MÄRCHEN AUS PORTUGAL

Verzeichnis

"Der Ursprung der Wildschweine"

"Die Stimmen der Tiere"

"Die fünf Berufe"

"Die Rätselsprüche"

"Die essende Statue"

"Der Geizhals"

"Der Blinde und der Spartopf"

"Heiraten und sich scheiden lassen"

"Mir ist etwas auf den Kopf gefallen!"

"Das weiße Kaninchen"

"Bohnen-Manuel"

"Die Lügenkette"

"Der Schatz des Gehenkten"

"Die stotternden Schwestern"

"Die naschhafte Frau"

"Die Buckligen"

"Gevatter Teufel"

 

Gevatter Teufel ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein armer Tagelöhner hatte einen Gevatter, welcher der Teufel war, ohne daß er es wußte. Eines Tages kam der Teufel und sagte ihm: »Du bist so arm! Weißt du was? Ich will dir ein großes Feld schenken, damit du es zu gleichen Teilen mit mir bestellst, jedoch unter der Bedingung, daß das, was unter der Erde wächst, mir gehört, und daß das, was über der Erde wächst, für dich ist.«

 

Der Tagelöhner ging auf den Handel ein, beackerte das Feld und säte Weizen aus. Es wuchs viel Weizen, den er erntete, als die Zeit gekommen war, und er sagte dem Gevatter, er solle das einholen, was unter der Erde gewachsen war. Der Teufel fand indes nur Wurzeln und er erkannte, daß er von seinem Gevatter überlistet worden war. Da sagte er: »Unser Vertrag hat für mich keinen Wert mehr. Wenn du weiter machen willst, muß es umgekehrt sein: Das, was über der Erde wächst, soll mir gehören, und was darunter wächst, soll für dich sein.«

 

Der Landmann nahm die Bedingung an und besäte das ganze Feld mit Kartoffeln. Es gab eine herrliche Ernte. Er sagte seinem Gevatter, er solle das ernten gehen, was über der Erde gewachsen sei - das war nämlich das Kartoffelkraut -, und er las viele, viele Körbe Kartoffeln auf, mit denen er viel Geld verdiente. Der Teufel sah, daß er bei diesem Spiel immer verlor, und, wollte sich an seinem Gevatter rächen. »Du Schuft, du hast mich betrogen, aber ich lasse dich so nicht entkommen. Wir werden uns miteinander schlagen und zwar sollen unsere Waffen die Fingernägel sein, damit ich wenigstens diesmal den Vorteil auf meiner Seite habe.«

 

Der Bauer wußte wohl, daß der Teufel ein paar fürchterliche Krallen hatte, aber da er die Waffen nicht auswählen konnte, willigte er ein und ging heim zu seiner Frau, ohne daß er wußte, wie er heil aus dieser Geschichte herauskommen sollte. Seine Frau sagte ihm: »Laß ihn nur herkommen, ich will es schon richten. Verstecke dich an dem Tag, an dem er kommt, um mit dir zu kämpfen, denn ich will mit ihm reden.«

 

Als der Tag gekommen war, erschien der Teufel wutschnaubend und klopfte an die Tür des Landmannes: »Hier bin ich, damit wir miteinander kämpfen.« Da kam die Frau und sagte: »Kommt herein, Gevatter, und wartet auf meinen Mann. Er ist fort gegangen, um sich die Fingernägel schleifen zu lassen. Schaut nur, was er immer für Hiebe mit den Fingernägeln austeilt. Hier ist der erste, den er mir versetzt hat.« Und der Teufel sah etwas derartiges, daß er vor Furcht, ganz mit solchen Kratzern übersät zu werden, die Flucht ergriff und nie mehr dorthin zurückkehrte.

 

Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die Buckligen ...

Es gab einmal in einem Land zwei Bucklige, die sich kannten und miteinander befreundet waren. Einer von ihnen kam einmal vom Wege ab und gelangte mitten in einen Wald, wo ein paar Hexen ihre Tänze aufführten und sagten: »Zwischen Donnerstag und Freitag und Samstag.« Der Bucklige trat näher hinzu und sah, daß es dort viel zu essen gab, und da sagte er auch: »Zwischen Donnerstag und Freitag und Samstag.« Die Hexen kamen zu dem Buckligen und gaben ihm viel zu essen und ließen ihn tanzen.

 

Da es auf Mitternacht zuging, sagten sie: »Was sollen wir mit diesem Mann machen, wenn wir fortgehen?« »Wir wollen ihm viel Geld geben.« Andere Hexen sagten: »Wir wollen ihm den Buckel abnehmen.« Er bekam beides und ging fort. Als er nach Hause kam fragte ihn der andere Bucklige, wer ihn gerade gemacht habe. Sein Freund erzählte ihm alles und verriet ihm, wo der Wald sich befand.

 

Der andere Bucklige ging hin, erblickte die selben Lichter und sah den gleichen Hexentanz, und sowie er hörte, daß sie sangen: »Zwischen Donnerstag und Freitag und Samstag.«, sagte er die selben Worte und fügte noch hinzu: »Und Sonntag, wenn es nötig ist.«

 

Wütend, daß man ihnen gegenüber den Sonntag erwähnte, kamen die Hexen zu ihm, stießen ihn umher und sagten: »Was sollen wir mit diesem Mann machen?« »Wir wollen ihm den Buckel geben, den der andere hier gelassen hat.« Und so schied er von dort mit einem Buckel vorn und einem anderen hinten.

 

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Die naschhafte Frau ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Mann hatte eine sehr naschhafte Frau geheiratet, die indes so tat, als hätte sie niemals Appetit. Mißtrauisch beobachtete er sie und kam schließlich dahinter, daß sie nur lauter Leckereien aß.

Eines Tages verließ er das Haus und sagte ihr, daß er erst am Abend zurück sein würde, tatsächlich aber verbarg er sich im Backofen. Sowie die Frau alleine war, sang sie und bereitete sich ein leckeres Frühstück aus zerbröckeltem Brot mit Honig und Eiern. Als es Zeit für das Mittagessen war, kochte sie sich eine große Schüssel Brotbrei und aß und leckte sich die Lippen. Am Abend, als es allmählich dunkel wurde, zündete sie das Herdfeuer wieder an und machte zum Abendessen ein Hühnerfrikassee.

Der Ehemann sah sie das alles verspeisen und verhielt sich noch immer still, bis er schließlich, als es ihm recht dünkte, sein Versteck verließ und so tat, als käme er von einem langen Weg heim. Nun hatte es aber den ganzen Tag lang geregnet und der Mann kam völlig trocken an. Die Frau wunderte sich darüber und sagte: »Mann, bei solch einem Regentag kommst du ganz trocken heim? Wo bist du gewesen?« Er antwortete:

Es hat ganz fein geregnet
wie die Brotkrümel, die du zum Frühstück aßt.
Hätte es so dicke Tropfen geregnet
wie die Brocken, die du zu Mittag aßt,
wäre ich so durchnäßt gewesen
wie die Hühner, die du zu Abend aßt.

Die Frau begriff, daß sie ihren Mann nicht mehr täuschen konnte, der ihr bei dieser Gelegenheit die Flötentöne beigebracht hatte.

 

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Die stotternden Schwestern ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Mutter hatte drei Töchter, die allesamt stotterten. Damit sie nicht unverheiratet blieben sagte sie ihnen: »Kinder, wenn ein junger Mann hier ins Haus kommt, müßt ihr unbedingt still sein, sonst bekommt ihr keinen Mann.«

 

Einmal brachte sie ihnen einen Freier mit um zu sehen, ob ihm nicht eine von ihnen gefallen würde, und sie hatte nicht vergessen, ihre Töchter zum Schweigen zu ermahnen. Sie befanden sich in der Gegenwart des Freiers, der noch kein Zeichen seiner Zuneigung hatte erkennen lassen, da hörte eine von ihnen es auf dem Herd pfeifen, und vorlaut sagte sie: »Mutter, das Tasser pocht.« (Das sollte heißen: Das Wasser kocht.)

 

Da sagte die andere Schwester: »Nimm den Teckel ab und tu den Töffel hinein.« (Das sollte heißen: Nimm den Deckel ab und tu den Löffel hinein.) Die dritte Schwester ärgerte sich, daß die beiden anderen die Ermahnung der Mutter nicht befolgten, und rief: »Hat die Mutter nicht getagt, du solltest nicht brechen? Jetzt wirst du nicht beiraten.« (Das sollte heißen: Hat die Mutter nicht gesagt, du solltest nicht sprechen? Jetzt wirst du nicht heiraten.)

 

Sowie der Freier sah, daß sie alle drei stotterten, brach er in Gelächter aus und machte sich aus dem Staube.

 

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Der Schatz des Gehenkten ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Vater hatte einen sehr übermütigen und leichtlebigen Sohn, und er wußte, daß er das große Vermögen, welches er ihm hinterlassen würde, aufgrund seines Leichtsinns völlig vergeuden würde. Als er starb, hinterließ er seinem Sohn einen Falken und ermahnte ihn, diesen niemals zu verkaufen, so groß seine Not auch immer sein möge. Für den Fall, daß er ihn aber doch verkaufte, hinterließ er ihm einen verschlossenen Brief, den er erst dann öffnen sollte, wenn er alle Hoffnung verloren hätte, sein Schicksal noch zum Besseren zu wenden.

 

Der Alte starb und sogleich fing der Sohn an, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Er verkaufte Landsitze und Häuser, machte Schulden, übernahm Bürgschaften für seine Freunde, ließ sich auf Unternehmungen ein, und ehe er sich's versah, stand er ohne Mittel da. Noch hatte er den Falken, den er der Empfehlung seines Vaters gemäß niemals verkaufen sollte. Da er sich in großen Schwierigkeiten befand, achtete er nicht auf den Willen seines Vaters und ließ den Falken dem König anbieten, welcher ihn kaufte.

 

Aber das Geld für den Falken reichte nur für ein paar Tage, da er es schließlich im Spiel ausgab, wo auch der größte Teil seines Vermögens geblieben war. Ratlos und weil er nichts mehr hatte, womit er sich behelfen konnte, begann der junge Mann alle seine Freunde, mit denen er gepraßt hatte, aufzusuchen, aber alle wandten ihm den Rücken. Der Undank und die Unverschämtheiten derer, die ihm geholfen hatten, sein Vermögen zu verschleudern, waren so groß, daß der Junge die Freude am Leben verlor und meinte, der einzige Ausweg, der ihm blieb, sei, sich umzubringen.

 

Da fiel ihm ein, daß er noch den Brief seines Vaters hatte, der noch immer verschlossen war, und bevor er starb, wollte er doch sehen, was darin stand. Er öffnete den Brief und fand einen Schlüssel darin. Das Schreiben gab ihm eine Straße an, zu der er sich begeben sollte, und ein Haus, zu dessen Tür jener Schlüssel paßte, und es hieß weiter, daß er dort einen an einem Balken befestigten Strick vorfinden würde, an dem er sich, da er ja alle Hoffnung habe fahren lassen, aufhängen solle.

 

Da gerade das auch die Gedanken des Jungen waren, nahm er zum erstenmal den Rat des Vaters an und begab sich sogleich in die besagte Straße, fand das Haus, schloß die Tür auf und sperrte sich von innen ein. Dann ging er die Treppe hinauf und gelangte in ein altes Zimmer, wo er das aufgeknüpfte Seil fand. Er machte sich keine weiteren Gedanken und als er an dem Strick zog, um festzustellen, ob er auch hielt, öffnete er damit eine in der Decke verborgene Falltür, und es fielen eine Menge Goldstücke herab.

 

Der Junge wunderte sich, trug das Geld zusammen und dachte nicht mehr daran, sich umzubringen. Aber von da an verschleuderte er sein Geld nicht mehr aufs Geratewohl, sondern lebte mit Verstand und verachtete die Freunde, die ihm in seinem Unglück den Rücken gekehrt hatten.

 

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Die Lügenkette ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Mann, der dem Edelmann, dessen Pächter er war, die Pacht nicht zahlen konnte, und er ging, ihn um Zahlungsaufschub zu bitten. Der Edelmann dachte jedoch, daß er ihm etwas vor log, und sagte ihm: »Ich erlasse dir die Pacht nur dann, wenn du mir eine Lüge erzählst, die so groß ist wie Heute und Morgen.«

 

Der Bauer ging nach Hause und erzählte dies seiner Frau, und sie wußten nicht, wie sie sich mit dem Eigentümer einigen sollten, der sie auf die Straße setzen konnte. Sie hatten einen einfältigen Sohn, der sagte: »Vater, laß mich zu dem Edelmann gehen, ich will die Angelegenheit so regeln, daß ihm keine andere Wahl bleibt, als dir den Pachtzins zu erlassen.« »Aber du gibst doch nur Ungereimtheiten von dir.« »Eben drum!«

 

Der Einfältige zog los und verlangte den Edelmann zu sprechen, in dem er sagte, er käme, um die Pacht zu bezahlen. Der Edelmann ließ ihn eintreten, und da sagte er ihm: »Herr, Ihr werdet wissen, daß das Jahr schlecht war, doch das tut nichts zur Sache. Mein Vater hatte so viele Bienenkörbe, daß er sie nicht zählen konnte. Da machte er sich daran, die Bienen zu zählen und stellte fest, daß ihm eine fehlte.

 

Er nahm seine Axt auf die Schulter und machte sich auf die Suche nach der Biene. Er fand sie auf einer Erle sitzen, und er fällte die Erle, um die Biene zu fangen, welche übrigens so mit Honig beladen war, daß er ihn einsammelte. Da er nichts hatte worin er den Honig aufbewahren konnte, griff er sich an die Brust und las zwei Läuse auf, aus deren Haut er zwei Schläuche machte, in die er den Honig füllte.

 

Als er aber nach Hause kam, hatte ihm ein Huhn die Biene aufgefressen. Er warf das Beil nach dem Huhn um es zu töten, aber das Beil blieb in den Federn stecken. Da legte er Feuer an die Federn und als sie in Flammen standen, fand er das Stielloch der Axt. Darauf ging er zum Schmied, damit der ihm die Axt wieder herrichtete, und der Schmied machte ihm einen Angelhaken, mit dem er zum Fluß ging, um Fische zu fangen.

 

Er fischte einen Packsattel, warf den Angelhaken wieder hinein und fing einen seit drei Tagen toten Esel, der mit den Augen blinzelte. Er bestieg ihn und ritt zum Hufschmied, damit er ihm einen Einlauf machte, und jener gab ihm als Medizin einen Saft aus trockenen Bohnen. Da fielen ihm aber ein paar Tropfen ins Ohr, wo ihm ein so großer Bohnenstrauch wuchs, der so große Bohnen hervor brachte, daß ich noch fünfzehn Wagen voll damit her bringe, um Eure Pacht zu bezahlen.«

 

Der Edelmann, der über eine derartige Lügengeschichte erbost war, sagte: »Junge, du erzählst so viele Lügen, wie du Zähne im Mund hast.« »Nun Herr, dann ist unsere Pacht bezahlt.«

 

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Bohnen-Manuel ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Ehepaar führte ein trauriges Leben, da beide schon alt waren und keine Kinder hatten. Da sagte die Frau einmal: »Nichts möchte ich auf dieser Welt so gern wie einen Sohn, und wäre er auch nicht größer als eine Bohne.« Nach einiger Zeit, als sie es am wenigsten erwarteten, bekam die Alte einen Sohn, der war so winzig klein, daß er nicht größer war als eine Bohne. Sie zogen das Kind auf und gaben ihm den Namen Bohnen-Manuel.

 

Obwohl die Mutter ihn nie aus den Augen ließ, ging er doch oft verloren. Einmal warf sie dem Ochsen ein paar Bündel Heu hin, zwischen die Bohnen-Manuel geraten war, und der Ochse verschlang ihn. Voller Sorge rief die Mutter überall: »Bohnen-Manuel, Bohnen-Manuel!« Und er antwortete aus dem Bauch des Ochsen heraus: »Hier, hier!« »Bohnen-Manuel, wo bist du?« »Hier, hier, im Bauch des Ochsen.«

 

Die Mutter fing die Fladen, die der Ochse fallen ließ, auf, und so fand sie Bohnen-Manuel, der ganz schmutzig war, wieder. Sie wusch und säuberte ihn, aber der Kleine war recht übermütig, er hatte keine Angst vor den Ochsen und wollte sie sogar auf die Weide führen. Er setzte sich in das Nasenloch eines Ochsen und so führte er sie weiden und wieder zurück nach Haus, und sogar, um dem Vater mit dem Wagen das Essen zu bringen.

 

Einmal verspürte er ein Bedürfnis und kauerte sich unter einem Farnkraut nieder. Dort weidete indes eine Ziege, und als sie die Farnschößlinge fressen wollte, verschlang sie Bohnen-Manuel. Die Mutter war diesmal noch bekümmerter, denn Bohnen-Manuel tauchte nicht wieder auf. Mit ihren Bauchschmerzen rannte die Ziege über Berg und Tal, aber immer kam sie auch zum Gemüsegarten des armen Bauern. Weil er es letztlich leid war, die Ziege zu verjagen und auch weil er fürchtete, das etwas Böses dahinter steckte, schlug der Vater von Bohnen-Manuel die Ziege tot und warf sie mitten auf die Straße.

 

In der Nacht kam ein Wolf und fraß die Eingeweide der Ziege und so fiel Bohnen- Manuel in den Bauch des Wolfes. Er begann in den Eingeweiden des Wolfs umher zu laufen, und der kletterte vor Schmerzen auf eine Kiefer. In dem Augenblick kamen ein paar Diebe des Wegs, die auf einem Maulesel ritten und mit einigen Säcken Geld beladen waren. Bohnen-Manuel veranlaßte den Wolf von da oben herunter zu springen, so daß er auf dem Boden zerbarst und die Diebe erschreckt die Flucht ergriffen.

 

Sowie Bohnen-Manuel dem Wolf die Eingeweide nach außen gekehrt hatte, kletterte er hervor und stieg an dem Maulesel empor, setzte sich in eines seiner Ohren und begann ihn zu kneifen. Der Maulesel rannte erschrocken davon und er leitete ihn zum Haus seines Vaters, wo er noch bei Nacht ankam und großen Lärm schlug. Man fragte von innen: »Wer ist da?« »Ich bin's, Bohnen-Manuel.« Da erkannte ihn die Mutter und öffnete ihm schleunigst die Tür. Sie umarmte ihn und wusch ihn, und der Vater ging, den Maulesel abzuladen und die Säcke mit dem Geld zu verwahren, und alle waren sehr glücklich.

 

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Das weiße Kaninchen ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, der hatte eine schon große Tochter, die badete sehr gern auf dem Balkon, und sie bat ihre Amme, sie solle ihr eine Schüssel und andere Zutaten bringen, und auch ein Tablett, auf das sie ihre Ringe legen konnte. Da kam ein weißes Kaninchen, das stahl ihr die Ringe und floh. Der Prinzessin bereitete dies Spaß und sie sagte nichts. Sie ging zu ihrer Truhe und steckte andere Ringe an ihre Finger. Das Kaninchen stahl weiterhin, bis die Prinzessin schließlich ohne einen einzigen Ring war. Vorher hatte sie so viele besessen, daß sie jetzt traurig und betrübt war.

 

Dem König tat das sehr leid und er erließ eine Bekanntmachung, daß alle alten Leute herbeikommen sollten, um ihr Märchen und Geschichten zu erzählen, damit die Prinzessin wieder heiter würde. Es kamen viele Personen, aber die Prinzessin blieb traurig. Schließlich kamen zwei alte Frauen, die wußten gar nicht, was sie erzählen sollten. Unterwegs begegneten sie einem Esel ohne Vorder- und Hinterbeine, der mit Holz beladen war. Die Alten gingen dem Esel hinterher, sahen ihn zu einem Haus gehen, das Holz abladen und alles hineinbringen. Da gingen sie die Treppe hinauf und im obersten Stockwerk sahen sie ein paar siedende Kochtöpfe.

 

Eine der Alten steckte den Finger hinein und probierte, und sogleich erscholl eine Stimme, die ihr sagte: »Probiere nicht, denn es ist nicht für dich!« Und die Alte lugte durch das Schlüsselloch und sah ein Kaninchen, das sein Fell auszog und sich in einen Prinzen verwandelte, der sagte: »Könnte ich doch nur die Herrin der Ringe sehen, die ich hier habe!« Die Alten zogen zum Palast und erzählten dort der Prinzessin, was sie gesehen hatten. Dies stimmte, wie man sich denken kann, die Prinzessin sofort heiter, und sie sagte dem König, daß sie sich dies ansehen möchte.

 

Da gingen alle hin, die Alten, die Prinzessin und der König. Sie sahen den Esel wieder das gleiche verrichten und folgten ihm zu dem besagten Haus. Die Prinzessin steckte den Finger in den Topf und probierte. Da hörte man eine Stimme sagen: »Probiere, denn es ist für dich.« Sie wollte durch das Schlüsselloch spähen, da öffnete sich die Tür und das Kaninchen sagte: »Könnte ich doch nur die Herrin der Ringe sehen, die ich hier habe!«

 

Die Prinzessin antwortete: »Die Herrin bin ich.« Da verwandelte sich das Kaninchen in einen Prinzen, denn jene Worte brachen den Zauber, der auf ihm lag. Sie heirateten und waren sehr glücklich, und die beiden Alten wurden Ehrendamen am Hofe.

 

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Mir ist etwas auf den Kopf gefallen! ...

Ein Huhn scharrte einmal auf dem Boden herum, da fiel ihm ein Stückchen Kalk auf den Kopf. Das Huhn erschrak und ergriff die Flucht. Es begegnete einem Hahn, der es fragte: »Wohin läufst du so schnell, Gevatterin?« Das Huhn entgegnete: »Mir ist etwas auf den Kopf gefallen. Es ist der Himmel, der in Stücke zerfällt.« Da floh auch der Hahn zusammen mit dem Huhn. 

 

Sie begegneten einem Schwein, das sich suhlte, und sobald es sie sah, fragte es: »Wohin lauft ihr so schnell?« »Mir ist etwas auf den Kopf gefallen. Der Himmel zerfällt in Stücke.« Da lief auch das Schwein mit ihnen fort. Sie trafen eine Katze, welche sie fragte: »Wohin rennt ihr so schnell?« Das Huhn antwortete: »Mir ist etwas auf den Kopf gefallen. Der Himmel kommt in Stücken herunter.« 

 

Auch die Katze floh mit ihnen, und auf diese Weise begegneten sie einer Ente, einem Fuchs, einer Ziege und einem Schaf, die alle zusammen mit ihnen fort liefen. Schließlich trafen sie einen Hund, der sie fragte: »Wohin geht dieser ganze Pilgerzug?« Das Huhn entgegnete: »Der Himmel fällt in Stücken herunter. Mir ist etwas auf den Kopf gefallen.« Alle anderen Tiere sagten, daß sie nichts gesehen hätten, sondern daß das Huhn es ihnen gesagt hätte. 

 

Da sprach der Hund: »Lauft nicht mehr weiter und bleibt hier unter dem Bett bei meiner Herrin, bis wir sehen, worauf das alles hinausläuft.« So taten sie es. In der Nacht kratzte sich die Alte, weil sie Flöhe hatte, und das Bett knarrte. Aus Furcht, daß der Himmel in Stücken herunter fiel, veranstalteten die Tiere großen Lärm:

 

Das Huhn gackerte,

und der Hahn krähte,

und das Schwein grunzte,

und die Katze miaute,

und die Ente schnatterte,

der Fuchs bellte,

die Ziege meckerte,

das Schaf blökte,

der Hund bellte

und die Alte sagte:

Schlecht soll es dir gehen, Hund,

weil du undankbar bist

für die Wohltaten, die man dir tut.

 

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Heiraten und sich scheiden lassen ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein reicher Bauer hatte eine einzige Tochter, die sehr hübsch war. Eines Nachts, als im Hause schon alles still war, sprach er mit seiner Frau und sagte ihr: »Unsere Tochter ist schon alt genug, um zu heiraten, und wir haben ein hübsches Vermögen, das für sie bleibt. Es ist an der Zeit, daß wir ihr einen tüchtigen Ehemann geben.« »Und wer soll das sein?« fragte die Frau.

 

»Ich habe da schon einen im Auge. Es ist der Sohn des Bauern, der dort am Ende des Dorfes wohnt.« »Der scheint auch mir ein guter Junge zu sein, und ich habe nichts einzuwenden.« Das Mädchen, das noch wach war, hatte alles gehört, und als der Vater und die Mutter am nächsten Tag auf dem Feld waren, um Bohnen zu lesen, setzte sie sich an das Fenster und sagte, als ihr Bräutigam vorüber kam: »Komm herein, Manuel. Weißt du was? Mein Vater will mich mit dir verheiraten.«

 

Der Junge trat in das Haus und sagte: »Auch ich will. Dann wollen wir nicht warten.« Das Mädchen war töricht und fackelte nicht lange. Als der junge Mann gegangen war, trug das Mädchen das Abendessen zum Feld und sagte voller Freude: »Vater, ich habe den Sohn des Bauern vom Ende des Dorfes schon geheiratet!«


Der Vater wunderte sich und sowie er erfuhr, was vorgefallen war, fing er vor Verzweiflung an zu schreien und wollte sie schlagen.

 

Am nächsten Tag setzte sie sich ganz traurig ans Fenster, und sobald sie den Jungen vorüber kommen sah, rief sie ihm zu: »Komm herein, Manuel. Meinem Vater gefällt unsere Heirat nicht, da ist es nötig, daß wir wieder voneinander scheiden.« »Dann laß uns nicht lange warten. Auf gleiche Weise, wie die Dinge miteinander verbunden werden, werden sie voneinander wieder gelöst.«

 

Wieder trug das Mädchen das Abendessen auf das Feld und erzählte alles seinem Vater und sagte, daß sie schon wieder geschieden sei. Die Verzweiflung des Vaters war noch größer, und diesmal gab er ihr eine tüchtige Tracht Prügel. Als er zu dem Bauern ging, um wegen der Verheiratung seiner Tochter mit ihm zu sprechen, hatte der Junge sich schon in eine andere verliebt und die Hochzeit war schon festgesetzt. Das Mädchen war weder traurig noch froh und erwartete den Hochzeitstag.

 

Nun war es in jener Gegend Sitte, daß man im Hause des Trauzeugen ein Essen gab, bevor die Brautleute sich vermählten. Als man bei Tisch saß, erschien das Mädchen, das sich hatte scheiden lassen; sie war mit allem Gold, das sie besaß, geschmückt, ergriff ein Glas und brachte folgenden Trinkspruch aus:

 

Ich trinke auf den Bräutigam,
der sich verheiratet
und wieder scheiden läßt.

 

Und bei jeder Gelegenheit wiederholte sie dies. Die Braut, die das vernahm, fragte den Jungen, was das bedeutete. Er erzählte ihr alles und da sagte sie: »Sie ist wirklich ziemlich töricht, nicht wahr? Ich trage unter dem Herzen ein Kind von unserem Abt., und weder mein Vater, noch meine Mutter wissen davon.«

 

Der junge Mann kam da gerade noch rechtzeitig zur Besinnung und sagte zu den Gästen: »Meine Herrschaften, ich möchte Ihnen eine Frage stellen. Soll der, der einen goldenen Schlüssel besaß und sich, als er diesen verlor, eines silbernen bediente, den goldenen Schlüssel fort werfen, wenn er ihn wiederfindet?«

 

Die Gäste antworteten: »Eher soll er den goldenen Schlüssel behalten.« »Nun, genau das will ich tun.« Und der Sohn des Bauern ging zur Tür hinaus und vermählte sich mit dem unschuldigen Mädchen, über das die andere gespottet hatte.

 

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Der Blinde und der Spartopf ...

Es war einmal ein Blinder, der hatte beim Betteln eine stattliche Anzahl Münzen zusammengebracht. Damit sie ihm niemand stahl hatte er sie in einen Kochtopf getan, den er im Garten unter einem Feigenbaum vergraben hatte. Er kannte die Stelle und wenn er wieder ein hübsches Sümmchen beisammen hatte, grub er den Topf aus, zählte alles und versteckte seinen Schatz wieder. 

 

Ein Nachbar beobachtete ihn einmal dabei und sah, wo er den Topf vergrub, ging hin und stahl alles. Als der Blinde das Fehlen seines Geldes bemerkte, blieb er lange Zeit stumm, aber er grübelte darüber nach, ob er nicht eine List fände, sein Geld wieder zu erlangen. Er überlegte, wer wohl der Dieb sein könnte, und es stand für ihn fest, daß es nur ein Nachbar gewesen sein konnte. 

 

Er versuchte ein Gespräch anzuknüpfen und sagte: »Schaut, mein Freund, ich will Euch ganz unter uns etwas sagen, daß niemand etwas hört.« »Nun, worum geht's, Herr Nachbar?« »Ich bin krank, und wie man lebt, so muß man auch sterben. Darum will ich Euch davon in Kenntnis setzen, daß ich ein paar Geldstücke in einem Topf direkt unter dem Feigenbaum in meinem Garten eingegraben habe. Da ich keine Verwandten habe, werdet Ihr selbstverständlich alles erben, der Ihr ein so guter Nachbar wart und mich so gut behandelt habt. Ich habe aber in einem Loch noch ein paar Geldstücke und möchte für alle Fälle alles zusammen aufbewahren.« 

 

Der Nachbar hörte dies und dankte ihm sehr für seine gute Absicht, und in jener Nacht machte er sich sogleich daran, den Topf mit dem Geld unter dem Feigenbaum wieder einzugraben, um zu sehen, ob er nicht auch die restlichen Geldstücke des Blinden bekommen könnte. Als ihm der rechte Zeitpunkt gekommen schien ging der Blinde zu der Stelle, fand den Topf, nahm ihn mit nach Haus und erhob dann gegenüber dem Nachbarn ein großes Wehgeschrei: 

 

»Man hat mir alles gestohlen, man hat mir alles gestohlen, Herr Nachbar!« Und in Zukunft bewahrte er sein Geld an einem Platz auf, wo niemand es finden konnte, so gerissen er auch war.

 

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Der Geizhals ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gab an einem Ort einen sehr reichen Mann, doch wollte keine Frau ihn heiraten, da er sehr geizig und ein Pfennigfuchser war. Ein Mädchen, das klüger war als die anderen, gestattete, daß er sich mit ihr unterhielt, und als er um ihre Hand anhielt, willigte sie sofort ein.

Der Alte war zufrieden, sagte aber: »Kind, ich will nicht, daß du dir falsche Vorstellungen machst. Sieh, in meinem Haus wird kein Feuer angezündet, und ein Vintém reicht für alle Ausgaben der Woche. Bedenke, was du tust!« Das Mädchen, das sein Wort gegeben hatte, besann sich nicht anders, und sie heirateten. Der Alte öffnete seine Geldbörse nicht einen Spalt weiter, gab die Kastanien abgezählt und trocknete das Brot in der Sonne, damit es härter wurde und man weniger davon aß.

Aber das Mädchen war schlau und aß heimlich. Sie hatte ein Versteck gefunden, wo der Alte ziemlich viel Geld aufbewahrte, und kaufte Hühner, rupfte sie und hob die Federn in einer Truhe auf, damit der Alte es nicht bemerkte. So trieb sie es fort und war dick und rosig. Der Alte, der verdorrte und nur noch Haut und Knochen war, wunderte sich über das, was er sah, und sagte: »Es geht dir wirklich recht gut in meinem Haus. Sieh, die Suppen deines Vaters haben dich nie so fett gemacht.«

Das Mädchen ekelte der Geiz des Alten an, sie konnte nicht mehr an sich halten und erwiderte: »Ihr seid wirklich der Vater des Elends. Hätte ich nur gegessen, was Ihr mir gebt, wäre ich schon mehr als einmal gestorben. Wollt Ihr wissen, was mir diese rosige Farbe gibt? Schaut in diese Truhe.« Und sie öffnete eine große Kiste, die bis zum Rand mit Hühnerfedern gefüllt war. »Das habe ich alles aufgegessen.«

Als der Alte das sah, bekam er einen Anfall und fiel um. Man brachte ihn ins Bett, und auf die Schreie der Frau hin, die so tat, als wehklagte sie, kamen die Nachbarn. Wie sie das Zimmer betraten sprach der Alte noch, aber er wiederholte nur die letzten Sätze, die er gehört hatte: »Alles ... meine Frau ... sie ißt ... meine Frau ... alles.«

Da sagte sie zu den Nachbarn: »Ihr seid die Zeugen, daß mein Mann sagt, er vermache alles seiner Frau.« Der Alte starb mit schiefem Mund und die Frau bekam alles, was es im Hause gab, die Verwandten des Alten aber gingen leer aus.

 

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Die essende Statue ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einer Kirche gab es eine Marmorstatue, deren Mund geöffnet war. Ein paar Männer unterhielten sich neben ihr, und einer sagte: »Diese Statue steht schon so viele Jahre mit offenen Mund da, ohne daß jemand ihr zu essen gegeben hätte.« »Nun, wenn sie essen will, soll sie in mein Haus kommen.« Der, der dies gesagt hatte, war sehr arm.

 

Als er abends nach Haus gekommen war, klopfte es an die Tür und es war die Statue, welche sagte, sie sei hergekommen, um mit ihm zu Abend zu essen. Der Mann war ein wenig verwirrt und entgegnete wahrheitsgemäß, daß er nichts zu essen hätte, da er sehr arm sei. »Dann geh' in die Welt hinaus und bettle bis du mir zu essen geben kannst.« Mit diesen Worten entfernte sich die Statue, und der arme Mann hatte keine Ruhe mehr und ging in die Welt hinaus, um zu betteln.

 

Nach einiger Zeit war er sehr reich und kam wieder in seine Heimat, suchte sein Haus und sah an dessen Stelle andere Häuser, doch alle sagten, sie könnten sich nicht daran erinnern, daß an der Stelle Bauarbeiten durchgeführt worden wären.

 

Er ging in die Kirche und sah da die Statue, die er eingeladen hatte, noch an ihrem Platz, und als er sich ihr näherte sah er, daß ihr Mund noch immer geöffnet war, und er dachte bei sich: »Es ist schon so lange her, daß ich sie eingeladen habe, daß sie mich nicht mehr kennt.«

 

Und als er noch näher trat, hörte er, wie die Statue sagte: »Ich kenne dich wohl, und nun, wo du reich bist wirst du mit mir essen gehen.« Und sie stürzte auf ihn nieder und tötete ihn.

 

Portugal, T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez

 

Die Rätselsprüche ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein König wollte den Scharfsinn von drei Ratgebern, die in seinen Diensten standen, auf die Probe stellen. Als er mit ihnen spazierenging begegnete er einem alten Mann, der sein Feld bestellte, und grüßte ihn: »Viel Schnee liegt im Gebirge!« Mit heiterer Miene antwortete der Alte: »Ja, Herr, es ist Zeit dafür.« Die Ratgeber schauten einander verdutzt an, denn es war Sommer, und sie verstanden nicht, was der König und der Alte mit ihren Reden meinten.

 

Der König stellte dem Alten eine weitere Frage: »Wie oft ist dein Haus abgebrannt?« »Schon zweimal, Herr.« »Und wie oft, meinst du, wirst du gerupft?« »Noch dreimal.« Die Verblüffung der Ratgeber war noch größer, und der König sagte zu dem Alten: »Wenn hier drei Enten vorüberkommen, dann rupfe du sie.« (Anmerkung: pato = Ente heißt im Portugiesischen auch Einfaltspinsel, Dummkopf) »Da Ihr es befehlt, königlicher Herr, werde ich sie rupfen.«

 

Der König setzte seinen Weg fort und spottete über die Weisheit der Ratgeber, und er sagte ihnen, daß er sie aus seinem Dienst entlassen würde, wenn sie ihm die Unterhaltung, die er mit dem alten Mann geführt hatte, nicht erklären könnten. Um sich als kluge Köpfe aufzuspielen suchten sie den Alten auf, damit er ihnen das Gespräch erklärte; der Alte antwortete ihnen: »Ich erkläre alles, aber nur, wenn Ihr Euch auszieht, und mir die Kleider und das Geld gebt, was Ihr bei Euch tragt.«

 

Sie hatten keine andere Wahl als zu gehorchen. Da sagte der Alte: »Gebt acht: 'Viel Schnee liegt im Gebirge.' bedeutet, daß ich den Kopf voll weißer Haare habe. 'Es ist Zeit dafür' bedeutet, daß ich das Alter dafür erreicht habe. 'Wie oft mein Haus abgebrannt ist?' weil es im Sprichwort heißt: 'Wie oft ist dein Haus abgebrannt? So oft ich eine Tochter verheiratet habe.' Und da ich schon zwei Töchter verheiratet habe, weiß ich, was das kostet. 'Und wie oft ich gerupft zu werden meine?' bezieht sich darauf, daß ich noch drei ledige Töchter habe und man für gewöhnlich sagt:

 

Wer eine Tochter verheiratet,
der wird gerupft.

 

Nun, und die drei Enten, die mir der König schickte, das seid Ihr, die Ihr Euch ausgezogen habt und mir Eure Kleider gegeben habt, damit ich Euch alles erkläre.«

 

Die Ratgeber des Königs wollten ärgerlich weggehen, als der König erschien und ihnen sagte, wenn sie wieder gekleidet in den Palast zurückkehren wollten, müßten sie sich verpflichten, dreimal eine reichliche Mitgift für die Hochzeit der anderen drei Töchter des alten Bauern zu geben.

 

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Die fünf Berufe ...

Vor langer Zeit ließ ein Bauer seinen fünf Söhnen das Lesen beibringen, und nachdem sie für den Lebenskampf gerüstet waren, suchte er zu erfahren, welche Laufbahn sie einschlagen wollten. Der Älteste sagte: »Ich möchte nur befehlen und die Leute nach meinen Anweisungen herumkommandieren.« »Nun gut, dann wirst du Soldat werden, damit du es zum Befehlshaber bringst und die Truppe kommandierst.« 

 

»Und möchte lernen, wie man den Leuten das Fell über die Ohren zieht.« »Ja, ich verstehe dich, du möchtest die Rechte studieren. Du wirst Advokat werden und dich mit Streitfällen auseinandersetzen und deine Mandanten beraten.« 

 

»Was mich anbetrifft, so wäre es mir nützlich zu wissen, wie man Leute ohne Verbrechen umbringt.« »Dann wirst du Medizin studieren, wenn dies deine Berufung ist.« 

 

Und seinen vierten Sohn ansehend, der mit törichtem Lächeln da stand, fragte der Bauer: »Sag' welcher Beruf dir am besten gefällt, damit ich dich auf den rechten Weg bringe.« »Ach Vater, ich würde gern die Kunst verstehen, gut zu essen und ein schönes Leben ohne die Mühen der Arbeit zu führen.« »Du hast das Zeug zum Kirchenmann. Du wirst einen ausgezeichneten Priester abgeben.« 

 

Der fünfte Sohn war schon ganz ungeduldig, und noch bevor er die Frage hörte, sagte er entschlossen: »Was mich betrifft, so laß mich einen Beruf ergreifen, der viel Geld einbringt.« »Der viel Geld einbringt? Erklär' genauer, was du meinst, mein Sohn.« »Einen Beruf, der viele Güter zusammenbringt und bei dem man immer lügt.« »Jetzt verstehe ich, was du meinst. Du wirst ein reicher Kaufmann.«

 

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Die Stimmen der Tiere ...

Das Schaf, der Hahn, das Schwein, die Katze, die Ente und der Truthahn unternahmen eine Reise, und vor einem Unwetter zogen sie sich in eine Hütte zurück, aus der ein Lichtschein fiel. Es war niemand da, und das Schwein ging in den Schweinestall, das Schaf und die Ente ließen sich hinter der Tür nieder, die Katze kauerte sich beim Herd zusammen und der Hahn und der Truthahn setzten sich auf den Dachsparren. 

 

Bei fortgeschrittener Nacht kamen die Wölfe, denn ihnen gehörte das Haus, und einer ging zum Herd, um nachzusehen, ob noch Glut da war, doch die Katze zerkratzte ihm die Schnauze. Der Wolf begann zu heulen und alle anderen wollten ihm zu Hilfe eilen, doch das Schwein biß einen ins Bein, das Schaf versetzte einem anderen einen Stoß, der Hahn fing an, zu krähen, die Ente, zu schnattern, und die Wölfe ergriffen die Flucht und versammelten sich erst in weiter Ferne wieder. 

 

Einer sagte: »Laßt uns hingehen und nachsehen, was da von unserem Haus Besitz ergriffen hat.« »Ich gehe nicht hin, denn dort war ein Wollkämmer, der mir mit den Karden das Maul gekämmt hat.« (Das war die Katze.) »Und was mich betrifft, so bin ich dort auf einen Schmied gestoßen, der mir mit einer Eisenstange auf die Schienbeine geschlagen hat.« (Das war das Schaf.) »Ich kehre auch nicht dorthin zurück, denn jener Schmied hat mich an einem Bein mit einer Zange gepackt.« (Das war das Schwein mit seinem Gebiß.) »Ich bin noch einmal davongekommen, aber ich habe gehört, wie einer schrie:

 

Kikerikein, kikerikein,

ich schlag' alles kurz und klein.

 

Das ist wahr, und ein anderer schrie: Verschlingt sie, verschlingt sie«

»Richtig, und irgendetwas sagte dort: Habe Ruh', habe Ruh'«

Die Wölfe aber mochten in jenes Haus nie mehr zurückkehren, denn wer sich vorsieht, vermeidet viele Gefahren.

 

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Der Ursprung der Wildschweine ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Christus und der Heilige Petrus auf ihrer Wanderschaft durch die Welt nach den Dingen sahen und sie beurteilten begegneten sie auf weiter Flur vier fett glänzenden kleinen Ferkeln. »Ach, die Ärmsten sind hier ganz verloren.« »Kümmere dich um sie, Petrus, denn wahrlich ich sage dir, sie haben keinen Herrn. Laß sie in irgendeinem Weiler, auf den wir unterwegs stoßen, auf halbpart großziehen.«

Der Heilige Petrus, der immer auf der Hut war, gedachte des Sprichwortes »Wenn man dir ein Ferkel gibt, so binde es gleich an«, und berührte die vier Spanferkel mit einem Zauberstab. Sie gelangten zu einem Anwesen, wo eine Frau an der Tür stand, und der Heilige Petrus schlug ihr den Handel vor. »Kümmert Euch um diese Tierchen und versorgt sie, und wenn wir in einem Jahr hier vorüberkommen, dann wollen wir sie unter uns aufteilen.«

Die Ferkelchen wuchsen heran und wurden fett, und auf dem Markt brachten sie schon einen großen Gewinn ein. Da war ein Jahr herum und die beiden Wanderer kamen wieder des Wegs. Sobald die Bäuerin sie erblickte, verbarg sie die zwei dicksten Schweinchen im Schweinestall. Der Heilige Petrus betätigte den Türklopfer und die Frau trat heraus.

»Hier sind zwei hübsche Schweine. Die beiden anderen bekamen einen Anfall und starben.« Da wandte der göttliche Meister die Augen von der Frau und sprach folgendes Urteil:

So werden nur die zwei, die hier sind,
dir und uns gehören.
Und die, die du dort eingeschlossen hast,
sollen durchs Gebirge streifen
und in wilde Tiere verwandelt werden.

 

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