VERZEICHNIS

 

"Die Bergelfe und die Saat des Zauberwaldes"

"Das Märchen vom Kobold und der Königstochter"

"Die drei Fragen"

"Der Schneemann und die Schneekönigin"

"Die Geschichte vom müden Weihnachtsmann"

"St. Nikolaus, die Geschichte eines Bischofs"

"Eine kleine Weihnachtsgeschichte"

"Der Christbaumständer"

"Rudolph, das Rentier mit der roten Nase"

"Die Gabe der Weisen"

"Von kleinem Finchen und dem Zauberstöckchen"

"Warum die Tanne Christbaum ist"

"Der allererste Weihnachtsbaum"

"Die Salzprinzessin"

"Das andere Land"

"Sternsplitter"

"Die Jenaische Christnachttragödie"

"Das Weihnachtsfest"

"Woher der Fliegenpilz seine weißen Flecken hat"

"Die Geschichte von den sieben weißen Mäusen"

"Wie der Hirsch zu seinem schönen Geweih kam"

"Vom roten und gelben Fingerhut"

"Im Garten der Seejungfrau"

"Wie der Frosch Schulze vom Teich wurde"

"Von der stolzen Tanne"

"Das Märchen vom steinernen Krüppelchen"

"Der Sonnenfünkchen Erdenfahrt"

"Fee Sonnentau"

"Von Heidelbeeren und Preiselbeeren"

"Sternenmoos und Becherflechte"

"Hold Emmchen und der silberne Mann"

"Woher die Glockenblumen kommen"

"Warum Kiefer und Birke zusammenwohnen"

 

WARUM KIEFER UND BIRKE ZUSAMMENWOHNEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Waldkönig schon viele tausend Jahre regierte, da kamen einmal alle Waldfürsten und Waldprinzen und Waldgrafen zu ihm und sagten: "Herr König, gebt uns ein Stück Land in Eurem Reiche, auf dem wir uns anbauen können, es ist gar eng bei uns, und unsere Brüder und Schwestern und Anverwandten haben keinen Platz mehr."

"Gut", sagte der König, geht hin und sucht in meinem Reiche Land aus, wie ihr wollt und wo es euch dort gefällt. Aber baut es schön an, und wer das am schönsten macht, der soll die schöne Prinzessin zur Frau kriegen."

Die schönste Prinzessin im ganzen Land aber war Junge Birke, die war zart und zierlich und schlank im Wuchs, hatte ein weiß seidenes Kleid an und einen lichtgrünen Schleier darüber und war behängt mit lauter gelben und braunen Anhängerchen, die aussahen wie ganz klimper kleine niedliche Lämmer Schwänzchen.

Und alle Waldprinzen und Waldfürsten und Waldgrafen hätten sie gar zu gern zur Frau gehabt. Darum gefiel ihnen auch der Vorschlag des Waldkönigs, und sie gingen aus und suchten sich ihr Land und bauten sich dort an. Wie sie nun damit fertig waren, nahm Waldkönig Prinzess Birke und reiste mit ihr durchs ganze Land, zu sehen, wer es am besten gemacht hätte.

Da kamen sie in eine schöne Stadt mit hohen Häusern und langen geraden Straßen. Da hatte der stolze Fürst Kastanie sich angesiedelt, und alle seine Verwandten standen in Reih und Glied an den Straßen entlang, wie die Soldaten des Kaisers, der dort in der Straße wohnte und gerade Parade hielt. Das wäre so nach Waldkönigs Sinn gewesen, aber Prinzess Birke schüttelte ihr Köpfchen und ging weiter.

Dann kamen sie auf ein hübsches Dorf, da hatte Fürst Lindenblatt sich seine Wohnung gebaut, ei war es da freundlich! Kleine niedrige Bauernhäuser, und vor jedem ein schattiger Lindenbaum, um dessen Blüten die Bienchen summten. Waldkönig schmunzelte zufrieden aber Prinzess Birke schüttelte ihr Köpfchen und ging weiter.

So zogen sie durchs ganze Reich, sie kamen zu steilen Bergen, in denen sich Prinz Tannenzapfen sein Heim gebaut hatte, und an sanfte Hänge, wo Prinz Lärchenstamm wohnte, in welliges Hügelgelände mit fettem Boden, silbernen Strömen, ragenden Burgen, dem Gebiet des Herzogs von Eichwald und an das blaue schöne Meer, an dessen Ufern Fürst Buchecker sein wundervolles schön gepflegtes Land hatte, sie kamen in sumpfige Niederungen,
wo Prinz Erle wohnte, und in saftige Wiesengründe, wo an schmalen Bächen und Gräben Graf Salweide seine neue Heimat gefunden hatte.

Sie kamen an schön gepflegte Chausseen, an denen die beiden Grafen Ahorn und Esche sich und ihre Verwandten rechts und links aufgestellt hatten, um die hohen Herrschaften feierlich zu empfangen. Und der Waldkönig schien sehr befriedigt mit dem, was die Söhne seines Reiches geschaffen hatten, er war stolz darauf, dass all das Land nun so schön bestellt und bebaut war.

Aber jedes Mal, wenn er Prinzess Birke fragte, ob es ihr nicht gefiele, sagte sie: "Herr König, lasst uns erst alles besehen, dann will ich sagen, welcher von allen Fürsten und Prinzen und Grafen es am besten gemacht hat."

Als sie nun schon fast alles gesehen hatten, fragte der Waldkönig: "Nun haben wir fast das ganze Reich bereist. Es ist nur noch ein Stück übrig, aber da wollen wir nur gar nicht erst hinreisen, denn da ist doch nichts los, lauter Sand und Heide, da wird es dir schon gar nicht gefallen." "Lasst uns auch dahin reisen", sagte Prinzess Birke.

So machten sie sich auf und kamen in das Gebiet der sandigen Heide. Aber wie waren sie erstaunt, als sie dahin kamen! Da war das Land bedeckt mit einem schönen, grünen Wald, dunkelblaugrün schimmerten seine Kronen und rotgolden seine Stämme, kleine Seen mit ihren blanken Spiegeln blitzten dazwischen auf, und über den grauen und gelben Sand breitete Heidekraut einen zarten bläulich-roten Schein, und um das ganze Land wehte herbe, kräftige Luft.

"Wer hat das fertig gebracht?", fragte erstaunt der Waldkönig. Da kam im braunen Kittel mit struppigen schwarzem Haar und Bart ein einfacher Arbeiter. "Verzeiht, Herr König", sagte er, "von Euren Fürsten und Prinzen und Grafen wollte niemand das Stück Land haben, denn es war ihnen zu arm und zu schlecht. Da bat ich sie, sie möchten es mir lassen, denn ich habe eine große Sippe, und wir sind alle arme Leute und zufrieden, wenn wir ein bisschen
Sand und Wasser zum Leben haben. Da haben sie mir es aus Gnade und Barmherzigkeit gelassen, und ich habe mich mit meinen Leuten daran gemacht und es in Ordnung gebracht. Erlaubt mir, dass ich hier wohnen bleiben darf."

Da trat Prinzess Birke zum Waldkönig und sprach: "Herr König,dieser arme Mann hat mehr geleistet als Eure Großen alle. Gebt mich ihm zur Frau." "Du hast Recht", sagte der König. Aber er ist doch ein armer Mann und du bist eine Prinzessin." "Das tut nichts, er hat doch aus einer Sandwüste ein Paradies gemacht."

Da wandte sich der König an den Arbeiter:" Wie heißt Er, guter Freund?", fragte er ihn freundlich. "Ich heiße Föhre." "Gut. Er soll von nun an in den Grafenstand erhoben werden und Graf Kiefer heißen und Prinzessin Birke soll seine Frau sein."

Seitdem leben Kiefer und Birke zusammen und führen ein glückliches Leben miteinander, wenn sie auch nur im Walde wohnen!

Der Wald steckt voller Geheimnisse. Seit Menschengedenken ranken sich um ihn Sagen, Mythen und Legenden.

 

P. u. A. Blau, "Wies wispert und wuspert im grünen Wald" - Waldmärchen

 

WOHER DIE GLOCKENBLUMEN KOMMEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Waldkönig und die Waldkönigin lebten schon lange auf ihrem steinernen Schloß im grünen Wald ganz allein. Als aber einmal der böse Winter, der immer eine ganz lange Zeit bei ihnen wohnte, wieder davon gezogen war, um für ein paar Monate nach dem Nordpol auf Reisen zu gehen, da wurde ihnen eines Tages ein liebliches Töchterlein geschenkt.

Das war ein feines, zartes Mägdelein mit sonnengoldenen Härchen und ein Paar Äuglein, blau wie Vergißmeinnicht. Da war große Freude im Waldschloß, und der Waldkönig wollte, alle Bewohner seines weiten Reiches sollten es wissen, daß ein kleines Prinzeßchen geboren sei, das Waldtraut heißen sollte.

So rief er denn alle seine Hofbeamten zusammen und sprach: „Wer will mein Bote sein, der im ganzen Reich verkündigt, daß uns ein Prinzeßchen geschenkt ist?“ Da sagte die Schnecke: „Herr König, das will ich besorgen.“ „Gut,“ sagte der Waldkönig, „so spute dich, damit alle es bald erfahren.“

Aber die Schnecke dachte: „Das wird eine lange Reise werden! Und wenn ich dann einen Tag nach dem anderen laufen muß, wo finde ich eine Herberge, da ich ausruhen, wo ein Haus, da ich einkehren könnte? Ich will mir ein Häuschen machen, das ich überall mitnehmen kann, und in dem ich wohnen und schlafen kann.“ Und so machte sie sich ihr Häuschen und lud es auf aber das war schwer und drum ging es langsam mit der Reise, manchen Tag noch nicht eine halbe Meile!

Als das der König hörte, wurde er sehr ungeduldig und böse und rief seine Hofbeamten und sagte: „Die Schnecke macht es zu langsam, wer will mein Bote sein?“ Da sagte der Schmetterling: „Herr König, schickt mich, ich habe zwei schöne Flügelein, mit denen kann ich fliegen durch das ganze Reich.“ „Du hast recht,“ sagte der König: „So flieg und spute dich!“ Da breitete der Schmetterling seine zitronengelben Schwingen aus und wiegte sich im warmen Sonnenschein und flog von Blüte zu Blüte, von Halm zu Halm.

Aber da kam er zu einer reizenden kleinen Wiesenblume, die lächelte ihn freundlich an. Da blieb er bei ihr sitzen, und sie liebkosten einander und plauderten zusammen, und über dem allen vergaß er beinahe, seine Botschaft zu bestellen. Und als er sich von dieser lieblichen Blüte doch los riß, fand er bald eine andere, bei der er sitzen blieb, und mit der er das selbe Tändelspiel trieb und übert all dem Gaukeln und Tändeln verstrich die Zeit.

Als der König das hörte, wurde er zornig und rief abermals seine Hofbeamten zusammen und sagte: „Auch der Schmetterling ist ein unbrauchbarer Bote wer will mein Bote sein? Aber alle schwiegen, denn sie fürchteten, sie würden es dem König doch nicht recht machen.

Da trat ein kleines, graues Männlein herzu, das hatte einen krummen Rücken und einen langen Bart und humpelte auf seinen kurzen Beinchen. „Herr König,“ sagte es, „gebt mir acht Tage Zeit und in acht Tagen sollen alle Eure Untertanen Botschaft haben.“

„Wie wolltet Ihr das fertig bringen, Meister Bimbam?“ fragte der König. „Ihr seid doch gar betagt und schlecht auf den Füßen!“ „Das laßt meine Sorge sein, Herr König; wollt Ihr meines Dienstes brauchen, so sagt Ja.“ „Nun ja denn,“ sagte der König, weil doch kein anderer Bote zu haben war.

Da humpelte Meister Bimbam gar eilig nach seiner Werkstatt und rief alle seine Gesellen zusammen. Und nun ging ein heimliches Klopfen und Hämmern los Tag und Nacht; die einen standen am Amboß und schmiedeten, die anderen machten ein mächtiges feuer, die dritten gruben tiefe Gruben und gossen da flüssiges Feuer hinein. Wieder andere liefen durchs ganze Land und machten da heimlich allerlei zurecht.

Und als acht Tage um waren, da rief Meister Bimbam seinen Obergesellen, der hieß Herr Mailüfterl, und sagte ihm: „Mailüfterl, wenn nun der Herr König ein Zeichen gibt, dann machst du deine Sache gut.“ „Das will ich schon tun, Meister.“
Da ging Meister Bimbam zum König und sagte:

„Herr König, wenn Ihr nun befehlen wollt, so sollen in einer Stunde alle Eure Untertanen Botschaft haben. Gebt nur meinem Obergesellen ein Zeichen.“ Da winkte der König mit der Hand, und Mailüfterl sprang schnell hinaus. Ja, was war den das? „Bim baum, bim baum“ klang es auf einmal rings umher, im Walde und auf der Wiese, am Berg und am Bach. „Bim baum, bim baum! Wir haben ein Prinzeßchen, das heißt Waldtraut, Waldtraut.“

Der König sah erstaunt zum Fenster hinaus da sah er überall im ganzen Reich schöne blau Glocken hängen, die läuteten die Botschaft von Prinzeßchens Geburt hinaus über alle Lande. Seitdem läuten die Glockenblumen jahraus, jahrein, so oft Prinzeßchens Geburtstag wieder kommt und Herr Mailüfterl ist Königlicher Hofglöckner geworden.

 

[P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

HOLD EMMCHEN UND DER SILBERNE MANN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hoch droben in den Bergen, wo zwischen grauen Klippen das braune Moos und die grünen Wiesen sich dehnen, lebte vor Zeiten ein kleines Mädchen, ein liebliches, lustiges und munteres Ding, das sang und sprang den lieben langen Tag und wand sich Kränzchen aus blauen Vergißmeinnicht und weißem Wollgras und freute sich an dem blauen Himmel und an den grünen Tannen, die es drüben vom Bergeshang her grüßten.

Aber droben auf dem Berge hauste ein alter Riese; silbergrau war sein Haar und silbergrau sein Bart, um die Brust trug er einen Panzer von silbergrauem Granit und an den Beinen eben solche Stiefel. Der sah schon lange Hold Emmchens Spiel mit Wohlgefallen zu. Einsam saß er auf seinem Renneckenberg. Ei, das wäre schön, wenn Hold Emmchen seine Frau würde und zu ihm herauf zöge und ihm mit ihrem lustigen Singen die Einsamkeit vertriebe.

So stieg er denn eines Tages von seinem Berge hernieder und fragte Hold Emmchen, ob sie nicht seine Frau werden wollte. Aber die lachte den alten Graubart aus; sie wollte viel lieber weiter lustig singen und springen und sich ihrer Kindheit freuen, als des silbernen Mannes Frau werden.

Doch, der ließ nicht nach und bat und bat immer wieder, bis Hold Emmchen schließlich sagte: „Weißt du was? Wir wollen miteinander zum Herrn Erzbischof nach Magdeburg reisen, der soll entscheiden. Wenn du zuerst dort bist, dann kannst du ihn bitten, daß ich deine Frau werde; wenn ich zuerst dort bin, werde ich ihm freilich sagen, daß ich nicht deine Frau werden möchte. Aber du darfst mich auf dem Wege nicht aufhalten, und ich verspreche dir auch, dir nichts in den Weg zu legen.“

Der silberne Mann war zufrieden, denn er dachte, er mit seinen großen Siebenmeilenstiefeln würde doch viel schneller in Magdeburg sein, als Hold Emmchen mit seinen kleinen, zarten Füßchen.

So machten sie sich denn eines Tages auf und gingen nebeneinander her, und immer, wenn der silberne Mann ihr zu nahe kommen wollte, wich Hold Emmchen im großen Bogen aus. Eine Zeit lang ging es ganz gemächlich. Der silberne Mann ließ Hold Emmchen sogar vorangehen, er würde sie doch bald einholen und überholen.

Aber es ging doch nicht so schnell, wie er dachte; der Boden war sumpfig, und während Hold Emmchen mit leichtem Fuß drüber hin sprang, blieb der silberne Man mit seinen schweren Stiefeln immer stecken, und es kostete ihm immer viel Mühe und Schweiß, bis er so ein Bein nach dem anderen wieder aus dem Sumpf heraus gezogen hatte.

Hold Emmchen aber lachte ihn dann tüchtig aus. Dann holte er sie freilich mit einem einzigen großen Schritt schnell wieder ein—aber patsch! Da saß er wieder im Sumpf. Das wurde ihm denn doch allmählich bedenklich. Wenn das so weiter ging, kam Hold Emmchen ihm am Ende doch beim Erzbischof zuvor. Da faßte er einen bösen, bösen Plan—und gedacht, getan!

Es war Abend geworden. Da versteckte er sich im Walde, wo ihn niemand sehen konnte und legte seine schwere Steinrüstung ab, die ihn mit ihrem Gewicht immer in den Sumpf hinab zog; dann schlug er sie in Stücke und warf sie auf den Weg, auf dem Hold Emmchen kommen mußte. Da, so rechnete er, würde sie im Dunkeln darüber stolpern und sich ein Bein brechen—dann konnte sie nicht mehr so schnell laufen! —

So duckte er sich denn in den Wald und wartete ab, wenn Hold Emmchen kommen würde. Aber es wurde Nacht und sie kam nicht; der Mond guckte neugierig über den Berg, um zu sehen, was da los wäre, und die Sternlein blinzelten sich zu — und sie kam noch immer nicht. Die Nacht verging, der Morgen graute — Hold Emmchen kam nicht.

Ja, wo blieb sie denn nur? Nun, sie hatte sich abends ruhig zwischen grünen Tannen auf dem weichen Moos schlafen gelegt, um am anderen Morgen frisch und rüstig weiterlaufen zu können. Als die Sonne aufging, wachte sie auf, rieb sich die Äuglein und sprang auf ihre Füßchen.

Hurtig lief sie zu — da lagen all die großen grauen Steine in ihrem Weg; sie aber sprang lachend mit ihren leichten Füßchen darüber weg und jauchzend die Felsen hinunter. Wütend sah es der silberne Mann aus seinem Versteck und wollte nun, weil seine List mißlungen war, schnell weiter eilen, um nach Magdeburg zu kommen.

Aber, oh weh, o weh! Bei dem langen Stehen war er ganz tief eingesunken in den Sumpf. Alles Strampeln und Zappeln war umsonst — er konnte nicht mehr heraus. Nun muß er immer, immer dort stehen bleiben zur Strafe für seine Tücke— ihr könnt noch die Spitze von seinem silbergrauen Helm aus dem Wald herausragen sehen.

Hold Emmchen aber lief lachend an ihm vorbei nach Magdeburg zum Erzbischof. Der aber war ein guter Mann und sagte, sie sollte nicht dem silbernen Mann seine Frau werden, sondern sollte immerzu lustig weiter singen und springen.

Und das tut Hold Emmchen heute noch, und wenn sie an die großen grauen Felsen von der Steinernen Renne kommt, dann springt sie besonders lustig über sie hinweg und lacht den silbernen Mann aus, der gar nicht weit davon im Walde fest gewachsen steht.

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

STERNENMOOS UND BECHERFLECHTE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prinzeßchen Waldtraut spielte am allerliebsten im Walde Verstecken. Da waren so schöne dichte Büsche und hohe Farnkräuter und dicke Baumstämme, hinter denen es sich so verbergen konnte, daß niemand es fand.

Einmal aber war es beim Verstecken so weit in den Wald hinein geraten, daß es sich nicht mehr darin zurecht fand. Es rief seine Gespielinnen, aber es war so weit weg, daß diese es nicht hörten. In seiner Angst lief es immer weiter und weiter, und der Wald wurde immer dunkler, und die Nacht kam immer näher, und Prinzeßchen war schon ganz müde und matt. Und hungrig war es von dem vielen laufen auch geworden und durstig erst recht von der großen Hitze und niemand war da, der seinen Hunger stillen und seinen Durst löschen konnte.

Da legte es sich unter ein grünes, schönes Farnkraut ins weiche Moos und fing bitterlich an zu weinen, denn es meinte, nun müßte es verhungern und verdursten und elend umkommen. Wie es da lag und schluchzte, da stand auf einmal bei ihm ein kleines, altes Großmütterchen, das hatte ein Kleid von lauter grünen Sternen und hielt auf seinem langen, dünnen Arm ein kleines Brot hoch empor.

„Weine nur nicht,“ sagte es zu Prinzeßchen, „sieh, ich bin eine alte Frau und habe auch einmal so ein kleines Mädchen gehabt, wie du bist, aber das ist schon lange, lange tot. Nun werde ich ja wohl bald sterben, aber du bist noch jung und sollst noch leben. Ich habe da noch ein Brot, es ist freilich mein letztes, aber ich will dir es gern geben; um mich ist es ja nicht schade, wenn ich verhungere. Da nimm und iß dich satt.“

Und damit legte es sein Brot ihm in den Schoß und verschwand. Wie Prinzeßchen noch ganz erstaunt da saß, kam ein kleines, graues Männchen angehumpelt, das hatte graue Haare und einen langen grauen Bart und einen harten, ledernen, grauen Mantel und in der Hand ein graues Becherchen und sagte:

„Weine nur nicht, Prinzeßchen, ich habe dein Weinen gehört und bringe dir hier ein Becherchen mit Wasser. Es ist freilich mein letztes Tröpfchen. Aber dir will ich es schon schenken; ich bin ein alter Mann was schadet es, wenn ich verdurste? Aber du bist jung und sollst leben. Da nimm und trink dich satt.“

Und damit stellte es sein Becherchen neben Prinzeßchen; „und wenn du dich satt getrunken und gegessen hast, dann geh nur immer jenem silbernen Stern nach, siehst du ihn? Dort oben steht er, dann kommst du wieder zurück in deines Vaters Schloß.“ Damit verschwand er.

O wie dankbar war Prinzeßchen! Nun aß es sein Brötchen und trank sein Wässerchen und dann lief es schnell dem Stern nach und kam nach Hause. Als aber der Waldkönig und die Waldkönigin hörten, wie es Prinzeßchen gegangen war, da sagten sie beide: „Das gute graue Männchen und das liebe alte Großmütterchen, die dich gespeist und getränkt haben, sollten nicht verhungern und verdursten.

Und Prinzeßchen nahm ein silbernes Becherchen mit wunderschönem, kristallklarem Wasser und eine goldene Stange, auf der ein schönes Brot steckte und lief mit seinen Dienern und Mägden in den Wald zurück. Da fanden sie das alte Großmütterchen schon fast verhungert; Prinzeßchen aber gab ihr das Brot und die goldene Stange dazu und sagte:

„Du sollst nicht Hungers sterben; so oft du diese goldene Stange in die Erde steckst, soll ein Brötchen oben dran sein, damit du dich satt essen kannst dein Leben lang.“

Und dann fanden sie auch das alte Männchen, das war auch schon am Verdursten. Aber Prinzeßchen gab ihm das silberne Becherchen, und so oft er es auf die Erde stellte, war immer ein Tröpfchen des reinsten Wassers drin, so daß er nicht du dürsten brauchte sein Leben lang.

Und nun leben die beiden Alten immer noch, und wenn ihr durch den Wald geht, dann könnt ihr das Großmütterchen Sternenmoos sehen, das sein Brötchen auf goldener Stange hoch hält und nicht weit davon das alte graue Männchen Becherflechte mit seinem silbernen Becher und seinem Wassertröpfchen drin.

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen 

VON HEIDELBEEREN UND PREISSELBEEREN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einmal ging Prinzeßchen Waldtraut auf eine schöne Wiese spielen. Ei, war das ein vergnügtes Völkchen, das sich da tummelte! Frau Schnake mit ihren langen Beinen hüpfte und tanzte mit ihren Schwestern einen schönen Reigen, Blaustrümpfchen und Distelfalter spielten Haschen und alle ihre Freunde und Freundinnen aus dem Schmetterlings Geschlecht machten es ihnen nach.

Bienchen und Hummel spielten Verstecken und krochen bald in dieses, bald in jenes Blümleins Kelch; Frau Grille und ihr Chor sangen zusammen ein fröhliches Sommerlied, kurz und gut, es war ein gar fröhliches Treiben.

Aber Prinzeßchen Waldtraut hätte zu gern Ball gespielt. „Hat denn niemand von euch einen schönen Ball?“ fragte sie. Aber niemand hatte einen Ball bei sich. „Da wollen wir schnell einen kaufen gehen,“ sagte sie zu ihrer Freundin, Prinzeß Heckenröschen; und nun gingen sie zu allen Kaufleuten im ganzen Waldreich, um Bälle zu kaufen.

Zuerst kamen sie zu Herrn Storchschnabel. „Guten Tag, Herr Storchschnabel,“ sagte Prinzeßchen, „haben Sie schöne Bälle zu verkaufen?“ „O ja,“ sagte Herr Storchschnabel, und holte aus seinem Laden einen Ball heraus, der hatte einen ganz langen Schwanz. „Ist der nicht sehr schön?“ sagte Herr Storchschnabel. „Ach, nein,“ sagte Prinzeßchen, „den kann ich nicht brauchen, der hat ja so einen langen, spitzen Schwanz, da steche ich mich daran.“

Da gingen sie weiter zu Herrn Mohnkopf. „Guten Tag, Herr Mohnkopf,“ sagte Prinzeßchen, „haben Sie schöne Bälle zu verkaufen?“ „O gewiß“, sagte Herr Mohnkopf, und holte eine große, runde Büchse und machte ihren Deckel auf. Da lagen viele kleine braune und schwarze runde Bälle drin. „Ach, das sind doch keine Bälle,“ sagte Prinzeßchen, „die sind ja so klein, das sind man bloß Murmeln, die kann ich nicht brauchen.“

Nun kamen sie zu Frau Walderbse. „Guten Tag, Frau Walderbse,“ sagte Prinzeßchen, „haben Sie nicht schöne Bälle zu verkaufen?“ „O natürlich,“ sagte Frau Walderbse und brachte eine lange, schmale Schale. Da lagen grüne Dingerchen drin, die sahen aus wie Bälle. Aber als Prinzeßchen sie aufhob, da sah sie, daß sie ganz platt waren wie Harzer Käse. „Ach nein,“ sagte sie, „die können ja nicht schön kullern, die kann ich auch nicht brauchen.“

„Wo gehen wir aber nun noch hin?“ fragte Prinzeßchen ihre Freundin. „Wir wollen doch mal zum Juden Veilchenfeld gehen, der hat gewiß welche,“ antwortete Prinzeßchen Heckenröschen. Da gingen sie zu Herrn Veilchenfeld. „Guten Tag, Herr Veilchenfeld,“ sagte Prinzeßchen, „haben Sie nicht schöne Bälle zu verkaufen?“ „Mit Vergnügen, Königliche Hoheit,“ schmunzelte Veilchenfeld, „wird mir sein ´ne große Ehre, zu bedienen Königl. Hoheit.“

Und nun schleppte er eine ganze Kiste heran mit graubraunen rundlichen Kugeln; die hatten aber auf drei Seiten solche dicken Nähte, daß Prinzeßchen sie gar nicht anfassen wollte. Aber als sie es doch wagte und ein bißchen drückte, ob sie auch fest wären, da platzten die Nähte, und alles, was drin war, kullerte heraus.

Da machte Herr Veilchenfeld ein sehr verlegenes Gesicht aber Prinzeßchen warf den kaputten Ball weg. „Die kann ich auch nicht brauchen,“ sagte es und ging davon. Soweit sie nun auch noch gingen, soviel sie nun auch fragten niemand hatte schöne Bälle. Da ging Prinzeßchen nach Hause und weinte, daß sie im ganzen Waldkönigreich keine schönen Bälle hatte finden können.

Als das der Waldkönig hörte, rief er seine Minister zusammen und hielt mit ihnen einen großen Rat, woher sie für Prinzeßchen Bälle kriegen könnten. Schließlich wurde beschlossen, in der Zeitung eine Bekanntmachung zu erlassen, daß alle Ballfabrikanten mit ihren Bällen kommen sollten, damit der Waldkönig selbst die schönsten für sein Töchterchen aussuchen könnte. Und wer die schönsten hätte, der solle Hoflieferant werden.

Kaum hatte das in der Zeitung gestanden, da kamen auch aus allen Ecken und Enden des Reiches die Fabrikanten angefahren, um ihre Proben vorzulegen.
Zuerst kam Herr Holzapfel; der trat sehr bescheiden auf, hatte aber ein niedliches Töchterchen, das hieß Grete; die sollte die Bälle dem Herrn König vorlegen, denn er meinte, dann würde sie der Herr König schon nehmen.

Freilich waren sie sehr hart, aber sie sollte nur recht weich sprechen, dann würden sie dem Herrn König schon gefallen. So machte sie denn einen tiefen Knicks vor dem Waldkönig und sagte: „Guden Dag, Herr Gönig.“ Aber wie der König die Bälle anfaßte, waren sie doch so hart und so groß, daß er sie nicht haben wollte; denn Prinzeßchen hatte doch so ganz kleine, zarte Händchen.

Da ging Herr Holzapfel traurig davon. Dann kam Herr Caddik; der war aus Ostpreußen gekommen und hatte wunderschöne schwarzbraune Bälle mit einem blauen, weichen Samt Bezug. Die hätten dem Prinzeßchen schon gefallen; aber sie rochen gar nicht schön, und sie sagte: „Pfui, die beißen ja!“ Aber Herr Caddik meinte: „I nein, mein trautstes Marjallchen! Die sind doch goldig!“

Da nahm Prinzeßchen ein Bällchen in die Hand, aber als sie es anfaßte, da ging der ganze schöne blaue Samt herunter — da war es auch mit Herrn Caddik seinen Bällen vorbei. Nach ihm ließ sich Herr Quitsche melden; der brachte gleich einen ganzen Strauß von feuerroten Bällen, die hingen alle an grünen, dicken Strippen und sahen ganz prächtig aus.

Aber als Prinzeßchen sie anfassen wollte, da bat er höflich, Prinzeßchen möchte doch recht vorsichtig damit umgehen, sie wären sehr zart; es wäre am besten, sie hingen immer so hoch, daß niemand dran rühren könnte. Und richtig, als Prinzeßchen einen Ball ein bißchen fest anfaßte, quitsch, da zerdrückte sie ihn da war es auch mit Herrn Quitsche seinen Bällen nichts.

Zuletzt kam Herr Weißdorn; der hatte auch schöne rote Bälle, aber er hatte es ganz extra fein machen wollen, und weil doch die Bälle für ein Prinzeßchen sein sollten, hatte er auf jeden seiner roten Bälle ein richtiges schwarzes Krönchen drauf gesetzt das sah ja nun sehr fein aus, aber natürlich konnten die Bällchen gar nicht kullern was sollte da Prinzeßchen mit ihnen anfangen?

Das war nun aber ganz schlimm und traurig, daß auch die großen und berühmten Ball Fabriken keine schönen Bälle machen konnten. Waldkönig war ganz böse. Aber wenn Waldkönig bei seinen Ministern keinen Rat fand, dann rief er seinen klugen Meister Bimbam, der ihm damals bei Prinzeßchens Geburt die schönen Glocken gemacht hatte.

„Meister Bimbam,“ sagte er, „wißt Ihr denn niemanden, der schöne Bälle macht?“
„O ja, Herr Waldkönig,“ sagte Bimbam, „ich kenne zwei Brüder, die haben freilich keine schöne, große Fabrik, wie die Herren Holzapfel und Caddik und Quitsche und Weißdorn; das sind ein paar ganz arme Brüderlein, die haben nur eine ganz armselige Wohnung und eine ganz einfache Werkstätte. Das sind die Brüder Beere, Heidel und Preisel.“

„Geh, hole sie mir her,“ sagte der Waldkönig. „Aber sie haben keine schönen Kleider“, sagte Bimbam. „Das tut nichts,“ erwiderte Waldkönig; der braucht noch lange nicht tüchtig zu sein, der ein schönes Kleid trägt, und der noch lange nicht untüchtig, der ein armes Kleid anhat. Aufs Kleid kommt es nicht an.“

Da rief Meister Bimbam die beiden Brüder. Und sie kamen ganz schüchtern und ängstlich, denn sie waren noch nie beim König gewesen und wußten gar nicht, wie man mit einem König sprechen mußte. Ihre Bällchen hielten sie ganz versteckt unter ihrem grünen Arbeitsanzug; denn einen besseren hatten sie nicht.

Als sie nun so zum König kamen, ganz bescheiden und demütig, und prahlten gar nicht mit ihren schönen Bällen, sondern machten bloß einen tiefen Diener vor dem Herrn König, da fragte er sie: „ich habe von euch gehört, daß ihr fleißige und brave Untertanen seid. Könnt ihr auch schöne Bälle für mein Prinzeßchen machen?“

„Ach, Herr König,“ sagte da Heidel, „meine Bälle sind gar nicht sehr schön; bloß blau. Aber ich habe kein Geld, um schönere Farben zu kaufen.“ „Und meine sind nur rot,“ sagte Preisel, „die werden dem gnädigen Herrn König gewiß nicht gefallen; denn für ein Prinzeßchen müssen die Bälle doch golden und silbern sein.“

„Zeig sie nur einmal her,“ sagte der König. Da nahm Heidel sein blaues Bällchen ganz verstohlen aus seiner Tasche und hielt es dem König hin und Preisel sein rotes. Als aber Prinzeßchen die sah, da gefielen sie ihm so gut, daß es gleich sagte, die wollte es haben und keine anderen, und die wären so schön, daß sie gleich hunderttausend Millionen davon alle Jahre für ihre Freundinnen haben wollte.

Da erschraken freilich Heidel und Preisel sehr, denn sie meinten, soviel könnten sie doch nicht in ihren kleinen Werkstätten herstellen. „Da will ich euch schon helfen,“ sagte der König, und befahl, daß im ganzen Reich Fabriken gebaut werden sollten für die Brüder Heidel und Preisel.

Die beiden Brüder aber wurden von ihm hochgeehrt und wurden Hoflieferanten und bekamen die Firma:

Heidelbeere und Preiselbeere
Fabrik für Prinzeßchen Waldtraut
Ihre Spielbälle
Hoflieferanten Seiner Majestät des
Waldkönigs.

Und jedes Jahr liefern sie viele hunderttausend Millionen blaue und rote Bälle; die gehen in großen Körben in alle Welt, und Prinzeßchen ihre Freundinnen bekommen jedes Jahr von ihr neue geschenkt.

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

FEE SONNENTAU ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Waldkönigs Reich lebte vor vielen tausend Jahren eine wunderschöne Fee. Die hatte weiße Blümchen in ihrem Haar und ein grünes Röckchen mit lauter roten Fransen dran und an jeder Franse eine herrliche Perle; ihr Schloß stand in einem wunderschönen Garten, in dem die lieblichsten Blumen dufteten, und die buntesten Schmetterlinge sich im Sonnenschein wiegten, und die aller herrlichsten Vögelchen sangen.

Und sie selber war so lieblich von Angesicht, daß niemand sie sehen konnte, ohne sich in sie zu verlieben. Und weil die Perlen an ihrem Kleid glitzerten wie die Tautröpflein im Sonnenschein, hieß sie die Fee Sonnentau.

Aber sie war eine böse, böse Zauberin. Freilich, weil sie so lieblich aussah, wollte es niemand glauben, und wer es doch behauptete, den lachten die anderen aus.
Weil sie ab er so wunderlieblich war, darum konnten die jungen Edelknaben und Pagen des Waldkönigs und die jungen Prinzen und Rittersöhne sich gar nicht satt an ihr sehen und jeder hätte sie am liebsten zur Frau gehabt.

Da faßte sich einmal der junge Ritter Heldbock ein Herz und schlich sich heimlich in ihren Zaubergarten. „Schöne Fee Sonnentau,“ sagte er, „du bist so schön und ich habe dich so lieb, willst du nicht meine Frau werden?“ Und ehe sie noch antworten konnte, wollte er ihr einen Kuß geben.

Aber da verwandelte sie sich in ein ganz schreckliches Ungeheuer: ihre roten Fransen wurden zu greulichen Schlangen, die sich um seinen Leib wickelten, und ihre Perlen zu klebrigen Tropfen, an denen er so fest kleben blieb, daß er nicht wieder los konnte, und die Schlangen sogen ihm das Blut aus den Adern und das Leben aus dem Leibe und die Seele aus dem Körper. Da mußte Ritter Heldbock eines elenden Todes sterben.

Und als er tot war, da ließen ihn die Schlangen los und Fee Sonnentau winkte ihren Dienern, Regentropfen und Windhauch, die trugen die Leiche hinaus und vergruben sie so tief, daß niemand sie fand. Ritter Heldbock war nicht wieder gekommen. Niemand wußte, wo er geblieben war. Aber Fee Sonnentau lächelte weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Da ging ein anderer junger Ritter zu ihr, das war Ritter Ordensband — aber auch er kam nicht wieder. Niemand wußte, wo er geblieben war. So geschah es viele, viele Jahre; Prinz Siedbenpunkt verschwand in ihrem Zaubergarten und Junker Harlekin mit seinem schwarz-weiß-gelben Mantel, selbst der tapfere Ritter Rebenstecher mit seiner spitzen Lanze und Ritter Gelbrand mit seinem breiten Schild kamen nicht wieder.

Da machte sich zuletzt Junker Goldschmied auf, um seinen verschwundenen Freund zu suchen. Der war wegen seiner List und Tapferkeit im ganzen Land gefürchtet und niemand konnte ihm etwas anhaben. Als er zur Fee Sonnentau kam, da war freilich auch er von ihrer Schönheit bezaubert und wollte sie umarmen.

Aber wie er merkte, daß sie sich in ein greuliches Ungeheuer verwandelte und schon ihre klebrigen Krallen ihn festhalten und schon ihre greulichen Schlangen ihn umwinden wollten, da schoß er ihr einen ganz abscheulich übelriechenden gelben Saft ins Gesicht, daß sie laut aufschrie und ihn loslassen mußte.

Schnell floh Junker Goldschmied und kehrte zurück in Waldkönigs Reich, krank freilich und siech für sein ganzes Leben, denn die Fee Sonnentau hatte ihn schon vergiftet. Aber nun erzählte er, wie es ihm ergangen war, und nun wußten alle, wo die Prinzen und Ritter und Junker und Edelknaben geblieben waren.

Da ging ein lautes Wehklagen durchs ganze Reich und alle Väter und Mütter der gemordeten Jünglinge gingen zum Waldkönig und klagten ihm ihr Leid. Da wurde Waldkönig zornig und ließ Fee Sonnentau vor sich rufen.

Wunderlieblich wie immer stand sie vor ihm. Aber er sprach: „Weil du die besten Söhne meines Reiches vergiftet und umgebracht hast, sollst du verflucht und verbannt sein, sollst in der öden Einsamkeit leben und von ekelhafter Speise dich nähren.“

Und wie er das gesprochen, da versank der Zaubergarten und das Schloß der Fee und verwandelte sich in ein ödes, sumpfiges Land mit schwarzem Schlamm und rotbraunen Halmen und tiefen Wasserlöchern — und wenn ihr einmal so ein Land findet, hoch oben im Gebirge — die Leute nennen es Hochmoor — und seht dort ein Pflänzchen mit kleinen weißen Blüten und grünen runden Blättchen mit roten Haaren drauf und auf jedem Haar einen klebrigen Tropfen, das ist Fee Sonnentau; die muß im öden Hochmoor wohnen und Fliegen und Käfer essen ihr Leben lang.

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

DER SONNENFÜNKCHEN ERDENFAHRT ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Liebe Mutter Sonne,“ sagten eines Tages die Sonnenfünkchen, „laß uns doch ein bißchen auf die Erde hinunter springen. Wir möchten gern spielen! Bitte, bitte!“—„Wir möchten gern im Wässerchen pantschen,“ riefen die einen, und „wir möchten gern auf den grünen Blätterchen tanzen,“ sprachen die anderen, und „wir möchten uns gern auf der Wiese lagern“, schrien die dritten dazwischen, und noch andere wollten gern im Walde Verstecken spielen.

Und so baten sie und bettelten, bis Mutter Sonne ihnen ihren Willen tat. „Meinetwegen,“ sagte sie, „springt hin, aber hütet euch vor den bösen Riesen auf der Erde da unten!“ „Ach, die werden uns schon nichts tun. Wir werden schon aufpassen,“ schrien die Sonnenfünkchen durcheinander, froh, daß sie nun auf die Erde hinunter konnten. Schnell sprangen sie davon.

O, wie wunderschön war das auf der Erde! Da gab es große, weite Seen, in denen sie baden oder auf einem Blattkahn spazieren fahren konnten, und die waren so klar wie ein Spiegel—und auf einmal schrien sie ganz laut vor Vergnügen, denn sie sahen im Spiegel Mutter Sonne ihr rundes, freundliches Gesicht, das lachte sie so fröhlich an, und sie warfen ihm tausend Grüßchen und Kußhändchen zu!

Und da gab es plätschernde Bächlein, mit denen hüpften sie über Stock und Stein und purzelten lachend durcheinander, um dann wieder lustig in die Luft zu springen. Und grüne, schöne Wiesen waren auch da, auf denen sie Ringel, Ringel, Reihen spielten oder Purzelbäume schlagen konnten; am allerschönsten aber wars im Walde, wenn sie an den Baumstämmen hinauf klettern und herunter huschen konnten mit den Eichhörnchen um die Wette. Und alles, was auf Erden lebte, das freute sich an dem lustigen Spiele der Sonnenfünkchen; wohin sie kamen, hieß man sie herzlich willkommen.

Die Mücken veranstalteten ihnen zu Ehren gleich einen großen Ball, auf dem sie mit ihren langen Beinen die zierlichsten Menuetts tanzten; die Vögelchen stimmten ein Konzert an, bei dem Frau Lerche und Frau Nachtigall ihre aller schönsten Lieder sangen; selbst die großen, schrecklichen Ungeheuer, die Rieseneidechsen und Krokodile, die so große Mäuler hatten, daß sie hunderttausend Millionen Sonnenfünkchen auf einmal hätten aufessen können, blinzelten ganz vergnügt mit ihren Glotzaugen, wenn die Sonnenfünkchen ihnen ihre schuppigen Panzer blitzblank putzten, und sogar Isegrim, der Brummbär, ließ sichs ganz behaglich gefallen, wenn sie ihm seinen braunen Pelz kraulten.

Nur zwei waren gar nicht zufrieden mit ihnen, das waren die beiden bösen Riesen Rumpelberg und Rauscheflut. Denn Rumpelberg hatte sich einmal zum Mittagsschlaf hingelegt, und wie er gerade im schönsten Schnarchen war, da hatten so ein paar kleine übermütige Sonnenfünkchen ihn in der Nase gekitzelt; davon war er aufgewacht und hatte schrecklich niesen müssen.

Und wenn Rumpelberg nieste, dann klang es, als ob ein Gewitter los ginge und im ganzen Lande hallte es tausendfach wider, daß alle Vögelchen erschreckt aufflatterten und alle Tierchen angstvoll in ihre Höhlen krochen, und wenn Rumpelberg seine Fäuste schüttelte, dann zitterten die Berge und die Erde wackelte, daß alles, was darauf stand, durcheinander kollerte.

Die Sonnenfünkchen hatten seitdem schreckliche Angst vor ihm, den er hatte ihnen Rache geschworen dafür, daß sie ihn im Mittagsschläfchen gestört hatten. Darum trauten sie sich nicht in die Höhle, wo er wohnte; nur manchmal schlichen sie ein paar Schrittchen hinein oder guckten durch ein Fensterchen hinunter, aber da war es so schrecklich dunkel und kalt, daß sie immer schnell machten, daß sie wieder heraus kamen.

Und Rauscheflut war ihnen auch gram. Der wohnte in einem schönen, gläsernen Schloß im Meer und hatte sein besonderes Vergnügen daran, auf seinen weißen Rossen über sein weites Reich hinzujagen und mit den lieblichen Meerjungfern und Wassernixen Haschen zu spielen. Aber seitdem die Sonnenfünkchen gekommen waren, wollten seine Gespielinnen gar nicht mehr mit ihm herumtollen, sondern spielten viel lieber mit den lustigen, kleinen Sonnenfünkchen. Das ärgerte ihn und er schwor, er wollte alle Sonnenfünkchen umbringen.

Da machte er sich eines Tages auf und besuchte seinen Freund Rumpelberg. Lange saßen sie beieinander und klagten sich ihr Leid, daß die Sonnenfünkchen sie in ihrem schönsten Vergnügen störten, den einen in seiner Mittagsruhe, den anderen in seinem Haschenspielen, und sie beschlossen zusammen, alle Sonnenfünkchen müßten sterben. Aber sie wußten nicht, wie sies anfangen sollten.

„Ich weiß Rat,“ rief auf einmal Rauscheflut; „komm, wir wollen den Doktor Bazillus holen, der kriegt es gewiß fertig.“ Doktor Bazillus aber war ein schlimmer Zauberer und Giftmischer, freilich so winzig klein, daß Rauscheflut erst seine grünliche Brille aufsetzen mußte, um ihn zu sehen, und Rumpelberg in seiner dunklen Höhle erst ein Licht anzünden mußte, um ihn zu finden; aber er war der gefährlichste und gefürchtetste Zauberer auf der ganzen Erde.

Er hatte hunderttausend ganz winzige, kleine, spitze Nadeln, und wen er damit bloß ein ganz klein bißchen piekte, der mußte sterben. Der sollte nun auch alle Sonnenfünkchen tot pieken. Aber Doktor Bazillus konnte das nicht. „Seht,“ sagte er ihnen, „das ist mein täglicher Ärger, daß die Sonnenfünkchen alle meine Arbeit zuschanden machen! Wenn ich einen pieke, dann läuft er zu den Sonnenfünkchen, und die machen ihn wieder gesund. Nein, denen kann ich nichts anhaben.“

Da wurde Rumpelberg so wütend, daß er beide Fäuste schüttelte. Und wie er so schüttelte, da bebte die ganze Erde, und alle ihre Säulen brachen zusammen, und ein großer feuerspeiender, schwarzer Abgrund tat seinen Rachen auf und verschlang den Wald, in dem die Sonnenfünkchen gerade spielten, und alles stürzte in die Tiefe; und fiel auch Rauscheflut über sie her und deckte sie solange zu, bis sie alle erstickt waren. Da waren nun die armen Sonnenfünkchen mausetot und tief, tief unter der Erde begraben und da schliefen sie einen langen, langen Todesschlaf, wohl ein paar tausend Jahre lang.

Als Mutter Sonne hörte, daß ihre lieben Sonnenfünkchen tot waren, da war sie ganz, ganz traurig und hing sich einen dicken, schwarzen Wolkenschleier vors Gesicht, wie das die feien Damen machen, wenn jemand gestorben ist, und weinte bitterlich, und ihre Tränen fielen auf die Erde. Auf der Erde aber war es so kalt und dunkel, seit die Sonnenfünkchen tot waren, und Mutter Sonne ihre Tränen wurden zu Schnee und Eis, und die Blümelein krochen tief in die Erde, und die Würmchen und Käferchen wühlten sich tief in den Schlamm und Sand, und die Tierchen zogen ihren dicksten Pelz an, und die Menschen machten sich warme Kleider und alle dachten:

„Ach, wenn wir doch die lieben Sonnenfünkchen wieder hätten!“ „Wir wollen sie doch aus der Erde wieder heraus holen!“ sagte der Maulwurf, und gleich fing er an, mit seinen Schaufeln zu graben. Aber soviel er auch suchte, und wenn ihm schließlich auch vor lauter Suchen seine Augen blind wurden, er fand sie nicht; Rumpelberg hatte sie ganz tief versteckt und einen steinernen Riegel vor die Tür gemacht. „Den kriege ich nicht auf,“ klagte er.

Wir wollen dir helfen,“ sagten da die Menschen, und nun banden sie sich einen ledernen Schurz um und nahmen in die eine Hand Hacke und Hammer und in die andere eine Laterne, und nun gruben sie tiefe Gänge in die Erde, und wenn auch Rumpelberg sie mit seinem heißen Atem anhauchte und viele von ihnen totschlug sie drangen immer, immer weiter vor.

Und richtig, eines Tages fanden sie die Särge der Sonnenfünkchen ganz kohlrabenschwarze Särge, viele hunderttausend Millionen, und da drin lagen die lieben, kleinen Sonnenfünkchen bleich und starr und kalt. Vorsichtig nahmen die Menschen die schwarzen Särge und brachten sie hinauf auf die Erde; aber die Sonnenfünkchen waren und blieben tot.

Sie hauchten sie warm an, wie die Kinder die regungslosen Maikäfer aber sie regten sich nicht. „Wir wollen sie doch ans Feuerchen stellen,“ sagte einer, „vielleicht erwärmen sie sich und werden wieder lebendig.“ Und richtig, kaum standen sie am Feuerchen, da fingen die schwarzen Särge an, ganz rot und golden zu werden, und auf einmal ging es: Knister Knaster und ein Sonnenfünkchen nach dem anderen sprang lustig aus seinem schwarzen Totenbettchen und alle freuten sich, denn nun wurde es so schön hell und warm, selbst mitten im Winter.

Aber es liegen noch viele hunderttausend Millionen Sonnenfünkchen in der Erde begraben, und darum steigen die Menschen noch immer hinunter und holen ihre schwarzen Särge heraus.

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

DAS MÄRCHEN VOM STEINERNEN KRÜPPELCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lebte da einmal im tiefen Walde ein armer Waldarbeiter mit seiner Frau, die hatten ein einziges Kindlein und das war ein armer Krüppel; es hatte einen großen Kopf und einen ganz krummen Rücken, nur ein Auge und nur ein Ärmchen, und seine Beinchen waren so schwach, daß es nicht gehen konnte, sondern immer sitzen mußte. Die armen Eltern waren sehr traurig darüber.

Als Krüppelchen noch nicht ein Jahr alt war, da fiel seinem Vater beim Baumfällen ein Baumstamm auf den Kopf und schlug ihn tot; und als man den toten Mann nach Hause brachte, erschrak die Frau so, daß sie auch starb. Da wurden beide zusammen begraben und Krüppelchen war mutterseelenallein in der Welt. Was sollte aus ihm werden?

Niemand wollte sich des armen Waisleins annehmen. Da bestimmte der Oberförster, daß alle Leute im ganzen Walde es der Reihe nach jeder einen Monat lang verpflegen müßte. So wurde Krüppelchen von Haus zu Haus gestoßen; überall bekam es unfreundliche Gesichter, wenig zu essen und viel Schläge und böse Worte. Alle schimpften über die Last, die sie mit dem armen Krüppelchen hatten, und meinten, es wäre doch am besten, wenn es stürbe.

Aber es starb nicht; im Gegenteil, es wurde alt und immer älter, Jahr um Jahr ging dahin, und Jahrzehnt um Jahrzehnt verrann; schließlich war es ein steinaltes, eisgraues Männchen mit grauem Haar und grauem Bart und grauem Gesicht, und die ältesten Leute im Wald konnten nicht sagen, ob es hundert oder tausend Jahre alt war.

Noch immer trug man es Monat um Monat von Haus zu Haus, bis sie ihm schließlich einen Platz am Bergeshang gaben, wo es Tag und Nacht, jahraus, jahrein auf einem Fleck saß. Noch immer schimpften die Leute, die ihm sein tägliches Essen hin tragen mußten, noch immer verspotteten es die bösen Buben und machten ihm seinen krummen Rücken und sein schielendes Auge und seinen schiefen Mund nach.

Niemand, niemand hatte ihm Freundlichkeit erwiesen; da war auch sein Herz vor Bitterkeit hart wie Stein geworden. und weil es aussah wie ein großer grauer Stein, nannten sie es den steinernen Krüppel.

Nur einmal war eine freundliche Fee zu ihm getreten und hatte ihm gesagt: „Krüppelchen, wenn dir nur ein einziges Mal jemand etwas Liebes tut, so wirst du für viele zum Segen werden.“ Aber ach, würde ihm nur ein einziges Mal jemand etwas Liebes tun?

Früher war es seine Freude gewesen, wenn es mit seinem einen Arm die Blümchen in seiner Nähe hatte gießen können und sie dann schön blühten und dufteten. Aber schon lange wollte ihm keiner mehr dazu Wasser bringen, und nun hatten sie auch seine Gießkanne ihm weg genommen und den Berg hinunter geworfen.

So saß es wieder einmal stumm und still auf seinem Platze. Die bösen Leute aber, die es längst gern los gewesen wären, hatten beschlossen, es heimlich den Berg hinunterzustürzen und zu sagen, es sei von selbst hinunter gefallen.

Es war Nacht, Krüppelchen war eingeschlafen da kamen zwei Männer heimlich heran geschlichen und stießen es den Berg hinunter. Wie es da hinunter kollerte und sich im rollen immer überschlug! Die bösen Leute lachten noch darüber und waren froh, es los zu sein, denn sie meinten, nun sei es gewiß tot.

Aber Krüppelchen war nicht tot, es schlief nur einen langen, langen Schlaf. In einem tiefen Tale lag es zwischen Brombeergestrüpp in sumpfigem Grunde und schlief und schlief vielleicht hundert, vielleicht tausend Jahre.

Da geschah es eines Tages, daß ein kleines Mädchen, das Beeren suchen wollte, sich in der Dämmerung dahin verirrt hatte, wo Krüppelchen schlief. Angstvoll suchte es sich durch die Dornen einen Weg zu bahnen, seine Füßchen sanken in dem Sumpf immer bis über die Knöchel ein, es wurde immer dunkler ach, wo sollte es bleiben?

Es war so müde, so müde, daß es gar nicht weiter konnte, und hier in dem nassen Sumpfe konnte es sich doch nirgends hinsetzen und ausruhen. Da sah es im Mondlicht etwas Graues liegen, gewiß ein großer Stein! Ach, wie war es dem lieben Gott dankbar dafür! Nun setzte es sich darauf und schlief ein.

Die Sonne schien schon warm vom blauen Himmel, als es aufwachte. Schnell sprang es auf, um heimwärts zu eilen, aber erst beugte es sich nieder zu dem großen Stein, auf dem es gesessen. „Du guter alter Stein,“ sagte es „wärst du nicht hier gewesen, so wäre ich elendig umgekommen. Lohne dir es der liebe Gott, daß du mich davor bewahrt hast.“ Und es legte seine weichen, warmen Ärmchen um den alten Stein und gab ihm einen Kuß. Dann sprang es auf und davon.

Da wachte Krüppelchen auf. Ja, was war denn das? Ein Paar freundliche blaue Augen, die ihn so lieb ansahen, ein Paar weiche Händchen, die ihn gestreichelt, gar ein warmer Kuß das war ihm sein leben lang noch nicht vorgekommen.

Und auf einmal fing es in seinem Herzen an sich zu regen und aus seinem Herzen brach eine silberhelle Quelle hervor und sprang als ein munteres Bächlein zu Tal und wohin es kam, da grünten die Wiesen, da blühten die Blumen, da tranken die kranken aus seinen Wellen sich gesund, und alle Menschen priesen das wunderbare, so viel Segen spendende Bächlein.

Die gute Fee aber erschien wieder bei dem steinernen Krüppel und sagte: „Siehe, nun hat eines Kindes Liebe dir Gutes erwiesen, nun kannst du mit deinem Bächlein vielen Tausenden zum Segen sein.“

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

VON DER STOLZEN TANNE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor langer, langer Zeit lebte einmal in einem wunderschönen Tal ein Tannenmütterchen mit seinen vielen hundert Kinderchen. Als Tannenmütterchen alt wurde und es zum Sterben ging, da rief es alle seine Kinderchen zu sich und sagte:

„Kinderchen,“ sagte es, „haltet immer hübsch zusammen und vertragt euch miteinander; Einigkeit macht stark! Und bleibt immer hübsch bescheiden; denn Hochmut kommt vor dem Fall!“

Das versprachen die Tannenkinderchen auch. Und als Tannenmütterchen gestorben war, da wohnten sie alle zusammen friedlich und fröhlich und ganz dicht beieinander. Freilich, je größer sie wurden, um so knapper wurde der Raum, um so spärlicher die Nahrung, um so mehr mußten sie sich recken und strecken, wenn sie einen Sonnenstrahl erhaschen wollten.

Aber sie hielten treu zusammen, und abends, wenn der Abendwind wehte, dann steckten sie ihre Köpfchen zusammen und erzählten sich leise, was sie am Tage erlebt und erlauscht hatten. Nur eine von ihren Schwestern hatte Tannenmütterchens Ratschläge schnell vergessen.

Unter den vielen Geschwistern gefiel es ihr nicht; da konnte sie sich gar nicht breit machen, da mußte sie sich nach allen anderen richten und mußte sich rücken und ducken. Das paßte ihr nicht. Da wars doch da draußen viel lustiger und schöner. So hatte sie für sich ganz allein oben am Berge ein Plätzchen gesucht; ei, wie da die Sonne warm schien, wie sie da sich strecken und sich dehnen konnte, wie sie da weit ins Land schauen und über ihre Schwestern hinweg sehen konnte!

Und wirklich, sie wurde die schönste Tanne im ganzen Lande; hoch und schlank war sie gewachsen; ihre Arme breitete sie wie zum Segen nach allen Seiten aus, ihr grünes Kleid schleppte sie beinahe bis auf die Erde, und alle Menschen bewunderten sie und freuten sich ihrer Schönheit, und sie selbst sah stolz im Wasserspiegel zu ihren Füßen ihr Bild.

Ob ihre Schwestern und Brüder nicht neidisch zu ihr aufblickten? ...

Da kam ins Land ein böser, böser Gast, das war der Riese Herbst mit seinen Dienern Sturm und Wetter. Der fuhr auf seinem schnaubenden, Schweiß triefenden Wolkenroß durch das Land, und wehe, wer sich ihm trotzig widersetzte, den schlug er mit eiserner Faust nieder und warf ihn in den Staub.

Nun kam er auf seinem wilden Ritt auch zu dem Bergtal, in dem die Tannengeschwister wohnten. Hu, wie er fauchte und drohte! Wütend stürzte er sich auf die Tannengeschwister.

Ängstlich duckten sie die Köpfe und schmiegten sich dicht aneinander, ächzend und stöhnend bogen sie sich unter seinen Streichen—aber sie hielten ihnen tapfer Stand, denn eins schütze und stützte das andere, und die draußen am Wiesenrande standen, die breiteten ihre starken Arme wie zum Schutz vor ihre Geschwister—da mußte der böse Riese Herbst polternd weiter ziehen.

Oh weh, wie sahen sie aus? Zerzaust und zerrissen waren ihre Kleider, die einen hatten ihren Arm gebrochen und die anderen hatten sich kaum noch auf den Füßen halten können. Aber sie waren doch alle mit dem Leben davon gekommen, denn sie hatten treulich zusammen gehalten.

Wie sie sich von ihrer Angst erholt hatten, da sahen sie sich nach ihrer Schwester um—aber welch ein Schreck fuhr da in ihre Glieder! Da lag die stolze Tanne am Boden mit ihrer ganzen schönen Pracht. Des Riesen Diener Sturm hatte sie gepackt und ein leichtes Spiel gehabt—denn sie hatte niemanden, der sie schützte.

Die Tannengeschwister aber flüsterten sich leise zu: „Arme Schwester, wärst du bei uns geblieben, wir hätten dich gehalten. Warum warst du zu stolz dazu?“

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

WIE DER FROSCH VOM TEICH SCHULZE WURDE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Teich lebten viele, viele Tiere, aber sie lebten immer im Streit miteinander.
Da war die Wasserspinne, die tanzte immer kreuz und quer über den Teich dahin; aber da kam das Fischlein und schnappte nach ihr. „Autsch, mein Bein““ schrie sie. „Du darfst mich doch nicht beißen!“

Das Fischlein schwamm weiter und spielte im Sonnenschein aber da kam die Frau Ente und schnappte nach ihm. „Autsch, mein Schwanz!“ schrie es. „Du darfst mich doch nicht beißen!“

Die Ente tauchte wieder auf und watschelte ans Ufer; aber da lauerte der Herr Fuchs und schnappte nach ihr. „Autsch, meine Flügel!“ schrie sie. „Du darfst mich doch nicht beißen!“

Und flog eine Libelle übers Wasser, gleich kam der Rohrspatz und schnappte nach ihr, und saß der Rohrspatz auf dem Rohr, gleich kam der Habicht und wollte ihn fressen, und kroch ein Käferchen am Rande des Teiches, gleich kroch ein Salamander hinter ihm her; saß eine Fliege am Halm, gleich schnappte der Frosch nach ihr und dann kam Herr Langbein mit seinem Schnabel und wollte den Frosch verzehren.

Kurz und gut, jedes wollte den anderen beißen und doch nicht gebissen sein. Darum war immer Streit und Zank am Teich. Da kamen eines Tages alle Tiere zusammen und sagten, das könne so nicht weiter gehen; sie wollten einen Schulzen wählen, der auf Recht und Ordnung im Teiche sähe. Alle waren so zufrieden, aber wer sollte Schulze sein?

„Wer am schönsten singen kann!“ sagte der Rohrspatz, denn er wollte gerne Schulze werden, und fing gleich an, sein Liedlein zu pfeifen. „Ach nein,“ sagte die Wasserspinne, „sondern wer am schönsten tanzen kann!“ Denn sie wollte gern Schulze werden und fing dann auch gleich an, mit ihren langen Beinen ein zierliches Menuett zu tanzen.

„Nein, nein, wer am längsten schlafen kann,“ sagte der Salamander; denn er wollte auch gerne Schulze werden und war eben erst von seinem Winterschlaf aufgewacht. „Das fehlte gerade!“ rief quakend die Ente dazwischen, „sondern wer die schönsten Federn hat.“ Die hatte sie natürlich, und fing denn auch alsbald an, sie zu putzen und damit schön zu tun.

„Kinder,“ knarrte da ein alter Karpfen, der schon ganz bemoost war, dazwischen, „das ist alles Unsinn. Wer Schulze sein will, der muß flink auf den Beinen sein, damit er im ganzen Teich schnell nach dem Rechten sehen und fix überall hin kommen kann. Laßt uns einen Wettlauf machen, und wer am ersten auf dem anderen Ufer ist, soll Schulze sein!“

„Du hast recht“, riefen alle Tiere. „Also los!“ So traten sie dann alle an. „Eins, zwei, drei!“ kommandierte der Karpfen, und dann ging es los! Hui, was die Wasserspinne für Sprünge machte, wie die Ente ruderte, wie der Rohrspatz mit den Flügeln schlug, wie Reineke Fuchs am Ufer entlang in langen Sätzen dahin eilte, wie der Salamander durch den Schlamm wühlte! Wer wohl am ersten drüben sein würde?

Aber einer lief nicht mit. Gemächlich saß er auf einem breiten Stein und glotzte mit seinen großen Augen ins Wasser, wo die Wellen ordentlich hoch aufspritzten bei dem Wettrennen der Tiere; das war Herr Frosch. Da auf einmal packte ihn Meister Langbein mit seinem Schnabel, um ihn hoch aufzuheben und ihn seiner Frau Störchin als einen fetten Braten zum Sonntag zu bringen. War das aber ein Schreck!

Quakend zappelte und strampelte er, um aus dem schrecklichen Schnabel seines Feindes Storch herauszukommen und richtig! Wie der einmal ein bißchen nach Luft schnappen mußte, strampelte er sich los und plumps fiel er zur Erde, oder vielmehr auf ein großes Blatt gerade am anderen Ufer des Teiches.

Noch hatte er sich nicht von seinem Schreck erholt, da kamen die Tiere eins nach dem anderen angeschwommen, angeflogen, angekrochen, angelaufen, angesprungen. Was die aber für Gesichter machten, als sie den Frosch schon drüben fanden.

„Du schon hier?“ fragten sie ganz erstaunt. Der aber konnte nur sagen: „Quak!“
Wirklich, da saß er stolz und breit und behäbig auf seinem großen Blatt mit seinem grünen Frack und seiner weißen Weste und glotzte sie ganz erstaunt an.
Die Tiere aber waren ebenso erstaunt wie er.

Aber was half es, Herr Frosch war am ersten am anderen Ufer des Teiches gewesen. Da schrien alle Tiere: „Herr Frosch soll Schulze vom Teich sein. Herr Frosch lebe hoch!“ Herr Frosch aber saß ganz still und erstaunt da dann aber machte er einen breiten Mund und sagte: „Quak.“ Seitdem ist der Frosch Schulze am Teich.

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

IM GARTEN DER SEEJUNGFRAU ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine kleine Seejungfrau, die ganz allein in einer kleinen stillen, dicht mit Schilf und jungen Weiden bewachsenen Bucht wohnte, gar nicht weit vom großen Seedeich entfernt. Einst hatte sie draußen im großen Ozean gespielt, sich mit Delphinen getummelt und mit den plumpen, froschmäuligen Wassermännern geneckt.

Aber in einer lauen Sommernacht war sie ein wenig alleine herum geschwommen und hatte vor sich hin geträumt. Da hörte sie eine ganz leise Melodie übers Meer fahren, die Töne kamen immer näher und mit ihnen ein grünes und rotes Licht. Ein riesiges weißer Segel zog heran – das gehörte zu einer knallrot angestrichenen Tjalk.

Von daher kamen die lieblichen Töne, die lang gezogen und wehmütig übers weite Meer in den Abend klangen...Dazu glitzerten die Sterne, und die kleine Seejungfrau war so angezogen von der schönen Musik, daß sie immer hinter der Tjalk herschwamm.

Es war wunderbar, und jedesmal, wenn ein Lied vorbei war – setzte gleich eine neue Weise ein – und jede klang weich und sehnsuchtsvoll, - denn der junge Seemann, der an Deck der Tjalk auf seiner Ziehharmonika spielte, war voller Sehnsucht und Zwiespalt. War er zu Hause hinterm Deich, hatte er Lengen. Segelte er nach fremden Zonen, zu fremden Ländern, so zog es ihn heimwärts. In steter Unruhe durchsegelte er so die Meere und spielte in seiner Freiwache auf der alten Ziehharmonika, die er einmal geerbt hatte und die voll süßer Musik war.

Plötzlich merkte die kleine Seejungfrau, daß viele winzige Sterne am Himmel aufgetaucht waren – ganz tief unten standen sie beieinander in einer Reihe. Da wurde sie ängstlich, denn noch nie hatte sie so etwas gesehen. Auch sah sie die vielen Schiffe, die mit der Tjalk zogen, alle in der Richtung eines Sternes, der einmal aufblinkte, dann wieder verschwunden war, immer abwechselnd; wie von einem Magnet angezogen, steuerten alle Schiffe darauf zu.

Die Musik hörte mit einem schrillen Klagelaut auf. Da tauchte die kleine Seejungfrau vor Angst in die Tiefe. Aber sie kam schnell wieder an die Oberfläche, denn das Wasser hier war ganz flach, und unten war kein weißer Sand, keine Korallen und bunten Muscheln wie draußen am Meer – hier war alles grau und schlammig, und ein großer Bucht schob sich wühlend über den Schlick.

Da wußte sie gar nicht, was sie anfangen sollte, und sie schwamm unruhig hin und her, bis sie schließlich so müde war, daß sie in der kleinen Schilfbucht ihre Zuflucht suchte. Ganz unglücklich und verängstigt kauerte sie zwischen den Schilfbüscheln. Es war hier so flach, daß nur der Fischschwanz eben unter Wasser war.

Sie weinte leise, und ihre Tränen wurden zu Perlen und versanken zwischen den Halmen. Aber dann dachte sie an das schöne Harmonikaspiel und schlief ein. So kam es, daß die kleine Seejungfrau in der Schiffsbucht wohnte. Wohl schwamm sie am Tage und auch in den Nächten weit hinaus, um den Weg zum großen Meer zu finden – aber immer mußte sie zurück kehren, denn sie fand nie den Weg.

Einmal, es war an einem ganz nebligen Frühmorgen, hörte sie ganz in ihrer Nähe ein laut dröhnendes Horn ertönen. Da schoß sie wie ein Pfeil durchs Wasser in die Richtung, woher die Töne kamen – denn sie meinte, es wäre der große Triton, der auf der Muschel blies. Aber es war nur eine alte Galeasse, die den Weg durch den Nebel suchte, und ab und zu blies der kleine rotnasige Bootsjunge in einen Trichter, um anzuzeigen, daß sie da wären und niemand ihnen den Weg kreuzen sollte. –

Allmählich hatte sie sich daran gewöhnt, alleine in der Bucht zu wohnen, denn es gab viel zu sehen. Immer zogen Schiffe weiter, und ganz in ihrer Nähe dümpelten mitunter Fischerboote. Dann lag sie versteckt und beobachtete die Menschen, die darauf waren: wie sie die Netze auswarfen und die zappelnde Beute einzogen – und immer, wenn sie Menschen sah, hoffte sie auch wieder die Musik zu hören. Aber die Fischer riefen sich nur dann und wann mal ein paar Worte zu – namentlich, wenn sie einen besonders guten Fang getan hatten.

Denn das ist so bei den Menschen, sie wollen sich gegenseitig in Verwunderung setzen. Hat einer einen ganz großen Fisch gefangen, muß er bestaunt werden, und der Glückspilz, der ihn gefangen hat, sieht das, womit er ausgezeichnet wurde, als sein Verdienst an, was er vorher kaum zu fassen vermochte. Aber umgekehrt ist es auch wieder ein großes Verwundern, wenn einer sich verdient gemacht und was Ordentliches zuwege gebracht hat. Dann hat er eben Glück gehabt.

Der Große darf keine Schwäche zeigen, selbst wenn diese Schwäche viel kleiner ist als bei dem kleinen Großmaul. Es gibt nichts, was der eine nicht besser machen würde als der andere. Aber vielleicht ist es gut, daß man ihm gar nicht soviel Gelegenheit dazu gibt, denn er macht es sicher nicht besser... Aber von all diesen Dingen wußte die kleine Seejungfrau gar nichts. Sie wußte wirklich so gut wie nichts von den Menschen, nur, daß sie herrliche Musik machen konnten.

Eines Abends – es war genau so lind und so schönes Wetter wie damals, als sie hinter der roten Tjalk her geschwommen war – hörte sie ganz leise und zart von ferne die lieblichen Töne. Sie war ganz benommen davon und meinte zu träumen. Aber die Sterne flimmerten, und es war alles Wirklichkeit. Die Töne kamen aber nicht vom Wasser her, sondern von dort, wo der große Wall, wie eine ewig erstarrt Woge ragte.

Bis dahin war sie noch niemals gekommen, denn sie hatte ja einen Fischschwanz und konnte sich nur mühsam damit auf dem Lande bewegen. Nun aber konnte sie den verlockenden Tönen nicht widerstehen und schob sich ganz sacht aus dem Wasser auf das Nacht feuchte Wiesengras. Immer weiter bewegte sie sich zum großen Wall, und da mußte sie erst einmal richtig Luft schnappen, wie ein kleiner Fisch, der an Land geworfen ist.

Die Klänge der Musik kamen von der anderen Seite des Deiches, und so zappelte sie sich mühsam den Deich hinan. Es ging langsam, und sie fand kaum die Kraft dazu. Aber sie hatte auch nichts weiter im Kopf, als ganz nahe bei dem Harmonikaspieler zu sein und zu lauschen. –

Oh, ihre Kraft reichte nicht aus, sie konnte eben nur einen kleinen Blick über die Deichkante tun, da lösten sich ihre Hände von den Grasbüscheln und sie rollte den Deich wieder hinunter. Zitternd und zerschlagen blieb sie unten liegen.

Die Sonne stand schon hoch und strahlend am Himmel, als sie aus ihrem Traum erwachte. Die Töne der Musik hatten sie ganz weit aufs Meer hinausgetragen; dort hatte sie gespielt wie vor langer, langer Zeit. Nun lag sie steif; sie konnte kein Glied rühren im prallen Sonnenschein, und da wußte sie, daß sie nie wieder schwimmen konnte, - denn wenn die Sonnenstrahlen den Fischschwanz länger als nur einen Augenblick berührten, etwa solange, wie ein tüchtiger Delphinensprung dauert, schwand alles Leben aus ihrem Körper.

Sie konnte nie mehr schwimmen und sich tummeln in den schäumenden Wogen. Nun aber war sie traurig, wie eine kleine Seejungfrau nur sein kann. Aber das fühlte sie nur – sie konnte auch nicht mehr weinen, und keine Perle rollte ins trockene Gras.

Viele Monde gingen so dahin, und einmal kam eine große Sturmflut, die Wogen sprangen wie große weiße Wölfe heran und warfen die kleine Seejungfrau noch höher an den Deich. – Am Morgen nach der Sturmnacht kam der alte Aalstecher, der den Deich nach Strandgut absuchte, und fand halb unter den abgetriebenen
Seealgen die kleine Seejungfrau.

Er machte einen Freudensprung in seinen groben Schlickstiefeln, als er die kleine goldene Krone aufblitzen sah, die alle kleinen Seejungfrauen tragen als Abbild ihrer königlichen Herkunft. Das gibt etwas, sagte der Aalstecher, und packte sie in einen großen Sack, den er mitgebracht hatte. Dann ging er eilig in seine Deichkate und überlegte, was er mit seiner Beute machen sollte.

Der Aalstecher hatte nicht viele Freunde, denn er war nur ein armer Mann, und es war nichts bei ihm zu holen. Die Krone war nicht echt; er hatte gleich ein wenig mit seinem Aalmesser herumgekratzt. Vergoldet! sagte er – und überlegte weiter, was er machen sollte.

Nun, in dem Ort, wo der Aalstecher wohnte, gab es nicht so viele Möglichkeiten für einen so absonderlichen Schatz. Es gab nicht mal ein Museum, sonst wäre er gewiß dort als Prunkstück ausgestellt worden. Ein paar Taler wanderten in die Tasche des Aalstechers, und die kleine Seejungfrau kam nun als Gallionsfigur an den Steven eines Schiffes, welches auch seinen Namen dazu bekam: „Die kleine Seejungfrau.“

Und dann geschieht das Wunderbare: alles ging in Erfüllung, wonach sie sich in der kleinen Bucht gesehnt hatte. Das Schiff fuhr, nachdem es wie ein Riesenfisch von der Helling ins Meer geglitten war, aufs große und blaue Meer hinaus. Da spürte sie gar nichts mehr von den harten Hammerschlägen, die wie Stiche durch ihren Körper gegangen waren, als der Zimmermann sie an den Steven des Schiffes schlug. Sie hatte alles gefühlt, trotzdem sie nun so gut aus Holz war und die Menschen sie auch für nichts anderes hielten denn für ein schön geschnitztes, bemaltes Bildwerk mit einer blitzenden, bemalten Krone.

Und noch etwas anderes war in Erfüllung gegangen. Auf dem tiefsten Leid, das damals am Deichrand über sie kam, aus der wehmütigen Melodie, der zu lauschen ihre letzte Kraft gekostet hatte und die ihr Ende wurde – dieses wehmütige Ziehharmonikaspiel hörte sie nun fast täglich und auch manchmal des Nachts, wenn die Sterne schimmerten und der Mond die sanft bewegte See in ein Silbermeer verwandelte.

Denn der junge Seemann hatte auf der „Kleinen Seejungfrau“ angeheuert, weil er sich ganz und gar in das schöne Bildwerk verliebt hatte. Oft lag er weit ausgestreckt im Netz des Bugspriets und sah, wie die Seejungfrau mit leisem, glücklichem Lächeln ihren rosigen Leib im Schäumen der Bugwellen badete, von Delphinen umspielt, immer weiter dem Unbekannten, dem Unendlichen entgegen.

Dann kamen ihm sonderbare Gedanken; er sah die endlose Reihe der ertrunkenen Seeleute, die am Grunde alle Meere rastlos wandern zwischen Korallen und zauberhaftem Meergetier, angeführt von ihren Kapitänen und mit tief liegenden hohlen Augen jeden Schiffsrumpf verfolgend, sehnsuchtsvoll im Banne der Seejungfrau ihr Lied zum Takt eines klirrenden, rostigen Gangspills anstimmend.

Er sah die gesunkenen Schiffe, die Wracks, deren Rippen plankenlos, umwachsen von seltsamen Pflanzen und Muscheln, in leise sich wiegende smaragdgrüne Wogen hinauftragen und zu den Palästen und Säulenhallen des Meeres geworden sind.....

Allabendlich von Leuchtfischen festlich erhellt, zum Fest der Seeleute, die aus Bernsteinbechern und Perlmuttschalen den schäumenden, grünleuchtenden Wein der Tiefe trinken.....Schätze der gesunkenen spanischen Karavellen liegen im leise rinnenden Sand, Gold und Silber, und neben einem Häuflein Edelsteine steckt verrostet, mit Algen verziert, der schartige Säbel eines Bukaniers, ein wenig weiter ragt ein bronzener Mörser von Nelsons Flotte –

Jahre sind vergangen – Das Schiff ist alt, mürbe, von Würmern durchbohrt, unansehnlich geworden. In einem Sturm, der seinen brüchigen Rumpf durch die Wogen peitschte, brachen die Planken, und alle, die auf dem Schiff waren, sanken hinab in die Fluten, wurden Glieder der endlos wandernden Kette.

Der junge Seemann hatte sich in seiner Not an die kleine Seejungfrau geklammert. Im selben Augenblick, da das Schiff sank, konnte sie sich von dem Steven lösen, denn das Steveholz war so mürbe geworden, daß die Schmiedenägel dem gewaltigen Anprall der Wogen nicht mehr Stand hielten. Viele Tage hielt sich der junge Seemann an dem ewig jungen Leib seiner Geliebten; hin und her gepeitscht durchtrieben sie so die Meere – aber seine Kraft wurde immer weniger, und schließlich wurde er nur noch festgehalten von den rostigen Nägeln, die ihr einstmals bittere Wunden in den Fischleib geschlagen hatten.

Dicht bei der kleinen Schilf – und Weiden bewachsenen Bucht wurden sie zusammen an den Strand geworfen. Der junge Seemann gab seinen Schatz Petrus Pernullje in Verwahrung. Ihn selbst trieb bald wieder das Weh nach weiter Ferne, bis das Meer auch ihn leise wiegend, wie von Mutterhänden behütet, zu den Säulenhallen des Grundes hinab gleiten ließ, wo sein Kapitän im blauen Mantel mit zerzaustem Bart ihm den Bernsteinbecher, den Wein der Tiefe zum Willkommen reichte. –

Die kleine Seejungfrau aber wurde in Ponulls Garten auf einen starken Eichklotz, der einmal ein Gangspill war, aufgestellt – ein verrosteter Anker daneben. Aber auch Petrus Pernullje ist auch längst auf große Fahrt gegangen, und sein treuer Diener, der Chinoman, ist mit einem kleinen Strohkoffer, seinem Vogelbauer, und einem dicken Geldbrief, aus dem Vermächtnis des Kapitäns in seine ferne östliche Heimat gereist.

Jetzt gehört das ganze Gewese, Haus und Garten, Markus Klüver, und die Sonne scheint, die Blumen duften, und Markus steht neben der kleinen Seejungfrau und spricht mit seinem Bootsmann, seinem Papagei, der im Kirschbaum hängt. Der Papagei kreischt mit heiserer Stimme: Sett de Fock war stiever, Markus!
und schwingt sich in seinem Ring wie bei hohem Seegang hin und her.

He ist jümmers noch op grote Fahrt, gröhlt Markus zu mir ins Fenster herein, so laut, als ob er noch auf Deck seiner Galeasse stünde. Und ich nickte ihm verstehend zu und denke dabei: Do ook!, und paffe tüchtig mit meiner Pfeife drauflos, damit er das kleine Bild nicht sieht, daß ich gerade in Arbeit habe. Denn jeder nimmt sich ernster, als er ist – auch Markus Klüver, der nun mit seinem langen Messingfernrohr auf die Leiter an seinem Hause steigt.

Markus sieht nach fernen Segeln aus, und unten, zwischen Blumen, lächelt die kleine Seejungfrau, und in ihrem Lächeln liegt das Wissen um die Einsamkeit des Meeres, die unendliche Weite, die in den Himmel hinaufragt, die Beglücktheit des Alleinseins – die Erinnerung an das erstmalige Überkreuzen der ewig sich wandelnden Meeresfläche.......

 

Wilhelm Petersen „Ut de Ooken“

VOM ROTEN UND GELBEN FINGERHUT ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prinzeßchen Waldtraut war zu einer lieblichen Jungfrau erblüht mit rosigen Wangen, Sonnen goldenen Flechten und Vergißmeinnicht blauen Äugelein. Da schenkte ihr ihr Vater, der Waldkönig, zwei wunderschöne Fingerhüte; einer war von rotem Rubinstein und der andere von echtem gelben Gold, und diese Fingerhüte hatten geheimnisvolle Zauberkraft. Steckte Waldtraut den roten an ihr Fingerlein und drehte ihn dreimal rechts herum und sprach:

„Fingerhut, Fingerhut,
Näh mir meine Kleidchen gut“,
so kamen aus allen Seiten die bunten Seidenstückchen geflogen, braune und rote und goldene und grüne, und dazwischen rote Perlen und weiße und schwarze und setzten sich ganz von selbst zusammen zu einem wunderschönen, farbenbunten Kleid. Und steckte Prinzeß Waldtraut den goldenen Fingerhut an ihr Fingerlein und drehte ihn dreimal links herum und sprach dazu:

„Fingerhut, Fingerhut,
Näh mir meine Hemdlein gut“,
so kamen schnell lauter weiße seidene Fäden geflogen und woben sich zusammen zu wunderschöner, zarter, feiner Wäsche, wie nur ein Prinzeßchen sie tragen kann.

Da konnte Waldtraut ohne Mühe und Arbeit sich immer schön anziehen. Aber eines Tages waren ihre beiden Fingerhüte fort, sie hatte sie verloren, oder waren sie gestohlen? Sie wußte es nicht, und niemand wußte es.

Da fing Waldtraut bitterlich an zu weinen und klagte ihr Leid ihrer Mutter, und die sagte es dem Könige, und alle drei waren traurig, und niemand im ganzen Reiche konnte so schöne Fingerhüte wieder machen; denn der Meister, der sie einstens gemacht hatte, war schon lange tot und hatte sein Geheimnis mit ins Grab genommen.

Da ließ der König in seinem ganzen Reiche ausrufen, wer die verlorenen Fingerhüte wieder brächte, sollte Prinzeßchen zur Frau bekommen und einmal nach seinem Tode Waldkönig werden. Da fingen alle Ritter und Edle im ganzen Reich an zu suchen, aber niemand fand die Fingerhüte wieder.

Droben aber hinter dem Wurmberg, da hauste ein alter Riese, der hieß Achtermann und hatte schon einen ganz kahlen Kopf und einen krausen Bart. Der wäre gar zu gern einmal Waldkönig geworden; denn wer Waldkönig ist, dem gehören alle Schätze im ganzen großen Waldreich.

Als der hörte, daß Waldkönig werden sollte, wer die verlorenen Fingerhüte wieder brächte, rief er einen seiner bösen Kobolde, der ein geschickter Goldschmied war und im Rammelsberge wohnte, und befahl ihm, er solle einen roten und einen gelben Fingerhut machen, genau so, wie die verloren waren.

Der kratzte sich zwar erst hinter den Ohren, denn das war eine gar schwierige Sache, aber dann versprach er es und ging hin und machte sie. Und als er sie seinem Herrn brachte, da waren sie so wunderschön, daß sie niemand hätte von den echten unterscheiden können.

Da machte sich der Riese Achtermann auf und ging zum Waldschloß und kam zu Waldtraut. Als sie den alten Kahlkopf sah, erschrak sie sehr, er aber machte ein gar freundliches Gesicht und sagte: „Freuet Euch, viel edle Jungfrau, ich habe Eure Fingerhüte wiedergefunden.“

Und als er sie herauszog und Waldtraut gab, da sprang Waldtraut vor Vergnügen schnell zu ihrer Mutter, und die sagte es dem Vater, und war große Freude im Schlosse und im ganzen Waldreich. Und der Waldkönig machte Achtermann zu Ehren ein großes Fest und alle waren fröhlich und guter Dinge.

Als sich nun alle so freuten, da sagte Achtermann: „Seht, viel edle Jungfrau, Ihr freuet Euch, daß Ihr Eure Fingerhüte wieder habt aber ich habe noch viel größere Freude, daß ich die edelste und schönste und tugendsamste Prinzessin soll zur Frau haben; denn ich habe Euch lieb wie mein eigenes Leben.“

Das log er aber, denn er hatte Waldtraut gar nicht lieb, er wollte ja nur die Schätze und den Thron des Waldkönigs einmal haben. Da wurde Waldtraut sehr traurig, denn sie wollte von dem alten, kahlköpfigen, krausbärtigen Riesen gar nichts wissen und fürchtete sich gar schrecklich, seine Frau zu werden. Aber ihr Vater hatte es versprochen, und ein König darf sein Wort nicht brechen. So wurde denn die Verlobung gefeiert und bald sollte Hochzeit sein.

Da bat Waldtraut sich die Erlaubnis aus, ihre Wäsche und Kleider sich mit ihrem Zauberfingerhütchen selbst machen zu dürfen. Die Königin erlaubte es ihr. So steckte sie den roten Fingerhut an ihr Fingerlein und drehte ihn dreimal rechts herum und sprach:
„Fingerhut, Fingerhut,
Näh mir meine Kleidchen gut.“

Aber kaum hatte sie es gesagt, da erhob sich ein fürchterlicher Sturm; von allen Seiten kamen die bunten Seidenstückchen geflogen, aber sie nähten sich nicht zusammen, sondern wirbelten wie toll durcheinander und zerrissen in tausend Fetzen.

Da zog Waldtraut schnell den Fingerhut ab aber oh weh, wie schmerzte ihr Fingerlein, ganz blutig gestochen war es von heimlichen, darin verborgen gewesenen Nähnadeln, und im Fingerhut klebten ihre Blutströpfchen ganz fest, daß sie nur mit großen, großen Schmerzen ihn abziehen konnte.

„Das ist mein Fingerhut nicht,“ schrie sie ganz laut vor Angst. „Das tut mir leid“, sagte ihr Bräutigam, daß Ihr Unglück gehabt habt, gewiß habt Ihr ihn falsch herumgedreht. Versucht es doch mit dem goldenen.“

Da nahm Waldtraut den gelben Fingerhut und steckte ihn auf ihr Fingerlein und drehte ihn dreimal links herum und sprach:
„Fingerhut, Fingerhut,
Näh mir meine Hemdlein gut.“

Aber kaum hatte sie es gesagt, da kamen von allen Seiten dicke weiße Schlangen gekrochen, die ballten sich zu fürchterlichen Knäueln und bissen sich und balgten sich und stoben dann auseinander.

„Das ist auch nicht mein Fingerhut,“ schrie Waldtraut entsetzt und suchte ihn vom Finger zu ziehen aber ach, wie weh tat ihr das, denn da saßen auch heimliche Nadeln drin, die hatten ihr Fingerlein ganz zerstochen, und ihr Blut klebte wie lauter braune Fleckchen drinnen im Fingerhut.

Da wurde der Waldkönig böse und sprach zu Achtermann: „Ihr habt mich belogen und betrogen; Ihr habt mein Kind vergiftet mit Eurer Lüge, da Ihr sagtet, Ihr hättet es lieb geht aus meinen Augen; nie sollt Ihr sie zur Frau und meinen Thron zum Erbe haben!“ Waldtraut aber warf ihm seine Fingerhüte hin.

Da schämte sich Achtermann, daß seine Lüge entdeckt war und schlich sich schnell davon. Unterwegs aber nahm er die beiden Fingerhüte und warf sie wütend fort, daß sie klirrend in tausend Stücke sprangen. Aber o Schrecken! Aus jedem Stück wuchs eine lange Stange hervor, an der sechs, sieben, zwölf gleiche Fingerhüte hingen.

Und noch heute könnt ihr sie überall sehen und könnt die Blutfleckchen von Prinzeß Waldtrauts Fingerlein drin sehen aber hütet euch vor ihnen sie sind giftig!

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

WIE DER HIRSCH ZU SEINEM SCHÖNEN GEWEIH KAM ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Prinzeßchen Waldtraut einmal im Walde spazieren ging, kam ein kleines, feines Männlein des Weges, das hatte eine schöne, hellgrau und schwarz gestreifte Weste an und einen schönen dunkelgrauen Rock und machte eine sehr artige Verbeugung und sagte: „Ei, guten Tag, schönes Prinzeßchen; ich bin der Prinz Gauch. Wollt Ihr nicht mit mir ein bißchen spielen?“

Weil nun Prinzeßchen so gern spielte, sagte es gleich „Ja“ und klatschte vor Freude in die Händchen, und gleich fingen sie an, Haschen zu spielen und sich zu verstecken. Das war nun dem Prinzen Gauch sein Lieblingsspiel. Als er am Verstecken war, da verkroch er sich ganz hinter einen grünen Baum und rief: „Kuck-kuck, Kuck-kuck! Such mich doch!“

„Ich werde dich schon finden,“ rief Prinzeßchen und lief an die Stelle, von wo er gerufen hatte. Aber wie sie dort war, da rief es schon aus einer ganz anderen Ecke des Waldes: „Kuck-kuck, Kuck-kuck! Such mich doch!“ Da lief Prinzeßchen dort hin. Aber Prinz Gauch war doch schneller, und ehe sie dort war, war er schon wieder woanders und rief aus der entgegengesetzten Ecke: „Kuck-kuck, Kuck-kuck! Such mich doch!“

So ging das Spiel eine ganze Weile hin und her und kreuz und quer im Walde, und Prinzeßchen merkte gar nicht, wie weit es von seines Vaters Schloß weg gekommen war. Und auf einmal war es ganz nahe bei des bösen Riesen Schnarcher Burg angekommen. Die stand mit ihren trotzigen grauen Mauern ganz drohend vor Prinzeßchens Augen. Da bekam es aber einen großen Schreck. Denn der Riese Schnarcher war ein arger Räuber.

Wie es noch ganz betäubt da stand, da hörte es auf einmal, wie der Riese Schnarcher ganz laut lachte und mit seiner groben, schnarrenden Stimme sagte: „Gauch, das hast du gut gemacht; nun kann ich Prinzeßchen fangen und braten; das gibt ein schönes Frühstück.“

Da merkte Prinzeßchen, daß Prinz Gauch sie betrogen und mit Absicht dahin gelockt hatte. Denn er war gar kein richtiger Prinz, sondern dem Riesen Schnarcher sein schlauer Diener.

Der war von klein auf von seiner Mutter verlassen, bei fremden Leuten aufgewachsen, hatte aber bei denen ihren eigenen Kindern das Brot weg genommen und sie alle aus dem Hause gejagt, war dann aber selbst in die weite Welt gegangen, trieb sich herum, wohnte bald hier, bald da, ein Taugenichts und Tunichtgut, der sich sein Brot damit verdiente, daß er den bösen Riesen mit seinem Versteckspielen in ihr Reich lockte, wen sie haben wollten.

Und Schnarcher hatte schon längst Prinzeßchen Waldtraut auffressen wollen, weil es so appetitlich aussah. Da hatte er den Gauch gedungen, daß er sie ihm verschaffen sollte, und das arme Prinzeßchen war wirklich ins Garn gegangen.
Armes Prinzeßchen! Wie ihm sein Herzchen schlug! Wie sollte es nur schnell wieder entfliehen können! Seine Flüßchen waren ihm vom Laufen so müde, daß es gar nicht mehr drauf stehen konnte. Ach, wenn doch einer käme und es mit nähme!

Da flog gerade ein schöner Schmetterling vorüber. „Ach, bitte, bitte, nimm mich auf deine Flügelchen!“ schrie Prinzeßchen, „und trag mich nach Hause!“ „Das kann ich nicht,“ sagte Schmetterling, „da würden meine schönen Flügelchen häßlich: die darf man nicht anrühren!“ Und weil er so eitel war, flog er weiter und ließ Prinzeßchen sitzen.

Da kroch ein Käferlein vorüber. „Ach, bitte, bitte, setz mich auf deinen Rücken und nimm mich mit und trag mich nach Hause!“ schrie Prinzeßchen. Aber Käferchen antwortete: „Das kann ich nicht; du bist mir zu schwer. Da würde ich müde, und dann könnten wir beide nicht weiter.“

Da hüpfte ein lustiges Wässerlein vorüber: „Ach, bitte, bitte, nimm mich mit und trage mich nach Hause.“ Aber Wässerlein antwortete: „Wie gern nähme ich dich mit, aber auf meinem Wege liegen so viele Steinchen, da würde ich mit dir stolpern, und wir brächen uns die Beinchen und kämen beide nicht weiter!“

Da wurde Prinzeßchen ganz traurig; denn es hörte schon, wie Schnarcher seinen Ofen heizte und sah schon, wie blaue Rauchwolken aufstiegen, und es hatte ganz schreckliche Angst und fing bitterlich an zu weinen. Da auf einmal stand ein schöner brauner Hirsch vor ihm, der sah es mit seinen schönen klugen Augen an und sagte:

Prinzeßchen, ich kann ganz schnell laufen. Setzt Euch nur getrost auf meinen Rücken, ich bringe Euch ganz schnell nach Hause.“ O, wie fix sprang da Prinzeßchen auf seine Füße; der Hirsch kniete vor ihr nieder und Prinzeßchen stieg auf seinen Rücken, umschlang seinen Hals mit seinen Ärmchen und fort ging es wie der Wind; hui, wie die Zweige knackten!

Wie der Hirsch über Gräben hinweg sprang, den Berg hinunter und hinauf. Der Riese Schnarcher schimpfte hinterher, aber er konnte sie nicht kriegen, denn der Hirsch lief ganz schnell bis zu Waldkönigs Schloß.

Waldkönig und Waldkönigin waren schon in großer Angst um ihr Töchterlein gewesen und hatten ausrufen lassen, daß, wer ihnen ihr Prinzeßchen wieder brächte, der sollte eine schöne Krone zum Lohn bekommen. Oh wie freuten sie sich, als sie ihr Töchterchen ankommen sahen, und Prinzeßchen ihnen erzählte, wie der gute Hirsch sie gerettet hätte.

Waldkönig aber sagte zum Hirsch: „Weil du mir mein Prinzeßchen wieder gebracht hast, darum sollst du die Krone bekommen“ und Frau Waldkönigin setzte sie ihm selber auf. Seitdem trägt der Hirsch sein schönes Geweih.

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

DIE GESCHICHTE VON DEN SIEBEN MÄUSEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor langer, langer Zeit wohnten in Pudmin, einem Dorf auf Rügen im Swantower Kirchspiele, ein Bauer, der hatte eine schöne, fromme Frau, die fleißig betete und alle Sonn– und Festtage zur Kirche ging, auch den Armen, die vor ihre Türe kamen, gern gab.

Es war überhaupt eine freundliche und mitleidige Seele und im ganzen Dorf und Kirchspiele von allen Leuten geliebt. Nie hatte man ein hartes Wort von ihr gehört noch eine andere Ungebühr aus ihrem Munde vernommen. Diese Frau hatte sieben Kinder, lauter kleine Dirnen, von denen die älteste zwölf und die jüngste zwei Jahre alt war, alles hübsche und lustige Dingelchen.

Sie gingen übereins gekleidet, mit bunten Röckchen und ebensolchen Schürzen und mit roten Mützchen; Schuhe und Strümpfe aber hatten sie nicht, den das hätte zuviel gekostet, und so gingen sie eben barfuß. Die Mutter hielt sie nett und reinlich, wusch und kämmte sie des morgens früh bis abends spät, wenn sie aufstanden und zu Bett gingen, lehrte sie lesen und singen und erzog sie in aller Freundlichkeit und Gottesfurcht.

Wenn sie auf dem Felde was zu tun hatte oder weit ausgehen mußte, stellte sie die Älteste, welche Barbara hieß, über die anderen; diese mußte auf sie sehen, ihnen etwas erzählen und manchmal auch allerlei Märchen und Geschichten vorlesen.

Nun begab sich einmal, daß ein hoher Festtag war – ich glaube es war Karfreitag – da ging die Bauersfrau mit ihrem Mann zur Kirche und sagte den Kindern, sie sollten hübsch artig sein. Der Barbara aber und den Nächstälteren gab sie einige fromme Lieder auf die sie inzwischen auswendig lernen sollten. Darauf gingen die Eltern weg.

Barbara und die anderen Kinder waren anfangs auch recht artig. Die älteren nahmen Bücher und lasen, während die Kleinsten still auf dem Boden saßen und spielten. Nach einer Weile erblickte das eine Kind etwas hinter dem Ofen und rief: „Seht, was ist das für ein schöner, weißer Beutel!“

Der Beutel enthielt Nüsse und Äpfel, und die Mutter hatte ihn am Morgen hin gehängt, denn sie wollte ihn am Nachmittag einem ihrer kleinen Paten bringen. Die Kinder sprangen als bald auf. Sie guckten den Beutel von allen Seiten an, und auch Barbara die Älteste, stand auf und guckte mit. Die Kinder flüsterten und sprachen dies und das über den schönen Beutel, und sie fragten einander, was wohl darin sei.

Es gelüstete sie so sehr, dies zu erfahren; auf einmal riß eines der Kinder – man wußte eigentlich nicht recht, welches – den Beutel vom Nagel. Zögernd löste Barbara die Schnur, mit der er zugebunden war – und siehe da: Äpfel und Nüsse fielen ihr entgegen.

Wie die Kinder die Äpfel und Nüsse auf dem Boden dahin rollen sahen, vergaßen sie alles, auch daß es Festtag war, und was die Mutter ihnen befohlen und aufgegeben hatte. Sie setzten sich hin, schmausten die Äpfel und knackten die Nüsse und aßen alles rein und säuberlich auf.

Als nun Vater und Mutter aus der Kirche nach Hause kamen, sah die Mutter die Nussschalen auf der Erde liegen. Sie suchte den Beutel, aber so sehr ihre Augen auch hin sahen: sie konnte ihn nicht mehr entdecken. Da erzürnte sie sich sehr und ward zum ersten Male in in ihrem Leben ungehalten. Sie schalt die Kinder tüchtig aus und rief: „Potz Blitz! Ich wollte, daß ihr alle zu Mäusen werdet.“

Dieser Wunsch war aber eine große Sünde, denn es war doch ein heiliger und hoher Festtag, an einem anderen Tag hätte Gott es sicher der Bauersfrau eher verziehen, denn sie war sonst eine fromme und gottesfürchtige Frau. Kaum war der Mutter dieses schlimme Wort entschlüpft, da waren all die sieben niedlichen Kinderchen weg.

Es war, als hätte sie der Wind weg geblasen, und siehe: sieben bunte Mäuse liefen in der Stube herum mit roten Köpfchen, wie die Röcke und Mützen der Kinder gewesen waren. Vater und Mutter erschraken darüber so sehr, daß sie hätten zu Stein werden mögen.

Als der Knecht herein kam und die Tür öffnete, liefen die sieben bunten Mäuse schnurstracks hinaus und über den Flur auf den Hof. sie liefen so geschwind, daß man sie mit dem Blick gar nicht mehr verfolgen konnte. Als die Frau das sah, war sie bestürzt; sie konnte sich nicht halten, stürzte zur Tür hinaus und lief den Mäusen nach.

Diese aber eilten den Weg entlang spornstreichs zum Dorfe hinaus. Sie liefen über die Felder und kamen immer tiefer in den dunklen Wald hinein. Die Mutter kam ganz außer Atem; sie konnte weder schreien noch weinen und wußte sich keinen Rat.

Auch im Walde blieben die Mäuse nicht. Sie liefen wieder in ein freies Feld hinein, einem kleinen Busche zu. Einige hohe Eichen standen davor; etwas seitlich befand sich ein Spiegel heller Teich, über dem sich in der Sonne eine Schar Mücken spielend herumtrieb. Noch heute steht dieser Busch mit seinen Eichen und heißt der Mäusewinkel.

Als die Mäuse an den Teich heran kamen, standen sie plötzlich alle sieben still und guckten um sich, und die Bauersfrau stand dicht bei ihnen. Es schien als wollten sie Abschied von ihr nehmen, denn als die Frau so ein Weilchen die Mäuse angesehen hatte, plumps! sprangen alle sieben zu gleicher Zeit ins Wasser. Sie schwammen aber nicht, sonden gingen gleich in der Tiefe unter.

Dies geschah alles an einem sonnigen Mittag. Die Mutter blieb hilflos stehen, und konnte weder Hand noch Fuß rühren, denn auch sie war kein Mensch mehr, sondern zu einem Stein erstarrt; und auch dieser Stein liegt noch an der selben Stelle, wo sie stand und die Mäuslein verschwinden sah. Und dies ist der große Stein, an dem wir sitzen.

Und nun hört einmal, was nach diesem geschehen ist und noch jede Nacht geschieht. Wenn die Glocke zwölf Uhr schlägt und alles schläft und still ist und die Geister herumwandeln, kommen die sieben bunten Mäuse aus dem Teiche heraus und tanzen eine ganze ausgeschlagene Stunde um den Stein herum, bis es eins schlägt.

Und es geht die Sage, daß dann der Stein zu klingen anfängt, als ob er sprechen könnte. Dies ist wohl die einzige Stunde, wo die Kinder und Mutter sich verständigen können und voneinander wissen. All die übrige Zeit sind sie wie tot. Die Mäuse tanzen nun wohl schon tausend Jahre und länger um den Stein, und es geht die Sage, daß sie einmal wieder verwandelt werden sollen. Dies kann nur durch Gottes Gnade und auf folgende Weise geschehen:

Es muß eine Frau sein, die gerade alt ist, wie die Bäuerin war, als sie aus der Kirche kam. Diese Frau muß dann sieben Söhne haben, die genauso alt sind, wie die kleinen Mädchen es waren. Sind sie nur eine Minute älter oder jünger, so geht es nicht mehr. Diese Frau muß an einem Karfreitag in der Mittagszeit, da die Bäuerin zu Stein ward, mit ihren sieben Söhnen in den Busch kommen und sich auf den Stein setzen.

Sobald sich die Frau gesetzt hat, wird der Stein lebendig werden und sich wieder in einen Menschen verwandeln; leibhaftig und eben in den Kleidern, die die Mutter getragen hat, als sie den Mäusen nach lief, steht dann die Bauersfrau wieder da. Die sieben bunten Mäuse aber werden wieder zu sieben kleinen Mädchen in bunten Röcken und mit roten Mützen auf den Köpfen.

Und jedes kleine Mädchen geht dann zu einem Knaben hin, und sie werden Braut und Bräutigam. Und wenn sie dann groß werden, so halten sie Hochzeit an einem Tage und tanzen ihre Kränze ab. Es sollen die schönsten Jungfrauen werden auf der ganzen Insel, sagen die Leute, und auch die glücklichsten und reichsten, denn all diese Güter und Höfe hier umher sollen ihnen gehören.
Aber ach, wann werden sie sich verwandeln?

 

Ernst Moritz Arndt

WOHER DER FLIEGENPILZ SEINE WEISSEN FLECKEN HAT ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Früher hatten die kleinen Pilzkinderchen keine Hütchen auf dem Kopf; da wurden sie immer pitsche-patsche-naß, wenn sie im Regen in den Wald liefen. Und das taten sie doch so gern; denn da war das Moos so schön grün und frisch und die Pfützchen im Wald so schön tief, daß sie tüchtig drin herum plantschen konnten, und Pilzmütterchen hatte gesagt, wenn man in den Maienregen liefe, dann würde man groß, und sie wollten doch auch gern groß werden.

Aber einmal hatte es so fürchterlich geregnet, und sie waren so durchnäßt, daß sie alle den Schnupfen kriegten und ins Bettchen mußten. Da beschloß Pilzmütterchen, ihren Kinderchen zu Weihnachten schöne Hütchen zu schenken. Und richtig, wie Weihnachten kam, fanden sie alle auf ihren Plätzen Hütchen.

Ei, wie sie sich da freuten und stolz waren! Champignon hatte eine weiße Kapuze mit rosa seidenem Futter bekommen, Musseron ein kleines flaches graubraunes Mützchen. Baumschwamm setzte sich gleich seine breite Schirmmütze auf und lief zu seinem Freund Weidenstrunk, um sie ihm zu zeigen.

Halimasch stülpte sich seine runde, braune Lederkappe auf und rannte, was er konnte, hinaus auf die Chaussee, um sie dort von allen, die vorüber gingen, bewundern zu lassen. Reitzker schmückte sich mit einem flachen breiten Hut mit Fransen und gelblichem gefältelten Futter, und Steinpilz stolzierte gravitätisch mit seinem glänzenden braunen Helm einher.

Nur einer war nicht zufrieden mit seinem Hut, das war Monsieur Fliegenpilz. Das war überhaupt so ein Schlingel, der immer in giftigem Neid sich erbosen konnte, wenn seine Geschwister Spielzeug oder andere Sachen bekamen, die er nicht besaß.

Der hatte einen schönen weißen Hut bekommen, aber ihm war er nicht schön genug; ja Pfifferling, der kleine lustige Schelm mit seinem keck aufgekrempten Hütchen oder Morchel mit seiner schwarzen Tscherkessenmütze, die hatten es viel schöner. Wenn er doch auch einen bunten Hut hätte. Da kam ihm ein guter Einfall.

Dort im Walde wohnte ja sein Freund, der Zwerg Klecksel, der jedes Jahr im Frühling all die Blumen und im Herbst all die Blätter im Walde bunt anzustreichen hatte. Zu dem wollte er gehen und sich seinen Hut färben lassen.
Und richtig, heimlich schlüpfte er fort und suchte Klecksel auf.

Leider traf er ihn nicht zu Hause. Aber was schadete es! Da standen ja seine bunten Farbentöpfe gelb und grün und braun und lila und rot! Ja rot, das wäre fein! Einen roten Hut hatte kein anderes Pilzkind. Also, was machte er? Flugs den Hut vom Kopfe und hineingetunkt in den roten Farbtopf und dann flink wieder nach Hause!

Als er nach Hause kam, wollte gerade Pilzmütterchen mit ihren Kinderlein spazieren gehen. Natürlich, da mußte er mit. Stolz setzte er seinen roten Hut auf und alle sagten „Ah!“ und „Oh!“, als sie den sahen. Nur Pilzmütterchen sagte gar nichts, aber sie dachte in ihrem Herzen, daß das doch gar nicht schön von Fliegenpilz sei.

Kaum waren sie ein halbes Stündchen gegangen, da fing es an zu regnen. Hei, wie sich die Pilzkinderchen freuten, daß sie ihre Hütchen auf den Köpfchen hatten und nun nicht naß wurden! Aber sie kehrten doch wieder lieber um. Zu Hause angekommen, setzten sie ihre Hüte ab, um sie an den Nagel zu hängen zum Trocknen.

Auch Fliegenpilz nahm seinen Hut herunter aber, oh weh, wie sah der aus! Die Farbe war noch nicht trocken gewesen, als er ihn in der Geschwindigkeit aufgesetzt hatte, und überall, wo ein Regentröpflein drauf gefallen war, war ein weißer Fleck! Als er das sah, fing er an bitterlich zu weinen; so ärgerte er sich.

Dann warf er wütend seinen verdorbenen Hut in die Ecke und wollte sich hinaus schleichen; denn eigentlich schämte er sich vor den anderen Pilzkinderchen. Aber Pilzmütterchen sagte: „Siehst du, wärst du hübsch zufrieden gewesen mit deinem Hute, so hättest du nun einen schönen, sauberen, weißen Hut; nun mußt du immer den roten Hut mit den weißen Flecken tragen!“

 

P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen

DAS WEIHNACHTSFEST ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 24. Dezember lag der Schnee überall Fuß hoch, und es war bitterlich kalt. Hühnchen hatte mich gebeten, recht früh zu kommen, und so machte ich mich, nach dem ich um ein Uhr zu Mittag gegessen hatte, auf den Weg zum Bahnhof.

In der Stadt herrschte um diese Zeit, wenn man so sagen darf, eine friedliche Unruhe, und fast kein Mensch wurde gesehen, der nicht irgend etwas trug. Selbst der lästigste Junggeselle und der gewissenloseste Vater sowohl, als jene bedauernswerte Klasse von Menschen, die die Bescherung für eine lästige Komödie hält, hatten sich zu guter Letzt noch in Trab gesetzt, ihren weihnachtlichen Pflichten zu genügen und aus den Spielwaren- und anderen Läden, wo an diesem Tage Greuel der Verwüstung herrschten, einiges zu entnehmen.

Die Tannenbaumhändler standen frierend, aber zufriedenen Gemütes zwischen ihren gelichteten Beständen und wurden ihre Straßenhüter an die Nachzügler los. Schaukelpferde, die vor einiger Zeit in einem traurigen Zustand der Verwahrlosung auf geheimnisvolle Weise von ihrem gewohnten Standort verschwunden waren, hatten sich auf der wunderbaren Himmelswiese des Weihnachtsmannes wieder glänzend herangefüttert, ihre Wunden waren geheilt, und mit großen blanken Augen schauten sie von den Schultern ihrer Träger in den kalten Wintertag.

Puppenstuben von märchenhafter Pracht und eingewickelte große Gegenstände von phantastischen Formen schwankten vorüber, die Transportwagen der großen Geschäfte karriolten überall und hielten bald hier, bald da; die sogenannten Kremser, die die Post zur Weihnachtszeit zu mieten pflegt, rumpelten schwerfällig von Haus zu Haus, mit Schätzen reich beladen, Lastwagen donnerten auf den bereits gereinigten Straßen oder quietschten pfeifend auf dem hart gefrorenen Schnee, wo dies nicht der Fall war, - kurz, es war umgekehrt, wie sonst die gewöhnliche Redensart lautet, der Sturm vor der Stille.

Diese festliche Unruhe erstreckte sich auch bis auf den Zug, der nach Steglitz fuhr. Die Wagen waren erfüllt von verspäteten Einkäufern, die ängstlich Pakete von jeglicher Form hüteten und mächtige Tüten, denen ein süßer Kuchenduft entströmte; wahrlich, man hätte einen Preis aussetzen können für den, der heute nichts bei sich trug.

Ich hätte ihn gewiß nicht gewonnen, denn außer einem Kästchen mit zarten Süßigkeiten von Thiele in der Leipziger Straße für Frau Lore, führte ich für Hühnchen eine Zigarrenspitze bei mir, deren Kopf aus einem Gänseschädel gebildet war, dem durch geschickte Bemalung, ein Paar eingesetzte Glasaugen und eine Zunge von rotem Tuch das Ansehen einer abscheulichen, zackigen Teufelsfratze verliehen worden war.

Ich wußte, daß dieses Kunstwerk Hühnchen in die höchste Begeisterung versetzten würde. Für Hans und Frieda, die beiden Kinder, hatte ich Robert Reinicks Märchen, Lieder und Geschichten eingekauft, ein Buch, das ich jedem Kind schenken möchte, das es noch nicht hat, und eine Puppe, die nach dem Urteil weiblicher Kennerschaft "einfach süß" war.

Ich kann also wohl sagen, daß mein Weihnachtsgewissen rein war, wie draußen der frisch gefallene Schnee, und daß ich mit jener Ruhe, die uns das Bewußtsein erfüllter Pflicht erteilt, in die nächste Zukunft sah.

 

Heinrich Seidel (1842-1906)

 

DIE JENAISCHE CHRISTNACHTTRAGÖDIE ...

 

In der Christnacht des Jahres 1715 versammelte sich ein Student aus Zwickau sowie ein Schäfer und Bauer in einem Weinbergshäuslein bei Jena, um dort den Teufel zu beschwören.

In jenem Häuschen nämlich, wo sich von Zeit zu Zeit auch eine Weiße Jungfrau zeigte, sollte ein Schatz vergraben liegen, den sie vom Teufel gewinnen wollten. Obwohl sie sich „Doktor Faustens Höllenzwang“ nebst einem Zaubergerät verschafft hatten, ging die Sache aber übel aus.

Am folgenden Morgen kamen die drei nicht in die Stadt zurück. Erst am Nachmittag fand man den Studenten ganz betäubt und halb wahnsinnig, den Schäfer und den Bauern aber tot in jenem Häuschen liegen. Man meldete diese Ereignis umgehend der Obrigkeit und dieser ordnete an, dass den beiden Leichnamen in der Hütte drei Wächter beigestellt werden sollten.

Den Studenten aber schaffte man in den Gasthof: "Zum gelben Engel“ hinab.
Als die drei Männer nun zusammen saßen und wachten, kratzte es arg an der Tür des Häuschens. Ein Geist in der Größe eines Knaben trat ein. Hin und her wandelte er, dann warf er die Tür mit einem mächtigen Krach zu.

Des nächsten Morgens lagen die drei Wächter wie tot bei den Leichnamen und zwei von ihnen blieben auch tot. Alle hatten blaue Flecken und Striemen auf der Haut. Jene Geschichte erregte allenthalben großes Aufsehen und es wurde viel darüber geschrieben. Man nannte sie nicht anders als die Jenaische Christnacht Tragödie.

 

Deutsches Sagenbuch Grässle

STERNSPLITTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schliesst die Augen und reist mit mir in eine Welt jenseits von Tag und Betriebsamkeit, weit, weit weg von allem, was sich so wichtig dünkt: Ansehen, Leistung, Geld und was der unabdingbaren Dinge mehr sind. Es ist das Reich von Nacht und Traum. Nichts ist dort feststehend. Ein Ding kann sich in ein anderes verwandeln im Bruchteil einer Sekunde, was sage ich? Sekunden, Minuten, Stunden, das sind dort Fremdworte, nicht von Bedeutung. Ewigkeiten dauern dort einen Lidschlag, und Universen haben in einem Fingerhut Platz. Ein Narr kann dort ein Weiser, ein Bettler König und ein Krüppel strahlend vor körperlicher Unversehrtheit sein. Wo, fragt Ihr mich, ist denn dieses Wunderland, und wie, bitte, komme ich dorthin? Wie, frage ich euch, kennt ihr eure Heimat denn nicht, von der ihr einst auszogt, um ein Abenteuer namens Welt zu bestehen, und die ihr doch in Wahrheit niemals verlassen habt? Folgt mir also zum Tor ohne Schlüssel! Es öffnet sich nur dem, der bereit ist, allen Tand zurückzulassen. Einzig der strahlende Stern auf der Stirn des Eintretenden ist erlaubt und erwünscht............aber, ich will nicht vorgreifen........Tretet nun ein.....

Nun also......das Tor brauchen wir jetzt wirklich nicht mehr.......schon ist es verschwunden. Alles ist dunkel. Ist hier Nacht? Nun vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wartet das Dunkel auf unsere Wünsche, um sich zu wandeln in......was auch immer wir wollen. Also lassen wir es etwas heller werden...ja, schon besser. Oh! Seht ihr es auch? Da sitzt doch jemand, eine dunkle, üppige, weiche Gestalt, auf einem grossen Stein, wie es scheint. Ganz ruhig, unbeweglich und doch, da ist Bewegung, in ihr, um sie herum, eigentlich eine eigenartig, intensive Atmosphäre, Wellen, die von ihr ausgehen und sich zu Klang verdichten. Wer das ist? Kennt ihr nicht die Uralte Morg, Mutter der Universen, Gebärerin der Schöpfung?

So also sieht sie aus, wer hätte das gedacht? Aber nein, diese Gestalt haben wir ihr gegeben, für diese Geschichte. Ihr wisst doch, hier gelten die Gesetze des Traums!

Still und versunken sitzt sie auf dem Stein, die Augen geschlossen, in tiefer Kontemplation, versunken in ein Werk, das ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert. Es ist ihr eigentliches Werk, sie bringt Alles Was Ist hervor. Was? Jedes Staubkorn, jede Zelle, jeden Stein, jede Blume, alles? Ja und nein.

Aber, was ist das? Etwas Leuchtendes, Pulsierendes, wie ein riesiger, strahlender Stern erscheint da plötzlich wie aus dem Nichts geboren. Und in dem leuchtenden Gebilde Gestalten, nicht fest, sich immer wieder wandelnd, wie im Werden begriffen. Hier beginnt die Geschichte erst wirklich.

Wir sind am Anfang aller Zeiten, der eigentlich gerade jetzt ist, denn hier.......wir wissen es schon, hat Zeit keine Bedeutung.

Die uralte Morg hatte gerade ein wunderschönes Sternenkind geboren, strahlend, leuchtend, und sie begrüsste es mit einem Lied, einem Sternenlied. Das neue Wesen war sich seiner selbst noch nicht ganz gewiss. So viele Möglichkeiten, so viele Wege, aber welcher sollte gegangen werden? "Mein Kind", sprach die Morg zärtlich, "nicht so ungeduldig, du hast so viel Zeit vor dir, ja, alle Zeit der Welt!" "Zeit, was ist das? Ich will sofort wissen, was das ist, jetzt und gleich!" "Aber natürlich", erwiderte die Mutter. Und es entstand Anfang und Ende, Vorher und Nachher, Weg und Ziel. " Oh," sprach das Kind atemlos, jetzt muss ich mich aber beeilen! Womit beginne ich jetzt?" Auf einmal schienen so viele Wege gleichermassen einladend. Sie lockten alle zugleich und riefen: geh' mich! Nein mich! Mich! Mich! Mich! Laufe, fliege, krieche, schlängle dich oder schwimme! Nein, sei riesengross, winzigklein, schnell, langsam, schwer, leicht....aber sei! Das Ergebnis war eine fürchterliche Verwirrung. Das Kind, das Wesen aus ungezählten Möglichkeiten war nun der Zeit unterworfen, und das bedeutete, nur eines nach dem anderen erleben zu können. Aber dazu war es viel zu ungeduldig! "Mutter!" rief es verzweifelt, "hilf mir, was soll ich denn nun tun?" wieder lächelte die Alte Morg unergründlich. Dann eine Bewegung ihres Armes..........und da waren zwei aus dem Einen geworden. "Jetzt könnt ihr zwei verschiedene Wege zur gleichen Zeit gehen", meinte sie gütig. "Aber, bin ich jetzt noch......ich?" fragten die beiden entsetzt. "Das müsst ihr selbst herausfinden, und nun geht!"

Bald darauf waren die Beiden auf dem Weg ihrer Wahl. Sie wünschten und es wurde. Sie waren so vertieft in ihr aufregendes Abenteuer!

Bald aber begann das gleiche Dilemma wieder von vorne. Immer noch waren da so viele Wege, und immer noch konnten nur zwei auf einmal gegangen werden. Die zwei Wesen barsten fast vor Erlebnishunger. Alles ging so schrecklich langsam, langweilig! So kehrten sie zurück zur Alten Morg und klagten ihr ihr Leid. Die wiegte sinnend den Kopf, lange, lange. dann sprach sie ernst: " Ich glaube, ich kann euch helfen.......ja, es ist die einzige Lösung. Sie hob ihren Arm. Als sie ihn wieder sinken liess, zersprangen die beiden Sterne in ungezählte Sternsplitter. Sie flogen in alle Windrichtungen, in alle Zeiten. Sie verteilten sich buchstäblich überall, formten Welten, bildeten Universen. Gestalten von ungeheurer Vielfalt entstanden, grosse, kleine, behaarte, glatte, flinke, bedächtige, ja, alles, was nur in irgend einer Weise vorstellbar ist, wurde Wirklichkeit. Pflanzen, Tiere, Steine......Menschen. Kaum waren sie entstanden, waren sie auch schon unterwegs auf all ihren verschiedenen Wegen.

Sie führten in verschiedene Welten, in verschiedene Zeiten, und immer taten sich wieder neue auf. Die Tiere und Pflanzen behielten immer ihre Herkunft in Erinnerung, die Splitter des Sterns aber, die sich als Menschen erkannten, begannen bald, sich als einzigen Zweck des ganzen Spektakels zu sehen.

Wohl leuchtete auf der Stirn eines Jeden immer der strahlende Stern, aber irgendetwas musste mit den Augen der Menschen passiert sein. Die allerwenigsten schienen ihn nämlich zu sehen!

Nur manchmal, oder vielleicht öfter, als ihr denkt, passierte etwas:

Die Alte Morg hatte nämlich in ihrer grenzenlosen Weisheit ihr Lied im Herzen des Sternenkindes vergraben, für den Fall der Fälle. Nun, nach seiner Aufsplitterung in ungezählte Einzelwesen aber besass jedes von ihnen nur mehr ein winziges Bruchstück davon, einen einzigen Ton, der jedoch das ganze Lied in sich barg.

Jeder Mensch erklang nun in einem, nur ihm allein zugehörigen Ton, der aus ihm hervordrang und ihn umgab wie eine schimmernde Hülle, ein Sternenton.

Manche Menschen hörten den Ton in ihrem Herzen und setzten ihn in Musik um. Aus ihnen wurden Musiker und Komponisten.

Manchen Menschen erschien er wie leuchtende Farben und Formen. Aus ihnen wurden Maler und Bildhauer.

Manchen wurde er zu wirbelnder Bewegung. Das waren die Tänzer.

Vielen aber erschien er in grünenden Pflanzen, und sie behüteten und pflegten, was alle Anderen ernährte. Sie wurden Bauern und Gärtner.

Manche aber erkannten, wenn der Ton im Herzen eines Menschen verstimmt war, sodass Freudlosigkeit und Leiden daraus erwuchs. Das waren die Heiler.

Dann gab es da noch die Bauleute, die Lehrer, die Dichter, die Händler. Viele aber, und das ist sehr schade, hörten nicht mehr auf ihren Sternenton, oder setzten ihn um in das Klingeln von Münzen, das Rascheln von Geldscheinen oder Klirren von Waffen. Hier hatten die Heiler dann wieder viel zu tun und waren meistens damit sehr überfordert.

Manche aber waren all Dies und doch etwas ganz Anderes. Ihnen war es gegeben, auch manch anderen Ton als nur ihren eigenen zu vernehmen, und sie machten sich ihren eigenen Reim darauf. Sie stellten Vergleiche an, untersuchten Ähnlichkeiten, begannen mit den Tönen zu spielen, zu experimentieren.

Sie erkannten, dass es tiefe Zusammenhänge geben musste. Die stiessen auf Ähnlichkeiten, Gleichklänge, ja Harmonien, aber auch auf Dissonanzen.

Sie waren Magier.

Mancher von ihnen traf im Laufe eines Erdenlebens auch auf einen oder mehrere Menschen, die im gleichen Ton mit ihm klangen, Sternengeschwister! Welch ein wunderbares Wiedererkennen, wie Heimfinden nach langer Wanderschaft! Endlich Zugehörigkeit, endlich Verstehen, endlich nicht mehr alleine unter Fremden!

Wir aber, wir durch das Tor ohne Schlüssel Getretenen, erkennen nun die tiefe Weisheit und Liebe der Mutter. In weiser Voraussicht hatte sie geahnt, wie einsam sich die Menschen manchmal fühlen würden, wenn sie, jeder auf seinem eigenen Weg, vergessen würden, woher sie einst ausgezogen waren. Deshalb hatte sie, der es ja ohne Mühe möglich gewesen war, Töne ohne Zahl hervorzubringen, Menschengruppen mit den gleichen Tönen ausgestattet, Sternenfamilien!

Um aber nicht wieder erneut Abgrenzung und Einsamkeit zu erschaffen, erstrecken sich die Sternfamilien über alle Gruppen, quer durch alle Schichten, durch alle Geschlechter.

Aber nun weiter in unserer Geschichte. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, bei den Magiern, Hexen, Schamanen, Weisen Frauen und Männern, den Sterndeutern! Bei denen, die auf ihrem Weg durch die Zeiten, dabei waren, das Lied der Mutter wiederzufinden!

Den Schamanen, den ältesten unter ihnen, erklang der mütterliche Herzschlag aus ihren Trommelschlägen, wenn sie ins Unten reisten oder ins Oben, aber eigentlich immer ins Innen.

Die Hexen sangen Fragmente des alten Liedes als Zaubergesänge, wenn sie mit Hilfe ihrer geliebten Geschwister, der Kräuter, nahe ans Reich der Alten Morg gelangten.

Die Weisen Frauen und Männer halfen ihren Brüdern und Schwestern, dem Wiederhall des Liedes in ihrem Inneren nachzuspüren.

Die Sterndeuter aber verfolgten die bedeutungsvollen Lichter am Firmament. Sie waren oftmals nahe daran, hinter die Kulissen des Geheimnisses zu blicken. Jedenfalls aber erkannten sie die Splitter des einstigen, riesigen Sternenkindes, dem alles Seiende einst entsprungen war. Sie waren es auch, die als erste die versprengten Teile des Sternes des ewigen Bewusstseins auf den Stirnen der Menschen entdeckten. Sie erkannten auch Abbilder unserer Geschwister, der Tiere, am Firmament, gleich neben den Göttinnen und Helden.

So spricht die Alte Morg, und so wird es sein:

"Sie, die Magier, die Weisen, die Hexen, Zauberer, Sterndeuter, auf all ihren Wegen durch Zeit und Raum; sie halten ihren Weggenossen den magischen Spiegel vor die fast erblindeten Augen, damit sie endlich erkennen, was sie sind.

Ihr aber, Alexandra und Sylvia, meine Töchter, ihr tragt den gleichen Ton im Herzen, und die Fragmente eures Sternes passen genau ineinander, wie Teile eines kosmischen Puzzlespieles. Deshalb werdet ihr gemeinsam, jede in der ihr eigenen Weise an der Aufgabe arbeiten, anderen Menschen diese Wahrheit in Erinnerung zu rufen:

Alle Wesen sind Sternengeschwister, meine Kinder, Kinder der Alten, Ewig Jungen Mutter, geboren aus meiner unendlichen Liebe, ausgestattet mit meinem strahlenden Licht, erfüllt von meinem herzbewegenden Gesang, der Alles Was Ist hervorbringt. Eines Tages werdet Ihr gemeinsam in den Grossen Gesang einstimmen und alle unzähligen Wege als einen einzigen grossen erkennen, der zurückführt in meine mütterlichen Arme.

 

Quelle:Mit freundlicher Genehmigung von Margarete Lassi
(Margarete Lassi vulgo Morgane)

DAS ANDERE LAND ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wieder war es Winter geworden. Diesmal einer mit viel Schnee, so wie es früher einmal gewesen war, früher, in den sagenhaften Zeiten, von welchen die Eltern und Grosseltern immer sprachen wie von einem längstversunkenen Paradies.

Aber seltsam, jetzt murrten die Erwachsenen über verschneite Autos, matschige Gehsteige und hohe Heizkosten, und die Älteren zwickte die Kälte gewaltig in den rheumatischen Gelenken. Die Kinder aber betrachteten den Schnee als ihr eigentliches, wahres Weihnachtsgeschenk, eines, das ihnen buchstäblich vom Himmel gesandt worden war.

Seppi, gerade eben sieben Jahre alt geworden und seine jüngere Schwester Anna hatten zwei grosse Plastikschüsseln zum Rutschen unter dem Weihnachtsbaum gefunden. Anna meinte, das Christkind habe sich vorher mit der Frau Holle genau abgesprochen, damit für die Rodeln auch genügend Schnee vorhanden sein würde. Sie war sehr zufrieden mit den Beiden. Und nun waren alle Kinder des Dorfes hinten, beim Hüterbergl versammelt und rodelten und rutschten, dass es eine Freude war. Auf dem Hüterbergl gab es ein kleines Wäldchen aus Kiefern, Birken und einigen, wenigen, uralten Eichen, so alt, dass sich keiner mehr erinnerte, sie jemals anders als riesengross gesehen zu haben, auch nicht die Grossmütter und Grossväter, nicht einmal mehr die Urgrossmütter und Urgrossväter. Und die waren doch auch wirklich uralt, oder? Manche Kinder behaupteten hinter vorgehaltener Hand, beim Hüterbergwäldchen gehe es nicht mit rechten Dingen zu, es spuke, sagten sie. Anna wunderte sich sehr, sie sah überhaupt keine Spucke, nirgendwo. Aber Seppi, ganz kluger älterer Bruder, erklärte, das sei eben Geisterspucke, und die könne man nicht sehen. Diese Erklärung fand Anna nicht wirklich zufriedenstellend, aber mit Geistern kannte sie sich nicht aus. Sie nahm sich insgeheim vor, die Grossmutter darüber zu befragen.

Die Buben konnten noch immer nicht genug kriegen vom Auf und Ab auf dem kleinen Hügel. Anna aber wollte schon heim, sie fror gottserbärmlich. Sie nahm ihre Rodelschüssel unter den Arm und stapfte auf ihr naheliegendes Haus zu. Da sah sie, zu ihren Füssen im Schnee einige kleine, braune Becherchen liegen. Sie wusste, das waren Eichelbecher, die Fruchthüllen der Eicheln. Im Herbst war sie einmal hiergewesen, und da hatten mindestens hundert Millionen davon im Gras gelegen. Damals hatte sie nur ganz viele Eicheln gesammelt, für den Kindergarten. Dort wollte sie mit Hilfe ihrer Kindergärtnerin einen Eicheltier - Zoo basteln. Aber heute, heute schienen die kleinen Becherchen genau richtig als Hüte für ihre Playmobil - Männchen, vielleicht auch als Teetassen für ihre Barbiepuppe? Schnell sammelte Anna alle Becherchen ein und steckte sie in den Sack ihres Schneeanzugs. Dabei stülpte sich ein Eichelbecherchen wie von selbst über ihren Mittelfinger. Er passte genau, wie der rote Fingerhut, den Mama immer zum Nähen über ihren Finger stülpte.

Aber der war Anna viel zu gross. Jetzt hatte sie auch einen, einen eigenen Fingerhut!

So, jetzt war es aber wirklich höchste Zeit, heimzugehen. Aber, was war das? Anna konnte das Haus nicht mehr sehen. Aber, es war doch genau da vorne, gleich neben dem Rodelhügel, sonst hätte Mama sie nicht alleine herkommen lassen! Hier aber waren überhaupt keine Häuser, kein einziges mehr. Das war doch unmöglich, ein ganzes Dorf konnte doch nicht von einem Augenblick auf den anderen verschwinden! Und überhaupt, wo war denn der ganze Schnee plötzlich hingekommen? Die Eichen trugen mit einem Mal üppiges, grünes Laub, das Gras war grün, die Vögel sangen, und nirgends war etwas von Seppi und seinen Freunden zu sehen. Anna fürchtete sich sehr. Es stimmte also doch, das mit der Geisterspucke! Und nun war sie hier, ganz allein, in dieser fremden Umgebung, ganz ohne Seppi, ganz ohne Mama und Papa, ganz ohne Grossmutter und Grossvater, ganz alleine! Da kam ganz aus heiterem Himmel ein kalter Wind auf und blies das grüne Laub mit einem Hui von den Eichen. Es wurde fast ganz finster. Überall schienen glitzernde Augen aus dem Geäst zu funkeln. Ja, sie beobachteten sie. Sicher würden gleich irgendwelche Ungeheuer hervorstürzen, und die würden sie sicherlich auffressen oder irgendwas ganz Fürchterliches mit ihr anstellen! Anna kauerte sich zusammen, ganz klein, und dann begann sie vor Angst zu weinen.

"Mama, komm, bitte, komm' und hol' mich! Maaaammmaaaa!"

"Rinsel - pinsel, was für ein Gewinsel", sagte da ein da ein zartes, feines Stimmchen neben Anna.

Die hob erstaunt den Kopf und vergass vor lauter Überraschung ganz aufs Weinen. Sie blickte direkt in grosse, goldglänzende Augen. Die Augen waren fast das Grösste in dem kleinen, zarten Gesichtchen. Das gehörte einem winzigen Kerlchen mit spitzen Ohren und einem grünen Gewand, das Anna gerade eben bis zu den Schultern reichte, und Anna konnte nicht gerade als grossgewachsen bezeichnet werden. In ihrer Kindergartengruppe gehörte sie zu den Kleinen, obwohl sie schon fünf Jahre alt war und nächstes Jahr in die Schule gehen sollte.

"Du schnell aufhören mit Gewinsel, du nicht mehr Angst, du binse wieder froh!"

"Wer bist du, und wo bin ich hier, und wieso redest du so komisch?" fragte Anna verwundert.

"Ich nix sprichse komisch, ich sprichse Wichtelsprich. Ich binse Ilberich. Du binse in Wichtelland, daheim bei mich. Und bitte nicht mehr winsel, bitt, bitt."

Das hörte sich so komisch an, dass Anna für einen Moment ganz auf ihre Angst vergass und lauthals herauslachte. Gleich darauf schämte sie sich. Sie wollte das kleine Kerlchen nicht kränken. Mama sagte immer, jemanden auszulachen, sei ganz schlimm und ausserdem dumm. Aber sie fürchtete sich jedenfalls nicht mehr, das war schon etwas. Und sie bemerkte gleich darauf wieder eine Veränderung. Es war wieder hell, und an den Bäumen spross zartes, grünes Laub. Was, zum Donnerdrummel, ging hier eigentlich vor? Ilberich nahm Anna an der Hand und führte sie zu dem kleinen Hügel, der genauso aussah, wie das Hüterbergl zuhause. Er steckte zwei Finger in den Mund und tat einen lauten Pfiff. Daraufhin öffnete sich ein kleines Türchen. Seltsam, es war vorher sicher noch nicht dagewesen, das hätte Anna beschwören können! Es musste eine Behausung sein. Und so war es auch. Aus der Türe trat eine rundliche Frau. Sie trug ein Kleid im gleichen Grün wie das Gewand von Ilmerich, und sie war ebenso klein wie er. Freundlich lächelnd bat sie Anna in ihr Haus. Sowas! Das war ja allerliebst! Hier drinnen standen kleine Bänke, mit Moos weich gepolstert, ein winziger Tisch, der war fein gedeckt mit allerlei Speisen, die Anna sehr fremd vorkamen. Die Frau klatschte in die Hände. Da kamen fünf Wichtelkinder zur Tür herein. Sie kicherten und zupften neugierig an Annas Gewand, bis sie von ihrer Mutter freundlich aber bestimmt zur Ordnung gerufen wurden.

"Kinder, sagse guten Tag zu unsere Gast und benimmse euch!"

Jedes der Kinder machte eine tiefe Verbeugung vor Anna und stellte sich vor:
Alberich, Elberich, Olberich, das waren die Knaben und Albera und Elbera die beiden Mädchen.

Dann ging's zu Tisch. Die fremden Speisen schmeckten wunderbar, machten satt und warm....und anscheinend fröhlich, denn die Wichtelfamilie holte allerliebste kleine Instrumente hervor und begann lustige Tanzweisen zu spielen, die Anna Lust zum Tanzen und Springen machten.

Mit einem Mal aber erstarb die Musik. Es wurde dunkel und bitter kalt im Raum. Die Wichtel hüllten sich und ihren Gast in warme Decken und entzündeten Kerzen und ein Feuer im Kamin. Alle drängten sich ängstlich zusammen. Draussen heulte der Sturm wie ein wildgewordener Drache. Was in aller Welt war das denn nur, so von einem Augenblick zum anderen? Das war ja furchterregend!

Mama Wichtel nickte verständnisvoll:

"Isse ganz often, Wichtel kennse das schon. Kommse aus Riesenland."

Auf Annas fragenden Blick reichte sie dem Mädchen ein Holzstück mit einem Astloch und hiess es durchsehen. Aber......was.....was war das? Das konnte doch nicht sein! Anna blickte direkt in ihre Wohnstube daheim. Da sassen ihre Eltern und die Grosseltern. Alle vier schienen sehr ungehalten zu sein. Vater schimpfte mit Seppi:

"Wo ist deine kleine Schwester? Du solltest doch auf sie Acht geben! Kann man sich denn gar nicht auf dich verlassen?"

"Oh je", rief Anna voller Schrecken aus, "ich hab' ganz vergessen auf daheim, die machen sich jetzt schon Sorgen um mich. Und dabei kann der Seppi ja gar nichts dafür! Ich muss schnell wieder nachhause!"

Alle Wichtel sahen Anna erwartungsvoll an. Was wollten sie nur von ihr? Dann sagte Ilberich, der Wichtelvater ernst:

"Du binse aus Riesenland. Riesenland isse gleich neben Wichtelland, ganz nah. Riesen machse Wetter in Wichtelland. Wennse Riesen böse oder traurig, wennse Riesen streit, dannse Wetter in Wichtelland kalt und dunkel, duse wiss?"

So war das also! Wer hätte so etwas gedacht! Unglaublich!

"Wirse haben hergeholt dichse, duse muss wissen, was Riesen mach mit Wichtelland, wenn böse sind."

Das war ja eine schöne Bescherung. Sie, die Menschen waren zuständig für das Wetter im Wichtelreich! Anna musste das sofort daheim erzählen. Aber, würden sie ihr das glauben? Würden sie nicht sagen: ach, du hast zuviel Phantasie! Ja, gewiss, das würden sie, das sagten sie oft. Trotzdem. Sie musste es zumindest versuchen. Das war sie ihren neuen Freunden einfach schuldig.

Wie Anna wieder nachhause kam? Sie zog einfach den Eichelbecher wieder vom Finger, und da war sie.

 

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von Margarete Lassi
(Margarete Lassi vulgo Morgane)

DIE SALZPRINZESSIN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter, Antonia, Martha und Mariechen, die er wie sein Augenlicht liebte. Er war schon alt und des Herrschens müde und so sann er oft darüber nach, welche seiner Töchter nach seinem Tode Königin werden sollte. Die Wahl wurde ihm schwer, denn er liebte alle drei gleichermaßen. Endlich, nach reiflichem und langem Erwägen entschloss er sich, diejenige zur Herrscherin zu bestimmen, die ihn am innigsten liebte. Er berief die Prinzessinnen vor seinen Thron und sprach zu ihnen:

 

“Meine lieben Töchter! Ich bin alt und schwach geworden und werde nicht mehr lange unter euch weilen. Doch bevor ich sterbe, will ich eine von euch zu meiner Nachfolgerin ernennen. Vorerst aber will ich prüfen, welche mich am liebsten hat. Sage du mir, Antonia, meine Älteste, wie liebst du deinen Vater?”

 

“Ach, lieber Vater, ich liebe dich mehr als Gold!” antwortete Antonia und küsste seine Hand.

 

“Und du, Martha, wie sehr liebst du mich denn?”

 

“Ach, mein gutes Väterchen”, rief das Mädchen und umarmte den König, “ich liebe dich wie mein Brautgeschmeide.”

 

“Und nun du, meine Jüngste, sage mir, wie du mich liebst?” fragte der König und wandte sich Mariechen zu.

 

“Ich, Vater, liebe dich … wie Salz!” antwortete sie nach kurzem Überlegen und sah den König allerliebst an.

 

“Oh, du böses Mädchen, du liebst deinen Vater nur wie Salz? Schäme dich!” riefen ihre beiden Schwestern empört.

 

“Ja, wie Salz liebe ich meinen Vater!” wiederholte Mariechen von neuem.

 

Da wurde auch der alte König zornig. Er konnte nicht verstehen, dass Mariechen ihre Liebe zu ihm mit einem so einfachen Dinge verglich, das jedermann, auch der Ärmste besaß und nur für wenige Groschen erwerben konnte.

 

“Geh, mir aus den Augen, du undankbares Mädchen!” rief er. “Ich will dich erst dann wiedersehen, wenn den Menschen Salz wertvoller als Gold und Edelsteine erscheinen wird. Dann kehre zurück, denn dann will ich dich zur Königin machen!”

 

Dass jemals eine solche Zeit kommen könnte, daran glaubten weder der alte König noch seine beiden älteren Töchter.

 

Ohne zu widersprechen, mit tränenüberströmtem Antlitz, verließ das stets gehorsame Mariechen das Schloss ihres Vaters. Einsam und verlassen stand sie auf der Straße und wusste nicht, wohin sie ihre Schritte wenden Schließlich beschloss sie, der Richtung des Windes zu folgen. Sie wanderte über Berge und Täler, bis sie zu einem dichten Wäldchen kam. Da trat ihr eine alte Frau in den Weg. Mariechen grüßte freundlich und wünschte der Alten einen guten Morgen. Die Alte sah die rotgeweinten Augen des Mädchens und sagte mitfühlend:

 

“Was bedrückt dich denn, mein Kind, dass du so bitterlich weinest?”

 

“Ach, Mütterchen!” antwortete Mariechen, “fragt nicht nach meinem Kummer! Ihr könnt mir ja ohnehin nicht helfen!”

 

“Vielleicht doch!” sagte die Alte lächelnd. “Öffne mir dein Herz und sage mir, was dich quält. Wo graue Haare sind, da ist auch Vernunft.”

 

Ermutigt erzählte nun Mariechen, was sich zugetragen hatte, und weinend fügte sie hinzu:

“Ich will ja gar nicht Königin werden, sondern will nur allzu gerne meinen Vater von meiner aufrichtigen Liebe zu ihm überzeugen!”

 

Die Alte ließ Mariechen zu Ende erzählen, obzwar sie von allem Anfang an wusste, was der Grund ihres Kummers war, denn sie war keine gewöhnliche alte Frau, sondern eine gute Fee. Freundlich nahm sie das Mädchen bei der Hand und forderte es auf, in ihre Dienste einzutreten. Mariechen war überglücklich und ging mit der Alten.

 

Die gute Fee führte sie in ihr Häuschen und gab ihr zu essen und zu trinken. Als sich Mariechen gelabt hatte, fragte die alte Frau:

 

“Kannst du Schafe hüten? Kannst du melken? Kannst du spinnen und weben?”

 

“Nichts desgleichen habe ich gelernt!”, antwortete das Mädchen traurig. “Doch wenn Ihr es mir zeigen wollt, will ich es versuchen und sicherlich schnell lernen!”

 

“Dies werde ich gerne tun und dich in allem unterweisen. Sei nur stets gut und gehorsam und tue, was ich dir sagen werde. Wenn sich die Zeit zur Zeit gesellt, wird dir Glück und Freude erwachsen!”

 

Mariechen versprach folgsam zu sein, und da sie fleißig und willig war, lernte sie schnell, und die Arbeit machte ihr viel Freude.

 

Inzwischen lebten die beiden älteren Prinzessinnen auf dem Schloss in Saus und Braus. Mit falschen Worten und vorgetäuschten Liebkosungen umgarnten sie den alten König und verlangten täglich neue und neue Geschenke. Die älteste Prinzessin stand den lieben Tag lang vor dem Spiegel und kleidete sich in prächtige Gewänder, während ihre Schwester sich mit Gold und Edelsteine schmückte und unaufhörlich tanzte. Ein Festmahl folgte dem anderen, und die Mädchen hatten nichts anderes als nur ihr Vergnügen im Sinne.

 

Da gingen dem alten König die Augen auf und er musste erkennen, dass seinen Töchtern Gold und Tanz lieber waren als er. Er gedachte seiner jüngsten Tochter und erinnerte sich an die aufrichtige Liebe, mit der sie ihn immer umgeben, ihn geherzt und geliebkost hatte und er wusste nun, dass er sie allein zur Königin hätte ernennen sollen. Wie gerne hätte er sie zurückgeholt, wenn er nur ihren Aufenthaltsort gekannt hätte! Kamen ihm aber ihre Worte in den Sinn, dass sie ihn nur so wie Salz liebe, wurde er wiederum ärgerlich und zweifelte an ihr. Eines Tages sollte ein Festmahl im Schloss gegeben werden. Da stürzte der Koch vor des Königs Thron und rief:

 

“Herr, ein großes Missgeschick hat uns befallen! Das Salz in der Küche und auch im ganzen Lande ist zerflossen und hat sich aufgelöst. Womit soll ich denn die Speisen salzen?”

 

“Kannst du denn nichts anderes zum Würzen verwenden?” fragte der König ärgerlich.

 

“Oh, Herr, welches Gewürz könnte denn Salz ersetzen?” rief der Koch verzweifelt. Auf diese Frage aber wusste der König keine Antwort. Er wurde böse und befahl dem Koch, das Festmahl ohne Salz zu bereiten.

 

“Wenn es dem König recht ist, mir kann es sicherlich recht sein!”, dachte der Koch und sandte ungesalzene Speisen zur Königstafel. Den Gästen wollten die Gerichte nicht munden, obzwar sie sonst schmackhaft und wohlgefällig zubereitet waren.

 

Der König sandte seine Boten nach allen Windrichtungen aus, um Salz zu holen, doch sie alle kehrten unverrichteter Dinge und mit leeren Händen ins Schloss zurück. Das gleiche Missgeschick hatte auch die Nachbarländer betroffen und wer noch einen kleinen Salzvorrat hatte, wollte sich nicht für alles Gold der Welt von ihm trennen.

 

Auf Befehl des Königs bereitete nun der Koch nur süße Speisen und Gerichte zu, die keines Salzes bedurften. Doch auch diese Speisen wollten den Gästen auf die Dauer nicht schmecken, und als sie sahen, dass keine Besserung abzusehen war, verließen sie, einer nach dem anderen, das königliche Schloss. Die beiden Prinzessinnen waren untröstlich, aber es blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Gäste ziehen zu lassen.

 

Doch nicht nur die Menschen, sondern auch das Vieh in den Ställen litt unter diesem Salzmangel. Kühe, Ziegen und Schafe gaben wenig Milch. Es war ein Unglück für jedermann im Lande. Die Leute wankten müde zur Arbeit und wurden schwach und krank. Sogar den König und seine beiden Töchter verschonte die Krankheit nicht. Da erst erkannten sie, welch seltene Gabe des Himmels das Salz war und wie wenig sie diese geschätzt hatten. Die Schuld, Mariechen Unrecht getan zu haben, lastete schwer auf des Königs Gewissen.

 

In der Zwischenzeit lebte das Mädchen in der Hütte im Walde glücklich und zufrieden. Sie ahnte nicht, wie schlecht es ihrem Vater und ihren beiden Schwestern zu Hause erging. Die weise Frau jedoch wusste nur zu genau, was sich dort zutrug!

 

Eines Tages sprach sie zu Mariechen:

 

“Stets sagte ich dir, dass wenn die Zeit sich zur Zeit gesellt, deine Stunde kommen wird. Deine Stunde hat nun geschlagen. Kehre nach Hause zurück!”

 

“Ach, mein gutes Mütterchen, wie könnte ich denn jemals wieder zurückkehren, wenn mich mein eigener Vater aus dem Haus gewiesen hat”, antwortete das Mädchen und fing zu weinen an.

 

Da erzählte ihr die gute Fee, was sich während ihrer Abwesenheit im Lande zugetragen hatte, dass nun die Worte an ihren Vater wahr geworden und Salz wertvoller als Gold und Edelsteine sei.

 

Ungern verließ Mariechen die gute Fee, die sie so viele nützliche Dinge gelehrt hatte. Doch ihre Sehnsucht nach dem Vater war erwacht und sie konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen.

 

“Du hast mir treu gedient, Mariechen”, sprach die Alte beim Abschied, “und ich will dich gut entlohnen. Sage mir, was du dir wünschest.”

 

“Ihr wart so gut zu mir und habt mich so vieles gelehrt”, antwortete Mariechen, “ich will nichts anders von Euch, Mütterchen, als ein wenig Salz, welches ich meinem Vater bringen will.”

 

“Und nichts weiter wünschest Du? Ich könnte jeden deiner Wünsche erfüllen”, fragte nochmals die gute Fee.

 

“Nein, nichts mehr begehre ich, Mütterchen, als das Salz”, beharrte Mariechen.

 

“Da du das Salz so hoch schätzest, möge es dir niemals daran fehlen!” sprach die Alte. “Nimm hier diese kleine Weidenrute, und wenn einmal der Mittagswind zu wehen beginnt, folge ihm. Gehe durch drei Täler und über drei Berge, dann halte ein und berühre den Boden mit der Weidenrute. Die Erde wird sich öffnen und du trete getrost ein. Was du dort finden wirst, behalte – es sei dein Eigen.”

 

Dankend nahm Mariechen die Weidenrute und verwahrte sie sorgfältig. Dann gab ihr die alte Frau ein Beutelchen, welches sie mit Salz füllte. Schweren Herzens nahm das Mädchen Abschied von dem kleinen Waldhäuschen, das ihr zur zweiten Heimat geworden war und machte sich, von dem Mütterchen begleitet, auf den Heimweg. Weinend versicherte Mariechen, dass sie wiederkommen wolle, um die alte Frau zu holen und sie für immer mit sich auf Schloss zu nehmen.

 

“Bleibe nur stets gut und gehorsam”, sagte die Alte lächelnd, als sie den Rand des Wäldchens erreicht hatten, “und es wird dir wohl ergehen!”

 

Als ihr Mariechen nochmals für ihre Güte danken wollte, war sie verschwunden.

 

Verwundert stand das Mädchen da, doch die Sehnsucht nach ihrem Vater ließ sie nicht lange verweilen und sie eilte dem Schlosse zu.

 

Sie war ärmlich gekleidet und da sie den Kopf in ein Tuch gehüllt hatte, erkannte sie niemand. Die Diener im Schloss verweigerten ihr den Eintritt zum König, da er krank und schwach im Bette lag.

 

“Ach, lasst mich doch ein.”, bat sie. “Ich bringe ein Geschenk, welches dem König seine verlorene Kraft und Gesundheit wiedergeben wird!”

 

Als der König dies hörte, befahl er, das Mädchen zu ihm zu bringen.

 

“Gebt mir ein Stück Brot!” bat Maiechen, als sie vor dem König stand.

 

“Salz kann ich Dir mit dem Brote jedoch nicht reichen lassen,” seufzte der König, “denn wir haben im Schloss kein Stäubchen davon.”

 

“Das Salz habe ich!” rief Mariechen und sie öffnete ihren Beutel, streute ein wenig aufs Brot und reichte es dem König.

 

“Salz! Hört ihr Leute”, rief der König entzückt. “Wie soll ich dir nur für deine Gabe danken? Sage mir, was du dir wünschest!”

 

“Nichts wünsche ich mir sehnlicher, als dass du, mein geliebtes Väterchen, mich wiederum zu dir nimmst und mich ebenso liebst wie das Salz hier”, antwortete Mariechen und enthüllte ihr liebliches Antlitz.

 

Der König war überglücklich, als er seine jüngste Tochter wiedersah. Er bat sie um Verzeihung, doch Mariechen küsste und streichelte ihren Vater nur und hatte auch schon alles Unrecht, welches ihr geschehen war, vergessen.

 

Schnell verbreitete sich im Schloss und auch im ganzen Lande die Kunde, dass des Königs jüngste Tochter heimgekehrt war und Salz mitgebracht hätte. Jeder, der im Schloss erschien und um Salz bat, bekam ein wenig aus dem Beutelchen, welches nie leer wurde.

 

Der König wurde gesund und voller Freude darüber berief er eines Tages um die Mittagsstunde seine Edelleute, um ihnen zu verkünden, dass er Mariechen zu seiner Nachfolgerin bestimmen wolle.

 

Mariechen wurde gerufen und unter großem Jubel des Volkes wurde sie zur Königin ernannt. Da strich ein warmer Windhauch leise über ihre Wange und es war ihr, als höre sie die Stimme der alten Frau im Walde. Sie erkannte das Zeichen, welches ihr der Mittagswind gab und beschloss, ihm zu folgen.

 

Schnell vertraute sie sich ihrem Vater an, nahm die kleine Weidenrute zur Hand und schritt in der Richtung des Windes aus. Sie wanderte über drei Berge und durch drei Täler und blieb hierauf stehen, so wie es ihr die alte Frau geboten hatte. Mit ihrer Rute schlug sie auf den Boden und siehe da! Die Erde öffnete sich und Mariechen trat ein.

 

Sie stand inmitten eines großen Saales, dessen Wände und Boden wie aus Eis gebaut zu sein schienen. Von allen Seiten liefen winzige Männchen herbei, die alle hellleuchtende Fackeln trugen.

 

“Sei uns willkommen, oh Königin!” riefen sie. “Wir haben deine Ankunft lange erwartet! Unsere Gebieterin befahl uns, dir dieses unterirdische Reich zu zeigen, denn es gehört dir!”

 

So schnatterte und plapperte es von allen Seiten, die kleinen Wesen hüpften und tanzten ihre Fackeln schwingend um Mariechen herum. Sie kletterten auf die Wände hinauf und sprangen über die glitzernden Kristalle, die wie Edelsteine im Fackellichte blitzten.

 

Die kleinen Männchen führten Mariechen durch Gänge, von deren Decken silberschimmernde Eiszapfen hingen. Sie geleiteten sie in Gärten, in welchen rote Eisrosen und andere wunderbare Blumen blühten. Dann brachen sie eine der schimmernden Blüten ab und reichten sie Mariechen, doch kein lieblicher Duft entströmte ihrem Kelch.

 

“Was soll denn all dies bedeuten?” fragte das Mädchen verwundert. “Niemals noch habe ich solche Pracht gesehen!”

 

“All dies ist Salz!” riefen die Männchen im Chor. “Nimm davon, so viel dir beliebt. Der Vorrat ist unerschöpflich!”

 

Mariechen dankte den kleinen Wesen von ganzem Herzen und kehrte ans Tageslicht zurück. Der Eingang zum unterirdischen Reiche aber schloss sich nicht wieder.

 

Als sie nach Hause zurückkehrte und ihrem Vater von ihrem wunderbaren Erlebnis erzählt hatte, erkannte dieser, mit welch unschätzbarem Reichtum seine Tochter von der alten Frau im Zauberwald überschüttet worden war.

 

Mariechen sehnte sich nach der alten Frau, und sie eilte mit einem großen Gefolge zum vertrauten Wäldchen, um sie zu finden und für immer ins Schloss zu holen, so wie sie es ihr beim Abschied versprochen hatte. Doch so sehr sie sich auch bemühte und den Wald kreuz und quer durchsuchte – es gelang ihr nicht, die Hütte zu finden und das Mütterchen blieb verschwunden.

 

Da erst wurde es Mariechen klar, dass die alte Frau ihre gütige Fee gewesen war. Sie kehrte heim und wurde von ihren Untertanen stets geliebt und geehrt.

Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie vielleicht noch heute.

 

Märchen nach den Gebr. Grimm, (Autor unbekannt)

DER ALLERERSTE WEIHNACHTSBAUM...,             Märchen von Hermann Löns

Der Weihnachtsmann ging durch den Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der sonst immer lustig bellend vor ihm herlief, merkte das und schlich hinter seinem Herrn mit eingezogener Rute her. Er hatte nämlich nicht mehr die rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre dasselbe. Es war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Eßwaren, das war auf die Dauer nichts. Die Kinder freuten sich wohl darüber, aber quieken sollten sie und jubeln und singen, so wollte er es, das taten sie aber nur selten. Den ganzen Dezembermonat hatte der Weihnachtsmann schon darüber nachgegrübelt, was er wohl Neues erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude in die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch die Großen teilnehmen würden. Kostbarkeiten durften es auch nicht sein, denn er hatte soundsoviel auszugeben und mehr nicht.

So stapfte er denn auch durch den verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzweg war. Dort wollte er das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer über die Verteilung der Gaben.
Schon von weitem sah er, daß das Christkindchen da war, denn ein heller Schein war dort. Das Christkindchen hatte ein langes weißes Pelzkleidchen an und lachte über das ganze Gesicht. Denn um es herum lagen große Bündel Kleeheu und Bohnenstiegen und Espen- und Weidenzweige, und daran taten sich die hungrigen Hirsche und Rehe und Hasen gütlich. Sogar für die Sauen gab es etwas: Kastanien, Eicheln und Rüben.

Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen die Tageszeit. "Na, Alterchen, wie geht's?" fragte das Christkind. "Hast wohl schlechte Laune?" Damit hakte es den Alten unter und ging mit ihm. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht mehr betrübt aus und hielt seinen Schwanz kühn in die Luft. "Ja", sagte der Weihnachtsmann, "die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß mehr. Liegt es am Alter oder an sonst was, ich weiß nicht. Das mit den Pfefferkuchen und den Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr. Das essen sie auf, und dann ist das Fest vorbei. Man müßte etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen und nicht zum Spielen ist, aber wobei alt und jung singt und lacht und fröhlich wird. " Das Christkindchen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es: "Da hast du recht, Alter, mir ist das auch schon aufgefallen. Ich habe daran auch schon gedacht, aber das ist nicht so leicht." "Das ist es ja gerade", knurrte der Weihnachtsmann, "ich bin zu alt und zu dumm dazu. Ich habe schon richtiges Kopfweh vom vielen Nachdenken, und es fällt mir doch nichts Vernünftiges ein. Wenn es so weitergeht, schläft allmählich die ganze Sache ein, und es wird ein Fest wie alle anderen, von dem die Menschen dann weiter nichts haben als Faulenzen, Essen und Trinken."

Nachdenklich gingen beide durch den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem, das Christkindchen mit nachdenklichem Gesicht. Es war so still im Wald, kein Zweig rührte sich, nur wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein Stück Schneebehang mit halblautem Ton herab. So kamen die beiden, den Spitz hinter sich, aus dem hohen Holz auf einen alten Kahlschlag, auf dem große und kleine Tannen standen. Das sah wunderschön aus. Der Mond schien hell und klar, alle Sterne leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen standen darin, schwarz und weiß, daß es eine Pracht war. Eine fünf Fuß hohe Tanne, die allein im Vordergrund stand, sah besonders reizend aus. Sie war regelmäßig gewachsen, hatte auf jedem Zweig einen Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und glitzerte und flimmerte nur so im Mondenschein. Das Christkindchen ließ den Arm des Weihnachtsmannes los, stieß den Alten an, zeigte auf die Tanne und sagte: "Ist das nicht wunderhübsch?"
"Ja", sagte der Alte, "aber was hilft mir das ?" "Gib ein paar Äpfel her", sagte das Christkindchen, "ich habe einen Gedanken." Der Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht vorstellen, daß das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel hatte. Er hatte zwar noch einen guten alten Schnaps, aber den mochte er dem Christkindchen nicht anbieten.

Er machte sein Tragband ab, stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin herum und langte ein paar recht schöne Äpfel heraus. Dann faßte er in die Tasche, holte sein Messer heraus, wetzte es an einem Buchenstamm und reichte es dem Christkindchen. "Sieh, wie schlau du bist", sagte das Christkindchen. "Nun schneid mal etwas Bindfaden in zwei Finger lange Stücke, und mach mir kleine Pflöckchen." Dem Alten kam das alles etwas ulkig vor, aber er sagte nichts und tat, was das Christkind ihm sagte. Als er die Bindfadenenden und die Pflöckchen fertig hatte, nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte den an einen Ast. "So", sagte es dann, "nun müssen auch an die anderen welche, und dabei kannst du helfen, aber vorsichtig, daß kein Schnee abfällt!" Der Alte half, obgleich er nicht wußte, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß, und als die ganze kleine Tanne voll von rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er fünf Schritte zurück, lachte und sagte; "Kiek, wie niedlich das aussieht! Aber was hat das alles für'n Zweck?" "Braucht denn alles gleich einen Zweck zu haben?" lachte das Christkind. "Paß auf, das wird noch schöner. Nun gib mal Nüsse her!"

Der Alte krabbelte aus seiner Kiepe Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen. Das steckte in jedes ein Hölzchen, machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuß an der goldenen Oberseite seiner Flügel, dann war die Nuß golden, und die nächste an der silbernen Unterseite seiner Flügel, dann hatte es eine silberne Nuß und hängte sie zwischen die Äpfel. "Was sagst nun, Alterchen?" fragte es dann. "Ist das nicht allerliebst?" "Ja", sagte der, "aber ich weiß immer noch nicht..." "Komm schon!" lachte das Christkindchen. "Hast du Lichter?" "Lichter nicht", meinte der Weihnachtsmann, "aber 'nen Wachsstock!" "Das ist fein", sagte das Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt ihn und drehte erst ein Stück um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch gerade und sagte dann; "Feuerzeug hast du doch?" "Gewiß", sagte der Alte, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer aus dem Stein, ließ den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und steckte daran ein paar Schwefelspäne an. Die gab er dem Christkindchen. Das nahm einen hellbrennenden Schwefelspan und steckte damit erst das oberste Licht an, dann das nächste davon rechts, dann das gegenüberliegende. Und rund um das Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen.

Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinem halbverschneiten, dunklen Gezweig sahen die roten Backen der Äpfel, die Gold- und Silbernüsse blitzten und funkelten, und die gelben Wachskerzen brannten feierlich. Das Christkindchen lachte über das ganze rosige Gesicht und patschte in die Hände, der alte Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine Spitz sprang hin und her und bellte. Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit seinen goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann, er solle das Bäumchen vorsichtig absägen. Das tat der, und dann gingen beide den Berg hinab und nahmen das bunte Bäumchen mit.

Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die beiden halt. Das Christkindchen machte leise die Tür auf und trat ein; der Weihnachtsmann ging hinterher. In der Stube stand ein dreibeiniger Schemel mit einer durchlochten Platte. Den stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein. Der Weihnachtsmann legte dann noch allerlei schöne Dinge, Spielzeug, Kuchen, Äpfel und Nüsse unter den Baum, und dann verließen beide das Haus so leise, wie sie es betreten hatten. Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am andern Morgen erwachte und den bunten Baum sah, da staunte er und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Als er aber an dem Türpfosten, den des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold- und Silberflimmer hängen sah, da wußte er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem Bäumchen an und weckte Frau und Kinder. Das war eine Freude in dem kleinen Haus wie an keinem Weihnachtstag. Keines von den Kindern sah nach dem Spielzeug, nach dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur alle nach dem Lichterbaum. Sie faßten sich an den Händen, tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie wußten, und selbst das Kleinste, das noch auf dem Arm getragen wurde, krähte, was es krähen konnte.

Als es hellichter Tag geworden war, da kamen die Freunde und Verwandten des Bergmanns, sahen sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in den Wald, um sich für ihre Kinder auch ein Weihnachtsbäumchen zu holen. Die anderen Leute, die das sahen, machten es nach, jeder holte sich einen Tannenbaum und putzte ihn an, der eine so, der andere so, aber Lichter, Äpfel und Nüsse hängten sie alle daran. Als es dann Abend wurde, brannte im ganzen Dorf Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum, überall hörte man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder. Von da aus ist der Weihnachtsbaum über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze Erde. Weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den Kindern morgens beschert.

WARUM DIE TANNE CHRISTBAUM IST ... Märchen von R. Wiedmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus  Waldmärchen

 

Die Bäume im Walde haben sich immer viel zu erzählen. Wenn der Wind durch ihre Kronen streicht, dann rauscht es in ihren Zweigen, dann flüstern ihre Blätter und reden miteinander von allem, was sie erlebt haben. So war es auch an einem Abend im Spätsommer. Viele fremde Leute waren im Walde gewesen, aber nun waren sie wieder nach der Stadt gezogen und im Walde war es still geworden.

“Ach,” sagte da eine lange, schlanke Birke zu ihrer Nachbarin, einer struppigen Kiefer, “in der Stadt muß es doch schön sein! Da tragen die Leute so schöne Kleider und schmücken sich mit goldenen Ketten und bunten Perlen.” “Ja,” mischte sich die stolze Buche ins Gespräch, “in die Stadt möchte ich wohl auch einmal; da kann man sogar mit der Elektrischen fahren.” – “Woher wißt ihr denn das alles?” fragte neugierig der Ahorn. “Nun”, sagte die Eiche, “hast du denn geschlafen den ganzen Sommer? Hast du nie gehört, was sich die Leute aus der Stadt da erzählten, wenn sie unter unserem Blätterdach saßen?” Kurz und gut, die Bäume erzählten sich noch allerhand von der Stadt und alle wären zu gern einmal in die Stadt gekommen, am liebsten nach Berlin. Aber wie sollte das möglich sein?

Da geschah es eines Nachts, daß ein Engelein licht und weiß durch den Wald flog, um die Waldfee zu besuchen. Das war das Christkindlein. “Waldfee,” sagte es, “mich dauern die armen Menschen in der Stadt, die gar keine schönen Bäume haben. Ich möchte ihnen zum Christfest einen bringen, er muß aber der schönste Baum im ganzen Walde sein. Kannst du mir wohl einen geben?” – “Gern,” sagte die Waldfee, “aber ich weiß nicht recht, welchen. Jeder Baum ist schön und mir gleich lieb, ich möchte keinen dem anderen vorziehen.” – “So laß uns die Bäume selber fragen,” sagte das Christkindlein. “Wir wollen ihnen sagen, daß der schönste von ihnen in die Stadt soll, dann werden wir ja sehen, wen sie dafür halten.” So gingen sie zu den Bäumen und sagten es ihnen. Aber da wollte keiner es dem anderen gönnen. Da wurde das Christkindlein traurig und sagte: So muß ich wiederkommen und mir selbst den schönsten aussuchen. In wenigen Wochen reise ich zur Stadt, dann nehme ich ihn mir mit.” Und damit flog es von dannen.

Kaum war es fort, so fing unter den Bäumen ein großer Wettstreit an, sich so schön wie möglich zu schmücken. Der Ahorn zog ein leuchtend gelbes Kleid an, die Buche ein braunes, die Eiche ein rotes, andere flickten sich aus lauter bunten Stoffen ein Kleid zusammen, daß sie aussahen wie ein richtiger Tuschkasten, und das alles so fix und flink, daß, als Christkindchen wiederkam, der ganze Wald in bunten Farben glänzte. Nur ein Baum hatte sein einfaches grünes Kleid behalten, die Tanne. Wieder flog Christkindchen durch den Wald und sah sich alle Bäume an. “Ja,” sagte es, “eure Kleider sind schön aber ihr müßt eine weite Reise machen und sie müssen lange vorhalten. Ob sie das auch können?” “Natürlich!” schrien alle Bäume. Aber da kam ein großer Wirbelwind und zupfte die Bäume alle an ihren bunten Kleiderchen brrr, wie da der ganze bunter Flitterkram in tausend Fetzen ging, und all die gelben und roten und braunen Läppchen durcheinander tanzten, wie sie müde und matt zur Erde fielen!

Da standen die Bäume im Walde da mit zerfetzten und zerrissenen Kleiderchen, und ihre ganze Schönheit war dahin. Nur die Tanne, die nicht eitel genug gewesen war, ihr grünes Alltagskleid, das der liebe Gott ihr gemacht hatte, gegen bunten Flitterstaat zu vertauschen, stand noch im Schmuck ihrer grünen Nadeln unversehrt. Da sagte das Christkindlein: “Tanne, du bist der schönste Baum im Walde, dich will ich den Menschen bringen. Du sollst Christbaum sein!

VON KLEINEM FINCHEN UND DEM ZAUBERSTÖCKCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einst saß Fienchen traurig auf ihrem Bett,

sie dachte an Bratkartoffeln mit Spiegelei, fein geröstet in reichlich Fett.

Auch könnten es Nudeln sein,

lecker mit Soße, Tomaten oder Paprika,

aber ihr Schränkchen war leer, kein Krümel war zum knabbern da.

Sie sank in ihr Kissen, ihr knurrte der Magen,

dann schlief sie ein und träumte von besseren Tagen.

 

Am nächsten Morgen, beim ersten Hahnenschrei,

ihr Hunger war noch immer nicht vorbei,

glaubte sie nicht, was sie da sah,

in ihrem Bettchen lag ein Stöckchen,

sie dachte: "Nanu, der war doch gestern noch nicht da?"

Dann ganz flink und elegant, nahm sie das Stöckchen in die Hand.

"Nicht so grob, du böses Kind", rief das Stöckchen,

"leg mich wieder hin, schnell, schnell, rasch und geschwind!

Sei ganz zärtlich auch dabei, dann hast du bei mir zwei Wünsche frei!"

 

Schnell legte Fienchen behutsam und sanft den Stock zurück,

deckte ihn zu und sprach: "Du kommst zur rechten Zeit,

mir knurrt mein Magen, du bringst mir Glück.

Ich habe Hunger, möchte an Kuchen, Torten und an Pudding naschen,

aber mein Schränkchen ist leer, habe auch keine Taler in den Taschen.

Mein erster Wunsch, und bitte lass mich nicht so lange warten,

ist ein riesengroßer Kuchen, mit viel Sahne und Früchten,

am besten mit denen, aus des Nachbarn Garten.

Danach würde ich ein Eisbein, einen Schweinebraten 

oder auch viel Entenbrust vertragen,

und was ich dann noch möchte, werde ich dir etwas später sagen".

 

Es surrte und knarrte, dann kam ein großer Zisch,

und Fienchen stand vor einem reich gedeckten Tisch.

Sie machte sich daran, von all den Leckerein zu essen,

und hat darüber hinaus die Zeit für ein ganzes Jahr vergessen.

Die guten Gaben im Schränkchen und auf dem Tisch, sie wollten nicht enden,

zuerst aß Fienchen brav mit Löffel, Messer und Gabel,

später dann nur noch mit ihren Händen.

Sie wurde immer schwerer, dicker und dann unbehände,

das Fett lief ihr am Mund herunter, fettig waren auch die kleinen Hände.

Doch zum Aufhören sah sie keinen Grund,

am Ende war sie hässlich, dick und rund.

 

Als das kleine Stöckchen dann aus seinem Schlaf erwachte,

sah es mit Schrecken, was das kleine Fienchen machte.

"Was fällt dir ein, du dummes Kind" rief es,

"schau in den Spiegel, schnell, schnell, geschwind.

Nur gegessen hast du, ohne zu denken, immer mit Wonne,

nun siehst du aus wie ein Fässchen, ach was sag ich, wie eine Tonne.

Wie kannst du nur so etwas machen,

die anderen Kinder werden dich verhöhnen und über dich lachen.

Sei gescheit, lass die Finger vom fetten Essen und vom süßen Punsch,

überleg dir mit Klugheit, den zweiten und deinen letzten Wunsch.

 

Als Fienchen in den Spiegel sah, musste sie sich eingestehen,

so dick und rund wollte sie nicht bleiben,

so konnte es nicht weitergehen.

Sie sprach zum Stöckchen, flink und keck:

"Oh bitte, ich wünsch mir meine angefutterten Pfunde weg.

Möchte wieder schlank sein, wie einst in früheren Tagen,

ich verzichte auf all die schönen Leckereien,

möchte lieber ab und zu mal wieder Hunger haben.

Fort mit den süßen Kuchen und fort mit der leckeren Soße,

mir passt kein Hemdchen mehr, kein Kleidchen und auch keine Hose.

 

Es surrte und knarrte, dann kam wieder ein großer Zisch,

es waren fort, die süßen Kuchen, die Braten mit Soßen,

leer waren wie einst, das Schränkchen und der Tisch.

Auch das kleine Fienchen war wieder rank und schlank,

zum Stöckchen sagte sie glücklich: "Hab vielen Dank.

Nie wieder werde ich nach soviel Naschwerk streben,

werde von nun an gesund, besonnen und vernünftig leben".

Das Stöckchen stimmte dem Fienchen zufrieden zu und sprach:

"Na dann, bis bald", und verschwand dorthin, wo es einmal hergekommen,

zurück in den tiefen Wald.

 

Ende

GiTo

DIE GABE DER WEISEN - O. HENRY ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles. Und sechzig Cent davon bestanden aus Penny-Stücken. Pennies, die sie durch zähes Feilschen dem Krä- mer, dem Fleischer und dem Gemüsehändler nach und nach abgehandelt hatte bis es ihr die Schamröte ins Gesicht trieb, denn sie bemerkte sehr wohl, dass man ihr diese Pfennigfuchserei insgeheim als kleinlichen Geiz anlastete. Dreimal zählte Della nach. Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten. Da blieb nun wirklich nichts anderes übrig, als sich auf das schäbige alte Sofa zu werfen und zu heulen. Was Della denn auch tat. Und was uns zu der hoch philosophischen Überlegung führt, dass das Leben aus Schluchzen, Seufzen und Lächeln besteht, wobei die Seufzer wohl in der Überzahl sind. Während die Dame des Hauses allmählich vom ersten der genannten Stadien in das zweite hinübergleitet, werfen wir einen Blick in ihr Heim.  

 

Eine möblierte Wohnung für acht Dollar die Woche, die eigentlich mehr die Bezeichnung Asyl verdient, denn nur wenig unterscheidet sie von den unsäglichen Behausungen, die die Fürsorge Obdachlosen zur Verfügung stellt. Im Entree befand sich ein Briefkasten, in den nie ein Brief fiel, und ein Klingel- Knopf, dem keines Sterblichen Finger jemals einen Ton entlocken würde. Vervollständigt wird dieses Bild durch ein Schildchen mit der Aufschrift „Mr. James Dillingham Jr,“. Den Namen „Dillingham“ hatte man in besseren Zeiten dort unten angebracht, als vorübergehender Wohlstand seinem Besitzer dreißig Dollar pro Woche einbrachte. Jetzt war sein Einkommen auf zwanzig Dollar geschrumpft und die Buchstaben auf dem Namens-Schildchen waren von Wind und Wetter so ausgebleicht, dass sie aussahen, als würden sie ernsthaft darüber nachdenken, ob sie sich nicht besser zu einem bescheidenen und ganz anspruchslosen „D“ zusammenziehen sollten. Jedes Mal aber, wenn Mr. James Dillingham Jr. nach Hause kam und seine Wohnung betrat, wurde er von Mrs. James Dillingham Jr. - die wir Ihnen bereits als „Della“ vorgestellt haben, stürmisch umarmt und begeistert als „Jim“ begrüßt. Was eigentlich alles sehr erfreulich ist.

 

Della hörte zu weinen auf und retuschierte die Tränen Spuren in ihrem Gesicht mit der Puderquaste. Sie stand am Fenster und sah betrübt einer grauen Katze zu, die in einem grauen Hinterhof, einen grauen Zaun, entlang schlich. Morgen war Weihnachten, und sie hatte nur einen Dollar und siebenundachtzig Cent, um Jim ein Geschenk zu kaufen. Seit Monaten hatte sie nach Kräften jeden Penny gespart - und das war alles, was dabei herausgekommen war. Mit zwanzig Dollar in der Woche kommt man nicht sehr weit. Sie hatte mehr Ausgaben gehabt als geplant. Das ist ja immer so. Nur ein Dollar und siebenundachtzig Cent, um Jim ein Geschenk zu kaufen. Ihrem Jim.  Viele glückliche Stunden hatte sie damit verbracht, sich etwas Hübsches für ihn auszudenken. Etwas wirklich Feines, Seltenes, Kostbares, etwas, das, wenn auch halbwegs, der Ehre würdig sei, ihrem Jim zu gehören. Zwischen den Fenstern des Zimmers hing ein schmaler, langer Pfeiler-Spiegel. Vielleicht haben Sie eine solche Art von Spiegel in einer Acht-Dollar-Wohnung gesehen. Nur eine sehr schlanke und bewegliche Person kann, so sie ihr Spiegelbild in einer raschen Folge von Längsstreifen zu betrachten in der Lage ist, ein einigermaßen zuverlässiges Bild ihrer äußeren Erscheinung gewinnen. Da Della schlank war, beherrschte sie diese Kunst. Plötzlich wirbelte sie herum und stellte sich vor den Spiegel. Ihre Augen blitzten aufgeregt, doch ihr Gesicht hatte in weniger als zwanzig Sekunden alle Farbe verloren. Rasch löste sie ihr Haar und ließ es in seiner vollen Länge herabfallen.

 

Nun gab es zwei Dinge im Besitz von Mr. und Mrs. James Dillingham Jr., auf die sie beide mächtig stolz waren. Eines davon war Jims goldene Uhr, die zuvor schon seinem Vater und seinem Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte in der Wohnung jenseits des Lichtschachts die Königin von Saba gewohnt, so hätte Della vielleicht eines Tages ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, und alle Juwelen und sonstige Schätze Ihrer Majestät wären zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Und wären König Salomo Portier im Haus der Dillinghams gewesen und hätte all seine Reichtümer im Keller gestapelt, so hätte Jim jedes Mal im Vorbeigehen seine Uhr gezückt, und der König hätte sich vor Neid den Bart gerauft. So fiel nun Dellas schönes Haar wie brauner Wasserfall glänzend und sanft sich kräuselnd an ihr herab. Es reichte ihr bis unter die Knie und umhüllte sie fast wie ein Gewand. In nervöser Hast steckte sie es wieder auf. Einen Augenblick lang schwankte sie noch in ihrem Entschluss, während eine Träne oder möglicherweise auch zwei auf den abgetretenen roten Teppich tropften. Schnell zog sie ihre alte braune Jacke an, schnell setzte sie ihren alten braunen Hut auf. Mit wehenden Röcken und immer noch diesem Leuchten in den Augen huschte sie aufgeregt durch die Tür, die Treppe hinunter, auf die Straße. Sie blieb erst stehen, als sie ein Schild erreicht hatte, auf dem zu lesen war: „Mme. Sofronie, Haarteile aller Art“. Della rannte die Treppe hinauf und rang, oben angekommen, nach Luft und Fassung.

 

Die Gnädige Frau war wohl genährt, bleichgesichtig und eiskalt. Sie sah kaum so aus, als könne sie „Sofronie“ heißen. „Wollen Sie meine Haare kaufen?“, fragte Della. „Ich kaufe Haar“, antwortete Madame. „Dann nehmen Sie mal ihren Hut ab und lassen Sie sehen.“ Herunter strömte der braune Wasserfall. „Zwanzig Dollar“ bot Madame und griff mit geübten Händen in die Haarflut.“ „Schnell, geben Sie mir das Geld“. Die nächsten zwei Stunden eilten dahin wie auf rosigen Flügeln - das ist ein stilistisch nicht gerade brillanter Vergleich, vergessen Sie ihn also lieber. Della stürmte durch die Läden auf der Suche nach Jims Geschenk.  Sie fand es schließlich. Es war nur für Jim gemacht und für niemand anders, das stand fest. In keinem der anderen Geschäfte hatte sie auch nur eines gefunden, das diesem hier auch nur annähernd gleichkam. Und sie hatte sie wirklich alle auf den Kopf gestellt. Es war eine schlichte, edle und in der Form vollendete Uhrkette aus Platin, deren Wert sich allein in ihrem Material offenbarte und nicht in auffälligen Verzierungen. Sie war gerade so, wie alle wirklich guten Dinge sein sollten. Sie war sogar der Uhr aller Uhren würdig. Kaum dass Della sie gesehen hatte, wusste sie, dass sie Jim gehören musste. Sie war wie er, dezent, vornehm und wertvoll - diese Begriffe treffen es wohl ziemlich genau.  Einundzwanzig Dollar nahm man ihr ab, und sie eilte mit den siebenundachtzig Cent nach Hause. Mit dieser Kette an seiner Uhr konnte Jim in jeder Gesellschaft stilvoll nach der Zeit sehen. Denn wenn die Uhr auch ein Prachtstück war, so schaute er sie oft nur verstohlen an, denn sie war an einem Lederriemen statt an einer Uhrkette festgemacht.  

 

Als Della zu Hause ankam, dämpften Vernunft und ruhige Überlegung ein wenig ihren Taumel, Sie holte ihre Brennschere hervor, zündete das Gas an und machte sich daran, die verheerenden Folgen zu beheben, die ihre Großzügigkeit im Verein mit ihrer Liebe zu Jim bewirkt hatten. Und das, liebe Freunde, ist stets eine ungeheure Aufgabe, ein wahres Mammutprogramm. Vierzig Minuten später war ihr Kopf mit winzigen, eng anliegenden Löckchen bedeckt, mit denen sie aussah wie ein bezaubernder Lausbub, der gerade die Schule schwänzt. Sie besah sich lange, sorgfältig und kritisch im Spiegel. „Wenn Jim mich nicht umbringt“, sagte sie sich, „wird er behaupten, dass ich wie ein Revuegirl von Coney Island aussehe, wenn er mich überhaupt noch eines zweiten Blickes würdigt. Aber was bitte, hätte ich tun können? Was hätte ich mit einem Dollar und siebenundachtzig Cent anfangen sollen?“ Um sieben Uhr war der Kaffee fertig und auf dem Ofen stand die Pfanne bereit, in denen die Koteletts gebraten werden sollten.

 

Jim kam nie zu spät. Della rollte die Uhrkette in ihrer Hand zusammen und setzte sich auf die Tischkante gegenüber von der Tür, durch die er immer hereinkam. Als sie seine Schritte unten im Stock hörte, wurde sie einen Augenblick lang ganz weiß. Sie hatte die Angewohnheit, kleine Stoßgebete gen Himmel zu richten, auch wenn es nur um Alltagsdinge ging. So flüsterte sie auch jetzt: „Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich immer noch hübsch findet.“ Die Tür ging auf, Jim trat ein und machte sie hinter sich zu. Er sah schmal und sehr ernst aus. Armer Kerl! Er war erst zweiundzwanzig - und schon hatte er eine Familie zu versorgen. Er brauchte dringend einen neuen Mantel, und Hand- schuhe hatte er auch keine. Jim blieb an der Tür stehen, bewegungslos wie ein Jagdhund, der eine Wachtel wittert. Er fixierte Delta, und in seinen Augen war etwas, das sie nicht zu deuten vermochte, das sie aber erschreckte. Es war weder Zorn noch Überraschung, weder Missbilligung noch Entsetzen, und es war auch keines der Gefühle, auf die sie gefasst war. Er starrte sie mit diesem selt- samen Ausdruck im Gesicht ganz einfach nur an. Della rutschte vom Tisch herunter und lief auf ihn zu. „Bitte, lieber Jim, sieh mich nicht so an. Ich habe mein Haar abgeschnitten und verkauft, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, kein Weihnachtsgeschenk für dich zu haben. Es wachst bald wieder nach, du bist mir doch deswegen nicht böse, oder? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst furchtbar schnell. Wünschen wir uns „Fröhliche Weihnachten“, Jim, und lass uns ganz einfach glücklich sein! Du weißt ja gar nicht, was für ein schönes, ja, was für ein wunder - wunderschönes Geschenk ich für dich habe.“ „Du hast dein Haar abgeschnitten?“, stieß Jim schließlich mühsam hervor, so als sei ihm die Tatsache auch nach größter gedanklicher Anstrengung noch nicht zu Bewusstsein gelangt und als wolle er sie erst nach reiflicher Überlegung anerkennen. „Abgeschnitten und verkauft“, antwortete Della. „Magst du mich nicht trotzdem genauso gern? Ich bin auch ohne Haar immer noch dieselbe, oder?“ Jim sah sich forschend im Zimmer um. „Du sagst, dein Haar sei fort?“ fragte er, was ein wenig einfältig klang. „Du brauchst gar nicht danach zu suchen“, erwiderte Della. „Ich sage dir ja, ich habe es verkauft. Es ist weg. Und weg ist weg. Aber heute ist Heiliger Abend. Komm, sei ein wenig lieb zu mir, ich hab’s doch für dich getan. Es mag ja sein, dass die Haare auf meinem Kopf gezählt waren“ fuhr sie mit hinreißender, plötzlicher Ernsthaftigkeit fort, „aber niemand könnte jemals meine Liebe zu dir zählen. Soll ich jetzt die Koteletts braten, Jim?“ Jetzt endlich, schien Jim aus seiner Benommenheit zu erwachen. Er schloss Della in die Arme. Wir wollen daher zehn Sekunden lang in diskreter, taktvoller Weise irgendeinen belanglosen Gegenstand am entgegengesetzten Ende des Raumes betrachten.

 

Acht Dollar die Woche oder eine Million im Jahr – wo ist da der Unterschied? Ein Mathematiker oder ein anderer kluger Kopf würde uns eine falsche Antwort geben. Die drei Weisen aus dem Morgenland brachten kostbare Geschenke, aber jene Gabe war nicht dabei. Sie werden es bald verstehen, was mit dieser dunklen Andeutung gemeint ist.  Jim zog ein Päckchen aus seiner Manteltasche und warf es auf den Tisch. „Täusche dich nicht in mir, Della“, sagte er. „Ich glaube kaum, dass ein Haarschnitt oder eine Kopfwäsche oder irgendetwas in dieser Richtung mich dazu bringen können, mein Mädchen weniger zu lieben. Aber wenn du dieses Paket aufmachst, wirst du sehen, warum ich vorhin Probleme hatte, die Fassung zu bewahren.“ Zitternde weiße Finger zogen an Schnur und Papier. Dann ein entzückter Freudenschrei, dem in echt weiblicher Manier übergangslos Tränen und Wehklagen folgten. Diese wiederum stellten den Herrn des Hauses augenblicklich vor die Notwendigkeit, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften Trost zu spenden. Denn dort lagen die schönsten aller Kämme, eine ganze Garnitur davon, seitlich und hinten einzustecken. Della hatte sie schon seit langem in einem Schaufenster am Broadway bewundert. Es waren herrliche, mit Edelsteinen und Perlen verzierte Käme aus echtem Schildpatt, die von genau der Farbe waren, die zu ihrem verschwundenem Haar gepasst hätte. Es waren teure Kämme, das wusste sie, und ihr Herz hatte sie voller Sehnsucht begehrt, doch hatte sie nie auch nur im Entferntesten zu hoffen gewagt, sie jemals zu besitzen. Jetzt gehörten sie ihr, nur waren die Flechten nicht mehr da, die der ersehnte Schmuck zieren sollte. Doch Sie drückte ihn ans Herz, und schließlich konnte sie auch mit verweinten Augen und einem Lächeln aufblicken und versichern: „Meine Haare wachsen ja so schnell, Jim!“ Da plötzlich sprang sie auf wie ein Kätzchen, das sich das Fell versengt hat und rief: „Oh, oh!“ Jim hatte ja sein wunderschönes Geschenk noch nicht gesehen. Sie hielt es ihm eifrig auf der geöffneten Hand entgegen. Das kostbare, matt glänzende Metall schien plötzlich aufzuleuchten und ihr helles kristallklares Wesen widerzuspiegeln. „Ist sie nicht prächtig? Ich habe die ganze Stadt nach ihr gesucht, bis ich sie endlich gefunden habe. Jetzt kannst du getrost hundertmal am Tag nach der Zeit sehen. Gib mir deine  Uhr. Ich will doch mal sehen, wie sie dazu aussieht.“ Aber Jim tat nicht, was sie sagte. Stattdessen ließ er sich auf das alte Sofa fallen, faltete die Hände hinterm Kopf und lächelte. „Della“, sagte er, „lass uns unsere Weihnachtsgeschenke wegpacken und eine Weile aufheben. Sie sind zu schön, als dass wir sie gleich jetzt benutzen sollten. Ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für deine Kämme zu bekommen. Und jetzt, denke ich, wäre es an der Zeit, die Koteletts aufs Feuer zu stellen.“

 

„Die drei Könige waren, wie ihr wisst, weise Männer - wunderbar weise Männer -, die dem Kind in der Krippe Geschenke brachten. Sie haben die Kunst erfunden, Weihnachtsgeschenke zu machen. Da sie weise waren, waren natürlich auch ihre Geschenke weise und hatten vielleicht den Vorzug, umgetauscht werden zu können, falls es Dubletten gab.

 

Und hier habe ich euch nun schlecht und recht die ereignislose Geschichte von zwei törichten Kindern in einer möblierten Wohnung erzählt, die höchst unweise die größten Schätze ihres Hauses für einander opferten. Doch mit einem letzten Wort sei den heutigen Weisen gesagt, dass diese beiden die weisesten aller Schenkenden waren. Von allen, die Geschenke geben und empfangen, sind sie die weisesten. Überall sind sie die weisesten. Sie sind die wahren Weisen.“

RUDOLPH, DAS RENTIER MIT DER ROTEN NASE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hoch oben im Norden, wo die Nächte dunkler und länger und der Schnee viel weißer ist als in unseren Breitengraden, sind die Rentiere beheimatet. In jedem Jahr geht der Weihnachtsmann dort auf die Suche nach den stärksten und schnellsten Tieren, um seinen gewaltigen Schlitten durch die Luft zu befördern. In dieser Gegend lebte eine Rentierfamilie mit ihren fünf Kindern.. Das Jüngste hörte auf den Namen Rudolph und war ein besonders lebhaftes und neugieriges Kind, das seine Nase in allerlei Dinge steckte. Tja, und diese Nase hatte es wirklich in sich. Immer, wenn das kleine Rentier-Herz vor Aufregung ein bisschen schneller klopfte, leuchtete sie so rot wie die glühende Sonne kurz vor dem Untergang. Egal, ob er sich freute oder zornig war, Rudolphs Nase glühte in voller Pracht. Seine Eltern und Geschwister hatten ihren Spaß an der roten Nase, aber schon im Rentierkindergarten wurde sie zum Gespött der vierbeinigen Racker. "Das ist der Rudolph mit der roten Nase", riefen sie und tanzten um ihn herum, während sie mit ihren kleinen Hufen auf ihn zeigten. Und dann erst in der Rentierschule! Die Rentier-Kinder hänselten ihn wo sie nur konnten. Mit allen Mitteln versuchte Rudolph seine Nase zu verbergen, indem er sie mit schwarzer Farbe übermalte. Spielte er mit den anderen verstecken, freute er sich, dass er diesmal nicht entdeckt worden war. Und im gleichen Moment begann seine Nase so zu glühen, dass die Farbe abblätterte. Ein anderes Mal stülpte er sich eine schwarze Gummikappe darüber. Nicht nur, dass er durch den Mund atmen musste. Als er auch noch zu sprechen begann, klang es als säße eine Wäscheklammer auf seiner Nase. Seine Mitschüler hielten sich die Rentier-Bäuche vor Lachen, aber Rudolph lief nach Hause und weinte bitterlich. "Nie wieder werde ich mit diesen Blödhufenspielen", rief er unter Tränen, und die Worte seiner Eltern und Geschwister konnten ihn dabei nur wenig trösten.

 

Die Tage wurden kürzer und wie in jedem Jahr kündigte sich der Besuch des Weihnachtsmannes an. In allen Rentier-Haushalten wurden die jungen und kräftigen Burschen herausgeputzt. Ihre Felle wurden so lange gestriegelt und gebürstet bis sie kupfernfarben schimmerten, die Geweihe mit Schnee geputzt bis sie im fahlen Licht des nordischen Winters glänzten. Und dann war es endlich soweit. Auf einem riesigen Platz standen Dutzende von Rentieren, die ungeduldig und nervös mit den Hufen scharrten und schaurig-schöne Rufe ausstießen, um die Mitbewerber zu beeindrucken. Unter ihnen war auch Rudolph, an Größe und Kraft den anderen Bewerbern zumeist deutlich überlegen. Pünktlich zur festgelegten Zeit landete der Weihnachtsmann aus dem nahegelegenen Weihnachtsdorf, seiner Heimat, mit seinem Schlitten, der diesmal nur von Donner, dem getreuen Leittier gezogen wurde. Leichter Schnee hatte eingesetzt und der wallende rote Mantel war mit weißen Tupfern übersät. Santa Claus machte sich sofort an die Arbeit, indem er jedes Tier in Augenschein nahm. Immer wieder brummelte er einige Worte in seinen langen weißen Bart. Rudolph kam es wie eine Ewigkeit vor. Als die Reihe endlich bei ihm angelangt war, glühte seine Nase vor Aufregung fast so hell wie die Sonne. Santa Claus trat auf ihn zu, lächelte freundlich und - schüttelte den Kopf. "Du bist groß und kräftig. Und ein hübscher Bursche dazu ", sprach er, "aber leider kann ich dich nicht gebrauchen. Die Kinder würden erschrecken, wenn sie dich sähen." Rudolphs Trauer kannte keine Grenzen. So schnell er konnte, lief er hinaus in den Wald und stampfte brüllend und weinend durch den tiefen Schnee.

 

Die Geräusche und das weithin sichtbare rote Licht lockten eine Elfe an. Vorsichtig näherte sie sich, legte ihre Hand auf seine Schulter und fragte : "Was ist mit dir?" "Schau nur, wie meine Nase leuchtet. Keiner braucht ein Rentier mit einer roten Nase!" antwortete Rudolph. "Das kenne ich", sprach die Elfe, "ich würde gerne im Weihnachtsdorf mit den anderen Elfen arbeiten. Aber immer, wenn ich aufgeregt bin, beginnen meine Ohren zu wackeln. Und wackelnde Ohren mag Santa Claus nicht." Rudolph blickte auf, wischte sich mit den Hufen die Tränen aus den Augen und sah eine bildhübsche Elfe, deren Ohren im Rhythmus eines Vogelschlags hin und her wackelten. "Mein Name ist Herbie", sagte sie schüchtern. Und während sie sich so in die Augen sahen, der eine mit einer leuchtend roten Nase, die andere mit rhythmisch wackelnden Ohren, prusteten sie urplötzlich los und lachten bis ihnen die Bäuche weh taten. An diesem Tag schlossen sie Freundschaft schwatzten bis in die Nacht und kehrten erst am frühen Morgen heim.

Mit Riesenschritten ging die Zeit auf Weihnachten zu. Herbie und Rudolph trafen sich in dieser Zeit viele Male im Wald. Alle waren mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest so beschäftigt, dass sie nicht bemerkten, wie sich das Wetter von Tag zu Tag verschlechterte. Am Vorabend des Weihnachtstages übergab die Wetterfee Santa Claus den Wetterbericht. Mit sorgenvoller Miene blickte er zum Himmel und seufzte resigniert : "Wenn ich morgen anspanne, kann ich vom Kutschbock aus noch nicht einmal die Rentiere sehen. Wie soll ich da den Weg zu den Kindern finden?" In dieser Nacht fand Santa Claus keinen Schlaf. Immer wieder grübelte er über einen Ausweg nach. Schließlich zog er Mantel, Stiefel und Mütze an, spannte Donner vor seinen Schlitten und machte sich auf den Weg zur Erde. "Vielleicht finde ich dort eine Lösung", dachte er.

 

Während seines Fluges begann es in dichten Flocken zu schneien. So dicht, dass Santa Claus kaum etwas sehen konnte. Lediglich ein rotes Licht unter ihm leuchtete so hell, dass ihm der Schnee wie eine riesige Menge Erdbeereis vorkam. Santa Claus liebte Erdbeereis. "Hallo", rief er, "was hast du für eine hübsche und wundervolle Nase! Du bist genau der, den ich brauche. Was hältst du davon, wenn du am Weihnachtstag vor meinem Schlitten herläufst und mir so den Weg zu den Kindern zeigst?" Als Rudolph die Worte des Weihnachtsmannes hörte, fiel ihm vor Schreck der Tannenbaum zu Boden und seine Nase glühte so heftig wie noch nie in seinem Leben. Vor lauter Freude fehlten ihm die Worte. Erst langsam fand er seine Fassung wieder. "Natürlich furchtbar gerne. Ich freu' mich riesig." Doch plötzlich wurde er sehr traurig. "Aber wie finde ich den Weg zurück zum Weihnachtsdorf, wenn es so dicht schneit?" Im gleichen Moment, in dem er die Worte aussprach, kam ihm eine Idee. "Bin gleich wieder da", rief er, während er schon in schnellem Galopp auf dem Weg in den Wald war und einen verdutzten Santa Claus zurückließ. Wenige Minuten später kehrten ein Rentier mit einer glühenden Nase und eine Elfe mit wackelnden Ohren aus dem Wald zurück. "Sie wird uns führen, Santa Claus", sagte Rudolph voller Stolz und zeigte auf Herbie. "Mit ihren Ohren hält sie uns den Schnee vom Leibe. Und sie kennt den Weg." "Das ist eine prachtvolle Idee", dröhnte Santa Claus. "Aber jetzt muss ich zurück. Auf morgen dann."

Und so geschah es, dass Santa Claus am Weihnachtstag von einem Rentier mit einer roten Nase und einer Elfe mit wackelnden Ohren begleitet wurde. Rudolph wurde für seine treuen Dienste am nächsten Tag von allen Rentieren begeistert gefeiert. Den ganzen Tag tanzten sie auf dem großen Marktplatz und sangen dazu : "Rudolph mit der roten Nase, du wirst in die Geschichte eingehen." Und es muss jemanden gegeben haben, der Santa Claus und seine beiden Helfer beobachtet hat. Sonst gäbe es sie heute nicht, die Geschichte von Rudolph mit der roten Nase.

 

von Monika Schüssler

DER CHRISTBAUMSTÄNDER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beim Aufräumen des Dachbodens - ein paar Wochen vor Weihnachten -entdeckte ein Familienvater in einer Ecke einen ganz verstaubten, uralten Weihnachtsbaumständer. Es war ein besonderer Ständer mit einem Drehmechanismus und einer eingebauten Spielwalze. Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied "O du fröhliche" erkennen. Das musste der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählte, wenn die Weihnachtszeit herankam. Das Ding sah zwar fürchterlich aus, doch da kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Wie würde sich Großmutter freuen, wenn sie am Heiligabend vor dem Baum säße und dieser sich auf einmal wie in uralter Zeit zu drehen begänne und dazu "O du fröhliche" spielte. Nicht nur Großmutter, die ganze Familie würde staunen. Es gelang ihm, mit dem antiken Stück ungesehen in seinen Bastelraum zu verschwinden. Gut gereinigt, eine neue Feder, dann müsste der Mechanismus wieder funktionieren, überlegte er. Abends zog er sich jetzt geheimnisvoll in seinen Hobbyraum zurück, verriegelte die Tür und werkelte. Auf neugierige Fragen antwortete er immer nur "Weihnachtsüberraschung".

 

Kurz vor Weihnachten hatte er es geschafft. Wie neu sah der Ständer aus, nachdem er auch noch einen Anstrich erhalten hatte. Jetzt aber gleich los und einen prächtigen Christbaum besorgen, dachte er. Mindestens zwei Meter sollte der messen. Mit einem wirklich schön gewachsenen Exemplar verschwand Vater dann in seinem Hobbyraum, wo er auch gleich einen Probelauf startete. Es funktionierte alles bestens. Würde Großmutter Augen machen! Endlich war Heiligabend. "Den Baum schmücke ich alleine", tönte Vater. So aufgeregt war er lange nicht mehr. Echte Kerzen hatte er besorgt, alles sollte stimmen. "Die werden Augen machen", sagte er bei jeder Kugel, die er in den Baum hing. Vater hatte wirklich an alles gedacht. Der Stern von Bethlehem saß oben auf der Spitze, bunte Kugeln, Naschwerk und Wunderkerzen waren untergebracht, Engelhaar und Lametta dekorativ aufgehängt.

 

Die Feier konnte beginnen. Vater schleppte für Großmutter den großen Ohrensessel herbei. Feierlich wurde sie geholt und zu ihrem Ehrenplatz geleitet. Die Stühle hatte er in einem Halbkreis um den Tannenbaum gruppiert. Die Eltern setzten sich rechts und links von Großmutter, die Kinder nahmen außen Platz. Jetzt kam Vaters großer Auftritt. Bedächtig zündete er Kerze für Kerze an, dann noch die Wunderkerzen. "Und jetzt kommt die große Überraschung", verkündete er, löste die Sperre am Ständer und nahm ganz schnell seinen Platz ein. Langsam drehte sich der Weihnachtsbaum, hell spielte die Musikwalze "O du fröhliche". War das eine Freude! Die Kinder klatschten vergnügt in die Hände. Oma hatte Tränen der Rührung in den Augen. Immer wieder sagte sie: "Wenn Großvater das noch erleben könnte, dass ich das noch erleben darf." Mutter war stumm vor Staunen.

Eine ganze Weile schaute die Familie beglückt und stumm auf den sich im Festgewand drehenden Weihnachtsbaum, als ein schnarendes Geräusch sie jäh aus ihrer Versunkenheit riss. Ein Zittern durchlief den Baum, die bunten Kugeln klirrten wie Glöckchen. Der Baum fing an, sich wie verrückt zu drehen. Die Musikwalze hämmerte los. Es hörte sich an, als wollte "O du fröhliche" sich selbst überholen. Mutter rief mit überschnappender Stimme: "So tu doch etwas!" Vater saß wie versteinert, was den Baum nicht davon abhielt, seine Geschwindigkeit zu steigern. Er drehte sich so rasant, dass die Flammen hinter ihren Kerzen herwehten. Großmutter bekreuzigte sich und betete. Dann murmelte sie: "Wenn das Großvater noch erlebt hätte."

 

Als Erstes löste sich der Stern von Bethlehem, sauste wie ein Komet durch das Zimmer, klatschte gegen den Türrahmen und fiel dann auf Felix, den Dackel, der dort ein Nickerchen hielt. Der arme Hund flitzte wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer in die Küche, wo man von ihm nur noch die Nase und ein Auge um die Ecke schielen sah. Lametta und Engelhaar hatten sich erhoben und schwebten wie ein Kettenkarussell am Weihnachtsbaum. Vater gab das Kommando "Alles in Deckung!" Ein Rauschgoldengel trudelte losgelöst durchs Zimmer, nicht wissend, was er mit seiner plötzlichen Freiheit anfangen sollte. Weihnachtskugeln, gefüllter Schokoladenschmuck und andere Anhängsel sausten wie Geschosse durch das Zimmer und platzten beim Aufschlagen auseinander. Die Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gefunden. Vater und Mutter lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den Armen schützend. Mutter jammerte in den Teppich hinein: "Alles umsonst, die viele Arbeit, alles umsonst!" Vater war das alles sehr peinlich.

 

Oma saß immer noch auf ihrem Logenplatz, wie erstarrt, von oben bis unten mit Engelhaar und Lametta geschmückt. Ihr kam Großvater in den Sinn, als dieser 14-18 in den Ardennen in feindlichem Artilleriefeuer gelegen hatte. Genau so musste es gewesen sein. Als gefüllter Schokoladenbaumschmuck an ihrem Kopf explodierte, registrierte sie trocken "Kirschwasser" und murmelte: "Wenn Großvater das noch erlebt hätte!" Zu allem jaulte die Musikwalze im Schlupfakkord "O du fröhliche", bis mit einem ächzenden Ton der Ständer seinen Geist aufgab. Durch den plötzlichen Stopp neigte sich der Christbaum in Zeitlupe, fiel aufs kalte Buffet, die letzten Nadeln von sich gebend. Totenstille! Großmutter, geschmückt wie nach einer New Yorker Konfettiparade, erhob sich schweigend. Kopfschüttelnd begab sie sich, eine Lamettagirlande wie eine Schleppe tragend, auf ihr Zimmer. In der Tür stehend sagte sie: "Wie gut, dass Großvater das nicht erlebt hat!" Mutter, völlig aufgelöst zu Vater: "Wenn ich mir diese Bescherung ansehe, dann ist deine große Überraschung wirklich gelungen." Andreas meinte: "Du, Papi, das war echt stark! Machen wir das jetzt Weihnachten immer so?"

Verfasser unbekannt

EINE KLEINE WEIHNACHTSGESCHICHTE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie in jedem Jahr am 1. Dezember kam auch in diesem Jahr der Weihnachtsengel zu Gott, um mit ihm über die bevorstehende Weihnachtszeit zu reden. Doch diesmal war irgend etwas anders. Gott machte so ein finsteres Gesicht, wo er doch sonst die Freundlichkeit in Person war. Der Weihnachtsengel ging also hin und fragte was los ist. Gott lief hin und her. Dann sagte er " Ich weiß gar nicht, wie ich es dir beibringen soll, du wirst in diesem Jahr nicht auf der Erde die Weihnachtsvorbereitungen leiten. Du wirst hier bleiben und die himmlische Weihnacht zusammen mit den anderen Engeln vorbereiten. Der Weihnachtsengel wurde sehr traurig und wollte wissen warum. Da sagte Gott zu ihm "Die Menschen haben den Glauben, die Nächstenliebe und die Hilfsbereitschaft verloren und nach der Weihnachtsbotschaft braucht man erst gar nicht zu fragen." Der Weihnachtsengel entgegnete darauf: "Aber doch nicht alle Menschen. Lass mich wenigstens zu denen gehen, die noch daran glauben". Gott aber hatte schon was anderes beschlossen: "Es sind schon über 75%, die nur noch an ihr eigenes Wohl denken. Ich muss jetzt den Menschen eine Lektion erteilen." "Wie willst du das denn machen?" fragte der Weihnachtsengel. "Nun, ich werde sie einfach so weiter machen lassen, aber ohne deine Unterstützung in der Weihnachtszeit" antwortete Gott. "Was soll das denn bringen?" wollte da der Weihnachtsengel wissen. "Das wirst du bald sehen" erwiderte Gott darauf.

 

Und Gott hatte Recht! Bald darauf wurde es immer kälter in den Herzen der Menschen. Niemand war mehr da, der dem Herz mal einen Ruck gab, um einem anderen Menschen zu helfen. Alle dachten nur noch an sich selbst. Nachts konnte man sich nicht mehr auf die Straße trauen. Obdachlose haben sich zusammengerottet, um Leute zu überfallen, weil keiner mehr etwas Spendete und zu Essen hatten sie auch nichts. 

Beim Weihnachtsengel, der im Himmel geblieben war, wollte keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen. Er grübelteständig über die Situation auf der Erde nach und er wusste, dass er etwas unternehmen musste. Es waren doch noch die anderen Menschen da, die an das Gute im Menschen glaubten. Der Weihnachtsengel beschloss sich heimlich, zu ihnen auf die Erde, zu begeben. Er machte sich sofort auf den Weg. Im Himmel war er sowieso zu nichts nütze wenn er missmutig war. Doch als er auf der Erde ankam musste er feststellen, dass auch die letzten aufrechten Menschen ihre Gesinnung geändert haben. Das traf ihn hart. Was Gott da vorhatte, dachte er, kann Jahrzehnte dauern ehe die Menschen mal zur Besinnung kommen und sich daran erinnern, wie schön doch das Gefühl war, jemandem geholfen zu haben. Er hatte schon jegliche Hoffnung aufgegeben und wollte mit hängenden Flügeln gen Himmel ziehen. Da erinnerte er sich an eine Familie, die weit draußen im Wald wohnte und vielleicht von der ganzen Herzenskälte nicht angesteckt worden war.

 

Es keimte in ihm ein Fünkchen Hoffnung auf und er machte sich auf den Weg zum Wald. Unterwegs musste er über Wiesen, Felder und Wälder fliegen. Auf einer Lichtung traf er Mutter Natur. Sie wirkte sehr beschäftigt. Dem Weihnachtsengel kam eine Idee. ´Ich werde Mutter Natur um Rat fragen,` dachte er, ´die weiß immer einen Ausweg.` Also flog er runter und schilderte ihr die Situation. Daraufhin sagte Mutter Natur " Ich werde mir etwas einfallen lassen, wenn ich hier fertig bin. Die Natur leidet ebenfalls unter der Hartherzigkeit der Menschen. Zuerst muss ich aber ein Tauwetter machen, denn sonst kommen die Tiere nicht mehr an das Futter ran und müssen verhungern, weil die Menschen ihnen nichts mehr bringen . Aber es darf nicht zu warm werden, weil sonst  die Winterschläfer aufwachen". "Na gut", sagte der Weihnachtsengel, "ich werde erst die Einsiedler besuchen." Und er flog über den Wald. Als er zum Haus der Einsiedlerfamilie kam und durch das Fenster blickte, sah er, dass der Vater sich gerade um ein krankes Reh kümmerte. Er freute sich darüber so sehr, das er am liebsten in der Luft ein paar Loopings geflogen wäre. Nun wusste er: Hier ist alles in bester Ordnung!! Das gibt Hoffnung und Mutter Natur weiß bestimmt, was zu tun ist.

 

Kaum hatte er das gedacht, da tippte sie ihm schon von hinten an die Flügel. "Mir ist da was

in den Sinn gekommen," sagte sie "aber für die Menschen wird es sehr hart werden. Dafür werden sie hinterher wieder die Nächstenliebe in Person sein und einander helfen wo es nur geht." "Na dann erzähl mal!" sagte der Weihnachtsengel und Mutter Natur erzählte ihm von einem Plan. Sie wolle große Unwetter, Hochwasser und Stürme über die Menschen schicken. "Nur wenn die Menschen ihr gesamtes  Hab und Gut verlieren und ihnen nur noch das nackte Leben bleibt, werden sie zur Besinnung kommen und sich gegenseitig helfen. Der Weihnachtsengel überlegte kurz und sagte dann " Das könnte hinhauen, aber irgend wie müssen wir Gott noch davon überzeugen." "Mach dir darüber mal keine Sorgen," sagte Mutter Natur " Gott ist wie mein großer Bruder. Den wickle ich um meinen kleinen Finger". Gesagt, getan: Gott hörte sich den Vorschlag an und willigte ein, weil auch die anderen Engel im Himmel zu rebellieren anfingen. Gott und Mutter Natur machten sich gemeinsam daran die Unwetter zu schaffen und der Weihnachtsengel durfte wieder die Herzen der Menschen anstuppsen, wenn sie zauderten, zu helfen. So hatten die Menschen in diesem Jahr durch ihre eigene Schuld, eine sehr ärmliche Weihnacht. Das war ihnen aber egal, weil sie sich gegenseitig gerettet hatten. Sie haben ihre Liebe wieder zueinander gefunden. Und das ist doch das Wichtigste ! Der Weihnachtsengel war zufrieden.Gott, Mutter Natur und er mit all den anderen Engeln im Himmel feierten daraufhin das fröhlichste Weihnachtsfest, das sie jemals zusammen gefeiert hatten.

 

Autor: Bernd Schmidt

ST. NIKOLAUS, DIE GESCHICHTE EINES BISCHOFS...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal vor langer Zeit, da lebte in der reichen Stadt Patara ein Junge. Er hörte auf den Namen Nikolaus. Die Eltern von Nikolaus sind an einer bösen Krankheit früh verstorben. Der Junge weinte Tag und Nacht, um seine Eltern. Nikolaus erbte sehr großen Reichtum: Gold, Silber, Edelsteine, Schlösser, Paläste und Ländereien. Auch Schafe, Pferde, Esel und noch ein paar andere Tiere gehörten ihm. Außerdem hatte er  viele Untertanen, die sich um ihn kümmerten. Nikolaus war trotzdem sehr traurig und konnte sich über seinen Reichtum nicht freuen. Deshalb wollten ihn seine Untertanen aufmuntern. Der Hofmeister bot sich an, ihm seine Schlösser zu zeigen. Der Stallmeister wollte mit Nikolaus auf den schönsten Pferden durch die Ländereien reiten. Der Küchenmeister machte den Vorschlag, er könne doch für alle reichen Kinder der Stadt ein köstliches Essen zubereiten. Doch Nikolaus wollte von dem allem nichts wissen. Seine Traurigkeit wurde immer schlimmer, so das auch seine Tiere es deutlich spürten, dass er sehr traurig war. Sie drängten sich zu ihm, um ihn zu trösten. Vom Weinen müde geworden, wollte er sich schlafen legen. Ungeschickt stieß er mit dem Fuß an einen Tonkrug in dem viele Schriftrollen steckten. Der Krug zerbrach. Die Schriftrollen verteilten sich auf dem glänzenden Boden. Nikolaus ergriff eine der Schriftrollen und begann zu lesen. "Da war ein reicher Mann, der lebte herrlich und in Freuden. Und da war aber auch ein armer Mann, der lag hungernd vor seiner Tür und wollte nur Brosamen, die dem Reichen vom Tische fielen. Doch dieser gönnte es dem Armen nicht. Als der arme Mann starb, wurde er von den Engeln in den Himmel getragen. Auch der Reiche starb. Doch es kamen keine Engel, um ihn zu holen".

 

Gleiche ich nicht dem reichen Mann in der Geschichte, dachte sich Nikolaus. Ich bin schön gekleidet, lebe in Saus und Braus. Ich habe alles, was man sich erträumt. Die Bettler draußen vor dem Stadttor sehe ich nicht. Morgen werde ich mein Leben ändern. Ich werde früh aufstehen und mich dort umsehen. Am Morgen schlich sich Nikolaus aus dem Palast hinaus. Hinter dem Stadttor fand er die Ärmsten der Stadt. Sie waren zerlumpt, hungrig und krank. Die Not und das Elend waren sehr groß. Als sie Nikolaus erblickten, streckten sie ihm die Hände entgegen. Nikolaus wollte in die Tasche greifen, aber an seinen bestickten Kleidern gab es keine Taschen. Flink löste er seine schwere Goldkette vom Hals. Er zog sich den Goldring vom Finger und gab den Armen den wertvollen Schmuck. Danach schlüpfte Nikolaus aus dem Obergewand, dem bunten Rock, den Sandalen und verschenkte auch noch seine Kleidung. Es wurde Nikolaus warm ums Herz. Glücklich ging er nach Hause. Nun war Nikolaus wieder fröhlich. Am nächsten Tag trug Nikolaus dem Hofschneider auf, auf seine Kleider große Taschen aufzunähen. Vergnügt schlüpfte er in seinen weiten, roten Mantel. Er füllte seine Taschen mit Nüssen, Äpfel und Mandarinen. Abends schlich er sich wieder aus dem Palast. Er ging zu den Armen und verteilte alles. So beschenkte Nikolaus nun fast jeden Tag die Armen der Stadt. Seine lang andauernde Traurigkeit war vorbei.

 

Als Nikolaus zwölf Jahre alt wurde, besuchte er eine Schule, die weit von seinem Palast entfernt war. Berühmte Lehrer unterrichteten ihn und unterwiesen ihn in der Heiligen Schrift. Wo er jedoch Not und Elend sah, gab er mit vollen Händen. Das machte er aber weiterhin im Verborgenen. Als er einmal zum Gottesdienst in der Kirche war, wurden die Worte von Jesus Christus verlesen, wie er zu einem reichen Jüngling gesagt hatte: "Willst du mir angehören, so verschenke alles was dir gehört an die Armen". Über diese Worte hatte Nikolaus oft nachgedacht. Sie ließen ihn nicht mehr los. Er rief den Haushofmeister, befahl ihm Geld und Gut an die Armen zu verteilen. Nikolaus wollte sich ins Heilige Land aufmachen, wo unser Herr Jesus gelebt hatte. Auf seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land, litt Nikolaus oft große, unvorstellbare Not. Er wurde verletzt, er hatte kaum was zu Essen und zu Trinken. Bei allem Hunger blieb er aber stets fröhlich. Er zog durch das Land und predigte das Wort Gottes. Den Kindern erzählte er Geschichten aus der Bibel.

 

Eines Tages kehrte er in seine Heimat zurück. In Myra war vor einiger Zeit der alte Bischof gestorben. Als die Leute Nikolaus sahen, fragten sie ihn, wer er sei. "Ich bin Nikolaus ein Diener Christi", antwortete er. Die Leute führten Nikolaus ins Gotteshaus und ernannten ihn zum Bischof. Als er wieder ins Freie trat, erblickte Nikolaus seinen alten, grauen Esel vor der Tür angebunden. Von da an wurde der Esel sein treuer Begleiter. Nikolaus sorgte für die Gläubigen wie ein Hirte für seine Schafherde. In Zeiten der Gefahr predigte er den Christen an einsamen Orten und stärkte sie im Glauben. An seinem Geburtstag kleidete sich Nikolaus in seinen kostbaren Bischofsmantel und nahm den Hirtenstab in die Hand. Seinen Esel belud er mit einem schweren Sack. Der Sack war mit Leckereien, wie Nüssen, Mandarinen, Äpfel und Honigkuchen gefüllt. Nikolaus ging durch die Strassen und verteilte die Gaben. Diesen Tag machte er zu einem großen Fest. Das hielt er bei, bis ins hohe Alter. Als die Stunde kam, da Gott ihn heimholen wollte, fiel ihm nur eines schwer, sich von seinen Kindern zu trennen. Der Bischof Nikolaus starb am 6. Dezember 352. Zum Andenken an den Bischof Nikolaus wird heute noch der Nikolaustag gefeiert. Er kündigt als Vorbote das Weihnachtsfest an.

 

Diese überlieferte Nikolauslegende wurde aufbereitet von:

© 2003 Sylvia Müller

© 2011 Günter Fellner (Überarbeitung)

Morgen kommt der Weihnachtsmann ...

DIE GESCHICHTE VOM MÜDEN WEIHNACHTSMANN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein Tag vor Weihnachten, die Kinder auf der ganzen Welt hatten sich für den Heiligabend so einiges einfallen lassen, um den Weihnachtsmann mit Gedichten und Liedern zu erfreuen, denn er brachte ihnen Geschenke und so mancherlei süße Leckereien.

Doch dieses Mal war alles anders.

Hoch oben, in der Weihnachtsmannwolke, wo sonst der Weihnachtsmann mit seinen kleinen Weihnachtselfen fleißig und emsig arbeitete, herrschte unheimliche Stille. Der große Sack, der eigentlich schon fertig gefüllt sein sollte mit all den Geschenken für die artigen Kinder unten auf der Erde, lag leer vor dem Bett des Weihnachtsmanns, und dieser lag darin und schlief tief und fest.

 

Keiner der kleinen Helfer war in der Lage den schnarchenden Weihnachtsmann zu wecken. Sie rüttelten ihn, schüttelten ihn und schlugen mit Hölzern auf die Suppentöpfe, aber alles vergebens, der Weihnachtsmann wollte nicht wach werden.

Als man nun endlich den Weihnachtselfenprinz um Hilfe und Rat fragte, kam dem der rettende Gedanke: „Wenn wir nicht in der Lage sind den Weihnachtsmann zu wecken, müssen wir einen anderen bitten, der die morgigen Arbeiten für ihn übernimmt. Aber wer könnte das sein, wer war in der Lage den schweren Sack zu tragen und wer konnte den Weihnachtsschlitten herunter zur Erde führen?

Alle überlegten angestrengt. Einer der Elfen rief: “Und wenn wir Weihnachten dieses Jahr ausfallen lassen würden?“ Ein anderer meinte: „Wir könnten Weihnachten auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, solange, bis der Weihnachtsmann aufgewacht ist,“ aber alle diese Vorschläge lehnte der Prinz ab.

„Weihnachten muss stattfinden“, sagte er nachdenklich, „die Kinder warten unten auf der Erde und wären furchtbar traurig, wenn sie keine Geschenke erhielten.“

Der kleinste der Weihnachtselfen rief ganz aufgeregt: „Fragen wir doch den Osterhasen, ob er für den Weihnachtsmann einspringen kann.“ „Das ist eine prima Idee“, riefen alle durcheinander, „ja, fragen wir den Osterhasen.“

Der Elfenprinz nickte zustimmend und erteilte dem Kleinsten den Auftrag schnell zur Osterhasenwolke zu eilen, und den Hasen zu fragen, ob er die Weihnachtsgeschenke an die Kinder verteilen möchte.

Gesagt, getan. Eiligst machte sich der kleine Elf auf den Weg und erreichte bald die Wolke, wo der Osterhase zu Hause war.

„Ich bin doch viel zu klein und auch viel zu schwach, um den großen Sack vom Weihnachtsmann zu tragen“, sagte verwundert der Osterhase.

„Aber wenn wir Elfen alle mit anfassen und dir somit die große Last erleichtern, müsste das doch machbar sein“, erwiderte der Kleine, „denke doch nur an die vielen Kinder, wie traurig sie wären, wenn du an den Ostertagen deine schönen, bunten Ostereier nicht verstecken würdest“.

„Das leuchtet mir ein,“ sprach der Hase nachdenklich, „also machen wir uns sofort ans Werk, denn die Zeit drängt.“

Unten auf der Erde war die Nacht hereingebrochen, und die Menschen schliefen tief und fest, als der kleine Weihnachtself mit dem Osterhasen die Weihnachtswolke erreichte. Alle begrüßten den Hasen auf herzlichste und bedankten sich bei ihm für seine Hilfsbereitschaft.

„Hurtig, hurtig,“ rief der Elfenprinz, „bis heute Abend muss alles erreicht sein. Der Sack muss gefüllt werden, und das Gewand vom Weihnachtsmann muss mit Nadel und Faden für unseren Helfer auf die passende Größe geändert werden.“

Alle Weihnachtselfen eilten hin und her, einige füllten den Sack des Weihnachtsmannes, andere machten sich an dem purpurroten Mantel zu schaffen, und der Rest polierte den himmlischen Weihnachtsschlitten auf Hochglanz.

Als alles fertig war, schauten sie sich zufrieden ihr Werk an. Der Osterhase sah prima aus in seinem weihnachtlichen Gewand, der Sack war prall mit all den Gaben für die Kinder gefüllt, und zwanzig Rentiere, mit silbernen und goldenen Glöckchen geschmückt, waren vor den Schlitten gespannt.

Der Osterhase schwang sich auf das Gefährt und fuhr mit hundert kleinen Helfern von der Weihnachtswolke in Richtung Erde. Von Ferne hörte man noch die kleinen Glöckchen klingeln und den Hasen freudig rufen: „Juchhu, ich bin der Weihnachtsosterhase und komme zu euch, um meine Geschenke zu überbringen.“

 

Bis alle Kinder beschenkt waren hatten sie alle Hände voll zu tun, und keiner von ihnen bemerkte, dass unter dem Gewand gar nicht der Weihnachtsmann steckte, sondern der Osterhase. Brav wurden Gedichte aufgesagt und die schönsten Weihnachtslieder gesungen, freudig die Geschenke übergeben auch ebenso ausgepackt wie bestaunt. Alles schien wie immer, ein jeder war glücklich und zufrieden.

Als die Arbeit auf der Erde für den Hasen und seine Helfer beendet war, ging es mit dem Schlitten wieder in Richtung Himmel, zurück zur Weihnachtswolke.

Dort lag der Weihnachtsmann noch immer in seinem Bett und schnarchte laut vor sich hin.

Aber die Weihnachtselfen und der kleine Osterhase waren sehr glücklich darüber, dass die Kinder doch noch rechtzeitig beschenkt werden konnten, auch wenn sie wegen dem verschlafenen Weihnachtsmann einen Trick anwenden und somit etwas schummeln mussten. Dieser aber sollte nicht ungestraft davonkommen. Der Elfenprinz und der Osterhase schmiedeten einen Plan, der für den Weihnachtsmann nicht ohne Folgen sein sollte. Er selber sollte, wenn die Osterfeiertage anfingen, statt des Hasen nun die Ostereier verteilen und verstecken.

Als der Weihnachtsmann nun endlich aufwachte und er seinen Schlaf gähnend aus den Augen rieb, hörte er von den Elfen, dass er Weihnachten verschlafen hatte und der Osterhase seine Arbeit verrichten musste.

„Ist ja nicht so schlimm“, gähnte der Verschlafene, „dann bin ich nächstes Jahr wieder pünktlich zur Stelle“.

„Nein, so einfach kommst du mir nicht davon“, sagte böse und enttäuscht der Elfenprinz, „zur Strafe wirst du Ostern zur Erde herabfahren und die Arbeit des Osterhasen übernehmen. Du wirst alle Eier schön bunt bemalen und sie unter jedem Baum und Strauch verstecken, damit die Kinder danach suchen können.“

Der Weihnachtsmann gehorchte zähneknirschend, und als die warme Osterzeit heran brach, sah man ihn schwitzend in seinem dicken roten Weihnachtsmantel auf allen vieren mit einem kleinen Körbchen voller bunter Ostereier von Gebüsch zu Gebüsch krabbeln.

 

„Oh wie ist mir das peinlich, oh wie schäme ich mich“, murmelte der Weihnachtsmann immer wieder vor sich hin und schwor sich für die Zukunft, nie mehr so lange zu schlafen und immer zur Weihnachtszeit pünktlich aufzustehen und fleißig seinen weihnachtlichen Aufgaben gerecht zu werden.

 

ENDE

 

Copyright: GiTo

DER SCHNEEMANN UND DIE SCHNEEKÖNIGIN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war bitterkalt. Der Winter machte seinem Namen alle Ehre. Seit Stunden schneite es. Der kleine Paul und seine Schwester Marie drückten ihre Näschen an die Fensterscheibe und schauten dem Schneetreiben mit großem Interesse zu. Sie nahmen sich vor, morgen früh, nach dem Aufstehen einen riesengroßen Schneemann zu bauen. Sie gingen zu Bett, wünschten sich eine gute Nacht und schliefen dann auch bald ein.

 

Als der Morgen erwachte, aßen sie schnell ihr Frühstück und machten sich eilig daran im Vorgarten ihren Plan in die Tat umzusetzen. Sie formten einen Schneeball und rollten ihn solange in dem Schnee hin und her, bis der immer größer und immer größer wurde. Das taten sie genau drei mal. Eine große Kugel war für den Kopf bestimmt, die zweite für den Oberkörper und die letzte und größte Kugel war dann der Unterkörper von ihrem Schneemann. Sie setzten alle drei übereinander und schauten sich ihr Werk an. Ja, er sah schon ganz stattlich aus, aber es fehlte noch die Hauptsache. Marie eilte in die Küche und Paul in den Keller. Ganz feierlich drückte Marie eine Karotte in die oberste Kugel und siehe da, die Nase vom Schneemann war fertig. Der kleine Paul, der aus dem Keller kleine Kohlenstückchen geholt hatte, drückte ihm damit Mund und Augen ins Gesicht. Oh, war ihr Schneemann schön. Damit er auch nicht zu sehr fror, spendierte Paul ihm seinen grünen Schal, und Marie trennte sich vorübergehend von ihrer heißgeliebten Pudelmütze.

 

Die Mutter der beiden trat vor das Haus und lachte: „Prima habt ihr das gemacht. Ein wunderschöner Schneemann. Hier habt ihr einen Besen, den könnt ihr eurem Schneemann in die Hand drücken, dann hat er noch zusätzlich etwas Halt.“ Sie gab ihren beiden Kindern einen alten, ausrangierten Besen und ging dann wieder an ihre Hausarbeit.

Paul und Marie faßten sich an den Händen und hüpften singend um ihren weißen Mann herum und sangen ihre schönsten Kinderlieder.

Am Abend, vor dem Zubettgehen, schauten sie ihren Schneemann noch einmal an, wünschten ihm eine gute Nacht und huschten dann unter ihre warme Zudecke. Marie sagte zu Paul: „Wir brauchen noch einen Namen für unseren Schneemann.“ „Hm,“ murmelte Paul nachdenklich, „wie wäre es mit Ferdinand?“

„Gut,“ sagte Marie, „nennen wir ihn Ferdinand,“ und schlief zufrieden ein.

 

Draußen stand nun der Schneemann. Es war stockfinstere Nacht. Der Schnee rieselte vom Himmel als wollte er nie aufhören. Ferdinand schaute sich um, und

überlegte, was er nun so alleine anstellen könnte. Er schaute auf seinen Besen und dachte sich: „Ich kann den Kindern eine Freude machen und den Weg zu ihrem Haus vom vielen Schnee freikehren.“ Er machte sich an die Arbeit und bis der Morgen erwachte war er auch schon fertig.

Marie und Paul rieben sich erstaunt die Augen, als sie den schneefreien Weg sahen und waren sich einig, daß dies nur ihr Freund, Ferdinand getan haben könnte. Beide liefen eiligst zu ihm, umarmten und herzten ihren Schneemann, dann machten sie sich auf den Weg zur Schule.

 

„Was ist los mit dir,“ fragte Ferdinand, „willst du mich ärgern oder weißt du nicht wohin des Weges?“ „Nichts von beiden,“ piepste die Schneeflocke, „ich finde dich wunderschön und muß dich immer wieder anschauen. Du bist so groß, so stattlich, so liebenswert, so anmutig, so...........“ „Ja ja, ist ja gut,“ lachte der Schneemann und schaute verlegen zur Seite. „Mein Name ist Flöckchen, darf ich bei dir bleiben?“ fragte die kleine Flocke und setzte sich ohne eine Antwort abzuwarten direkt auf die Rübennase vom Ferdinand. „So kann ich dir immer in deine schönen Augen schauen,“ flötete Flöckchen, „und wenn der Frühling kommt, und wir beide von der Erde Abschied nehmen müssen, gehen wir diesen Weg gemeinsam.“

„Frühling, was ist das?“ fragte Ferdinand erstaunt, und wieso Abschied nehmen?

Die kleine Schneeflocke erzählte ihm vom Frühling und daß der Schnee dann schmelzen muß. Dann wäre es warm und es gäbe auf der ganzen Welt keine Schneemänner und keine kleinen Schneeflocken mehr. „Ich möchte aber nicht schmelzen,“ klagte Ferdinand weinerlich, „ich bin doch erst ein paar Tage alt, und was soll dann aus Paul und Marie werden? Ich kann sie doch nicht alleine lassen.“ „Das ist eben unser Schicksal,“ sagte Flöckchen, „aber laß uns die Zeit genießen, in der es kalt ist. Da kann uns nichts passieren. Denke nicht an morgen, freue dich über den heutigen Tag.“

Marie und Paul kamen aus der Schule und umarmten ihren Ferdinand. Dann faßten sie sich wieder bei den Händen und sangen ihre kleinen Lieder. Der aber konnte sich nicht so recht freuen, denn er mußte immer an die Worte der kleinen Schneeflocke denken. Er schielte auf seine Nase und beobachtete die Kleine. Sie aber tanzte fröhlich auf und ab, hin und her und benahm sich so, als wenn es keine Schneeschmelze und keinen Abschied gäbe.

Am Abend kamen noch einmal die beiden Kinder, um nach Ferdinand zu sehen, aber sie waren traurig und bedrückt. Marie legte ihre Ärmchen um ihren Schneemann und fing an bitterlich zu weinen. Paul sah nur zu Boden und zog mit seinen Schuhspitzen verlegen lauter Streifen in den Schnee, ohne dabei den Ferdinand auch nur einmal anzuschauen.

 

„Lebe wohl, Ferdinand,“ schluchzte Marie, „morgen bist du nicht mehr da. Im Radio haben sie gesagt, daß es heute Nacht Tauwetter gibt und es mit der Kälte nun vorbei ist.

Wir werden immer an dich denken.“ Beide winkten ihrem Schneemann noch einmal zum Abschied zu und gingen mit gesenkten Köpfen in ihr Haus.

„Nun ist es soweit,“ seufzte Ferdinand, „Flöckchen, hast du gehört, was mit uns heute Nacht geschieht?“ „Ja,“ sagte sie leise, „habe doch aber keine Angst. Sieh mich genau an, erkennst du mich denn nicht?“

Ferdinand stellte seine beiden, mit Tränen verschwommenen Augen, auf volle Sehschärfe ein und sah Flöckchen verwundert an. „Ja,“ sagte er, „ja, du trägst ja ein Krönchen, bist du am Ende........bist du am Ende die Schneekönigin?“

„Na endlich hast du mich erkannt,“ sagte sie. „Ich gebe dir meinen purpurroten Zaubermantel. Der wird dich vor der Wärme schützen und dich kalt halten.

 

Du wirst somit nicht zu Wasser zerschmelzen, sondern direkt in mein Schneereich eintreten können.

Beruhigt legte Ferdinand den Mantel der Königin um seine Schultern und wartete auf die Nacht. Ein warmer Wind wehte um seine Nase, und wie von Geisterhand schmolz alles um ihn herum, was nur im geringsten aus Schnee war. Ja, er sah sogar kleine Blumen ihre Köpfchen aus der Erde strecken, und unter seinen Füßen kitzelte ihn saftig grünes Gras.

Er schaute sich alles mit großen und erstaunten Augen an, mußte aber feststellen, daß dies nicht seine Welt war, in der er leben möchte. Er sehnte sich nach dem Schnee, die vielen kleinen Flocken, der Kälte und nach der Schneekönigin. Er sah noch einmal zum Haus der Kinder und schloß dann lächelnd seine Augen. Dann war er wie vom Erdboden verschwunden.

Als er seine Augen wieder öffnete, war er in seiner neuen, kalten Welt. Alles war wie in silberner Farbe getaucht und Tausende von kleinen Flocken tanzten um ihn herum. Und mittendrin stand die Schneekönigin und forderte ihren Ferdinand zum Tanz auf.

Alle waren glücklich und zufrieden.

Jedes Jahr aufs neue, und immer zur Winterzeit, kommen sie alle zu uns auf die Erde zurück, um die Menschen zu erfreuen.

Dann kleidet sich die Erde in ein weißes Kleid, vom Himmel tanzt die Schneekönigin mit ihren vielen kleinen Flocken, und unser Ferdinand steht Nacht für Nacht am Fenster von Paul und Marie und winkt den beiden fröhlich zu.

 

Ende

 

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DIE DREI FRAGEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein König dachte einmal darüber nach, daß ihm nichts mißglücken würde, wenn er immer den richtigen Zeitpunkt wüßte, um eine Sache zu beginnen; wenn er ferner wüßte, mit welchen Menschen er sich abgeben sollte und mit welchen nicht, und wenn er vor allem wüßte, welches Werk das wichtigste von allen ist.

Danach ließ er in seinem Land verkünden, daß er einen hohen Lohn demjenigen geben wolle, der ihn lehren würde, den richtigen Zeitpunkt für jedes Werk, den richtigen Menschen und das wichtigste Werk zu erkennen.

 

Es kamen viele Gelehrte zum König und sie gaben ihm verschiedene Antworten auf seine Fragen.

Auf die erste Frage antworteten die einen: Um die richtige Zeit für jedes Werk zu wissen, müsse man sich vorher eine Einteilung der Tage, Monate und Jahre machen und sich streng daran halten.

Die anderen sagten zum König, man könne überhaupt im voraus nicht wissen, welches Werk zu welcher Zeit verrichtet werden müsse, und man dürfe sich nicht durch leere Spielereien ablenken lassen, sondern müsse vielmehr auf alle Geschehnisse achten und das Nötige zur richtigen Zeit beginnen.

Die dritten aber behaupteten, daß der König noch so aufmerksam alles beachten möge--ein einzelner Mensch könne doch nicht immer richtig erkennen, in welcher Zeit jedes Werk das rechte sei. Er müsse daher den Rat weiser Männer hören und danach entscheiden, wann jedes Werk am besten erledigt werden könne.

Die vierten aber sagten, daß es Dinge gäbe, bei denen einem keine Zeit bliebe, den Rat der anderen einzuholen. Oft müsse man sofort entscheiden, ob es Zeit sei, das Werk zu beginnen oder nicht. Um dies zu wissen müsse man die Zukunft kennen. Diese aber sei nur den Magiern bekannt und daher müsse man, um die richtige Zeit für jedes Werk zu wissen, einen Magier befragen.

Ebenso verschieden beantworteten auch die Gelehrten die zweite Frage.

Die einen sagten, die wichtigsten Menschen für den König seien seine Mitarbeiter, die Statthalter; die zweiten sagten, die wichtigsten Menschen seien die Priester. Die dritten behaupteten, die wichtigsten Menschen seien die Ärzte. Und die vierten sagten, die wichtigsten Menschen seien die Krieger.

Auf die dritte Frage, welches Werk das wichtigste von allen sei, sagten die einen, das wichtigste seien die Wissenschaften; die zweiten erklärten, das wichtigste sei die Kriegskunst; und die dritten sagten, das wichtigste sei die Gottverehrung.

 

Da alle Antworten sehr verschieden waren, nahm der König keine an. Und er gab auch niemandem die Belohnung. Er beschloß daher, um die richtigen Antworten auf seine Fragen zu bekommen, zu einem Einsiedler zu gehen, der sehr berühmt wegen seiner Weisheit war. Dieser Einsiedler lebte im Walde, verließ nie seine Wohnstätte und empfing nur einfache Leute.

Der König zog sich daher ein einfaches Gewand an und machte sich auf den Weg zum Einsiedler.

Als er in die Nähe des Einsiedlers kam, stieg er vom Pferde, ließ seine Leibwache zurück und ging allein zu ihm hin.

Der Einsiedler grub vor seiner Hütte die Beete um, als der König sich ihm näherte. Als der Einsiedler ihn erblickte, begrüßte er ihm und grub gleich wieder weiter. Der Einsiedler war mager und schwach, und wenn er den Spaten in die Erde stieß und die Schollen umwandte, atmete er mühsam.

Der König ging auf den Einsiedler zu und sagte:

"Ich komme zu dir, weiser Mann, um dich zu bitten, mir drei Fragen zu beantworten:

Welchen Zeitpunkt muß man stets im Sinn haben, um nichts zu versäumen und um hinterher nichts zu bereuen?

Welche Menschen brauchen wir am notwendigsten, mit welchen Menschen muß man sich also mehr beschäftigen und mit welchen weniger?

Welche Werke sind die wichtigsten? Welche Werke muß man vor allen anderen tun?"

Der Einsiedler hörte den König an, sagte aber nichts; er spuckte in die Hand und grub weiter.

"Du bist wohl müde?" fragte der König, "gib mir den Spaten, ich will für dich graben!"

"Danke", sagte der Einsiedler.

Er gab dem König den Spaten und setzte sich auf die Erde.

Nachdem der König zwei Beete umgegraben hatte, hielt er inne und wiederholte seine Fragen.

Der Einsiedler gab ihm auch jetzt keine Antwort, stand auf und streckte seine Hand nach dem Spaten aus.

"Jetzt ruhe du dich aus, und ich werde weiter graben", sagte er.

Aber der König gab ihm den Spaten nicht und grub weiter.

Es verging so eine Stunde und eine zweite, die Sonne begann hinter den Bäumen unterzugehen. Der König steckte den Spaten in die Erde und sagte:

"Ich kam zu dir, weiser Mann, damit du mir meine Fragen beantwortest, wenn du sie nicht beantworten kannst, so sage es mir offen, und ich werde wieder nach Hause gehen."

"Da kommt jemand gelaufen!" sagte der Einsiedler, "wollen wir schauen wer es ist."

Der König sah sich um und erblickte tatsächlich einen bärtigen Mann, der aus dem Walde hergelaufen kam.

 

Der Mann hielt sich mit den Händen den Leib, und Blut strömte unter seinen Händen hervor. Er lief auf den König zu, stürzte zu Boden, schloß die Augen, rührte sich nicht, sondern stöhnte nur mit schwacher Stimme.

Der König und der Einsiedler öffneten die Kleider des Mannes und sahen eine tiefe Wunde in seinem Leib. Der König wusch sie, so gut er konnte, und verband sie mit seinem Taschentuch und mit dem Handtuch des Einsiedlers. Doch das Blut konnte man nicht stillen, und der König nahm immer wieder den nassen, mit warmem Blut durchtränkten Verband ab, um die Wunde von neuem zu verbinden. Als das Blut endlich gestillt war, kam der Verwundete zu sich und bat um einen Trunk Wasser. Der König holte ihm frisches Wasser und stillte den Durst des Verwundeten.

Inzwischen war die Sonne untergegangen, und es begann kühl zu werden.

Der König und der Einsiedler trugen den Mann in die Hütte und legten ihn aufs Bett. Er schloß die Augen und wurde ganz still.

 

Der König war müde von dem weiten Weg und von der Arbeit, so daß er sich vor den Eingang der Hütte hinlegte und so fest einschlief, daß er die ganze kurze Sommernacht hindurch schlief.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, konnte er es nicht begreifen, wo er sich befand, und wer dieser sonderbare bärtige Mann dort war, der auf dem Bette lag und unverwandt mit strahlenden Augen den König anblickte.

"Vergib mir!" sagte der bärtige Mann mit schwacher Stimme, als er bemerkte, daß der König erwacht war und ihn ansah.

"Ich kenne dich nicht und habe dir auch nichts zu vergeben", antwortete der König.

"Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich, ich bin dein Feind, der Rache geschworen hatte, weil du meinen Bruder hinrichten ließest und mir meine Habe weggenommen hast. Ich wußte, daß du allein zum Einsiedler gegangen warst, und ich wollte dich auf dem Rückweg töten. Der ganze Tag verging, und immer noch kamst du nicht zurück. So verließ ich mein Versteck, um nach deinem Aufenthaltsort zu sehen, und stieß dabei auf deine Leibwache, die mich verwundete.

Ich floh und wäre verblutet und gestorben, hättest du dich meiner nicht angenommen und meine Wunden verbunden. Ich wollte dich töten, aber du hast mir das Leben gerettet. Wenn ich nun am Leben bleibe, so werde ich dir, wenn du es mir erlaubst, als dein treuer Sklave dienen und auch meinen Söhnen dasselbe befehlen. Vergib mir!"

 

Der König freute sich, daß es ihm so leicht gelungen war, sich mit seinem Feinde zu versöhnen. Er vergab ihm nicht nur, sondern versprach ihm auch, seine Güter zurückzugeben und ihm seine Diener und einen Arzt zu schicken.

Der König verabschiedete sich von dem Verwundeten, ging aus der Hütte hinaus und suchte den Einsiedler; er wollte ihn zum letzten Male, bevor er ihn verließ, bitten, ihm doch seine Fragen zu beantworten.

Der Einsiedler war draußen und kroch auf den Knien zwischen den Beeten herum, die gestern gegraben worden waren und säte Gemüse hinein.

Der König ging zu ihm und sagte:

"Weiser Mann, ich bitte dich zum letzten Male, beantworte mir meine Fragen!"

Der Einsiedler kauerte auf seinen dünnen Beinen und schaute zu dem vor ihm stehenden König empor und sagte:

"Die sind doch schon beantwortet!"

"Wieso sind sie beantwortet?" fragte der König.

"Gewiß", sagte der Einsiedler, "hättest du gestern nicht Mitleid mit meiner Schwäche gehabt und diese Beete für mich umgegraben, sondern wärest allein zurückgegangen, so hätte dich der Mann überfallen, und du hättest es bereut, nicht bei mir geblieben zu sein.

Also war der richtige Zeitpunkt, als du meine Beete umgrubst; und ich war für dich der wichtigste Mensch; und das wichtigste Werk war, mir Gutes zu tun. Dann später, als der Verwundete hergelaufen kam, war der rechte Zeitpunkt, als du ihn pflegtest. Denn hättest du seine Wunde nicht verbunden, so wäre er gestorben, ohne sich mit dir ausgesöhnt zu haben. So war der Verwundete für dich der wichtigste Mensch, und was du an ihm getan hast, das wichtigste Werk.

 

So merke dir nun, es gibt nur eine wichtigste Zeit, das ist der Augenblick, denn nur in ihm haben wir Gewalt über uns. Der wichtigste Mensch aber ist der, mit dem du im Augenblick zusammenkommst, denn niemand kann wissen, ob noch ein anderer sich um ihn bemühen wird. Und das wichtigste Werk ist, diesem Menschen Gutes zu tun, denn nur dazu ist der Mensch in diese Welt gesandt."

 

Leo N. Tolstoi

DAS MÄRCHEN VOM KOBOLD UND DER KÖNIGSTOCHTER ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein kleiner Kobold mit Namen Adrian. Er war ein Glückskobold, denn er war in der Lage, traurigen und alleingelassenen Menschen für ein paar Stunden Glück zu schenken. Dafür hatte er drei Wünsche und sein Säckchen, vollgefüllt mit goldenem Zauberstaub, zur Verfügung. Aber er musste acht- geben, denn wenn er seinen dritten und letzten Wunsch jemandem schenkte, ohne dass der ihn aus tiefsten und reinsten Herzen liebte, musste er für den Rest seines Lebens im Wald der ewigen Finsternis verbringen.

Adrian lebte glücklich und zufrieden in seinem Wald, bis er von der schönen aber traurigen Königstochter Jolanda erfuhr. Sie sollte auf Wunsch ihres Vaters den grausamen und bösen König Aktus aus dem Land der Nöte heiraten. Den König, der durch seine Habgier sein Volk leiden ließ und bei dem Krankheit und Hungertod ein ständiger Gast war. Sie und ihr Vater waren dem mächtigen König hilflos ausgeliefert und musste sich seinen Willen beugen. 

Jede Nacht weinte sich die Prinzessin in den Schlaf, und je näher der Tag ihrer Hochzeit kam, um so trauriger wurde sie. 

Adrian beschloss Jolanda zu helfen. Er nahm sein Zauberstaubsäckchen, suchte sich einen geeigneten Wanderstab aus dem Gehölz seines Waldes und machte sich auf den langen Weg zu ihr. 

Er war nun schon sieben Tage und sieben lange Nächte unterwegs, bis er nun endlich vor dem großen Schloss stand, in dem die Prinzessin wohnte. Er klopfte mit seinem Stab gegen das Schlosstor und bat um Einlass. 

"Was willst du?" fragten die Wachen den kleinen Wicht und sahen ihn verwundert an, denn sie hatten noch nie einen Kobold gesehen.

"Ich möchte zur Königstochter" sagte Adrian freundlich "ich habe von ihrer Traurigkeit gehört und möchte ihr ein paar Stunden Glück schenken."

"Niemand hier in diesem Land ist in der Lage die Prinzessin aufzuheitern" sagte einer der Wachen "aber ein Versuch soll es Wert sein. Folge mir, ich geleite dich zu ihren Gemächern, dort kannst du dein Glück versuchen."

Nun endlich stand Adrian vor der Königstochter. Sein kleines Herz schien fast vor Mitleid und Sorge um Jolanda zu zerspringen als er sie so leiden sah. Sie lag auf ihrem Bett und hatte ihr verweintes Gesicht hinter all ihren Kissen versteckt. 

"Bitte höre mir zu Jolanda" sagte Adrian leise "ich heiße Adrian und bin ein Glückskobold. Ich kann dich für ein paar Stunden von deiner Traurigkeit und all deinem Leid befreien." 

Zaghaft ergriff der kleine Kobold die Hand der Königstochter und streichelte sie sanft. "Komme mit mir in meine Welt, dort findest du das Glück, nach dem du dich so sehr sehnst."

Die Prinzessin sah Adrian tief in seine gutmütigen Augen und fragte: "Gibt es denn eine andere Welt für mich? Gibt es irgendeinen Ort, an dem ich all mein Leid und Kummer vergessen kann? Kann ich mich dort auch vor dem grausamen König Aktus verstecken?"

"All deine Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit wirst du dort finden. Habe Vertrauen zu mir, ich kann dir helfen," versprach Adrian und holte sein Säckchen mit dem Zauberstaub hervor. 

"Dann führe mich fort von hier," flüsterte weinend die Prinzessin "weit weit fort. Auch wenn es nur für ein paar Stunden ist, so will ich dir jetzt schon dafür dankbar sein." 

"Schließe deine Augen," sagte Adrian "und vertraue dich mir an." 

Die Prinzessin tat das, was ihr der kleine Kobold geheißen hatte und legte ihr Schicksal seine Hände. 

Der kleine Wicht nahm eine Handvoll Goldstaub aus seinem Säckchen und blies ihn Jolanda direkt in ihr schönes Gesicht. Dann sagte er seinen Zauberspruch auf:

"Schlafe Prinzessin schlafe ein,

wirst nun im Traum wie ich ein kleiner Kobold sein.

Vergiss alle deine Sorgen alles Leid,

tausch` nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Sollst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit meinen Augen sehen."

Nun schlief die Prinzessin tief und fest und träumte den schönsten Traum ihres Lebens.

Sie träumte, sie wäre selbst ein kleines Koboldmädchen und ginge mit Adrian Hand in Hand durch seine fremde Welt. Nur ihr kleines Krönchen auf ihrem Haupt verriet, dass sie eine Prinzessin und somit von höherer Geburt war. Adrian zeigte ihr nun seine Heimat, und sie konnte sich nicht satt sehen an den vielen wunderschönen bunten Blumen, an den geheimnisvollen Bäumen und an 

dem sonnendurchwirkten Himmel, der wie ein Diamant auf sie herab zu strahlen schien. 

 

Selbst die vielen kleinen Tiere, denen sie begegneten, verneigten sich vor ihr und hießen sie freundlich und herzlich willkommen. 

Alle Vögel sangen ihr zu Ehren ihre schönsten Lieder, und so manches kleines Bienchen kam angeflogen, um ihr eine Kostprobe ihres süßesten und feinsten Honigs anzubieten. Und dabei erklang das Rauschen des Windes wie eine leise Melodie.

Jolanda war von all dem Zauber und soviel Schönheit der ihr fremden Natur so beeindruckt, dass sie am liebsten für immer geblieben wäre. Aber leider war es nur ein Traum, aus dem sie bald wieder erwachen würde. Sie nutzte die Zeit und genoss die schönen Dinge, die ihr diese Traumwelt zu geben hatte. Und dabei hielt Adrian ganz fest ihre Hand und wich nie von ihrer Seite. 

Als die Prinzessin erwachte und Adrian erblickte, der noch immer vor ihrem Bett wachte, lächelte sie ihn dankbar an und sprach: "Solch eine glückliche Zeit habe ich noch nie erlebt. Ich danke dir dafür. Bitte bleibe bei mir so lange du kannst, denn allein durch deine Anwesenheit fühle ich mich sicher und geborgen." 

Dann wurde ihr Blick wieder traurig und ängstlich, denn die Erinnerung an ihre bevorstehende Vermählung mit König Aktus kam zurück. Von nun an beherrschte sie wieder das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit. 

Der kleine Kobold blieb. Er wollte solange bleiben, bis die nächste Nacht hereinbrach. Immer und immer wieder schaute er Jolanda an und konnte seinen Blick nicht mehr von ihr wenden. Und dabei schlug sein kleines Koboldherz so laut und schnell, dass er befürchtete, die schöne Königstochter könnte dies hören.

Als der Abend hereinbrach, stand Adrian abermals vor Jolandas Bett. Und wieder weinte sie so herzzerreißend, dass der kleine Wicht nicht anders konnte und ihr seinen zweiten Zauberwunsch anbot. Sie durfte noch einmal seine Welt mit ihm für ein paar Stunden besuchen. 

Unendlich dankbar willigte sie freudig ein und schloss ihre Augen, während Adrian seinen Goldstaub verblies und seinen Zauberspruch aufsagte:

"Schlafe Prinzessin schlafe ein,

wirst nun im Traum wie ich ein kleiner Kobold sein.

Vergiss alle deine Sorgen alles Leid,

tausch` nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Sollst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit meinen Augen sehen."

Dieses mal träumte Jolanda sie säße auf einem wunderschönem Pferd, das von Adrian mit sicherer Hand durch die Nacht geführt wurde. 

 

Sie schwebten über Bäche, die zu Flüssen wurden, und die wiederum ergossen sich hinein ins weite Meer. 

Dort schien der Mond am Himmel so hell, und die Sterne leuchteten so klar, dass sie das Gefühl hatte, sie wären mitten im fernen endlos weitem Weltall. Sie lauschten beide dem Rauschen der Wellen und erfreuten sich an dem Gesang der Wale.

Adrian ließ seine schöne Prinzessin nie aus den Augen und bot ihr somit Zuversicht, Vertrauen und Geborgenheit. Und manchmal, wenn Jolanda glaubte er würde gerade nicht einmal zu ihr hinschauen, schenkte sie ihm einen liebevollen und vertrauten Blick. Sie fühlte sich zu dem kleinen Kobold so sehr hingezogen, dass sie wiederum den Wunsch hegte, mit ihm für immer den Rest ihres Lebens dort in seiner verzauberten Welt zu verbringen. 

Auch dieser Traum musste zu Ende gehen, und als Jolanda von ihm erwachte, fühlte sie einen Schmerz in ihrem Herzen. Es war der süße Schmerz einer großen Liebe, einer tiefen und reinen Liebe zu Adrian.

Lange und überglücklich über das Erlebte schaute sie dem kleinen Kobold tief in die Augen, und ihr Blick hätte beinahe verraten, dass sie mehr für ihn empfand als nur eine Freundschaft. Doch sie hielt sich zurück, denn schließlich war sie ein Mensch und er ein Kobold. Eine Verbindung der Beiden in ihrer Welt schien für die Prinzessin unmöglich, deshalb hatte sie folgenden Plan und fragte:

"Oh du lieber guter Adrian, ist es dir möglich, mich heute Nacht für immer in deine wunderbare Zauberwelt mitzunehmen? Morgen ist der Tag, an dem ich mit dem grausamen König Aktus vermählt werden soll, und nur du allein kannst mir helfen und mich vor diesem großen Unglück bewahren."

Adrian, der längst wusste, dass er sich in die schöne Jolanda verliebt hatte, zögerte zuerst, sprach dann aber mit leiser ängstlicher Stimme: 

 

"Ich kann und werde dir deinen Herzenswunsch erfüllen, muss dir aber von den Bedingungen meines dritten und letzten Wunsches für dich berichten. Solltest du mich nicht aus tiefsten und reinsten Herzen lieben, darfst du zwar in meiner Welt leben und glücklich sein, ich aber werde für den Rest meines Lebens im Wald der Finsternis verbringen müssen, und wir werden uns dann nie mehr wiedersehen." 

Und während er ihr sein großes Geheimnis verriet, zitterte der kleine Wicht aus Angst vor seiner ungewissen Zukunft und weinte eine große Träne.

Jolanda zerbrach es fast ihr Herz als sie den verängstigten und traurigen Adrian vor sich sah. Sie beugte sich zu ihm herab, nahm zärtlich seinen Kopf zwischen ihre Hände und hauchte ihm einen zarten liebevollen Kuss auf seinen traurigen Mund und wischte ihm seine Träne fort.

Dieses Mal war sie es, die zu dem kleinen Kobold sagte: "Habe Vertrauen zu mir. Ich verspreche dir, du brauchst dich nicht zu ängstigen. Du wirst sehen, es wird alles gut."

Und Adrian hatte Vertrauen. Als der Abend hereinbrach, legte sich die Prinzessin auf ihr Bett, während Adrian ein letztes Mal in sein Säckchen griff und den Rest seines Zauberstaubes über Jolanda verblies.

Dann sagte er mit fester Stimme seinen Zauberspruch auf:

"Schlafe Prinzessin schlafe ein,

sollst nun für immer ein kleiner Kobold sein.

Vergessen sind all die Sorgen all das Leid,

tauschst nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Du wirst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit deinen eigenen Augen sehen."

Als Jolanda ihre Augen öffnete, fand sie sich an der Stelle wieder, an der sie schon in ihrem ersten Traum mit Adrian war. Das Gras schien noch grüner, all die Blümchen noch bunter, und die Vögel sangen noch schöner als sie es in Erinnerung hatte. Aber sie war allein. Von ihrem kleinen Kobold war nichts zu sehen.

Immer und immer wieder rief sie seinen Namen: "Adrian oh geliebter Adrian wo bist du, oh was habe ich dir nur angetan."

War ihre Liebe am Ende doch nicht so groß, dass sie ihn vor sein grausames Schicksal bewahren konnte?

Sie setzte sich in das Gras und fing an zu weinen. Sie weinte um ihren geliebten Kobold, der, wie sie nun glaubte für immer sein Dasein im Wald der Finsternis verbringen musste. 

Während sie um ihren Geliebten trauerte, hörte sie aus der Ferne einen Gesang. Sie horchte und bemerkte, dass er langsam aber unaufhörlich immer fröhlicher und lauter wurde und sich ihr näherte. Sie erhob sich und schaute in die Richtung, aus der er kam. Auf einmal klopfte ihr Herz so stark als wollte es vor Freude zerspringen, da sie nun endlich erkannte, wer dort so wunderschön sang. 

Adrian hatte alle seine Freunde zusammengerufen, und alle sind sie gekommen, um die schöne Jolanda zu begrüßen und sie in ihrer Mitte willkommen zu heißen.

"Dieses schöne Koboldmädchen ist Prinzessin Jolanda," verkündete Adrian stolz seinen Freunden, "und ab heute ist sie die Königin meines Herzens."

Er umarmte sie, küsste sie herzlich und innig auf ihren roten Mund und flüsterte ihr ins Ohr: "Willkommen in meinem Leben, willkommen in meinem Herzen."

 

Ende

 

Illustriert und geschrieben von GiTo

 

Wer mehr schöne Märchen von GiTo lesen möchte, hier ist der Link zu seiner Märchenseite.:

DIE BERGELFE UND DIE SAAT DES ZAUBERWALDES ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle einhundert Jahre wurde im Elfenland die schönste unter den Schönen zur Jahrhundertkönigin gewählt, und bald sollte dieses große Ereignis stattfinden. Alle Elfenmädchen, die meinten hübsch genug zu sein, um diesen Platz einzunehmen, schmückten ihr Haar mit Blumen zogen sich ihr schönstes Gewand an und säuberten ihre feinen Flügel. Dann war es soweit. Eine nach der anderen stellte sich zur Wahl und wartete dann voller Ungeduld auf die Entscheidung des Ältestenrates. Auch Hildegunde, eine Elfe, die schöner nicht sein konnte, mit kastanienbraunem Haar, Augen so sanft wie ein Reh und einen Mund so rot wie die Abendsonne aber ein Herz aus Stein, hatte sich zur Wahl gestellt. Sie war sich sicher, dass sie die Auserwählte sein würde, deshalb hatte sie auch keine Angst vor der weiteren Konkurrenz. Endlich, nach beinahe endlosem Warten, wurde der Name der Siegerin verkündet. Der Älteste des Rates erhob sich und verkündete mit freudiger Stimme: „Für das nächste Jahrhundert wird unsere neue Königin sein............... die Elfe Maxima“. Hildegunde stand da wie versteinert. Sie glaubte ihr Herz hätte aufgehört zu schlagen. Sie, die schönste unter aller Elfen, sollte nicht Königin werden? Sie konnte es nicht glauben, deshalb stellte sie empört den Rat zur Rede. „Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu“ ereiferte sie sich „habt ihr nicht genau hingesehen, seid ihr alle blind, habt ihr nicht bemerkt, dass ich die Schönste bin?“ Sie bekam freundlich aber dennoch ermahnend zur Antwort: „Sicherlich bist du die Schönste hier, aber allein das Äußere galt hier nicht als Maßstab, sondern es wurde auch die Schönheit des Herzens beurteilt“. Das war zuviel für Hildegunde. Total außer sich vor Wut und mit den drohenden Worten: „Schönheit des Herzens, lächerlich, ich werde euch zeigen, zu was mein Herz alles in der Lage ist“, verließ sie die Veranstaltung. Der Ruf der Elfen unter den Menschen und Tieren war, dass sie liebenswert und hilfreich sind, und genau diese tausendjährige Erfahrung wollte sie nun zerstören. Sie wollte erreichen, dass die Menschen alle Elfen so sehr hassten, dass es kein Miteinander mehr geben sollte. Hildegunde sammelte alle ihre Zauberkräfte zusammen und setzte ihre teuflischen Pläne einen nach dem anderen in die Tat um. Zuerst setzte sie den Wald in Brand und brachte damit die Holzfäller im Dorf und ihre Familien um Lohn und Brot und das Wild um dessen Behausungen. Dann ließ sie das Meer über die Ufer treten und zerstörte damit all die kleinen Häuser, Ställe und Scheunen der Menschen. Aber sie hatte immer noch nicht genug. Ihr nächster und grausamster Racheplan wurde ihr dann selbst auch zum Verhängnis. Als sie den klaren See, an dem die Kinder immer so gerne spielten und badeten, zum kochen brachte und damit alle Fische, die darin schwammen und alles andere Getier tötete, fällte der Ältestenrat eine schwerwiegende Entscheidung. Hildegunde musste ein für alle Mal Einhalt geboten werden. „Auch wenn sie eine von uns ist und uns es nicht zusteht über andere zu richten, müssen wir die Menschen und vor allem Hildegunde vor sich selbst schützen“, beschloss der Rat und verurteilte die Elfe den Rest ihres Lebens im eisernen Berg, der mitten im Meer stand, für immer eingeschlossen, einsam und allein zu verbringen. Die Elfe nahm das Urteil mit versteinerter Miene an. Willig ließ sie sich ihre Flügel abnehmen und zu ihrem eisernen Verließ geleiten. Als man sie dort eingeschlossen hatte, verriegelte der Rat den Berg und überließ Hildegunde ihrem wohlverdienten Schicksal. Viele Jahre sind seitdem vergangen. Im Land der Elfen kehrte wieder Ruhe und Frieden ein. Der Wald wuchs langsam nach und bot den Tieren, die dort lebten, wieder Schutz und Unterschlupf, und die Menschen hatten ihre durch das Wasser vernichteten Häuser neu aufgebaut, und viele Generationen sind nachgekommen. Nur ein kleines Fischerdorf ist seit Jahren nicht mehr zur Ruhe gekommen, denn die Hand des Todes hatte die Einwohner fest im Griff.

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Jedes Mal, wenn die tapferen Männer zum Fischfang hinaus auf das offene Meer fuhren, kamen weniger von ihnen zurück als erwartet. Immer wieder mussten Frauen um ihre Männer und Mütter um ihre Söhne trauern und weinen. Sie hatten keine Erklärung dafür, was auf dem Meer geschah, ihre geliebten Menschen blieben für immer verschollen.
Abends, wenn der Mond am Himmel stand, trafen sich die Frauen, ganz in schwarz gekleidet, am Strand, zündeten kleine Feuer an und schauten mit verweinten Augen auf das offene Meer hinaus. Die Hoffnung auf die Rückkehr der Verschollenen wollten sie nicht aufgeben, aber für keine von ihnen wurde dieser Wunsch erfüllt.
Als Michel, der selbst den Verlust seines Vaters und älteren Bruders beklagte, siebzehn Jahre alt wurde, sagte er zu seiner Mutter Maria: „Mutter, ich fahre morgen früh hinaus auf das Meer, um Fische zu fangen. Jahre sind nun vergangen, als Vater nicht mehr heimkam und viele Monate, als meine Bruder auf dem Meer zurückblieb. Irgendjemand muss für dich sorgen. Außerdem bin ich nun selbst ein Mann und kann mich schützen vor jeder Gefahr, die auf mich wartet“.
Maria fing an zu weinen und wollte ihren Sohn nicht ziehen lassen. Der aber ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen und bereitete sein Fischerboot auf die Fahrt vor. Er faltete sein Netz und überprüfte, ob Segel und Paddel keine schadhaften Stellen hatten. Nachdem er auch kein kleinstes Leck entdecken konnte, befand er alles für ordnungsgemäß, ging zurück zum Haus, legte sich in sein Bett und schlief auch sofort ein.
Als der Morgen graute, schlich er sich aus dem Haus, ohne sich von Maria zu verabschieden, und eilte zu seinem Boot. Minuten später befand er sich schon auf dem Meer, weit entfernt von dem Land und von seiner Mutter.
 
Das Meer war glatt und ruhig, nicht eine Welle kam auf. Man hätte meinen können, es läge auf der Lauer und wäre zu jeder Zeit zu einem Sprung bereit.
Mit Schaudern musste Michel an das Schicksal von seinem Bruder und Vater denken. „Was war damals nur geschehen“ ging es ihm durch den Kopf, er verwarf aber schnell diesen Gedanken, konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit und ruderte noch weiter hinaus. Dann warf er sein Netz aus und wartete ab.
Eine leise liebliche Melodie erfüllte die Luft. Michel war so fasziniert von diesen Klängen, dass er nicht mehr vom Zuhören ablassen konnte und dabei langsam in einen tiefen Schlaf fiel.
Als er erwachte, war es Nacht. Hell stand der Mond am Himmel, und das Wasser war unruhig. Die Wellen trugen ihn schnell immer schneller hinaus aufs offene Meer, bis er in der Ferne über dem Wasserspiegel ein helles, funkelndes Licht erblickte.
Michel nahm seine Ruder in die Hand und paddelte neugierig auf die Lichterscheinung zu und erkannte ein wunderschönes, lächelndes Gesicht mit gütigen Augen. „Das muss eine Göttin sein“ dachte sich der junge Mann. Sein Herz schlug ihm vor Angst bis zum Hals, und obwohl ihm eine innere Stimme zur
Rückkehr riet, lenkte er sein Fischerboot wie unter einem Zwang direkt auf die Erscheinung zu.
Und wieder erklang die Melodie, aber dieses Mal hörte er auch eine sanfte Stimme rufen: „Komm her, komm her zu mir!“
Kaum hatte er sein Ziel erreicht, verwandelten sich die liebevollen Augen der Schönen in einen zornig hasserfüllten Blick, und ehe Michel bemerkte was geschah, hob ihn eine haushohe Welle in die Höhe und schleuderte das Boot mit dem jungen Mann gegen eine Felswand, wo es zerschellte.
Dann erlosch das Licht, die Erscheinung verschwand, und übrig von dem Zauber blieb ein eiserner, schwarzer Berg, umgeben vom kalten Meer.
Michel kam nie wieder zurück zu seiner Mutter.
Und wieder standen die schwarzgekleideten, trauernden Frauen und Mütter am Strand. Wieder waren kleine Feuerstellen entfacht, und wieder war das Meer glatt und ruhig.
Marias Blick war starr und leer. Nun wurde ihr auch noch das Letzte, was sie besaß, genommen, und dass sie ihren Sohn zum Abschied nicht noch einmal in ihre Arme schließen konnte, wollte ihr Herz nicht überwinden. Sie konnte nicht einmal mehr weinen.
Voller Verzweiflung schaute sie hinaus aufs Meer und erstarrte für einen Moment. Sah sie da nicht ein Schiff? Ein großes, weißes Segelschiff?
Auch die anderen Frauen wurden unruhig und liefen aufgeregt den Strand entlang.
Weit draußen fuhr tatsächlich ein stolzes Segelschiff an ihnen vorbei.
„Halt, nicht weiterfahren“ riefen die Frauen „ihr steuert direkt in euren Tod hinein“, aber alle ihre Schreie konnten von der Besatzung nicht gehört werden, denn sie waren zu weit weg, und was die Frauen nicht ahnen konnten, alle Anwesenden auf dem Schiff schliefen tief und fest, denn sie hatten die Melodie der Lüfte gehört.
Dann verschwand es am Horizont, und die Frauen verließen noch trauriger den Strand, als sie gekommen waren. Nur Maria setzte sich müde auf einen Stein und verharrte dort die ganze Nacht.
Als die Besatzung auf dem weißen Schiff erwachte, sahen sie den strahlenden Mond und das herrliche glitzernde Licht über dem Wasser. Als sie diesem näher kamen, erkannten sie auch das schöne Gesicht und hörten die liebliche Stimme rufen: „Kommt her, kommt her zu mir!“
Der Kapitän gab den Befehl: „Volle Fahrt voraus“, und das Schiff näherte sich der Gestalt mit hoher Geschwindigkeit.
Doch bevor es sein Ziel erreichte und somit alle in den sicheren Tod fuhren geschah das Wunder.
Langsam ganz langsam schob sich der Schatten der Erde vor den Mond und verdunkelte ihn. Und je dunkler der Mond wurde, umso schwächer wurde auch das Abbild der Lichtgestalt. Als es nun bis zur völligen Mondfinsternis kam und alles stockfinster war, erlosch auch das Glitzern und das Gesicht der Schönen und somit auch ihre Macht.
Da erkannte die Besatzung die Gefahr, in der sie sich befand, denn sie fuhren direkt mit voller Fahrt auf den aus dem Meer ragenden riesigen schwarzen Berg zu.
„Maschinen stopp und wenden“ schrie der Kapitän kreideweiß und nochmals: „wenden, wenden!“
Gerade noch in letzter Sekunde gelang es der Mannschaft das Ruder herumzureißen und das Schiff zu wenden. Somit konnten sie den rettenden Fluchtweg ergreifen, denn die Mondfinsternis dauerte nur wenige Minuten.
Als der Mond wieder hell und klar am Himmel leuchtete, entflammte auch das Leuchten über dem Wasserspiegel, aber das Böse hatte nun keine Macht mehr über Schiff und Besatzung, denn sie hatten sich zu weit von dem todbringenden Berg entfernt.
Noch in Angst und Panik erteilte der Kapitän der erschöpften Mannschaft den Befehl den ersten Hafen anzulaufen und sei er noch so klein. Alle sollten sicheres Land unter ihren Füßen fühlen und den Schrecken mit einem guten Schluck Whisky herunterspülen.
Maria saß noch immer auf ihrem Stein. Die Morgensonne erschien schon am Horizont, als sie sich langsam erhob und nun auch endlich den Heimweg antreten wollte. 
Noch einmal schaute sie aufs Meer und zwinkerte mit den Augen. War sie übermüdet, oder sah sie wirklich dort in der Ferne das weiße Segelschiff, dem die Frauen gestern Abend zuriefen?
Nein ihre Augen spielten ihr keinen Streich. Das riesige Schiff steuerte direkt ihren kleinen Dorfhafen an.
Schnell eilte sie zur Dorfkirche und läutete mit letzter Kraft die Turmglocke.
Alle Bewohner eilten herbei, und als sie erfuhren, dass ein Schiff in ihrem Hafen einläuft, rannten alle so schnell sie konnten zum Strand.
Majestätisch lag das Segelschiff vor Anker. Die Mannschaft wurde von den Wartenden freudig bejubelt und begrüßt, denn alle erhofften sich eine Antwort darauf, ob sie etwas von ihren Lieben wüssten oder über deren Verbleib berichten konnten.
Als der Kapitän von der schönen Lichtgestalt mitten im Meer, von der sanften Melodie und dem großen, schwarzen Eisenberg berichtete, und dass sie alle ihr Leben einer Mondfinsternis zu verdanken haben, schauten sich die Frauen nur fragend und enttäuscht an. Keiner erkannte einen Sinn darin, was das mit dem Verschwinden ihrer Männer und Söhne zu tun haben könnte.
Doch Maria, die eine innere Unruhe trieb, hatte eine Idee. Hatte sie nicht einst von einem alten, weisen Mann mit magischen Zauberkräften im Nachbardorf gehört? Sie wollte sofort zu ihm eilen und von den Erlebnissen der Schiffsmannschaft berichten. Vielleicht wusste er ja einen Rat.
Schnell machte sie sich auf den Weg, um den Weisen aufzusuchen.
Er empfing sie freundlich mit den Worten: „Ich sehe dein Leid in deinen Augen, mein Kind. Berichte mir von deinem Kummer, und ich werde versuchen, dir zu helfen“.
Als Maria ihm alles erzählt hatte, strich er langsam und behäbig über seinen schneeweißen Bart und überlegte lange. Seine Augenbrauen vertieften sich zu einem düsteren und finstern Blick, dass es Maria Angst und Bange wurde.
„Hildegunde“ murmelte der Alte „Hildegunde hat euch das alles angetan. Eine alte Sage sagt, dass einst eine böse und grausame Elfe der Menschen größter Feind war. Dass man sie zur Verdammnis in einen Berg, der sich mitten im Meer befinden soll, einschloss, den aber bis heute noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Und die, die ihn gesehen haben, sind heute tot. Ich hätte nie gedacht, dass sich diese Sage bewahrheitet. So soll sie zum wiederholten Male ihre gerechte Strafe erhalten“.
Der Alte stand auf und reichte Maria ein kleines Säckchen mit Saatgut.
„Nimm diese Saat und bitte den Kapitän abermals zum eisernen Berg zu fahren.
Aber er soll auf der Hut sein. Er soll des nachts seine Fahrt antreten, damit er am Tag sein Ziel erreicht. So kann ihm und seiner Mannschaft nichts geschehen, denn die Elfe kann sich nur in der Dunkelheit bei hellem Mondschein mit all ihrer Zauberkraft zeigen. Wenn sie dort angekommen sind, sollen sie den Inhalt dieses Säckchens ins Meer schütten und sofort umkehren. In wenigen Tagen wird dann das Grauen ein Ende haben, und ihr werdet euren Frieden wieder finden“.
Maria bedankte sich bei dem weisen Mann und eilte so schnell sie konnte zurück in ihr Dorf.
Als sie dem Kapitän von dem alten Mann und seinen Anweisungen erzählte, zögerte dieser zuerst. Aber als er in all die traurigen Gesichter der Frauen sah, nahm er sich ein Herz und all seinen Mut zusammen und trat seine Fahrt ins Grauen noch einmal an.
Am selben Abend stach er mit seinen Männern noch einmal in See in Richtung des Berges. Die ganze Nacht hindurch. Kaum waren sie dort angekommen, wurde das Meer unruhig. Aber dieses Mal hörten sie keine Melodie und sahen auch, wie es der alte Mann vorhergesehen hatte, keine Lichtgestalt, nur die helle Morgensonne. Die Wellen schlugen mit gewaltiger Kraft gegen den Berg, dass sich ein dichter hässlicher Schaum bildete.
Der Kapitän beugte sich über das Schiffsgeländer und leerte sein Säckchen mit der Saat, das ihm Maria übergeben hatte. Danach befahl er sofort das Schiff zu wenden und zum Hafen zurückzukehren.
Kaum waren sie dort angekommen, tobte ein heftiger Sturm über dem Meer. Ein Geheule und Getöse mit Hagelkörnern so groß wie Hühnereier fegte über das Land. Die Dorfbewohner und ihre Gäste mussten sich Watte in die Ohren stopfen, um von dem Lärm nicht wahnsinnig zu werden. Dann, nach einigen Tagen, war auf einmal alles still. Totenstill.
Was war geschehen?
Als die Saat, die der Kapitän ins Meer schüttete, mit dem Wasser in Berührung kam, ging sie sofort auf, und die Wellen spülten sie an den Fuß des Berges. Dort angekommen, umschlangen ihre starken Zauberwurzeln das eiserne Bergmetall, und aus ihnen wuchsen Bäume so dick, dass man 100 Menschen brauchte, um ihren Umfang messen zu können, und ihre Höhe gelangte bis hin zu den Wolken. Und jeder gewachsene Baum vermehrte sich in Windeseile um das tausendfache, so dass es nur wenige Tage brauchte, um den Berg in einen riesigen Urwald zu verwandeln. Doch das war nicht alles. Die Bäume waren so schwer, dass der Berg die Last nicht mehr tragen konnte, und er Stück für Stück in das Meer versank, bis zum Schluss nichts mehr von ihm zu sehen war.
Das war nun das endgültige Ende des Berges und der grausamen Hildegunde.
Im Dorf hatte man von der Tragödie draußen auf dem Meer nichts mitbekommen oder gesehen, aber man ahnte, ja man war sich sicher, dass nun kein weiteres Unheil mehr zu befürchten war.
Allen war nun leichter ums Herz, die nachkommende Generation war nun nicht mehr gefährdet, und ihre Kinder konnten später einmal wieder als Fischer arbeiten, ohne dass ihre Angehörigen Angst um sie haben mussten.
Am nächsten Morgen verabschiedete die ganze Dorfgemeinschaft ihre Retter den Kapitän mit seiner tapferen Mannschaft auf ihrem stolzen Segelschiff.
Mit weißen Tüchern winkend standen sie am Strand, während sich das Schiff weiter von ihnen entfernte und dann am Horizont für immer verschwand.
Trotzdem traten alle traurig ihren Heimweg an, denn den Verlust ihrer lieben Menschen konnten sie nicht vergessen.
Maria drehte sich noch einmal wehmütig um und schaute ein letztes Mal aufs Meer.
Aber sie konnte ihren Blick nicht abwenden. Sie kniff Ihre Augen zusammen, um besser sehen zu können, dann stieß sie einen schrillen Schrei aus.
Auf dem Meer sah sie viele kleine Punkte, die, so schien ihr es, langsam immer größer wurden.
„Was ist das“ schrie sie so laut, dass die anderen noch einmal zurückkehrten, um zu sehen, was Maria meinte.
Als die Frauen auch die Erscheinungen am Horizont sahen, brachen einige zusammen, andere umarmten sich weinend, und weitere liefen ins Wasser, den kleinen Booten entgegen.
Ein lautes Hupkonzert ertönte über dem Meer, und einhundertsechsundachtzig kleine Fischerbote mit freudig winkenden Vätern und Söhnen liefen im Heimathafen ein. Allen voran Marias jüngster Sohn Michel.
Die böse Elfe Hildegunde, die als einzige nun tot und immer noch eingeschlossen in ihrem eisernen Berg lag, hatte zwar die Macht den Menschen zu schaden, aber sie hatte keine Macht einen Menschen zu töten, deshalb war der leidvolle und grausame Zauber mit ihrem Tode aufgehoben, und all diese vielen Menschen wurden wieder glücklich vereint.
Wie groß die Freude darüber war, brauche ich wohl nicht hier weiter zu erzählen.
 
 
Ende
 
Illustriert und geschrieben von GiTo
 
Wer mehr schöne Märchen von GiTo lesen möchte, hier ist der Link zu seiner Märchenseite.:

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