MÄRCHEN AUS PORTUGAL

Verzeichnis

"Der Ursprung der Wildschweine"

"Die Stimmen der Tiere"

"Die fünf Berufe"

"Die Rätselsprüche"

"Die essende Statue"

"Der Geizhals"

"Der Blinde und der Spartopf"

"Heiraten und sich scheiden lassen"

"Mir ist etwas auf den Kopf gefallen!"

"Das weiße Kaninchen"

"Bohnen-Manuel"

"Die Lügenkette"

"Der Schatz des Gehenkten"

"Die stotternden Schwestern"

"Die naschhafte Frau"

"Die Buckligen"

"Gevatter Teufel"

"Das Ei und der Edelstein"

"Die beiden Freunde"

"Die zehn Zwerge der Tante Grünwasser"

"Der betrunkene Hahn"

"Die heilige Helena"

"Der Kämmerer des Königs"

"Das Rätsel des Königs"

"Der Ochse Cardil"

"Die drei goldenen Äpfel"

"Der Sergeant, der in die Hölle hinabstieg"

"Die drei Ratgeber des Königs"

"Die schöne Braut"

"Die Hirtentasche"

"Die kluge Marie"

"Der Zaubermeister"

"Die Spinnerinnen"

"Der Prinz, der sein Glück aufs Spiel setzte"

"Doktor Grille"

"Die Braut des Raben"

"Die kleine Sardine"

"Der Granatbaum des Affen"

"Das stumme Mädchen"

"Das Beil"

"Der Soldatengraf"

"Der Drache mit den sieben Köpfen"

"Das siebenfarbige Pferd"

"Der kleine Hans"

"Die kleine Schreinerin"

"Goldhaar"

"Die Bauerstochter"

"Der Satinschuh"

"Der verzauberte Fisch"

"Wald-Marie"

"Die Häßliche, die hübsch wurde"

"Die Gräfin mit der Rose"

"Die Geschichte vom tölpelhaften Mann"

"Das Mädchen vom Balkon"

"Der Feigenbaum"

"Die Stiefmutter"

"Der Prinz mit den Eselsohren"

" Der Zauberlehrling"

"Der alte Querecas"

"Nelke, Rose und Jasmin"

 

Nelke, Rose und Jasmin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Frau hatte drei Töchter. Als die Älteste an einem Fluß spazieren ging, sah sie eine Nelke im Wasser, bückte sich, um sie zu ergreifen, und verschwand darin. Am folgenden Tag stieß der anderen Schwester das selbe zu, denn sie sah im Fluß eine Rose. Schließlich verschwand auch die Jüngste, denn sie wollte eine Jasminblüte erhaschen. Die Mutter der drei Mädchen war sehr traurig und sie weinte und weinte, bis sie einen Sohn gebar, und als dieser ein Mann geworden war, fragte er warum sie so sehr weinte. Die Mutter erzählte ihm, wie es dazu kam, daß sie ihre drei geliebten Töchter verlor.

»Nun, Mutter, dann gib mir deinen Segen, denn ich will, durch die Welt ziehen und sie suchen.« Und er ging fort. Unterwegs begegnete er drei Burschen, die heftig miteinander stritten. Er ging zu ihnen und sagte: »Holla, was gibt's?« Einer von ihnen antwortete: »Ach, Herr, mein Vater hatte ein Paar Stiefel, einen Hut und einen Schlüssel, die er uns hinterließ. Wenn man die Stiefel anzog und zu ihnen sagte: Stiefel, tragt mich fort, dann verschwand man, wohin man wollte. Der Schlüssel öffnet alle Türen, und setzt man sich den Hut auf den Kopf, dann sieht einen keiner mehr. Unser ältester Bruder will alle drei Sachen für sich behalten, und wir wollen, daß sie durch das Los aufgeteilt werden.« »Das läßt sich regeln,« sagte der Junge, der die Eintracht unter ihnen wieder herstellen wollte.

»Ich werfe diesen Stein weit weg, und wer ihn zuerst fängt, der soll die drei Sachen behalten.« Darauf einigten sie sich, und als die drei Brüder hinter dem Stein herliefen, zog der Junge die Stiefel an und sagte: »Stiefel! tragt mich an den Ort, an dem meine älteste Schwester sich befindet.« Sogleich war er in einem steilen Gebirge, wo es ein großes Schloß gab, das mit dicken Vorhängeschlössern verschlossen war. Er steckte den Schlüssel hinein, und alle Tore öffneten sich ihm. Er ging durch Säle und Flure, bis er auf eine gut gekleidete Dame stieß, die sehr fröhlich war, bei seinem Anblick aber mit Entsetzen ausrief: »Herr, wie habt ihr hier eintreten können?« Der Junge sagte ihr, daß er ihr Bruder sei, und erzählte ihr, wie er habe dorthin gelangen können. Auch sie erzählte ihm von ihrem Glück; der einzige Kummer, den sie habe, sei jedoch, daß ihr Ehemann den Zauber, der auf ihm lag, nicht brechen könne, denn sie habe ihn immer sagen hören, er wäre erst dann von dem Zauber frei, wenn ein Mann stürbe, der die Gabe des ewigen Lebens habe.

Sie unterhielten sich lange Zeit, und schließlich bat ihn die Dame fortzugehen, denn ihr Mann könnte kommen und ihm etwas zuleide tun. Der Bruder sagte, sie solle unbesorgt sein, denn er trüge bei sich einen Hut, wenn er den aufsetzte, würde niemand ihn sehen. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein großer Vogel erschien. Aber er sah nichts, denn als er Lärm hörte, hatte sich der Junge sogleich den Hut aufgesetzt. Die Dame holte eine große goldenen Schüssel, und als der Vogel sich hineinsetzte, verwandelte er sich sofort in einen schönen Jüngling. Darauf schaute er die Frau an und rief: »Hier war jemand!« Zuerst leugnete sie, aber dann sah sie sich gezwungen, alles zu gestehen. »Aber wenn es dein Bruder ist, warum hast du ihn dann weggehen lassen? Wußtest du nicht, daß dies ein Anlaß war, ihn schätzen zu lernen? Wenn er wieder herkommt, sage ihm, daß er bleiben soll, denn ich will ihn kennenlernen.« Der Junge setzte den Hut ab und begrüßte seinen Schwager, der ihn umarmte. Beim Abschied gab dieser ihm eine Feder mit den Worten: »Wenn du dich in irgendeiner Bedrängnis sehen solltest, dann soll alles so ausgehen, wie du es willst, wenn du sagst: Der König der Vögel steh' mir bei!«

Der Junge verschwand, denn er sagte zu den Stiefeln, sie sollten dorthin tragen, wo seine mittlere Schwester wäre. Es geschah mehr oder weniger das gleiche. Beim Abschied gab ihm der Schwager eine Schuppe: »Wenn du dich in irgend einer Bedrängnis sehen solltest, dann sage: Der König der Fische steh' mir bei!« Letztlich gelangte er auch zum Haus seiner jüngsten Schwester. Er fand sie in einer finsteren Höhle, die mit dicken Eisengittern versperrt war. Er ging dem Ton der Tränen und dem Schluchzen nach und fand sie ganz abgemagert, und sowie sie ihn sah, schrie sie: »Wer Ihr auch sein mögt, holt mich hier heraus!« Darauf gab er sich zu erkennen und erzählte ihr, wie er die anderen beiden Schwestern ganz glücklich und froh angetroffen habe, und daß sie nur den Kummer hätten, daß ihre Ehemänner sich von ihrem Zauber nicht befreien könnten. Die jüngste Schwester erzählte ihm, daß sie bei einem abscheulichen Alten sei, einem Ungeheuer, daß er sie mit Gewalt heiraten wolle und sie hier gefangen halte, weil sie sich nicht herbeiließ, ihm zu Willen zu sein. Jeden Tag würde das Ungeheuer sie aufsuchen, um sie zu fragen, ob sie schon entschlossen sei, ihn zum Mann zu nehmen; und daß sie sich daran erinnern möge, daß sie ihre Freiheit nie wiedererlangen würde, denn er würde ewig leben.

Sowie der Bruder dies hörte, dachte er an den Zauber, der auf den beiden Schwägern lag, und er nahm sich vor, das Geheimnis, durch das jener ewig lebte, aufzudecken. Er riet der Schwester, das Versprechen zu geben, den Alten zu heiraten, jedoch nur, wenn er ihr sagte, was ihm ewiges Leben gäbe. Plötzlich erzitterte der ganze Boden, man spürte gleichsam einen gewaltigen Orkan, und der Alte trat ein, ging zu dem Mädchen und fragte es: »Bist du immer noch nicht entschlossen, mich zu heiraten? Du wirst so lange weinen müssen, wie die Welt besteht, denn ich bin ewig und ich will dich heiraten.« »Ich werde dich nur heiraten,« entgegnete sie, »wenn du mir sagst, was bewirkt, daß du niemals stirbst.«

Der Alte brach in großes Gelächter aus: »Ha, ha, ha! du denkst, du könntest mich töten! Nur wenn es jemanden gäbe, der vom Grunde des Meeres eine eiserne Kiste holte, in der sich eine weiße Taube befindet, die ein Ei legen muß, und der dieses Ei hierher brächte und es mir an der Stirn zerschlüge.« Und er schüttelte sich vor Lachen, in der Gewißheit, daß es niemanden gab, der auf den Grund des Meeres tauchen könnte, noch fähig wäre, den Ort der Kiste zu finden oder sie auch nur zu öffnen, und all das andere zu tun, was man weiß. »Jetzt mußt du mich heiraten, denn ich habe dir mein Geheimnis enthüllt.« Das Mädchen bat noch um eine Frist von drei Tagen, und der Alte ging sehr zufrieden fort.

Der Bruder sagte ihr, sie solle die Hoffnung nicht sinken lassen, denn in drei Tagen würde sie frei sein. Er zog die Stiefel an und befand sich am Ufer des Meeres. Dann nahm er die Schuppe, die ihm der Schwager gegeben hatte, und sagte: »Der König der Fische steh' mir bei!« Sogleich erschien der Schwager und er war sehr zufrieden. Sobald er von dem Geschehenen gehört hatte, befahl er allen Fischen vor ihm zu erscheinen. Der letzte, der kam, war eine kleine Sardine, die sich für ihre Verspätung entschuldigte, denn sie sei über eine eiserne Kiste gestolpert, die auf dem Grunde des Meeres läge. Der König der Fische gab den größeren Befehl, die Kiste vom Meeresgrund zu holen. Sie brachten sie herbei. Sowie der Junge sie sah, sagte er zu dem Schlüssel: »Schlüssel! öffne mir diese Kiste!« Die Kiste öffnete sich, aber trotz aller Vorsicht entflog ihm daraus eine weiße Taube.

Da sagte der Junge zu der Feder: »Der König der Vögel steh' mir bei!« Sogleich erschien sein Schwager bei ihm um zu erfahren, was er wollte. Sobald er das erfahren hatte, ließ er alle Vögel vor sich erscheinen. Alle kamen und es fehlte nur eine Taube, die zu allerletzt kam und sich entschuldigte, denn zu ihrem Schlag sei eine alte Freundin gekommen, die seit vielen Jahren gefangen gewesen war, und sie hätte ihr etwas zu essen gemacht. Der König der Vögel sagte, sie solle dem Jungen zeigen, wo das Nest war, in dem die Taube sich befand. Sie begaben sich dorthin und der Junge nahm das Ei, das die Taube dort schon gelegt hatte. Dann sagte er den Stiefeln, sie sollten ihn zu der Höhle führen, in der sich seine jüngste Schwester aufhielt.

Es war schon der dritte Tag und der Alte kam, um die Einlösung des Wortes des Mädchens zu verlangen. Sie, die von ihrem Bruder schon unterrichtet worden war, sagte, er solle sich in ihren Schoß zurücklehnen. Kaum hatte er sich hingelegt, da zerbrach sie ihm mit sicherer Hand das Ei an der Stirn, und mit einem lauten Schrei starb das Ungeheuer. Im gleichen Augenblick brach der Zauber, der auf den anderen beiden Schwagern lag. Sie begaben sich dorthin und besuchten mit ihren Frauen, die Prinzessinnen wurden, die Schwiegermutter. Diese sah in Gesellschaft ihrer jüngsten Tochter, die ihr alle Schätze mitgebracht hatte, die das Ungeheuer in der Höhle zusammengetragen hatte, ihre Tränen sich in Freude verwandeln.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Der alte Querecas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal drei sehr arme Schwestern, die von ihrer mühseligen Arbeit lebten. In jener Gegend gab es ein Haus, in dem niemand wohnen wollte, weil man darin Nachts lautes Geschrei und schreckliche Dinge hörte. Um Miete zu sparen, baten die Mädchen darum, daß man sie in jenem Haus wohnen ließ. Da sie die Beherzteste war, richtete sich die Jüngste im obersten Stockwerk ein. Eines Nachts, als sie sich gerade hingelegt hatte, hörte sie eine Stimme schreien: »Ich falle!«. »Dann fall' nur« antwortete ihr das Mädchen, und aus einem Loch in der Zimmerdecke fiel ein Bein. Darauf ertönte von neuem derselbe Schrei: »Ich falle!« »Dann fall' nur« wiederholte das Mädchen. Und auf diese Weise fielen die Arme, der Rumpf, bis sich schließlich vor ihr ein schon alter und kahlköpfiger Mann befand. Der Alte ging langsam auf das Mädchen zu und fragte es: »Hast du keine Angst vor mir?« »Nein«. »Recht so! Du bist die erste und einzige Person, die der Furcht mich zu sehen widersteht. Zur Belohnung für deinen Mut nimm diese Börse, und wenn du dich in irgendeiner Bedrängnis siehst, sage immer: 'Der alte Querecas steh' mir bei!'«

Das Geld der Börse ging nie zu Ende, und die drei Schwestern begannen im Wohlstand zu leben. Unterdes hatte die Jüngste allmählich das Gefühl, daß so oft sie sich in ihr Zimmer einschloß, irgendjemand sich neben sie auf das Bett zu legen schien. Sie dachte daran, daß es wohl der alte Querecas wäre und sie empfand dabei einen gewissen Abscheu. Um sich jedoch Gewißheit zu verschaffen, zündete sie eines Nachts plötzlich das Licht an, und da sah sie neben sich einen schönem Jüngling liegen, der eingeschlafen war. Sie war so in seinen Anblick versunken, daß ihm ein Tropfen Wachs von der Kerze ins Gesicht fiel. Der Jüngling schreckte auf und sagte: »Oh, Unglückselige, was hast du getan! Du hast den Zauber erneuert, der beinahe zu Ende ging! Nun wirst du mich nie wiedersehen.«

Das Mädchen weinte sehr, und die Tränen rannen noch heftiger als sie erkannte, in welcher Lage sie sich befand. Da entsann sie sich der zweiten Gabe und sprach: »Der alte Querecas steh' mir bei.« »Da bin ich, und ich weiß wohl, warum du mich rufst. Es gibt nur eine Möglichkeit das Unglück, das du dir selbst zugefügt hast, zu beheben. Nimm diese drei Knäuel und geh' immer, immer weiter, bis sie ganz abgewickelt sind. Wo immer das auch sein mag, bitte darum, daß man dir dort eine Nachtherberge gibt.«

Das Mädchen weinte, weil es seine Schwestern verlassen mußte, aber es wollte unbedingt den Zauber jenes Jünglings brechen. Sie ging und wanderte bis sie schließlich nach langer Zeit auf einen Palast stieß, der von einem prächtigen Garten umgeben war. Sie spähte durch das Schlüsselloch und sah drinnen einen Saal, in dem viele Frauen an hübschen Brautkleidern nähten und Kinderkleidchen schneiderten. Sie fürchtete sich, an jene Tür zu klopfen, und ging um den Palast herum, bis sie einen Gärtner traf, den sie um Herberge bat. Der Gärtner antwortete ihr: »Weißt du, in wessen Haus du dich befindest, daß du auf diese Weise um Herberge bittest?« »Was ich weiß ist, daß ich mich vor Müdigkeit nicht mehr auf den Beinen halten kann; und es ist für ein Almosen.«

Der Gärtner hatte Mitleid mit dem Mädchen und wies ihm einen Winkel im Strohschober. Mehr tot als lebendig legte sie sich nieder und brachte daselbst einen Knaben zur Welt. Alles verwandelte sich in ein sehr sauberes und reiches Zimmer. Als der Gärtner am nächsten Tage kam, war er voller Erstaunen über das, was er sah. Sogleich ging er der Königin Bericht zu erstatten, welche sich ebenfalls von dem Wunder überzeugen wollte. Als sie zu der Stelle kam, an der sich das Mädchen aufhielt, rief sie beim Anblick des Kindes: »Oh, Frau, wer ist der Vater dieses Knaben?«

Das Mädchen schämte sich sehr, weil es dies nicht sagen konnte. In seiner Verwirrung erzählte es den Vorfall mit dem alten Querecas. Da erinnerte sich die Königin: »Dieser Knabe ist das Ebenbild meines Sohnes, der verschwand, ohne daß ich je ein gutes noch ein schlechtes Lebenszeichen von ihm erhalten hätte.«
Die Königin nahm das Mädchen mit in den Palast und trug Sorge dafür, den Knaben zu baden. Als sie ihn auszog, entdeckte sie auf seinem Rücken ein großes Mal. Sie schaute genau hin und sah, daß es ein kleines Schloß mit einem Schlüsselchen war. Sie wollte zusehen, ob sie es wohl öffnen könnte, fürchtete sich aber und sagte der Mutter, sie solle probieren, ob sie das Schlüsselchen umdrehen könne. Sogleich wie die Mutter den Schlüssel in die Hand nahm, öffnete sie das Schloß, und auf der Stelle brach der Zauber des Prinzen, der seine Freiheit dem Mut jenes Mädchens verdankte, mit dem er sich alsbald verheiratete.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Der Zauberlehrling

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Mann, der sich auf große Künste verstand, hatte in seiner Gesellschaft einen Neffen, der ihm das Haus bewachte, wenn er ausgehen mußte. Einmal gab er ihm zwei Schlüssel und sagte: »Diese Schlüssel sind von jenen zwei Türen. Daß du sie mir um nichts in der Welt öffnest, sonst stirbst du.« Sowie der Junge sich allein sah, vergaß er die Drohung und öffnete eine der Türen. Er sah nur ein dunkles Feld und einen Wolf, der herbeilief, um sich auf ihn zu stürzen. Voller Furcht schlug er die Tür zu.

Kurz darauf kam der Zauberer. »Unglückseliger! Warum hast du jene Tür aufgemacht, wo ich dich doch gewarnt hatte, daß du das Leben verlieren würdest?« Der Junge vergoß so viele Tränen, daß der Zauberer ihm vergab. Der Onkel ging ein andermal weg und ermahnte ihn in gleicher Weise. Er war noch nicht weit fort, da drehte der Neffe den Schlüssel der anderen Tür und er sah nur eine Flur, auf der ein Schimmel weidete. In diesem Augenblick erinnerte er sich an die Drohung seines Onkels, und da er diesen schon die Treppe heraufkommen hörte, fing er an zu schreien: »Ach, jetzt bin ich verloren!« Da sprach der Schimmel zu ihm: »Nimm von diesem Boden einen Zweig, einen Stein und eine Handvoll Sand, und besteige mich so schnell du kannst.«

Kaum waren die Worte gesagt, da öffnete der Zauberer die Haustür. Der Junge springt auf den Schimmel und schreit: »Flieh! denn hier kommt mein Onkel um mich zu töten!« Der Schimmel stob durch die Lüfte hinaus. Aber als sie schon sehr weit entfernt waren, schrie der Junge von neuem: »Lauf, mein Onkel packt mich schon um mich zu töten!« Der Schimmel galoppierte schneller, und als der Zauberer sie schon fast gepackt hatte, sagte er zu dem Jungen: »Wirf den Zweig weg!« Sofort entstand ein sehr dichter Wald, und während der Zauberer sich einen Weg hindurch bahnte, entfernten sie sich weit. Abermals schrie der Junge: »Lauf, hier ist mein Onkel schon und er wird mich töten!« Der Schimmel sagte: »Wirf den Stein fort!« Sogleich erhob sich dort ein hohes Gebirge voller Felsen, die der Zauberer erklimmen mußte, während sie Abstand gewannen. Hoch weiter schrie der Junge von neuem: »Lauf, mein Onkel holt uns ein!« »Dann wirf die Handvoll Sand in den Wind,« antwortete ihm der Schimmel. Sogleich entstand dort ein grenzenloses Meer, das der Zauberer nicht durchqueren konnte.

Sie gelangten zu einem Ort, wo großes Wehklagen herrschte. Der Schimmel setzte dort den Jungen ab und sagte ihm, daß er ihn rufen solle, wenn er sich in großer Bedrängnis befände, niemals aber solle er sagen, wie er dort hingekommen sei. Der Junge zog los, und fragte für wen man so große Klage erhöbe.
»Es ist, weil die Königstochter von einem Riesen geraubt wurde, der auf einer Insel lebt, wohin niemand gelangen kann.« »Nun, ich bin in der Lage, dorthin zu kommen.« Man ging und sagte dies dem König. Der König verpflichtete ihn bei Verlust seines Lebens das zu erfüllen, was er gesagt hatte. Der Junge bediente sich des Schimmels und es gelang ihm, die Insel zu erreichen und die Prinzessin von dort zu holen, denn er überraschte den Riesen im Schlaf. Sobald die Prinzessin im Palast angekommen war, weinte sie ununterbrochen. Der König fragte sie: »Warum weinst du, mein Kind?« »Ich weine, weil ich den Ring, den mir meine Patentante, die Fee, gegeben hat, verloren habe, und solange ich ihn nicht wiederfinde, ist mir bestimmt, wieder entführt zu werden, oder aber für immer verzaubert zu sein.«

Daraufhin ließ der König ausrufen, daß er dem, der den Ring wiederfinden würde, die Hand der Prinzessin gäbe. Der Junge rief den Schimmel herbei, und dieser holte ihm vom Meeresgrund den Ring. Aber der König hatte sich anders besonnen und wollte ihm die Hand der Prinzessin nicht mehr geben. Diese jedoch erklärte, daß sie den Jungen heiraten würde, damit man immer sagte: Das Wort eines Königs ist unwiderruflich.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

Der Prinz mit den Eselsohren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der war sehr traurig, weil er keine Kinder hatte; und er ließ drei Feen rufen, die sollten bewirken, daß die Königin ihm einen Sohn schenkte. Die Feen versprachen ihm, seine Wünsche zu erfüllen, und sagten ihm, sie würden bei der Geburt des Prinzen zugegen sein.

Nach neun Monaten wurde dem Königspaar ein Sohn geboren, und die Feen schenkten dem König ihre Gaben. Die erste Fee sprach: »Du sollst der schönste Prinz der Welt werden.« Die zweite Fee sprach: »Du sollst sehr tugendhaft und verständig werden.« Die dritte Fee sprach: »Dir sollen Eselsohren wachsen.« Die drei Feen gingen wieder fort, und bald darauf wuchsen dem Prinzen Eselsohren. Der König befahl, eine Mütze herzustellen, die der Prinz immer tragen sollte, um die Ohren damit zu verdecken.

Der Prinz wurde von Tag zu Tag schöner, und niemand auf dem Hof wußte, daß er Eselsohren hatte. Er kam in das Alter, in dem er rasiert werden mußte; da ließ der König den Barbier rufen und sagte zu ihm: »Du wirst den Prinzen rasieren, aber wenn du jemandem sagst, daß er Eselsohren hat, mußt du sterben.« Der Barbier hatte große Lust zu erzählen, was er gesehen hatte, aber die Angst, sterben zum müssen, ließ ihn schweigen.

Eines Tages ging er zur Beichte und sagte zu seinem Beichtvater: »Ich habe ein Geheimnis, das ich bewahren muß, aber wenn ich es nicht jemandem anvertrauen kann, sterbe ich, und wenn ich es jemandem anvertraue, läßt der König mich töten. Sagt mir, Vater, was ich tun soll.« Der Beichtvater antwortete ihm, er solle in ein Tal gehen, dort ein Loch graben und das Geheimnis so oft dahineinsprechen, bis er von dieser Last befreit sei, und dann das Loch mit Erde wieder zuschütten. Der Barbier tat es; und nachdem er das Loch zugeschüttet hatte, ging er ganz erleichtert nach Haus zurück.

Nach einiger Zeit wuchs an der Stelle, wo der Barbier das Loch gegraben hatte, Schilfrohr. Wenn die Hirten mit ihren Herden dort vorbeikamen, schnitten sie das Rohr und machten sich Flöten daraus; und wenn sie dann auf den Flöten spielten, so erklangen Stimmen, die sagten: »Prinz mit den Eselsohren.« Diese Neuigkeit verbreitete sich allmählich in der ganzen Stadt, und da befahl der König, einer der Hirten solle zu ihm kommen und auf solch einer Flöte spielen. Und es erklangen immer dieselben Melodien und Stimmen, die sprachen: »Prinz mit den Eselsohren.« Auch der König selbst spielte, und bei jedem Mal hörte er wieder die Stimmen.

Da ließ der König die Feen zu sich rufen und bat sie, dem Prinzen die Eselsohren wegzunehmen. Sie kamen und ließen den ganzen Hof versammeln und befahlen dem Prinzen, die Mütze abzunehmen. Wie groß war da die Freude des Königs, der Königin und des Prinzen, als sie sahen, daß er keine Eselsohren mehr hatte!
Von jenem Tag an hörte man aus den Flöten, die die Hirten machten, die Worte nicht mehr: »Prinz mit den Eselsohren.«

Quelle: Portugal

 

Die Stiefmutter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Frau hatte eine sehr häßliche Tochter und eine Stieftochter, die schön war wie die Sonne. Voller Neid behandelte sie diese sehr schlecht, und wenn die beiden Mädchen mit einer Kuh in die Berge zogen, gab sie ihrer Tochter ein Körbchen mit gekochten Eiern, Zwieback und Feigen mit, und ihrer Stieftochter gab sie schimmlige Brotrinden mit; auch verging kein Tag, an dem sie ihr nicht eine tüchtige Tracht Prügel verabreichte.

Einmal waren die zwei in den Bergen, da kam eine Alte, die eine Fee war, des Wegs; sie ging zu ihnen und sagte: »Würdet ihr mir wohl einen Bissen von eurer Vesper abgeben? Ich falle vor Hunger fast um.« Das hübsche Mädchen, welches die Stieftochter der bösen Frau war, gab ihr sofort etwas von ihrer Brotkruste. Das häßliche Mädchen, das den Korb voller guter Dinge hatte, fing an, zu essen, und wollte ihr nichts abgeben. Die Fee wollte sie bestrafen und machte, daß die Häßliche die Schönheit der Hübschen erhielt, und daß die Hübsche an ihrer Stelle das häßliche Gesicht erhielt. Die beiden Mädchen wußten das aber nicht.

Die Nacht brach herein und sie gingen nach Haus. Die böse Frau, die die Stieftochter, welche hübsch war, sehr schlecht behandelte, ging ihnen, da es schon sehr spät war, entgegen und schlug mit einer Gerte auf ihre eigene Tochter ein, die nun das Gesicht der Hübschen trug, und sie dachte, sie würde die Stieftochter verprügeln. Sie gingen heim, und im Glauben, daß es ihre Tochter wäre, gab sie der Häßlichen Milchsuppe und andere gute Dinge, und die andere schickte sie ohne Essen ins Stroh eines Schuppens voller Spinnweben. So ging es lange Zeit weiter bis eines Tages ein Prinz vorüberkam und das Mädchen mit dem hübschen Gesicht ganz traurig am Fenster erblickte, und sogleich fand er großen Gefallen an ihr und sagte, daß er Nachts mit ihr im Garten sprechen möchte.

Die böse Frau hatte alles gehört und sie sagte zu der Häßlichen, die sie für ihre Tochter hielt, daß sie sich zurechtmachen solle, um in der Nacht mit dem Prinzen zu sprechen, ohne dabei jedoch ihr Gesicht sehen zu lassen. Sie tat, wie ihr geheißen, und das erste, was sie dem Prinzen sagte, war - daß er sich irrte und daß sie sehr häßlich sei. Der Prinz glaubte ihr nicht, und da zeigte das Mädchen sein Gesicht. In dem Augenblick aber gab ihr die Fee ihre Schönheit zurück. Der Prinz verliebte sich noch mehr und erklärte, daß er sie zur Frau nehmen wolle. Das Mädchen erzählte dies der, die sie für ihre Tochter hielt.

Man bereitete die Hochzeit vor, und es kam der Tag, an dem man das Mädchen zur Vermählung abholte. Sie ging mit verschleiertem Gesicht und ihre Schwester, die nunmehr hübsch war, blieb im finsteren Stall eingeschlossen. Sobald das Mädchen dem Prinzen seine Hand gegeben hatte und sie vermählt waren, gab ihr die Fee ihre Schönheit, zurück. Da erkannte die Stiefmutter, daß jene nicht ihre Tochter, sondern ihre Stieftochter war. Eilends lief sie nach Haus, ging in den Strohschober, um das Mädchen zu sehen, das sie dort eingeschlossen hatte, und da fand sie ihre eigene Tochter, die seit der Hochzeitsstunde ihrer Schwester wieder ihr häßliches Gesicht erhalten hatte. Beide waren verzweifelt, und ich weiß nicht wie es geschah, daß sie vor Neid nicht platzten. So bewahrheitete sich das Sprichwort: »Eine Stiefmutter ist nicht gut, und wäre sie aus Kuchenteig.«

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Der Feigenbaum

Es war einmal ein Witwer, der verheiratete sich wieder, und er hatte aus erster Ehe eine Tochter, die von ihrer Stiefmutter so schlecht behandelt wurde, wie man es sich nur denken kann. Im Garten gab es einen Feigenbaum, zu dem die Stiefmutter ihre Stieftochter schickte, damit sie die Feigen vor den Vögeln schützte. Wenn das kleine Mädchen hinausging, folgte ihm auch die Stiefmutter, um die Feigen zu zählen, und dabei sagte sie, sie würde sie töten, wenn ihr auch nur eine fehlte.

Eines Tages kam eine Weihe geflogen und fraß drei Feigen, so sehr das Mädchen auch versuchte, sie zu verscheuchen. Als es Abend war, kam die Stiefmutter, um die Feigen zu zählen, und sie begrub das Mädchen unter dem Feigenbaum. Im Hause sagte sie, das Mädchen wäre weggelaufen. Der Vater dachte, daß sie wohl in irgendeinem fernen Hause dienen würde. Als der Vater eines Tages unter dem Feigenbaum spazierenging, staunte er über die vielen Blumen, die er darunter erblickte, und unter ihnen befand sich eine schöne Rosenknospe. Er wollte sie abpflücken, aber da hörte er eine Stimme, die ihm sagte:

Reißt mir nicht mein Haar aus,
denn meine Mutter hat es geschaffen,
meine Stiefmutter hat es mir begraben
wegen der Feige des Feigenbaumes,
die die Weihe davongetragen hat.

Zunächst wußte der Mann nicht, was er tun sollte, aber schließlich entschied er sich, an jener Stelle eine Grube zu graben, um zu sehen, was dies für eine Sache war. Als die Grube schon sehr tief war, entdeckte er eine Steinplatte, hob sie hoch und stieß auf eine Treppe, die er hinunterstieg. Als er unten angekommen war, erblickte er seine Tochter, die war sehr schön und reich gekleidet. »Tochter, wie bist du hierher gekommen?« »Als meine Stiefmutter mich vergraben hatte, erschien mir hier dieses Haus, und jeden Tag kommt eine Dame her, um mir zu essen zu geben.« Der Vater blieb bei seiner Tochter und wollte von seiner Frau nichts mehr wissen.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Das Mädchen vom Balkon

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Händler, der hatte eine Tochter, die so schön war wie die Sterne und so durchtrieben wie kleine Teufel. An ihren Balkon stieß der Garten des Königs. An jedem Nachmittag begoß sie ihre Blumen, und darunter befand sich ein prächtiges Basilienkraut. Der König gewann großen Gefallen an ihr und wartete zur bestimmten Stunde schon, um sie zu sehen, und jedesmal fragte er sie:

Mädchen, da du von
so großer Klugheit bist,
kannst du mir sagen,
wieviele Blätter dein Basilienkraut hat?

Sie erwiderte ihm darauf:

Majestät, Ihr könnt
lesen, schreiben und rechnen,
aber wißt Ihr auch,
wieviele Sandkörner das Meer hat?

Da besann sich der König, wie er dem Mädchen einen Streich spielen könnte, und er nutzte die Gelegenheit, als der Händler einmal verreist war. Er besorgte sich einen Koffer mit Kurzwaren und ging als Trödlerin verkleidet zum Hause des Mädchens. Ohne Argwohn ließ die Tochter des Händlers sie eintreten. Der König hatte einen prächtigen Ring dabei, der dem Mädchen über die Maßen gefiel. Sie pries ihn sehr und es schmerzte sie, daß sie ihn nicht kaufen konnte. Aber die Trödlerin sagte ihr: »Mein Fräulein, ich schenke Euch den Ring, wenn Ihr mir einen Kuß gebt, denn ich bin vernarrt in Euch, und wäre es auch nur auf den Schleier, den ich vor dem Gesicht trage.« Und eh' man sich's versah, hatte das Mädchen den Kuß gegeben und den Ring erhalten.
Als sie am Nachmittag die Blumen goß, erschien der König und fragte wie gewöhnlich:

Mädchen, da du von
so großer Klugheit bist,
kannst du mir sagen,
wieviele Blätter dein Basilienkraut hat?

Und sie gab sogleich zurück:

Majestät, Ihr könnt
lesen, schreiben und rechnen,
aber wißt Ihr auch,
wieviele Sandkörner das Meer hat?

Und der König, der nichts gesagt hatte, fuhr fort:

Und jener Kuß, den du
- wenngleich nur auf den Schleier - gabst ...

Dem Mädchen stockte das Herz. Sie wurde ganz rot und schwor bei sich, daß sie sich rächen würde. Eines Tages verkleidete sie sich als Negerin und ging zum Königspalast, um ihre Dienste als Magd anzubieten. Zuerst aber vereinbarte sie mit dem Diener des Königs, daß er auf dessen Balkon bei Nacht eine Ziege bringen würde, die man im Garten hielt. Der König behielt die kleine Negerin sogleich für sich, denn sie war sehr hübsch, und aus Furcht, daß sie ihm weglaufen könnte, brachte er sie in ein Zimmer neben dem seinen und befestigte an ihrem Arm ein Band. In der Nacht zog der König an dem Band, und er fühlte, daß die Negerin noch da war. Aber sobald der König fest eingeschlafen war, band sich das Mädchen los, holte ganz leise die Ziege, band sie an seiner Stelle fest und ging fort.

Als der König aufwachte, dachte er an die entzückende kleine Negerin und zog sie an dem Band in sein Bett. Aber die Ziege begann zu meckern und der König erschrak und schrie, er hätte den Teufel im Haus. Da eilten viele Leute herbei, und alle sahen statt der Negerin die Ziege im Zimmer des Königs. Am Nachmittag des folgenden Tages besuchte der König die Tochter des Händlers, die ihre Blumen goß, und er fragte sie:

Mädchen, da du von
so großer Klugheit bist,
kannst du mir sagen
wieviele Blätter dein Basilienkraut hat?

Und sie gab zur Antwort:

Majestät, ihr könnt
lesen, schreiben und rechnen,
aber wißt Ihr auch
wieviele Sandkörner das Meer hat?

Der König sagte:

Und der Kuß auf den Schleier? ...

Und sie:

Und die Ziege, die mäh, mäh machte? ...

Der König erkannte, daß sie ihn zum besten gehabt hatte, aber er hielt es für einen guten Scherz. Doch das Mädchen wollte es dabei nicht bewenden lassen. Sie hörte, daß der König zur Jagd gehen wollte, verkleidete sich als Mann, stieg auf ein Maultier, nahm eine Maske mit und folgte dem Zug von weitem. Nach einer langen Strecke Wegs ließ der König ein Weilchen rasten und verlangte, daß man ihn allein ließ. Sowie alle Edelleute sich weit entfernt hatten, zog das Mädchen die Maske aus der Tasche, holte einen Dolch hervor und stürzte auf den König, als ob sie ihn töten wollte, und schrie dabei: »Küßt meinem Maultier den Schwanz, oder ich töte Euch auf der Stelle!« In seiner Bedrängnis und da niemand dabei war, küßte der König den Schwanz des Maultiers. Das Mädchen kehrte nach Haus zurück. Am nächsten Tag goß sie ihre Blumen und der König erschien mit den üblichen Fragen:

Mädchen, da du von
so großer Klugheit bist,
kannst du mir sagen,
wieviele Blätter dein Basilienkraut hat?

Und sie:

Majestät, Ihr könnt
lesen, schreiben und rechnen,
aber wißt Ihr auch
wieviele Sandkörner das Meer hat?

Und der König:

Und jener Kuß, den du
- wenngleich nur auf den Schleier - gabst? ...

Sie:

Und die Ziege, die mäh, mäh machte? ...

Der König:

So stell' dich doch nicht gar so wild.

Sie:

Und der Kuß auf den Schwanz des Maultiers?

Der König dachte an das, was geschehen war und lachte herzlich darüber. Und als der Händler zurückgekehrt war, hielt er bei ihm um die Hand seiner Tochter an, denn mit einer so aufgeweckten Frau mußte er ja zwangsläufig sehr glücklich werden.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die Geschichte vom tölpelhaften Mann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine Frau, die war verheiratet mit einem sehr tölpelhaften Mann; und wenn er allein zu Hause war, so brachte er bald alles in Unordnung; und wenn er auf den Markt ging, so war er nicht imstande, vernünftig zu verkaufen oder einzukaufen. Eines Tages schickte ihn seine Frau auf den Markt, um einen Stoff zu verkaufen, und sie sagte zu ihm: »Verkauf ihn nicht einem Mann oder einer Frau, die viel reden, denn die betrügen dich nur.« Er ging also auf den Markt, doch da redeten sie ihm alle zuviel, und er sagte jedesmal: »Ihr bekommt ihn nicht, denn Ihr redet viel.« Und auf diese Weise verkaufte er den Stoff nicht.

Er ging damit nach Hause zurück, kam an einer Kapelle vorbei und trat ein, um zu den Heiligen zu beten. Da hörte er draußen ein Festgeläut, er ließ den Stoff liegen und ging auf das Fest; als er zurückkehrte, war sein Stoff gestohlen. Da wandte er sich an den Heiligen und sagte zu ihm: »Aha, du hast mir den Stoff abgekauft und wolltest nur nicht auf den Markt gehen, um keine nassen Füße zu bekommen! Nun gib mir auch das Geld dafür.« Da der Heilige ihm das Geld nicht hinlegte, wurde der Mann böse auf ihn, gab ihm einen Schlag mit der Faust und stieß ihn vom Altar hinunter. Im selben Augenblick fielen fünf Heller von den Almosen, die man dem Heiligen gespendet hatte, herunter, und der Mann sagte: »Gut, das ist die Bezahlung für den Stoff.« Er nahm die fünf Heller, ließ den Heiligen, wo er war, und ging dann weg. Als er zu Hause ankam, gab er seiner Frau die fünf Heller und erzählte ihr, was er erlebt hatte.

Später, als wieder Jahrmarkt war, schickte ihn die Frau fort, um zwei Dutzend Nadeln zu holen. Der Mann kam vom Jahrmarkt zurück, und die Frau fragte ihn nach den Nadeln. »Ja, weißt du, die Nadeln . . .; ich traf da einen Wagen mit Mist, dessen Ochsen störrisch wurden; da habe ich die Seitenbretter des Wagens angefaßt; nun konnte ich die Nadeln nicht mehr festhalten und warf sie in den Wagen und konnte sie nachher in dem Mist nicht wiederfinden.« — »Gott im Himmel, Mann! Du bist verrückt; so etwas steckt man doch in seine Jacke.« — »Ja, ja, ganz recht; das nächte Mal werde ich es so machen.«

Bald darauf schickte die Frau ihn zum Schmied, um Haken für das Ochsenjoch zu holen. Er nahm sie, steckte sie in seinen Anzug und machte ihn damit ganz entzwei. Die Frau beschimpfte ihn: »Mann, bist du verrückt; hast du wirklich die Jacke damit zerrissen?« — »Ja! Wie sollte ich es denn sonst machen?« — »So was trägt man doch in einem Bündel auf der Schulter.« — »Ja, ja, ganz recht; so werde ich es das nächste Mal machen.«

Nun schickte die Frau ihn los, ein Ferkel zu kaufen, er kaufte das Ferkel; packte es am Hals und warf es über die Schulter. Als er zu Hause mit dem Ferkel ankam, war es erstickt. Da sagte die Frau: »Mann, in Gottes Namen! Was hast du nur gemacht! Du hast das Ferkel erstickt!« — »Wie soll man es denn anders machen?« — »Na hör mal; das führt man doch an einem Strick und treibt es mit einem Stock an.« — »Ja, ja, ganz recht; das nächste Mal werde ich es so machen.«

Ein anderes Mal schickte ihn die Frau wieder auf den Jahrmarkt, um einen Krug zu kaufen. Er nahm den Krug, band einen Strick herum und zog ihn auf der Erde hinter sich her. Als er nach Hause kam, hing nur noch der Henkel an der Schnur. Als die Frau den Henkel des Kruges sah, sagte sie: »Mein Gott! Du bringst mich noch ins Grab! Du kommst mir nicht wieder zum Jahrmarkt.« — »Ja, ja, dann geh du nur; ich kann ja hierbleiben.«

Da ging die Frau nun auf den Markt, und vorher ermahnte sie ihn: »Hör einmal, Mann: du läßt die Ziegen nicht an das Maisfeld heran; du gehst auch nicht in den Keller und läßt das Faß auslaufen; du gehst auch nicht an den Napf, in dem Rauschgelb ist (aber in Wirklichkeit war Zucker darin), denn wenn du davon ißt, stirbst du; paß gut auf die Henne mit den Küken auf, damit ihr nichts passiert!«

Die Frau ging auf den Markt; kaum war sie aus dem Haus gegangen, da holte er sich ein gutes Stück vom Schinken und briet es (um es zu essen, natürlich, der arme Narr!); dann holte er ein Glas Wein und verlor dabei den Stöpsel für das Faß; da steckte er statt dessen seinen Finger hinein und blieb so beim Faß stehen. In diesem Augenblick erschien ein Hund, und er rief ihn herbei und steckte seinen Schwanz in das Loch des Fasses, um es dicht zu machen. Nun wollte er endlich das Fleisch essen und sein Gläschen Wein trinken; da rief man nach ihm, weil die Ziegen in das Maisfeld gegangen waren; er lief in den Keller und rief den Hund; der rannte auf und davon und ließ das Faß auslaufen. Als der Mann wieder ins Haus zurückkehrte und den Wein im Keller laufen sah, nahm er die Mehlsäcke und verschüttete das Mehl auf den Boden, damit die Frau den verschütteten Wein nicht sehen sollte. Inzwischen war der Fuchs angekommen und hatte die Henne aufgefressen; da fing nun unser Mann zu weinen an. »Herrgott! Was für Pech hab ich doch! Was soll ich nun jetzt tun!«

Da machte er sich an den Zuckernapf und aß davon, weil er sterben wollte, denn er glaubte, es sei Rauschgelb. Und da es so süß schmeckte, aß er alles auf. Dann ging er an eine Kiste und fand ein Stück Honig; auch das aß er auf, weil er glaubte, daß er dann noch eher sterben und nicht die Schelte der Frau hören würde, wenn sie zurückkäme. Aber allmählich merkte er, daß er daran gar nicht starb. Da ergriff er eine Keule zum Flachsschlagen und begann sie in die Luft zu schleudern, um sich mit ihr zu töten; und als er sie nun in der Luft sah, floh er in die andere Ecke. Als er merkte, daß er an allem nicht starb, ging er an das Hühnernest, um die Eier auszubrüten; und da saß er nun: »Gluck, gluck . . .«

So fand ihn dann die Frau; »O Mann!« — »Gluck, gluck . . .« So sah sie ihn, wie er die Eier ausbrütete; sie schalt ihn sehr und sagte zu ihm: »Geh weg da, mein lieber Narr.« Und dann schlossen sie Frieden miteinander, und sie verzieh ihm.

Quelle: Portugal

 

Die Gräfin mit der Rose

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein sehr reicher Mann geriet durch sein ausschweifendes Leben in Armut. Da er seinem Sohn eine gute Erziehung hatte angedeihen lassen, verstand es dieser, viele Instrumente zu spielen, und um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ging er in die Welt hinaus.

Er kam an einen Ort und hielt vor einem Palast an, in dem man sehr schöne Musikstücke spielte. Er blieb dort ohne zu essen und zu trinken. Als der Herr des Palastes jenen Mann in der Straße sah, fragte er ihn, was er wollte. Er antwortete, daß auch er Musik gern hatte. Der Mann befahl ihm einzutreten, um zu sehen, ob er auch spielen konnte. So geschah es, er spielte und stach alle anderen Musikanten aus. Der Mann wunderte sich, entließ alle Musikanten und sagte dem Jungen, er solle bei ihm bleiben, damit er ihm immer beim Spiel zuhören könnte. Die anderen Musikanten waren verzweifelt und trachteten nur danach, den Jungen zu fangen, um ihn zu töten. Sobald der Alte aber davon erfuhr, beschützte er den Jungen und begleitete ihn stets, und er wollte ihm alles hinterlassen, als ob er sein eigener Sohn wäre. Am Hofe lief das Gerücht von dem Spielmann um, und der König bat den Edelmann, ihm den Jungen zu bringen und ihn ein paar Tage im Schloß zu lassen. Das fiel ihm wohl schwer, aber er konnte es dem König nicht abschlagen. Der Junge versetzte bei den Festen im Schloß alle in Erstaunen, denn er spielte ausgezeichnet.

Eines Nachts, als er sich zur Ruhe begeben hatte, fühlte er daß eine Dame zu ihm ins Zimmer trat und sich zu ihm ins Bett legte. Er wollte wissen, wer sie war, und zündete ein Licht an, aber sie trug eine Maske. Solange er sich im Schloß aufhielt, suchte ihn die Dame jede Nacht auf. Der Junge drang in sie, daß sie ihm sagte, wer sie sei, und sie antwortete: »Ich kann dir nicht sagen wer ich bin! Morgen wenn wir in die Kirche zur Messe gehen, wirst du mich mit einer weißen Rose im Mund sehen.« Der Junge erzählte alles dem Edelmann, der ihn bereits wie einen Sohn behandelte. Da der Edelmann jedoch an den Haß der Musikanten dachte, wollte er ihn begleiten, damit es nicht etwa eine Falle wäre. Er stellte sich an die Kirchentür, und alle Damen traten ein. Erst als er die Königin sah, erblickte er an ihrer Seite eine Gräfin, die sie begleitete, und die alle am Hofe für sehr tugendsam hielten, und diese trug eine weiße Rose im Mund.

Sobald sie den Jungen in Begleitung des Edelmannes sah, warf sie die Rose auf die Erde und trat darauf herum. Der Junge trat zu der Gräfin, um den Grund für ihren Zorn zu erfahren. Sie sagte ihm, daß er sie verraten habe indem er alles dem Edelmann erzählt habe. Er fragte sie, was er tun müsse, um ihre Liebe wiederzuerlangen. Die Gräfin antwortete, das könne nur geschehen, wenn er den Edelmann, der ihm wie ein Vater war, töten würde. In seiner Blindheit tat er dies. Als der König von diesem Verbrechen erfuhr, fand er es so grausam, daß er auf der Stelle Befehl gab, den Jungen aufzuhängen.

Da erzählte die Gräfin alles dem König und gestand ihre Schuld. Sie sagte, daß der Junge unschuldig war und seine Tat aus leidenschaftlicher Liebe heraus begangen habe. Da verzieh ihm der König: »Da die Gräfin sein Unglück bewirkt hat, soll sie ihn nun heiraten, um ihn glücklich zu machen.«

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die Häßliche, die hübsch wurde

Es war einmal eine alte Frau, die hatte eine Enkeltochter, die häßlich war wie die Nacht. Die Alte wohnte dem Königspalast gegenüber, und sie setzte sich in den Kopf, ihre Enkelin eines Tages mit dem König zu verheiraten. Sie dachte sich eine List aus. Jedesmal, wenn der König zu einem Spaziergang ausging und an ihrem Haus vorüberkam, goß die Alte eine Schüssel Parfüm auf die Straße und sagte: »Das Wasser, in dem meine Enkeltochter sich wäscht, duftet, daß ein Wohlgeruch aufsteigt.« Dies geschah so oft, daß der König aufmerksam wurde, und er bat die Alte, sie möge ihn ihre Enkelin sehen lassen, die sich in so wohlriechendem Wasser wusch.

Die Alte entschuldigte sich und sagte, das ginge nicht, da ihre Enkelin sehr schamhaft sei; jedoch würde sie es schon einrichten, denn sobald es Nacht wäre, würde sie mit ihr einen Besuch machen gehen, und mittels dieser Täuschung würde sie sie ins Schloß bringen. Sie sagte dem König auch, daß ihre Enkelin das allerhübscheste Gesicht habe. Der König wartete bis es Nacht wurde und als er schließlich das vereinbarte Zeichen vernahm, ging er das Mädchen holen. Die Alte entfernte sich und dachte, daß der König mit ihrer Enkeltochter zusammenbliebe. Als der König in sein Zimmer kam und das Licht anzündete, erblickte er eine schrecklich häßliche und reizlose Frau. Er war erbost über diesen Schwindel, und in seinem Zorn zog er sie völlig aus und sperrte sie auf einen Balkon, wo sie der feuchten Nachtluft ausgesetzt war.

Das arme Mädchen konnte sein Unglück nicht fassen und war vor Kälte und Angst vor der Dunkelheit halb tot. Da kam um Mitternacht eine Gruppe von Feen vorbei, die umherzogen, um einen Prinzen, der das Lachen verloren hatte, zu belustigen. Sobald der Prinz das nackte Mädchen sah, brach er in lautes Gelächter aus. Die Feen waren darüber sehr froh, und als sie sahen, daß der Grund dafür jenes nackte, dunkle und häßliche Mädchen war, sprachen sie zu diesem: »Wir wollen dich verzaubern, auf daß du das schönste Mädchen auf der Welt seiest.« Als der König am Morgen nachsehen kam, ob das Mädchen gestorben wäre, fand er es wunderschön und er war über seinen Irrtum verblüfft. Er bat sie vielmals um Verzeihung und hielt sogleich um ihre Hand an.

Sie heirateten, und man veranstaltete ein großes Fest. Die alte Großmutter, die dem Palast gegenüber wohnte, erfuhr, daß die neue Königin ihre Enkeltochter war. Sie ging in den Palast und bat um eine Unterredung. Sie trat zu ihrer Enkeltochter und fragte sie ganz leise: »Wer hat dich so hübsch gemacht?« Die Enkelin antwortete wahrheitsgemäß: »Ich bin verzaubert worden.« Da die Alte jedoch ein wenig taub war, verstand sie: »Ich bin gehäutet worden.« Der König schenkte ihr zum Abschied viel Geld und sie ging schnurstracks zu einem Barbier, um sich häuten zu lassen, denn sie wollte wieder jung sein. Der Barbier wollte dies nicht, da gab sie ihm alles Geld, das sie bei sich trug, und so machte er sich schließlich daran, ihr die Haut abzuziehen. Die Alte starb unter großen Qualen und dachte doch, daß sie hübsch werden würde.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Wald-Marie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der ging zur Jagd, und er verirrte sich bei Einbruch der Nacht im Gebirge. Mit seinem Pagen bat er in der Hütte eines Köhlers, der im Gebirge lebte, um Unterkunft. Der Köhler gab dem König sofort sein Bett, und seine Frau legte sich, da sie krank war, auf einen Strohsack im Stall. In der Nacht hörte der König ein grosses Geschrei und Weinen und eine Stimme, die sagte:

 

Die, die soeben geboren ist
wird noch einmal deine Frau werden.
Und so wenig ihr das Schicksal auch hold sein mag,
so wird sie doch mit dir Königin werden.

 

Der König war reichlich verwirrt, und er versuchte zu erfahren, wie spät es war. Es war genau Mitternacht. Am nächsten Tag, als er mit dem Köhler sprach, fragte er ihn, was das für ein Lärm gewesen sei. »Mir ist ein Töchterchen geboren worden, es muß genau um Mitternacht gewesen sein, Herr.« Der König sagte, daß er für das Glück jenes Kindes sorgen wolle und daß er ihm viel Geld geben würde, wenn er ihm das Kind mitgäbe. Der Köhler willigte ein, und der König zog fort.

 

Unterwegs sagte er dem Pagen, er solle jenes Kind töten, denn es gelte, einem bösen Omen zu entfliehen, unter dem es geboren sei. Der Page hatte kein Herz, das unschuldige Kind zu töten und ließ es tief in einer Höhle zwischen Brombeergestrüpp zurück, eingewickelt in seinen roten Gürtel, den er sich abband. Dann kehrte er zu dem Platz zurück, wo sich der König aufhielt, und sagte: »Herr König, ich hatte keinen Mut, daß Kind zu töten, sondern ich ließ es an einem Ort zurück, von wo man weder Berg noch Quelle sieht, und da wird es mit Sicherheit sterben.«

 

Es geschah, daß ein Holzfäller an jenen Ort kam um zu arbeiten; er hörte ein Kind weinen, stieg in die Höhle hinab, zog es gerührt hervor und nahm es mit nach Haus. Seine Frau, die keine Kinder hatte, nahm es zufrieden auf und behandelte es, als ob es ihr eigen Blut wäre, und zur Erinnerung an das Geschehene nannten sie es Wald-Marie.

 

Nach einigen Jahren reiste der Page mit dem König und er sah ein kleines Mädchen von fünf Jahren in einen roten Umhang gehüllt, den er als seinen Gürtel wiedererkannte. Sie suchten die Bauern auf, erfuhren die Geschichte des Mädchens, und der König gab ihnen viel Geld, damit sie ihn es mit auf das Schloß nehmen ließen. Sobald der König abgereist war, ließ er eine Kiste anfertigen, in die er Wald-Marie hineinsteckte, und er selbst warf sie ins Meer.

 

Auf hoher See fand ein Schiff die Kiste, man wollte sehen, was in ihr war, und man war erstaunt, ein wunderhübsches Kind zu finden, das noch am Leben war. Sie erzählten alles an dem Ort, an dem sie landeten, und der dortige König wollte das kleine Mädchen sehen; die Königin gewann es lieb und wünschte, daß es im Palast aufgezogen würde, damit es der Prinzessin als Hofdame diente. Als die Hochzeit der Prinzessin gefeiert wurde, da war Wald-Marie schon groß. Zum Hochzeitsfest kamen viele Könige und Prinzen, und es kam auch der, der Wald-Marie töten wollte.

 

Der Page, der ihn begleitete, erkannte Wald-Marie sogleich wieder und sagte dies seinem Herrn, dem König. Als er zum Ball ging, wollte der König mit ihr tanzen, und er gab ihr einen Ring mit den Worten:

 

Beim Tanz gebe ich ihn dir, beim Tanz sollst du ihn mir geben;
und wenn du ihn mir nicht gibst, dann soll es dich das Leben kosten.

 

Und sie antwortete:

 

Beim Tanz empfing ich ihn, beim Tanz werde ich ihn geben;
und auch werde ich Königin sein und in seinem Reiche herrschen.

 

Als der Ball zu Ende war ging Wald-Marie in ihr Zimmer, und eine von dem besagten König bestochene Dienerin raubte ihr den Ring und warf ihn ins Meer. Wald-Marie war sehr traurig als sie sah, daß sie den Ring verloren hatte und über ihn nicht mehr Rechenschaft ablegen konnte. Sie saß an einem Fenster, als sie in einem Garten ein Dienstmädchen Fisch zubereiten sah. Sie lief hin und sah im Bauche des Fischs den Ring blitzen. Sie zog ihn hervor und kehrte ins Schloß zurück.

 

Abends beim Ball tanzte der König wieder mit ihr und er wiederholte die Worte, die er am Vortage gesagt hatte. Wald-Marie zeigte ihm den Ring und wiederholte die Worte, die sie am Vortage gesagt hatte. Da war der König sehr erstaunt, und er sagte: »Da niemand seinem Schicksal entfliehen kann, und du meine Frau und Königin sein mußt, hab' ich dich lieb und heute noch soll Hochzeit sein.«

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Der verzauberte Fisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine arme Frau, die hatte einen einzigen Sohn, der war einfältig und wollte nicht arbeiten. Er taugte der Armen nur, um zu essen. Eines Tages als ein Junge aus der Nachbarschaft in den Wald ging, um Holz zu sammeln, bat sie ihn, er möge doch den kleinen Dummkopf mitnehmen und ihn lehren, ein Bündel Holz zu schnüren. Als sie im Wald angelangt waren, ging der Junge zwei Bündel Holz schneiden, und der Einfältige spielte an einem Fluß.

 

Dort saß er ohne an etwas zu denken und betrachtete die Fische im Wasser. Da sprang ihm plötzlich ein Fischlein direkt in den Schoß, und der einfältige Knabe packte es mit seinen Fingernägeln. Sowie sich das Fischlein in seinen Händen sah, sprach es zu ihm: »Töte mich nicht, und zur Belohnung brauchst, wenn du dir irgendetwas wünschen solltest, nur zu sagen: 'Ich bitte Gott und mein Fischlein, daß sie mir dieses oder jenes geben, und alles soll nach deinem Wunsch geschehen.'«

 

Der Einfältige erschrak und ließ das Fischlein aus seiner Hand fallen, und sofort verschwand es im Fluß. Der andere Knabe rief nach ihm, damit er sein Bündel aufhöbe. Er ging hin und als er merkte, daß das Bündel schwer war, sagte er: »Ich bitte Gott und mein Fischlein, daß sie mich auf diesem Bündel Holz reiten lassen.« Er sprang auf das Bündel und dieses trug ihn im Galopp aus dem Wald heraus und durch die ganze Stadt bis zum Hause seiner Mutter.

 

Der König saß am Fenster seines Schlosses und wunderte sich sehr. Er rief seine Tochter: »Komm und sieh dir den Einfältigen an, der auf einem Bündel Holz reitet.« Als die Prinzessin ihn erblickte, lachte sie laut heraus, aber der Einfältige sagte leise: »Ich bitte Gott und mein Fischlein, daß die Prinzessin ein Kind von mir bekommt.« Wenig später lag die Prinzessin in den Wehen und alle Ärzte waren der Meinung, daß sie schwanger war. Der König war verzweifelt und bat seine Tochter bei allen Heiligen, sie solle ihm sagen, wer der Verursacher einer so großen Schande war. Die Prinzessin schwor bei allem, daß sie dies nicht erklären könnte.

 

Da ließ der König ausrufen, daß derjenige, der gestehen würde, der Vater des Kindes zu sein, die Prinzessin zur Frau bekäme. Nach einiger Zeit kam der Einfältige in den Palast, um mit dem König zu sprechen. »Ich komme, um Euer königlichen Majestät zu sagen, daß ich der Vater des Kindes der Prinzessin bin.« Der König erschrak und die Prinzessin glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.

 

Der Einfältige erzählte daraufhin, was sich ereignet hatte. Um sich Gewißheit zu verschaffen, sagte ihm der König: »Bitte dein Fischlein darum, daß es dir jetzt hier einen Haufen Geld beschert.« Der Einfältige gehorchte und das Geld fiel ihm von allen Seiten zu. »Und jetzt bitte dein Fischlein, daß es dich zu einem vollendeten und klugen Jüngling macht.« Sogleich wurde der Einfältige viel schöner und klüger als alle Prinzen. Er heiratete die Königstochter, und wegen seiner großen Klugheit wurden ihm die Regierungsgeschäfte übertragen.

 

 

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Der Satinschuh

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Witwer, der hatte eine Tochter. Er ließ sie bei einer Lehrerin unterrichten, die sie sehr gut behandelte und ihr Honigsuppe gab. Als das kleine Mädchen nach Hause kam, bat es den Vater, er möge die Lehrerin heiraten, denn sie habe sie sehr gern. Der Vater antwortete: »Du willst also, daß ich deine Lehrerin heirate? Aber bedenke, heute gibt sie dir Honigsuppe, und eines Tages wird sie dir Gallensuppe geben.« Das Mädchen ließ nicht nach, so daß der Vater schließlich die Lehrerin heiratete.

 

Nach einem Jahr hatte sie eine Tochter, und von da an hatte sie einen großen Haß auf die Stieftochter, denn diese war hübscher als ihr eigenes Kind. Als der Vater starb, überschritten die Quälereien der Stiefmutter alle Grenzen. Das arme Kind hatte ein Kälbchen, dem all seine Liebe galt. Wenn es dieses in den Bergen weiden ging, gab ihm die Stiefmutter einen Krug Wasser und ein Brot mit, wobei sie ihm mit Schlägen drohte, wenn es nicht alles wieder so zurückbrächte, wie es es mitgenommen hatte.

 

Mit seinen kleinen Hörnern höhlte das Kälbchen das Brot aus, damit das Mädchen essen konnte, und wenn es Wasser trank, füllte das Kälbchen den Krug wieder mit seinem Speichel. Auf diese Weise täuschten sie die Niedertracht der Stiefmutter.

 

Eines Tages wurde die böse Frau krank und sie verlangte, daß man das Kälbchen tötete, um für sie Brühe zu kochen. Das Mädchen weinte bittere Tränen bevor es sein geliebtes Kälbchen tötete, und ging dann, um die Därme im Fluß zu waschen. Da entglitt ein kleiner Darm ihrer Hand, und sie lief hinterdrein, um ihn zu erhaschen. Sie ging so weit, daß sie schließlich auf ein Feenhaus stieß, das sich in großer Unordnung befand, und darin war ein Hündchen, das bellte unaufhörlich.

 

Das Mädchen räumte das Haus säuberlich auf, setzte den Topf aufs Feuer und gab dem Hündchen ein Stück Brot. Als die Feen heimkamen, verbarg sie sich hinter der Tür, und das Hündchen begann zu bellen:

 

Wau, wau, wau,
hinter der Tür steht die,
die mir Brot gab.

 

Die Feen fanden das Mädchen und bestimmten ihm, daß es das schönste Gesicht der Welt hätte, und jedesmal, wenn es sprach, sollten Perlen aus seinem Munde fallen, und sie gaben ihm auch einen Zauberstab. Als die Stiefmutter das Mädchen mit so vielen Gaben ausgestattet sah, fragte sie es nach dem Grund für all dies, um zu sehen, ob sie diese Gaben nicht auch ihrer Tochter beschaffen könnte.

 

Das Mädchen erzählte, was sich ereignet hatte, aber sie vertauschte alles: sie hätte das Haus in Unordnung gebracht, das Geschirr zerschlagen und das Hündchen verprügelt. Sogleich schickte die Stiefmutter ihre Tochter aus, welche alles haarklein so verrichtete, wie ihre Mutter es ihr gesagt hatte. Als die Feen heimkamen, fragten sie das Hündchen, was geschehen sei. Dieses antwortete:

 

Wau, wau, wau,
hinter der Tür steht die,
die mich verprügelt hat.

 

Die Feen fanden das Mädchen und bestimmten ihm sogleich, daß es das häßlichste Gesicht der Welt hätte, und wenn sie sprach, sollte sie stottern, und sie sollte einen Buckel haben. Als sie dies sah, war die Mutter verzweifelt, und künftighin behandelte sie ihre Stieftochter noch schlechter.

 

Zu der Zeit wurde ein großes Fest veranstaltet, um den Geburtstag des Prinzen zu feiern. Am ersten Tage ging die Stiefmutter mit ihrer Tochter zum Festplatz, und sie wollte ihre Stieftochter nicht mitnehmen, die daheim blieb, um das Abendessen zuzubereiten. Das Mädchen bat den Zauberstab, er möge ihr ein himmelsfarbenes Kleid geben, ganz mit goldenen Sternen besetzt, und sie ging zu dem Fest.

 

Alle waren erstaunt, und der Prinz wandte nicht die Augen von ihr. Als das Fest zu Ende war, fand die Stiefmutter sie schon zu Hause beim Vorbereiten des Abendessens, und sie wurde nicht müde, das Kleid, das sie gesehen hatte, zu rühmen. Am zweiten Tag ging das Mädchen mit Hilfe des Zauberstabs in einem grasgrünen, mit Blumen übersätem Kleid zum Fest. Am dritten Tag brach das Mädchen, als es sah, daß die Stiefmutter schon nach Hause gegangen war, in aller Eile auf, und dabei fiel ihr ein kleiner Satinschuh vom Fuß.

 

Als der Prinz das sah, lief er, den Schuh aufzuheben, und er staunte, wie klein er war. Da ließ er ausrufen, daß die Frau, der der Schuh gehörte, seine Frau würde. Man ging von Haus zu Haus, aber keiner paßte der Schuh. Schließlich gelangte er zum Haus der bösen Frau, die dem Prinzen ihre Tochter vorführte. Aber diese hatte einen Klumpfuß, der in den kleinen Satinschuh nicht hineinpaßte. Er fragte, ob sonst niemand mehr im Haus wäre; als die Stiefmutter schon nein sagen wollte, ging die Küchentür auf, und die Stieftochter erschien in dem Kleid, das sie am ersten Festtag getragen hatte, und einer ihrer Füße war unbedeckt, und er paßte in den Satinschuh.

 

Der Prinz nahm sie sogleich mit sich, und die Stiefmutter wurde von einer solchen Wut gepackt, daß sie sich aus dem Fenster stürzte und zerschmettert starb.

 

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Die Bauerstochter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Prinz. Jedes Mal, wenn er sich auf der Veranda seines Zimmers wusch, sah er gegenüber eine Bauerstochter, die sehr hübsch war. Nun war in jener Zeit der wahrhaftige Adel, der der Bauern, und deshalb sprach der Prinz mit ihr und sagte: »Gott mit Euch, Bauerstochter.« Und sie antwortete: »Und mit Euch, Prinz und königlicher Herr.« Er unterhielt sich mit ihr und fragte, ob sie sich nicht mit ihm auf dem großen Jahrmarkt, den man abhielt, treffen wollte. Sie schlug das ab; indes bat sie ihren Vater um Erlaubnis, hingehen zu dürfen, und schlich in das Zimmer der Wirtschaft, wo der Prinz übernachten sollte.

 

Als man dem Prinzen sagte, dass sich dort eine Frau aufhielt, entgegnete er: »Recht so!« Er trat in das Zimmer und sah ein sehr schönes Mädchen, das er jedoch nicht erkannte. Er löschte das Licht, und sie blieben die ganze Nacht beisammen. Sehr früh am Morgen zog sie sich an, um fortzugehen, und der Prinz fragte sie, was sie zur Erinnerung an jene Nacht haben möchte. Sie bat ihn um das Schwert, und der Prinz konnte nicht umhin, es ihr zu geben.

 

Nun war viel Zeit verstrichen, und die Bauerstochter hatte heimlich einen Knaben geboren, den es aufzuziehen galt und der das Ebenbild des Prinzen war.

Einige Zeit später grüßte der Prinz das Mädchen in gleicher Weise: »Gott mit Euch, Bauerstochter!« »Und auch mit Euch, königlicher Herr.« »Möchtet Ihr nicht morgen zur Kirchweih gehen, um Euch da mit mir zu treffen?« Sie sagte nein, indes ging sie doch hin und stellte es an, dort zu bleiben, wo der Prinz schlafen würde. Wieder ging alles so vonstatten wie beim letzten Mal, und als es früh am Morgen war, sagte ihr der Prinz, sie solle sich wünschen, was sie möchte, und sie antwortete, dass sie nur den Gürtel begehre, den er trug. Wie man sich denken kann, hatte sie nach einiger Zeit wieder einen Knaben geboren.

 

Noch ein drittes Mal wurde sie vom Prinzen gefragt und zu einem weiten Sandstrand bestellt. Sie lehnte wieder ab, wie bei den beiden letzten Malen und ging trotzdem hin und traf dort den Prinzen, ohne dass dieser wußtedass sie die Bauerstochter war. Auch diesmal fragte er sie, was sie sich wünschte, und das Mädchen bat um seine Uhr. Nach einiger Zeit bekam sie ein kleines Mädchen, das sie mit den beiden anderen Kindern des Prinzen großzog.

 

Eines Tages sagte der Prinz: »Bauerstochter, ich will mich verheiraten. Willst du nicht zu meiner Hochzeit kommen?« Sie sagte nein, am Tage der Hochzeit jedoch betrat sie den Palast mit ihren drei Kindern, eines mit dem Schwert, das andere mit dem Gürtel, und das kleine Mädchen mit der Uhr. Man ließ sie ein und sie trat zur Tafel.

 

Der Prinz erkannte jene drei Geschenke, die er vergeben hatte ohne zu wissen, an wen, und er sah, daß die Kinder sein Ebenbild waren. Nach dem Essen sagte er, ein jeder solle seine Geschichte erzählen, und er wolle damit beginnen. Da sprach er:

»Eines Tages verlor ein Mann einen goldenen Schlüssel, und er besorgte sich einen silbernen, um sich seiner zu bedienen. Es geschah jedoch, dass er den Schlüssel, den er verloren hatte, wieder fand, und jetzt möchte ich, dass Ihr mir sagt, welchen er künftig gebrauchen soll, den aus Gold, oder den aus Silber?«

 

Alle riefen: »Den aus Gold, den ersten!« Da stand der Prinz auf, holte die Bauerstochter, die an einer Ecke des Tisches saß, und sagte: »Diese will ich zur Frau nehmen, und diese Infanten sind meine Kinder, die ich verloren hatte.« Heiter setzte man das Fest fort, und von dort gingen sie, sich mit großer Freude zu vermählen.

 

 

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Goldhaar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Mann und seine Frau hatten zwei Kinder, aber sie konnten ihnen nichts zu essen geben. Eines Nachts, als sie sich schon zur Ruhe begeben hatten, hörte der Knabe, wie sie sagten: »Wir müssen eines unserer Kinder töten, denn wir können eine so große Familie nicht ernähren.« Der Knabe weckte sein Schwesterchen, und eilends flohen sie aus dem Haus. Sie gingen die ganze Nacht und den ganzen Tag, und als sie schon sehr weit entfernt waren, legte sich der müde Knabe auf die Erde und schlief den Kopf im Schoße seiner Schwester ein. Da kamen drei Feen des Wegs, und als sie das Mädchen sahen, verliehen sie ihm drei Gaben: Daß sie das schönste Gesicht der Welt hätte; daß Gold aus ihrem Haar fiele, wenn sie sich kämmte; daß sie sich auf die seltensten Handfertigkeiten verstünde.

 

Sobald der Knabe erwachte, machten sie sich wieder auf den Weg und sie gelangten zum Haus einer sehr häßlichen Alten, die sie bei sich aufnahm. Jahre vergingen, und eines Tages, als der Knabe Geld verlangte, kämmte sich seine Schwester, und er trug das Gold fort, um es in der Stadt zu verkaufen. Der Goldschmied, der es ihm abkaufte, war mißtrauisch, und er fragte den Jungen, auf welche Weise er sich jenes Gold beschafft habe, aber er wollte nicht alles glauben, was der ihm erzählte. Er machte dem König Meldung, und dieser ließ den Knaben gefangennehmen, bis die Schwester an den Hof käme und man sich von der Wahrheit überzeugte.

 

Die Alte, die mit dem Mädchen mit dem Goldhaar daheim geblieben war, beschloß, es hungers sterben zu lassen. Schon zwei Tage lang hatte das Mädchen nichts gegessen, und als es um etwas bat, sagte ihm die Alte, sie bekäme nur etwas, wenn sie sich ein Auge ausreißen lassen würde. Um nicht zu sterben, willigte sie ein. Nach weiteren zwei Tagen konnte sich das Mädchen vor Durst kaum noch auf den Beinen halten und sie bat die Alte um einen Tropfen Wasser. Diese sagte, nur dann, wenn sie sich das andere Auge ausreißen lassen würde. So wurde das Mädchen schließlich blind. Da erreichte sie der Befehl des Königs, sie zum Hofe zu bringen. Die Alte dachte, es wäre besser, das Mädchen ins Meer zu werfen, und an seiner Statt ihre Tochter hinzubringen. Der Knabe, der in einem Turm gefangengehalten wurde, der ein schmales Fenster zum Meer hinaus hatte, sah im Wasser ein paar Kleider treiben, die die Flut an Land spülte. Er ließ ein paar zusammengedrehte Bettlaken hinab, damit seine Schwester heraufkletterte.

 

Die Alte war unterdes mit ihrer Tochter am Hofe angekommen, und würde aus ihren Haaren kein Gold fallen, dann sollte der Junge sterben. Als das Mädchen dies erfuhr, sagte es zu seinem Bruder, er solle sehen, daß er vom Gefängniswärter feines Papier bekäme, aus dem sie Blumen machen könnte. Der Gefängniswärter brachte das Papier, und obwohl es blind war, fertigte das Mädchen einen wunderschönen Strauß voller Perlen und Gold, das ihr aus dem Haar fiel. Der Bruder bat den Gefängniswärter, jenen Strauß für ihn verkaufen zu lassen, nicht für Geld, sondern für ein Paar Augen. Man rief den Strauß aus und ein jeder wollte ihn haben, jedoch wagte niemand, seine Augen dafür zu geben. Nur als die Alte den Ausruf hörte, kaufte sie den Strauß für die Augen des Mädchens, die sie aufbewahrt hatte. Der Gefängniswärter brachte das Augenpaar, und das Mädchen setzte sie sich wieder ins Gesicht.

 

Es kam der Tag, an dem die Alte ihre Tochter am Hofe vorstellen mußte, jedoch fiel aus deren Haaren kein Gold. Der Knabe sollte daraufhin schon sterben, da ließ er den König bitten, daß er, wenn man ihm ein paar Frauenkleider gäbe, seine Schwester holen würde, welche die Alte hatte töten wollen. Man gab ihm das Gewand, und da brachte er aus dem Turm das Mädchen herbei, das sich vor dem König kämmte, und alle waren über jene Gabe und ihre große Schönheit erstaunt. Das Mädchen erzählte alles dem König, der sie fragte, was ihrem Wunsche nach mit der Alten geschehen sollte. »Ich will, daß man aus ihrer Haut eine Trommel macht, und aus ihren Knochen einen Stuhl, auf den ich mich setzen kann.«

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die kleine Schreinerin

Drei Schwestern lebten von ihrer Arbeit. Als sie sich eines Tages fragten, welche wohl die Geschickteste sei, da sagte die Älteste: »Ich besitze genügend Geschicklichkeit, um aus der Schalenhaut eines Eis ein Hemd für den König zu machen.« »Und ich getraue mir zu, ihm aus grüner Mandelschale eine Hose zu machen.« Darauf sagte die dritte: »Und ich getraue mir zu, drei Söhne vom König zu haben, ohne daß er es weiß.«

Es geschah, daß der König dort vorüberkam, als dieses Gespräch geführt wurde, und sogleich begehrte er Einlaß. Er sagte, daß er alles mitangehört habe, und befahl ihnen, ihm ihre Fähigkeiten zu beweisen. Die Jüngste antwortete ihm, daß dies, soweit es sie beträfe, einiger Zeit bedürfte, und der König zog fort und sagte, sie solle die Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Die beiden Schwestern waren über die Wette der Jüngsten bekümmert, aber sie versuchten, ihre Versprechen einzulösen. Die Jüngste erfuhr, daß der König den Hof verlassen und sich ein Jahr in Bule aufhalten würde.

 

Da lieh sie sich bei ihren Schwestern Geld, kaufte prächtige Kleider und erschien in Bule, ohne daß der König sie erkannte. Nach neun Monaten bekam sie einen Knaben. Nach einem Jahr sagte der König, daß er nach Toledo reisen würde, und daß er sie bei seiner Rückkehr zur Frau nähme, und er gab ihr beim Abschied viele Juwelen und Geld.

Der König reiste nach Toledo und als er dort ankam, war dort schon das Mädchen mit anderen Kleidern und verändertem Aussehen, und der König verliebte sich wieder in sie und sagte, sie sei schöner als alle Frauen, die er bisher gesehen habe. Nach neun Monaten kam wieder ein Kind. Als das Jahr zu Ende ging, reiste der König nach Sevilla, und da erschien das Mädchen wieder so schön herausgeputzt, daß es den König die schönste Frau dünkte, die es auf Erden gab. Da bekam sie dann einen dritten Knaben. Auf dem Heimweg zum Hof wollte der König nicht über Bule reisen, noch über Toledo, weil er den beiden anderen die Ehe versprochen hatte.

Als er bei Hofe einzog, waren die kleine Schreinerin und ihre Schwestern schon da, und sie staunten über die Reichtümer die er mitbrachte. Sie war es leid, auf den Besuch des Königs zu warten, der der Wette keinen Glauben geschenkt hatte.

 

Nach einiger Zeit wollte der König eine Prinzessin heiraten, und am Tage der Hochzeit schickte die kleine Schreinerin ihre drei Söhne an den Hof, und sie waren reich gekleidet mit allen Edelsteinen, die der König ihr geschenkt hatte. Sie sagte ihnen, sie sollten dem König die Hand küssen und stumm bleiben, und erst wenn der König sie danach fragen würde, was sie begehrten, sollten sie sagen:

Bule, Toledo und Sevilla;
wir kommen zur Hochzeit des Königs, unseres Vaters.

Die Knaben taten, wie ihnen geheißen. Der König verstand alles sogleich, erinnerte sich an die Wette und ließ die kleine Schreinerin kommen, mit der er sich voller Freude verheiratete.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Der kleine Hans

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal drei Brüder; einer von ihnen hieß der kleine Hans. Der kleine Hans war eine Handspanne groß, sein Bruder ein und eine halbe Handspanne und sein anderer eine halbe. Vater und Mutter starben; da zogen die drei in die Welt hinaus.

 

Sie kamen an das Schloß eines Königs und klopften an das Tor und fragten, ob der König wohl einen Diener brauche. Es war der König der Türken. Er fragte sie, ob sie lesen könnten. Sie antworteten: »Nein.« Da sie nicht lesen konnten, schickte der König sie wieder fort. Da gingen sie in ein anderes Schloß, um dort ihre Dienste anzubieten. Bei diesem König sagten sie, sie könnten lesen. Der König bestellte den kleinen Hans zum Buchhalter, den, der nur eine halbe Handspanne groß war, zum Gärtner und den, der ein und eine halbe Handspanne groß war, zum Aufseher über seine Feldarbeiter.

 

Die beiden Brüder waren sehr neidisch auf den kleinen Hans, weil er immer im Haus bleiben konnte und sie aufs Feld gehen mußten. Sie wollten nun dem kleinen Hans eine Falle stellen, um ihn zu töten. Sie gingen also zum König und sagten zu ihm, der kleine Hans sei imstande, dem Türkenkönig eine wunderschöne Decke, die er besaß, zu entwenden.

 

Der kleine Hans machte sich auf den Weg; aber der Türkenkönig hatte an seinem Schloßtor einen Papagei, der schrie immer, sobald er jemanden erblickte: »Du armer Türkenkönig wirst bestohlen!« Der kleine Hans kam an das Tor. Er hatte viele Kuchen bei sich, denn er wollte sehen, ob er den Papagei zum Schweigen brächte, und er fragte ihn, ob er Kuchen haben wolle. Der Papagei sagte ja, und der kleine Hans stieg zum Schloß hinauf und legte sich unter das Bett des Königs. In der Nacht begann er, die Decke bald nach der einen, bald nach der anderen Seite zu ziehen. Den König ärgerte dies so sehr, daß er schließlich die Decke auf den Fußboden warf. Sofort nahm der kleine Hans die Decke an sich und machte sich mit ihr auf und davon.

 

Als er durch das Tor entschwunden war und sich schon ein Stück vom Schloß entfernt hatte, kam es dem Papagei erst in den Sinn, zu rufen: »Eile herbei. Türkenkönig, du wirst bestohlen!« Der Türkenkönig erschien am Tor, erblickte den kleinen Hans noch und sagte zu ihm: »Geh nur zu, denn du wirst noch oft wiederkommen, bis du eines Tages hierbleibst.« Und der kleine Hans antwortete ihm:


»Ja, ich komme zurück, ich komme wieder, und eines Tages nehme ich dich selber mit.«

Er kam bei seinem König an und gab ihm die wunderschöne Decke. Als die Brüder sahen, daß er noch mit dem Leben davongekommen war, sagten sie zum König, Hänschen sei imstande, den Papagei zu holen, der das Schloßtor des Türkenkönigs bewache. Der kleine Hans ging wieder hin und hatte viel Kuchen bei sich und gab ihn dem Papagei und sagte zu ihm, er möge doch den Schnabel halten, wenn er ihn jetzt mitnehme. Als der Papagei die Kuchen gefressen hatte und der kleine Hans ihn mitnehmen wollte, rief der Papagei: »Eile herbei. Türkenkönig, du wirst bestohlen!« Der Türkenkönig erschien und nahm den kleinen Hans fest, führte ihn ins Schloß zurück, fesselte ihn an Händen und Füßen und sagte zur Köchin, sie solle den kleinen Hans schlachten und ihn zum Essen zubereiten. Dann ging der Türkenkönig wieder fort.

 

Und die Köchin machte sich daran, einen Schinkenknochen durchzusägen. Als der kleine Hans dies sah, sagte er: »Willst du ihn selbst durchsägen? Mach mir doch die Hände frei, dann säge ich dir den Knochen in einem Augenblick durch.« Da antwortete sie: »Nein, denn dann entfliehst du mir.« Und er sagte: »Das stimmt nicht; binde mir ruhig die Hände los, denn mit gefesselten Füßen kann ich doch nicht fliehen.« Da band die Köchin ihm die Hände los, und er machte sich schnell ganz frei. Er ging auf die Köchin zu, schlug ihr den Kopf ab, nahm den Körper und kochte ihn statt des seinen. Dann kämmte er die Haare ihres Kopfes und legte ihn ins Bett, so daß er nur ein wenig herausguckte. Dann ging er zum Papagei und schnitt ihm die Zungenspitze ab und sagte zu ihm, er werde ihn töten, falls er ein Sterbenswörtchen von sich gebe, wenn er ihn mitnehme. Dann versteckte sich der kleine Hans hinter dem Tor, und als der Türkenkönig wieder im Schloß war, nahm er schnell den Papagei und floh.

 

Und der Türkenkönig fand die Köchin tot vor, und er wurde sehr böse und zornig auf den kleinen Hans. Der kam indessen bei seinem König an und übergab ihm den Papagei. Da wurden die Brüder noch neidischer auf ihn und erklärten, der kleine Hans sei imstande, den Türkenkönig selbst zu holen. Der kleine Hans sagte ja, er wolle ihn wohl holen, aber man müsse ihm einen Wagen zurechtmachen, der mit sieben Schlüsseln zu verschließen sei. Dann stieg er in den Wagen, kam an das Tor des Türkenkönigs und fragte: »Wer will sehen, wie der kleine Hans getötet wird?« Der Türkenkönig sprang heraus und rief: »Ich, ich!« Der kleine Hans antwortete ihm, ohne sich zu zeigen: »Kommt hier in diesen Wagen hinein, dann seid Ihr eher da.«

 

Sobald der kleine Hans den Türkenkönig im Wagen hatte, verschloß er ihn mit den sieben Schlüsseln und sagte: »Wer will sehen, wie der Türkenkönig getötet wird?« Dann übergab er ihn seinem König. Der befahl nun, den Türkenkönig zu erschießen, und darauf erzählte der kleine Hans seinem König, daß er an allem ganz unschuldig sei und daß alles seine Brüder erfunden hätten. Der König fragte ihn, wie er nun seine Brüder dafür bestrafen wolle. Der kleine Hans antwortete, der König solle sie auf die Turmspitze steigen und da tanzen lassen. Kaum waren die Brüder oben angelangt, da fielen sie vom Turm herunter.


Als der König nun sah, daß der kleine Hans in allem sehr geschickt war, gab er ihm seine Tochter zur Frau.<

 

Quelle: Portugal

 

Das siebenfarbige Pferd

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Graf war im Maurenkrieg in Gefangenschaft geraten. Man brachte ihn zum König, damit dieser mit ihm tat, was ihm beliebte. Der König hatte drei Töchter, die alle sehr schön waren, und die baten den Vater, er möge den Gefangenen im Schloß lassen, bis man ihn freikaufen würde. Das älteste Mädchen suchte den Grafen auf und sagte ihm, daß sie ihn heiraten würde, wenn er sie irgendetwas lehrte, was sie nicht wüßte. Der Gefangene entgegnete: »Dann lehre ich dich meine Religion, und du kommst mit mir in mein Reich und wir heiraten.« Das wollte sie aber nicht. Das gleiche geschah auch mit der zweiten Tochter. Schließlich kam das jüngste Mädchen. Sie wollte die Religion erlernen, und sie vereinbarten, aus dem Schloß zu fliehen, ohne daß der König etwas erführe.
Da sagte sie: »Geh in den Pferdestall, da wirst du ein prächtiges siebenfarbiges Pferd finden, das so schnell läuft wie der Wind. Warte auf mich nachts im Hof, und dann gehen wir beide fort.«

So geschah es. Die Prinzessin erschien in ihren Maurenkleidern mit vielen Juwelen, und beim ersten Wort, das sie sagte, begab sich das siebenfarbige Pferd in die Nähe der Stadt, in der der gefangene Graf beheimatet war. Vor der Stadt gab es ein grosses, sandiges Gelände. Der Graf stieg vom Pferd und sagte der Maurenprinzessin, sie solle dort auf ihn warten, während er in seinem Palast geeignete Kleider holte, um bei Hofe zu erscheinen, denn er trug immer noch die Gefangenen- und sie die Maurenkleider. Sobald die Prinzessin das vernahm, brach sie in heftige Tränen aus: »Um alles in der Welt, laß mich nicht hier zurück, denn du wirst mich vergessen!« »Wie sollte das geschehen?« »Sobald du dich von mir trennst, und irgend jemand dich umarmt, wirst du mich auf der Stelle gänzlich vergessen.« Der Graf versprach, daß er sich von niemandem umarmen lassen würde, und ging fort.

Sobald er jedoch in den Palast kam, erkannte ihn seine Amme, und voller Freude ging sie auf ihn zu und umarmte ihn von hinten. Mehr war nicht vonnöten; niemals mehr konnte er sich an die Prinzessin erinnern. Sie war auf dem Sandgelände geblieben und ging auf eine Hütte zu, wo eine arme Frau lebte, die sie aufnahm und gut behandelte. Dort hörte sie, daß der Graf im Begriff war, eine schöne Prinzessin zu heiraten, und am Vorabend der Hochzeit bat die Maurin den Sohn der Alten, er möge das siebenfarbige Pferd auf dem Platz vor der Kirche spazierenführen, in der sie heiraten sollten. So geschah es. Als der Bräutigam mit dem Gefolge kam, staunte er, ein so schönes Pferd zu sehen und wollte es von nahem sehen. Der Junge, der es spazierenführte, sagte dabei:

Geh, Pferdchen, geh!
Und vergiß nicht zu gehen,
so wie der Graf die Maurin
im Sande vergaß.

Sogleich erinnerte sich da der Graf des Schicksals, das über ihn verhängt worden war, er löste die Vermählung mit der Prinzessin und suchte die Maurin, mit der er sich verheiratete, und sie waren sehr glücklich miteinander.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Der Drache mit den sieben Köpfen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Königssohn, der war befreundet mit dem Sohn eines Schusters; sie spielten immer zusammen, und der Prinz schämte sich nicht, sich überall mit dem Schusterssohn zu zeigen. Der König war über diese Vertraulichkeit nicht erfreut, und er gab dem Schuster eine Menge Geld und befahl ihm, seinen Sohn wegzuschicken. So kam der Bursche fort. Doch sobald der Prinz davon erfuhr, verließ er das Schloß und zog in die Welt hinaus, auf der Suche nach seinem Freund. Nach einiger Zeit fand er ihn; die beiden begrüßten sich aufs herzlichste und machten sich dann gemeinsam auf den Weg.

 

Unterwegs trafen sie ein hübsches Mädchen, das war an einen Baum gefesselt. Kaum erblickte der Prinz sie, war er in sie verliebt. Er fragte sie, wer sie nur dort hingebracht habe. Sie antwortete, das könne sie nicht sagen, und dann bat sie ihn, sie zu retten. Der Prinz erkannte, daß sie von königlichem Blut war, und er beschloß, sie zu heiraten. Er setzte sie zu sich auf seinen Sattel, und die drei ritten davon. Sie übernachteten in einem Wald, dort, wo drei Kreuze standen. Der Prinz und das edle Fräulein schliefen gleich ein, aber der Schusterssohn hielt sich wach, um zu sehen, was sich in der Nacht ereignen würde.

 

Mitten in der Nacht sah er drei Tauben herbeifliegen und eine jede sich auf ein Kreuz setzen. Die erste Taube sagte: »Der Prinz denkt daran, sich mit einem Fräulein zu verheiraten. Aber wenn sie an einem Apfelsinenbaum vorbeikommt, wird sie um eine Apfelsine bitten, und wenn sie sie ißt, wird sie sterben:


Und wer dies hört und kann nicht still sein,
wird verwandelt in Marmorstein.«

 

Die zweite Taube sagte: »Das ist noch nicht alles. Sie wird an einer Quelle vorbeikommen und um Wasser bitten. Und wenn sie von dem Wasser trinkt, wird sie sterben:


Und wer dies hört und kann nicht still sein,
wird verwandelt in Marmorstein.«

 

Die dritte Taube sagte: »Das ist noch nicht alles. Wenn sie dem nun entgehen sollte und nach Hause kommt, wird in der Hochzeitsnacht ein Drache mit sieben Köpfen kommen und sie töten:


Und wer dies hört und kann nicht still sein,
wird verwandelt in Marmorstein.«

 

Der Schusterssohn hörte alles, und als es Morgen wurde, sagte er zum Prinzen, es sei besser, in die Heimat zurückzukehren, weil der König sicherlich sehr traurig sei; dann werde er seinem Sohn auch verzeihen und in die Hochzeit mit dem Fräulein einwilligen, weil sie von königlichem Geblüt war. Der Prinz ließ sich von dem Schusterssohn überzeugen, und sie machten sich zusammen auf den Heimweg. Sie kamen an einem Apfelsinenbaum vorbei, und es geschah, wie die Taube gesagt hatte; aber der Schusterssohn erklärte, diese Apfelsinen seien nicht käuflich, und so ritten sie weiter. Sie kamen an einer Quelle vorbei, dort wollte das edle Fräulein trinken, genau wie die andere Taube vorausgesagt hatte, aber der Schusterssohn erklärte, er habe nichts da, um das Wasser herauszuschöpfen.

 

So kamen sie schließlich in das Schloß. Der König war von Herzen froh, als er seinen Sohn wiedersah, verzieh ihm, und als er hörte, daß er auf den Rat des Schusterssohnes nach Haus gekommen sei, gab er ihm die Erlaubnis, mit seinem Freund zusammen im Schloß zu wohnen. Der Prinz bat seinen Vater nun um Erlaubnis zur Heirat mit dem Fräulein, das er gerettet hatte, denn sie sei von königlichem Blut. Der Vater erklärte, er wolle die Erlaubnis erst nach sechs Monaten geben, wenn er das Fräulein besser kennen- und schätzengelernt habe. Natürlich heiratete der Prinz sie dann, und er fragte den Schusterssohn, was er am Hochzeitstag von ihm als Geschenk haben wolle. Der sagte, er wünsche sich nur eines, er möchte in der Hochzeitsnacht im gleichen Zimmer mit dem Hochzeitspaar schlafen.

 

Das ging dem Prinzen schwer an, aber er willigte dann doch ein. Der Freund legte sich nun mit einem verhüllten Schwert im Zimmer an der Tür schlafen, und als das Brautpaar eingeschlafen war, sah er bald einen großen Drachen mit sieben Köpfen hereinkommen. Da er das schon erwartet hatte, versetzte er dem Ungeheuer einen wohlgezielten Hieb und tötete es; aber ein Tropfen Blut spritzte dabei gerade ins Gesicht der schlafenden Prinzessin. Der Schusterssohn versuchte, das Blut, das auf den Erdboden getropft war, wegzuwischen, und als er nun den Tropfen im Gesicht der Prinzessin sah, wollte er ihn mit dem Zipfel eines feuchten Handtuches abwischen.

 

Bei dieser Berührung erwachte die Prinzessin und rief entsetzt zu ihrem Gemahl: »Räche mich an deinem besten Freund, er hat mir einen Kuß gegeben!« Der Prinz sprang zornentbrannt auf und will seinen Freund erschlagen, den er für einen Verräter hielt. Der aber bittet ihn, die Strafe aufzuschieben, damit er den Fall vor versammeltem Hof klären könnte. Man rief alle zusammen, und der Bursche begann zu erzählen, was er wußte, und dabei verwandelte er sich allmählich in Marmor.

 

Alle waren von Herzen traurig, daß seine Freundestreue so schlecht vergolten wurde, und der Prinz beschloß, das Marmorbild, das sein bester Freund gewesen war, im Schloßgarten aufzustellen. Wenn seine Kinder im Garten spielten, setzte er sich vor das Bild, weinte vor Kummer und sprach: »Wenn ich doch meinen Freund wieder lebend bei mir haben könnte!« —

 

»Willst du ihn wieder lebend bei dir haben«, so sprach eine Stimme, »dann töte deine Kinder und reibe diesen Stein mit unschuldigem Blute ein!« Der Prinz zögerte, aber voll Vertrauen in die Macht der Freundschaft erwürgte er schließlich seine Kinder; da begann das Bild sich zu bewegen, und sein Freund stand wieder lebendig vor ihm. Beide fielen einander in die Arme, und als der Prinz da hinblickte, wo seine Kinder gespielt hatten, sah er sie fröhlich weiterspielen. Nur um den Hals hatten sie einen roten Streifen. Die beiden Freunde trennten sich niemals wieder, und von nun an lebten sie alle glücklich zusammen.

 

Quelle: Portugal

 

Der Soldatengraf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Nähe des Königspalastes wohnte ein armer Soldat. An dem Tage und zu der Stunde, da dem König ein Sohn geboren wurde, bekam auch die Frau des Soldaten einen Sohn. Es geschah, daß beide enge Freunde wurden, und da der König gerecht war und ein gutes Herz hatte, gestattete er, daß der Soldat und seine Frau in den Palast zogen, damit die beiden Kinder zusammen spielen konnten. Alle im Palast nannten den Knaben den Soldatengrafen. Er begleitete den Prinzen zu allen Festen und auf allen Jagden.

 

Einmal befand sich der Prinz auf der Jagd, und die Kehle brannte ihm vor Durst. Der Soldatengraf ging, um ihm Wasser zu holen. Kurz darauf kam er mit einem hübschen Krug voll frischen Wassers zurück. »Wer hat dir einen so schönen Krug gegeben?« »Das war in einer armseligen Hütte. Was gar würdet Ihr tun, Prinz, wenn Ihr die kleine Hand sähet, die ihn mir gab!« Beide gingen, den Krug zur Hütte zurückzubringen, und der Prinz entbrannte sogleich voller Leidenschaft für ein wunderschönes Mädchen, das dort wohnte.

 

Er verliebte sich in sie und besuchte sie heimlich, bis er ihr schließlich versprach, sie zu heiraten, um alles zu bekommen, was er wünschte. Da er aber fürchtete, daß der König von dieser Liebschaft erfahren könnte, kehrte er nie wieder zu der Hütte zurück, aber er war sehr traurig und voller Sehnsucht.

 

Das Mädchen, das nicht wußte, daß ihr Liebster der Prinz war, kam an den Hof und warf sich dem König zu Füßen, damit er ihr hülfe:

 

Als Gottes Dienerin nehme ich an,
daß Ihr auf Erden der König seid
und ohne Arg stets
Gerechtigkeit widerfahren laßt.
So hört den, hoher König,
daß mir ein Ritter
mit wahrhaftiger Liebe
beteuerte, mein Ehemann zu werden;
und er betrat mein Gemach
und erreichte, was er im Sinne führte.
Und ich, geringe Magd,
gedemütigt und entehrt
in dieser unbeständigen Welt,
bitte zu Euren Füßen um Rache.

 

Der König antwortete:

Erhebt Euch, edle Dame,
Ihr werdet Ansehen und guten Ruf wiedererlangen,
denn der, der Euch entehrt hat,
wird hart bestraft werden.

 

Und er ließ den Prinzen rufen, der im Garten spazierenging, damit er vor ihm erschiene. Der Prinz kam und seufzte:

An sie nur denke ich,
für sie leide ich.

 

Der Soldatengraf, der ihn begleitete, sagte: »So sehnt Ihr Euch also nach einer armen Schäferin!« »Schweigt, mein Freund, Ihr wart auch Soldat, und mein Vater machte Euch zum Grafen, ohne daß Ihr es verdient hättet.«

 

Als er vor dem König erschien, erzählte er ihm alles, und der König befahl ihm, die Schäferin zu heiraten.

 

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Das Beil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine Frau, die hatte eine Tochter. Die Tochter sollte heiraten, und am Abend vor der Hochzeit gaben die Eltern für den Bräutigam ein Essen. Als sie nun schon bei Tisch saßen, fiel ihnen ein, dass sie keinen Wein hatten. Die Mutter schickte die Tochter in den Weinkeller, den sie der Tochter in dem Haus, wo sie als Ehefrau wohnen sollte, vermacht hatten. Die Tochter stand auf, um den Wein zu holen. Sie ging in den Keller, öffnete den Hahn des Fasses und stellte einen Krug darunter. Dann stieg sie nach oben in die Wohnung, in der sie vom nächsten Tag ab wohnen sollte. Sie bestimmte die einzelnen Zimmer, und in dem, das sie für sich bestimmt hatte, sah sie an der Decke ein Beil hängen.

 

Da dachte das Mädchen. "Ich verheirate mich nun, und dann bekomme ich ein Kind; aber da hängt dieses Beil, das fällt dem Kind auf den Kopf und wird es töten." Und wie sie dies so dachte, verging die Zeit. Die Eltern und der Bräutigam, die allmählich des Wartens überdrüssig wurden, sagten: "Unsere Tochter bleibt ja lange aus. Wir müssen nachsehen, was sie macht."

 

Die Mutter ging geradewegs in den Keller und sah, wie der Krug voll war und der Wein schon auf den Boden floss. Doch anstatt den Hahn zuzumachen, ließ sie ihn offen und suchte ihre Tochter. Sie lief nun durch alle Räume und fand sie schließlich in dem einen Zimmer, wie sie das Beil betrachtete. "Was machst du denn hier, Tochter? Wir alle warten ungeduldig bei Tisch auf dich, und du erscheinst nicht!" - "Hör mal, Mutter, morgen verheirate ich mich, dann bekomme ich ein Kind; hier richten wir unser Schlafzimmer ein, und da hängt nun dies Beil, das fällt dem Kind auf den Kopf und tötet es." - "Ja, das ist wahr, Tochter, da hast du recht!" Und so standen sie lange Zeit, bis auch dem Vater das Warten zu lange wurde und er zum Bräutigam sagte: "Jetzt will ich einmal hingehen und nachsehen."

 

Er ging geradeswegs in den Keller und sah, wie der Wein auf den Boden floss und der Hahn geöffnet war. Aber anstatt ihn zuzumachen, ging er auch fort und suchte Frau und Tochter. Nachdem er durch alle Räume gelaufen war, traf er sie in dem Zimmer, wo sie beide das Beil betrachteten. "Was soll denn das, Frau? Alle warten wir, und der Wein fließt auf den Boden." - "Hör mal, Mann, unsere Tochter verheiratet sich morgen; dann bekommt sie ein Kind; aber hier hängt nun dieses Beil, das fällt dem Kind auf den Kopf und tötet es." Der Mann betrachtete nun auch das Beil an der Decke, und so standen sie lange Zeit, bis dem Bräutigam das Warten zu lange wurde und er auch in den Keller ging.

Als er dort hinkam, sah er den Wein herauslaufen und alles überschwemmen.

 

Er ging an das Fass, machte den Hahn zu und suchte nun die anderen. Er fand sie in dem Zimmer, und sobald er eintrat, sprach der Vater der Braut zu ihm: "Hör mal, Schwiegersohn, wir dachten gerade darüber nach, dass sich morgen unsere Tochter verheiratet; dann bekommt sie ein Kind, und dann fällt das Beil, das da oben hängt, dem Kind auf den Kopf und tötet es. Dies ist meiner Tochter eingefallen. Sie ist immer so klug!" - "Das ist sie", antwortete der Bräutigam, "aber behaltet sie nur; ich will mir eine andere suchen, und wenn ich keine klügere finde, heirate ich sie doch noch." Die Eltern und die Braut wurden sehr traurig darüber, und der Bräutigam ging fort.

 

Auf seiner Reise sah er eine Alte mit einer Kerze in der Nase. Da fragte er: "Warum hast du die Kerze in der Nase?" - "Ja, ich geh jeden Tag fort, und wenn ich abends nach Hause komme, mag ich nicht immer die Kerze suchen, die ich nie finden kann; deshalb trage ich sie in der Nase, dann hab ich sie abends immer zur Hand, wenn ich nach Hause komme." - "Das lass nur gut sein, liebe Alte, ich will es dir in Ordnung bringen. Wenn du jetzt nach Hause kommst, steck die Kerze an einen Nagel hinter der Tür. Dann findest du sie immer wieder." Die Alte war sehr froh darüber, denn so etwas war ihr noch nie eingefallen.

 

Der junge Bursche zog nun seines Weges weiter. Da sah er mehrere Männer, die warfen in großen Mengen Eier gegen eine Erdmauer. Er wunderte sich darüber und fragte sie, warum sie dies täten. Sie antworteten, sie wollten die Mauer umwerfen und würfen nun schon acht Tage Eier dagegen, ohne dass sie umfiele. "Aber seid doch nicht dumm! Besorgt euch eine Hacke, dann fällt die Mauer in einem Augenblick." Dies taten sie; sie holten eine Hacke, und in einem Nu war die Mauer dem Erdboden gleich. Da waren die Männer sehr froh, und der junge Bursche wanderte weiter.

 

Unterwegs sah er eine Alte mit einem Korb gehen. Als die Sonne auf sie schien, öffnete sie den Korb, und danach schüttete sie den Inhalt in eine Kiste. Da er nicht wusste, was das zu bedeuten habe, fragte er sie danach. Die Alte antwortete ihm, sie speichere Sonne für den Winter auf, weil ihre Wohnung im Winter kalt sei. "Komm her, Alte", sagte er, "ich bringe es schon in Ordnung, denn so hat es keinen Zweck. Ich will es einrichten, dass du das ganze Jahr über Sonne hast." Er stieg auf das Dach und deckte die Ziegel ab, und die Alte war sehr froh, denn nun hatte sie das Haus voller Sonne.

 

Und der junge Bursche wanderte weiter. Unterwegs sah er einen Mann und mehrere Frauen, die vergruben eine Menge Sardinen. Er ging auf sie zu und fragte sie, was sie machten. "Ja, nun, hier gibt es im Winter keine Fische", sagten sie, "und wir machen dies, damit wir dann welche haben." Da sagte der junge Bursche zu ihnen, es sei besser, einen Korb mit Salz zu holen und die Fische darin aufzubewahren, denn auf diese Art würden sie nicht verderben. Das taten sie dann auch und waren ihm für seinen guten Rat sehr dankbar.

 

Der junge Bursche ging weiter. Nach einiger Zeit sah er viele Leute um eine Kirche herumstehen. Er fragte sie, was diese Ansammlung zu bedeuten habe; man antwortete ihm, es sei ein Mädchen da, die solle verheiratet werden, aber da sie größer als die Tür sei, müsse man entweder der Braut den Kopf oder dem Pferd die Beine abschlagen. "Das ist nicht nötig", sagte er, "es genügt, dass die Braut sich tief duckt, um durch die Tür zu kommen." Das Mädchen tat dies, und in dem Augenblick gab er dem Pferd einen Schlag auf den Rücken, so dass die Braut ohne Schwierigkeit in die Kirche kam. Da waren alle sehr froh, dankten ihm für seinen guten Rat, und er sah zu, wie die Braut verheiratet wurde.

 

Dann kehrte er nach Haus zurück, und da dachte er, dass die Braut, die er im Stich gelassen hatte, doch gar nicht so dumm sei wie all die Leute, die er unterwegs getroffen hatte. Und er ging zu ihrem Vater, bat ihn um Verzeihung und heiratete sie. Wegen des Beils, sagte er, solle sie sich keine Sorgen machen, denn er wolle es von der Decke herunterholen, damit es dem Kind nicht auf den Kopf falle.

 

Quelle: Märchen aus Portugal

 

Das stumme Mädchen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Mann, der hatte zwei Töchter. Die Jüngere war sehr hübsch und die Ältere sehr häßlich, und darum mochte sie ihre Schwester nicht und konnte sie nicht ausstehen. Beim Vater schmiedete die Häßliche Ränke gegen sie, und der Vater glaubte alles, was sie ihm sagte. Eines Tages entsann sie einen verräterischen Plan gegen ihre Schwester, um sie ins Verderben zu stürzen.

In jener Gegend lebte ein großer Taugenichts, der alle Mädchen verführte, und die häßliche Schwester sagte der Jüngeren, sie solle zu jenem Hause gehen, denn dort würde eine Familie in Schande und großer Armut leben, der sie helfen könnte, denn sie hatte ein gutes Herz. Sobald ihre Schwester ausging, jener Familie zu helfen, benachrichtigte die Ältere den Vater. Dieser ging ihr entgegen und argwöhnte, was nicht geschehen war. Voller Verzweiflung über seine Schande beschloß der Vater, seine Tochter zu töten, und er erteilte einem Diener den Befehl, sie in einen Wald zu führen, um das arme Mädchen dort umzubringen.

Der Diener hatte jedoch Mitleid mit ihr und ließ sie inmitten des Waldes nur in Begleitung einer Hündin zurück, die sie sehr mochte, und welche sie nie verließ. Das Mädchen lebte einige Zeit in einer Grotte und ernährte sich von Kräutern. Als der König eines Tages auf der Jagd war, erblickte er eine Hündin, und er befahl, ihr Brot zu geben. Die Hündin schnappte das Brot und entfloh, um es ihrer Herrin zu bringen. Nach einiger Zeit erschien die Hündin dem König an anderer Stelle, man gab ihr wiederum Brot, und sie entfloh erneut. Der König befahl, der Hündin nachzusetzen, um herauszubekommen, wohin sie lief, und wie groß war nicht das Erstaunen, als man ein so schönes Mädchen fand, das so unglücklich zu sein schien.

Nun wurde noch vergessen zu erzählen, daß das Mädchen gelobt hatte, sieben Jahre lang nicht zu sprechen, wenn sie mit dem Leben davonkäme und aus jenen Leiden erlöst würde. Als der König sie fand und ihr Fragen stellte, gedachte sie ihres Gelöbnisses und sprach nicht ein Wort. Der König nahm sie mit in sein Schloß, denn er hatte grossen Gefallen an ihr gefunden, und er verliebte sich so sehr, daß er das Mädchen um alles in der Welt heiraten wollte. Die Mutter des Königs riet ihm jedoch, sie erst dann zu heiraten, wenn sie ihre Sprache wiedergefunden hätte.

Nach langer Zeit, kurz bevor die sieben Jahre um waren, hielt der König, der die Hoffnung verloren hatte, um eine Prinzessin an, und er ging mit dem ganzen Hofe, um sie abzuholen. Da ließ das Mädchen sich ein Kleid mit einem ganz weiten Ärmel anfertigen, und am Tage, als der König zurückkehrte, empfing sie die Brautleute auf der Treppe. Sobald die Prinzessin sie erblickte, brach sie in Gelächter aus und sagte:

Seht doch das stumme Mädchen,
sie trägt einen Kochtopf im Ärmel!

Sogleich antwortete das Mädchen:

Seht doch die vorlaute Prinzessin,
die, kaum daß sie eintritt, übel spricht.
Und in den sieben Jahren, die ich hier bin,
sind dies die ersten Worte, die ich spreche.

Der Prinz war über das, was er sah, erstaunt. Er löste sogleich seine Vermählung mit der Prinzessin und heiratete das Mädchen, wie er es sich so sehr gewünscht hatte.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Der Granatbaum des Affen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Affe, der saß auf einem Ölbaum und fraß einen Granatapfel. Da fiel ein Kern des Apfels auf die Erde neben dem Olivenbaum, und nach kurzer Zeit wuchs aus der Erde ein kleiner Granatbaum hervor. Als der Affe dieses Bäumchen erblickte, ging er zum Besitzer des Ölbaums und sagte zu ihm: »Fäll den Ölbaum, mein Granatbaum wächst sonst nicht!« Und der Mann antwortet: »Ich denke nicht daran.«
Da ging der Affe zum König und sagte: »König, nimm dem Richter sein Amt, er verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« Und der König antwortet: »Ich denke nicht daran.«


Da ging der Affe zur Königin: »Königin, erzürne dich mit dem König, er nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst nicht.« Und die Königin antwortet: »Ich denke nicht daran.«
Da ging der Affe zur Maus: »Maus, nage am Rock der Königin, sie erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« Und die Maus antwortet: »Ich denke nicht daran.«


Da ging er zur Katze: »Hör, Katze, friß die Maus, sie nagt am Rock der Königin nicht, die erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« Und die Katze antwortet: »Ich denke nicht daran.«


Da ging er zum Hund: »Hör, Hund, beiß die Katze, sie frißt die Maus nicht, die nagt am Rock der Königin nicht, die erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht,der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« Und der Hund antwortet: »Ich denke nicht daran.«
Da ging er zum Knüppel und sagte: »Knüppel, hau den Hund, der beißt die Katze nicht, die frißt die Maus nicht, die nagt am Rock der Königin nicht, die erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« — »Ich denke nicht daran.«


Da ging er zum Feuer: »Feuer, verbrenn den Knüppel, er haut den Hund nicht, der beißt die Katze nicht, die frißt die Maus nicht, die nagt am Rock der Königin nicht, die erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« — »Ich denke nicht daran.«


Da ging er zum Wasser: »Hör, Wasser, lösch das Feuer, es verbrennt den Knüppel nicht, der haut den Hund nicht, der beißt die Katze nicht, die frißt die Maus nicht, die nagt am Rock der Königin nicht, die erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« — »Ich denke nicht daran.«


Da ging er zum Ochsen: »Hör, Ochse, trink das Wasser, es löscht das Feuer nicht, das verbrennt den Knüppel nicht, der haut den Hund nicht, der beißt die Katze nicht, die frißt die Maus nicht, die nagt am Rock der Königin nicht, die erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« — »Ich denke nicht daran.«
Da ging er zum Schlachter: »Schlachter, töte den Ochsen, er trinkt das Wasser nicht, das löscht das Feuer nicht, das verbrennt den Knüppel nicht, der haut den Hund nicht, der beißt die Katze nicht, die frißt die Maus nicht, die nagt am Rock der Königin nicht, die erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.« — »Ich denke nicht daran.«


Da ging er zum Tod: »Hör, Tod, hol den Schlachter ab, er tötet den Ochsen nicht, der trinkt das Wasser nicht, das löscht das Feuer nicht, das verbrennt den Knüppel nicht, der haut den Hund nicht, der beißt die Katze nicht, die frißt die Maus nicht, die nagt am Rock der Königin nicht, die erzürnt sich mit dem König nicht, der nimmt dem Richter sein Amt nicht, der verhaftet den Mann nicht, der fällt den Ölbaum nicht, und mein Granatbaum wächst dann nicht.«


Der Tod ging zum Schlachter, um ihn abzuholen; der sagte: »Hol mich nicht ab, ich will den Ochsen töten.«
Der Ochse sagte: »Töte mich nicht, ich will das Wasser trinken.«
Das Wasser sagte: »Trink mich nicht, ich will das Feuer löschen.«
Das Feuer sagte: »Lösch mich nicht, ich will den Knüppel verbrennen.«
Der Knüppel sagte: »Verbrenn mich nicht, ich will den Hund hauen.«
Der Hund sagte: »Hau mich nicht, ich will die Katze beißen.«
Die Katze sagte: »Beiß mich nicht, ich will die Maus fressen.«
Die Maus sagte: »Friß mich nicht, ich will den Rock der Königin annagen.«
Die Königin sagte: »Nag nicht an meinem Rock, ich will mich mit dem König erzürnen.«
Der König sagte: »Erzürne dich nicht mit mir, ich will dem Richter sein Amt nehmen.«
Der Richter sagte: »König, nimm mir mein Amt nicht, ich will den Mann verhaften.«
Der Mann sagte: »Richter, verhafte mich nicht, ich will den Ölbaum fällen.«
Und der Mann fällte den Ölbaum, und der Affe bekam seinen Granatbaum.

Quelle: Portugal

Die kleine Sardine

Eine Frau hatte drei Töchter. Mit zweien ging sie zur Arbeit, und die Jüngste blieb im Haus, um sich um das Essen zu kümmern. Sie kaufte für zehn Reis Sardinen und wollte sie auf dem Rost braten. Als sie in der Glut lagen, sprang eine der Sardinen auf den Boden. Das Mädchen hob sie auf und legte sie wieder auf den Rost. Kurz darauf machte sie wieder einen Satz und sie stöhnte auch. Halb erschreckt hob das Mädchen die Sardine vom Boden auf. Diese sagte ihr: »Töte mich nicht! Nimm mich und bring mich an das Meeresufer, und folge dem Weg, der sich dir darbietet.«

Das Mädchen machte sich auf den Weg, und sowie sie die kleine Sardine in das Meer geworfen hatte, öffnete sich eine breite Straße. Sie folgte diesem Weg in das Meer hinein und stieß auf einen großen Palast, wo es viele gedeckte Tische gab. Sie ging durch alle Säle, sah viele Juwelen, viele Reichtümer, aber das Meer hatte sich wieder geschlossen, und sie konnte nicht mehr zurückkehren. Sie blieb da und schlief in einem sehr reichen und ganz weichen Bett, das sie fand. Um sich die Zeit zu vertreiben kleidete sie sich aus und zog die äußerst kostbaren Kleider an, die dort aufbewahrt wurden. Alle Tage erschien bei ihr ein Mann in Gestalt eines Negers und fragte sie, ob sie zufrieden sei. »Zufrieden? Was mir Kummer macht ist der Gedanke, daß meine Mutter und meine Schwestern den ganzen Tag arbeiten um etwas essen zu können, und ich bin hier!« »Nun gut,« sagte ihr der Neger, »nimm so viel Geld mit, wie du willst, besuche deine Mutter und deine Schwestern, aber bleibe dort nicht länger als drei Tage.«

Und wiederum öffnete sich die Straße im Meer. Das Mädchen kam nach Hause, erzählte alles, und die Mutter freute sich sehr über das Geld. Die Schwestern stellten ihr tausend Fragen über das, was es in dem Schloß gab, und ob sie keine Angst hatte, Nachts allein zu bleiben. Sie antwortete, daß sie einen sehr tiefen Schlaf habe. Die Schwestern entgegneten: »Das liegt daran, daß man dir etwas in den Wein tut, was dich schlafen macht. Tu so, als ob du trinkst, aber schütte den Wein weg, damit du siehst, was Nachts im Schloß geschieht.«

Als die drei Tage um waren, kehrte sie durch die im Meer geöffnete Straße zurück und ging in den Palast hinein. Sie aß und speiste und tat so, als ob sie trank. Als sie sich hinlegte, fühlte sie sich schon nicht mehr so schläfrig, und sie merkte, daß jemand sich neben sie legte. Sie bekam einen tüchtigen Schreck und verhielt sich ganz still. Als alles ganz ruhig war zündete sie eine Kerze an um zu sehen, wer das war. Es war ein sehr schöner Prinz. Sie neigte sich über ihn, um ihn besser zu sehen, und dabei fiel ihm ein Tropfen Wachs ins Gesicht. Da wachte er auf:

»Oh, Grausame, es fehlten nur noch acht Tage, um meinen Zauber zu brechen. Damit ich mich jetzt von meinem Zauber befreien kann, ist es erforderlich, daß du meinetwegen große Mühsal erleidest, ohne dich je zu beklagen. Da, nimm dieses Haar. Wenn du dich in irgendeiner Bedrängnis sehen solltest, aus der du dich nicht befreien kannst, dann sage: 'Der, der mir dieses Haar gegeben hat, steh' mir bei!'«

In diesem Augenblick verschwanden der Prinz und der Palast, und das Mädchen befand sich ganz allein inmitten eines freien Feldes. Eine Gruppe Schwarzer kam vorüber, die ihren Spaß mit ihr trieben und sie an den Haaren zogen. Das Mädchen erlitt alles, ohne ein Wort zu sagen. Ein Tagelöhner kam des Wegs, und sie schlug ihm vor, ihre mit Brillanten besetzten Kleider gegen die Sachen des armen Mannes einzutauschen, und so in anderer Kleidung ging sie und stellte sich im Hause des Königs als Gärtner vor.

Die Königin fing an, den Gärtner zu mögen, da er ein hübsches Gesicht hatte, aber da er ihre Zuneigung nicht erwiderte, klagte sie beim König, daß es nötig sei, ihn töten zu lassen, denn er habe sich sehr böser Dinge erdreistet. Der König befahl, den Gärtner zu foltern, damit er seine Taten gestand, aber jener litt alles und stritt alles stets ab. Die Königin bestand darauf, daß man ihn aufhing. Als er schon auf dem Wege zum Galgen war, erinnerte er sich und sprach: »Der, der mir dieses Haar gegeben hat, steh' mir bei!«

Die Hinrichtung wurde beim Lärm einer Kutsche unterbrochen, welche eine hochgestellte Person herbeibrachte, die Befehl gab, mit allem einzuhalten. Diese nahm den Gärtner mit in das Schloß und sagte dem König, daß er unmöglich die Dreistigkeiten begangen haben konnte, deren ihn die Königin beschuldigte; vielmehr möge er die Kammerfrauen befragen. So geschah es, und die Königin wurde auf einen Scheiterhaufen geworfen. Aufgrund der Beständigkeit, mit der das Mädchen alles ertragen hatte, brach der Zauber und der Prinz heiratete sie aus Dankbarkeit.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die Braut des Raben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gab in einem Ort eine Frau, die lebte mit einem Raben zusammen. Ihr gegenüber wohnten drei sehr hübsche Mädchen. Da der Rabe sich verheiraten wollte, ließ er die Älteste fragen, ob sie seine Frau werden wollte. Nein, antwortete diese, und der erzürnte Rabe pickte ihr die Augen aus. Das gleiche geschah mit der zweiten, bis die dritte schließlich es auf sich nahm, den Raben zu heiraten.

 

Einige Zeit später, als sie schon in seinem Hause lebten, unterhielt sich das Mädchen mit einer Nachbarin über ihren Verdruß, mit einem Raben verheiratet zu sein. Die Nachbarin riet ihr, ihm die Federn anzusengen, denn es konnte womöglich Zauberwerk sein, und so würde der Zauber gebrochen. Als die zwei sich abends zu Bett begaben, hielt das Mädchen die Kerze an die Federn des Raben. Dieser fuhr mit einem lauten Schrei aus dem Schlaf: »Ach, du hast meine Verzauberung erneuert! Wenn du mich retten willst, dann tritt an jenes Fenster und rufe alle Vögel, die du siehst, herbei und bitte sie: 'Kommt, Vögel, kommt euch auszuziehen, um den König, der nackt ist, zu kleiden.'« Tatsächlich ließen die Vögel sich an dem Fenster nieder, und ein jeder ließ eine Feder fallen, mit der der Rabe sich bekleidete. Als er wieder ganz gefiedert war, schlug er mit den Flügeln und verschwand, wobei er zu seiner Frau sagte:

 

Wenn du mich nun wiedersehen willst,
dann mußt du eiserne Schuhe zerschleißen.

 

Das arme Mädchen verbrachte jene Nacht ganz allein, und sobald es hell wurde, ging sie ein Paar eiserne Schuhe kaufen, und zog in die Welt hinaus. Sie hatte die Schuhe durch ihr vieles Laufen schon fast ganz abgenutzt, da begegnete sie einem alten Mann und fragte ihn, ob er nicht einen Vogel gesehen habe. Der Alte erwiderte: »Ich komme von der Perlmutterquelle, da gab es einige.« Sie setzte ihren Weg fort, und bevor sie zu der Quelle kam, begegnete sie einem Raben, der ihr sagte: »Schau, wenn du den König retten willst, dann geh zur Quelle. Dort wird eine Wäscherin sein und ein Federkleid waschen, nimm es ihr weg und wasche du es. Bei der Quelle ist ein Haus und ein alter Mann, der es hütet. Geh hinein und töte den Alten, damit du alle Vogelkäfige zerbrechen kannst und den Vögeln, die er dort gefangenhält, die Freiheit schenken kannst.«

 

Das Mädchen gelangte zu der Quelle und tat, wie ihm der Rabe geheißen hatte. Sie wusch das Federkleid und betrat dann das Haus, in dem der Alte war. Sie tat so, als sähe sie auf dem Meer ein schönes Schiff, und als der Alte ans Fenster trat, packte sie ihn bei den Beinen und warf ihn ins Meer. Danach zerbrach sie alle Käfige, und die befreiten Vögel verwandelten sich in Prinzen, die verwunschen gewesen waren, und unter ihnen befand sich auch ihr Mann, der war der König, und er erlegte ihnen auf, seiner Frau das ganze Leben lang zu dienen.

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Doktor Grille

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eines Tages ging über die Brücke von Coimbra ein Kohlenhändler mit einem Esel, der mit Kohlen beladen war. Und er sah viele Studenten, die saßen auf der Brücke und aßen Kuchen, Bonbons und Mandeln. Der Kohlenhändler dachte bei sich: "Wenn man so schöne Dinge essen will, muss man wohl Student sein."
Gesagt, getan. Er verkaufte die Kohlen und den Esel in der Stadt, zog sich die Kohlensäcke an und setzte sich auf die Brücke, um die Rinde vom Maisbrot zu essen, weil er nicht genug Geld hatte, um Kuchen zu kaufen. Die Studenten wunderten sich sehr über den neuen Kollegen und fragten ihn: "Hallo, junger Fuchs, was studierst du eigentlich?" Da antwortete er: "Ich studiere die Wahrsagerei."

Es waren einige Tage vergangen, da wurde bekannt, dass dem König von Portugal ein Schatz gestohlen worden war und dass er demjenigen einen hohen Lohn ausgesetzt habe, der den Dieb ausfindig mache. Die Studenten erzählten nun dem König, dass ein Student da sei, der Wahrsagerei studiere. Der König ließ ihn gleich zu sich ins Schloss kommen und sagte zu ihm, er wolle einmal sehen, ob er in der Wissenschaft, die er studiere, schon vortgeschritten sei. Nun hieß der Kohlenhändler X. Y. Grille. Der König ging mit geschlossener Hand auf ihn zu und fragte ihn: "Was hab ich in der Hand?" Da der Student ganz bestürzt war und nicht wusste, was er antworten sollte, seufzte er schwer und sagte: "Ach, Grille, Grille, in welche Hand hast du dich hier begeben!" Da machte der König die Hand auf und sagte, da er nicht wusste, dass der Student Grille hieß: "Du hast richtig geraten; ich habe wirklich eine Grille hier."

Der König war nun sehr zufrieden und der Student nicht weniger. Bald danach wollte der König erproben, ob der Student noch mehr raten konnte, und er ließ ein Schwein schlachten, füllte eine Flasche mit dem Blut, ging zum Studenten und fragte ihn: "Wessen Blut ist dies?" Er wusste wieder nicht, was er sagen sollte, und antwortete: "Ja, hier muss man schon Schwein haben." Der König antwortete: "Du hast richtig geraten; ich habe in der Flasche hier Schweineblut."
Und dann sagte der König zu ihm: "Ich gebe dir jetzt drei Tage Zeit, um die Diebe, die meinen Schatz gestohlen haben, ausfindig zu machen." Zwei Diener des Königs gingen nun zu dem Studenten und sagten zu ihm: "Wir geben Euch sehr viel Geld, wenn Ihr dem König nicht sagt, dass wir beide den Schatz gestohlen haben." Dies wollte der Student ja nur hören. Er ließ sogleich den König rufen und sagte: "Euer Majestät muss wissen, dass zwei von Euren Dienern den Schatz geraubt haben." Als der König die Wahrheit wusste, ließ er die Diener festnehmen, und sie gaben ihm den Schatz zurück.

Und der König sagte zu dem Studenten, er wolle ihm nun eine gute Belohnung geben, und er möge doch noch einige Tage im Schloss bleiben. Während dieser Tage geschah es, dass der Königstochter beim Essen ein Knochen im Hals stecken blieb. Die Ärzte des Königs wagten nicht, ihn ihr herauszuziehen, und da wandte sich der König wieder an den Studenten und sagte ihm, er wolle ihn sehr reich belohnen, wenn er die Prinzessin rette. Der Student sagte nun zur Prinzessin, sie solle sich bäuchlings auf den Boden legen, und er begann, Butterkugeln auf sie zu werfen. Da musste die Prinzessin loslachen, und als sie hell auflachte, flog der Knochen plötzlich hinaus. Nun gab der König dem Studenten eine Menge Geld zur Belohnung und sagte zu ihm: "Weil du so viel weißt, mache ich dich zum Arzt in meinem Krankenhaus und in meinem königlichen Schloss."

In dieser Zeit herrschte in der Stadt eine furchtbare Epidemie, und der Arzt machte den Kranken seine Visite. Als er sie alle untersucht hatte, sagte er zu ihnen: "Wer von euch am kränksten ist, soll morgen aufgeschnitten werden, damit wir ihn einmal von drinnen sehen können." Als nun die Kranken dies hörten, standen sie alle auf, die einen auf Stöcke gestützt, die anderen auf Krücken. Sie verließen das Krankenhaus, denn sie mochten jetzt nicht mehr krank sein. Und es sprach sich in der Stadt herum, dass der neue Arzt so viel wusste, dass allein bei seinem Anblick die Kranken schon wieder gesund wurden.
Als der Arzt dies vernahm, entschloss er sich nun, an der Universität Medizin zu studieren; nach einiger Zeit konnte er sich den Doktorhut aufsetzen und nannte sich nun Doktor Grille.

Quelle: Märchen aus Portugal

 

Der Prinz, der sein Glück aufs Spiel setzte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gab in einem Land einen König, der hatte einen Sohn, welcher ihn unaufhörlich bat, in die Welt hinausziehen zu dürfen. Letztlich konnte der König ihn nicht mehr zurückhalten, und er gab ihm zum Abschied einen großen Beutel Geld.

 

Nachdem er weit gegangen war, stieß der Prinz, auf ein Wirtshaus, wo er einen anderen Reisenden traf. Sie unterhielten sich, und der Reisende fragte den Prinzen, ob er keine Lust hätte, zu spielen. Einen Augenblick später schon waren sie in das Spiel vertieft. Der Reisende gewann ihm den Beutel Geld ab, und da der Prinz sonst nichts hatte, was er ihm abnehmen könnte, schlug er vor, sie sollten noch einmal spielen, und falls der Prinz gewinnen sollte, würde er ihm den Beutel Geld wieder zurückgeben, und falls der Prinz verlieren sollte, würde er in jenem Haus drei Jahre lang gefangengehalten und müßte ihm drei weitere Jahre als Knecht dienen. Der Prinz ging auf den Vorschlag ein, spielte und verlor. Der Reisende nahm ihn in seine Gewalt, sperrte ihn in einen Verschlag und gab ihm Brot und Wasser eines Tages für drei Jahre.

 

Der Prinz weinte ob seiner Hitzköpfigkeit. Nach drei Jahren kam man ihn befreien, und er machte sich auf den Weg, um zu dem Haus des Reisenden, der ein König war, zu gelangen, und ihm als Knecht zu dienen. Nachdem er schon weit gegangen war, begegnete er einer Frau, die ein Kind in den Armen trug, das vor Hunger weinte. Der Prinz hatte noch ein Stückchen Brotrinde und einen Krug Wasser bei sich und gab alles der Frau. Zum Dank sagte sie ihm: »Schaut, guter Mann, geht immer geradeaus und wenn Ihr einen wunderbaren Wohlgeruch wahrnehmt, dann seid Ihr an einem Garten angelangt, der am Wege liegt. Geht hinein und versteckt Euch beim Teich. Es werden dann drei Tauben kommen, um zu baden. Nehmt der, die sich als letzte ausziehen wird, das Federkleid weg, und gebt es nicht eher wieder heraus, bis daß sie Euch drei Dinge dafür gibt.«

 

Alles geschah, wie die Frau es gesagt hatte. Er nahm das Federkleid der Taube, und diese gab ihm, um es wiederzuerlangen, einen Ring, ein Halsband und eine Feder, und sie sagte: »Wenn du dich in irgendeiner Bedrängnis siehst und sagst: 'Die Taube steh' mir bei!' dann werde ich dir zu Hilfe eilen. Ich bin die Tochter des Königs, dem du dienen wirst, und er hat einen großen Zorn auf deinen Vater, und er hat dir im Spiel alles abgenommen, um dich zugrunde zu richten.«

 

Der Prinz fand sich im Hause des Königs ein, welcher ihm sogleich diesen Befehl gab: »Nimm diesen Weizen, diesen Mais und diese Gerste und säe sie aus, so daß ich morgen Brot aus diesen drei Getreidearten essen kann.« Der Prinz erschrak, aber der König wollte keine Erklärungen hören. Ganz ratlos über sein Leben ging er in sein Zimmer und nahm die Feder zur Hand mit den Worten: »Die Taube steh' mir bei!« Die Taube erschien und erfuhr alles. Am nächsten Tag brachte sie ihm die drei Sorten Brot, damit der Prinz sie dem König überbrachte. Als der König seine Befehle befolgt sah, sagte er dem Prinzen: »Nun gut, da du fähig warst, dies auszuführen, tauche nun auf den Meeresgrund und hole von dort den Ring, den meine älteste Tochter da verloren hat.«

 

Der Prinz kehrte in sein Zimmer zurück und rief abermals die Taube, welche auch sogleich kam. »Höre,« sagte sie, »geh morgen zum Strand und nimm eine Schüssel und ein Messer mit, und steige dann in ein Boot.« Er tat wie ihm geheißen. Die Taube setzte sich zu ihm ins Boot, und sie fuhren aufs Meer hinaus. Sie waren schon sehr weit hinaus gefahren, da sagte sie zu ihm, er solle ihr den Kopf abschneiden, so daß kein Tropfen Blut auf den Boden fiel, und sie ins Meer werfen. Er führte alles sorgfältig aus. Nach kurzer Zeit tauchte die Taube mit dem Ring im Schnabel aus dem Meer auf, legte ihn in die Hand des Prinzen und badete in dem Blut, das sich in der Schüssel befand. Sie verwandelte sich in den Kopf einer schönen Jungfrau und verschwand.

 

Der Prinz übergab den Ring dem König, welcher seine Hoffnung getrogen sah, und er gedachte, ihm eine noch größere Prüfung aufzuerlegen: »Heute nachmittag sollst du mein Fohlen ausführen und es zureiten.« Der Prinz ging in sein Zimmer und rief wiederum die Taube, die ihm antwortete: »Sieh, mein Vater will sehen, ob er dich auf irgendeine Weise töten kann. Das Fohlen ist er nämlich selbst, der Sattel ist meine Mutter, meine Schwestern sind die Steigbügel und ich bin der Zügel. Vergiß nicht, einen guten Reitstock mitzunehmen, denn mit einer Tracht Prügel, die du ihnen verabreichst, kannst du dich über dein Los trösten.«

 

Der Prinz bestieg das Fohlen, gerbte ihm das Fell mit Schlägen und ließ ihm eine solche Behandlung zuteil werden, daß er bei seiner Rückkehr, als er dem König melden ging, daß das Fohlen zahm sei, diesen mit Essigpflastern im Bett antraf; die Königin war ganz grün und blau und ihre Töchter waren kreuzlahm geschlagen, nur die Jüngste nicht. In derselben Nacht suchte diese den Prinzen auf und sagte ihm: »Jetzt, wo alle krank sind, haben wir eine gute Gelegenheit, um zu fliehen. Geh in den Pferdestall und sattle das magerste Pferd, das du dort findest.«

 

Der Prinz beging die Dummheit, das kräftigste Pferd zu satteln. Als sie sich auf den Weg machten und sie das dicke Pferd sah, wurde sie sehr verdrießlich, denn dieses Pferd rannte schnell wie der Wind, das magere aber so schnell wie ein Gedanke. Indes begaben sie sich auf die Flucht. Des Nachts brauchte der König seine Tochter, damit sie ihn umdrehte, und er rief nach ihr. Vergebens! Die Königin, die eine gerissene Hexe war, begriff sofort, daß ihre Tochter mit dem Prinz geflohen war, und sie sagte ihrem Mann, er solle flugs aus dem Bett springen und ihnen nachsetzen. Der König erhob sich und stöhnte dabei vor Schmerzen, ging in den Pferdestall und als er das magere Pferd erblickte, war er sich sicher, sie wieder einzufangen. Er saß auf und ritt los.

 

Die Tochter, die die ganze Zeit argwöhnte, daß man sie vermissen könnte, erblickte ihren Vater von weitem und verwandelte das Pferd plötzlich in eine Einsiedelei, sich in eine Heilige und den Prinzen in einen Einsiedler. Der König kam zu der Kapelle und fragte, ob sie nicht ein Mädchen mit einem Edelmann dort hätte vorbeikommen sehen. Der Einsiedler erhob langsam seine Augen vom Boden und sagte, daß dort nicht eine Menschenseele vorüber gekommen sei. Der König ging mißmutig fort und berichtete seiner Frau, daß er nur eine Einsiedelei mit einer Heiligen und einem Einsiedler gefunden habe. »Aber das waren sie!« rief die Alte enttäuscht. »Hättest du mir einen Fetzen von dem Kleid der Heiligen und ein bißchen Kalk von der Wand zurückgebracht, dann hätte ich sie jetzt hier in meiner Gewalt.« Und sie schickte den Alten wieder mit dem Pferd los, das flinker war als ein Gedanke.

 

Wieder wurde der Alte schon von weitem von seiner Tochter gesehen, und sie machte aus dem Pferd einen Garten, aus sich einen mit Rosen bedeckten Rosenstrauch und aus dem Prinzen einen Gärtner. Es spielte sich wieder das gleiche ab, der Alte ritt nach Haus und die alte Hexe hielt ihm vor: »Wenn du mir eine Rose von diesem Rosenstrauch gebracht hättest, oder eine Handvoll Erde, dann hätte ich sie hier bereits in meiner Gewalt. Aber laß gut sein, denn diesmal komme ich mit.«

 

Als das Mädchen seine Mutter erblickte, bekam es große Furcht, denn sie wußte von der Macht, die diese hatte, sie hatte kaum die Zeit, um das Pferd in einen tiefen Brunnen zu verwandeln. Sich selbst verwandelte sie in einen Esel und den Prinzen in eine Schildkröte. Die Alte kam zu dem Brunnen und erkannte sie sogleich. Sie fragte ihre Tochter, ob sie keine Reue zeige und ob sie nicht nach Haus zurückkommen wolle, denn sie würde ihr verzeihen. Da sagte der Esel mit dem Schwanze »nein«. Die Alte bat ihren Mann, er möge einen Stiefel in den Brunnen werfen, um damit einen Tropfen Wasser heraufzuholen, denn nur damit hätte sie die Macht, ihre Tochter zu packen. Als der König den mit Wasser gefüllten Stiefel heraufzog, sprang die Schildkröte hinein und vergoß alles Wasser. Mit dem anderen Stiefel geschah dasselbe. Da schleuderte die Königin voller Zorn den Fluch auf die Schildkröte, daß sie die Prinzessin vergessen würde.

 

Sie setzten ihren Weg fort, aber das Mädchen war die ganze Zeit sehr traurig. Und als der Prinz sie nach dem Grund für ihre Traurigkeit fragte, antwortete sie ihm: »Es ist, weil ich die Gewißheit habe, daß du mich vergessen wirst.« Schließlich kamen sie in das Land, in dem der Prinz beheimatet war. Er ließ das Mädchen in einem Wirtshaus zurück und ging seinen Vater um Erlaubnis bitten, ihm seine Braut vorstellen zu dürfen. Doch vor Freude, seine Familie wiederzusehen, vergaß er das Mädchen.

 

Der Vater trug Sorge, seinen Sohn zu verheiraten. Als das Mädchen davon erfuhr, war es sehr bekümmert und rief: »Meine Schwestern stehen mir bei!« Diese erschienen vor ihr und die Älteste sprach: »Sei guten Muts, alles soll gut werden.« Und sie trug der Wirtsfrau auf, in das Zimmer der Schwester zu gehen, wenn irgendein Diener des Königs vorüberkäme, um Geflügel zu kaufen, und ihm drei Tauben zu verkaufen, die sich dort befinden würden. So geschah es, der Diener des Königs kaufte die drei Tauben, und da sie sehr hübsch waren, ging er sie dem Prinzen zeigen.

 

Der Prinz war erstaunt, und als er sie ergreifen wollte, flog eine zum Fenster hoch und sagte: »Wenn Ihr uns anhört, werdet Ihr noch erstaunter sein.« Eine andere Taube flog auf einen Tisch und sagte: »Sprich weiter, sprich weiter, er wird sich schon erinnern.« Die Taube, die ihm in der Hand verblieben war, setzte sich auf seine Schulter und fragte ihn: »Seht, Prinz, ob dieser Ring Euch paßt.« Der Prinz sah, daß er paßte. Danach gab sie ihm ein Halsband, und auch das paßte. Schließlich gab sie ihm die Feder, und erst als der Prinz den Namen der Taube las, erinnerte er sich wieder, und da heiratete er sie.

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die Spinnerinnen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine Mutter, die hatte eine Tochter, und sie dachte nur daran, sie gut zu verheiraten. Sie ging zu einem Flachshändler, und bat ihn, ihr ein Bund Flachs zu verkaufen, damit ihre Tochter alles an einem Tage spönne. Sie trug den Flachs nach Hause und sagte ihrer Tochter: »Du mußt mir dieses Bündel Flachs noch heute spinnen, denn morgen hole ich mehr. Wenn ich nach Hause zurückkomme, will ich den ganzen Flachs gesponnen vorfinden.« Die Kleine setzte sich an die Tür und weinte, ohne zu wissen wie sie der Mutter gehorchen sollte. Da kam eine alte Frau vorbei: »Mein Fräulein, was habt ihr, daß ihr so weint?« »Was soll ich wohl haben! Meine Mutter will mit Gewalt, daß ich ihr an einem Tag ein Bund Flachs spinne, und ich kann nicht spinnen.« »Laßt gut sein, denn ich spinne Euch alles, wenn Ihr mir versprecht, mich am Tage Euer Hochzeit dreimal Tante zu nennen.«  Das Mädchen blickte in das Haus hinein und sah, daß der Flachs durchwühlt und ganz gesponnen war.


Am nächsten Tag ging die Mutter in das Geschäft, pries die Geschicklichkeit ihrer Tochter sehr und verlangte ein neues Bündel Flachs, damit sie es spönne. Die Kleine setzte sich an die Tür, weinte und hoffte, daß die Alte des Vortages vorüberkäme. Da kam eine andere: »Mein Fräulein, was habt Ihr, daß Ihr so weint?« Die Kleine erzählte ihr von den Aufträgen, die ihre Mutter ihr erteilt hatte. »Nun, wenn Ihr mir versprecht, daß Ihr mich am Tage Eurer Hochzeit dreimal Eure Tante nennen werdet, so soll der Flachs gesponnen sein.« Die Kleine versprach dies, und als sie in das Haus hineinschaute, sah sie den Flachs geordnet und fertig gesponnen. Die Mutter ging ein neues Bündel Flachs holen, und es wiederholte sich derselbe Vorfall, bis eine dritte Alte vorüberkam, die ihr mit dem gleichen versprechen alles erledigte.


Der Kaufmann, der von jener Geschicklichkeit wußte, wollte das Mädchen sehen, fand, daß sie hübsch und klug war, und wollte sie heiraten. Die Mutter war darüber sehr froh, denn der Bräutigam war sehr reich. Der Kaufmann schickte ihr ein großes Geschenk mit vielen Spinnrocken und Spindeln, damit wenn sie heirateten, alle ihre Mägde spönnen. Am Tage der Hochzeit hielt man ein üppiges Mahl, an dem alle seine Freunde teilnahmen. Als sie bei Tisch saßen, klopfte eine alte Frau an die Tür: »Ach, wohnt hier wohl die Braut?« »Kommt herein, meine Tante, setzt Euch hierher, meine Tante, eßt etwas, meine Tante.« Alle waren verdutzt eine so bucklige Alte mit einer so großen Nase zu sehen. Aber sie schwiegen. Einige Augenblicke später klopfte es an die Tür, es war eine andere Alte.

 

»Wohnt hier wohl die Braut, die heute geheiratet hat?« »Ja, meine Tante, kommt herein, meine Tante, eßt mit uns, meine Tante.« Die Alte setzte sich, und alle waren erstaunt über die gewaltige Verkrüppelung, die ihr Kinn aufwies. Aber man setzte das Mahl fort. Abermals klopfte es an die Tür. Es war wieder eine Alte, die dieselbe Frage stellte. »Tretet ein, meine Tante, wir haben hier auf Euch gewartet, meine Tante, Ihr müßt mit uns essen, meine Tante.« Auch diese Alte, die ganz bucklig und deren Rippen nach außen gekehrt waren, verursach- /warte kein geringeres Erstaunen. Aber diesmal fragten die Neugierigen und besonders der Bräutigam, warum jene Tanten so große Verkrüppelungen hätten.

 

Da sagte die erste: »Ich habe eine solche Nase, weil ich sehr, sehr viel gesponnen habe, und die Grannen des Flachses haben mich so gemacht.« »Und ich, mein Neffe, habe ein solches Kinn, weil ich viel gesponnen habe, und durch das viele Kräuseln der bin ich so geworden.« »Nun, Neffe, ich habe diesen Buckel behalten, weil ich immer in einem Winkel saß mit dem Spinnrocken am Gürtel.« Sobald der Ehemann dies hörte, erhob er sich und packte die Rocken, Spindeln, Haspeln und Hecheln und warf alles auf die Straße hinaus, wobei er erklärte, daß in seinem Haus nie wieder gesponnen werden sollte, weil er nicht wollte, daß seiner Frau ähnliches Unglück zustieße.

 

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Der Zaubermeister

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Vater, der hatte drei Söhne, und während zwei von ihnen auf den Feldern arbeiteten, machte sich der Jüngste daran, alle Kunstfertigkeiten der Magie zu erlernen. Da sagten die Brüder zu dem Vater: »Wir haben bisher gearbeitet, damit unser Vater leben kann, und unser jüngster Bruder tut gar nichts. Fortan soll er aus dem, was er gelernt hat, Nutzen ziehen.«

Der jüngste Sohn bat den Vater, er möge ihm den Maulkorb eines Jagdhundes geben, und er sagte ihm: »Ich will mich in einen Jagdhund verwandeln. Ihr, Vater, sollt einen Riemen und einen Stab mitführen, damit sie mit Kaninchen vollgehängt werden, und am Haus des Händlers vorbeigehen, der sich für einen großen Jagdfreund ausgibt.« Der Vater legte dem Jungen, der sich in einen Hund verwandelt hatte, den Maulkorb an, und ging mit ihm zur Jagd. Er fing viele Kaninchen, hing sie an dem Stab auf und brachte sie heim, den Hund hinter sich.

Als der Händler ihn an seinem Haus vorbeigehen sah, fragte er: »He, Mann, nur mit diesem Hund allein hast du soviel Wild gefangen?« »Ja, Herr.« »Du mußt mir diesen Hund verkaufen.« »Nur wenn Ihr mir hunderttausend Reis gebt.« »Aber ja. Der Hund ist verkauft.« Er zählte das Geld. Der Hund blieb da und der Mann ging fort. Der Händler ging mit dem Hund in einem Gehege jagen. Hinter einem Kaninchen herjagend drang der Hund in eine Dornenhecke ein, und schlüpfte zur anderen Seite wieder hinaus. Mit den Krallen zog er den Malkorb herunter und er wurde wieder ein Mensch. Der Händler mühte sich ab, den Hund zu rufen und auf ihn zu warten. Der Junge kam an ihm vorüber und er fragte ihn: »Hast du hier einen Jagdhund gesehen?« »Gesehen nicht, aber in der Hecke, die sehr dicht ist, habe ich etwas sich bewegen gehört. Vielleicht ist das das Tier, das dort nicht mehr herauskann.« Sicher ist, daß der Händler den Hund und sein Geld verlor, und ohne etwas vondannen ging.

Der Junge sagte zu seinem Vater: »Jetzt sollt Ihr Zügel kaufen, damit ich mich in ein Pferd verwandle.« So tat der Vater, und er ging mit dem Pferd durch alle Straßen. Der Zaubermeister von Paris, der es zu Hause gehabt hatte, erkannte das Pferd sofort und erreichte es, daß der Mann es ihm zu hohem Preis verkaufte. Er achtete nicht auf das Geld und übernahm das Pferd. Er führte es in seinen Pferdestall, ohne ihm die Zügel abzunehmen, so daß es nichts fressen konnte. Der Zaubermeister hatte drei Töchter und er legte ihnen nahe, nicht in den Pferdestall zu gehen. Sobald der Vater weggegangen war, sprachen sie zueinander: »Laßt uns sehen, was im Pferdestall ist.« Sie gingen hin und sahen ein hübsches, wohlgestaltetes Pferd, und bemerkten, daß es nicht fressen konnte. »Das arme Pferd! Wir wollen ihm die Zügel abnehmen um zu sehen, ob es frißt.« Sie nahmen ihm die Zügel ab, und sobald es sagte: »Ach, ich armer Vogel!« flog es durch das Fenster hinaus.

Unterwegs begegnete der Vogel dem Zaubermeister, der ihn erkannte und sagte: »Ach, ich arme Weihe!« - das war, um den Vogel zu töten. Er fühlte sich sehr in Bedrängnis, als er die Weihe, hinter sich sah, und sagte: »Ach, ich armer Ring!« Und er fiel in die Wellen des Meeres, und ein Barsch verschlang ihn. Der Barsch schwamm in ein anderes Land. Ein Fischer fing ihn und ging, ihn ihm Palast zu verkaufen. Die Prinzessin sah zu, wie der Fisch zubereitet wurde, und erblickte in seinem Bauch einen Ring. Die Magd wusch den Ring und gab ihn der Prinzessin. Diese schätzte den Ring mehr als alle Edelsteine, die sie besaß. Wenn die Prinzessin sich hinlegte, zog sie den Ring von ihrem Finger und legte ihn auf eine Bank. Des Nachts verwandelte sich der Ring in einen Mann, und der fing an, sich mit der Prinzessin zu unterhalten. Diese rief voller Furcht den König, ihren Vater. In diesem Augenblick verwandelte sich der Mann in eine Ameise, und der König kam und sah nichts. Dies geschah drei Nächte lang. In der letzten Nacht sagte er zu der Prinzessin: »Ich bin der Ring, den Ihr am Finger tragt. Ich muß Eurer Hoheit sagen, daß der König, Ihr Vater, sehr krank ist. Die Ärzte können ihn nicht heilen. Nur der Zaubermeister von Paris kann ihn heilen. Aber er wird kein Geld, kein Geschenk, noch irgendeinen Edelstein wollen. Er wird vom König nur den Ring verlangen, den die Prinzessin trägt. Eure Hoheit gebe ihn ihm nicht in die Hand, sondern lasse ihn zu Boden fallen.«

Sie tat, wie der Junge es von ihr erbeten hatte. Man erfuhr von der Krankheit des Königs und schließlich wurde der Zaubermeister gerufen, der darauf bestand, den Ring zu bekommen. Verärgert über seine Beharrlichkeit warf die Prinzessin den Ring auf den Boden. Der Ring sagte: »Ach, ich armes Hirsekorn!« Und er fiel als Hirsekorn auf den Boden. Der Zaubermeister verwandelte sich in ein Huhn, um es aufzupicken, und der Junge verwandelte sich in ein Wiesel, schnappte mit den Zähnen nach dem Huhn und tötete es. Kaum hatte er das getan, verwandelte er sich in einen Mann und erklärte dem König alles. Und da er es war, der die Heilung des Königs gezeigt hatte, verheiratete dieser ihn mit der Prinzessin, und sie waren sehr glücklich.

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Die kluge Marie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Händler, der wohnte in der Nähe des Königspalastes, und er hatte drei Töchter. Marie war die jüngste und die schönste. Der Händler war Witwer, und der König beauftragte ihn, eine Reise zu machen. Sobald der König ihn rufen ließ, ging er hin und er kehrte sehr traurig nach Hause zurück, weil er seine Töchter allein lassen mußte.

 

Er gab ihnen aber drei Töpfe mit Basilienkraut und sagte: »Meine lieben Töchter, ich verreise im Auftrage des Königs und lasse jeder von euch einen Topf. Die Töpfe sollen mir später sagen, was geschehen ist.« »Nichts wird geschehen!« antworteten seine Töchter. Der Vater reiste ab, und am nächsten Tag kam der König mit zwei Freunden die über die Abreise des Vaters betrübten Mädchen besuchen. Die drei Schwestern saßen gerade beim Essen, als sie es an die Tür klopfen hörten. Die Älteste achtete nicht auf Maries Ermahnungen und öffnete dem König die Tür. Marie war auch über die zweite Schwester erzürnt, welche die Ankömmlinge einlud, sich an den Tisch zu setzen, und sagte: »Wir wollen einen Tropfen Wein im Keller holen. Ich nehme den Schlüssel mit, meine älteste Schwester das Licht, und die mittlere den Krug.«

 

Der König entgegnete: »Geht nicht, wir wollen keinen Wein.« Auch die beiden älteren Schwestern antworteten ihr: »Wir können nicht gehen.« »Ihr wollt nicht gehen, nun, dann gehe ich allein.« Und sie ging. Im Flur löschte sie das Licht und stellte die Kerze und den Krug auf die Treppe, ging von da zum Hause einer Nachbarin und klopfte an die Tür. Die Nachbarin kam und fragte: »Wer ist da zu so später Stunde?« »Laßt mich ein, ich habe mich mit meiner ältesten Schwester gestritten, und damit sie nicht länger mit mir zankt, bin ich hierher gekommen um hier zu schlafen.« Und sie verbrachte dort die Nacht.

 

Der König war über die Arglist Maries sehr erbost. Am nächsten Tage ging sie nach Haus und sah, daß die Töpfe ihrer Schwestern verwelkt waren, und sie freute sich sehr, den ihren in üppigem Grün zu sehen. Da das Zimmer der ältesten Schwester auf das Gut des Königs hinausging, wollten die beiden Schwestern ein paar Mispeln von dort haben. Marie kletterte an einem Seil hinab, pflückte die Mispeln und kehrte ins Haus zurück. Dann begehrte die Älteste Limonen. Marie ging und begegnete dem Winzer, der sie fragte: »Was tut Ihr hier, nichtsnutziges Fräulein?« Sie gab ihm einen Stoß und zog ihm die Beine weg mit den Worten: »Scheltet Ihr mich noch immer? Dann wartet da.« Und er starb aufgespießt an einem Stachel des Limonenbaums. Marie kletterte an dem Seil hoch und gelangte sehr verdrießlich in ihr Haus, wo sie ihren Sehwesten sagte: »Dieses war das letzte Mal!«

 

Am nächsten Tag wollte die mittlere Schwester Bananen, und sie bat so sehr, daß Marie hinging. Dort traf sie den König, der ihr sagte: »So kommst du also immer noch her? Jetzt sollst du dafür büßen!« Der König begann, ihr Fragen nach dem, was vorgefallen war, zu stellen, und Marie leugnete nichts. Schließlich sagte ihr der König: »Komm hinter mir her, im Hause sollst du für alles büßen.« Und er dachte, daß Marie ihm folgte, und ging voran. Als er sich plötzlich umsah, sah er nichts mehr, weder Marie, noch das Seil, und er wußte nicht, wie sie entschlüpft war. Der König war so zornig, daß er vor Wut krank wurde.

 

Die beiden älteren Schwestern heiraten zwei Freunde des Königs und bekamen zwei Knaben. Marie nahm diese und steckte sie in einen prächtigen Korb, den sie mit feinen Blumen schmückte, so daß niemand sagen konnte, daß sie darin zwei Kinder trug. Marie verkleidete sich als Jungen und setzte sich den Korb auf den Kopf, und als sie am Hause des Königs vorbeikam, da rief sie laut: »Wer will diese Blumen dem König bringen, der Liebeskummer hat?« Der König, der im Bett lag, befahl, den Korb zu kaufen. Sie trug den Korb hin, und als sie angekommen war, sagte sie: »Ach, jetzt habe ich den anderen vergessen.« Und sie ging wieder hinaus und ließ den Korb beim König zurück. Der hörte ein Greinen im Korb, ging hin, um nachzusehen, und fand die beiden Kinder. Er war voller Zorn und gedachte, sich zu rächen.

 

Als der Händler, der Vater der Mädchen, zurückkam, ließ der König ihm durch einen Pagen befehlen, ihm einen steinernen Mantel zu machen. Der Händler kam sehr traurig nach Haus, denn er konnte keinen steinernen Mantel machen, und er war auch traurig, weil seine beiden ältesten Töchter verheiratet waren und ihre Töpfe verwelkt waren. Als sie ihn fragten, was er hätte, trat Marie hervor und sagte: »Laßt's Euch nicht verdrießen, Vater, wenn der König Euch befiehlt, einen steinernen Mantel zu schneidern. Nehmt nur diese Kreide mit, um ihm die Schnitte anzuzeichnen.« Er tat wie ihm geheißen.

 

Der König antwortete ihm, daß dies nicht möglich sei, und der Händler entgegnete: »Dann es ist mir auch nicht möglich, den Mantel zu machen.« »Dann mußt du mir deine Tochter Marie übergeben.« Der Händler kam noch trauriger nach Haus. »Meine liebe Tochter,« sagte er, »der König will, daß ich dich in den Palast bringe. Es ist unser Unglück.« »Seid unbesorgt, Vater. Laßt eine Puppe machen, die mir ähnlich sieht, und eine Schnur daran befestigen, so daß man am Kopf ziehen kann, damit er ja oder nein sagt. Und im Hals soll die Puppe mit Honig gefüllt werden.«

 

Der König sagte zu seinen Pagen: »Wenn hier ein Herr mit einem Mädchen erscheint und sie mich sprechen wollen, dann führt das Mädchen in meine Kammer und laßt ihn fortgehen.« Die kluge Marie kam herein und legte sich unter das Bett. Die Puppe legte sie in das Bett und behielt die Schnur in der Hand. Als der König eintrat, sah er die Puppe an und sagte: »Fräulein Klug-Marie, laßt es Euch gut gehen.« Marie zog an der Schnur, und die Puppe senkte den Kopf. Daraufhin sagte der König: »Wir wollen abrechnen.« Und er fing ganz am Anfang an, als sie in den Weinkeller ging, bis hin zu dem Blumenkorb. Und die kluge Marie zog ständig an der Schnur.

 

Der König fuhr fort: »Wer mich so hintergangen hat, der verdient den Tod.« Er packte einen Degen und schlug die Puppe den Kopf ab. Der Honig spritzte hervor und fiel ihm auf die Lippe, da sagte er: »Ach, kluge Marie, weise Marie, so süß im Tod, und so bitter im Leben!« Wer ein so großes Verbrechen beging, der verdiente wohl den Tod. Und der König ging, um sich zu töten, als die kluge Marie, die leibhaftige, unter dem Bett hervorkam und ihn umarmte. Am nächsten Tage heirateten sie und waren sehr glücklich.

 

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Die Hirtentasche

Es war einmal eine arme Witwe, die hatte nur eine Tochter, welche nie von ihrer Seite wich. Andere Mädchen aus der Nachbarschaft baten sie, ihre Tochter am Vorabend der Johannisnacht mit ihnen gehen zu lassen, um im Fluß zu baden. Das Mädchen ging mit der Gruppe. Bevor sie sich in das Wasser begaben sagte ihr eine Freundin: »Nimm deine Ohrringe ab und lege sie auf einen Stein, denn sie könnten dir ins Wasser fallen.« So tat das Mädchen. Als sie im Wasser planschten kam ein alter Mann des Wegs, und wie er die Ohrringe auf einem Stein liegen sah, nahm er sie und steckte sie in seine Hirtentasche.


Das Mädchen war sehr bekümmert als es das sah, und es lief dem Alten, der sich schon weit entfernt hatte, hinterdrein. Der Alte sagte ihm, daß er die Ohrringe zurückgeben würde, sofern es sie in der Tasche suchen würde. Das Mädchen machte sich daran, die Ohrringe zu suchen, und der Alte schlug die Tasche über ihm zu, warf sich die Tasche auf den Rücken und verschwand. Als die anderen Mädchen ohne ihre Gefährtin zurückkehrten, jammerte die arme Witwe ohne Hoffnung, ihre Tochter wiederzusehen. Sobald der Alte das Gebirge überquert hatte öffnete er die Hirtentasche und sagte zu der Kleinen: »Fortan sollst du mir helfen den Lebensunterhalt zu verdienen. Ich gehe durch die Straßen und bettle, und wenn ich sage: Singe, Tasche, sonst spürst du den Stock ... dann mußt du unbedingt singen. Gib gut acht.«


Überall wo der Alte durchkam, waren alle über jenes Wunder erstaunt. Er kam in eine Gegend, wo schon die Nachricht von einem Alten umlief, der eine Hirtentasche singen ließ, und viele Leute umringten ihn, um sich von dem Wunder zu überzeugen. Nachdem der Alte gesehen hatte, daß schon genügend Neugierige versammelt waren, hob er den Stab und sagte: Singe, Tasche, sonst spürst du den Stock ...
Daraufhin hörte man folgenden Gesang:

 

Ich stecke in dieser Tasche,
wo ich mein Leben verlieren werde,
aus Liebe zu meinen Ohrringen,
die ich an der Quelle ließ.

 

Dieser Vorfall kam den Behörden zu Ohren und sie versuchten herauszubekommen, wo der Alte Quartier genommen hatte. Sie suchten eine Schankwirtin auf, die sich herbeiließ, die Tasche untersuchen zu lassen, wenn der Alte schlafen würde. So geschah es. Sie fanden da das arme Mädchen, das sehr traurig und krank war, und das alles erzählte, und da erfuhr man auch von dem Fall der Witwe, der man die Tochter geraubt hatte. Die Kleine ging mit den Amtspersonen, die die Tasche mit allem möglichen Unrat zu füllen befahlen, so daß diese, als sie der Alte am nächsten Tage vorführen wollte, nicht sang. Er verprügelte sie mit seinem Stab und da verstreute sich über den Boden all jener Unrat. Das Volk zwang ihn, den Unrat aufzulecken, und dann wurde er in das Gefängnis gebracht und das Mädchen nach Hause zu seiner Mutter.

 

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Die schöne Braut

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Eines Tages bestellte er sie zu sich und sagte, daß er schon alt sei und sein Reich irgendeinem seiner Söhne übergeben möchte. Dazu sollten sie sich jeder eine Frau nehmen, und derjenige, der die schönste Frau anbrächte, sollte sicher sein, daß er das Reich bekommen würde. Alle drei zogen aus.

Die beiden älteren kamen nach kurzer Zeit mit zwei hübschen Mädchen, die keine Prinzessinnen waren, verheiratet zurück. Der Jüngste zog durch viele Orte, ohne eine Frau zu finden, die ihm gefallen hätte.

 

Eines Tages kam er zu einem schönen Schloß inmitten einer weiten Aue, und er entschied, dort zu übernachten. Er wurde von einem Alten empfangen, der ihm ein prächtiges Zimmer gab und ihn aufs beste bewirtete. Am nächsten Tag erzählte der Prinz vom Anlaß seiner Reise. »Da dankt nur Eurem Schicksal, denn Ihr hättet an keine bessere Tür als an die meine klopfen können,« sagte der Alte. »Ich habe eine Tochter, die ist eine Schönheit, und sie ist klug und reich.« Der Prinz freute sich und bat, die Braut sehen zu können. Der Alte antwortete, daß das nicht möglich sei; wenn er seinen Worten traute, würde er sie erst am Tage der Hochzeit zu Gesicht bekommen. Der Knabe willigte ein, und bald nahte der Tag der Vermählung.

 

Es kamen viele Kutschen mit prächtigem Geleit, aber der Prinz kannte niemanden. Zum Schluß kam die Kutsche der Braut, und alle gingen, um sie zu empfangen. Sie war ganz von Geschmeide bedeckt, aber dem Jungen verschlug es die Sprache, denn sie war so häßlich wie eine Äffin. Da er jedoch nun einmal sein Wort gegeben hatte, schluckte er die bittere Enttäuschung hinunter. Er heiratete und führte seine Frau an den Hof seines Vaters. Dort sprach man von nichts anderem als von der Äffin. Der König war über seinen Sohn verärgert und gab ihm ein altes Schloß, das er besaß, wo er mit seiner Frau leben sollte. Der Prinz war unzufrieden, aber er behandelte seine Frau gut.

 

Eines Tages ließ der König seinen Söhnen mitteilen, daß er seine Schwiegertöchter besuchen wollte. Alle reinigten ihre Häuser, nur die Äffin sprang vor Vergnügen und verwandelte ihr Haus in ein Tohuwabohu. Sie zerrte die Betten auseinander, zerbrach Gläser und richtete noch weiteres Durcheinander an. Als die Ankunft des Königs kurz bevor stand, und der Prinz sah, daß sein Haus wie ein Schweinestall aussah, sagte die Äffin zu ihm: »Geh zu meinem Vater, er soll mir die Apfelsine schicken, die ich auf meiner Kommode zurück gelassen habe.« Der Prinz machte sich auf den Weg, richtete dem Schwiegervater die Botschaft aus, kehrte zurück und übergab seiner Frau die Apfelsine.

Die Äffin baute aus ein paar Tischen und Stühlen einen Thron, setzte sich darauf, und ihr Mann erduldete alles. Als der König bei der Tür war und schon die Treppe heraufkam, reichte die Äffin ihrem Mann die Apfelsine und sagte: »Wirf sie mit aller Kraft gegen die Decke!« Sofort verwandelte sich das Haus in das allerprächtigste Schloß, und die Tische und Stühle wurden zu einem goldenen Thron, und die Äffin zu einem Mädchen, das so schön war wie die Sonne. Der König staunte über das, was er sah, und die Prinzessin sagte ihm: »Ich danke Euch für Euren Besuch, Ihr könnt Euer Königreich schenken, wem Ihr wollt, denn ich bin die Königin des Feenreichs, die solange verzaubert war, bis sie jemanden fand, der fähig war, das für mich zu tun, was der Prinz, mein Gemahl, für mich tat.«

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die drei Ratgeber des Königs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hatte an seinem Hof drei Ratgeber, die hielten sich für sehr weise. Eines Tages ging der König mit seinen drei Ratgebern auf die Jagd und traf unterwegs einen Bauern bei seiner Arbeit an. Der König betrachtete ihn und sagte: »Oh, was für ein Schnee fällt in den Bergen!« Der Bauer antwortete: »Es ist die Zeit dazu, Herr.« Dann fragte der König den Bauern: »Wie oft hast du das Haus abgebrannt?« — »Zweimal, königlicher Herr.« — »Und wie oft mußt du es noch abbrennen?« — »Dreimal, königlicher Herr.«


»Wenn ich dir nun drei Enten zum Rupfen schickte?« — »Soviel Ihr wollt, Herr.«
Der König ging weiter, und nach einiger Zeit wandte er sich an seine drei Ratgeber und sagte zu ihnen: »Nun, ihr, die ihr so weise seid, sollt mir jetzt erklären, was ich dem Bauern mit den Fragen sagen wollte und was seine Antworten bedeuteten. Wenn ihr mir dies nicht erklären könnt, laß ich euch töten.« Da sagten die Ratgeber: »Aber, königlicher Herr, jetzt sofort, das ist doch nicht möglich . . .« — »Gut, ich gebe euch drei Tage Zeit, aber wenn ihr mir die Fragen nach drei Tagen nicht beantwortet, laß ich euch töten, denn ihr besitzt die Weisheit nicht, deren ihr euch rühmt.«


Da begannen die drei Ratgeber ganze Bibliotheken durchzustöbern, aber sie errieten den Sinn der Fragen nicht, und sie beschlossen betrübt, den Bauern heimlich aufzusuchen und ihn um eine Erklärung zu bitten. Sie kamen zu dem Alten, und der sagte ihnen, daß er die Fragen erklären wolle, wenn sie ihm auf der Stelle die kostbaren Gewänder überließen, die sie anhätten. Da sie keinen anderen Ausweg sahen, zogen sie sich aus, und da sagte der Bauer zu ihnen: »Oh, was für ein Schnee fällt in den Bergen: will sagen, daß ich weiße Haare habe. Ich antworte: Es ist die Zeit dazu, Herr, denn ich bin schon alt an Jahren. Wie oft hast du das Haus abgebrannt: will sagen, wieviel Töchter ich verheiratet habe, denn wer eine Tochter verheiratet, gibt soviel Geld aus wie der, dem das Haus abbrennt. Ich antwortete, zweimal und daß ich es noch dreimal abbrennen müßte, denn ich habe zwei Töchter verheiratet und drei noch ledig im Haus.. .« — »Und die Frage mit den Enten, was sollte die bedeuten?« — »Die Enten sind Euer Gnaden, die ich gerupft habe, indem ich sie bat, sich auszuziehen.«


Die Herren zogen ganz zufrieden in Hemdsärmeln ab, als der König gerade eintrat, der ihnen auf den Fersen gefolgt war. »Ihr wolltet mich also betrügen?« sagte der König. »Das kann ich euch nur verzeihen, wenn ihr diesem Bauern helft, die Male, die er noch übrig hat, sein Haus abzubrennen.« — »Was will unser König damit sagen?« fragten die Ratgeber den Bauern. »Er will sagen, daß Euer Gnaden meinen drei ledigen Töchtern gute Mitgift geben sollen.«


Und die Ratgeber sahen keinen anderen Weg, dem Tode zu entkommen, als den Töchtern des Bauern eine gute Mitgift zu geben.

 

Quelle: Portugal

 

Der Sergeant, der in die Hölle hinabstieg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gab an einem Ort einmal einen Sergeanten, der sehr tüchtig war. Ein reicher Kaufmann fand Gefallen an ihm, sorgte für seine Entlassung aus dem Heer, und nahm ihn in seine Dienste. Da der Kaufmann drei Töchter hatte, verliebte sich der Sergeant in eine von ihnen. Nun war der Kaufmann aber sehr mißtrauisch und ließ seine Töchter nie aus dem Haus. Da er jedoch große Dinge auf den Jüngling hielt, sprach er ihn von sich aus auf die Heirat an. Alles ging seinen Gang, da geschah es, daß im Theater ein sehr hübsches Stück aufgeführt wurde, das die Mädchen sich ansehen wollten, und sie baten den Sergeanten, mit ihrem Vater zu sprechen, da nur er in der Lage war, dessen Erlaubnis für den Theaterbesuch zu erhalten.

 

Der Kaufmann war recht brummig, doch gab er die Erlaubnis mit den Worten: »Ich lasse euch mit dem Herrn gehen, jedoch nur unter der Bedingung, daß ihr um Mitternacht mit dem letzten Schlag der Uhr hier bei der Tür seid.« Alle versprachen das und gingen los. Als es kurz vor Mitternacht war sagte der Jüngling zu seiner Braut, daß es Zeit wäre, nach Haus zu gehen. Da hieß es: Noch ein Weilchen, noch ein Weilchen, und man bettelte hier, und man bettelte da, und so waren sie noch weit von zu Haus, als es längst schon Mitternacht geschlagen hatte.

 

Sowie der Junge an die Tür klopfte, rieß sie der Kaufmann auf und begann zu schreien: »So also kommt Ihr den Befehlen nach, die ich Euch erteilte! Dann sucht nur schnell Eure Sachen zusammen, denn schon diese Nacht verbringt Ihr nicht mehr in meinem Haus.« »Ach Herr, wegen so einer Nichtigkeit! Und wo ich doch schon kurz vor der Hochzeit mit Eurer Tochter stehe!« Der Alte antwortete ihm: »Es gibt nur einen Weg, daß Ihr noch meine Tochter heiraten und ins Haus zurückkehren könnt.« »Welchen?« »Geht in die Hölle und bringt mir drei Ringe, die der Teufel am Körper trägt, zwei hat er unter den Armen und einen am Auge.«

 

Der Junge hielt dies für unmöglich, aber was blieb ihm schon anderes übrig, als sich auf den Weg zu machen? Im ersten Ort, den er erreichte, ließ er öffentlich bekanntgeben: »Wer irgendetwas in der Hölle zu bestellen hat: Morgen reist ein Bote ab.« Dies verursachte großes Aufsehen und kam schließlich auch dem König zu Ohren. Er ließ den Jungen rufen und fragte ihn: »Wie willst du in die Hölle kommen?« »Königlicher Herr, den Weg kenne ich noch nicht, ich bin noch auf der Suche danach aber ich werde hinkommen, was immer auch geschehen mag.« »Nun gut,« sagte der König, »wenn du den Teufel triffst, so frage ihn, ob er von einem sehr wertvollen Ring weiß, den ich verloren habe. Dieser Verlust schmerzt mich noch immer.«

 

Der Junge kam an einen anderen Ort und ließ dieselbe Mitteilung ausrufen. Auch jener König ließ ihn rufen und sagte ihm: »Ich habe eine Tochter, die an einer schweren Krankheit leidet, und niemand kann die Ursache herausfinden. Wenn du schon in die Hölle gehst, so möchte ich, daß du dort herausbringst, wie meine Tochter geheilt werden kann.«

 

Immer auf der Suche nach der Hölle reiste der Junge weiter und kam an eine Wegekreuzung, von der zwei Wege abgingen, auf einem sah man Fußspuren von Menschen, auf dem anderen die Fährte von Schafen. Er überlegte und entschied sich letztlich für den Weg mit den menschlichen Fußspuren. Nach halbem Wege begegnete er einem Einsiedler, der einen weissen Bart trug und einen großen Rosenkranz betete, und der sprach zu ihm: »Gut, daß du diesen Weg genommen hast, denn der andere führt in die Hölle.« »Ach, Herr, und gerade den suche ich schon seit so langer Zeit!«

 

Der Junge erzählte ihm, was vorgefallen war, und der Einsiedler hatte Mitleid mit ihm und sagte: »Wenn du denn in die Hölle gehen mußt, so geh, aber trage immer diese Rosenkranzperlen bei dir, denn bevor du dahin gelangst, mußt du einen finsteren Fluß überqueren, und ein Vogel wird dich auf die andere Seite bringen müssen. Und wenn dieser Vogel dich in den Fluß stürzen will, dann wirf ihm die Rosenkranzperlen in den Rachen. Was dir dann weiterhin geschehen wird, das weiß ich nicht.« So geschah es.

Als er in der Hölle angelangt war, hatte der Junge große Angst und er verbarg sich in einem leeren Backofen, den er dort sah. Als er sich ganz darin verkrochen hatte, kam eine uralte Frau vorbei und erblickte ihn. »Ein Junge hier? Ach, du Ärmster, du bist doch so hübsch, und wenn mein Sohn dich sieht, dann wird er dich mit Gewißheit töten. Wozu bist du hergekommen?« Der Junge erzählte der Mutter des Teufels alles, und die Alte hatte Mitleid mit ihm und sagte: »Höre, du bleibst hier versteckt denn ich weiß nicht, wann mein Sohn heimkommt. Er sitzt am Totenbett des Heiligen Vaters, der im Sterben liegt, und er möchte seine Seele haben.«

 

Der Junge bat die Alte, ob sie nicht vom Teufel die Antwort auf die Fragen, die man ihm aufgetragen hatte, herausbekommen könnte. Sie waren hier in ihrer Unterhaltung angelangt, als der Teufel schnaubend zurückkam. Schnell versteckte die Alte den Jungen und sagte: »Komm her, mein Sohn, und ruhe dich aus. Leg dich hier in meinen Schoß.« Der Teufel legte sich hin und schlief sogleich ein. Da streckte die Alte ganz sachte ihre Krallen aus und nahm ihm den Ring, der er unter dem Arm trug, fort.

 

Der Teufel schreckte hoch und schrie: »Was ist das?« »Ach, mein Sohn, ich bin eingeschlafen und habe dir im Schlaf einen Schlag versetzt. Ich träumte von jenem König, der seinen Ring verloren hat und ihn niemals mehr wiederfinden konnte.« »Nun, dieser Traum ist wahr,« antwortete der Teufel, »der Ring liegt bei der Fontäne im Garten unter einem Stein.« Der Teufel schlief wieder ein, und die Alte nahm ihm ganz heimlich den zweiten Ring ab. Wieder fuhr der Teufel aus dem Schlaf, und seine Mutter sagte: »Reg' dich nicht auf, mein Sohn! Ich bin wieder eingenickt und habe von jener Königstochter geträumt, die kein Arzt heilen kann.« »Auch das ist wahr; ihre Krankheit rührt von der Kröte her, die in ihrem Strohsack steckt.«

 

Der Teufel schlief wieder ein, aber diesmal war es ein mühsames Stück Arbeit, den Ring von seinem Auge zu lösen. Die Alte zog ihn mit einem Bratspieß fort, und vor Schmerz und Ärger über die Schläge, die er dabei abbekam, sprang der Teufel, zur Tür hinaus. Der Junge erhielt von der Alten die Ringe und die Antworten des Teufels, sie rief auch den Vogel für ihn herbei, und er kehrte in die Welt zurück. Er ging, dem Einsiedler die Rosenkranzperlen auszuhändigen, und kam dann in das Reich des Königs, der seinen Ring verloren hatte, und der ihm viel Geld schenkte, als er den Ring unter dem Stein wiederfand. Danach ging er an den Hof des Königs, der eine kranke Tochter hatte, und berichtete, wo sich die Kröte befand. Sogleich genas die Prinzessin, und der König fragte, was er sich für eine Belohnung wünschte. »Ich möchte, daß Eure Majestät für acht Tage Eure Macht verleihen.«

 

Der König ließ ausrufen, daß der Junge für acht Tage regieren würde. Gleich darauf begab sich der Junge zu dem Ort an dem sein Schwiegervater wohnte, und sowie er dort eintraf, befahl er, daß der Kaufmann innerhalb einer halben Stunde vor ihm zu erscheinen hätte, um mit ihm zu reden. Der Kaufmann brach auf, doch als er ankam, war schon mehr als eine Stunde vergangen. Der Junge sagte: »Ich könnte Euch töten lassen, weil Ihr mir ungehorsam wart und nicht nach einer halben Stunde erschienen seid.«

»Ach, Herr, ich habe mich nicht absichtlich verspätet.« »Nun gut. Aber warum habt Ihr dann damals nicht jenem armen Sergeanten verziehen, den Ihr aus dem Haus geworfen habt?« Da erkannte der Kaufmann den ehemaligen Bräutigam seiner Tochter, die seither ständig geweint hatte, gestand seinen Irrtum ein und bat auf Knieen vielmals um Vergebung. Der Junge übergab ihm die Ringe des Teufels, und noch am selben Tag heiratete er seinen Schatz, für den er einen Fuß in die Hölle gesetzt hatte.

 

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Die drei goldenen Äpfel ...

Es waren einmal drei Brüder. Der Jüngste hatte drei goldene Äpfel, und um sie ihm wegzunehmen, brachten seine Brüder ihn um, und begruben ihn auf einem Berg. Auf dem Grabe wuchs später ein Schilfrohr. Eines Tages kam dort ein Schäfer vorbei und schnitt von dem Schilfrohr ein Stück ab, um sich eine Flöte zu machen. Der Schäfer begann zu spielen, aber anstatt Töne von sich zu geben, sprach die Flöte:

Spiel', spiel', oh Schäfer,
meine Brüder haben mich getötet
für drei goldenen Äpfel,
die sie am Ende nicht einmal mitgenommen haben.

Als der Schäfer dies hörte, rief er einen Köhler herbei und gab ihm die Flöte. Der Köhler fing an, zu spielen, aber die Flöte sagte:

Spiel', spiel', oh Köhler,
meine Brüder haben mich getötet ...

So ging die Flöte von einem zum anderen, bis sie schließlich in die Hände des Vaters und der Mutter des Toten gelangte. Und wieder sagte die Flöte:

Spiel', spiel', mein Vater,
spiel', spiel', meine Mutter,
meine Brüder haben mich getötet
für drei goldenen Äpfel,
die sie am Ende nicht einmal mitgenommen haben.

Sie riefen den Schäfer und der sagte ihnen, wo er das Schilfrohr abgeschnitten hatte. Sie gingen hin und fanden dort die Leiche mit den drei goldenen Äpfeln.

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Der Ochse Cardil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein König hatte einen Diener, dem er das größte Vertrauen schenkte, denn jener war ein Mann, der noch nie in seinem Leben gelogen hatte. Da erhielt der König einen wunderschönen Ochsen zum Geschenk, den er Cardil nannte. Der König schätzte den Ochsen so sehr, daß er ihn in Begleitung seines treuen Dieners, der für ihn sorgen sollte, in eines seiner Gehege schickte.

 

Bei einer Gelegenheit plauderte er mit einem Edelmann und erwähnte das große Vertrauen, das er in die Treue seines Dieners setzte. Der Edelmann lachte. »Warum lacht Ihr?« fragte der König. »Weil er wie alle anderen ist, die ihre Herren betrügen.« »Dieser nicht!« »Nun, ich wette meinen Kopf, daß er fähig ist, sogar den König zu belügen.« Die Wette galt.

 

Der Edelmann ging nach Haus, da er jedoch nicht wußte, wie er den Diener in die Falle locken sollte, war er sehr betrübt. Als seine Tochter, die jung und schön war, den Grund für den Kummer ihres Vaters erfuhr, sagte sie: »Seid unbesorgt, Vater, ich will es schon einrichten, daß er den König notgedrungen belügen wird.« Der Vater willigte ein.

Sie kleidete sich in karminroten Samt, mit einem tiefen Ausschnitt und kurzen Ärmeln und einem kurzen Rock, trug ihre Haare auf den Schultern und ging in dem Gehege spazieren, bis sie schließlich den Jungen traf, der den Ochsen Cardil hütete. Der Junge war halt auch nur ein Junge, zumal sie sogleich begann: »Schon lange Zeit brenne ich vor Leidenschaft und nie habe ich es dir bisher sagen können.« Der Junge wußte nicht, wie ihm geschah, und wollte seinen Augen nicht glauben, aber sie sagte derartige Dinge und vollführte solche Bewegungen, daß er sich schließlich um den Finger wickeln ließ. Als der Junge schon ganz willfährig war, verlangte sie von ihm, daß er den Ochsen Cardil zum Lohn für ihre Liebe schlachtete.

 

Er tat dies und hielt sich den ganzen, lieben Tag lang für gut bezahlt. Die Tochter des Edelmannes entfernte sich und berichtete ihrem Vater, wie der Junge den Ochsen Cardil geschlachtet hatte. Der Edelmann erzählte es wieder dem König, und vertraute darauf, daß der Junge den Tod des Ochsen mit irgendeiner Lüge erklären würde. Als der König erfuhr, daß der Diener den Ochsen Cardil, den er so sehr schätzte, geschlachtet hatte, war er wütend und ließ den Diener rufen.

 

Der kam herbei, und der König tat so, als ob er nichts wüßte. Er fragte ihn: »Nun, wie geht es dem Ochsen?« Der Diener glaubte, sein letztes Stündlein sei gekommen und sagte:

 

Herr! Weiße Beine
und ein schöner Leib
haben mich unseren
Ochsen Cardil töten lassen.

 

Der König befahl ihm, sich genauer zu erklären, da erzählte der Jüngling alles. Der König freute sich, daß er seine Wette gewonnen hatte, und sagte zu dem Edelmann: »Ich werde Euch nicht den Kopf abschlagen lassen, den Ihr verwettet habt, denn Euch genügt die Schande Eurer Tochter. Und jenen bestrafe ich nicht, da seine Treue größer ist als mein Verdruß.«

 

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Das Rätsel des Königs ...

Ein König hatte einen Minister, dem er sein ganzes Vertrauen schenkte. Einmal hatte er jedoch so großen Zorn auf ihn, daß er beschloß, dem Leben des Ministers ein Ende zu setzen, und sagte: »Ich kann nicht umhin, ich muß Euch töten lassen. Da ich Euch früher aber sehr schätzte, lasse ich Euch eine Hoffnung, die darin besteht, daß Ihr mir Eure Tochter herschickt, um zu sehen, ob sie fähig ist, zu erraten, was ich hiermit meine: Sie soll weder in der Nacht, noch am Tage kommen, weder nackt, noch angezogen sein, und weder zu Fuß, noch zu Pferde kommen.«

Wie zu erwarten ging der Minister sehr betrübt nach Haus und erzählte seiner Tochter von seinem Kummer. Da diese jedoch klug war, antwortete sie: »Laßt gut sein, Vater, ich habe das Rätsel des Königs schon gelöst, und ich schwöre Euch schon jetzt, daß ich Euch retten werde.« Sie machte sich fertig und richtete ihre Sachen dergestalt, daß sie den Palast am nächsten Tage im Dämmerlicht betrat. Auf dem Körper trug sie ein dünnes Hemd aus Batist, und sie saß rittlings auf einem alten Diener.

 

Sowie der König sie sah, erkannte er an, daß das Zwielicht weder Tag noch Nacht war, und daß sie, da sie ein Hemd trug, weder angezogen, noch nackt war, und daß sie schließlich auf dem Rücken des Dieners nicht zu Pferde, aber auch nicht zu Fuß kam. Da lobte er die Klugheit des Mädchens sehr und sagte ihr, sie solle ihrem Vater ausrichten, daß ihm verziehen sei und er wieder sein Vertrauen genieße, denn wer eine so kluge Tochter hatte, der war ein fähiger Mann.

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Der Kämmerer des Königs ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der war mit seinen Kammerdienern gut Freund, und er versprach einem jeden für die Hochzeit eine Mitgift.

Einer von ihnen wollte eine Reise machen, um sich eine Frau zu suchen, die hübsch, klug und ehrbar wäre. Er kam zu einem großen Gut, und schon auf den ersten Treppenstufen, die ins Haus führten, begegnete er einem Mädchen wie es hübscher nicht sein konnte. Er bat um Unterkunft, und es kam ein alter Landmann, der ihn mit freundlichem Entgegenkommen aufnahm und ihm sein Haus zeigte: »Nun, wie gefällt es Euch?« »Ich finde es ausgezeichnet, nur ist der Giebel recht niedrig.«

 

Dann zeigte ihm der alte Bauer seine Felder und Saaten. »Nun, wie findet Ihr sie?« »Sehr gut, wenn sie nur nicht schon verzehrt wären.« Der Landmann verstand die Worte nicht, denn die Fassade des Hauses war hoch, und sein Speicher war noch voller Korn. Am Abend erschien ein prächtiges Huhn auf dem Tisch, das die Tochter des Bauern zerlegte, indem sie ihrem Vater den Kopf, ihrer Mutter die Flügel, dem Gast die Füße gab, und für sich selbst die Brust behielt. Der Bauer wollte seine Tochter nicht fragen, warum sie dies tat, aber in der Nacht erzählte er in seinem Zimmer seiner Frau von der Unterhaltung mit dem Kammerdiener und hob die Art hervor, in der seine Tochter das Huhn zerlegt hatte.

 

Die Tochter, die von ihrem Zimmer aus alles mitangehört hatte, antwortete von da: »Ich weiß, was unser Gast sagen wollte. Daß der Giebel unseres Hauses sehr niedrig sei, sagte er meinetwegen, weil er mich auf dem Treppenabsatz anfand. Und die schon verzehrte Saat bezog sich darauf, Vater, daß Ihr verschuldet seid, und alles, was Ihr erntet, dient nur, um die Schulden zu bezahlen.« »Gut,« sagte der Vater, »und jetzt erkläre mir, warum du beim Abendessen mir den Kopf des Huhns, deiner Mutter die Flügel, und unserem Gast die Füße gegeben hast.« »Euch, Vater, habe ich den Kopf gegeben, weil es Euch zusteht, das Haus zu regieren. Meiner Mutter gab ich die Flügel, weil sie die Familie beschirmt. Dem Gast gab ich die Füße, weil er auf Reisen ist, und die Brust behielt ich für mich, um gegen das Liebesleid, das mir von unserem Gast kommen wird, gewappnet zu sein.«

 

Der Kämmerer hatte alles mitangehört, mochte er das Mädchen schon seiner Schönheit wegen, so war er jetzt um so entzückter über ihre Klugheit. Am nächsten Tag entschloß er sich, um ihre Hand bei dem Vater anzuhalten, und der gab sein Einverständnis. Er zog mit seiner Frau an den Hof, wollte sie dem König aber nicht vorstellen. Der König argwöhnte, daß sie vielleicht nicht hübsch wäre, und schwor, daß er sie um jeden Preis sehen wollte. Er strich um ihr Haus herum, aber stets waren vor ihren Fenstern die Vorhänge zugezogen. Schließlich bestach er eine Dienerin, daß sie ihn in das Zimmer ihrer Herrin ließ, wenn diese gerade schlief und ihr Mann außerhalb wäre. Der König schwor, daß er sie nicht berühren würde und sie lediglich ansehen wollte. Auf Zehenspitzen betrat er das Schlafzimmer und erblickte ein schönes Bett mit zugezogenen Vorhängen aus grünem Damast. Er zog sie beiseite und da sah er das wunderschönste Mädchen der Welt. In dem Augenblick stürzte die Dienerin herein und sagte, er solle fliehen, da der Hausherr käme. In der Eile ließ der König einen Handschuh fallen.

 

Der Kämmerer kam in das Zimmer, und das erste, was er sah, war der Handschuh. Er war voller Argwohn und behandelte seine Frau fortan nicht mehr gut. Es war die Hölle im Haus. Voller Gewissensbisse, dies den einst glücklichen Eheleuten angetan zu haben, erzählte die Dienerin alles dem König. Der König erinnerte sich, daß er einen Handschuh verloren hatte, und ließ den Kammerdiener rufen, zu dem er sagte: »Du hast mir einen großen Schimpf angetan indem du mir nie deine Frau vorgestellt hast, damit ich sie kennenlerne.« »Herr, es ist, weil sie sehr krank ist.« »Nun gut, morgen werde ich in eurem Hause essen.« Am folgenden Tag ging der König hin. Die Frau des Kämmerers setzte sich als letzte an den Tisch, und da es über ein Jahr her war, daß sie zum letzten Male mit ihrem Mann gegessen hatte, brach sie in Tränen aus, sobald sie Platz genommen hatte.


Der König fragte sie, warum sie so bitterlich weinte. Da antwortete sie:

 

Ich wurde einst von Herzen geliebt.
Heut' werde ich es nicht mehr, und ich weiß nicht warum.

 

Der Kämmerer antwortete:

 

Als ich meinen Weinberg betrat,
fand ich die Spur eines Diebes darin.

 

Und der König erklärte:

 

Jener Dieb, der deinen
Weinberg betrat, war ich.
Grünes Weinlaub schob ich beiseit',
und schöne Weintrauben erblickte ich.
Doch bei meiner Ehre als König schwöre ich,
daß ich die Trauben nicht berührte.

 

Der König erklärte, daß die grünen Weinblätter die damastenen Vorhänge wären, und erzählte, wie er die entblößten Arme gesehen habe, und wie ihm beim Davongehen in der Eile ein Handschuh hinuntergefallen sei. Der Kämmerer war sehr erleichtert und erkannte die Gefahren einer zu großen Neugier. Fortan schloß er seine Frau nie mehr ein, und diese war am Hofe bei allen als die schönste, klügste und ehrbarste Frau bekannt.

 

 

In der Version von Loulé Die Frau des Händlers sagt die Ehefrau bei Tisch, als der Prinz im Hause des Händlers zu Abend ißt:

 

Einst wurde ich begehrt und geliebt,
jetzt werde ich verschmäht,
und dabei habe ich doch nichts getan.

 

Der Ehemann antwortet:

 

Ich ging in meinen Weinberg
und fand die Spuren eines Diebes.
Ob er von den Trauben aß oder nicht,
das habe ich nicht gesehen und weiß ich nicht.

 

Daraufhin bemerkt der Prinz:

 

Ich bin in deinen Weinberg gegangen
und habe grünes Weinlaub beiseite geschoben.
Als Prinz schwöre ich dir,
daß ich von den Trauben nicht aß.

Nach Abgabe der gegenseitigen Erklärungen versöhnen sich die Eheleute.

 

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Die heilige Helena ...

Es war einmal ein König, der mit einer Dame verheiratet war, die Dona Helena hieß und ein sehr gutes Herz hatte. Der König hatte die Gewohnheit, den Sommer in einem Landhaus zu verbringen, das er auf dem Seewege erreichte, aber es lag noch im gleichen Land. Ein Edelmann ging zu ihm und wettete mit dem König, daß er ihm bei seiner Rückkehr sagen könnte, was für Muttermale die Königin habe, und daß er all sein Hab und Gut verlieren wolle, wenn er dies nicht könnte.

Die Ankunft des Königs stand kurz bevor, aber der Edelmann hatte die Male, die die Königin am Körper trug, noch nicht sehen können, und er war sehr bekümmert, weil er die Wette verlieren würde. Da trat eine alte Frau zu ihm und bat ihn um Almosen, doch er sagte zornig, sie solle ihn in Ruhe lassen. Die Alte blieb jedoch beharrlich: »Erzählt mir, was Ihr habt, und ich besorge Euch ein Heilmittel für Eure Krankheit.« Der Edelmann erzählte ihr alles und sie erbot sich, in den Palast zu gehen und die Male der Königin zu erspähen. Sie machte sich auf den Weg und nahm eine Tüte voller Flöhe mit. Sie trat zur Königin und bat sie um ein Almosen. Die Königin ließ sie eintreten und da sie sehr mildtätig war sagte sie, daß sie die Nacht über dort schlafen könne.

Als alles schlief ging die Alte zum Bett der Königin und leerte die Tüte mit den Flöhen. Darauf begab sie sich in das Zimmer, das man ihr gegeben hatte. Voller Juckreiz läutete die Königin und sogleich kamen alle Damen und Kammerjungfern des Palastes und inmitten des Durcheinanders kam auch die Alte. Und während man die Königin nach Flöhen absuchte, sah sie, daß sie ein Muttermal auf der Brust trug. Früh am Morgen suchte sie den Edelmann auf und erzählte ihm alles, und sie erhielt ein großes Almosen.

Der Edelmann ging dem König entgegen und nannte ihm das Mal von Dona Helena. Der König war zornentbrannt und als er im Palast ankam, wollte die Königin ihn umarmen, doch er stieß sie fort und sagte: »Verräterin, du warst mir untreu!« Sie fiel augenblicklich in Ohnmacht und sollte nie wieder sprechen. Der König ließ eine gläserne Glocke machen, sperrte sie hinein, und man warf sie ins Meer. Die Glocke wurde dort, wo der König den Sommer zu verbringen pflegte, an Land gespült, und die dortigen Fischer fanden sie und zogen sie an Land.

In der Handfläche trug sie die Inschrift: »Heilige Helena.« Man errichtete ihr eine Kapelle, wo man die Glocke aufbewahrte. Als der König an jenen Ort kam, bat er, man möge ihm erzählen, wessen Glocke das sei, und als er näher trat, erkannte er sogleich, daß es seine Frau war, und voller Reue starb er dort und hinterließ als Andenken, daß niemand Wetten abschließen sollte.

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Der betrunkene Hahn ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein betrunkener Hahn, der ging auf einen Hügel, um kleine Zweige zu suchen, und fand dort eine Geldbörse und sagte: "Ich will dem König diese Börse bringen." Er machte sich mit der Börse im Schnabel auf den Weg; aber da er über einen Fluß gehen mußte und es nicht konnte, sagte er: "Fluß, tritt zurück, damit ich hinübergehen kann." Aber der Fluß kümmerte sich nicht darum, und da trank der Hahn das ganze Wasser aus.

Er ging weiter und traf einen Fuchs auf dem Weg und sagte zu ihm: "Lass mich vorbei." Da der Fuchs sich nicht rührte, fraß er ihn auf.
Er ging weiter und stieß auf eine Fichte und sagte zu ihr: "Geh aus dem Weg, damit ich vorbei kann." Doch da sie sich nicht regte, verschluckte er sie.
Noch weiter traf er einen Wolf und fraß ihn; und später traf er eine Eule und machte mit ihr dasselbe.

Als er in das Schloss des Königs kam, sagte er, er wolle den König sprechen, und er gab ihm die Geldbörse, und der König befahl darauf, ihn in den Hühnerstall zu sperren und ihn gut zu behandeln. Als das betrunkene Hähnchen sich im Hühnerstall befand, begann es zu krähen:
"Kikerikiii,
Meine Börse mit Geld.
Man bringe mir sie."

Als es sah, dass man ihm die Börse nicht brachte, ließ es den Fuchs heraus, den es verschlungen hatte, und der fraß die ganze Hühnerschar auf. Man erstattete nun dem König Meldung von dem Vorfall, und er befahl, das betrunkene Hähnchen in einen Gläserschrank zu sperren. Der Befehl wurde ausgeführt, aber das betrunkene Hähnchen krähte unentwegt weiter:
"Kikerikiii,
Meine Börse mit Geld.
Man bringe mir sie."

Dann, da man ihm die Geldbörse nicht brachte, ließ es die Fichte heraus, und alle Gläser im Gläserschrank brachen entzwei. Da befahl der König, das betrunkene Hähnchen in einen Pferdestall zu sperren; dort krähte es die ganze Zeit:
"Kikerikiii,
Meine Börse mit Geld.
Man bringe mir sie."

Dann ließ es den Wolf heraus, und der Wolf fraß die Pferde. Darauf befahl der König, das betrunkene Hähnchen in eine Ölkanne zu stecken, aber es ließ nun die Eule heraus, und die trank das ganze Öl aus. Da der König nun nicht mehr wusste, was er tun sollte, ließ er den Backofen anheizen und das betrunkene Hähnchen dort hineinstecken. Aber selbst im Backofen begann es zu krähen:
"Kikerikiii,
Meine Börse mit Geld.
Man bringe mir sie."

Und es ließ den Fluß heraus, den es getrunken hatte; und das Schloss des Königs stand schon fast ganz unter Wasser, da befahl der König, man solle dem betrunkenen Hähnchen die Geldbörse bringen und es dann fortschicken, bevor es den ganzen Fluß hinauslassen könnte.
Da machte sich das betrunkene Hähnchen wieder auf den Weg mit der Geldbörse im Schnabel.

Quelle: Märchen aus Portugal

 

Die zehn Zwerge der Tante Grünwasser ...

Es war einmal eine verheiratete Frau, die sich mit ihrem Ehemann überhaupt nicht vertrug, denn sie arbeitete nicht und hatte in ihrem Haushalt keine Ordnung. Sie fing eine Sache an und ging dann gleich zur nächsten über, und alles war nur halb getan, so daß der Ehemann, wenn er nach Hause kam, weder eine fertige Mahlzeit hatte, noch abends Wasser, um sich die Füße zu waschen, noch ein gemachtes Bett. So ging es, bis der Ehemann schließlich die Hand gegen sie erhob und sie verprügelte, und sie ein sehr schlechtes Leben hatte. Die Frau war traurig, weil ihr Mann sie schlug, und sie hatte eine Nachbarin, bei der sie sich beklagte, und diese war eine alte Frau, von der es hieß, daß die Feen ihr helfen würden. Man nannte sie die Tante Grünwasser.

»Ach, Tante, Ihr könntet mir in dieser Not beistehen.« »Aber ja, Kind, ich habe zehn Zwerglein, die prächtig Ordnung zu halten wissen, und die schicke ich in dein Haus, damit sie dir zur Hand gehen.« Und die Alte begann, ihr zu erklären, was sie tun mußte, damit die zehn Zwerge ihr halfen: Nämlich sofort, das Bett zu machen, wenn sie am Morgen aufstand, darauf das Feuer anzuzünden, danach den Wasserkrug zu füllen, das Haus zu fegen, die Wäsche zu flicken und während der Zeit, wo sie das Abendessen kochte, ihre Flachsstränge zu haspeln, bis ihr Ehemann nach Hause kam. So zeigte sie ihr, was sie zu tun hatte, und bei alledem würden ihr die zehn Zwerge helfen, ohne daß sie es gewahr würde.

Die Frau tat wie ihr geheißen, und sie tat ihre Arbeit gut und alles gelang ihr vortrefflich. Gleich bei Einbruch der Nacht ging sie zur Tante Grünwasser, um ihr dafür zu danken, daß sie ihr die zehn Zwerge geschickt hatte, die sie weder gesehen, noch gehört hatte, durch deren Hilfe ihr die Arbeit aber wie durch Zauberei von der Hand ging. So gingen die Dinge ihren Gang, und der Ehemann staunte, seine Frau so ordentlich und reinlich zu sehen. Nach acht Tagen konnte er sich nicht zurückhalten und sagte ihr, daß sie eine ganz andere Frau geworden sei, und daß sie so wie Gott mit seinen Engeln leben würden.

Froh darüber, daß sie nun glücklich war, und auch, weil das Haushaltsgeld länger reichte, ging die Frau zur Tante Grünwasser, um ihr für die Gunst, die sie ihr erwiesen hatte, zu danken. »Ach, meine Tante, Eure zehn Zwerglein haben mir einen großen Dienst erwiesen. Jetzt habe ich alles in Ordnung und mein Mann liebt mich sehr. Worum ich Euch jetzt bitten möchte ist, sie bei mir zu lassen.« Die Alte entgegnete ihr: »Ja, ja, gewiß. Hast du denn die zehn Zwerglein noch nicht gesehen?« »Nein, noch nicht. Ich möchte sie wirklich gerne sehen.« »Sei nicht töricht. Wenn du sie sehen willst, so schau auf deine Hände, deine zehn Finger sind nämlich die zehn Zwerglein.« Da verstand die Frau und ging mit sich selbst zufrieden heim, weil sie wußte, wie man seine Arbeit recht verrichtet.

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die beiden Freunde ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal zwei Freunde, die sich ungewöhnlich lieb hatten. Sie hatten beide denselben Beruf und versuchten immer zusammen zu arbeiten. Was der eine tat, das tat auch der andere. Sie kleideten sich in gleicher Weise und gingen gemeinsam spazieren. Es war die festeste und innigste Freundschaft, die man sich nur wünschen konnte. Eines Tages beschlossen sie, sich zu verheiraten. Sie würden die Hochzeiten zusammenlegen, am gleichen Tage, in der gleichen Kirche und zur selben Stunde sich vermählen, und sich dann nach der Hochzeitsfeier trennen, und ein jeder würde in sein Haus gehen. So planten sie es, und so führten sie es aus. Als sie verheiratet waren, fuhren sie in gleicher Weise fort. Sie ahmten sich gegenseitig nach und arbeiteten weiterhin zusammen, gingen gemeinsam spazieren und kleideten sich in gleicher Weise.

 

Nur in einem Punkte kamen sie nicht überein: Der ältere der Freunde verabreichte seiner Frau jeden Tag eine Tracht Prügel. »Schlägst du die deine nicht?«, fragte er den Jüngeren. »Nein. Sie ist so gut und hat mich so lieb, soll ich sie da wohl verprügeln?!« »Was sind denn das für Geschichten! Frauen und gut sein! Mein Freund, damit Frauen gut sind und einen Mann wirklich lieben, muß man sie züchtigen. Und du mußt die deine schlagen. Schau, ich schlage alle Tage Funken auf dem Rückgrat der meinen.« »Genau das tue ich nicht.« »Ach, lieber Freund! Schau, entweder du verprügelst deine Frau, oder wir brechen unsere Freundschaft.« »Ach, komm, das kann nicht sein. Wo sie mir doch keinen Anlaß gibt, dergleichen zu tun.« »Ach was, einen Grund erfindet man!« Und er begann, seinen Freund zu lehren, wie man einen Vorwand suchte, um seine Frau zu schlagen. »Geh' nach Haus und fange an, an allem etwas auszusetzen. Sie wird dir gereizt antworten und klatsch! ziehst du ihr einen über. Bedenke, wenn du sie nicht schlägst, stehen wir schlecht miteinander.« »Abgemacht.«

 

Am Abend ging der Mann nach Haus und fing wirklich an, an allem herumzunörgeln. Bescheiden und liebevoll gab die Frau nach und versuchte, das Gemüt ihres Mannes aufzuheitern. Dieser hatte nicht den Mut, sie zu schlagen. Kaum erschien er am nächsten Tag bei der Arbeit, fragte ihn sein Freund: »Nun, hast du sie schon verprügelt?« »Nein, mir gebrach es an Mut. Wenn du sie gesehen hättest, so zärtlich, so liebevoll, und wie sie alles ganz ergeben tat! ...« »Ach geh, du bist ein Narr. Ich schäme mich sogar, mit einem Mann befreundet zu sein, der nicht einmal den Mut hat, seine Frau zu schlagen. Morgen mußt du sie unbedingt schlagen. Schau, du gehst nach Haus und sagst, daß dir das Abendessen nicht schmeckt, daß du es nicht so zubereitet haben wolltest, und wenn sie es auf andere Weise kocht, sagst du wieder, daß du es nicht so haben wolltest, und so schiltst du immer weiter, bis sie vor Verärgerung zu streiten anfängt, und das ist Grund genug, daß du ihr eine Tracht Prügel gibst. Diesmal zähle ich darauf, daß die Sache nicht fehlschlägt. Meine Frau hat erst gestern eine solche Abreibung bekommen, daß sie zu Gott und der Heiligen Maria schrie.«

 

Am Abend begab sich der arme Mann von der Arbeit zurück nach Haus und hatte den festen Vorsatz, seine Frau grün und blau zu schlagen. Zum Abendessen gab es Schellfisch, und es erschien auf dem Tisch eine Schüssel mit Schellfisch und Reis. »So zubereitet wollte ich den Schellfisch nicht!«, rief er zornentbrannt. »Ich wollte ihn gekocht, mit Öl und Essig.« »Ärgere dich nicht, lieber Mann,« erwiderte sie sanft, »ich habe ihn auch gekocht, mit Öl und Essig.« Und der Schellfisch kam mit Öl und Essig. »Aber wenn ich dir doch gesagt habe, daß ich ihn gebraten will!« »Nun verlierst du die Geduld. Der Schellfisch war sehr groß, und ich habe eine Portion davon gebraten.«

»Tausend Teufel sollen dich holen! Ich wollte den Schellfisch schmutzig und voller Erde, so daß niemand ihn essen könnte. So ist's wie ich ihn mag.« »So sollst du ihn bekommen. Die Katze hat mir ein Stück stibitzt und es mit in den Garten genommen. Ich konnte es ihr noch beizeiten wegnehmen, und da liegt es voller Schmutz, denn ich hatte es vor, ihn erst nach dem Abendessen zu waschen und für das Mittagessen zuzubereiten.« Mutlos setzte sich der gute Mann. Es gab keine Möglichkeit, die Frau zu schlagen. Am nächsten Tag ging er ohne sie verprügelt zu haben zur Arbeit und erzählte seinem Freund, was geschehen war.

 

Dieser regte sich sehr auf: »Heute mußt du sie unbedingt schlagen, oder wir sind für immer geschiedene Leute. Geh' am Abend ganz verdrießlich heim und sage deiner Frau, daß du im Garten schlafen willst. Sie wird dort nicht schlafen wollen, und da hast du einen guten Vorwand: zwinge sie, indem du ihr eine Tracht Prügel verabreichst.« Der Mann tat, wie ihm geheißen. Am Abend ging er nach Haus und sagte seiner Frau, daß er diese Nacht im Garten schlafen wollte. »Aber ja, ganz wie du willst.« Und ohne weitere Einwände ging sie im Garten ein Lager zu bereiten. Der Mann geriet allmählich in Wut. »Soll ich sie denn gar nicht schlagen?« zürnte er. »Ich mache wirklich eine schlechte Figur in den Augen meines Freundes. Heute Abend muß es unbedingt geschehen.«

Als das Bett gemacht war legten sie sich hin, und spät in der Nacht fing der Ehemann an, den Himmel zu betrachten. »Schau mal«, sagte er zu seiner Frau, »was sind das da für Sterne, die einen Weg zu bilden scheinen?« »Das ist die Straße des Heiligen Jakobs.« »Dann bringst du mich also unter einer Straße unter, damit mir die Reisenden auf den Kopf fallen! Warte, dir will ich Bescheid geben!« Und darauf schlug er die arme Frau windelweich. Am nächsten Tag ging er zur Arbeit und erzählte seinen Freund, daß er seine Frau jetzt verprügelt habe, sich deshalb aber nicht wohl fühle. »Bravo, du bist ein Mann! Jetzt ist es nötig, nicht nachzulassen. So mache ich es mit der meinen, die jeden Tag ihr Teil bekommt.«, sagte der andere, wobei er in die Hände klatschte.

 

Die Frau, die zum erstenmal mißhandelt worden war, wunderte sich, dachte nach und dachte daran, daß all dies das Ergebnis der Ratschläge des Freundes sei. »Laß nur, du wirst es mir büssen.« dachte sie. Sie zog ihr Sonntagskleid an und ging ins Haus der Freundin. Man begrüßte sich herzlich und war voller Freude, bis die Besucherin schließlich fragte: »Nun, wie verträgst du dich mit deinem Mann?« »Ach, liebe Freundin, schlecht, sehr schlecht. Er schlägt mich jeden Tag.« »Ja?« »Es ist, wie ich es dir sage.« »Also meiner schlägt mich nicht. Er hat mich nicht einmal angefaßt, und mehr noch, er kann nicht einmal böse werden.« »Ach, was für ein Heiliger, liebe Freundin. Wenn so nur der meine wäre! Das erste, was er macht, wenn er von der Arbeit kommt, ist mir eine Tracht Prügel zu geben, und manchmal schlägt er mich halb tot.« »Schau, liebe Freundin, diesem Übel will ich abhelfen. Rufe abends, wenn er dich schlägt, die elf Jungfrauen herbei. Aber achte darauf, daß du die Tür offen läßt. Du wirst sehen, daß dieses Mittel seine Wirkung nicht verfehlt.« Sie entfernte sich und ging bei zehn ihrer Freundinnen vorbei, denen sie von der üblen Behandlung erzählte, die der Freund ihres Mannes seiner Frau angedeihen ließ, und sie vereinbarte mit ihnen, daß sie in dieser Nacht alle mit Knütteln in den Händen in der Nähe jenes Hauses wären, um der unglücklichen Frau beizustehen, wenn ihr Mann sie schlug.

 

Nachdem sie diese Abmachung getroffen hatten, kleideten sie sich, in weiße Gewänder, und als es Zeit war, daß die Arbeit ruhte, gingen sie in die Nähe des Hauses der Frau, die das Opfer der Brutalitäten ihres Ehemannes war. Als dieser von der Arbeit heimkam, machte er sich daran, seine Frau erbarmungslos zu verprügeln. Diese konnte so viele Schläge nicht ertragen und fing an, zu schreien: »Die Heilige Jungfrau Maria steh' mir bei! Zu Hilfe, ihr elf Jungfrauen, zu Hilfe, ihr elf Jungfrauen!« Kaum hatte sie die letzten Worte gesprochen, da traten elf weiß gekleidete, stämmige Frauen ein, die Prügel in der Hand hielten und von schneeweißen Gewändern ganz verhüllt waren. Gnadenlos schlugen sie auf den Ehemann der unglücklichen Frau ein. Er erhielt mehr Schläge als eine Trommel auf dem Rummelplatz, und die Anführerin war dabei die Frau seines Freundes, dem er geraten hatten, seine Gefährtin zu schlagen.

 

Als die Frauen sahen, daß er halb tot war, ließen sie von ihm ab und gingen nach Haus. Kurz darauf wurde der Mann mit den Sakramenten versehen, er machte ein Testament und ließ in größter Eile seinen Freund herbeirufen. Er erzählte ihm, wie alles sich ereignet hatte und sagte ihm zum Schluß: »Ich habe dich rufen lassen, um dich zu bitten, daß du niemals deine Frau mehr schlagen mögest. Ich glaube, sie sind heilig. Ich habe die meine heute wie üblich verprügelt, aber da rief sie, da sie es nicht mehr aushalten konnte, die elf Jungfrauen zu Hilfe, und diese ließen nicht lange auf sich warten. Sie haben mir eine solche Tracht Prügel gegeben, daß sie mich in diesen Zustand versetzten. Und sieh', lieber Freund, es war noch ein Glück, daß meine Frau nicht daran dachte, die elf Apostel anzurufen, denn die hätten mich sonst totgeschlagen, immerhin hätten die die Kräfte eines Mannes.« Fest steht jedenfalls, daß er seine Frau nie wieder geschlagen hat und auch seinem Freund nicht mehr riet, dergleichen zu tun.

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Das Ei und der Edelstein ...

Es waren einmal eine Frau mit ihrer Tochter und einer Stieftochter, die lebten zusammen in einem Haus. Die Stieftochter mußte in der Küche schwer arbeiten während die andere Tochter nur am Fenster saß und hochmütig dreinblickte.
Eines Tages kam eine Alte und bat um Almosen. Die hochmütige wies sie ab, die andere aber sagte: Ich kann dir nichts geben als ein frisch gelegtes Hühnerei. Die Alte zerbrach es und siehe es befand sich ein großer Brilliant darin. Sie gab ihn dem Mädchen mit den Worten: "Trage diesen Stein immer an deinem Hals, denn solange du ihn an dir hast, fällt alles Glück dir zu".

 

Nun war die hochmütige Tochter aber neidisch und suchte ebenfalls ein Hühnerei um es der Alten zu geben und einen entsprechenden Gewinn für sich zu erzielen.Das Ei wurde zerschlagen jedoch war es verfault und stinkende Flüssigkeit ergoß sich über ihr Gesicht und die Hände.

 

Bald darauf kam der König des Landes mit seinem Gefolge vorüber und erblickte das Mädchen mit dem Edelstein-Halsband. Sogleich verliebte er sich in sie, ließ sie auf sein Schloß holen und es wurde ein prächtiges Hochzeitsfest gefeiert. Nachdem sie Königin war, baten ihre Stiefmutter und Stiefschwester darum, ebenfalls im Schloß wohnen zu dürfen, und da sie von Herzen gut war erlaubte sie es ihnen.

 

Die beiden legten es aber darauf an, den mit einer geheimen Kraft versehenen Edelstein zu stehlen was ihnen schließlich auch gelang, als die Königin im Bade war. Für den Diebstahl nutzten sie die Abwesenheit des Königs aus, der sich auf einem Feldzug befand. Im Besitz des Edelsteins traten sie schnurstracks eine Reise an, die sie zum König ins Feld führen sollte. Jedoch gaben sie nicht genügend auf den Stein acht, so daß ein Adler ihn stehlen und verschlucken konnte, ohne daß sie es bemerkten.

 

Beim Zelt des Königs angelangt verschafften sie sich Zutritt unter dem Vorwand: die Königin sei gekommen ihn zu besuchen, da sie große Sehnsucht habe. Der König jedoch erkannte die List und ließ beide auspeitschen. Nachdem sie den Verlust des Brillianten bemerkten suchten sie das Weite.

 

Bei seiner Rückkehr zum Schloß eilte seine Königin ihm entgegen, er jedoch erkannte sie nicht und ließ sie fortschicken. Sie fand glücklicher Weise eine Anstellung als Küchenmagd in der königlichen Schloßküche und wäre auf alle Zeiten dort geblieben, wenn der König nicht wiederum eine Hochzeit vorbereitet hätte.

 

Es wurde ein Adler als Festmal zubereitet und wie es kommen mußte fand sie ihren verlorenen Edelstein, als sie den Adler ausnahm. Erfolgreich bat sie den Küchenmeister, die Speisen auftragen zu dürfen. Geschmückt mit dem Brillianten-Halsband kredenzte sie die Speisen an der königlichen Tafel. Da erkannte sie der König wieder, ließ sie an seiner Seite Platz nehmen und schickte die andere Prinzessin fort. So lebten sie glücklich bis an ihr Ende.

 

Quelle: Portugal

 

Gevatter Teufel ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein armer Tagelöhner hatte einen Gevatter, welcher der Teufel war, ohne daß er es wußte. Eines Tages kam der Teufel und sagte ihm: »Du bist so arm! Weißt du was? Ich will dir ein großes Feld schenken, damit du es zu gleichen Teilen mit mir bestellst, jedoch unter der Bedingung, daß das, was unter der Erde wächst, mir gehört, und daß das, was über der Erde wächst, für dich ist.«

 

Der Tagelöhner ging auf den Handel ein, beackerte das Feld und säte Weizen aus. Es wuchs viel Weizen, den er erntete, als die Zeit gekommen war, und er sagte dem Gevatter, er solle das einholen, was unter der Erde gewachsen war. Der Teufel fand indes nur Wurzeln und er erkannte, daß er von seinem Gevatter überlistet worden war. Da sagte er: »Unser Vertrag hat für mich keinen Wert mehr. Wenn du weiter machen willst, muß es umgekehrt sein: Das, was über der Erde wächst, soll mir gehören, und was darunter wächst, soll für dich sein.«

 

Der Landmann nahm die Bedingung an und besäte das ganze Feld mit Kartoffeln. Es gab eine herrliche Ernte. Er sagte seinem Gevatter, er solle das ernten gehen, was über der Erde gewachsen sei - das war nämlich das Kartoffelkraut -, und er las viele, viele Körbe Kartoffeln auf, mit denen er viel Geld verdiente. Der Teufel sah, daß er bei diesem Spiel immer verlor, und, wollte sich an seinem Gevatter rächen. »Du Schuft, du hast mich betrogen, aber ich lasse dich so nicht entkommen. Wir werden uns miteinander schlagen und zwar sollen unsere Waffen die Fingernägel sein, damit ich wenigstens diesmal den Vorteil auf meiner Seite habe.«

 

Der Bauer wußte wohl, daß der Teufel ein paar fürchterliche Krallen hatte, aber da er die Waffen nicht auswählen konnte, willigte er ein und ging heim zu seiner Frau, ohne daß er wußte, wie er heil aus dieser Geschichte herauskommen sollte. Seine Frau sagte ihm: »Laß ihn nur herkommen, ich will es schon richten. Verstecke dich an dem Tag, an dem er kommt, um mit dir zu kämpfen, denn ich will mit ihm reden.«

 

Als der Tag gekommen war, erschien der Teufel wutschnaubend und klopfte an die Tür des Landmannes: »Hier bin ich, damit wir miteinander kämpfen.« Da kam die Frau und sagte: »Kommt herein, Gevatter, und wartet auf meinen Mann. Er ist fort gegangen, um sich die Fingernägel schleifen zu lassen. Schaut nur, was er immer für Hiebe mit den Fingernägeln austeilt. Hier ist der erste, den er mir versetzt hat.« Und der Teufel sah etwas derartiges, daß er vor Furcht, ganz mit solchen Kratzern übersät zu werden, die Flucht ergriff und nie mehr dorthin zurückkehrte.

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die Buckligen ...

Es gab einmal in einem Land zwei Bucklige, die sich kannten und miteinander befreundet waren. Einer von ihnen kam einmal vom Wege ab und gelangte mitten in einen Wald, wo ein paar Hexen ihre Tänze aufführten und sagten: »Zwischen Donnerstag und Freitag und Samstag.« Der Bucklige trat näher hinzu und sah, daß es dort viel zu essen gab, und da sagte er auch: »Zwischen Donnerstag und Freitag und Samstag.« Die Hexen kamen zu dem Buckligen und gaben ihm viel zu essen und ließen ihn tanzen.

 

Da es auf Mitternacht zuging, sagten sie: »Was sollen wir mit diesem Mann machen, wenn wir fortgehen?« »Wir wollen ihm viel Geld geben.« Andere Hexen sagten: »Wir wollen ihm den Buckel abnehmen.« Er bekam beides und ging fort. Als er nach Hause kam fragte ihn der andere Bucklige, wer ihn gerade gemacht habe. Sein Freund erzählte ihm alles und verriet ihm, wo der Wald sich befand.

 

Der andere Bucklige ging hin, erblickte die selben Lichter und sah den gleichen Hexentanz, und sowie er hörte, daß sie sangen: »Zwischen Donnerstag und Freitag und Samstag.«, sagte er die selben Worte und fügte noch hinzu: »Und Sonntag, wenn es nötig ist.«

 

Wütend, daß man ihnen gegenüber den Sonntag erwähnte, kamen die Hexen zu ihm, stießen ihn umher und sagten: »Was sollen wir mit diesem Mann machen?« »Wir wollen ihm den Buckel geben, den der andere hier gelassen hat.« Und so schied er von dort mit einem Buckel vorn und einem anderen hinten.

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die naschhafte Frau ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Mann hatte eine sehr naschhafte Frau geheiratet, die indes so tat, als hätte sie niemals Appetit. Mißtrauisch beobachtete er sie und kam schließlich dahinter, daß sie nur lauter Leckereien aß.

Eines Tages verließ er das Haus und sagte ihr, daß er erst am Abend zurück sein würde, tatsächlich aber verbarg er sich im Backofen. Sowie die Frau alleine war, sang sie und bereitete sich ein leckeres Frühstück aus zerbröckeltem Brot mit Honig und Eiern. Als es Zeit für das Mittagessen war, kochte sie sich eine große Schüssel Brotbrei und aß und leckte sich die Lippen. Am Abend, als es allmählich dunkel wurde, zündete sie das Herdfeuer wieder an und machte zum Abendessen ein Hühnerfrikassee.

Der Ehemann sah sie das alles verspeisen und verhielt sich noch immer still, bis er schließlich, als es ihm recht dünkte, sein Versteck verließ und so tat, als käme er von einem langen Weg heim. Nun hatte es aber den ganzen Tag lang geregnet und der Mann kam völlig trocken an. Die Frau wunderte sich darüber und sagte: »Mann, bei solch einem Regentag kommst du ganz trocken heim? Wo bist du gewesen?« Er antwortete:

Es hat ganz fein geregnet
wie die Brotkrümel, die du zum Frühstück aßt.
Hätte es so dicke Tropfen geregnet
wie die Brocken, die du zu Mittag aßt,
wäre ich so durchnäßt gewesen
wie die Hühner, die du zu Abend aßt.

Die Frau begriff, daß sie ihren Mann nicht mehr täuschen konnte, der ihr bei dieser Gelegenheit die Flötentöne beigebracht hatte.

 

Portugal, T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die stotternden Schwestern ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Mutter hatte drei Töchter, die allesamt stotterten. Damit sie nicht unverheiratet blieben sagte sie ihnen: »Kinder, wenn ein junger Mann hier ins Haus kommt, müßt ihr unbedingt still sein, sonst bekommt ihr keinen Mann.«

 

Einmal brachte sie ihnen einen Freier mit um zu sehen, ob ihm nicht eine von ihnen gefallen würde, und sie hatte nicht vergessen, ihre Töchter zum Schweigen zu ermahnen. Sie befanden sich in der Gegenwart des Freiers, der noch kein Zeichen seiner Zuneigung hatte erkennen lassen, da hörte eine von ihnen es auf dem Herd pfeifen, und vorlaut sagte sie: »Mutter, das Tasser pocht.« (Das sollte heißen: Das Wasser kocht.)

 

Da sagte die andere Schwester: »Nimm den Teckel ab und tu den Töffel hinein.« (Das sollte heißen: Nimm den Deckel ab und tu den Löffel hinein.) Die dritte Schwester ärgerte sich, daß die beiden anderen die Ermahnung der Mutter nicht befolgten, und rief: »Hat die Mutter nicht getagt, du solltest nicht brechen? Jetzt wirst du nicht beiraten.« (Das sollte heißen: Hat die Mutter nicht gesagt, du solltest nicht sprechen? Jetzt wirst du nicht heiraten.)

 

Sowie der Freier sah, daß sie alle drei stotterten, brach er in Gelächter aus und machte sich aus dem Staube.

 

Portugal, T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Der Schatz des Gehenkten ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Vater hatte einen sehr übermütigen und leichtlebigen Sohn, und er wußte, daß er das große Vermögen, welches er ihm hinterlassen würde, aufgrund seines Leichtsinns völlig vergeuden würde. Als er starb, hinterließ er seinem Sohn einen Falken und ermahnte ihn, diesen niemals zu verkaufen, so groß seine Not auch immer sein möge. Für den Fall, daß er ihn aber doch verkaufte, hinterließ er ihm einen verschlossenen Brief, den er erst dann öffnen sollte, wenn er alle Hoffnung verloren hätte, sein Schicksal noch zum Besseren zu wenden.

 

Der Alte starb und sogleich fing der Sohn an, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Er verkaufte Landsitze und Häuser, machte Schulden, übernahm Bürgschaften für seine Freunde, ließ sich auf Unternehmungen ein, und ehe er sich's versah, stand er ohne Mittel da. Noch hatte er den Falken, den er der Empfehlung seines Vaters gemäß niemals verkaufen sollte. Da er sich in großen Schwierigkeiten befand, achtete er nicht auf den Willen seines Vaters und ließ den Falken dem König anbieten, welcher ihn kaufte.

 

Aber das Geld für den Falken reichte nur für ein paar Tage, da er es schließlich im Spiel ausgab, wo auch der größte Teil seines Vermögens geblieben war. Ratlos und weil er nichts mehr hatte, womit er sich behelfen konnte, begann der junge Mann alle seine Freunde, mit denen er gepraßt hatte, aufzusuchen, aber alle wandten ihm den Rücken. Der Undank und die Unverschämtheiten derer, die ihm geholfen hatten, sein Vermögen zu verschleudern, waren so groß, daß der Junge die Freude am Leben verlor und meinte, der einzige Ausweg, der ihm blieb, sei, sich umzubringen.

 

Da fiel ihm ein, daß er noch den Brief seines Vaters hatte, der noch immer verschlossen war, und bevor er starb, wollte er doch sehen, was darin stand. Er öffnete den Brief und fand einen Schlüssel darin. Das Schreiben gab ihm eine Straße an, zu der er sich begeben sollte, und ein Haus, zu dessen Tür jener Schlüssel paßte, und es hieß weiter, daß er dort einen an einem Balken befestigten Strick vorfinden würde, an dem er sich, da er ja alle Hoffnung habe fahren lassen, aufhängen solle.

 

Da gerade das auch die Gedanken des Jungen waren, nahm er zum erstenmal den Rat des Vaters an und begab sich sogleich in die besagte Straße, fand das Haus, schloß die Tür auf und sperrte sich von innen ein. Dann ging er die Treppe hinauf und gelangte in ein altes Zimmer, wo er das aufgeknüpfte Seil fand. Er machte sich keine weiteren Gedanken und als er an dem Strick zog, um festzustellen, ob er auch hielt, öffnete er damit eine in der Decke verborgene Falltür, und es fielen eine Menge Goldstücke herab.

 

Der Junge wunderte sich, trug das Geld zusammen und dachte nicht mehr daran, sich umzubringen. Aber von da an verschleuderte er sein Geld nicht mehr aufs Geratewohl, sondern lebte mit Verstand und verachtete die Freunde, die ihm in seinem Unglück den Rücken gekehrt hatten.

 

Portugal, T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die Lügenkette ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Mann, der dem Edelmann, dessen Pächter er war, die Pacht nicht zahlen konnte, und er ging, ihn um Zahlungsaufschub zu bitten. Der Edelmann dachte jedoch, daß er ihm etwas vor log, und sagte ihm: »Ich erlasse dir die Pacht nur dann, wenn du mir eine Lüge erzählst, die so groß ist wie Heute und Morgen.«

 

Der Bauer ging nach Hause und erzählte dies seiner Frau, und sie wußten nicht, wie sie sich mit dem Eigentümer einigen sollten, der sie auf die Straße setzen konnte. Sie hatten einen einfältigen Sohn, der sagte: »Vater, laß mich zu dem Edelmann gehen, ich will die Angelegenheit so regeln, daß ihm keine andere Wahl bleibt, als dir den Pachtzins zu erlassen.« »Aber du gibst doch nur Ungereimtheiten von dir.« »Eben drum!«

 

Der Einfältige zog los und verlangte den Edelmann zu sprechen, in dem er sagte, er käme, um die Pacht zu bezahlen. Der Edelmann ließ ihn eintreten, und da sagte er ihm: »Herr, Ihr werdet wissen, daß das Jahr schlecht war, doch das tut nichts zur Sache. Mein Vater hatte so viele Bienenkörbe, daß er sie nicht zählen konnte. Da machte er sich daran, die Bienen zu zählen und stellte fest, daß ihm eine fehlte.

 

Er nahm seine Axt auf die Schulter und machte sich auf die Suche nach der Biene. Er fand sie auf einer Erle sitzen, und er fällte die Erle, um die Biene zu fangen, welche übrigens so mit Honig beladen war, daß er ihn einsammelte. Da er nichts hatte worin er den Honig aufbewahren konnte, griff er sich an die Brust und las zwei Läuse auf, aus deren Haut er zwei Schläuche machte, in die er den Honig füllte.

 

Als er aber nach Hause kam, hatte ihm ein Huhn die Biene aufgefressen. Er warf das Beil nach dem Huhn um es zu töten, aber das Beil blieb in den Federn stecken. Da legte er Feuer an die Federn und als sie in Flammen standen, fand er das Stielloch der Axt. Darauf ging er zum Schmied, damit der ihm die Axt wieder herrichtete, und der Schmied machte ihm einen Angelhaken, mit dem er zum Fluß ging, um Fische zu fangen.

 

Er fischte einen Packsattel, warf den Angelhaken wieder hinein und fing einen seit drei Tagen toten Esel, der mit den Augen blinzelte. Er bestieg ihn und ritt zum Hufschmied, damit er ihm einen Einlauf machte, und jener gab ihm als Medizin einen Saft aus trockenen Bohnen. Da fielen ihm aber ein paar Tropfen ins Ohr, wo ihm ein so großer Bohnenstrauch wuchs, der so große Bohnen hervor brachte, daß ich noch fünfzehn Wagen voll damit her bringe, um Eure Pacht zu bezahlen.«

 

Der Edelmann, der über eine derartige Lügengeschichte erbost war, sagte: »Junge, du erzählst so viele Lügen, wie du Zähne im Mund hast.« »Nun Herr, dann ist unsere Pacht bezahlt.«

 

Portugal, T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Bohnen-Manuel ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Ehepaar führte ein trauriges Leben, da beide schon alt waren und keine Kinder hatten. Da sagte die Frau einmal: »Nichts möchte ich auf dieser Welt so gern wie einen Sohn, und wäre er auch nicht größer als eine Bohne.« Nach einiger Zeit, als sie es am wenigsten erwarteten, bekam die Alte einen Sohn, der war so winzig klein, daß er nicht größer war als eine Bohne. Sie zogen das Kind auf und gaben ihm den Namen Bohnen-Manuel.

 

Obwohl die Mutter ihn nie aus den Augen ließ, ging er doch oft verloren. Einmal warf sie dem Ochsen ein paar Bündel Heu hin, zwischen die Bohnen-Manuel geraten war, und der Ochse verschlang ihn. Voller Sorge rief die Mutter überall: »Bohnen-Manuel, Bohnen-Manuel!« Und er antwortete aus dem Bauch des Ochsen heraus: »Hier, hier!« »Bohnen-Manuel, wo bist du?« »Hier, hier, im Bauch des Ochsen.«

 

Die Mutter fing die Fladen, die der Ochse fallen ließ, auf, und so fand sie Bohnen-Manuel, der ganz schmutzig war, wieder. Sie wusch und säuberte ihn, aber der Kleine war recht übermütig, er hatte keine Angst vor den Ochsen und wollte sie sogar auf die Weide führen. Er setzte sich in das Nasenloch eines Ochsen und so führte er sie weiden und wieder zurück nach Haus, und sogar, um dem Vater mit dem Wagen das Essen zu bringen.

 

Einmal verspürte er ein Bedürfnis und kauerte sich unter einem Farnkraut nieder. Dort weidete indes eine Ziege, und als sie die Farnschößlinge fressen wollte, verschlang sie Bohnen-Manuel. Die Mutter war diesmal noch bekümmerter, denn Bohnen-Manuel tauchte nicht wieder auf. Mit ihren Bauchschmerzen rannte die Ziege über Berg und Tal, aber immer kam sie auch zum Gemüsegarten des armen Bauern. Weil er es letztlich leid war, die Ziege zu verjagen und auch weil er fürchtete, das etwas Böses dahinter steckte, schlug der Vater von Bohnen-Manuel die Ziege tot und warf sie mitten auf die Straße.

 

In der Nacht kam ein Wolf und fraß die Eingeweide der Ziege und so fiel Bohnen- Manuel in den Bauch des Wolfes. Er begann in den Eingeweiden des Wolfs umher zu laufen, und der kletterte vor Schmerzen auf eine Kiefer. In dem Augenblick kamen ein paar Diebe des Wegs, die auf einem Maulesel ritten und mit einigen Säcken Geld beladen waren. Bohnen-Manuel veranlaßte den Wolf von da oben herunter zu springen, so daß er auf dem Boden zerbarst und die Diebe erschreckt die Flucht ergriffen.

 

Sowie Bohnen-Manuel dem Wolf die Eingeweide nach außen gekehrt hatte, kletterte er hervor und stieg an dem Maulesel empor, setzte sich in eines seiner Ohren und begann ihn zu kneifen. Der Maulesel rannte erschrocken davon und er leitete ihn zum Haus seines Vaters, wo er noch bei Nacht ankam und großen Lärm schlug. Man fragte von innen: »Wer ist da?« »Ich bin's, Bohnen-Manuel.« Da erkannte ihn die Mutter und öffnete ihm schleunigst die Tür. Sie umarmte ihn und wusch ihn, und der Vater ging, den Maulesel abzuladen und die Säcke mit dem Geld zu verwahren, und alle waren sehr glücklich.

 

Portugal, T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Das weiße Kaninchen ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hatte eine schon große Tochter, die badete sehr gern auf dem Balkon, und sie bat ihre Amme, sie solle ihr eine Schüssel und andere Zutaten bringen, und auch ein Tablett, auf das sie ihre Ringe legen konnte. Da kam ein weißes Kaninchen, das stahl ihr die Ringe und floh. Der Prinzessin bereitete dies Spaß und sie sagte nichts. Sie ging zu ihrer Truhe und steckte andere Ringe an ihre Finger. Das Kaninchen stahl weiterhin, bis die Prinzessin schließlich ohne einen einzigen Ring war. Vorher hatte sie so viele besessen, daß sie jetzt traurig und betrübt war.

 

Dem König tat das sehr leid und er erließ eine Bekanntmachung, daß alle alten Leute herbeikommen sollten, um ihr Märchen und Geschichten zu erzählen, damit die Prinzessin wieder heiter würde. Es kamen viele Personen, aber die Prinzessin blieb traurig. Schließlich kamen zwei alte Frauen, die wußten gar nicht, was sie erzählen sollten. Unterwegs begegneten sie einem Esel ohne Vorder- und Hinterbeine, der mit Holz beladen war. Die Alten gingen dem Esel hinterher, sahen ihn zu einem Haus gehen, das Holz abladen und alles hineinbringen. Da gingen sie die Treppe hinauf und im obersten Stockwerk sahen sie ein paar siedende Kochtöpfe.

 

Eine der Alten steckte den Finger hinein und probierte, und sogleich erscholl eine Stimme, die ihr sagte: »Probiere nicht, denn es ist nicht für dich!« Und die Alte lugte durch das Schlüsselloch und sah ein Kaninchen, das sein Fell auszog und sich in einen Prinzen verwandelte, der sagte: »Könnte ich doch nur die Herrin der Ringe sehen, die ich hier habe!« Die Alten zogen zum Palast und erzählten dort der Prinzessin, was sie gesehen hatten. Dies stimmte, wie man sich denken kann, die Prinzessin sofort heiter, und sie sagte dem König, daß sie sich dies ansehen möchte.

 

Da gingen alle hin, die Alten, die Prinzessin und der König. Sie sahen den Esel wieder das gleiche verrichten und folgten ihm zu dem besagten Haus. Die Prinzessin steckte den Finger in den Topf und probierte. Da hörte man eine Stimme sagen: »Probiere, denn es ist für dich.« Sie wollte durch das Schlüsselloch spähen, da öffnete sich die Tür und das Kaninchen sagte: »Könnte ich doch nur die Herrin der Ringe sehen, die ich hier habe!«

 

Die Prinzessin antwortete: »Die Herrin bin ich.« Da verwandelte sich das Kaninchen in einen Prinzen, denn jene Worte brachen den Zauber, der auf ihm lag. Sie heirateten und waren sehr glücklich, und die beiden Alten wurden Ehrendamen am Hofe.

 

Portugal, T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Mir ist etwas auf den Kopf gefallen! ...

Ein Huhn scharrte einmal auf dem Boden herum, da fiel ihm ein Stückchen Kalk auf den Kopf. Das Huhn erschrak und ergriff die Flucht. Es begegnete einem Hahn, der es fragte: »Wohin läufst du so schnell, Gevatterin?« Das Huhn entgegnete: »Mir ist etwas auf den Kopf gefallen. Es ist der Himmel, der in Stücke zerfällt.« Da floh auch der Hahn zusammen mit dem Huhn. 

 

Sie begegneten einem Schwein, das sich suhlte, und sobald es sie sah, fragte es: »Wohin lauft ihr so schnell?« »Mir ist etwas auf den Kopf gefallen. Der Himmel zerfällt in Stücke.« Da lief auch das Schwein mit ihnen fort. Sie trafen eine Katze, welche sie fragte: »Wohin rennt ihr so schnell?« Das Huhn antwortete: »Mir ist etwas auf den Kopf gefallen. Der Himmel kommt in Stücken herunter.« 

 

Auch die Katze floh mit ihnen, und auf diese Weise begegneten sie einer Ente, einem Fuchs, einer Ziege und einem Schaf, die alle zusammen mit ihnen fort liefen. Schließlich trafen sie einen Hund, der sie fragte: »Wohin geht dieser ganze Pilgerzug?« Das Huhn entgegnete: »Der Himmel fällt in Stücken herunter. Mir ist etwas auf den Kopf gefallen.« Alle anderen Tiere sagten, daß sie nichts gesehen hätten, sondern daß das Huhn es ihnen gesagt hätte. 

 

Da sprach der Hund: »Lauft nicht mehr weiter und bleibt hier unter dem Bett bei meiner Herrin, bis wir sehen, worauf das alles hinausläuft.« So taten sie es. In der Nacht kratzte sich die Alte, weil sie Flöhe hatte, und das Bett knarrte. Aus Furcht, daß der Himmel in Stücken herunter fiel, veranstalteten die Tiere großen Lärm:

 

Das Huhn gackerte,

und der Hahn krähte,

und das Schwein grunzte,

und die Katze miaute,

und die Ente schnatterte,

der Fuchs bellte,

die Ziege meckerte,

das Schaf blökte,

der Hund bellte

und die Alte sagte:

Schlecht soll es dir gehen, Hund,

weil du undankbar bist

für die Wohltaten, die man dir tut.

 

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Heiraten und sich scheiden lassen ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein reicher Bauer hatte eine einzige Tochter, die sehr hübsch war. Eines Nachts, als im Hause schon alles still war, sprach er mit seiner Frau und sagte ihr: »Unsere Tochter ist schon alt genug, um zu heiraten, und wir haben ein hübsches Vermögen, das für sie bleibt. Es ist an der Zeit, daß wir ihr einen tüchtigen Ehemann geben.« »Und wer soll das sein?« fragte die Frau.

 

»Ich habe da schon einen im Auge. Es ist der Sohn des Bauern, der dort am Ende des Dorfes wohnt.« »Der scheint auch mir ein guter Junge zu sein, und ich habe nichts einzuwenden.« Das Mädchen, das noch wach war, hatte alles gehört, und als der Vater und die Mutter am nächsten Tag auf dem Feld waren, um Bohnen zu lesen, setzte sie sich an das Fenster und sagte, als ihr Bräutigam vorüber kam: »Komm herein, Manuel. Weißt du was? Mein Vater will mich mit dir verheiraten.«

 

Der Junge trat in das Haus und sagte: »Auch ich will. Dann wollen wir nicht warten.« Das Mädchen war töricht und fackelte nicht lange. Als der junge Mann gegangen war, trug das Mädchen das Abendessen zum Feld und sagte voller Freude: »Vater, ich habe den Sohn des Bauern vom Ende des Dorfes schon geheiratet!«


Der Vater wunderte sich und sowie er erfuhr, was vorgefallen war, fing er vor Verzweiflung an zu schreien und wollte sie schlagen.

 

Am nächsten Tag setzte sie sich ganz traurig ans Fenster, und sobald sie den Jungen vorüber kommen sah, rief sie ihm zu: »Komm herein, Manuel. Meinem Vater gefällt unsere Heirat nicht, da ist es nötig, daß wir wieder voneinander scheiden.« »Dann laß uns nicht lange warten. Auf gleiche Weise, wie die Dinge miteinander verbunden werden, werden sie voneinander wieder gelöst.«

 

Wieder trug das Mädchen das Abendessen auf das Feld und erzählte alles seinem Vater und sagte, daß sie schon wieder geschieden sei. Die Verzweiflung des Vaters war noch größer, und diesmal gab er ihr eine tüchtige Tracht Prügel. Als er zu dem Bauern ging, um wegen der Verheiratung seiner Tochter mit ihm zu sprechen, hatte der Junge sich schon in eine andere verliebt und die Hochzeit war schon festgesetzt. Das Mädchen war weder traurig noch froh und erwartete den Hochzeitstag.

 

Nun war es in jener Gegend Sitte, daß man im Hause des Trauzeugen ein Essen gab, bevor die Brautleute sich vermählten. Als man bei Tisch saß, erschien das Mädchen, das sich hatte scheiden lassen; sie war mit allem Gold, das sie besaß, geschmückt, ergriff ein Glas und brachte folgenden Trinkspruch aus:

 

Ich trinke auf den Bräutigam,
der sich verheiratet
und wieder scheiden läßt.

 

Und bei jeder Gelegenheit wiederholte sie dies. Die Braut, die das vernahm, fragte den Jungen, was das bedeutete. Er erzählte ihr alles und da sagte sie: »Sie ist wirklich ziemlich töricht, nicht wahr? Ich trage unter dem Herzen ein Kind von unserem Abt., und weder mein Vater, noch meine Mutter wissen davon.«

 

Der junge Mann kam da gerade noch rechtzeitig zur Besinnung und sagte zu den Gästen: »Meine Herrschaften, ich möchte Ihnen eine Frage stellen. Soll der, der einen goldenen Schlüssel besaß und sich, als er diesen verlor, eines silbernen bediente, den goldenen Schlüssel fort werfen, wenn er ihn wiederfindet?«

 

Die Gäste antworteten: »Eher soll er den goldenen Schlüssel behalten.« »Nun, genau das will ich tun.« Und der Sohn des Bauern ging zur Tür hinaus und vermählte sich mit dem unschuldigen Mädchen, über das die andere gespottet hatte.

 

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Der Blinde und der Spartopf ...

Es war einmal ein Blinder, der hatte beim Betteln eine stattliche Anzahl Münzen zusammengebracht. Damit sie ihm niemand stahl hatte er sie in einen Kochtopf getan, den er im Garten unter einem Feigenbaum vergraben hatte. Er kannte die Stelle und wenn er wieder ein hübsches Sümmchen beisammen hatte, grub er den Topf aus, zählte alles und versteckte seinen Schatz wieder. 

 

Ein Nachbar beobachtete ihn einmal dabei und sah, wo er den Topf vergrub, ging hin und stahl alles. Als der Blinde das Fehlen seines Geldes bemerkte, blieb er lange Zeit stumm, aber er grübelte darüber nach, ob er nicht eine List fände, sein Geld wieder zu erlangen. Er überlegte, wer wohl der Dieb sein könnte, und es stand für ihn fest, daß es nur ein Nachbar gewesen sein konnte. 

 

Er versuchte ein Gespräch anzuknüpfen und sagte: »Schaut, mein Freund, ich will Euch ganz unter uns etwas sagen, daß niemand etwas hört.« »Nun, worum geht's, Herr Nachbar?« »Ich bin krank, und wie man lebt, so muß man auch sterben. Darum will ich Euch davon in Kenntnis setzen, daß ich ein paar Geldstücke in einem Topf direkt unter dem Feigenbaum in meinem Garten eingegraben habe. Da ich keine Verwandten habe, werdet Ihr selbstverständlich alles erben, der Ihr ein so guter Nachbar wart und mich so gut behandelt habt. Ich habe aber in einem Loch noch ein paar Geldstücke und möchte für alle Fälle alles zusammen aufbewahren.« 

 

Der Nachbar hörte dies und dankte ihm sehr für seine gute Absicht, und in jener Nacht machte er sich sogleich daran, den Topf mit dem Geld unter dem Feigenbaum wieder einzugraben, um zu sehen, ob er nicht auch die restlichen Geldstücke des Blinden bekommen könnte. Als ihm der rechte Zeitpunkt gekommen schien ging der Blinde zu der Stelle, fand den Topf, nahm ihn mit nach Haus und erhob dann gegenüber dem Nachbarn ein großes Wehgeschrei: 

 

»Man hat mir alles gestohlen, man hat mir alles gestohlen, Herr Nachbar!« Und in Zukunft bewahrte er sein Geld an einem Platz auf, wo niemand es finden konnte, so gerissen er auch war.

 

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Der Geizhals ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gab an einem Ort einen sehr reichen Mann, doch wollte keine Frau ihn heiraten, da er sehr geizig und ein Pfennigfuchser war. Ein Mädchen, das klüger war als die anderen, gestattete, daß er sich mit ihr unterhielt, und als er um ihre Hand anhielt, willigte sie sofort ein.

Der Alte war zufrieden, sagte aber: »Kind, ich will nicht, daß du dir falsche Vorstellungen machst. Sieh, in meinem Haus wird kein Feuer angezündet, und ein Vintém reicht für alle Ausgaben der Woche. Bedenke, was du tust!« Das Mädchen, das sein Wort gegeben hatte, besann sich nicht anders, und sie heirateten. Der Alte öffnete seine Geldbörse nicht einen Spalt weiter, gab die Kastanien abgezählt und trocknete das Brot in der Sonne, damit es härter wurde und man weniger davon aß.

Aber das Mädchen war schlau und aß heimlich. Sie hatte ein Versteck gefunden, wo der Alte ziemlich viel Geld aufbewahrte, und kaufte Hühner, rupfte sie und hob die Federn in einer Truhe auf, damit der Alte es nicht bemerkte. So trieb sie es fort und war dick und rosig. Der Alte, der verdorrte und nur noch Haut und Knochen war, wunderte sich über das, was er sah, und sagte: »Es geht dir wirklich recht gut in meinem Haus. Sieh, die Suppen deines Vaters haben dich nie so fett gemacht.«

Das Mädchen ekelte der Geiz des Alten an, sie konnte nicht mehr an sich halten und erwiderte: »Ihr seid wirklich der Vater des Elends. Hätte ich nur gegessen, was Ihr mir gebt, wäre ich schon mehr als einmal gestorben. Wollt Ihr wissen, was mir diese rosige Farbe gibt? Schaut in diese Truhe.« Und sie öffnete eine große Kiste, die bis zum Rand mit Hühnerfedern gefüllt war. »Das habe ich alles aufgegessen.«

Als der Alte das sah, bekam er einen Anfall und fiel um. Man brachte ihn ins Bett, und auf die Schreie der Frau hin, die so tat, als wehklagte sie, kamen die Nachbarn. Wie sie das Zimmer betraten sprach der Alte noch, aber er wiederholte nur die letzten Sätze, die er gehört hatte: »Alles ... meine Frau ... sie ißt ... meine Frau ... alles.«

Da sagte sie zu den Nachbarn: »Ihr seid die Zeugen, daß mein Mann sagt, er vermache alles seiner Frau.« Der Alte starb mit schiefem Mund und die Frau bekam alles, was es im Hause gab, die Verwandten des Alten aber gingen leer aus.

 

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Die essende Statue ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einer Kirche gab es eine Marmorstatue, deren Mund geöffnet war. Ein paar Männer unterhielten sich neben ihr, und einer sagte: »Diese Statue steht schon so viele Jahre mit offenen Mund da, ohne daß jemand ihr zu essen gegeben hätte.« »Nun, wenn sie essen will, soll sie in mein Haus kommen.« Der, der dies gesagt hatte, war sehr arm.

 

Als er abends nach Haus gekommen war, klopfte es an die Tür und es war die Statue, welche sagte, sie sei hergekommen, um mit ihm zu Abend zu essen. Der Mann war ein wenig verwirrt und entgegnete wahrheitsgemäß, daß er nichts zu essen hätte, da er sehr arm sei. »Dann geh' in die Welt hinaus und bettle bis du mir zu essen geben kannst.« Mit diesen Worten entfernte sich die Statue, und der arme Mann hatte keine Ruhe mehr und ging in die Welt hinaus, um zu betteln.

 

Nach einiger Zeit war er sehr reich und kam wieder in seine Heimat, suchte sein Haus und sah an dessen Stelle andere Häuser, doch alle sagten, sie könnten sich nicht daran erinnern, daß an der Stelle Bauarbeiten durchgeführt worden wären.

 

Er ging in die Kirche und sah da die Statue, die er eingeladen hatte, noch an ihrem Platz, und als er sich ihr näherte sah er, daß ihr Mund noch immer geöffnet war, und er dachte bei sich: »Es ist schon so lange her, daß ich sie eingeladen habe, daß sie mich nicht mehr kennt.«

 

Und als er noch näher trat, hörte er, wie die Statue sagte: »Ich kenne dich wohl, und nun, wo du reich bist wirst du mit mir essen gehen.« Und sie stürzte auf ihn nieder und tötete ihn.

 

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Die Rätselsprüche ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein König wollte den Scharfsinn von drei Ratgebern, die in seinen Diensten standen, auf die Probe stellen. Als er mit ihnen spazierenging begegnete er einem alten Mann, der sein Feld bestellte, und grüßte ihn: »Viel Schnee liegt im Gebirge!« Mit heiterer Miene antwortete der Alte: »Ja, Herr, es ist Zeit dafür.« Die Ratgeber schauten einander verdutzt an, denn es war Sommer, und sie verstanden nicht, was der König und der Alte mit ihren Reden meinten.

 

Der König stellte dem Alten eine weitere Frage: »Wie oft ist dein Haus abgebrannt?« »Schon zweimal, Herr.« »Und wie oft, meinst du, wirst du gerupft?« »Noch dreimal.« Die Verblüffung der Ratgeber war noch größer, und der König sagte zu dem Alten: »Wenn hier drei Enten vorüberkommen, dann rupfe du sie.« (Anmerkung: pato = Ente heißt im Portugiesischen auch Einfaltspinsel, Dummkopf) »Da Ihr es befehlt, königlicher Herr, werde ich sie rupfen.«

 

Der König setzte seinen Weg fort und spottete über die Weisheit der Ratgeber, und er sagte ihnen, daß er sie aus seinem Dienst entlassen würde, wenn sie ihm die Unterhaltung, die er mit dem alten Mann geführt hatte, nicht erklären könnten. Um sich als kluge Köpfe aufzuspielen suchten sie den Alten auf, damit er ihnen das Gespräch erklärte; der Alte antwortete ihnen: »Ich erkläre alles, aber nur, wenn Ihr Euch auszieht, und mir die Kleider und das Geld gebt, was Ihr bei Euch tragt.«

 

Sie hatten keine andere Wahl als zu gehorchen. Da sagte der Alte: »Gebt acht: 'Viel Schnee liegt im Gebirge.' bedeutet, daß ich den Kopf voll weißer Haare habe. 'Es ist Zeit dafür' bedeutet, daß ich das Alter dafür erreicht habe. 'Wie oft mein Haus abgebrannt ist?' weil es im Sprichwort heißt: 'Wie oft ist dein Haus abgebrannt? So oft ich eine Tochter verheiratet habe.' Und da ich schon zwei Töchter verheiratet habe, weiß ich, was das kostet. 'Und wie oft ich gerupft zu werden meine?' bezieht sich darauf, daß ich noch drei ledige Töchter habe und man für gewöhnlich sagt:

 

Wer eine Tochter verheiratet,
der wird gerupft.

 

Nun, und die drei Enten, die mir der König schickte, das seid Ihr, die Ihr Euch ausgezogen habt und mir Eure Kleider gegeben habt, damit ich Euch alles erkläre.«

 

Die Ratgeber des Königs wollten ärgerlich weggehen, als der König erschien und ihnen sagte, wenn sie wieder gekleidet in den Palast zurückkehren wollten, müßten sie sich verpflichten, dreimal eine reichliche Mitgift für die Hochzeit der anderen drei Töchter des alten Bauern zu geben.

 

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Die fünf Berufe ...

Vor langer Zeit ließ ein Bauer seinen fünf Söhnen das Lesen beibringen, und nachdem sie für den Lebenskampf gerüstet waren, suchte er zu erfahren, welche Laufbahn sie einschlagen wollten. Der Älteste sagte: »Ich möchte nur befehlen und die Leute nach meinen Anweisungen herumkommandieren.« »Nun gut, dann wirst du Soldat werden, damit du es zum Befehlshaber bringst und die Truppe kommandierst.« 

 

»Und möchte lernen, wie man den Leuten das Fell über die Ohren zieht.« »Ja, ich verstehe dich, du möchtest die Rechte studieren. Du wirst Advokat werden und dich mit Streitfällen auseinandersetzen und deine Mandanten beraten.« 

 

»Was mich anbetrifft, so wäre es mir nützlich zu wissen, wie man Leute ohne Verbrechen umbringt.« »Dann wirst du Medizin studieren, wenn dies deine Berufung ist.« 

 

Und seinen vierten Sohn ansehend, der mit törichtem Lächeln da stand, fragte der Bauer: »Sag' welcher Beruf dir am besten gefällt, damit ich dich auf den rechten Weg bringe.« »Ach Vater, ich würde gern die Kunst verstehen, gut zu essen und ein schönes Leben ohne die Mühen der Arbeit zu führen.« »Du hast das Zeug zum Kirchenmann. Du wirst einen ausgezeichneten Priester abgeben.« 

 

Der fünfte Sohn war schon ganz ungeduldig, und noch bevor er die Frage hörte, sagte er entschlossen: »Was mich betrifft, so laß mich einen Beruf ergreifen, der viel Geld einbringt.« »Der viel Geld einbringt? Erklär' genauer, was du meinst, mein Sohn.« »Einen Beruf, der viele Güter zusammenbringt und bei dem man immer lügt.« »Jetzt verstehe ich, was du meinst. Du wirst ein reicher Kaufmann.«

 

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Die Stimmen der Tiere ...

Das Schaf, der Hahn, das Schwein, die Katze, die Ente und der Truthahn unternahmen eine Reise, und vor einem Unwetter zogen sie sich in eine Hütte zurück, aus der ein Lichtschein fiel. Es war niemand da, und das Schwein ging in den Schweinestall, das Schaf und die Ente ließen sich hinter der Tür nieder, die Katze kauerte sich beim Herd zusammen und der Hahn und der Truthahn setzten sich auf den Dachsparren. 

 

Bei fortgeschrittener Nacht kamen die Wölfe, denn ihnen gehörte das Haus, und einer ging zum Herd, um nachzusehen, ob noch Glut da war, doch die Katze zerkratzte ihm die Schnauze. Der Wolf begann zu heulen und alle anderen wollten ihm zu Hilfe eilen, doch das Schwein biß einen ins Bein, das Schaf versetzte einem anderen einen Stoß, der Hahn fing an, zu krähen, die Ente, zu schnattern, und die Wölfe ergriffen die Flucht und versammelten sich erst in weiter Ferne wieder. 

 

Einer sagte: »Laßt uns hingehen und nachsehen, was da von unserem Haus Besitz ergriffen hat.« »Ich gehe nicht hin, denn dort war ein Wollkämmer, der mir mit den Karden das Maul gekämmt hat.« (Das war die Katze.) »Und was mich betrifft, so bin ich dort auf einen Schmied gestoßen, der mir mit einer Eisenstange auf die Schienbeine geschlagen hat.« (Das war das Schaf.) »Ich kehre auch nicht dorthin zurück, denn jener Schmied hat mich an einem Bein mit einer Zange gepackt.« (Das war das Schwein mit seinem Gebiß.) »Ich bin noch einmal davongekommen, aber ich habe gehört, wie einer schrie:

 

Kikerikein, kikerikein,

ich schlag' alles kurz und klein.

 

Das ist wahr, und ein anderer schrie: Verschlingt sie, verschlingt sie«

»Richtig, und irgendetwas sagte dort: Habe Ruh', habe Ruh'«

Die Wölfe aber mochten in jenes Haus nie mehr zurückkehren, denn wer sich vorsieht, vermeidet viele Gefahren.

 

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Der Ursprung der Wildschweine ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Christus und der Heilige Petrus auf ihrer Wanderschaft durch die Welt nach den Dingen sahen und sie beurteilten begegneten sie auf weiter Flur vier fett glänzenden kleinen Ferkeln. »Ach, die Ärmsten sind hier ganz verloren.« »Kümmere dich um sie, Petrus, denn wahrlich ich sage dir, sie haben keinen Herrn. Laß sie in irgendeinem Weiler, auf den wir unterwegs stoßen, auf halbpart großziehen.«

Der Heilige Petrus, der immer auf der Hut war, gedachte des Sprichwortes »Wenn man dir ein Ferkel gibt, so binde es gleich an«, und berührte die vier Spanferkel mit einem Zauberstab. Sie gelangten zu einem Anwesen, wo eine Frau an der Tür stand, und der Heilige Petrus schlug ihr den Handel vor. »Kümmert Euch um diese Tierchen und versorgt sie, und wenn wir in einem Jahr hier vorüberkommen, dann wollen wir sie unter uns aufteilen.«

Die Ferkelchen wuchsen heran und wurden fett, und auf dem Markt brachten sie schon einen großen Gewinn ein. Da war ein Jahr herum und die beiden Wanderer kamen wieder des Wegs. Sobald die Bäuerin sie erblickte, verbarg sie die zwei dicksten Schweinchen im Schweinestall. Der Heilige Petrus betätigte den Türklopfer und die Frau trat heraus.

»Hier sind zwei hübsche Schweine. Die beiden anderen bekamen einen Anfall und starben.« Da wandte der göttliche Meister die Augen von der Frau und sprach folgendes Urteil:

So werden nur die zwei, die hier sind,
dir und uns gehören.
Und die, die du dort eingeschlossen hast,
sollen durchs Gebirge streifen
und in wilde Tiere verwandelt werden.

 

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