MÄRCHEN AUS SPANIEN ...

VERZEICHNIS

"Der Raimund vom Pujol"

"Der Mann, der Bäume stutzte"

"Der Hirt von Galatzó"

"Das Gespenst von Concas"

"Das Gespenst vom Rafal"

"Das Gespenst der Bufera"

"Die Sage vom Prinz Achmed al Kamel, dem Liebespilger

"Der Zauberer Palermo" 

"Die drei schönen Prinzessinen"

"Die Frau, die auszog, ihren Mann zu erlösen"

"Blancaflor, oder die Tochter des Teufels"

"Alarcos"

"Das Kettchen"

"Das Messmerchen"

"Der Falistroncos" 

"Des Bockes"

"Das Mäuschen"

"Das Mönchlein"

"Der blinde Maure"

"Das Negerchen aus der Coma"

"Das Schloss der Rosen"

"Der alte Guayta"

"Der Anwalt und der Bauer"

"Der Hirte des Brunnens von Ses Basses"

"Der Lügensack"

"Der Magenpeter"

"Der Mann, der ein Esel wird"

"Der Mann, welcher den Schatz der Fátima suchte"

 

DER MANN, WELCHER DEN SCHATZ DER FÁTIMA SUCHTE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein Mann, der einen Hund hatte, welcher Tomeu hiess, und dieser Mann beschloss, den Schatz von Na Fátima zu suchen. Er ging, Erkundigungen einzuziehen, zu einem Herrn aus der Stadt, der Dinge zu errathen pflegte, der aber niemals in Puigpuñent gewesen war, und dieser sagte ihm:
- Und liegt nicht Son Forteza oberhalb Puigpuñent?
- Ja.
- Und zwischen Son Forteza und dem Dorfe steht dort nicht eine Tenne?
- Ja.
- Und wenn man bei dieser Tenne ist und weiter hinaufgeht, liegt die Fátima nicht zu unserer rechten Seite?
- Ja.
- Also steiget ein Stück höher hinauf vor den Collet d'es forn des vidre (Berg zu den vier Hügeln), und bei einem Felsengrund schauet alles gut an und ihr werdet einen Asphodel mit zwei Blüthenstengeln finden. Bei diesem Asphodel beginnet zu graben, aber wenn ihr den Schatz nicht gleich das erste Mal findet, dann werdet ihr ihn nie mehr finden können.
- Und muss ich sehr tief graben?
- Nein, ihr werdet bald das Loch finden.
Nun verabschiedete er sich von dem Errather und als er sich entschloss, den Schatz aufzusuchen, nahm er auch zwei Stiere, d.h. zwei Männer, die den Militärdienst gemacht hatten, zu seiner Begleitung und ebenso seinen Hund, der Tomeu hiess.
Als sie den Asphodel fanden, begannen sie zu graben und als sie kurze Zeit gegraben hatten, machte die Erde wie ein Wirbel, sank zusammen und es zeigte sich ein Loch. Als sie das Loch fertig sahen, beschaute es sich der wackerste von ihnen allen und hatte keinen Muth, hineinzusteigen. Die beiden anderen sahen sich, einer den anderen, an.
- Gehen wir nicht hinein?
- Wir gehen hinein.
Als sie im Innern waren, fanden sie gepflasterten Boden und eine Art Anwurf aus alter Vorzeit mit Tropfsteinen überzogen. Sie gingen ein Stück weiter hinein, mehr erschrocken wie ein Kaninchen, der Hund mit dem Schweif zwischen den Füssen lief hinter die Füsse des Herrn. An einer gewissen Stelle fanden sie eine Pfütze schwarzen Wassers, und sie bekamen Furcht, da sie genug davon hatten, wendeten sie sich nach dem Ausgang und auf dem Rückweg wollte keiner der Zwei mehr hinter dem anderen gehen, aus Furcht, darin bleiben zu müssen, darum gingen sie beide hart neben einander. Als sie herauskamen, trafen sie jenen Muthigen noch, welcher mehr Mann war, bevor er das Unternehmen begonnen hatte, und der sie erwartete.
Es geschah ihnen nichts, aber es blieb ihnen nichts Anderes übrig, als die Verzauberung zu lassen. Das Loch, das sie gemacht hatten, fanden sie nicht mehr.

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER MANN, DER EIN ESEL WIRD

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine sehr arme Wittwe, die drei Kinder hatte, war sehr kummervoll, weil sie nichts hatte, was sie ihnen geben konnte.
Eines Tages kamen zu ihr zwei kleine alte Männer, die aussahen, wie wenn sie die ganze Welt durchwanderten und frugen an, ob sie übernachten könnten und ob man ihnen ein Abendessen geben wolle. Jene Frau war sehr betrübt und sagte ihnen:
- Wie kann ich euch Abendessen geben, da ich Kieselsteine im Topfe habe, um die Kinder zu unterhalten, damit sie einschlafen?
- Nun, schauet einmal, ob sie gesotten sind, sagten die kleinen Alten.
- Und würdet ihr einfältiger wie die Kinder sein, habe ich euch nicht gesagt, dass es Kieselsteine sind?
- Lasset es gehen, schauet wieder nach, ob sie gekocht sind?
Sie baten so viel, bis schliesslich die Frau ging, nachzusehen und sie fand den Topf voll Saubohnen und sie sagte zu jenen Männern:
- Jesus, ja ihr könnt schon zu Abend essen, aber ich habe nichts mehr, was ich hinzufügen könnte.
- Gehet und schauet in euere Krüge.
Sie ging hin und fand sie mit Oel gefüllt und ihre Körbe voll Brod.
- Schaut, sagte sie, seit meines Mannes Tod war noch fast kein Brod da gewesen.
Sie assen Alle zu Abend und als sie gegessen hatten, sagte die Frau zu ihnen, sie möchten in ihrem Bette schlafen, aber sie wollten das nicht und gingen schlafen auf den Dachboden.
Als die Frau sie am anderen Morgen rufen wollte, fand sie Niemanden mehr, aber in ihrem Hause gingen nie mehr die Speisen aus.
Jene kleinen Alten kamen am anderen Abend zu einem Landgut und frugen, ob sie übernachten und Abendessen könnten und der Pächter sagte zu ihnen:
- Abendessen geben wir nicht, übernachten ja.
Und alle Armen, welche zu ihm kamen, liess er in einem Stalle schlafen, wo zwei Hunde waren, die sie auffrassen.
Jene beiden Alten enthüllten sich als der heilige Peter und der gute Jesus und als sie im Stalle waren, sagte der gute Jesus:
Peter setze dich auf einen der zwei Hunde und ich werde mich auf den anderen setzen.
Am folgenden Morgen fand man jene beiden Männer auf den Fleischerhunden reitend und als der Pächter sah, dass die Hunde sie nicht aufgefressen hatten, sagte er:
- Diese Männer treiben böse Künste, und er rief die Knechte zusammen, damit sie sie gefangen nehmen und in den Kerker führen sollten.
Als sie unterwegs waren, sagte der eine der alten Männer, man glaubt es war der gute Jesus:
- Pächter, diese Knechte verlieren ihre Arbeit und es wäre nicht nothwendig, dass sie sie verlören, weil wir euch nicht entfliehen werden und ihr seid Leute genug, um uns zu begleiten.
Jene Männer gingen weg und als sie nicht mehr da waren, sagte der gute Jesus zum heiligen Peter:
- Peter setze dich auf diesen Esel, und der Pächter war zum Esel geworden.
Und mit dem Esel kamen sie zu dem Hause jener Wittwe und der heilige Peter sagte zu ihr:
- Frau nehmet hier diesen Esel und verwendet ihn, lasset ihn die Wasserhebebrunnen (Noria) drehen, bestellet mit ihm den Gemüsegarten, ihr werdet viel Gemüse bekommen und beladet den Esel wenn ihr geht, um es zu verkaufen und ihr dürft ihm nie zu Fressen geben und dürft ihm den Maulkorb nie abnehmen und nie wird er ermüden.
So machte es jene Wittwe und sie hatte den Esel sieben Jahre lang. Eines Tages kam der älteste Knabe jener Frau, der bereits gross geworden war, der eine Ladung Gemüse mit dem Esel geführt hatte und dieser frass einen Asphodel und fiel todt nieder und nun hatten sie keinen Esel mehr.
Indessen kamen jene kleinen Alten wieder und der älteste Sohn sagte zu seiner Mutter:
- Meine Mutter, jene zwei kleinen Alten, die uns den Esel geschenkt und die wir seither nicht mehr gesehen hatten, sind wieder zurückgekehrt und folgen mir sogleich nach.
Als sie angekommen waren, sagte ihnen die Frau:
- Ach meine Herrchen, jener Esel, den ihr mir gabet, ist todt, noch könnte ich den Asphodel finden, der ihm, als er ihn frass, den Tod brachte.
- Wir wollen also gehen, sagten jene kleinen Alten, um zu sehen, ob noch etwas von ihm übrig geblieben ist.
- Ja, sagte die Frau, ich denke, dass noch der Kopf vorhanden ist.
Sie gingen hin und fanden noch den Kopf des Esels.
Einer der zwei kleinen Alten gab ihm einen Fusstritt und sagte zu ihm:
- Stehe auf, weil Gott dir schon verziehen hat.
Mit dem stand er auf und verwandelte sich in den Pächter, den Besitzer der Hunde und der kleine Alte sagte zu ihm:
- Wenn Arme wieder zu dir kommen, gebe ihnen zu essen und sperre sie nicht mehr in den Stall mit den Fleischerhunden.
Als jener Mann wieder bei seinem Hause angekommen war, wollten sie ihn nicht aufnehmen, weil sie meinten, dass er schon lange todt sei und die Aasgeier ihn gefressen hätten.
Aber er erzählte ihnen den ganzen Hergang und sie nahmen ihn auf und jetzt ist er gläubig geworden.

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER MAGENPETER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie hiessen ihn den Magenpeter weil seine Mutter eines Tages ihn zum Fleisch holen schickte und ihm sagte, er solle dasselbe ohne Knochen bringen. Er brachte einen Magen und als er nach Hause zurückkehrte betrat er die Kirche, um zu sehen, was es gäbe, weil er viele Leute darin sah. Es war soeben das Hochamt und darnach kam die Predigt. Der Prediger sprach über die Butla (Päpstliche Bulle) und da er wiederholt die Butla nannte, die Butla so und die Butla anders, meinte zuletzt der Peter, dass er die Butza (Magen) die Butla nannte und dass er den seinigen gesehen hätte, darüber ärgerte sich der Peter so sehr, dass er ihn nach der Kanzel warf und dem Prediger zurief:
- Nun also, so viel Butza, so viel Butza, hier habt ihr die Butza.
Als seine Mutter das Geschehene vernahm, sagte sie zu ihm:
- Ach Peter, Peter, dummer Peter, du musst mehr Geduld haben und immer zu dir sagen;
Gott gebe mir Ruhe.
An demselben Tage musste er zum Hafen gehen und seine Mutter sagte ihm, er solle den Magen mitnehmen und bevor er ihn zurückbrächte, im Meere waschen, damit er gereinigt würde.
Als er ihn wusch, sah er ein Boot im Begriff hinauszufahren, um zu fischen; es war windstill und er sagte zu den Matrosen auf dem Boote:
- Gott gebe euch Ruhe.
Jene Matrosen, welche derselben schon überdrüssig waren, ruderten dem Ufer zu und fragten ihn, warum er das gesagt habe und prügelten ihn tüchtig.
Er fragte sie:
- Was soll ich also sagen?
- Was du sagen sollst? Gott gebe euch guten Wind.
Als er nach dem Dorfe zurückkehrte, erhob sich ein sehr starker Wind und auf dem Wege begegnete er einem Schafhirten mit seiner Heerde, welche fast nicht fortkommen konnten, weil sie gegen den Wind ankämpfen mussten und er sagte zu ihm:
- Gott gebe euch guten Wind.
Der Hirte prügelte ihn wieder und der Peter frug ihn:
- Also was soll ich sagen?
- Was du zu sagen hast? Gott gebe euch Kraft.
Seinen Weg nach dem Dorfe weiter verfolgend, traf er, als er gegen Can Contes kam, zwei Fuhrleute, die sich zankten und er sagte ihnen:
- Gott gebe euch Kraft.
Jene zwei schauten ihn an und schlugen tüchtig auf ihn ein und er fragte sie:
- Also was soll ich sagen?
- Was du zu sagen hast? Gott trenne euch.
Er ging seinen Weg fort und als er ein Stück weitergegangen war, fand er ein Ehepaar, er beeilte sich und als er vor den Mann und die Frau gekommen war, sagte er zu ihnen:
- Gott trenne euch.
Die Frau fing an zu lachen, aber der Mann nahm es übel und gab ihm auch eine gute Prügelstrafe. Der Peter fragte ihn:
- Also was soll ich sagen?
- Was du zu sagen hast? Gott gebe euch viele Lebensjahre, um miteinander zu verleben.
Er verliess das Ehepaar und begann rasch gegen Felanitx zu gehen. Nach kurzer Zeit fand er zwei Männer, welche bis zum Gürtel in einem Wasserbehälter zur Seite des Weges im Koth staken und sagte zu ihnen:
- Gott gebe euch viele Lebensjahre um mit einander zu verleben.
Einer der beiden Männer arbeitete sich aus dem Behälter heraus und so schmutzig wie er war, gab er ihm eine Ohrfeige und er fragte ihn:
- Also was soll ich sagen?
- Was du zu sagen hast? Dass, so wie der eine herausgekommen ist, auch der andere herauskommen möge.
Als er in die Nähe von Es collêt kam, fand er einen Einäugigen und er sagte sogleich zu ihm:
- So wie einer herausgekommen ist, möge auch der andere herauskommen.
Dieser Einäugige, ja der gab ihm tüchtig Prügel und Peter frug ihn:
- Also was soll ich sagen?
- Was du sagen sollst? Gott gebe euch gute Augen.
Er traf Niemanden mehr an und als er nach Hause kam, sagte er zu seiner Mutter:
- Gott gebe euch gute Augen.
- Amen, antwortete seine Mutter, hast du den Magen gut gereinigt?
- Ja, sagte er, aber der Rücken ist sehr schmutzig von Hieben.
- Ja, du musst was angerichtet haben?
- Mir hat man es angerichtet und er erzählte seiner Mutter alles, was ihm zugestossen war und dann musste er sich niederlegen, da er in Folge der Hiebe sich nicht mehr aufrecht erhalten konnte und er dachte nach, was ihm eigentlich seine Mutter gesagt hatte, er solle immer wiederholen: Gott gebe mir Ruhe. Gott gebe mir Ruhe, was das beste war.

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER LÜGENSACK

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein sehr reicher Herr, der eine wunderschöne Tochter hatte, und gerade vor seinem Hause stand eine sehr grosse Pinie, die ihm die Aussicht verdeckte und diese war sehr schwer zu entfernen.
Der Herr liess einen Ausruf machen, dass derjenige, der die Pinie entfernen könnte, seine Tochter heirathen dürfe.
Ein Mann aus einem benachbarten Dorfe erfuhr davon, machte sich auf den Weg nach dem Hause jenes Herrn und nahm zwei Brode mit sich, um sie unterwegs zu verzehren.
Er ging und immer weiter gehend, fand er eine Schlange und die Schlange sagte zu ihm:
- Wo geht's hin?
- Er sagte: zu diesem Platze und für das und das.
- Nun, gebet mir euer halbes Brod und es wird euch besser gehen.
- Ich weiss zwar nicht, ob es weit oder nahe ist, aber nimms, und er gab ihr das halbe Brod.
Er begann weiterzugehen und weiter immer weiter gehend, fand er ein Regiment Ameisen, welche zu ihm sagten:
- Wo geht's hin?
Er sagte dahin und für das und das.
- Nun, gebet uns ein halbes Brod und es wird euch besser gehen.
- Ich weiss nicht, ob es weit oder ob es nah ist, wohin ich gehen will, aber nehmt es, ich werde es schon sehen und er gab ihnen das halbe Brod.
Er ging weiter, immer weiter, und weiterhin fand er einen Falken.
- Wo geht's hin? frug der Falke.
- Er sagte: dahin und für das und das.
- Nun, gebet mir ein halbes Brod und es wird euch besser gehen.
- Ich weiss nicht, ob es weit ist, oder nah und für mich ist nur noch ein Brod übrig geblieben, indessen, nehmt die Hälfte davon.
Nun kam er zu dem Hause jenes Herrn, bat um die Werkzeuge, um die Pinie zu fällen und begann zu arbeiten.
Die Tochter jenes Herrn hatte eine besondere Gabe, dass, wenn sie auf einen Schnitt oder einen Sprung ausspuckte, sich dieselbe sofort schloss und weil dieser Mann alt und hässlich war und sie ihn durchaus nicht wollte, ging sie hin, um in den Schnitt des Pinienstammes zu spucken, damit er sich wieder schliesse; aber die Schlange verhinderte es, sie entfloh aus Furcht und konnte nicht spucken, und der Baum war bald gefällt.
Aber nun sagte ihm der Herr, dass das noch nicht genügend sei, dass, wenn er sich mit seiner Tochter vermählen wolle, müsse er ihm dreihundert corteres (Maass) gemischte Saat am selben Abend ausscheiden und am folgenden Morgen müsse er ihm getrennt die hundert Maass Weizen, die hundert Maass Xexa (eine feinere Weizensorte) und die hundert Maass Gerste bringen.
Jener Mann sah, dass er dies nicht zu thun im Stande war, aber er sagte ja, und das Regiment Ameisen kam und in einem Augenblick hatten sie es geschieden.
Aber der Herr wollte ihm seine Tochter noch nicht geben und gab ihm dreizehn Hähne und sagte ihm, wenn er sie nach einem Jahr und einem Tag noch besitze, dann dürfe er sie heirathen.
Er ging mit den dreizehn Hähnen fort nach seinem Hause und nach einigen Wochen kam die Magd jenes Herrn zu ihm, um zu fragen, ob er ihr einen Hahn verkaufen wolle.
Er sagte ihr, dass er keinen verkäuflich habe, aber sie bat ihn so lange, bis er endlich ihr versprach, dass er ihr einen verkaufe, wenn sie am Abend mit ihm zu Abend essen wolle. Sie sagte ihm ja, und als sie gegessen hatten, gab er ihr den Hahn und sie ging weg.
Indessen kam es, als sie unterwegs war, dass der Falke, der von jenem Manne das halbe Brod verlangt hatte, ihr den Hahn abnahm und es seinem Eigenthümer zurückbrachte.
Nach mehreren Monaten ging die Tochter jenes Herrn zu ihm, aber verkleidet, damit er sie nicht erkenne und fragte ihn, ob er ihr einen Hahn verkaufen wolle. Der Mann versprach es ihr, wenn sie am Abend mit ihm speisen wolle. Sie war es zufrieden und als sie zu Abend gegessen hatten, gab er ihr den Hahn und das junge Mädchen ging weg, aber der Falke nahm ihn unterwegs ihm ab und brachte ihn jenem Manne wieder zurück.
Nach einiger Zeit ging der Herr selbst hin, ebenfalls verkleidet und verlangte, dass er ihm einen Hahn verkaufe.
Er antwortete ihm bejahend, wenn er sich eine gute Tracht Prügel mit einem Stocke, um Karren vollzuladen, gefallen lasse.
Der Herr sagte ja und brachte den Hahn weg, aber mit einem sehr warmen Rücken.
Unterwegs nahm ihn der Falke ihm wieder ab und brachte ihn dem Manne zurück.
Inzwischen waren das Jahr und der Tag vorüber und jener Mann ging mit den Hähnen nach dem Hause des Herrn, um sich mit seiner Tochter zu verheirathen.
Der Herr hatte eine Anzahl Knaben gemiethet, damit sie ihn erwarten sollten, und so wie sie ihn erblickten, ihm die Hähne mit Steinen bewerfen und sie ihm entfliehen liessen.
Er sah die Knaben von weitem und versteckte alle seine Hähne in einer Sandhöhle und setzte sich, um zu rauchen, auf die Mauer.
Als die Knaben bei ihm ankamen, fragten sie ihn:
- Habet ihr einen Mann gesehen, der eine Hähnenheerde führt?
- Er sagte ja, ich habe ihn gesehen, weit oben.
Die Knaben liefen weg, er holte seine Hähnen und brachte sie alle zum Hause jenes Herrn.
Aber dieser wollte noch nicht zugeben, dass er sich mit seiner Tochter verheirathe und sagte ihm, dass, wenn er sie heirathen wolle, müsse er noch einen Sack mit Lügen anfüllen.
- Also sagte er, bringet mir einen Sack.
Sie brachten ihm den Sack und er frug die Magd.
- Saget, erzählet die Wahrheit, dass ihr mit mir eines Abends zu Abend gegessen habt.
- O, sagte sie, was für eine grosse Lüge!
- Er sagte: Also stecke sie in den Sack. Ei nun, sagte er zu dem Mädchen, erzähle wahrheitsgetreu, hast mit mir eines Abends zu Abend gegessen?
- Oh, sagte sie, welch grossartige Lüge.
- Er sagte: Also stecke sie in den Sack.
Dann wandte er sich zu dem Herrn und begann zu sagen:
- Nun sie - - -
- Schliesset den Sack, weil er schon voll ist, sagte sogleich der Herr zu ihm, ohne dass er ihn ausreden liess, weil er nicht wollte, dass sie erfahren sollten, dass er sich hatte prügeln lassen.
Und dann verheirathete sich jener Mann mit jenem ebenso reichen als schönen Mädchen. Und wenn sie nicht lebend sind, sind sie todt; und wenn sie nicht todt sind, sind sie lebend.

[Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca]

DER HIRTE DES BRUNNENS VON SES BASSES

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein Hirte, den die Mauren verfolgten und den sie nie fangen konnten.
Eines Tages fanden ihn zehn oder zwölf Mauren und liefen ihm nach. Er entfloh über eine Klippenreihe und blieb erst bei der letzten und äussersten von allen stehen und hier setzte er sich nun, die Flöte zu spielen und die Mauren zu verlachen, welche sich fürchteten, die Klippen zu überschreiten und ihn nicht fangen konnten.
Die Mauren sagten ihm:
- Wir werden dich schon fangen, es wird ein Tag kommen, an dem du uns nicht entfliehen wirst.

Einmal fanden ihn fünf Mauren, als er einen Topf Milch am Feuer hatte, und sie umringten ihn.
- Jetzt bin ich schon eurig, sagte er zu ihnen, aber nachdem ich euch doch nicht mehr entfliehen kann, lasset mich wenigstens einen Teller Milch essen und wenn ihr auch davon wollet, so gibt es noch genug davon.
Sie sagten ja, und wie er ihnen die kochende Milch ausschenkte, verbrühte er sie alle, und unter Löffelhieben liess er sie entfliehen.

Ein anderes Mal fanden sie ihn innerhalb eines Brunnens, in den er hineingegangen war, um Wasser zu trinken und von oben herab riefen sie ihm zu:
- Dieses Mal entfliehst du uns ja nicht.
- Ich sehe es schon, erwiderte er aus dem Innern des Brunnens, jetzt werde ich herauskommen, umringet die Brunnenöffnung, aber wenn ich herauskomme, könnt ihr mich nur durch die Gerte, die durch meinen Gürtel geht, fangen.
Als er aus dem Brunnen kam, hielten die Mauren ihn sofort an die Gerte fest, er machte einige Windungen, liess die Gerte in ihren Händen und entfloh.

Ein anderes Mal fanden sie ihn in einer Höhle.
- Von hier kannst du ja nicht entfliehen, sagten sie. Wir werden warten, bis er herauskommt und wenn er nicht kommt, wird er vor Hunger sterben. Es wird nicht so gehen, wie damals beim Brunnen.
Als er sie hörte, steckt er den Kopf durch ein Loch aus der Höhle heraus und bricht in ein grosses Gelächter aus.
- Lache nur, sagten die Mauren, diesmal entkommst du uns ja nicht.
Aber er hatte ein Brod und was macht er, er zeigt es ihnen durch dasselbe Loch der Höhle, indem er ihnen sagte:
- Ich theile das Brod.
Sodann theilte er es schnell, zeigte ihnen die Hälfte und sagte ihnen:
- Ich theile das Halbe.
Er nimmt ein anderes Stück davon weg und sagt zu ihnen:
- Ich theile das Stück.
Er schneidet schnell eine Schnitte, zeigt sie ihnen und sagt:
- Ich theile die Schnitte.
Als die Mauren dies sahen, sagten sie:
- Er hat Brod für vierzehn Tage, gehen wir, gehen wir, es ist nichts zu machen, mit diesem Hirten.
Sie konnten ihm nichts anhaben und diese Höhle wurde seit dieser Zeit die Höhle von Theile Brod, (cova d'escata pá) genannt und noch heute nennt man sie so.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER ANWALT UND DER BAUER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Herr, der Anwalt war, ging zu Fuss nach der Stadt und als er gegen San Navata kam, begegnete ihm ein Bauer.
- Wohin geht's, fragte er ihn.
- Ich, bis zur Stadt, sagte der Bauer und ihr?
- In die Stadt.
- Also können wir zusammen gehen.
- Ja, sagte der Herr.
Als sie ein Stück weiter gegangen waren, sagte der Herr:
- Bruder, willst du mich führen, oder soll ich dich führen?
Der Bauer schaute ihn an, und gab ihm darauf keine Antwort, indem er überlegte:
- Welche Frage! Wie kann ich ihn führen, der ich ein so alter Mann bin?
Sie gingen weiter und unterhielten sich mitsammen und als sie bei Son Gornals waren, sahen sie Gerste, die sehr schnittreif und noch nicht geschnitten war, und der Herr fragte den Bauern:
Brüderchen, ist diese Gerste geschnitten oder nicht geschnitten?
Der Bauer schaute ihn an, gab ihm aber keine Antwort.
Weiter gehend unterhielten sie sich mit anderen Dingen und als sie an Porreras schon vorüber gegangen waren, begegneten sie einer Leiche, welche man zum Grabe trug und der Herr sagte zu dem Bauern:
- Brüderchen, dieser Mann, den man begraben will, ist der tot oder lebendig?
Der Bauer gab ihm auch darauf keine Antwort.
Mit allerlei Dingen sich unterhaltend, gingen sie weiter und weiter und kamen nach dem Prat, als es schon Dämmerung war.
Der Bauer war der Pächter einer Besitzung in der Ebene, nahe bei der Stadt und er sagte dem Herrn, es würde schon zu spät werden, bis er nach der Stadt käme; desshalb solle er in seinem Hause übernachten und am folgenden Morgen weitergehen.
Der Herr sagte ja, er wolle bleiben, und als sie bei dem Hause jenes Bauern, der einen Sohn und eine Tochter hatte, ankamen, stand die Tochter unter der Türe.
- Welch schönes Portal, sagte der Herr, wenn nicht ein Stück daraus fehlen würde.
Der Mann wusste wieder nicht, was er von dem, was der Herr sagte, denken sollte, weil an dem Portal kein Stein fehlte.
Das Abendessen wurde bereitet und als es fertig war, setzten sie sich zu Tische.
Es wurde ein Hahn gebracht und der Hausvater bat den Herrn, dass er ihn zerteile. Der Herr gab den Kopf dem Manne, die Brust der Frau, die Füsse dem Sohne, die Flügel der Tochter und den Rücken behielt er für sich.
Als sie gespeist hatten, unterhielten sie sich noch eine Zeit lang und sagten dann dem Herrn, wenn er Lust habe, schlafen zu gehen, sei das Bett schon bereitet.
Der Herr ging schlafen und als die Familie ganz allein war, erzählte ihnen der Vater, dass jener Herr ihm mehrere seltsame Fragen vorgelegt habe. Er sagte ihnen, dass er ihn sogleich wie er ihm begegnet war, gesagt habe, ob er wollte, dass er ihn führen solle oder ob er ihn führen wollte.
- Ach, mein Vater, mein Vater, sagte seine Tochter, verstehst du nicht, dass er fragen wollte, ob du das Gespräch führen wolltest, oder ob er es tun sollte.
- Ach, sagte ihr Vater, ich sehe es schon, ich sehe es schon. Aber dann frug er mich wegen einer Gerste, die schnittreif aber noch nicht geschnitten war, ob sie geschnitten sei oder nicht.
- Ach, mein Vater, mein Vater, sagte seine Tochter, verstehst du nicht, dass, wenn der Eigentümer ihm schuldet, wenn es auch noch nicht geschnitten ist, für jenen ist es schon.
- Du magst Recht haben, sagte ihr Vater, aber als wir in der Nähe des Friedhofes von Porreras waren, sahen wir eine Leiche und er hat mich gefragt, ob ich wisse, ob sie tot oder lebendig sei.
- Ach, mein Vater, mein Vater, sagte die Tochter, merkst du nicht, dass, wenn jener Tote selig geworden ist, er für immer lebend ist und wenn er verdammt ist, so ist es dasselbe, wie wenn er tot wäre.
- Aber wie wir hier ankamen, hat er zu mir gesagt, siehe welch schönes Portal, schade aber, dass ein Stück fehlt.
- Ach, mein Vater, mein Vater, merkst du nicht, dass ich unter dem Portal stand, und da mir ein Vorderzahn fehlt, bezog er das auf meinen Mund. Und als wir zu Abend assen, hat er euch den Kopf gegeben, weil ihr das Haupt des Hauses seid, die Brust der Mutter, weil sie es ist, welche die Last des Hauses trägt, die Füsse meinem Bruder, weil er willige Füsse haben soll, überall hin zu gehen, wohin ihr ihn schicket und mir die Flügel, weil ich fliegen und ausfliegen muss und noch nicht weiss, wo ich mich niederlassen werde.
- Ja, sagte ihr Vater, jetzt verstehe ich Alles. Dieser Herr scheint sehr verständig zu sein und du wärest sehr gut, mit ihm zu gehen.
- Also sagte auch ich, dachte bei sich der Herr, der alles gehört hatte, weil sein Zimmer nebenan und er noch nicht eingeschlafen war. Und wie gut wäre es für sie, mit mir zu kommen. Und sie wird kommen, wenn sie will, ich will bei ihrem Vater anfragen, um sie zu heiraten.
Und er schlief während der ganzen Nacht nicht; am anderen Morgen sagte er, dass er jenes Mädchen zu heiraten wünsche. Sie war einverstanden, sie vermählten sich und lebten in glücklicher Ehe.

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER ALTE GUAYTA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein Mann, der auf dem Felde von Cala Murada pflügte und eines Morgens, als ein Nebel herrschte, was man nicht sagen kann, sah er sich plötzlich von einer Anzahl Mauren umrungen, die ihn gefangen nahmen und wegführten, während sie das Pfluggespann gekoppelt zurück liessen.

Sie verbanden ihm die Augen und führten ihn zu ihrem Boote und als sie ihm die Binde entfernten, sah er nichts mehr als Himmel und Wasser.

In Algier angekommen, brachten sie ihn auf den ersten Markt, der stattfand, zum Verkaufe, und es kaufte ihn ein sehr reicher Maure, aber nach kurzer Zeit verarmte er und verkaufte alles was er hatte, und auch jenen Sklaven.

Dieser Sklave kam in die Hände eines anderen, sehr reichen Mannes, der aus Jerusalem war, und der nach seinem eigenen Lande zurückkehrte und ihn mitnahm. Dort diente er ihm als Gemüsegärtner und weil er ein sehr guter Mensch war, liess er ihn seine Religion befolgen und er besuchte von Zeit zu Zeit die Brüder des heiligen Franziskus und befreundete sich sehr mit einem von ihnen, der sein Beichtvater war.

Eines Tages, zur Belohnung seiner Ehrlichkeit und christlichen Gesinnung, fügte es der liebe Jesus, dass er auf folgende Weise seine Freiheit erhielt.

Ein kleiner Knabe, den der Sklave dort angetroffen hatte, denn es waren fünfundzwanzig Jahre, dass er mit jenem Herrn stand, war gross geworden, hatte geheiratet und ging spazieren mit seiner Braut und anderen Leuten in dem Gemüsegarten, wo der Sklave als Gärtner arbeitete.

Der Sklave hörte ein Jammergeschrei, lief schnellstens herbei, sah, dass die Braut in den Wasserbehälter gefallen war, er achtete nicht darauf, ob er verschwitzt war, oder ob sein Leben in Gefahr kam, springt in das Wasser und zieht die Braut heraus, ohne dass sie Schaden genommen hätte.

Ihr könnt selbst urteilen, wie sehr der Schwiegervater und ihr Mann dem Sklaven dankbar waren.

Sogleich luden sie ihn ein, am selben Tag, mit ihnen zu speisen und das war eine grosse Vergünstigung von ihnen, weil niemals einer der Bediensteten mit ihnen speisen durfte.

Als sie gegessen hatten, sagte der Herr zu ihm:

- Siehe ich muss euch belohnen für den Dienst, den ihr mir geleistet habt. Saget mir was wählet ihr. Zieht ihr vor, euer ganzes Leben hindurch, bei uns zu bleiben, und wenn ich sterbe, werde ich euch so viel hinterlassen, als ihr zum Leben braucht, oder wollt ihr nach Hause zurückkehren?

Er erwiderte, dass er es überlegen und gleichzeitig mit seinem Beichtvater beraten wolle, der ein Mönch vom Orden des heiligen Franziskus war, und der Mönch sagte ihm:

- Wenn ihr noch eigene Verwandte auf Mallorca habet, dann ziehet hin, denn sie müssen sich sehr nach euch sehnen.

Diese Worte brachen sein Herz und ohne mehr darüber zu denken ging er zum Herrn und sagte ihm:

- Mein kleiner Herr, ich ziehe vor, nach Hause zu gehen und wenn ich Jemanden aus meiner Familie am Leben finde, werde ich noch Zeit haben sie umarmen zu können.

Der Herr erwiderte ihm:

- Also gehet auf dem Molo und benachrichtigt mich von dem ersten Schiffe, das nach Spanien geht, ich werde euch die Reise bezahlen. Denket euch, wie gerne jenes Männchen am Ufer aufpasste. Eines Tages, als er ein Schiff mit einer gelb-roten Flagge gewahrte, und wissend, dass es aus Spanien sei, lief er eilends zum Kapitän und fragte ihn ob er Raum habe, um ihn einzuschiffen.

Der Kapitän bejahte es, und sehr befriedigt darüber, ging er zum Herrn, um sich zu verabschieden, der Herr gab ihm Geschenke mit und er kehrte nach Mallorca zurück.

In seinem Hause hielten sie ihn für gestorben und Niemand dachte mehr an ihn. Eines Morgens früh, trat er in sein Haus, worin er seine zwei Töchter fand, die leichte Arbeiten verrichteten und diese waren die einzigen Überlebenden von seiner ganzen Familie.

Als sie ihn sahen, erhoben sie ein grosses Geschrei, fielen ihm um den Hals und weinten und weinten vor Freude, sie konnten sich nicht fassen, dass sie ihn wiedersahen.

Er zog ein Kästchen heraus, worin die Geschenke seines maurischen Herrn waren und gab dieselben seinen Töchtern.

Er lebte in Felanitx noch viele Jahre und wenn man ihn befragte, wer ihn aus dem Maurenlande befreit hatte, antwortete er:

- Meine Ehrlichkeit.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DAS SCHLOSS DER ROSEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein Haus, in dem zwei Kinder waren, ein Knabe und ein Mädchen, sie waren vom Mittelstande, weder arm noch reich.

Und es war ein anderes Haus, wo auch ein Bruder und eine Schwester war und diese waren sehr reich.

In diesen beiden Häusern waren sie sehr befreundet und eines Tages verabredeten sich die beiden Knaben, ein Schloss von Rosen zu machen, die beiden Schwestern sollten über das Schloss springen, und derjenigen, welche das Schloss überspringen würde, ohne eine Rose zu brechen, sollten alle Güter gehören. Diese beiden durften noch nichts davon erfahren.

Als sie das Schloss verfertigt hatten, nahmen sie die beiden Schwestern mit und als sie bei dem Schlosse angekommen waren, sagten sie ihnen, dass diejenige die darüber springe, ohne eine Rose abzubrechen, die Güter erhalten würde.

Die Arme sagte zu der Reichen:

- Springe du darüber.

Und die Reiche sagte zu der Armen:

- Springe du darüber.

Die Reiche sprang darüber und nahm eine Rose mit und dann sprang die Arme darüber und nahm ein Blatt mit, und damit man es nicht bemerke, ass sie dasselbe auf.

Sie gewann die Güter und sie und ihr Bruder schifften sich ein.

Er begann zu studieren, und sie gebar von dem Rosenblatt ein Mädchen und damit der Bruder es nicht merkte, hielt sie es bei einer Amme, und liess sich einen unterirdischen Gang bauen, der vom Hause der Amme zu ihrem eigenen führte.

Das Mädchen wurde gross und wusste nicht woher es war, und man sagte ihm, wenn Jemand darnach frage, solle es antworten:

 

Meine Mutter war Rose,

Rose bin ich auch,

Und ich hab Rosen gepflückt,

Vom selben Rosenstrauch.

 

Eines Tages fand sie der Bruder jenes Mädchens und frug sie, woher sie sei und sie antwortete:

 

Meine Mutter war Rose,

Rose bin ich auch,

Und ich hab Rosen gepflückt,

Vom selben Rosenstrauch.

 

Ihre Worte waren ihm unverständlich und eines Tages ging er vorüber und warf ihr ein Nadelbüchschen zu und das traf sie am Kopfe und steckte sich dort fest. Die Mutter zog ihr alle Nadeln heraus und als sie dachte, dass keine mehr im Kopfe sei, fing sie an zu kämmen, aber eine Nadel stiess sich ganz hinein, sie fiel in Ohnmacht und man dachte, dass sie tot sei und die Mutter liess ihr einen Sarg machen, verschloss ihn in einem Zimmer ihres Hauses und öffnete dasselbe nicht mehr.

Indessen kehrte der Bruder zurück, er fand die Schwester sehr traurig, und er fragte sie, was sie habe. Sie sagte, dass sie nichts hatte, erkrankte und starb. Vor ihrem Tode hatte sie ihm alle Schlüssel ihres Hauses gegeben und ihm gesagt, er könne alle Zimmer öffnen, nur das eine nicht.

Er öffnete es dennoch und fand darin jenes Mädchen lebend und er nahm es als Dienstmädchen an.

Eines Tages sollte der Bruder auf die Reise gehen und er fragte sein Dienstmädchen, welches man die kleine Sklavin nannte:

- Kleine Sklavin, was willst du?

- Sie sagte ihm, dass er ihr doch nicht das bringen würde, was sie sich wünschte.

- Ja, ich werde es dir bringen, sagte ihr Herr.

- Nun denn, ich wünsche einen blühenden Myrthenzweig, ein Messer mit zwei Schneiden und ein Herz von Stein.

Er ging auf die Reise, besorgte seine Geschäfte und dachte nicht an die kleine Sklavin.

Auf der Rückreise nach Hause, blieb das Schiff, das ihn führte, stehen und war auf keine Weise vorwärts zu bringen. Der Patron frug nach, ob nicht Jemand da sei, der irgend ein Versprechen gemacht habe.

Er sagte, dass er an die kleine Sklavin nicht gedacht habe, das Schiff kehrte zurück und er begann alles zu suchen, was er der kleinen Sklavin bringen sollte.

Als er zu Hause ankam, gab er ihr alles das, was er mitgebracht hatte.

Die kleine Sklavin klagte jeden Abend bevor sie schlafen ging:

 

O Herz steinernes

Warum tötest du mich nicht?

O blühender Myrthenzweig

Warum nimmst du mir nicht das Leben?

O Messer mit zwei Scheiden

Warum trägst du mir nicht meine Sorgen weg?

O Herr, wenn ihr wüsstet,

Von wem ich die Tochter bin.

 

Eines Abends hörte es der Diener und ging, es seinem Herrn zu erzählen.

Der Herr ging zuhören und als er es gehört hatte, klopfte er an die Türe, und wie sie das Klopfen hörte, löschte sie das Licht aus.

Er klopfte abermals und sie öffnete.

Der Herr fragte sie, was sie habe, dass sie also spreche.

- Sie sagte, dass sie nicht gesprochen habe, dass sie wahrscheinlich träumte.

Er bat sie und sie begann zu sprechen:

 

O Herz steinernes

Warum tötest du mich nicht?

O blühender Myrthenzweig

Warum nimmst du mir nicht das Leben?

O Messer mit zwei Schneiden

Warum trägst du mir nicht die Sorgen weg?

O Herr wenn ihr wüsstet

Von wem ich die Tochter bin.

Der Herr wurde ohnmächtig.

 

Als er wieder zu sich kam, liess er sich alles erzählen und die kleine Sklavin wurde nun die Herrin.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DAS NEGERCHEN AUS DER COMA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Negerchen hütet einen Goldhaufen und nur am Ostersamstag beim Glorialäuten kommt er heraus. Um den Schatz zu gewinnen, muss man mit einer geweihten und mit dem neugesegneten Feuer angezündeten Kerze dahin gehen.

Um ihm den Schatz zu entreissen, muss man mit dem Munde und mit einem Kusse einen Ring von Gold, den es am Munde hat, wegnehmen.

Wenn man ihm den Ring nimmt, fällt es leblos hin und derjenige, der ihm den Ring genommen hat, trägt den Schatz weg.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER BLINDE MAURE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Algier war ein Mallorquinischer Gefangener im Hause eines maurischen Herrn, der blind war und der ihn als Sklaven gekauft hatte.

Dieser Gefangene war bei seinem Herrn sehr beliebt, weil er ein sehr braver Junge war und alle Arbeiten sehr gut zu verrichten wusste.

Eines Tages sagte der Herr zu ihm:

- Wenn du machtest, was ich dir sagen würde und mich nicht betrügtest, würde ich dir die Freiheit und so viel Geld als du willst geben.

- Sagen sie was soll ich tun.

- Wenn ich dich nach Mallorca schicke, würdest du nicht mehr zurückkehren, weil es deine Heimat ist, aber ich versichere dich, wenn du zurückkehren möchtest, würdest du zufrieden mit mir sein.

- Sagen sie mir, was ich auf Mallorca tun soll und vertrauen sie auf mein Wort.

- Von welcher Ortschaft bist du?

- Von Valldemosa.

- Du musst den Puig de na Fátima kennen?

- Ja Herr und sehr genau, weil ich ihn durchwandert habe, um dort Gras zu mähen.

- Also gut. Ich werde dir sieben Paar Schuhe geben, mit diesen sieben Paar Schuhen wirst du nach Mallorca gehen.

Wenn du dort bist, wirst du an einem Montag ein Paar Schuhe anziehen und mit den angezogenen Schuhen auf den Puig de na Fátima steigen und den ganzen Tag dort spazieren gehen.

Am Abend wirst du die Schuhe ausziehen, ein Zeichen daran machen, dass es jene des Montags sind und sie aufbewahren, gut aufbewahren.

Anderen Tages Dienstag, wirst du ein anderes Paar Schuhe anziehen und mit den angezogenen anderen Schuhen wirst du auf den Puig de na Fátima zurückkehren und dort den ganzen Tag spazieren gehen. Am Abend wirst du ein Zeichen daran machen, damit man erkenne, dass es die Schuhe sind, die du den Dienstag getragen hast, und sie aufbewahren, gut aufbewahren.

Am Mittwoch wirst du ein anderes Paar Schuhe anziehen und wirst dasselbe machen; am Donnerstag das gleiche, ebenso Freitag und Samstag, endlich am Sonntag wirst du das siebente Paar anziehen, und an allen wirst du den Tag bezeichnen, an dem du sie getragen hast.

Sodann wirst du gleich hierher zurückkehren und mir die sieben Paar Schuhe gut eingewickelt bringen und sehr behutsam, damit keiner verloren gehe.

- Haben sie keine Angst, es wird alles so gemacht werden, wie sie sagen, sagte der Sklave.

- Gut sagte der Herr. Wenn du wieder zurückkehrst, ich versichere dich, du wirst es nicht bereuen, weil ich dir dann die Freiheit und so viel Geld, als du verlangst, geben werde.

Der Gefangene kam nach Mallorca, machte alles so wie sein Herr ihm gesagt hatte, kehrte dann wieder nach Algier zurück und brachte die gut zugerichteten Schuhe mit.

Als der Herr vernahm, dass er zurückgekehrt sei, war er sehr zufrieden, weil er sich schon gedacht hatte, dass er nicht zurückkehren würde, und sofort nahm er das Paar Schuhe vom Montag, brachte sie vor seine Augen und rieb sie .... und nichts.

Alsdann nahm er das Paar des Dienstags, brachte sie vor seine Augen .... und nichts.

Alsdann das Paar des Mittwochs, des Donnerstags, des Freitags, des Samstags, und alle brachte er vor seine Augen .... und nichts.

Alsdann nimmt er das siebente Paar, welches das vom Sonntag war, und brachte es vor seine Augen und sogleich war er von seiner Blindheit geheilt und konnte sehr gut sehen. Und das kam von der Heilkraft der Kräuter, auf welchen jene Schuhe getreten waren.

Der Herr warf sich an den Hals des Gefangenen und begann ihn zu küssen und er gab ihm die Freiheit und eine Anzahl Beutel mit Gold.

Der Gefangene kehrte nach Mallorca zurück, er blieb wohlhabend sein ganzes Leben und seine Nachkommen sind noch reich.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DAS MÖNCHLEIN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war, oder auch nicht, eine gute Reise mache der Stieglitz, für dich einen Anmut und für mich eine Barcella.

Es war ein Mönchlein, das auf einem Weg ging und ein Sauböhnelein fand. Weiterhin fand er ein Häuschen, dem er sich näherte und er sagte:

- Ave Maria Purisima. Wollt ihr mir dieses Sauböhnelein aufbewahren?

- Ja, leget es auf den Knetetrog.

Das Mönchlein legt das Böhnelein auf den Knetetrog und geht weg.

In jenem Hause hatten sie ein Hähnchen, das Hähnchen sprang herum, hüpfte auf den Knetetrog und frass das Sauböhnelein.

Am folgenden Tag kehrte das Mönchlein zurück.

- Ave Maria Purisima. Wollt ihr mir wiedergeben das Sauböhnelein?

- Oh Mönchlein! Das Hähnchen hat es gefressen.

- Also, sagte das Mönchlein, entweder will ich das Sauböhnelein oder das Hähnchen.

- Nehmet das Hähnchen, welches das Sauböhnelein gefressen hat.

Das Mönchlein trug das Hähnchen fort und ging weiter und immer weiter; da hörte es zur Messe läuten. Es ging in ein Häuschen und fragte:

- Ave Maria Purisima! Wollet ihr mir dies Hähnchen aufbewahren, damit ich in die Messe gehen kann?

- Ja, lasset es im Hofe.

In ihrem Hause war ein Schweinchen, das herumschnupperte, das Hähnchen fand und auffrass.

Am folgenden Tag kam das Mönchlein wieder.

- Ave Maria Purisima! Gebet mir das Hähnchen wieder.

- O Mönchlein! Wir haben ein Schweinchen und das hat das Hähnchen gefressen.

- Also entweder das Schweinchen oder das Hähnchen.

- Nehmet das Schweinchen, welches das Hähnchen gefressen hat.

Das Mönchlein trug das Schweinchen fort und ging weiter und immer weiter, da hörte es zu einer anderen Messe läuten. Es blieb bei einem Häuschen stehen und sagte:

- Ave Maria Purisima. Wollt ihr mir dieses Schweinchen aufbewahren, damit ich in diese Messe gehen kann?

- Ja, sperret es in die Strohkammer.

In jenem Hause hatten sie ein Maultierchen und das Maultier schlug aus und tötete das Schweinchen.

Am folgenden Tag kehrte das Mönchlein zurück.

Ave Maria Purisima. Wollt ihr mir das Schweinchen geben?

- Oh Mönchlein. Wir haben ein Maultierchen, das hat ausgeschlagen und es getötet.

- Also entweder das Schweinchen oder das Maultierchen?

- Nehmet das Maultierchen, welches das Schweinchen getötet hat.

Das Mönchlein führte das Maultierchen fort und ging mit ihm weiter und immer weiter. Da hörte es zu einer anderen Messe läuten. Es blieb bei einem Häuschen stehen und sagte:

- Ave Maria Purisima! Wollet ihr mir dieses Maultierchen aufbewahren, dass ich in die Messe gehen kann.

- Ja, lasset es in die Strohkammer.

In diesem Hause war ein Mädchen, das Catalineta hiess.

- Mutter, wollt ihr, dass ich das Maultierchen zur Tränke führe?

- Nein, es könnte dir entfliehen und wir müssten es bezahlen.

- Nein Mütterchen, es wird mir nicht entfliehen.

- Also gehe hin.

Catalineta ging, es zu tränken und das Maultierchen entfloh.

Am darauffolgenden Tage kehrte das Mönchlein zurück und sagte:

- Ave Maria Purisima! Wollet ihr mir das Maultierchen wieder geben?

- Oh Mönchlein! Die Catalineta hat es zur Tränke geführt und es ist ihr entflohen.

- Also das Maultierchen oder die Catalineta.

- Nehmet die Catalineta, welche das Maultierchen verloren hat.

Das Mönchlein steckte die Catalineta in den Hadernsack und geht weiter und immer weiter, da hörte es zu einer anderen Messe läuten.

Es blieb bei einem Häuschen stehen und sagte:

- Ave Maria Purisima! Wollet ihr mir diesen Hadernsack aufbewahren, damit ich in die Messe gehen kann?

- Ja, hängt ihn an jenen Wandkloben.

Das Mönchlein liess den Hadernsack und als es fortgegangen war, hörte die Hausfrau, dass die Catalineta im Hadernsack weinte, sie öffnete ihn und sah, dass es ein sehr schönes Mädchen war. Sie hatte keines und sagte zu ihr:

- Schau; verrate nichts, du kannst bei uns bleiben, wir wollen einen gebundenen, wütenden Hund, anstatt deiner, in den Hadernsack stecken.

Also machte es die Frau und am folgenden Tag kam das Mönchlein wieder.

- Ave Maria Purisima! Wollet ihr mir den Hadernsack geben?

- Ja nehmet ihn.

Das Mönchlein nahm den Hadernsack und als es weit vom Hause entfernt war, fing es an, mit sich zu sprechen.

- Aus einem Sauböhnelein ein Hähnchen, aus einem Hähnchen ein Schweinchen, aus einem Schweinchen ein Maultierchen, aus einem Maultierchen eine Catalineta.

- Catalineta komm heraus und gebe mir ein Küsschen.

Er öffnete den Hadernsack und es sprang ein Hund heraus, der ihm die Nase abfrass.

- Catalineta klagte er, welchen Ärger verursachst du mir! Jetzt habe ich kein Näschen mehr.

Das ist das Märchen des Mönchleins, es ist gesagt, esse es gebacken und wenn es dir nicht gefällt, werfe es auf das Dach.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DAS MÄUSCHEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein Mäuschen, welches den Platz kehrte und darauf ein Geldstückchen fand und sagte:

Was soll ich damit machen, was soll ich damit machen?

- Kaufe ich Haselnüsschen? Nein, sonst müsste ich die Schälchen wegwerfen. Kaufe ich Nüsschen? Nein, ich müsste die Schälchen wegwerfen. Kaufe ich Mandelchen? Nein, ich müsste die Schälchen wegwerfen.

Ich werde mir einen Krautkopf kaufen und mir daraus ein Häuschen machen. Aus den Stengeln mache ich die Balken, aus den grösseren Blättern die Wände, aus den kleineren Blättern werde ich die Scheidewände, aus den feinsten Blättchen werde ich ein Bettchen und Leintüchlein machen.

Also begann es zu machen und wie das Häuschen fertig war, stellte es sich auf den Balkon. Inzwischen ging eine Lämmerherde vorbei.

- Mäuschen willst du mich heiraten? sagten viele.

- Wenn ihr gut singet.

- Bèèèè ...

- Gehet weiter, gehet weiter, das ganze Häuschen erzittert und mich erschreckt ihr.

Es kam eine Herde Truthühner vorbei.

- Mäuschen, willst du mich heiraten?

- Wenn ihr gut singet.

- Piöp, piöp, piöp ...

- Gehet vorüber, gehet vorüber, das ganze Häuschen erzittert und mich erschreckt ihr.

Es ging eine Hahnenherde vorbei.

- Mäuschen, willst du mich heiraten?

- Wenn ihr gut singet.

- Quet-que-requech, quet-que-re-quech -

- Gehet vorüber, gehet vorüber, das ganze Häuschen erzittert und mich erschreckt ihr.

Es ging eine Herde von grossen Katzen vorüber.

- Mäuschen, willst du mich heiraten?

- Wenn ihr gut singet.

- Miau, miau, miau ...

- Gehet vorüber, gehet vorüber, das ganze Häuschen erzittert und mich erschreckt ihr.

Es ging eine Herde kleiner Katzen vorbei.

- Mäuschen, willst du mich heiraten? fragte ein hinkendes Kätzchen.

- Wenn ihr gut singet.

- Mièu, mièu, mièu ...

- Tretet herein, tretet herein, damit ihr das ganze Häuschen erheitert und mich auch.

Es traten die kleinen Kätzchen herein und das Mäuschen heiratete das hinkende Kätzchen.

Das Abendessen der Hochzeit schadete ihm und in der Nacht machte das Mäuschen seine Bedürfnisse in das Bett.

Am Morgen nach dem Aufstehen ging es mit den Leintüchern zum Trog, um sie zu waschen, fand aber dort kein Wasser.

Es nahm das Leintüchlein und ging zu einem Wasserbehälter, um zu waschen, und fiel hinein.

Als das Kätzchen hinkam, sah es, dass es am Ertrinken war, und sagte zu ihm:

- Mäuschen, willst du, dass ich dich bei einem Oehrchen herausziehe?

- Nein, du würdest mir wehe tun.

- Mäuschen, willst du, dass ich dich bei einem Beinchen herausziehe?

- Nein, du würdest mir wehe tun.

- Mäuschen, willst du, dass ich dich bei einem Füsschen herausziehe?

- Nein, du würdest mir wehe tun.

Das Kätzchen nahm es beim Schwänzchen und zog es sorgsam heraus, ohne ihm wehe zu tun. Das Mäuschen stellte sich unter einen Mandelbaum, um sich zu trocknen. Es war die Zeit der reifen Mandeln und eine Mandel fiel auf das Mäuschen herab und spaltete ihm das Schnäuzchen.

Das Kätzchen ging zum Hause eines Schusters und fragte ihn:

- Schuster, willst du mir Wichs geben, um meinem Mäuschen das Schnäuzchen zusammenzukleben?

Dieser sagte:

- Wenn du mir Borsten gibst.

Das Kätzchen ging zu einem Schwein.

- Schwein, willst du mir Borsten geben? Borsten werde ich dem Schuster geben, der Schuster wird mir Wichs geben, um das Schnäuzchen meines Mäuschens zu heilen.

Dieses sagte:

- Wenn du mir Kleie gibst.

Es ging zu einem Bäcker.

- Bäcker, willst du mir Kleie geben? Kleie werde ich dem Schwein geben, das Schwein wird mir Borsten geben, die Borsten werde ich dem Schuster geben, der Schuster wird mir Wichs geben, um das Schnäuzchen meines Mäuschens zu heilen.

Dieser sagte:

- Wenn du mir Mehl gibst.

Es ging zu einem Müller.

Müller, willst du mir Mehl geben? Mehl werde ich dem Bäcker geben, der Bäcker wird mir Kleie geben, die Kleie werde ich dem Schwein geben, das Schwein wird mir Borsten geben, Borsten werde ich dem Schuster geben, der Schuster wird mir Wichs geben, um das Schnäuzchen meines Mäuschens zu heilen.

Dieser sagte:

- Wenn du mir Weizen gibst.

Es ging zu einem Feld.

- Feld, willst du mir Weizen geben? Weizen werde ich dem Müller geben, der Müller wird mir Mehl geben, Mehl werde ich dem Bäcker geben, der Bäcker wird mir Kleie geben, Kleie werde ich dem Schwein geben, das Schwein wird mir Borsten geben, Borsten werde ich dem Schuster geben, der Schuster wird mir Wachs geben, um das Schnäuzchen von meinem Mäuschen zu heilen.

Dieses sagte:

-- Wenn du mir Wasser gibst.

Es ging zu einem Brunnen.

- Brunnen, willst du mir Wasser geben? Wasser werde ich dem Feld geben, das Feld wird mir Weizen geben, Weizen werde ich dem Müller geben, der Müller wird mir Mehl geben, Mehl werde ich dem Bäcker geben, der Bäcker wird mir Kleie geben, Kleie werde ich dem Schwein geben, das Schwein wird mir Borsten geben, Borsten werde ich dem Schuster geben, der Schuster wird mir Wichs geben, um das Schnäuzchen meines Mäuschens zu heilen.

Dieser sagte:

- Wenn du mir einen Strick gibst.

Es ging zu einem Spartgrasflechter.

- Spartgrasflechter, willst du mir einen Strick geben? Den Strick werde ich dem Brunnen geben, der Brunnen wird mir Wasser geben, das Wasser werde ich dem Feld geben, das Feld wird mir Weizen geben, Weizen werde ich dem Müller geben, der Müller wird mir Mehl geben, das Mehl werde ich dem Bäcker geben, der Bäcker wird mir Kleie geben, die Kleie werde ich dem Schwein geben, das Schwein wird mir Borsten geben, die Borsten werde ich dem Schuster geben, der Schuster wird mir Wichs geben, um das Schnäuzchen meines Mäuschens zu heilen.

Dieser sagte:

- Ich will dir nichts davon geben.

Das Kätzchen kehrte zum Mäuschen zurück und leckte ihm das Schnäuzchen, um zu sehen, ob es heilen würde und wie es das Blut kostete, und merkte, dass es gut schmeckte, bekam es Lust und frass das Mäuschen.

Und daher kommt es, dass die Katzen die Mäuschen fressen.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DES BOCKES

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein König, der wollte sich vermählen und man sagte ihm, dass ein gewecktes und witziges Mädchen vorhanden sei, das für ihn geeignet wäre.

Sobald der König dies erfuhr, ging er zum Hause dieses Mädchens und sagte zu demselben:

- Guten Morgen und was machtest du jetzt?

- Ich kochte Hinauf und Hinunter.

Der König, etwas überrascht über diese Antwort, frug es abermals:

- Und deine Mutter, wo ist sie?

- Sie macht das, was man an Eurer Majestät machte, als sie klein waren.

- Und dein Vater?

- Zieht Leute aus ihrem Hause heraus.

- Und dein Bruder?

- Mein Bruder ist auf der Jagd, tötet das Wild und bringt das lebende zurück.

 

Während der König verwundert noch dastand, kommt die Mutter an.

- Oh Herr König! So vornehme Besuche in meinem Hause. Sprechen sie, was wünschen sie von mir?

- Ich wünsche, ihr sagt mir, was das Hinauf und Hinunter ist, das eure Tochter kocht, woher ihr kommt und was ihr gemacht habt, und das man auch an mir machte, als ich klein war.

- Nun gilt es, nun gilt es, das muss ihnen meine Tochter gesagt haben. Die Hinauf und Hinunter sind die Kichererbsen, welche steigen und sinken, wenn sie kochen, ich komme von einer Taufe, zu der ich ein Kind getragen habe, denn ich bin Hebamme; mein Mann zieht Wurzeln aus der Erde, und mein Sohn, der eine Krankheit hatte, ist voll Läuse, und jetzt geht er hinter eine Wand und tötet alle, die er kann, und diejenigen, die er nicht töten kann, bringt er lebend wieder zurück.

- Das ist sehr gut, sagte der König, also du wirst mir morgen einen Korb voll Gelächter in meinen Palast senden.

- Werde damit dienen, antwortete sie.

 

Als der König fortgegangen war, kam der Vater an; die Mutter beklagte sich über die Kühnheit der Tochter, und er fragte diese: Wie willst du aber dem König morgen einen Korb voll Gelächter senden? Nun gilt es, nun gilt es.

- Habt keine Furcht, mein Vater, ihr nehmt die Netze, geht jagen und bringt mir alle Vögel, die ihr fangen könnt.

 

Ihr Vater ging auf die Jagd (alles wurde dort so gemacht, wie sie sagte) und kehrte Abends zurück, mit Sperlingen beladen. Sie band dem einen einen Fuss, rupfte dem anderen die Federn des Kopfes aus, schnitt einem den Schweif ab, dem anderen rupfte sie den Bauch, einem anderen den Rücken, und als sie einen Korb voll hatte, sagte sie zu ihrem Vater, er möge den Korb in den Palast bringen, um den Befehl des Königs zu erfüllen.

 

Der König liess ihn auf einen Tisch umwerfen, und ich glaube es schon, dass alles ein Gelächter war. Alsdann sagte er zu ihrem Vater:

- Sagt eurer Tochter, dass es sehr gut sei und dass dieses hier ein Dutzend Eier sind (und er gab sie ihm, zerquetscht, in einen Topf), dass sie sie von einer Henne ausbrüten lassen solle, und wenn die Küchlein ausgekrochen sind, dass sie mir dieselben bringen solle.

 

- Ei, ei, dachte der Vater, was wird meine Tochter jetzt machen? Sie aber, als sie das vernommen, verabschiedete sich fröhlich vom König.

- Mein Vater, nehmt diese Barcella (ein Maass Getreide) Gerste, geht und mahlt sie, und wenn sie gemahlen ist, bringt sie dem König und sagt ihm, er soll sie säen, und wenn es schnittreif sein wird, werden es die Hähnchen aufpicken. Also machte es ihr Vater und als der König es vernahm, antwortete er ihm, er soll zu seiner Tochter gehen und ihr mitteilen, er lasse ihr sagen, sie solle auf dem Wege und ausserhalb des Weges gehen, nicht angekleidet und nicht ausgezogen.

 

Der Vater, ganz verzweifelt, teilte der Tochter mit, was der König ihm gesagt hatte und sie nahm munter ein Fischernetz, bedeckte sich damit und setzte sich auf einen Bock. Der Bock begann zu laufen und bald ging er auf dem Wege, bald ausserhalb desselben.

Als der König merkte, dass er sie nicht fangen konnte, frug er sie, ob sie ihn heiraten wolle, aber mit der Bedingung, dass sie weder Ratschläge, noch Hilfsmittel geben dürfe, und wenn sie deren gäbe, müsste sie den Palast verlassen.

Es ist gut, sagte sie, aber ich mache auch die Bedingung, wenn ich weggehen muss, dass ich mitnehmen kann, was mir am meisten gefällt und was ich am liebsten habe.

Der König willigte ein und sie heirateten.

 

Bei der Hochzeit erschienen viele Ritter aus allen Ländern und als sie frühstückten, warf die Stute eines der Ritter ein Füllen und das Füllen stellte sich unter einen Hengst. Als das Frühstück beendet war, fanden die Ritter das Füllen und der Besitzer des Hengstes beanspruchte dasselbe als sein Eigentum und wollte es nicht dem Eigentümer der Stute zurückgeben, der, wie ihr wohl verstehen könnt, ein Recht darauf hatte und dieser ging, den Vorfall der Königin mitzuteilen.

 

- Sagt nichts, sagte ihm die Königin. Der König wird jetzt mit seinen Rittern spazieren gehen, geht zu dem Wege, auf dem sie zurückkommen müssen und lasst in der Mitte desselben ein so grosses Loch graben, dass sie dort fast nicht vorüber gehen können. Der König wird euch fragen, was ihr macht und ihr sollt ihm antworten, dass ihr Sardinen herauszieht, und wenn er euch weiter fragt, so antwortet ihm dies und das.

 

Der Ritter machte es so, wie die Königin es ihm gesagt hatte. Es geschah, dass der König ihn frug, was er mache und er antwortete ihm, dass er Sardinen herauszöge und dass der König ihm sagte:

- Wie ist es möglich, aus einem so trockenen Boden, Sardinen herauszuziehen.

- Es ist leichter möglich, aus einem trockenen Boden Sardinen herauszuziehen, antwortete ihm der Ritter, als dass ein Hengst ein Füllen werfe.

Das ist meine Frau, die euch diesen Rat gegeben hat. Ich gehe augenblicklich zu ihr und schicke sie fort, nach ihrem Hause.

 

Es ist sehr gut, was ich soeben höre, antwortete die Frau, aber ich bitte dich, lass mich noch zu Abend essen, bevor ich weggehe.

Der König willfahrte ihr und sie tat Mohn in sein Glas und gab es ihm zu trinken. Als er fest eingeschlafen war, steckte sie ihn in einen Sack, legte ihn auf einen Karren und brachte ihn zu ihrem Hause, wo sie ihn auf ein Strohlager, hoch oben auf dem Dachboden, legte.

 

Als der König am anderen Morgen erwachte und sich ganz von Spinnengeweben umgeben fand, wusste er nicht, was mit ihm vorgegangen war. Seine Frau, die vor ihm stand, sagte ihm, dass sie die Bedingung, die sie vor der Heirat gemacht, erfüllt habe, dass sie, indem sie nach Hause zurückgekehrt sei, auch ihn mitgenommen habe, weil er das sei, was sie am meisten liebe.

 

Der König erlaubte ihr nun, dass sie machen könne, was sie wünsche, dass sie so viele Ratschläge und Hilfsmittel geben dürfe, als sie wolle und ihr gut scheine und beide gingen mitsammen in den Palast zurück und wenn sie noch nicht tot sind, dann leben sie noch heute.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER FALISTRONCOS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein Mann, der war sehr arm und er hatte einen Bruder, der sehr reich war. Eines Tages entschloss er sich, seinen Bruder aufzusuchen und seine Frau sagte zu ihm:

- Gehe nicht hin, so wie so, wird er dir nichts geben.

Er hörte nicht auf sie, reiste ab und es war sehr weit. Als er schon lange gegangen war, fand er einen alten Mann und fragte ihn, ob er ihn begleiten wolle. Jener Mann bejahte es. Als sie ein Stückchen weit waren sagte dieser ihm:

- Wenn er dir sagt, setze dich, dann setze dich nicht, wenn er dich fragt, ob du speisen willst, dann verneine es, wenn er dich fragt, was du willst, dann verlange den Ring, den er an seinem Finger hat. Er wird ihn dir geben, und es wird dir gut ergehen.

 

Also machte er es und wie er den Ring erhielt, ging er mit jenem wieder fort und er sagte zu demselben:

- Ringelchen, für die Bekehrung des heiligen Paulus, bringe uns zum Speisen. Sie speisten und der alte Mann verabschiedete sich dann von ihm.

Weiter gehend fand er einen Riesen. Der Riese sagte ihm, dass er ihn verspeisen wolle, er sagte ihm nein, und zu seinem Ringe:

- Ringelchen, für die Bekehrung des heiligen Paulus, bringe zu Essen und zu Trinken für den Riesen. Es erschien ein reich gedeckter Tisch und als der Riese dies sah, fragte er ihn:

- Willst du mir diesen Ring gegen diese Falistroncos vertauschen?

- Und welche Geschicklichkeit haben die Falistroncos?

- Wenn man ihnen sagt schlage, dann schlagen sie und wenn man ihnen sagt töte, dann töten sie.

- Ja, sagte er und vertauschte sogleich den Ring gegen die Falistroncos und sagte:

- Falistroncos tötet den Riesen.

Der Riese blieb tot und er hatte den Ring und die Falistroncos.

 

Darauf kam die Riesin heraus.

- Ringelein, sagte er, für die Bekehrung des heiligen Paulus, bringe Essen für die Riesin.

Als die Riesin das sah, sagte sie zu ihm:

- Willst du mir deinen Ring mit dieser Börse vertauschen?

- Und welche Geschicklichkeit hat diese Börse?

- Dass jedes Mal, wenn man sie öffnet, ein Geldstück herausfällt.

- Ja! und dann sagte er gleich:

- Falistroncos töte die Riesin.

Die Riesin blieb tot und er hatte die Falistroncos, den Ring und die Börse.

 

Darnach ging er in ein Gasthaus, übernachtete, da es schon Abend geworden war, und am folgenden Morgen ging er nach Hause und sagte seiner Frau:

- Wisse, dass ich reich zurückkomme.

Die Frau sagte darauf:

- Arm gingst du weg und arm wirst du zurückgekehrt sein.

- Cotre! sagte er, ich bringe eine Börse und so oft man sie öffnet, fällt ein Geldstück heraus.

Er öffnete sie und es fiel keins heraus.

- Siehst du, was ich dir sagte, bemerkte seine Frau.

- Also die Wirtin muss sie mir vertauscht haben. Er geht zum Gasthaus und verlangte von der Wirtin seine Börse und sie sagte, dass sie nichts davon wisse.

- Falistroncos, sagte er, schlagt die Wirtin bis sie die Börse herausgibt.

- Schlagt nicht, schlagt nicht, rief sie, ich werde sie schon herausgeben. Und sie gab sie ihm.

 

Er kehrte nach Hause zurück, öffnete die Börse und es fiel ein Geldstück heraus und so oft er öffnete, fiel ein anderes heraus.

Dann sagte er:

- Ringelchen für die Bekehrung des heiligen Paulus bringe zu Essen für die Frau und die Kinder.

Das Ringelchen brachte es ihnen, und als sie gegessen hatten, sagte er:

- Ringelchen für die Bekehrung des heiligen Paulus mache, dass ich morgen früh einen Palast habe, wie jener des Königs.

Der Palast erstand und als der König ihn sah, wollte er es nicht leiden, er ging zu seinem Hause und fand dort dessen Frau, welche einen Wasserkrug hinauf trug, und sagte zu ihr:

- Gebet ihn mir, ich werde ihn euch hinauftragen.

Sie sagte ihm nein, und er erwiderte ja und als sie sah, dass er darauf bestand, gab sie ihm den Krug und sagte zu dem Ring:

- Ringelchen für die Bekehrung des heiligen Paulus mache, dass er die Treppe hinauf- und hinabsteige, ohne sich aufhalten zu können mit dem Krug auf der Schulter.

 

Der König begann zu laufen die Treppe hinauf und hinunter, bis sie ihm sagte, es sei genug.

Der König wollte ihren Mann töten lassen und befahl seinen Dienern, ihn zu prügeln.

Da sagte dieser:

- Ringelchen für die Bekehrung des heiligen Paulus mache, dass statt meiner sie jenen Esel prügeln gehen.

Sie gingen, den Esel zu prügeln und liessen den Mann unbehelligt.

 

Eines anderen Tages ging die Königin zu ihrem Hause und fand sie wie sie ein Schwein schlachtete und Würste hackte und sagte zu ihr:

- Lasset es mich machen, ich werde sie hacken.

- Ringlein, sagte sie, für die Bekehrung des heiligen Paulus mache, dass in ihr Gesicht warmes Wasser spritze, und dass sie mit dem Hacken nicht aufhören könne, bis ich sage, es sei genug.

Als sie ihr sagte es sei genug, ging die Königin zum König, um es ihm zu erzählen, und der König sagte:

- Dieses Mal werden wir ihr den Mann töten.

 

Sie führten den Mann zu einem Baum, um ihn festzubinden und zu töten und dort war ein Esel, welcher weidete.

- Ringelchen, sagte er, für die Bekehrung des heiligen Paulus mache, dass sie jenen Esel töten gehen.

Sie gingen den Esel töten und als der König sah, dass er ihm nichts anhaben könne, liess er ihn gehen und er lebte im Reichthum sein ganzes Leben lang.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DAS MESSMERCHEN

Es war ein kleiner Knabe, der seinen Vater verlor und die Mutter sagte zu ihm:

- Mein Sohn, jetzt wirst du mir helfen müssen zu verdienen, weil wir arm sind. Ich werde zum Pfarrer gehen und sehen, ob er dich als Messmerchen nehmen will.

Also ging sie zu dem Pfarrer und der Pfarrer sagte ihr ja.

Das Messmerchen war sehr aufgeweckt und die anderen Messmer waren ihm neidisch. Sie verabredeten sich untereinander, um ihm einen Streich zu spielen. Der erste Messmer stellte einen ausgestopften Mann an den Strick, an dem die Abendglocke geläutet wurde und als die Stunde kam, sagte er dem Messmerchen, das Bernhardchen hiess:

- Bernhardchen, gehe und läute die Abendglocke.

Bernhardchen nahm den Schlüssel des Glockenturmes und ging ganz mutig hinein. Im Glockenturm fasste er den Strick und fand jenen Mann.

- Was machst du hier? frag er ihn und als er sah, dass er ihm keine Antwort gab, begann er die Abendglocke zu läuten.

Da jener Mann sich nicht bewegte, sagte er zu ihm:

- Mich hat man geschickt, um die Abendglocke zu läuten, aber wenn du dich bewegen willst, wollen wir beide sie läuten.

Als der erste Messmer und die anderen, welche gedacht hatten, dass Bernhardchen Furcht bekomme und die Abendglocke nicht läuten wolle, das Läuten hörten, waren sie sehr gefoppt und beschlossen, etwas Schwereres ihm anzurichten, um ihn in Furcht zu versetzen, damit er nicht mehr Messmer bleiben sollte, weil sie auf ihn sehr neidisch waren, da der Pfarrer ihn, weil er lebhaft war, sehr liebte.

Am anderen Abend nahmen sie den Strick von der Glocke weg und sagten ihm, er solle gehen und die Abendglocke hoch vom Glockenturm aus läuten.

Bernhardchen ging und als er ein Paar Stufen erstiegen hatte, fand er einen Mann.

- Was machst du hier? fragte er ihn.

Als der Mann ihm nicht antwortete, gab er ihm sogleich eine Ohrfeige und warf ihn hinunter.

Der Mann war ausgestopft und rollte die Treppe des Glockenturms herab.

Höher hinauf fand er einen anderen Mann und machte mit ihm dasselbe. Er stieg vollends hinauf und fand im Ganzen sechs Männer.

Er warf sie alle hinunter und begann die Abendglocke zu läuten.

Als der erste Messmer und die anderen, welche ihm den Schrecken einjagen wollten, hörten, dass die Abendglocke läutete, sahen sie ein, dass sie nichts erreicht hatten und sie beschlossen, ihm einen noch schwereren Streich zu spielen.

Sie schickten ihn mit einer Ausrede zur Höhle von Son Sabaté, wo Geister erschienen und er tat, was sie ihm befohlen hatten, betrat dort die Höhle und fand Niemanden.

Er kehrte zum Dorfe zurück und als der Messmer sah, dass er so aufgeweckt war, gewann er ihn nach und nach lieb und er wurde später das beste Messmerchen der Kirche.

 

[Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca]

 

DAS KETTCHEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein Vater, der hatte drei Söhne, einer hiess Anton, einer Johann und ein anderer Bernhard.

Er fühlte sich krank, die drei Söhne waren schon erwachsen und er sagte zu ihnen:

- Ich sehe, dass meine Tage zu Ende gehen und ich wünschte, dass ich euch viel hinterlassen könnte, aber da ich nur wenig habe, so werde ich euch alles geben, was ich besitze und wenn ihr es wisset auszunützen, wird es euch viel sein. Wenn ich tot und begraben bin, werdet ihr alle drei zusammen auf jenem Weg spazieren gehen und nachdem ihr weit gegangen seid, werdet ihr eine Höhle finden. Der erstgeborene wird zuerst hinein gehen, dann der zweite und dann der jüngste. Wenn ihr weit hinein gegangen seid, werdet ihr einen Türflügel finden und ihr sollt sagen:

- Türflügel öffne dich, Türflügel schliesse dich.

Es wird sich ein Loch öffnen, ihr werdet die Hand hinein strecken und herausziehen, was ihr findet.

Der Vater starb nach einigen Tagen, sie besorgten die Leiche und als er begraben war, gingen die drei Söhne um das zu tun, was der Vater ihnen gesagt hatte. Sie fanden die Höhle, gingen hinein und fanden den Türflügel. Der älteste Sohn, als es Zeit war, zu sagen: Türflügel öffne dich - Türflügel schliesse dich, bekam Furcht und wollte sich nicht nähern.

Der zweite Sohn sagte:

- Ich werde kühner sein, wie du.

Er ging zum Türflügel, als er aber gesagt hatte:

Türflügel öffne dich, bekam er viel Furcht und kehrte schnell zurück.

Bernhardchen, welches der jüngste war, ging hin und machte alles so, wie der Vater es gesagt hatte, er streckte die Hand in das Loch und zog eine Börse heraus.

- Was hast du herausgezogen? fragten ihn die anderen zwei Brüder.

- Er sagte: eine Börse.

Für eine Börse hätte ich sie schon entbehren können, antwortete der eine.

Er sagte: aber sie ist mit Geld gefüllt. Wollt ihr, dass wir es zählen?

Sie zählten es und wenn sie noch so viel zählten, so war immer mehr Geld darin.

Bernhardchen sagte ihnen:

- Ärgert euch nicht, das ist die Börse, die man nie erschöpft. Wir wollen das Geld unter uns teilen.

Aber der zweite antwortete:

- Ich will sehen, was mein Loos sein wird.

Er kehrte zum Türflügel zurück indem er sagte: Türflügel öffne dich, Türflügel schliesse dich, streckte die Hand hinein und brachte eine Kette von vier Spannen heraus.

- Ich will auch hineingreifen, sagte nun der Älteste, will auch mein Loos sehen. Er ging hin und sagte: Türflügel öffne dich, Türflügel schliesse dich und brachte ein Horn heraus.

Die beiden älteren Brüder wurden zornig, als sie das betrachteten, was sie heraus gezogen hatten, weil sie meinten, dass es ihnen zu nichts dienen könnte. Der zweite warf seine Kette in ein Loch, aber gleich fand er sich selber bei der Kette und sagte:

- Kette bringe mich zurück, wo ich war!

Und die Kette brachte ihn dahin zurück.

Der Älteste begann auf dem Horn zu blasen und als er blies kamen viele Soldaten aus demselben.

- Kehret wieder in das Horn zurück, sagte er ihnen und alle Soldaten versteckten sich wieder in dem Horn.

Als der Jüngste das sah, sagte er zu ihnen:

- Nun, ihr könnt auch zufrieden sein mit dem, was ihr erhalten habt. Ich werde auch jedem einige Münzen geben, wir wollen uns bei diesen drei Wegen trennen, ein jeder wird einen anderen Weg einschlagen und nach einem Jahr wollen wir wieder zusammentreffen und sehen wie es uns ergangen ist.

Sie nahmen Abschied und trennten sich und Bernhardchen kam zu einer Ortschaft und verliebte sich in die Tochter eines Grafen; aber die Tochter des Grafen wollte ihn nicht. Er wusste nicht was er beginnen sollte, damit sie ihn möchte und eines Nachmittags ging er spazieren und dachte immer und immer an das Mädchen. Er fing an, Birnen zu essen und er bemerkte, dass für jede Birne, die er gegessen hatte, an seinem Kopf ein grosser Dorn heraus kam. Ganz verdriesslich weitergehend, findet er einen Feigenbaum und begann Feigen zu essen und für jede Feige, die er ass, fiel ihm ein Dorn ab.

- Gut geht es, sagte er, das muss mir dazu dienen, dass die Tochter des Grafen mich will.

Er fand einen Hirten; fragte ihn, ob er ihm sein Kleid umtauschen wollte, und, das glaube ich gern, der Hirte sagte ihm gleich ja, besonders weil das Seinige, welches er trug, schon sehr alt war. Als er wie ein Hirte angezogen war, suchte er einen Korb, füllte ihn mit Birnen, ging vor dem Hause des Grafen auf und ab, indem er schrie:

- Wer will Birnen kaufen?

Die Tochter des Grafen, welche sehr naschhaft war, rief ihn gleich herbei, kaufte ihm Birnen ab und fing an, dieselben zu essen. Das glaube ich schon! Gleich hatte sie den Kopf voll Dornen. Als sie sich im Spiegel beschaute und das sah, erschrak sie dermassen, dass sie fast starb und von den vielen Ärzten, die sie zu sich rufen liess, wusste ihr keiner die Dornen zu entfernen, weil sie sehr stark und sehr trocken waren.

Bernhardchen verkleidete sich als Arzt, ging zum Hause des Grafen und sagte ihm, dass er im Stande sei, die Dornen vom Kopfe seiner Tochter wegzubringen. Der Graf erwiderte ihm, dass, wenn er das möglich machen könne, dürfe er sich mit ihr vermählen. Er liess sie Pillen von jenen Feigen nehmen und alle Dornen fielen ab.

Als sie genesen war, sagte ihr Bernhardchen, dass er derjenige sei, den sie nicht wollte, dass es keine andere Hilfe für sie gäbe, als sich mit ihm zu vermählen. Ihr gefiel er schon, aber der Graf wünschte, dass sie sich mit einem sehr reichen und sehr mächtigen Mann vermählen solle.

- Reich? sagte er, ich habe eine Börse, in der nie das Geld ausgeht und er zog seine Börse heraus und fing an, Geld herauszunehmen und hörte damit nie auf.

- Ja, sagte der Graf, ich sehe, dass ihr ein reicher Mann seid, aber ich wünschte, dass ihr auch viele Macht und viele Truppen hättet.

- Ich habe alles, was ich will, nur wartet bis Morgen und ich werde euch meine ganze Macht zeigen, sagte Bernhardchen.

An jenem Tage war es ein Jahr, dass er sich von seinen Brüdern verabschiedet hatte, am Nachmittag ging er auf jenen Weg und traf sie beide.

Er sagte ihnen: Ihr müsst mir das Horn und die Kette borgen, ich werde beides euch wieder zurückgeben.

Die Brüder gaben es ihm und er kehrte zum Hause des Grafen zurück.

- Graf, fragte er ihn, wohin wollen sie jetzt reisen?

Er sagte: Nach China.

- Kette, sagte er, bringe uns nach China.

Sofort befanden sie sich in China.

- Kette, bringe uns nach Hause zurück.

In einem »Sanctus amen« waren sie wieder zu Hause.

- Graf, tretet mit eurer Tochter auf den Balkon.

Der Graf und seine Tochter gingen auf den Balkon hinaus und sahen den ganzen Hof voll Soldaten aller Art.

- Mein Vater, sagte die Tochter, verlange nichts mehr, weil dieser Mann der meinige ist, ich will keinen anderen mehr.

Bernhardchen gab seine Hand der Tochter des Grafen, in einigen Tagen heirateten sie und lebten zufrieden, bis sie starben.

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

ALARCOS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Infantin hielt sich abseits, wie sie die Gewohnheit hatte zu tun, sie war betrübt über das Leben, das sie führte, denn sie sah, wie die Blüte ihrer Tage verging, ohne daß der König sie verheiratete, ja, ohne daß er daran zu denken schien. Sie bedachte sich, wem sie sich anvertrauen sollte und kam zu dem Entschluß, nach ihrer früheren Gewohnheit ihren Vater zu rufen, um ihm ihr Geheimnis zu enthüllen und ihren Wunsch anzuvertrauen. Der König ward gerufen und kam sogleich. Er fand seine Tochter abseits von ihrem Gefolge. Ihr schönes Antlitz zeigte, daß sie noch trauriger war als gewöhnlich. Der König bemerkte auf der Stelle den Schmerz, den seine Tochter trug.

»Was ist dir, Infantin, was fehlt dir, meine Tochter? Sage mir deinen Kummer und laß von deiner Schmermut: laß mich die Wahrheit wissen, man wird ein Heilmittel für alles finden.« »Man müßte, guter König, ein Heilmittel bringen für mein Leben, das euch von meiner Mutter anempfohlen ward. Gebt mir, guter König, einen Gatten; mein Alter verlangt es. Mit Scham viel eher als mit Freude bitte ich euch darum, denn solche Sorgen, König, stehen euch zu!«

Als der König diese Worte gehört hatte, antwortete er ihr: »Es ist dein Fehler und nicht der meine, Infantin, wenn du nicht mit dem Prinzen von Ungarn vermählt bist. Du hast den Gesandten nicht anhören wollen, den er dir geschickt hatte. Und hier, an meinem Hofe, liebe Tochter, haben wir wenig Hilfskräfte. In meinem ganzen Reiche dürfte sich nur einer als Gatte für dich ziemen, das wäre der Graf Alarcos, aber der hat Frau und Kinder.«

»König, ladet eines Tages den Grafen Alarcos ein, und wenn ihr gespeist habt, so sagt ihm meinen Auftrag, sagt ihm, er möge sich des Wortes erinnern, das er mir gab, des Eides, den er mir schwur, ohne daß ich ihn verlangt hätte, daß er mein Gatte und ich sein Weib werden sollte. Ich war mit diesem Versprechen zufrieden und bereute es nicht. Er hat die Gräfin geheiratet, ohne zu bedenken, was aus mir würde, aus mir, die ich um seinetwillen die Hand des Prinzen von Ungarn ausschlug. Er hat die Gräfin geheiratet, das war sein Fehler, nicht der meine.«

Als der König dieses hörte, verlor er die Besinnung; dann, nachdem er wieder zu sich gekommen war, sprach er voll Zorn: »Das sind nicht die Ratschläge, die deine Mutter dir gab! Infantin, du hast auf meine Ehre wenig Rücksicht genommen! Wenn all das wahr ist, so ist deine Ehre verloren, du kannst dich nicht verheiraten, solange die Gräfin lebt. Heiratest du aber, so wirst du mit Recht für ein schlechtes Frauenzimmer gehalten werden. Gib mir einen Rat, liebe Tochter, ich weiß nicht, was ich tun soll, denn deine Mutter ist tot, die ich sonst um Rat zu fragen pflegte.«

»Ich will euch einen Rat geben, guter König, mit dem geringen Witz, den ich habe: der Graf soll die Gräfin töten, ohne daß es jemand erfährt, er soll das Gerücht verbreiten, sie sei an einer Krankheit gestorben, an der sie litt, und dann soll meine Hochzeit stattfinden, ohne daß jemand etwas argwöhnt. Auf diese Weise, guter König, wird meine Ehre gerettet werden.« - Der König ging trauervoll von dannen: er war schmerzlich bewegt über das, was er gehört hatte.

Er gewahrte den Grafen Alarcos, welcher inmitten einer Schar von Edelleuten stand und sprach: »Was hilft es, ihr Ritter, zu lieben und einer Freundin zu dienen? Die Dienste sind verloren, wo keine Beständigkeit dabei ist. Auf mich kann man das nicht anwenden, was ich eben gesagt habe, denn vor Zeiten habe ich einer Frau gedient und sie sehr geliebt, und wenn ich sie damals innig liebte, so liebe ich sie jetzt noch mehr. Was mich betrifft, so kann man sagen: Alte Liebe rostet nicht.« Während er diese Worte sprach, bemerkte er, daß der König kam. Mit dem König redend entfernte er sich von den Edelherrn.

Der gute König sprach mit höflichen Worten zum Grafen: »Ich möchte euch für morgen einladen, Graf; ich wünsche, daß ihr bei mir speist und mir Gesellschaft leistet.« »Ich tue gern, was eure Hoheit gebietet. Ich küsse eure königlichen Hände für die Gnade, die ihr mir erweist. Ich werde morgen hier bleiben, obwohl ich abreisen müßte, denn die Gräfin erwartet mich, wie sie mir schreibt.« -

Am folgenden Tage nach der Messe setzte sich der König zur Tafel, nicht daß er dazu Verlangen gehabt hätte, sondern um dem Grafen zu sagen, was er ihm mitteilen mußte. Sie wurden gut bedient, wie es sich für einen König ziemte. Nachdem sie gegessen hatten und die Leute hinausgegangen waren, blieb der König mit dem Grafen an der Tafel, wo er gespeist hatte. Der König begann die Botschaft auszurichten, mit der er beauftragt war:

»Ich habe Dinge erfahren, Graf, die mich beunruhigen und derenwegen ich mich über eure Untreue beklagen muß. Ihr habt der Infantin versprochen, ohne daß sie euch darum bat, ihr wolltet ihr Gatte werden, und sie war damit zufrieden. Wenn es anders gekommen ist, so darf ich nichts davon wissen. Was ich euch weiter zu sagen habe, Graf, wird euch viel Schmerz verursachen. Ihr müßt die Gräfin töten: das verlangt meine Ehre. Ihr werdet das Gerücht verbreiten, sie sei an einer Krankheit gestorben, an der sie litt, und dann wird die Hochzeit stattfinden, ohne daß man etwas argwöhnt. Auf diese Weise wird meine Tochter, die ich liebe, nicht entehrt sein.«

Als der gute Graf diese Worte gehört hatte, erwiderte er: »Ich kann nicht ableugnen, König, was die Infantin gesagt hat. Ich erkenne die Berechtigung dessen, was sie verlangt, an. Aus Scheu vor euch heiratete ich nicht die, welche ich hätte heiraten müssen, ich dachte nicht, daß eure Hoheit es erlauben würde. Ich würde die Infantin gern heiraten, aber was die Tötung der Gräfin betrifft, Herr König, so kann ich das nicht tun. Wer es nicht verdient, darf nicht sterben.«

»Sie muß sterben, guter Graf, um meine Ehre zu retten, da ihr von Anfang an nicht bedacht habt, was ihr hättet bedenken müssen. Wenn die Gräfin nicht stirbt, so kostet es euch das Leben. Um der Ehre des Königs willen sterben viel Unschuldige, so soll auch die Gräfin sterben, da ist nicht viel dabei.«

»Ich werde sie töten, guter König, aber gegen meinen Willen. Ihr werdet Gott Rechenschaft dafür ablegen am Ende eurer Tage. Ich verspreche eurer Hoheit auf meine Ehre, daß man mich für einen Verräter erachten soll, wenn ich meinen Eid, die Gräfin zu töten, nicht halte, obwohl sie es nicht verdient. Guter König, wenn ihr mir die Erlaubnis gebt, so werde ich sogleich abreisen.«

»Geht mit Gott, guter Graf, rüstet alles zu eurer Abreise.« Weinend entfernte sich der Graf, weinend wegen der Gräfin, die er mehr liebte als sich selbst. Auch wegen der drei Kinder, die er hatte, weinte der Graf; das eine lag noch an der Brust, die Gräfin nährte es. Es wollte nicht die Brust der drei Ammen nehmen, die es hatte, es wollte nur die Milch seiner Mutter, denn es kannte sie gut. Die anderen waren noch klein und hatten wenig Verstand.

Vor der Ankunft sprach der Graf zu sich selbst: »Wer könnte aus eurem freudestrahlenden Antlitz schließen, Gräfin, wenn ihr kommen werdet, mich zu empfangen, daß ihr am Ende eures Lebens steht? Ich bin der Schuldige, der Fehl liegt einzig bei mir.« Während er diese Worte sprach, erschien die Gräfin: ein Page hatte ihr gesagt, daß ihr Mann ankäme. Sie bemerkte die Trauer des Grafen, sie sah seine feuchten Augen, welche geschwollen waren von den Tränen, die er auf dem Weg vergossen hatte bei dem Gedanken an das Gut, das er verlor.

»Seid willkommen, Glück meines Lebens! Was fehlt euch, Graf Alarcos? Warum weint ihr, mein Leben? Ihr seid so verändert, daß man euch kaum wiedererkennt. Ihr habt nicht euer Antlitz und euren gewöhnlichen Gesichtsausdruck, teilt mir euren Kummer mit, wie ihr mir an eurer Freude Anteil gewährtet. Was habt ihr Graf? Ihr tötet mich!«

»Ich werde es euch sagen, Gräfin, wenn die Stunde gekommen ist.« »Wenn ihr es mir nicht sagt, Graf, so werde ich gewiß nicht mehr leben!«

»Drängt mich nicht, Herrin, der Augenblick ist noch nicht gekommen. Speisen wir sogleich, Gräfin, von dem, was es im Hause gibt!«

»Ich habe euer Mahl bereitet, wie ich es alle Tage zu tun pflege.«

Der Graf setzte sich zu Tisch, er aß nichts und konnte nichts essen in Gegenwart seiner Kinder, die er sehr liebte. Er senkte den Kopf auf die Brust und tat, als ob er schliefe. Mit den Tränen seiner Augen netzte er die Tafel. Die Gräfin betrachtete ihn, ohne die Ursache seines Schmerzes zu kennen und verstand es nicht und vermochte es nicht, ihn darum zu fragen. Der Graf erhob sich alsbald und sagte, er wolle schlafen; auch die Gräfin sprach, sie möchte schlafen gehen, aber, um die Wahrheit zu sagen, sie verlangte nicht nach Schlaf.

Der Graf und die Gräfin gingen in das Gemach, wo sie zu schlafen pflegten; sie ließen die Kinder draußen. Der Graf wollte ihnen den Eintritt nicht gestatten. Nur das kleinste, das die Gräfin nährte, nahmen sie mit. Der Graf versperrte die Tür, was er sonst nicht tat; dann begann er mit brennendem Schmerz zu reden: »O unglückliche Gräfin, groß war dein Mißgeschick!«

»Ich bin nicht unglücklich, Graf, ich halte mich für glücklich, da ich eure Frau geworden bin. Das war für mich eine große Freude.«

»Wißt, Gräfin, daß es euer Unglück war! Wißt, daß ich ehemals eine Frau liebte, die ich nicht lieben durfte, und das war die Infantin. Zu eurem und meinem Unheil versprach ich, sie zu heiraten und sie war einverstanden. Jetzt verlangt sie mich bei dem Wort, das ich ihr gegeben habe, zum Gatten. Sie kann es mit Recht tun. Das ist es, was mir der König, ihr Vater, gesagt hat, welcher alles von ihr erfahren hat. Der König befiehlt noch etwas anderes, was mich in der Seele verwundet: er befiehlt, daß ihr sterben sollt, Gräfin, daß man euch das Leben nehme, weil er seine Ehre nicht wiedererlangen kann, solange ihr lebt.«

Wie die Gräfin dies hörte, fiel sie wie tot zu Boden. Als sie wieder zu sich gekommen war, sprach sie diese Worte: »Das ist der Lohn, Graf, für die Dienste, die ich euch geleistet habe! Tötet mich nicht, Graf, ich gebe euch einen guten Rat! Schickt mich in meine Heimat und mein Vater wird mich aufnehmen; ich werde eure Kinder besser erziehen als jene, die kommen wird, und ich werde euch meine Keuschheit bewahren, wie ich sie stets bewahrt habe.«

»Ehe der Tag anbricht, müßt ihr sterben, Gräfin!«

»Man merkt wohl, Graf Alarcos, daß ich allein in der Welt stehe, daß mein Vater alt und meine Mutter tot ist, daß man meinen Bruder, den guten Grafen Don Garcia erschlagen hat: der König ließ ihn ermorden, weil er ihn fürchtete. Nicht der Tod erschreckt mich, denn einmal muß jeder sterben; aber ich bin betrübt beim Gedanken an meine Kinder, welche meiner Pflege verlustig gehen sollen. Laßt sie kommen, Graf, auf daß sie meinen letzten Segen erhalten.«

»Ihr werdet sie niemals wiedersehen, Gräfin. Umarmt diesen Säugling, denn er verliert am meisten. Ich leide für euch, Gräfin, so viel ich nur leiden kann. Ich kann euch nicht schützen, Gräfin, denn es handelt sich um mehr als das Leben. Empfehlt euch Gott: es muß sein!«

»Laßt mich ein Gebet sagen, Graf, das ich weiß.«

»Sagt es schnell, Herrin, ehe der Tag anbricht.«

»Ich werde es sogleich gesagt haben, Graf, es ist nicht länger als ein Ave Maria.« Sie kniete auf den Boden nieder und sprach dies Gebet: »In deine Hände, Herr, empfehle ich meine Seele. Richte nicht über meine Sünden, wie ich es verdiene, sondern nach deiner großen Güte und deiner unendlichen Gnade! Es ist vollbracht, guter Graf, das Gebet, das ich weiß. Ich empfehle euch diese Kinder an, die ich von euch gehabt habe. Bittet Gott für mich während eures ganzen Lebens: ihr seid dazu verpflichtet, denn ich sterbe unschuldig. Laßt mich mein kleines Kind ein letztes Mal säugen!«

»Weckt es nicht, Gräfin, laßt es, es schläft! Ich bitte euch, daß ihr mir verzeiht, denn seht, der Tag bricht an.«

»Ich verzeihe euch, Graf, bei der Liebe, die ich zu euch trug. Aber dem König und der Infantin, seiner Tochter, verzeihe ich nicht. Ich rufe sie vor den höchsten Richter, daß sie innerhalb dreißig Tage vor dessen Richterstuhl zu erscheinen haben.«

Sie sagte diese Worte und der Graf rüstete sich: er umschlang ihr den Hals mit einem Kopfputz, den sie trug, er schnürte ihn mit seinen beiden Händen so stark er konnte zusammen, er ließ die Kehle nicht los, solange Leben in ihr war. Als der Graf sah, daß seine Gattin tot und leblos war, zog er ihr die Kleider aus, mit denen sie angetan war, legte sie aufs Bett und bedeckte sie, wie sie es gewöhnlich war. Er entkleidete sich an ihrer Seite in so kurzer Zeit wie man braucht, um ein Ave zu sagen, dann erhob er sich und rief die Leute, die ihm dienten:

»Zu Hilfe, meine Knappen, die Gräfin stirbt!«

Als sie eintraten, fanden sie die Gräfin ohne Leben. So starb sie ohne Schuld und ohne Gericht; aber auch die anderen starben innerhalb dreißig Tagen: nach zwölf Tagen die Infantin, der König nach fünfundzwanzig und nach dreißig Tagen der Graf selbst. Sie traten vor den göttlichen Richterstuhl, um Rechenschaft abzulegen. Gott gebe uns hienieden seine Gnade und dort droben die ewige Seligkeit.

Spanien; Ernst Tegethoff: Märchen, Schwänke und Fabeln

BLANCAFLOR, ODER DIE TOCHTER DES TEUFELS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal ein König und eine Königin, die nach ihrer Heirat lange ohne Nachkommenschaft blieben. Die Königin ging jeden Tag hin und her und bat Gott, ihr doch einen Sohn zu schenken, bis sie sich nach zwanzig Jahren dann schließlich an den Teufel wandte.

Der König ging alle Tage zur Jagd in den Wald, aber so viele Tiere ganz allein zu jagen, machte ihm keinen Spaß. Also sagte er zu seiner Frau: "Den ersten Sohn, den wir bekommen, verspreche ich dem Teufel."

Endlich schenkte ihnen Gott einen so schönen Sohn, wie es keinen zweiten auf der Welt gab. Er war auch so stark, dass er schon mit drei Jahren mehr Tiere auf der Jagd erlegte als sein Vater.

Er war aber auch ein großer Spieler und gewann gegen alle Welt. Eines Tages begegnete er einem Reiter, das war der Teufel. Der schlug ihm vor, mit ihm zu spielen, und der Teufel ließ ihn alles Geld gewinnen. Sie trafen sich wieder am folgenden Tag, und diesmal gewann der Teufel und zwar alles Geld, das der Königssohn besaß.

Darauf fragte er ihn, ob er vielleicht nun seine Seele einsetzen wolle, und der Königssohn stimmte zu. Sie spielten, und der Teufel gewann die Seele.

Der Teufel sprach zu dem Jungen, wenn er seine Seele wiederhaben wolle, so möge er auf sein Schloss kommen und dort drei Arbeiten verrichten, die er ihm auftragen werde. Zu dieser Zeit war der Königssohn zwanzig Jahre alt, und er sagte zu seinem Vater:

"Vater, gib mir ein Pferd und etwas Mundvorrat. Ich will ausreiten."

Der Vater gab ihm das beste Pferd, das er im Stall hatte. Die Mutter bereitete ihm etwas zu essen, hörte aber nicht auf zu weinen. Und als der Sohn sie fragte, warum sie denn ständig weine, erzählte sie ihm, dass sie einst Gott um einen Sohn gebeten habe, der aber habe ihren Wunsch nicht erfüllt, da habe sie sich schließlich an den Teufel gewandt, deshalb habe dieser nun Gewalt über ihn. Der Sohn sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen und ritt fort.

Unterwegs begegnete er einer armen alten Frau, die bat ihn um ein Stückchen Brot. Der Junge gab ihr alles, was er bei sich trug. Da fragte sie ihn: "Wohin gehst du?"

"Ich gehe zum Schloss des Teufels."

"Dann gute Verrichtung", sprach die Alte. "Ich will dir etwas sagen: Nahe dem Schloss kommst du an einen Fluss. Dort baden jeden Tag drei Tauben. Das sind die Töchter des Teufels. Wenn du den Fluss erreichst, werden sie gerade wieder baden. Nimm die Kleider der Kleinsten fort. Sie heißt Blancaflor. Gib sie ihr nicht wieder, ehe sie nicht dreimal darum gebeten und dir Hilfe bei allem, was du brauchst, versprochen hat."

"Und wie komme ich an diesen Fluss?", fragte der Prinz.

"Im nächsten Dorf lebt die Herrin der Vögel. Sie ist die Schwester der Sonne und des Mondes. Frage sie nach dem Weg."

Der Prinz ging weiter und kam schließlich an das Haus der Vögel. Er klopfte an die Tür, da kam eine Hexe heraus, die sprach: "Wer hat dich denn hierher geschickt?"

"Ich suche das Schloss des Teufels und bin zu Euch gekommen, damit Ihr mir sagt, wo es liegt."

"Ha, das weiß ich auch nicht. Aber einer meiner Vögel, die in allen Teilen der Welt herumkommen, wird es wohl wissen. Heute Abend, nachdem die Sonne untergegangen ist, kommen sie, und wir werden sie fragen. Aber verkriech dich dort in die Ecke, damit dich nicht mein Bruder, der Sonnenball, mit seinen Strahlen versengt, und auch meine Schwester, die Mondfrau, dich nicht entdeckt."

Da kam der Sonnenball und schrie: "Ich rieche Menschenfleisch! Und wenn du mir den Menschen nicht gibst, werde ich dich töten."

Darauf erwiderte die Hexe: "Ach, spiel dich nicht so auf. Das ist nur ein armer Bursche, der zum Schloss des Teufels will. Er wartet hier auf die Vögel, um sie zu befragen."

Danach kam die Mondfrau herein und auch sie sagte: "Ich rieche Menschenfleisch. Wenn du den Kerl nicht herausrückst, werde ich dich töten."

"Ach, lass doch, das ist ein armer Bursche, der zum Schloss des Teufels will. Er wartet hier nur auf die Vögel, um sie zu fragen, wo es liegt."

Nun, endlich kamen auch die Vögel aus allen Teilen der Welt, aber keiner hatte je etwas von einem Schloss des Teufels gehört.

Da sagte die Hexe: "Jetzt bleibt nur noch der lahme Adler. Er ist immer der letzte."

Endlich kam er. Sie befragte ihn, und er antwortete: "Ja, ich glaube, ich weiß, wo es liegt, nämlich auf der anderen Seite des Meeres."

"Könntest du den Jungen dorthin bringen?", fragte die Hexe den Adler.

"Es ist wirklich sehr weit", erwiderte der Vogel, "und ich brauche viel Futter, wenn ich das Meer überqueren soll. Zumindest ein ganzes Pferd muss vorhanden sein, und davon muss mir immer wieder ein Stück in den Schnabel gestopft werden, wenn ich es verlange."

Der Prinz sagte, dann werde er sein Pferd töten und es unterwegs an den Adler verfüttern. Also tötete er das Tier und stieg auf den Rücken des Adlers. Der Vogel aber erhob sich in die Lüfte. Nach einiger Zeit sagte der Adler: "Prinz, ich will Fleisch!"

Der Prinz gab ihm ein Stück von dem Pferd. Aber es dauerte nicht lange, da hatte der Adler alles Fleisch verzehrt, und immer noch hatten sie das Meer nicht ganz überquert. "Ja", sprach der Vogel, "wenn das so ist, muss ich dich jetzt leider abwerfen."

"Nein, warte", rief der Prinz, "in diesem Fall werde ich mir ein Stück von meinem eigenen Fleisch abschneiden, und es dir geben."

Der Adler hatte Mitleid. Er sagte: "Nein, das sollst du nicht. Ich werde mich anstrengen und dich nahe an den Fluss bringen, an dem das Schloss liegt."

Und so geschah es. Als der Prinz dort ankam, traf er tatsächlich die drei Töchter des Teufels beim Baden an, und er nahm die Kleider der jüngsten weg und versteckte sie.

Die beiden Ältesten kamen aus dem Wasser, kleideten sich an und flogen als Tauben davon.

Die Jüngste, die die Schönste von allen war, näherte sich dem Jungen und bat ihn, ihre Kleider herauszugeben: Er aber sprach: "Du kannst deine Kleider haben, aber dann musst du mich heiraten."

"Gut", antwortete Blancaflor, denn so hieß sie tatsächlich, "Ich wusste schon, dass du kommen würdest. Nimm diesen Ring hier."

Der Prinz gab ihr ihre Kleider wieder. Sie nahm sie, und augenblicklich verwandelte sie sich in eine Taube.

"Steige auf meinen Rücken", forderte sie den Prinzen auf. "Wir wollen zu meinem Schloss fliegen."

Als sie dort ankamen, trat der Teufel heraus und stellte dem Prinzen die erste Aufgabe:"Morgen", sprach er, "gehst du zu jenem Bergabhang dort. Du mähst, drischst und mahlst den Weizen und bringst mir das daraus gebackene Brot."

Der Junge nahm sich die Sense und machte sich auf den Weg ins Gebirge. Als er dort ankam, sah er nichts als lauter Steine. Da begann er zu weinen. Er weinte, und als er sich die Tränen abwischen wollte, berührte er mit dem Ring seine Augen. Da stand plötzlich Blancaflor vor ihm.

"Was ist mit dir?", fragte sie ihn.

"Ach nichts", sagte er und erzählte ihr, was ihr Vater von ihm verlangt hatte.

"Leg deinen Kopf in meinen Schoß und schlafe."

Als der Junge aufwachte, war das Brot schon fertig. Er brachte es dem Teufel und der sagte:

"Sehr gut. Aber hätte dir Blancaflor nicht geholfen, du wärst ein armer Teufel wie ich. Heute sollst du auf jenem Feld dort hinten einen Weinberg pflanzen und am Nachmittag mir schon die Trauben bringen."

Wieder ging alles so wie beim ersten Mal. Der Prinz weinte. Blancaflor erschien. Sie hieß den Prinzen sich schlafen legen, und als er aufwachte, stand da schon der Korb voller Trauben, den trug er zum Teufel und der sprach: "Sehr gut, aber hätte dir Blancaflor nicht geholfen, wärst du ein armer Teufel wie ich. Die Hauptsache steht dir noch bevor. Einst spazierte eine Tortenbäckerin durch die Straße von Gibraltar. Sie ließ einen Ring ins Meer fallen. Ich will, dass du ihn suchst und ihn mir bringst."

Abermals war Blancaflor zur Stelle, und als sie gehört hatte, was ihr Vater von dem Prinzen verlangte, sagte sie: "Nun, diesmal musst du mich mit diesem Messer töten und mein Blut in dieser Flasche auffangen. Nicht ein Tropfen darf verloren gehen. Danach wirf mich ins Meer und spiele in einem fort Gitarre."

"Aber ich kann dich doch nicht töten", rief der Junge.

Sie aber sagte, doch, genau das müsse er tun. Der Junge tat alles so, wie sie es ihm aufgetragen. Es fiel aber doch ein Tropfen ihres Blutes auf den Boden. Er spielte auf der Gitarre und nach einer Weile stieg das Mädchen mit dem Ring im Mund aus dem Wasser, und sie war nun noch schöner als je zuvor. Es fehlte nur ein Stückchen von ihrem Finger, eben weil der Prinz einen Tropfen Blut verloren hatte. Der Prinz gab den Ring dem Teufel und dieser sagte wieder:

"Ja, wenn dir Blancaflor nicht geholfen hätte, wärst du so ein armer Teufel wie ich es bin. Gut ... Ihr dürft heiraten. Aber es wird keine Hochzeit geben, und ihr dürft nicht zusammen schlafen. Und sobald es Nacht wird, musst du, ohne die Mädchen zu sehen, herausfinden, welche von ihnen Blancaflor ist. Wenn dir das nicht gelingt, töte ich dich, obwohl du all die anderen Aufgaben schon erledigt hast."

Als es Nacht geworden war, sperrte der Teufel seine Töchter in ein Zimmer, und die Tür blieb nur einen Spalt offen stehen, die Mädchen aber ließen durch den Spalt ihre Finger sehen, und nun sollte der Prinz, die Richtige herausfinden. Bei Blancaflor fehlte an dem einen Finger ein kleines Stückchen. Daran erkannte der Prinz sie.

Er wollte, obwohl der Teufel es verboten hatte, nun mit ihr zu Bett gehen, aber Blancaflor sprach: "Wenn mein Vater merkt, dass wir miteinander schlafen, wird er uns töten. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu fliehen. Geh in den Stall. Dort wirst du zwei Pferde finden. Das eine ist kräftig und hübsch. Es heißt Wind. Das andere ist dürr und hässlich. Es heißt Gedanke. Du musst das zweite der beiden Pferde nehmen, dazu auch noch einen rostigen Degen, der im Schrank neben einem anderen, neuen und glänzenden, liegt."

Der Prinz aber meinte, als er in den Stall kam, es sei doch wohl besser, das dicke Pferd und den neuen Degen zu nehmen, und das tat er denn auch.

Blancaflor hatte auf das Bett ein paar Tropfen Wein fallen lassen und in ein Glas etwas Speichel getan. Das eine oder das andere antwortete jedes Mal, wenn der Teufel von der anderen Seite der Tür her etwas fragte. Aber langsam trockneten sie ein, und so wurden die Stimmen immer schwächer, bis der Teufel meinte, das Paar sei eingeschlafen. Da ging er hinein, um sie zu töten und entdeckte, dass sie nicht mehr da waren..

"Dieses Pferd ist der Wind. Du hast das falsche Pferd genommen", rief Blancaflor, als sie sich mit dem Prinzen traf. "Fort, nur fort, oder wir sind verloren!"

Als der Teufel nun merkte, dass sie entkommen waren, fing er das Pferd, das Gedanke hieß, und setzte ihnen nach.

Als er sie eingeholt hatte, verwandelte er sich in ein Raubtier, um sie aufzufressen. Der Junge sah ihn kommen. Da sprach er zu Blancaflor. "Da kommt ein wildes Tier. Das will uns fressen!"

Da zog sie ein Haar aus dem Schwanz des Pferdes. Aus dem einen Haar aber wurde ein ganzes Gestrüpp von Haaren, und der Teufel brauchte eine ganze Zeit, um da hindurchzukommen.

Als er sie abermals fast eingeholt hatte, sagte Blancaflor: "Nimm dieses Taschenmesser und wirf es hinter dich."

Der Prinz tat, wie ihm geheißen, und aus dem Messer wurde ein ganzer Wald von Messern und wieder wurde der Teufel aufgehalten, und wie er sich durch den Messerwald mühte, holte er sich viele schmerzhafte Wunden.

Danach holte er sie wieder ein, und diesmal gab das Mädchen dem Prinzen eine Prise Salz und hieß ihn, diese hinter sich zu werfen.

Das Salz verwandelte sich in einen Salzberg.

Als der Teufel sich hindurchmühte, brannte das Salz in den Wunden, die er sich durch die Messerklingen geholt hatte, und er stieß einen Schrei aus, dass das ganze Land erzitterte.

Danach verwandelte sich das Pferd in eine Einsiedelei, Blancaflor in einen Spiegel, der Prinz in einen Einsiedler. Als der Teufel nun herankam, fragte er, ob der Einsiedler ein junges Paar auf einem Pferd gesehen habe. Der Eremit antwortete: "Klingelzug, Klingelzug. Es ruft die Glocke zur Messe. Wenn Ihr vielleicht eintreten wollt!"

Er hörte nicht auf, diesen Satz zu rufen, bis der Teufel müde wurde und umkehrte. Als er auf sein Schloss zurückkam und er von seinen Abenteuern erzählte, sprach die Teufelin zu ihm:

"Du Dummkopf. Der Spiegel und der Einsiedler: das waren doch gewiss die beiden."

Und der Teufel sprach: "Möge Gott es so einrichten, dass der Prinz unsere Tochter vergisst."

Der Prinz aber und die Tochter des Teufels setzten ihre Reise zum Schloss des Königs fort.

Als sie zum Dorf kamen, das in der Nähe des Schlosses seiner Eltern lag, ließ der Junge das Mädchen an einem Brunnen zurück und hieß es dort auf ihn warten.

"Hüte dich davor, irgend jemanden zu umarmen. Denn wenn du das tust, wirst du mich verlieren", sprach sie zu ihm.

Der Prinz kam auf das Schloss. Seine Eltern kamen ihm entgegen, und er sprach zu ihnen: "Dass keiner mich umarmt. Lasst eine Kutsche bereitmachen, damit ich meine Frau heimholen kann."

Da kam die alte Großmutter herbei, und da sie sich so sehr freute, fiel sie dem Jungen um den Hals. Sogleich vergaß er Blancaflor.

Blancaflor wurde es müde zu warten. Sie konnte sich schon vorstellen, was da geschehen war. Sie verwandelte sich in eine Taube und begann, um das Schloss herumzufliegen. Dabei gurrte sie: "Arme, die ich bin. Auf dem Feld und ganz allein!"

Und die Königin sprach zu ihrem Sohn: "Hast du nicht gesagt, du brauchtest eine Kutsche, um deine Frau heimzuholen?"

"Welche Frau denn?", antwortete der Prinz, "Ich bin doch gar nicht verheiratet."

Nach einiger Zeit suchte sich der Prinz eine andere Verlobte und traf Vorbereitungen für seine Hochzeit. Blancaflor hörte davon, denn sie hatte sich inzwischen als Magd auf dem Schloss verdingt. Nun war es zu dieser Zeit üblich, dass derjenige, der heiratete, dem Gesinde etwas schenkte. Da fragte der Prinz die Magd, die Blancaflor war: "Und was für ein Geschenk wünschst du dir?"

"Einen Stein der Schmerzen und ein Messer der Liebe", antwortete sie.

Der Prinz unternahm eine Reise, um diese Geschenke zu beschaffen, aber nirgends konnte er einen Stein der Schmerzen oder ein Messer der Liebe auftreiben.

Endlich traf er einen alten Mann, der in Wirklichkeit der Teufel war, und der sprach zu ihm: "Von mir kannst du bekommen, was immer du brauchst."

"Ich brauche aber einen Stein der Schmerzen und ein Messer der Liebe."

"Kein Problem", sagte der Alte und verkaufte ihm die beiden Dinge.

Der Prinz kehrte auf das Schloss zurück. Er gab allen ihre Geschenke, aber da er sich wunderte, warum die Magd gerade diese beiden Dinge hatte haben wollen, nahm er sich vor, bei ihr besonders aufzupassen, was sie damit machen werde.

Blancaflor nahm die Geschenke und legte sie auf den Tisch. Dann sprach sie zu dem Stein:

"Stein der Schmerzen, war ich es, die am Berghang den Weizen gemäht, ihn gemahlen und das Brot daraus gebacken hat, damit der Prinz es zu meinem Vater tragen konnte?"

Und der Stein antwortete: "Ja, freilich bist du das gewesen."

Da dämmerte dem Prinzen etwas. Aber die Tochter des Teufels sprach weiter:

"Stein der Schmerzen: Bin ich es nicht gewesen, die das Feld mit Weinstöcken bepflanzt und die Trauben gepflückt hat, damit der Prinz sie zu meinem Vater bringen konnte?"

Und der Stein antwortete: "Ja, freilich hast du das getan." Jetzt fiel dem Prinzen alles wieder ein.

Da sagte Blancaflor: "Messer der Liebe, was verdiene ich?"

Und das Messer sprach: "Dass du dir den Tod gibst, Blancaflor!"

Als sie nun das Messer nahm und sich umbringen wollte, trat der Prinz rasch hinzu, nahm ihr das Messer fort und sprach: "Verzeih mir, Blancaflor. Verzeih mir, dass ich, der ich dein Ehemann bin, dich vergessen habe."

Und dann sagte er allen, dass Blancaflor seine Frau sei.

 

Märchen aus Spanien

DIE FRAU, DIE AUSZOG, IHREN MANN ZU ERLÖSEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Der älteste der Prinzen war auch schon wieder verheiratet mit einer wunderschönen Prinzessin. Eines Tages erkrankte der König schwer, und er verlor darüber sein Augenlicht. Der König war verzweifelt, doch keiner konnte ihm helfen. Darauf ließ er alle Magier seines Reiches zusammenrufen. Die berieten sich lange, und am Abend trat ihr Ältester vor den Thron des Königs und sprach: »0 Herr, es gibt nur ein Mittel, um Euch das Augenlicht wiederzugeben. Weit am Ende der Welt liegt mitten im Meer eine einsame Insel. Auf dieser Insel steht am Felsengipfel ein Schloß. Im Hofe dieses Schlosses fließt ein Brunnen. Es ist der Brunnen des Lebens und der Gesundheit. Wenn ein Toter mit dem Wasser des Brunnens besprengt wird, wird er wieder lebendig, und ist einer blind wie Ihr, Herr, und das Wasser des Brunnens fällt auf seine Augen, so werden sie wieder sehend. Doch es ist sehr gefährlich, dieses Wasser zu holen, denn das Schloß mit dem Brunnen gehört einer Hexe, und keiner der Männer, die ausgezogen sind, das Wasser des Lebens zu holen, ist je wiedergekommen.«

 

Da ließ der König seine drei Söhne kommen, und er erzählte ihnen, was ihm die Magier offenbart hatten. Und er sprach zu ihnen: »Wer von euch auszieht, mir das Wasser des Lebens bringt und mir das Augenlicht wiederschenkt, dem werde ich das Reich und die Krone geben.«

Da sattelte der Jüngste sein Pferd und ritt eilends zum Tor hinaus, und er ritt 49 Tage und 49 lange Nächte. Und er kam zum Ende der Welt an das weite Meer. Am Meeresufer saß ein alter grauer Fischer bei seinem Boot.

 

»Gott grüße dich, Vater! « rief der jüngste Königssohn. »Rudere mich hinüber zu der Felseninsel. Ich muß das Wasser des Lebens und der Gesundheit holen, damit ich die Krone und das Reich bekomme. «

 

»Ach, mein Sohn«, sprach der alte Fischer, »bleibe hier. Die Hexe, die über die Insel herrscht und der der Brunnen gehört, ist eine mächtige Zauberin. So viele Ritter habe ich hinübergerudert, und keiner ist je wiedergekehrt.«

 

»Rudere mich hinüber!« rief der Jüngste. »Ich will das Reich und die Krone bekommen!«

 

Da ruderte der alte Fischer den jüngsten Königssohn zu der Felseninsel. Und der Prinz suchte sich den Weg zum Schloß. Als er den Schloßhof betrat, da sah er den Brunnen mit dem Wasser des Lebens und der Gesundheit. Sein silbernes Wasser plätscherte in ein Marmorbecken. Neben dem Brunnen aber stand ein wunderschönes junges Mädchen; ihre langen schwarzen Haare flossen bis zum Gürtel, und ihre Augen leuchteten dunkel wie die Nacht. Ihr Angesicht war zart und rein wie eine Magnolienblüte. Süß lächelte sie den Prinzen an und sprach mit sanfter Stimme: »Willkommen, mein Prinz; nimm deinen Krug und fülle ihn mit dem Wasser des Lebens.« Der Prinz tat, wie das schöne Mädchen ihm sagte. Darauf sprach sie zu ihm: »Bestimmt bist du hungrig und durstig. Ich will dir ein Stück Brot und einen Becher Wein bringen, und dann ruhe dich von deinem weiten Ritt bei mir aus. «

 

»Gerne! « rief der Prinz. »Aber wo ist die alte Hexe, der das Schloß und der Brunnen gehört?«

 

»Fürchte dich nicht«, sprach das Mädchen mit leiser, zarter Stimme. »Sie ist nicht hier .«

 

Das Mädchen ging in das Schloß und kam bald wieder mit einem Brot und einem Becher Wein zurück. Sie reichte dem Jüngling den Becher, und als dieser seine Lippen an den Becherrand setzte, erstarrte er zu Stein vom Scheitel bis zur Fußsohle. Die Hexe aber, denn das war das schöne sanfte Mädchen, rief ihre Diener und befahl ihnen, den Versteinerten in ein tiefes Gewölbe zu tragen.

 

Als nun der jüngste Prinz nicht wiederkehrte, sattelte der zweite Königssohn sein Pferd, und er ritt eilends zum Tor hinaus. Auch er ritt 49 Tage und 49 lange Nächte. Und er kam zum Ende der Welt an das weite Meer. Am Meeresufer saß ein alter grauer Fischer bei seinem Boot.

»Gott grüße dich, Vater!« rief der zweite Königssohn. »Rudere mich hinüber zu der Felseninsel. Ich muß das Wasser des Lebens und der Gesundheit holen, damit mein Vater das Augenlicht wiederbekommt und ich die Krone und das Reich erringe. «

 

»Ach, mein Sohn«, sprach der alte Fischer, »bleibe hier. Die Hexe, die über die Insel herrscht und der der Brunnen gehört, ist eine mächtige Zauberin. So viele Ritter habe ich hinübergerudert, und keiner ist je wiedergekehrt, und zuletzt brachte ich einen jungen Prinzen hinüber, und auch er kam nicht zurück.«

 

»Das war mein Bruder!« rief der zweite Königssohn. »Rudere mich hinüber, ich muß das Wasser des Lebens und der Gesundheit bekommen und versuchen, meinen Bruder zu befreien, und ich will die Krone und das Reich bekommen!«

 

Da ruderte der alte Fischer den zweiten Königssohn zu der Felseninsel. Und der Prinz suchte sich den Weg zum Schloß. Als er den Schloßhof betrat, da sah er den Brunnen mit dem Wasser des Lebens und der Gesundheit. Sein silbernes Wasser plätscherte in ein Marmorbecken. Neben dem Brunnen aber stand ein wunderschönes junges Mädchen; ihre langen schwarzen Haare flossen bis zum Gürtel, und ihre Augen leuchteten dunkel wie die Nacht. Ihr Angesicht war zart und rein wie eine Magnolienblüte. Süß lächelte sie den Prinzen an und sprach mit sanfter Stimme: »Willkommen, mein Prinz; nimm deinen Krug und fülle ihn mit dem Wasser des Lebens.« Der Prinz tat, wie das schöne junge Mädchen ihm sagte. Darauf sprach er: »Weißt du nicht, wo mein Bruder ist? Er ist hier in die Gewalt einer alten Hexe gefallen.«

 

»Ich werde dir helfen, ihn zu befreien«, sprach das Mädchen und lächelte den Prinzen an. Da bat er sie: »Willst du dann mit mir gehen und meine Frau werden? Denn ich liebe dich! «

 

Das schöne Mädchen lächelte und küßte ihn zur Antwort auf den Mund. Und als ihre Lippen die seinen berührten, erstarrte er zu Stein vom Scheitel bis zur Fußsohle. Die Hexe aber rief ihre Diener und ließ den Versteinerten in ein tiefes Gewölbe tragen.

 

Als nun auch der zweite der Prinzen nicht wiederkehrte, ließ der König seinen ältesten Sohn kommen. »Es ist sehr gefährlich, das Wasser des Lebens und der Gesundheit zu holen. Deine beiden Brüder sind nicht wiedergekehrt. Darum reite du. Du bist der Älteste. Versuche die Aufgabe zu erfüllen.«

 

Da nahm der älteste Prinz Abschied von seiner Frau und ritt langsam und traurig zum Tor hinaus, und er ritt 49 Tage und 49 lange Nächte. Und er kam zum Ende der Welt an das weite Meer. Am Meeresufer saß ein alter grauer Fischer bei seinem Boot.

»Gott grüße dich, Vater! « rief der älteste Königssohn. »Rudere mich hinüber zu der Felseninsel. Ich muß das Wasser des Lebens und der Gesundheit holen, damit mein Vater das Augenlicht wiederbekommt.«

 

»Ach, mein Sohn « , sprach der alte Fischer, »bleibe hier. Die Hexe, die über die Insel herrscht und der der Brunnen gehört, ist eine mächtige Zauberin. So viele Ritter habe ich hinübergerudert, und keiner ist je wiedergekehrt, und zuletzt brachte ich zwei Prinzen hinüber, und auch sie kamen nicht zurück.«

 

»Das waren meine Brüder!« rief der älteste Königssohn.

 

»Rudere mich hinüber, ich muß das Wasser des Lebens und der Gesundheit bekommen und versuchen, meine Brüder zu befreien, und ich will doch die Krone und das Reich bekommen! «

 

Da ruderte der alte Fischer den ältesten Königssohn zu der Felseninsel. Und der Prinz suchte sich den Weg zum Schloß. Als er den Schloßhof betrat, sah er den Brunnen mit dem Wasser des Lebens und der Gesundheit. Sein silbernes Wasser plätscherte in ein Marmorbecken, und der Hof war menschenleer.

 

Da betrat der Prinz das Schloß. Er ging durch alle Räume, und er sah keine Menschenseele darin, bis er in den letzten Raum kam. Da saß beim Feuer des Herdes eine alte, häßliche Hexe. »Gib meine Brüder heraus!« rief der Prinz. »Ich bin gekommen, um sie zu befreien!«

Höhnisch lachte die Hexe: »Ich ließ sie zu Stein erstarren. Sie liegen in meinem tiefsten Gewölbe, und bald wirst du ihr Schicksal teilen! «

Der Prinz aber zog sein Schwert und wollte auf sie eindringen. Doch siehe! Die Hexe verwandelte sich plötzlich in das Bild seiner Frau und sprach mit deren Stimme zu ihm: »Sei ohne Furcht. Ich bin gekommen, um dir beizustehen.« Der Prinz ließ sein Schwert sinken, die Hexe legte ihre Hand auf sein Herz, und da hörte es auf zu schlagen, und er erstarrte zu Stein vom Scheitel bis zur Fußsohle. Die Hexe aber rief ihre Diener und ließ den Versteinerten in ein tiefes Gewölbe tragen, wo schon all die anderen Versteinerten lagen.

 

Als nun der älteste Königssohn nicht wiederkehrte, fiel der König in die Nacht der Verzweiflung. Er wurde so krank, daß er dem Tode nahe war. Die Frau des ältesten Prinzen aber weinte und klagte zwölf lange Tage und zwölf lange Nächte, und als sie keine Tränen mehr hatte, legte sie die Kleider ihres Mannes an und ritt schnell zum Tor hinaus, und sie ritt 49 Tage und 49 lange Nächte. Und sie kam zum Ende der Welt an das weite Meer. Am Meeresufer saß ein alter grauer Fischer bei seinem Boot.

 

»Gott grüß dich, Vater«, rief die Prinzessin, »rudere mich hinüber zu der Felseninsel, wo der Brunnen mit dem Wasser des Lebens und der Gesundheit fließt.«

 

»Ach, mein Söhnchen«, sprach der alte Fischer, »bleibe hier. Die Hexe, die über die Insel herrscht und der der Brunnen gehört, ist eine mächtige Zauberin. So viele Ritter habe ich hinübergerudert, und keiner ist je wiedergekehrt. Zuletzt brachte ich drei Prinzen hinüber, und auch sie kamen nicht zurück. Darum bleibe hier, du bist noch so jung und zart.«

 

Da weinte die Prinzessin und bat: »Rudere mich hinüber! « Der alte Fischer sah sie aufmerksam an und sprach: »Deine Gestalt ist so fein, deine Stimme klingt so hell. Wenn du nicht wie ein Mann gekleidet wärst, würde ich denken, du seist eine Frau.«

 

»Ich bin es, Vater«, sprach die Frau, »ich bin die Frau des ältesten Prinzen, den du hinübergerudert hast. Und wenn es mir nicht gelingt, die Prinzen und vor allem meinen lieben Mann zu erlösen, will ich lieber tot sein.«

 

Da rief der Fischer: »Wenn du eine Frau bist, wird es dir vielleicht gelingen, was so vielen Männern nicht gelungen ist. Die Hexe versteht es, in die Herzen der Männer zu schauen, und sie nimmt die Gestalt der Frau an, die er in seinem Herzen trägt. Du aber bist eine Frau, und sie wird in deinem Herzen nicht das Bild einer Frau erkennen. Aber sieh dich vor; nimm drüben weder Speise noch Trank und sprich kein Wort.«

»Danke, Vater, für den Rat! « rief die Prinzessin, sprang in den Nachen, und der Fischer ruderte sie zur Felseninsel. Und die Prinzessin suchte sich den Weg zum Schloß. Als sie den Schloßhof betrat, da sah sie den Brunnen mit dem Wasser des Lebens und der Gesundheit. Sein silbernes Wasser plätscherte in ein Marmorbecken. Die Prinzessin schöpfte von dem Brunnen in ihren Krug; als sie sich aber umwandte, stand ein schönes, zartes Mädchen hinter ihr .

 

»Sei gegrüßt, schöner Held«, sprach es freundlich. »Bestimmt bist du hungrig und durstig von dem langen Weg. Iß und trink und ruhe dich aus bei mir. « Doch die Prinzessin sprach kein Wort und zog ihr Schwert. Die Hexe erschrak, denn sie konnte im Herzen ihres Gegners kein Frauenbild erkennen. Sie verwandelte sich in ein freundliches altes Mütterchen, das mit zitternder Stimme bat: »Wirf dein Schwert weg, mein Sohn!« Doch die Prinzessin ließ sich nicht täuschen und bedrohte die Hexe weiter. Noch mehrmals wechselte diese ihre Gestalt, aber unbeirrt kämpfte die Prinzessin weiter, und die Spitze ihres Schwertes drang in das Herz der Hexe. Da erkannte diese, wer ihr Gegner war, und sie rief: »Eine Frau ist der Tod!« Dann hauchte sie ihre schwarze Seele aus und fuhr zur Hölle.

 

In diesem Augenblick fiel der Zauber von dem Schloß und den Versteinerten; sie kamen in den Schloßhof und dankten der Prinzessin, die sie erlöst hatte. Am glücklichsten aber waren die drei Brüder, und der älteste Prinz umarmte seine Gemahlin und küßte sie. Da nahmen die Erlösten die Schätze der Hexe, belohnten den alten Fischer reichlich und ritten heim. Als der kranke König sie heimkommen hörte, trat er unter das Tor, und die Prinzessin besprengte seine Augen mit dem Wasser des Lebens. Da wurde der König wieder sehend, nahm seine Krone, setzte sie der Prinzessin aufs Haupt und übergab ihr das Reich, und alle waren es zufrieden, und sie lebten in Glück und Frieden miteinander.

 

Märchen aus Spanien

 

DIE DREI SCHÖNEN PRINZESSINNEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In alten Zeiten regierte in Granada ein maurischer König namens Mohammed, den seine Untertanen el Hayzari, den Linkshänder nannten. Einige Chronisten meinen, man habe ihm diesen Beinamen gegeben, weil er mit seiner linken Hand so gut umgehen konnte wie mit der rechten; andere glauben, daß er alles verkehrt anfaßte und linkisch verpfuschte, was zu regeln gewesen wäre. Wie auch immer dem sei, sicher ist, daß während seiner Regierungszeit Granada von schweren Revolutionen heimgesucht wurde. Er selbst konnte nie in Frieden leben, und vom Unglück verfolgt oder infolge schlechter Verwaltung wurde er dreimal vom Throne gestoßen; dabei mußte er sogar bei einer Gelegenheit als Fischer verkleidet bis Afrika hinüberflüchten, um sein Leben zu retten. Doch war König Mohammed so tapfer wie ungeschickt und führte linkshändig den Krummsäbel so kräftig, daß er sich nach schweren Gefechten den Thron immer wieder zurückeroberte. Aber anstatt aus dem Missgeschick zu lernen und klug zu werden, wurde er hartherzig, eigenwillig und halsstarrig und bediente sich seines linken Armes, um seine Willkür zu behaupten. Über das Unglück, daß er so über sich und sein Reich brachte, berichten dem Forscher die alten arabischen Annalen Granadas; die hier folgende Geschichte soll nur von seinem häuslichen Leben erzählen:

 

Als dieser Mohammed eines Tages mit seinen Höflingen am Fuße der Sierra Elvira einen längeren Spazierritt unternahm, begegnete er einem Trupp seiner Leute, der von einem Streifzug durchs Grenzland der Christen siegesfroh zurückkehrte. Die Reiter führten einen langen Zug mit Beute schwer beladener Maulesel mit sich; auch sah man viele Gefangene beiderlei Geschlechts. Unter den Frauen und Mädchen fiel dem Herrscher ein schönes und reich gekleidetes Mädchen auf, das weinend auf einem kleinen Pferd saß, kaum auf die ihr zur Seite reitenden Duena hörte und deren tröstende Worte nicht zu verstehen schien. Der König, von der Schönheit des Mädchens bezaubert, erkundigte sich sogleich nach der Herkunft der Gefangenen. Der Anführer der Truppe konnte ihm melden, daß es sich um die Tochter der Alciden, des Burgvogtes einer Grenzfestung handle, die man im Handstreich eingenommen und dann geplündert habe. Mohammed forderte das Christenmädchen als königlichen Beuteanteil und ließ es in den Harem der Alhambra bringen. Hier tat man alles, um die Auserkorene des Fürsten zu zerstreuen, ihren Kummer zu dämpfen und ihre Stimmung zu heben. Der närrisch verliebte König beschloß daraufhin, das schöne Mädchen zu seiner Gemahlin zu machen. Die Christin wies anfangs seinen Antrag schroff ab, denn der Bewerber war ein Ungläubiger, ein offener Feind ihres Vaterlandes und, was das Schlimmste war, er zählte nicht mehr zu den jüngeren Jahrgängen, denn Silberlocken umrahmten sein ehrwürdiges Haupt. 

 

Als der König sah, daß alle Bemühungen fruchtlos blieben, beschloß er mit der Duena, die damals mit dem Mädchen gefangengenommen war, zu reden, da diese auf ihre junge Herrin bestimmt einen großen Einfluß ausübte. Dieser dienstbare Geist war Andalusierin von Geburt; doch kennt man ihren christlichen Namen nicht, denn in den maurischen Sagen nennt man sie immer „Die kluge Kadiga“, und klug war sie in der Tat, was aus ihrer Geschichte klar hervorgeht. Der maurische König hatte mit ihr eine kurze, geheime Unterredung. Dabei begriff sie, daß es ihm ernst war, also machte sie seine Sache bei ihrer jungen Herrin zur ihrigen. „Schluß jetzt!“ rief sie eindringlich, „was gibt es denn da zu weinen und zu jammern? Ist es nicht besser hier die Herrin zu sein, in diesem wundervollen Palast mit all den schönen Gärten und Brunnen, als in Eures Vaters alten Grenzturm zwischen nackten Felsen eingeschlossen zu leben? Daß dieser Mohammed ein Ungläubiger ist, was tut dies schon groß zur Sache? Ihr heiratet ihn und nicht seine Religion. Und daß er alt ist? Desto eher werdet Ihr Witwe und dann Eure eigene Herrin sein. Auf jeden Fall seid Ihr in seiner Gewalt und habt nur die Wahl zwischen Königin oder Sklaven dasein. Sagt man nicht, es sei immer noch besser, seine Ware an den Räuber zu einem annehmbaren Preis zu verkaufen, als sie sich mit Gewalt nehmen lassen?“ Die Vorhaltungen der klugen Kadiga hatten Erfolg. Das spanische Mädchen trocknete ihre Tränen und wurde die Gemahlin Mohammeds des Linkshänders. Sie nahm auch zum Schein den Glauben ihres königlichen Gatten an; ihre Duena aber wurde sofort eine eifrige Bekennerin der Lehren des Propheten. Sie erhielt den arabischen Namen Kadiga und blieb die vertraute Dienerin ihrer Herrin.

 

Nach angemessener Zeit wurde der maurische König stolzer und glücklicher Vater von drei hübschen Töchtern, die alle zur selben Stunde geboren wurden. Ihm wären wohl Söhne lieber gewesen, doch er tröstete sich mit der Überlegung, daß immerhin drei gleichzeitig geborene Töchter für einen einigermaßen bejahrten und obendrein noch linkshändigen Mann eine beachtenswerte Leistung wären. Wie es bei den moslemischen Sitten war, rief er bei diesem glücklichen Ereignis die bekanntesten Astrologen zu sich und bat sie, den drei kleinen Prinzessinnen ihr Horoskop zu erstellen. Gerne kamen die weisesten Männer des Reiches dem Wunsch ihres Landesherren nach, und ernst, mit den gelehrten Häuptern nickend, sagten sie: „Töchter, o König, sind immer ein unsicherer Besitz; aber diese hier werden deiner Wachsamkeit ganz besonders bedürfen, wenn sie in das heiratsfähige Alter kommen. Dann nimm sie in deine alleinige Obhut und vertraue sie keinem anderen Menschen an.“ Mohammed der Linkshänder wurde von seinen Höflingen und Hofschranzen als weiser König anerkannt, und er selbst betrachtete sich auch als einen von Gott gesegneten Landesvater. Die Prophezeiung der Astrologen verursachte ihm und seinem Hofstaat also wenig Kopfzerbrechen; er traute ihrem und seinem Verstande zu, die Überwachung der Infantinnen zu gegebener Zeit umsichtig zu organisieren und damit des Geschickes Mächte überlisten zu können. Die Drillingsgeburt war übrigens die letzte und einzige Trophäe des Königs. Seine Gemahlin gebar ihm darauf keine Kinder mehr und starb einige Jahre später, ihre jungen Töchter der Obhut seiner Liebe und der Treue der klugen Kadiga überlassend.

 

Viele Jahre gingen ins Land, ehe die Prinzessinnen das von den Astrologen genannte gefährliche Alter der Heiratsfähigkeit errreichten. „Ein kluger Mann baut vor“, sagte sich der schlaue König und beschloß, den Wohnsitz seiner Töchter und ihres Hofstaates nach dem königlichen Schloß Salobrena zu verlegen und sie dort erziehen lassen. Dieser prächtige Palast stand inmitten einer starken maurischen Festung; die vor Jahren einer der granadinischen Fürsten auf den uneinnehmbaren Gipfel eines Berges an den Ufern des Mittelmeeres hinaufgebaut hatte. Salobrena war also so etwas wie ein Fruchtkern, von einer harten Schale umschlossen, und unmöglich schien es, mit den Bewohnern von außen her in Kontakt zu treten. Hier oben, fern von Granada und den Hofintrigen, den Ränken und politischen Verschwörungen, war eine Art von königlicher Pfalz, wo die mohammedanischen Potentaten unliebsame Verwandte einsperrten, die ihnen im Wege standen oder ihre Sicherheit zu gefährden schienen. Den Bewohnern dieses politischen Sanatoriums wurde übrigens jede Art von Wohlbefinden und Unterhaltung geboten, in deren unbeschränktem Genuß sie ihr Leben in üppiger Trägheit und wollüstiger Faulheit hinbrachten, bis sie endlich verfettet ins bestimmt nicht bessere Jenseits hinüberschlummerten. Nachdem diese Residenz von vielen Arbeitern und Künstlern zweckdienlich hergerrichtet worden war, übersiedelten die drei Infantinnen dorthin.

 

Hier lebten sie von aller Welt abgeschlossen, doch mit ihren Freundinnen und von Sklaven bedient, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablasen. Sie spaziertem in den königlichen Schlossgärten umher, wo die herrlichsten Blumen wuchsen und die Bäume seltene Früchte trugen; sie spielten in duftenden Hainen und erfrischten sich in wohlriechenden Bädern. Von drei Seiten schaute die Burg auf ein reiches und gepflegtes Tal nieder, und weit hinten am Horizont leuchteten die Berge der Alpurjarra; in der anderen Richtung ging der Blick aufs sonnenbestrahlte offenen Meer hinaus, wo Fischer ihrem schweren Handwerk nachgingen und Kauffahrer dahinsegelten. Die Prinzessinnen wuchsen in dieser Umgebung unter ewig blauem Himmel im mildesten Klima der Welt zu wahren Schönheiten heran. Obgleich alle drei Schwestern die gleiche Erziehung genossen, waren sie in Bezug auf ihre Charaktereigenschaften von klein auf grundverschieden. Sie hießen Zaida, Zoraida und Zorahaida; und das war auch die Reihenfolge ihres Alters. Genau drei Minuten lagen zwischen der Geburt einer jeden. Zaida, die älteste, hatte einen unerschrockenen Geist und war ihren Schwestern in allem voraus, was sich ja schon bei ihrem Eintritt in diese Welt gezeigt hatte. Sie war neugierig und wissensdurstig, fragte viel und ging den Dingen gern auf den Grund. Zoraida war eine Künstlernatur von feinem Geist und Gefühl. Ein besonderer Sinn für alles Schöne und Ästhetische zeichnete sie aus, was ohne Zweifel der Grund war, weshalb sie so gerne in Spiegeln und Blumen ihr eigenes Bild betrachtete; Blumen, Juwelen und kunstvoller Putz ließen ihr kleines Herz rascher schlagen.

 

Zorahaida wieder war sanft und schüchtern, äußerst empfindsam und dazu noch von hingebungsvoller Zärtlichkeit. Mit Liebe pflegte sie die Blumen, Vögel und andere Tiere. Sanft und voll Liebe unterhielt sie sich mit ihren Schwestern; und nie sprach sie einen ihrer Wünsche in einem arroganten Tone aus. Sinnend und träumend saß sie oft stundenlang auf dem Balkon und schaute in milden Sommernächten zu den funkelnden Sternen hinauf oder auf das weite vom Mond bestrahlte Meer hinaus. In solchen Momenten konnte ein fernes Fischerlied; der leise Ton einer maurischen Flöte oder gar der Ruderschlag einer vorbeigleitenden Barke sie ganz und gar verzücken. Der geringste Aufruhr der Elemente aber erfüllte sie mit Schrecken und Angst, und ein einziger Donnerschlag reichte oft hin, sie in Ohnmacht fallen zu lassen.

 

So gingen ruhig und heiter die Jahre dahin. Treu erfüllte die kluge Kadiga ihre Pflicht und sorgte unermüdlich für das Wohl der ihr anvertrauten Prinzessinnen. Das Schloß Salobrena lag wie bereits erwähnt, auf einem Berg an der Seite des Hügels. Die Anlage zog sich hin bis zu einem vorspringenden Felsen, der über die See hinausragte. Die Wellen schlugen sanft auf einen kleinen Strand, dessen Ufersand der Küste jede Rauheit nahm. Oben auf dem Felsenriff stand ein alter Wachtturm, der zu einem schönen Pavillon umgebaut worden war, durch dessen vergitterte Fenster die frische Seeluft hereinkam. Hier verbrachten die Infantinnen gewöhnlich die schwülen Stunden während der Siesta-Zeit dann ruhig und zufrieden. Die neugierige Zaida saß eines Tages an einem der Fenster des Pavillons und schaute übers Meer hin, während ihre beiden Schwestern auf weichen Ottomanen schliefen. Aufmerksam beobachte sie eine Galeere, die mit gleichmäßigen Ruderschlägen die Küste entlangfuhr und sich dem Turm näherte. Bald konnte sie auch feststellen, daß es sich um ein militärisches Fahrzeug handelte, das es mit Bewaffneten bemannt war. Die Galeere warf unterm Turm beim Felsen Anker, und eine große Anzahl maurischer Soldaten brachten mehrere christliche Gefangene an Land und stellten diese am schmalen Sandstrand auf.

 

Zaida weckte sofort ihre Schwestern und berichtete ihnen eingehend über den Vorfall. Alle drei lugten dann vorsichtig durch die dichten Fenstergitter zur Küste hinunter, derart, daß sie von draußen nicht gesehen werden konnten. Unter den Gefangenen befanden sich drei reich gekleidete spanische Ritter. Sie standen in der Blüte ihrer Jugend und waren von edlem Aussehen; aus ihrem Wesen sprach Vornehmheit, und stolz schauten sie zu ihren Feinden und Wächter hinüber, die auf weitere Anordnungen, bezüglich der mit Ketten beladenen Christen, zu warten schienen. Die Infantinnen blickten voll gespanntem Interesse hinunter und konnten sich an den schönen jungen Männern nicht sattsehen. Was Wunder, daß die Erscheinung der drei Ritter aus adeligem Hause ihre jungen Herzen einigermaßen beunruhigte.

 

Im Schloß kamen sie fast ausschließlich mit weiblicher Dienerschaft zusammen und sahen vom männlichen Geschlecht nur schwarze Sklaven und dann und wann einen Fischer oder einen Soldaten der Küstenwache. Die etwas arrogante Schönheit der drei hübschen Ritter in der Blüte ihrer Jugend mußte die Infantinnen aufs tiefste bezaubern. „Hat jemals ein edleres Wesen die Erde betreten, als jene Ritter in Scharlachrot?“ rief Zaida, die älteste der Schwestern. „Schau, wie stolz er sich benimmt, als ob alle rings um ihn seine Sklaven wären!“ „Aber seht nur jenen in Grün!“ rief Zaida, „welche Anmut, welche Hoheit, welche Eleganz!“ Zorrahaida aber schwieg und verriet ihren Schwestern nichts, doch insgeheim gefiel ihr der Ritter im blauen Gewand am besten. Die Prinzessinnen wandten von den Gefangenen kein Auge ab, bis sie in der Ferne ihren Blicken entschwanden. Dann seufzten die drei Infantinnen tief, drehten sich um, schauten sich einen Augenblick an und setzten sich sinnend und träumend in ihre Ottomanen. So traf sie bald danach die kluge Kadiga. Die Mädchen erzählten ihrer treuen Duena, was sie gesehen hatten. Schwärmend ließen sie ihren Zungen freien Lauf, daß sogar das welke Herz Kadigas rascher zu schlagen begann.

 

„Arme Jungen!“ rief sie aus, „ihre Gefangenschaft und das harte Los, das ihrer harrt, wird manch edlem und schönem Mädchen in ihrem Heimatland großen Kummer und schweres Herzeleid verursachen! Ach, liebe Kinder, ihr habt keinen Begriff von dem Leben, das diese Ritter auf ihren Burgen und Schlössern, in Palästen und am Hofe ihres Königs führen! Welche Pracht bei den Turnieren herrscht, welche Bewunderung von seifte schöner Frauen ihnen entgegengebracht wird. Und dann dieser Minnedienst mit Liedern und Serenaden!“

 

Bei Zaida stieg die Neugierde aufs höchste. Ihre Fragen wollten kein Ende nehmen, und nach und nach entlockte sie der alten Dienerin die lebendigsten Schilderungen von Festen und Spielen, die sie in der Jugend in ihrem Heimatlande gesehen und erlebt hatte. Die schöne Zoraida richtete sich schnell auf, als Kadiga von den Reizen der spanischen Frauen berichtete, und ging zum großen Wandspiegel, wo sie sich insgeheim mit kritischem Blick, doch hochzufrieden betrachtete. Die zarte Zorahaida drückte sich wieder tief in die Kissen auf ihrer Ottomane und seufzte traurig in sich hinein, als von den feurigen Mondscheinserenaden die Rede war. Jeden Tag kam die neugierige Zaida wieder mit ihren Fragen, und jeden Tag wiederholte die kluge Duena ihre Erzählungen, denen die edlen Zuhörinnen mit größter Aufmerksamkeit lauschten, und manchmal seufzten sie tränenden Auges dabei. Endlich merkte die alte Frau, daß sie dabei war, ein großes Unheil anzurichten. Sie hatte übersehen, daß aus den ihr anvertrauten drei Kindern nunmehr kokette junge Frauen im heiratsfähigen Alter geworden waren, durch deren Adern heiß das Blut pulsierte und deren Herzen nach Liebe verlangten. Es wird Zeit, dachte sich die Duena daher, daß der König benachrichtigt wird, mag er dann verfügen, was ihm richtig erscheint.

 

Mohammed der Linkshänder saß eines Morgens in einer der kühlsten Hallen der Alhambra auf dem Diwan, als ein Bote von der Festung Salobrena in den Thronsaal geführt wurde, der Kadigas Glückwünsche zum Geburtstag seiner drei Töchter überbrachte. Die kluge Duena sandte dem König ein mit Blumen verziertes, feines Körbchen, in dem auf Weinlaub und Feigenblättern gebettet wie ein Pfirsich, eine Aprikose und eine Nektarine lagen. Als der Monarch die frischen Früchte im verführerischen Reiz beim Anflug ihrer Reife sah, da erriet er sogleich die Bedeutung dieses Geschenkes. Ernst geworden, überlegte er sich: „Die von den Astrologen angedeutete gefährliche Zeit ist also gekommen; meine Töchter sind im heiratsfähigen Alter. Vorsicht ist geboten! Doch was soll ich tun? Richtig ist, daß sie den Blicken der Männer entzogen sind; daß Kadiga klug und treu ihrer Pflicht nachkommt, aus das ist wahr! Die Astrologen verlangten aber, daß ich selbst die Mädchen in Obhut nehme und sie keiner anderen Person anvertraue! Um künftigen Verdruß und Ärger zu vermeiden, muß ich mich ab heute selbst um meine Töchter kümmern.“ So sprach Mohammed und ließ einen Turm auf der Alhambra zum Aufenthaltsort der Infantinnen ausbauen. Dann ritt er an der Spitze seiner Leibwache bis Salobrena, um die drei Schönheiten mit Kadiga und dem Hofstaat in höchst eigener Person auf die Königspfalz in Granada zu bringen.

 

Ungefähr drei Jahre waren verflossen, seitdem der König seine Töchter zum letzten Mal gesehen hatte. Er traute seinen Augen nicht, als er die wunderbare Veränderung gewahrte, die während dieses Zeitraums mit ihrem Äußern vor sich gegangen war. Sie hatten in wenigen Monaten jene mysteriöse Grenzlinie des weiblichen Lebens überschritten, welche das wilde, ungezähmte, eckige und gedankenlose Mädchen von der aufblühenden und selbstständig urteilenden jungen Frau trennt. Aus Kindern waren Erwachsene geworden!

 

Ähnliches erlebt der Reisende, der aus der reizlosen und kahlen Mancha des kastilischen Hochlandes in die üppigen Täler und schwellenden Hügel Andalusiens gelangt. Zaida war schlank und schön gewachsen, von stolzer Haltung, und unter fein geschwungenen Brauen leuchteten durchdringend tiefe Augen. Sie trat mit gemessenen Schritten ein und machte vor Mohammed eine tiefe Verbeugung, die mehr dem König als dem Vater gelten schien. Zoraida war von mittlerem Wuchs, sie hatte ein bezauberndes Wesen. Sie unterstrich es vorteilhaft durch ausgesuchte Kleidung und geschmackvollen Schmuck und Putz. Lächelnd kam sie auf ihren Vater zu, küsste ihm die Hände und begrüßte ihn mit einigen Versen aus einem arabischen Gedicht, was dem König große Freude bereitete. Zorahaida war schüchtern und scheu, etwas kleiner als ihre Schwestern, und ihre Schönheit hatte jenen zarten einschmeichelnden Charakter, der Liebe und Schutz sucht. Sie war keine Herrschernatur, so wie ihre ältesten Schwestern, auch war sie nicht von blendender Schönheit, wie die zweite; sie schien dazu geschaffen, sich an die Brust des geliebten Mannes zu schmiegen, verwöhnt zu werden und sich glücklich zu fühlen. Schüchtern und zögernd näherte sie sich ihrem Vater und getraute sich auch nicht nach seiner Hand zu fassen, um sie zu küssen. Erst als sie sein väterliches Lächeln sah, kam ihre Zärtlichkeit zum Ausbruch. Voll Freude warf sie sich an seine Brust, umarmte und küsste ihn mit kindlicher Liebe.

 

Mit Stolz, doch auch mit sorgenvoller Verwirrung blickte Mohammed der Linkshänder auf seine Töchter, denn während er sich über ihre große Schönheit freute, fiel ihm die ernste Prophezeiung der Astrologen ein. „Drei Töchter! Drei Töchter!“ murmelte er mehrmals in seinen weißen Bart hinein, „und alle im heiratsfähigen Alter! Das sind wahrhaftig lockende Hesperidenfrüchte, die einen Drachen zum Wächter brauchten!“ Bald hatte er alles geordnet und bereitete seine Rückkehr nach Granada vor. Doch vorher ließ er durch die königlichen Herolde verkünden, daß sich jedermann vom Wege fernzuhalten haben, den der König mit seinen Töchtern und Gesinde nehmen wolle, und daß beim Herannahen des Zuges Fenster und Türen zu schließen seien, denn die Infantinnen sollten niemand sehen. Als so alles geregelt schien, brach er auf, geleitet von einem Trupp schwarzer Reiter, häßlichstem Aussehen; deren Rüstungen im Schein der ersten Sonnenstrahlen funkelten. Auf feurigen weißen Pferden ritten die Prinzessinnen neben dem Vater. Weite Seidenmäntel und dichte Schleier verhüllten die so schönen Gesichtszüge der wundervollen Mädchen. Die Schimmel, auf denen sie im Sattel saßen, trugen samtene Decken, reich an Gold und Silber bestickt; Zügel mit Perlen und Diamanten verziert. Am Zaumzeuge hingen Dutzende von silbernen Glöckchen, deren melodischer Klang das Ohr erfreute. Aber wehe dem Unglücklichen, der am Wege zögernd stehenblieb, wenn er den wohlklingenden Ton der Silberschellen hörte! Die Wachmannschaft hatte den strikten Befehl ihn ohne Gnade niederzuhauen!

 

Der königliche Geleitzug näherte sich bereits Granada, als er am Ufer des Genil eine Abteilung maurischer Soldaten einholte, die einen Trupp christlicher Gefangener begleitete. Schon war es zu spät, aus dem Weg zu gehen und sich seitlich in die Büsche zu schlagen, wie es befohlen war. Sie warfen sich also auf den Boden, mit den Gesichtern zu Erde. Ihren Gefangenen befahlen sie, es ihnen nachzutun. Unter den Gefangenen befanden sich aber auch die drei spanischen Ritter, welche den Infantinnen vor einigen Tagen im Pavillon zu Salobrena das Herz hatten höher schlagen lassen. Die Ritter hatten den Befehl des Hauptmanns der Wache wohl nicht verstanden, oder sie waren zu stolz, ihm zu gehorchen. Aufrecht blieben sie stehen und sahen voller Interesse dem prunkvollen Reiterzug entgegen.

 

Als Mohammed diese Missachtung seiner Befehle gewahr wurde, riß er zornig seinen Krummsäbel aus der Scheide, sprengte vorwärts und wollte gerade einen seiner linkshändigen Streiche führen, der wenigstens einen der trotzigen Gaffer zu Boden gestreckt hätte, als die Prinzssinnen ihn umringten und für die Gefangenen um Gnade baten. Sogar die zarte Zorahaida hatte plötzlich ihre Schüchternheit vergessen und setzte sich für die Christen ein. Noch hielt der Maure seinen Säbel hoch in der Luft, als der Führer der Wache vor ihm sein Knie beugte und sagte: „Möge Eure Majestät nicht eine Tat begehen, die im ganzen Reich großen Ärger erregen würde. Dies sind drei spanische Ritter aus edelster Familie, die wir nach hartem Kampfe gefangen nehmen konnten; mutig wie Löwen kämpften sie, und erst als ihre Waffen unbrauchbar geworden waren, ergaben sie sich uns. Von hohem Adel sind sie und werden Euch ein hohes Lösegeld einbringen.“

 

Langsam ließ der König die Hand mit der Waffe sinken und rief: „Nun denn! Ich werde den Christen hier das Leben schenken! Doch ihre Verwegenheit und ihr Trotz verlangen Strafe. Bringt sie daher zu Torres Bermejas und weist ihnen die härteste Arbeit an!“ Das war wieder einer der linkischen Streiche, die Mohammed hin und wieder zu machen pflegte. In dem Aufruhr und dem stürmischen Hin und Her der eben beschriebenen Szene wurde nämlich die außerordentliche Schönheit der drei Prinzessinnen nur allzu deutlich ins Bild gerückt, da sich bei den raschen und unüberlegten Bewegungen ihre Schleier verschoben und sich so der Glanz ihrer schönen Augen und ihre zarte Haut enthüllte. Die spanischen Ritter hatten so die Gelegenheit, den gütigsten Feen aus dem granadinischen Morgenland tief in die Augen zu blicken, was in ihren so jungen Herzen eine lohende Flamme entfachte.

 

Es ist jedoch seltsam und wirklich der Erwähnung wert, daß sich jeder von ihnen in eine andere Infantin verliebt hatte, die ihrerseits vom adligen Auftreten der Gefangenen überrascht waren und alles, was sie von der männlichen Tapferkeit und ihrer spanischen Grandezza gehört hatten, wie Zauberblumen in ihrer Phantasie aufgehen ließen. Der Reiterzug setzte seinen Weg fort, die drei Prinzessinnen ritten nachdenklich auf ihren Zeltern dahin, und von Zeit zu Zeit spähten sie mit verstohlenen Blicken zu den christlichen Gefangenen hinüber, in die sie sich so heftig verliebt hatten. Auf der Alhambra angekommen, sahen sie noch, wie die drei Spanier in den roten Turm gebracht wurden. Das kaum begonnene Idyll schien schon zu Ende zu sein.

 

Die für die Infantinnen hergerichtete Wohnung war so vorteilhaft und schön. Das neue Heim der Königstöchter befand sich im ersten Turm, der etwas abseits vom Hauptpalast der Alhambra stand, doch mit diesem durch die Burgmauer verbunden war, die die ganze Anhöhe umschloß. Auf der einen Seite überschaute man von dort das Innere der Festung und sah auf einen hübschen Blumengarten mit den seltensten Gewächsen. Auf der anderen Seite hatte man die Aussicht auf eine tiefe, schattige Schlucht, die das Gelände der Alhambra von dem des Generalife trennte. Das Innere des Turms war in kleine, gemütliche Gemächer unterteilt. Sie waren in feinstem arabischen Stil gehalten, und ihre Wände waren mit kunstvollem Zierwerk geschmückt. Diese wundervollen Kemenaten umgaben eine hohe Halle, deren gewölbte Decke fast bis zur Spitze des Turms hinaufreichte. Hier konnte man Arabesken, sinnvolle Inschriften, Stuckarbeiten und Stalakiten bewundern sowie zahlreiche in Gold und glänzenden Farben gehaltene Fresken. Der Boden war mit weißem Marmor belegt, und in der Mitte stand ein fein gearbeiteter Alabasterbrunnen; duftende Sträucher und Blumen fassten ihn ein, und schillernde Wasserstrahlen kühlten den Raum, während ihr leises Plätschern ein sanft einschläferndes Geräusch verursachte. Im Saal hingen Goldkäfige und Bauer aus Silberdraht geflochten, mit den schönsten Singvögeln, deren liebliches Zwitschern und Trillern jedes Ohr erfreute.

 

Wie man dem König berichtet hatte, waren die Prinzessinen auf Schloß Salobrena immer heiter und guter Dinge gewesen; so erwartete er natürlich, daß es ihnen auf der Alhambra in ihrem Feenpalast ganz besonders gefallen werde. Zu seinem Verdruß war das nicht der Fall; sie waren melancholisch, mit allem und jedem unzufrieden und schienen sich über irgend etwas tief zu grämen. Die Blumen teilten ihnen ihren Duft nicht mit, der Gesang der Nachtigall störte ihre Nachtruhe, und der Alabasterbrunnen mit seinem ewigen Rinnen und Plätschern, das vom Morgen bis zum Abend und wieder bis zum Morgen dauerte, war ihnen eine Qual und griff ihre Nerven an. Kurz gesagt, den drei jungen Frauen schien alles lästig zu sein und nichts eine Freude zu machen. Der König, ein Mann von aufbrausender und tyrannischer Gemütsart, nahm dieses Verhalten anfangs sehr ungnädig auf; aber bald fiel ihm ein, daß seine Töchter ja eigentlich keine Kinder mehr waren, sondern bereits erwachsene junge Frauen, deren Interesse natürlich nicht durch Spielereien gefesselt werden könne. „Da gehören jetzt andere Sachen her!“ sagte er sich und verschaffte allen Schneidern, Schustern, Webern und Juwelieren, Goldschmieden und Silberarbeitern des ganzen Zacatin Granadas Beschäftigung. Handwerker kamen und gingen, Kaufleute aus den fernsten Ländern brachten ihre Waren auf die Alhambra, Händler zogen reich beladen den Schlossberg hinauf und verkauften dem König ihre Kostbarkeiten.

 

Der besorgte Vater überschüttete seine gemütskranken Töchter mit Geschenken, nur um sie zufrieden zu sehen und ihren Sinn aufzuheitern. Es füllten sich die Kemenaten mit Gewändern aus Seide, Goldstoffen und Brokat, mit feinen Schultertüchern und Kaschmirschals; auf den Tischen lagen Halsbänder von Perlen und schweren Goldketten mit klaren Edelsteinen besetzt, auf Samtkissen wieder sah man Armbänder und Ringe; in kunstvollen Fläschchen und Dosen dufteten wohlriechende Essenzen und milde Salben. Doch das half alles nichts; die Prinzessinnen blieben bleich, bedrückt und traurig mitten in ihren Kostbarkeiten und glichen drei welken Rosenknospen, die von einem abgeschnittenen Zweige nieder hingen. Der König wußte nun wirklich nicht mehr, was er anfangen sollte. Für gewöhnlich vertraute er seinem eigenen Urteil, holte sich bei niemandem Rat und nahm natürlich auch keinen an. Die Launen der Einfälle dreier heiratsfähiger Töchter indessen reichen hin, um den klügsten Kopf in Verlegenheit zu bringen, also suchte er zum ersten Mal in seinem Leben fremden Rat. Er wandte sich an die erfahrene und kluge Duena und sagte zu ihr: „Kadiga, ich weiß, daß du eine der klügsten und treuesten Frauen auf der ganzen Welt bist. Dies war auch der auschlaggebende Grund, daß ich dich immer bei meinen Töchtern ließ. Väter können in der Wahl solcher Vertrauenspersonen nicht vorsichtig genug sein! Ich wünsche jetzt von dir, daß du die geheime Krankheit ausfindig machst, die den Frohsinn der Prinzessinnen zum Schwinden brachte und an ihrem Gemüte nagt. Suche mir ein Mittel, das meine Töchter wieder gesund und froh macht!“ Kadiga versprach, sich der Sache anzunehmen und ihr auf den Grund zu gehen. In Wirklichkeit wußte sie natürlich mehr von der Krankheit der Prinzessinnen als die Töchter selbst.

 

Indessen blieb sie mit ihnen zusammen, ließ sie keinen Augenblick allein und bemühte sich, ihr unbedingtes Vertrauen in der Herzenssache zu erlangen. „Meine lieben Kinder, warum seid ihr so traurig und betrübt an einem der schönsten Orte der Welt, wo ihr alles habt, was das Herz begehrt?“ fragte sie. Die Infantinnen schauten gedankenlos im Zimmer herum und seufzten dann tief auf. „Kinder, sprecht! Was fehlt euch denn? Soll ich euch den wunderbaren Papagei bringen lassen, der alle Sprachen spricht und von dem ganz Granada entzückt ist?“ „Greulich!“ rief die energische Zaida. „Ein häßlich keifender Vogel, der Worte ohne Gedanken plappert und schnattert. Nur Menschen ohne Verstand und Hirn können solch ein Tier um sich haben.“ „Soll ich um einen Affen vom Felsen von Gibraltar schicken, damit ihr euch an seine Posen ergötzen könnt?“ „Ein Affe? Nur nicht. Das hätte gerade noch gefehlt. Der Affe ist der abscheulichste Nachahmer des Menschen, häßlich und von widerlichem Geruch. Mir ist dieses Tier ausgesprochen verhaßt!“ So sprach die hübsche Zoraida mit fester Stimme, die keinen Widerspruch zu dulden schien.

 

„Und was sagt ihr zu dem bekannten Sänger Casem aus dem königlichen Harem von Marokko? Man erzählt von ihm, daß seine Stimme so fein sei wie die eines Frauenzimmers“, schlug Kadiga vor. „Wollt Ihr uns auf den Tod erschrecken“, sagte die zarte Zorahaida, „volle Freude an der Musik und am Gesang hat sich bei mir vollkommen verloren.“ „Ach, mein Kind, so würdest du bestimmt nicht reden“, erwiderte listig die Alte, „wenn du die Musik gehört hättest, die gestern Abend die drei spanischen Ritter machten, als sie nach des Tages Arbeit ausruhten. Erinnerst du dich noch der gefangenen Edelleute, die wir auf unserer Reise trafen? Aber Gott steh mir bei, Kinder! Was gibt es denn, daß ihr so errötet und plötzlich vor Aufregung zittert?“ „Nichts! Nichts, gute Mutter, bitte erzähle nur weiter.“ „Gut, wie ihr wollt. Als ich gestern abends bei den Torres Bermejas vorbeikam, sah ich die drei Ritter am Fuß des roten Turms sitzen und musizieren. Der eine spielte rührend schön auf der Gitarre, und die beiden anderen sangen zum Klang der Gitarre, so anmutig und hinreißend, daß selbst die hartherzigen Wächter bewegungslos da standen und verzauberten Bildsäulen glichen. Allah möge mir vergeben! Auch ich konnte mich der Wehmut und der Tränen nicht erwehren, als ich diese Lieder aus meiner Heimat hörte. Und dann erst drei so edle hübsche Jünglinge in Ketten und als Sklaven zu sehen!“ Jetzt wurde es für die gutherzige alte Frau wirklich zuviel. Laut schluchzte sie auf, und große Tränen kullerten ihr über die welken Wangen. „Vielleicht, Mutter, könntest du es einrichten, daß wir die drei Ritter einmal sehen dürfen“, sagte Zaida. „Etwas Musik würde bestimmt auch uns aufheitern“, warf Zoraida ein.

 

Die schüchterne Zorahaida schwieg und sagte gar nichts; doch legte sie liebevoll ihre schneeweißen Arme um den Hals der alten Kadiga. „Der Himmel bewahre mich vor so einer unsinnigen Tat“, klage die kluge alte Frau. „Was schwatzt ihr da, Kinder? Wißt ihr, was ihr da von mir verlangt? Euer Vater würde uns alle töten, wenn ihm so etwas zu Ohren käme. Gewiß, diese Ritter sind augenscheinlich edle und wohlerzogene Jünglinge; aber was liegt uns daran? Uns interessieren sie bestimmt nicht! Auch sind sie Feinde unseres heiligen Glaubens, und ihr dürft ohne Abscheu nicht an sie denken.“ Die drei Prinzessinnen ließen alle Register ihrer Überredungskunst spielen. Sie umarmten ihre Duena, schmeichelten, flehten, weinten und erklärten, daß eine abschlägige Antwort ihnen das Herz brechen würde. Was sollte sie tun? Sie war gewiß die klügste alte Frau auf der ganzen Welt und einer der treuesten Dienerinnen des Königs; aber konnte sie zusehen, wie drei schöne Prinzessinnen das Herz brach, wie ihre Gesundheit, ihr Frohsinn dahinschwanden?“

 

Kadiga lebte nun schon viele Jahre unter den Mauren und hatte seinerzeit gleich ihrer Herrin den Glauben gewechselt und diente seither treu dem Propheten.

Doch innerlich war sie Spanierin geblieben, und eine leise Sehnsucht nach dem Christentum, ihrem früheren Gottesglauben, konnte sie nie aus dem Herzen bannen. Sie sann daher nach, wie man die Wünsche der Prinzessinnen leicht und gefahrlos erfüllen könne, denn ganz so einfach war die Sache nicht. Die im roten Turm eingeschlossenen Gefangenen standen unter der Aufsicht eines langbärtigen und breitschultrigen Renegaten namens Hussein Baba, von dem die Sage ging, daß er leicht zu bestechen wäre. Ihn besuchte Kadiga heimlich, ließ vorsichtig ein großes Goldstück in seine Hand gleiten und sagte mit leiser Stimme: „Hussein Baba, meine Herrinnen, die Königstöchter, die im Turm dort eingeschlossen sind, kommen vor Einsamkeit um, denn keine Unterhaltung zerstreut sie. Vor einigen Tagen wurde ihnen von den musikalischen Talenten der drei spanischen Ritter erzählt, und nun möchten sie gerne eine Probe ihrer Künste hören. Ich kenne dich, alter Freund, und weiß, daß du in deiner Gutherzigkeit den armen Mädchen nicht diese unschuldige Freude versagen wirst.“ „O du alte Hexe! Fahr zum Teufel mit deinem Ansinnen! Du willst wohl meinen aufgespießten Kopf von der Spitze des Turms heruntergrinsen sehen? Denn das wäre der Lohn für die Untat, wenn der König sie entdeckte oder auch nur dieses Gespräch ihm zu Ohren käme.“ „Aufrichtig gesagt, ich sehe keine Gefahr dabei. Man muß nur die Sache so einrichten, daß die Laune der Prinzessinnen befriedigt wird und ihr Vater doch nichts davon erfährt. Du kennst die tiefe Klamm außerhalb der Burgmauer; vom Turm der Infantinnen sieht man direkt hinunter auf die grünen Hänge. Bring die drei Christen dorthin zur Arbeit und lasse sie in den Ruhestunden spielen und singen, und jedermann wird glauben, daß sie dies zu ihrer eigenen Unterhaltung täten. Die Prinzessinnen hören vom Fenster ihres Turms aus die Musik und den Gesang, und du kannst sicher sein, daß sie dich dafür reichlich und gut bezahlen werden.“

 

Als die gute alte Frau geredet hatte, drückte sie freundlich die rauhe Hand des Renegaten und ließ noch ein weiteres Goldstück darin zurück. Einer solch wohlklingenden und so überzeugender Beredsamkeit konnte natürlich niemand widerstehen, und auch Hussein nicht. Am nächsten Tag schon arbeiteten die Ritter mit ihren Kameraden in der Schlucht. Während der Mittagszeit schliefen ihre Unglücksgefährten im Schatten der dicht belaubten Bäume, die drei spanischen Ritter aber setzten sich auf den weichen Rasen am Fuße des Turms der Infantinnen und sangen ein Lied aus ihrer Heimat, daß einer von ihnen auf der Gitarre begleitete. Die Wachen dösten auf ihren Posten und taten schläfrig ihre Pflicht.

 

Das Tal und die Schlucht waren tief, und der Turm ragte hoch in die Lüfte, aber die Stimmen der Sänger stiegen in der Stille des heißen Sommermittags bis zu den Fenstern und dem Balkon empor. Dort lauschten die schönen Mädchen dem Lied, dessen Melodie und zärtliche Worte sie zutiefst rührten, denn die Duena hatte sie die spanische Sprache so gut und genau gelehrt, daß sie auch die feinsten Tonschattierungen hören, verstehen und fühlen konnten. Die alte Kadiga tat hingegen furchtbar erschrocken und rief angstvoll: „Allah behüte uns! Sie singen ein Liebeslied, das an euch gerichtet ist. Ja, kann sich jemand so eine Frechheit vorstellen? Ich werde gleich zum Aufseher laufen und ihnen eine Bastonade geben lassen, denn das ist wirklich zuviel!“ „Was, solch edlen Rittern willst du die Bastonade geben lassen, nur weil sie schön und lieblich singen?“ Voll Schauder schüttelten die Prinzessinnen ihre hübschen Köpfchen. Bei all dieser tugendhaften Entrüstung war die Alte versöhnlicher Natur und ließ sich beruhigen und besänftigen. Zudem schien die Musik ihre jungen Herrinnen wirklich wohltuend beeinflussen. Die Wangen der Mädchen zeigten einen feinen rosa Schimmer, ihre Augen fingen an zu glänzen, und die zarten Lippen schienen zu lächeln. Die kluge Kadiga dachte also nicht daran, das Liebeslied der Ritter zu unterbinden. Als die letzte Strophe verklungen war, blieb alles eine Weile still, nachdenklich schauten die Prinzessinnen vor sich hin.

 

Dann aber griff Zoraida nach der Laute und sang mit lieblicher Stimme leise und gerührt eine hübsche maurische Weise mit dem vielsagenden Refrain: „Wenn die Rosenknospe sich auch hinter Blättern birgt, so lauscht sie doch mit Entzücken der Nachtigall.“ Von dieser Zeit arbeiteten die Ritter fast täglich in der Schlucht. Der gewissenhafte Hussein Baba wurde immer nachsichtiger und von Tag zu Tag schläfriger auf seinem Posten. Eine Zeit lang bestand ein gar seltsamer Verkehr zwischen Turm und Außenwelt. Dem gegenseitigen Gedankenaustausch dienten nämlich Lieder und Romanzen, deren Inhalt sich einigermaßen entsprach und dazu diente, den Gefühlen der Liebespaare Ausdruck zu geben. Dieser geheime Verkehr wirkte wahre Wunder. Die Prinzessinnen wurden froh wie früher, ihre Augen glänzten feuriger als je, neckisch klangen ihre Stimmen, melodisch die Lauten, Zimbeln und Gitarren. Niemand jedoch konnte glücklicher sein als der König selbst, den diese Veränderung so überraschte, daß er die kluge Kadiga reichlich beschenkte und volle Freude seine drei Töchter besuchte.

 

Aber auch dieser fernschriflicher Verkehr hatte eines Tages sein Ende, denn die drei Ritter erschienen nicht mehr auf dem Arbeitsplatz unterm Turm. Vergebens spähten die Prinzessinnen umher, vergebens beugten sie sich weit über den Balkon, um eine Spur ihrer Ritter zu finden, vergebens sangen sie wie Nachtigallen, vergebens schlugen sie die Saiten. Keine Stimme antwortete aus dem Gebüsch, kein Lautenspiel war zu vernehmen, keine Ritter zeigten sich. Die kluge Kadiga ging besorgt fort, um etwas über die drei Spanier zu erfahren. Bald kam sie mit kummervollem Gesicht wieder heim und erzählte den verliebten Mädchen die traurige Neuigkeit, die man ihr mitgeteilt hatte. „Ach, meine Kinder! Ich sah es voraus, daß alles so kommen würde! Doch ihr wollt ja unbedingt euren Willen durchsetzen. Nun ist das Ende da, und ihr könnt eure Lauten zerschlagen oder an einen Weidenbaum hängen. Die spanischen Ritter wurden von ihren Familien losgekauft und wohnen nun unten in Granada, wo sie ihre Heimreise vorbereiten.“

 

Untröstlich waren die drei Mädchen, als sie diese Nachricht vernommen hatten. Die schöne Zaida zürnte ihrem Ritter, daß er ohne Abschied dahin gegangen war, denn diese Geringschätzung ihrer Person konnte sie nicht verschmerzen. Zoraida rang die Hände und weinte, sah in den Spiegel, wischte die Tränen ab und begann wieder zu weinen. Die schöne Zorahaida lehnte an der Brustwehr des Balkons, und ihre Tränen fielen hinunter auf den Abhang, wo die Ritter gesessen hatten, ehe sie ihre angebetenen Maurenprinzessinnen so treulos verließen. Die kluge Kadiga tat alles, um den großen Schmerz zu stillen, der die Mädchenherzen peinigte. So sagte sie oft: „Tröstet euch, meine Kinder. Das hat nichts zu bedeuten; man muß sich nur daran gewöhnen und sich mit derlei Dingen abfinden. Das ist eben der Lauf der Welt. Wenn ihr einmal so alt seid wie ich, dann werdet ihr die Männer schon kennen und wissen, wie man sie zu beurteilen hat. Diese drei Ritter haben sicherlich in Cordoba oder Sevilla ihre Bräute oder Geliebten, unter deren Balkon sie bald Serenaden und Ständchen singen werden, ohne jemals wieder an die maurischen Schönheiten auf der Alhambra zu denken. Deshalb tröstet euch, meine lieben Kinder, und verbannt sie aus euren Herzen, denn die Männer sind keine Tränen wert.“

 

Die tröstende Worte der klugen Kadiga verdoppelten aber den tiefen Kummer der drei Prinzessinnen, die zwei Tage lang nicht aus ihren Zimmern zu bringen waren und nur still vor sich hin weinten. Am dritten Morgen nun kam die alte Frau außer sich vor Aufregung daher gelaufen, stürzte fassungslos in den großen Salon und schrie voll Zorn: „Wer hätte einem sterblichen Menschen eine solche Frechheit zutrauen können! Aber mir geschieht ganz recht, denn nie hätte ich zugeben dürfen, daß euer ehrwürdiger Vater hintergangen wird. Erwähnt mir also mit keinem Worte mehr die spanischen Ritter, diese schlechten Menschen, die mich solcher Art beleidigt haben.“ „Nun, beste Kadiga, was ist denn geschehen?“ riefen die drei Mädchen aufgeregt durcheinander."

 

„Was geschehen ist, fragt ihr? Verrat ist geschehen; oder was noch schlimmer ist, zum Verrat sollte ich verleitet werden! Mir, der treuesten aller Untertanen, der vertrauenswürdigsten aller Duenas mutet man zu, daß ich meinen Herrn und König hintergehen könnte. Ja, meine Kinder staunt nur! Die spanischen Ritter haben es gewagt, mir vorzuschlagen, ich solle euch überreden, mit ihnen nach Cordoba zu fliehen, um sie dort zu heiraten!“ Die drei schönen Prinzessinnen ihrerseits wurden blaß und rot, und rot und blaß, und zitterten, schauten sich verstohlen und vielsagend in die Augen, sprachen aber kein einziges Wort. Die alte Frau konnte sich nicht beruhigen. Heftig bewegte sie sich hin und her, schüttelte die Fäuste und rief von Zeit zu Zeit zornig aus: „Daß mir eine solche Beleidigung angetan wurde! Mir, der treuesten aller Dienerinnen!“

 

Endlich trat die älteste Infantin, die den meisten Mut hatte und immer die erste war, zu ihr hin, legte ihre Hände auf die Schultern und sagte liebevoll: „Nun, beste Mutter, angenommen wir wären bereit, mit den drei christlichen Rittern zu fliehen. Wäre so etwas überhaupt möglich?“ Die gute Alte hörte bei diesen Worten zu jammern auf und erwiderte schnell: „Möglich? Wäre das schon! Die Ritter haben schon den Hussein Baba bestochen und mit ihm den ganzen Plan besprochen. Wer kann aber euren Vater hintergehen, diesen besten aller Könige! Euren Vater, der so viel Vertrauen in mich setzt!“ Wieder begann die brave Frau zu weinen, und händeringend lief sie im Saale auf und ab.

 

„Aber dieser beste aller Väter hat nie Vertrauen zu uns gehabt!“, rief die älteste Prinzessin selbstbewusst, „immer hielt er uns wie Gefangene hinter Schloß und Riegel! Nie konnten wir frei hingehen, wohin es uns behagte, nie tun, was wir wollten.“ „Freilich, das ist nur zu wahr“, ließ sich die Alte hören und blieb vor den jungen Damen stehen, „er hat euch wirklich ungerecht behandelt. Eingeschlossen ward ihr immer und musstet die schönsten Jahre eurer Jugend in einem alten Turm verbringen, gleich den duftenden Rosen, die man in einem Blumentopf welken läßt. Aber bedenkt doch, was es bedeutet, aus eurer schönen Heimat zu fliehen!“ „Und ist nicht das Land, das uns aufnehmen will, die Heimat unserer guten Mutter? Werden wir dort nicht in Freiheit leben? Und wird nicht jede von uns statt des strengen Vaters einen jungen und liebevollen Ehemann haben?“

 

„Freilich, das ist wohl wahr, und, ich muß gestehen, er war mit euch wirklich ein harter Tyrann, aber“, und wieder brach der Jammer aus ihr, „wollt ihr mich dann zurücklassen, allein und verlassen? Seid sicher, daß sein Zorn und seine Rache mich hier zerschmettert.“ „Doch gewiß nicht, meine gute Kadiga! Kannst du nicht mit uns fliehen?“ „Das wäre wohl möglich, um bei der Wahrheit zu bleiben, muß ich euch sagen, daß ich bereits mit Hussein Baba gesprochen habe. Er versprach, auch mir zu helfen, wenn ich euch auf eurer Flucht begleiten wollte. Aber Kinder, nein, schlagt euch das besser alles aus dem Kopf? Ihr könnt doch nicht euren Väterglauben verleugnen!“ „Der christliche Glaube war das ursprüngliche Religionsbekenntnis meiner Mutter, ehe sie auf die Alhambra kam“, sagte wieder die älteste Infantin, „und ich bin bereit, ihn anzunehmen, und meine Schwestern auch, davon bin ich überzeugt!“ „Recht hast du!“ rief die alte Frau voll Freude aus, „ja, es war der Glaube deiner Mutter. Bitterlich beweinte sie oft ihren Abfall, und auf dem Totenbett mußte ich ihr versprechen, für euer Seelenheil zu sorgen.

 

Heute nun bin ich glücklich und froh, denn ich weiß, daß ihr auf dem richtigen Weg seid, auf dem Weg, der zur Taufe und ins Glück führt. Ich freue mich, daß ihr Christinnen werden wollt, weil auch ich es war und im Herzen immer geblieben bin. Jetzt ist die Gelegenheit dazu da. Ich sprach darüber schon mit Hussein Baba; er ist Spanier von Geburt und übrigens ein freundlicher Mensch. Wir stammen aus der gleichen Gegend, und auch er will in seine alte Heimat zurück. Die drei edlen Ritter drunten in Alhambra sagten hochherzig ihre Hilfe zu und werden uns anständig ausstatten, wenn wir dann im Heimatdorf eine Ehe eingehen sollten.“

Kurz und gut, es ergab sich, daß diese außergewöhnlich kluge und vorsichtige Frau mit den Rittern und dem Renegaten bereits den ganzen Fluchtplan entworfen hatte, der nun verwirklicht werden sollte.

 

Die älteste Prinzessin war sofort einverstanden, und ihr energisches Verhalten bestimmte und beeinfußte wie immer den Willen ihrer beiden Schwestern. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß allerdings gesagt werden, daß die jüngste Prinzessin etwas zauderte und nicht gleich wußte, was sie machen sollte. Ihr sanftes und schüchternes Wesen wollte keinen so brüsken Bruch, und allsogleich begann in ihrem Herzen ein schwerer Kampf, in dem sich das Gefühl kindlicher Pflicht und jugendlicher Leidenschaft gegenüberstanden. Wie es schon immer ging, siegte in diesem ungleichen Zwiespalt die Liebe zum fremden Ritter, der drang nach Gattenliebe. Still und leise weinend schloß sie sich also ihren Schwestern an und rüstete sich zur Flucht.

 

Durch den Hügel, auf dem die Alhambra steht, führte in früheren Zeiten eine große Zahl von unterirdischen Gängen. Diese bildeten ein wahres Netz von Irrwegen, auf denen der Eingeweihte von Alhambra ungesehen in die Stadt und selbst bis zu den entfernten Ausfallspforten und Schlupftüren an den Ufern der Darro und des Genil gelangen konnte. Im eigenen Interesse und aus Staatsräson ließen die Maurenkönige im Laufe der Jahrhunderte die Asabica durchbohren, und durch diesen Gang liefen sie, wenn Empörer ihnen nach dem kostbaren Leben trachteten; aber oft zogen sie auch diese geheimen Wege den öffentlichen Straßen vor, denn heikle Unternehmungen waren nie für jedermanns Auge und Ohr. Dem Fluchtplan nach sollte Hussein Baba die Prinzessinnen durch einen der genannten Gänge bis zur geheimen Schlupfpforte jenseits der Stadtmauern führen, wo die Ritter mit schnellen Pferden zu warten versprachen, um alle über die Grenze in Sicherheit zu bringen.

 

Die vorher bestimmte Nacht kam: Der Turm der Infantinnen war wie gewöhnlich verschlossen worden, und die Alhambra lag in tiefem Schlummer. Gegen Mitternacht bezog die kluge Kadiga ihren Horchposten auf dem Balkon und lauschte gespannt in den Garten hinab. Bald kam Hussein Baba daher und gab das verabredete Zeichen. Die Duena befestigte sogleich das obere Ende einer Strickleiter am Balkon und ließ sie dann vorsichtig in den Garten hinab. Mit großer Behendigkeit schwang sich die alte Frau über die Brüstung und stieg resolut hinunter. Ihr folgten klopfenden Herzens die beiden älteren Prinzessinnen.

 

Als aber die Reihe an Zorahaida kam, da zauderte diese; mehrmals setzte sie ihren kleinen Fuß auf die Leiter, aber ebenso zog sie ihn wieder zurück. Ihr Körper zitterte, das kleine Herz pochte heftig, und zögernd blieb die jüngste Königstochter auf dem Balkon stehen. Sie warf einen kummervollen Blick ins Zimmer zurück, dessen Wandschmuck, Decken und Polster im hellen Mondlicht gleißten. Wie ein Vogel in seinem Käfig hatte sie im Turm gelebt, sorglos, ruhig und ohne Aufregungen, geborgen und beschützt waren die Tage dahingegangen. Wer konnte ihr sagen, was geschah, wenn sie frei in die weite Welt hinausflatterte! Aber schon erinnerte sie sich ihres Ritters aus dem Land der Christen, und rasch saß sie auf der Brüstung und setzte den Fuß auf die Leiter. Hinunter wollte sie zu ihm! Doch da kam ihr der alte Vater in den Sinn, und sie zuckte wieder zurück. Schrecklich war der Kampf, der im Herzen dieses zarten Wesens tobte. Voll Ehrfurcht liebte sie ihren Vater; beim Gedanken an den jungen Christen wurde ihr heiß und kalt zugleich, und voll Liebe und Zuneigung erinnerte sie sich seiner. Aber sie war noch so jung, schüchtern und wußte nichts von der Welt, von Liebe und Familienglück.

 

Vergebens flehten ihre Schwestern, schalt die Duena und fluchte gotteserbärmlich der Renegat. Das kleine Maurenfräulein schaute oben am Balkon zu ihren Schwestern hinunter; sie konnte sich nicht entschließen. Der Gedanke an die Flucht und die Freiheit lockte sie, doch die Furcht vor ungewissen Gefahren riet ihr zum Bleiben. Aus der Ferne erschollen nun gar noch Schritte! Jeden Augenblick konnte man entdeckt werden! Rauh rief der Renegat zum Balkon hinauf: „Die Wachen machen die Runde; wenn wir zögern sind wir verloren. Steigt augenblicklich herunter, oder wir gehen allein und lassen Euch zurück, denn keine Zeit ist mehr zu verlieren.“ Zorahaida kämpfte mit sich selbst, und niemand erfuhr jemals, was in diesen wenigen Sekunden im Innern des Mädchens vergangen war. Mit verzweifeltem Entschluß machte sie die Strickleiter los und warf sie in den Garten hinunter. „Es ist entschieden!“ rief sie, „ich kann nicht mit. Allah geleite und segne euch und schenke euch, meine geliebten Schwestern, Glück und Liebe.“

 

Schaudernd schrien die Prinzessinnen auf und wollten noch zögern. Sie konnten doch ihre kleine Schwester nicht allein zurücklassen! Die Wache kam aber näher und immer näher. Wütend stieß der Renegat die drei Frauen in ein dunkles Felsloch und führte sie kreuz und quer sicher unterirdische Gänge, und sie gelangten glücklich an ein eisernes Tor vor der Stadt. Hussein sperrte auf, und verabredungsgemäß nahmen sie die drei spanischen Ritter die die Uniform der vom Renegaten befehligten Turmwache trugen, in Empfang. Zorn und Trauer überkam Zorahaidas Anbeter, als er sah, daß das schöne Mädchen nicht gekommen war. Kurz berichtete Kadiga ihm, was sich ereignet hatte, und daß man keine Zeit verlieren dürfe. Die beiden Prinzessinnen wurden hinter ihre Verehrer gesetzt, und die kluge Kadiga stieg zum Renegaten aufs Pferd; dann sprengten alle im wildesten Tempo auf den Paß von Lope zu, über den sie durchs Gebirge nach Cordoba kommen wollten. Doch bald darauf hörte man von der Alhambra her die Alarmzeichen; Hornsignale und Trompetenstöße tönten von den Zinnen des Wachtturms durch die Stille der Nacht.

 

„Unsere Flucht ist entdeckt worden“, sagte der Renegat. „Wir haben flinke Rosse, der Mond hat sich verzogen, und die Nacht ist nun stockdunkel. „Wir werden es schaffen!“ antworteten die Ritter. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und jagten durch die Vega. Schon kamen sie an den Fuß der Sierra Elvira, die wie ein Vorgebirge sich weit in die Ebene hineinstreckt. Der Renegat hielt an und horchte: „Bis jetzt ist noch niemand auf unserer Spur; die Flucht in die Berge wird gelingen!“ Aber während er noch sprach, leuchtete auf der Wehrplatte des Bergfrieds der Alhambra eine helle Flamme auf. „Hölle und Teufel!“ brüllte der Renegat, „das Leuchtfeuer ruft die ganzen Wachmannschaften in den Bergen auf ihre Alarmposten. Fort und weiter! Gebt den Pferden die Sporen. Es ist keine Zeit zu verlieren!“ Es war ein halsbrecherischer Galopp. Dumpf tönten die Hufe ihrer Pferde auf dem felsigen Weg, der um die Sierra Elvira herumführt.

 

Von Augenblick zu Augenblick wurde die Lage dramatischer, und nun sahen die Reiter gar, daß von allen Berggipfeln und Hängen Lichtsignale aufflammten, als Antwortzeichen von der Alhambra. „Vorwärts! Vorwärts!“ rief Hussein fluchend dazwischen, „zur Brücke, zur Brücke, ehe das Alarmzeichen dort gesehen wird!“ Scharf ritten sie um eine Felsennase herum und erblickten die bekannte Puenta de Pios, die über einem Wildbach führende Holzbrücke, um deren Besitz Mauren und Christen stritten. Zum Schrecken lag der Brückenkopf schon im hellsten Kreidelicht und strotzte von bewaffneten Männern. Der Renegat riß sein Pferd zurück, erhob sich in den Steigbügeln und sah sich wie suchend um. 

 

Alles dauerte nur wenige Augenblicke, dann winkte Hussein den Rittern und sprengte weiter, doch vom Weg ab, den Fluß entlang. Nach Minuten stützte er Hals über Kopf und hoch zu Roß in das schäumende Wasser. Die Ritter ermahnten die Prinzessinnen sich gut festzuhalten und folgten beherzt ihrem Führer. Hoch schlugen die Wogen, die Strömung trieb sie weit flussabwärts, und die Gischt durchnäßte sie bis auf die Haut, doch glücklich erreichten sie alle das andere Ufer. Auf schwer zugängigen und einsamen Pfaden, durch wilde Schluchten und über hohe Pässe führte der Renegat seine Schützlinge aus dem Maurenreich, und nach schweren Strapazen erreichten sie endlich Cordoba, die schönste Stadt am Guadalquivit. Dort gab es helle Freude, und die Heimkehr der tapferen Ritter wurde festlich begangen und gefeiert, denn sie gehörten zu den ersten Familien des kastilischen Reichs. Die Prinzessinnen wurden sofort getauft, und in den Schoß der Kirche aufgenommen, sie heirateten in wenigen Tagen, im prächtigen Dom ihrer neuen Heimatstadt ihrer Ritter und Retter. 

 

In unserer Eile, um die Flucht der Infantinnen quer durch den Strom und über Berg und Tal durchs Gebirge hinauf zu einem glücklichen Ende zu führen, haben wir die kluge Kadiga ganz vergessen, denn auch ihr Schicksal ist erwähnenswert. Sie hatte sich beim wilden Ritt über die Vega wie eine Katze an Hussein Baba geklammert, schrie bei jedem Sprung laut auf, entlockte dem bärtigen Renegaten manchen Fluch, saß aber fest auf der Kruppe hinterm Sattel. Doch als der Reiter ins reißende Wasser setzt, da kannte ihre Angst keine Grenzen mehr. „Umklammere mich nicht so fest“, schrie der Renegat, „fasse mit beiden Händen meinen Gürtel und fürchte nichts.“ Sie tat wie ihr geheißen und hielt sich an dem breiten Leibriemen Husseins fest. Als aber dieser nach dem Höllenritt endlich mit den Rittern auf der Passhöhe anhielt, um Atem zu schöpfen, da war die Duena nicht mehr zu sehen.

„Was ist aus Kadiga geworden?“ riefen voll Schrecken die Prinzessinnen. „Allah allein weiß es!“ erwiderte der Renegat. „Es war ein reines Unglück! Als wir mitten im Fluß waren, löste sich mein Gürtel und Kadiga wurde mit ihm stromwärts gerissen. Allahs Wille geschehe! Aber es war ein schöner, golddurchwirkter Gürtel von großem Wert. 

 

Die Reiter hatten natürlich keine Zeit zu langen Klagen und mußten weiter, und die Prinzessinnen beweinten bitterlich den Verlust ihrer treuen Ratgeberin. Jene Frau aber verlor nur die Hälfte von den neun Leben, die sie, einer Wildkatze gleich, besaß. Ein Fischer zog sie nämlich weiter unten ans Ufer und dürfte über den seltsamen Fisch im Netzt wohl gestaunt haben. Was dann aus der klugen Kadiga wurde, darüber schweigt die Geschichte. Doch so viel ist sicher, daß sie ihre Klugheit abermals unter Beweis gestellt hat und sich niemals mehr in den Machtbereich Mohammeds des Linkshänders wagte. Auch wissen wir nicht, was der scharfsinnige König tat, als ihm die Flucht seiner Töchter gemeldet wurde. Es war, wie gesagt, das erste Mal, daß er fremden Rat gesucht hatte. Und wie schnöde war er hintergangen worden! Nie hörte man wieder, daß er sich eine ähnliche Blöße gegeben hätte. 

 

Seine jüngste Tochter, die ihm treu geblieben war, ließ er aufs strengste bewachen, und man glaubt, sie habe es bitter bereut, damals nicht mit ihren beiden Schwestern geflohen zu sein. Dann und wann sah man sie auf den Zinnen des Turmes; müde lehnte sie an der Brüstung und schaute traurig zu den Bergen hinüber, hinter denen Cordoba lag. Klagend sang sie zur Laute herzzerbrechende Lieder und beweinte den Verlust ihrer Schwestern und des geliebten Mannes. Jung beschloß sie ihr einsamens Leben und wurde, so erzählt man sich, in einem Gewölbe unterm Turm begraben. Viele Sagen erzählen uns von ihr und ihrem frühen Tod.

 

Märchen und Sagen aus Spanien

 

DER ZAUBERER PALERMO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun lieber Herr, also:

Es war einmal eine Königin, die hatte einen Sohn, der war sehr leichtsinnig und verspielte alles, was er hatte. Eines Tage spielte er sogar um seine Juwelen und Besitzungen und verlor alles. Da zog er ganz verzweifelt in die Welt hinaus. Er hatte sagen hören, daß der Zauberer Palermo unglaublich reich sei und alles könne, was er wolle, weil er ja ein Zauberer war. Der Prinz, der nichts wußte, was er sonst anfangen sollte, beschloß, ihn auf gut Glück zu suchen, denn er konnte nichts herausbekommen, wo er wohnte.

 

Und eines Tages, als er es am wenigsten erwartete, stand der Zauberer plötzlich vor ihm: „Ich weiß, daß du mich hier suchst“, sagte der Zauberer, „was willst du von mir?“ „Ich suche Euch, denn ich habe alles verspielt, was ich besaß, und ich möchte, daß Ihr mir helft, es wiederzuerlangen.“ „Gut; ich will dir einen Beutel geben, damit wirst du stets beim Spiel gewinnen; doch gebe ich ihn dir nur, wenn du mir an einem Tag in diesem Jahr alles in meinem Hause, das jenseits des Meeres liegt, bezahlst und eine meiner Töchter heiratest.“ „Abgemacht“, sagte der Prinz, „das will ich tun.“

 

Er nahm den Beutel, begann zu spielen und bekam nicht nur das Verlorene zurück, sondern gewann stets soviel, daß keiner mit ihm spielen mochte. Das Jahr verstrich, und da er sein Versprechen einlösen wollte, machte er sich auf die Suche nach dem Zauberer Palermo. Er brach auf und zog weiter und immer weiter, bis er an ein Schloß kam.

 

Eine Alte kam heraus und er fragte sie, ob sie wisse, wo das Schloß des Zauberers Palermo sei. „In meinem ganzen Leben habe ich diesen Namen noch nicht gehört“, sagte die Alte, „doch wartet ein Weilchen, denn dies ist das Schloß der kleinen Vögel, und vielleicht weiß einer von ihnen, wo es liegt.“ Er blieb die Nacht über dort, und immer, wenn einige Vögel zurückkamen, fragte die Alte sie, ob sie wüßten, wo der Zauberer Palermo wohne; doch keiner konnte es ihr richtig sage. „Nun, Ihr hört ja“, sagte die Alte, „keiner weiß es. Geht ins Schloß der großen Vögel, die haben den Zauberer vielleicht gesehen, da sie doch weiter fliegen als die kleinen.“

 

Der Prinz brach auf und schritt rüstig voran, immer weiter und immer weiter, bis er schließlich wieder ein Schloß erreichte, daß den großen Vögeln gehörte. Als er ankam, erschien eine Alte und fragte ihn, womit sie ihm zu Diensten sein könne. „Liebe Frau, ich suche das Schloß des Zauberers Palermo und möchte Euch bitten, mir zu sagen, wenn Ihr es wißt.“ „Das kenne ich nicht“, sagte die Alte, „doch tretet ein; hier schlafen alle großen Vögel und es kann angehen, daß einer von ihnen, das Schloß gesehen hat.“ Die Vögel kamen zurück, um sich auszuruhen, und jeden fragte die Alte nach dem Schloß, doch alle sagten, daß es ihnen nicht bekannt sei.

 

Schließlich erschien der Adler, und die Alte sagte zu ihm: „Hör einmal! Hier ist ein Jüngling angekommen, der sucht das Schloß des Zauberers Palermo und er möchte wissen, ob du, der du stets so große Strecken zurücklegst, es vielleicht ausfindig gemacht hast.“ „Ja“, sagte der Adler, „ich weiß, wo es ist, doch wird es für ihn nicht leicht sein, dahin zu kommen, denn es liegt jenseits des Wassers, und diese Reise kann er nicht machen.“ „Und könntest du ihn nicht dahin bringen?“ „Wenn du es gern willst, werde ich ihn dahin bringen; doch dazu ist es nötig, daß er sein Pferd und einen Hammel tötet, und jedes Mal, wenn ich ihn um etwas zu fressen bitte, muß er mir das eine Viertel des Hammels geben; denn wenn ich unterwegs schwach werde, fallen wir beide ins Meer, und da der Weg sehr weit ist, so weiß ich nicht, ob ich mit meinen Kräften ausreiche. Wenn er damit einverstanden ist, soll er morgen früh reisefertig sein.“

 

Die Alte erzählte dem Prinzen, was der Adler gesagt hatte, und da er unbedingt ins Schloß des Zauberers wollte, tötete er sein Pferd und einen Hammel und machte sich reisefertig. Sobald es zu dämmern begann, belud er den Adler mit dem Pferd und dem Hammel und bestieg ihn dann selbst; der Adler schwang sich empor und begann loszufliegen, doch ging es zuerst recht langsam wegen des schweren Gewichtes, das er trug. Als sie eine Zeitlang geflogen waren, krächzte er und drehte den Schnabel zur Seite, und der Prinz gab ihm das eine Viertel des Pferdes.

 

Nach einiger Zeit mußte er ihm noch eines geben, und so warf er ihm nacheinander die anderen beiden Viertel des Pferdes und die vier Viertel des Hammels zu, doch immer noch sah man nichts von dem Wasser. Schon war das Fleisch ausgegangen, als der Adler wieder krächzte; da sage er zu ihm: „Pick von meinem Oberschenkel, denn ich habe kein Fleisch mehr.“ Da sah man in der Ferne Land, und obwohl der Adler sich sehr schwach fühlte, raffte er noch einmal seine Kräfte zusammen, überflog das Meer, setzte ihn an Land und sagte zu ihm: „Hätten wir noch etwas länger gebraucht, wären wir ins Wasser gefallen, denn ich war schon am Ende meiner Kräfte. Siehst du dort das Gebäude in der Ferne? Das ist das Schloß, das du suchst; solltest du dich in irgendeiner Verlegenheit befinden, so sage nur: „Adler beschütze mich!", dann komme ich dir zu Hilfe.“ Damit stieg der Adler in die Lüfte und verschwand.

 

Der Prinz ging in das Schloß; kaum war er eingetreten, da kam ihm schon der Zauberer entgegen. „Ich bin gekommen, um Euch den Beutel zu bezahlen, den Ihr mir gegeben habt, damit Ihr seht, daß ich mein Wort halte“, sagte der Prinz. „Gut“, antwortete der Zauberer, „auch mir gefällt es, mein Versprechen zu halten; ich habe eine meiner Töchter zur Heirat angeboten, doch vorher mußt du einige Proben bestehen, die ich dir stelle. Tritt an dies Fenster. Was siehst du dort?“ „Himmel, Wasser und ödes Land.“ „Nun gut; du musst in vierundzwanzig Stunden das Land dort roden, die Erde pflügen, Saat streuen und mir von dem Weizen, den du erntest ein warmes Brötchen zu meiner Tasse Schokolade bringen.“

 

„Ja, aber wie soll ich das alles in vierundzwanzig Stunden machen?“ „Ich gebe dir keine Minute mehr. Wenn du es bis morgen nicht vollbracht hast, gehört dein Leben mir.“ „Jetzt sind wir ja wirklich schön dran!“ sprach der Prinz bei sich; und er ging auf das Feld hinaus und sagte: „Adler, beschütze mich.“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da stand ein wunderschönes Mädchen vor ihm, das sagte: „Ich bin die jüngste Tochter des Zauberers Palermo und bin gekommen, das Wort zu halten, das der Adler, der in meinem Dienst steht, dir gab. Mein Vater nimmt an, dass du mich von seinen drei Töchtern zur Frau wählen wirst; und da er nicht will, dass ich fortgehe, versucht er, dir Schwierigkeiten in den Weg zu legen, damit du ihn von seinem Versprechen entbindest, wenn du sie nicht überwinden kannst. Doch hab keine Angst, ich werde dir stets zu Hilfe kommen. Was hat er denn heute von dir gefordert?“

 

„Er will, daß ich innerhalb von vierundzwanzig Stunden das Ödland pflüge, Saat streue und ihm daraus ein warmes Brötchen zu seiner Tasse Schokolade beschaffe.“ „Gut; mach dir darüber keine Gedanken. Leg dich schlafen; ich werde dafür sorgen, dass alles so geschieht.“ Und so geschah es auch; er legte sich zu Bett, und als er am nächsten Morgen aufstand, war das ganze Land in ein Stoppelfeld verwandelt, und er sah die Tochter des Zauberers kommen, die ihm in einem kleinen Tuch ein warmes Brötchen gab. „Nimm, bring das Brötchen meinem Vater, doch habt acht und sage nichts davon, daß ich dir geholfen habe.“

 

Der Prinz nahm das Brötchen und brachte es dem Zauberer. Der ging sogleich ans Fenster, um hinauszuschauen; als er das Stoppelfeld erblickte, fragte er ihn, wie er das nur zuwege gebracht habe. „Das ist für mich ein leichtes“, sagte der Prinz. „Nun gut; jetzt mußt du eine weitere Probe bestehen.“ Und er führte ihn in den Stall und zeigte ihm ein sehr schönes Pferd, das da stand. Dann sagte er: „Du mußt dieses Pferd zähmen; doch ich mache dich darauf aufmerksam, daß es sehr wild ist und die geringste Unachtsamkeit dich das Leben kosten kann.“

Der Prinz sagte gut, er wolle das machen; dann ging er hinaus aufs Feld und rief den Adler, und wieder erschien die Tochter des Zauberers. „Was willst du von mir?“ „Dein Vater hat mir befohlen, ein Pferd zu zähmen, das er in seinem Stall hat, und er hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß es sehr wild ist.“ „Gut, nun hör genau zu: hole morgen das Pferd, das dann schon gezäumt sein wird, aus dem Stall, doch steige nicht auf; führ es aufs Feld und nimm einen starken Stock mit, der nicht entzwei bricht. Denk daran, daß das Pferd mein Vater ist, der Sattel meine Mutter, die Steigbügel meine Schwestern und die Zügel ich. Sobald du dann draußen auf dem Feld bist, beginn auf das Pferd, den Sattel und die Bügel loszuhauen, doch schlag nicht auf die Zügel, denn dann schlägst du mich.“

Und wirklich, so wie sie ihm gesagt hatte, tat er. Am nächsten Morgen führte er das Pferd aufs Feld, und mit einer Peitsche, die er vorsichtshalber gleich mitgenommen hatte, verabreichte er dem Pferd derartige Hiebe, daß ihm die Knochen krachten. Das Pferd bäumte sich auf, doch er schlug und schlug auf das Tier los, auf den Sattel und die Bügel, bis das Pferd schließlich zu Kreuze kroch. Dann ging er ins Schloß zurück, und das erste was er tat, war, den Zauberer, seine Frau und seine ältesten Töchter aufzusuchen, die alle vier zu Bett lagen und dicke Verbände trugen. Er fragte sie, was ihnen geschehen sei, und sie antworteten ihm, eine Wand sei eingestürzt und habe sie so zugerichtet.

Es vergingen einige Tage und es ging ihnen wieder besser. Doch der Zauberer war jetzt mißtrauisch, denn er hatte bemerkt, daß seine jüngste Tochter nichts von den Schlägen abbekommen hatte, und er fürchtete, daß sie es war, die dem Prinzen half. „Hör mal“, sagte er zu dem Jüngling, „ich will dich jetzt zum letzten Mal auf die Probe stellen. Vor vielen Jahren fiel meiner Großmutter ein Ring ins Meer, der für mich sehr wertvoll ist, du sollst ihn jetzt rausholen.“ „Gut“, antwortete der Prinz, „ich will ihn jetzt herausholen.“

 

Er ging hinaus aufs Feld und sagte: „Adler, beschütze mich", und zugleich erschien Luise, denn so hieß die jüngste Tochter des Zauberers, und fragte ihn: „Was willst du? Was verlangt mein Vater von dir?“ „Er will, daß ich ihm einen Ring aus dem Meer hole, den seine Großmutter hineinfallen ließ.“ „Das ist schon ein gefährliches Unternehmen, doch wir werden das auch noch schaffen. Aber dazu mußt du mich töten.“ „Dann kann lieber der Ring im Meer bleiben, denn töten tue ich auf keinen Fall.“ „Doch, du mußt mich töten; aber keine Angst, ich komme ins Leben zurück. Du nimmst ein Messer, tötest mich und schneidest meinen Körper in Stücke, legst sie zusammen in ein Tuch und wirfst sie ins Meer. Doch paß auf, daß nichts auf die Erde fällt, denn das fehlt meinem Körper nachher.“

 

Der Prinz konnte es nicht über sich bringen, das zu tun, doch Luise beteuerte ihm so sehr, ihr werde nichts geschehen, daß er schließlich tat, was sie ihm gesagt hatte. Nachdem er sie getötet hatte, schnitt er den Körper in Stücke und warf sie ins Meer, doch blieb am Tuch ein Stückchen Fleisch kleben, das auf den Boden fiel.

 

Nach einiger Zeit begann das Wasser zu schäumen, und gleich darauf kam Luise mit dem Ring hervor, den sie dem Prinzen gab; aber ihr fehlte der kleine Finger. „Siehst du“, sagte sie zu ihm, „du hast nicht genügend achtgegeben, und dafür fehlt mir nun dieser Finger. Wenn mein Vater das sieht, weiß er gleich, daß ich dir geholfen habe.“ Der Prinz ging zum Zauberer und gab ihm den Ring, und als der ihn sah, sprach er bei sich: „Ganz bestimmt steckt Luise dahinter!“ Und als die drei Töchter kamen, beobachtete der Vater sie genau, und als er sah, daß die Jüngste ein Taschentuch um die eine Hand gebunden hatte, fragte er sie, was ihr fehle.

 

„Es ist nichts“, antwortete sie, „ich habe mich geschnitten; aber das ist bald wieder besser.“ Doch der Vater ließ sich nicht täuschen und sprach bei sich: „Ich wußte ja, daß meine Tochter dahintersteckt; doch das soll sie mir büßen.“ Und da er nicht mehr umhin konnte, sein Versprechen zu erfüllen, sagte er zu dem Prinzen: „Du hast alles vollbracht, was ich von dir verlangt habe, jetzt ist es an mir, mein Wort zu halten; du kannst dir nun eine meiner Töchter auswählen; doch mußt du sie dir mit verbundenen Augen wählen.“ Der Jüngling wurde durch diese Laune des Zauberers in große Verlegenheit versetzt, doch als er Luise ansah, die auf die eine Hand wies, an der der Finger fehlte, nahm er den Vorschlag an.

 

Man verband ihm die Augen, und der Zauberer rief seine drei Töchter zu sich. Der Prinz ergriff nacheinander ihre Hände, und als er die von Luise faßte, sagte er, die wolle er heiraten. Dem Vater gefiel das gar nicht, aber er konnte jetzt nicht mehr zurück und mußte sie verheiraten, doch schwor er, daß die beiden es ihm büßen sollten. Am Abend als sie zu Bett gingen, hörten sie die Stimme des Vaters: „Luise, Luise!“ „Ihr wünscht, Vater?“ Und indem sie ihren Mann ansah, sagte sie: „Mein Vater ist wütend auf mich, weil wir ihn besiegt haben, und er hat beschlossen, uns zu töten; deswegen müssen wir an unsere Rettung denken. Geh in den Pferdestall, dort wirst du zwei Pferde finden. Das dickere läuft dreißig Meilen in einer Stunde und das dünnere vierzig. Nimm dieses und gib mir Bescheid, wenn es gesattelt ist.“

 

Der Prinz ging fort; indessen holte Luise ein Gefäß und spie hinein. Als er zurückkam, hörten sie den Vater wieder rufen, und sie antwortete wieder, wie das erste Mal. „Siehst du“, sagte sie zu ihrem Manne, „er wartet darauf, daß ich nicht mehr antworte, um dann herauszukommen und uns zu töten; doch mein Speichel, der hier in dem Gefäß ist, wird statt meiner antworten; bis er ausgetrocknet ist, sind wir schon weit weg.“ Sie stiegen in den Hof hinunter, und als sie das Pferd erblickten, sagte sie: „Mein Gott, Mann! Du hast das falsche Pferd genommen!“ „Wenn du willst, hole ich schnell das andere.“ „Nein, es ist keine Zeit mehr; laß uns so schnell wie möglich eilen.“

 

Sie stiegen auf das Pferd, und wie im Fluge rasten sie dahin. Indessen rief der Vater von Zeit zu Zeit Luise wieder: „Luise, Luise!“ Und der Speichel antwortete: „Ihr wünscht, Vater?“ Doch da der Speichel allmählich trocknete, wurde das Echo von Mal zu Mal schwächer, bis es schließlich ganz aufhörte. Da sagte der Vater: „Jetzt sind sie eingeschlafen; nun sollen sie büßen.“ Er ergriff ein Schwert und schritt geradewegs auf das Bett zu, und als er merkte, daß sie dort nicht lagen, begriff er, daß sie entwischt waren, und ging in den Stall hinunter. Als er das Pferd sah, sagte er: „Noch kann ich sie zu fassen bekommen, denn sie haben das Vierzigmeilenpferd hier gelassen.“

 

Er stieg aufs Pferd und raste hinter ihnen her, und obwohl sie ihm ein gutes Stück voraus waren, dauerte es doch nicht lange, bis sie ihn kommen sahen, denn sein Pferd legte ja zehn Meilen mehr die Stunde zurück. „Wir sind verloren“, sagte Luise, „denn mein Vater folgt uns auf dem Fuße, aber ich weiß schon, wie wir ihm entkommen können. Sobald mein Vater hier ist, verwandle ich das Pferd in einen Garten, dich in den Gärtner und mich in einen Kopfsalat; wenn er dich etwas fragt, stell dich taub!“ Und wirklich, so wie sie es sagte, geschah es auch.

Der Vater kam an, und als der den Gärtner sah, fragte er ihn: „Lieber Mann, habt Ihr hier einen Mann und eine Frau auf einem Pferd vorbeikommen sehen?“ „Ich habe nur diesen Salat, aber der ist gut.“ „Davon rede ich doch nicht, ich möchte wissen, ob hier zwei junge Leute zu Pferd vorbeigekommen sind.“ „Dieses Jahr gibt es wenig; aber nächstes Jahr wird es mehr geben.“ „Der Teufel soll dich holen!“ sagte der Zauberer und kehrte in sein Schloß zurück, wo er seiner Frau erzählte, was er erlebt hatte. „Du bist ein Dummkopf“, sagte seine Frau zu ihm, „sie haben dich getäuscht, denn der Garten, der Gärtner und der Kopfsalat sind sie selber gewesen.“

 

Der Vater eilte davon, doch fand er jetzt den Garten nicht mehr, denn als er umgekehrt war, hatten die beiden sofort ihren Weg fortgesetzt. Aber bald war er ihnen wieder ganz dicht auf den Fersen; da sagte Luise: „Da kommt mein Vater schon wieder. Das Pferd soll sich in eine Einsiedelei, du dich in einen Einsiedler und ich mich in das Heiligenbild verwandeln!“ Sofort verwandelte sich alles, wie sie gesagt hatte, und als der Vater ankam, sagte er: „Einsiedler, habt Ihr hier zwei junge Leute vorbeikommen sehen?“ „Öl für die Lampe! Öl für die Lampe!“ Davon red' ich doch gar nicht, sondern ob Ihr hier zwei junge Leute habt vorbeikommen sehen?“ „Bald ist es ausgebrannt!" Bald ist es ausgebrannt!“ Der Zauberer schickte alle Tauben zum Teufel und kehrte fluchend heim.

 

Als die Mutter die Geschichte hörte, sagte sie: „Der Einsiedler war er und sie das Bild; lauf noch einmal hinunter, und bring diesmal mit, was du auch findest, denn immer werden sie es sein.“ Der Zauberer eilte also wieder wütend auf und davon und schwor, sie nicht noch einmal entwischen zu lassen. Schon war er ihnen ganz nahe, als Luise schnell ein Ei herausholte und es auf die Erde warf. Es verwandelte sich sofort in ein Meer, daß die beiden von ihrem Vater trennte. Als der Zauberer sah, daß er sie nicht einholen konnte, sagte er zu dem Jüngling: „Wenn dich ein Hund berührt oder dich eine Frau umarmt, so mögest du Luise vergessen, das gebe Gott!“ Und er kehrte in sein Schloß zurück.

 

Sie setzten indessen ihren Weg fort und kamen in sein Land; doch bevor sie seine Heimatstadt erreichten, sagte der Prinz zu ihr: „Warte hier auf mich, ich hole die Droschken und alles, was sonst noch nötig ist, damit du in die Stadt einziehen kannst, wie es sich für uns gehört.“ „Ich möchte mich nicht von dir trennen, denn du wirst mich vergessen. Denk doch an den Fluch meines Vaters!“ „Hab keine Angst! Ich werde schon aufpassen, daß keiner mich umarmt.“

 

Er ging in das Schloß, und kaum sahen sie ihn, da kamen sie alle entgegen, um ihn zu beglückwünschen und zu umarmen, vor allem seine Mutter; doch alle, die ihn umarmen wollten, wehrte er ab. Er befahl, die Droschken auffahren zu lassen und ein Gefolge zusammenzustellen, um die zu holen, die seine Frau werden sollte. Dann sagte er zu seiner Mutter: „Ich bin sehr müde und möchte mich ein wenig ausruhen, wenn alles fertig ist, soll man mir Bescheid geben.“ Er legte sich hin und schlief ein.

 

Da kam seine Großmutter, und schlafend, wie er da lag, umarmte sie ihn. Als alles vorbereitet war, rief die Königin ihn und sprach: „Das Gefolge und die Droschen sind fertig.“ „Welches Gefolge?“ fragte der Prinz. „Welches? Das Gefolge, das du haben wolltest, um deine Frau zu holen.“ „Ihr träumt; ich will nichts haben und habe auch keine Frau; ich will hier bleiben.“ Die Königin glaubte, ihr Sohn habe den Verstand verloren und wollte sie zum Narren halten; aber da ihn seine Großmutter umarmt hatte, hatte er alles vergessen, gerade so, wie der Zauberer es ihm gewünscht hatte.

 

Indessen wartete die arme Luise vergeblich auf ihn, und als sie merkte, daß er nicht zurückkam, ging sie in die Stadt und verdingte sich als Hausfräulein bei einem sehr reichen Ehepaar. Dieses Ehepaar hatte eine wunderschöne Tochter, in die der Prinz sich verliebte und um deren Hand er anhielt. Der Tag der Hochzeit wurde festgesetzt; da schlug nun Luise ihrer Herrin vor, zur Unterhaltung ein Puppenspiel zu geben mit Puppen, die sie selbst besaß. Die Herrin sagte, es sei gut, und Luise machte sich nun daran und kleidete zwei Puppen an, eine als Frau mit einem Kleid wie ihr eigenes und die andere als Mann mit einem Gewand, wie das war, das der Prinz trug, als er fortging, um Geld zu suchen.

 

Es kam der Hochzeitstag, und als die ganze Gesellschaft zugegen war, ging man in einen Saal, wo ein Puppentheater aufgestellt war, hinter dem sich Luise verborgen hielt. An Drähten zog sie die Puppen auf die Bühne; die eine Puppe trug einen Stock und sagte zu der anderen: „Christoph, weißt du noch, daß du das Schloß des Zauberers Palermo suchtest und dich ein Adler auf seinen Flügeln dahin brachte?“ „Nein“, erwiderte die Puppe, die wie der Prinz gekleidet war, und da bekam sie von der anderen einen Schlag mit dem Stock.

 

Der Prinz zuckte zusammen, denn er fühlte den Hieb, als ob er ihn selbst bekommen habe. Die Puppen fuhren fort: „Christoph, weißt du noch, daß der Zauberer dir befahl, das Ödland zu bebauen und aus dem Weizen ein Brötchen zu seiner Tasse Schokolade zu backen?“ „Nein.“ Wieder ein Schlag. „Weißt du noch, daß du das Pferd zähmen mußtest. „Nein.“ Weißt du noch, daß er dir befahl einen Ring aus dem Meer zu holen?“ „Nein.“ Obwohl der Prinz die Schläge fühlte, sagte er kein Wort, und Luise war schon ganz verzweifelt darüber, daß er sich an nichts mehr erinnerte.

 

Dann sagte wieder: „Weißt du nicht, daß mein Vater, als er uns verfolgte, uns zuletzt verfluchte und er wünschte, du solltest mich vergessen, wenn eine alte Frau dich umarmt?“ Und als die Puppe wieder „Nein“ antwortete, bekam sie einen Schlag, daß sie in tausend Stücke zerbrach. Da fühlte der Prinz einen so heftigen Schmerz, daß er aufsprang, mit der Hand über seine Stirn fuhr, wobei ihm allmählich alles wieder zum Bewußtsein kam. Er fragte seine Braut, wer das Puppenspiel gemacht habe, und als sie antwortetet, es sei ihr Kammermädchen gewesen, ließ er sie zu sich kommen; und als Luise vor ihm stand, erinnerte er sich an alles.

 

Er faßte sie bei der Hand, ging mit ihr zu seiner Mutter und sprach: „Mutter, hat mich irgend jemand umarmt, als ich mich nach Rückkehr von der Reise schlafen legte?“ „Ja“, sagte die Königin, „deine Großmutter hat dich umarmt.“ „Dann hat mich diese Umarmung den Auftrag vergessen lassen, den ich Euch gab, bevor ich mich hinlegte. Hier ist die Frau, die auf mich gewartet hat, nur sie will ich heiraten.“ Dann gingen sie ins Schloß, und er heiratete Luise, und sie wurden sehr glücklich; die andere aber unverhofft ihren Bräutigam los. Das Märchen ist aus, wir gehen nach Haus.

 

Märchen aus Spanien

DIE SAGE VOM PRINZ ACHMED AL KAMEL, DEM LIEBESPILGER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es lebte einmal in Granada auf der Alhambra ein maurischer König, dessen einziger Sohn Achmed hieß. Die Höflinge gaben ihm den Beinamen Al Kamel, der Vollkommene, wegen der unzweifelhaften Beweise und der vielen Anzeichen von Klugheit und Charakterstärke, die sie schon in seiner Kindheit an ihm bemerken konnten. 

 

Die Astrologen bestätigten in ihren Auskünften die Meinung der Hofleute und prophezeiten dem Prinzen für die Zukunft all das, was einen Herrscher vollkommen, glücklich und beliebt machen konnte. Eine einzige Gewitterwolke nur schwebte über ihm, und auch die wäre rosigster Natur, so sagten die sternkundigen Weisen: Er wurde, meinten sie, sich leicht und heftig verlieben, und in Folge dieser zärtlichen Leidenschaft zu Liebeshändeln und galanten Abenteuern in große Gefahr geraten. Wenn er aber bis in sein mannbares Alter allen Lockungen und Zartheiten der Liebe fest widerstünde, dann, so meinten die Astrologen weiter, könnten derartige Gefahren und deren Folgen vermieden werden, und das spätere Leben des Prinzen Thronfolgers werde glücklich verlaufen. 

 

Um alle derartigen Widerwärtigkeiten zu vermeiden, beschloß der König in seiner Weisheit, den Prinzen in einer Umgebung erziehen zu lassen, wo er nie ein weibliches Wesen zu Gesicht bekäme oder auch nur das Wort Liebe hören könnte. Zu diesem Zweck baute er auf dem der Alhambra gegenüberliegenden Berg einen herrlichen Palast, ließ dort die wundervollsten Gärten anlegen und dann herum eine hohe Mauer errichten. In diesem Prunkgebäude wurde der jugendliche Prinz eingeschlossen und der Obhut des Eben Bonabben anvertraut. 

 

Er war ein großer Gelehrter aus Arabien, trocken und uncharmant wie seine Papyrusrollen, der den größten Teil seines Lebens in Ägypten mit dem Studium der Hieroglyphen und dem Erforschen der Pharaonengräber hingebracht hatte. Ein solcher Hauslehrer entsprach natürlich den strengen Wünschen des Königs, denn der Alte zog alte Ägyptologie, Papyrusrollen und Mumien vor. Auf Anordnung der Hofkanzlei sollte der Weise den Prinzen in allen Disziplinen unterrichten und ihm jedes Wissen vermitteln, mit einer einzigen Ausnahme, denn nie durfte er erfahren, fühlen und kennen, was Liebe sei. 

 

Streng sagte der König zu dem Weisen aus dem Morgenland: „Wende zu diesem Zweck jede Vorsichtsregel an, die du für geeignet hältst; allein bedenke, o Eben Bonabben, daß du sonst einen Kopf kürzer gemacht werden wirst, wenn mein Sohn während seiner Studienzeit mit dir etwas von den verbotenen Kenntnisse erfahren würde." Mit trockenem Lächeln antwortete der weise Bonabben auf die Drohung und sprach dann überlegt und jedes Wort betonend: „Möge dein königliches Herz so unbesorgt um deinen Sohn sein, wie es das meinige um meinen Kopf ist. Glaubst du etwa, daß ich etwas von Frauenschönheit verstünde und über die Liebe dozieren könnte?“ 

 

Unter der wachsamen Obhut wuchs der Prinz in der Abgeschiedenheit des Palastes und Einsamkeit der ummauerten Gärten auf. Zur Bedienung hatte er schwarze Sklaven, häßliche Geschöpfe, die bei ihrer Scheußlichkeit nichts von Liebe wussten, oder, wenn es der Fall sein sollte, keine Worte hatten, es anderen mitzuteilen, denn alle waren sie stumm, die einen von Geburt her, die anderen auf Grund eines Eingriffes des königlichen Scharfrichters. 

 

Auf die Heranbildung der geistigen Anlagen des Prinzen verwandte Eben Bonabben besondere Sorgfalt und suchte ihn möglichst bald in die geheimen Weisheiten Ägyptens einzuweihen. Doch in diesem Fach machte der Prinz nur wenig Fortschritte, und bald zeigte es sich, daß er absolut keine Neigung hatte. Aber er war ein auffallend gehorsamer junger Mann. Ließ sich leicht beeinflussen und gab in der Regel seinen guten Ratgerbern recht. Auch war er sehr höflich, unterdrückte das Gähnen und hörte geduldig den langen und gelehrten Ausführungen Eben Bonabbens zu, von denen er gerade so viel verstand, daß er sich mit der Zeit ein etwas allgemeines Wissen aneignen konnte, das für seine zukünftige Herrscherlaufbahn unumgänglich notwendig war. 

 

Achmed erreichte so glücklich das zwanzigste Lebensjahr, ein Wunder prinzlicher Weisheit, allein Ignorant in Sachen Liebe, von deren Existenz er nie gehört hatte. Um diese Zeit änderte sich jedoch merklich das Benehmen des Prinzen. Er vernachlässigte vollständig seine Studien, streifte viel in den Gärten umher oder saß stundenlang am Brunnenbecken und schaute grübelnd ins Wasser.

Früher hatte er manchmal etwas Musik betrieben; doch jetzt nahm sie einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch. Sein Sinn für Dichtkunst und Gesang war erwähnenswert, und den von ihm verfaßten Liedern und Gedichten konnte eine gewisse Poesie nicht abgesprochen werden. Bei all diesen merkwürdigen Anzeichen wurde der weise Bonabben unruhig und bemühte sich, die eitlen Launen mit einem tiefschürfenden Vortrag über Algebra auszutreiben. Aber der Prinz unterbrach ihn voll Unlust und sagte: 

„Ich kann die Algebra nicht ausstehen; sie ist mir verhaßt. Ich will etwas hören, das zum Herzen spricht!“ Der Weise schüttelte bei diesen Worten sein welkes Haupt und dachte bei sich: „Jetzt ist es mit der Philosophie aus! Der Prinz hat entdeckt, daß er ein Herz hat.“ Mit ängstlicher Sorgfalt überwachte er seinen Zögling und sah, wie es in seinem Inneren arbeitete. 

 

Ziellos wandelte Achmed durch die Gärten der schönen Generalife, um dort ein Wesen zu finden, das er beglücken könnte. Wie weltfern träumte er manchmal vor sich hin, dann griff er zur Laute und entlockte ihr die rührendsten Melodien, bis ihn auch das Saitenspiel ermüdete und das herrliche Instrument seinen Händen entfiel, wobei er tief seufzend und laut klagend auf den Boden starrte. Nach und nach nahm aber die Liebe des Prinzen festere und konkrete Formen an. So pflegte er seine Lieblingsblumen mit ganz besonderer Sorgfalt und lag dann wieder träumend im Schatten einer schlanken Pinie, der seine spezielle Zuneigung galt; in ihre Rinde schnitt er Namen und astrologische Schriftzeichen, hing Blumengewinde in ihr Gezweig und besang des Baumes Schönheit in zarten Versen, während er dazu die Laute schlug. 

 

Eben Bonabben beruhigte natürlich dieses exaltierte Benehmen seines Zöglings wenig, den er gleichsam schon vor der verschlossenen Pforte sah, die zu jenem Wissen führte, das ihm sein Vater vorenthalten wollte. Das unscheinbarste Ereignis konnte diese Tür weit öffnen, der leiseste Wink ihm das verhängnisvolle Geheimnis kundtun. Um das Wohl des Prinzen besorgt und um die Sicherheit des eigenen Kopfes zitternd, beschloß er schnell zu handeln, denn nur so konnte das Schlimmmste vermieden werden. 

 

Der lammfromme Jüngling mußte im Schloßturm seine Wohnung aufschlagen, und scharfe Wachen unterbanden seine, die Nerven aufreizenden Spaziergänge durch den weiten Garten mit seinen verführerischen Rondellen, Laubengängen und Brunnenanlagen. Die neuen Gemächer lagen im höchsten Stockwerk des Bergfrieds, waren mit ausgezeichnetem Geschmack eingerichtet, und von den Balkonen genoß man eine herrliche Rundsicht über die Vega. Allerdings bis zu diesen Wohnräumen hinauf drang kein süßer Duft von Blumen und Blüten, kein Rauschen der springenden Wasser und auch nicht das Summen der Honig suchenden Bienen, nichts von all dem, was in Achmeds Gemüt Veränderungen herbeigeführt und in ihm bisher unbekannte Gefühle plötzlich hatte aufkommen lassen. 

 

Doch war es notwendig, ihm diesem Zwang auszusöhnen und dafür zu sorgen, daß er anderweitige Abänderungen, Ablenkungen fand. Das schien allerdings anfänglich schwierig, denn der weise Lehrer hatte bereits alle seine Kenntnisse zerstreuender Art erschöpft, und über Algebra, Physik, Astronomie und Heilkunde durfte man mit dem jungen Mann ja nicht mehr sprechen. Aber auch hier fand Eben Bonabben einen Ausweg. Glücklicherweise verstand er die Sprache der Vögel; während seines Aufenthaltes in Ägypten lehrte sie ihn ein jüdischer Rabbinner, der seine Kenntnisse in gerader Linie bis auf Salomon den Weisen zurückführte, welcher bekanntlich bei der Königin von Saba darin unterrichtet war. 

 

Schon bei der Erwähnung eines solchen Studiums funkelten dem Prinzen vor Erregung die Augen, und er arbeitete mit solchem Eifer, daß er in kürzester Zeit diese Kunst ebenso beherrschte wie sein Lehrer. Von nun an war für ihn der Turm des Generalife kein gar so einsames Gefängnis mehr; er hatte einige Gefährten, mit denen er reden konnte und die ihm allerhand Neuigkeiten brachten und erzählten. So machte er zu allererst die Bekanntschaft mit einem Habicht, der in einer Mauerspalte auf der hohen Turmzinne sein Nest gebaut hatte, von wo aus er weit und breit herumstreifte und die Gegend nach Beute absuchte. 

 

Der Prinz indessen fand eigentlich wenig Gefallen an dem gefederten Strauchritter. Er war ein simpler Pirat der Lüfte, ein großsprecherischer Prahlhans, dessen Geschwätz sich nur um Raub, Totschlag und mörderische Greueltaten drehte. Darauf lernte er eine Eule kennen; das war ein sehr weise aussehender Vogel, mit einem riesigen Kopf und starr glotzenden Augen, der tagsüber in einem Mauerloch vor sich hinblinzelte und nur während der Nacht ausflog. Viel bildete sich der Uhu auf seine tiefschürfende Weisheit ein, hielt Vorträge über Astrologie, sprach von Mond und Sternen und gab gelegentlich auch Aufklärungen, die ganz geheimes Fachwissen betrafen. Doch er redete auch über Metaphysik und der Prinz fand, daß die diesbezüglichen Vorlesungen noch viel langweiliger waren als die unausstehlichen Belehrungen des Eben Bonabben. 

 

Dann war da noch die Fledermaus da, die den ganzen Tag an ihren Beinen in einer der dunkelsten Ecken des Gewölbes hing und erst in der Dämmerung aufwachte, um schrill aufpfeifend durch Hallen und Gärten zu flattern. Es war ein merkwürdiges Tier; es hatte von allen Dingen nur ganz verschwommene Ideen, und mit zwielichtigem Verständnis spottete es über Sachen und Gedanken, von denen es kaum gehört hatte. Auch war der Flatterer sehr mürrisch und schien an nichts Gefallen zu finden. 

 

Zu diesem Genossen stellte sich auch noch eine Schwalbe ein, die anfangs dem Prinzen wirklich sehr gut gefiel, denn sie war eine nette Gesellschafterin und zerstreute den einsamen Jüngling mit ihrem Gezwitscher. Doch war sie ruhelos, und geschäftig flog sie von einem Ort zum anderen; immer unterwegs, blieb sie selten genug auf einem Fleck, um ein ordentliches Gespräch führen zu können. Es erwies sich, daß sie eine ganz gewöhnliche Schwätzerin und Klatschbase war, die über alles Bescheid zu wissen meinte und doch nichts wußte. 

 

Dies waren die gefiederten Freunde, die Achmed hatte. Der Turm war viel zu hoch, als daß andere Vögel ihn hätte erreichen können. Bald wurde der arme Prinz seiner gefiederten Bekannten überdrüssig, deren Unterhaltung weder seinen Verstand und schon gar nicht sein Herz ansprachen. Wieder saß er verlassen und trübsinnig in seinem einsamen Turmzimmer und starrte traurig vor sich hin.

 

So verging der kalte Winter, und der Frühling hielt seinen Einzug mit all den Bäumen und Blüten, dem saftigen Grün und den lieblichen Düften, die diese Jahreszeit auszeichnen. Die Natur erwachte aus ihrem Winterschlaf; alles begann zu sprießen und zu wachsen. Die Zeit war da, wo die Vögel sich paarten und ihre Nester bauten. In den Hainen und Gärten des Generalife hörte man ein Singen und Raunen, das bis ins einsame Turmzimmer zum gefangenen Prinzen hinaufklang; von allen Seiten erschollen Lieder, ein Fragen und Werben mit dem gleichen Thema Liebe-Liebe-Liebe...ausklang. 

 

Schweigend und verwirrt horchte Achmed erstaut auf und fragte sich verwundert: „Was mag wohl diese Liebe sein, von der die ganze Welt so voll ist? Was kann dieses Ding nur bedeuten, von der ich noch niemals gehört habe?“ Er wandte sich also an seinen Freund, den Habicht, und bat ihn um Aufklärung. Doch der wilde Vogel antwortete verächtlich: „Du mußt dich schon an die gewöhnlichen Vögel wenden, die in Gärten und Wäldern friedlich ihr Dasein fristen und dazu da sind, uns den Fürsten der Lüfte, als Jagdbeute zu dienen. Mein Handwerk ist der Krieg und Kämpfen meine Freude. Ich bin ein harter Mann und weiß nichts von Dingen, die man Liebe nennt.“ 

 

Mit Abscheu wandte sich der junge Prinz vom wilden Habicht ab und suchte die philosophierende Eule an ihrem Zufluchtsort auf. Das ist ein Vogel von friedlichen Sitten und Bräuchen, sagte er sich, und wird sicherlich imstande sein, meine Frage zu beantworten. So bat er denn die Eule, ihm zu sagen, was es mit der Liebe für eine Bewandtnis habe, von der alle Vögel unten in den Wäldchen und Gärten sängen. 

 

Als der Uhu diese Frage hörte, schaute er würdevoll auf und sagte mit beleidigender Stimme: „Ich bin Forscher und verbringe die Nächte mit klugen und klaren Studien, und während des Tages denke ich über das nach, was ich gelernt habe und was mir gelehrt wurde. Die Singvögel von denen du sprichst, sind für mich nicht vorhanden; ich höre sie nicht und verachte ihre dummen Lieder. Allah sei gepriesen! Ich kann nicht singen, aber ich bin Philosoph und Astronom, der von den Dingen da, die man Liebe nennt, nichts weiß.“ 

 

Verwirrt begab sich Achmed ins Gewölbe, wo seine Freundin, die Fledermaus, wie gewöhnlich mit ihren Füßen kopfabwärts hing und stumm vor sich hinträumte. Er legte auch ihr die für ihn so wichtige Frage vor. Die Fledermaus runzelte ihre Nase und antwortete recht schnippisch: „Warum störst du mich mit dieser blöden Frage in meinem Morgenschlaf? Du solltest wissen, ich fliege nur in der zwielichtigen Dämmerung umher, wenn alle Vögel schlafen und kümmere mich um ihr Treiben nicht. Ich bin weder Vogel noch Säugetier, wofür ich dem Himmel danke. Ich habe sie alle als Schurken kennengelernt und hasse alles, was da fleucht und kreucht. Mit einem Wort: Ich verachte dieses Gesindel und ihre Welt und weiß nichts von den Dingen, die man Liebe nennt.“ 

 

Nun blieb dem Prinz nur noch die Schwalbe, an die er sich wenden konnte. Er suchte sie sogleich auf und traf sie nach längerem Suchen oben auf der Turmspitze, wo er sie sogleich anhielt und ihr sein Herz ausschüttete. Die Schwalbe war gewöhnlich in großer Eile und hatte kaum Zeit zu antworten: „Auf mein Wort“, schnatterte sie gleich los, „ich habe so viele öffentliche Geschäfte zu besorgen und so viel zu tun, daß ich bis heute noch keine Zeit gefunden habe, über dieses Thema nachzudenken. Ich habe jeden Tag tausend Besuche zu machen, mich um tausend Sachen von Wichtigkeit zu kümmern, so daß mir kein Augenblick frei bleibt, mich mit derartig unbedeutendem Firlefanz zu beschäftigen. Ich bin eine freie Weltbürgerin und weiß nichts von dem, was man Liebe nennt.“ Mit diesen Worten schoß die Schwalbe ins Tal hinunter und war im Nu in der Ferne verschwunden. 

 

Der junge Mann war zutiefst enttäuscht, daß keiner seiner Freunde ihm sagen konnte, was Liebe eigentlich sei. Die Schwierigkeiten, etwas darüber zu erfahren, aber stachelten seine Neugier noch mehr an, und er beschloß, der Sache nun auf den Grund zu gehen, koste es, was es wolle. In dieser gefährlichen Gemütsverfassung traf ihn der alte Lehrer auf der Plattform des Turmes an. Der Prinz ging schnell auf ihn zu und rief aufgeregt: „O Eben Bonabben, weisester aller Lehrer, du hast mich viel gelehrt, mir viele irdischen Geheimnisse enthüllt! Es gibt aber einen Gegenstand, von dem ich nichts weiß, dessen Sinn und Form ich nicht kenne. Ich bitte dich, mich darüber aufzuklären, denn ich will erkennen, worum es sich handelt.“ 

 

„Mein Prinz hat nur die Frage zu stellen, und alles was im beschränkten Bereich meiner Kenntnisse ist, steht ihm bedingungslos zur Verfügung.“ „So sage mir denn, du größter aller Weisen, was ist die Natur der Dinge, die man Liebe nennt?“ Eben Bonabben war wie vom Blitz getroffen. Ihm wurde ganz übel zumute, er zitterte, das Blut wich aus seinen Wangen, und es schien ihm, als säße sein Kopf nur mehr ganz lose auf den Schultern. „Wie kommt mein Prinz auf solche Gedanken und zu solcher Frage? Wo mag er wohl so eitle und überflüssige Worte gehört haben?“ Der Prinz führte ihn ans Turmfenster und auf den Balkon hinaus und sagte ernst mit verschleierter Stimme: „Hör einmal hin, o Eben Bonabben!“

 

Und der Weise lauschte mit hellhörigem Ohr. Unten im Gebüsch saß eine Nachtigall und sang ein Liebeslied der Rose zu; aus jedem Wäldchen, von den Beeten, ja aus jedem Blütenzweig stiegen melodienreiche Hymnen auf, und tausendfach hörte man immer wieder: „Liebe! Liebe! Liebe!“ „Allah Akbar! Gott ist groß!“ rief der weise Bonabben aus, „wer könnte sich anmaßen, dieses Geheimnis dem Herzen des Menschen vorenthalten zu wollen, wenn es sogar die Vögel der Luft laut in die Natur hinausschmettern.“ Dann wandte er sich Achmed zu und fuhr fort: 

 

„Junger Mann, verschließe dein Ohr, auf daß du nicht diese verführerischen Töne hörst! Und laß ab, nach dem Sinn und dem Sein von Dingen zu forschen, deren Kenntnisse deinem Geist und deiner Seele nur Unheil bringen werden. Wisse, diese Liebe ist die Ursache allen Übels, oder wenigstens fast aller Übel und der Hälfte aller Wehs, das die sterblichen Menschen dieser armen Welt zwischen den Mühlsteinen zu zermahlen droht. Sie ist es, die Haß und Streit zwischen Brüdern und Freunden zeigt, die den meuchlerischen Mord gebiert und furchtbare Kriege entfacht. Kummer und Sorge, traurige Tage und schlaflose Nächte sind ihr Gefolge. Sie bringt die Schönheit der Jugend zum Welken und vergiftet ihre frohen Stunden, was Übel und Elend und ein vorzeitiges Altern zur Folge hat. Allah bewahre dich, mein Prinz, er möge dich schützen! Dringe nie darauf, das zu wissen, was man Liebe nennt!“ Nach diesen Worten verließ der weise Bonabben eiligst seinen Schüler. Er ließ ihn in größter Verwirrung zurück. 

 

Achmed konnte keine Ruhe finden; vergebens versuchte er, sich alle Gedanken an die Liebe aus dem Kopf zu schlagen, die ihn ständig quälten und seinen Geist erschöpften. Er kam über eitle Vermutungen nicht hinaus und konnte der Sache nicht auf den Grund kommen. „Merkwürdig“, überlegte er, „ich kann aus diesen herrlichen Melodien keinen Kummer heraushören“, als er dem Gesang der Vögel wieder und immer wieder lauschte, „in allem klingt Zärtlichkeit, aus jedem Ton spricht Freude! Wenn die Liebe wirklich die Ursache von so viel Elend und Streit wäre, warum trauern dann diese Vögel schmachtend in der Einsamkeit der Wälder? Warum werden sie nicht zu wilden Faltern und reißen einander in Stücke? Warum flattern diese wunderbaren Geschöpfe fröhlich und zufrieden in den Gärten und Wäldchen herum und spielen miteinander unter Blumen und Blüten, wenn Liebe nur Haß, Zwietracht und Unglück zeugt?“

 

Eines Morgens lag Achmed auf seinem Diwan und dachte angestrengt über diesen noch immer ungeklärten und ihm unerklärlichen Tatbestand nach. Das Fenster seines Zimmers stand offen, um den sanften Morgenwind hereinzulassen, der mit dem feinem Duft aus den Orangengärten im Darrotal heraufkam. Leise hörte man den Sang der Nachtigall, das Zwitschern der Schwalben und Zirpen der Grillen und aus der Ferne her liebliches Saitenspiel. Während nun der Prinz melancholisch diesem zauberhaften Konzert lauschte, weckte ihn lauter Flügelschlag aus seinen Träumen. Eine von einem Habicht verfolgte Taube schoß durchs Fenster ins Zimmer und fiel erschöpft auf den Fußboden, während der um seine Beute gebrachte Verfolger wieder zu seinem Horst in den Bergen zurückflog.

 

Der jugendliche Prinz nahm den schwer keuchenden Vogel auf, strich ihm das Gefieder glatt und drückte ihn liebevoll an seine Brust. Es war ein Täuberich. Als es ihm endlich gelungen war, den schönen Vogel zu beruhigen, setzte er ihn in einen goldenen Bauer und gab ihm eigenhändig den feinsten Weizen und das reinste Wasser zur Atzung. Doch das Tier nahm keine Nahrung zu sich.Traurig und gramvoll saß er auf der Sprosse und seufzte ehrbarmungswürdig. „Was fehlt dir?“ fragte Achmed besorgt. „Hast du nicht alles, was dein Herz begehrt?“ „O nein“, erwiderte der Täuberich, „ich bin von der Gefährtin meines Herzens getrennt, und noch dazu im schönen Frühling, der glücklichsten Jahreszeit der wahren Liebe!“ 

 

„Der Liebe?“ wiederholte Achmed. „Ich bitte dich, liebes Tier, kannst du mir sagen, was Liebe ist?“ „Nur zu gut kann ich das, mein Prinz. Sie ist die Qual bei einem, das Glück bei zweien, sie bringt Streit und Feindschaft bei dreien. Sie ist der Zauber, der zwei Wesen zueinander hinzieht, sie ist bei vorhandener Seelenverwandtschaft vereinigt und ihr Beieinandersein zum Glück, ihr Getrenntsein aber zum Unglück werden läßt. Gibt es kein Wesen, zu dem du in zärtlicher Neigung dich hingezogen fühlst?“ Ich liebe meinen alten Lehrer Eben Bonabben mehr als jedes andere Wesen; aber er redet oft so langweilig, und hin und wieder fühle ich mich ohne seine Gesellschaft weit glücklicher.“ 

 

„Das ist nicht die Seelenverwandtschaft, die ich meine. Ich rede von der Liebe, dem großen Geheimnis und dem schöpferischen Prinzip allen Lebens, für die Jugend ist es ein Rausch und dem Alter ruhige Freude. Blicke hinaus, mein Freund, und sieh, wie zu dieser Jahreszeit die ganze Natur von Liebe erfüllt ist. Jedes lebendige Wesen hat seinen Liebesgenossen; der unscheinbare Vogel singt seiner Liebsten ein Lied, aus dem seine Gefühle sprechen, selbst der Käfer im Staub und Mist, wirbt jetzt um sein Weibchen, und jene Schmetterlinge, die du hoch über dem Turm flattern und in der Luft spielen siehst, sind glücklich in der Liebe. Ach, mein guter Prinz, wie konnten nur so viele Jahre deiner Jugend verstreichen, ohne daß du von der Liebe erfahren hast? Gibt es kein zartes Wesen des anderen Geschlechts, eine schöne Prinzessin, ein liebenswürdiges Burgfräulein, die dein Herz gewonnen und bei dir den Wunsch, von ihnen geliebt zu werden, erweckt hat?“ 

 

„Ich fange an zu verstehen“, sagte der junge Prinz seufzend“, oft habe ich durchaus solche Empfindungen und eine ähnliche Unruhe verspürt, aber ohne deren Ursache zu kennen. Doch wo sollte ich in meiner Einsamkeit und Abgeschlossenheit jenes Wesen suchen, in das ich mich verlieben könnte?“ Lange noch unterhielten sich beide, bis die erste Liebeslektion des Prinzen beendet war. Ernst blickte Achmed, dann murmelte er leise: „Wenn die Liebe wirklich eine solche Wonne ist und man ohne sie nur in seelischem Elend leben kann, so möge Allah verhüten, daß ich ein verliebtes Paar unglücklich mache!“ Rasch öffnete er den Käfig, nahm den Vogel heraus, küsste ihn zärtlich und trug ihn zum Fenster. „Fliege, glücklicher Vogel, genieße die Jugend und freue dich zusammen mit deiner Gefährtin darüber, daß es Frühling ist. Du sollst in diesem traurigen Turm nicht mein Zellengenosse sein, hier, wo die Liebe keinen Zutritt hat.“ 

 

Glücklich breitete die Taube ihre Flügel aus, hob sich mit einem Schwung in die Luft und schoß dann im Sturzflug hinunter zu den blühenden Lauben am Darro. Der Prinz folgte ihm mit den Augen, bis er seinen Blicken entschwand. Nichts machte dem jungen Mann von nun an mehr Freude; nicht das Singen der Vögel, nicht das Zirpen der Grillen und auch nicht der berauschende Blumenduft von Rosen, Nelken und Orangenblüten. All das verstärkte nur seine Bitterkeit. Nach Liebe lechzte sein Herz. Ach, nun verstand er die Melodie, das Lied der Geschöpfe, das von Liebe sprach. Seine Augen sprühten Feuer, als er nach einigen Tagen den weisen Bonabben wieder sah. Voll Zorn rief er ihm zu: 

 

„Warum hast du mich in solcher Unwissenheit aufwachsen lassen? Warum ließest du mich nicht das große Geheimnis des Lebens und das Wunder allen Seins kennen, welches selbst den niedrigsten Insekten bekannt ist. Sieh und hör, die ganze Natur befindet sich in einem Taumel des Entzückens! Jedes Wesen freut sich seines Gefährten. Das ist die Liebe, von der du mir hättest erzählen müssen. Warum versagt man mir allein ihren Genuß? Warum wurde mir all die Jahre, ja selbst heute noch, diese Freude vorenthalten?“ Der weise Bonabben sah ein, daß jede weitere Geheimnistuerei vollkommen nutzlos wäre, daß der Prinz bereits all das wußte, was ihm nicht gelehrt und gesagt werden sollte. Also sprach er zu ihm von der Vorhersagung der Astrologen und den Vorsichtsmaßregeln, die man bei seiner Erziehung getroffen hatte, um das drohende Unheil abzuwenden, das über ihm schwebte. 

 

„Und jetzt mein Sohn“, fügte er hinzu, „liegt mein Weh und Wollen in deinen Händen. Wenn dein königlicher Vater erfährt, daß du trotz meiner Aufsicht und Obhut die Leidenschaft der Liebe kennengelernt hast, so kostet mich das meinen Kopf, denn unser Sultan pflegt Wort zu halten.“ Der Prinz war Eben Bonabben durchaus zugetan, und da er bis jetzt das Feuer der Liebe nur unbewußt spürte, so versprach er, sein neues Wissen für sich zu behalten, um den Kopf des Philosophen nicht zu gefährden.

 

Doch das Schicksal wollte es, daß seine Großmut noch auf harte Proben gestellt werden sollte. Als er einige Tage später frühmorgens auf der Plattform des Bergfrieds auf und ab ging, seinen Gedanken nachhängend, da kam der Tauber wieder geflogen und setzte sich furchtlos auf seine Schulter. Voll Freude liebkoste ihn der Prinz und sagte mit bewegter Stimme: „Glücklicher Vogel, der du wie auf Schwingen der Morgenröte bis ans Ende der Welt fliegen kannst! Wo warst du seit jenem Tag, an dem ich dir die Freiheit schenkte?“ 

 

„In einem fernen Land, mein Prinz, aus dem ich dir zur Belohnung für deine Großmütigkeit eine Nachricht bringe. Einmal sah ich auf meinem weiten Flug über wilde Berge und fruchtbaren Ebenen tief unter mir einen herrlichen Garten voll der schönsten Blumen und Blüten mit Bäumen, deren Äste und Zweige sich unter der Last der wundervollsten Früchte bogen. Er lag in einer grünen Aue, an den Ufern eines Flusses, dessen klare Wasser sich durch die Ebene dahin schlängelten. In der Mitte dieses Paradieses stand ein prächtiges Schloß. Ich flog auf eine Baumgruppe zu, um dort auszuruhen, denn anstrengende Tage lagen hinter mir. 

 

Es war ein schönes Plätzchen; rundherum Blumen in allen Farben des Regenbogens; angenehm riechende Früchte, und unten auf der Rasenbank saß eine junge Prinzessin, die in ihrer Schönheit und Anmut einem Engel glich. Junge Dienerinnen, feengleich wie sie, waren ihre Hofdamen, sie schmückten das Mädchen mit Blumenkränzen. Doch keine der Blumen, selbst die nicht aus den hängenden Gärten der Semiramis, konnten mit dem Königskind an Schönheit wetteifern. Allein die Prinzessin blühte dort, einem Veilchen gleich im Verborgenen, denn der Garten war von hohen Mauern umgeben, und kein Sterblicher durfte eintreten. Als ich dieses schöne Mädchen sah, so jung, so unschuldig; so rein und ohne Makel, da sagte ich mir sofort: 

 

„Das ist ein Wesen, das der Himmel geschaffen hat, damit mein freundlicher Prinz die Liebe kennenlernt.“ Diese Worte fielen wie zündende Funken in das Herz Achmeds, dessen Liebessehnsucht endlich das erwünschte Wesen gefunden hatte. Aufgeregt schrieb er einen leidenschaftlichen Brief an die schöne Prinzessin; in wohlgesetzten Sätzen gestand er ihr seine Liebe und beklagte traurig sein hartes Los. Nur die Gefangenschaft, so stand in dem Brief, hindere ihn daran, sie aufzusuchen und sich ihr zu Füßen zu werfen. Er fügte Verse hinzu, in denen er mit zärtlicher Beredsamkeit seinen Gefühlen Ausdruck gab. Als Aufschrift trug der Brief die Worte: „An die schöne Unbekannte, von dem gefangenen Prinzen Achmed.“ 

Schließlich schüttete er noch Moschus und Rosenöl über das Schreiben und übergab es dann dem Tauber. „Nun, lieber Bote!“ sagte er. „Fliege über Berge und Täler, über Flüsse und Ebenen, Wiesen und Wälder! Raste aber nicht im Gebüsch und Laub der Bäume, setze deine Füße nicht eher auf die Erde, bis du diese Botschaft der Geliebten meines Herzens übergegeben hast.“

 

Der Täuberich schwang sich hoch in die Luft, nahm Richtung und schoß dann davon. Der Prinz folgte ihm mit den Augen, bis nur mehr ein ganz kleiner Punkt am fernen Horizont zu sehen war, der allmählich in der Weite entschwand. Tag um Tag wartete Achmed auf die Rückkehr des Liebesboten; aber vergebens suchte er stundenlang den Himmel nach dem Tauber ab. Schon fing er an, ihn der Vergesslichkeit zu schelten, als der treue Vogel eines Abends gegen Sonnenuntergang in sein Zimmer flatterte, dort auf den Boden fiel und starb. Der Pfeil eines mutwilligen Bogenschützen hat ihm die Brust durchbohrt, und dennoch flog er mit den letzten Lebenskräften weiter bis auf den Turm des Prinzen, der ihn so dringlich erwartet hatte. 

 

Als dieser sich kummervoll über den Märtyrer der Treue beugte, bemerkte er, daß der tote Tauber eine feine Perlenschnur um seinen Hals trug, an der, versteckt unterm Flügel, ein kleines Medaillon hing, auf dem ein wundervolles Emailbildchen zu sehen war. Dieses zeigte eine schöne Prinzessin in der ersten Blüte ihrer Jahre. Ohne Zweifel handelte es sich um die schöne Unbekannte, von der der gute Tauber einst gesprochen hatte. Wie hatte sie seinen Brief aufgenommen, und war das kleine Bildchen wirklich eine Zusage und eine Antwort, ein Zeichen der Genehmigung seiner Leidenschaft? Die tote Taube aber schwieg und blieb für immer stumm, und der feurige Liebhaber sollte auf seine Fragen keine Antwort mehr bekommen. 

 

Er blickte sehnsuchtsvoll auf das Bild, bis seine Augen in Tränen schwammen; dann küßte er es, drückte es an sein Herz und betrachtete es wieder stundenlang mit zärtlicher Leidenschaft. „Schönes Bild“, sagt er, „ach du bist nur ein Bild! Doch deine frischen Augen strahlen mir zärtlich entgegen, deine rosigen Lippen scheinen mich zu ermutigen! Eitle Einbildung, alles ist Phantasie! Lächelten sie einem glücklichen Nebenbuhler nicht ebenso lieblich zu? Mein Gott im Himmel, wo kann ich wohl dieses schöne Mädchen finden, das der Künstler hier malte? Wer weiß, welche Berge und Länder uns trennen. Wer kennt die Gefahren, die uns drohen? Vielleicht drängen sich jetzt, gerade jetzt, Freier um sie, während ich hier im Turm gefangen sitze und meine Zeit mit Seufzen und der Anbetung eines geheimen Schattens verliere!“ 

 

Rasch entschlossen sagte Achmed: „Ich will aus diesem Palast entfliehen, denn er wurde mir zum verhaßten Gefängnis! Und als Pilger der Liebe werde ich durch die ganze Welt ziehen und suchen, bis ich die unbekannte Prinzessin finde und an mein Herz drücken kann.“ Weiter überlegend sagte sich der junge Mann, daß tagsüber, wenn die Diener und Wächter alle aus und ein liefen, eine Flucht wohl schwerlich gelingen dürfte, er also den Einbruch der Nacht abwarten müsse, denn da stünden dann nur ganz wenige Posten auf den Mauern, und selbst die schliefen oft, denn niemand befürchtete einen Ausbruch des lammfrommen Prinzen. Aber wie sollte er auf seiner Flucht in dunkler Nacht den rechten Weg finden? Er kannte doch die Gegend nicht! In dieser unangenehmen Lage fiel ihm die Eule ein, die Rat wissen mußte, denn sie war es gewohnt, bei Nacht herumzustreifen und auf geheimen Pfaden und Wegen auf die Pirsch zu ziehen. Umgehend begab er sich nun in ihre Klause und fragte sie diesbezüglich ihrer Landeskenntnisse aus. 

 

Die Eule setzte eine gewichtige Miene auf und sagte ernst, jedes Wort betonend: „Du mußt wissen, mein Prinz, daß wir Eulen eine weitverzweigte und alte Familie darstellen; es ist richtig, daß wir etwas verarmt und heruntergekommen sind, aber noch immer nennen wir in allen Teilen Spaniens viele hundert verfallene Schlösser und Türme unser eigen. Es gibt kaum eine Bergwacht auf schroffem Fels, keine Festung in den Ebenen, keinen Palast in einer kastilischen Stadt und keine Pfalz auf den Hügeln Andalusiens, in der nicht ein Bruder, ein Oheim oder Vetter wohnte. Oft besuchte ich schon meine lieben Verwandten und kam dabei durch das ganze Land, das ich meinen Wissensdrang genauestens durchforschte. Ich kenne also jeden Winkel, jeden Weg und Steg von nah und fern und auch, den geheimsten Unterschlupf, den Menschen je betreten hatten.“ 

 

Achmed war hocherfreut, in der Eule eine so kundige Beraterin gefunden zu haben und berichtete ihr nun im Vertrauen von seiner zärtlichen Liebe und seinen Fluchtplänen. Auch bat er sie inständig, ihn auf der Reise zu begleiten, da er ihren Rat so notwendig brauche, denn allein käme er in seiner Unerfahrenheit nicht weiter. „Wieso ich!“ schnauzte ihn die Eule unfreundlich an, „glaubst denn du wirklich, daß ich mich mit Liebeshändeln befasse? Ich, deren Zeit, Tun und Lassen ausschließlich der sinnenden Betrachtung, dem Studium und dem Mondkult geweiht ist?“ „Sei nicht böse, höchst ehrwürdige Eule“, war Achmeds Antwort, „opfere mir deine kostbaren Tage, und laß eine Weile die Meditation und den Mond. Hilf mir bei meiner Flucht, und sei mein Führer durchs unbekannte Land. Ich will dich reichlich dafür belohnen, denn alles sollst du haben, was dein Herz wünscht.“ „Ich habe alles, was mein Herz begehrt“, schnarrte der unfreundliche Vogel, „ein paar Mäuse als frugales Mahl, dieses Mauerloch als Wohnung sind reichlich genug für mich, denn ein Philosoph braucht nicht mehr.“

 

„Bedenke, weiseste aller Eulen und Uhus, hier im Verborgenen gehen deine großen Talente und Kenntnisse für die Welt verloren; niemandem nützten sie, und niemand kennt sie. Ich werde eines Tages regierender Fürst sein, und dann kann ich dich auf einen Posten von Rang und Ehren setzen, von wo du mit deinen weisen Entschlüssen das ganze Land beglückend organisieren und seine Bewohner als guter Kanzler führen könntest.“ Wenn auch die Eule ein Philosoph war und sich über die gewöhnlichen Bedürfnisse des Lebens erhaben fühlte, so hatte sie dennoch noch nicht jeden Ehrgeiz verloren, und Minister konnte man schließlich und endlich nicht alle Tage werden. Der kluge Vogel ließ sich nach einigen Versprechungen ohne Mühe dazu bringen, daß er zusagte, den jungen Prinzen auf seiner Liebesfahrt zu begleiten und sein Führer und Ratgeber zu werden. Verliebte pflegen rasch zu handeln und ihre Pläne umgehend zu verwirklichen.

 

Der Königssohn suchte alle seine Juwelen, Goldmünzen und Schmuckstücke zusammen und versteckte das Reisegeld in seinen Kleidern. In derselben Nacht noch ließ er an zugeknüpften Gürteln vom Balkon herunter, lief durch den Garten und sprang ungesehen über die Außenmauer der Generalife. Einmal draußen, übernahm gleich die Eule die Führung, und beide erreichten noch vor Tagesanbruch glücklich das Gebirge, wo sie in Sicherheit waren. Der Prinz und sein Mentor setzten sich nun zusammen und berieten, was weiterhin zu tun sei und welchen Weg man nehmen müßte. 

 

Ernst und gewichtig, wie alle Hofräte hub die Eule allsogleich zu sprechen an: „Wenn ich dir raten darf, so schlage ich vor, daß wir uns nach Sevilla begeben. Du mußt wissen, daß ich vor Jahren mehrmals dort meinen Oheim besuchte, einen Vogel von hoher Würde und großem Ansehen. Er wohnte in einem verfallenen Flügel des Sevillaner Alcazars und empfing nachts seine Besuche, daß ich also gar viele Bekanntschaften machen konnte. Allein oder mit guten Freunden durchstreifte ich dann die Stadt und konnte dabei viel sehen und lernen. Auf meinen nächtlichen Spazierwegen hatte ich auch bemerkt, daß in einem Turm in der Nähe des königlichen Alcazars fast immer eine Ölfunzel brannte, was natürlich meine Neugierde ganz gewaltig erregte. Ich ging der Sache nach, flog zum Turm und ließ mich vorsichtig auf der Zinne nieder. Von dort aus sah ich einen arabischen Zauberer, der beim Schein der rauchenden Lampe emsig arbeitete und wissenschaftliche Versuche machte.

 

Vor, neben und hinter ihm lagen stoßweise Bücher und gelbe Pergamentrollen, und auf seinen Schultern saß ein alter Rabe, der vertrauteste Freund, den er seinerzeit aus Ägypten mitgebracht hatte. Mit dem Raben bin ich sehr gut bekannt und verdanke ihm einen großen Teil meiner Kenntnisse. Der Magier selbst ist seitdem gestorben, aber der Rabe selbst lebt noch im gleichen Turmzimmer, denn du weißt ja, daß diese Vögel ein wunderbar langes Leben haben. Ich möchte dir nun raten, o Prinz, diesen Raben aufzusuchen; er ist ein großer Wahrsager und Beschwörer, ein Astrologe und Fachmann in der schwarzen Kunst, wegen der gemeinhin alle Raben, vorzugsweise aber die aus Ägypten, bekannt und berühmt sind.“ 

 

Dem Prinzen leuchtete der weise Rat ein, und seinem zukünftigen Minister folgend, zogen sie in Richtung Sevilla weiter. Achmed reiste seinem Genossen zuliebe nur des Nachts und ruhte bei Tag in irgendeiner dunklen Höhle oder in einem verfallenen Wachtturm, denn die Eule war mit den Unterkünften und Schlupfwinkeln solcher Art wohlbekannt, und außerdem hatte sie von je her eine wahre Leidenschaft für jede Art von alten Bauten und archäologischen Kunstschätzen. Alles hat einmal sein Ende, und so erreichten auch die beiden Reisenden eines schönen Tages kurz vor Sonnenaufgang die Stadt Sevilla. Die Eule blieb draußen vor den Mauern. Sie verabscheute die Helligkeit und den großen Lärm in den dichtgedrängten Straßen. In einem hohlen Baum bei einer Muhme schlug sie ihr Quartier auf, wo sie von niemandem belästigt wurde.

 

Der Prinz schritt rasch durchs Tor und fand bald den beschriebenen Turm, der sich gleich einer Palme hoch über die Häuser der Stadt erhob. Es war in der Tat derselbe, der heute noch steht und unter dem Namen Giralda als das berühmteste maurische Bauwerk Sevillas bekannt ist. Achmed stieg die Wendeltreppe bis zur Spitze des Turms hinauf und traf dort tatsächlich den zauberkundigen Raben. Es war ein alter Vogel, grauköpfig, mit struppigem Gefieder; auf einem Auge schien er blind zu sein, denn eine weiße Haut deckte es zu, was seinen Anblick gespensterhaft, ja furchterregend machte. Als der Prinz kam, stand er auf einem Bein und starrte einäugig mit zur Seite geneigtem Kopf vor sich hin auf die kabbalistischen Zeichen, die auf den Bodenfliesen zu sehen waren. Leise und ehrerbietig näherte sich ihm der königliche Besucher, mit jener Scheu, die das würdige Aussehen und sein übernatürliches Wissen jedem unwirklich einflößten.

 

„Verzeih mir, o ältester Meister in der Kabbala“, rief er aus, „wenn ich einen Augenblick diese Studien unterbreche, die die gesamte Welt in Bewunderung versetzen. Du hast einen Mann vor dir, der sich der Liebe geweiht hat und dich nun um Rat fragen möchte, wie er ans Ziel, zum Gegenstand seiner Leidenschaft gelangen könne.“ „Mit anderen Worten“, sagte der Rabe, ihn bedeutungsvoll anschielend, „du willst meine Kenntnisse in der Chiromantie erproben. Komm, zeig mir deine Hand, und laß mich die geheimnisvollen Schicksalslinien entziffern.“ „Entschuldige“, versetzte der Prinz, „ich komme nicht um einen Blick in die Zukunft zu tun, auch will ich nicht das wissen, was Allah dem Auge der Sterblichen verborgen hält; ich bin ein Pilger der Liebe und suche den Weg, der mich ans Ziel und zum Gegenstand meiner Irrfahrten führt.“ 

 

„Aber mein guter Junge, wie ist es möglich, daß du im fröhlichen und leichtlebigen Andalusien nicht ein deiner Liebe wertes Leben finden kannst?“ krächzte der alte Rabe und blickte ihn von der Seite her an, „hier im üppigen Sevilla kannst du doch unmöglich in Verlegenheit kommen, hier, wo unter Orangenbäumen auf den Straßen und Gärten glutäugige Mädchen Zainbra tanzen?“ Der Prinz wurde rot vor Verlegenheit und staunte einigermaßen darüber, einen so alten Vogel, der übrigens bereits mit einem Fuß im Grabe stand, locker sprechen zu hören. 

 

„Glaube mir“, sagt er dann ernst, „ich bin auf keines jener leichtfertigen Liebesabenteuer aus, wie du vielleicht vermutest. Die leichtgeschürzten, schwarzäugigien Mädchen Andalusiens, die unter Orangenbäumen an den Ufern der Guadalquivirs tanzen, sind für mich nicht vorhanden, und ich kümmere mich keineswegs um sie. Ich suche eine unbekannte, aber makellose Schönheit, das Mädchen, das zu diesem Bild Modell stand. Ich ersuche dich, höchst mächtiger Rabe, sage mir, wenn du kannst und es dein Wissen erlaubt, wo ich das begehrte Geschöpf suchen muß und finden werde.“ 

 

Der alte Graukopf war wirklich etwas betroffen, als er den Prinzen mit solchem Ernst sprechen hörte. Er erwiderte daher abweisend: „Was weiß ich von Jugend und Schönheit! Ich besuche ja nur Alte und von Krankheiten gezeichnete Wesen; nichts habe ich mit Frische und Schönheit zu tun! Ich bin des Schicksals Bote und krächze von den Schornsteinen herab meine traurigen Weissagungen, die fast immer eine Todesnachricht enthalten, und schlage dann und wann mit meinen Flügeln an die Fenster eines Krankenzimmers, wenn der Sensenmann sich nähert. Du mußt schon anderswo nach deiner unbekannten Schönen forschen, denn ich bin wirklich nicht der Richtige dazu, der dir darüber Nachricht geben könnte.“ „Aber bei wem soll ich suchen, als bei den Söhnen der Weisheit, ich bin ein Prinz königlichem Geblüts, von den Sternen zu geheimnisvollen Unternehmungen auserwählt, von denen die Zukunft und das Schicksal ganzer Länder und Nationen abhängen kann.“ 

 

Als der Rabe merkte, daß die Angelegenheit von Wichtigkeit war und daß deren Verwirklichung von den Sternen abhänge, da änderte er gleich seinen Ton: „Über diese Prinzessin kann ich dir leider keine Auskunft geben, denn in Garten und Lauben, wo Frauen sind, halte ich mich in der Regel nicht auf. Aber ziehe nach Cordoba weiter und gehe dort zur ehrwürdigen Palme des großen Abderrahman, die im Hof der Mezquita steht, und dort wirst du einen Weisen finden, der alle Länder und alle königlichen Residenzen besucht hat und ein Liebling vieler Königinnen und Fürstinnen gewesen ist. Man wird dir dort sicherlich die gewünschte Auskunft geben können.“ „Vielen Dank für diese wertvolle Nachricht“, sagte Achmed, „und lebe wohl, du ehrwürdiger Astrologe.“ Der Prinz eilte aus der Stadt hinaus, holte seinen Reisegenossen, die Eule, ab, die noch immer im hohlen Baum bei ihrer Gevatterin schlummerte, und zog eiligst in Richtung Cordoba weiter. 

 

Sie wanderten das fruchtbare Tal des Guadalquivirs aufwärts, durch duftende Haine, Orangenpflanzungen und Zitronenwälder, und kamen endlich an den hängenden Gärten Cordobas vorbei, die die Umgebung der Stadt zierten. Am stark bewachten Tor trennten sich die beiden Fahrtgenossen; die Eule blieb draußen und flog in ein dunkles Mauerloch unter dem Wachtturm, während der Prinz eilig weiterging, um die Palme zu suchen, die der große Abderrahman vor uralten Zeiten gepflanzt hatte. Leicht war es ihm, sie zu finden, denn sie stand im Vorhof der Hauptmoschee und überrage weit die üppigen Bäume. Derwische und Fakire saßen gruppenweise in den Säulengängen der Patios und erörterten diskutierend und gestikulierend irgendein theologisches Problem. Auch waren viele fromme Gläubige da; sie verrichteten ihre rituellen Waschungen, ehe sie das Gotteshaus betraten. 

 

Am Fuße der Palme drängte sich eine Menge von Menschen und horchte aufmerksam auf die Weise eines Redners, der mit gewandter Geläufigkeit zu sprechen schien. „Dies“, sagte sich der Prinz“, muß der Weise sein, der mir Auskunft über die unbekannte Prinzessin geben soll.“ Achmed mischte sich unter die Leute und bemerkte mit Erstaunen, daß alle einem Papagei zuhörten, der mit seinem hellgrünen Rock, den verschmitzten Äuglein und einem wehenden Federbusch auf dem Kopf den Eindruck eines eitlen und von sich selbst eingenommenen Wesens machte. „Wie kommt es“, sagte der Prinz zu einem der Zuhörer, „daß so viele ernste Personen an dem dummen Geschwätz eines plappernden Vogels Gefallen finden können?“ 

 

„Freund, ihr wisst nicht, von wem und was ihr sprecht!“ antwortete leise der andere, „dieser Papagei ist ein direkter Nachkomme des berühmten persischen Papageis, der wegen seines Erzählertalents auf der ganzen Welt berühmt war. Dieser kluge Vogel hier hat alle Gelehrsamkeit des Morgenlandes auf seiner scharfen Zungenspitze; er ist Philosoph und Dichter, und er spricht in gereimten Versen ebenso schnell wie der klügste Derwisch seine auswendig gelernten Koranzitate. Weit kam er herum! Er besuchte fremde Königshöfe, Universitäten und hohe Schulen, und überall bestaunte ihn jung und alt wegen seiner Gelehrsamkeit. Auch war er der allgemein bekannte Liebling schöner Damen und verbrachte viel Zeit in Kemenaten und Harems, was bei der Vorliebe des schwachen Geschlechtes für dichtende und gebildete Papageien leicht verständlich ist.“ 

 

Hier unterbrach Achmed den Bürger von Cordoba und rief: „Genug, ich will eine private Unterredung mit diesem berühmten Weisen haben.“ Die Audienz wurde ihm gewährt, und der Liebespilger setzte dem weisen und viel gereisten Vogel Ziel und Zweck seiner Wanderschaft auseinander. Doch kaum hatte dieser vom Herzeleid Achmeds gehört, als er auch schon in ein trockenes und lautes Lachen ausbrach, daß ihm die Tränen aus den Augen flossen. „Entschuldige meine Heiterkeit“, sagte der Papagei, schon die bloße Erwähnung des Wortes Liebe bringt mich zum Lachen.“ Der Prinz war von dieser unhöflichen Heiterkeit keineswegs erbaut und sagte etwas verletzt: „Ist die Liebe nicht das große Geheimnis der Natur, das heilige Prinzip des Lebens, das gemeinsame Band, das in zarter Seelenverwandtschaft Mann und Frau sich finden läßt?“ 

 

„Ja, was du nicht alles weißt!“ rief der Papagei, ihn laut unterbrechend, „sag mir doch, woher hast du eigentlich dieses sentimentale Geschwätz? Glaub mir, Liebe ist aus der Mode! In der guten Gesellschaft, bei Leuten von feiner Bildung und Witz wird darüber nicht mehr gesprochen.“ Mit Wehmut dachte Achmed an seine arme Freundin, die gute Taube, und wie die ganz anders von der Liebe gesprochen hatte. Der Prinz fand aber das Verhalten des Papageis verständlich und nahm es ihm nicht übel, denn das lange Hofleben, so dachte er sich, habe den Vogel affektiert und eingebildet gemacht, was ja auch Männern von Ruf zustoßen soll. Keineswegs jedoch wollte er seine innersten Gefühle dem Spott des schwatzenden Papageis nochmals preisgeben. Er kam daher rasch auf den unmittelbaren Zweck seines Besuches zu sprechen. 

 

„Sage mir, hochgebildeter Freund von Königen, Fürsten und Prinzessinnen, der du überall, selbst in die geheimsten Gemächer der adeligen Schönen Zutritt hattest, begegnetest du einmal auf deinen Reisen diesem schönen Mädchen, das hier abgebildet ist?“ Der Papagei nahm das kleine Rundbildchen in seine Krallen, wackelte mit dem Kopf von einer Seite zur anderen und prüfte mit neugierigen Äuglein die Gesichtszüge des Mädchens. „Blitz und Donnerschläge“, rief er, „wirklich ein recht hübsches Gesicht; wirklich schön und zart. Aber ich habe auf meinen Reisen so viele nette Frauenzimmer gesehen, daß ich mich wirklich nicht erinnern kann. Doch halt, wahrhaftig! Wenn ich recht sehe....nun bin ich ganz sicher: Es ist die Prinzessin Aldegunda! Wie konnte ich nur diesen Engel vergessen, bei dem ich in so hoher Gunst stand!“ 

 

"Die Prinzessin Aldegunde“, wiederholte Achmed. „Und wo kann ich sie finden?“ Immer langsam“, antwortete der Papagei, „sie ist nämlich viel leichter zu finden als zu gewinnen. Aldegunde ist die einzige Tochter des christlichen Königs von Toledo. Wegen einer Prophezeiung von Astrologen und Wahrsagern, die sich ja bekanntlich in alle Sachen mischen, auch wenn diese sie selbst nichts angehen, hält man das schöne Mädchen bis zu ihrem siebzehnten Geburtstag von aller Welt abgeschlossen. Du wirst sie nicht bewundern können, denn kein Sterblicher darf sie sehen. Ich wurde seinerzeit eingeführt und zugelassen, um sie zu zerstreuen und zu unterhalten, was mir bei dem guten Kind auch leicht gelang. Auf mein Ehrenwort kann ich dir versichern, daß ich auf der Welt kein hübscheres und liebeswerters Wesen gesehen habe.

 

„Ein Wort im Vertrauen, lieber Papagei“, sagte Achmed, „du mußt wissen, daß ich der Erbe eines großen Königreiches bin und eines Tages auf dem Thron von Granada sitzen werde. Ich sehe, daß du ein kleiner Vogel bist und die Welt kennst. Hilf mir die Prinzessin freien, und du sollst einer meiner höchsten Hofbeamten werden.“ Ernst antwortete der Papagei: „Von Herzen gern, lieber Freund! Was aber die Stellung bei Hof anbelangt, so möchte ich dich bitten, mir eine gute Pfründe ohne Amtsgeschäfte zu geben, denn wir Schöngeister haben einen gewissen Widerwillen gegen Arbeit.“ Bald war alles geordnet, das Anstellungsdekret unterzeichnet, und Prinz und Papagei verließen die Kalifenstadt durch dasselbe Tor, durch das vor Stunden die königliche Hoheit ratsuchend allein hergekommen war. 

 

Draußen vor der Stadtmauer pfiff Achmed die Eule aus dem Mauerloch heraus, machte seine beiden Kronräte miteinander bekannt, und gemeinsam zogen sie dann nach Erledigung einiger Förmlichkeiten gegen Norden und den Bergen zu. Die Fahrt ging allerdings nicht so schnell vonstatten, wie es der Prinz wohl wünschte; er mußte einige Unannehmlichkeiten mit in Kauf nehmen: Da war einmal der verwöhnte und an ein bequemes Leben gewohnte Papagei, der in der Frühe nicht gestört sein wollte. Die Eule ihrerseits wieder hielt eine ausgiebige Siesta und döste bis in den späten Nachmittag hinein; dazu kam noch ihr Fimmel für alte Bauten und archäologische Kunstschätze, die sie alle sehen wollte. Bei jeder Ruine machte sie halt, kroch in allen Mauerlöchern herum, besuchte Basen und Vettern, Uhus und Käuze und erzählte dann gar lange Geschichten von den Burgen und Türmen, von deren einstigen Bewohnern und den Umständen, die ihre Mauern zum Bersten brachten. 

 

Zu all dem kamen noch unangenehme Familienzwistigkeiten: Eule und Papagei vertrugen sich nämlich ganz und gar nicht. Obschon beide Vögel sehr gebildet waren, behagte keinem die Gesellschaft des anderen; den ganzen Tag hindurch stritten sie, kaum daß sie sich irgendwo trafen. Der Papagei war ein Schöngeist, die Eule ein Philosoph. Erster rezitierte Verse, kritisierte die neuesten wissenschaftlichen Arbeiten und Bücher, wobei er mit beißendem Spott, aber ohne Fachwissen, die verschiedensten Disziplinen der Gelehrsamkeit eingehendst behandelte. Für die Eule waren natürlich derartige Kenntnisse ganz und gar bedeutungslos und reiner Unsinn, und sie antwortete mit einem Vortrag über Metaphysik. Dann wieder sang der Papagei mancherlei Lieder, die nicht für jedermanns Ohr waren; er erzählte gute Witze und unterhielt sich auf Kosten seines Reisegenossen. Solches Gehabe verletzte natürlich die Würde der Eule, die sich furchtbar ärgerte, vor Wut fast barst und den weiteren Rest des Tages wie ein Grab schwieg. 

 

Der junge Prinz gab sich ganz seinen Träumen hin und betrachtete stundenlang das Bildnis der schönen Tochter des christliches Königs von Toledo. Er ließ also die beiden Reisegefährten um des Kaisers Bart streiten, mischte sich nicht in ihre langen Diskussionen und sorgte nur dafür, daß nicht zuviel Zeit verlorenging. So kamen sie durch die hohen Bergtäler der Sierra Morena, über die ausgedörrten Ebenen Kastiliens und der Mancha, dann den Tajo entlang, der sich durch halb Spanien und Portugal hindurchwindet. Endlich erblickten sie in der Ferne eine feste Stadt mit starken Mauern und Türmen. Sie erhob sich auf einem felsigen Vorgebirge, das weit ins Tal hinausschaute und an dessen Fuß die Wasser des Tajo wild aufspritzten. 

 

„Seht“, rief die Eule aus, „das berühmte Toledo, bekannt seiner historischen Schätze wegen. Beachtet dort die ehrwürdigen Türme und die hohen Kuppeln; der Staub von Jahrhunderten deckt sie, und reiche Sagen heiligen den Ort, an dem so viele meiner Vorfahren sich dem Studium und der stillen Meditation hingaben und noch hingeben.“ „Still und halt den Schnabel!“ rief unwillig der Papagei und schnitt weitere kunsthistorische Erörterungen kurz ab. „Was kümmern uns die Altertümer, Monumente aus vergangenen Zeiten, Sagen und Geschichten von deinen Vorfahren? Sieh hinüber, dort zur Wohnstätte der Jugend und Schönheit! Das ist es, was wir wollen, denn, o Prinz, hier lebt deine langgesuchte und so heiß ersehnte Prinzessin!“ 

 

Achmed blickte in die vom Papagei angedeutete Richtung und sah in einer herrlichen Au am Ufer des Tajo einen prächtigen Palast, der aus vielen Hunderten von Baumkronen hervorzuwachsen schien. Es war wirklich der Ort, den die Taube ihm beschrieben hatte. Klopfenden Herzens starrte der verliebte Prinz zum Schloß und murmelte leise vor sich hin: „Vielleicht lustwandelt jetzt das schöne Kind unter jenen schattigen Baumgruppen oder schwebt mit leicht beschwingtem Schritt über die kunstvolle Terrasse dort; vielleicht ruht und schlummert sie in einem kühlen Mirador des Palastes. Als der junge Mann allmählich wieder zu sich kam, bemerkte er voll Schreck, daß der Ansitz der Toledaner Königstochter von unübersteiglich hohen Mauern umgeben war und daß die bis an die Zähne bewaffneten Soldaten ununterbrochen die Runde machten, um zu verhinderten, daß jemand sich der Prinzessin nähern konnte.

 

Als der Prinz die Lage erfasst hatte, wandte er sich umgehend an den immer noch den schwätzenden Papagei und sagte zu ihm: "Vollkommenster aller Vögel! Du hast die Gabe der menschlichen Sprache, und durch große Klugheit zeichnest du dich aus! Fliege eiligst in den Schlossgarten, suche die Abgöttin meiner Seele und sag dem schönen Mädchen, daß Prinz Achmed als Pilger der Liebe nun an die blumigen Ufer des Tajos gekommen ist, um sie aufzusuchen und sich ihr zu Füßen zu werfen.“ Stolz auf sein Amt flog der Papagei, allsogleich zum Garten, schwang sich über die hohe Mauer, schwebte wie suchend eine kurze Weile über den Wiesen und Beeten und ließ sich dann rasch auf dem Balkon eines Lusthäuschens nieder, das am Flussufer stand. 

 

Neugierig schaute er durchs Fenster und sah drinnen im Zimmer die Prinzessin auf einem reichen Diwan sitzen, die Augen auf ein Stück Papier geheftet, das ihre Tränen, die langsam über ihre blassen Wangen herunterflossen, netzten. Der Papagei putzte einen Augenblick seine Flügel, zog seinen hellgrünen Rock zurecht, richtete seine Kopfschleife in die Höhe und ließ sich mit höflichem Anstand an ihrer Seite nieder. Im zärtlichsten Ton sagte er dann: „Trockne deine Tränen, schönste aller Prinzessinnen, ich bringe dir Trost und zaubere wieder Lächeln auf deine zarten Lippen.“ 

 

Verständlicherweise erschrak die Prinzessin heftigst, als sie eine Stimme hinter sich hörte. Rasch drehte sie sich um und den grünröckigen Vogel betrachtend, der sich untertänigst verneigte, sagte sie traurig: „Ach, welchen Trost willst du mir schon bringen, du bist ja nur ein Papagei?“ Es verdroß den Papagei solche Rede, aber er schluckte seinen Ärger hinunter und sagte in schnippischem Ton: „Wisse liebes Kind, gar manch schöne Dinge tröstete ich schon in meinem Leben, und mit Erfolg! Doch dies nur nebenbei, denn heute komme ich als Gesandter des königlichen Prinzen Achmed. Der künftige Herrscher von Granada weilt gegenwärtig an den blumenreichen Ufern des Tajo und will dir seine Aufwartung machen.“ 

 

Scharf blitzten die Augen der schönen Prinzessin bei diesen Worten und leuchteten heller als die Diamanten ihrer Krone. „O süßester aller Papageien“, rief sie aus, „herrlich klingen in der Tat deine Nachrichten! Schwach und verzagt war ich, und die Zweifel an Achmeds Treue machten mich krank. Eile zurück und sage ihm, daß die Worte seines Briefes in meinem Herzen gemeißelt stehen und daß seine liebevollen Verse seit Monaten die geistige Nahrung meiner Seele sind, daß nur die Gedanken an ihn mich aufrecht hielten. Trage ihm aber auch auf, daß er sich umgehend rüste, denn mit der Waffe in der Hand wird er im Kampfspiel seine Liebe zu mir unter Beweis stellen müssen. Morgen an meinem siebzehnten Geburtstag veranstaltet mein Vater ein großes Turnier, an dem die besten Klingen und mutigsten Helden in die Schranken treten werden, denn meine Hand soll als Preis dem Sieger gehören.“ 

 

Der Papagei erhob sich, rauschte durchs Gebüsch und flog zum Prinzen zurück, der schon ungeduldig auf eine Antwort wartete. Groß war die Freude Achmeds, als er hörte, daß im Schloße wirklich die Prinzessin, deren Bild er im Medaillon gesehen hatte, wohne und daß sie seiner in sehnsuchtsvoller Liebe gedachte. Laut jubelte er auf, denn sein Traum war Wirklichkeit geworden. In den Freudenbecher fielen allerdings einige Tropfen bitteren Wermuts; denn das nun bevorstehende Kampfspiel machte ihm einige Sorgen, was leicht verständlich ist, wenn man bedenkt, daß er nicht von Kriegern und Rittern erzogen worden war, sondern von einem gelehrten Philosophen. 

 

Schon sah man stahlgepanzerte Ritter den Tajo entlang und in die Stadt hinauf reiten. Hell glänzten ihre Waffen im Sonnenschein, und laut schallten die Trompeten und Posaunen der Schildknappen. Viele edle Herrschaften drängten sich durch die Gassen der alten Gotenstadt, und alles wollte dem Turnier beiwohnen, wo man erstmals die schöne Königstochter zu Gesicht bekommen sollte. Die Vorsehung wollte es, daß das Geschick der beiden jungen Königskinder vom selben Stern gelenkt und beeinflußt wurde. Daher war auch die Prinzessin bis zu ihrem siebzehnten Geburtstag von aller Welt abgeschlossen gewesen, um sie vor den gefährlichen Einflüssen einer vorzeitigen Liebe zu schützen. Dies verhinderte jedoch nicht, daß ihre Schönheit allgemein bekannt wurde und sich bereits mehrere mächtige Prinzen um sie beworben hatten. 

 

Der König aber, ein Mann von außerordentlicher Klugheit wollte sich der Tochter wegen mit niemanden verfeinden; er gab keinem der Freier eine eindeutige Antwort, sondern verwies alle auf ein Kampfspiel und sagte, daß der Sieger die Prinzessin als Ehefrau heimführen könne. Klar, daß sich unter diesen Umständen gar mancher waffengewandte Haudegen unter den Bewerbern befand, dessen Mut bekannt und gefürchtet war. Eine wirklich unangenehme Lage für den unglücklichen Achmed, der weder mit Waffen versehen, noch in ritterlichen Übungen erfahren war. “Oh, ich unglücklichster aller Prinzen“, rief er verzweifelt aus. „Wozu nützen mir nun Algebra und Astronomie und all die anderen Wissenschaften, die mich ein Philosoph in klösterlicher Abgeschiedenheit lehrte? Ach, Eben Bonabben, warum hast du es versäumt, mich in der Führung von Waffen zu unterweisen?“ 

 

Aufmerksam hatte die Eule zugehört, und fromm zum Himmel aufblickend, sagte sie laut dem Prinzen: „Allah akbar! Gott ist groß! Alle geheimen Dinge liegen in seiner Hand. Er allein lenkt das Schicksal von Königen und Fürsten, und kein Vogel fällt ohne seinen Willen vom Baum und aus dem Nest.“ Nach dieser religiösen Einstellung, die seinem Charakter als frommer Mensch entsprach, fuhr der Uhu fort: „Wisse, o Prinz, daß dieses Land voll von Geheimnissen ist, die nur ganz wenige Menschen kennen, weil man dazu in der Kabbala schon sehr bewandert sein muß. Ich bin es, und mir ist alls erschlossen! Merke also gut auf und höre. 

 

In den benachbarten Bergen gibt es eine Höhle. Drinnen befindet sich ein eiserner Tisch, und darauf liegt eine vollständige Zauberrüstung. Auch steht seit Generationen ein verwunschenes Pferd dort, das der Spruch eines Magiers gleichzeitig mit dem Panzerkleid und den Waffen in die Grotte gebannt hatte.“ Der Prinz war außer sich vor Staunen aufgesprungen, während die Eule mit ihren großen Augen blinzelte und die gefiederten Hörner spitzend fortfuhr: „Vor vielen Jahren begleitete ich hier und da meinen Vater auf den Rundreisen durch seine Besitzungen, und wir kamen dabei in die erwähnte Höhle. Mehrmals übernachteten wir dort bei ansässigen Vettern und Basen, so daß ich also bald das Geheimnis kannte. 

 

Als ich noch eine ganz kleine Eule war, erzählte mir auch einmal mein Großvater, daß diese Rüstung und das gewappnete Pferd einem magischen Zauberer gehörten, der nach der Einnahme von Toledo durch die Christen in dieser Höhle Zuflucht suchte, hier starb er, Roß und Waffen hatte er unter einem geheimnisvollen Bann zurückgelassen. Allein ein Maure, sagte mir mein Großvater weiter, könne den Zauber brechen, und das nur von Sonnenaufgang bis zum Mittag; jeder aber, der sich in dieser Zeit der Rüstung bediene, werde seine Gegner besiegen, wer immer sie auch seien.“ „Genug, gehen wir zur Höhle!“ rief Achmed aus. 

 

Von seinem sagenreichen Begleiter geführt, stand der Prinz bald vor der Höhle, wo einst der maurische Magier seine letzte Zufluchtsstätte gefunden hatte. Sie lag in einer der wildesten Bergschluchten hinter Toledo, und den Höhleneingang konnte nur das scharfe Auge einer Eule oder der Späherblick eines Archäologen entdecken. Eine sich nie verzehrende Ölfunzel verbreitete im Innern der Grotte ein feierliches Dämmerlicht, und das Auge Achmeds mußte sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, ehe er die sich darin befindlichen Gegenstände unterscheiden konnte. Auf einem eisernen Tisch in der Mitte der Höhle sah er die erwähnte Zauberrüstung, daneben lehnte eine Lanze, und etwas im Hintergrund stand unbeweglich ein kampfmäßig aufgezäumter Hengst, schön wie ein klassisches Standbild. Die Rüstung, der Harnisch und das Zaumzeug glänzten hell. Als habe sie ein eifriger Knappe erst vor Stunden wieder einmal aufpoliert.

 

Das Roß schien gerade von der Weide gekommen, und als ihm der Prinz die Hand streichelnd auf den Kamm legte, da scharrte es mit den Hufen im Boden und wieherte vor Freude, daß die Wände zitterten. Im Besitz von Roß und Waffen beschloß der granadinische Königssohn, sich im bevorstehenden Turnier zum Kampf zu stellen und um die Hand der schöne Aldegunde zu werben. Der entscheidende Morgen brach endlich an. Die Schranken für den Kampf waren in der Vega gerade unter den Felsmauern Toledos aufgestellt; rund um den Platz hatte man Bühnen und Galerien errichtet, die reichsten Teppichschmuck zeigten. Kunstvolle Baldachine aus reiner Seide spendeten Schatten und schützten die Zuschauer vor der heißen kastilischen Sonne. 

 

Die edelsten und schönsten Damen des Landes waren auf der Tribüne versammelt; besprachen das Tagesereignis und unterhielten sich über die Ritter, die mit Pagen und Knappen stolz den Turnierplatz überquerten; und als die Prinzen erschienen und mit geöffneten Visieren den reichen Damenflor grüßten, da hob ein allgemeines Murmeln an, ein Rätselraten, denn unter diesen Kavalieren mußte ja der künftige Gemahl Aldegundes sein, der im ritterlichen Wettstreit seine Gegner aus dem Sattel zu werfen hatte. Aber all das schien in den Schatten gerückt, als die Prinzessin selbst erschien und auf der Tribüne des Königs, ihres Vaters Platz nahm. 

 

Alles erhob sich ehrerbietigst von den Sitzen, voll Bewunderung schwenkten die Edelmänner ihre Waffen, und Barden stimmten einen Lobgesang an; denn wenn auch der Ruf von der Schönheit des Königskindes über die Mauern ihres Jungfernsitzes bis weit in die fremden Lande gelangen konnte, so übertraf ihre Schönheit doch alle Erwartungen. Kein Wunder also, daß die ritterlichen Bewerber sich im Sattel zurechtsetzten, jeder seine Lanze fester faßte und die Gegner abwägend zu messen schien. Die Prinzessin machte indessen gar keinen fröhlichen Eindruck. Ihre Wangen wurden bald rot, bald blaß, und ihre Augen streiften mit ruhelosem und unbefriedigtem Ausdruck die Reihen stolzer Krieger entlang. 

 

Schon sollten die Trompeten den Beginn der Kampfspiele ankünden, als der Herold die Ankunft eines fremden Ritters meldete, der auch noch am Turnier teilnehmen wollte. Achmed ritt in die Schranken! Alle staunten. Ein mit Edelsteinen besetzter Helm saß fest auf seinem Turban, Panzer, Harnisch und Schienen waren mit Gold ausgelegt, Schwert und Dolch stammten aus den Werkstätten in Fez, und in Scheide, Griff und Korb glänzen kostbare Diamanten. Ein runder Schild hing an seiner Schulter, und in der Hand trug er die zauberkräftige Lanze. Die prächtigen Decken, Schabracke und Schabrunke waren reich gestickt und schleiften über den Boden, während das stolze Roß sich hoch aufbäumte, durch die Nüstern schnaubte und vor Freude laut wieherte, wieder einmal Waffenglanz zu sehen und seinen gepanzerten Ritter in reichem Waffenschmuck mit Krummschwert und Halbmond tragen zu können. 

 

Die stolze Haltung Achmeds fiel allgemein auf, und viele Damen schauten recht huldvoll zu ihm hinunter; und als gar sein Name „Der Liebespilger“ angekündigt wurde, da entstand unter den feurigen Kastilianerinnen geradezu ein Tumult, denn allzu groß war die weibliche Neugier. Doch die Schranken blieben unserem Ritter geschlossen, denn, so sagte man ihm, nur Prinzen königlichen Geblüts dürften kämpfen. Er nannte also seinen vollen Namen, Rang und Herkunft. Aber das war noch viel schlimmer! Er war Mohammedaner und durfte somit nicht an einem Turnier teilnehmen, dessen Preis die Hand einer christlichen Prinzessin war. Die adeligen Bewerber, aus nah und fern, umringten Achmed mit drohenden Mienen, wobei sich einer von herkulischer Gestalt durch sein unverschämtes Benehmen ganz besonders hervortat. Laut verlachte er den jungen Mauren seines zierlichen Körperbaues wegen und spottete über den vulgären Beinamen, der, wie er sagte, eines kriegerischen Ritters unwürdig sei. 

 

Solche Beleidigungen konnte der Prinz natürlich nicht auf sich beruhen lassen. Voll Zorn forderte er den rüden Nebenbuhler zum Zweikampf heraus. Beide nahmen alsogleich Distanz, legten ihre Lanzen an und gingen aufeinander los; voll Wut der Spanier, überlegt und berechnend der Maure. Aber schon bei der ersten Berührung mit der Zauberlanze flog der muskulöse Spötter aus dem Sattel und wälzte sich am Boden. Achmed hätte jetzt gerne innengehalten und seinem Feind versöhnend die Hand gereicht, aber er hatte nicht mit seinem Araberhengst, und mit der dämonischen Waffe gerechnet, die einmal in Tätigkeit, nicht zu zügeln waren, bis kein Gegner sich mehr blicken ließ. 

 

Das wilde Roß stürzte sich ins dichte Gedränge, und die Lanze warf jeden zu Boden, der sich ihr in den Weg stellte. Der sanfte Prinz ritt wie toll auf dem Kampfplatz herum, schlug alles nieder, und bald lagen Ritter und Bauern, Adelige und Bürger, Knappen und Knechte auf dem Rasen und wussten nicht, wie das zugegangen war, während er voll Kummer über seine unfreiwilligen Heldentaten das höllische Roß zu zügeln trachtete. Der König raste voller Wut über die ihm angetane Schmach und um seine Gäste und Untertanen zu rächen, ließ er umgehend seine Leibgarde ausrücken, die den Mauren gefangennehmen und bändigen sollte. Doch in wenigen Sekunden lagen auch diese Ritter besiegt und geschlagen auf dem Boden. Nun griff der König persönlich ein. Er legte seine Staatsgewänder ab, griff nach Schild und Lanze und ritt gewappnet auf den Turnierplatz, denn er wollte dem Ungläubigen schon zeigen, wie man sich am Hof eines christlichen Fürsten zu benehmen habe. Aber auch Seiner Majestät erging es nicht besser als den Höflingen und Untertanen. Roß und Lanze achteten weder Rang noch Namen, und zu Achmeds Verdruß ging sein Hengst den König scharf an, und ehe er noch richtig überlegen konnte, fiel dieser bereits aus dem Sattel, und die Krone rollte in den Staub. 

 

In diesem Augenblick stand die Sonne auf voller Höhe; der magische Bann verlor seine Kraft, und Rüstung, Roß und Speer mußten in die Höhle zurück, wo sie seit vielen Lustren bereits gestanden hat. Der Araberhengst durchflog die Bahn, setzte über die Schranken, sprang in den Tajo, durchschwamm diese wilde Strömung, galoppierte mit dem atemlosen Prinzen, der sich an Kamm und Mähne festhielt, durch die Bergschlucht zur Grotte. Dort stellte er sich neben den eisernen Tisch und wurde wieder unbeweglich wie eine Bildsäule. Herzlich froh stieg Achmed ab, legte die Rüstung auf ihren Platz und lehnte die Lanze an die Wand. Dann setzte er sich wieder auf den Boden und begann zu grübeln und zu seufzen, denn das Zauberzeug hatte ihn in eine wirklich verzweifelte Lage gebracht. Niemals mehr durfte er sich in Toledo zeigen, nachdem er dessen Ritterschaft solche Schmach und dem König und Landesherrn solche Beschimpfung zugefügt hatte. Und was sollte erst die Prinzessin von ihm denken, von seinem rohen und draufgängerischen Benehmen? Voll Angst und Furcht schickte er seine beiden gefiederten Ratgeber auf Kundschaft aus, um ihm dann Nachricht zu bringen, was man in Toledeo von dem Vorfall hielt.

 

Der Papagei trieb sich auf allen öffentlichen Plätzen herum, trat in die besuchtesten Schenken Toledos und war bald wieder mit einem ganzen Sack voll Neuigkeiten beim Prinzen in der Höhle. Ganz Toledo war bestürzt. Die Prinzessin trug man nach dem Vorfall besinnungslos in den Palast; das Kampfspiel hatte ein jähes und unvorhergesehenes Ende genommen, und alles sprach von dem plötzlichen Erscheinen, den wunderbaren Taten und dem seltsamen Verschwinden des mohammedanischen Ritters. Einige aus dem Volke erklärten ihn für einen maurischen Hexenmeister, andere wieder hielten ihn gar für einen Teufel, der menschliche Gestalt angenommen habe, und die Alten schließlich erzählten auf dem Markt und vor den Kirchen Geschichten von verwunschenen Schätzen und gebannten Kriegern, und meinten, daß es einer von diesen sein könnte, der plötzlich aus der Höhle hervorgekommen sei, um die ganze spanische Christenheit zu schrecken. Was man auch immer erzählen mochte, alle stimmten darin überein, daß kein Sterblicher derartige Wundertaten vollbringen und solch brave und wackere Streiter aus dem Sattel heben könne, ohne mit dem Teufel selbst oder wenigstens mit einem seiner Anhänger im Bund zu sein.

 

Die Eule flog des Nachts fort, flatterte durch in die Dunkelheit gehüllte Stadt und ließ sich auf Dächern und Schornsteinen nieder, um so etwas zu erfahren. Sie kam natürlich auch zum königlichen Palast, der auf felsiger Höhe über der Stadt emporragte, und stöberte dort in einsamen Zimmern, auf Zinnen und Terrassen herum; lauschte an jeder Mauerritze und Türspalte und glotzte durch die beleuchteten Fenster der Diensträume und, neugierig wie sie war, auch in die Frauengemächer, so daß beim Anblick der großen starren Augen einige der Hofdamen in Ohnmacht fielen. Als der Morgen dämmerte, kam sie endlich wieder zurück und erzählte dem hart wartenden Prinzen alles, was sie gesehen und gehört hatte. Nach einem ausführlichen Lagebericht erzählte der Uhu schließlich: 

 

„Als ich einen der höchsten Türme auskundschaftete, sah ich in einem schön eingerichteten Schlafzimmer die holde Prinzessin auf einem Ruhebett liegen. Ärzte und Dienerinnen, Hofdamen und Räte umgaben das Lager, doch die Königstochter wollte von ihren Diensten nichts wissen und bat alle, sie allein zu lassen um sich endlich zurückzuziehen. Als sie weg waren, sah ich, wie sie einen Brief aus ihrem Busen zog, ihn las, küßte und laut zu weinen begann. Ich muß dir ehrlich sagen, o Prinz, daß solche Klagen und solch bittere Tränen selbst mich, den ruhigsten aller Philosophen, zutiefst rührten. Achmeds zärtliches Herz betrübten diese Nachrichten. „Nur zu wahr waren deine Worte, o weiser Eben Bonabben“, rief er laut aus! „Sorge und Kummer, schlaflose Nächte und heiße Tränen sind das traurige Los der Liebenden. Allah behüte die Prinzessin vor den verderblichen Folgen jenes Zustandes, den man Liebe nennt!“ 

 

Weitere Nachrichten aus Toledo bestätigten den Bericht der Eule. Die Stadt war in heller Aufregung. Die Prinzessin hatte man in den festeren Turm des Palastes gebracht, und scharfe Wachen wehrten jedermann den Zugang zur Kemenate. Krank saß indessen die arme Aldegunde in ihrem Gemach. Es hatte sich ihrer eine verzehrende Schwermut bemächtigt, deren Ursache niemand kannte. Trank und Speise wies sie voll Ekel zurück und hörte auf keines der Trostworte ihrer Umgebung. Die geschicktesten Ärzte des Landes standen vor einem unlösbaren Rätsel und äußerten, denn irgend etwas müßten sie ja dem König sagen, daß eine Hexe ihre Hand im Spiel habe. Der besorgte Vater ließ daher öffentlich verkünden, wer seine Tochter heilen würde, könne sich als Lohn den kostbarsten Juwel aus der königlichen Schatzkammer nehmen. 

 

Als die Eule diese wichtige Nachricht hörte, schlummerte sie gerade in einem Winkel der Höhle. Sie wurde wach, rollte geheimnisvoll ihre großen Augen und rief: „ Allah, Akbar! Glücklich ist der Mann, dem die Heilung gelingt; aber er muß wissen, was er aus der Schatzkammer dafür fordert!“ „Was meinst du, höchst ehrenwerte Eule?“ fragte kurz Achmed. „Höre, o Prinz, auf das, was ich dir nun erzählen will. Wie du sicherlich schon wissen wirst, bilden wir Eulen eine gelehrte Vereinigung von Forschern, die ihre Aufmerksamkeit ganz besonders den Altertümern und historischen Monumenten zuwenden. Während meines letzten Nachtfluges zu den Türmen und Palästen Toledos stieß ich ganz zufällig in einem Gewölbe des Münzturmes auf eine Akademie von weisen Eulen. Alle waren auf Numismatik, Heraldik und Kunstgeschichte spezialisiert, und man besprach mit Klugheit die Schriftarten und Zeichen an mehreren goldenen Kelchen und Reliquien, die in der königlichen Schatzkammer aufgehäuft lagen und noch von Roderich dem Gotenkönig herstammen sollten. 

 

Allgemeines Interesse erregten die mystischen Zeichen auf einem orientalischen Kästchen aus Sandelholz, denn sie waren den meisten Gelehrten unbekannt. Schon in mehreren Sitzungen behandelten die Akademiker dieses Thema, konnten sich aber trotz der gründlichsten Ausführungen von Fachleuten nicht einig werden, was wohl die kabbalistischen Zeichen darauf bedeuten möchten. Während meiner Anwesenheit erklärte nun eine alte Eule, sie war auch eigens zu diesem Zweck aus Ägypten eingeladen worden, daß, im Einklang mit der Inschrift auf dem Kästchen, dieses das seidene Throntuch von Salomon dem Weisen enthalten müsse, das ohne Zweifel nach der Zerstörung von Jerusalem von Juden nach Toledo gebracht worden war und aus unerklärlichen Gründen hier in einem Winkel der Schatzkammer vergessen liege.“

 

Als die Eule ihren wissenschaftlichen Vortrag beendet hatte, blickte der Prinz eine Zeitlang sinnend vor sich hin und sagte dann in Gedanken versunken wie zu sich selbst: „Eben Bonabben erzählte mir von den wunderbaren Eigenschaften dieses außerordentlichen Gewebes. Es war bei der Eroberung von Jerusalem durch die Römer verschwunden, und man glaubte, daß dieses zauberkräftige Kunstwerk für die Menschheit verloren sei. Ohne Zweifel wissen die Christen nicht, welch Wunderwerk sie ihr eigen nennen. Wenn ich in den Besitz dieses Tuches gelangen kann, dann allerdings wäre mein Glück gesichert.“ Am nächsten Morgen legte Achmed seine reichen Gewänder ab und kleidete sich in eine einfache Tracht eines armen Wüstenarabers. Das Gesicht färbte er sich dunkelbraun, so daß niemand in ihm den stolzen Ritter vom Turnier erkannt hätte, der dort solche Bewunderung und auch solchen Ärger und Verdruß verursacht hatte. Einen Wanderstab in der Hand, den Reiseranzen an der Seite und im Sack eine kleine Hirtenflöte schritt er rasch auf Toledo zu. 

 

Ohne Beanstandung ließ man ihn durchs Tor, und er gelangte bald an die Pforte des Palastes. 

Dort meldete er sich beim diensthabenden Wachbeamten und sagte, daß er die Prinzessin heilen könne und die versprochene Belohnung erwarte. Ritter und Gardisten wiesen ihn aber zurück und wollten den armen Bewerber verprügeln. „Was kann wohl ein herumstrolchender Araber helfen, wo einheimische Kapazitäten und Größen bis heute nichts ausgerichtet haben?“ schrien sie derart laut, daß der König sie hörte und befahl, den Araber kommen zu lassen. 

 

„Mächtigster König“, sagte höflich Achmed, „du hast einen armen Beduinen vor dir, der den größten Teil seines Lebens in den Einöden der Wüste verbrachte. Wie du wissen wirst, sind diese Stätten der Sammelplatz von bösen Geistern und Dämonen; auf einsamen Wachen fallen sie uns Hirten an, fahren dann zwischen die Hirten, zerstreuen die flüchtigen Tiere und bringen manchmal selbst das geduldigste Kamel bis zur Tollwut. Musik ist das einzige Gegenmittel, das die Dämonen bannt. Von den Vätern her haben wir alte Weisen, die wir singen oder auf der Flöte spielen, wenn es Not tut, um die Teufel aus der Wüste auszutreiben und fernzuhalten. Ich gehöre einem alten Beduinenstamme an und kenne solche Melodien; wenn also deine Tochter unter dem Einfluß eines bösen Geistes steht oder gar behext wurde, dann, meinen Kopf verpfände ich dafür, kann das schöne Kind gesund werden.“ 

 

Der König, wie alle Könige, ein Mann von großem Verstand, hatte bereits von solchen Wundermelodien gehört und wußte auch, daß nur ganz bestimmte Wüstenbeduinen sie beherrschten. Rasch faßte er Hoffnung, denn Achmed hatte überzeugend gesprochen, und glücklich führte er ihn in den Palast und zum hohen Turm, wo hinter verschlossenen Türen im obersten Stock die Prinzessin saß und weinte. Die Fenster des Wohngemaches von Aldegunden gingen auf einen Gang hinaus, von wo man einen herrlichen Rundblick auf Toledo und die umliegenden Berge hatte. Jetzt waren Fenster und Balkontüren verhängt, denn das liebeskranke Kind konnte kein grelles Licht vertragen, zu groß war sein Kummer. Auf dem Gang vor der Kemenate hieß man den Prinzen sich setzen und seine Kunst zu versuchen. 

 

Er zog auch gleich seine Hirtenflöte hervor und blies darauf einige wilde und feurige Araberweisen. Auf dem Generalife zu Granada hatte ihn sein Leibdiener solche Stücke gelehrt, wenn er des Lernens müde, Bücher und Papyrusrollen in eine Ecke geworfen hatte. Nervenaufpeitschend und schrill hallten die Flötentöne durch die Fenster in das Schlafgemach der Prinzessin; doch diese blieb teilnahmslos und reagierte nicht darauf. Spöttisch lächelnd schauten die gelehrten Doktoren auf den armen Araberjungen, der das zuwege bringen wollte, was sie, die Weisen des Landes, nicht geschafft hatten. Endlich legte Achmed sein Instrument weg und sang nach Art der Barden einige einfache Verse voll Liebe und Zärtlichkeit. Es war der Text des Briefes, den er einstens an die unbekannte Geliebte geschrieben hatte und dessen Überbringer der arme Tauber war.

 

Aldegunde erkannte sofort den Inhalt des Liedes, und eine jähe Freude durchzuckte ihr kleines Herz. Sie hob den Kopf und lauschte gespannt auf Worte und Melodie; dann stürzten Tränen der Freude aus ihren Augen und liefen ihr über die bleichen Wangen, die sich schon leicht sanft röteten. Ihr Busen hob und senkte sich im Aufruhr der Gefühle, und nur allzu gern hätte sie den Sänger gesehen. Doch Anstand und Scham verschlossen ihr den Mund. Der König las aber diesen Wunsch aus den Mienen seines geliebten Kindes und befahl, Achmed ins Zimmer zu führen. Geistesgegenwärtig benahmen sich die beiden Liebenden; sie schauten sich nur in die Augen, und beide wussten gleich, wie sie sich verhalten mußten, daß niemand Verdacht schöpfte und erriete, was sie dachten. Die Musik hatte gesiegt und einen vollkommenen Triumph errungen!

 

Pfirsichroter Schimmer legte sich auf die zarten Züge der Prinzessin; frisch leuchteten ihre Lippen, und schmachtenden Auges blickte sie versonnen und glücklich vor sich hin. Einen seidenen Überwurf streifte sie von den Schultern, denn heiß floß das Blut durch ihre Adern. Alle anwesenden Ärzte schauten einander erstaunt an und wussten nicht, was sie denken und sagen sollten. Voll Bewunderung und Scheu betrachtete der König den arabischen Sänger und sagte: „Wunderbarer Jüngling! Du sollst hinfort mein Leibarzt sein, und kein Mittel will ich künftig nehmen, das nicht du mir verschrieben hast; und deine Musik, soll allen helfen, wie sie meinem Kind geholfen hat. Sage mir, welche Belohnung willst du haben? Das kostbarste Kleinod meiner Schatzkammer sei dein.“ 

 

„O König“, erwiderte Achmed, „ich frag nicht nach Gold, Silber oder Edelsteinen, denn die Schätze dieser Welt sind für mich ohne Wert. Aber du hast in deiner Schatzkammer eine Reliquie aus der Maurenzeit, als diese noch in Toledo saßen; es ist ein Kästchen von Sandelholz und drinnen ist ein altes seidenes Gewebe. Gib mir dieses Kästchen mit dem Tuch, und ich bin zufrieden.“ Die Anwesenden waren von der großen Bescheidenheit des Beduinenjünglings überrascht, und ihr Erstaunen wuchs noch, als sie das Kästchen und das Gewebe sahen. Einfach war die Schatulle und einfach das Tuch. Es handelte sich um ein grünseidenes Stück Stoff, ohne besonderen Schmuck, das hebräische und chaldäische Schriftzeichen zeigte. Augenzwinkernd sahen sich die Hofärzte an und lächelten, denn zu groß war die an Dummheit grenzende Selbstlosigkeit ihres neuen Kollegen, der anscheinend nicht wußte, was er wollte.

 

Der Prinz schien nichts von all dem zu bemerken und sagte ernst: „Dieser Teppich bedeckte einstens den Thron Salamons des Weisen; er ist es wert, daß man in zu Füßen des schönsten und holdesten Wesen lege.“ Mit diesen Worten breitete er ihn auf dem Balkon vor dem Diwan der schönen Prinzessin aus, setzte sich darauf und sagte jedes Wort betonend: „Gott ist groß, sein Wille geschehe! Was im Buch des Schicksals geschrieben steht, muß sich erfüllen und niemand kann es verhindern. Seht, die Prophezeiung der Astrologen erfüllte sich! Wisse, o König, Aldegunde und ich wollen ein Paar werden, denn wir lieben uns im geheimen schon seit langer Zeit. Schau mich nur genau an. Ich bin der Liebespilger!“ Kaum hatte Achmed diese Worte gesprochen, als sich das Tuch langsam in die Luft erhob und die beiden Liebenden davontrug. 

 

Der König, die Ärzte und Hofleute starrten ihnen nach, Mund und Augen weit aufgerissen, bis sie nur mehr ein kleiner Punkt waren, der auch bald am fernen Horizont verschwand. Der König tobte vor Wut und ließ den Schatzmeister kommen. „Wie konnte so etwas geschehen“, schrie er ihn an, „ wie konntest du einem Ungläubigen nur solche Kostbarkeit ausliefern?“ „Es ist ein Jammer, Majestät! Wir kannten die Wunderkraft des Stoffes nicht; niemand wußte die Inschrift auf dem Kästchen zu entziffern! Wenn es sich in der Tat um den Überwurf von Salomons Thron handelt, was ich nach dieser gegenwärtigen Sachlage annehme, dann können dessen Besitzer auf ihm durch die Lüfte fliegen, denn das ist eine magische Kraft.“ Der König ließ Alarm schlagen und sammelte ein gewaltiges Heer, an dessen Spitze er gegen Granada zog, um die Flüchtlinge zu verfolgen und die ihm angetane Beleidigung zu rächen. Lange war der Marsch und beschwerlich der Weg, aber endlich kam die Christenschar doch ans Ziel und schlug in der Vega ihr Lager auf.

 

Am nächsten Morgen schon sandte der König Herolde in die Stadt, um die Rückgabe seiner Tochter zu fordern. Der Maurenkönig ritt ihnen mit seinem ganzen Hofstaat entgegen, und zu ihrer Bestürzung erkannten sie in ihm den Sänger aus der Wüste Arabiens, der die Prinzessin erst heilte und dann entführte. Achmed hatte nämlich unterdessen nach dem Tod seines Vaters den Thron Granadas bestiegen und die schöne Aldegunde geheiratet. Als der König von Toledo erfuhr, daß seine Tochter ihren christlichen Glauben beibehalten durfte, war er bald besänftigt und gab nachträglich zur stattgehabten Hochzeit seinen Segen; nicht daß er gerade besonders fromm gewesen wäre, aber bei Fürsten und ähnlichen Potentaten ist ja bekanntlich die Religion eine Ehrensache und Mittel zur leichteren Handhabung des untertänigen Volkes. 

 

In Granada gab es nun statt dessen der vorgesehenen blutigen Schlachten eine Reihe von Festen und Feiern, nach deren Ablauf der König und die Seinen recht vergnügt nach Toledo zurück kehrten, während das junge Paar glücklich weiterlebte und von der Alhambra aus weise sein Reich beherrschte. Es wäre noch hinzuzufügen, daß die Eule und er Papagei dem Prinzen in kurzen Tagreisen einzeln nach Granada gefolgt waren. Erstere reiste bei Nacht, besuchte Vetter und Basen, durchstöberte Gehöfte, Türme und Höhlen und frischte so die alte Freundschaft wieder auf. Der Papagei wiederum machte seine Aufwartung nur in feinen Kreisen, so beim Landadel, wo er ganz besonders bei Damen großes Glück hatte.

 

Achmed belohnte dankbar die Dienste, die sie ihm auf seiner Pilgerfahrt geleistet hatten. Die Eule machte er zu seinem Staatskanzler und den Papagei zum Haus – und Hofmarschall. Es ist wohl nicht notwendig, ganz speziell zu vermerken, daß kein Land je weiser regiert und kein Hofstaat je prunkvoller geführt wurde, als der zu Granada zur Zeit Achmeds und Aldegundens.

 

Märchen und Sagen aus Spanien

 

DAS GESPENST DER BUFERA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Mann fischte mit Würmchen Aale in der Bufera und trug einen Korb auf dem Rücken.

Es war ein Ochse in der Bufera aufgezogen worden, den man Pau nannte, und eines Tages als ein Sturm losbrach, fing der Ochse an zu rennen und zu brüllen, und brüllend lief er von einer Seite zur anderen.

Jener Mann der mit Würmchen fischte, hörte das Brüllen, erschrak und rief:

- Jesus, Heiliger Antonius, sprang in den Wassergraben und warf den Korb weg.

Der Pau, jener Ochse blieb nicht stehen bis La Pobla und als er zu dem Hause gekommen war, wo er geboren worden, klopfte er mit dem Fuss an die Thüre und der Herr des Hauses, der klopfen hörte fragte:

- Wer ist da?

Keine Antwort, er fragte wieder:

- Wer ist da?

Und wieder keine Nachricht.

Zuletzt, steckte er den Kopf zum Fenster hinaus und sieht den Ochsen.

- Es ist der Pau, sagte er, und ging sogleich hinunter, um aufzumachen, packte ihn bei einem Horn, führte ihn in die Strohkammer, gab ihm ein Bündel Futter und ging, um den Schlaf zu tödten.

Dieser Ochse ward das Gespenst der Bufera, weil jener Mann der Aale fischen wollte, aussagte, dass er ein Gespenst gehört habe und wenn ihr es nicht glaubt, in Ca na Bassera wissen sie das weitere.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DAS GESPENST VOM RAFAL

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Rafal ging ein Gespenst um, von dem man sagte, dass es überall war, und dass man es nirgends sehen konnte. Es ging durch alle Zimmer der Häuser, ausgenommen vor der Kirche. Niemand hatte es je gesehen, wenn es nicht einige Knaben waren, welche am Allerseelentage Zirbeln assen, die einen Mann mit einem sehr langen Bart auf einem Balkon sahen, der aus einer sehr grossen Pfeife rauchte. In der Nacht hörten sie vielen Lärm, Teller und Töpfe zerschlagen, aber am anderen Morgen fanden sie alles wieder heil und ganz. Niemand wollte um keinen Preis mehr in jenem Hause schlafen.

 

Ein Geistlicher, der sehr waghalsig war, sagte, dass er dort schlafen würde; er ging hin übernachten, und als er sich niederlegte, liess er das Brevier auf einem Stuhl beim Bette liegen. Er war noch nicht eingeschlafen, als er hörte, wie man das Brevier nahm. Er zündete ein Zündhölzchen an, sah aber Niemanden und das Buch lag noch genau so wie er es gelassen hatte. Nach einigen Augenblicken hörte er wieder Lärm und fragte:

- Wer berührt das Buch?

- Ich halte das Buch, sagte eine Stimme; er zündete sofort ein Zündhölzchen an, sah aber Niemanden und das Buch lag am selben Ort.

Am anderen Tag sagte er, dass er nie mehr dort schlafen wolle.

 

Ein anderes Mal ging ein sehr mutiger Ritter hin, um daselbst zu schlafen und liess seinen Degen neben der Bettlehne. In der Nacht hört er Geräusch von Ketten, stand vom Bette auf, ergriff den Degen und schlug kräftig um sich. Am anderen Tage als er aufstand, fand er nichts als die Spuren der Degenhiebe an Wänden und Stühlen.

 

Ein anderes Mal und zwar endete dies den Geisterspuk, ging ein Jüngling in dem selben Zimmer schlafen, und wie er sich niedergelegt hatte, fühlte er, dass man das Bett, welches auf Rädern war, von der Stelle bewegte; er brach in ein Gelächter aus und sagte: Hier nehmt diesen; das Bett bewegte sich nicht mehr und der Spuk war zu Ende.

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DAS GESPENST VON CONCAS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ging das Gerücht, dass in Concas ein Gespenst umgehe und Niemand wollte dort übernachten.

Ein kühner Mann erklärte sich bereit, wenn man ihm eine Wurst gebe, die er gedörrt essen könne, eine ganze Nacht dort zuzubringen, um zu sehen, was das Gespenst war.

Man gab ihm die Wurst, er ging weg, und wie er bei dem betreffenden Besitzhause war, betrat er das Innere und ging bis zum Feuerheerd, wo er ein starkes Feuer machte, um sich zu wärmen, da es Winter war. Als das Feuer schon Kohlen gemacht hatte, fing er an, Schnitten von der Wurst zu machen, und sie auf das Feuer zu legen. Während er die erste Schnitte ass, hörte er eine Stimme von oben aus dem Kamin, welche sagte:

- Ich falle, ich falle.

- Falle, antwortete er, sollst in Stücke fallen!

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, tuptup fiel aus dem Kamin vor seinen Augen das Bein eines Mannes herab.

Er achtete nicht darauf und fuhr fort, Wurst zu essen.

Nach kurzer Zeit hörte er wieder:

- Ich falle, ich falle.

- Falle, antwortete er, sollst in Stücke fallen!

Und tuptup fiel ein anderes Bein eines Mannes herab.

Wie wenn nichts gewesen wäre, fuhr er fort, gedörrte Wurst zu essen.

Nach einer Weile hörte er dieselben Worte wieder:

- Ich falle, ich falle.

- Falle, sollst in Stücke fallen!

Und es fiel ein Arm und dann ein anderer, und in kurzer Zeit immer dieselben Worte wiederholend, fiel ein Rumpf herab von einem menschlichen Leibe.

- Nun, was wird das sein, dachte der Mann und fuhr fort zu essen, als er von oben aus dem Kamin dasselbe, aber stärker und flehentlicher wie die früheren Male hörte:

- Ich falle, ich falle, ich falle.

- Falle, sollst in einem ganzen Stücke fallen, antwortete er.

Und sogleich fiel ein Kopf herab, und wie derselbe auf den Boden kam, fügte sich alles, was gefallen war, aneinander, und es bildete sich ein ganzer und lebendiger Mann.

Als er denselben sah, fragte er ihn:

- Was wünschet ihr in Gottes Namen?

Aber jener Mensch, ohne ihm eine Antwort zu geben, setzte sich am Feuer, neben ihm, nieder.

- Wir werden schon sehen, dachte er und begann eine andere Schnitte Wurst zu dörren. Als er sie geröstet hatte und im Begriffe war zu essen, befeuchtete jener Mensch sich den Finger mit Speichel und Asche und beschmutzte ihm die Wurst.

Als er das sah, sagte er:

- Beschmutzet mir nicht mehr die Wurst, sonst gebe ich euch eine Ohrfeige.

Aber jener Mensch gab ihm wieder keine Antwort und wartete bis er ein anderes Stück Wurst dörrte.

Kaum er dieselbe wieder gedörrt hatte, befeuchtete er wieder den Finger mit Speichel und Asche und beschmutzte sie ihm ganz.

Er wendet sich um und gibt ihm eine Ohrfeige, die ihn auf den Rücken fallen lässt. Nun stand der Mann auf und sagte zu ihm:

- Brüderchen danke. Es sind sieben Jahre, dass ich im Fegfeuer war, weil ich im Leben meinem Vater eine Ohrfeige gegeben hatte und ich konnte nicht in den Himmel kommen, bis man mir auch eine solche gegeben hatte. Jetzt dürft ihr sicher sein, dass hier kein Gespenst mehr erscheinen wird.

Und er verschwand durch das Kaminloch.

Dieser ass seine Wurst fertig, in der Früh kehrte er nach Hause zurück und sagte, dass er das Gespenst für immer verschwinden gelassen habe, und also war es.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER HIRT VON GALATZÓ

Ein Hirte des bösen Grafen war mit diesem im Streite und der erzürnte Graf sagte ihm:

- Gib Acht du wirst sterben und wirst nicht wissen wo.

- Ja ich werde es doch wissen wo immer man mich tötet, ich werde es wissen.

Eines Tages nimmt ihn der Graf mit drei oder vier seiner Leute gefangen, sie führten ihn mit verbundenen Augen weg, und der Graf sagte zu denen, die ihn begleiteten, dass sie gar keinen Lärm machen sollten, damit er nicht wüsste, durch welche Gegend sie ihn führten. Aber der Hirte, - was wirst du sagen, - als sie durch ein Gässchen kamen, das hinter den Häusern lag, sagte zu ihnen:

- Jetzt habe ich das Gässchen hinter den Häusern durchschritten.

Als sie eine Strecke weiter gegangen waren, sagte ihm der Graf:

- Diesmal kannst du es nicht erraten.

Und sie führten ihn über den Collet de ses egos, um ihn in den Avench (Schlucht) de s'esquena des ases zu werfen, und was glaubst du, was er sagte? Er sagte:

- Wenn ihr mir nicht den Kopf abschneidet, bevor ihr mich hineinwerfet, so weiss ich, von wo ich wieder herauskomme und ich werde bei den Häusern von Galatzó schneller sein als ihr, weil die Schlucht, wohin ihr mich führt, in eine Höhle im camp de ses sinis mündet, welche euch nicht bekannt ist.

Der Graf, sehend, dass er alles erriet und dass mit ihm nichts zu machen sei, sagte:

- So gewiss wird er eines Tages in meiner Gewalt sein, nimmt ihm die Binde von den Augen weg und befiehlt, er solle weggehen.

Nach langer Zeit sagte eines Tages der Hirte zu dem Grafen:

- Herr Graf, wollen sie den Avench des puig des caragol sehen?

- Nein, ich gehe mit dir nirgends hin, sagte der Graf zu ihm, denn du siehst mehr mit verbundenen Augen, wie ich mit offenen.

Und nun wollte er ihn nicht mehr töten und sagte ihm nichts mehr.

 

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER MANN, DER BÄUME STUTZTE

Es war ein Mann, der Bäume stutzte in Ses Sorts Llargues und bei der Arbeit gähnte er.
- Ich habe gegähnt, sagte er und wenn man drei Mal gähnt, stirbt man, ich muss schon sehr Acht geben.
Er fuhr fort zu stutzen und nach kurzer Zeit gähnte er wieder.
- Ei, Ei, sagte er, ich habe schon zwei Mal gegähnt, wenn ich es wieder thue, gibt es keine Hülfe mehr für mich.
Er stutzte und stutzte weiter und sang und sang, um zu sehen ob er sich damit zerstreuen würde, aber er gähnte zum dritten Mal und er sagte:
- Nun bin ich verloren, ich habe drei Mal gegähnt, ich sterbe.
Er stieg vom Mandelbaum herab, legte sich auf den Boden, schloss die Augen und bewegte sich nicht mehr.
Allmählig wurde es Abend und seine Frau, welche ihn zum Abendessen erwartete, begann zu denken, dass er sich verspätet habe. Es wurde Nacht und sie wartete und wartete noch immer und der Mann kam nicht und sie bekam Angst und ging, es ihren Nachbarn mitzutheilen.
Weil es so spät war und der Mann noch nicht heimgekommen war, entschlossen sie sich, ihn zu suchen.
- Und wo war dein Mann? frugen die Nachbarn der Frau.
Fonna! antwortete die Frau fast weinend, am Morgen hat er mir gesagt, dass er zu Ses Sorts Llargues de can Massanet gehen wolle, um die Bäume zu stutzen.
- Also gehen wir hin und sehen, ob ihm etwas zugestossen ist, sagten einige der Nachbarn.
Sie zündeten Oellampen an und gingen ihn zu suchen.
Als sie zu Ses Sorts Llargues kamen, suchten sie und suchten und schliesslich fanden sie ihn auf der Erde liegend, unter dem Mandelbaum und sie hielten ihn für todt. Sie legten ihn auf eine Leiter und zwei Männer trugen ihn zum Dorfe.
Als sie in Can Guixó damit angekommen waren, wo zwei Wege sich kreuzen, wollten die einen diesen Weg, die andern den andern nehmen und als sie noch im Zweifel waren, öffnete derjenige, den sie für todt gehalten hatten den Mund und sagte ihnen, indem er einen der zwei Wege zeigte:
- Als ich lebend war, ging ich immer auf dieser Seite.

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca

 

DER RAIMUND VOM PUJOL

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Raimund vom Pujol hatte drei Söhne und der Älteste sagte zu seinem Vater:
- Mein Vater, ich will gehen und die Welt durchwandern.
- Es ist gut, sagte sein Vater.
Und er gab ihm ein Brot und einen Käse mit.

Der Sohn reiste ab, über das Coll des recó und als er den Sattel überschritten hatte, fand er einen Bettler und eine Bettlerin und sie sagten zu ihm:
- Brüderchen, willst du uns ein Almosen geben, um der Liebe Gottes?
Er hörte sie nicht an und ging seines Wegs.
Weiter unten fand er einen anderen Bettler, und er fragte ihn:
- Weisst du nicht, wo ich eine Herberge finden kann, um die Nacht zuzubringen?
- Ja, sagte ihm der Arme; weiter unten, bei dem Hause des Zolleinnehmers steht ein Haus und eine Palme davor. Gehet hin, klettert auf die Palme und wartet bis zum Abend, wo der Riese weggeht, um Bösem nachzugehen und sobald er nicht mehr da ist, steiget von der Palme herunter und tretet in sein Häuschen, wo ihr Alles finden werdet.
- Gut sagte er, er ging weiter ohne dem Armen gedankt zu haben.

Er ging und ging weiter und fand das Haus des Riesen, er ging auf den Fussspitzen, damit der Riese es nicht merkte und bestieg die Palme.
Am Abend kam der Riese heraus und begann zu sprechen:
- Ich rieche Menschenfleisch, ich rieche Menschenfleisch, nun wir werden heute Nacht davon essen. Als er den Kopf erhob, gewahrte er ihn auf der Palme und er schüttelte sie, dass er herunter auf den Boden fiel. Er teilte ihn in Stücke und ass ihn.

Als der jüngste Sohn des Raimund vom Pujol sah, dass sein Bruder nicht zurückkehrte, sagte er zu seinem Vater:
- Es muss meinem Bruder gut gehen, weil er nicht zurückkehrt. Mein Vater, willst du, dass auch ich gehe, um die Welt zu durchwandern?
- Nun gehe hin, sagte sein Vater, und er gab ihm ein Brot und einen Käse.
Der jüngste Sohn reiste ab und kam auch über das Coll des recó und wie er den Sattel überschritten hatte, traf er einen Bettler und eine Bettlerin und diese sagten zu ihm:
- Brüderchen, willst du uns ein Almosen geben, um der Liebe Gottes.
- Ja, sagte er, hier, nehmet das halbe Brot und den halben Käse.
- Möge der gute Jesus euch vor dem Riesen bewahren, sagten die beiden kleinen Alten zu ihm.
- Und, wo wohnt dieser Riese? fragte er, und sie antworteten:
- Also, ihr gehet nach dieser Richtung fort und wenn ihr am Hause des Zolleinnehmers vorüber seid, werdet ihr ein Haus finden, vor dessen Türe eine Palme steht. Das ist das Haus des Riesen. Gehet hin, ohne Geräusch zu machen, und steiget auf die Palme. Wenn es Abend geworden, wird der Riese aus seinem Häuschen herauskommen, um Bösem nachzugehen und sobald er fort ist, tretet in sein Häuschen, ihr werdet Alles finden und reich sein.

Er dankte sehr den beiden Alten, ging nach der Richtung, die sie ihm angegeben hatten und fand das Haus mit der Palme vor der Türe. Er stieg auf die Palme und als es Abend geworden war, ging der Riese fort, ohne Menschenfleisch zu riechen.
Als der Riese nicht mehr da war, trat er in sein Haus und fand darin viel Geld.
Er füllte sich damit die Taschen, den Korb und den Sack und den Kopf seines Hutes und kehrte nach Hause zurück und war reich.

Katalonien: Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca