, so will ich`s machen!" sagte der König, rief seinen Schreiber, hieß ihn ein großes Turnier ausschreiben und darin versprechen, daß er dem Sieger im Kampfe seine einzige Tochter zur Frau geben wolle.

Da zogen aus allen vier Enden der Welt Fürsten und Grafen und Ritter und Edelleute herbei, ritten in die Schranken und turnierten tapfer und hätten ein jeder gerne die schöne junge Königstochter gewonnen. Wer aber über alle den Sieg davontrug, das war der kluge Martin. Anstatt ihn aber mit seiner Tochter zu verloben, wollte der König ihn vor den versammelten Gästen binden und in den Kerker werfen lassen.

Da aber schritt die Prinzessin auf den tapferen klugen Martin zu, küßte ihn und sprach: "Den will ich zum Manne haben und keinen anderen! Das müßt Ihr wissen, Vater! Ich liebe ihn und Ihr haltet Euer königliches Wort!" - "So sei es!" riefen alle, kamen herbei und drückten dem glücklichen Paare die Hand. Nun trat auch der König freudig herzu und gab den beiden seinen Segen.

Bald danach wurde die Hochzeit gefeiert; und der kluge Martin bekam also, der einst ein armer Schustergeselle war, eine Prinzessin zur Frau und wurde am Ende König in einem großen Reiche.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER KRANKE KÖNIG UND SEINE DREI SÖHNE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der litt schon jahrelang an einer so schweren und unheimlichen Krankheit, daß nicht einmal die berühmtesten Ärzte im Reiche ihm helfen konnten. Er aß und trank fast nichts mehr und hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, seine Gesundheit je einmal wieder zu erlangen.

Da hatte er eines Nachts einen sonderbaren Traum: Er sah in einem fremden Land einen großen und herrlichen Garten. In dessen Mitte stand ein Apfelbaum, der über und über mit goldenen Früchten behangen war. Da gelüstete ihn so sehr nach einem der Äpfel, daß er die Hand hob, um sich einen von den Zweigen zu brechen und zu essen. Denn ihm war augenblicks gewiß, daß er durch den Genuß eines solchen Wunderapfels wieder völlig gesund werden würde.

Doch wie er eben verlangend seine Hand nach der Frucht ausstreckte, klopfte der Diener an die Türe und der König erwachte. "Du hast mich im schönsten Traume gestört!" sagte der König. "Aber ich hoffe, daß du mich dadurch zum Leben erweckt hast. Geh und rufe meine drei Söhne!" Als sie kamen, erzählte er ihnen ausführlich seinen Traum und bat sie, jenes Traumland aufzusuchen und ihm aus dem Garten einen der goldenen Äpfel mitzubringen.

Mit Freuden waren alle drei bereit dazu. Nach dem Wunsche des Königs trat zunächst der älteste die Reise an. "Wenn ich heute übers Jahr noch nicht zurück bin, werdet ihr mich wohl nimmer wiedersehen", sagte er und nahm Abschied von seinem kranken Vater und den Brüdern.

Nach einiger Zeit kam er in einen großen Wald. Da begegnete ihm ein alter Mann und bat ihn um eine kleine Gabe. "Ich bin schon drei Tage ohne Essen und habe kein Geld, um mir etwas zu kaufen. Wollt Euch meiner erbarmen, lieber Herr!" bat er. Der Prinz aber wies ihn mit barschen Worten von sich und ritt weiter, immer tiefer in den dunklen Tannenforst hinein. Am Abend traf er plötzlich mitten im Wald ein großes Gasthaus an. Müde und hungrig kehrte er ein, stärkte sich und ging dann früh zu Bett.

Als er aber am anderen Morgen weiter reisen wollte, traten zwei wunderschöne Mädchen zu ihm ins Zimmer und baten ihn mit schönen Blicken und Schmeichelworten, doch noch eine Weile hier zu bleiben und zum Zeitvertreib ein Kartenspiel mit ihnen zu machen. Da vergaß er seinen kranken Vater und die wichtige Reise ganz, blieb bei den Mädchen und spielte und spielte Karten, bis er zuletzt all sein Geld verloren hatte.

Weil er aber einmal wieder zu gewinnen hoffte, gab er seine Sache nicht verloren, sondern machte beim Wirt Schulden. Doch er verspielte auch das entliehene Geld und hatte nun nichts mehr bei sich was er zum Pfande geben konnte. Als ihn aber der Wirt nach Namen und Herkunft fragte, gab er keine Auskunft und verschwieg auch, daß er einer der drei Königssöhne war.

Da ließ ihn der Wirt gefangen nehmen und in den Kerker werfen und sagte: "Zwei Jahre gebe ich dir Frist; wenn du bis dahin deinen Namen nicht genannt und deine Schuld bezahlt hast, so bringe ich dich an den Galgen!"

Nun war ein Jahr um, und der älteste Prinz war nicht zurückgekehrt. Da machte sich der zweite auf den Weg. Auch er kam in den großen dunklen Wald und begegnete dem alten Mann. Als der ihn aber um ein Almosen bat, machte er es wie sein Bruder und wies den Bettler mit unfreundlichen Worten ab. Dann ritt er weiter, bis er an das einsame Waldwirtshaus kam.

Dort stieg auch er ab, übernachtete in der selben Kammer, in der vor einem Jahr sein Bruder geschlafen hatte, und wollte in der Frühe wieder weiter reisen. Als er aber die zwei schönen Mädchen zu Gesicht bekam, dachte er mit keinem Gedanken mehr an seinen kranken Vater und den Liebesdienst, den er ihm erweisen sollte. Er blieb im Wirtshaus sitzen, spielte Tag und Nacht Karten mit den Mädchen, verlor sein ganzes Geld und machte noch viele Schulden dazu.

Da ging es ihm genau so wie seinem Bruder. Er wurde eingesperrt und ins Gefängnis geworfen. Als wieder ein Jahr vergangen und auch der zweite Prinz nicht zurückgekehrt war, wollte der jüngste die Reise in das ferne Land antreten, um dem kranken Vater einen Apfel aus dem Traumgarten zu holen.

Doch seinen jüngsten und liebsten Sohn wollte der König nicht ziehen lassen. Er befürchtete, es möchte ihm ein Unglück zustoßen wie seinen Brüdern; denn er dachte nicht anders, als daß sie ums Leben gekommen seien. Weil ihm aber der Prinz gar keine Ruhe ließ und Tag für Tag seine Bitte wiederholte, so gab der König endlich nach und ließ auch seinen letzten Sohn die weite Reise antreten.

Er schlug die gleiche Straße wie seine beiden älteren Brüder ein, gelangte bald in den großen Wald und traf den alten Bettler zerlumpt und todesmatt unter einer Eiche sitzend an. Als er ihm seine Not klagte und ihn um ein Almosen bat, griff er sogleich voller Mitleid in die Tasche und drückte dem Greis ein Goldstück in die Hand. Darauf unterhielt er sich noch eine Weile freundlich mit ihm, erzählte auch von dem kranken Vater und seinem Traum von den Lebensäpfeln, und daß er, der jüngste Sohn, nun unterwegs sei, den wunderbaren Garten zu suchen.

Der Alte hörte sich alles ruhig an und sagte dann: "Fahre mit Glück! Nur hüte dich, Galgenfleisch zu kaufen!" Der Prinz wußte zwar nicht, was der Greis mit seiner Rede meinte, bedankte sich aber von Herzen und ritt weiter, bis er an das Wirtshaus im Walde kam. Da stand der Wirt unter der Türe und lockte ihn mit schönen Worten, bei ihm und seinen zwei jungen Töchtern einzukehren. Doch er ließ sich nicht dazu verleiten und setzte unbekümmert seinen Weg fort.

Nach langer, langer Zeit kam der Prinz endlich in ein Land, in dem er weder Menschen, noch Dörfer, noch Städte antraf, nur unzählige Vögel und alle Arten Tiere aus Wald, Wiese und Feld umdrängten ihn zutraulich und begleiteten ihn in langem Zuge zu ihrem König - einem uralten weißen Raben, der mitten im Walde auf einer Eiche wohnte. Wie wunderte sich der Prinz, als er den mächtigen Bau betrat und der Rabe ihn mit menschlicher Stimme begrüßte und ihn fragte, wer er sei und was ihn hier her in sein Reich führe.

Da erzählte der Prinz den Traum seines Vaters und fragte, ob dies das Land sei, in dem der Garten mit dem wunderbaren Apfelbaum liege. - "ja", sagte der Rabe, "dies ist das Land mit dem Garten des Lebens. Alles aber, was in ihm lebt, ist verwunschen, und du bist der Glücksprinz, der es aus seiner Verzauberung befreien kann. Brich auch für mich einen Apfel von dem Baume, so wird nicht nur dein kranker Vater wieder gesund werden, sondern auch ich und alle Tiere des Landes werden ihre menschliche Gestalt wieder erhalten." -

"Oh, wie gerne will ich deinen Wunsch erfüllen!" rief da der Prinz voller Freude aus. "Sage mir nur, wie ich dabei zu Werke gehen soll!" - "Geh ohne Furcht in den Garten, der jenseits der goldenen Brücke liegt; schrecke auch nicht davor zurück, das Schloß zu betreten; versäume nur nicht, den Garten zur rechten Stunde wieder zu verlassen!" sprach der Rabe und flog in den höchsten Wipfel der Eiche hinauf.

Der Prinz machte sich sogleich auf den Weg, und die Tiere begleiteten ihn durch den Wald zu dem Garten. Als sie bei der goldenen Brücke angelangt waren, blieben sie zurück und ließen ihn allein weiter gehen. Obwohl zu beiden Seiten der Brücke ein grimmig großer Löwe auf Wache lag, schritt der Prinz ohne Furcht hindurch und betrat den Garten. Was war da für eine Pracht an seltenen Blumen und Blüten aller Art zu schauen!

Doch der Prinz beachtete sie kaum; er ging geradeaus auf den Wunderbaum zu, pflückte zwei der, goldenen Äpfel und barg sie sorgsam in seiner Reisetasche. Als er sich umwandte, stand mit einem Male ein marmelweißes Schloß inmitten des Gartens. Um die Torsäulen ringelten sich aber zwei riesige Schlangen, die mit bösen Blicken und wildem Zischen dem Prinzen den Eintritt wehren wollten.

Er aber trat ohne Bangen in das Schloß und traf in dem großen, goldenen Saal ein Mädchen an, das so hold und schön war, wie ihm in seinem Leben noch keines begegnet war. "O mein Prinz! Mein Erretter!' 'sprach es überglücklich vor Freude. "Wie lange schon warte ich hier auf dich; nun bist du endlich gekommen und wirst mich arme Königstochter und alle, die mit mir verwunschen sind, befreien!"

Und der Prinz, der die schöne Prinzessin auf den ersten Blick lieb gewonnen hatte, küßte sie, steckte ihr seinen Ring an die Hand und verlobte sich mit ihr in der selben Stunde. Plötzlich aber brüllten die beiden Löwen, die die goldene Brücke bewachten, laut auf und die Prinzessin sprach: "Dies ist das Zeichen! Nun mußt du mich und den Garten verlassen.

Beeile dich! Aber sei ohne Sorge, wir werden uns wiedersehen, wenn die Zeit gekommen ist." Da verließ der Prinz das Schloß und den Garten, und kaum war er draußen im Walde angelangt, da wurde die goldene Brücke hoch gezogen und all die Herrlichkeit war wie ein Traum verschwunden.

Die Tiere aber, die ihm den Weg zum Garten mit dem Lebensbaum gewiesen, hatten geduldig auf ihn gewartet und begleiteten ihn nun wieder zu dem Baum des weißen Raben. Der empfing den Prinzen voller Freude und aß sogleich den Apfel, den ihm dieser mitgebracht hatte. Kaum aber war dies geschehen, da war der Rabe in einen König verwandelt, und auch alle die hundert und aber hundert Tiere waren wieder zu Menschen geworden.

Auch die Städte und Dörfer, die versunken waren, stiegen aus der Erde empor, und Straßen und Gärten und alles war wieder so, wie es einst gewesen. Aus allen Fenstern wehten bunte Fahnen, und die Freude und der Jubel wollte kein Ende nehmen. Jeder wünschte den Prinzen zu sehen, um sich bei ihm für die wunderbare Befreiung zu bedanken. Der König hätte ihm gern sein ganzes Königreich gegeben, aber der Prinz hatte nur den einen Wunsch, seinen Vater bald wiederzusehen und ihm mit dem goldenen Lebensapfel seine Gesundheit wieder zu schenken. Deshalb nahm er mit herzlichen Worten Abschied und trat die Heimreise an.

Als er ohne Unterbrechung einen Tag und eine Nacht geritten war, kam er in eine große Stadt. Da sah er zwei schwarze Fahnen vom Turme wehen und fragte einen Mann, was das denn zu bedeuten habe. - "Das kann ich Euch erzählen", antwortete der Mann. "Es ist nun etwas mehr als zwei Jahre her, da haben in einem nahen Wirtshaus zwei fremde Prinzen beim Kartenspiel große Schulden gemacht, die sie bis heute noch nicht bezahlen konnten. Weil sie aber auch in böser Verstocktheit verschweigen, wie sie heißen und woher sie stammen, sollen sie morgen vor Sonnenaufgang gehängt werden." -

"Kann denn niemand sie retten?" fragte der Prinz. - "O doch", entgegnete der Mann; "wenn sich einer findet, der für sie die zweitausend Taler Schulden bezahlt, wird man sie schon frei lassen." Der Prinz hatte gleich geahnt, wer die beiden Gefangenen waren, begab sich auf das Gericht und kaufte seine Brüder los. Ohne ihn aber erkannt zu haben, zogen sie auf seine Bitte mit ihm weiter, der Heimat zu.

Als sie aber eine Weile miteinander gewandert waren, gab sich der Prinz seinen Brüdern zu erkennen und erzählte ihnen, wie er ferne von hier den Garten mit dem wunderbaren Baum gefunden habe, und zeigte ihnen auch den Apfel, den er dem kranken Vater bringen wolle. Das hörten die beiden Brüder mit heimlichem Neid an und faßten böse Gedanken in ihren Herzen. Und als, sie bald darauf an einer tiefen Schlucht vorüberkamen, warfen sie sich hinterrücks auf den Bruder und stießen ihn über den Felsen hinunter. Dann töteten sie sein Pferd, nahmen den Apfel an sich und zogen weiter aufs Schloß ihres Vaters.

Der König freute sich, daß er seine beiden ältesten Söhne wieder hatte, aß den Apfel und war von Stund an gesund. Sie aber belogen ihn, daß sie das Pferd ihres jüngsten Bruders in fremdem Land tot am Wegrand aufgefunden hätten und daß er wohl nicht mehr am Leben sein werde.

Ja, das hätten die beiden Übeltäter gerne wahr gehabt! Aber ihre böse Absicht war vereitelt worden. Der junge Prinz war, als sie ihn über die Felswand gestoßen hatten, im Geäst einer Esche hängen geblieben. Nachdem er sich aber einen Tag lang vergeblich abgemüht hatte, aus dem abgründigen Geklüfte empor zu steigen, hörte er eine Stimme von oben rufen: "Prinz! Seid Ihr es, der da zwischen Leben und Tod über dem Abgrund schwebt?" -

"Ja, ich bin es. Zum Dank dafür, daß ich sie vom Henkerstode los gekauft habe, stießen mich meine neidischen Brüder in die Schlucht. Sagt, wer seid Ihr? Helft mir! Helft!" - "lch bin der Bettler, dem Ihr einst das Goldstück geschenkt habt. Habe ich Euch nicht gesagt, Ihr sollt kein Galgenfleisch kaufen? Weil Ihr es seid, will ich Euch noch einmal helfen." - So wurde der Prinz aus höchster Not gerettet, dankte dem Bettler und beschenkte ihn reichlich; dann wanderte er auf beschwerlichen und schier endlosen Wegen dem väterlichen Schlosse zu.

Inzwischen war fast ein Jahr vergangen, seit er den Apfel aus dem Lebensgarten geholt und die verwunschene Prinzessin im Marmelschlosse geküßt und zu seiner Braut gemacht hatte. Nun hatte sie einen schönen Knaben geboren und sich mit ihm in Begleitung von tausend Rittern auf gemacht, das ferne Königreich und den jungen Prinzen zu suchen.

Drei Monde war sie unterwegs, da leuchteten in der Ferne die Zinnen der Königsburg in der Morgensonne auf. Die Prinzessin befahl, das Heerlager aufzuschlagen; ließ den Weg, der zum Schloß hinauf führte, mit einem kostbaren scharlachroten Teppich belegen und sandte einen Boten zum König mit der Aufforderung, ihr seinen jüngsten Sohn entgegen zu senden, andernfalls werde sie die Burg stürmen und in Schutt und Asche legen lassen.

Was sollte da der alte König in seiner Not tun? - "Woher soll die fremde Prinzessin wissen, welcher der Jüngste von uns ist?" sagte der älteste Sohn. "Laß mich ihr entgegen reiten, Vater!" Was blieb dem König anderes übrig, als ihn ziehen zu lassen? Wie nun aber der Prinz den kostbaren Scharlachteppich liegen sah, wagte er es nicht, das Pferd darauf zu lenken, sondern ritt daneben her. Daran erkannte die Prinzessin, daß es der falsche war, hieß ihn schnellstens umkehren und den richtigen Prinzen zu schicken.

Nun sandte der König ihr seinen zweiten Sohn entgegen. Auch der wagte nicht, auf dem kostbaren Teppich zu reiten, sondern lenkte sein Pferd vorsichtig daran vorbei. Da wurde die Prinzessin zornig und befahl ihm zurück zu reiten und den zu schicken, den sie zu ihrem Empfange gewünscht habe. Erscheine er binnen drei Tagen nicht vor ihr, so werde geschehen, was sie angekündigt habe.

"Was nun tun?" fragte der König verzweifelt. "Mein jüngster Sohn ist tot, und niemand kann ihn mir wiederbringen! Wäre ich doch an seiner Statt gestorben, so müßte ich nun nicht auch noch das Ende meines Hauses erleben". Zwei Tage und zwei Nächte saß er grübelnd und ohne Schlaf zu finden in seinem Stuhle und glaubte an keine Rettung mehr. Am Morgen des dritten Tages war aber auf geheimen Waldpfad der jüngste Prinz auf die väterliche Burg zurück gekehrt.

Obwohl er von seiner langen Reise so müde und matt war, daß seine Füße ihn kaum mehr trugen, zog er doch gleich seine schönsten Kleider an und ritt der Prinzessin entgegen. Und er ritt aufrecht und stolz, so wie es einem echten Königssohne gebührt, mitten auf dem herrlichen Scharlachteppich. .,Er ist es!" rief die Prinzessin aus und eilte ihm entgegen, den Knaben auf dem Arm und wie eine Braut geschmückt. Sie umarmten und küßten sich und weinten vor Glück und Freude.

Er küßte auch den Knaben, strich ihm und dann der Mutter lächelnd übers Haar und sprach: "Nun bist du ja schon meine liebe Frau." Dann traten sie vor den greisen König und der gab ihnen seinen väterlichen Segen. Sie wollten aber nicht mit den Brüdern zusammen im selben Hause leben und kehrten darum in die Heimat der Prinzessin zurück. Sie zogen in das Marmorschloß ein, das mitten im Garten des Lebens stand, bekamen viele gesunde und schöne Kinder und waren glücklich bis an ihr Ende.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER LUSTIGE FERDINAND MIT DEM GOLDHIRSCH ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Soldat, der war immer lustig und guter Dinge, obwohl er nur wenig zu beißen hatte. Die Groschen und Kreuzer wollten nie lange in seiner Tasche bleiben, so daß oft Schmalhans Koch bei ihm war. Doch ließ er sich das nicht verdrießen und blieb trotzdem immer lustig und frohen Mutes. Darum nannten ihn auch seine Kameraden den lustigen Ferdinand.

Als er nun eines Tages vor der Tür des Königs die Wache hatte, betrachtete er sich einmal so recht das schöne Schloß mit seinen vielen Kostbarkeiten. Und wie er dazuhin noch alle die vornehmen Herren sah, die da aus- und eingingen und dem König zu Diensten waren, da dachte er: "So ein König hat es doch gut! Der hat Geld genug, und für Geld kann man ja alles in der Welt haben. Ach, hätt' ich nur Geld; ich wüßte wohl, was ich täte!" Wie nun dem lustigen Ferdinand diese Gedanken so im Kopf herum gingen, gerade aber niemand da war, dem er sie hätte mitteilen können, nahm er ein Stück Kreide und schrieb an die Tür, die zum Zimmer des Königs führte:

Das Geld bezwingt die ganze Welt.

Als der König später ausging und die Türe abschloß, las er diese Worte und ließ eine strenge Untersuchung anstellen, wer das geschrieben habe. Da gestand es der lustige Ferdinand sogleich ein. Der König ließ ihn zu sich kommen und stellte ihn darüber zur Rede. Der lustige Ferdinand sagte ganz treuherzig: "Das habe ich nur so hingeschrieben, weil ich auf Posten nicht habe sprechen dürfen und doch den Gedanken nicht loswerden konnte."

Weil der König ein guter und gnädiger Herr war, verzieh er ihm; wollte ihm dann aber beweisen, daß er mit seinen Gedanken vom Geld eben doch auf dem Holzweg sei. Doch der lustige Ferdinand wußte den König immer zu widerlegen und sagte endlich sogar: "Herr König, wenn ich nur Geld genug hätte, so wollte ich alles erreichen, es möchte sein, was es auch wollte! Sogar Eure Tochter wollte ich zur Frau bekommen und selbst noch König werden!"

Diese Rede eines gemeinen Soldaten verdroß zwar den König, doch ließ er sich's nicht anmerken und sagte: "Um dich zu widerlegen, will ich eine Wette mit dir eingehen: Du sollst ein ganzes Jahr lang so viel Geld haben, wie du verlangst. Kannst du während dieser Zeit die Liebe meiner Tochter gewinnen - gut, so sollst du sie haben. Will sie dich dann aber nicht, so kostet es dich den Kopf! Jetzt besinne dich wohl!"

Der lustige Ferdinand besann sich aber nicht lange und ging die Wette mit dem König ein. Darauf erhielt er vom König den Schlüssel zur Schatzkammer, ging hin und nahm sich fürs erste so viel Geld, als er nur heimtragen konnte. Nun aß und trank er jeden Tag das Feinste, das überhaupt aufzutreiben war, lud seine Kameraden zu sich ein, fuhr in der Kutsche aus, ging auf Reisen und sah und genoß für das viele Geld alles, was das Herz begehrte. Um die schöne Prinzessin aber kümmerte er sich gar nicht.

Die war unterdessen nicht so vergnügt wie der lustige Ferdinand. Um sie nämlich vor allen unliebsamen Bewerbern zu schützen, hatte der König sie auf eine kleine Insel in der Nähe des Schlosses bringen lassen und den Wächtern streng geboten, ja keinen Mann zu Besuch bei ihr einzulassen. So lebte nun die Prinzessin auf der Insel wie in einem Gefängnis und hatte oft Langeweile.

Eines Tages kam der lustige Ferdinand wieder in die königliche Schatzkammer und füllte seine leeren Taschen mit Gold. Da fragte ihn der König, wie es ihm gehe. "Gut! Recht gut, Herr König!" antwortete er. "Das freut mich", sagte der König. "Vergiß aber die Wette nicht, die du mit mir abgeschlossen hast! Nur noch ein halbes Jahr hast du übrig, um das Herz meiner Tochter zu gewinnen; gelingt dir dies nicht, so kostet es dich unfehlbar das Leben!"

Ferdinand blieb guten Muts, dachte aber bei sich: "Es ist wahr, du mußt dich jetzt wohl nach der Prinzessin umsehen." Er suchte einen Goldschmied auf, der so geschickt war, wie kein anderer Meister auf der ganzen Welt, und sagte zu ihm: "Hört, Meister! Ihr müßt mir einen goldenen Hirsch schmieden! Er muß so groß sein wie ein echter Hirsch, mit großem, zackigem Geweih, im Innern aber muß er hohl sein, so daß sich ein Mann darin verbergen kann!" Das Gold dazu holte Ferdinand aus der Schatzkammer des Königs.

Es dauerte gar nicht lange, da war der Hirsch fertig, und er war so überaus schön geworden, daß man wohl nirgends etwas Herrlicheres sehen konnte. Durch eine geheime Tür, die niemand fand, der sie nicht wußte, kroch der lustige Ferdinand in den Bauch des goldenen Hirsches und nahm zugleich seine Zither mit, die er sehr schön zu spielen verstand. Er hatte dem Goldschmied die Geschichte mit der Wette erzählt und ihm alles entdeckt, was er im Sinne hatte; hatte ihn auch für viel Geld dazu bewogen, daß er den Goldhirsch aufs Schloß brachte und ihn dem König zeigte.

Der konnte sich nicht genug darüber wundern. Und als erst der Goldschmied ein bestimmtes Zeichen gab und darauf im Bauche des Hirsches eine Zither anfing zu spielen, da wußte der König nicht, was er vor Staunen und Entzücken sagen sollte. Auch die Königin war ganz außer sieh vor Freude und bat ihren Gemahl, er solle doch den Hirsch kaufen und ihn der Tochter auf die Insel schicken, daß sie sich damit unterhalten könne.

Der König sagte: "Ja, das' will ich gerne tun", kaufte den Goldhirsch und ließ ihn sogleich der Prinzessin bringen. Die freute sich sehr über das Geschenk, ließ den Hirsch immer und immer wieder die Zither schlagen und konnte sich nicht genug satt hören an seinem Spiel, bis sie endlich müde wurde und einschlief.

Da öffnete der lustige Ferdinand leise die geheime Tür und schlüpfte heraus und besah sich die Prinzessin, die in ihrem Bette lag und ruhig schlief. Sie war so wunderschön, daß er seine Augen nicht von ihr wegzuwenden vermochte und es endlich nicht lassen konnte, ihr einen Kuß auf die Lippen zu drücken. Davon erwachte die Prinzessin und erschrak bis ins Herz hinein, als sie einen Mann vor ihrem Bett stehen sah.

Ferdinand aber sagte ihr sogleich, wer er sei und bat sie inständig, ihn doch nicht zu verraten. Er wolle ihr auch alle Tage vorspielen, so viel und so lange sie es nur zu hören wünsche. Die schöne Prinzessin versprach es ihm endlich, wenn er immer hübsch still in seinem Versteck bleibe. Das wolle er gerne tun, sagte er und verkroch sich alsbald wieder in den Bauch des Hirsches.

Am anderen Morgen konnte die Prinzessin es fast nicht erwarten, bis sie den goldenen Hirsch wieder spielen hörte. Auch der König kam, hörte zu und freute sich, weil seine Tochter so vergnügt war. Ja, sie sagte zu ihrem Vater, sie glaube, daß sie nun gewiß keine Langeweile mehr auf der einsamen Insel haben werde.

Am Abend, als die Prinzessin wieder ganz allein war und zu Nacht aß, machte der lustige Ferdinand leise die Tür auf und fragte: "Prinzessin, ach liebe Prinzessin, darf ich nicht ein wenig herauskommen? Ich habe solchen Hunger! Seit gestern habe ich nichts mehr gegessen und heute habe ich so viel spielen müssen." Da erlaubte ihm die Prinzessin herauszusteigen und mit ihr zu essen.

Und wie sie ihn nun genauer betrachtete und sich mit ihm unterhielt, da gefiel er ihr recht gut und immer besser, so daß sie es gern geschehen ließ, als er sie zuletzt in den Arm nahm und küßte. Inzwischen war es spät geworden und die Prinzessin ging zu Bett. Da klagte ihr der lustige Ferdinand, wie sehr ihn sein Rücken schmerze, weil er im Bauche des Goldhirsches immer krumm liegen müsse und wie erbärmlich er in der letzten Nacht gefroren habe. Da ließ die Prinzessin ihn mit unter ihre Decke schlüpfen, und beide hatten sich dann recht herzlich lieb und versprachen sich, daß sie nie mehr voneinander lassen und immer beisammen bleiben wollten.

Fünf Monate waren nun schon dahin gegangen. Den lustigen Ferdinand sah man nirgends mehr, und der König meinte, er werde wohl wieder auf Reisen sein. Da wurde die Prinzessin krank und von Tag zu Tag blasser und kränker, so daß der König ihr seinen Leibarzt schickte, damit er sie untersuchen und ihr ein Mittel verschreiben solle. Der Doktor aber schüttelte den Kopf, ging zum König und sprach: "Der Prinzessin kann ich nicht helfen. Die wird in ein paar Monaten, wenn sie ein kleines Kind bekommen hat, schon von selbst wieder gesund werden."

Darüber wurde der König so böse, daß er den Arzt ins Gefängnis werfen ließ. Dann schickte er einen anderen Doktor zu der Prinzessin. Der sagte das gleiche wie der erste und wurde ebenfalls dafür eingesperrt. Und so ging es noch einigen anderen, bis endlich der König selbst seine Tochter besuchte und sie fragte, ob sie denn heiraten und bald Hochzeit halten wolle. Die Prinzessin sagte: "Ich habe schon Hochzeit gehalten, lieber Vater. "

Und als der König fragte, wer denn ihr Gemahl sei, antwortete sie: "Der lustige Ferdinand, den du mir ja selbst in dem goldenen Hirsch geschenkt hast." Bei diesen Worten öffnete sie die geheime Tür und ließ ihn heraus steigen. Da ärgerte sich zwar der König zuerst, konnte aber doch sein Wort nicht brechen, weil die Prinzessin erklärte, daß sie nie einen anderen Mann lieben und heiraten möge. Und so hat der lustige Ferdinand, noch ehe das Jahr um war, seine Wette gewonnen; er hielt Hochzeit mit der Prinzessin und ist nach dem Tode ihres Vaters auch noch König geworden.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DER PFIFFIGE SEILERGESELLE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Seilergeselle, der ging, wie jeder seines Handwerks, alle Tage den Krebsgang, war aber doch ein ganz gewichstes Bürschlein, das nicht wenig Witz und Gritz unter seinem Kappenschild sitzen hatte. Eines Tages gefiel es ihm bei seinem alten Meister nicht mehr, also schnürte er sein Bündel und machte sich auf in die Fremde.

Als er, ein krummes Hahnenfederchen hinterm Ohr und den Wanderstecken in der Hand, aus der Werkstatt trat, sah er da ein Trumm Hanffaden und einen abgebrochenen Hechelzahn liegen, hob beides auf und steckte es in die Tasche. "Man kann nie wissen, wofür so ein Ding einmal gut sein könnte", dachte er und zog vergnügt in die weite Welt hinaus.

Eines schönen Tages kam er in eine große Stadt, und weil er rechtschaffen müde war, setzte er sich beim Tor auf einen Prellstein in die Sonne, um von der langen Wanderschaft ein wenig auszuruhen. Gerade war er am Einschlafen, da ertönte ein Trompetenstoß, und ein Herold verkündete mit lauter Stimme: "Der König tut allen kund und zu wissen: So einer den Mut aufbringt, das Einhorn und den Riesen zu besiegen, die schon seit langem das Land unsicher machen, der soll meine einzige Tochter zur Frau bekommen und nach meinem Tode König werden !" -

"Ja ja . . wäre gar nicht übel ... so einer den Mut hat", sirmelte der Geselle vor sich hin und war eben wieder daran, in der wohlig warmen Mittagssonne einzunicken. Da surrte ihm ein Mückenschwarm so lästig und frech um die Ohren, daß er auffuhr und im Ärger so tüchtig drein schlug, daß gleich sieben Mücken auf einmal liegen blieben. "Hahaha!" lachte er und schrieb auf seinen Kappenschild:

"Schlag' sieben z'Tod
von hint' und vorn,
auf einen Streich
wohl ohne Zorn!"

Das las der Herold, der eben wieder vorbei geritten kam, und rief: "He du! Du bist der rechte Mann, das Einhorn und den Riesen zu erlegen!", nahm den Seilergesellen hinter sich aufs Pferd und ritt mit ihm davon, dem Königsschlosse zu. Während sie so über Stock und Stein dahin trabten, wollte es dem Gesellen fast ein wenig bange werden. Je näher sie aber dem Schloß kamen und je mehr er an die schöne Prinzessin dachte, desto leichter wurde ihm zumut.

"Sei doch kein Hasenfuß!" sagte er zu sich. "Wer nichts wagt, gewinnt nichts! Habe ich sieben Mücken auf einen Schlag getötet, so werde ich doch auch mit sieben Schlägen ein Einhorn zur Strecke bringen können! Und - der Dümmste ist ja meiner Mutter Sohn auch nie gewesen." Mittlerweile waren sie im Schloßhof angelangt. Der König ließ den Burschen sogleich zu sich rufen, befahl ihm, daß er zuerst gegen das böse Einhorn angehen müsse, und fragte, wann er mit der Arbeit beginnen wolle.

"Auf der Stelle! Bei mir wird nicht lange gefackelt!" antwortete der Seilergeselle und machte sich auf in den Wald, in dem das Ungeheuer hauste. Als er nahe bei dem Ort war, schlug er einen schmalen Seitenpfad ein, um das Einhorn vorsichtig anzuschleichen. Plötzlich aber stürzte es aus dem Dickicht hervor und geradewegs auf ihn zu. Er konnte sich gerade noch hinter eine große Zwittertanne flüchten, und darauf schoß nun das Untier in so gewaltigem Ansturm los, daß es sein langes Horn in die Tannengabel verrannte.

Schnell steckte der Geselle den spitzen stählernen Hechelzahn durch das Horn, so daß das Tier nicht vor- und rückwärts konnte und gefangen war. Fröhlich pfeifend wanderte er darauf in die Stadt zurück, ging ins Schloß und sagte: "Draußen im Wald bei der großen Zwittertanne könnt ihr euer Einhorn abholen!" Da machten alle große Augen, verwunderten sich sehr und sagten untereinander: "Das ist ein Heidenkerl, der ist recht für den Riesen!" Und darum trug ihm der König auch auf, alsbald gegen den Unhold ins Feld zu ziehen.

"Mach es gut!" sagte der König. - "Nur keine Bange! Ich werde diesen großmauligen Tropf schon kleinkriegen!" erwiderte der Geselle und zog dem Riesen entgegen. Als er in den zerklüfteten Eichenwald kam, in dem der Riese seine Höhle hatte, lief er dem Unhold geradewegs in die Hände. Der Riese lag rücklings im Gras, über eine ganze Waldwiese hin. Er hatte geschlafen und war durch das raschelnde Laub aufgeweckt worden. Aber er stand des verächtlichen Seilerleins wegen, das blaß und zitternd an einem Baume lehnte, nicht einmal vom Boden auf.

"Du elendes Wichtlein", sagte er, "fällt dir das Herz schon in die Hosen, he? Du willst es wohl mit mir aufnehmen? Komm her, ich will dich zwischen Daumen und Zeiger zerdrücken wie eine Schnake!" Unterdessen hatte aber unser Geselle sich schnell überlegt, wie er den Unhold am besten unschädlich machen könnte; und was war ihm da für ein guter Einfall gekommen! Er zog das Stück Hanffaden aus der Tasche, hielt es dem Riesen hin und sagte: "Tu nur nicht so großspurig mit deiner Kraft! Was gilt es, du vermagst den Schneller da nicht zu zerreißen!"

Der Riese hatte sich inzwischen sitzlings aufgerichtet und lachte, daß der Wald widerhallte: "Hahaha! Ich dieses elende Flachstricklein da nicht zerreißen können? Gib her!" Der Seilergeselle war aber ein verteufelt pfiffiger Kerl und sagte: "Wart mal, ich will dir erst zeigen, wie man einen Schneller in die Hand nehmen muß, um ihn zerreißen zu können - ich bin nämlich ein Seiler, mußt du wissen."

Er hieß den Riesen im Gras sitzen bleiben und die Knie anziehen, so hoch, bis er fast das Kinn drauflegen könne; nun den Schneller um die Hände wickeln, so, und jetzt die Arme beugen und die Fäuste rechts und links an den Knien außen anstemmen. "Gut so!" sagte der Geselle. "jetzt zieh!" Wie aber der Riese gerade so recht anfangen wollte zu ziehen, steckte ihm der Seiler seinen hagebuchenen Wanderstecken zwischen Ellbogen und Kniekehlen durch und - eh er sich's versah, war der Riese ins Bocksfutter gespannt und lag hilflos am Boden.

"Viel Vergnügen derweil!" rief lachend der Geselle, wanderte seelenruhig in die Stadt und zum Schloß hinauf und sagte: "Holt euch den Lümmel! Er liegt draußen auf der großen Wiese im Wald; ich hab' ihn ins Bocksfutter gespannt."

Die Leute im Schloß und in der Stadt sprachen den ganzen Tag von niemand anderem als dem mutigen Gesellen, der das Land von den beiden Ungeheuern befreit hatte, und manche wünschten ihm auch schon Glück zu der schönen Prinzessin, die er nun bald heiraten werde. Doch sie alle, samt dem Seilergesellen, freuten sich zu früh. Der König nämlich wollte ihm seine Tochter nicht zur Frau geben, weil er nur ein einfacher Seilergeselle und niederen Standes war.

Darum besann er sich hin und her, wie er seinem Versprechen entgehen könnte, und dachte sich zuletzt eine neue schwere Aufgabe aus, von der er glaubte, daß sie der Geselle nicht lösen könne. Er befahl ihm also: "Spanne einem Bauern einen Ochsen, der keinen Schwanz hat, vom Pfluge, ohne daß es der Bauer merkt! Bringst du das zuwege, dann darfst du wiederkommen und wegen der Heirat fragen." Der Geselle besann sich eine Weile, dann war ihm schon ein guter Einfall gekommen. "Ei, das mag ein großes Kunststück sein, Herr König!" sagte er und ging aus dem Schloß und zur Stadt hinaus.

Als er ein Stück weit in den Feldern draußen war, sah er einen Bauern mit einem Ochsengespann am Waldrand ackern. Er schlich sich unbemerkt näher und rief: "O Wunder über Wunder! O Wunder über Wunder!" In währendem Rufen zog er sich aber immer tiefer in den Wald zurück. Der Bauer hinterm Pfluge stutzte bei den Worten, die er da rufen hörte, und dachte bei sich: "Der da drin hat gewiß einen Schatz gefunden! Will doch mal hingehen und sehen!" - und lief der Stimme nach ins Holz.

Derweil sprang der Geselle schnell aus dem Dickicht hervor, spannte einen Ochsen vom Pflug, schnitt ihm den Schwanz ab, steckte ihn dem anderen ins Maul, so daß nur noch das Haarbüschel am Ende heraus sah, und machte sich mit dem schwanzlosen Ochsen davon. Als der Bauer lange genug und umsonst den Wald durchsucht hatte, kam er zurück und sah, was geschehen war. "Oh, oh!" rief er verzweifelt aus. "jetzt hab' ich Wunder über Wunder! Nun hat derweil ein, Ochs den anderen gefressen!"

Als aber der Geselle auch diese dritte Aufgabe gelöst hatte, konnte der König nicht mehr anders, als sein gegebenes Wort halten. Er gab dem Burschen seine schöne, junge Tochter zur Frau und ließ eine Hochzeit zurichten, so prunkvoll, wie man im ganzen Lande noch keine gesehen hatte. Und als er bald darauf starb, wurde der Seilergeselle König, und das ist er heute noch, wenn er nicht gestorben ist.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE  REISE ZUM VOGEL GREIF ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein reicher Graf, der reiste um sein Leben gerne in der Welt umher. Dabei mußte ihn stets sein Lieblingsdiener begleiten, der ihm schon sieben Jahre treu und fleißig Dienste tat, und den er darum auch von Herzen gern hatte. Einmal aber, als sie wieder fern der Heimat auf Abenteuer aus waren, ließ sich der Diener ein Versehen zuschulden kommen. Darüber geriet der Graf in einen solchen Zorn, daß er den Burschen nicht mehr sehen konnte.

Er schickte ihn heim und gab ihm einen Brief an seine Frau mit. Darin stand, sie solle den Diener, sobald er auf der Burg eintreffe, in den Turm sperren und ihm den Kopf abschlagen lassen. Obwohl der Bursche nicht wußte, was in dem Briefe stand, war ihm doch sehr traurig zumute, weil der Graf plötzlich so böse und ungnädig zu ihm war und ihn nun allein nach Hause schickte. Dies aber dachte er auch bei sich, daß in dem Brief wohl auch nicht viel Gutes stehen werde.

Als er nur noch eine Tagereise vom Schloß des Grafen entfernt war, blieb er in einem Wirtshaus über Nacht. Weil er nun nach dem Abendessen so schweigsam und niedergeschlagen da saß, fragte ihn der Wirt, ob er denn auf einer unlieben Reise unterwegs sei, oder was sonst ihn bedrücke. Da erzählte er ihm die ganze Geschichte, wie sie sich zugetragen, und zeigte ihm auch den Brief des Grafen.

Der Wirt aber war ein pfiffiger Mann und. sagte: "Wenn ich in deinen Schuhen stecken würde, ich gäbe den Brief nicht ab, bevor ich nicht wüßte, was darin steht." Der Bursche, der immer ein treuer Diener gewesen war, wollte anfangs nichts davon hören; zuletzt aber brachte ihn der Wirt doch so weit, daß er alle Bedenken vergaß, den Brief aufbrach und las. Todesblaß ließ er ihn aus der zitternden Hand auf den Tisch fallen.

Da nahm ihn der Wirt und las ihn Wort für Wort. "Hab' ich doch gleich richtig geahnt!" sagte er. "Einen Kopf kürzer will er dich also machen lassen? Wär doch bigott schade um dich! Sei nur ohne Sorge. Hat der Graf so Übles gegen dich im Sinn, so wollen wir ihm auch einen Streich spielen! Laß du jetzt nur mich machen." Darauf holte er Federkiel, Tinte und Papier, ahmte die Handschrift des Grafen aufs Tüpfelchen genau nach und schrieb an die Gräfin, sie solle den treuen Diener am selben Tage noch, an dem er den Brief abgebe, mit ihrer Tochter verheiraten.

Dem Diener schien dieser Plan zwar gefährlich; doch da ihm sein Herr nun schon einmal nach dem Leben trachtete, wollte er ihm auch erst einen rechten Anlaß dazu geben. Wenn es aber gelang, warum sollte er sich dann nicht mit der schönen jungen Gräfin verheiraten? Je mehr er an sie dachte, desto vergnügter wurde er, und am anderen Morgen konnte er nicht früh genug aufbrechen, um zu ihr zu kommen.

Die Gräfin las den Brief und tat sogleich, wie ihr Mann befohlen hatte; denn sie wußte, er war ein strenger Herr und konnte keine Widerrede leiden. Andernfalls hätte sie ihm schon einen ernsten Vorhalt gemacht, daß er doch nicht ihre einzige Tochter einem Diener zur Frau geben dürfe. Die junge Gräfin aber, die den Burschen schon immer gern gemocht hatte, war mit ihres Vaters Wunsch wohl zufrieden und wurde also noch am gleichen Tage des Dieners Frau.

Nach einiger Zeit kam der Graf zurück und erfuhr, was seine Frau angerichtet hatte. Vor Ärger und Zorn hätte er sich am liebsten alle Haare ausgerissen und sein Weib aus dem Hause gejagt oder in den Turm geworfen. Doch die Schrift, die er da in Händen hielt, war so genau nachgeahmt, daß er gestehen mußte: "Fürwahr, die Buchstaben sind so ähnlich, daß sogar ich selber den Brief für echt hätte halten können!" Darum war er milde gegen seine Frau.

Auf den Diener aber, der nun sein Schwiegersohn war, warf er von Stund an einen noch viel größeren Haß und suchte ihn auf irgendeine andere Art aus dem Weg zu räumen. Vor den Leuten und besonders vor seiner Tochter, die sich sehr glücklich fühlte, tat er zwar, als ob er mit der Heirat einverstanden sei; zu seinem Schwiegersohn aber sagte er: "Ich will mit eurer Ehe einverstanden sein, wenn du mir nachträglich noch eine Feder aus dem Schwanz des Vogels Greif verschaffst." -

"Und für mich", sagte die Gräfin, "frage den Vogel Greif, wo mein Trauring geblieben sei; ich finde ihn nicht mehr." Das wolle er gerne tun, antwortete der Schwiegersohn, nahm Abschied von seiner jungen Frau und machte sich auf den Weg. Der Graf sah ihm vom Turmfenster aus nach und freute sich schon im stillen; denn er dachte nicht anders, als der Vogel Greif werde seinen Schwiegersohn zerreißen und auffressen.

Der war nun schon eine gute Wegstrecke gewandert und kam eines Tages auch durch ein Dorf. Die Leute fragten, wohin er wolle, und als er es ihnen sagte, baten sie ihn: "Oh, frage doch auch den Vogel Greif, warum unser Dorfbrunnen gar nicht mehr läuft." - "Das will ich ihn gerne fragen", sagte er und ging weiter. Nachdem er wieder eine weite, weite Strecke gewandert war, kam er an einen breiten Fluß. Über den führte keine Brücke; am Ufer aber stand ein Mann, der mußte seit undenklichen Zeiten jeden, der des Weges kam, hinüber tragen.

Er nahm auch sogleich den Burschen auf die Schulter, trug ihn über den Fluß und fragte ihn dann, wohin er reise. "Zum Vogel Greif!" antwortete er. "Oh, so vergiß doch auch nicht zu fragen, wie lange ich noch hier die Menschen ans andere Ufer tragen muß, und wann ich endlich abgelöst werde." - "Ich will nicht vergessen zu fragen", sagte er und ging weiter.

Unser Wandersmann war schon durch mancher Herren Länder gezogen, als er endlich an eine Hütte kam, in dem ein uraltes Mütterchen wohnte. Das fragte er, ob hier nicht der Vogel Greif wohne. "Ja, der wohnt hier", sagte es. "Er ist aber ausgeflogen, und das ist dein Glück, denn sonst würde er dich gleich in Stücke reißen und auffressen. Darum mach nur, daß du so schnell wie möglich wieder von hier fort kommst!"

Der Bursche ließ sich aber nicht so rasch einschüchtern und erzählte, was er den Vogel Greif alles fragen müsse; berichtete auch, daß der Graf eine von den schönen Schwanzfedern haben wolle und er also nicht unverrichteter Dinge von hier fortgehen dürfe. Da versprach das Mütterchen, ihm beizustehen und ihm zu helfen, versteckte ihn unter dem Bett und sagte: "So, nun rühr dicht nicht und halte die Ohren steif!"

Bald darauf kam der Vogel Greif nach Hause. Kaum hatte er das Zimmer betreten, so rief er: "Ich wittere Menschenfleisch! Belüg mich nicht!" - "Nur gemach!" sagte das Mütterchen. "Es ist freilich ein Mensch hier gewesen; der hätte allerlei zu fragen gehabt, was du ihm aber doch nicht hättest beantworten können." - "Haha! Das wäre!" sagte der Vogel Greif. "Was wollte er denn wissen?" -

"Ach", antwortete das Mütterchen, "eine Frau Gräfin läßt dich fragen, wo ihr Brautring geblieben sei. Sie kann ihn um alle Welt nicht finden und meint, du wüßtest es." - "Da hat sie recht", sagte der Vogel Greif; "ich weiß es auch. Die dumme Frau dürfte nur die Türschwelle aufbrechen lassen, so würde sie den Ring finden! Was hat er sonst noch wissen wollen?" -

"Ja: warum der Dorfbrunnen schon so lange nicht mehr laufe? Aber wie sollst denn du das wissen?" - "Freilich weiß ich es!" sagte der Vogel Greif, "die einfältigen Leute dürften nur den Frosch fangen, der die Quelle verstopft, dann würde der Brunnen gleich wieder laufen." - "Was du nicht alles weißt!" sagte erstaunt das Mütterchen. "Aber das hättest du ihm doch gewiß nicht sagen können, warum der Mann beständig die Leute übers Wasser tragen muß, und wann ihn endlich einmal einer ablösen wird?" -

"Oh, der Narr!" sagte der Vogel Greif. "Er soll doch den ersten besten, den er hinübertragen muß, ins Wasser werfen und sagen: ,Jetzt nimm du meinen Platz ein !" so ist er frei. Hat es weiter nichts gewollt, das Erdenwürmchen?" - "O doch'", sagte das Mütterchen, der Bursche wollte für den Grafen etwas von dir geschenkt haben; aber das war gar zu dumm, ich mag es nicht einmal sagen." -

"Sag es nur!" rief der Vogel Greif; "ich möchte alles wissen." - "Gibst du mir es, wenn ich es dir sage?" fragte das Mütterchen. "Ei, warum nicht? Heraus mit der Sprache!" "Denk dir nur, er wollte eine von deinen Schwanzfedern!" sagte das Mütterchen. Da machte der Vogel Greif zwar ein grimmiges Gesicht; weil er es aber versprochen hatte, so riß er sich eine Feder aus und gab sie dem Mütterchen. Darauf legte er sich nieder und schlief ein.

Am anderen Morgen, sobald der Vogel Greif ausgeflogen war, holte das alte Mütterchen den Burschen unter dem Bett hervor und fragte ihn, ob er alles verstanden, was der Vogel Greif ihr verraten habe? "Natürlich, liebes Mütterchen!" sagte er. "Kein Wort ist mir entgangen!" - "Dann ist es ja gut", sagte das Mütterchen und gab ihm zum Abschied die Feder, die sich der Vogel Greif ausgerupft hatte. Da bedankte sich der Bursche vielmals und trat vergnügt die Rückreise an.

Als er an den Fluß kam, fragte ihn der Mann, was der Vogel Greif gesagt habe. "Trag mich nur erst hinüber", antwortete der Bursche, "dann will ich es dir sagen." Als er am anderen Ufer stand, sagte er: "Den nächsten, den du tragen mußt, den wirf ins Wasser und sprich: ,Jetzt nimm du meinen Platz ein!', dann bist du frei und für alle Zeiten abgelöst." - "Das hätte ich eher wissen sollen", brummte der Alte und tappte wieder durch das Wasser zurück.

Der Bursche aber ging tapfer weiter und kam bald in das Dorf, wo die Bauern schon auf ihn warteten. Er verriet ihnen, was er vom Vogel Greif erfahren und siehe, als sie den Frosch aus dem Brunnen geholt hatten, sprudelte das Wasser wieder so reichlich wie vor dem. Da waren die Leute froh und schenkten ihm dreihundert Gulden für seine Mühe.

Nach vielen Wochen kam er endlich wieder auf der Burg an. "Wo ist mein Trauring?" fragte die Gräfin, die ihm voll Erwartung bis zum Tor entgegen gegangen war. "Unter der Schwelle hier", gab er zur Antwort. Da mußte so gleich ein Zimmermann kommen und die Schwelle aufbrechen; und wahrhaftig - da lag der Ring.

Zum Grafen aber sagte der Bursche: "Der Vogel Greif läßt Euch freundlich grüßen und schickt Euch da eine seiner goldenen Federn. Kämt Ihr selbst aber einmal zu ihm, so wolle er Euch so viele Schätze schenken, daß kein zweiter mehr auf Erden sein solle, der reicher sei als Ihr. " Als der Graf diese Kunde vernommen hatte, wollte er mit seinem Besuch beim Vogel Greif keine einzige Stunde verlieren und trat sogleich die Reise an.

Er kam glücklich bis an das Wasser, über das keine Brücke führte, und der Mann am Ufer fragte ihn, ob er ihn hinübertragen solle. "Ja, das ist mir recht", sagte der Graf "ich habe es eilig, denn ich gehe meinem Glück entgegen, mußt du wissen! Wenn ich wiederkomme, wirst du mich nicht mehr zu tragen brauchen!" -

"Das will ich glauben!" sagte der Mann, nahm den Grafen auf den Rücken, trug ihn bis in die Mitte und - plumps! warf er ihn ins Wasser und sagte: "Jetzt nimm du meinen Platz ein!" Dann machte er, daß er fort kam. Da mußte der Graf nun da bleiben und die Leute durch den Fluß tragen; und wenn ihn keiner abgelöst hat, so tut er es heute noch.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE DREI FRAGEN DES KAISERS ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da lebte einmal vor siebenhundert und mehr Jahren an der Grenze des Reiches ein Markgraf, Wulf geheißen. Wahrhaftig, der machte seinem Namen alle Ehre! Er war ein tückischer und reißender Wolf und darum von seinen Untertanen, den armen Bauern, Hirten und Holzhauern, ebenso sehr gehaßt wie gefürchtet. Wie der die Leute schindete und plagte, das war nicht an den Himmel zu malen.

Er trieb den Zehnten mit der Reitpeitsche ein und zwang auch noch die ältesten Greise ihm beim Wall- und Burgenbau zu fronen. Am meisten Elend geschah aber den Bauern durch die Hirsche und Wildsauen, die der Graf in den weiten und tiefen Wäldern hegte und auf die er dann mit seinem wilden Gefolge gerade in der Erntezeit wochenlang Jagden und Hatzen veranstaltete.

"Was gehen mich die Bauern und ihre Kornfelder an!" sagte er verächtlich. "Hussa! Mir nach!", gab seinem Roß die Sporen und jagte mit der kläffenden Meute quer durch die reifen Ährenfelder. "Beschweren wollt ihr euch, ihr Mistbuben? Paßt auf, ich werd' euch beschweren, aber mit Quadersteinen und Maltersäcken! Klage führen wollt ihr vor dem Kaiser? Was geht mich der Kaiser an! Ich bin euer Herr, niemand sonst!"

Nun war dies nicht das erste Mal, daß das Volk so laut und vernehmlich gegen den Markgrafen sich stellte, daß das Murren bis zu den Ohren des Kaisers hinauf drang. Er hatte lange dazu geschwiegen. Nun ihm aber außerdem noch berichtet worden war, daß der Graf seine Gebote mißachte und seinen Namen mit wenig Ehrfurcht im Munde führe, gedachte er ihm eine Lehre zu geben.

Er sandte einen Boten in die Grenzmark und lud mit einem freundlichen Schreiben den Grafen auf heute über drei Tage zu sich aufs Schloß. Der Markgraf kam zur vorgeschriebenen Zeit an und wurde so gleich in das kaiserliche Gemach geführt. "Wie geht es Euch, Graf?" hub der Kaiser zu sprechen an. - "Gut, recht gut!" antwortete der. - "Ihr habt also gar keine Sorgen und Beschwerden?" fragte der Kaiser weiter. - "Ich weiß nicht, worüber ich klagen sollte, habe aber auch nichts zu wünschen übrig", entgegnete der Graf, und aus dem Ton seiner Stimme war der Ärger über diese sonderliche Fragerei des Kaisers herauszuhören.

"Aber Eure Bauern wissen, worüber sie zu klagen haben und ich, Graf Wulf, habe zu wünschen übrig!" sprach da der Kaiser strenge, und seine Augen funkelten. "Ich will Buch Sorgen und Beschwerden verschaffen, mehr als Euch lieb ist! Dessen seid gewiß! - Ich lege Euch drei Fragen vor. Hört gut zu.

Erstlich: Was ist der Kaiser wert? Zum anderen: Was ist der Bauer wert? Zum dritten: Wie weit sind Glück und Unglück voneinander? Gebt Ihr mir heute über einen Monat auf meine drei Fragen nicht die richtige Antwort, so seid Ihr Eurer Grafschaft und Eures ritterlichen Namens verlustig und könnt gehen!"

Das war der langsamste und traurigste Ritt, den der Markgraf je in seinem Leben getan hatte. Er brauchte die doppelte Zeit zu diesem Heimweg und sah und hörte doch nichts von dem sonnigen, bunten Herbsttage mit all seinem jubilieren und Vogelsingen. Er ritt tief in grauen Gedanken, und als er endlich heimkam, saß er die ganze Nacht bis an den Morgen und sann und zerbrach sich den Kopf darüber, welches wohl die richtigen Antworten auf die drei Fragen des Kaisers wären.

Doch er fand sie nicht und fand sie auch nicht am zweiten oder am dritten Tage; er hatte sie auch noch nicht gefunden, als der Mond am Himmel schon über das zweite Viertel hinaus gewachsen war. - Wie dumm und vorschnell hatte er doch dem Kaiser geantwortet! Nun wußte er, worüber klagen, und hatte Tage und Wochen hindurch nur den einen Wunsch übrig, daß er doch die Antworten auf die drei Fragen finden möge; denn von ihnen hing sein ganzes ferneres Leben ab.

Er studierte dicke und gelehrte Bücher, doch sie konnten ihm die Rätsel nicht lösen. Er fragte seine Freunde und Bekannte, Doktoren, Gelehrte und Professoren; aber sie wußten alle keinen Rat. Die Bauern und einfachen Leute seines Landes, die er so oft hart geplagt und in größter Bedrängnis ohne Hilfe gelassen hatte, die gönnten ihm nun seine eigene Not und sahen ihn mit Freuden Trübsal blasen.

Allmählich nahte der Tag, an dem er vor dem Kaiser erscheinen mußte, und dem Grafen wurde bange. Nach einer schlaflosen Nacht verließ er am letzten Morgen verzweifelt die Burg und machte sich auf den Weg in die Kaiserstadt.

Da traf er auf den Feldern vor dem Ort draußen einen Schafhirten mit seiner Herde. Der merkte an dem finsteren Gesicht des Grafen, daß seinem Herrn nicht wohl zumute sei und fragte ihn nach der Ursache. - "Ach, mein lieber Stöffel", sagte der Graf traurig, "ich bin die längste Zeit dein gräflicher Herr gewesen." Der Markgraf schilderte dem Schäfer seine Not und legte ihm die drei Fragen des Kaisers vor: Was ist der Kaiser wert? Was ist der Bauer wert? Wie weit sind Glück und Unglück voneinander?

"Mhm" - nickte der Stöffel, runzelte die Stirne und besann sich eine Weile. Dann sagte er - denn er war ein pfiffiger Kerl -: "Ich glaub', ich hab's, gnädiger Herr! Leiht mir Euer gräfliches Gewand und hütet derweil in meinem Mantel meine Schafe. Wann es anfängt zu dunkeln will ich für Euch zum Kaiser gehen und ihm die drei Fragen aufs beste beantworten." Damit war der Graf sogleich einverstanden. Sie wechselten ihre Kleider, und der Schäfer machte sich auf den Weg.

Zur fest gesetzten Stunde trat der Schafhirt, als Graf verkleidet, vor den Kaiser. Der saß in seinem goldenen Thronsessel und sprach: "Nun, habt Ihr die richtigen Antworten auf meine drei Fragen gefunden?" - "jawohl, allergnädigster Kaiser und Herr", antwortete der Schäfer. "Ei, so schießt los!" -

"Zum ersten", begann der Schäfer, "ist der Kaiser wert, daß man seine Gebote halte und ihm in Ehrfurcht und Treue diene. Zum anderen ist der Bauer wert, daß man seine Arbeit achte und den Segen seiner Felder dankbar schaue, hüte und schone. Und zum dritten sind Glück und Unglück nur einen Tag voneinander." -

"Wahr habt Ihr gesprochen, was die beiden ersten Fragen betrifft; wie aber kommt Ihr zu Eurer dritten Antwort?" fragte der Kaiser. - "Meine dritte Antwort, hoch edler Herr und Kaiser, darum: Gestern noch bin ich ein Schafhirt gewesen, heute aber ein Graf." - Der Kaiser verstand diese Worte gleich richtig zu deuten, erhob sich von seinem Thron und sah mit einem festen Blick dem Schäfer in die Augen.

"So sei denn und bleibe ein Graf!" sprach der Kaiser, legte ihm sein Schwert auf die Schulter und machte ihn zum Herrn über die Grafschaft, in der er bis zu diesem Tage einer der Geringsten gewesen war.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE DREI SCHWÄNE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einem Jäger war ein Jahr nach der Hochzeit seine junge Frau gestorben, und darüber war er nun sehr betrübt. Wenn er so einsam durch Stube, Kammer und Küche ging, meinte er immer, daß ihm seine liebe Frau begegnen müßte, und weil er sie auf diese Weise Tag und Nacht nicht mehr aus seinen Gedanken verlor, hielt er es im Hause nicht mehr aus und streifte oft tagelang draußen im Walde umher. Er wußte wohl, daß er nicht allein bleiben konnte, sondern wieder heiraten mußte; aber er sorgte sich ab und zweifelte daran, ob er noch einmal eine Frau finden werde, die er ebenso lieb haben könne wie seine erste.

Als er eines Tages wieder so in Gedanken dahin ging und immer tiefer in den dunklen Wald hinein geriet, kam er endlich zu einer kleinen, Stroh gedeckten Hütte. Er trat ein und fand darin einen alten Mann, der über ein Buch gebeugt am Tische saß und las. Der Alte begrüßte ihn freundlich und fragte, was ihn hierher in seine Waldhütte führe. Da klagte ihm der Jäger sein Leid: daß er seine Frau verloren habe und nun so einsam lebe und nicht wisse, ob er noch einmal glücklich sein werde.

"Aus dieser Not wird dir wohl zu helfen sein", sagte der Greis. "Über eine kleine Weile werden drei weiße Schwäne geflogen kommen und sich in der Nähe der Hütte niederlassen. Betrachte sie dir genau! Sie werden dann zum Weiher fliegen und, ehe sie ins Wasser gehen, ihre Federkleider ausziehen und ans Ufer legen. Sobald sie draußen auf dem See schwimmen, mußt du dich heimlich heran machen und unbemerkt eines der Schwanenkleider nehmen und damit hierher kommen.

Kaum hatte der Alte dies gesagt, kamen drei schneeweiße Schwäne daher gerauscht, ruhten eine Weile aus und flogen dann weiter zu dem benachbarten Weiher. Als sie aber ihre Federkleider abgelegt hatten, waren sie in drei wunderschöne Jungfrauen verwandelt, stiegen ins Wasser und schwammen weit hinaus in den See. Da schlich der Jäger hin, nahm heimlich das Kleid des einen Schwans und brachte es dem Alten in die Hütte.

Unterdessen waren die drei Schwanenjungfrauen wieder ans Ufer gestiegen. Aber nur noch zwei fanden ihre Federgewänder und konnten sich wieder in Schwäne zurück verwandeln; die dritte aber mußte zur Waldhütte und dem Jäger, der ihr Kleid an sich genommen hatte, in sein Haus folgen. Dort gefiel es ihr recht wohl, sie blieb bei ihm und wurde bald seine liebe Frau.

Ehe der Jäger aber damals von dem alten Mann in der Waldhütte Abschied nahm, hatte der ihn gemahnt, das Schwanenkleid gut zu verstecken. "Das wird mein erstes sein, wenn wir nach Hause kommen, und ich will es so gut verwahren, daß keines Menschen Auge es entdecken wird!" hatte der Jäger geantwortet.

Nun lebte er schon viele Jahre lang froh und glücklich mit seiner Frau und den drei Kindern, die sie ihm schenkte. Eines Morgens aber, als er wie immer in den Wald ging, hatte er unbedachterweise den Schlüssel in der Truhe stecken lassen, darin das Schwanenkleid verborgen lag. Dort fand es sein Weib, das schon oft danach gesucht hatte, gedachte der Zeit mit den Schwestern, zog das Gefieder an und flog als Schwan davon, weit fort über den großen Wald.

Als der Mann am Abend heimkam, war seine Frau verschwunden. Er mochte suchen und rufen, solange er wollte, sie war nirgends aufzufinden, und auch die Kinder wußten nicht, wohin ihre Mutter gegangen war.

Da begab sich der Jäger wieder in den fernen Wald zu dem alten Mann und klagte ihm sein Unglück. "Du hast das Schwanenkleid nicht gut verwahrt", sagte der Greis; "sie hat es gefunden und ist damit fort geflogen." "Ach!" fragte der Jäger traurig, "ist es denn gar nicht mehr möglich, daß ich sie wieder bekomme?" - "Möglich ist es wohl", sprach da der Alte, "aber jetzt ist es gefährlich, sie zu erlangen; es kann dir leicht das Leben kosten!" - "Was gilt mir mein Leben ohne meine liebe Frau!" sagte der Jäger. -

"Gut", sprach darauf der Greis, "so will ich dir meine Hilfe nicht versagen: du mußt zuerst versuchen, in das Schloß zu gelangen, in dem deine Frau jetzt wohnt. Das wird am besten so gehen: Sie hat im Stalle ein paar Esel, die jeden Tag in der Mühle im Tal drunten Mehl holen. Geh also zu dem Müller und bitte ihn, dich in einen Mehlsack zu stecken und den dann einem der Esel aufzuladen. Bist du einmal im Schloß, so ist das Gröbste gewonnen; das Weitere wirst du dann schon von deiner Frau erfahren."

Der Jäger dankte dem alten Mann von Herzen und begab sich darauf in die Mühle. Für ein gutes Trinkgeld steckte ihn der Müller gern in einen Mehlsack und so gelangte er nun auf dem Rücken eines Esels wohl behalten in den Burghof hinauf. Dort stellte der Knecht den Sack in eine Ecke nahe beim Eingang zum Schloßgebäude. Als es dämmerte und im Hof immer ruhiger wurde, dachte der Jäger, er werde nun unbemerkt aus dem Sack schlüpfen können.

Kroch also leise und vorsichtig daraus hervor und - seiner Frau geradeswegs vor die Füße. Sie hatte den großen Sack von ihrem Fenster aus gesehen und wollte eben nachschauen, was Besonderes darin war. Wie freute sie sich da, als sie so unerwartet ihren Mann wiedersah! Und auch der Jäger war überglücklich, schloß sie in die Arme und küßte sie. "Liebe Frau", bat er, "komm wieder zurück zu mir und deinen Kindern!" -

"Wie gerne wollte ich das!" sagte sie. "Aber es wird nicht leicht sein. Ehe wir glücklich miteinander leben können, mußt du die drei Drachen dieses Schlosses besiegen. Drei Tage hintereinander werden sie dir in immer wieder anderen Gestalten entgegentreten und dich quälen und bedrohen. Sprichst du nur ein einziges Wort, so werden sie dich umbringen! Wenn du aber aushältst ohne einen Laut von dir zu geben, so können sie dir nichts anhaben, und ich werde frei und ganz dein eigen sein." -

"Sei ohne Sorge, liebe Frau!" sagte da der Jäger voller Freude und Zuversicht, "die Liebe zu dir wird mich so stark machen, daß mir selbst die bösen Drachen nichts anhaben können!"

Am ersten Tag krochen drei große Schlangen auf den Jäger zu und wanden sich ihm um Beine und Leib, so daß er sich nicht mehr rühren konnte. Sie zischten ihn mit böse funkelnden Augen an und drohten ihn mit ihren giftigen Zähnen zu beißen. Weil er sich aber nicht fürchtete und alles, ohne einen Laut von sich zu geben, ertrug, hatten sie keine Macht über ihn, ließen von ihm ab und verschwanden.

Am anderen Tag hüpften drei riesige Kröten gegen ihn an und bespien ihn mit feurigen Kugeln. Obwohl diese Pein schier nicht zum Aushalten war, nahm er doch seine Kraft bis aufs letzte zusammen und verbiß schweigend alle Schmerzen. Da mußten endlich auch die Kröten aufhören, ihn zu quälen, und machten sich davon.

Am dritten Tag aber stürzten sich drei ungeheure, beflügelte Drachen auf den Jäger und nahmen ihn frei in ihre weit aufgesperrten Rachen. Da wurde ihm heiß und bang, und er meinte, das Grausen und Quälen nicht länger ertragen zu können und laut hinausschreien zu müssen. Doch aus Liebe zu seiner Frau ertrug er es doch. Und als die dritte Probezeit um war, standen plötzlich an Stelle der drei Drachen drei schöne Frauen vor ihm.

Das waren die drei verwunschenen Schwanenjungfrauen, die er jetzt alle miteinander befreit hatte. Nun war der Jäger froh, daß er seine Frau wieder hatte, und auch sie war glücklich und weinte vor Freude, als sie ihre drei lieben Kinder wieder sah. Sie blieben nun auf dem Schloß, behielten auch die beiden Schwestern bei sich und lebten in Frieden und Freude bis an ihr Ende.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE GERAUBTE KÖNIGSTOCHTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein reicher und mächtiger König. Der hatte eine einzige Tochter und die war so schön, daß selbst die zarteste Rose, der weiße Schnee und der blaue Himmel vor ihrer Schönheit verblaßten. Wenn sie aus dem Schlosse in den Garten heraus trat, dufteten alle Blumen lieblicher, und die Vögel sangen ihr zu Ehren wie aus goldenen Kehlen. Eines Tages aber, als die Prinzessin bei der Quelle im Park saß und mit ihrem goldenen Balle spielte, brach plötzlich ein Drache aus dem Walde hervor, faßte die Jungfrau mit seinen Krallen und entführte sie weit übers Meer in seine Höhle.

Nun hielt er sie schon fünf Jahre dort gefangen, und hundertmal schon hatte er sie gefragt, ob sie seine Frau werden wolle. Doch ihr graute davor, wie sehr er sie auch bat und sich um sie bemühte. Neben vielen anderen Kostbarkeiten, mit denen er ihr Herz zu gewinnen suchte, schenkte er ihr auch drei prachtvolle Kleider - die herrlichsten, die es auf der Welt gab: auf dem einen war die Sonne abgebildet, auf dem anderen der Mond, auf dem dritten die Sterne. Aber auch damit ließ sie sich nicht verlocken, das Weib des Drachen zu werden.

Eines Tages, es waren gerade sieben Jahre um, verirrte sich ein wandernder Schneidergeselle in diese Gegend und war sehr erstaunt, als er die schöne Frau ganz allein in der Drachenhöhle antraf. Er fragte, ob sie sich auch verirrt habe wie er. Da schüttelte sie traurig den Kopf und erzählte ihm, wer sie sei und wie sie hierher in diese einsame, düstere Felsenwildnis gekommen sei. - "O wär' ich doch aus den Klauen des bösen Drachen und wieder daheim auf dem väterlichen Schlosse!" klagte die Prinzessin. -

"Wir wollen miteinander fliehen und deine Heimat suchen, und ich will dich beschützen bei Tag und bei Nacht gegen alle Not und Gefahr, die dich bedrohen könnte", sagte der Schneidergeselle. Darüber war die Königstochter voller Freude und versprach ihm, seine Frau zu werden wenn er sie glücklich wieder in ihres Vaters Schloß zurückbringe. Nun paßten sie auf, zu welcher Zeit der Drache am längsten ausblieb, und als sie das herausgefunden hatten, flohen sie eines Abends miteinander in aller Heimlichkeit.

Der Schneider hatte die drei schönen Kleider der Prinzessin in seinen Ranzen gesteckt, und so wanderten sie nun eilig dahin, bis sie sicher waren, daß der Drache sie nicht mehr einholen werde. Jetzt endlich gönnten sie sich Ruhe, legten sich im Walde nieder und schliefen ein. Ihre Müdigkeit war so groß, daß sie erst am Morgen des übernächsten Tages wieder erwachten; nun aber schritten sie rüstig aus und gelangten bald darauf an den Strand des Meeres. Dort lag gerade ein kleines Schiff vor Anker; das hatte allerhand Waren geladen, die es nach jenem Lande bringen wollte, in dem der Vater der Prinzessin König war.

Aber als das Schiff eine Tagereise weit draußen auf dem Meere schwamm, erhob sich ein so gewaltiger Sturm, daß es gegen eine Felseninsel getrieben wurde und zerschellte. Nur wenige Menschen, darunter auch die Prinzessin, konnten in einem Boot gerettet werden, und als am anderen Morgen ein fremdes Schiff vorüber fuhr, nahm es die Verunglückten auf und brachte sie wohl behalten in den sicheren Hafen. Die Königstochter konnte sich aber über ihre Rettung doch nicht freuen, war vielmehr betrübt und traurig in ihrem Herzen; denn sie dachte nicht anders, als daß der gute Geselle im Meer ertrunken sei.

Doch auch er war mit knapper Not mit dem Leben davon gekommen. Er hatte sich an den Balkentrümmern des gekenterten Schiffes fest gehalten, war tagelang von den wilden Wogen umher getrieben und endlich völlig ermattet an ein fremdes Ufer gespült worden. Ein alter Fischer nahm ihn in seiner Hütte auf, gab ihm zu essen und beherbergte ihn eine Woche lang. Dann wies er ihm den Weg in die große Stadt, die eine Tagesreise entfernt am Strome lag.

Wie er nun dort so durch die Straßen ging, sah er vor einem Hause das Zunftschild eines Schneiders hangen. Da bekam er plötzlich wieder Lust zu seinem Handwerk, fragte bei dem Meister um Arbeit nach und wurde gleich als Geselle eingestellt. Kaum war er ein paar Wochen hier, da hörte er eines Feierabends einen Herold in den Straßen ausrufen, daß der König demjenigen zehntausend Gulden bezahlen werde, der seiner Tochter binnen drei Monaten drei Kleider zu liefern vermöge, auf denen Sonne, Mond und Sterne sich spiegelten.

Da fiel dem Schneidergesellen ein, daß er ja noch die drei Kleider der Prinzessin in seinem Ranzen habe und mit ihnen den Beutel voll Gold werde verdienen können. - "Doch ach", dachte er im stillen bei sich, "nun wird eine andere die drei kostbaren Kleider tragen. Mag sie gleich auch eine Königstochter sein, so ist sie doch nicht die aller Schönste und liebste, die nun schon lange auf dem kühlen Meeresgrunde ruht."

Ging aber doch zu seinem Meister und sagte, er könne die drei Kleider für die Tochter des Königs machen. Darüber war der Meister sehr erfreut, meldete dem königlichen Kanzler, daß er mit seinem Gesellen die Kleider anfertigen wolle und erhielt gleich tausend Gulden im voraus. Die gab er dem Gesellen, damit er sich alles kaufen könne, was er nötig habe. "Ja", sagte der, "Geld ist dazu schon nötig und nicht wenig!" und nahm die tausend Gulden mit Dank an.

Weil ja aber die Kleider schon fertig waren, konnte er die Goldvögel fliegen lassen, wie und wohin es ihn beliebte, ging also ins Wirtshaus, aß und trank mit seinen Freunden nach Herzenslust und fuhr zu jeder Tages- und Nachtzeit in einer vornehmen Kutsche in der Gegend umher. Als der erste Monat beinahe vergangen und weit und breit noch nichts von einem Kleide zu sehen war, wurde dem Meister Angst und bange. Er stellte darum den Gesellen zur Rede und sagte:

"Übermorgen soll das erste Kleid fertig sein, und du hast noch keine Nadel eingefädelt! Weißt du, daß es uns den Kopf kostet, wenn das Kleid nicht rechtzeitig abgeliefert wird?" - Der aber gab zur Antwort: "Ich kann nur bei Nacht, wenn ich Wein getrunken habe, an dem Kleid arbeiten, und darum muß ich den Tag über ins Wirtshaus gehen. Und in der Kutsche fahre ich nicht zum Vergnügen, sondern um Sonne, Mond und Sterne zu betrachten, damit ich sie schön und Naturgetreu widergeben kann. So ist das, Meister! - und dreinreden lasse ich mir nicht! Basta !"

Am anderen Morgen aber übergab er dem Meister das erste Kleid, auf dem die Sonne dargestellt war. Der bewunderte und lobte die schöne Arbeit und trug sie eigenhändig ins Schloß hinauf. Als die Prinzessin das Gewand sah, erkannte sie im Augenblick das Kleid, das der Drache ihr einst geschenkt hatte, und bat den Meister, ihr auch das zweite bald abzuliefern. - Darauf erhielt er vom Schatzkanzler wieder tausend Gulden ausbezahlt, als Vorschuß für das zweite Kleid. Der Meister gab das Geld dem Gesellen und der machte es kein Haar anders als das erstemal, - er verjubelte es bis auf den letzten Groschen.

Der Monat war wieder gerade zu Ende, als er endlich dem Meister das zweite Kleid übergab, das wie der Mond schimmerte. Diesmal freute sich die Prinzessin noch mehr, nahm den Meister bei Seite und fragte ihn: "Habt Ihr selber dieses Kleid gearbeitet?" Da wurde er unsicher, wich ihrem Blick aus, setzte zum Sprechen an und konnte doch die richtigen Worte nicht finden. - "Redet die Wahrheit, Meister! Denn sie wird mir, der Tochter des Königs, doch nicht verborgen bleiben!" fuhr sie fort.

Und da gestand er ihr, daß er vor einem Vierteljahr einen wandernden Gesellen bei sich aufgenommen habe; der habe die beiden Kleider angefertigt, ganz allein und ohne daß er ihm dabei hätte zusehen können. Da ließ die Prinzessin ihm zweitausend Gulden ausbezahlen, tausend für ihn und tausend für den Gesellen, und verlangte, daß das letzte Kleid der Geselle selber aufs Schloß bringen solle.

Der Monat ging wieder dahin mit Trinkgelagen, Festen und Spazierfahrten, und am letzten Tag machte sich der Schneidergeselle auf den Weg zum Schloß und überbrachte der Königstochter das Sternenkleid. Kaum hatte er einen Schritt über die Schwelle ihres Gemachs getan, so hatte die Prinzessin ihn auch schon erkannt, fiel ihm um den Hals und küßte ihn und weinte vor Glück und Wiedersehensfreude.

Sie führte ihn zu ihrem greisen Vater, erzählte ihm, wie er sie einst aus der Höhle des Drachen befreit und wie sie einander auf dem wilden Meere verloren und längst für tot gehalten hätten. Nun aber hatten sie sich wiedergefunden, hielten Hochzeit und wurden nach dem Tode des alten Vaters König und Königin über das ganze, große Reich.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE GUTE GONDA ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine Witfrau, die hatte drei Söhne, Kasper, Melcher und Baltes mit Namen. Die Mutter war froh, als ihre Burschen nacheinander aus der Schule gekommen waren und nun bald anfangen konnten, etwas zu verdienen. Weil aber der Vater oftmals gesagt hatte, daß Handwerk einen goldenen Boden habe, so sollte jeder der drei Söhne ein nützliches Handwerk lernen und danach auf Wanderschaft gehen. Da wurde der älteste ein Weber, der zweite ein Schuhmacher, der dritte ein Sattler.

Bald war es so weit, daß Kasper als Handwerksgeselle seine Reise in die Welt hinaus antreten konnte. Die besorgte Mutter packte ihm in sein Felleisen alles, was er nötig brauchte: Handwerkszeug, Hemden und Strümpfe, dazu noch eine Joppe und ein Paar Schuhe für den Sonntag. Den übrigen Platz füllte sie ihm mit selbst gebackenen Küchlein aus, denn so war es damals in dem Ort Sitte. - "Und nun leb' wohl, mein Junge", sagte sie, "bleibe fleißig und ehrlich, habe Anstand gegen jedermann, und wenn dir ein Armer begegnet, so teile mit ihm die Küchlein, die ich dir ins Felleisen gesteckt habe." - Darauf nahm der älteste von der Mutter Abschied.

Nachdem er einige Tage gewandert war, kam er in einen großen Wald. Da begegnete ihm eine alte Frau und bat ihn um etwas zu essen. Er aber sagte unwillig: " Scher dich fort! Was ich habe, das brauche ich selber!" und wollte seines Weges gehen. Doch er konnte keinen Schritt mehr weiter vorwärts tun; er mochte sich anstrengen, so sehr er wollte. Ratlos sah er sich nach der Frau um; aber die war verschwunden. Es war die Waldfrau gewesen, die da dem Webergesellen auf seinem Weg ins Glück erschienen war und ihn für seine unfreundlichen Worte mit ihrem Zauber gebannt hatte, so daß er sofort nach Hause umkehren mußte.

Rascher als man dachte, kam die Zeit heran, da der zweite Sohn ausgelernt hatte und seine Wanderschaft antreten sollte. Die Mutter packte auch ihm alles Nötige in sein Felleisen, stopfte den übrigen Platz mit Küchlein aus und sprach: "Nun, Melcher, will ich doch sehen, wie weit du  kommen wirst. Sei ein rechter Kerl und zu allen Leuten gefällig und vergiß nicht, von deinen Küchlein ,herzugeben, wenn dich einer um etwas zu essen bittet. " Da nahm der zweite Abschied und wanderte dieselbe Straße, die das Jahr zuvor sein älterer Bruder gezogen war.

Nach einigen Tagen kam auch er in den riesengroßen Wald und begegnete der Waldfrau. In der Gestalt des alten Weibleins trat es zitternd und am Stocke humpelnd zu ihm heran und bat ihn um ein Stück Brot. Er aber gab hart und finster zur Antwort: "Ich habe kein Brot! Ich habe nur Küchlein und die esse ich selber gern!", und wollte weitergehen. Im nächsten Augenblick traf auch ihn der Zauberspruch der Waldfrau, so daß er keinen Schritt mehr vorwärts tun konnte und zu seiner Mutter zurückkehren mußte. Weder Kasper noch Meicher hatten aber zu Hause ein Wort darüber fallen lassen, warum sie schon nach wenigen Tagen so mißmutig und gedrückt heimgekommen waren.

Als wieder ein Jahr um war und die Mutter auch ihren jüngsten Sohn auf Wanderschaft gehen lassen sollte, da weinte sie und sagte: "Ach, mein lieber, kleiner Baltes, ich lasse dich mit einer großen Sorge im Herzen ziehen. Wenn es dir nur nicht ebenso geht wie deinen Brüdern! Ich habe dir alles, was du in der Fremde brauchst, in dein Felleisen geschnürt; achte immer gut darauf. Auch von den Küchlein, die du so magst, habe ich dir zugesteckt. Bleibe treu und gut und laß keinen, der in Not ist, dich vergebens um eine Gabe bitten." Darauf trat der Jüngste wohlgemut seine Wanderschaft an.

Nach etlichen Tagen kam er in den Wald, wo ihm die alte Frau, müde und schwach auf ihren Wurzelstock gebeugt, über den Weg humpelte und ihn um etwas zu essen bat. Sogleich nahm er sein Felleisen vom Rücken, machte es auf und schüttete ihr alle Küchlein, die er noch hatte, in den Schoß. Da sah ihn die' Waldfrau' freundlich an und sagte: "Weil du so gut gegen mich warst, so soll es dir auch gut gehen. Ich will dir eine Ente schenken, die hat goldene ,Federn und heißt ,Gute Gonda'. Falls einmal einer sie dir stehlen oder ihr eine Feder ausreißen will, so brauchst du nur sagen: ,Gute Gonda! Es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!' - alsbald gibt es für jenen kein Entkommen mehr; er muß mit, wohin die Ente geht."

Baltes bedankte sich, nahm die Ente in Empfang und zog weiter durch den Wald. Während er so dahinging, sagte er sich in Gedanken ein um das andere Mal den Namen und das Sprüchlein vor, damit sie ihm ja nicht am Ende entfielen. So war es allmählich Abend geworden, als er vor einem Wirtshaus ankam, wo er übernachten und sein Abendbrot verzehren wollte. Als die Speisen aufgetragen waren, durfte auch die Ente mitessen.

Sie saß neben Baltes auf dem Tisch und fischte sich die besten Fleischbrocken aus dem Teller heraus. Was da der Wirt und die Gäste für Augen machten! Und besonders die drei vornehmen Fräulein, die auch in dem Wirtshaus übernachten wollten. "Was für ein schönes Tierchen!" sagten sie bewundernd und baten und baten den Baltes, er solle ihnen doch eine Feder von seiner goldenen Ente schenken. Er schlug ihnen aber ihren Wunsch ab, denn er mochte seiner Ente die kostbaren Federn nicht ausrupfen. Da baten die drei Fräulein den Wirt, er solle sie heute Nacht in dem Zimmer neben dem Fremden schlafen lassen, und er sagte es ihnen zu.

Um Mitternacht, als die Mädchen dachten, der Baltes schlafe fest, stiegen sie leise aus ihren Betten und schlichen in sein Zimmer. Der Mond schien zum Fenster herein, gerade auf die goldene Ente, die neben ihres Herrn Bett auf dem Stuhle hockte den Kopf unter den Flügel gesteckt. Gerade wollten ihr die drei Mädchen einige Federn ausrupfen, da schrie die Ente: "Quaak, quaak!" so laut sie nur konnte. Sogleich wachte Baltes auf und sprach: "Gute Gonda! Es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!"

Da mußten die drei Mädchen im Hemde die ganze Nacht bei der Ente stehen bleiben. Und als der Baltes am anderen Morgen drunten frühstücken wollte und seiner Ente rief: "Gute Gonda, komm herunter und was bei dir ist!", da mußten die Mädchen auch in die Wirtsstube herab und im Hemd frühstücken. Und als der Baltes darauf seines Weges weiterging, hatten sie keine andere Wahl als ihm und seiner Ente hintendrein zu laufen, mochte es auch gehen wohin es wollte.

Nach einiger Zeit kam Baltes in ein Dorf. Da schaute gerade der Pfarrer zum Fenster heraus, sah den Baltes mit der Ente und den drei Mädchen und rief: "Ei! Ei! Bedenkt doch, ihr großen Mädchen! Schämt ihr euch denn nicht, auf offener Straße im Hemd zu gehen?", kam aus dem Haus gelaufen, faßte die letzte bei der Hand und wollte sie samt den beiden anderen mit sich nehmen. Der Baltes aber sagte nur: "Gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!", und da mußte der dicke Pfarrer ebenfalls mit, so sehr er sich auch wehrte und um Hilfe schrie.

Darauf zogen sie durch einen andern Ort, wo sieben Maurer an einem neuen Hause arbeiteten. Wie die den Zug sahen, liefen sie mit ihren Maurerkellen herbei und wollten die Mädchen befreien helfen. Der Baltes aber rief wieder seiner Ente zu: "Gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!" Da konnten die sieben Maurer nicht mehr weg und mußten auch mitziehen.

Als sie so eine Weile gegangen waren, kamen sie in eine Stadt, in der eine große Bäckerei war. Die Bäckergesellen sahen den wunderlichen Zug daherkommen, und als sie die drei Mädchen im Hemd erblickten, wollten sie ihnen beistehen. Sogleich kamen alle fünfunddreißig Gesellen mit ihren Backschaufeln aus dem Hause gesprungen und faßten zu. Baltes aber sprach nur: "Gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!", und da mußten sich auch die fünfunddreißig Bäckergesellen dem Zug anschließen.

Am Abend kehrte Baltes mit seiner goldenen Ente und ihrem lustigen Anhang in einem Wirtshaus ein, um zu übernachten. Er ließ sich ein Nachtessen richten und unterhielt sich hernach beim Wein noch eine Zeit lang mit ein paar vornehmen Gästen aus der Stadt. Dabei vernahm er eine gar sonderbare Kunde; Der König habe eine Tochter, so erzählte einer, die sei so ernst, daß sie in ihrem Leben noch nie gelacht habe. Darum habe der König beschlossen, daß derjenige die Prinzessin zur Frau bekommen solle, der sie zum Lachen bringen könne.

"Ei, das wäre was für mich!" dachte da der Baltes bei sich. "Eine Königstochter zur Frau haben, würde mir nicht übel passen!" Ging also am andern Morgen ins Schloß, meldete sich beim König und sagte, er, der Baltes, getraue sich wohl, die Prinzessin zum Lachen zu bringen. Darüber war der König sehr erfreut und hieß ihn am andern Tag um zehn Uhr mit seinen Leuten vors Schloß kommen.

Es war ein herrlicher Sommermorgen. Die Sonne strahlte hell und warm, und in den Parkbäumen sangen die Vögel um die Wette. Die schöne Königstochter stand mit ihren Hoffräulein auf dem Altan und sah von dort herab den seltsamen Zug in den Schloßhof einziehen: die goldene Ente, die drei Jungfern im Hemd, den dicken Pfarrer, die sieben Maurer mit ihren Kellen und die fünfunddreißig Bäckergesellen mit ihren Schaufeln; alle aneinanderhängend wie bunte Perlen an einer Schnur.

"Ei,so was! Ei, so was!" jauchzte die Prinzessin und mußte sich vor Lachen wahrhaftig an ihrer Kammerjungfer festhalten. Sie lachte, daß ihr die Tränen nur so über die Backen herunter kugelten. Als dies der König sah, war er froh und sprach: "Wie bin ich nun auf meine alten Tage glücklich, daß mein liebes Töchterchen das Lachen gelernt hat." Dann ging er selber in den Schloßhof hinunter, bedankte sich beim Baltes, ließ ihn schöne und kostbare Kleider anlegen und führte ihn der Prinzessin entgegen.

Wurde das eine herrliche und fröhliche Hochzeit! Die Prinzessinbraut lachte und strahlte wie die aufgehende Sonne, und sie lachte von nun an viel und von Herzen gerne; besonders als sie übers Jahr ein Kind auf ihren Armen wiegte. Als der alte König starb, wurde Baltes sein Nachfolger und regierte an der Seite seiner lieben Königin viele Jahre in Glück und Frieden.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE TEURE METZELSUPPE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor langer Zeit war einmal in einem Dorf ein Pfarrer, den hatten die Bauern wegen seiner kurzen Predigten so gern, daß sie ihm bei jedem Schweine Schlachten einen ordentlichen Happen von der Metzelsuppe schickten. Nun hatte aber der Pfarrer selber auch ein Schwein ein getan und gemästet, und es wog wohl an die vier Zentner, als es geschlachtet werden sollte.

Der Metzger war eben daran, das Tier abzubrühen und die Schwarte von den Borsten zu reinigen; da fiel dem Pfarrer ein, daß er nun den Bauern, die ihm sonst etwas von ihrer Metzget zukommen ließen, auch ein Stück Fleisch und ein paar Würste ins Haus schicken müßte. "Gerechter Gott, wenn ich da jedem abgebe, bleibt mir selber nichts mehr übrig!" dachte er, ließ den Messner zu sich kommen und fragte ihn um Rat, wie er es machen solle, damit er den Bauern keine Metzelsuppe zu geben brauche.

"Das ist ganz einfach", sagte der Messner, "laßt das Schwein den ganzen Tag über am Rechen vor dem Hause hängen, so daß es die Bauern sehen und wissen, daß Ihr geschlachtet habt. Sobald aber die Nacht hereingebrochen ist, laßt Ihr es in aller Heimlichkeit bei Seite schaffen und erzählt jedem, der Euch begegnet, Euer Schwein sei in der Nacht von einem Spitzbuben gestohlen worden. So wird niemand eine Metzelsuppe von Euch erwarten und Euch in Eurem Unglück höchstens noch bedauern."

Dieser Rat gefiel dem Pfarrer gut, und er gedachte ihn zu befolgen. "Ihr dürft aber keinem Menschen ein Sterbenswörtchen davon verraten!" bat der Pfarrer. - "Keine Silbe, Herr Pfarrer; darauf könnt Ihr Euch verlassen!" erwiderte der Messner und ging nach Hause; schlich sich aber um Mitternacht, als das ganze Dorf in tiefem Schlafe lag, vors Pfarrhaus, nahm das Schwein auf die Schulter und trug es in seinen Keller, wo er es in einem großen Krautfaß versteckte.

Früh am Morgen schon erschien der Pfarrer wieder: " Messner, ich kann's fast nicht glauben "jammerte er, "man hat mir heute Nacht mein Schwein gestohlen !" - "Ja, Herr Pfarrer, so ist's recht! So müßt Ihr sagen und gerade so jämmerbarwie jetzt, - dann glauben's die Leute!" "Ich bitt' Euch, Messner' macht keine Späße; 's ist mir nämlich nicht danach! Man hat mir wirklich in der Nacht das Schwein gestohlen", sagte da der Pfarrer. -

"Recht so; so müßt Ihr sprechen, Herr Pfarrer! Und seid versichert: ich will schon mithelfen und dafür sorgen, daß es unter die Leute kommt. 's ist ja Samstag heut, wo sich ohnehin die Weiber in Metzig und Laden und die Männer im Wirtshaus treffen." - Als aber der Pfarrer gar nicht nachgab, zu versichern, daß das Schwein wirklich gestohlen sei, lächelte der Messner nur verschmitzt und sagte: "Macht nur keine Flausen! Ich weiß doch alles; hab' Euch ja selbst diesen Rat gegeben; bei mir bedarf's keiner Verstellung!"

Da ging der Pfarrer unwillig nach Hause. Weil ihm aber das Betragen des Messners verdächtig vorkam und er zuletzt in ihm den Dieb vermutete, sann er unterwegs darüber nach, auf welche Weise er sich am schnellsten Gewißheit verschaffen könne. Er hatte sich auch bald einen Plan zurecht gezimmert: Seine Schwiegermutter sollte horchen und ausspüren, ob der Messner in Wahrheit der Schweine Dieb sei.

Er steckte sie darum in eine Kiste, ließ diese in die Messnerwohnung schaffen und bat den Messner, die Kiste über den Sonntag in seiner Stube aufzubewahren. Er bekomme Besuch und könne sie daher während der Zeit nicht im Hause brauchen. Öffnen dürfe er aber die Kiste nicht; es könnte sonst leicht ein Unglück geschehen. Der Messner erfüllte des Pfarrers Wunsch gerne.

Am Sonntag kochte die Messnersfrau Sauerkraut und setzte ein gutes Stück von dem fetten Schweinefleisch zu. Wie nun die Familie am Tisch saß und aß, sagte die Tochter: "Ah! Wie schmeckt doch dem Herrn Pfarrer sein Fleisch so gut!" Das hörte die alte Frau in der Kiste und konnte das Lachen nicht mehr verhalten, so daß der Messner es bemerkte. Er zündete eine Schwefelschnitte an und steckte sie durch eine Ritze in die Kiste.

Er dachte, der drinnen säße, würde nach einer Weile um Hilfe rufen, und er könnte ihn ja dann heraus lassen. Als sich aber kein Laut mehr vernehmen ließ, brach er die Kiste auf und - sah zu seinem Schrecken des Pfarrers Schwiegermutter darin liegen. Die aber war im Schwefeldampf erstickt und mausetot. Neben ihr lag ein halber Laib Brot und ein Happen Rauchfleisch, von dem sie gegessen hatte. Da schnitt der Messner schnell ein Stück von dem Fleisch ab, steckte es ihr in den Hals und nagelte die Kiste wieder zu.

Als nun der Pfarrer am anderen Tag die Kiste zurückholen ließ und öffnete, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und rief: "Ach Gott, ach Gott! Die alte Frau ist an dem zähen Fleisch erstickt! Was fange ich nur an, ich armer, geschlagener Mann!" In seiner Not ließ er den Messner kommen und gestand ihm hinter verschlossenen Türen:

"Denkt Euch nur, Messner, meine Schwiegermutter ist in der Nacht an einem Bissen Fleisch erstickt. Weil ich aber in meiner Einfalt und Aufregung keinen Arzt zu Hilfe gerufen habe, fürchte ich, daß man mir Vorwürfe macht und mir gar die Schuld an ihrem Tode zu schiebt. Drum bitt' ich Euch, begrabt sie heimlich im Garten. Ich will Euch einen Scheffel Korn, den Ihr selbst einfassen dürft, zum Lohne geben." -

Der Messner war damit einverstanden, nahm die Tote und trug sie auf des Pfarrers Kornboden, wo er sich gleich einen gehäuften Scheffel Frucht einmaß. Als er damit fertig war, stellte er die tote Schwiegermutter bis über die Knie in den Kornhaufen und ging nach Hause.

Am andern Morgen kehrte die Pfarrmagd die Treppen und kam dabei auch auf den Speicher. Kaum aber hatte sie die Tür zur Fruchtkammer aufgemacht, stieß sie einen Schrei aus, rannte die Treppe hinab und in des Pfarrers Studierstube und erzählte außer Atem: "Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! . . . droben . . . in der Fruchtkammer ... steht Eure Schwiegermutter mitten im Kornhaufen ... und ..." -

"Wie? Was erzählst du mir da?" sagte der Pfarrer. "Geh schnell zum Messner hinüber; er soll gleich kommen!" - Der Messner kam. - "Habt Ihr denn meine Schwiegermutter nicht begraben?" fragte der Pfarrer. - "Freilich habe ich sie begraben", erwiderte der Messner. - "Aber sie steht droben auf der Kornbühne mitten im Fruchthaufen." - "Dann ist sie eine Hexe, Herr Pfarrer; sonst wäre sie nicht wiedergekommen!" -

Sollte der Pfarrer aufkommen lassen, daß seine Schwiegermutter eine Hexe sei? Er bat den Messner, sie noch einmal zu begraben. - "Das tue ich nur, wenn Ihr mir hundert Gulden auf die Hand legt. Andernfalls könnt Ihr sie selber einscharren!" - So schwer's ihm fiel, der Pfarrer mußte in den Beutel greifen und dem Messner die hundert blanken Gulden auf die Hand zählen. Der steckte sie in die Tasche, nahm dann die Leiche und trug sie in den Wald hinaus.

Er war noch nicht lange gegangen, da sah er unter einer Eiche einen Krämer sitzen. Der war eingeschlafen und hatte einen großmächtigen Koffer neben sich stehen; er schlief so tief, daß er nicht einmal merkte, wie der Messner den Koffer öffnete, alle Waren heraus nahm und davon trug und in einem hohlen Baum versteckte. Dann legte er die tote Frau hinein, drückte ihr einen der silbernen Löffel in die Hand, die der Krämer zum Verkaufe bei sich hatte, und schloß darauf den Koffer wieder vorsichtig ab.

Danach ließ er sich ein Stück weit entfernt im Schatten eines Baumes nieder und wartete, bis der Krämer erwachte, den schweren Koffer auf die Schulter nahm und sich zum Weiterwandern anschickte. Nun trat der Messner hinter dem Baum hervor, tat, als ob er ganz zufällig hier vorüber käme, grüßte den Fremden und sagte: "So, seid Ihr auch unterwegs? Werd' wohl nicht fehl gehen, wenn ich annehme, daß Ihr ein Handelsmann seid."

"Das bin ich", gab darauf der Krämer zur Antwort, "aber man macht schlechte Geschäfte heutzutage. Die Leute haben weder Lust noch Geld, etwas zu kaufen." "Da habt Ihr recht", sagte der Messner. "Aber manchmal muß auch einer etwas kaufen, ob er Lust hat oder nicht. Seid Ihr beim Pfarrer gewesen?" Der Krämer schüttelte den Kopf und sagte: "O je, den kenn' ich! Der ist zu knauserig, um unsereinen was verdienen zu lassen."

"Da habt Ihr wiederum recht. Aber diesmal ist's eine andere Sache. Geht nur gleich hin und klopft bei ihm an; er hat Trauerkleider nötig, weil seine Schwiegermutter gestorben ist." Da bedankte sich der Krämer bei dem Messner für den guten Rat und machte sich auf den Weg ins Pfarrhaus.

Der Pfarrer ließ ihn gar nicht erst bis in sein Studierzimmer gelangen, sondern kam in den Gang heraus und brummte mißgelaunt, er brauche nichts, er sei mit allem versehen. "So gestattet wenigstens, daß ich Euch meine Waren zeige", sagte der Händler und machte den Koffer auf. Da fiel das tote Weib heraus.

"Um Gottes willen!" rief der Pfarrer. "Das ist ja meine Schwiegermutter! Wie kommt die in Euren Koffer hinein?" Doch der Krämer konnte keine Antwort geben; er war vor Schrecken in Ohnmacht gefallen. Da ließ der Pfarrer den Messner holen und fragte ihn, ob er denn seine Schwiegermutter nicht begraben habe.

"Ei, freilich habe ich sie begraben! Schon zweimal; und diesmal habe ich sie sogar in den Wald hinaus getragen. Eben daran aber, Herr Pfarrer, daß sie immer wieder kommt, kann man deutlich sehen, daß sie eine Hexe gewesen sein muß!" - "So begrabt sie zum dritten Mal und sorgt dafür, daß sie nicht wieder ans Tageslicht kommt !"

Der Messner versprach es zu tun, wenn er ihm dreihundert Gulden gebe. Das kam den geizigen Pfarrer hart an; aber er hatte keine andere Wahl, wenn er die Sache geheim halten wollte, als den vollen Beutel aufzutun. Und diesmal ging der Messner wirklich in den Garten hinaus und begrub die Schwiegermutter unter einem alten Apfelbaum.

Inzwischen war der Krämer aus seiner Ohnmacht wieder erwacht und verlangte von dem Pfarrer, daß er ihm die Waren, die vor dem im Koffer gewesen, bezahlen solle. Der aber sagte, das gehe doch ihn nichts an; er habe die Sachen ja nicht gestohlen. "Aber Eure Schwiegermutter hat sie gestohlen! Sie hatte doch noch einen von meinen silbernen Löffeln in der Hand! Der Tand war wohl seine hundert Gulden wert, und wenn Ihr mir die nicht auf Heller und Pfennig bezahlt, dann verklage ich Euch samt Eurer Schwiegermutter!"

So blieb dem Pfarrer am Ende nichts übrig, als auch diese hundert Gulden dran zu geben, wenn er nicht in das böse Gerede der Leute kommen oder vom ganzen Dorf verhöhnt und ausgelacht werden wollte.

Das ist die Geschichte von der teuren Metzelsuppe, die der Pfarrer ganz allein zu verzehren gedachte. Meine Großmutter hat sie mir einst zwischen Tag und Dunkel erzählt, und also muß sie auch wahr sein, so gewiß als der Pfarrer Amen sagt.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE VIER KUNSTREICHEN BRÜDER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal vier Brüder, die hießen Hans, Jörg, Jockel und Michel. Der erste war ein Scharfschütze, der zweite ein Windbläser, der dritte ein Schnellläufer und der vierte, der Michel, war so stark, daß er die dicksten Eichen wie Grashalme aus der Erde rupfen konnte. Eines Tages gingen sie miteinander auf Wanderschaft in die weite Welt hinaus.

Da traf einmal ein Forstmann den Hans, der gerade sein Gewehr zum Schuß angelegt hatte, und es sah aus, als wolle er in die blaue Luft hineinschießen. »Wonach zielst du denn?« fragte der Förster. »Wonach ich ziele?« sagte Hans. »Hundert Stund von hier, auf einer Kirchturmspitze, sitzt ein Spatz, den will ich herunterschießen.« Er drückte ab, sah hinter der Kugel drein und sagte dann nach einer Weile: »So, da liegt er!«

Der Forstmann aber schüttelte ungläubig den Kopf und sagte: »Das machst du mir nicht weis! Auf eine so große Entfernung trifft kein Mensch!« Da rief der Hans seinen Bruder Jockel, den Schnellläufer, herbei und sagte zu ihm: »Hole doch geschwind den Spatzen, den ich hundert Stund weit von hier vom Kirchturm geschossen habe!« Jockel machte sich sogleich auf den Weg, war nach zwei Stunden wieder da und brachte richtig den toten Spatzen mit; aber in zwei Stücken; denn er war so gut getroffen, daß der Kopf rechts, der Leib links von dem Kirchturm herabgefallen war.

Der Förster ging weiter und traf nach einiger Zeit den Jörg. Der stand bei den sieben Windmühlen, schien müßig in den blauen Himmel hinaufzugucken und hielt dabei beständig ein Rohr vor den Mund. »Ei, Kamerad, was machst du denn da?« fragte der Forstmann. »Ich? Ich blase die Windmühlen an, daß sie nicht still stehen, weil doch heute der Wind nicht weht«, antwortete der Jörg.

Nicht weit davon traf der Förster auch den Michel an. Der hatte ein langes, armdickes Seil um drei Morgen Wald gespannt und machte eben den Knopf dran. Der Förster sah ihm von weitem eine Weile zu und dachte bei sich: »Sag mir bloß einer, was der Kerl im Sinn hat?« Endlich trat er näher heran und fragte: »Was willst du denn mit dem Seil anfangen, das du da um den Wald gelegt hast?« -

»Ach«, sagte der Michel, »ich wollte nur ein Büschel Holz holen, damit ich mir auch ein bißchen einbrennen kann, wenn's etwa im Winter recht kalt wird.« Sprach's und riß mit einem Ruck den ganzen Wald um, daß es nur so krachte, lud ihn auf die Schulter und trug ihn fort. Da brachte der Förster den Mund nicht mehr zu vor Staunen, wagte dem starken Michel kein böses Wort zu sagen und machte, daß er nach Hause kam. Die vier Brüder aber wanderten ihres Weges weiter, bis sie endlich in der Hauptstadt anlangten.

Dort war gerade im königlichen Schloß große Sorge und Not. Der König war schwer erkrankt, und sein Leibarzt erklärte, er müsse sterben, wenn nicht binnen sieben Stunden das Kraut des Lebens herbeigeschafft werde, das auf dem höchsten Berge fern an der Grenze des Landes wachse. Da ließ der König sogleich in allen Städten und Dörfern ausrufen: Wer ihm innerhalb sieben Stunden das Kraut des Lebens bringe, der bekomme zum Lohn einen Sack voll Geld, so schwer als er ihn tragen könne.

»Das wäre was für uns!« sagten die vier Brüder untereinander, und der Schnellläufer eilte spornstreichs aufs Schloß und meldete sich. »Ich will es aber schriftlich haben, Herr König, daß ich einen Sack voll Geld bekomme, wenn ich Euch das heilsame Kraut verschaffe«, sagte Jockel, und der König sicherte ihm den Lohn mit Unterschrift und Siegel zu.

Als er das Schriftstück in der Tasche hatte, sprang Jockel davon, so schnell ihn seine Füße trugen und kam schon nach zwei Stunden auf dem Berge an. Er fand auch gleich das Kraut des Lebens und machte sich auf den Heimweg. Als er aber eine Weile gelaufen war, dachte er, er habe ja noch Zeit genug und könne also gut ein wenig ausruhen. Er legte sich unter eine Eiche und schlief ein.

Inzwischen warteten die Brüder und warteten, und die Zeit verstrich. Da hielt endlich der Scharfschütze nach ihm Ausschau und sah ihn wahrhaftig fest eingeschlafen unter der Eiche liegen. Flink nahm er sein Gewehr, zielte und schoß dem Bruder eine Kugel durch den Rockzipfel. Davon erwachte der Jockel und sah schnell nach seiner Uhr. O Wetter! Es war höchste Zeit!

Er sprang auf und lief, springst nicht, so gilt's nicht, über Stock und Stein, und kam gerade noch zur rechten Zeit im Schlosse an. Sogleich bereitete der Leibarzt aus dem Kraut eine Arznei, gab sie dem Kranken zu trinken - und nach wenigen Stunden schon war der König wieder gesund. Darüber war er sehr froh und ließ dem Schnellläufer sagen, er solle am anderen Tag ins Schloß kommen und seinen Lohn abholen.

Der schlaue Jockel aber ließ sich vorher einen Sack machen, der war so groß, daß der Schneider hundert Ellen Zwilch dazu brauchte. Mit diesem Sack ging er zu seinem Bruder, dem starken Michel, und sagte: »Du mußt mit mir als mein Diener und den Sack tragen; da bist du gerade der rechte Mann dazu! Denn der König hat mir so viel Geld versprochen, als einer auf seinen Schultern tragen könne.« -

»Machen wir, Brüderchen!« sagte Michel und ging gleich mit ihm. Als sie zum König kamen, führte er sie in eine seiner Schatzkammern und sagte: »Hier nehmt euch, so viel einer tragen kann!« - »Pack ein, Michel!« sagte der Jockel. Da nahm der Michel eine Tonne Gold nach der anderen wie einen Spielball in die Hand und schüttete sie in den großen Zwilchsack. Als aber alles Gold drin war, war der Sack noch lange nicht voll, und der Michel konnte noch viel mehr tragen.

Deshalb gingen sie in die zweite Schatzkammer und steckten auch dort alles Geld in den Sack. Ja, sie gingen auch noch in die dritte Kammer und fingen an einzupacken. Da wurde der König böse und gab heimlich den Befehl, daß zwei Regimenter Fußsoldaten und zwei Regimenter zu Pferd vor das Schloß rücken und die beiden Burschen ja nicht entkommen lassen sollten. Bis die aber ankamen, dauerte es zwei Stunden, und unterdessen hatte der Michel längst den Geldsack über die Schulter geworfen und war hinter seinem Bruder Schnellläufer drein davon gegangen.

Weil der Sack aber so dick und breit war, konnte er damit nicht ganz ungehindert aus dem Schloßtor kommen, sondern mußte ein wenig Gewalt anwenden. Da ging der Sack zwar hindurch; aber auch die ganze Schloßtür samt acht Säulen blieben daran hängen. Der Michel ging ruhig weiter, als ob nichts geschehen wäre, bis er ans eiserne Hoftor kam. Da war der Durchgang wieder zu eng. Aber er tat einen herzhaften Ruck, hob das ganze Tor aus den Angeln und trug's samt den acht Säulen und der Schloßtür und den vielen Tonnen Goldes auf seinen Schultern davon.

Als er mit dieser Last eine Weile gewandert war, kam er an einen See. Da sprach er bei sich: »Hier will ich ein Viertelstündchen ausruhen, bis der Hans und der Jockel und der Jörg kommen; auch drückt mich das dumme Säcklein ein wenig auf der Schulter.« Wie staunte er da, als er den Sack ablegte und sah, was sonst noch alles drum und dran hing! Und da die drei Brüder auch gerade dazu kamen, mußten sie über den starken Michel recht herzlich lachen.

Plötzlich dröhnte der Boden von Pferdegetrappel und die vier Regimenter Soldaten brachen aus dem Walde hervor und wollten dem Michel den Sack wieder abnehmen. Doch eh' sie's gedacht, hatte der Jörg sein Windrohr an den Mund genommen und blies alle, Roß und Mann, in den tiefen See, daß sie jämmerlich ertranken. Drauf zogen die vier Brüder fröhlich weiter, teilten unter sich das Geld und lebten als reiche Leute glücklich und vergnügt bis an ihr Ende.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DONNER, BLITZ UND WETTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein alter König, der hatte einen Sohn und drei Töchter. Eines Tages wurde er schwer krank, ließ den Prinzen zu sich rufen und sprach: "Lieber Sohn, ich fühle, daß ich sterben muß. Höre meinen letzten Willen: Meine drei Töchter, deine Schwestern, sollen nicht eher heiraten, als bis nach meinem Tode sechs Jahre dahin gegangen sind. Versprich mir, dafür zu sorgen, daß dieser letzte Wunsch, den ich an euch und an das Leben habe, Erfüllung findet.'' Der Sohn versprach es dem Vater in die Hand, und bald darauf schloß der König seine Augen.

In der Folgezeit warben viele edle und reiche Prinzen um die schönen Prinzessinnen doch der junge König ließ es nicht zu, daß seine Schwestern heirateten, und sagte, sie müßten warten, bis die sechs Jahre herum seien. So waren nun schon drei Jahre vergangen, und gar mancher Freier war abgewiesen worden.

Da erschienen eines Tages drei vornehme Brüder und warben um die Schwestern des Königs; der eine hieß Donner, der andere Blitz und der dritte Wetter. Doch auch ihnen wurde die gleiche Antwort zuteil wie allen anderen. In einem aber unterschieden sich die drei Brüder von den früheren Freiern: sie ritten nicht schon am selben Tage wieder nach Hause, sondern nahmen in der Nähe des Schlosses Quartier, damit sie die schönen Prinzessinnen so oft wie möglich sehen konnten.

Als nun aber eines Tages der König verreiste, drangen sie ins Schloß ein, hoben die Prinzessinnen zu sich auf die wartenden Pferde und jagten mit ihrer holden Beute davon, über Wiesen und Felder fort in den dunkeln Wald. Als der König zurückkam und seine Schwestern nicht mehr vorfand, war er untröstlich. Er machte sich sogleich auf den Weg, sie zu suchen, und sollte er gehen müssen bis ans Ende der Welt.

Nachdem er lange Zeit vergeblich gewandert war, kam er in einen großen Wald. Er ging immer tiefer in ihn hinein, rief und suchte nach seinen Schwestern, konnte aber nirgends eine Spur von ihnen entdecken. Mit einem mal erblickte er auf einer Lichtung ein schönes Schloß. Und wie er ans Tor trat, rief ihm aus einem Fenster eine Stimme zu: "O Bruder, zu einer unglücklichen Stunde bist du ausgezogen und hierher gekommen! Kehre eilends um! Hier wohnt der Blitz und der ist mein Mann; wenn er heimkommt und dich findet, bringt er dich um!'' -

"Ist mir diese Stimme nicht bekannt?'', dachte der König, schritt näher an das Schloß heran und erkannte seine älteste Schwester. Da freute er sich sehr über das Wiedersehen und blieb trotz allem Mahnen bei ihr. Während sie nun so miteinander sprachen und sich erzählten, wie es ihnen seit der Trennung ergangen war, kam der Blitz nach Hause. Der aber zeigte sich über den fremden Besuch gar nicht böse, sondern begrüßte den König freundlich und lud ihn ein, sein Gast zu sein, solange es ihm gefalle. Dazu sagte der König gerne "ja'', denn nun konnte er wenigstens für eine kurze Zeit bei seiner lieben Schwester bleiben.

Schwager Blitz unterhielt sich jeden Tag mit dem König und suchte ihm mit allerlei Spielen die Zeit zu vertreiben. Meistens schossen sie mit Pfeil und Bogen. Das Ziel aber, denkt euch nur! war eine ganze Stunde weit entfernt, und der Pfeil hatte die merkwürdige Eigenschaft, daß er immer wieder von selbst zurückkam, und dazu brauchte er jedesmal zwei volle Stunden.

Der König konnte sich nicht genug darüber wundern, zumal Blitz so zu schießen verstand, daß der Pfeil weit über das Ziel hinausging, am Ende des Tales mit feurigem Zucken tief in einen Felsen eindrang und dennoch immer wieder zurückkehrte. Acht Tage lang blieb der König bei Blitz zu Gast, dann reiste er weiter, um seine beiden anderen Schwestern aufzusuchen.

Er wanderte fort und fort durch den großen, dunkeln Wald und stand mit einem mal wieder am Rande einer Wiese vor einem herrlichen Schloß. Da rief ihm aus einem Fenster eine Stimme zu: "O Bruder, zu einer unglücklichen Stunde bist du ausgezogen und hierher gekommen! Kehre eilends um! Hier wohnt der Donner und der ist mein Mann; wenn er dich da fände, würde er dich ohne Gnade umbringen!''

Der König freute sich, daß er auch seine zweite Schwester gefunden hatte, ließ sich nicht bange machen und blieb da. Als der Donner aber heimkam und den Bruder seiner Frau sah, begrüßte er ihn freundlich und bat ihn, doch einige Tage hierzubleiben, damit sie sich zusammen die Zeit vertreiben könnten. Der König nahm die Einladung gerne an, und Schwager Donner führte ihn gleich zu seiner Kegelbahn.

Die war, denkt euch nur! zwei Stunden lang, und die geworfene Kugel kam nach jedem Wurf von selbst wieder zurück. Am Ende der Bahn, die in einer abgründigen, finstern Schlucht lag, drang sie mit Krachen und Dröhnen tief in eine Felswand ein, rollte zurück und brauchte zu diesem Weg jedesmal vier volle Stunden.

Nachdem der König acht Tage lang bei seinem Schwager Donner sich aufgehalten hatte, zog er wieder weiter, um seine dritte Schwester zu suchen. Nach einigen Tagereisen kam er zu einem dritten Schloß, das grau und verwittert mitten in einem wilden Tannenforste lag. Aus dem Turmfenster rief ihm eine Stimme zu: "O Bruder, zu einer unglücklichen Stunde bist du ausgezogen und hierher gekommen! Rette dich, so gut du kannst! Dieses Schloß gehört meinem Mann, dem bösen Wetter; wenn er dich hier fände, würde er dich auf der Stelle umbringen!''

Der König aber beruhigte seine Schwester und blieb bei ihr, bis ihr Mann zurückkehrte. Wetter sah zuerst finster drein, wie er da den Fremden bei seiner Frau erblickte. Als sie ihm aber sagte, daß es ihr Bruder sei, der sie vor einer Stunde mit seinem Besuch überrascht habe, zeigte auch Wetter sein freundlichstes Gesicht und bat den Schwager, für ein paar Tage sein Gast zu sein. Und weil er mit Leib und Seele Jäger war, lud er den König ein, ihn auf die Jagd zu begleiten. Da sagte der König mit Freuden zu.

Als sie nun eines Tages im Walde jagten, erblickte der König plötzlich einen Hirsch; der war so stattlich und schön, wie er in seinem Leben noch keinen gesehen hatte. "Den muß ich erlegen! Koste es, was es wolle!'' dachte er und nahm sofort die Verfolgung auf. Doch der Hirsch schien ihn necken zu wollen; er ließ ihn immer ganz nahe herankommen, zielen und abdrücken, - im selben Augenblick aber, in dem der Pfeil von der Sehne schwirrte, war er verschwunden und setzte irgendwo zwischen fernen Bäumen gesund und munter davon.

Das ging mehrere Stunden lang so fort, und der König merkte nicht, daß er seinen Jagdgefährten schon längst verloren hatte. Er befand sich mitten im dunkelen, fremden Wald und wußte nicht aus und nicht ein. Endlich kam er auf einen freien Wiesengrund und traf dort einen alten Schäfer mit seiner Herde an. Bei dem erkundigte er sich nach dem Weg und hörte nun, wie weit er sich vom Schlosse weg verirrt hatte.

Er ließ sich mit dem freundlichen Schäfer in ein Gespräch ein, erzählte, wie er hierher gekommen, und auch das sonderbare Erlebnis, das er bei der Jagd mit dem Hirsch gehabt hatte. Da schüttelte der Alte lächelnd den Kopf und sagte: "Das war kein gewöhnlicher Hirsch, sondern Wetter, Euer Schwager! Er hat sich in den Hirsch verwandelt, um Euch zu täuschen und irrezuführen.'' -

"Glaubt Ihr?'' fragte der König. - "Das glaube ich nicht nur, sondern das weiß ich gewiß'', antwortete der Schäfer. Da wollte der König sogleich heimkehren, ein großes Kriegsheer sammeln und seine Schwestern aus der Gewalt der drei zaubermächtigen Brüder befreien. Der Schäfer aber sagte: "Nein! Hört mich an und tut, wie ich Euch sage:

Seht den großen Wald dort drüben; er ist des Wolfskönigs Reich. Durch ihn müßt Ihr hindurch, wenn Ihr den Zauberbann brechen wollt. Tretet Ihr aber unwissend in ihn ein, so werdet Ihr unversehens von wilden Tieren zerrissen. Darum nehmt dies Schaf aus meiner Herde, geht mit ihm bis an den Waldrand und ruft: ,Wolfskönig, hier bringe ich dir ein Schaf!` - und Euch wird kein Leid zustoßen.'' -

Der König tat, wie ihn der alte Schäfer geheißen, und der Wolfskönig trat heraus, bedankte sich freundlich und sprach: "Nun gehe ohne Furcht durch den Wald, und solltest du einmal Hilfe brauchen, so denke nur an mich; ich werde dir gerne zu Diensten sein.'' - "Ich danke dir auch und werde dein Anerbieten nicht vergessen'', sagte der König, verabschiedete sich und zog wohlgemut durch den Wald weiter.

Als er eine Weile gewandert war, kam er an einen See. Da lag ein schöner roter Fisch am trockenen Ufer und schlug verzweifelt mit dem Schwanze. "Du armer Kerl!'' sagte der König, hob ihn voll Mitleid auf und setzte ihn wieder ins Wasser. Der Fisch schwamm aber nicht gleich davon, sondern sprach: "Ich danke dir und will dir`s lohnen. Wenn du einmal in Not bist, so denke nur an den Fischkönig; dann werde ich dir zu Hilfe kommen.'' - "Vielen Dank!'' antwortete der König und setzte seine Reise fort.

Als er am anderen Tag so gemütlich den Weg dahin ging, sah er eine Hornisse vor seinen Füßen liegen. Sie lag auf dem Rücken und konnte sich nicht wieder von allein in die Luft erheben. Andere hätten wohl das Tier zertreten; der König aber, der ein gutes Herz für alle Geschöpfe hatte, hob es auf und ließ es fliegen. Doch ehe die Hornisse weiter flog, bedankte sie sich und sprach: "Ich bin der Hornissenkönig. Wenn du je einmal in Not gerätst, so denke an mich; ich werde dir sogleich zu Hilfe eilen.''

Nach mehreren Tagen erreichte der König das Ende des Waldes. Er kam auf eine Wiese und fand dort eine Hütte und darin ein altes Mütterchen. Das nahm ihn freundlich auf. Und weil er müde und hungrig war, blieb er da, um sich ein wenig zu erholen. Die alte Waldfrau aber war eine weise Zauberin und die Mutter der drei Brüder Donner, Blitz und Wetter.

Als die Nacht hereingebrochen war, kamen die drei zu ihrer Mutter in die Hütte. Wie erstaunt waren sie da, als sie ihren Schwager, den König, in dem großen Gastbett neben dem Ofen liegen und schlafen sahen. Besonders Wetter machte große Augen und sagte: "Wie kommt denn der hierher? Ich dachte, er findet nie mehr aus meinem Walde heraus, in dessen finsterste Gründe ich ihn auf einer Hirschjägd verlockt habe !'' -

"Er muß geheime und mächtige Gehilfen haben!'' entgegnete die Zauberin. "Es gibt nur eine Rettung für uns: Wir müssen ihm eine Aufgabe stellen, die so schwer ist, daß er sie nicht erfüllen kann. Andernfalls ist es um uns und unsere Herrschaft geschehen!'' - "Weißt du eine solche Aufgabe, Mutter?'' fragten die drei Söhne.

"Ja, hört zu. Ihr sollt euch in den kommenden Nächten in Pferde verwandeln, und die will ich ihn dann hüten lassen. Versteckt euch aber ja gut im Wolfswalde, daß weder er noch sonst jemand euch finden kann! Denn sonst ist es aus mit uns!'' -

"Ja, so wollen wir es machen!'' sagten die Brüder; "er wird zum letzten mal so gut geschlafen haben, wie er es gerade tut!'' Wenn aber nur wahr gewesen wäre, was die Zauberin und ihre drei Söhne glaubten! Doch der König schlief nicht, hatte alles wohl verstanden, was sie da miteinander besprochen hatten, und merkte es sich gut.

Am anderen Morgen sagte die alte Zauberin zum König: "Dafür, daß ich dir Essen und Nachtquartier gebe, mußt du drei Nächte lang auf der Weide draußen meine Pferde hüten.'' - "Das will ich gerne tun'', antwortete der König. Als es nun Abend geworden war, nahm sie ihn mit hinaus vor die Hütte, wo drei prächtige Pferde im Sande scharrten und sagte: "Führe sie auf die Weide. Sieh aber wohl zu, daß dir keines verlorengeht!''

Der König versprach, gut auf sie achtzugeben, und trieb sie in die Koppel. Sie weideten auch einige Stunden lang ganz ruhig, und der König ließ sie nicht aus den Augen. Auf einmal aber waren alle drei spurlos verschwunden. "Wie wird es dir ergehen?'' dachte besorgt der König und suchte die Pferde überall, bis der Tag anbrach. Doch alles Suchen war vergebens. Da überfiel ihn eine große Angst vor der Strafe der Zauberin, und er seufzte: "Wenn jetzt nur der Wolfskönig da wäre und mir helfen könnte.''

Kaum hatte er dies vor sich hin gesagt, stand auch schon der Wolfskönig vor ihm und fragte, was er wünsche. Da klagte ihm der König seine Not; der Wolfskönig beruhigte ihn aber, ging fort und sandte alle seine Knechte aus, die den ganzen Wolfswald nach den drei Pferden durchsuchten. Es dauerte nicht lange, da fanden sie, tief in einer Felsenhöhle versteckt, die drei Pferde und führten sie vor den König.

Die Alte staunte nicht wenig, als der König ihr die Pferde wiederbrachte. "Nun bin ich aber müde und möchte mich ein wenig ausruhen'', sagte er, zog Rock und Stiefel aus und legte sich auf sein Lager. Da hörte er, wie die Frau in der Stube draußen zu ihren Söhnen sagte: "Versteckt euch heute nacht auf dem Grund des Sees; dort können die Boten des Wolfskönigs nicht hinkommen.''

Am Abend bekam der König wieder die drei Pferde zu hüten, führte sie hinaus auf die Koppel und gab wohl acht auf sie. Ein paar Stunden lang weideten sie fromm wie Lämmer vor seinen Augen; dann aber waren sie ganz plötzlich wieder verschwunden. Diesmal aber blieb der König ganz ruhig und sagte: - "Nun könntest du mir helfen, lieber Fischkönig.'' Kaum hatte er diese Worte vor sich hin gesprochen, stand auch schon der Fischkönig da und fragte ihn, was er wünsche.

Da erzählte der König, wie es ihm seither ergangen war und in welch großer Not er sich nun befinde. "Sei ohne Sorge!'' sagte der Fischkönig und gab sogleich allen Fischen den Befehl, den großen See bis in die letzten Schlupfwinkel hinein zu durchsuchen. Und richtig! - sie fanden die drei Pferde tief auf dem Grunde unter einem gewaltigen Stein verborgen und brachten sie dem König. Der dankte dem Fischkönig von Herzen für seine Hilfe und führte sie dann wohlgemut vor die Hütte der alten Zauberin.

Die konnte vor Staunen gar keine Worte finden; der König aber begab sich in seine Kammer und legte sich nieder, um auszuruhen. Da hörte er, wie die Mutter ihre drei Söhne wieder schalt, weil sie sich nicht besser verborgen hatten. Sie aber entgegneten: "Hätte der Fischkönig ihm nicht geholfen, so hätte uns in alle Ewigkeit niemand finden können!'' -

"So versteckt euch heute nacht hoch in den Wolken; dahin kann euch weder der Fischkönig noch der Wolfskönig folgen!'' sagte die Mutter. "Das eine aber laßt euch gesagt sein: Findet euch der König zum dritten Male, dann hat meine und eure Macht über die Menschen für immer ein Ende!''

Der König hatte jedes Wort der Unterhaltung wohl verstanden und merkte sie sich gut. Am Abend trieb er die drei Pferde wieder auf die Wiese und sah ihnen mehrere Stunden lang beim Weiden zu. Auf einmal waren sie wieder spurlos verschwunden. "Habt keine Sorge'', sagte der König lächelnd, "ich weiß schon, wo ihr zu finden seid! Diesmal wird der Hornissenkönig mir aushelfen können.'' Kaum hatte er dies gesagt, kam auch schon der Hornissenkönig angeflogen und fragte, auf welche Weise er ihm dienen könne.

Als der König ihm Bescheid gegeben hatte, befahl der Hornissenkönig seinen hunderttausend Hornissen, den ganzen Himmel zu durchstreifen und alle Wolken zu durchsuchen, solange, bis sie die drei Pferde fänden. Da brausten die Hornissen wie der Wind davon. Lange, lange suchten sie vergebens. Endlich aber fanden sie hoch oben in einer schwarzen Wolke die drei Rosse und führten sie ihrem Herrn und Meister zu.

Der übergab sie sogleich dem König, und als der sie der Zauberin zum dritten Male zurückbrachte, wurde sie sehr traurig und sprach: "Du hast die Aufgabe, die ich dir stellte, besser gelöst, als ich dachte. Nimm dafür ein anderes, merkwürdiges Pferd zum Geschenk an. Es bringt dir Glück und trägt dich sicher nach Hause.''

Wie aber staunte der König, als er dieses Pferd sah! -- denn es war aus Holz und hatte vier Köpfe. Und während er das seltsame, schreckliche Wesen betrachtete, hörte er eine dunkle Stimme sprechen: "Nimm dein Schwert und haue damit dem Tier seine vier Köpfe ab, so werden deine Schwestern aus der bösen Zaubermacht der Alten und ihrer drei Söhne befreit sein!''

Der König gehorchte der Stimme, und alsbald stand ein schönes, gesatteltes Pferd vor ihm. Er ritt zu den drei Schlössern im Walde, befreite seine Schwestern und nahm so viel Gold und Edelsteine aus den verborgenen Schatzkammern mit sich, daß er dadurch zum reichsten König der Welt wurde. Dann ritt er auf seine heimatliche Burg, nahm die drei Schwestern zu sich und lebte mit ihnen froh und glücklich bis an sein Ende.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DREI ROSEN AUF EINEM STIEL ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf einem abgelegenen Hof, nahe bei einem großen Tannenwalde, lebte einmal ein Bauer, dem seine Frau schon vor Jahren gestorben war. Zum Glück hatte er aber zwei erwachsene Töchter, die eine blond und die andere schwarz; die führten ihm nun den Haushalt, versahen den Stall und das Hühnervolk und halfen auch draußen auf dem Felde mit, so gut sie konnten.

Meist richteten sie es aber so ein, daß die eine dem Vater bei den bäuerlichen Arbeiten half, während die andere zu Hause blieb und dort nach dem Rechten sah. Denn es war nun einmal so, und niemand wußte eigentlich zu sagen warum, daß die zwei Schwestern sich nicht vertrugen, sondern sich wegen jeder Kleinigkeit zankten oder tagelang, ohne sich ein Wort zu gönnen, aneinander vorübergingen.

Dem Vater aber waren beide gleich lieb; er bemühte sich redlich, keine der anderen gegenüber zu bevorzugen, und erfreute sie häufig durch Geschenke, die sie sich immer selber wählen durften. Als er darum eines Tages wieder einmal auf den Markt ging, rief er sie zu sich in die Stube und fragte: "Ihr wißt ja, heut ist Markt im Dorf drunten; was soll ich euch mitbringen?"

"Ich möchte ein schönes Sonntagskleid haben", sagte die eine. "Und ich wünsche mir drei Rosen auf einem Stiel", entgegnete die andere. "Drei Rosen auf einem Stiel? . . . Wenn ich die nur bekommen kann", sagte der Vater und machte sich auf den Weg.

Als er seinen Handel abgeschlossen und im Wirtshaus zu Mittag gegessen hatte, kaufte er der einen Tochter ein schönes neues Kleid; obgleich er aber den ganzen Markt zweimal auf und ab ging und sich auch auf dem Heimweg lange und angestrengt umsah, konnte er doch nirgends drei Rosen erblicken, die auf einem Stiele wuchsen.

Endlich, als er schon ein gutes Stück vor dem Dorf draußen war, sah er in einem Garten einen blühenden Rosenstrauch stehen. Er betrachtete ihn näher, und wahrhaftig - an ihm wuchsen drei Rosen auf einem Stiel beisammen, so wie die zweite Tochter es sich gewünscht hatte. Ohne sich lange zu besinnen, trat er in den Garten ein, faßte das Zweiglein mit den drei Rosen und wollte es gerade abbrechen.

Da stand mit einem Male ein braun zottiger Bär vor ihm und sagte: "Was suchst du da in meinem Garten?" Als er sich von seinem Schrecken erholt hatte, erzählte der Bauer, daß seine eine Tochter gewünscht habe, er solle ihr drei Rosen auf einem Stiel als Marktgeschenk mitbringen. Lange habe er vergeblich gesucht; hier an diesem Strauch habe er endlich einen solch wundersamen Zweig gefunden. Ob er ihn nicht brechen und mit nach Hause nehmen dürfe.

"Du kannst die drei Rosen mitnehmen", sagte der Bär; "doch nur unter der Bedingung, daß du morgen um die selbe Stunde wieder hieher kommst und deine Tochter mitbringst. Es soll ihr Schaden nicht sein. Tust du aber nicht, was ich dir geboten, so mußt du sterben!" Der Bauer versprach wiederzukommen, bedankte sich für die drei Rosen und machte sich auf den Heimweg.

Als er auf dem Hofe ankam, warteten seine Töchter schon auf ihn. Die Schwarzhaarige begrüßte ihn am Brunnen, wo sie gerade Wasser für das Vieh schöpfte; die Blonde trat ihm freudig aus der Küche entgegen. Als sie das Zweiglein mit den drei Rosen in des Vaters Hand sah, strahlten ihre ,Augen vor Glück; sie bewunderte es lange und stellte es dann sorgsam in ein Glas ans Fenster.

Die Schwarzhaarige aber, die ihr Kleid gleich einmal zur Probe angelegt hatte, lächelte nur verächtlich, als sie die drei Rosen sah, und wie sie erst vernahm, daß die Schwester morgen den wilden Bären besuchen sollte, meinte sie: "Du wirst deine drei Rosen teuer bezahlen müssen und nicht wieder zurückkehren!" Die Blonde aber sagte: "Was der Vater dem Bären versprochen hat, das will ich halten."

Am anderen Tag begab sich der Bauer mit seiner Tochter zu dem Garten des Bären. Als sie eintraten, kam auch schon der Bär angetrottet und fragte: "Ist das die Tochter, die sich die drei Rosen gewünscht hat?" - "Ja", erwiderte der Vater. "Laß sie bis zum Sonnenuntergang bei mir", sprach der Bär. "Es soll ihr kein Leid geschehen und wird sie nicht gereuen."

Dem Bauern fiel es schwer, die Tochter so mutterseelenallein bei dem wilden Tier zu lassen, und er dachte den ganzen Tag über voll Sorge an sie. Doch er hätte sich nicht mit solchen Gedanken zu quälen brauchen. Denn als der Bär mit dem Mädchen allein war, nahm er es behutsam bei der Hand und führte es in ein herrliches Lustschloß, das zwischen Bäumen und blühenden Sträuchern versteckt mitten in dem Garten lag.

Er zeigte ihm alle die prunkvollen bemalten Räume und auch die Schmuckschränke, in denen es nur so gleißte und funkelte von Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen. So etwas hatte die einfache Bauerntochter noch nie gesehen, und sie konnte ihre Augen fast nicht mehr abwenden von all den Herrlichkeiten. "Wähle für dich aus, was dir am besten gefällt", sprach der Bär. "Ich will es dir schenken, wenn du morgen noch einmal allein zu mir in den Garten kommst."

Das Mädchen versprach es, suchte sich eine Halskette und einen Ring aus und kehrte am Abend vergnügt nach Hause zurück. Als die Schwarzhaarige den kostbaren Schmuck sah, wurde sie blaß vor Neid. Und weil sie vermutete, daß die Schwester beim nächsten Besuche womöglich noch reicher beschenkt werden könnte, suchte sie ihr wiederum Furcht vor dem Bären einzureden und sie so weit zu bringen, ihr Versprechen nicht einzuhalten und lieber daheim zu bleiben.

Aber all ihr Zureden und Einflüstern war umsonst. Da stand sie in der Nacht heimlich auf, raffte die Kleider und Schuhe der Schwester zusammen und versteckte sie in der Scheune unter dem Heu. Wohl eine Stunde lang suchte die Blonde am anderen Morgen nach ihren Kleidern und ahnte bald, daß die neidische Schwester ihre Hände im Spiel hatte. Doch sie ließ sich in ihrem Entschluß, dem Bären ihr Wort zu halten, nicht beirren, zog ihre alte zerwaschene und geflickte Küchenschürze an und ging barfuß vom Hofe.

Weil sie sich aber beim Suchen zu lange aufgehalten hatte, kam sie verspätet im Garten an. Da stand der Rosenstrauch mit traurig leblosen Zweigen, und die Rosen hingen blaß und halb verwelkt zwischen den Blättern. "Es ist auch so totenstill überall", dachte sie und rief mit banger Stimme nach dem Bären. Niemand gab Antwort. Weinend irrte sie von einem Ende des Gartens zum anderen und lockte und rief: "Komm, komm mein Bär! Wo bist du denn, mein liebes Tier?" Da hörte sie endlich aus dem Rosenstrauch hervor etwas wimmern und winseln, lief drauf zu und sah den Bären wie tot auf dem Moose liegen.

Als sie aber mit ihren Händen die Zweige und Blüten berührte, um dem Tier den Weg freizumachen, richteten sich die welken Ranken und Blätter wieder auf, die Rosen dufteten und leuchteten, und der Bär schlug die Augen auf, kroch aus dem Dickicht hervor, streifte daran seinen zottigen Pelz ab und stand als ein schöner, junger Prinz vor dem Mädchen. "Nun bin ich unglücklicher, verwunschener Königssohn endlich befreit!" sprach er.

"Deiner Liebe und Treue, liebes Mädchen, habe ich mein neues Leben zu danken, und darum will ich dich zu meiner Frau und Königin machen!" Unter dem Rosenstrauch gab er ihr den Verlobungskuß, und bald darauf hielten sie Hochzeit und lebten glücklich miteinander bis an ihr Ende.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

FLÄSCHLEIN, TU DEINE PFLICHT! ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Müller, der konnte auf seiner Mühle nicht vorwärts kommen, er mochte arbeiten und sich anstrengen, so sehr er wollte. Das war wohl sonderbar, aber es brauchte einen nicht wundernehmen; denn erstens gehörte die Mühle nicht ihm, sondern dem Grafen, dem er hohen Pachtzins dafür zahlen mußte, und zum anderen brachte der Mühlbach oft so wenig Wasser, daß das Rad still stand und also auch die Mahlpfennige recht dünn und spärlich flossen. Dadurch war der Müller allmählich so arm geworden, daß er schon seit mehreren Jahren nicht imstande war, das Pachtgeld zu bezahlen.

Der Graf aber drängte immer unwilliger und drohte zuletzt, ihn aus der Mühle zu vertreiben, wenn er binnen drei Tagen nicht seine Schuld beglichen habe. Da nahm der Müller in der Not seine einzige Kuh und führte sie in die Stadt, um sie auf dem Markt zu verkaufen.

Wie er nun so bekümmert mit der Kuh durch den Wald zog, kam auf einmal ein Männlein mit grauem Runzelgesicht daher und fragte, was ihm denn fehle, daß er so traurig sei. Der Müller, der ohnehin ein freundlicher und leutseliger Mann war, faßte gleich Zutrauen zu dem Männchen und erzählte ihm alles, was ihn bedrückte. Da sprach das Männlein: "Ich will dir die Kuh abkaufen. Ich gebe dir dieses Fläschlein dafür. Wenn du das auf den Tisch stellst und sprichst: ,Fläschlein, tu deine Pflicht!', so wird es dir gewiß an nichts mehr mangeln."

Der Müller wollte aber nicht recht, war ängstlich und meinte: "Ach, was wird meine Frau sagen, wenn ich statt Geld dieses Fläschlein heimbringe." - "Ei", versetzte drauf das Männlein in ärgerlichem Tone, "wie magst du dich noch lang besinnen! Geld möchtest du heimbringen? Weißt du denn überhaupt, ob du deine Kuh da lebendig auf den Markt bringst?"

Da fürchtete sich der Müller, weil er die Worte für eine Drohung hielt und gab dem Männlein die Kuh für das Fläschchen. Kaum war der Tausch geschehen, versank das Männlein mit der Kuh in die Erde und war nicht mehr zu sehen. Der Müller stapfte eilends nach Hause, stellte das Fläschlein auf den Tisch und sprach: "Fläschlein, tu deine Pflicht ! Da war auch schon im Augenblick der Tisch mit goldenen Schüsseln voll herrlichster Speisen gedeckt.

Voller Freude rief er seine Frau herbei, und die schlug vor Verwunderung die Hände über dem Kopf zusammen. "Ja, Mann! Ja, Mann!" rief sie ein übers andere Mal und vergaß beinahe, sich an den gedeckten Tisch zu setzen und sich's schmecken zu lassen. Am anderen Morgen machte der Müller sich auf den Weg in die Stadt, verkaufte die goldenen Schüsseln und erhielt soviel Geld dafür, daß er mit einem mal ein reicher Mann war.

Gleich ging er aufs Schloß und bezahlte seine Schulden. Der Graf wunderte sich sehr darüber, daß der Müller so schnell den Pachtzins beisammen hatte. Er sah ihn mißtrauisch an und sagte: "Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen! Wie kommst du auf einmal zu dem vielen Geld?" Der Müller wollte es lange nicht sagen, mußte aber zuletzt doch die ganze Geschichte erzählen; wie ungern er's auch tat. "Verkaufe mir das Fläschlein", sagte da der Graf; "ich gebe dir einen Beutel voll Dukaten dafür."

Doch der Müller wollte und wollte es nicht hergeben. Als ihm aber der Graf zuletzt nicht nur die Mühle, sondern auch sein schönes Schloß für das Fläschlein bot, konnte er nicht mehr länger widerstehen und gab es ihm. Sobald aber der Graf das Fläschchen in der Hand hatte, sagte er: "Laß dir nur nicht träumen, daß du das Schloß bekommst! Hahaha! Das Schloß bleibt mein! Du hast an der Mühle genug; die kannst du meinetwegen behalten!" So also war der gute, leichtgläubige Müller betrogen worden.

Nun hatte er zwar von dem Erlös für die goldenen Schüsseln noch ein gutes Sümmchen übrig; weil aber die Mühle wieder einmal ohne Wasser war und ihm darum nichts eintrug, war das Geld bald verbraucht, und er geriet wieder in bittere Armut. In dieser Not wollte er eines Tages einen Freund besuchen und ihn bitten, ihm doch etliche Taler zu leihen. Als er so betrübt und allein im Wald dahinwanderte, stand plötzlich wieder das Männlein vor ihm und fragte, was er auf dem Herzen habe.

Da erzählte er, wie es ihm ergangen war und wie der Graf ihn betrogen und ins Elend gebracht habe. Darauf gab ihm das Männlein ein zweites Fläschchen und sprach: "Da, nimm dies Fläschlein; es wird dir zu jenem ersten wieder verhelfen. Sobald du sprichst: ,Fläschlein, tu deine Pflicht!', kommen drei Kerle daraus hervor und zerschlagen alles, was ihnen in den Weg kommt, und hören nicht eher auf, als bis du sagst: ,Fläschlein, du hast deine Pflicht getan!"'

Der Müller bedankte sich und machte sich spornstreichs auf den Weg zum Schloß. "Herr Graf! Ich habe wieder ein solches Fläschchen, und seine Zauberkraft ist noch größer!" So verkündete er voller Freude und schwang das Fläschlein mit erhobener Hand. Da strahlten die tückischen Augen des Grafen, und er lud den Müller freundlich zum Dableiben ein. Dann ließ er die Diener Essen und Trinken auftragen und bewirtete ihn aufs beste; denn er gedachte ihm auch das zweite Fläschlein abzulocken.

Als sie gegessen und getrunken hatten und der Graf wieder von dem Fläschlein zu reden anfing, fragte der Müller: "Soll ich es zur Probe einmal seine Pflicht tun lassen?" - "Ja, zeig mal, was der kleine Flaschenkobold kann!" rief der Graf. - "Gerne zu Diensten, Herr Graf!" sagte der Müller und schmunzelte dabei. "Also, mein Fläschlein, tu deine Pflicht!"

Im Augenblick hüpften drei wilde Kerle daraus hervor und schlugen so wetterlich auf den Grafen los, daß er weh und ach schrie und den Müller um Gottes willen bat, ihn doch zu verschonen. "Hast meiner auch nicht geschont und mich dazu hin noch um das Fläschlein betrogen!" entgegnete der Müller und ließ die drei Gesellen lustig auf des Grafen Rücken weitertrommeln.

Da zeigte ihm der Graf den Schrank, in dem das Fläschlein versteckt war, und der Müller schob es in die Tasche und entfernte sich. Die drei Kerle aber ließ er so lange weiter zuschlagen, bis der Graf keinen Schnaufer mehr tat und das ganze Schloß nur noch ein Trümmerhaufen war. Dann sprach er: "Fläschlein, du hast deine Pflicht getan!", und sogleich wurden die drei Spießgesellen ganz klein und Krochen wieder in das Fläschlein zurück.

Nun war der Müller froh, daß er das erste Zauberfläschchen wieder hatte und sprach jeden Tag zu ihm: "Fläschlein, tu deine Pflicht!" Sogleich stand dann der Tisch voll goldener Schüsseln, die mit den köstlichsten Speisen gefüllt waren. Die ließ er sich munden, verkaufte dann die Schüsseln an einen Goldschmied in der Stadt und wurde in kurzer Zeit ein steinreicher Mann.

Darauf baute er sich ein schönes Schloß, und weil er dachte, daß er nun Schätze genug habe, mauerte er das Fläschlein in den Grundstock ein. Das zweite Fläschchen aber, in dem die drei wackeren Gesellen verborgen waren, trug er immer bei sich, damit es ihm jederzeit aus aller Not und Gefahr helfen konnte.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

KÖNIG MEERFAHRER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der wurde überall nur "König Meerfahrer" genannt, weil er ein halbes Leben lang auf allen Meeren gefahren war. Nun war er in sein Land zurückgekehrt und trug sich mit dem Gedanken zu heiraten. Da träumte ihm drei Nächte hintereinander, er solle ein armes Mädchen, das keinen Kreuzer Geld besitze, zur Frau nehmen.

Als er am Morgen nach dem ersten Traum erwachte, schüttelte er den Kopf und lachte darüber. "Was für unmögliches Zeug doch einer träumen kann!" sagte er vor sich hin und ging an seine Regierungsgeschäfte. Wie aber der Traum sich dreimal wiederholte, nahm er ihn für ein Zeichen und sann lange darüber nach. Endlich dachte er bei sich: "Wenn ich auch ein König bin so könnte ich doch mit einer armen Frau glücklich werden; wenn sie sonst nur lieb und brav ist." Am anderen Tage schon begab er sich auf die Reise, um sich in der Welt umzusehen und die richtige Frau für sich auszusuchen.

Er war schon eine gute Weile unterwegs, da kam er eines Abends in ein fremdes Dorf. Weil aber im Wirtshaus kein Platz mehr war, mußte er bei einem armen Schuster übernachten. Wie er da so in der niedrigen Stube saß, rief der Meister seine Tochter herein, dem vornehmen Gast das Nachtessen und hernach das Bett zu richten. Das Mädchen war jung und hübsch und gab auch dem König auf alle Fragen so gute und verständige Antworten; daß es ihm von Herzen wohl gefiel.

Und so geschah es, daß er noch am selben Abend den Schuster bat, er möge ihm seine Tochter zur Frau geben. Der arme Schuster glaubte, der König wolle ihn zum besten haben; darum sagte er: "Herr König, Ihr solltet über meine Armut nicht spotten! Mein Kind ist zwar brav und gut, aber ich weiß recht wohl, daß ihm alles fehlt, was die Frau eines Königs besitzen muß." Aber der König blieb mit allem Ernst dabei: Keine andere als seine Tochter müsse seine Gemahlin werden.

Da sagte der Schuster: "Nun, so will ich nichts dagegen haben. Das Weitere müßt Ihr mit meiner Tochter selbst ausmachen. Am anderen Morgen traf der König die Schusterstochter allein im Garten an, gestand ihr seine Liebe und versprach ihr, sie sein Leben lang in Treuen lieb zu haben Sie errötete und senkte den Blick zu Boden, und konnte es fast nicht glauben, daß der König ein so armes Mädchen wie sie zu seiner Frau machen wolle.

Als sie aber merkte, wie ernst es ihm mit seiner Bitte war, sagte sie von Herzen "ja". Bald darauf wurde die Hochzeit gefeiert, und die beiden waren glücklich miteinander, obwohl im Schlosse auch noch die alte Mutter des Königs wohnte, die eine unleidige und finstere Frau war.

Sie waren aber noch kein halbes Jahr verheiratet, da brach ein Krieg aus, und der König mußte an der Spitze seines Heeres gegen die Feinde ziehen, weit, bis an die Grenzen seines Landes. Mehrere Monate war er nun, schon von zu Hause fort; da gebar eines Tages seine Frau drei wunderschöne Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, und jedes hatte ein kleines goldenes Kreuz als Mal auf der Schulter.

Die Mutter des Königs aber, die böse, hochmütige Frau, konnte die junge Königin nicht leiden, weil sie so arm und von so niederer Herkunft war. Deshalb nahm sie ihr gleich nach der Geburt die drei Kinder weg und schrieb dem König in einem Brief, seine Frau müsse eine Hexe sein, denn sie habe drei Hunde geboren.

Darüber wurde der König sehr zornig, und schrieb seiner Mutter zurück, sie solle die drei Hunde ins Wasser werfen und seine Frau so lange in den tiefen Turm einsperren lassen, bis er aus dem Krieg zurückkomme. Diesen Auftrag führte die Alte mit Freuden aus. Die Königin wurde in den Kerker geworfen und bekam jeden Tag nur Wasser und Brot. Die drei Kinder aber ließ das böse Weib in ein Faß einschließen und so in den nahen Fluß werfen.

Das Faß sank jedoch nicht unter, sondern schwamm auf der Strömung fort und wurde zuletzt an das Wehr einer Mühle getrieben. Der Müller holte es heraus und öffnete es. Wie wunderte er sich da, als er die drei schönen, zarten Kinder darin fand! Er brachte sie gleich seiner Frau, und die sorgte für sie mit Liebe und zog sie auf wie ihre eigenen fünf Kinder.

So waren beinahe fünfzehn Jahre vergangen. Der König mußte andauernd Krieg führen; seine Frau aber blieb in dem Turm eingesperrt und seine drei Kinder wurden fern in der Mühle großgezogen. Nun konnten sich aber die Kinder des Müllers mit den Königskindern nur schlecht vertragen. Sie schlossen sie bei ihren Spielen aus und neckten sie oft damit, daß sie keinen Namen und keine Heimat hätten und bloß Findelkinder seien.

Das verdroß die Königskinder endlich so sehr, daß sie eines Tages die Mühle heimlich verließen und fortwanderten, tief in den Wald hinein. Da begegnete ihnen eine alte Frau, die war eine Zauberin. Als sie sich nach dem Weg erkundigten, sagte die Alte: "Bleibt nur bei mir. Ich will euch verraten, wie ihr euer Glück machen könnt." - "Das möchten wir gar gern", sagten die drei Königskinder. "Sag uns, wie das geschehen kann."

Da erzählte ihnen die Zauberin, im Walde stehe ein verwunschenes Schloß, das könnten sie aus seinem Zauberschlaf befreien. Das war eine Aufgabe, so recht nach dem Sinne der Königssöhne! Darum antworteten sie auch wie aus einem Munde: "Das wollen wir gerne tun! Sag uns nur, wie wir es anfangen sollen!" -

Da flüsterte die Alte geheimnisvoll: "Ihr braucht bloß den goldenen Käfig mit der schwarzen Amsel drin aus dem Schlosse zu holen. Aber ihr dürft euch durch nichts aufhalten lassen und müßt euch beeilen; denn nur des Mittags beim zwölften Glockenschlag tut sich das Schloß für eine Stunde auf und kann die Befreiung gelingen. Wer mir den goldenen Käfig bringt, der bekommt das Schloß und alle Schätze, die es in seinen hundert Zimmern birgt." -

"Wir wollen das Los darüber entscheiden lassen, welcher von uns beiden das Schloß gewinnen soll", sagten die Brüder, und der, den es traf, machte sich sogleich auf den Weg in den dunkeln Wald. Er kam auch richtig schon nach kurzer Zeit vor das Schloßtor, und weil es gerade Mittag vom Turm schlug, konnte er mit dem zwölften Schlag ungehindert eintreten.

Er konnte nicht genug staunen über das prächtige Schloß und wollte sich erst einmal alle Räume genau ansehen. Seltsamerweise ließ sich kein menschliches Wesen blicken, wohl aber allerlei Getier des Waldes: Rehe, Hasen, Füchse und Vögel, die ihn alle zutraulich umdrängten. Während er mit den Tieren spielte, hörte er auf einmal eine so wunderschöne Musik, wie er in seinem Leben noch keine vernommen hatte. Er blieb stehen und lauschte und vergaß alle Zeit.

Plötzlich aber erdröhnte ein so mächtiger Schlag, daß er vor Schreck erbleichte und meinte, das Schloß stürze in sich zusammen. Zugleich aber fielen alle Türen ins Schloß und blieben verschlossen und er konnte nicht mehr ins Freie gelangen. Als er am folgenden Tage nicht zurückkam, sagte die Zauberin zu dem zweiten Prinzen:

"Nun kannst du dich auf den Weg machen und dein Glück probieren. Dein Bruder hat die rechte Stunde versäumt und das Schloß nicht aus seinem Zauber befreien können. Geh nun; du darfst dich aber ja nicht zu lange darin aufhalten!" - "Nein, das will ich nicht tun", sagte der Prinz und machte sich auf den Weg. Er kam auch bald und zur rechten Zeit zu dem Schloß und trat ein. Wie mußte er da staunen! Er ging von Zimmer zu Zimmer, spielte mit den Tieren und vernahm die wunderschöne Musik und konnte sich gar nicht satt daran hören. Da ging es ihm wie seine Bruder: er vergaß die Zeit, war plötzlich eingesperrt und konnte nicht mehr aus dem Schlosse kommen.

Am anderen Tag sagte die alte Zauberin zu der Prinzessin: "jetzt, mein Kind.. ist die Reihe an dir. Nun kannst du wieder gut machen, was deine Brüder versäumt haben, und kannst zugleich auch sie beide aus dem verzauberten Schloß befreien. Denke an die richtige Stunde und halte dich ja nicht zu lange darin auf!" Die Königstochter versprach, alles wohl zu beachten und ging ohne Furcht in den großen, dunkeln Wald hinein.

Als sie beim zwölften Stundenschlag durch das Tor trat, kamen ihr sogleich ihre Brüder entgegen und erzählten von dem Unglück, das ihnen widerfahren war. Doch sie gab ihnen kein Gehör und keine Antwort und eilte, ohne auf die schöne Musik zu hören, von einem Zimmer ins andere, bis sie endlich im allerletzten den goldenen Käfig mit der schwarzen Amsel fand. Schnell ergriff sie ihn und eilte damit zum Schloß hinaus.

Kaum aber war sie draußen, da geschah ein furchtbares Donnern und Dröhnen und viele Stimmen riefen durcheinander: "O Glück! - O Freude! Endlich ist die Stunde der Befreiung gekommen!" Alle die Tiere hatten ihre menschliche Gestalt wieder erlangt, kamen aus dem Schloß gegangen und bedankten sich von Herzen bei der Prinzessin. Ihre Brüder aber blieben bei ihr in dem Schloß, und sie waren nun alle drei überglücklich.

Von diesem Schlosse aber wurde in der ganzen Welt viel gesprochen; besonders von der Amsel in dem goldenen Käfig. Denn die konnte sprechen wie ein Mensch und wußte alles, was seit hundert Jahren geschehen war und in den nächsten hundert Jahren geschehen werde. Darum kamen oftmals Leute aus aller Herren Ländern, um die kluge Amsel zu befragen.

Auch König Meerfahrer, der noch immer im Kriege war, hörte von dem wunderbaren Vogel und gedachte ihn aufzusuchen, um aus seinem Munde die Wahrheit über das Vergangene zu erfahren, denn er hatte oft mit Trauer und Sehnsucht an seine geliebte Frau gedacht, die nun schon jahrelang - und, wer weiß, vielleicht unschuldig - auf seinen Befehl im Gefängnis schmachtete. Als er darum endlich Frieden schließen konnte, zog er auf seiner Heimfahrt durch den großen Wald und kehrte in dem Schlosse ein.

Da wurde er von seinen drei Kindern freundlich empfangen, ohne daß sie einander erkannten. Nachdem er sich an Brot und Wein gestärkt hatte, erkundigte er sich auch nach der Amsel und wünschte sie zu sehen und zu befragen. Da begleiteten ihn die Geschwister, in das Zimmer, in dem der goldene Käfig hing.

Kaum war der König eingetreten, so begrüßte ihn die Amsel mit, den Worten: "Willkommen, König Meerfahrer!" Der König blieb verwundert stehen und sagte: "Du kennst mich bei meinem Namen und Stand?" - "Ja, König Meerfahrer", antwortete die Amsel, "und ich kenne auch Euer Geschick und weiß Dinge, die Euren Augen verborgen sind." - "Oh, es sind schlimme und schreckliche Dinge, ich ahne es!" sagte der König und barg das Gesicht in seiner Rechten.

"Ihr Seid betrogen worden, damals, als Eure Mutter Euch den Brief ins Heerlager schrieb." - "Als meine Frau die drei ... ?" "ja, mein König, als Eure liebe und getreue Frau Euch die drei Kinder gebar. Keine Hunde waren es, wie die böse, alte Königin schrieb, sondern drei liebliche Kinder zwei Söhne und eine Tochter. Warum glaubtet Ihr Eurer Mutter, die die junge Königin nur haßte, weil sie arm und niederer Herkunft war?"

"Ach, ich Unglücklicher!" klagte der König. "Wie man berichtet wird, so richtet man! Falsch und böse wurde mir berichtet und falsch und böse habe ich darum auch gerichtet!" - "Es kann noch alles gut werden, König Meerfahrer", tröstete die Amsel. "Eure Frau ist ja noch am Leben." - "Und was ist aus meinen Kindern geworden?" fragte der König.

Da erzählte ihm die Amsel alles, so wie es geschehen war: wie der Müller die ausgesetzten Kinder gefunden und aufgezogen, wie sie mit fünfzehn Jahren heimlich davon gegangen seien und wie sie endlich hier im Walde das verwunschene Schloß und auch sie selber aus der Verwünschung befreit hätten. "Eure Tochter und Eure beiden Söhne aber, - sie stehen in diesem Augenblick vor Euch."

Da hättet ihr die Freude des Königs sehen sollen, als er seine Kinder in die Arme schloß und küßte, und wie die Kinder sich freuten, als sie zum ersten Male ihren Vater liebhaben durften! Der König bedankte sich von Herzen bei der Amsel, und die Tochter brachte sie nun im goldenen Käfig der alten Zauberin in den Wald hinaus. Wie aber erstaunte da die Prinzessin, als die Frau das Türchen des Käfigs öffnete und die Amsel heraushüpfte und sich in einen herrlichen jungen Königssohn verwandelte! Sie hatten einander lieb auf den ersten Blick, küßten sich und wanderten fröhlich zu dem Schloß zurück, in dem der Vater mit seinen Söhnen wartete.

Nun ritten sie alle so schnell sie konnten auf die heimatliche Burg. Des Königs erster Gang war ins Gefängnis. Mit eigener Hand schloß er die eiserne Tür auf, holte seine arme, unschuldige Frau aus dem dunkeln Verlies hervor und bat sie tausendmal um Verzeihung. Es war gut, daß die alte böse Königin gestorben war; denn nun konnte das Königspaar mit seinen Kindern von Herzen glücklich sein. Die Prinzessin aber hielt Hochzeit mit dem erlösten Königssohn und war durch das Schloß und die vielen Schätze, die darin angesammelt waren, die reichste Königin auf der ganzen Welt geworden.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

SCHÄFER VEIT UND DIE DREI RIESEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein schönes, grünes Land, "das Land mit den drei Tälern" geheißen. Darin herrschte ein König, der wohnte in einem herrlichen Schloß, besaß eine große, große Schafherde und war reich an Gold und Schätzen aller Art. Und doch war er nicht glücklich; denn von Ahnenzeiten her lastete ein Fluch über dem königlichen Haus und seinem Besitztume: In den drei Tälern hausten drei Riesen, die wie wilde Wölfe die Schafe rissen, und am Tage, an dem die Königstochter achtzehn Jahre alt würde, sollte sie dem Teufel ausgeliefert werden.

So war der König schon jahrelang in großer Sorge, und die Zeit ging dahin, und er sah keine Rettung. Wenn nur erst einmal die drei Riesen unschädlich gemacht wären, vielleicht hätte dann zugleich auch der Teufel seine tückische Gewalt eingebüßt. Doch es sah noch gar nicht danach aus. So oft ein Schäfer die Herde in eines der drei Täler trieb, erschien ein Riese, zerriß die Tiere und brachte den Hirten um.

Zu jedem neuen Hirten, den er einstellte, sagte der König: "Du darfst überall hüten, nur nicht in den drei Tälern! Treibst du die Herde dort hin, so wird es dir schlecht gehen!" Alle Schäfer versprachen zwar, das Verbot zu beachten, konnten aber ihr Wort nie halten. "Einmal wenigstens will ich's versuchen und sehen, was Geheimnisvolles dahinter steckt!" dachte jeder, trieb in eines der drei Täler hinein und kam niemals wieder heraus.

So hatte der König auch wieder einmal alle seine Schafe mitsamt dem Schäfer verloren. Er kaufte sich aber gleich wieder eine Herde und suchte einen Hirten für sie. Schon am anderen Tag meldete sich ein junger, hübscher Bursche, Veit mit Namen. Er gefiel dem König gut, und so vertraute er ihm die Herde an. Der König erzählte dem Schäfer, wie es schon einigen seiner Vorgänger ergangen sei und warnte ihn, in eines der drei Täler zu gehen, wenn ihm sein Leben lieb sei.

Veit versprach, die Herde nicht dahin zu treiben, hütete auch eine Zeit lang die Schafe in einer anderen Gegend, und es geschah ihm kein Leid. Im stillen aber war er mit seinen Gedanken immer in den drei Tälern und dachte: "Ich möchte doch sehen, wer mir da etwas tun könnte! Ich wollte es niemand raten! Es sollt' ihm übel bekommen!"

Also zog er eines Tages mit seiner Herde in das eine Tal. Was wuchs da für ein fettes, saftig grünes Gras! Die Schafe taten sich gütlich und weideten bis gegen Abend, ohne daß ihnen etwas zugestoßen wäre. Mit einem mal aber kam aus der Felsschlucht ein gewaltiger Riese auf den Schäfer zu und rief: "Was suchst du hier mit deinen Grasmücken?" -

"Das geht dich nichts an!" sagte Veit. - "Das wollen wir gleich sehen!" brummte der Riese und griff nach seinem Schwert, um ihn zu erschlagen. Doch der Bursche war rascher bei der Hand, schlug ihm seine spitze Schippe auf den Kopf, daß er betäubt umfiel, sprang flink herzu und schlug so lange auf den Riesen ein, bis er tot liegen blieb. Hierauf nahm er ihm sein Schwert und seine Kleider ab und warf ihn ins dichte Gebüsch.

Wie nun aber der Schäfer nach seiner Herde Umschau hielt, sah er in dem Tale plötzlich ein schönes Schloß stehen. Verwundert ging er hinein und kam in ein prächtiges Zimmer. Auf einem gedeckten Tisch stand ein Krug voll Wein, und daneben lag ein Zettel, auf den die Worte geschrieben waren:

Wer diesen Krug austrinkt
und dieses Schwert regiert,
der zwingt den Teufel.

Das las der Schäfer, dachte sich nichts weiter dabei und ließ den Wein stehen. Er legte das Schwert und die Kleider des Riesen auf einen Stuhl im Zimmer und wanderte dann durch Gänge und Hallen, um all das Wunderbare zu betrachten. Im Stalle unten stand ein prächtiger Schimmel. Er ließ aber auch ihn da, wo er stand, verließ das seltsame Schloß und zog mit seinen Schafen heim.

Am anderen Morgen trieb Veit die Herde in das zweite Tal. Um sich besser wehren zu können, nahm er einen langen Spieß mit. Ein paar Stunden hatte er hier gehütet, da kam abermals ein Riese daher. Der war noch größer als der erste und rief: "Was suchst du hier mit deinen Grasmücken?" -

"Was geht's dich an?" antwortete Veit. - "Das will ich dir gleich zeigen!" sagte der Riese und zog sein Schwert. Der Schäfer war aber auf der Hut, nahm seinen Spieß und rannte gegen den Riesen an. Er traf ihn aber beim Stoß auf eine Rippe, so daß die Spitze nicht tief eindrang und dem Riesen nur wenig schadete. Schon schwang der Unhold sein Schwert, um dem Schäfer den Kopf abzuschlagen; da zog der Bursche blitzschnell seinen Spieß heraus und sprang zurück, so daß der Riese den Hieb in die Luft tat und zu Boden stürzte.

Im Augenblick sprang der Schäfer herzu und bohrte ihm den Spieß mitten ins Herz. Dann zog er ihm die Kleider aus, nahm sein Schwert an sich und warf ihn in das Gebüsch. Als sich Veit umwandte und zu seiner Herde zurück wollte, sah er mitten im Tal ein schönes Schloß vor sich stehen. Er ging hinein und kam in ein großes Zimmer. Auf einem Tisch stand ein Krug Wein und daneben lag ein Zettel mit den Worten:

Wer diesen Krug austrinkt
und dieses Schwert regiert,
der zwingt den Teufel.

Er las den Zettel, ließ den Wein unbeachtet stehen, legte die Kleider und das Schwert des Riesen auf einen Stuhl und besah sich das Schloß. Im Stalle unten stand wieder ein prächtiges Pferd; nur war es diesmal ein Fuchs, der sich hell wiehernd umwandte, als Veit die Stalltüre schloß, um zu seiner Herde zurückzukehren.

Am anderen Morgen zog er wieder hinaus. Da dachte er unterwegs: "Ei, ich möchte doch auch wissen, wie's in dem dritten Tal aussieht!" und schlug sogleich den Weg dorthin ein. Kaum hatte er das Tal betreten kam ihm ein ungeheurer Riese entgegen. Der hatte eine Haut so grob wie Eichenrinde und langes Moos wuchs in seinem Gesicht. Da wäre es dem Schäfer schier angst geworden; denn er hatte seine Waffen mitzunehmen vergessen.

Als aber der Riese brüllte: "Was willst du hier?!" besann er sich nicht lange, sagte: "Das sollst du gleich sehen!" und griff sich geschwind vom Wege drei spitze Steine zusammen. Die pfiffen dem Riesen pfeilschnell entgegen. Der erste traf ihn mitten auf die Brust, der zweite an den Hals, aus dem sogleich ein dicker Blutstrahl schoß; der dritte aber traf die linke Schläfe so gut, daß der Riese zusammenbrach und mausetot war.

Im gleichen Augenblick stand wieder ein prächtiges Schloß im Tale. In das trug der Schäfer das Schwert und die Kleider, die er dem Riesen abgenommen hatte, fand in einem Zimmer den Tisch mit dem Weinkrug und den Zettel mit dem Spruch daneben:

Wer diesen Krug austrinkt
und dieses Schwert regiert,
der zwingt den Teufel.

Doch er ließ alles stehen, rührte den Wein nicht an und sah bloß nach, ob im Stall drunten auch wieder ein Pferd stehe. Richtig, es stand wieder eines drin! Diesmal aber war es ein glänzender Rappe. Vergnügt zog der Schäfer nach Hause.

Nach einiger Zeit fragte der König den Schäfer: "Bist du auch schon in den drei Tälern gewesen?" - "Jawohl, ich bin dort gewesen!" antwortete Veit und wollte schon zu erzählen anfangen. Jedoch der König ließ ihn gar nicht zu Wort kommen; so böse war er darüber, daß der Schäfer sein Verbot nicht eingehalten hatte. Er wollte den Burschen auf der Stelle fortjagen.

Der aber bettelte und flehte, man solle ihn doch hier behalten, bis der König endlich nachgab und sprach: "Nun, so magst du bleiben und dem Gärtner helfen, Mist und Wasser zu tragen. Die Schafe kann ich dir aber nicht länger anvertrauen." So war nun also Veit Gärtnergehilfe geworden, und wenn er auch viel lieber die Schafe in den drei Tälern gehütet hätte, war er doch froh, daß er wenigstens am königlichen Hofe bleiben durfte.

Ein Jahr war unterdessen vergangen und der Tag herangekommen, an dem der König seine Tochter dem Teufel übergeben sollte. Darüber entstand große Trauer im Schlosse. Der König hatte vor Sorgen Tag und Nacht keine Ruhe mehr, fragte alle seine Minister und Hofherren um Rat, aber keiner wußte einen Ausweg. Zuletzt klagte er auch noch dem Gärtner seine Not; aber der wußte auch keinen Rat und erzählte die Geschichte seinem Gehilfen.

"Denke dir nur, Veit", erzählte er, "morgen muß der König die junge Prinzessin dem Teufel ausliefern. Wer da helfen könnte der hätte sein Glück gemacht." - "Wie war das?' fragte Veit und ließ sich die ganze Geschichte noch einmal erzählen. Da fielen ihm die drei Schlösser ein, und er dachte an den Spruch, den er in jedem auf dem Zettel gelesen hatte. Er hatte Mitleid mit der schönen Königstochter und nahm sich vor, sie um jeden Preis zu befreien.

Am nächsten Morgen ging er hinaus in das erste Tal begab sich ins Schloß und in das Zimmer und trank den Krug voll Wein aus. Dann hing er sich das Wams des Riesen um, obwohl es ihm viel zu weit und zu lang war und wie ein Mantel auf die Erde hing. Zuletzt nahm er das Schwert, bestieg den Schimmel und ritt auf den Berg, auf dem der Teufel die Jungfrau abholen wollte.

Als er dort ankam, war der König mit der Prinzessin schon da und meinte zuerst, es sei der Teufel, der da angeritten komme. Der aber erschien in der Gestalt einer Schlange und fuhr wild zischend auf den Reiter los. Veit zog das Riesenschwert, schwang es mit Wucht und schlug ihr den Kopf ab. Ohne ein Wort zu sprechen und ohne daß ihn jemand erkannt hatte, ritt er wieder fort nach dem Schloß im Tal, führte den Schimmel in den Stall, legte das Schwert und die Kleider des Riesen in das Zimmer und begab sich in den Garten an seine Arbeit.

Der König meinte, nun sei sein Kind erlöst und kehrte fröhlich mit ihm heim. Jedoch nach kurzer Zeit erschien der Teufel wieder und sagte: "Du mußt mit deiner Tochter morgen noch einmal auf den Berg kommen!" Nun war wieder großer Jammer im Schloß, und durch den Gärtner hörte auch der Gehilfe davon, daß der Teufel noch keine Ruhe gebe, obwohl er von einem fremden Reiter überwunden worden sei. Veit sagte nur: "So, so . . .," und tat weiter seine Arbeit.

Anderntags in aller Frühe begab sich Veit in das Schloß, das im zweiten Tale stand. Er trank den Krug aus, der auf dem Tisch stand, hing sich das Kleid und das Schwert des Riesen um, schwang sich auf den Fuchs und ritt wieder nach dem Berge. Diesmal erschien der Teufel als feuerspeiender Drache. Der Reiter kämpfte lange und erbittert mit ihm und spaltete ihm endlich mit dem scharfen Schwert den Kopf.

Darauf wandte er sogleich sein Roß, um in das Riesenschloß zurückzukehren. Da hörte er aus der Erde herauf eine Stimme dem König zurufen: "Morgen um die gleiche Zeit mußt du noch einmal mit deiner Tochter hierher kommen! Sonst wehe dir und deinem ganzen Geschlechte!" - "Schon ~echt! Ich werde aber auch dabei sein!" dachte Veit und ritt in das Schloß im Tal zurück, ohne daß ihn der König erkannt hatte.

Am anderen Morgen ging er in das dritte Schloß und trank den Wein, der dort auf dem gedeckten Tische stand. Dann bewaffnete er sich mit dem Wams und dem Schwert des Riesen, bestieg den Rappen und ritt dem Berge zu. Der König aber dachte: "Zweimal ist deine Tochter erlöst worden; doch wer weiß, was beim dritten Male geschehen könnte!", und wollte sich darum nicht mehr auf den Berg begeben.

Bald befiel ihn aber eine solche Angst und Unruhe, daß er nicht länger in seinem Schloß zu bleiben wagte und nun auch zum dritten Male die Prinzessin dem Teufel entgegenführte. Der kam diesmal als ein feuriger Greif durch die Luft gefahren und schoß wild auf den Reiter nieder. Nach langem Kampfe war endlich auch der grausige Greif besiegt. In dem Augenblick aber, in dem der Reiter dem Untier den Todesstoß gab, schlug ihm dieses mit einer Flügelspitze eine tiefe Wunde in die Hand.

Der König sprang eilends herzu, um zu helfen; doch ehe er noch Hand anlegen konnte, gab der Reiter seinem Pferd die Sporen und ritt davon. Als er im Schloß ankam, brachte er den Rappen in den Stall, legte das Kleid und das Schwert ins Zimmer und kehrte an den königlichen Hof zurück, als ob nichts vorgefallen wäre.

Am anderen Tag ging er in der Frühe in den Garten und an seine Arbeit. Nach einer Weile schmerzte ihn aber die Hand so sehr, daß er den Verband löste, um nach der Wunde zu sehen. Dabei überraschte ihn der König und fragte, woher er die Wunde habe. Da gestand ihm Veit alles: wie er die drei Riesen erlegt, in den drei Schlössern die Zettel und die Pferde angetroffen und durch den Wein und die Riesenschwerter den Teufel bezwungen habe.

Da dankte ihm der König tausendmal und sprach: "Weil du meine Tochter und mein Land von den Riesen befreit hast, so sollst du auch beide zum Lohne bekommen!" Nach sieben Tagen fand die Hochzeit statt. Vor allen Gästen drückte der alte König dem jungen Paare die goldenen Königskronen ins Haar, und die beiden regierten bis an ihr Ende glücklich und in Frieden im Land mit den drei Tälern.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

HUI, IN MEINEN SACK! ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein armer Handwerksgeselle war schon lange auf der Wanderschaft und hatte nur noch drei Kreuzer in der Tasche. Während er so dahin schritt, vertrieb er sich ein wenig die Zeit, indem er die Kupfervögel gegeneinander klimpern ließ und im Takt dazu ein Liedlein pfiff. Dabei dachte er: "Was soll ich wohl mit ihnen anfangen? Große Sprünge kann ich nicht mit ihnen tun. Ich will mir dafür im nächsten Ort ein Päckchen Tabak kaufen, das ist das Beste; denn Rauchen vertreibt die Langeweile und den Hunger. " -

Er konnte in der Ferne schon die ersten roten Dächer zwischen den Obstbäumen leuchten sehen, da begegnete ihm ein anderer Handwerksbursche und bat ihn um eine kleine Gabe. "Du hast Glück, Kamerad", sagte er und gab ihm einen Kreuzer. Über eine kleine Weile kam ein zweiter daher und sprach ihn auch um eine Gabe an. - "Du hast mehr als Glück, Bruder", sagte er und drückte ihm den zweiten Kreuzer in die Hand. Es dauerte aber nicht lange, da begegnete ihm noch ein dritter und bat ihn um einen Zehrpfennig.

Da holte der arme Handwerksbursche den letzten Kreuzer aus seiner Tasche, ließ ihn in der offenen Hand blinken und sagte: "Du bist wahrhaftig ein Sonntagskind! Sieh her, das ist alles, was ich noch habe. Aber sei's drum; da hast du ihn." - Dieser dritte Bettler war aber niemand anders als Gott selbst, und er sagte zu dem freigebigen Handwerksburschen: "Zum Dank für deine Gabe will ich dir drei Wünsche gewähren; sag, was du wünschest und überlege es dir gut."

Da dachte der Handwerksbursche eine Weile nach und sagte: "So wünsch' ich zum ersten, daß mir der Tabak nie aus geht und gleich von selbst brennt, sobald ich die Pfeife in den Mund nehme. Zum anderen wünsche ich, daß alles in meinen Sack fahren muß, wenn ich rufe: ,Hui, in meinen Sack!' Mein dritter Wunsch aber ist ein hohes und geruhsames Alter." - "Es soll dir alles gewährt werden", sagte Gott, verabschiedete sich und ging weiter.

Der Handwerksbursche nahm gleich sein Haselholzpfeifchen aus der Tasche, steckte es in den Mund und fing an zu ziehen. Da glühte und dampfte es, daß es eine Lust war, und wie oft und wie lange er auch rauchte, der Tabak ging ihm nie aus. Am Abend kam er in eine Stadt, suchte ein gutes Wirtshaus und aß und trank, was ihm schmeckte. Am Nebentisch saßen reiche Kaufleute. Als sie ihre Zeche bezahlten und so verlockend blanke Goldstücke wechseln ließen, dachte der Handwerksbursche: "Du solltest doch einmal deinen Sack probieren!" und sprach leise vor sich hin: Hui, in meinen Sack!"

Im selben Augenblick spürte er auch schon, daß sein Sack schwerer geworden war. "Jetzt ist's gut! Jetzt bist du ein gemachter Mann!" dachte er und pfiff sich eins. Die Kaufleute. aber merkten nicht, was geschehen war. Auf diese Weise verschaffte sich der Handwerksbursche Geld, sooft es ihm ausging, und zog mit seiner qualmenden Tabakspfeife im Mund vergnügt durch die Welt.

Eines Tages, als er sich rechtschaffen müde gelaufen hatte, kam er noch spät in ein kleines Dorf und wollte im einzigen Wirtshaus übernachten. Doch alle Zimmer waren schon von Fremden besetzt. "Ach, ich bin so todmüde. Seid so gut, Herr Wirt, und beherbergt mich diese Nacht; ich will es Euch gut lohnen", bat der Handwerksbursche. Der Wirt aber sagte: "Es ist unmöglich. Ich wüßte im ganzen Haus kein Plätzchen, wo ich Euch hinlegen sollte. Einen Platz, ja, den hätte ich noch für Euch, drüben in dem alten Schloß, das ich vom Grafen gekauft habe; aber darin kann niemand übernachten." -

"Warum nicht?" fragte der Handwerksbursche. - "Weil keiner, der es am Abend betritt, am anderen Morgen wieder daraus hervor kommt!" - "Oh", sagte da lächelnd der Bursche, "laßt mich nur hinein; mir wird nichts geschehen." - "Wenn Ihr meint; ich halt' Euch nicht und wünsch' Euch für die Nacht alles Gute", sagte der Wirt und gab ihm den Schlüssel zum Schloß.

Der Bursche trat ohne Furcht ein, suchte sich das beste Zimmer aus, riegelte die Türe zu, legte sich ins Bett und schlief ein. Plötzlich, die Uhr schlug gerade Mitternacht, erwachte er: Ganz deutlich pochte es an die Tür. "Wer da?" fragte er; aber er bekam keine Antwort. Es klopfte nur um so heftiger draußen. Endlich sprang die Tür krachend auf und ein schreckliches Gespenst trat herein, kam mit gefletschten Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zerreißen.

Doch der Handwerksbursche war schnell besonnen, rief nur: "Hui, in meinen Sack!" - und schon saß das Gespenst mucksmäuschenstill in dem Sack und konnte nicht mehr heraus. Nun legte er sich wieder aufs Ohr und schlief ruhig bis zum anderen Morgen. Sobald er aber wach war und sich angezogen hatte, nahm er seinen Knotenstock und schlug damit so lange auf den Sack los, bis sich nichts mehr darin rührte.

"So, magst du meinethalben gewesen sein, wer du willst, - genug hast du auf jeden Fall!" sagte der Bursche und warf den Sack mitten hinein in den Schloßteich. Seit dieser Nacht hat sich das Gespenst in dem alten Schloß nicht wieder sehen lassen. Zum Dank dafür durfte der Handwerksbursche bei dem Wirt bleiben und hatte es sein Leben lang vollends gut bei ihm, und so ist ihm also auch sein dritter Wunsch in Erfüllung gegangen.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

HANS HOLT SICH EINE FRAU ...

Es waren einmal drei Brüder. Die zwei älteren waren ordentliche und kluge Burschen und hatten beide ein Handwerk erlernt; der jüngste aber, der Hans, war so dumm wie Bohnenstroh und zu nichts zu gebrauchen. Er lümmelte vom Morgen bis zum Abend nur im Hause herum und aß rein aus Langeweile jeden Tag einen Brotlaib auf, ganz zu schweigen von den vollen Tellern, die er zu Mittag verschlang. Aber man ließ den Hans ohne viel Aufhebens eben machen; denn er war doch ein gutmütiger Kerl.

Als nun die beiden älteren ihre Gesellenzeit hinter sich hatten und Meister geworden waren, wollten sie heiraten und sich in der Fremde eine Frau suchen. Da sagte die Mutter: "Nehmt nur auch gleich den Hans mit, denn allein kommt der doch nie zu einem Weib." Die Brüder hatten aber keine Lust, den dummen Hans auf die Reise mitzunehmen. Weil's die Mutter aber unbedingt haben wollte, ließen sie ihn endlich doch mitgehen. Sie verlangten aber, daß er ihnen überall und immer folgen müsse. Ja, das wolle er ganz gewiß tun, versprach Hans.

Nachdem sie eine Zeitlang gewandert waren, kamen sie in ein Dorf und wollten dort im Wirtshaus einkehren, weil sie wußten, daß der Wirt eine hübsche heiratsfähige Tochter hatte. Ehe sie eintraten, sagte darum der Älteste zu Hans: "Mach uns da drin ja keine Schande! Und iß nicht so viel wie zu Hause! Wenn ich an den Tischfuß klopfe, so ist dies das Zeichen, daß du aufhören sollst! Verstanden?" - "Ja", sagte Hans, "ich will gut achtgeben und mich danach richten."

Als sie nun in der Wirtsstube beim Essen saßen und Hans die Linsensuppe sich schmecken ließ, schlug der Hund, der unter den Tisch gekrochen war, mit dem Schwanz an einen der Tischfüße. Da meinte Hans, sein Bruder habe ihm das verabredete Zeichen gegeben, legte den Löffel weg und aß keinen Schub mehr, so sehr auch die Wirtin und ihre Tochter ihn dazu nötigten. Auch seine Brüder forderten ihn auf, er solle doch noch mehr essen. Aber Hans meinte, sie sagten nur so, damit die Wirtin nichts von dem geheimen Zeichen merken solle.

Er hatte aber wahrhaftig so wenig gegessen, daß ihm der Magen wie ein zorniger Hund knurrte. Und das wurde von Stunde zu Stunde schlimmer. Seine Brüder schwatzten und schäkerten mit dem Mädchen, und ihm wurde allmählich ganz schummerig vor den Augen. Als sie endlich gute Nacht gesagt hatten und in ihre Schlafkammer hinauf stiegen, sagte Hans: "Brüder, ich halte es nicht mehr aus vor Hunger; ich muß noch etwas zu essen haben." Da lachten sie und verspotteten ihn dazu noch, weil er sich von dem Hund hatte täuschen lassen.

Wenn er's aber gar nicht mehr aushalten könne vor Hunger, sagten sie, so solle er in die Küche gehen, dort stehe noch eine ganze Schüssel voll Linsen. Da ging Hans in die Küche hinunter, fand auch richtig die Linsenschüssel und aß sie mit der Hand rein aus. Dann kam er zu seinen Brüdern zurück und wollte sich am Bettuch die Hände und den Mund abwischen. "Du Igel! Was fällt dir denn ein? Geh erst an den Brunnen und wasche dich!" sagten sie.

Da ging Hans in den Hof und fand am Brunnen einen Krug, der mit Wasser gefüllt war. Er steckte eine Hand hinein und spülte sie darin ab. Weil er sie aber zur Faust geballt hatte, konnte er sie nicht mehr herausbringen; kam deshalb mitsamt dem Krug zu den Brüdern gelaufen und klagte seine Not. "O du ewige Einfalt!" sagten sie; "so zerschlag ihn doch am Brunnen, dann wirst du deine Hand schon wieder herausbringen!"

Hans tat, wie sie ihm befohlen; ging abermals zum Brunnen und schlug den Krug an den Steintrog, daß die Scherben klirrten. Da kam die schöne Wirtstochter aus dem Hause gelaufen, um zu sehen, was geschehen war. Hans aber nicht faul, faßte sie mit seinen starken Armen und trug sie schnell fort, zum Dorf hinaus, sie mochte schreien und sich wehren so sehr sie auch wollte.

Als er zu Hause ankam, trat er in die Stube und sagte: "Mutter, da hab' ich eine Frau!" Da konnte sich die Mutter über ihren Hans und seine schöne Braut nicht genug wundern. Dann stieg Hans zu seiner Schlafkammer hinauf, und das Mädchen mußte mit ihm gehen und sich neben ihn legen. Er schnarchte aber so schrecklich, daß der Armen angst und bange wurde, und sie dachte: "Ach, wär' ich nur schon wieder aus dem Haus und bei meiner Mutter! Wie mach' ich's nur, daß ich von hier fortkomme?"

Endlich, als auch die alte Mutter fest schlief, stand sie leise auf und schlich sich aus der Kammer. Sie suchte durch die Scheune und den Stall aus dem Hause zu kommen. Erst aber band sie die Ziege los, führte sie in die Kammer und legte sie neben den schnarchenden Hans ins Bett. Dann machte sie, daß sie fort kam.

Als die Mutter früh am andern Morgen aufwachte, rief sie: "Hans! Lieber Hans! Bist du schon wach?" Hans rieb sich die verschlafenen Augen und sagte: "Jaaa, Mutter." - "Hast du auch deine Frau noch?" -"Ich will mal fühlen!" sagte er und langte zur Seite. "ja, Mutter, ich hab' sie noch! Da liegt sie neben mir. Aber ... aber sie ist voller rauher Haare!" - "Ach, du Narr!", rief die Mutter, "das kommt dir nur so vor!" - "Nein, Mutter", sagte Hans, "ich habe noch einmal gefühlt; sie ist über und über voller Zotteln!" - "Ach, Hans, du bist nicht recht gescheit! Fühl' nur auch recht!" entgegnete die Mutter.

Da fühlte Hans noch einmal und sagte: "Ach, liebe Mutter, sie hat auch ein Horn!" - "Um Gottes willen!" rief da die Mutter. "Es wird doch nicht der Teufel sein!" -"Ach, Mutter, sie hat sogar zwei Hörner!" jammerte Hans und war ganz ratlos und verzweifelt. Da stand die Mutter auf, zündete ein Licht an und ging zu Hans in die Kammer. Da sah sie, daß es die Ziege war, die neben Hans im Bett lag, nahm sie am Halsband und führte sie wieder in den Stall hinunter. Hans aber sagte, er wolle sich's zur Warnung dienen lassen und es kein zweites Mal versuchen, sich eine Frau zu holen, wenn ihm schon die erste gleich wieder davon gelaufen sei.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

HANS OHNE SORGEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor langer Zeit lebte in Schwaben ein fröhlicher Müller. Der hatte über seine Haustüre die Worte geschrieben "Hans ohne Sorgen". Da ritt einmal der Herzog an seiner Mühle vorbei, las die Überschrift und dachte: "Wart, wenn du keine Sorgen hast, so will ich schon dafür tun!"

Er ließ den Müller zu sich rufen und sprach: "Auch du sollst erfahren, was Sorgen sind. Ich will dir ein Rätsel aufgeben. Kannst du das lösen, so ist's gut; kannst du es aber nicht, so sollst du nicht länger Herr auf deiner Mühle bleiben, sondern sie mir abtreten. Das Rätsel, das du lösen sollst, ist dies: Du mußt mich besuchen, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, nicht nackt und nicht bekleidet, nicht zu Fuß und nicht zu Pferd." So sprach der Herzog und ritt weiter.

Der Müller zerbrach sich den Kopf bei Tag und bei Nacht, dachte hin und her und konnte das Rätsel nicht lösen, und je länger es ging, um so mehr war er in Sorge um seine Mühle. In seiner Not wandte er sich endlich an den Mahlknecht und sagte: "Kannst du mir das Rätsel lösen, so sollst du meine Tochter zur Frau bekommen und nach mir die Mühle erben!"

Dem Knecht schien das Rätsel nicht schwer. Kaum hatte er sich eine Weile besonnen, sagte er zu seinem Herrn: "Ei, so geht doch am Mittwoch zum Herzog! Denn der Mittwoch ist kein Tag, weil das Wörtchen ,Tag' in seinem Namen nicht vorkommt, und eine Nacht ist er ja auch nicht. Und wenn Ihr nicht nackt und nicht bekleidet sein sollt, ei, so hängt doch ein Fischernetz um! Sollt Ihr aber nicht zu Fuß und nicht zu Pferd kommen, ei, so reitet auf einem Esel hin!"

Da war der Müller wieder fröhlich und guter Dinge. Am nächsten Mittwoch hüllte er sich in ein Fischernetz und ritt auf einem Esel vors Schloß. Der Herzog war mit der Auflösung des Rätsels zufrieden und entließ Hans ohne Sorgen freundlich und mit den besten Wünschen. Als der Müller heimkam, verlobte er seine einzige Tochter mit dem Mahlknecht, und nicht lange hernach gab es eine fröhliche Hochzeit.

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE BERNSTEINFEE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein großes Schiff verließ mit geblähten Segeln den Hafen an der Ostsee. Zum Abschied winkend, standen am Ufer die Seemannsfrauen mit ihren Kindern. Unter ihnen war ein junges, blondes Mädchen, Marie, die Tochter des Lotsen. Sie schwenkte ein Tuch in der Hand, denn ihre Abschiedsgrüße galten dem jungen Steuermann, dessen Braut sie seit einer Woche war. Guter Wind führte das Schiff bald auf die offene, weite See, bis es, immer kleiner werdend, verschwand.

Da erst kamen dem jungen Mädchen die Tränen, und es lief vom Weg ab in die Dünen, um allein zu sein. Das Abschiedsweh um ihren Bräutigam überkam sie so sehr, wie sie es vorher kaum vermutet hätte. In der einen Woche waren die beiden so recht von Herzen glücklich gewesen. Jetzt aber erfüllten das Mädchen Angst und Zweifel, ob sie ihn jemals wiedersehen werde, und das Geschwätz der Leute, daß ihr Verlobter wohl ein stattlicher, aber leichtfertiger junger Seemann sei, bedrückte sie.

Wie lange Marie dort so allein in den Dünen gesessen, wußte sie nicht, sie hatte sich wohl wie ein Kind in leichten Schlaf geweint. Sie erwachte erst, als am nachtdunklen Himmel schon Sterne funkelten. Leise fuhr der Wind durchs Dünengras.

Plötzlich wird Marie hellwach, eine Hand hat ihre Schulter berührt, und eine schöne Frauengestalt neigt sich zu ihr nieder. Ihr silbernes Kleid ist wie aus Mondstrahlen gewebt. Auf dem blonden Haar trägt sie eine Krone aus den goldenen Steinen des Meeres, die man Bernstein nennt. Von ihrem Hals löst sie eine Kette mit schönsten Perlen des golden schimmernden Bernsteins und reicht sie dem Mädchen mit den Worten:

»Weine nicht mehr, du junges Menschenkind, aus tiefem Herzeleid wird dir am Ende doch dein Lebensglück erblühen. Nimm diese Kette aus meinen Händen und wisse, ich bin die Bernsteinfee.«

Marie glaubte zu träumen, aber sie fühlte die Kette in ihren Händen, und innige Freude stieg in ihr auf, als sie die wunderbaren Perlen durch ihre Finger gleiten ließ. Als sie danken wollte, war die schöne Fee verschwunden. Das Mädchen stand auf und ging, ruhiger geworden, nach Hause. Ihre Eltern atmeten auf, als sie Marie endlich in die Stube treten sahen, denn sie hatten sie schon bei den Nachbarn gesucht.

Der junge Steuermann nahm den Abschied nicht schwer. Manchmal kam ein Brief von ihm, aber er schrieb immer vergnügt, und nie stand auch nur ein Wort von Sehnsucht nach seiner Braut darin. Dann verging ein Monat nach dem anderen, ohne daß Marie eine Nachricht von ihm erhielt. Von heimkehrenden Seeleuten hörte der Lotse eines Tages, der junge Steuermann sei in einem Hafen bei einem Vergnügen uns Leben gekommen. Er hatte mit den Eingeborenen Streit angefangen, den er mit dem Leben büßte. Marie betrauerte ihren Verlobten aufrichtig. Still tat sie jeden Tag ihre Arbeit im Hause ihrer Eltern.

Einmal kam ein neuer Lotse in das Haus, zur Unterstützung ihres Vaters. Er war jung und stark, und wenn es galt, Menschenleben aus Sturmesnot zu retten, setzte er sich mutig ein. Die jungen Mädchen putzten sich sonntags ordentlich heraus, um ihm zu gefallen, wenn es zum Tanze ging. Nur Marie blieb immer daheim. Ihr Vater schätzte aber seinen jungen, tüchtigen Kameraden sehr, so wie diesen hatte er sich immer einen Sohn gewünscht.

Der Winter hatte viel Eis und Schnee gebracht, und nun meldete sich der Frühling an mit Eisgang und mit Sturm. In diesem Jahre schien es schlimm zu werden. In mancher dunklen Nacht erscholl das Horn des Strandwächters und trieb die Menschen heraus. Eines Nachts stieg die Flut so weit, daß sie die Fischerkaten, nahe am Strande unterspülte. Die meisten Häuser standen höher, aber auch bis dahin stieg die Flut unter fortwährendem Heulen des Sturmes.

Marie war mit der Magd ständig draußen, um den Männern zu helfen, wenn sie mit Booten Frauen und Kinder, auch Hausrat und Vieh in Sicherheit brachten. Aber plötzlich merkten sie, daß das Wasser noch immer stieg und sie selbst nun auch gefährdet waren. Im Schein von Fackeln und Laternen versuchten sie, mit dem Nötigsten bis zur Kirche zu gelangen. Diese bot noch Schutz, weil sie am höchsten gelegen war und starke Mauern hatte.

In der Kirche suchte Marie nach der Mutter und der Großmutter, denn sie glaubte die beiden Frauen dort geborgen. Da hieß es auf einmal, vom Hause des Lotsen höre man noch Hilferufe von Frauen. Marie war wie gelähmt vor Entsetzen. Die ganze Nacht hatte sie den anderen mit allen Kräften geholfen. Wer hilft mir nun? dachte sie verzweifelt. Aber alle Menschen waren ermüdet und zermürbt und glaubten, das Rettungswerk sei vollendet.

Maries Vater wollte allein noch einmal das Boot ins dunkle, wogende Wasser bringen. Doch die anderen hielten ihn wortlos zurück, indem sie auf ein Boot wiesen, das mitten auf der Flut bereits seinem Hause zufuhr. Ohne ein Wort zu verlieren, hatte Knut, der junge Lotse, auf den Hilferuf der Frauen sein Boot sofort zu Wasser gebracht. Gewaltig schwankten die beiden Sturmlaternen auf und nieder, aber in letzter Minute gelang ihm die Rettung.

Kaum hatte er die beiden Frauen im Boot, da riß das tosende Wasser Türen und Treppen ein und spülte alles fort. So schlimm wie in diesem Jahr hatte die grausige Sturmflut lange nicht am Strande der Ostsee gewütet. Groß waren Schaden und Not. Aber sobald sich die Fluten verlaufen hatten, begannen die Menschen wieder aufzubauen.

Übers Jahr zu Pfingsten, als sich die Natur mit frischem Grün geschmückt hatte, sah das Fischerdorf ein junges, glückliches Paar, Knut und Marie. Der schönste Schmuck der Braut war eine Bernsteinkette aus herrlich glänzenden Perlen, das Geschenk der Bernsteinfee. Am Abend führte Marie ihren Mann zu der Stelle in den Dünen, wo ihr die Fee erschienen war. Wieder war ihr, als hörte sie es im hohen Dünengras leise rauschen und flüstern:

»Wer ihn trägt, des Meeres goldnen Stein,
wird nimmermehr vom Glück verlassen sein.«

Der Wunsch der Bernsteinfee war in Erfüllung gegangen, aus Not und tiefem Herzeleid war doch noch ihr Lebensglück erblüht.

 

eine Sage vom Ostseestrand

VOM HANDWERKSBURSCHEN, DER MIT DREIHUNDERT GULDEN IN DEN HIMMEL RITT ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine Wirtin, der war ihr erster Mann gestorben; weil sie aber nicht ihr Lebtag vollends allein bleiben wollte, hatte sie wieder geheiratet. Als sie das erste Mittagessen für ihren zweiten Mann zurichtete, fragte sie ihn: "Was soll ich kochen?" -

"Koch meinethalben Apfelschnitz und Speck!" erwiderte er. Sie tat nach seinem Willen, und weil sie meinte, das sei seine Leibspeise, so kochte sie tagaus, tagein nichts anderes als Apfelschnitz und Speck. Das ewige Einerlei wurde aber dem Mann allmählich doch zu dumm und darum sagte er eines Tages: "Nun koch auch einmal etwas anderes und heb die Schnitz auf, bis der lange Frühling kommt!", ließ die dampfende Schüssel stehen und ging verärgert aus dem Hause.

Während er aber zur Hintertür hinausging, trat vorn ein Fremder in die Wirtsstube. Der war lang und dürr wie eine Hopfenstange und begehrte rasch etwas zu essen, weil er von seiner langen und beschwerlichen Wanderschaft einen Riesenhunger im Bauche habe. - "Seid Ihr am Ende der lange Frühling, für den ich Schnitz und Speck aufbewahren soll?" fragte die Wirtin. -

"Freilich bin ich der!" antwortete der fahrende Handwerksgeselle. "Tragt nur gleich auf; ich will mir beides wohl schmecken lassen!" Da stellte die Wirtin die volle Schüssel vor ihn auf den Tisch und gab ihm, als er satt war, auch noch den ganzen Vorrat an Speck und Apfelschnitz mit auf den Weg. "Vielen Dank auch, gute Frau Wirtin!" sagte der Geselle, warf sein Felleisen über die Schulter und trat auf die Straße hinaus.

"Die hat die Gescheitheit auch nicht mit Löffel gefressen! Mit Witz und Schläue wäre von der gewiß noch mancherlei zu ergattern, was ich gut brauchen könnte!" dachte der pfiffige Bursche bei sich und sann im Handumdrehen einen Streich aus: Er ging noch einige Schritte den Weg entlang, blieb dann plötzlich stehen und sah senkrecht über sich in die Höhe, und starrte und starrte immer auf einen Punkt, als wolle er ein Loch in den Himmel gucken.

Und wahrhaftig! - es dauerte gar nicht lange, da kam die Wirtin voller Neugier zu ihm auf die Straße heraus und fragte: "Was guckt Ihr denn so angestrengt in die Luft?" - "Psst ... !" machte der Handwerksbursche und legte den Finger auf den Mund. "Ich soll ja zu keinem Menschen davon sprechen; aber Euch, Frau Wirtin, will ich's sagen: Ich kam, ehe ich in Eure Wirtsstube trat, geradeswegs vom Himmel herunter und will mir nun die Stelle genau merken, wo ich herabgestiegen bin, damit ich später den Weg hinauf wiederfinde." -

"Was?" sagte da die Wirtin und ließ vor Staunen den Mund offen stehen - "Was habt Ihr gesagt: vom Himmel herunter?" - "-Ei freilich!" entgegnete der Schalk. -"Habt Ihr da am Ende auch meinen seligen ersten Mann-, den Hansjörg, gesehen?" - "Ha, das versteht sich, daß ich den gesehen habe. Den kenn' ich sogar sehr gut; wir sind gute Freunde, der Hansjörg und ich." -

"O du mein! jetzt sag' ich aber gar nichts mehr! Ja, wie geht's ihm denn?" -"Ach, soso lala ... Nicht gerade am besten", entgegnete er mit ernster Miene. -'"Ach Gott, ist er gar wohl krank?" fragte die Wirtin besorgt. -

"Krank? Nein, krank ist er nicht. Aber er hat's schwer droben. Er muß viel schaffen; der Lohn ist schlecht, und so hat er die meiste Zeit kein Geld, um sich neues Zeug zu kaufen. Als ich ihn das letztemal sah, hatte er ein arg zerrissenes Hemd am Leibe. Der Himmelswind kam gerade vom kalten Osten hergebraust, und so. zitterte er - wahrhaftig und wahr - vor Frost wie Espenlaub." -

"Oh, daß Gott sich erbarm! So übel dran ist er also, mein lieber, guter Hansjörg selig! Wie gern wollt' ich ihm was zukommen lassen in seinem Himmel droben; aber wie machen?" - "Ei, liebe Frau Wirtin", meinte drauf der Geselle, "da ist leicht Rat schaffen: Ich gehe nächstens wieder zurück und kann ihm schon dieses und jenes mitnehmen, das Ihr ihm schicken wollt. " -

"Wie dank' ich Euch für Eure Freundlichkeit, lieber Herr! Ihr dürft's gewißlich nicht umsonst,tun!" sagte die Frau und packte in einen Schnappsack einen guten Anzug, sechs Hemden, Schuhe und Strümpfe und dazu einen mächtigen Schinken von der letzten Metzelsuppe.

"So, und in diesem Lederbeutel sind dreihundert Gulden für meinen Hansjörg, daß er sich dafür das Notwendigste kaufen und am Sonntag auch einkehren und einen Schoppen trinken kann. Diese fünfzig Gulden da sind für Euch, lieber Herr; verbraucht sie gesund." -"Das will ich, gute Frau!" sagte lachend der Handwerksgeselle und zog fröhlich weiter.

Als der Wirt nach Hause kam -und von seiner Frau erfuhr, was vorgefallen war, schimpfte er sie tüchtig aus und nannte sie eine dumme Kätter. "Einem hergelaufenen Lüdrian einen Packen Zeugs in den Himmel mitgeben und gar noch dreihundert Gulden schönes Geld, - hat man so etwas schon gehört! Das Geld muß wieder her, und wenn ich dem Bruder bis ans Himmelstor nachlaufen müßte!" Er wollte ihn aber lieber schon nach einer Stunde einfangen, und darum sattelte er sein bestes Pferd und jagte im Galopp den Weg entlang, den der Geselle eingeschlagen hatte.

Der saß gerade am Waldrand im Schatten, um sich ein wenig zu verschnaufen. Als er den Reiter daher sprengen sah, ahnte ihm gleich nichts Gutes. "Das ist sicher der Wirt, der mir den vollen Schnappsack wieder abjagen will!" dachte er und sann gleich einen neuen Streich aus: Er riß den dürren, stachligen Kopf einer Distel ab, warf ihn ins Gras, stülpte seinen Hut darüber und tat so, als ob irgend etwas Seltsames und Kostbares darunter verborgen sei, das er sorgsam bewachen müsse.

Inzwischen kam der Wirt angeritten und fragte ihn, ob er der Mann sei, der in den Himmel reise. "ja, der bin ich!" antwortete der Geselle. "Habt Ihr vielleicht auch was an jemand mitzugeben?" - "O nein; das könnte Euch so gefallen! Im Gegenteil: gebt mir ja auf der Stelle die dreihundert Gulden heraus, die mein Weib Euch für ihren ersten Mann mitgegeben hat!" -

"Wie Ihr wollt", sagte der Geselle; "mir kann es einerlei sein, ob der Hansjörg die dreihundert Gulden bekommt oder nicht. Wollt Ihr sie wieder zurück haben, gut, so brauch' ich sie schon nicht zu tragen. Nur müßt Ihr ein wenig warten. Ich habe da nämlich vorhin unter meinem Hut einen seltenen und teuren Vogel gefangen - er ist unter Brüdern gut seine fünfhundert Gulden wert!" -

"Was Ihr nicht sagt!" unterbrach ihn da der Wirt; "einen Vogel, der fünfhundert Gulden wert ist? ja gibt es denn hierzulande so was?" - "ja, das gibt's. Und man muß schon Glück haben, einen solchen Vogel zu fangen! Daß er mir aber nicht mehr entwischt, habe ich meinen Freund in die Stadt geschickt, einen schönen Käfig zu kaufen. Damit ich nun nachher nicht so viel zu schleppen brauche, habe ich ihm die dreihundert Gulden gleich mitgegeben; er solle sie einstweilen einem Wechsler zum Aufbewahren bringen.

Wenn es Euch aber zu lange dauern sollte, bis er wieder aus der Stadt zurück ist, so wüßt ich Euch einen Vorschlag zu machen." - "Und der wäre?"- "Ihr paßt an meiner Stelle auf den Hut auf und leiht mir Euer Pferd, damit ich meinem Freund schnell nachreiten und Euch das Geld zurückholen kann." -

"Ihr scheint mir ein kluger Kopf zu sein", sagte der Wirt. "Ich bin mit Eurem Vorschlag gern einverstanden." Setzte sich also als Wächter neben den Hut und ließ den Gesellen das Pferd besteigen und davon reiten. Und der ritt schon, daß die Funken stoben; - könnt's euch ja wohl denken!

Da hockte er nun, der dicke dumme Wirt, eine Stunde und noch eine, und hockte auch noch, als die Sonne schon hinter den Bergen unter ging. Er wartete, bis die Nacht hereinbrach - und immer noch ließ sich kein Reiter sehen. "Ich will heimgehen und morgen in der Frühe wiederkommen. Den Vogel aber will ich als Pfand mitnehmen", dachte er; hob vorsichtig den Hut, griff mit der Hand darunter und -- fuhr mit einem lauten Schmerzensschrei zurück, denn er hatte tüchtig in die Stacheln der Distel gegriffen.

Da merkte er endlich, daß er selber dem Lüdrian auf den Leim gegangen war, und kehrte recht betrübt und kleinlaut nach Hause zurück. Als seine Frau wissen wollte, ob er das Geld wieder bekommen und wo er denn das Pferd gelassen habe, sagte er nur: "Frag mich nicht danach! Heute nicht und morgen nicht und meiner Lebtag nie! Du bist dumm, aber ich bin noch dümmer! Der einzige Gescheite ist der, der mit deinem vollen Schnappsack und deinen dreihundert Gulden auf meinem Pferd in den Himmel reitet. Wir zwei sind durch Schaden klug, er aber ist durch unsere Dummheit reich geworden."

 

Schwäbische Volksmärchen - Franz Georg Brustgi

DIE REGENTRUDE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einen so heißen Sommer, wie nun vor hundert Jahren, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kein Grün fast war zu sehen; zahmes und wildes Getier lag verschmachtet auf den Feldern.
Es war an einem Vormittag. Die Dorfstraßen standen leer; wer nur konnte, war ins Innerste der Häuser geflüchtet; selbst die Dorfkläffer hatten sich verkrochen.

Nur der dicke Wiesenbauer stand breitspurig in der Torfahrt seines stattlichen Hauses und rauchte im Schweiße seines Angesichts aus seinem großen Meerschaumkopfe. Dabei schaute er schmunzelnd einem mächtigen Fuder Heu entgegen, das eben von seinen Knechten in die Diele gefahren wurde. –

Er hatte vor Jahren eine bedeutende Fläche sumpfigen Wiesenlandes um einen geringen Preis erworben, und die letzten dürren Jahre, welche auf den Feldern seiner Nachbarn das Gras versengten, hatten ihm die Scheuern mit duftendem Heu und den Kasten mit blanken Krontalern gefüllt.

So stand er auch jetzt und rechnete, was bei den immer steigenden Preisen der Überschuß der Ernte für ihn einbringen könne. »Sie kriegen alles nichts«, murmelte er, in dem er die Augen mit der Hand beschattete und zwischen den Nachbarsgehöften hindurch in die flimmernde Ferne schaute; »es gibt gar keinen Regen mehr in der Welt.« Dann ging er an den Wagen, der eben abgeladen wurde; er zupfte eine Handvoll Heu heraus, führte es an seine breite Nase und lächelte so verschmitzt, als wenn er aus dem kräftigen Duft noch einige Krontaler mehr heraus riechen könne.

In dem selben Augenblicke war eine etwa fünfzigjährige Frau ins Haus getreten. Sie sah blaß und leidend aus, und bei dem schwarz seidenen Tuche, das sie um den Hals gesteckt trug, trat der bekümmerte Ausdruck ihres Gesichtes nur noch mehr hervor. »Guten Tag, Nachbar«, sagte sie, in dem sie dem Wiesenbauer die Hand reichte, »ist das eine Glut; die Haare brennen einem auf dem Kopfe!«

»Laß brennen, Mutter Stine, laß brennen«, erwiderte er, »seht nur das Fuder Heu an! Mir kann es nicht zu schlimm werden!« »Ja, ja, Wiesenbauer, Ihr könnt schon lachen; aber was soll aus uns anderen werden, wenn das so fortgeht!« Der Bauer drückte mit dem Daumen die Asche in seinen Pfeifenkopf und stieß ein paar mächtige Dampfwolken in die Luft. »Seht Ihr«, sagte er, »das kommt von der Überklugheit. Ich hab es ihm immer gesagt; aber Euer Seliger hat es allweg besser verstehen wollen. Warum mußte er all sein Tiefland vertauschen! Nun sitzt Ihr da mit den hohen Feldern, wo Eure Saat verdorrt und Euer Vieh verschmachtet.«

Die Frau seufzte. Der dicke Mann wurde plötzlich herablassend. »Aber, Mutter Stine«, sagte er, »ich merke schon, Ihr seid nicht von ungefähr her gekommen; schießt nur immer los, was Ihr auf dem Herzen habt!« Die Witwe blickte zu Boden. »Ihr wißt wohl«, sagte sie, »die fünfzig Taler, die Ihr mir geliehen, ich soll sie auf Johanni zurückzahlen, und der Termin ist vor der Tür.«

Der Bauer legte seine fleischige Hand auf ihre Schulter. »Nun macht Euch keine Sorge, Frau! Ich brauche das Geld nicht; ich bin nicht der Mann, der aus der Hand in den Mund lebt. Ihr könnt mir Eure Grundstücke dafür zum Pfand einsetzen; sie sind zwar nicht von den besten, aber mir sollen sie diesmal gut genug sein. Auf den Sonnabend könnt Ihr mit mir zum Gerichtshalter fahren.«

Die bekümmerte Frau atmete auf. »Es macht zwar wieder Kosten«, sagte sie, »aber ich danke Euch doch dafür.« Der Wiesenbauer hatte seine kleinen klugen Augen nicht von ihr gelassen. »Und«, fuhr er fort, »weil wir hier einmal beisammen sind, so will ich Euch auch sagen, der Andrees, Euer Junge, geht nach meiner Tochter!«

»Du lieber Gott, Nachbar, die Kinder sind ja miteinander aufgewachsen!« »Das mag sein, Frau; wenn aber der Bursche meint, er könne sich hier in die volle Wirtschaft ein freien, so hat er seine Rechnung ohne mich gemacht!« Die schwache Frau richtete sich ein wenig auf und sah ihn mit fast zürnenden Augen an. »Was habt Ihr denn an meinem Andrees auszusetzen?« fragte sie.

»Ich an Eurem Andrees, Frau Stine? – Auf der Welt gar nichts! Aber« – und er strich sich mit der Hand über die silbernen Knöpfe seiner roten Weste – »meine Tochter ist eben meine Tochter, und des Wiesenbauers Tochter kann es besser belaufen.« »Trotzt nicht zu sehr, Wiesenbauer«, sagte die Frau milde, »ehe die heißen Jahre kamen –!«

»Aber sie sind gekommen und sind noch immer da, und auch für dies Jahr ist keine Aussicht, daß Ihr eine Ernte in die Scheuer bekommt. Und so geht es mit Eurer Wirtschaft immer weiter rückwärts.« Die Frau war in tiefes Sinnen versunken; sie schien die letzten Worte kaum gehört zu haben. »Ja«, sagte sie, »Ihr mögt leider recht behalten, die Regentrude muß eingeschlafen sein; aber – sie kann geweckt werden!«

»Die Regentrude?« wiederholte der Bauer hart. »Glaubt Ihr auch an das Gefasel?« »Kein Gefasel, Nachbar!« erwiderte sie geheimnisvoll. »Meine Urahne, da sie jung gewesen, hat sie selber einmal aufgeweckt. Sie wußte auch das Sprüchlein noch und hat es mir öfters vorgesagt, aber ich habe es seither längst vergessen.«

Der dicke Mann lachte, daß ihm die silbernen Knöpfe auf seinem Bauche tanzten. »Nun, Mutter Stine, so setzt Euch hin und besinnt Euch auf Euer Sprüchlein. Ich verlasse mich auf mein Wetterglas, und das steht seit acht Wochen auf beständig Schön!« »Das Wetterglas ist ein totes Ding, Nachbar; das kann doch nicht das Wetter machen!« »Und Eure Regentrude ist ein Spukeding, ein Hirngespinst, ein Garnichts!« »Nun, Wiesenbauer«, sagte die Frau schüchtern, »Ihr seit einmal einer von den Neugläubigen!«

Aber der Mann wurde immer eifriger. »Neu- oder altgläubig!« rief er, »geht hin und sucht Eure Regenfrau und sprecht Euer Sprüchlein, wenn Ihr es noch beisammen kriegt! Und wenn Ihr binnen heut und vierundzwanzig Stunden Regen schafft, dann –!« Er hielt inne und paffte ein paar dicke Rauchwolken vor sich hin. »Was dann, Nachbar?« fragte die Frau. »Dann – – dann – zum Teufel, ja, dann soll Euer Andrees meine Maren freien!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Wohnzimmers, und ein schönes schlankes Mädchen mit rehbraunen Augen trat zu ihm auf die Durchfahrt hinaus. »Topp, Vater«, rief sie aus, »das soll gelten!« Und zu einem ältlichen Manne gewandt, der eben von der Straße her ins Haus trat, fügte sie hinzu: »Ihr habt es gehört, Vetter Schulze!«

»Nun, nun, Maren«, sagte der Wiesenbauer, »du brauchst keine Zeugen gegen deinen Vater aufzurufen; von meinem Wort da beißt dir keine Maus auch nur ein Titelchen ab.« Der Schulze schaute indes, auf seinen langen Stock gestützt, eine Weile in den freien Tag hinaus; und hatte nun sein schärferes Auge in der Tiefe des glühenden Himmels ein weißes Pünktchen schwimmen sehen, oder wünschte er es nur und glaubte es deshalb gesehen zu haben, aber er lächelte hinterhältig und sagte: »Mög es Euch bekommen, Vetter Wiesenbauer, der Andrees ist allewege ein tüchtiger Bursch!«

Bald darauf, während der Wiesenbauer und der Schulze in dem Wohnzimmer des erstern über allerlei Rechnungen beisammen saßen, trat Maren an der anderen Seite der Dorfstraße mit Mutter Stine in deren Stübchen. »Aber Kind«, sagte die Witwe, in dem sie ihr Spinnrad aus der Ecke holte, »weißt du denn das Sprüchlein für die Regenfrau?«

»Ich?« fragte das Mädchen, in dem sie erstaunt den Kopf zurück warf. »Nun, ich dachte nur, weil du so keck dem Vater vor die Füße tratst.« »Nicht doch, Mutter Stine, mir war nur so ums Herz, und ich dachte auch, Ihr selber würdet es wohl noch beisammen bekommen. Räumt nur ein bissel auf in Eurem Kopfe; es muß ja noch irgendwo verkramt liegen!«

Frau Stine schüttelte den Kopf. »Die Urahn ist mir früh gestorben. Das aber weiß ich wohl noch, wenn wir damals große Dürre hatten, wie eben jetzt, und uns dabei mit der Saat oder dem Viehzeug Unheil zuschlug, dann pflegte sie wohl ganz heimlich zu sagen: ›Das tut der Feuermann uns zum Schabernack, weil ich einmal die Regenfrau geweckt habe!«

»Der Feuermann?« fragte das Mädchen, »wer ist denn das nun wieder?« Aber ehe sie noch eine Antwort erhalten konnte, war sie schon ans Fenster gesprungen und rief: »Um Gott, Mutter, da kommt der Andrees; seht nur, wie verstürzt er aussieht!« Die Witwe erhob sich von ihrem Spinnrad: »Freilich, Kind«, sagte sie niedergeschlagen, »siehst du denn nicht, was er auf dem Rücken trägt? Da ist schon wieder eins von den Schafen verdurstet.«

Bald darauf trat der junge Bauer ins Zimmer und legte das tote Tier vor den Frauen auf den Estrich. »Da habt ihr es!« sagte er finster, indem er sich mit der Hand den Schweiß von der heißen Stirn strich. Die Frauen sahen mehr in sein Gesicht als auf die tote Kreatur. »Nimm dir es nicht so zu Herzen, Andrees!« sagte Maren. »Wir wollen die Regenfrau wecken, und dann wird alles wieder gut werden.«

»Die Regenfrau!« wiederholte er tonlos. »Ja, Maren, wer die wecken könnte! – Es ist aber auch nicht wegen dem allein; es ist mir etwas widerfahren draußen.« – Die Mutter faßte zärtlich seine Hand. »So sag es von dir«, ermahnte sie, »damit es dich nicht siech machte!« »So hört denn!« erwiderte er. –

»Ich wollte nach unseren Schafen sehen und ob das Wasser, das ich gestern Abend für sie hinauf getragen, noch nicht verdunstet sei. Als ich aber auf den Weideplatz kam, sah ich so gleich, daß es dort nicht seine Richtigkeit habe; der Wasserzuber war nicht mehr, wo ich ihn hingestellt, und auch die Schafe waren nicht zu sehen. Um sie zu suchen, ging ich den Rain hinab bis an den Riesenhügel.

Als ich auf die andere Seite kam, da sah ich sie alle liegen, keuchend, die Hälse lang auf die Erde gestreckt; die arme Kreatur hier war schon krepiert. Daneben lag der Zuber umgestürzt und schon gänzlich ausgetrocknet. Die Tiere konnten das nicht getan haben; hier mußte eine böswillige Hand im Spiele sein.«

»Kind, Kind«, unterbrach ihn die Mutter, »wer sollte einer armen Witwe Leides zufügen!«
»Hört nur zu, Mutter, es kommt noch weiter. Ich stieg auf den Hügel und sah nach allen Seiten über die Ebene hin; aber kein Mensch war zu sehen, die sengende Glut lag wie alle Tage lautlos über den Feldern. Nur neben mir auf einem der großen Steine, zwischen denen das Zwergenloch in den Hügeln hinabgeht, saß ein dicker Molch und der sonnte seinen häßlichen Leib.

Als ich noch so halb ratlos, halb ingrimmig um mich her starrte, hörte ich auf einmal hinter mir von der anderen Seite des Hügels her ein Gemurmel, wie wenn einer eifrig mit sich selber redet, und als ich mich umwende, sehe ich ein knorpsiges Männlein im feuerroten Rock und roter Zipfelmütze unten zwischen dem Heidekraut auf und ab stapfen. – Ich erschrak mich, denn wo war es plötzlich hergekommen! –

Auch sah es gar so arg und mißgeschaffen aus. Die großen braunroten Hände hatte es auf dem Rücken gefaltet, und dabei spielten die krummen Finger wie Spinnenbeine in der Luft. Ich war hinter den Dornbusch getreten, der neben den Steinen aus dem Hügel wächst, und konnte von hier aus alles sehen, ohne selbst bemerkt zu werden.

Das Unding drunten war noch immer in Bewegung; es bückte sich und riß ein Bündel versengten Grases aus dem Boden, daß ich glaubte, es müsse mit seinem Kürbiskopf vornüber schießen; aber es stand schon wieder auf seinen Spindelbeinen, und in dem es das dürre Kraut zwischen seinen großen Fäusten zu Pulver rieb, begann es so entsetzlich zu lachen, daß auf der anderen Seite des Hügels die halbtoten Schafe aufsprangen und in wilder Flucht an dem Rain hinunterjagten.

Das Männlein aber lachte noch gellender, und dabei begann es von einem Bein auf das andere zu springen, daß ich fürchtete, die dünnen Stäbchen müßten unter seinem klumpigen Leibe zusammenbrechen. Es war grauenvoll anzusehen, denn es funkelte ihm dabei ordentlich aus seinem kleinen schwarzen Augen.«

Die Witwe hatte leise des Mädchens Hand gefaßt. »Weißt du nun, wer der Feuermann ist?« sagte sie. Maren nickte. »Das aller grausenhafteste aber«, fuhr Andrees fort, »war seine Stimme. ›Wenn sie es wüßten, wenn sie es wüßten!‹ schrie er, ›die Flegel, die Bauerntölpel!‹ Und dann sang er mit seiner schnarrenden, quäkenden Stimme ein seltsames Sprüchlein; immer von vorn nach hinten, als könne er sich gar daran nicht ersättigen. Wartet nur, ich bekomm es wohl noch beisammen!«

Und nach einigen Augenblicken fuhr er fort:
»Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!«

Die Mutter ließ plötzlich ihr Spinnrad stehen, das sie während der Erzählung eifrig gedreht hatte, und sah ihren Sohn mit gespannten Augen an. Der aber schwieg wieder und schien sich zu besinnen. »Weiter!« sagte sie leise. »Ich weiß nicht weiter, Mutter; es ist fort, und ich hab es mir unterwegs doch wohl hundertmal vorgesagt.« Als aber Frau Stine mit unsicherer Stimme selbst fortfuhr:
»Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder!«
da setzte er rasch hinzu:
Nimm dich in acht!
Eh du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in die Nacht!«

»Das ist das Sprüchlein der Regentrude!« rief Frau Stine; »und nun rasch noch einmal! Und du, Maren, merk wohl auf, damit es nicht wiederum verloren geht!« Und nun sprachen Mutter und Sohn noch einmal zusammen und ohne Anstoß:

Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder!
Nimm dich in acht!
Eh du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in die Nacht!«

»Nun hat alle Not ein Ende!« rief Maren; »nun wecken wir die Regentrude; morgen sind alle Felder wieder grün, und übermorgen gibt es Hochzeit!« Und mit fliegenden Worten und glänzenden Augen erzählte sie dem Andrees, welches Versprechen sie dem Vater abgewonnen habe. »Kind«, sagte die Witwe wieder, »weißt du denn auch den Weg zur Regentrude?« »Nein, Mutter Stine; wißt Ihr denn auch den Weg nicht mehr?«

»Aber, Maren, es war ja die Urahne, die bei der Regentrude war; von dem Wege hat sie mir niemals was erzählt.« »Nun, Andrees«, sagte Maren und faßte den Arm des jungen Bauern, der während dessen mit gerunzelter Stirn vor sich hin gestarrt hatte, »so sprich du! Du weißt ja sonst doch immer Rat!« »Vielleicht weiß ich auch jetzt wieder einen«, entgegnete er bedächtig.

»Ich muß heute mittag den Schafen noch Wasser hinauf tragen. Vielleicht, daß ich den Feuermann noch einmal hinter dem Dornbusch belauschen kann! Hat er das Sprüchlein verraten, wird er auch noch den Weg verraten; denn sein dicker Kopf scheint überzulaufen von diesen Dingen.« Und bei diesem Entschluß blieb es. Soviel sie auch hin und wieder redeten, sie wußten keinen bessern aufzufinden.

Bald darauf befand sich Andrees mit seiner Wassertracht droben auf dem Weideplatze. Als er in die Nähe des Riesenhügels kam, sah er den Kobold schon von weitem auf einem der Steine am Zwergenloch sitzen. Er strählte sich mit seinen fünf ausgespreizten Fingern den roten Bart; und jedesmal, wenn er die Hand heraus zog, löste sich ein Häufchen feuriger Flocken ab und schwebte in dem grellen Sonnenschein über die Felder dahin.

Da bist du zu spät gekommen, dachte Andrees, heute wirst du nichts erfahren, und wollte seitwärts, als habe er gar nichts gesehen, nach der Stelle abbiegen, wo noch immer der umgestürzte Zuber lag. Aber er wurde angerufen. »Ich dachte, du hättest mit mir zu reden!« hörte er die Quäkstimme des Kobolds hinter sich.

Andrees kehrte sich um und trat ein paar Schritte zurück. »Was hätte ich mit Euch zu reden«, erwiderte er; ich kenne Euch ja nicht.« »Aber du möchtest den Weg zur Regentrude wissen?«
»Wer hat Euch denn das gesagt?« »Mein kleiner Finger, und der ist klüger als mancher großer Kerl.«

Andrees nahm all seinen Mut zusammen und trat noch ein paar Schritte näher zu dem Unding an den Hügel hinauf. »Euer kleiner Finger mag schon klug sein«, sagte er, »aber den Weg zur Regentrude wird er doch nicht wissen, denn den wissen auch die aller klügsten Menschen nicht.«

Der Kobold blähte sich wie eine Kröte und fuhr ein paarmal mit seiner Klaue durch den Feuerbart, daß Andrees vor der heraus strömenden Glut einen Schritt zurück taumelte. Plötzlich aber sah er den jungen Bauer mit dem Ausdrucke eines überlegenen Hohns an. Aus seinen bösen kleinen Augen anstarrend, schnarrte er ihn an: »Du bist zu einfältig, Andrees; wenn ich dir auch sagte, daß die Regentrude hinter dem großen Walde wohnt, wo würdest du doch nicht wissen, daß hinter dem Walde eine hohle Weide steht.«

Hier gilt es, den Dummen spielen, dachte Andrees; denn obschon er sonst ein ehrlicher Bauer war, so hatte er doch auch seine gute Portion Bauernschlauheit mit auf die Welt bekommen. »Da habt Ihr recht«, sagte er und riß den Mund auf, »das würde ich freilich nicht wissen!«
»Und«, fuhr der Kobold fort, »wenn ich dir auch sagte, daß hinter dem Wald die hohle Weide steht, so würdest du doch nicht wissen, daß in dem Baum eine Treppe zum Garten der Regenfrau hinab führt.«

»Wie man sich doch verrechnen kann!« rief Andrees. »Ich dachte, man könnte nur so geradeswegs hinein spazieren.« »Und wenn du auch geradeswegs hinein spazieren könntest«, sagte der Kobold, »so würdest du immer noch nicht wissen, daß die Regentrude nur von einer reinen Jungfrau geweckt werden kann.« »Nun freilich«, meinte Andrees, »da hilft es mir nichts; da will ich mich nur gleich wieder auf den Heimweg machen.«

Ein arglistiges Lächeln verzog den breiten Mund des Kobolds. »Willst du nicht erst dein Wasser in den Zuber gießen?« fragte er; »das schöne Viehzeug ist ja schier verschmachtet.« »Da habt Ihr zum vierten Male recht!« erwiderte der Bursche und ging mit seinen Eimern um den Hügel herum. Als er aber das Wasser in den heißen Zuber goß, schlug es zischend empor und verprasselte in weißen Dampfwolken in der Luft. Auch gut, dachte er, meine Schafe treibe ich mit mir heim, und morgen mit dem frühesten geleite ich Maren zu der Regentrude. Die soll sie schon erwecken!

Auf der anderen Seite des Hügels aber war der Kobold von seinen Steinen aufgesprungen. Er warf seine rote Mütze in die Luft und kollerte sich mit wieherndem Gelächter den Berg hinab. Dann sprang er wieder auf seine dürren Spindelbeine, tanzte wie toll umher und schrie dabei mit seiner Quäkstimme einmal übers andere: »Der Kindskopf, der Bauernlümmel! dachte mich zu übertölpeln und weiß noch nicht, daß die Trude sich nur durch das rechte Sprüchlein wecken läßt. Und das Sprüchlein weiß keiner als Eckeneckepenn, und Eckeneckepenn, das bin ich!« –
Der böse Kobold wußte nicht, daß er am Vormittag das Sprüchlein selbst verraten hatte.

Auf die Sonnenblumen, die vor Marens Kammer im Garten standen, fiel eben der erste Morgenstrahl, als sie schon das Fenster aufstieß und ihren Kopf in die frische Luft hinaus streckte. Der Wiesenbauer, welcher nebenan im Alkoven des Wohnzimmers schlief, mußte davon erwacht sein; denn sein Schnarchen, das noch eben durch alle Wände drang, hatte plötzlich aufgehört. »Was treibst du, Maren?« rief er mit schläfriger Stimme. »Fehlt es dir denn wo?«

Das Mädchen fuhr sich mit dem Finger an die Lippen; denn sie wußte wohl, daß der Vater, wenn er ihr Vorhaben erführe, sie nicht aus dem Hause lassen würde. Aber sie faßte sich schnell. »Ich habe nicht schlafen können, Vater«, rief sie zurück, »ich will mit den Leuten auf die Wiese; es ist so hübsch frisch heute morgen.«

»Hast das nicht nötig, Maren«, erwiderte der Bauer, »meine Tochter ist kein Dienstbote.« Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Na, wenn es dir Pläsier macht! Aber sei zur rechten Zeit wieder heim, eh die große Hitze kommt. Und vergiß mein Warmbier nicht!« Damit warf er sich auf die andere Seite, daß die Bettstelle krachte, und gleich darauf hörte auch das Mädchen wieder das wohl bekannte abgemessene Schnarchen.

Behutsam drückte sie ihre Kammertür auf. Als sie durch die Torfahrt ins Freie ging, hörte sie eben den Knecht die beiden Mägde wecken. Es ist doch schnöd, dachte sie, daß du so hast lügen müssen, aber – und sie seufzte dabei ein wenig – was tut man nicht um seinen Schatz! Drüben in seinem Sonntagsstaat stand schon Andrees ihrer wartend. »Weißt du dein Sprüchlein noch?« rief er ihr entgegen.

»Ja, Andrees! Und weißt du noch den Weg?« Er nickte nur. »So laß uns gehen!« Aber eben kam noch Mutter Stine aus dem Hause und steckte ihrem Sohne ein mit Met gefülltes Fläschchen in die Tasche. »Der ist noch von der Urahne«, sagte sie, »sie tat allezeit sehr geheim und kostbar damit, der wird euch gut tun in der Hitze!«

Dann gingen sie im Morgenschein die stille Dorfstraße hinab, und die Witwe stand noch lange und schaute nach der Richtung, wo die jungen kräftigen Gestalten verschwunden waren. Der Weg der beiden führte hinter der Dorfmark über eine weite Heide. Danach kamen sie in den großen Wald. Aber die Blätter des Waldes lagen meist verdorrt am Boden, so daß die Sonne überall hindurch blitzte; sie wurden fast geblendet von den wechselnden Lichtern. –

Als sie eine geraume Zeit zwischen den hohen Stämmen der Eichen und Buchen fort geschritten waren, faßte das Mädchen die Hand des jungen Mannes. »Was hast du, Maren?« fragte er. »Ich hörte unsere Dorfuhr schlagen, Andrees.« »Ja, mir war es auch so.« »Es muß sechs Uhr sein!« sagte sie wieder. »Wer kocht denn dem Vater nur sein Warmbier? Die Mägde sind alle auf dem Felde.« »Ich weiß nicht, Maren, aber das hilft nun doch weiter nicht!« »Nein«, sagte sie, »das hilft nun weiter nicht. Aber weißt du denn auch noch unser Sprüchlein?« »Freilich, Maren!

Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!«
Und als er einen Augenblick zögerte, sagte sie rasch:
»Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder!«
»Oh«, rief sie, »wie brannte die Sonne!«
»Ja«, sagte Andrees und rieb sich die Wange, »es hat auch mir ordentlich einen Stich gegeben.«

Endlich kamen sie aus dem Walde, und dort, ein paar Schritte vor ihnen, stand auch schon der alte Weidenbaum. Der mächtige Stamm war ganz gehöhlt, und das Dunkel, das darin herrschte, schien tief in den Abgrund der Erde zu führen. Andrees stieg zuerst allein hinab, während Maren sich auf die Höhlung des Baumes lehnte und ihm nachzublicken suchte. Aber bald sah sie nichts mehr von ihm, nur das Geräusch des Hinabsteigens schlug noch an ihr Ohr.

Ihr begann angst zu werden, oben um sie her war es so einsam, und von unten hörte sie endlich auch keinen Laut mehr. Sie steckte den Kopf tief in die Höhlung und rief: »Andrees, Andrees!« Aber es blieb alles still, und noch einmal rief sie: »Andrees!« – Da nach einiger Zeit war es ihr, als höre sie es von unten wieder herauf kommen, und allmählich erkannte sie auch die Stimme des jungen Mannes, der ihren Namen rief, und faßte seine Hand, die er ihr entgegenstreckte.

»Es führt eine Treppe hinab«, sagte er, »aber sie ist steil und ausgebröckelt, und wer weiß, wie tief nach unten zu der Abgrund ist!« Maren erschrak. »Fürchte dich nicht«, sagte er, »ich trage dich; ich habe einen sicheren Fuß.« Dann hob er das schlanke Mädchen auf seine breite Schulter; und als sie die Arme fest um seinen Hals gelegt hatte, stieg er behutsam mit ihr in die Tiefe.

Dichte Finsternis umgab sie; aber Maren atmete doch auf, während sie so Stufe um Stufe wie in einem gewundenen Schneckengange hinab getragen wurde; denn es war kühl hier im Innern der Erde. Kein Laut von oben drang zu ihnen herab; nur einmal hörten sie dumpf aus der Ferne die unterirdischen Wasser brausen, die vergeblich zum Lichte empor arbeiteten.

»Was war das?« flüsterte das Mädchen. »Ich weiß nicht, Maren.« »Aber hat es denn noch kein Ende?« »Es scheint fast nicht.« »Wenn dich der Kobold nur nicht betrogen hat!« »Ich denke nicht, Maren.« So stiegen sie tiefer und tiefer. Endlich spürten sie wieder den Schimmer des Sonnenlichts unter sich, das mit jedem Tritt leuchtender wurde; zugleich aber drang auch eine erstickende Hitze zu ihnen herauf.

Als sie von der untersten Stufe ins Freie traten, sahen sie eine gänzlich unbekannte Gegend vor sich. Maren sah befremdet umher. »Die Sonne scheint aber doch die selbe zu sein!« sagte sie endlich. »Kälter ist sie wenigstens nicht«, meinte Andrees, in dem er das Mädchen zur Erde hob. Von dem Platze, wo sie sich befanden, auf einem breiten Steindamm, lief eine Allee von alten Weiden in die Ferne hinaus.

Sie bedachten sich nicht lange, sondern gingen, als sei ihnen der Weg gewiesen, zwischen den Reihen der Bäume entlang. Wenn sie nach der einen oder anderen Seite blickten, so sahen sie in ein ödes, unabsehbares Tiefland, das so von aller Art von Rinnen und Vertiefungen zerrissen war, als bestehe es nur aus einem endlosen Gewirre verlassener See- und Strombetten.

Dies schien auch dadurch bestätigt zu werden, daß ein beklemmender Dunst, wie von vertrocknetem Schilf, die Luft erfüllte. Dabei lagerte zwischen den Schatten der einzeln stehenden Bäume eine solche Glut, daß es den beiden Wanderern war, als sähen sie kleine weiße Flammen über den staubigen Weg dahinfliegen.

Andrees mußte an die Flocken aus dem Feuerbart des Kobolds denken. Einmal war es ihm sogar, als sähe er zwei dunkle Augenringe in dem grellen Sonnenschein; dann wieder glaubte er deutlich neben sich das tolle Springen der kleinen Spindelbeine zu hören. Bald war es links, bald rechts an seiner Seite. Wenn er sich aber wandte, vermochte er nichts zu sehen; nur die glutheiße Luft zitterte flirrend und blendend vor seinen Augen. Ja, dachte er, indem er des Mädchens Hand erfaßte und beide mühsam vorwärts schritten, sauer machst du es uns, aber recht behältst du heute nicht!

Weiter und weiter gingen sie, der eine nur auf das immer schwerere Atmen des anderen hörend. Der einförmige Weg schien kein Ende zu nehmen; neben ihnen unaufhörlich die grauen, halb entblätterten Weiden, seitwärts hüben und drüben unter ihnen die unheimlich dunstende Niederung.

Plötzlich blieb Maren stehen und lehnte sich mit geschlossenen Augen an den Stamm einer Weide. »Ich kann nicht weiter«, murmelte sie; »die Luft ist lauter Feuer.« Da gedachte Andrees des Metfläschchens, das sie bis dahin unberührt gelassen hatten. – Als er den Stöpsel abgezogen, verbreitete sich ein Duft, als seien die Tausende von Blumen noch einmal zur Blüte auferstanden, aus deren Kelchen vor vielleicht mehr als hundert Jahren die Bienen den Honig zu diesem Tranke zusammengetragen hatten.

Kaum hatten die Lippen des Mädchens den Rand der Flasche berührt, so schlug sie schon die Augen auf. »Oh«, rief sie, »auf welcher schönen Wiese sind wir denn?« »Auf keiner Wiese, Maren; aber trink nur, es wird dich stärken!« Als sie getrunken hatte, richtete sie sich auf und schaute mit hellen Augen um sich her. »Trink auch einmal, Andrees«, sagte sie; »ein Frauenzimmer ist doch nur ein elendiglich Geschöpf!«

»Aber das ist ein echter Tropfen!« rief Andrees, nachdem er auch gekostet hatte. »Mag der Himmel wissen, woraus die Uhrahne den gebraut hat!« Dann gingen sie gestärkt und lustig plaudernd weiter. Nach einer Weile aber blieb das Mädchen wieder stehen. »Was hast du, Maren?« fragte Andrees. »Oh, nichts, ich dachte nur –« »Was denn, Maren?« »Siehst du, Andrees! Mein Vater hat noch sein halbes Heu draußen auf den Wiesen; und ich gehe da aus und will Regen machen!«

»Dein Vater ist ein reicher Mann, Maren; aber wir anderen haben unser Fetzchen Heu schon längst in der Scheuer und unsere Frucht noch alle auf den dürren Halmen.« »Ja, ja, Andrees, du hast wohl recht; man muß auch an die anderen denken!« Im stillen bei sich selber aber setzte sie später hinzu: Maren, Maren, mach dir keine Flausen vor; du tust ja doch alles nur von wegen deinem Schatz!

So waren sie wieder eine Zeit lang fort gegangen, als das Mädchen plötzlich rief: »Was ist denn das? Wo sind wir denn? Das ist ja ein großer, ungeheurer Garten!« Und wirklich waren sie, ohne zu wissen wie, aus der einförmigen Weidenallee in einen großen Park gelangt. Aus der weiten, jetzt freilich versengten Rasenfläche erhoben sich überall Gruppen hoher prachtvoller Bäume.

Zwar war ihr Laub zum Teil abgefallen oder hing dürr und schlaff an den Zweigen, aber der kühne Bau ihrer Äste strebte noch in den Himmel, und die mächtigen Wurzeln griffen noch weit über die Erde hinaus. Eine Fülle von Blumen, wie die beiden sie nie zuvor gesehen, bedeckte hie und da den Boden; aber alle diese Blumen waren welk und duftlos und schienen mitten in der höchsten Blüte von der tödlichen Glut getroffen zu sein.

»Wir sind am rechten Orte, denk ich!« sagte Andrees. Maren nickte. »Du mußt nun hier zurück bleiben, bis ich wiederkomme.« »Freilich«, erwiderte er, in dem er sich in dem Schatten einer großen Eiche ausstreckte. »Das übrige ist nun deine Sach! Halt nur das Sprüchlein fest und verred dich nicht dabei!« –

So ging sie denn allein über den weiten Rasen und unter den himmelhohen Bäumen dahin, und bald sah der Zurückbleibende nichts mehr von ihr. Sie aber schritt weiter und weiter durch die Einsamkeit. Bald hörten die Baumgruppen auf, und der Boden senkte sich. Sie erkannte wohl, daß sie in dem ausgetrockneten Bette eines Gewässers ging; weißer Sand und Kiesel bedeckten den Boden, dazwischen lagen tote Fische und blinkten mit ihren Silberschuppen in der Sonne.

In der Mitte des Beckens sah sie einen grauen fremdartigen Vogel stehen; er schien ihr einem Reiher ähnlich zu sein, doch war er von solcher Größe, daß sein Kopf, wenn er ihn aufrichtete, über den eines Menschen hinweg ragen mußte; jetzt hatte er den langen Hals zwischen den Flügel zurückgelegt und schien zu schlafen. Maren fürchtete sich. Außer dem regungslosen unheimlichen Vogel war kein lebendes Wesen sichtbar, nicht einmal das Schwirren einer Fliege unterbrach hier die Stille; wie ein Entsetzen lag das Schweigen über diesem Orte.

Einen Augenblick trieb sie die Angst, nach ihrem Geliebten zu rufen, aber sie wagte es wiederum nicht; denn den Laut ihrer eignen Stimme in dieser Öde zu hören, dünkte sie noch schauerlicher als alles andre. So richtete sie denn ihre Augen fest in die Ferne, so sich wieder dichte Baumgruppen über den Boden zu erheben schienen, und schritt weiter, ohne rechts oder links zu sehen. Der große Vogel rührte sich nicht, als sie mit leisem Tritt an ihm vorüberging, nur für einen Augenblick blitzte es schwarz unter der weißen Augenhaut hervor. – Sie atmete auf. –

Nachdem sie noch eine weite Strecke hin geschritten, verengte sich das Seebett zu der Rinne eines mäßigen Baches, der unter einer breiten Lindengruppe durchführte. Das Geäst dieser mächtigen Bäume war so dicht, daß ungeachtet des mangelhaften Laubes kein Sonnenstrahl hindurch drang. Maren ging in dieser Rinne weiter; die plötzliche Kühle um sie her, das hohe dunkle Gewölk der Wipfel über ihr; es schien ihr fast, als gehe sie durch eine Kirche. Plötzlich aber wurden ihre Augen von einem blenden Licht getroffen; die Bäume hörten auf, und vor ihr erhob sich ein graues Gestein, auf das die grellste Sonne niederbrannte.

Maren selbst stand in einem leeren sandigen Becken, in welches sonst ein Wasserfall über die Felsen hinabgestürzt sein mochte, der dann unterhalb durch die Rinne seinen Abfluß in den jetzt verdunsteten See gehabt hatte. Sie suchte mit den Augen, wo wohl der Weg zwischen den Klippen hinaufführte. Plötzlich aber schrak sie zusammen. Denn das dort auf der halben Höhe des Absturzes konnte nicht zum Gestein gehören; wenn es auch ebenso grau war und starr wie dieses in der regungslosen Luft lag, so erkannte sie doch bald, daß es ein Gewand sei, welches in Falten eine ruhende Gestalt bedeckte. –

Mit verhaltenem Atem stieg sie näher. Da sah sie es deutlich; es war eine schöne mächtige Frauengestalt. Der Kopf lag tief aufs Gestein zurück gesunken; die blonden Haare, die bis zur Hüfte hinab flossen, waren voll Staub und dürren Laubes. Maren betrachtete sie aufmerksam. Sie muß sehr schön gewesen sein, dachte sie, ehe diese Wangen so schlaff und diese Augen so eingesunken waren. Ach, und wie bleich ihre Lippen sind! Ob es denn wohl die Regentrude sein mag? –

Aber die da schläft nicht; das ist eine Tote! Oh, es ist entsetzlich einsam hier! Das kräftige Mädchen hatte sich indessen bald gefaßt. Sie trat ganz dicht herzu, und niederkniend und zu ihr hinabgebeugt, legte sie ihre frischen Lippen an das marmorblasse Ohr der Ruhenden. Dann, all ihren Mut zusammennehmend, sprach sie laut und deutlich:

»Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzt über die Felder!«
Da rang sich ein tiefer klagender Laut aus dem bleichen Munde hervor; doch das Mädchen sprach immer stärker und eindringlicher:
»Nimm dich in acht!
Eh du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in der Nacht!«

Da rauschte es sanft durch die Wipfel der Bäume, und in der Ferne donnerte es leise wie von einem Gewitter. Zugleich aber und, wie es schien, von jenseits des Gesteins kommend, durchschnitt ein greller Ton die Luft, wie der Wutschrei eines bösen Tieres. Als Maren empor sah, stand die Gestalt der Trude hoch aufgerichtet vor ihr. »Was willst du?« fragte sie. »Ach, Frau Trude«, antwortete das Mädchen noch immer kniend. »Ihr habt so grausam lang geschlafen, daß alles Laub und alle Kreatur verschmachten will!«

Die Trude sah sie mit weit aufgerissenen Augen an, als mühe sie sich, aus schweren Träumen zu kommen. Endlich fragte sie mit tonloser Stimme: »Stürzt denn der Quell nicht mehr?« »Nein, Frau Trude«, erwiderte Maren. »Kreist denn mein Vogel nicht mehr über dem See?« »Er steht in der heißen Sonne und schläft.« »Weh!« wimmerte die Regenfrau. »So ist es hohe Zeit. Steh auf und folge mir, aber vergiß nicht den Krug, der dort zu deinen Füßen liegt!«

Maren tat, wie ihr geheißen, und beide stiegen nun an der Seite des Gesteins hinauf. – Noch mächtigere Baumgruppen, noch wunderbarere Blumen waren hier der Erde entsprossen, aber auch hier war alles welk und duftlos. – Sie gingen an der Rinne des Baches entlang, der hinter ihnen seinen Abfall vom Gestein gehabt hatte. Langsam und schwankend schritt die Trude dem Mädchen voran, nur dann und wann die Augen traurig umherwendend. Dennoch meinte Maren, es bleibe ein grüner Schimmer auf dem Rasen, den ihr Fuß betreten, und wenn die grauen Gewänder über das dürre Gras schleppten, da rauschte es so eigen, daß sie immer darauf hinhören mußte.

»Regnet es denn schon, Frau Trude?« fragte sie. »Ach nein, Kind, erst mußt du den Brunnen aufschließen!« »Den Brunnen? Wo ist denn der?« Sie waren eben aus einer Gruppe von Bäumen heraus getreten. »Dort!« sagte die Trude, und einige tausend Schritte vor ihnen sah Maren einen ungeheuren Bau emporsteigen.

Er schien von grauem Gestein zackig und unregelmäßig aufgetürmt; bis in den Himmel, meinte Maren, denn nach oben hinauf war alles wie in Duft und Sonnenglanz zerflossen. Am Boden aber wurde die in riesenhaften Erkern vorspringende Front überall von hohen spitzbogigen Tor- und Fensterhöhlen durchbrochen, ohne daß jedoch von Fenstern oder Torflügeln selbst etwas zu sehen gewesen wäre.

Eine Weile schritten sie gerade darauf zu, bis sie durch den Uferabsturz eines Stromes aufgehalten wurden, der den Bau rings zu umgeben schien. Auch hier war jedoch das Wasser bis auf einen schmalen Faden, der noch in der Mitte floß, verdunstet; ein Nachen lag zerborsten auf der trockenen Schlammdecke des Strombettes. »Schreite hindurch!« sagte die Trude. »Über dich hat er keine Gewalt. Aber vergiß nicht, von dem Wasser zu schöpfen; du wirst es bald gebrauchen!«

Als Maren, dem Befehl gehorchend, von dem Ufer herab trat, hätte sie fast den Fuß zurück gezogen, denn der Boden war hier so heiß, daß sie die Glut durch ihre Schuhe fühlte. Ei was, mögen die Schuhe verbrennen! dachte sie und schritt rüstig mit ihrem Krug weiter. Plötzlich aber blieb sie stehen; der Ausdruck des tiefsten Entsetzens trat in ihre Augen. Denn neben ihr zerriß die trockene Schlammdecke, und eine große braunrote Faust mit krummen Fingern fuhr daraus hervor und griff nach ihr.

»Mut!« hörte sie die Stimme der Trude hinter sich vom Ufer her. Da erst stieß sie einen lauten Schrei aus, und der Spuk verschwand. »Schließe die Augen!« hörte sie wiederum die Trude rufen. – Da ging sie mit geschlossenen Augen weiter; als sie aber das Wasser ihren Fuß berühren fühlte, bückte sie sich und füllte ihre Krug. Dann stieg sie leicht und ungefährdet am anderen Ufer wieder hinauf.

Bald hatte sie das Schloß erreicht und trat mit klopfendem Herzen durch eines der großen offenen Tore. Drinnen aber blieb sie staunend an dem Eingang stehen. Das ganze Innere schien nur ein einziger unermeßlicher Raum zu sein. Mächtige Säulen von Tropfstein trugen in beinahe unabsehbarer Höhe eine seltsame Decke; fast meinte Maren, es seien nichts als graue riesenhafte Spinngewebe, die überall in Bauschen und Spitzen zwischen den Knäufen der Säulen herab hingen.

Noch immer stand sie wie verloren an der selben Stelle und blickte bald vor sich hin, bald nach einer und der anderen Seite, aber diese ungeheuren Räume schienen außer nach der Front zu, durch welche Maren eingetreten war, ganz ohne Grenzen zu sein; Säule hinter Säule erhob sich, und wie sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte nirgends ein Ende absehen. Da blieb ihr Auge an einer Vertiefung des Bodens haften. Und siehe! Dort, unweit von ihr, war der Brunnen; auch den goldenen Schlüssel sah sie auf der Falltür liegen.

Während sie darauf zuging, bemerkte sie, daß der Fußboden nicht etwa, wie sie es in ihrer Dorfkirche gesehen, mit Steinplatten, sondern überall mit vertrockneten Schilf- und Wiesenpflanzen bedeckt war. Aber es nahm sie jetzt schon nichts mehr wunder. Nun stand sie am Brunnen und wollte eben den Schlüssel ergreifen; da zog sie rasch die Hand zurück. Denn deutlich hatte sie es erkannt, der Schlüssel, der ihr in dem grellen Licht eines von außen herein fallenden Sonnenstrahl entgegen leuchtete, war von Glut und nicht von Gold rot.

Ohne Zaudern goß sie ihren Krug darüber aus, daß das Zischen des verdampfenden Wassers in den weiten Räumen widerhallte. Dann schloß sie rasch den Brunnen auf. Ein frischer Duft stieg aus der Tiefe, als sie die Falltür zurück geschlagen hatte, und erfüllte bald alles mit einem feinen feuchten Staube, der wie ein zartes Gewölk zwischen den Säulen emporstieg.

Sinnend und in der frischen Kühle aufatmend, ging Maren umher. Da begann zu ihren Füßen ein neues Wunder. Wie ein Hauch rieselte ein lichtes Grün über die verdorrte Pflanzendecke, die Halme richteten sich auf, und bald wandelte das Mädchen durch eine Fülle sprießender Blätter und Blumen. Am Fuße der Säulen wurde es blau von Vergißmeinnicht; dazwischen blühten gelbe und braun violette Iris auf und verhauchten ihren zarten Duft.

An den Spitzen der Blätter klommen Libellen empor, prüften ihre Flügel und schwebten dann schillernd und gaukelnd über den Blumenkelchen, während der frische Duft, der fortwährend aus dem Brunnen stieg, immer mehr die Luft erfüllte und wie Silberfunken in den herein fallenden Sonnenstrahlen tanzte.

In dessen Maren noch des Entzückens und Bestaunens kein Ende finden konnte, hörte sie hinter sich ein behagliches Stöhnen wie von einer süßen Frauenstimme. Und wirklich, als sie ihre Augen nach der Vertiefung des Brunnens wandte, sah sie auf dem grünen Moosrand, der dort emporgekeimt war, die ruhende Gestalt einer wunderbar schön blühenden Frau. Sie hatte ihren Kopf auf den nackten glänzenden Arm gestützt, über den das blonde Haar wie in seidenen Wellen herab fiel, und ließ ihre Augen oben zwischen den Säulen an der Decke wandern.

Auch Maren blickte unwillkürlich hinauf. Da sah sie nun wohl, daß das, was sie für große Spinngewebe gehalten, nichts anderes war als die zarten Florgewebe der Regenwolken, die durch den aus dem Brunnen aufsteigenden Duft gefüllt und schwer und schwerer wurden.

Eben hatte sich ein solches Gewölk in der Mitte der Decke abgelöst und sank leise schwebend herab, so daß Maren das Gesicht der schönen Frau am Brunnen nur noch wie durch einen grauen Schleier leuchten sah. Da klatschte diese in die Hände, und sogleich schwamm die Wolke der nächsten Fensteröffnung zu und floß durch die selbe ins Freie hinaus.

»Nun!« rief die schöne Frau. »Wie gefällt dir das?« Dabei lächelte ihr roter Mund, und ihre weißen Zähne blitzten. Dann winkte sie Maren zu sich, und diese mußte sich neben ihr ins Moos setzen; und als eben wieder ein Duftgewebe von der Decke nieder sank, sagte sie: »Nun klatsch in deine Hände!« Und als Maren das getan und auch diese Wolke, wie die erste, ins Freie hinaus gezogen war, rief sie: »Siehst du wohl, wie leicht das ist! Du kannst es besser noch als ich!«

Maren betrachtete verwundert die schöne übermütige Frau. »Aber«, fragte sie, »wer seid Ihr denn so eigentlich?« »Wer ich bin? Nun, Kind, du bist aber einfältig!« Das Mädchen sah sie noch einmal mit ungewissen Augen an; endlich sagte sie zögernd: »Ihr seid doch nicht gar die Regentrude?« »Und wer sollte ich denn anders sein?« »Aber verzeiht! Ihr seid ja so schön und lustig jetzt!«

Da wurde die Trude plötzlich ganz still. »Ja«, rief sie, »ich muß dir dankbar sein. Wenn du mich nicht geweckt hättest, wäre der Feuermann Meister geworden, und ich hätte wieder hinab müssen zu der Mutter unter die Erde.« Und indem sie ein wenig wie vor innerem Grauen die weißen Schultern zusammenzog, setzte sie hinzu: »Und es ist ja doch so schön und grün hier oben!«

Dann mußte Maren erzählen, wie sie hierher gekommen, und die Trude legte sich ins Moos zurück und hörte zu. Mitunter pflückte sie eine der Blumen, die neben ihr empor sproßten, und steckte sie sich oder dem Mädchen ins Haar. Als Maren von dem mühseligen Gange auf dem Weidendamm berichtete, seufzte die Trude und sagte:

»Der Damm ist einst von euch Menschen selbst gebaut worden; aber es ist schon lange, lange her! Solche Gewänder, wie du sie trägst, sah ich nie bei ihren Frauen. Sie kamen damals öfters zu mir, ich gab ihnen Keime und Körner zu neuen Pflanzen und Getreiden, und sie brachten mir zum Dank von ihren Früchten. Wie sie meiner nicht vergaßen, so vergaß ich ihrer nicht, und ihre Felder waren niemals ohne Regen. Seit langem aber sind die Menschen mir entfremdet, es kommt niemand mehr zu mir. Da bin ich denn vor Hitze und lauter Langeweile eingeschlafen, und der tückische Feuermann hätte fast den Sieg erhalten.«

Maren hatte sich während dessen ebenfalls mit geschlossenen Augen auf das Moos zurück gelegt, es taute so sanft um sie her, und die Stimme der schönen Trude klang so süß und traulich. »Nur einmal«, fuhr diese fort, »aber das ist auch schon lange her, ist noch ein Mädchen gekommen, sie sah fast aus wie du und trug fast eben solche Gewänder. Ich schenkte ihr von meinem Wiesenhonig, und das war die letzte Gabe, die ein Mensch aus meiner Hand empfangen hat.«

»Seht nur«, sagte Maren, »das hat sich gut getroffen! Jenes Mädchen muß die Urahne von meinem Schatz gewesen sein, und der Trank, der mich heute so gestärkt hat, war gewiß von Eurem Wiesenhonig!« Die Regenfrau dachte wohl noch an ihre junge Freundin von damals; denn sie fragte: »Hat sie denn noch so schöne braune Löckchen an der Stirn?« »Wer denn, Frau Trude?«  »Nun, die Urahne, wie du sie nennst!« »O nein, Frau Trude«, erwiderte Maren, und sie fühlte sich in diesem Augenblick ihrer mächtigen Freundin fast ein wenig überlegen –, »die Urahne ist ja ganz steinalt geworden!«

»Alt?« fragte die schöne Frau. Sie verstand das nicht, denn sie kannte nicht das Alter. Maren hatte große Mühe, ihr es zu erklären. »Merkt nur«, sagte sie endlich, »graues Haar und rote Augen und häßlich, verdrießlich sein! Seht, Frau Trude, das nennen wir alt!« »Freilich«, erwiderte diese, »ich entsinne mich nun; es waren auch solche unter den Frauen der Menschen; aber die Urahne soll zu mir kommen, ich mache sie wieder froh und schön.«

Maren schüttelte den Kopf. »Das geht ja nicht, Frau Trude«, sagte sie, »die Urahne ist ja längst unter der Erde.« Die Trude seufzte. »Arme Urahne.« Hierauf schwiegen beide, während sie noch immer behaglich ausgestreckt im weichen Moose lagen. »Aber Kind!« rief plötzlich die Trude, »da haben wir über all dem Geplauder ja ganz das Regenmachen vergessen. Schlag doch nur die Augen auf! Wir sind ja unter lauter Wolken ganz begraben; ich sehe dich schon gar nicht mehr!«

»Ei, da wird man ja naß wie eine Katze!« rief Maren, als sie die Augen aufgeschlagen hatte.
Die Trude lachte. »Klatsch nur ein wenig in die Hände, aber nimm dich in acht, daß du die Wolke nicht zerreißt!« So begannen beide leise in die Hände zu klopfen; und als bald entstand ein Gewoge und Geschiebe, die Nebelgebilde drängten sich nach den Öffnungen und schwammen, eins nach dem anderen, ins Freie hinaus.

Nach kurzer Zeit sah Maren schon wieder den Brunnen vor sich und den grünen Boden mit den gelben und violetten Irisblüten. Dann wurden auch die Fensterhöhlen frei, und sie sah weithin über den Bäumen des Gartens die Wolken den ganzen Himmel überziehen. Allmählich verschwand die Sonne. Noch ein paar Augenblicke, und sie hörte es draußen wie einen Schauer durch die Bäume und Gebüsche wehen, und dann rauschte es hernieder, mächtig und unablässig.

Maren saß aufgerichtet mit gefaltenen Händen. »Frau Trude, es regnet«, sagte sie leise. Diese nickte kaum merklich mit ihrem schönen blonden Kopfe; sie saß wie träumend. Plötzlich aber entstand draußen ein lautes Prasseln und Heulen, und als Maren erschrocken hinaus blickte, sah sie aus dem Bette des Umgebungsstromes, den sie kurz vorher überschritten hatte, sich ungeheure weiße Dampfwolken stoßweise in die Luft erheben. In dem selben Augenblick fühlte sie sich auch von den Armen der schönen Regenfrau umfangen, die sich zitternd an das neben ihr ruhende junge Menschenkind schmiegte.

»Nun gießen sie den Feuermann aus«, flüsterte sie, »horch nur, wie er sich wehrt! Aber es hilft ihm doch nichts mehr.« Eine Weile hielten sie sich so umschlossen; da wurde es stille draußen, und es war nun nichts zu hören als das sanfte Rauschen des Regens. – Da standen sie auf, und die Trude ließ die Falltür des Brunnens herab und verschloß sie. Maren küßte ihre weiße Hand und sagte: »Ich danke Euch, liebe Frau Trude, für mich und alle Leute in unserm Dorfe! Und« – setzte sie ein wenig zögernd hinzu – »nun möchte ich wieder heimgehen!«

»Schon gehen?« fragte die Trude. »Ihr wißt es ja, mein Schatz wartet auf mich; er mag schon wacker naß geworden sein.« Die Trude erhob den Finger. »Wirst du ihn auch später niemals warten lassen?« »Gewiß nicht, Frau Trude!« »So gehe, mein Kind; und wenn du heimkommst, so erzähle den anderen Menschen von mir, daß sie meiner fürder nicht vergessen. – Und nun komm! Ich werde dich geleiten.«

Draußen unter dem frischen Himmelstau war schon überall das Grün des Rasens und an Baum und Büschen das Laub hervor gesprossen. – Als sie an den Strom kamen, hatte das Wasser sein ganzes Bett wieder ausgefüllt, und als erwartete er sie, ruhte der Kahn, wie von unsichtbarer Hand wiederhergestellt, schaukelnd an dem üppigen Grase des Uferrandes. Sie stiegen ein, und leise glitten sie hinüber, während die Tropfen spielend und klingend in die Flut fielen.

Da, als sie eben an das andre Ufer traten, schlugen neben ihnen die Nachtigallen ganz laut aus dem Dunkel des Gebüsches. »Oh«, sagte die Trude und atmete so recht aus Herzensgrunde, »es ist noch Nachtigallenzeit, es ist noch nicht zu spät!«

Da gingen sie an dem Bach entlang, der zu dem Wasserfall führte. Der stürzte sich schon wieder tosend über die Felsen und floß dann strömend in der breiten Rinne unter den dunklen Linden fort. Sie mußten, als sie hinab gestiegen waren, an der Seite unter den Bäumen hingehen. Als sie wieder ins Freie traten, sah Maren den fremden Vogel in großen Kreisen über einem See schweben, dessen weites Becken sich zu ihren Füßen dehnte.

Bald gingen sie unten längs dem Ufer hin, fortwährend die süßesten Düfte atmend und auf das Anrauschen der Wellen horchend, die über glänzende Kiesel an dem Strande hinauf strömten. Tausende von Blumen blühten überall, auch Veilchen und Maililien bemerkte Maren, und andere Blumen, deren Zeit eigentlich längst vorüber war, die aber wegen der bösen Glut nicht hatten zur Entfaltung kommen können. »Die wollen auch nicht zurück bleiben«, sagte die Trude, »das blüht nun alles durcheinander hin.«

Mitunter schüttelte sie ihr blondes Haar, daß die Tropfen wie Funken um sie her sprühten, oder sie schränkte ihre Hände zusammen, daß von ihren vollen weißen Armen das Wasser wie in eine Muschel hinab floß. Dann wieder riß sie die Hände auseinander, und wo die hingesprühten Tropfen die Erde berührten, da stiegen neue Düfte auf, und ein Farbenspiel von frischen, nie gesehenen Blumen drängte sich leuchtend aus dem Rasen.

Als sie um den See herum waren, blickte Maren noch einmal auf die weite, bei dem niederfallenden Regen kaum übersehbare Wasserfläche zurück; es schauerte sie fast bei dem Gedanken, daß sie am Morgen trockenen Fußes durch die Tiefe gegangen sei. Bald mußten sie dem Platze nahe sein, wo sie ihren Andrees zurück gelassen hatte. Und richtig! Dort unter den hohen Bäumen lag er mit aufgestütztem Arm; er schien zu schlafen.

Als aber Maren auf die schöne Trude blickte, wie sie mit dem roten lächelnden Munde so stolz neben ihr über den Rasen schritt, erschien sie sich plötzlich in ihren bäuerischen Kleidern so plump und häßlich, daß sie dachte: Ei, das tut nicht gut, die braucht der Andrees nicht zu sehen! Laut aber sprach sie: »Habt Dank für Euer Geleite, Frau Trude, ich finde mich nun schon selber!«

»Aber ich muß doch deinen Schatz noch sehen!« »Bemüht Euch nicht, Frau Trude«, erwiderte Maren, »es ist eben ein Bursch wie die anderen auch und just gut genug für ein Mädel vom Dorf.« Die Trude sah sie mit durchdringenden Augen an. »Schön bist du, Närrchen!« sagte sie und erhob drohend ihren Finger: »Bist du denn aber auch in deinem Dorf die Allerschönste?«
Da stieg dem hübschen Mädchen das Blut ins Gesicht, daß ihr die Augen überliefen.

Die Trude aber lächelte schon wieder. »So merk denn auf!« sagte sie; »weil nun doch alle Quellen wieder springen, so könnt ihr einen kürzeren Weg haben. Gleich unten links am Weidendamm liegt ein Nachen. Steigt getrost hinein; er wird euch rasch und sicher in eure Heimat bringen! – Und nun leb wohl!« rief sie und legte ihren Arm um den Nacken des Mädchens und küßte sie.

»Oh, wie süß frisch schmeckt doch solch ein Menschenmund!« Dann wandte sie sich und ging unter den fallenden Tropfen über den Rasen dahin. Dabei hub sie an zu singen; das klang süß und eintönig; und als die schöne Gestalt zwischen den Bäumen verschwunden war, da wußte Maren nicht, hörte sie noch immer aus der Ferne den Gesang, oder war es nur das Rauschen des niederfallenden Regens.

Eine Weile noch blieb das Mädchen stehen; dann, wie in plötzlicher Sehnsucht, streckte sie die Arme aus. »Lebt wohl, schöne, liebe Regentrude, lebt wohl!« rief sie. – Aber keine Antwort kam zurück; sie erkannte es nun deutlich, es war nur noch der Regen, der hernieder rauschte. Als sie hierauf langsam dem Eingang des Gartens zuschritt, sah sie den jungen Bauer hoch aufgerichtet unter den Bäumen stehen. »Wonach schaust du denn so?« fragte sie, als sie näher gekommen war.

»Alle Tausend, Maren!« rief Andrees, »was war denn das für ein sauber Weibsbild?« Das Mädchen aber ergriff den Arm des Burschen und drehte ihn mit einem derben Ruck herum. »Guck dir nur nicht die Augen aus!« sagte sie, »das ist keine für dich; das war die Regentrude!«

Andrees lachte. »Nun, Maren«, erwiderte er, »daß du sie richtig aufgeweckt hast, das habe ich hier schon merken können; denn so naß, mein ich, ist der Regen noch nimmer gewesen, und so etwas von Grünwerden habe ich auch all mein Lebtag noch nicht gesehen! – Aber nun komm! Wir wollen heim, und dein Vater soll uns sein gegebenes Wort einlösen.«

Unten am Weidendamm fanden sie den Nachen und stiegen ein. Das ganze weite Tiefland war schon überflutet, auf dem Wasser und in der Luft lebte es von aller Art Gevögel; die schlanken Seeschwalben schossen schreiend über ihnen hin und tauchten die Spitzen ihrer Flügel in die Flut, während die Silbermöwe majestätisch neben ihrem fort schießenden Kahn dahin schwamm; auf dem grünen Inselchen, an denen sie hier und dort vorbeikamen, sahen sie die Bruushähne mit den goldenen Kragen ihre Kampfspiele halten.

So glitten sie rasch dahin. Noch immer fiel der Regen, sanft, doch unablässig. Jetzt aber verengte sich das Wasser, und bald war es nur noch ein mäßig breiter Bach. Andrees hatte schon eine Zeit lang mit der Hand über den Augen in die Ferne geblickt. »Sieh doch, Maren«, rief er, »ist das nicht meine Roggenkoppel?« »Freilich, Andrees; und prächtig grün ist sie geworden! Aber siehst du denn nicht, daß es unser Dorfbach ist, auf dem wir fahren?«

»Richtig, Maren; aber was ist denn das dort? Das ist ja alles überflutet!« »Ach, du lieber Gott!« rief Maren, »das sind ja meines Vaters Wiesen! Sieh nur, das schöne Heu, es schwimmt ja alles.« Andrees drückte dem Mädchen die Hand. »Laß nur, Maren!« sagte er, »der Preis ist, denk ich, nicht zu hoch, und meine Felder tragen ja nun um desto besser.«

Bei der Dorflinde legte der Nachen an. Sie traten ans Ufer, und bald gingen sie Hand in Hand die Straße hinab. Da wurde ihnen von allen Seiten freundlich zugenickt; denn Mutter Stine mochte in ihrer Abwesenheit doch ein wenig geplaudert haben. »Es regnet!« riefen die Kinder, die unter den Tropfen durch über die Straße liefen. »Es regnet!« sagte der Vetter Schulze, der behaglich aus seinem offenen Fenster schaute und den beiden mit kräftigem Drucke die Hand schüttelte.

»Ja, ja, es regnet!« sagte auch der Wiesenbauer, der wieder mit der Meerschaumpfeife in der Torfahrt seines stattlichen Hauses stand. »Und du, Maren, hast mich heute morgen wacker angelogen. Aber kommt nur herein, ihr beiden! Der Andrees, wie der Vetter Schulze sagt, ist allewege ein guter Bursch, seine Ernte wird heuer auch noch gut, und wenn es etwa wieder in drei Jahren Regen geben sollte, so ist es am Ende doch so übel nicht, wenn Höhen und Tiefen beieinander kommen. Drum geht hinüber zu Mutter Stine, da wollen wir die Sache all fort in Richtigkeit bringen!«

Mehrere Wochen waren seit dem vergangen. Der Regen hatte längst wieder aufgehört, und die letzten schweren Erntewagen waren mit Kränzen und flatternden Bändern in die Scheuern eingefahren; da schritt im schönsten Sonnenschein ein großer Hochzeitszug der Kirche zu. Maren und Andrees waren die Brautleute; hinter ihnen gingen Hand in Hand Mutter Stine und der Wiesenbauer.

Als sie fast bei der Kirchentür angelangt waren, daß sie schon den Choral vernahmen, den drinnen zu ihrem Empfang der alte Kantor auf der Orgel spielte, zog plötzlich ein weißes Wölkchen über ihnen am blauen Himmel auf, und ein paar leichte Regentropfen fielen der Braut in ihren Kranz. – »Das bedeutet Glück!« riefen die Leute, die auf dem Kirchhof standen. »Das war die Regentrude!« flüsterten Braut und Bräutigam und drückten sich die Hände.
Dann trat der Zug in die Kirche; die Sonne schien wieder, die Orgel aber schwieg, und der Priester verrichtete sein Werk.

 

Theodor Storm

ADIS UND DAHY ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Gegend von Masulipatnam, einer Stadt des Königreichs Golkonde, wohnte eine gute Frau, die ihr verstorbener Mann, mit zwei sehr artigen Töchtern auf dem Halse, in geringen Umständen hinterlassen hatte. Die älteste, namens Fatime, hatte siebzehn Jahre, und Kadidsche, die jüngste, kaum zwölfe. Sie wohnten in einer einsamen abgelegenen Hütte und nährten sich bloß von der Arbeit ihrer Hände.

Ein Bach, der nicht weit von ihrer Hütte entsprang, lieh ihnen sein Wasser, um das Leinengerät einiger Personen in Masulipatnam zu waschen, die schon von langem her ihre Kundsleute waren. Sobald die gute Bäurin und ihre Töchter ein Stück Wäsche recht schön gewaschen und getrocknet hatten, pflegten sie es mit Blumen zu überstreuen, damit es wohl riechend würde.

Eines Tages, da die Mutter in dieser Absicht Blumen auf der Wiese pflückte, kneipte sie, ohne es gewahr zu werden, eine Natter, die unter einer Hyazinthe verborgen lag, in den Schwanz. Der giftige Wurm rächte sich auf der Stelle und biß die arme Frau so heftig in den Finger, daß sie laut aufschreien mußte. Ihre Töchter liefen erschrocken herbei und fanden den Finger schon gewaltig aufgeschwollen; in weniger als einer Viertelstunde war das Gift schon in die edleren Teile eingedrungen, und es griff so schnell um sich, daß keine Rettung war.

Da die unglückliche Frau sich ihrem Ende so nahe sah, wollte sie noch die letzte Pflicht einer guten Mutter erfüllen und sprach zu ihren Töchtern: «Liebe Kinder, mir ist leid, daß ich zu einer Zeit, wo ihr meiner noch so nötig hättet, von euch scheiden muß: aber meine Stunde ist gekommen; ich sehe den Todesengel sich nähern, und wir müssen uns trennen. Was mich tröstet, ist, daß ich mir wegen eurer Erziehung keinen Vorwurf zu machen habe und daß ich euch, Dank sei dem lieben Gott, als gutartige fromme Kinder hinterlasse.

Bleibt immer auf dem guten Wege, auf den ich euch geführt, und habt die Gebote unseres großen Propheten immer vor Augen. Nährt euch von eurer kleinen Arbeit, wie wir bisher getan haben; der liebe Gott wird euch nicht verlassen. Besonders empfehle ich euch, im Frieden beisammen zu leben und, wo möglich, euch nie voneinander zu trennen; denn euer ganzes Glück beruht auf eurer Einigkeit. Du, liebe Kadidsche, bist noch ein Kind; gehorche deiner Schwester Fatime; sie wird dir niemals einen schlimmen Rat geben.»

Nach dieser Vermahnung fühlte die gute Frau, daß die Kräfte sie verließen; sie umarmte ihre Kinder zum letzten Mal und starb in ihren Armen. Der Schmerz ist über allen Ausdruck, der die armen Mädchen überfiel, da sie ihre Mutter ohne Leben vor sich liegen sahen; sie zerflossen in Tränen und erfüllten die ganze Gegend mit ihrem Jammergeschrei.

Endlich, da sie sich die Augen schier ausgeweint hatten, sanken sie in eine Art von Betäubung, woraus sie durch die Notwendigkeit erweckt wurden, dem Leichnam ihrer Mutter die letzte Ehre anzutun. Sie nahmen jede ein Grabscheit, dessen sie sich sonst bedienten, ein kleines Gemüsegärtchen an ihrer Hütte zu bauen; gruben, etwa fünfzig Schritte weit davon, ein Grab; trugen mit vieler Mühe den Leichnam hinein und bedeckten ihn mit Erde und Blumen.

Hierauf kehrten sie in ihre Hütte zurück, wo der Schlaf, den ihnen die Abmattung von dieser traurigen Arbeit verschaffte, sie auf einige Stunden in ein erquickendes Vergessen ihres Kummers senkte.

Des folgenden Tages stellte Fatime, als die Verständigere, ihrer Schwester vor, daß sie nun wieder an ihre Arbeit gehen müßten, und hieß sie zwei Körbe mit der Wäsche füllen, welche sie den Tag vor ihrem Unglück gewaschen hatten; hierauf setzten sie die Körbe auf den Kopf und traten den Weg nach Masulipatnam miteinander an.

Sie hatten kaum hundert Schritte zurück gelegt, so begegnete ihnen ein kleiner, sehr häßlicher, kahlköpfiger und buckliger alter Mann, der aber ziemlich reich gekleidet war und sie mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Er schien nahe an hundert Jahre alt zu sein und stützte sich auf einen Stab, mit dessen Hilfe er gleich wohl, für sein hohes Alter, noch stattlich genug einher stapfte.

Der Greis fand die beiden Schwestern nach seinem Geschmack. «Wo hinaus, ihr schönen Kinder», redete er sie mit einem Ton an, den er so sanft und gefällig, als ihm möglich war, zu machen suchte. «Wir gehen nach Masulipatnam», sagte die Älteste. «Darf ich euch, ohne allzu große Zudringlichkeit, fragen», versetzte er, «was eure Lebensart ist und ob man euch nicht irgend einige Dienste leisten könnte?»

«Ach, guter Herr», erwiderte Fatime, «wir sind nur einfältige Bauernmädchen und arme Waisen, wir haben erst gestern durch den unglücklichsten Zufall unsere Mutter verloren.» Und darauf erzählte sie ihm die Geschichte mit allen Umständen, nicht ohne von neuem viele Tränen zu vergießen.

«Oh, wie leid tut es mir», sagte der Greis, «daß ich eure Mutter nicht vor ihrem Tode noch gesehen habe! Ich hätte ihr ein Geheimnis gegen alle giftige Wunden geben können, das sie in zwei Tagen wieder gesund gemacht haben sollte. Meine lieben Kinder», fuhr er fort, «euer Kummer geht mir zu Herzen, und ich erbiete mich, Vaterstelle bei euch zu vertreten, wenn ihr so viel Vertrauen zu mir fassen könnt, die Sorge für euer Schicksal meiner Erfahrenheit und meinem guten Willen zu überlassen.

Ich gestehe euch», fügte er hinzu, in dem er einen Blick auf die junge Kadidsche warf, «daß ich eine starke Zuneigung zu diesem liebenswürdigen Mädchen in mir finde. Ihr erster Anblick hat Empfindungen in mir erregt, die ich noch nie gefühlt habe. Wenn ihr beide mit mir kommen wollt, so will ich euch in eine Lage setzen, die weit über eurem Stand ist; und ihr sollt Ursache finden, den Tag, da ihr mir begegnet seid, auf ewig glücklich zu preisen.»

Hier hielt der kleine bucklige Greis mit Reden ein und wartete mit sichtbarer Unruhe auf die Antwort, die man ihm geben würde. Er hatte freilich alle Ursache, unruhig zu sein. Sein Alter und seine Figur waren nicht so beschaffen, daß sie diesen jungen Personen Lust machen konnten, seinem Vorschlag Gehör zu geben. In dessen hatte doch Fatime schon Verstand genug, um einzusehen, daß es, in Umständen wie die ihrige, eben nicht die schlimmste Partie wäre.

Der Alte bemerkte ihre Unschlüssigkeit mit Betrübnis. «Mein schönes Kind», sagte er ihr, «wenn ihr die Gefahr, in einer so abgelegenen Gegend so allein zu wohnen, gehörig überlegt hättet, so würdet ihr euch nicht lange bedenken, mein Anerbieten anzunehmen. So ohne allen Schutz, wie ihr seid, glaubt ihr den Fallstricken entgehen zu können, welche man eurer Unschuld legen wird?

Wenn ihr auch Tugend genug habt, um zu lasterhaften Anträgen eure Einwilligung zu verweigern, so wird es euch doch an Macht fehlen, gewaltsame Anfälle abzuhalten. Bei mir habt ihr nichts dergleichen zu fürchten. Mein Alter sichert euch vor Anfechtungen von mir selbst, und meine Erfahrenheit soll euch gegen die von anderen Leuten sicher stellen.

Gebt eine mühselige Arbeit auf, die euch kaum den notdürftigsten Unterhalt verschaffen kann: ihr sollt bei mir alles finden, was ihr zur Notdurft und zur Annehmlichkeit des Lebens verlangen könnt; und ich will euch Dinge sagen, die euch begreiflich machen werden, daß der Vorschlag, den ich euch tue, euer und mein Glück sein wird. Kommt, liebe Mädchen, ihr könnt nichts Bessers tun. Wenn eure Mutter noch lebte, würde sie gewiß meinen Gründen nachgeben und euch unter meinem Schutze sicherer glauben als in der Hütte, die ihr bewohnt.»

Kurz, der kleine alte Mann sprach so gut, daß Fatime anfing, sich überreden zu lassen. «Guter Herr», sagte sie, «ich glaube Euch zum Teil zu verstehen und bin ganz geneigt, von Eurer Güte für mich und meine Schwester Gebrauch zu machen; aber da Euer Antrag, nach dem Geständnis Eurer besondern Neigung zu ihr, hauptsächlich sie angeht, so muß ich doch vorher ihre Gesinnung wissen, ehe ich Euch eine genaue Antwort geben kann.

Rede also, Kadidsche: fühlst du dich geneigt, dem Antrag dieses Herrn Gehör zu geben und ihn zum Gemahl anzunehmen? Denn ich halte ihn für zu rechtschaffen, als daß er ein paar unschuldige Waisen, die ihm ihre Ehre anvertrauen, könnte hintergehen wollen.» - «Nein, Schwester», antwortete Kadidsche errötend, «er ist gar zu alt und gar zu häßlich.»

Die kindische Offenherzigkeit dieses jungen Mädchens setzte Fatimen in einige Verlegenheit. «Liebe Schwester», sprach sie, «man sieht wohl, daß du noch in einem Alter bist, wo man wenig Überlegungen macht, weil du die Ehre, die dir dieser Herr erweisen will, so schlecht erkennst. Anstatt ihm solche Unhöflichkeiten zu sagen, solltest du es für ein Glück ansehen, daß du ihm gefallen hast.» -

«Ja, wahrhaftig», erwiderte Kadidsche weinend, «das ist auch eine Sache, worüber eins sich viel zu freuen hat! Ich weiß nicht, ob es eine Ehre für mich ist; aber das weiß ich recht gut, daß es ein schlechtes Vergnügen ist, einen Mann, wie dieser da, immer vor Augen zu haben.» -

«Du mußt nicht so reden», sagte ihre Schwester. «ich kann nicht anders reden», antwortete die Jüngere; «wenn es ein so großes Glück ist, ihm zu gefallen, warum macht er sich nicht an dich, da du doch schöner und verständiger bist als ich? Ich möchte wohl sehen, wenn er dich liebte, ob du ihn wiederlieben würdest.»

Der kleine bucklige Greis spielte keine angenehme Rolle während diesem Wortwechsel. «Wie unglücklich doch mein Schicksal ist», rief er mit Betrübnis aus; «ich habe die berühmtesten Schönheiten aller Morgenländer gesehen und lebe nun bis auf das Alter, worin ihr mich seht, ohne daß ich jemals mein Herz hätte überraschen lassen; und nun muß ich in diesem Augenblick in die stärkste Leidenschaft für eine Person fallen, die mit einem unüberwindlichen Widerwillen gegen mich eingenommen ist!

Ich sehe, welch ein schreckliches Los ich mir selbst zubereite, und gleichwohl nötigt mich mein Verhängnis, einer Neigung zu folgen, die mich wider Willen fortzieht.» Die Augen stunden dem Alten voll Wassers, indem er dies sagte, und er schien so bewegt, daß Fatime, die von Natur sehr weichherzig war, Mitleid mit ihm haben mußte.

«Lieber Herr», sagte sie, «hört auf, Euch so zu betrüben! Laßt Euch die ersten Reden eines Kindes nicht beunruhigen, das noch nicht weiß, was ihm gut ist; ihr Verstand wird mit den Jahren reifer werden. Ihr habt freilich die Annehmlichkeiten der Jugend nicht mehr, aber ich halte Euch für einen wackeren Herrn. Eure Liebe und Eure Gefälligkeiten werden sie gewiß noch gewinnen. Wir wollen inzwischen mit Euch gehen, und ich verspreche Euch, daß ich mein Bestes bei ihr tun will.» -

«Gut, Schwester», fiel ihr die Kleine verdrießlich ins Wort; «aber wenn er mich quält und haben will, daß ich ihn liebe, so bin ich euch nicht gut dafür, daß ich nicht davonlaufe.» - «Nein, schöne Kadidsche», sagte der Greis, «du sollst nicht gequält werden; ich schwöre es bei allem, was heilig in der Welt ist! Ich will dir nicht den geringsten Zwang auflegen.

Du sollst unbeschränkte Gebieterin über alles, was ich habe, sein. Hättest du gern ein reiches Kleid oder irgendeinen anderen Putz, so sollst du es auf der Stelle haben; ich werde mir eine Pflicht daraus machen, allen deinen Wünschen entgegen zu kommen. Noch mehr, wenn ich merken werde, daß dir mein Anblick lästig sein wird, so will ich dich damit verschonen, wie schwer es mich immer ankommen mag.»

Fatime nahm nun wieder das Wort und sagte zum Alten: «Weil denn meine Schwester nicht abgeneigt scheint, auf die versprochnen Bedingungen mit Euch zu gehen, so erlaubet nur, daß wir vorher diese Wäsche zu den Personen tragen, denen sie zugehört; wir wollen bald wieder bei Euch sein.» -

«Ach! ich bitte Euch inständig», rief der Alte, «wenn Ihr mir nicht das Leben nehmen wollt, so nehmt mir Eure holdselige Schwester nicht! Es sei nun Vorsichtigkeit oder Ahndung, genug, ich fürchte, euch nie wiederzusehen, wenn ihr mich beide verlaßt, und darüber würde ich mich zu Tode kränken. Ihr wollt bald wiederkommen? Nun, so laßt sie bei mir, bis Ihr wiederkommt! Was habt Ihr zu besorgen? Könntet Ihr ein Mißtrauen...»

«Nein, nein», fiel Kadidsche hastig ein, «ich gehe mit meiner Schwester, ich bleibe nicht allein bei ihm.» - «Und warum denn nicht?» sagte Fatime, die dem Alten eine Probe ihrer versprochenen guten Dienste geben wollte, «warum wolltest du nicht bei ihm bleiben? Ich werde in einem Augenblick wieder hier sein. Ich bitte dich, Schwester, bleibe und warte hier auf mich. Du bist dem Herrn diesen Beweis deines Zutrauens schuldig, um ihn über die unangenehmen Dinge zu trösten, die du ihm gesagt hast.»

Kadidsche, so hart es sie ankam, allein bei ihm zu bleiben, wagte es doch nicht, sich dem Willen ihrer ältern Schwester zu widersetzen, die sie als eine zweite Mutter betrachtete. Fatime nahm also beide Körbe und machte sich auf den Weg, nachdem sie dem Alten wohl empfohlen hatte, mit dem Eigensinn der kleinen Person, die sie bei ihm zurückließ, behutsam zu verfahren.

Allein, anstatt bald wiederzukommen, wie sie versprochen hatte, kam sie den ganzen Tag nicht wieder. Kadidschens Unruhe war mit nichts zu vergleichen; und wie sie endlich gar die Nacht einbrechen sah, verlor sie alle Geduld und überschüttete den armen Alten mit Vorwürfen.

«Ihr allein bringt uns Unglück», sagte sie; «ohne Eure leidige Bekanntschaft wär' ich jetzt bei meiner Schwester. Was für ein Unfall ihr auch zugestoßen sein mag, so wollte ich ihn lieber mit ihr teilen als hier bei Euch sein.»

Diese Reden machten dem Alten große Unlust. Er wußte nicht, was er antworten sollte, so sehr scheute er sich, die junge Person noch mehr aufzubringen, die, wie er sich wohl bewußt war, nur zu viel Ursache hatte, wider ihn eingenommen zu sein. Indessen tat er sein äußerstes, sie zu beruhigen; aber alles, was er vornahm, vermehrte nur ihre Unruhe und ihren gegen ihn gefaßten Widerwillen.

Sie sagte ihm, er sollte schweigen, und sie wollte nach Masulipatnam gehen, trotz der Finsternis der Nacht und einem großen Regen, der inzwischen eingefallen war. Im Grunde war es noch mehr, um nicht die Nacht bei dem Alten zubringen zu müssen, als aus Verlangen, von ihrer Schwester Nachricht einzuziehen, wie groß dieses auch immer sein mochte.

In dessen brachte er sie doch endlich davon ab, indem er ihr vorstellte: Aller Wahrscheinlichkeit nach werde Fatime, da sie das Gewitter im Anzug gesehen, bei einer ihrer Bekanntschaften zurückgeblieben sein und morgen früh unfehlbar wiederkommen. Kurz, er vermochte endlich, ungeachtet ihres Widerwillens und Eigensinns, so viel über sie, daß sie ihm nach ihrer Hütte folgte, wo sie, über einer leichten Mahlzeit von trocknen Datteln und Brunnenwasser, von nichts als den unglücklichen Zufällen dieses Tages reden konnten.

Das junge Mädchen tat die ganze Nacht nichts als weinen und jammern; man kann sich vorstellen, wie ihrem alten Liebhaber dabei zumute war. Sobald der Tag anbrach, verließen sie die Hütte und gingen zusammen nach Masulipatnam. Sie erkundigten sich allerorten nach Fatimen, wo Kadidsche wußte, daß sie Wäsche hin getragen hatte; aber niemand konnte ihr sagen, was aus ihr geworden sei.

Sie begnügten sich nicht hieran. Sie suchten sie von Gasse zu Gasse und fragten in allen Häusern nach ihr; aber ihr Nachforschen war vergeblich. Diese Dunkelheit über Fatimens Schicksal setzte sie in den äußersten Kummer. Sie konnten nicht zweifeln, daß dem armen Mädchen etwas Außerordentliches begegnet sein müsse. Ihre junge Schwester blieb ganz untröstbar und sagte dem Alten die härtesten Dinge von der Welt, so oft er es versuchen wollte, sie zu beruhigen.

Sie brachten die sieben oder acht folgenden Tage damit zu, die ganze benachbarte Gegend zu durchlaufen. Es war kein Schloß, kein Haus und keine Hütte auf vier Meilen in die Runde, wo sie nicht nachgesucht hätten, aber immer mit gleich schlechtem Erfolge. Endlich, da sie sich nicht anders zu helfen wußten, kehrten sie ganz niedergeschlagen in die Hütte zurück.

Wie nun der kleine Greis sah, daß Kadidsche sich ohne Maß über den Verlust ihrer Schwester grämte, beschwor er sie mit tränenden Augen, einen Ort, wo alles ihren Schmerz nährte und wo er sie überdies nicht hätte schützen können, zu verlassen und ihm in die Stadt, wo er sich gewöhnlich aufhielt, zu folgen.

Er legte ihr alle nur möglichen Beweggründe vor; und da sie ihm keine Antwort gab, fing er wieder von vorne an und drang so lange und so inständig in sie, bis sie endlich mehr aus Verzweiflung als gutwillig sich erklärte, er möchte sie hinführen, wohin es ihm beliebte.

Sie machten sich also auf den Weg; aber ehe sie sich entfernten, schrieb der Alte mit einer Kohle über die Tür, wohin er Kadidschen führe, damit Fatime, wenn sie etwa wieder käme, Nachricht von ihnen hätte. Hierauf schlossen sie die Tür zu und steckten den Schlüssel in einen benachbarten hohlen Baum, wie sie es sonst immer zu tun gewohnt waren.

Die Stadt, wohin der kleine bucklige Greis Kadidschen zu führen gedachte, war nur drei Tagesreisen von Masulipatnam entfernt; aber ein Mann von hundert Jahren und ein Mädchen von zwölf können keine lange Tagesreisen machen. Sie brachten sieben Tage damit zu und waren gleichwohl beide von Müdigkeit und Hunger ganz erschöpft, als sie anlangten.

Das erste, was Dahy tat (so nannte sich der Alte), war, daß er in die Stadt schickte und in größter Eile das Beste, was man auftreiben konnte, holen ließ, um seine junge Freundin und sich selbst zu erfrischen. Nachdem der Hunger gestillt war, führte er sie in ein ziemlich feines Gemach, das er für sie bestimmt hatte, und er selbst ging, in einem anderen Zimmer auszuruhen.

Des folgenden Tages ging er in die Kaufläden und kaufte eine Menge schönes Zeug zu Kleidern für Kadidsche und zu ihrer Aufwartung eine alte Sklavin, die man ihm als eine große Meisterin in der Kunst, Damen zu coiffieren, anpries. Kadidsche konnte sich über die Veränderung ihrer Umstände nicht genug verwundern.

Sie merkte zwar wohl, was für Gesinnungen der Alte für sie hatte; aber sie begriff nicht, wie sie zu einer so unumschränkten Herrschaft über ihn gekommen sei. Zuweilen, wenn sie dachte, daß sie ihm gleichwohl alle die Vorteile, in deren Besitz sie war, schuldig sei, erhob sich eine Bewegung von Dankbarkeit in ihrem Herzen; indessen konnte doch, was sie auch sich selbst hierüber sagte, die Zärtlichkeit eines so abgelebten Liebhabers ihren Abscheu vor seiner Figur nicht vermindern.

Was ihr indessen noch am besten an ihm gefiel, war die große Ehrerbietung, womit er ihr begegnete; und daß er, seines Versprechens eingedenk, sie so viel, als ihm nur immer möglich war, mit seiner unangenehmen Gegenwart verschonte.

Verschiedene Wochen waren schon verflossen, ehe Kadidsche nur einigermaßen sich wieder zu fassen schien. Das Andenken an ihre Schwester verbitterte alles, was ihr ihre gegenwärtige Lage hätte angenehm machen können, und immer fielen ihr die letzten Worte ihrer sterbenden Mutter ein, die ihr so ernstlich anbefohlen hatte, sich nie von ihrer Schwester zu trennen.

In dessen wurde doch das Gefühl ihres Schmerzes nach und nach ein wenig stumpfer, und wahrscheinlich trugen die angenehmen Zerstreuungen, die ihr Dahy zu verschaffen suchte, nicht weniger dazu bei als die Zeit und die Lebhaftigkeit der Jugend.

Eines Tages, da sie sich durch Spazieren gehen ermüdet hatte, legte sie sich früher als gewöhnlich nieder. Sie fiel in einen tiefen Schlaf, und gegen Morgen, wenn die Bilder, die sich der Seele darstellen, am reinsten und lebendigsten sind, hatte sie einen Traum, der einen sehr starken Eindruck auf sie machte.

Ihr träumte, es erscheine ihr ein Jüngling von außerordentlicher Schönheit, dessen Miene und lockiges blondes Haar sie bezauberte. In dem sie ihn mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, sprach er zu ihr: «Wo denkst du hin, Kadidsche? Hast du deine Fatime so bald vergessen können? Glaubst du, die schönen Kleider, die dir Dahy verehrt hat, überheben dich der Pflicht, sie aufzusuchen?

Nein, gewiß nicht; und ich sage dir, daß du nicht anders glücklich werden kannst, als wenn du gehst und sie in der Insel Sumatra suchst. Betrachte mich wohl, denn du siehst denjenigen, den dir das Schicksal zum Gemahl bestimmt hat.» Mit diesem Worte verschwand der schöne Jüngling, und Kadidsche erwachte; aber sie konnte es sich kaum ausreden, daß es eine Erscheinung und kein Traum gewesen sei, so tief hatte sich das reizende Bild in ihre Seele eingedrückt.

Sie glaubte den schönen Jüngling mit seinem krauslockigen blonden Haare noch vor sich zu sehen, und seine Stimme tönte noch wie Musik in ihren Ohren nach. Sie konnte zwar nicht glauben, daß es in der ganzen Welt einen Sterblichen von solcher Schönheit geben könnte; aber dem ungeachtet war ihr Glaube an ihren Traum so stark, daß sie ihn sogleich dem alten Dahy erzählte und ihm sogar zumutete, noch an selbigem Tage Anstalt zur Reise nach Sumatra zu machen.

Auch er, es sei nun aus wirklicher Überzeugung oder aus Gefälligkeit gegen die kleine Schwärmerin, schien ihr Traumgesicht für etwas mehr als ein bloßes Spiel der Phantasie zu halten, und wie wohl er alle Ursache hatte, sich vor dem schönen Nebenbuhler, den es ihm gegeben, zu fürchten: so erklärte er sich doch, daß er keinen anderen Wunsch habe, als die ihrigen zu befriedigen, und daß er bereit sei, mit ihr nach der Insel Sumatra abzugehen.

Kadidsche betrieb die Abreise mit solcher Ungeduld, daß sie ihm kaum Zeit ließ, die nötigen Anstalten zu machen. Jedoch wollten sie, ehe sie zu Schiffe gingen, vorher eine Reise nach der Hütte machen, um zu sehen, ob sie keine Spur finden würden, daß Fatime in dessen zurück gekommen sei.

Aber sie fanden alles, wie sie es gelassen hatten, und da sie dieser Umstand in der Entschließung, dem Befehle des Traumes zu gehorchen, bestärkte, so gingen sie nach Masulipatnam zurück, wo Dahy auf einem Schiffe von Achem, welches im Begriffe stand, mit einer reichen Ladung unter Segel zu gehen, eine kleine Kammer mietete und sie mit allen Bequemlichkeiten versah, die das Beschwerliche einer langen Seereise erleichtern können.

Die kleine Kadidsche machte sehr große Augen, da sie zum ersten Mal in ihrem Leben nichts als Himmel und Wasser sah; aber das Verlangen nach ihrer Schwester unterstützte ihren Mut; eine gewisse aus Neugier und Liebe zusammengesetzte Empfindung für den schönen Jüngling, der ihr im Traum erschienen war, trug wohl auch das ihrige dazu bei.

Sie wollte sich zwar nicht gestehen, daß sie Hoffnungen in ihrem kleinen Herzen brütete, die ihr zuweilen selbst lächerlich vorkamen; aber sie war doch neugierig, wie sich das alles enden würde, und sie fragte den Alten alle Augenblicke, wie lange sie noch bis nach Sumatra zu fahren hätten.

Um ihre Ungeduld soviel möglich zu täuschen und ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu ziehen, suchte er alles hervor, was ihm seine Kenntnisse und die großen Reisen, die er gemacht hatte, zu ihrer Unterhaltung an die Hand gaben; und da die Gewohnheit ihr das Unangehme seiner Gestalt und seines hohen Alters ziemlich erträglich gemacht hatte, so hörte sie ihm gerne zu und fand immer mehr Belieben an seinem Umgang, je mehr ihr eigener Verstand sich dadurch bildete und je heller es darin wurde.

Die neue Verbindlichkeit, die sie ihm dafür schuldig wurde, nahm mit dem neuen Werte zu, den sie in ihren eigenen Augen erhielt; und die Achtung und Bewunderung, die ihr die Vorzüge seines Geistes einflößten, stiegen in eben dem Verhältnisse wie ihre Fähigkeit, sie gewahr zu werden.

Rechnet man nun noch das Vertrauen hinzu, das ihr sein immer gütiges und von dem feinsten Gefühle geleitetes Betragen gegen sie einflößen mußte, und ein gewisses Wohlwollen, das man sich nicht entbrechen kann, zu einer jeden Person zu tragen, von welcher man außerordentlich geliebt wird, wie abgeneigt wir uns auch immer fühlen mögen, ihre Liebe zu erwidern.

So wird man begreiflich finden, wie aus diesem allem unvermerkt eine Art von Freundschaft wurde, die sich bei Gelegenheit auf eine so zärtliche Art ausdrückte, daß der gute Alte beinahe zu entschuldigen war, wenn er sich zuweilen mit der ausschweifenden Hoffnung täuschte, es könnte doch wohl am Ende noch Liebe daraus werden - eine Hoffnung, die er in seiner besonderen Lage, trotz aller ihrer Unwahrscheinlichkeit, sich um so mehr verzeihen konnte, da sie das einzige war, was ihm sein Dasein erträglich machte.

In diesem süßen Wahne überredete er sich, daß es nun Zeit sei, sie nicht länger unwissend zu lassen, wer er sei, was für ein seltsames Schicksal ihn zu ihrem Liebhaber gemacht habe und wie sehr er ihr Mitleid verdiene. «Wäre es denn das erste Mal», sagte er zu sich selbst, «daß Mitleid in dem Herzen eines Mädchens zu Liebe geworden wäre?» Der gute Dahy vergaß, wie man sieht, in diesem Augenblicke seine kleine bucklige Figur, seine Triefaugen, seinen Glatzkopf und seine hundert Jahre!

«Liebe Kadidsche», sprach er eines Tages zu ihr, da sie an einem schönen Abend bei dem heitersten Wetter ihre Augen an der untergehenden Sonne, die zur See ein gar herrliches Schauspiel macht, geweidet und sie sich hierauf in ihr Kämmerchen zurückgezogen hatten, «so abgelebt und baufällig ich dir auch in dieser Gestalt vorkommen muß, so wirst du dich doch nicht wenig wundern, wenn ich dir sage, daß ich unsterblich bin.» -

«Unsterblich?» sagte Kadidsche, in dem sie ihn sehr aufmerksam betrachtete, mit einem Ton und mit einer Miene, worin Erstaunen und Unglauben zu ziemlich gleichen Teilen miteinander vermischt waren; «wenn Ihr es nicht wärt, der es mir sagte», fuhr sie fort und hielt auf einmal inne... «Nichts ist gewisser», versetzte Dahy und schwieg abermals um zu bemerken, was in der Seele des jungen Mädchens bei einem so unerwarteten Geständnis vorging.

«So beklage ich Euch von Herzen», erwiderte sie traurig; «es würde grausam sein, Euch in solchen Umständen zu einem Vorzug Glück zu wünschen, den Ihr selbst unmöglich als ein Gut betrachten könnt.» - «Auch würde er», fuhr Dahy fort, «die unerträglichste Last für mich sein, wenn ich das wirklich wäre, was ich scheine; aber du wirst noch mehr erstaunen, schönste Kadidsche, wenn ich dir sage, daß du mich unter einer fremden Gestalt siehst.

Meine eigene ist, ohne Ruhm zu melden, geschickter, deinem Geschlechte Liebe als Abscheu einzuflößen, und ist um so gewisser, immer zu gefallen, weil sie den Vorteil einer ewigen Jugend hat. Lilien und Rosen blühen auf meinen Wangen, und - mit einem Worte: alles, was man schön und liebreizend nennt, ist über mein Gesicht und über meine ganze Person ausgegossen.» -

«Lieber Himmel», rief das Mädchen (der in diesem Nu der wunderschöne Jüngling aus ihrem Traum wieder vor die Stirn kam), «wie könnt Ihr nur einen Augenblick zaudern, eine so vorteilhafte Gestalt wieder anzunehmen?» - «Leider steht dies nicht in meiner Macht», antwortete Dahy mit einem tiefen Seufzer; «darin besteht eben mein Unglück; aber ich habe es nie so schmerzlich gefühlt, liebe Kadidsche, als seit dem es mich dir in einer so widrigen Verkleidung vor die Augen gebracht hat.» -

«Und es wird nie aufhören, dieses Unglück?» sagte sie. «Das liegt bloß an dir», erwiderte er. «An mir?» versetzte Kadidsche mit neuem Erstaunen; «wie soll ich das verstehen? Was kann ich tun, um ein so unbegreifliches Wunder zu wirken?» - «Nichts, als mich lieben», erwiderte Dahy, indem er sie mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit ansah, der in einem Gesichte wie das seinige zur abscheulichsten Grimasse wurde und also gerade die umgekehrte Wirkung tat.

«Wenn das ist», sagte sie, «so besorge ich sehr, Ihr werdet ewig bleiben, wie Ihr seid. Aber, mein guter Herr, wie wollt Ihr, daß ich so unbegreiflichen Dingen Glauben beimesse?» «Wenn du mich nur anhören willst, meine Königin, so wirst du nicht länger an der Wahrheit meiner Reden zweifeln.

Ich habe dir schon genug gesagt, um zu merken, daß ich zu der Klasse von Wesen gehöre, die ihr Genien nennt. Ich habe einen Bruder, der von Natur ebenso schön und ebenso mächtig ist als ich. Wir sind Zwillinge; sein Name ist Adis, der meinige Dahy. Vermöge unseres angebornen Standes sind uns alle Dinge diesseits des Mondes unterworfen; aber dies konnte nicht hindern, daß wir selbst nicht der Willkür eines gewissen Brahminen von Wisapur untertan wären, der sich durch seine Wissenschaft eine unumschränkte Herrschaft über unsere Gattung erworben hat.

Zu unserem Unglücke warf er eine besondere Zuneigung auf mich und meinen Bruder; und zum Beweis seines Vertrauens bestellte er uns zu Hütern eines Frauenzimmers, die er heftig liebte, deren Treue aber ihm etwas unsicher schien. Vielleicht hätte er besser getan, ihr ohne Wächter zu trauen oder ihr wenigstens keine von unserer Figur zuzugeben.

In dessen ging eine Zeit lang alles sehr gut: wir versahen unseren Dienst auf das pünktlichste, die Dame hatte immer einen von uns beiden zur Seite, und wir bemerkten nicht das geringste, weder in ihren Neigungen noch in ihrem Betragen, das uns ihre Treue gegen den Brahminen verdächtig machen konnte.

Aber unvermerkt fiel sie in eine Art von Schwermut, die sich bald in ein sanft trauriges Schmachten verwandelte. Sie seufzte mitten unter den Lustbarkeiten, die der Brahmine ihr zulieb anstellte; und zuweilen sah sie uns, mich und meinen Bruder, an, als ob sie uns um Mitleid mit einem geheimen Gram, der sie verzehrte, bitten wollte.

Wir waren beide so weit entfernt, Arges zu denken, daß wir einander um die Ursache dieser Veränderung, unter welcher ihre Schönheit bereits merklich zu leiden anfing, befragten und mit allem unseren Genienverstande uns eher alles andere einbildeten, als daß wir selbst die unschuldige Ursache ihrer verborgenen Krankheit sein könnten.

Und gleich wohl war es nicht anders: die arme Dame, die uns tagtäglich vor Augen haben mußte, hatte sich endlich, vielleicht bloß aus Langeweile, nicht erwehren können, auf unsere Gestalt aufmerksam zu werden, und diese Aufmerksamkeit wurde ihr Unglück. Sie mochte sich selbst darüber sagen, was sie wollte, sie konnte sich (wie sie uns in der Folge selbst gestand) die schönen blonden Haare, die uns in großen natürlich krausen Locken auf die Schultern fielen und am Rücken hinunter wallten, gar nicht aus dem Sinne bringen.»

Die junge Kadidsche, die sich bei diesem Zug ihres Traumes erinnerte, betrachtete das alte Männchen mit großen Augen und fühlte, daß seine Erzählung sie zu interessieren anfing.

«Kurz», fuhr der Alte fort, «die Dame verliebte sich in uns, ohne daß wir etwas davon merkten, und die Zeit, von welcher man immer das Beste hofft, tat so wenig zu Linderung ihres Übels, daß es vielmehr alle Tage schlimmer mit ihr wurde. Es wäre unbegreiflich, wie Kansu (so nannte sich der Brahmine) mit aller seiner großen Wissenschaft nicht klarer in den Angelegenheiten seiner Geliebten sah, wenn man nicht wüßte, daß gerade die größten Geister die Leute sind, die nie sehen, was vor ihren Füßen liegt.

Genug, der Brahmine merkte so wenig davon als wir und machte sich auf eine Reise nach den Grenzen der großen Tartarei, wo er in einer Versammlung von weisen Meistern präsidieren mußte, ohne sich wegen seiner geliebten Farsana die geringste Unruhe zu machen. Wir beschlossen, Adis und ich, uns seine Abwesenheit zunutze zu machen, um, was es auch kosten möchte, hinter ihr Geheimnis zu kommen.

Der kürzeste Weg schien uns, wenn wir sie dahin bringen könnten, uns ihr Herz selber aufzuschließen. Wir redeten sie also deswegen an; wir baten sie aufs inständigste, uns nicht länger ein Geheimnis ans ihrem Übel zu machen, und erboten uns in den stärksten Ausdrücken zu allem, was nur immer in unserem Vermögen sein könnte, um die Ruhe ihres Gemütes wiederherzustellen.

Die Anrede des Adis, der in unser beider Namen das Wort geführt hatte, schien sie in große Verlegenheit zu setzen; allein, da sie dadurch einen Anlaß, sich uns zu entdecken, erhielt, den sie schon lange gesucht hatte, so faßte sie sich auf der Stelle und beschloß, die gute Gelegenheit nicht ungenutzt aus den Händen zu lassen.

‹Ihr seid gar zu großmütig, liebenswürdiger Adis›, antwortete sie ihm, ‹Euch um eine Unglückliche zu beunruhigen, die sich dieser Ehre unwürdig fühlt. Lasst mir, ich bitte Euch, den armseligen Trost, ein Übel, dem nicht zu helfen ist, im verborgenen zu beweinen.› ‹Was sagt Ihr, schöne Dame›, rief ich ganz erstaunt; ‹Eurem Übel sollte nicht zu helfen sein? So begreife ich wahrlich nicht, was für ein Übel das sein kann, denn ich kenne kein unheilbares.› -

‹Das meinige›, erwiderte sie, ‹ist von einer so besondern Art, daß, sofern es ja durch etwas in der Welt gelindert werden könnte, Euer Mitleid das einzige wäre, wovon ich diese Wirkung hoffen dürfte.› - ‹Oh, wenn es nur an unserm Mitleid liegt›, rief ich ein wenig zu voreilig, ‹auf das könnt Ihr rechnen! Aber wozu könnte Euch unser bloßes Mitleid helfen?

Wir werden uns nicht eher zufriedengeben, bis dieser tiefen Schwermut geholfen ist, die Euch allmählich aufreibt. Ist irgendein verborgenes körperliches Übel die Ursache, so wißt Ihr, daß uns die geheimsten Heilkräfte der Natur zu Gebote stehen; oder sollte das Betragen des Brahminen nicht so beschaffen sein, wie es Euer Wert und Eure Liebe um ihn verdienen: so ist Euch ebenfalls nicht unbekannt, wie viel wir über ihn vermögen.

Redet also, liebenswürdige Gebieterin; setzt uns in den Stand, Euch unseren Diensteifer tätig zu beweisen und uns dadurch zugleich um den Brahminen, unseren Gebieter, und um eine Person, die ihm so lieb ist, verdient zu machen.›

Farsana erseufzte bei diesen Worten. ‹Meine Gesundheit ist nicht angegriffen›, erwiderte sie, ‹und Kansu hat mir keine Ursache gegeben, mich über ihn zu beklagen. Gleichwohl leide ich auf die grausamste Weise, und ich weiß nicht, mein lieber Dahy, ob Ihr mit allem dem Diensteifer, dessen Ihr mich versichert, so geneigt wärt, meinem Leiden abzuhelfen, wenn Ihr es kennt.› -

‹Ah, meine Gebieterin›, rief mein Bruder, ‹Ihr tut uns das größte Unrecht. Stellt uns auf die Probe, so werdet Ihr bald vorteilhafter von uns denken!› - ‹Und wenn ich Euch nun sagte›, antwortete sie errötend, ‹daß ihr beide ganz allein Ursache des Übels seid, das ihr heilen wollt.› - ‹Wer? Wir?› riefen wir beide zu gleicher Zeit voll Erstaunen, aber durch die seltsamste Verblendung noch immer weit entfernt, zu verstehen.

‹Wie sollte das möglich sein›, setzte ich hinzu, ‹daß wir Urheber einer Wirkung sein könnten, die so gänzlich unserer Absicht entgegen wäre?› - ‹Eine solche Frage, nach dem, was ich euch schon gesagt habe, sollte mir zwar den Mund auf ewig schließen›, versetzte die Dame; ‹aber ich habe mich schon zu weit heraus gelassen, um mein Geständnis nicht zu vollenden.

Wisset also, weil ihr es doch wissen wollt, allzu liebenswürdige Brüder, daß ich nicht stark genug gewesen bin, gegen den Eindruck eurer Reize auszuhalten. Ich habe vergebens allen meinen Kräften aufgeboten, ihren täglich zunehmenden Wirkungen Einhalt zu tun, und dieser Widerstand hat mich endlich dahin gebracht, wo ihr mich seht.›

Sie begleitete diese Worte mit einem Strom von Tränen, der das Feuer ihrer Augen nur desto stärker anzufachen schien. Unsere Bestürzung bei einem so unerwarteten Geständnis ist unbeschreiblich; aber wir erholten uns bald genug, um sie zu überzeugen, daß sie sich keine Hoffnung machen dürfe, uns zu Teilnahme an ihrem Vergehen gegen den Brahminen, unseren Gebieter, verleiten zu können.

Wir beeiferten uns in die Wette, sie zur gehörigen Empfindung ihres Unrechts gegen Kansu und zur Überlegung der schrecklichen Folgen zu bringen, die ihre Leidenschaft für sie und uns haben würde. Aber es war schon zu weit mit ihr gekommen. Sie hörte uns zwar mit Gelassenheit an, weil das Geständnis, so sie uns getan, ihr Herz von einer drückenden Last erleichtert hatte, aber unsere Vorstellungen machten nicht den geringsten Eindruck auf ihr Gemüt.

Sie schmeichelte sich eine Zeit lang mit der Hoffnung, durch ihre Beharrlichkeit und durch immer wiederholte Angriffe endlich den Sieg über uns zu erhalten; aber da sie sich von einem Tage zum anderen in ihrer Erwartung betrogen sah, so verfiel sie wieder in ihren vorigen Zustand. Unglücklicherweise verpflichtete uns der ausdrückliche Befehl des Brahminen, sie nicht aus den Augen zu lassen.

Ihre Begierden erhielten dadurch immer neue Nahrung, und wir befanden uns täglich und stündlich ihren Klagen und Vorwürfen ausgesetzt. Das Seltsamste bei dem allem war, daß ihre Leidenschaft nicht auf einen von uns, sondern mit gleicher Heftigkeit auf beide gerichtet war. Auch hierüber, wie anstößig es uns immer sein mußte, half keine Vorstellung bei ihr.

Sie warf die Schuld auf ihr Verhängnis und auf die Unmöglichkeit, einen von uns dem anderen vorzuziehen. Sie könnte und würde nie ruhig werden, sagte sie, sofern wir nicht beide ihre grenzenlose Liebe zu uns teilten. Bei der innigen Freundschaft, die uns gleichsam nur zu einer Person machte, könnte ja keine Eifersucht zwischen uns stattfinden. Kurz, es helfe hier kein Widerstand, und wenn wir grausam genug sein könnten, sie noch länger ohne Hilfe schmachten zu lassen, so bliebe ihr kein anderer Trost, als daß wir bald genug das Ende ihres elenden Lebens sehen würden.

Es war keine leichte Sache, liebe Kadidsche, gegen die vereinigte Wirkung der Reizungen der schönen Farsana, des Mitleids, das uns der Anblick ihres Leidens einflößte, und der unaufhörlichen Stürme, so sie täglich auf unsere Standhaftigkeit tat, auszuhalten; und gleichwohl blieb ich immer unbeweglich, wie wohl ich die Verblendung und den Starrsinn der armen Unglücklichen von ganzem Herzen beklagte. Aber wer könnte sich vermessen, daß er, in einer solchen Lage, unter solchen Versuchungen, immer Herr über seine Sinne bleiben werde?

Eines Abends, da ich allein bei ihr war und sie noch mehr als gewöhnlich niedergeschlagen sah, fragte ich, was für eine neue Ursache sie wohl haben könnte, sich so zu grämen. ‹Grausamer Dahy›, antwortete sie mir, ‹kannst du eine solche Frage an mich tun? Brauche ich eine andere Ursache, um aufs äußerste gebracht zu sein, als die unerbittliche Strenge, die du gegen mich beweist? Oh, warum, da ihr Brüder einander sonst in allem so ähnlich seid, kannst du hierin allein deinem Bruder so unähnlich sein?› -

‹Meinem Bruder unähnlich?› fragte ich erstaunt; ‹wie soll ich das verstehen?› - ‹Er hat alles für mich getan, was ich von ihm erwartete›, versetzte sie mit schmachtender Stimme. Ich glaubte falsch gehört zu haben. ‹Wie?› rief ich, ‹mein Bruder Adis? Er hätte Eure Wünsche befriedigt?› -

‹Ja›, versetzte sie ganz kalt; ‹und was ist denn daran, das dich in solches Erstaunen setzen kann? Meinst du, jedermann müsse so hartherzig sein wie du? Er hat sich durch meine Tränen erweichen lassen; er hat sein Herz der Liebe geöffnet, er ist glücklich und bedauert jetzt nur, daß er so viel Zeit verloren hat, wo er es hätte sein können.› -

‹Und Ihr seid noch nicht zufrieden?› rief ich mit Heftigkeit; ‹Ihr habt nicht an einem Schlachtopfer genug und hofft auch mich zu verführen, wie Ihr den allzu nachgiebigen Adis verführt habt?› - ‹Ja, mein liebster Dahy›, antwortete sie, indem sie einen Blick auf mich schoß, worin alle Pfeile der feurigsten Leidenschaft zusammen gedrängt waren; ‹ja, dein Herz allein mangelt mir noch, um glücklich zu sein. Weh mir! Haben alle Leiden, die ich schon so lange um deinetwillen erdulde, mir nicht endlich einiges Mitleiden von dir verdienen können?› -

‹O Farsana›, erwiderte ich, ‹was Ihr mir sagt, überzeugt mich, daß Ihr meinen Bruder nicht liebt; unmöglich, wenn Ihr ihn liebtet, könntet Ihr auch noch für einen anderen seufzen?› - ‹Ich bete ihn an›, versetzte sie. ‹Hundertmal wollte ich mein Leben hingeben, um ihm meine Liebe zu beweisen; aber eben diese grenzenlose Liebe, die ich für ihn fühle, hat die ganze Stärke derjenigen, die ich zu dir trage, wieder angefacht.

Wie oft habe ich es dir schon gesagt: ich kann keinen von euch weniger lieben als den anderen. Alles, was Adis für mich empfindet, so teuer es meinem Herzen ist, kann mich nicht glücklich machen, wenn ich dir nicht die nämlichen Empfindungen einzuflößen vermag. Mit einem Worte, liebenswürdiger Dahy: ich sterbe, wenn du dich nicht erbitten lässt. Kannst du gefühlloser sein als dein Bruder oder dich schämen, seinem Beispiele zu folgen? Oh, höre einmal auf zu widerstehen, wenn du nicht willst, daß ich mir vor deinen Augen einen Dolch ins Herz stoßen soll!›

Bei diesen Worten warf sie sich mit einem Strom von Tränen zu meinen Füßen und überhäufte mich mit so lebhaften Beweisen der heißesten Inbrunst, daß ich fürchten mußte, sie würde ihre Drohung wahr machen, wenn ich mich ihren Wünschen länger widersetzte. Ich bekenne es, ich wurde überwältigt; ich verlor die Kraft, länger zu widerstehen; kurz, ich wurde so schwach wie mein Bruder, zu dessen Verführung sich die listige Farsana (wie er mir hernach gestand) des nämlichen Kunstgriffs bedient hatte.

Eine natürliche Folge ihres über uns erhaltenen Sieges war, daß sich ihre Gesundheit in kurzer Zeit wiederherstellte; sie bekam ihre ganze Munterkeit wieder, wurde schöner als jemals und würde uns durch einen Reichtum von Liebe, der für beide groß genug war, vielleicht beide glücklich gemacht haben, wenn sie die Vorwürfe, womit unser Herz unsere Treulosigkeit an dem Brahminen bestrafte, zum Schweigen hätte bringen können. Bei allem dem führten wir einige Tage ein ganz angenehmes Leben, als unsere Sorglosigkeit uns auf einmal in das Unglück stürzte, dessen Folgen ich bis auf diese Stunde tragen muß.

Unter den Bedienten des Brahminen war ein sehr häßlicher schwarzer Sklave namens Torgut, dessen gewöhnliche Verrichtung war, eine tartarische Stute zu striegeln, welche Farsana zu reiten pflegte, wenn sie sich Bewegung im Freien machen wollte. Diesen häßlichen Unhold kam die Verwegenheit an, seine Augen bis zu seiner Gebieterin zu erheben und ihr eine Liebeserklärung zu tun.

So übel gebaut er am Leibe war, so hatte ihn die Natur dafür mit einem sehr kurzweiligen Geiste begabt; und wenn er so neben seiner zu Pferde sitzende Gebieterin einherging, pflegte er sie mit allerlei drolligsten Geschichtchen zu unterhalten, an welchen Farsana großes Belieben fand.

Einsmals fiel ihm ein, ihr von verschiedenen Mädchen vorzuschwatzen, von welchen er Gunst Bezeugungen genossen zu haben vorgab. ‹Wie, Torgut›, sagte die Dame mit Lachen, ‹eine Figur wie du kann sich seines Glückes bei den Damen rühmen?› - ‹Warum das nicht›, antwortete der Schwarze; ‹bin ich etwa nicht so gut als ein anderer? Oh, wahrhaftig, wenn das wäre, so hätte ich meine Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn ich habe mir in den Kopf gesetzt, schöne Dame, die Liste meiner Eroberungen auch mit Eurem Namen zu vermehren.›

Bei diesen Worten des Negers brach Farsana in ein noch größeres Gelächter aus; denn sie dachte nichts anderes, als er sage es bloß, um ihr Spaß zu machen. ‹Du hast Absichten auf mich?› sagte sie. ‹Es ist mir lieb, daß ich es weiß; ich werde mich vor einem so gefährlichen Menschen, wie du bist, in acht nehmen zu wissen.›

Torgut antwortete im nämlichen Tone, und so kam es mit lauter Scherzen endlich so weit, daß der rohe Kerl aus Scherz Ernst machte und sich so benahm, daß Farsana sich genötigt sah, ihn nicht nur sehr ernsthaft und mit der Verachtung, die ihm gebührte, abzuweisen, sondern, weil er unverschämt genug war, ihren Unwillen noch immer für Scherz zu nehmen, ihm sogar zu drohen, daß sie sich bei dem Brahminen über seine Verwegenheit beklagen würde.

Der Neger wurde über eine Begegnung, die seinen vermeinten Verdiensten so schlecht entsprach, boshaft. Die gute Meinung, die er von sich selber hatte, ließ ihn nicht begreifen, daß ihm Farsana hätte widerstehen können, wenn ihr Herz nicht schon für einen anderen begünstigten Liebhaber eingenommen gewesen wäre. Er nahm sich vor, sie genau zu beobachten, und es glückte ihm so gut, daß unser heimliches Verständnis mit ihr gar bald kein Geheimnis mehr für ihn war.

Aus Neid und Rachgier entdeckte er es dem Brahminen, dem die Sache so unglaublich vorkam, daß er sie nur dem Zeugnis seiner eignen Augen glauben wollte. Um uns sicher zu machen, schützte er abermal eine Reise vor; aber er kam unzeitig genug wieder, um uns, mich und meinen Bruder Adis, mit Farsanen im Bade zu überraschen. Die Vorkehrungen, die wir gemacht hatten, um von niemand entdeckt werden zu können, halfen nichts gegen die Wissenschaft des Brahminen.

Alle Türen öffneten sich ihm; der magische Nebel, der uns einhüllte, zerrann, und auf einmal stand Kansu als der furchtbarste Richter vor uns da. ‹Nichtswürdige›, sprach er, indem er einen Blick auf mich und meinen Bruder warf, der schon ein Anfang seiner Rache war, ‹die grausamsten Martern wären eine zu leichte Strafe für euer Verbrechen; aber ich will euch in einen so elenden Zustand herabstürzen, daß ihr das Vorrecht der Wesen eurer Art, nicht sterben zu können, als das äußerste Unglück beweinen sollt!›

Und so gleich, ohne ein Wort zu unsrer Entschuldigung anhören zu wollen, fing er seine Beschwörungen an. In einem Augenblick erfüllte das Gemach, wo wir waren, die dickste Finsternis. Wir hörten den Donner mit schrecklichem Getöse über unsere Scheitel rollen, die Erde zitterte unter unseren Füßen, und fürchterlich brüllende Wirbelwinde schienen den Untergang der Natur anzukünden.

Wir blieben zwei ganze Stunden in dieser entsetzlichen Finsternis und in bebender Erwartung der Strafe, die uns zubereitet würde. Endlich wurde es wieder so heiter als zuvor; aber wie groß war unser Erstaunen, als wir beide, ich und mein Bruder, uns, anstatt in einem prächtigen Palast und in dem herrlichsten Bade, mitten auf einer dürren Heide befanden, beide mit Lumpen bedeckt und in Gestalt zweier kleiner mißgestalteter Greise, so wie ich, schöne Kadidsche, in diesem Augenblick vor dir erscheine.

‹Undankbare›, sagte Kansu, ‹von diesem Augenblicke an seid ihr aller Vorrechte eurer Natur beraubt und zum Stande gewöhnlicher Menschen, wie ihr zu sein scheint, herabgesetzt. Ihr werdet nicht mehr wissen, nicht mehr vermögen als sie, und den Tod allein ausgenommen, werdet ihr allen Zufällen und allem Ungemach der Sterblichen unterworfen sein.› Nachdem der Brahmine dieses Urteil über uns ausgesprochen hatte, verlangte er nun auch die Umstände unseres an ihm begangenen Hochverrats zu wissen.

Wir erzählten ihm alles, von Anfang an, mit der größten Aufrichtigkeit: in welche Bestürzung uns Farsanens Erklärung gesetzt; welche Mühe wir uns gegeben, sie auf andere Gedanken zu bringen; wie lange und ernstlich wir uns gegen sie und gegen unsere eigene Neigung gewehrt; was für eine List die Dame gebraucht, um uns zu verführen; und wie schmerzlich uns der Gedanke sei, seinem Vertrauen so übel entsprochen zu haben.

Dieser Bericht und die Aufrichtigkeit unsrer Reue stimmte den Brahminen zu milderen Gesinnungen gegen uns herab. Er schien sich selbst zu tadeln, daß er unsere Treue einer so gefährlichen Prüfung ausgesetzt hätte; und da wir ihm immer sehr lieb gewesen waren, so konnte er sich nicht entbrechen, uns mit Mitleid anzusehen.

‹Meine Kinder›, sprach er, ‹es ist nicht mehr in meiner Gewalt, euch eure vorige Gestalt ohne Bedingung wiederzugeben; aber ich will euch, soviel ich kann, die Strenge eures Schicksals erträglich zu machen suchen; und ihr werdet eure natürliche Figur mit allen ihren Vorrechten wieder bekommen, sobald jeder von euch ein Mädchen unter zwanzig Jahren, die ihn liebt, gefunden haben wird.›

Mutlos schlugen wir bei diesen Worten die Augen nieder, denn es brauchte nur einen Blick auf uns Selbst, um uns alle Hoffnung, unter einer solchen Bedingung, auf ewig zu verbieten. Kansu erriet unsere Gedanken. ‹Wie unwahrscheinlich es auch immer sein mag›, sagte er, ‹daß ihr unter dieser Gestalt Liebe einflößen könntet, so ist es doch nicht unmöglich. Lebt in dieser Hoffnung und seid versichert, daß ihr unter keiner anderen Bedingung wieder in euren vorigen Stand gelangen könnt! Geht nun, Kinder, und erfüllt euer Schicksal!

Ihr müßt euch trennen, damit jeder auf seiner Seite suchen könne, was er von Nöten hat.› Hierauf wies er jedem von uns einen gewissen Ort, ungefähr sechzig Meilen voneinander, zum gewöhnlichen Aufenthalt an, ließ uns anständige Kleider geben und jedem an Gold und Juwelen den Wert von fünfzigtausend Zechinen aus seinem Schatze auszahlen, damit wir während unserer Verbannung gemächlich leben könnten. Hierauf umarmte er uns und wünschte uns ein baldiges Ende unseres unglücklichen Zustandes.

Aber gegen die arme Farsana blieb er unerbittlich. Er verwandelte sie in einen Frosch und verbannte sie in einen Sumpf, wo er ihr den Sklaven Torgut zum Unglücksgefährten gab, nachdem er durch seine Kunst entdeckt hatte, daß dieser aus bloßer Rachgier zum Verräter an seiner Gebieterin worden war. Solchergestalt wurde der Ankläger und die Verklagte, beide in Frösche verwandelt, dazu verurteilt, ihr übriges Leben in dem nämlichen Sumpfe zuzubringen, wo die Hoffnung, einander zu quälen, allenfalls noch der einzige elende Trost war, der ihnen übrig blieb.

Ohne dich, liebste Kadidsche, mit Beschreibung des traurigen Abschieds aufzuhalten, den wir Brüder mit so wenig Hoffnung, uns im nächsten Jahrtausend wiederzusehen, voneinander nahmen, will ich die Fortsetzung meiner Geschichte sogleich von der Stadt anfangen, die mir Kansu zum Hauptaufenthalt angewiesen hatte.

Meine erste Sorge war, meine fünfzigtausend Zechinen (als das Kapital, von welchem ich vielleicht länger, als ich wünschte, leben sollte) in der Handlung geltend zu machen; worin es mir dann so gut gelang, daß ich in weniger als drei bis vier Jahren imstande war, ohne Nachteil meines Hauptstammes einen ganz artigen Aufwand zu machen.

Wenn die Weissagung des Brahminen in Erfüllung gehen sollte, mußte ich also eine junge Person finden, die von so sonderbarem Geschmack wäre, eine zärtliche Neigung für mich zu fassen. Glücklicherweise war das schöne Geschlecht in unsrer Stadt nicht so eingesperrt wie in den meisten Morgenländern, sondern lebte in einer anständigen Freiheit.

Ich hatte also alle Tage Gelegenheit, Damen zu sehen. Ich machte ihnen artige kleine Geschenke, stellte ihnen zu Ehren kleine Lustpartien an und war bei allen öffentlichen Ergötzungen; kurz, ich tat mein möglichstes, um den Einfluß des Unglückssterns, der mich verfolgte, von mir abzuleiten. Auf diesem Wege machte ich mich in kurzem bei jedermann beliebt.

‹Die gute ehrliche Haut!› sagte man; ‹er ist aus lauter Fröhlichkeit und guter Laune zusammengesetzt. Was muß er erst in seiner Jugend gewesen sein, da er mit einem Fuß im Grabe noch so ein großer Liebhaber vom Vergnügen ist?› Vor allem erhoben mich die Weiber himmelhoch und stellten mich ihren Männern zum Muster vor. Die Sauertöpfe unter den Männern waren die einzigen, die über mein Betragen Glossen machten.

‹Was doch der Mensch für ein Narr sein muß›, sagten sie, ‹daß er noch immer nach Vergnügungen läuft, die er in seinem Alter nicht mehr genießen kann!› Ich, meines Ortes, der am besten wußte, wie und warum, ließ die Leute reden, was sie wollten, und ging meinen Gang fort. In dessen, wie ich es auch anstellte und wie viele Mühe ich mir gab, mit dem Liebe einflößen wollte mir es gar nicht vonstatten gehen.

Ich schränkte mich nicht auf die Stadt ein, wo ich wohnte, wie wohl es da nicht an jungen Mädchen fehlte; ich machte Reisen auf mehr als fünfzig Meilen in die Runde; aber alles, was ich dabei gewann, war die Überzeugung, daß ich nicht gefallen könne - ein Gedanke, der mich beinahe unsinnig machte, ohne gleichwohl meine Geduld zu überwältigen.

Mehr als zweihundert Jahre sind schon über diesem vergeblichen Suchen hingegangen. Man wußte endlich nicht mehr, was man von mir denken sollte. Ich hatte die Welt schon viermal wieder jung gesehen und alle diejenigen begraben, die mich in ihrer Kindheit just so alt und abgelebt gesehen hatten als ihre Urenkel. Alle Leute sagten sich in die Ohren: ‹Was für eine Art von Mensch ist das? Man sieht gar keine Veränderung an ihm.›

Die ältesten Greise zeigten mich ihren Kindeskindern mit dem Finger: ‹Seht da den guten alten Dahy›, sagten sie. ‹Bildet euch nicht ein, daß ich ihn jemals jung gekannt habe. Er war bei meinem Denken immer so alt und gebrechlich, wie ihr ihn jetzt seht, und ich hörte in meiner Jugend meinen Großvater sagen, er habe ihn nie anders gesehen.›

Du kannst dir leicht vorstellen, meine Liebe, daß ich wenig Freude daran hatte, ein solches Wunder in den Augen der Leute zu sein. Die Hoffnung, welche mir Kansu gelassen hatte, wurde in dessen immer stärker, je länger sie mich schon getäuscht hatte; ich machte immer neue, wie wohl immer fruchtlose Reisen; und so geschah es endlich, da ich eben im Begriff war, von Masulipatnam wieder nach Hause zu kehren, daß ich dir und deiner Schwester in den Weg kam. Was ich euch damals sagte, holde Kadidsche, zeigte dir deutlich genug, wie sehr mich dein Anblick bezauberte; aber leider! sah ich zugleich nur gar zu wohl, wie unangenehm dir der meinige war.»

Die Stimme brach dem guten alten Manne bei dieser Vorstellung; er hörte auf zu reden, und Kadidsche, die von seinem Unglück wirklich gerührt war, hätte ihm gerne was Tröstliches gesagt, und sagte ihm wirklich alles, was ihm ihr mitleidiges und erkenntliches Herz beweisen konnte, nur nicht das einzige, wovon sein Glück abhing; und dies war es doch allein, was er zu hören wünschte. Sie gerieten öfters in kleine Wortwechsel darüber, wobei beider Geduld mehr als einmal zu reißen drohte.

Dahy beklagte sich über ihre Härte und Kadidsche über seine Unbilligkeit; und immer endete ihr Streit damit, daß beide über sich selbst ungehalten waren; er, daß er ihr das Unmögliche zumuten wollte, sie, daß es ihr unmöglich war, einen Mann zu lieben, dem sie doch so herzlich gerne hätte geholfen sehen mögen. Übrigens, wenn das holde Mädchen seufzte (welches ihr oft genug begegnete), so geschah es nicht immer aus Mitleid mit dem armen Dahy.

Ihr kleines Herz hatte ganz in geheim seine eigenen Beklemmungen. Es war ihr unmöglich, sich den schönen Jüngling mit den dichtgelockten gelben Haaren aus dem Sinne zu bringen; sein Bild stahl ihr manche Stunde von ihrem Schlaf. Seine Ähnlichkeit mit der Beschreibung, welche der alte Dahy von dem, was er vor seiner Verwandlung gewesen sei, gemacht hatte, und die Worte: «Betrachte mich wohl, denn du siehst denjenigen, den dir das Schicksal zum Gemahle bestimmt hat», erweckten ihr Gedanken, aus welchen sie sich nicht herauszuhelfen wußte. «Sollte wohl», dachte sie zuweilen, «Dahy selbst dieser Gemahl sein, der mir bestimmt ist?»

Wie liebenswürdig fand sie ihn unter der Gestalt, worin er ihr im Traum erschienen war! Aber dann brauchte es nur einen einzigen Blick auf den Dahy, der wirklich vor ihr stand, um zu fühlen, daß es ihr immer unmöglich sein werde, die Bedingung zu erfüllen, unter welcher sie ihm seine ursprüngliche Gestalt und ewige Jugend wiedergeben könnte. Und doch war ihr ein Jüngling von dieser Gestalt zum Gemahl bestimmt! Und Kansu hatte den unglücklichen Brüdern Hoffnung gemacht, daß sie endlich die Mädchen finden würden, die ihrer Bezauberung ein Ende machen sollten!

Inzwischen hatte das Schiff, worauf sie sich befanden, in vierzehn Tagen mehr als fünfhundert Seemeilen zurück gelegt, und sie konnten, nach Dahys Rechnung, nicht weit mehr von der Küste, wohin ihr Lauf gerichtet war, entfernt sein: als der Wind sich auf einmal umlegte und ein heftiger Sturm sie mit solcher Gewalt in die weite See hinein trieb, daß es ihnen unmöglich war, länger einen gewissen Lauf zu halten. Sie wurden etliche Tage lang hin und her getrieben und endlich an eine Insel geworfen, die weder dem Schiffshauptmann noch einem von seinen Leuten bekannt war.

Sie erblickten eine große Stadt, die in Gestalt eines halben Mondes sich über das Ufer erhob und einen geräumigen und bequemen Hafen bildete. Kaum waren sie in den selben eingelaufen, so sahen sie sich von allen Seiten mit einer Menge kleiner Boote umringt, aus welchen eine unendliche Menge menschenähnlicher Dinge hervorwimmelte, die mit unglaublicher Behändigkeit an ihrem Schiffe hinaufkletterten.

In ihrem Leben hatten unsere Reisenden keine so seltsame Geschöpfe gesehen. Sie waren alle klein, häßlich und übel gebaut und hatten etwas so lächerlich Verzerrtes in ihrer Gesichtsbildung, eine so groteske Lebhaftigkeit in ihren Bewegungen und Gebärden, mit einem Worte: etwas so Affenmäßiges in ihrem ganzen Wesen, daß, wenn sie nicht eine Sprache, die unseren Reisenden bekannt war, gesprochen hätten, man sie eher für eine Art von Waldteufeln als für Menschen hätte halten sollen.

Ihre Kleidung war ebenso seltsam als ihre Figur und ihre Manieren. Sie hatten hohe dreieckige Hüte von buntem Kartenpapier auf dem Kopfe und trugen lange Röcke von baumwollenem Zeuge, die über und über mit gelben, blauen und grünen Klecksen und grotesken Figuren bemalt waren und das abgeschmackte Aussehen dieser sonderbaren Insulaner nicht wenig vermehrten.

In wenig Augenblicken war das ganze Schiff dermaßen mit ihnen angefüllt, daß die Leute im Schiff sich kaum regen konnten und, weil Widerstand hier zu nichts geholfen hätte, alles mit sich anfangen lassen mußten, was ihnen beliebte. Es zeigte sich gar bald, daß sie, vermöge der Gesetze ihrer Insel, alles, was auf dem Schiffe war, als ein ihnen zugefallenes Eigentum behandelten.

Diesem zufolge war ihr erstes, daß sie alle Personen vom Equipage in eine lange Reihe stellten, eine nach der anderen von vorn und hinten besahen, die Haare und Zähne sehr aufmerksam untersuchten und vornehmlich die Runzeln, wenn sie deren in einem Gesichte antrafen, mit vieler Genauigkeit abzählten. Die Leute hätten sich über die Grimassen, die sie dazu machten, tot lachen müssen, wenn das Erstaunen und die Ungewißheit, was in den Händen solcher Unholden aus ihnen werden würde, sie nicht wider Willen ernsthaft gemacht hätte.

Sie fingen schon an, einige alte Matrosen auszusondern, und schienen sie mit besonderer Achtung zu unterscheiden, als sie Dahy, Kadidsche und die alte Sklavin erscheinen sahen, die sich bisher noch in der Kajüte verborgen hatten und also nicht mit in den Reihen gekommen waren. Bei diesem Anblick kam der Befehlshaber, der eine ansehnliche Stelle am Hofe der Königin dieser Insel bekleidete, vor Entzücken ganz außer sich.

Besonders verweilten seine Augen auf der alten Sklavin, die er auf den ersten Blick so liebenswürdig fand, daß er sich auf der Stelle entschloß, sie an die Spitze seines Harems zu setzen. Er warf sich ihr zu Füßen, erklärte ihr seine Leidenschaft in den feurigsten Ausdrücken und beschwor sie, das Opfer seines Herzens günstig aufzunehmen. Da es vergebens gewesen wäre, hier die Spröde machen zu wollen, so ergab sich die alte Sklavin mit guter Art und machte ihn dadurch, wie es schien, zum glücklichsten aller Menschen.

Er übergab sie unverzüglich dem vertrautesten unter seinen Dienern, sagte ihm, daß er mit seinem Kopfe für sie stehen würde, und empfahl ihm über alles, ja auf seiner Hut zu sein, daß sich niemand die geringste Freiheit bei ihr herausnehmen könnte. Der weise Dahy wußte nicht, wie er sich einen so verkehrten Geschmack erklären sollte. «Die Weiber müssen was sehr Rares in dieser Insel sein », sprach er bei sich selbst, «weil sogar ein altes Hausratsstück wie diese Sklavin fähig ist, einen so starken Eindruck zu machen.»

Dieser Gedanke setzte ihn Kadidschens wegen in große Unruhe, deren Reizungen unfehlbar schreckliche Folgen für ihn haben würden; aber es zeigte sich bald, daß er sich vergebliche Sorge gemacht hatte. Seine junge Geliebte hatte nichts, das ihr in den Augen dieser Insulaner einen Wert gab; und wofern sie bei ihnen einige Gefahr lief, so war es wenigstens nicht diejenige, die er befürchtete. Der Befehlshaber hatte kaum die alte Sklavin in seinen Harem abführen lassen, als er von ungefehr einen Blick auf die junge Person fallen ließ.

Erstaunt, sie so reich gekleidet zu sehen, sagte er in einem rauhen Tone zu ihr: «Für ein so häßliches Tierchen bist du gut genug angezogen, kleines Mädchen!» Und so gleich befahl er einem seiner Bedienten, das garstige Ding in seine Gesindewohnung abzuführen und sie zu den niedrigsten Verrichtungen anzuhalten. Eine so unwürdige Behandlung war mehr, als das gute Mädchen, die immer der zärtlichsten Begegnung gewohnt gewesen war, ertragen konnte. Sie brach in einen Strom von Tränen aus und bat ihren alten unvermögenden Beschützer mit aufgehobenen Händen, sich ihrer anzunehmen.

Die Bewegung, die er in diesem Augenblick gegen sie machte, und sein ängstliches Geschrei, da er sie mit Gewalt weg schleppen sah, zog auf einmal die Aufmerksamkeit der Insulaner auf ihn. Seine kleine zusammen gekrümmte Figur, seine kurzen auswärts gebogenen Beine, seine Runzeln und Triefaugen, seine grüngelbe verschrumpfte Haut, die behaarten Warzen, die sein Gesicht bedeckten - kurz, alles, was Kadidschen widerlich und ekelhaft an seiner Person war -, wurde der Gegenstand der Bewunderung dieses widersinnigen Volkes.

Ihr Erstaunen war so groß, daß es eine Weile stumm blieb; aber auf einmal brach es in Ausdrücke der lebhaftesten und unmäßigsten Freude aus, und man hörte von allen Seiten nichts als ein verwirrtes Getöse von Lobeserhebungen und Jubelgeschrei. Der Befehlshaber selbst vergaß auf einen Augenblick den Wohlstand seiner Würde und ließ sich von der allgemeinen Schwärmerei hinreißen. Aber er faßte sich sogleich wieder, warf sich dem bewunderten Greise zu Füßen, stieß mit seinem spitzigen Hut von Pappe gegen den Boden und bat ihn in den ehrerbietigsten Ausdrücken um Vergebung, daß man ihm die gebührende Ehre nicht eher erwiesen habe.

«Ich, meines Orts, bekenne», fuhr er fort, «daß ich von dem Glanze der schönen Dame aus Eurem Gefolge, die nun in meinem Harem ist, zu stark geblendet war, um meiner selbst mächtig zu bleiben. In dessen, wie sehr ich auch für sie eingenommen bin, muß ich gestehen, daß Eure Schönheit alles übertrifft, was auf dieser Insel jemals gesehen worden. Erlaubt, daß man Euch in den Palast unserer Königin Scheherbanu führe. Ich bin gewiß, diese große Fürstin wird von Eurem Anblick bezaubert werden und Euch alle Ehrenbezeugungen, wozu Ihr berechtigt seid, erweisen lassen.»

Der Befehlshaber wollte fort fahren, ihm das Glück anzupreisen, das ihn erwartete, als ihm Dahy, dem die Geduld ausging, in die Rede fiel und sagte: «Anstatt mir solch abgeschmacktes Zeug vorzuschwatzen, gebt mir die junge Person wieder, die Ihr mir weg genommen habt!» - «Wen?» antwortete der Befehlshaber; «den kleinen Wechselbalg? Ah, schöner Greis, fasst Gesinnungen, die Eurer würdiger sind, und denkt jetzt nur darauf, wie Ihr unserer großen Königin gefallen wollt, vor welche wir Euch zu führen im Begriff sind.» Mit diesen Worten packte er und sein Lieutenant den guten Alten unter den Armen, und führten ihn, wie sehr er sich auch sträubte, nach dem Palaste der Königin ab.

Dahy, der diese Gewalt, die man gegen ihn brauchte, als eine leichtfertige Verspottung seiner Figur und seines Alters ansah, stellte darüber schmerzliche Betrachtungen an. «Welch ein unseliges Schicksal!» sprach er zu sich selbst, in dem man ihn fort schleppte. «Wer dächte, daß ein Genie zu diesem Grade von Unmacht und Unvollkommenheit erniedrigt werden könnte? Es ist wahrlich keine der erträglichsten Folgen meines Unglücks, daß ich mir gefallen lassen muß, den Kindern Adams zum Spielwerke zu dienen.»

So natürlich dieser Gedanke auf seiner Seite war, so fehlte doch sehr viel, daß er den Insulanern dadurch ihr Recht angetan hätte. Denn in der Tat war es ihnen mit allem, was sie ihm sagten, völliger Ernst. Die Königin selbst, sobald sie ihn erblickte, konnte sich nicht enthalten, ihn zu bewundern und ihm die Leidenschaft, die sie für ihn zu empfinden anfing, in den schmeichelhaftesten Ausdrücken zu erkennen zu geben.

Sie pries den Tag glücklich, an welchem ihrem Reiche das Heil widerfahren sei, von einer so wundervollen Person besucht zu werden; und wie wohl sie sich Gewalt antat, ihm nicht sogleich den ganzen Umfang der Zärtlichkeit zu zeigen, die er ihr einflößte, so sagte sie doch genug, um die Hofleute über das, was in ihrem Herzen vorging, nicht in Ungewißheit zu lassen; und diese verstanden ihr Handwerk zu gut, als daß sie nicht auf den ersten Wink in die Gesinnungen der Königin eingegangen wären.

Der alte Dahy wurde diesem nach mit den ausschweifendsten Ehrenbezeugungen überhäuft und, nachdem alle Großen des Reichs ihm, mit gebogenen Knien und abgenommenen Mützen, gehuldigt hatten, auf Befehl der Königin in ein nach Landesart prächtiges, mit bunten Strohmatten möbliertes Gemach begleitet, welches sie ihm, ganz nahe an ihrem eigenen, zur Wohnung angewiesen hatte.

Die gute Königin konnte nicht länger warten, als bis die Hofleute sich wieder entfernt hatten, ihrem bezaubernden Gast einen geheimen Besuch zu geben und ihm, kraft ihres königlichen Vorrechts, einen Liebesantrag zu tun, den der Alte, wie empfindlich ihm auch die vermeinte Verspottung war, doch anfangs, als einen gnädigen Scherz, mit aller Ehrerbietung, die er einer Dame von ihrem Rang schuldig war, beantwortete.

Da er aber aus ihren Antworten sah, daß es wirklich Ernst war und Ihre Majestät immer feuriger und dringender wurde, je mehr er sich zurück zog, so überlief ihm endlich die Galle, und er konnte sich nicht länger halten, ihr, mit Hintansetzung alles Respekts, Dinge zu sagen, die noch keiner Königin gesagt worden sind und die keine Königin, wie sehr sie auch für den Redner eingenommen sein möchte, mit Gelassenheit anhören kann.

Gleichwohl hielt sie ihren Unwillen zurück und machte noch verschiedene Versuche, ihn mit Sanftmut auf bessere Gedanken zu bringen. Da aber alles nichts verfangen wollte und Dahy vielmehr immer beleidigender in seinen Ausdrücken wurde, so ließ sie den Hauptmann ihrer Wache rufen. «Führt mir», sagte sie zu ihm, «diesen Alten in den schwarzen Turm, wo er dem anderen Gesellschaft leisten mag, der die Zärtlichkeit meiner Schwester Mulkara verschmäht hat. Sie werden dort Gelegenheit finden, es sich gereuen zu lassen, daß sie die Grausamen mit uns haben spielen wollen.» Nach diesen Worten entfernte sich Ihre Majestät mit gebührendem Stolze, und ihr Befehl wurde stracks vollzogen.

Dahy ließ sich ganz willig nach dem schwarzen Turme abführen und stellte es sich als keinen geringen Trost in seinem Unglücke vor, daß er einen anderen ebenso unglücklichen Alten da selbst zum Gesellschafter haben würde. Aber wie groß war sein Erstaunen, da er beim ersten Blick in dem Gefährten seiner Trübsale seinen Bruder Adis erkannte! Sie gingen mit offenen Armen aufeinander zu und hielten sich mit tränenvollen Augen eine lange Zeit umarmt, ohne ein Wort hervorbringen zu können.

In dessen fanden sie doch zuletzt die Sprache wieder, und man kann sich leicht vorstellen, wie viel zwei Brüder, die sich so zärtlich liebten, sich seit mehr als zweihundert Jahren nicht gesehen hatten und nun wieder durch die alte Gleichförmigkeit ihres Schicksals zu einerlei Leiden vereinigt waren, einander zu sagen haben mußten. Natürlicherweise gab ihr gegenwärtiger Zustand und der widersinnige Geschmack der Einwohner dieser Insel, wovon er die Folge war, den ersten Stoff zu ihren Gesprächen.

«Begreifst du was davon?» sagte Dahy zu seinem Bruder. «Es ist freilich ein albernes Gesindel um diese Adamskinder. Ich kenne wohl Völker, bei denen eine platte Nase, kleine Schweinsaugen, ein spitzer Kopf und ein Hängebauch für Schönheiten gelten. Aber wie man über Figuren wie die unsrige in Entzückung geraten kann, davon habe ich keinen Begriff.» -

«Ich will dir das Rätsel mit zwei Worten auflösen», versetzte Adis. «Diese Insulaner haben einen großen häßlichen Affen zum Gott, und dieser Gott hat Priester. Wenn du die Sache nun nicht begreifst, so kann ich dir nicht helfen. Wo ein Affe das Urbild der Vollkommenheit ist und Tempel und Priester hat, da geht es ganz natürlich zu, wenn seine Anbeter nach und nach zu Affen werden. Ein jedes Volk bildet sich unvermerkt nach seinem Gotte.»

Dahy hatte nichts gegen diese Auflösung einzuwenden, als - daß ihr Schicksal dadurch nicht besser wurde. Sie fingen hierauf an, einander zu fragen, wie es jedem in der langen Zeit ihrer Trennung ergangen sei, und Dahy ermangelte nicht, seinem Bruder die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit Kadidschen zu erzählen und alles, was ihm seit der selben begegnet war, ohne den geringsten Umstand auszulassen.

Sobald er damit fertig war, sagte Adis: «Was du mir da erzählt hast, läßt mir keinen Zweifel übrig, daß unser Unglück bald ein Ende nehmen wird. Ja, mein lieber Bruder, wir sind dem Augenblick nahe, der uns unsere eigene Gestalt und mit ihr die Rechte unserer Gattung wiedergeben wird, deren wir schon so lange beraubt sind. Du wirst ebenso wenig daran zweifeln als ich, wenn du gehört haben wirst, was ich dir erzählen will.

Ich hatte mir in dem Lande, welches mir der Brahmine Kansu angewiesen, bereits über zweihundert Jahre lang vergebens alle Mühe von der Welt gegeben, eine junge Schöne zu finden, die sich in meine abscheuliche Figur verlieben könnte, als mir einsmals eine junge Bäurin von siebzehn bis achtzehn Jahren im Traum erschien, die mir sagte:

‹Du hoffst umsonst, das Ende deiner Verbannung in dieser Stadt zu finden. Wenn du dieses Wunder erleben willst, so schiffe dich nach der Insel Sumatra ein. Betrachte mich wohl, denn du siehst in mir diejenige, die dir das Schicksal zur Gemahlin bestimmt hat.› Das Mädchen war von ungemeiner Schönheit. Ich fühlte mein Herz bei ihrem Anblick in Liebe entbrennen; ich wollte es ihr sagen, aber sie verschwand, und ich erwachte.

Dieser Traum schien mir mehr als ein gewöhnlicher Traum zu sein. Ich betrachtete ihn als einen geheimen Fingerzeig, schiffte mich nach Sumatra ein und wurde, wie du, durch einen Sturm, den ich nicht für natürlich halte, auf diese Insel geworfen. Hier begegnete mir mit der Prinzessin Mulkara, welche damals in Abwesenheit ihrer Schwester regierte, alles, was dir mit der Königin Scheherbanu begegnet ist.

Sie erklärte mir ihre Liebe; ich glaubte, sie treibe ihren Scherz mit mir; sie überzeugte mich vom Gegenteil und erhielt die Antwort, die du dir vorstellen kannst. Sie wurde dringend, ich wurde ungeduldig; wir erhitzten uns endlich beide, und das Ende davon war, daß ich in diesen Turm geworfen wurde, wo ich so lange büßen soll, bis ich mich geneigt finden werde, zu den Füßen meiner Prinzessin die ihren Reizungen zugefügte Beleidigung wieder gut zu machen.

Unter dieser Bedingung könnte ich wohl ewig in diesem Turme schmachten müssen; aber daß wir uns so unverhofft hier zusammen finden und die Mittel, die uns zusammen gebracht haben, und die wunderbare Ähnlichkeit meines Traumes mit dem Traum deiner Geliebten und die Ähnlichkeit der jungen Bäurin, deren Bild seitdem nicht aus meiner Seele gekommen ist, mit ihrer Schwester Fatime: das alles überredet mich, daß eine verborgene Hand im Spiele ist, und daß wir...»

Ehe Adis seine Rede vollenden konnte, öffnete sich die Tür ihres Kerkers, und der Hauptmann der Leibwache trat herein. Er stieß aber mal mit seiner spitzen Mütze gegen den Fußboden und redete die beiden Brüder also an: «Glorwürdigste unter allen Greisen, ich komme im Namen unsrer erlauchten und mildherzigen Fürstinnen, euch anzukünden, daß sie alles, was ihnen an eurem Betragen hätte mißfällig sein können, in den Abgrund der Vergessenheit versenkt haben.

Zu dessen Beweis und aus Überzeugung, daß eine so übermenschliche Schönheit wie die eurige nur das Anteil der Familie des großen Affen sein kann, haben sie mit Beistimmung der ehrwürdigen Priesterschaft beschlossen, daß sein Tempel von nun an eure Wohnung sein und daß euch da selbst alle die Ehre widerfahren soll, wozu ihr als nahe Verwandte des selben berechtigt seid.»

Die beiden Brüder waren über diesen neuen Ausbruch der seltsamen Torheit dieses abenteuerlichen Volkes nicht wenig betroffen und hatten schlechte Lust, die Hauptpersonen des neuen Possenspiels zu sein, das man mit ihnen spielen wollte. In dessen, weil doch, Kerker gegen Kerker, ein Tempel immer besser war als der schwarze Turm und weil sie entschlossen waren, ihrem Schicksal in allen Dingen nachzugeben, so folgten sie dem Hauptmann gutwillig nach der Pagode, wo sie von dem Oberpriester und den übrigen Dienern des Tempels an der Pforte mit großer Feierlichkeit empfangen wurden.

Die Königin, ihre Schwester, der Hof und die ganze Stadt waren bereits zugegen; es wurden Hymnen den beiden Vettern des großen Affen zu Ehren angestimmt; und nachdem man sie, unter einer Menge possierlicher Zeremonien und Kniebeugungen, wohl besungen und beräuchert hatte, ließ man sie auf ein großes, sieben Fuß hohes Gerüste steigen, wo zwei prächtige Throne von bunten Strohmatten für sie bereitet waren.

Die beiden Brüder nahmen geduldig ihren Platz; und während die Priester die Zurüstungen zu dem Opfer machten, das ihnen auf dem Altar, hinter welchem das Gerüste aufgerichtet war, dargebracht werden sollte, tanzte ein Chor junger Mädchen singend um den Altar, und die Augen aller Anwesenden waren in schwärmerischer Entzückung auf die neuen Götter gerichtet, die in den Talaren von buntem Stroh, womit man sie behangen hatte, eine sehr komische Figur machten und so aussahen, als ob sie an allem diesem Unsinn kein sonderliches Belieben fänden.

Aber plötzlich wurde Gesang und Tanz und Opfer durch eine Begebenheit unterbrochen, die der Freude und Andacht der Anwesenden auf einmal ein schreckliches Ende machten. Adis und Dahy verloren die Gestalt abgelebter Greise und glänzten wieder in ihrer eigenen. Auf ihren Stirnen und Wangen blühte wieder die Blume der ewigen Jugend auf, dichtes blondes Haar wallte in großen Locken um ihren milchweißen Nacken; kurz, sie wurden auf einmal wieder, was sie waren, als Farsana zu ihrem Unglück ein zu zärtliches Auge auf sie warf.

Welch eine fürchterliche Verwandlung in den Augen der Insulaner! Ein allgemeiner gräßlicher Schrei verkündigte die allgemeine Bestürzung. Die Priester, die eine so unnatürliche Verwandlung für ein Wunder von böser Vorbedeutung hielten, rannten in größter Verwirrung davon; die Mädchen, die um den Altar tanzten, wandten voller Schrecken um und flohen; die Königin und die Prinzessin, ihre Schwester, deren Zärtlichkeit sich auf einmal in Abscheu verwandelte, eilten in ihren Palast zurück.

In einem Augenblicke war die ganze Pagode leer, und die beiden Genien blieben allein und staunten einander an. Da sie aber mit ihrer Gestalt auch ihre übrigen Vorzüge wiedererhalten hatten, so erkannten sie sogleich, daß ihre Bezauberung durch zwei junge Personen aufgelöst worden war, die sich während der Zeremonien in ihre Greisengestalt verliebt hatten und aus Ekel vor ihrer jetzigen mit den übrigen davon gelaufen waren.

Sie bezeugten einander noch ihre Freude über diese glückliche Überraschung, als sie den Brahminen Kansu mit Fatimen an der Hand in die Pagode treten sahen. Auf den ersten Blick erkannte Adis das reizende Bauernmädchen seines Traumes. «Ah!» rief er mit Entzücken, «das ist sie, das holde Mädchen, dessen Bild so fest in meinem Herzen sitzt!» - «Ja, Adis, da ist sie», sagte der Brahmine; «Um Euer Glück vollständig zu machen, habe ich sie mitgebracht. Sie war, seitdem sie von ihrer Schwester getrennt wurde, in meinem Schutze.

Endlich, meine Kinder», fuhr er fort, «habe ich die Freude, euch wieder aus dem traurigen Zustand gezogen zu haben, in welchen mein zu rascher Zorn euch versetzte. Es war mir schmerzlich, euch so lange darin zu sehen; aber es war unmöglich, das, was ich für euch getan habe, früher zu tun. Denn ich bin es, Dahy, der dich die beiden Schwestern finden ließ, die dazu bestimmt sind, euch alle eure Leiden durch ihre Liebe zu vergüten.

Ich bin der Urheber der Träume, die den Gedanken, nach Sumatra zu reisen, in euch erweckten; und ich habe euch durch von mir erregte Stürme an diese Insel geworfen, weil ich wußte, was da geschehen würde. Ja, ich leugne nicht, daß ich, zu Beförderung meiner Absicht, der gewöhnlichen Narrheit dieser äffischen Insulaner durch meine Kunst ein wenig nachgeholfen habe. Nun fehlt uns nur noch eine Person. Dahy, geh, hole Kadidschen, und mach ihr das Vergnügen, ihre Schwester und den schönen Jüngling ihres Traumes wiederzusehen.»

Dahy flog wie ein Blitz in die Küche des Hauptmanns von der Leibwache und brachte Kadidschen in die Pagode. Die Umarmungen der beiden Schwestern, das Entzücken der beiden Brüder und die Freude des alten Brahminen über das Glück dieses doppelten Paares, welches sein Werk war, machten eine Szene, die über alle Beschreibung geht.

Ihr Glück vollkommen zu machen, gab Kansu den beiden Genien auch ihre Freiheit wieder und erlaubte ihnen, mit ihren Geliebten zu leben, wo es ihnen beliebte. Er verschwand hierauf aus ihren Augen, und die beiden Brüder flogen mit den schönen Schwestern auf eine Insel von Dschinnistan, die, von ihnen bewohnt und bevölkert, ein Nachbild des irdischen Paradieses wurde.

 

Christoph Martin Wieland - Dschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen

ALBOFLEDE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr als hundert Jahre vor dem Einfall der Franken in Gallien lebte auf einer einsamen kleinen Insel, welche die Seine eine Meile oberhalb der Stadt Troyes macht, eine außerordentliche Frau namens Alboflede. Das, was dem ersten Anblick am meisten auffiel, war ihr Alter und ihre Häßlichkeit. Beides übertraf alles, was man sich davon einbilden kann; die eisgrauen Parzen hätten jung und die häßlichste der Gorgonen reizend neben ihr geschienen; das mag genug davon sein, denn ich male nicht gerne, was niemand ansehen mag.

Man erzählte Wunderdinge von ihrer Macht und von dem Umfang ihrer geheimen Wissenschaften; das Volk hielt sie für eine gewaltige Hexe; wäre sie so schön gewesen, als sie abscheulich war, so würde man sie für eine Fee gehalten haben. Indessen stand sie doch im ganzen Lande in Ansehen; die gemeinen Leute fürchteten sie; die vornehmen hingegen bewarben sich um ihre Gunst, in Hoffnung, von ihren Zauberkünsten und von ihrer Gabe, das Künftige vorherzusehen, bei Gelegenheit guten Gebrauch zu machen.

Sie wohnte am Ufer des Flusses in einem kleinen Palaste, der auf einer Galerie von marmornen Pfeilern ziemlich weit über das Wasser hinragte; und die dazugehörigen Gärten nahmen den ganzen Rest der kleinen Insel ein. Sie waren mit den seltensten Pflanzen und Gewächsen des ganzen Erdbodens angefüllt und immer in dem schönsten Stande unterhalten, ungeachtet man keine Hände sah, die ihrer warteten.

Wer Albofleden besuchen wollte, fand am jenseitigen Ufer eine vergoldete Gondel, die von selbst ging und diejenigen, deren Besuch ihr angenehm war, in wenig Augenblicken hinüberbrachte: jedem anderen wäre es unmöglich gewesen, sie von der Stelle zu bewegen. Wer den Zutritt erhielt, wurde sehr wohl aufgenommen; man konnte nicht herrlicher bewirtet werden, wie wohl im ganzen Hause weder männliche noch weibliche Bediente zum Vorschein kamen.

Es begab sich eines Tages, daß die Gondel ein Paar junge Liebende hinüberführte, die von einer heftigen Begierde geplagt wurden, das Schicksal ihrer wechselseitigen Leidenschaft zu erfahren. Alboflede nahm sie gütig auf, und nachdem sie ihnen einige Erfrischungen vorgesetzt (denn sie schienen von den Beschwerden eines langen Weges erschöpft zu sein), erkundigte sie sich nach dem Bewegungsgrunde ihres Besuches.

«Wir kommen», antwortete der Jüngling, «dich, der nichts Zukünftiges verborgen ist, um das Glück unserer Liebe zu befragen. Ich liebe die schöne Selma, seit dem ich sie kenne; und daß sie sich erbitten ließ, mich hierher zu begleiten, verrät dir schon genug von dem Geheimnis unserer Herzen, um sie eines förmlichem Geständnisses zu überheben. Aber mächtige Hindernisse stehen unserem Glück entgegen. Wir fürchten, durch die Hartherzigkeit der Unsrigen auf ewig getrennt zu werden. Rate uns, weise Frau, was wir tun sollen!»

«Wieder nach Hause gehen und ruhig erwarten, was das Schicksal und die Liebe über euch beschlossen haben», antwortete Alboflede.

Das Mädchen seufzte. «Das ist unmöglich», rief der Jüngling; «habe Mitleid mit uns, gütige Fee! Schlage das Blatt im Buche der Schicksale auf, worauf das unsrige geschrieben ist, und entdeck uns, wie wir dem Elend entgehen können, zu einer hoffnunglosen Liebe verdammt zu sein, wie wir die Hindernisse überwinden können, die uns mit ewiger Trennung bedrohen!»

«Laßt euch Besseres raten», sagte Alboflede, «und unterdrückt einen Vorwitz, dessen Befriedigung euer Schicksal nicht ändern, aber wohl verschlimmern könnte. Eine wohltätige Hand hat den dichten Vorhang gewebt, der die Zukunft vor den Augen der Sterblichen verbirgt; aber unerbittlich bestraft sie diejenigen, die ihn aufzuheben und mit unbescheidenem Blick in das Verbotene einzudringen wagen.

Ich selbst, meine Kinder, bin ohne mein Verschulden ein unglückliches Beispiel dieser Wahrheit; und damit fremde Erfahrung euch die Qualen einer zu späten Reue erspare, will ich euch, wenn ihr Lust zu hören habt, meine Geschichte erzählen.»

Die jungen Leute dankten ihr für die Gefälligkeit, so sie ihnen dadurch erweisen wollte. Sie folgten ihr in den Garten; und indem sie durch ein mit Blumen besetztes Parterre hingingen, pflanzte sich auf einmal der schönste Blumenstrauß vor den Busen der jungen Selma, ohne daß man sah, wie es damit zuging.

Alboflede lächelte über das angenehme Erschrecken des Mädchens, tat aber nicht, als ob sie es bemerkt hätte. Bald darauf ließ sie ihre beiden Gäste unter einem hoch aufgeschossenen, voll blühenden Rosengebüsch Platz nehmen und begann ihre Erzählung folgendermaßen:

«Mein Vater, ein Druide dieses Landes, dem ich in seinem Alter geboren wurde, war der Astrologie mit solcher Leidenschaft ergeben, daß er über der Betrachtung des Himmels und der Sterne sich unvermerkt angewöhnte, alles Irdische, als seiner Aufmerksamkeit unwürdig, mit Geringschätzung anzusehen.

Er bekümmerte sich wenig um meine Erziehung; aber da er in dem Augenblick meiner Geburt mein Horoskop gestellt und gefunden hatte, daß ich alle Weiber meiner Zeit an Schönheit und Leichtigkeit übertreffen würde, so stiegen ihm über die Verbindung zweier so gefährlicher Eigenschaften von Zeit zu Zeit Gedanken in den Kopf, die ihn, nach dem Maße, daß ich heranwuchs, beunruhigten.

Der erste Teil meines Horoskops - wie unglaublich es euch, meine Kinder, in diesem Augenblick auch immer vorkommen mag - war auf eine so vollkommene Art in Erfüllung gegangen, daß mein Vater um so weniger zweifelte, auch den anderen Teil, mehr als ihm lieb war, realisiert zu sehen.

Zu meinem Unglück hatte er die Leichtigkeit des Körpers, die mir die Sterne weissagten, für Leichtigkeit des Sinnes genommen; und diese Vorstellung setzte sich so fest in seinem Kopfe, daß er mich, von meiner frühen Jugend an, als ein Mädchen ansah, das die größte Gefahr liefe, ein Schandfleck seines Namens und ihres Geschlechtes zu werden.

Indessen schien meine Schönheit mit jedem Tage neuen Zuwachs zu erhalten; wer mich sah, wurde in meine Figur vernarrt; aber niemand war es mehr als ich selbst. Mein Vater betrachtete dies als die erste Wirkung meiner unglücklichen Anlage zur Koketterie, die er in den Sternen entdeckt hatte; und in der guten Absicht, aus dieser meiner Schwachheit selbst ein Mittel zur Erhaltung meiner Ehre zu ziehen, nahm er mich einsmals auf die Seite und entdeckte mir mit großem Ernst als ein Geheimnis von der äußersten Wichtigkeit für das Glück meines Lebens.

Die Reizungen, auf die ich einen so großen Wert legte, hingen lediglich von meiner Unerbittlichkeit ab, und der erste Sieg, den eine Mannsperson über mich erhielte, würde mich zur häßlichsten Person auf dem ganzen Erdboden machen. ‹Ich beklage dich, meine Tochter›, setzte er hinzu; ‹aber es steht nicht in meiner Macht, was in den Sternen von dir geschrieben ist, auszulöschen.

Alles, was ich tun kann, ist, daß ich dich von deinem Schicksale benachrichtige und dir rate, wenn dir anders daran gelegen ist, so zu bleiben, wie du bist, den Mannspersonen aus dem Wege zu gehen. Sie so nahe kommen zu lassen, daß sie dich anreden könnten, oder gar stehen zu bleiben und sie anzuhören, würde schon zu gefährlich sein.

Das Sicherste ist, davonzulaufen, ehe es soweit kommt; ein Mädchen, das die Unvorsichtigkeit hat, auf die Stimme dieser Lockvögel zu horchen, ist immer in Gefahr, auf der Leimstange hängen zu bleiben; und ich habe dir gesagt, was bei dir die Folge davon sein würde.›

Mein guter Vater hätte die Hälfte seiner Warnungen ersparen können, wenn er einen Begriff davon gehabt hätte, in welchem Grad ich in mich selbst oder, was mir damals gleich viel galt, in meine Figur verliebt war. Indessen, da ich in die Wahrheit seiner Worte nicht den geringsten Zweifel setzte und alles im buchstäblichen Sinne nahm, konnte doch alle Gleichgültigkeit, womit ich meine bisherigen Liebhaber anzusehen gewohnt war, mich nicht verhindern, von der fürchterlichen Gefahr, womit mich mein Vater bedrohet hatte, von Zeit zu Zeit in große Beängstigung gesetzt zu werden.

Natürlicherweise mußten es meine armen Anbeter entgelten, deren Anzahl mit jedem Tage zunahm, und dies um so mehr, da keiner unter ihnen sich des kleinsten Vorzugs bei mir rühmen konnte. Vergebens trugen sie mir in der einzigen Sprache, die ihnen erlaubt war, in Blicken und Seufzern, ihr Anliegen vor; vergebens ermüdeten sie die arme Echo Tag und Nacht mit Wiederholung meines Namens.

Umsonst kratzten sie ihn in alle Bäume der Gegend: der bloße Gedanke, diese schönen Augen, deren mörderischen Glanz die Herren in tausend Oden und Elegien verwünschten, einem von ihnen zu gefallen, verlöschen zu sehen, machte, daß ich sie lieber alle mit einem Blick hätte versteinern mögen. Dieses Betragen entfernte nach und nach alle ehrerbietigen Liebhaber von mir.

Aber es fanden sich mitunter auch Verwegene, die sich nicht abweisen lassen wollten und die mir so viele Gelegenheit gaben, meine Schnellfüßigkeit zu zeigen, daß ich es in diesem Stücke gar bald mit allen Atalanten und Camillen der Dichter hätte aufnehmen können. Diese Gelegenheiten kamen endlich gar zu oft; ich wurde es überdrüssig, immer zu laufen, ohne Lust dazu zu haben, und mich von den verhaßten Nebenbuhlern meiner eignen Schönheit in der süßen Beschäftigung stören zu lassen, in irgendeinem kristallnen Bache mich an meinem eigenen Anschauen zu ergötzen.

Ich zog mich, um dieses reinen Vergnügens desto ruhiger zu genießen, in eine Einöde zurück; aber gerade in dieser Einöde war es, wo der erzürnte Liebesgott das Mittel fand, eine grausame Rache an seiner unbesonnenen Verächterin auszuüben.

Von allen den Reizungen, womit die Natur mich zu meinem Unglück so verschwenderisch beschenkt hatte, waren meine Haare vielleicht die geringste; indessen hatten sie die schönste Farbe von der Welt und waren so lang und dicht, daß ich sie nur aufzulösen brauchte, um bis auf die Füße über und über von ihnen bedeckt zu werden.

Eines Tages, da ich an dem Rande eines Flusses, worin ich mich gebadet hatte, im Begriff war, meine Haare auszukämmen, und ganz allein zu sein glaubte, kam auf einmal ein schneeweißer, von Jägern verfolgter Hirsch angesprengt, stürzte sich ins Wasser, schwamm an das diesseitige Ufer herüber und legte sich, äußerst abgemattet und mit Blicken, die um meinen Schutz zu bitten schienen, zu meinen Füßen nieder, während daß seine Verfolger am gegenseitigen Ufer in lärmender Verwirrung eine Stelle suchten, wo sie ohne Gefahr über den Fluß setzen könnten.

Niemals in meinem Leben hatte ich für irgendeine Kreatur soviel Anmutung gefühlt als für dieses schöne Tier, das auf eine so rührende Art mein Mitleid zu erregen wußte. Ich legte meine Hand auf seinen Rücken und fing an, es sanft zu streicheln und zu liebkosen; aber kaum hatte ich es berührt, als es sich in einen wunderschönen jungen Menschen verwandelte, der sich berechtigt hielt, diese Liebkosungen zu erwidern und seine Liebeserklärung damit anzufangen, womit man sie gewöhnlich zu endigen pflegt.

Ich gestehe, daß mein Schrecken über ein so unvermutetes Wunder im ersten Anblick mit ich weiß nicht was für einem Gefühl, das mehr Angenehmes als Widriges hatte, vermischt war; aber mein zur anderen Natur gewordener Abscheu vor allem, was einem Manne gleich sah, bekam sogleich wieder die Oberhand. Zudem hatte mich der wundervolle Unbekannte in einem Zustande überfallen, der von dem gewöhnlichen Negligé der Grazien wenig verschieden war.

Ich machte mich also eilends auf die Füße, und da die Scham meiner natürlichen Leichtigkeit einen neuen Grad von Geschwindigkeit gab, so schien ich mehr zu fliegen als zu laufen. Aber mein neuer Liebhaber, den das, was mich beschämte, desto verwegener machte, schien nicht nur seine vorige Hirschnatur behalten, sondern noch zum Überfluß die Flügel der Liebe an seine Fersen bekommen zu haben; denn ein Vorsprung von fünf bis sechs Schritten war alles, was ich mit der höchsten Anstrengung meiner Kräfte über ihn gewinnen konnte.

In währendem Lauf wehte der Wind die langen dichten Haare, die mir sonst eine zulängliche Bedeckung gegeben hätten, dergestalt auseinander, daß sie zu Verrätern an mir wurden und den Augen meines Verfolgers einen Vorteil über mich gaben, gegen welchen alle meine Geschwindigkeit zu kurz kommen mußte. Dieser Umstand brachte meine Vernunft in eine solche Unordnung, daß ich mich unbesonnenerweise in das erste beste Gebüsche warf, aber eben dadurch den Unfall, dem ich entfliehen wollte, beschleunigte.

Um es kurz zu machen, Kinder - ich verfing mich mit meinen langen Haaren in einem Busch; der schöne Unbekannte holte mich ein, und wie wohl ich einen Teil meiner verhaßten Locken aufopferte, mich von ihm loszureißen, so blieb es mir unmöglich, meinem Schicksal zu entrinnen.

Ich gestehe, daß der Übermut, womit der Unbekannte sich seines Vorteils über mich bediente, nicht vermögend war, das sympathetische Gefühl gänzlich auszulöschen, das mich beim ersten Anblick für ihn eingenommen hatte; und mein Unglück würde mir vielleicht weniger unerträglich, als es an sich selbst war, vorgekommen sein, wenn der Gedanke, daß es mich meine ganze Schönheit koste, es nicht zum Grausamsten, was mir begegnen konnte, gemacht hätte.

Die Flucht meines Liebhabers, den vielleicht nur mein entsetzliches Geschrei und die Furcht, entdeckt zu werden, vertrieben hatte, schien mir die erste Bekräftigung zu sein, daß die Vorhersagung meines Vaters in Erfüllung an mir gegangen sei. Mein Schmerz, meine Verzweiflung war unaussprechlich. Ich hatte das Herz nicht, mich selbst anzusehen.

Das Tageslicht wurde mir verhaßt; ich floh in die ödesten Wildnisse, verbarg mich in die dunkelsten Felsenklüfte und hörte nicht auf, ein Unglück zu beweinen, das gleichwohl bloß in meiner Einbildung bestand. Ein einziger Blick in einen der Bäche oder Brunnen, worin ich mich sonst mit so innigem Wohlgefallen zu spiegeln pflegte, würde mir meinen fatalen Irrtum benommen haben; aber ein Spiegel war jetzt in meiner Einbildung das schrecklichste aller schrecklichen Dinge, und die Furcht vor meinem eignen Anblick machte, daß ich einem Bach auf tausend Schritte auswich.

Zu meinem Unglück mischten sich endlich, aus Bosheit oder Mitleid, auch die Feen in meine Angelegenheiten. In einer unseligen Stunde, da meine Verzweiflung eben aufs höchste gestiegen war, kam mir eine der selben in den Weg und versprach mir, in der guten Meinung, mich zu trösten, mir jede Gabe zu bewilligen, um die ich sie bitten würde.

‹Oh›, rief ich, ohne mich einen Augenblick zu besinnen, ‹wenn du das willst, mitleidige Fee, so verwandle meine Gestalt augenblicklich in das Gegenteil dessen, was sie jetzt ist; mache mich mir selbst so unähnlich als möglich, dies ist die höchste Wohltat, die du mir erweisen kannst.› Die Fee betrachtete mich einige Augenblicke mit Erstaunen; aber sie hatte nun einmal ihr Wort gegeben, und ein Feenwort ist, wie ihr wißt, unwiderruflich.

Meine Bitte wurde mir gewährt; was zuvor nur eine Einbildung gewesen war, die mir ein wohlgemeinter Betrug meines Vaters in den Kopf gesetzt hatte, wurde nun Wirklichkeit; und aus dem schönsten Mädchen in der Welt ward ich auf der Stelle in ein so abscheuliches Geschöpf verwandelt, daß die Fee selbst meinen Anblick nicht aushalten konnte und sich eilends davon machte.

Allein, vor Freude über die vermeinte Wiederherstellung meiner Schönheit wurde ich den Ausdruck des Abscheues in ihrem Gesichte nicht gewahr und bildete mir ein, daß sie bloß nach Feenart wieder verschwunden sei, um mir den Dank für die unschätzbare Gabe, so ich von ihr empfangen zu haben glaubte, zu ersparen.

Bald darauf begegnete mir eine andere Fee, da ich eben im Begriff war, einen Bach zu suchen, worin ich mich beschauen könnte. Auch sie bot mir eine Gabe an, und ich besann mich noch weniger als das erste Mal. ‹Gib mir›, rief ich in der Freude meines Herzens, ‹gib mir die Gabe, mit allen den Reizungen, die ich jetzt besitze, soviel Jahre zu leben, als ich Haare auf meinem Kopfe habe!›

Die kleine Fee sah mich mit dem Erstaunen an, womit man eine Person, die man für klug hielt, Wahnsinn sprechen hört; sie zuckte die Achseln und schien einen Augenblick unschlüssig, ob sie mir ein so unbegreifliches Begehren bewilligen sollte: allein, da sie ihr Wort gegeben hatte, so konnte sie sich, ebenso wenig als die erste, nicht entbrechen, es zu halten.

Die Fee verschwand, und ich Unglückliche glaubte mich kaum im Besitz einer Schönheit, deren Dauer ich, nach der ungeheuren Menge von Haaren, die ich wiederbekommen zu haben vermeinte, für unermeßlich hielt, als ich einem Brunnen zu lief, um mich, nach einer so langen Trennung von mir selbst, wieder mit vollen Zügen an meinem Anschauen zu erlaben.

Aber stellt euch die ganze Unaussprechlichkeit meines Entsetzens vor, da ich nichts als das Ideal der Häßlichkeit, eine Karikatur von allem, was Alter und Ungestaltheit Widerliches und Grausenhaftes hat, kurz, eben die Figur darin erblickte, die ihr vor euch seht!

Unmöglich konnte ich glauben, daß ich dieses Scheusal sei; ich sah mich überall nach dem Gegenstande des verhaßten Bildes um, das mir das meinige verdecke; aber da ich es alle die Bewegungen machen sah, die ich selbst machte, fand ich mich endlich gezwungen, der abscheulichen Wahrheit Platz zu geben, und erkannte nun zu spät, in welchem Grade ich ein Spiel mißgünstiger Sterne und ein Opfer des frommen Betruges meines Vaters und meiner eigenen Leichtgläubigkeit, Eigenliebe und raschen Übereilungen gewesen war.

Es würde Unbarmherzigkeit sein, meine Kinder, wenn ich euch mit einer Beschreibung des Zustandes, in den mich diese Entdeckung stürzte, quälen wollte. Tausendmal trieb mich die Verzweiflung, meinem Leben ein Ende zu machen; aber immer hielt mich ein unsichtbarer Arm mit stärkerer Gewalt zurück.

Die Zeit, deren abstumpfende Würkung auf unsere Sinne uns zuletzt das Angenehmste gleichgültig und das Widrigste erträglich macht, vermochte endlich soviel, daß ich mich meinem Schicksal mit einiger Gelassenheit unterwarf; aber was am meisten dazu beitrug, war die Gewißheit, daß mein Elend nicht länger als drei Jahre dauern würde, welches gerade soviel Jahre waren, als mir die Feen Haare auf meinem kahlen Kopfe gelassen hatten.

Meine angenehmste Beschäftigung war jetzt, die Stunden und Augenblicke zu überrechnen, die mich dem letzten Ziele meiner Wünsche näher brachten; und in dem ich auf diese Art mein verhaßtes Dasein in den dunkelsten Wäldern und einsamsten Wildnissen hin schleppte, hatte ich den zwölften Monat meines letzten Jahres erreicht, als ich in einer finsteren Nacht, worin ich lange zwischen Felsen und Abgründen herum geirrt war, bei eben dieser Insel anlangte, wo ich seitdem meine Wohnung aufgeschlagen habe.

Ich glaubte da selbst, durch die Gebüsche, die ihre Ufer bekränzten, ein Feuer zu erblicken, das über alle umliegende Gegenstände eine so große Klarheit verbreitete, als ob es heller Tag wäre. Ungeachtet mir nach meiner eigenen Figur nichts verhaßter war als das Licht, so bemächtigte sich doch meiner in diesem Augenblick eine Neubegierde, der ich nicht widerstehen konnte.

Ich watete durch eine seichte Stelle des Flusses, die ich bei diesem Lichtglanze gewahr wurde, und erstaunte nicht wenig, als ich in dem Gebüsche, wo mir das schöne Feuer zu brennen schien, einen kleinen Neger schlafend fand und entdeckte, daß ein Halsband von Karfunkeln, das er um seinen schwarzen Hals hatte, die einzige Ursache des hellen und beinahe blendenden Glanzes war, der einen Teil der Insel so herrlich erleuchtete.

Ich konnte eine gute Weile nicht Herz genug fassen, mich ihm zu nähern, denn er kam mir noch häßlicher und abscheulicher vor als ich selbst. Aber plötzlich wandelte mich eine so heftige Begierde an, die Besitzerin dieses wundervollen Schmuckes zu sein, daß ich mich stark genug fühlte, es dem dreiköpfigen Cerberus selbst aus dem Rachen zu reißen.

Diese Begierde war desto unsinniger, da ich nur noch wenige Tage zu leben hatte und das Halsband, wie unschätzbar es auch an sich selbst sein mochte, mir zu nichts helfen konnte, als meine Häßlichkeit in ein auffallenderes Licht zu setzen: aber sie war stärker als meine Vernunft und meine Eigenliebe zusammen genommen; und so kam ich, mit furchtsamen Schritten, dem kleinen Ungeheuer, vor dessen Anblick ich alle Augenblicke hätte ohnmächtig werden mögen, endlich nahe genug, um zu bemerken, daß das Halsband nur mit einem schwachen seidenen Faden umgebunden war.

Ich bemächtigte mich des selben ohne Mühe und war im Begriff, mich mit meiner kostbaren Beute davonzumachen, als der Neger erwachte und mich bei einem Zipfel meines Rocks zurück hielt. ‹Wohin so eilig, schöne Alboflede›, rief er mir zu, indem er einen Rüssel aussperrte, vor dessen Anblick ich hätte umsinken mögen.

Ihm entfliehen zu wollen war keine Möglichkeit, da ich mit meiner Gestalt auch die Geschwindigkeit, die mich retten konnte, verloren hatte. Meine Verlegenheit und Verwirrung schien den Unhold in gute Laune zu setzen. ‹Wenn du erst den ganzen Wert des Kleinodes kennst, das du mir entwenden wolltest›, sprach er lachend und unbekümmert, daß ihn das Lachen noch zehnmal häßlicher machte, als wenn er sauer sah; ‹aber sei guten Mutes, schöne Alboflede!

Ich bin darum nicht böse auf dich, und wenn du dich nur zu einer kleinen Gefälligkeit bequemen kannst, so soll es mir auf das Halsband nicht ankommen, da es mir ohnehin zu nichts nütze ist, als die Lichter des Nachts dabei zu ersparen.› - ‹Und worin soll die kleine Gefälligkeit bestehen?› fragte ich ihn mit weg gewandtem Gesicht, indem ich ein paar Schritte zurücktrat, um von seinem Atem nicht erreicht zu werden.

‹In weiter nichts›, erwiderte er mit einem abscheulich freundlichen Zähnefletschen, ‹als mich zu lieben und die Meinige zu werden.› Alle Knochen an meinem ganzen Leibe klapperten zusammen bei diesem Antrag und bei der Vorstellung, die meine Einbildungskraft damit verband, indem sie mich wider Willen an den schneeweißen Hirsch erinnerte.

‹Nicht um die ganze Welt, und wenn sie aus lauter Karfunkeln zusammen gesetzt wäre›, schrie ich, indem ich ihm sein Halsband mit Abscheu vor die Füße warf. ‹Ich lasse mir Gerechtigkeit widerfahren›, versetzte der grinsende Wechselbalg, indem er das Halsband mit großer Gelassenheit von der Erde aufhob; ‹ich bin freilich nicht der Liebenswürdigste, und ich kann es einer jungen Dame von so außerordentlicher Schönheit, wie du bist, nicht verargen, wenn sie bei einem Antrage wie der meinige ein wenig zusammenfährt.› -

‹Dieser unmenschliche Spott›, rief ich, vor Zorn außer mir, ‹beweist mir, daß deine Seele noch abscheulicher ist als deine Außenseite.› - ‹Er beweist nichts, schöne Alboflede›, sagte der Neger, indem er mir, meines Sträubens ungeachtet, das funkelnde Kleinod um den dürren schwarzgelben Hals herum schlang; ‹ich sage nichts, als was dir dieser Spiegel auch sagen wird!›

Mit diesen Worten hielt er mir einen großen Spiegel vors Gesicht, und - wie soll ich euch mein Erstaunen, meine Bestürzung und mein Entzücken ausdrücken? - ich erblickte mich wieder in meiner ehemaligen Gestalt, im vollen Glanze der Schönheit und Jugend, kurz, so vollkommen alles, was ich gewesen war, daß ich weder dem Spiegel noch meinen Augen zu glauben mir getraute.

‹Ist's möglich?› rief ich in stammelnder Wonnetrunkenheit, indem ich, aus Furcht, der Spiegel könnte bezaubert sein, wie eine Närrin mitten in den Fluß hinein lief, um mich in seiner unverdächtigen Flut zu bespiegeln. Der Neger, der sich einbilden mochte, daß ich ihm entlaufen wolle, rannte mir so eilig nach, daß er mich auf einen Sprung einholte.

Aber wie er mich so ruhig und über eine dunkle Stelle des Wassers hingebückt in meinem eignen Anschauen vergeistert stehen sah, begnügte er sich, mir ganz sachte von hinten zu das Halsband wieder abzulösen und dadurch meiner ganzen Wonne auf einmal ein Ende zu machen. Denn in dem Augenblicke, da das Halsband wieder in seinen Händen war, stand ich wieder so alt und häßlich, wie ihr mich seht, da und suchte mit meinen zusammen gerunzelten und ausgelöschten kleinen Schweinsaugen vergebens, wo mein so innig geliebtes Ich auf einmal hingekommen wäre.

Man müßte selbst in einer solchen Lage gewesen sein, um sich eine wahre Vorstellung davon zu machen. Der verwünschte Neger ging mit seinem Halsband in den Klauen ganz kaltblütig wieder zurück, und ich, als ob ich ihm meine geraubte Schönheit wieder abjagen wollte, lief ihm nach und würde ihm, solange er sie in seinen Händen hatte, trotz meinem Abscheu vor seinem widerlichen Mohrengesichte bis ans Ende der Welt nachgelaufen sein.

Er schien Mitleid mit meiner gewaltsamen Lage zu tragen, und sein Ton wurde immer höflicher und zärtlicher, ohne daß ich seine Figur darum erträglicher fand. Er führte mich in seinen kleinen Palast, zeigte mir alle seine Seltenheiten und Schätze und entdeckte mir im Vertrauen, daß er der Sohn einer Fee und, vermöge der Kenntnisse, womit er von seiner Mutter begabt worden, sehr außerordentliche Dinge zu tun imstande sei. Aber mit allem dem stehe es nicht in seiner Macht, mir das Halsband anders als auf die gemeldete Bedingung wiederzugeben.

‹Verlangen, daß du mich so, wie ich bin, wirklich lieben solltest›, setzte er hinzu, ‹hieße vielleicht etwas Unmögliches von dir fordern; aber so unbillig bin ich nicht; ich will zufrieden sein, wenn du, sobald du mit dem Halsband deine Schönheit wieder von mir erhalten, dich nur ebenso gegen mich beträgst, als ob du mich liebtest; und damit dir deine Gefälligkeit weniger koste, so wisse, daß sie das einzige Mittel ist, den schneeweißen Hirsch, der dir vielleicht nicht gleichgültig ist, wiederzusehen.›

Ich würde bei diesen Worten rot geworden sein, wenn eine so pergamentartige Haut wie die meinige hätte erröten können; es war mir unbegreiflich, woher der kleine Neger soviel von meiner Geschichte wissen könne, und meine Verlegenheit nahm mit der Begierde nach dem Halsband sichtbar zu. Was soll ich euch sagen? Im Grunde konnte kein Preis für das Gut, dessen Erwerbung in meine Willkür gestellt war, zu groß sein.

Wenigstens dachte ich damals so, und jede andre würde vielleicht an meinem Platze ebenso gedacht haben. Genug, ich erhielt das Halsband mit aller meiner Schönheit wieder, und der abscheuliche kleine Mohr verwandelte sich, sobald ich ihm meine Dankbarkeit zu beweisen anfing, zu meinem großen Erstaunen in den wunderschönen Jüngling, der in Gestalt eines schneeweißen Hirsches mein Herz gewonnen hatte und dessen Ungezogenheit die Quelle aller meiner Abenteuer gewesen war.

Ich erfuhr nun von ihm selbst, daß eine Intrige mit einer ebenso mächtigen als eifersüchtigen Fee an seiner Verwandlung Ursache gewesen. Er konnte seine eigentümliche Gestalt unter keiner anderen Bedingung wieder erhalten, als wenn er in seiner häßlichen Negermaske die schönste Person in der Welt dahin bringen könnte, die Seinige zu werden; und von wem konnte er dies jemals zu erhalten hoffen als von einer Person, über die er sich den Vorteil zu verschaffen gewußt hatte, daß es von ihm abhing, ob sie die schönste oder die häßlichste ihres Geschlechtes sein sollte?

Alquif (so nannte sich mein neuer Gemahl) war ein großer Zauberer; aber das Halsband, wie wohl es für ein Meisterstück der magischen Kunst gelten konnte, vermochte doch nicht das Werk der Feen gänzlich zu vernichten. Die Kraft dieses mächtigen Talismans erstreckte sich bloß auf die Stunden der Nacht; sobald der Tag anbrach, verschwand meine Schönheit zugleich mit dem wundervollen Glanz des Halsbandes, und ich erhielt alle die Häßlichkeit wieder, womit mich die erste Fee begabet hatte.

Alquif hatte, sobald er mich wieder in diesem Zustande sah, nichts Angelegneres, als das einzige graue Haar, das ich noch auf meinem Kopfe hatte, durch die stärksten Zaubermittel so fest und dauerhaft zu machen, daß es die ganze Anzahl von Jahren aushalten könnte, für welche mir die außerordentliche Fülle meiner Haare im Stande meiner Schönheit Gewähr leistete; und da der Tag die Zeit war, wo meine Gesellschaft einem jungen Manne, der das Vergnügen liebte, eben nicht die angenehmste sein konnte, so wandte er ihn in den ersten Wochen unserer Verbindung dazu an, mich in die Mysterien der Kunst, worin er einer der größten Meister war, einzufahren.

Aber kaum sah er mich, durch den schnellen Fortgang, den ich darin machte, in den Stand gesetzt, seines Beistandes entbehren zu können, so überließ er sich seinem natürlichen Unbestand und entfernte sich von dieser Insel, ohne daß wir uns seitdem wiedergesehen haben.

Ich habe euch diese Geschichten erzählt, meine Kinder», fuhr Alboflede fort, «um euch zu überzeugen, daß das Vorherwissen unserer Schicksale uns nicht nur ganz unnütz dazu ist, ihnen auszuweichen, sondern daß es sogar das Mittel wird, uns unangenehme Schicksale zu machen, in welche wir, ohne jenen Vorwitz und eine unzeitige Geschäftigkeit und Einmischung in das Werk der höhern Mächte, die unser Verhängnis leiten, nie geraten wären.

Hätte der Druide, mein Vater, sich nicht einfallen lassen, mir die Nativität zu stellen, so wäre ich aller der unsäglichen Leiden und Kränkungen überhoben geblieben, die er mir bloß durch das Mittel zuzog, wodurch er mein vermeintliches Unglück verhüten wollte. Lasst euch also durch Albofledens Erfahrung warnen: hütet euch, euerem Schicksal eigenmächtig vorgreifen zu wollen; lasst die Götter walten und erwartet in Geduld, was sie über eure Liebe und euer Glück beschlossen haben!»

Während daß die alte Zauberin ihre jungen Gäste solchergestalt unterhielt und ihre wunderreiche Erzählung (die diese für ein ausgemachtes Märchen hielten) mit so weisen Lehren bekrönte, war unvermerkt die Nacht eingebrochen; und Alboflede hatte kaum den dreifachen Kragen, womit sie bei Tage ihren Hals zu verhüllen pflegte, abgelegt, als das funkelnde Halsband auf hundert Schritte im Durchmesser einen neuen Tag verbreitete und die Alte vor den erstaunten Augen der beiden Liebenden in einem Glanz von Schönheit und Jugend dastand, der sie beinahe zu Boden warf.

«Ihr seht», sagte sie zu ihnen, «daß ich euch kein Märchen erzählt habe, wie ihr euch vermutlich einbilden mochtet.» Die jungen Leute erröteten; und da sie nicht Philosophen genug waren, um das Wunderbare, was sie mit Augen sahen, für ein Märchen ihrer eigenen Einbildungskraft zu halten, so ließen sie es dabei bewenden und begnügten sich, Albofleden, oder vielmehr die Göttin der Schönheit, die so unverhofft ihren Platz eingenommen hatte, mit großen Augen anzustarren.

Auf einmal trat ein Adonis von sechzehn Jahren, dem Ansehen nach so schön wie der schönste Engel, den Guido Reni jemals gemalt hat, zwischen sie hin und bediente die kleine Gesellschaft aus goldnen Schalen mit den köstlichsten Erfrischungen. Alboflede sagte ihnen, daß es ein Sylphe und dieser Sylphe das einzige Wesen sei, mit welchem sie das Vergnügen der Einsamkeit in ihrer kleinen Insel teile.

Die junge Selma gestand sich selbst, daß sie, nach dem schönen Arbogast, ihrem Liebhaber, nie etwas gesehen habe, das mit diesem Sylphen zu vergleichen sei. Aber das Wahre von der Sache war, daß sie ihren schönen Arbogast mit Augen der Liebe, das ist mit blinden oder wenigstens verblendeten Augen, ansah; denn in der Tat mußte man so eingenommen sein, als sie es war, um eine Vergleichung zwischen beiden nicht lächerlich zu finden.

Kaum hatte sich der wirkliche oder vorgebliche Sylphe (denn wir getrauen uns nicht zu entscheiden, ob er das eine oder andere war) wieder entfernt, so erneuerten die beiden Liebenden ihre erste Bitte mit so vieler Zudringlichkeit, daß Alboflede alle Mühe, die sie sich gegeben hatte, verloren sah, «Ihr seid also», sagte sie lächelnd, «wie alle jungen Leute; die Lehren und Warnungen der Weisheit glitschen, wie Töne ohne Sinn und Bedeutung, von euern Ohren ab. Ihr wollt alles selbst erfahren und auf eure eigene Unkosten klüger werden.

Nun, wohlan dann! Tretet in diesen Kreis», fuhr sie fort, indem sie mit einem elfenbeinernen Stab einen Kreis um sie her zog; «ich will das Buch des Schicksals für euch aufschlagen, und ihr sollt den Ausgang eurer Liebe vernehmen.» Sogleich trat der schöne Sylphe wieder auf, indem er seiner Gebieterin in der einen Hand ein goldnes Rauchfaß und in der anderen ein großes Buch, das mit goldnen Buckeln beschlagen und reich mit Edelsteinen besetzt war, darreichte.

Sie nahm das Buch aus seiner Hand, und als sie aus einer diamantenen Büchse einige Körner in das Rauchfaß geworfen hatte, stieg ein lieblicher, sanft betäubender Dampf daraus in die Höhe und erfüllte in einem Augenblick die ganze Gegend. «Hört nun euer Schicksal», sagte sie zu den Liebenden, die, in eine Wolke von Wohlgeruch eingehüllt, zitternd vor ihr standen. Sie schlug das Buch auf und las mit lauter Stimme: «Ihr werdet getrennt werden!»

Die armen Seelen, denen bei allen diesen Zeremonien vorhin schon wenig Gutes ahndete, mußten sich aneinander anhalten, um vor Schmerz aber diese schreckliche Weissagung nicht umzusinken. «Doch nicht auf lange? Nicht auf ewig?» fragte Selma mit erstickter Stimme. «Was können wir tun, um wieder vereinigst zu werden?» fragte Arbogast.

«Indem ihr einander auf entgegengesetzten Wegen sucht, werdet ihr euch unverhofft wiederfinden», las Alboflede von einem anderen Blatte herab. Sie schloß hierauf das Buch wieder zu und gab es dem Sylphen zurück, der damit verschwand.

Die Liebenden fielen der schönen Zauberin zu Füßen und dankten ihr für die Gewährung ihrer Bitte. «Wir unterwerfen uns unserm Schicksale», sagten sie; «wie groß auch die uns erwartenden Leiden sein mögen, welche Wollust ist in dem Gedanken, für das, was man liebt, zu leiden!»

«Das werdet ihr erfahren», sagte Alboflede. «Aber wir werden uns wiederfinden», riefen die Liebenden. «Welche Wonne! wir werden uns wiederfinden und glücklich sein!» - «Das wollen wir hoffen», sagte Alboflede. «Wir müssen uns trennen, so will es unser unerbittliches Schicksal», riefen die Liebenden, einander in die Arme sinkend; «jeder Augenblick, den wir länger säumen, verzögert die selige Stunde des Wiedersehens.» -

«Romanhafte Seelen!» sagte Alboflede mit einem gütig bedauernden Blicke; «so tretet denn eure Wanderung an, du ostwärts da hinaus, du westwärts dort hinaus; und verlasst euch darauf, daß Alboflede mit euch sein wird!»

Sie erlaubte ihnen hierauf, einander noch einmal und aber mal zu umarmen; mit einem Strome von Tränen rissen sie sich endlich voneinander los, und nachdem sie sich von Albofleden beurlaubt hatten, traten sie mit wankenden Schritten ihren Leidensweg an; ostwärts er, westwärts sie, nicht ohne sich, solange sie konnten, umzusehen und einander von ferne Küsse zuzuwerfen.

Aber kaum waren sie, jedes auf seinem eigenen Schlangenwege, ein paar hundert Schritte im Walde, der Albofledens Gärten auf der mitternächtlichen Seite umfaßte, fort gegangen, als jedes, von einer angenehmen Betäubung überwältigt, auf eine Moosbank hinfiel, um durch Veranstaltung der wohltätigen Zauberin in einem magischen Traum alle die Abenteuer zu durchlaufen, die eine Folge ihrer törichten Entschließung gewesen sein würden, wenn Alboflede nicht Mittel gefunden hätte, sie zu vereiteln.

Arbogast und Selma träumten beide einerlei Traum; er fing mit dem Augenblick ihres Abschiedes von Albofleden an und führte sie durch verworrene und größtenteils unangenehme Begebenheiten, nach einer zehnjährigen Trennung (wie es ihnen däuchte), beide in eine große Stadt, wo Selma die unverhoffte Freude hatte, ihren geliebten Arbogast - in den Armen einer anderen wiederzufinden.

Die Zauberin hatte es so veranstaltet, daß die beiden Liebenden, wie wohl sie sich voneinander zu entfernen glaubten, in den Schlangengängen ihres Lustwaldes wieder so nahe zusammen kamen, daß sie in dem Augenblicke, da sie von der Betäubung des magischen Schlummers überwältigt wurden, nur durch eine leichte Wand von Myrten und Rosen getrennt waren.

Auf ihren Wink mußte der Sylphe den schlafenden Arbogast auf die nämliche Moosbank tragen, wo Selma eingeschlummert war. Der zehnjährige Traum, in welchem sie eine unendliche Menge romanhafter Abenteuer bestanden zu haben glaubten, währte in der Tat nicht länger als eine einzige Stunde.

Alboflede, welche während dieser Zeit der träumenden Selma immer gegenüber gesessen, war die erste Person, die ihr in die Augen fiel, als sie, vor Schrecken und Unwillen, ihren Liebhaber nach so langer Trennung in fremden Armen zu finden, erwachte und, ohne zu merken, daß sie das alles nur geträumt hatte, in die bittersten Klagen und Vorwürfe über ihren Treulosen ausbrach.

In eben diesem Augenblick erwachte auch Arbogast, nicht ohne große Verwirrung, Selma und die Zauberin zu Zeugen des Verbrechens zu haben, dessen er sich schuldig glaubte, aber fest entschlossen, sich dadurch nicht aus dem Vorteil werfen zu lassen, den er über seine Geliebte zu haben versichert war.

«Räche mich an diesem Ungetreuen, große Fee», rief die ergrimmte Selma, indem sie sich Albofleden zu Füßen warf «Welche Unverschämtheit!» rief Arbogast, von Selmas Hitze ebenfalls in Feuer gesetzt. «Du unterstehst dich, mir meine Untreue vorzuwerfen, du?» -

«Habe ich dich», schrie Selma, «nicht in den verhaßten Armen einer...» - «Und war ich nicht, ohne daß du etwas von mir wissen wolltest, Galeerensklave auf der nämlichen Brigantine, wo ich mit diesen meinen Augen sah, wie du dich, ohne Widerstand, von dem Hauptmann der Seeräuber in seine Kajüte führen ließest?» schrie Arbogast.

«Wie, meine Kinder?» rief Alboflede mit lächelnder Verwunderung, «in dem Augenblicke, da ich euch nach einer so langen und schmerzlichen Trennung wieder zusammenbringe, in dem seligen Augenblicke des Wiedersehens, da meine einzige Furcht war, daß ihr vor Liebe und Entzücken einander in den Armen sterben würdet, sind die bittersten Vorwürfe euer Willkommen?» -

«Oh, wenn du erst alles wüßtest, große Fee», riefen beide wie aus einem Munde. «Ich weiß mehr, als ihr euch einbildet», antwortete Alboflede; «und ihr könnt euch nur bei mir bedanken, daß euch das alles nur geträumt hat. Es würde euch wirklich und im ganzen Ernste begegnet sein, wenn ich nicht klüger gewesen wäre als ihr und euch die romanhafte Reise, die ihr zu unternehmen im Begriff wart, nicht innerhalb eines Bezirkes von zweihundert Schritten und binnen einer einzigen Stunde hätte vollenden lassen.

Noch einmal, meine Kinder, ihr habt nur geträumt und seid nicht aus diesem Garten gekommen; gebt einander die Hände und verzeiht einander, was ihr nicht getan habt, aber getan haben würdet, wenn ich, weniger gütig, euch den Folgen eures Vorwitzes und eurer Übereilung preisgegeben hätte. Kehrt nun ungesäumt wieder zu den Eurigen!

Euer Traum wird in kurzem nur schwache Spuren in eurer Seele zurück lassen. Aber hütet euch, solang ihr lebt, vor der törichten Ungeduld, die Früchte eures Schicksals pflücken zu wollen, bevor sie reif sind; liebt euch, seid standhaft und getreu, leidet geduldig, was ihr nicht ändern könnt, ohne euch größeren Übeln auszusetzen, und hofft immer das Beste von den unsichtbaren Mächten, in deren Schoße die Zukunft liegt.»

Mit diesen Worten ließ Alboflede die beiden Liebenden von sich. Sie dankten ihr für ihre Güte und versprachen Gehorsam. Bald nach ihrer Zurückkunft wurden sie wirklich getrennt; aber sie erinnerten sich der Worte Albofledens und ihres Traumes und erwarteten, so geduldig als ihnen möglich war, was die Götter über sie beschlossen hätten.

In kurzem verschwanden die Hindernisse, die sie für unübersteiglich gehalten hatten: sie wurden wieder vereinigt, liebten einander und waren glücklich.

 

Christoph Martin Wieland - Dschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen

DER GREIF VOM GEBIRGE KAF ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Sultan Soliman, der Sohn Daads, den Thron der Welt bestieg, erklärte er den Greif vom Gebirge Kaf zum König aller befiederten Scharen. Ungeachtet dieser Würde, die diesen Wundervogel zum Befehlshaber über siebzehnhundert verschiedene Gattungen von Vögeln machte, fuhr er fort, ein Diener des großen Fürsten zu bleiben, und kam alle Morgen, ihm seine Aufwartung zu machen.

Es begab sich eines Tages, daß der Greif bei einer Versammlung der Weisen, die vor Soliman gehalten wurde, zugegen war. Einer von ihnen sagte, es sei unmöglich, etwas gegen die Ratschlüsse des Königs der Geister auszuführen. «Und ich», fiel ihm der Greif ins Wort, «ich behaupte, daß ich imstande bin, etwas zu verhindern, das im Divan der Geister beschlossen worden ist.»

Die Weisen stellten ihm vergebens die Ungereimtheit eines solchen Vermessens vor; er blieb bei seiner Rede, und Geoncha, der sie gehört hatte, beschloß, ihn beim Worte zunehmen. «Ihr habt gehört», sagte er zu den Geistern, die seinen Thron im Dschinnistan umgaben, «wessen sich der Greif vermessen hat. Wohlan! Er soll uns eine Probe seiner Kunst sehen lassen.

Ich will, daß der Sohn des Königs vom Morgen die Tochter des Königs vom Abend zum Weibe nehme. Gehe, Edris, eröffne dem Soliman meine Entschließung; wir wollen doch sehen, wie es der Greif anfangen will, sie zu hinter treiben.» Soliman eröffnete dem Greif, was ihm Edris zu wissen getan hatte, und machte ihm nochmals Vorstellungen über die Unvernunft seines Unternehmens; aber er beharrte zuversichtlich auf seiner Rede und behauptete, er wolle schon Mittel finden, diese Heirat zu verhindern.

«Ich will dir nicht verhalten», sagte der Sultan, «daß die Königin vom Abend in diesem Augenblick von einer Tochter entbunden worden ist, die man dem Sohn des Königs vom Morgen zum Weibe bestimmt.» Statt der Antwort spannte der Greif seine ungeheuren Flügel aus und erhob sich in die Lüfte, ohne daß sich unter allen Vögeln nur einer gefunden hätte, der seiner Meinung gewesen wäre; das einzige Käuzlein ausgenommen, welches versicherte, daß es dem Greif gelingen würde.

Dieser durchschnitt die Lüfte mit unglaublicher Geschwindigkeit, langte in kurzem am Hof des Königs vom Abend an und entdeckte, nachdem er sich eine Weile umgesehen hatte, die neugeborne Prinzessin in ihrer Wiege, mitten unter ihren Ammen und Wärterinnen. Er stürzte aus der Höhe auf sie herab, die Weiber liefen vor Schrecken davon, und er packte die Wiege mit seinem krummen Schnabel und trug sie in sein Nest auf dem Berge Kaf.

Der Greif, welcher eigentlich zu reden eine Greifin war, nahm die Verrichtungen einer Amme bei der kleinen Prinzessin auf sich selbst; und da seine Milch von der besten Art war, so gedieh das Kind so wohl, daß es bald entwöhnt werden konnte. Kurz, die Prinzessin wuchs heran, genoß der vollkommensten Gesundheit und wurde so groß und schön, als sie am Hofe ihres Vaters schwerlich geworden wäre.

Der Greif sparte keine Mühe, ihr eine gute Erziehung zu geben; er lehrte sie lesen und schreiben und ließ sich mit ihr in Unterredung über das, was sie auf sein Geheiß gelesen hatte, ein. Die Prinzessin, die keine andere Mutter zu haben glaubte, gehorchte ihrer vermeintlichen Mutter in allem und beschäftigte sich den ganzen Tag allein im Neste, während der Greif alle Morgen wie gewöhnlich am Hofe des Sultans Soliman erschien und die Dienste, die er ihm auftrug, ausrichtete.

Aber er vergaß nie, des Abends zurückzukommen, seinem lieben Mädchen zu essen zu bringen und sich mit ihr von tausend Dingen zu unterhalten. Endlich erreichte die Prinzessin das Alter der Mannbarkeit, und um eben diese Zeit starb der König der Abendländer, und sein Sohn, ein Prinz von sechzehn Jahren, bestieg den Thron, den jener erledigt hatte.

Der junge Fürst war ein so großer Liebhaber der Jagd, daß kein Tag verging, wo er dieser Lustbarkeit nicht nachgehangen hätte. Endlich wurde er es überdrüssig, immer in den selben Gegenden und die nämlichen Tiere zu jagen. «Gehen wir zu Schiffe», sagte er zu seinen Wesiren, «und jagen in Gegenden, wo wir noch nie gewesen sind; während unserer Abwesenheit wird das Wild in diesen Revieren Zeit gewinnen, sich wieder zu vermehren.»

Da die Wesire des jungen Königs keine Leute waren, die gegen eine so weise Entschließung etwas einzuwenden gehabt hätten, so wurden unverzüglich die nötigen Anstalten gemacht. Sie ließen eine Menge kleiner Fahrzeuge bauen, um überall desto leichter landen zu können; der junge König und seine Wesire und Höflinge stiegen ein und segelten mit gutem Winde davon.

Nachdem sie auf verschiedenen Inseln, wo sie landeten, gejagt hatten, überfiel sie einst mitten auf dem Meer ein so entsetzlicher Sturm, daß alle Schiffe, die zu ihrer Flotte gehörten, versenkt oder zerstreut wurden; nur das einzige, worauf der König sich befand, blieb unbeschädigt und langte am Fuß des Berges Kaf an.

Einige von seinen Leuten stiegen an Land, gerieten aber in große Bestürzung, es ganz unbewohnt zu finden und sich überall von lauter wilden, himmelhohen und unbersteigbaren Felsen umgeben zu sehen. Gleichwohl bestand der Prinz darauf, in diesen unwirtbaren Gegenden zu jagen, und da er von Natur etwas unvorsichtig war, verlor er sich unvermerkt von seiner Gesellschaft und ging oder kletterte eine Zeit lang ganz allein auf Geratewohl herum.

Endlich erblickte er einen Baum, wie er in seinem Leben noch keinen gesehen hatte; er war so dick, daß ihn vierhundert Männer nicht hätten umspannen können; die Höhe war einer so ungeheuren Dicke gemäß, und was den Prinzen nicht weniger in Erstaunen setzte, war, ein Nest auf diesem wunderbaren Baum zu sehen, das die größten Paläste an Größe übertraf.

Es hatte mehrere Stockwerke übereinander und war aus großen Balken von Zedern, Sandelholz und anderen aromatischen Hölzern zusammengefügt. Der junge König stand schon eine gute Weile in Betrachtung dieser seltsamen Wunder der Natur und Kunst vertieft, als er durch eine Öffnung des Gebälks eine junge Person erblickte, die ihm ein noch viel größeres Wunder schien.

Nicht lange, so wurde sie ihn ebenfalls gewahr. Nachdem sie sich eine geraume Weile mit wechselseitigem Erstaunen und Vergnügen angesehen hatten, entwickelte sich (als die erste Wirkung der wechselseitigen Sympathie, mit der sie geboren waren) bei dem Prinzen der Gedanke, sich zu dem schönen Mädchen hinauf zu wünschen, und bei ihr, daß er diesen Gedanken haben möchte.

«Diese junge Person», dachte die Prinzessin, «ist, dem Ansehen nach, ein Wesen meiner Gattung! Oh, wie gerne möchte ich sie bei mir haben können! Meine Mutter ist eine sehr gute Person, aber es fehlt viel daran, daß sie so schön wäre wie diese. Freilich hat sie die Flügel vor uns voraus.» - «Leider! Hätte ich Flügel, oh, wie bald wollte ich an deiner Seite sein, um mich nie wieder von dir zu trennen!»

In der Tat wären Flügel dem Prinzen oder ihr hier sehr nötig gewesen, denn der Schaft des Baums war bis zu seinen untersten Zweigen so hoch und glatt, daß es schlechterdings eine Unmöglichkeit war, hinauf- oder herabzusteigen. Beide schienen diese Unmöglichkeit mit gleich großem Schmerz zu fühlen; aber die Liebe, die sich des Prinzen beim ersten Anblick der jungen Person bemächtigt hatte und die eines der mächtigsten Triebräder ist, wodurch der Himmel seine Absichten bewerkstelligt, findet Mittel, das Unmögliche selbst möglich zu machen.

Sie fing damit an, daß sie die Einbildungskraft und den Scharfsinn des Prinzen erhöhte. «Wie dieses junge Mädchen auch in dieses Nest gekommen sein mag», dachte er, «wo ein Nest ist, muß ein Vogel sein, der es gebaut hat, und ein so ungeheures Nest kann nur das Werk eines ungeheuren Vogels sein.»

Auf einmal erinnerte er sich, daß ihm seine Amme große Wunderdinge von dem Vogel Greif, der auf einem hohen Berge am Ende der Welt wohne, erzählt hatte, und so gleich war es etwas Ausgemachtes bei ihm, daß dieses Nest die Wohnung des Vogels Greif sein müsse, daß er die junge Person entführt habe und - wie einem Liebhaber zuweilen auch die widersinnigsten Einfälle zu Kopfe steigen - daß er vielleicht in sie verliebt sei oder sie aus irgendeiner anderen geheimen Absicht in diesem unzugangbaren Zauberturm gefangen halte.

Dieses alles vorausgesetzt, fing er an, hin und her zu sinnen, ob er nicht ein Mittel ausdenken könnte, den Greif selbst, wenn er wieder zurück käme, zum Werkzeuge seiner Zusammenkunft mit dem holden Mädchen zu machen, das seine schönen Arme so wehmütig bald zum Himmel emporstreckte, bald zu ihm herunter faltete, und dadurch sein Verlangen, bei ihr zu sein, zur heftigsten Leidenschaft entflammte.

In diesem Augenblick wurde er eines toten Kamels gewahr, das nicht weit von ihm im Grase lag und erst vor kurzem das Leben verloren zu haben schien. So gleich fiel es wie ein Blitz in seine Seele, was er tun müßte, um diesen Zufall zu Befriedigung seines brennenden Verlangens zu benutzen. Er zog sein Weidmesser heraus, weidete das Kamel aus, ließ es in der Sonnenhitze austrocknen und füllte es mit allerlei wohlriechenden Kräutern an, die in Menge auf dieser Höhe des Gebürges zu finden waren.

Die junge Prinzessin beobachtete dies alles mit großer Aufmerksamkeit, und der Prinz gab sich viele Mühe, ihr durch Zeichen zu verstehen zu geben, was seine Absicht bei diesem Unternehmen sei. Als endlich die Sonne unterging, hörte er ein gewaltiges Rauschen, wie das Tosen eines Sturmwindes, in der Luft; er schloß daraus, daß der Greif im Anzug sei, und eilte, in den ausgeweideten Leib des Kamels zu kriechen, wo er Mittel fand, sich so gut einzuschließen, daß ihn niemand darin gesucht hätte.

Der Greif kam indessen bei seiner Pflegtochter an, besorgte ihre Abendmahlzeit und unterhielt sie mit allerlei Neuigkeiten, die er an Solimans Hofe gehört hatte. Am folgenden Morgen, da er sich mit Anbruch des Tages wieder zu seiner gewöhnlichen Abreise anschickte, machte ihn die junge Prinzessin das Kamel bemerken und bezeugte ein großes Verlangen, dieses seltsame Tier in der Nähe zu sehen.

Der Greif, der es für etwas sehr Unbedeutendes hielt, diese kindische Neugier zu befriedigen, und gewohnt war, ihr in allen ihren unschuldigen Wünschen zu willfahren, besann sich keinen Augenblick; er holte das Kamel herauf und flog davon.

Man kann sich leicht vorstellen, was nun erfolgte, da der junge Prinz einmal im Neste war. Die Prinzessin überließ sich in ihrer unwissenden Unschuld dem süßen Hang der Sympathie, und der Prinz, der nicht ganz so unwissend war, seiner Leidenschaft.

Die Freude, die sie aneinander hatten, war unbeschreiblich. Sie konnten zwar nicht miteinander reden, aber die Liebe lehrte sie gar bald eine Sprache, die eine ganz andere Deutlichkeit und Wärme hat als die schönste aller anderen Sprachen und in der sie nicht müde wurden, einander ihre gegenseitigen Empfindungen aufs lebhafteste auszudrücken.

Die Energie dieser ihnen beiden ganz neuen Sprache war so groß, daß die Prinzessin, noch ehe der Greif wieder von Solimans Hofe zurückkam, bereits in Umständen war, die alle Maßregeln dieses vermessenen Vogels vernichteten. Sobald dieser durch das Getöse seiner Flügel seine Annäherung verkündigte, kroch der Prinz in sein Kamel zurück, welches der Greif als ein Spielzeug seiner kleinen Pflegetochter betrachtete und keiner weitern Aufmerksamkeit würdigte.

Die Speisen, der er ihr alle Abend aus Solimans Küche zutrug, reichten überflüssig zu, ein Paar junge Liebende zu sättigen, die beinahe schon von ihrer bloßen Liebe hätten leben können; und da sie alle Zeit vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang für sich allein hatten, so vergingen ihnen die neun ersten Monate ihres Beisammenseins wie einzelne Tage.

Inzwischen rückte die Stunde heran, wo die Torheit des Greifs vom Berge Kaf durch den Augenschein gehämt werden sollte, und Edris wurde abermals abgeschickt, den Sultan von dem, was vorgegangen war, zu unterrichten. Soliman ließ den Greif zu sich rufen und fragte ihn, ob er die Verbindung der Tochter des Königs vom Abend mit dem Sohne des Königs vom Morgen verhindert habe.

«Das habe ich», antwortete der Greif; «die Prinzessin ist von ihrer Geburt an in meiner Gewalt gewesen, und den Prinzen möchte ich sehen, der sich rühmen könnte, ihr nahe gekommen zu sein! Kurz, sie ist in meinem Nest auf dem Berge Kaf; das ist genug gesagt, Herr, um dich zu überzeugen, daß sie in ihrem Leben niemand als mich gesehen hat.» -

«Geh», sagte der Sultan, «und bringe sie mir auf der Stelle her; ich will mit meinen eigenen Augen sehen, ob du mir die Wahrheit sagst.» Der Greif ließ sich diesen Befehl mit Freuden gefallen, und Soliman berief in dessen alle Weisen und Schriftgelehrten und seinen ganzen Hof zusammen, um Zeugen dessen, was erfolgen würde, abzugeben.

Die junge Prinzessin erschrak nicht wenig, da sie ihre Pflegemutter zu einer so ungewöhnlichen Stunde wiederkommen sah, und hatte kaum noch Zeit genug, den Prinzen, mit dem sie in Freiheit zu sein geglaubt hatte, wieder unbemerkt in sein Kamel zu verbergen. «Meine Tochter», sagte der Greif, «du mußt unverzüglich mit abreisen; Soliman verlangt dich zu sehen, und ich komme deswegen, um dich an seinen Hof zu tragen.»

Die Prinzessin erschrak über diese Nachricht noch heftiger, denn wie hätte sie sich entschließen können, ihren Geliebten im Neste des Greifs vom Berge Kaf allein zurückzulassen? Aber so jung und unerfahren sie war, der schlaueste aller Ratgeber, die Liebe, ließ sie in dieser Not nicht unberaten. «Wie willst du mich hinbringen?» fragte sie. «Auf meinem Rücken», antwortete der Greif.

Die Prinzessin bezeugte eine große Angst vor einer so ungewohnten Art zu reisen. «Wir haben», sagte sie, «so viel Länder und Meere zu passieren; der Anblick so vieler neuen Gegenstände und die Höhe und Geschwindigkeit deines Flügels wird mich schwindlig machen; ich werde ganz unfehlbar herabfallen, mein Tod ist gewiß; ich kann mich unmöglich zu einer solchen Art zu reisen entschließen. Wenn es aber ja sein muß, liebe Mutter, so erlaube mir wenigstens, daß ich mich in dieses Kamel einschließe; ich werde dann nichts sehen, und so wirst du mich ohne alle Gefahr tragen können.»

Der Greif fand den Einfall vortrefflich und hatte über diese Probe des Verstandes und der Besonnenheit seiner Pflegetochter eine große Freude. Die Prinzessin schloß sich zu ihrem lieben Prinzen in das Kamel ein, ohne daß der Greif den geringsten Verdacht schöpfte; und so eilte dieser in triumphierender Ungeduld mit seiner schönen Last davon, ohne zu merken, daß die Prinzessin unterwegs, vermutlich unter dem unsichtbaren Beistand irgendeiner guten Fee, von einem wunderschönen Knäblein entbunden wurde.

Als sie nun bei Soliman angelangt waren, der sie mitten unter seinen Weisen und Hofleuten erwartete, befahl der Sultan dem Greif, das Kamel zu öffnen; und nun denke man sich das allgemeine Erstaunen, als der Prinz und die Prinzessin mit dem Knäblein im Arme zum Vorschein kamen. «Wie?» sagte Soliman zu dem bestürzten Greif, «so verhinderst du die Ausführung dessen, was Geoncha beschlossen hat?»

Die Beschämung, der Verdruß und das allgemeine unmäßige Gelächter aller Anwesenden machten den Greif auf eine fürchterliche Art an allen Gliedern und Federn seines ungeheuren Körpers zittern; er flog davon und verschloß sich von diesem Tage an in sein Nest auf dem Berge Kaf, den er nie wieder verlassen hat.

«Wo ist das Käuzlein», fragte Soliman, «das der Vermessenheit des Greifs seinen Beifall gab?» Aber das Käuzlein war so klug gewesen, sich zu Zeiten zu entfernen; und seitdem hält es sich immer an einsamen Orten auf und fliegt nur bei Nacht aus.

 

Christoph Martin Wieland - Dschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen - Ein morgenländisches Märchen

DER EISERNE ARMLEUCHTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein reisender Derwisch wurde zu Bassora von einer Krankheit überfallen. Er nahm seine Zuflucht in die Hütte einer guten armen Witwe, die sich in einer der Vorstädte mit ihrem einzigen Sohne Nardan, einem Knaben von sechzehn Jahren, von ihrer Handarbeit und einem kleinen Garten, der ihr ganzer Reichtum war, notdürftig nährte. Das gute Mütterchen wartete und pflegte den Kranken mit so großer Sorgfalt, daß er nach Verfluß einiger Wochen sich wieder völlig hergestellt befand.

Da er während dieser Zeit Gelegenheit genug gehabt hatte, wahrzunehmen, daß ihr der junge Nardan mehr zur Last als zum Troste gereichte und daß sie für die Zukunft seinetwegen nicht wenig verlegen war, so tat er ihr, zum Beweise seiner Dankbarkeit, den Vorschlag, ihr alle weitere Sorge für ihren Sohn abzunehmen und ihn, falls sie in eine Trennung von ihm einwilligen wollte, wie sein eignes Kind zu halten.

Der Stand, das Alter, die Miene und das Betragen des Derwisch flößten Ehrfurcht und Vertrauen ein; die Witwe nahm sein Anerbieten an, und in wenigen Tagen machte er sich mit dem jungen Nardan auf den Weg, nachdem er ihnen eröffnet hatte, daß er eine Reise von zwei bis drei Jahren zu tun gedächte, ehe er nach Magrebi, dem Orte seines gewöhnlichen Aufenthalts, zurückkehren würde.

Während dieser langen Zeit, in welcher der Derwisch mit seinem jungen Gefährten alle Länder, die dem Gesetze des Propheten folgen, durchwanderte, schien er nichts Angelegneres zu haben, als sich durch alle nur ersinnliche Beweise einer väterlichen Zärtlichkeit das Zutrauen und die Liebe dieses Jünglings zu erwerben.

Er ließ es ihm an nichts fehlen, er bemühte sich, ihm die Lehren der Weisheit ins Gemüte zu prägen und ihm Mäßigung der Begierden und Geringschätzung aller ungewissen und vergänglichen Güter einzuflößen; er teilte ihm eine Menge nützlicher und angenehmer Kenntnisse mit, zeigte ihm überall, wo sie hin kamen, alles, was der Aufmerksamkeit eines Reisenden würdig war, pflegte seiner in einer tödlichen Krankheit und stellte ihn wieder her; kurz, er tat alles an ihm, was der beste Vater für seinen einzigen Sohn zu tun fähig sein kann.

Der junge Nardan schien von so vieler Güte nicht wenig gerührt zu sein und bezeugte seinem Wohltäter die Dankbarkeit seines Herzens tausendmal in den stärksten Ausdrücken; aber der Derwisch antwortete ihm allemal: «Mein Sohn, ein dankbares Herz spricht durch Taten; wir wollen sehen, wenn Zeit und Gelegenheit kommt.»

Sie hatten nun über drei Jahre mit dieser Wanderschaft zugebracht, als sie sich eines Tages in einer ganz abgelegenen Gegend unvermerkt von hohen Bergen und schroff überhängenden Felsen ringsum eingeschlossen sahen. Das Grauen, das den jungen Nardan bei diesem Anblick befiel, verdoppelte sich, als der Derwisch auf einmal still hielt, ihn bei der Hand ergriff und sagte:

«Endlich, mein Sohn, sind wir am Ziel unserer Reise angekommen; in wenig Augenblicken wirst du die Gelegenheit finden, mir für alles, was ich an dir getan habe, deine Erkenntlichkeit zu beweisen. Sei aufmerksam, schweige und gehorche!»

Der Jüngling erblaßte bei diesen Worten, in dem er einen furchtsamen Blick auf den Derwisch warf, als ob er den Sinn dieser geheimnisvollen Anrede und sein Schicksal in den Augen des Alten ausspähen wollte; da er aber nichts als die gewöhnliche Heiterkeit und Güte darin zu sehen glaubte, faßte er sogleich wieder ein Herz und schwur ihm zu, daß er sich, was es auch antreffen möchte, auf seine Treue und auf seinen Gehorsam verlassen könne.

Der Derwisch hieß ihn hierauf einige dürre Reiser und Baumblätter zusammen legen, und nachdem er sie vermittelst eines Brennglases angezündet hatte, warf er etliche Weihrauchkörner aus einer kleinen Büchse, die er bei sich trug, in die Flamme und murmelte eine Art von Gebet dazu her, wovon Nardan nichts verstehen konnte.

Auf einmal tat sich die Erde vor ihnen auf, es zeigten sich einige Stufen von weißem Marmor, und der Derwisch sagte zu seinem Pflegesohn: «Noch einmal, mein Sohn, es steht jetzt bei dir, mir einen großen Dienst zu erweisen; du findest vielleicht in deinem ganzen Leben keine so gute Gelegenheit, mir zu zeigen, daß du kein undankbares Herz hast.

Steige getrost in diese Höhle hinab; du wirst sie mit unermeßlichen Reichtümern angefüllt finden; aber laß dich durch ihren Schimmer nicht verblenden, rühre nichts davon an und denke an nichts anderes, als dich eines eisernen Leuchters mit zwölf Armen zu bemächtigen, dessen ich benötige und um dessentwillen ich diese weite Reise hierher unternommen habe. Du wirst ihn neben der Tür eines offenen Kabinetts ohne Mühe gewahr werden. Geh, mein lieber Nardan, und hol ihn mir unverzüglich herauf»

Nardan versprach, allem, was ihm der Alte befohlen hatte, getreulich nachzuleben, und stieg herzhaft in die Höhle hinab. Als er etwa zwanzig Stufen zurück gelegt hatte, sah er sich in einem großen Saale, der auf dicken Pfeilern von Jaspis ruhte und zur Rechten und Linken in verschiedene offene Gemächer führte.

Das Ganze war von einer großen Menge hell brennender Lampen erleuchtet, bei deren Licht seine Augen von dem Funkeln und Flimmern eines unermeßlichen Schatzes von Edelsteinen und gemünztem Golde geblendet wurden, welche haufenweise in den Gemächern aufgeschüttet lagen. Dieser Anblick, wie wohl ihn der Derwisch darauf vorbereitet hatte, brachte die ganze Seele des jungen Menschen in Unordnung; er vergaß, was ihm sein Wohltäter so ernstlich befohlen hatte, und anstatt den verbotenen Schatz nicht anzurühren, hätte er lieber tausend Arme und Hände haben mögen, um alles auf einmal fort tragen zu können.

Aber während er alle seine Taschen und sogar die Falten seines Turbans mit den schönsten Diamanten, Rubinen, Smaragden und Saphiren vollstopfte, schloß sich mit einem donnernden Getöse die Öffnung der Höhle zu, und die Lampen loschen eine nach der anderen aus.

Mitten in der Angst, die ihn bei diesem fürchterlichen Zufall überfiel, behielt Nardan doch noch so viel Besonnenheit, daß er sich eilends des eisernen Leuchters bemächtigte. «Es muß», dachte er, «ein Talisman von außerordentlicher Tugend sein, sonst würde ihn gewiß der Derwisch nicht allen Reichtümern dieses großen Schatzes vorgezogen haben.»

Wie schrecklich auch seine Lage in diesem Augenblick war, so trieb ihn doch der Instinkt der Selbsterhaltung an, statt sich der Verzweiflung zu überlassen, mit dem Leuchter in der Hand zu versuchen, ob er nicht irgendeinen verborgenen Ausweg finden könne. Unter den bittersten Vorwürfen, die er sich selbst über seinen Ungehorsam gegen den Derwisch machte, und unter manchem angstvollen Stoßgebet zum Himmel entdeckte er, eben als die letzte Lampe verlosch, einen schmalen Gang, durch dessen Krümmungen er sich mit unsäglicher Mühe aus diesem unterirdischen Kerker emporarbeitete.

Es währte eine ziemliche Weile, bis er eine mit Dornen dicht überwachsene Öffnung gewahr wurde, durch die er, nicht ohne einen guten Teil seiner Kleidung und seiner Haut zurückzulassen, endlich wieder an das Tageslicht hervor gekrochen kam.

Mit der Freude eines Menschen, der soeben aus dem fürchterlichsten Traum erwacht und sich überzeugt, daß es nur ein Traum war, sah er sich nach dem Derwisch um, in der Absicht, ihm den Leuchter auszuhändigen und sich dadurch seiner Verbindlichkeiten auf eine Art zu entledigen, die ihn um so weniger Überwindung kostete, weil ein eiserner Leuchter, dessen allenfallsige talismanische Tugend er nicht kannte, ihm am Ende doch zu nichts helfen konnte.

Zu gleicher Zeit dachte er darauf, wie er sich mit guter Art von dem Alten los machen wollte, als dessen Unterstützung er nun nicht mehr bedurfte und der ihn nur verhindert hätte, seines in der Höhle erbeuteten Schatzes froh zu werden. Aber er hätte sich diese Mühe ersparen können: denn so weit seine Augen und seine Stimme reichten, war kein Derwisch zu sehen noch zu hören.

Und erst nachdem er lange hin und her gelaufen und sich ganz außer Atem geschrien hatte, wurde er gewahr, daß er sich in einer ganz unbekannten Gegend befinde und daß es nicht mehr die selbe sei, wo sich die unterirdische Höhle aufgetan hatte.

Ohne zu begreifen, wie es damit zuging, schlenderte er eine Zeit lang auf dem ersten besten Fußpfade fort, machte aber sehr große Augen, als er sich auf einmal vor der Haustür seiner Mutter sah, von welcher er wenigstens ein paar hundert Meilen weit entfernt zu sein geglaubt hatte.

Er erzählte ihr alles offenherzig, was sich mit ihm zugetragen, und setzte die Wahrheit seiner Geschichte außer allen Zweifel, in dem er ganze Hände voll Edelsteine von unermeßlichem Wert aus seinen Taschen hervor zog, über deren Anblick die gute Frau beinahe selbst zum Steine geworden wäre. Sie verstand sich zwar nicht sonderlich auf Juwelen; doch wußte sie so viel davon, daß der zehnte Teil dessen, was ihr in die Augen blitzte, mehr als hinlänglich war, ihr und ihrem Sohne auf ihre ganze Lebenszeit alle weitere Nahrungssorgen zu ersparen.

Sie glaubte aus allem, was ihr Nardan berichtete, schließen zu können, der heilige Mann habe sie für das Gute, so sie an ihm getan, auf eine großmütige Art belohnen und übrigens bloß eine Probe machen wollen, ob Nardan auch Mut und Besonnenheit genug haben werde, sich aus der Gefahr, womit er ihn sein Glück erkaufen ließ, herauszuziehen.

Beide überließen sich nun der Freude, auf einmal so reich zu sein; sie konnten gar nicht aufhören, ihre Augen an dem funkelnden Schatz zu weiden, und fingen schon an, über den Gebrauch, den sie davon machen wollten, uneinig zu werden, als alles plötzlich vor ihren Augen verschwand.

Mit einem lauten Schrei griffen sie beide in die Luft, als ob sie den verschwindenden Schatz zurück halten wollten; sie rieben sich die Augen, tappten hundertmal auf dem leeren Tisch herum, durchsuchten ebenso oft alle Winkel ihrer kleinen Stube; aber alles vergebens: der Schatz war weg und kam nicht wieder.

Nun fing Nardan wieder an, sich selbst wegen seines Ungehorsams und seiner Undankbarkeit Vorwürfe zu machen, zumal wie er sah, daß ihm der eiserne Leuchter geblieben war. «Es geschieht mir recht», rief er; «ich habe wieder verloren, was ich mir verstohlener Weise zueignen wollte, und das einzige, was ich dem Derwisch zu überliefern gesonnen war, ist mir geblieben.

Aber wo bleibt er selbst, und warum ist er nun auf einmal so gleichgültig gegen etwas, woran ihm diesen Morgen noch so viel gelegen war?» - «Er wird vermutlich wiederkommen», sagte die Mutter, «und wer weiß, ob er nicht so gütig ist, uns für den Leuchter, den du ihm doch mit Gefahr deines Lebens geholt hast, wenigstens so viel zu geben, daß wir uns über den Verlust der funkelnden Steine trösten können, die uns nicht bestimmt waren und uns am Ende doch nur zur Last gewesen wären.»

Als es Nacht wurde, steckte Nardan ohne eine andere Ursache, als weil es ihm just am bequemsten war, das einzige Licht, so sie anzuzünden pflegten, in den eisernen Leuchter. Sogleich erschien ein Derwisch, der, nachdem er sich eine ganze Stunde lang mit immer zunehmender Geschwindigkeit um den Leuchter herumgedreht hatte, ihnen einen Asper (ung