MÄRCHEN AUS GROSSBRITANIEN, IRRLAND, SCHOTLAND II ...

VERZEICHNIS

 

"Jack Hannaford"

"Deidre von den Schmerzen"

"Die verheiratete Meermaid"

"Wo König Arthur schläft"

"Einion und die Dame vom Grünen Wald"

"Pwyll, Prinz von Dyved"

"Die drei Witwen"

"Tom der Reimer"

"Der Königssohn und der Tod"

"Die blaue Mütze"

"Magdalenchen und Kati" 

"Binnorie"

"Der Robbenfänger und die Meerleute"

"Dermot mit dem Liebesfleck"

"Goldlöckchen und die drei Bären" 

 

Goldlöckchen und die drei Bären

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein sehr ungezogenes kleines Mädchen, das Goldlöckchen hieß. Eines Tages rief die Mutter nach Goldlöckchen, weil sie wollte, dass das Kind ihr in der Küche helfen sollte. Goldlöckchen aber tat so, als hörte sie nichts, und ging heimlich in den Wald, um einen Spaziergang zu machen. Das tat sie öfter, wenn sie nicht gehorchen wollte.

 

An diesem Tag nahm sie einen neuen Weg, und bald schon kam sie zu einer gemütlichen kleinen Hütte. Die Tür stand einen Spalt offen, und weil sie neugierig war, trat sie einfach ein. Innen war die Hütte so nett und einladend wie außen. Goldlöckchen ging in die Küche und war sehr erfreut, als sie auf dem Tisch drei Schüsselchen mit Brei entdeckte, denn sie war hungrig nach dem Spaziergang.

 

Zuerst kostete sie aus der größten Schüssel. "Uh", sagte sie, "das ist viel zu heiß!", und spuckte den Brei einfach wieder aus. Dann versuchte sie es mit der mittelgroßen Schüssel. "Uh", schrie sie, "das ist viel zu kalt". Du kannst dir bestimmt vorstellen, was sie dann tat. Schließlich kostete Goldlöckchen aus der kleinsten Schüssel. Da sagte sie nichts mehr, denn sie war zu beschäftigt damit, alles aufzuessen. Der Brei war nämlich genau richtig.

 

Als sie fertig war, wollte sie sich ein bisschen hinsetzen. Im Wohnzimmer waren drei Stühle. Zuerst setzte sie sich auf den größten, stand aber gleich wieder auf. "Dieser Stuhl ist viel zu hart!", meckerte sie laut. Dann setzte sie sich auf den mittelgroßen Stuhl, doch auch der passte ihr nicht: "Dieser Stuhl ist viel zu weich!", beklagte sie sich. Schließlich setzte sich das Mädchen auf den kleinsten Stuhl, und darauf fühlte sie sich rundum wohl.

 

Doch dann knackste es und krachte es, und mit einem kräftigen Plumps landete Goldlöckchen unsanft auf dem Boden. Sie war viel zu schwer für den kleinen Stuhl, deshalb war er einfach zusammengebrochen. "Jetzt muss ich mich aber ausruhen", murmelte Goldlöckchen und stieg die Treppe hoch ins Schlafzimmer. Dort standen drei Betten mit einladendem Bettzeug.

 

Zuerst stieg Goldlöckchen ins größte Bett und sprang auf der Matratze auf und ab. "Dieses Bett taugt nichts!", rief sie. "Es ist zu hart zum Springen und zu hart zum Schlafen." Das mittlere Bett gefiel ihr ebenfalls nicht, denn es war zu weich. Schließlich versuchte Goldlöckchen es mit dem kleinsten Bett, und es war einfach perfekt. Bevor sie über etwas meckern konnte, war sie schon tief eingeschlafen.

 

Die drei Bären aber, denen die gemütliche Hütte gehörte, hatten sie nur kurz verlassen, um vor dem Frühstück einen kleinen Spaziergang zu machen. Als sie heimkehrten, gingen sie zuerst in die Küche und sahen gleich, dass hier etwas nicht stimmte. "Wer hat meinen Brei gegessen?", brummte Vater Bär mit tiefer Stimme. "Wer hat meinen Brei gegessen?", fragte Mutter Bär ärgerlich. "Und wer hat meinen Brei gegessen?", quiekte Baby Bär mit seinem hohen Stimmchen. "Es ist nichts mehr da!"

 

Verärgert gingen die drei Bären ins Wohnzimmer. "Jemand hat auf meinem Stuhl gesessen!", brummte Vater Bär bedrohlich. "Jemand hat auch auf meinem Stuhl gesessen!", bemerkte Mutter Bär. "Auf meinem Stuhl hat jemand gesessen und hat ihn gleich ganz kaputt gemacht"', weinte Baby Bär.

 

"Kommt mit!", befahl Vater Bär entschlossen und schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinauf. "Wie ich es mir gedacht habe", sagte er, "jemand ist auf meinem Bett herumgesprungen!" "Auf meinem Bett auch", sagte Mutter Bär. "In meinem Bett hat jemand geschlafen!", quiekte Baby Bär, "und schaut mal, er ist immer noch drin!"

In diesem Augenblick wachte Goldlöckchen auf.

 

Sie sah, dass drei sehr ärgerliche Bärengesichter auf sie herabblickten, und sprang aus dem Bett. Schwuppdiwupp war sie die Treppe hinunter, zu Tür hinaus und in den Wald gerannt, noch bevor jemand "Wer ist denn das?" fragen konnte.

 

Natürlich wagte sich Goldlöckchen nie wieder in die Nähe der Bärenhütte. Einige Leute sagen, dass sie danach ein braves kleines Mädchen geworden sei, aber ich bin da nicht so sicher. Du vielleicht?

 

Quelle: (Märchen aus England)

Dermot mit dem Liebesfleck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da waren einst vier Gefährten: Dermot O'Dyna, Conan, Osgar und Goll. Sie waren stark und klug und kampferprobt, und alle vier gehörten zur Fianna, zu den Männern des großen Fin McCool.


Einmal waren die vier auf der Jagd. Sie jagten, bis es dunkel wurde, dann fing es auch noch zu regnen an. Nun mochten sie nicht die ganze Nacht trübsinnig unter triefenden Bäumen hocken, also sahen sie sich um, ob nicht in der Nähe ein Strohdach auf sie wartete.

 

So kamen sie in ein schmales Tal, das keiner von ihnen je betreten hatte, dort sahen sie Rauch aufsteigen aus dem Schornstein einer einsamen Hütte. Dermot stieß den Ruf der Freundschaft aus, um den Bewohnern der Hütte zu zeigen, dass sie nicht in böser Absicht kämen. Da trat ein alter Mann aus der Hütte, er begrüßte die Männer freundlich und hieß sie willkommen für die Nacht. So traten sie über die Schwelle ans hell lodernde Feuer.

 

Der Alte wohnte nicht allein in der Hütte. Bei ihm war ein junges Mädchen, kupferrot war ihr Haar, rund und schön waren ihre Brüste, und auf ihren Lippen lag ein Lächeln, zärtlich und lockend, das ließ die Männer die Augenbrauen heben. Und ein mächtiger Hammel lag ruhig und schwer in einer Ecke und glotzte die Gäste aus großen dummen Augen an. Und eine schwarze Katze lag zufrieden schnurrend an der Feuerstelle.

 

Das Mädchen hängte nun einen großen Kessel übers Feuer, stellte vier hölzerne Schalen auf den weißgescheuerten Tisch in der Mitte des Raumes und legte vier Löffel dazu. Die Männer setzten sich um den Tisch, das Mädchen brachte den Topf mit der würzigen dampfenden Bohnensuppe. «Greift zu», sagte sie, dann ging sie mit dem Alten in den Nebenraum, um dort das Nachtlager zu richten. Doch gerade wie die Männer Suppe schöpfen wollten, sprang der Hammel mit einem Satz mitten auf den Tisch, aber so geschickt, dass er weder Topf noch Teller umstieß, und sein scharfer Geruch war stärker als der Duft der Suppe.

 

Ärgerlich wollten die Gefährten den Hammel vom Tisch herunterstoßen, doch der wehrte sich, stieß um sich und schlug so kräftig aus, dass die Männer taumelten und zu Boden fielen. Endlich glückte es Goll, das Tier vom Tisch zu werfen, aber das sollte den Gefährten schlecht bekommen. Denn bis jetzt hatte der Hammel nur mit ihnen gespielt. Nun aber wurde er böse und teilte so harte Stöße aus, dass die vier stolzen Fianna-Helden im Handumdrehen auf dem Rücken lagen.

 

Und dann stellte der Hammel dem Goll auch noch die Vorderbeine auf die Brust. Da kam der Alte aus dem Nebenraum. «O weh,» sagte er, «wie ich sehe, ist es euch schlecht ergangen. Katze, warum hast du das zugelassen? Komm, binde den dummen Hammel fest, dass er kein Unheil mehr anrichten kann.» Da sprang die Katze, die wie schlafend am Kamin gelegen hatte, mit einem Satz dem Hammel ins Genick, krallte sich fest in sein Ohr und lenkte ihn in seinen Winkel zurück, dort band sie einen Strick um seine Hörner, so dass er sich nicht mehr rühren konnte.

 

Die Männer erhoben sich stöhnend, ächzend und fluchend. «Wir können nicht länger bei Euch bleiben,» sagte Dermot. «Noch nie sind wir so erniedrigt worden - und das vor den Augen eines schönen Mädchens. Habt Dank für eure Gastfreundschaft. Doch Euer Haus muss verhext sein. Und wir sind wohl nicht Manns genug, diesen Zauber zu brechen. Lieber schlafen wir draußen in Nacht und Nässe, als dass wir uns noch einmal so demütigen lassen!»

 

Der Alte hob die Hand und lachte leise: «Ihr braucht euch nicht zu schämen, Männer. Kein gewöhnlicher Hammel hat euch zu Boden geworfen, und auch die Katze, die ihn zähmte, was euch nicht gelang, ist kein gewöhnliches Tier. Bleibt also, das wird eurem Ruf nicht schaden.» «Ja, bleibt», sagte auch das Mädchen, und sie blickte Dermot mit ihren Sternenaugen an. Dermot senkte den Kopf. Der Macht dieser Augen war so schwer zu widerstehen wie dem Hammel.

 

Doch Goll blieb zornig: «Nein, nein, mit ein paar guten Worten und einem schönen Blick ist unsere Schande nicht getilgt. Wir müssen wissen, wer das ist, vor dem unsere Kraft so erbärmlich versagt hat!» «Nun, lieber hätte ich es euch verschwiegen », sagte der Alte, «aber wenn ihr so schwer gekränkt seid. Nur hoffe ich, dass euch die Wahrheit nicht noch mehr erschreckt.

 

Der Hammel, dem selbst vier Fianna-Helden nicht widerstehen können - das ist die Welt. Ihr unterlegen zu sein, dafür muss sich niemand schämen. Die Katze freilich ist noch stärker als die ganze Welt; die Katze nämlich ist - der Tod.» «Der Tod!?» rief Dermot, «schnell, Männer, lasst uns gehn!» «Fürchtet euch nicht», sagte der Alte, «nirgends seid ihr sicherer vor dem Tod als in meinem Haus. Solange ihr unter diesem Dach seid, schläft der Tod. Also kommt, es ist spät, ich zeige euch euer Lager.

 

Es gibt nur drei Räume unter diesem Dach. Dort hinten stehen die Schafe. Hier, am großen Feuer, schlafe ich, der Herr des Hauses. Wir haben euch im dritten Raum ein Strohlager bereitet, da, wo auch das Bett meiner Tochter steht. Vier stolzen Fianna-Helden kann ich gewiss die Ehre eines jungen Mädchens anvertrauen. Kommt jetzt, ihr werdet müde sein.»

 

Da legten sich die vier Gefährten ins Stroh, doch keiner von ihnen schlief ein. Was wären das auch für Männer gewesen, wenn sie die Nähe eines schönen Mädchens nicht wachgehalten hätte. Als dann das Mädchen ins nachtschwarze Zimmer trat und ihre Kleider ablegte, da ging ein weiches Licht von ihr aus. Die Männer hielten sich ganz still, jeder hoffte, dass die andern bald einschlafen würden.

 

Goll war der erste, der dem Verlangen nicht mehr widerstehen konnte. Leise schlich er zum Bett des Mädchens und flüsterte in ihr Ohr: «Lass mich zu dir, schöner Glanz. Ich will, dass du mein wirst. Ohne deine Liebe finde ich keinen Schlaf.» Das Mädchen sah ihn an mit ihren weichen lockenden Augen: «Einmal habe ich dir gehört, Goll, doch nie nie wieder wird es geschehn. Leg dich wieder hin.» Zähneknirrschend tappte Goll zurück und grub sich ins Stroh.

 

Eine Weile war es still, dann versuchte Osgar sein Glück. Doch kaum war er an das Bett des Mädchens gekommen, da hörte er ihre Stimme: «Auch dich kann ich nicht lieben, Osgar. Einmal bin ich deine Liebste gewesen. Aber das ist vorbei und kommt nie wieder.» Nicht lange, dann schlich auch Conan an ihr Bett: «Schönste Feenprinzessin,» flüsterte er, «niemand belauscht uns. Und du bist schön wie eine Wolke, die die Morgensonne rötet. Sei mein, und ich werde dein Lob bis an mein Lebensende singen!»

Aber sie wies auch ihn ab: «Conan, dein Lob brauch' ich nicht. Ich bin wie ich bin, ob du mich lobst oder nicht. Doch nachdem ich dir einmal gehört habe, mag ich dich nicht mehr.» Verwirrt kroch Conan zurück zu seinem sein Lager. Was sonst sollte er auch tun? Liebe lässt sich nicht erzwingen. Dermot war auch noch wach und hatte alles gehört. Wenn sie die andern abgewiesen hat, dachte er, so kann ich mir vielleicht Hoffnung machen.

 

Er schlich zu ihrem Bett, und was er dort sah, verschlug ihm den Atem: das Mädchen hatte sich aufgerichtet, um ihren Leib war nichts als kupferrotes Haar, im Dunkeln leuchtete ihre helle Haut, und sie streckte ihre Arme nach ihm aus: «Dermot, mein Liebster, mein Schönster. Wie sehr hab' ich auf dich gewartet, wie gern schliefe ich mit dir. Doch auch dir kann ich nicht gehören, niemals kehre ich zu dem zurück, der mich einmal besessen hat. Denn ich bin die Jugend. Aber dich liebe ich, Dermot, und es fällt mir schwer, dich wegzuschicken. Du sollst nicht gehen ohne ein Zeichen meiner Liebe. Komm, neig' dich herab zu mir.»

 

Dermot gehorchte, da strich das Mädchen ihm zärtlich über die Stirn: «Nun habe ich dich gezeichnet, Liebster. Nun wird dich kein Mädchen, keine Frau mehr ansehen können ohne dich zu lieben. Und jetzt geh, Dermot, und lass mich allein.» Sie beugte sich zurück, ihr Licht erlosch und Dermot tastete sich durch das Dunkel zurück zu seinem Lager.

 

Doch er fand keinen Schlaf mehr in dieser Nacht. Fortan aber konnte kein Mädchen, keine Frau dem Dermot widerstehen. Wenn er die Mädchen nur ansah, so fielen sie ihm zu so wie das Gras vor der Sichel fällt. Und darum hieß Dermot O'Dyna seit jener Nacht «der mit dem Liebesfleck».

 

Quelle: (Frederik Hetmann: Irischer Zaubergarten. Märchen, Sagen und Geschichten von der grünen Insel)

 

Der Robbenfänger und die Meerleute

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An der Nordküste von Schottland lebte in einer kleinen Hütte ein Mann, der Fischfang trieb, vor allem aber Robben fing. Deren Felle wurden ihm gut bezahlt. Die Tiere kamen in großer Zahl aus dem Meere und legten sich auf die Felsen bei seinem Hause in die Sonne. So war es nicht schwer, ihnen beizukommen. Einige darunter fielen durch ihre Größe auf, und manche meinten, das seien überhaupt keine Robben, sondern Wassermänner und Meerfrauen, die auf dem Grunde der See wohnten. Aber der Robbenfänger lachte nur darüber und sagte, gerade damit mache man das beste Geschäft: je größer die Tiere, desto größer die Felle und um so höher die Preise.

 

Eines Tages hatte er beim Jagen ein Missgeschick. Das Tier, nach dem er stieß, entglitt ihm mit lautem Geheul ins Wasser mitsamt dem Jagdmesser, das in ihm steckte. Als er verdrießlich nach Hause ging, kam ein Fremder daher geritten, der noch ein zweites Pferd mit sich führte. Er hielt den Robbenfänger an und sagte, er sei von jemand abgeschickt, der mit ihm einen Handel über eine Anzahl Seehundsfelle schließen wolle, und ob er mit ihm zu dem Auftraggeber gehe: es müsse aber sofort sein. Der Robbenfänger freute sich. Da war ein guter Handel in Aussicht, der konnte den Verlust mehr als wett machen. Er willigte also ein, bestieg das zweite Pferd, und der Fremde ritt mit ihm so geschwind los, dass der Wind, der, wie der Fischer wusste, doch vom Rücken her kam, ihm ins Gesicht zu blasen schien. Mit einemmal hielt der Fremde an, sie standen an einem Felsenhang, der in die See hineinragte und steil abstürzte.

 

"Hier ist es", sagte der Führer, packte dabei den Fischer mit übernatürlicher Kraft und stürzte sich ohne weiteres mit ihm gerade ins Meer hinein. Der Robbenfänger dachte schon, jetzt sei es aus mit ihm, da merkte er zu seinem Erstaunen, dass sich etwas mit ihm verändert hatte. Mitten im Wasser konnte er ganz leicht atmen, und dabei sanken sie immer tiefer und so schnell, wie sie vorher zu Land durch die Luft gesaust waren. Sie waren - er wusste nicht wie tief - hinab getaucht, da kamen sie auf dem Grunde an ein großes gewölbtes Tor, das schien aus rosenroten Korallen gemacht und war besetzt mit Herzmuscheln. Es öffnete sich von selbst, und sie traten in einen großen Saal, dessen Wände aus Perlmutt waren und dessen Boden aus glattem, festem Seesand bestand.

Der Saal war voll von Gästen, lauter Robben, aber sie sprachen und zeigten an ihrem gebaren, dass sie wie Menschen empfanden. Sie schienen alle sehr traurig zu sein, bewegten sich lautlos durch den Saal, sprachen leise miteinander oder lagen schwermütig auf dem Sandboden und wischten sich mit ihren weichen felligen Flossen große Tränen aus den Augen.


Der Robbenfänger wandte sich zu seinem Begleiter und wollte ihn fragen, was das alles bedeutete - da sah er zu seinem Schrecken, dass der ebenfalls die Gestalt eines Seehundes angenommen hatte. Noch mehr entsetzte er sich aber, als er nun gewahr wurde, dass auch er selber nicht mehr den Menschen ähnlich, sondern in einen Seehund verwandelt war. Ganz benommen und verzweifelt war er bei dem Gedanken, dass er nun sein Leben lang in dieser schauderhaften Gestalt bleiben müsse.

 

Jetzt zeigte ihm sein Führer plötzlich ein langes Messer und fragte ihn: "Hast du das schon einmal gesehen?" Er erkannte sein eigenes, womit er am Morgen den Seehund getroffen hatte. Er erschrak so sehr, dass er auf sein Gesicht fiel und um Gnade bat. Er dachte nicht anders, als dass sie Rache an ihm nehmen und ihm ans Leben gehen wollten. Statt dessen aber umringten sie ihn und rieben ihre weichen Nasen an seinem Fell, um ihm zu zeigen, wie gut sie es mit ihm meinten, und baten ihn gar sehr, er solle nur ruhig sein; es würde ihm nichts geschehen und sie würden ihn ihr ganzes Leben lang lieben, wenn er nur täte, was sie von ihm verlangten. Sein Führer brachte ihn in einen Nebenraum. Da lag ein großer brauner Seehund auf einem Lager von blassrotem Seetang mit einer klaffenden Wunde an der Seite.

 

"Es war mein Vater", sagte sein Führer, "den Du heute morgen verwundet hast. Ich habe Dich hierher gebracht, damit du ihm die Wunde verbindest. Denn keine andere Hand als die deinige kann ihn gesund machen."
"Ich verstehe zwar nicht viel von der Heilkunst", sagte der Robbenfänger und war erstaunt über die Nachricht dieser seltsamen Geschöpfe, denen er solches Unrecht getan hatte, "aber ich will ihn verbinden, so gut ich nur kann. Es tut mir von Herzen leid, dass meine Hand ihm die Wunde schlug."

 

Er ging zu dem Bett, wusch und besorgte den Kranken, so gut er nur konnte. Kaum war er damit fertig, da schien sich die Wunde schon zu schließen und zu heilen. Nur eine Narbe blieb, und der alte Seehund sprang, so munter wie je. Da verwandelte sich die Trauer in allgemeine Lust und Freude, im ganzen Robbenpalast lachten sie, schwätzten sie, küssten sich in ihrer sonderbaren Weise, scharten sich um den Alten, rieben ihre Nasen gegen seine, als wollten sie ihm zeigen, wie glücklich sie über seine schnelle Heilung wären.

 

Der Robbenfänger stand die ganze Zeit in einer Ecke, bedrängt von finsteren Gedanken. Er sah wohl, sie wollten ihn nicht töten - aber sollte er nun sein ganzes übriges Leben lang als Seehund hier klaftertief unter dem Meere bleiben? Da nahte sich zu seiner großen Freude wieder sein Führer und sagte: "Nun steht es dir frei, zu Weib und Kindern heimzukehren. Ich will dich zu ihnen bringen, aber nur unter einer Bedingung." - "Und welche wäre das?" fragte der Robbenfänger begierig und war ganz außer sich vor Freude bei dem Gedanken, unversehrt wieder in die Oberwelt und zu seiner Familie zurückkehren zu dürfen. "Dass du einen feierlichen Eid schwören willst, nie wieder einen Seehund zu verwunden."

 

Das wollte er gern tun. Wenn er damit auch den Robbenfang, seinen bisherigen Lebensberuf, aufgeben musste, so wusste er doch, nur so würde er seine richtige Gestalt wiedergewinnen können. Schließlich konnte er sich ja dann später auf irgendeine andere Art sein Brot verdienen. So legte er den geforderten Eid mit aller Feierlichkeit ab, hielt seine Flosse hoch zum Schwur, und alle die anderen Robben stellten sich neben ihn als Zeugen. Ein Seufzer der Erleichterung ging durch die Säle, als die Worte gesprochen waren: denn er war der tüchtigste Robbenfänger im Norden gewesen.

 

Dann sagte er der seltsamen Gesellschaft Lebewohl. Mit seinem Führer zog er wieder durch das äußere Korallentor und hoch durch das schattenhafte grüne Wasser, bis es anfing immer lichter zu werden und sie zuletzt auftauchten im Sonnenschein der Erde. Mit einem Sprung waren sie oben auf der Klippe, wo die beiden schwarzen Rosse schon auf sie warteten und ruhig das grüne Gras abknabberten.Als sie das Wasser verließen, fiel ihre seltsame Verkleidung von ihnen ab, und sie waren gerade so wie vorher, ehe sie ins Wasser hinabgetaucht waren: ein einfacher Robbenfänger und ein hochgewachsener gutgekleideter Mann im Reitanzug. Dann geschah alles wie vorher, die Pferde sausten dahin, und es dauerte nicht lange, da stand der Robbenfänger wieder wohlbehalten vor seinem Haus.

 

Wie er dem Fremden die Hand hinhielt, um Lebewohl zu sagen, zog der einen großen Beutel Goldes heraus und reichte ihn hin: "Du hast deine Pflicht bei dem Handel erfüllt - wir müssen es ebenso machen", sagte er. "Man soll nie sagen dürfen, wir hätten eines ehrlichen Mannes Arbeit beansprucht, ohne uns erkenntlich zu zeigen." Damit verschwand er. Als der Robbenfänger in seiner Hütte den Beutel auf dem Tisch ausleerte, war es so viel, dass er nicht bedauern brauchte, seinem Handwerk entsagt zu haben.

 

Quelle: (Schottisches Märchen)

 

Binnorie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal..., da lebten in einem Schloß nahe der prächtigen Mühlendämme von Binnorie zwei Königstöchter. Die ältere Schwester wurde schon längere Zeit von Ritter William umworben. Er gewann ihre Liebe und schwörte ihr ewige Treue, aber, wie das so ist, bald interessierte er sich auch für die Jüngere der Schwestern, die hatte goldenes Haar und Wangen, so rot wie Kirschen. Und schon besuchte er nur noch die jüngere Prinzessin, die ältere hatte er bald vergessen. Das machte die ältere sehr zornig und der Hass und die Eifersucht auf ihre Schwester wuchs und wuchs und sie schmiedete einen Plan, wie sie die Jüngere loswerden konnte.

 

Eines schönen Morgens, es war klar und sonnig, sprach die Ältere: „Komm Schwester, wir wollen spazieren gehen und nachschauen, ob unseres Vaters Schiffe schon den Mühlenkanal bei Bionnorie heraufkommen. Und Hand in Hand gingen sie zum Fluss. Am Ufer angekommen, stellte sich die Jüngere auf einen Stein am Ufer, um nach der Landung der königlichen Schiffe ausschauzuhalten, da packte sie die Ältere von hinten und warf sie in das reissende Wasser.

 

„Oh, liebe Schwester, reich mir deine Hand“, rief die Jüngere in Todesangst, als sie davontrieb, „ und du sollst von allem, was ich besitze und besitzen werde die Hälfte abbekommen!“ „Oh nein, Schande über mich, wenn ich Dir meine Hand reichen und dich retten würde, wo Du mir meinen Liebsten genommen hast. Und deinen Besitz erbe ich ohnehin.


„Oh Schwester, liebe Schwester“, wenn Du mir nicht die Hand reichen willst, dann doch wenigstens deinen Handschuh“, rief sie, während sie stromabwärts trieb, „und du sollst auch deinen Liebsten, William, wiederhaben!“
„Nein, weder Hand noch Handschuh werde ich Dir reichen und wenn du erst ertrunken und gestorben bist, wird der schöne William ohnehin ganz mir gehören!“. Sprachs, drehte sich um und ging zurück zum Schloss.

 

Manchmal schwimmend, manchmal sinkend trieb nun der Körper der toten Prinzessin den Fluss entlang bis er vom Sog eines Mühlstromes ergriffen wurde. Es war um die Mittagszeit, als die Tochter des Müllers am Fluss Wasser zum Kochen holen wollte. Da sah sie etwas Weisses im Wasser zwischen den Mühldämmen treiben. Sogleich rief sie: „Vater, Vater, schliess die Schleusentore, da schwimmt etwas weisses, wie ein Schwan oder ein Mädchen. Der Müller eilte sofort zum Mühldamm und stoppte das Mühlrad.

 

Dann zogen sie den Körper der toten Prinzessin mit vereinten Kräften aus dem Wasser. Und schön war sie noch im Tode, wie sie da lag, lilienweiss mit ihrem langen goldenen Haar, den Perlen und Edelsteinen, dem goldenen Gürtel und dem langen weissen Kleid.

Und wie sie da lag in all ihrer Schönheit, kam ein berühmter Harfner des Weges. Er schaute in das blasse Gesicht der Prinzessin und konnte es seit dem nicht mehr vergessen, obwohl er weit reiste und vieles zu sehen bekam. Nach einiger Zeit kehrte er zurück an den Mühldamm von Binnorie, an die Stelle, wo man die tote Prinzessin begraben hatte. Aber alles, was von der Prinzessin noch übrig war waren Knochen und ihr goldenes Haar. Sodann baute er sich aus ihrem Brustbein eine Harfe und aus dem Haar der Prinzessin spann der Harfner die Saiten. Dann zog er weiter, den Hügel bergan zum Schloss des Königs.

 

An diesem Abend war der ganze Hofstaat zusammengekommen: König, Königin, die Tochter und Sir William, der Schwiegersohn. Alle wollten sie der Kunst des berühmten Harfners lauschen. Zuerst sang und spielte er auf seiner alten Harfe, dabei hatte er das Talent, mit seiner Musik ganz nach seinem Belieben alle fröh und glücklich, oder aber auch traurig stimmen zu können. Später am Abend wollte der Harfner auch auf der neuen Harfe spielen, die er am Nachmittage gebaut hatte, doch wie er sie auspackte, begann sie, völlig von selbst mit klarem dunklen Ton zu singen:

 

„Dort drüben sitzt mein Vater, der König,
Binnorie, oh Binnorie;


Und dort sitz meine Mutter, die Königin;
bei den Mühldämmen von Binnorie;“

 

„Und dort steht mein Bruder Hugh,
Binnorie, oh Binnorie


Bei ihm William, mein Liebster“, mal ehrlich, mal verlogen;
bei den Mühldämmen von Binnorie;“

 

Alle waren erschrocken und der Harfner musste die ganze Geschichte erzählen, wie er die ertrunkene Prinzessin am Ufer des Mühldammes von Binnorie liegen sah, wie er aus ihren Gebeinen die Harfe baute und aus dem Haar ihre Saiten fertigte. Und gerade als er mit der Geschichte endete sang die Harfe laut und klar:

 

„Und dort sitzt meine Schwester, die mich ertränkte,
bei den Mühldämmen von Binnorie.“

 

Doch kaum war der letzte Ton verklungen, da krachte es und die Harfe zerbrach in Stücke und gab nie wieder einen Ton von sich.

 

(Joseph Jacobs – England)

 

Magdalenchen und Kati

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein König, dessen Frau war gestorben, und sie hatte ihm eine einzige Tochter hinterlassen, die er zärtlich liebte. Die kleine Prinzessin hieß Magdalenchen, und sie war so gut und so mild und herzig, daß sie alle Untertanen gern mochten. Aber da der König meist mit Staatsgeschäften zu tun hatte, führte das Mädel ein recht einsames Leben und wünschte sich oft, es hätte ein Schwesterchen, mit dem es spielen und das ihm Gesellschaft leisten könnte. Da der König das vernahm, entschloß er sich, eine Gräfin von mittleren Jahren zu heiraten, die er an einem benachbarten Fürstenhofe getroffen hatte. Sie hatte nämlich eine Tochter Kati, die grad ein wenig jünger als Magdalenchen war. Er glaubte, das gäbe eine Spielgesellin für seine Tochter.

 

So geschah nun alles, und in jeder Hinsicht lief der Plan auch recht gut aus; denn die beiden Mädchen liebten sich innig und pflegten alles miteinander zu teilen, als ob sie wirklich Schwestern wären. Aber nach der anderen Seite schlug es sehr bös aus, denn die neue Königin war eine grausame und ehrgeizige Frau, und sie wollte, ihre eigene Tochter sollte es einmal ebenso haben wie sie, eine prunkvolle Hochzeit feiern und vielleicht ebenfalls Königin werden. Als sie aber sah, daß Magdalenchen zu einem sehr schönen jungen Mädchen heranwuchs – bei weitem schöner als ihre eigene Tochter -, da stieg in ihr Haß auf, und sie wünschte, jene verlöre auf irgendeine Weise ihre Schönheit. Denn, so dachte sie bei sich, welcher Freier wird sich um meine Tochter kümmern, solange ihr die Stiefschwester zur Seite steht?

 

Nun war aber unter den Dienern und Gefolgsleuten in ihres Mannes Schloß ein altes Hühnerweib, von dem die Leute glaubten, es sei mit den bösen Luftgeistern im Bunde und es sei geschult in der Bereitung von Zaubermitteln, Säften und Liebestränken. Vielleicht kann es mir bei meinen Absichten behilflich sein, sagte sich die böse Königin; und eines Nachts, als es schon schummrig wurde, hüllte sie sich in einen weiten Mantel und machte sich auf den Weg zur Hütte des alten Hühnerweibes. „Schick mir die Dirne morgen früh, bevor sie gefrühstückt hat“, erwiderte die Alte, als sie erfuhr, was ihre Besucherin von ihr wollte. „Ich will schon ein Mittel finden, ihrer Schönheit eins auszuwischen!“ Und die böse Königin ging befriedigt wieder heim.

 

Am nächsten Morgen in der Frühe ging sie ins Zimmer der Prinzessin, die gerade beim Anziehen war, und gab ihr den Auftrag, noch vor dem Frühstück loszugehen und die Eier zu holen, welche die Hühnerfrau gesammelt. „Und sieh zu“, so mahnte sie nochmals, „daß du vor dem Weggehen keinen Bissen issest, denn nichts malt die Wangen eines jungen Mädchens rosiger, als wenn es einen Fastengang in die frische Morgenluft hinaus unternimmt." Prinzessin Magdalenchen versprach, alles getreulich zu befolgen und die Eier zu holen, wie ihr geheißen war. Aber da sie nie gern aus der Tür ging ohne einen Happen zu essen, und da sie außerdem befürchtete, ihre Stiefmutter könnte einen arglistigen Grund für den ungewöhnlichen Rat haben – schlüpfte sie erst noch in die Speisekammer treppabwärts und versah sich mit einem großen Stück Kuchen.

 

Als sie es aufgegessen hatt, machte sie sich auf den Weg zur Hütte der alten Hühnerfrau und fragte nach den Eiern. „Hebt einmal den Deckel von jenem Topf dort auf, Eure Hoheit, und Ihr werdet sie dann sehen“, sagte die alte Frau und wies auf einen breitbauchigen Topf in der Ecke, in dem sie sonst ihr Hühnerfleisch kochte. Die Prinzessin tat es und fand einen Haufen Eier darin liegen, die sie in ihren Korb tat, während die alte Frau sie mit seltsamem Lächeln beobachtete. „Geh heim zu deiner Frau Mutter, mein Honigkind“, sagte sie schließlich, „und bestelle ihr von mir, sie solle die Schranktür besser verwahren.“

 

Die Prinzessin ging heim und richtete ihrer Stiefmutter die sonderbare Botschaft aus; sie war selbst neugierig, was das wohl bedeuten mochte. Aber wenn sie die Worte der Hühnerfrau nicht verstand, die Königin verstand sie nur zu gut. Denn sie entnahm daraus, daß die Prinzessin den Zauber der alten Hexe umgangen hatte. So schickte sie am nächsten Morgen ihre Stieftochter noch einmal mit dem gleichen Auftrag fort, begleitete sie aber persönlich bis zum Schlosstor, so daß das arme Mädchen keine Gelegenheit mehr fand für einen Besuch in der Speisekammer.

 

Aber als sie auf der Landstraße, die zur Hütte führte, dahinging, spürte sie solchen Hunger, daß sie beim Vorübergehen ein paar Landleute, die am Wegrande Erbsen pflückten, um eine Handvoll bat. Das taten sie auch, und sie aß die Erbsen, daß schließlich dasselbe geschah wie gestern. Die Hühnerfrau ließ sie nach den Eiern schauen; aber sie vermochte mit ihrem Zauber nichts auszurichten, weil sie ihr Fasten gebrochen hatte. So ließ die alte Frau sie wieder heimgehen und gab der Königin die gleiche Botschaft mit.

 

Als die Königin das vernahm, wurde sie sehr ärgerlich, denn sie fühlte, daß das Mädchen sie durch diese Unfolgsamkeiten überlistete. Sie beschloß also, obwohl sie kein Freund des Frühaufstehens war, sie am nächsten Morgen persönlich zu begleiten, um sich zu vergewissern, daß sie unterwegs nichts zu essen bekam. So lief sie am nächsten Morgen mit der Prinzessin zur Hütte des Hühnerweibes, und wie zweimal zuvor schickte die Alte die Königstochter an den Topf in der Ecke, damit sie den Deckel abnähme und die Eier herausholte.

 

In demselben Augenblick aber, als das die Prinzessin befolgte, sprang ihr das liebliche Haupt vom Halse, und ein grober Schafskopf setzte sich an dessen Stelle. Dann dankte die böse Königin der grausamen alten Hexe für den Dienst, den sie geleistet hatte, und ging nach Haus, hoch erfreut über das glückliche Gelingen ihres Anschlages. Indes hob die arme Prinzessin ihr eigen Haupt vom Boden auf und legte es mit den Eiern zusammen in ihren Korb und ging weinend heim. Sie verbarg sich unterwegs überall hinter den Hecken, so sehr schämte sie sich über ihren Schafskopf, und war ängstlich darum besorgt, daß sie nur ja niemand sah. Nun erzählte ich schon, wie sehr die Stiefschwester der Prinzessin, Kati, sie liebte, und als sie sah, was für eine grausame Tat gegen sie verübt worden war, war sie so erregt, daß sie erklärte, sie würde keine Stunde mehr in dem Schlosse bleiben.

 

Sie sagte: „Wenn meine hohe Mutter eine solche Tat vollführen lassen kann, was sollte sie daran hindern, eine andere folgen zu lassen. Daher dünkt mich, es ist es besser für uns beide, dahin zu gehen, wo sie uns nicht erreichen kann." So wickelte sie ein schönes Tuch ihrer armen Stiefschwester um den Kopf, daß niemand mehr erkennen konnte, wie er aussah, legte den rechten Kopf in den Korb, nahm sie bei der Hand, und so machten sich beide auf, ihr Glück zu versuchen.

 

Sie wanderten und wanderten, bis sie einen strahlenden Palast erreichten, und als sie herangekommen waren, wollte Kati gleich beherzt hinaufgehen und an das Tor pochen. „Vielleicht finde ich hier Arbeit“, erklärte sie, „und verdiene Geld genug, um uns beide sorgenfrei zu stellen.“ Am liebsten hätte die arme Prinzessin sie zurückgehalten. „Sie werden nichts von dir wissen wollen“, flüsterte sie, „wenn sie sehen, du hast eine Stiefschwester mit einem Schafskopf.“ „Und wer sollte das erfahren, daß du einen Schafskopf hast?“ fragte Katharina. „Nur mußt du deinen Mund halten und dir das Tuch dicht um den Kopf wickeln, das übrige kannst du mir überlassen!“ So stieg sie hinauf und pochte an die Küchentür, und als die Hausmeisterin kam, um nachzusehen, fragte sie, ob sie nicht irgendeine Arbeit für sie hätte.

 

„Denn ich habe“, so sagte sie, „eine kranke Schwester, die arg von Kopfschmerzen geplagt wird, und ich würde gern ein ruhiges Unterkommen für sie finden, wo sie zur Nacht bleiben kann.“ „Verstehst du etwas von Krankheiten?“ fragte die Hausmeisterin, die recht betroffen war über Katis sanfte Stimme und edle Art. „Gewiß“, erwiderte Kati, „denn wenn man eine Schwester hat, die von Kopfschmerzen geplagt wird, dann lernt man leise auftreten und jeden Lärm vermeiden.“

 

Nun wollte es der Zufall, daß des Königs ältester Sohn, der Kronprinz, im Palast an einer seltsamen Krankheit daniederlag, die sein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen zu haben schien. Denn er war so aufgeregt, besonders des Nachts, daß immer jemand bei ihm Wache halten mußte, damit er sich kein Leid antat. Und dieser Zustand hatte schon so lange angehalten, daß jedermann ganz erschöpft war. Und die alte Hausmeisterin dachte, das wäre eine gute Gelegenheit, wieder zu ruhigem Nachtschlaf zu kommen, wenn man diese Fremde mit der Wache beim Prinzen betrauen könne. Sie ließ sie also an der Tür stehen und ging zum König, um sich Rat zu holen. Und der König kam heraus und sprach mit Kati.

 

Auch er freute sich über ihre Stimme und ihr Auftreten und gab deshalb die Anweisung, es sollte für sie und ihre kranke Schwester im Schlosse ein abgelegenes Zimmer hergerichtet werden. Dazu versprach er ihr für den nächsten Morgen als Belohnung einen Beutel voll Silbertaler, wenn sie in der Nacht beim Prinzen Wache halten und ihn vor allem Harm schützen wolle. Katharina willigte gern in den Handel ein. Denn, dachte sie, wenigstens ist’s ein Unterkommen zur Nacht für die Prinzessin; und außerdem, einen Beutel voll Silbergeld bekommt man nicht alle Tage. So ging die Prinzessin schlafen in dem schmucken Zimmer, das für sie hergerichtet war, und Katharina bereitete sich zur Nachtwache bei dem kranken Prinzen.

 

Es war ein hübscher, stattlicher Jüngling, der in einer Art Fieber zu liegen schien. Denn sein Geist war nicht ganz klar, und er warf und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Dabei starrte er ängstlich vor sich hin und streckte die Hände aus, als ob er etwas greifen wolle. Und um zwölf Uhr mitternachts, gerade als Katharina glaubte, er würde nun in den erfrischenden Schlaf verfallen, erhob er sich zu ihrem größten Schrecken aus dem Bett, kleidete sich eilends an, öffnete die Tür und schlüpfte die Treppe hinunter, als ob er nach jemand Ausschau halten wolle. „Das muß etwas Seltsames sein“, sagte sich das Mädchen. „Mir scheint, ich tue gut daran, ihm zu folgen, um zu sehen, was geschieht.“

 

So stahl sie sich aus dem Zimmer, und heimlich folgte sie dem Prinzen unbehelligt treppabwärts. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie entdeckte, daß er augenscheinlich einen weiteren Weg vorhatte. Denn er griff zu Hut und Reitrock, schloß die Tür auf, wandte sich über den Hof zum Stalle und begann, sein Pferd zu satteln. Als er damit fertig war, führte er es heraus, stieg auf, pfiff leise nach dem Hunde, der in der Ecke schlief, und machte sich auf, davonzureiten. „Ich muß auch mitgehen und das Weitere beobachten“, sagte Katharina mutigen Herzens, „denn es scheint mir, er ist verhext. Ein Kranker vermag das nicht.“

 

Also, da das Pferd gerade lostraben wollte, schwang sie sich leicht auf seinen Rücken und richtete sich ganz behaglich hinter dem Reiter ein, der sie gar nicht bemerkt hatte. Dann ritt das seltsame Paar fort durch die Wälder, und unterwegs pflückte Katharina die Haselnüsse, die in dichten Stauden ihr Gesicht streiften. Denn, sagte sie sich, weiß der Himmel, wo ich wieder etwas zu essen bekomme. Weiter und weiter ritten sie, bis sie den grünen Wald hinter sich ließen und an ein offenes Moorgelände kamen. Alsbald erreichten sie einen Hügel, und dort zog der Prinz die Zügel an, sprang herab und rief in einem seltsamen, unheimlichen Flüsterton:

 

„Grüner Hügel, tu dich auf, tu dich auf und laß uns ein, den Prinzen, Pferd und Hund.“ „Und“, flüsterte Katharina schnell hinterher, „laß auch seine Frau hinter ihm ein.“ Zu ihrer großen Verwunderung schien sich der Gipfel des Erdhügels im Nu aufzukippen, und es blieb für die kleine Gesellschaft eine genügend große Öffnung zum Eintreten. Dann schloß er sich wieder allmählich hinter ihnen.

 

Sie befanden sich in einer prächtigen weiten Halle, und Hunderte von strahlenden Kerzen steckten in Leuchtern an den Wänden. In der Mitte des Gemaches stand eine Gruppe der schönsten Mädchen, die Katja jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Alle waren in schimmernde Ballgewänder gekleidet und trugen Kränze aus Rosen und Veilchen im Haar. Auch waren da muntere Herren, die mit diesen schönen Mädchen zum Takt einer feenhaften Musik getanzt hatten. Als die Mädchen den Prinzen sahen, rannten sie ihm entgegen und führten ihn mitten in ihre Lustbarkeiten. Und an ihren Händen schien sogleich seine Schwermut zu schwinden, er wurde der heiterste in der ganzen Schar und lachte und tanzte und sang, als ob er nie gewußt, was Krankheit heißt.

 

Da sich niemand um Katharina kümmerte, setze sie sich ruhig auf einen Felsenvorsprung und wartete, was geschähe. Und als sie so wartete, gewahrte sie ein ganz kleines Kindchen, das dicht vor ihren Füßen mit einer zierlichen Rute spielte. Es war ein herziges, kleines Kind, und gerad dachte sie daran, mit ihm sich anzufreunden, da kam eins von den schönen Mädchen vorüber, und als es die Rute sah, sagte es behutsam zu seinem Gefährten: „Drei Streiche mit jener Rute geben jedem ein hübsches Gesicht.“ Das war aber eine Botschaft! Katharina atmete schwer und hastig, mit zitternden Fingern holte sie ein paar Nüsse aus ihrer Tasche und rollte sie unabsichtlich dem Kinde zu.

 

Das schien nicht oft Nüsse zu bekommen; denn sofort ließ es seine kleine Rute los und streckte die zierlichen Händchen nach den Nüssen aus. Eben das hatte sie erwartet. Sie ließ sich von ihrem Sitz auf den Boden herabgleiten und rückte ein wenig näher heran. Dann warf sie wieder ein oder zwei Nüsse ihm in den Weg, und als das Kind aufsammelte, brachte sie es fertig, die Rute unbemerkt zu entwenden und unter ihrer Schürze zu verbergen. Danach kroch sie vorsichtig wieder an ihren Platz zurück.

 

Und das war auch nicht einen Augenblick zu früh; denn gerade krähte der Hahn, und bei dem Geschrei verschwanden sämtliche Tänzer – alle außer dem Prinzen, der schleunigst zu seinen Pferden eilte und es so eilig mit dem Aufbruch hatte, daß Kati sich alle Mühe geben mußte, hinter ihm aufzusitzen, bevor sich der Hügel auseinandertat, und schleunigst ritt er wieder in die Welt draußen hinein. Während sie im grauen Morgenlicht heimwärts ritten, knackte sie ihre Nüsse und aß sie gierig auf, denn ihr Abenteuer hatte sie erstaunlich hungrig gemacht. Als sie mit ihrem seltsamen Patienten wieder das Schloß erreicht hatte, wartete sie noch, bis er zu Bett ging und sich wieder zu wälzen und werfen begann wie vorher; dann aber stürzte sie zu ihrer Stiefschwester ins Zimmer und fand sie in tiefsten Schlafe. Ihr armer missgestalteter Kopf ruhte friedlich auf dem Kissen.

 

Sie versetzte ihm nun drei kleine Schläge mit der Feenrute; und seht und schaut: der Schafskopf war verschwunden, und dafür hatte die Prinzessin ihr eigenes schönes Antlitz wieder. Am Morgen kamen der König und die alte Hausmeisterin, um nachzuforschen, wie der Prinz die Nacht verbracht hätte. Kati berichtete, er hätte eine treffliche Nacht gehabt. Denn sie war ängstlich darauf bedacht, noch länger bei ihm zu bleiben. Hatte sie nun herausgefunden, daß die Elfenmädchen in dem Grünen Hügel einen Zauber über ihn verhängt hatten, so war sie auch entschlossen; herauszufinden, wie der Zauber zu brechen war.

 

Und das Glück war günstig: der König war erfreut darüber, daß er eine so treffliche Wärterin für den Prinzen gefunden hatte, und er war auch von den holden Blicken ihrer Stiefschwester gebannt, die so blank und hehr wie in alten Tagen aus ihrer Kammer trat und erklärte, ihr Kopfschmerz sei nun ganz gewichen, und auch sie täte jetzt gern jede Arbeit, die ihr die Hausmeisterin aufgäbe, so daß er Kati inständig bat, noch ein wenig länger bei seinem Sohn zu verweilen. Er fügte hinzu, wenn sie dazu willens sei, würde er ihr einen Beutel voll goldener Dukaten schenken. Gern war Kati bereit. Und in der Nacht wachte sie wieder beim Prinzen wie zuvor.

 

Und um zwölf Uhr stand er auf, kleidete sich an und ritt zu dem Feenhügel, gerade wie sie erwartet hatte, denn sie war sich nun dessen ganz gewiß, daß der Jüngling verzaubert war und nicht am Fieber litt, wie alle anderen dachten. Und seid gewiß, sie begleitete ihn wieder, ritt unbemerkt hinter ihm mit und pflückte sich Nüsse unterwegs. Als sie den Feenhügel erreichten, sprach er die gleichen Worte wie in der Nacht zuvor: „Grüner Hügel, tu dich auf, und laß uns ein, den Prinzen, Pferd und Hund!“ Und da sich der Grüne Hügel öffnete, fügte Kati leise hinzu: „Laß auch seine Frau hinter ihm ein.“ So kamen sie alle zusammen hinein.

 

Kati setzte sich auf einen Stein und schaute um sich. Dieselben Lustbarkeiten wie in der Vornacht huben an, und der Prinz war bald im tollsten Betriebe, er tanzte und lachte wild. Das Mädchen beobachtete ihn scharf, voller Erwartung ob sie herausbekommen könnte, wie man ihn wieder zu gesunden Sinnen brächte. Und wie sie ihn so beobachtete, kam wieder das Kindchen, das mit der Zauberrute gespielt hatte, zu ihr. Nun spielte es diesmal mit einem Vögelchen. Und wie es damit spielte, kam eine der Tänzerinnen vorüber, wandte sich zu ihrem Gefährten und sagte leichthin: „Drei Bissen von jenem Vögelchen würden dem Prinzen die Krankheit nehmen und ihn so munter machen, wie er jemals war.“ Dann kehrten sie wieder in das Getriebe der Tanzenden zurück.

 

Kati aber saß hochaufgerichtet auf dem Steine und bebte vor Erregung. Wenn sie nur des Vogels habhaft werden konnte, dann war der Prinz geheilt! Ganz vorsichtig schüttete sie wieder einige Nüsse aus ihrer Tasche und rollte sie über den Boden dem Kinde zu. Das hob sie eifrig auf und ließ dabei den Vogel fahren; blitzschnell hatte ihn Kati gefaßt und verbarg ihn unter ihrer Schürze. Nicht lange danach krähte der Hahn, und sie und der Prinz machten sich auf den Heimritt. Aber an diesem Morgen knackte sie keine Nüsse, sondern tötete und rupfte den Vogel, dessen Federn sie über die Straße verstreute, und sowie sie das Zimmer des Prinzen erreicht hatte und ihn wohlbehalten im Bett wußte, steckte sie den Vogel über dem Feuer auf einen Spieß und briet ihn.

Und alsbald begann er zu brutzeln und braun zu werden und köstlich zu duften, so daß der Prinz in seinem Bett in der Ecke die Augen aufschlug und schwach ihr zuraunte:

 

„Wie sehr wünschte ich, ein Stückchen von jenem Vogel zu bekommen!“ Als Katharina diese Worte hörte, hüpfte ihr Herz vor Freuden, und sobald der Vogel gebraten war, schnitt sie ein Stückchen von seiner Brust und steckte es dem Prinzen in den Mund. Als er es gegessen hatte, schien ein wenig seiner alten Kraft zurückzukehren, denn er stützte sich auf den Ellenbogen und sah seine Pflegerin an. „Oh, hätte ich doch noch ein Stückchen von dem Vogel!“ sagte er. Und seine Stimme klang schon kräftiger.

 

So gab ihm Kati ein zweites Stück, und als er es gegessen hatte, saß er aufrecht in seinem Bett. „Oh, hätte ich doch nur noch ein drittes Stück von dem Vogel“ rief er. Und nun kehrte seine Gesichtsfarbe zurück, und seine Augen fingen an zu leuchten. Diesmal brachte ihm Kati alles übrige von dem Vogel. Und gierig aß er es auf und löste mit den Fingern auch den letzten Fetzen Fleisch von dem Knochen. Als er fertig war, sprang er aus dem Bette, kleidete sich an und setzte sich ans Feuer. Und als morgens der König und hinter ihm die alte Hausmeisterin kamen, um zu sehen, wie es um den Prinzen stünde, fanden sie ihn, wie zusammen mit seiner Pflegerin Nüsse knackte, denn Kati hatte in ihrer Schürzentasche noch eine ganze Menge mitgebracht.

 

Der König war so voll Freude über die Heilung seines Sohnes, so daß er Kati die höchsten Ehren angedeihen ließ und sofort Order gab, daß der Prinz sie heiraten sollte. „Denn“, so schloß er, „ein Mädchen, das so gut zu pflegen versteht, wird auch eine gute Königin abgeben.“ Der Prinz war ganz willens, nach dem Befehl seines Vaters zu tun. Und während sie miteinander plauderten, kam sein jüngerer Bruder herein; er führte Prinzessin Magdalenchen bei der Hand, deren Bekanntschaft er erst gestern gemacht hat, und erklärte: „Ich bin so verliebt in sie, daß ich sie sofort heiraten will! So ging daß alles bestens aus, und jedermann war voll Freuden.


Die beiden Hochzeiten fanden sogleich statt, und wenn die beiden Paare noch nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

 

Märchen aus Schottland

 

Die blaue Mütze

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Fischer in Kyntyre, der hieß Ian MacRea. An einem Wintertag, als es keinen Zweck hatte, zum Fang auszufahren, weil die See zu stürmisch war, wollte Ian einen neuen Kiel für sein Boot anfertigen, und er ging in die Wälder zwischen Totaig und Glenelg, um einen großen Stamm dafür auszusuchen. Er hatte kaum damit begonnen, sich umzusehen, als dichter weißer Nebel von den Bergen herabkam und zwischen die Bäume kroch.

 

Nun befand sich Ian ziemlich weit von seinem Haus entfernt, und als der Nebel fiel, war er vor allem darum bekümmert, so rasch wie möglich heimzukommen, hatte er doch keine Lust, sich zu verlaufen und eine kalte Nacht im Freien zu verbringen. Er folgte also dem Pfad, den er gerade noch erkennen konnte und von dem er annahm, er werde ihn zurück nach Ardelve bringen. Aber bald sah er, daß er sich getäuscht hatte, denn der Pfad führte aus dem Wald heraus in eine seltsame Landschaft. Und als die Dunkelheit fiel, sah er sich hoffnungslos am Gebirgsbach verlaufen. Er wollte sich gerade in sein Plaid hüllen und unter einen Heidestrauch kriechen, als er in der Ferne schwaches Licht schimmern sah.

 

Er ging forsch darauf zu, und als er näher kam, erkannte er, daß der Lichtschein aus dem Fenster eines Steinunterstandes kam, wie ihn die Bauern benutzten, wenn sie bei ihren Herden auf den Sommerweiden bleiben. „Hier werde ich ein Lager für die Nacht bekommen, und ein gutes Torffeuer dürfte es wohl auch geben“, dachte Ian und klopfte an die Tür. Zu seinem Erstaunen öffnete niemand. „Es muß doch aber jemand da drinnen sein“, überlegte er, „eine Kerze zündet sich schließlich nicht von allein an.“ Er klopfte ein zweites Mal an die Tür. Wieder kam keine Antwort, obwohl er von drinnen Stimmen hörte. Darüber wurde Ian zornig und er rief: „Was seid ihr nur für seltsame Leute, daß ihr einen wegmüden Fremden in einer Winternacht keine Zuflucht geben wollt?“

 

Da hörte er Füße schlürfen, und die Tür wurde gerade so weit geöffnet, um eine Katze hereinzulassen. In dem Spalt aber zeigte sich eine alte Frau, die ihn scharf musterte. „Ich denke, du kannst die Nacht hierbleiben“, sagte sie nicht sehr freundlich, es gibt kein anderes Haus weit und breit. Also komm herein und leg dich vor den Herd.“ Sie öffnete die Tür etwas weiter. Ian betrat den kleinen Unterstand, und sofort schlug sie hinter ihm die Tür wieder zu. Auf dem Herd brannte ein gutes Torffeuer, und zu beiden Seiten davon saß noch je eine alte Frau.

 

Die drei Alten sagten kein Wort zu Ian, aber jene, die ihm die Tür aufgemacht hatte, führte ihn zum Herd, wo er sich in seinen Plaid rollte. Er konnte nicht einschlafen, denn es kam ihm unheimlich vor in dem kleinen Unterstand, und er dachte: Besser du hälst deine Augen auf. Nach einer Weile erhob sich eine der alten Frauen. Offenbar glaubte sie, der unerbetener Gast sei inzwischen eingeschlafen. Sie ging zu einer großen hölzernen Kiste, die in einer Ecke des Raumes stand. Ian hielt den Atem an und sah, wie sie den schweren Deckel hochklappte, und eine blaue Mütze herausnahm und sie aufsetzte.

 

Dann rief sie laut mit knarrender Stimme: „Carlisle!“ Und zu Ians Erstaunen war sie darauf verschwunden. So ging das auch bei den beiden anderen alten Weibern. Ein jedes stand auf, holte eine blaue Mütze aus der Kiste, rief „Carlisle!“ und hatte sich im nächsten Augenblick in Luft aufgelöst. Sobald er ganz allein war, stand Ian auf und ging zu der Kiste. Drinnen fand er noch eine weitere blaue Mütze, die genauso aussah wie die anderen, und da er neugierig war zu erfahren, in welche Welt die drei Hexen davongefahren waren, zog er die Mütze an und rief laut, wie er es von ihnen gehört hatte: „Carlisle!“ Sofort wichen die Steinmauern des elenden Unterstands zur Seite, und es war Ian, als schieße er mit großer Geschwindigkeit durch die Luft.

 

Dann stürzte er mit einem Bumms zu Boden, und als er sich umschaute, sah er, daß er in einem riesigen Weinkeller stand, wo die drei Weiber ausgelassen zechten. Als sie aber Ian sahen, hörten sie sofort auf und riefen: Kintail, Kintail wieder zurück!
Sofort waren sie verschwunden. Ian spürte kein Verlangen, ihnen auch diesmal wieder zu folgen, denn in dieser Umgebung gefiel es ihm. Er betrachtete alle Krucken und Flaschen sorgfältig, nahm hier und dort einen Schluck, bis er in eine Ecke schwankte und in tiefen Schlaf fiel. Nun war es aber so, daß der Weinkeller, in den Ian auf so geheimnisvolle Weise gelangt war, dem Bischof von Carlisle gehörte und unter dessen Palast in England lag.

 

Am Morgen kamen die Diener des Bischofs in den Keller hinunter und erschraken, als sie die leeren Flaschen sahen, die am Boden herumlagen. „Es haben schon öfter Flaschen aus den Regalen gefehlt“, sagte der Steward, „aber so schandbar hat sich der Dieb hier unten noch nie aufgeführt.“ Dann entdeckten die Diener Ian, der immer noch in der Ecke lag und schlief, und immer noch hatte er die blaue Mütze auf dem Kopf. „Da ist der Dieb. Da ist der Dieb!“ riefen sie. Ian wachte auf, sie banden ihm die Arme auf den Rücken, legten ihm an den Fußknöcheln Fesseln an und zerrten ihn fort wie eine Gans, die auf den Schlachtklotz soll. Der Gefangene wurde vor den Bischof gebracht, und ehe man ihn vor den Thron des hohen Herrn führte, riß man ihm die Mütze vom Kopf, denn es war ein Zeichen der Missachtung, wenn ein Mann mit einer Mütze den Palast betrat. Ian wurde verhört und dem bischöflichen Gericht vorgeführt, das ihn zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilte.

 

Auf dem Marktplatz von Carlisle häufte man einen großen Holzstoß und band den armen Sünder darauf fest. Und viel Volk versammelte sich, um zu sehen, wie der Mann durch das Feuer kam. Ian hatte sich schon in sein schlimmes Schicksal gefügt, als er plötzlich einen guten Einfall hatte. „Eine letzte Bitte!“ rief er, „ich will nicht ohne meine blaue Mütze in die Ewigkeit eingehen.“ Seine Bitte wurde ihm gewährt, man setzte ihm die blaue Mütze auf den Kopf. Kaum aber fühlte Ian, daß man sie ihm aufgesetzt hatte, da warf er einen verzweifelten Blick auf die Flammen, die schon unter seinen Zehenspitzen züngelten, und rief, so laut er konnte: Kintail! Kintail! wieder zurück! Und zum großen Erstauen der guten Leute von Carlisle waren Ian und der Holzstoß in eben diesem Augenblick verschwunden und wurden in England nie mehr gesehen.

 

Als Ian wieder zu sich kam, befand er sich in den Wäldern zwischen Totaig und Glenelg, aber von dem alten Unterstand, in dem die drei Hexen gesessen hatten, war keine Spur mehr zu sehen. Es war ein schöner Tag nach einer Nacht mit Nebel, und Ian sah einen alten Bauern auf ihn zukommen. „Würdest du mich von diesem elenden Holzstoß losbinden?“, bat Ian den alten Mann. „Aber wie in aller Welt ist es dazu gekommen, daß man dich da festgebunden hat?“, fragte er dann. Ian betrachtete den Stoß schuldbewusst, aber dann sah er, daß es kein festes Holz war, und es fiel ihm plötzlich wieder ein, weshalb er von zu Haus fortgegangen war.

 

„Ach, das ist eine Lage Holz, die ich zusammengetragen habe, um einen neuen Kiel für mein Fischerboot zu machen“, erwiderte er, „der Bischof von Carlisle selbst hat es mir gegeben.“ Und als der Bauer ihm den rechten Weg nach Ardelve gewiesen hatte, ging Ian fröhlich pfeifend heim.

 

Märchen aus Schottland

 

Der Königssohn und der Tod

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein mächtiger König saß in seinem Reiche; er hatte Güter aller Art und erlesene Berater, weltliche Ehre und unermeßlichen Reichtum an Gold und Edelsteinen, und seinen Stolz setzte er darein, in seiner Halle Männer zu haben, die man Philosophen nennt, das heißt hochgelehrte Weise.

 

Nun geschah es, daß ihm die Königin einen Sohn gebar, und der wuchs heran, wie es einem Königskinde geziemt, hold und freundlich, beständig und trefflich, männlichen Sinnes ohne Falsch und Hehl. Und als er so alt war, daß an seine Unterweisung gedacht werden mußte, stand eines Tages, als der König an seiner Tafel saß, der weiseste Meister auf, der in der Halle war, trat vor den Hochsitz und sagte: „Herr, wir glauben, Euer Sohn ist von Gott gegeben, auf daß er dereinst auf Eurem Throne sitze, und darum erbiete ich mich, ihn in jeglicher Wissenschaft zu unterweisen.“ Der König aber sagte mit gar zorniger Miene: „Was könntest du meinen Sohn lehren? Dein Wissen ist mehr wert als die Possen fahrender Leute und das Spiel der Kinder. Und mein Sohn soll nicht zu deinen Füßen sitzen, sondern er soll ohne Unterricht bleiben, oder er soll den Meister erhalten, der ihn unbekannte Weisheit lehren kann, von der ihr nie etwas gehört habt.“

 

Nach einigen Tagen, als der König wieder bei Tische saß, wurde leise an die Tür gepocht, und als die Wächter nachsahen, stand draußen ein Mann mit dem Gehaben eines Weisen, und der verlangte, vor den König geführt zu werden. Der König erlaubte es, und der Mann kam herein; er trug einen großen Filzhut, so daß man sein Gesicht nicht genau sehen konnte, rückte auch zum Gruße nur wenig an der Krempe und sagte: „Heil Euch, Herr!“ Und er fuhr fort: „Ihr seht, Herr, daß ich ein Weiser bin, und da mir ein Wort von Euch wegen des Unterrichts Eures Sohnes zu Ohren gekommen ist, das Euren Räten etwas hochfahrend erschien, so bin ich gekommen, um ihm mit meinem Wissen zu dienen; denn was ich ihn lehren kann, wird, hoffe ich, keinem lebenden Menschen bekannt sein. Da ich aber alt und schrullig bin, so mag ich nicht dem Lärm der Welt ausgesetzt sein, und darum laßt für uns in dem Walde zwei Meilen vor der Stadt ein Haus errichten und Unterhalt für ein ganzes Jahr hinschaffen; denn ich will, daß uns dort niemand störe.“

 

Dieser Rede war der König froh, und er ließ schleunigst alles so herrichten. Und als der Meister und der Königssohn das Haus bezogen hatten, da setzte sich der Meister, wie es ihm zukam, auf den Hochsitz, und der Königssohn setzte sich ihm zu Füßen, so demütig, wie ein Kind geringen Standes. Und so saßen sie am ersten Tag und schwiegen, und den zweiten und den dritten, und kein Wort wurde laut. Um es kurz zu machen, das ganze Jahr diente der Königssohn früh bis spät dem Meister und saß schweigend zu seinen Füßen. Und als das Jahr zu Ende war, sagte der Meister: „Morgen, mein Sohn, wird man uns holen und vor den König führen. Er wird dich um den Unterricht fragen, und du magst ihm antworten, du dürftest von deiner Belehrung nichts sagen, du wissest aber, daß dergleichen noch nie ein menschliches Ohr vernommen habe. Und dein Vater wird fragen, ob du noch weiter bei mir bleiben willst, ich gebe dir keinen Rat.“ Und so geschah es, wie der Meister gesagt hatte, und der Königssohn sagte, er gehe gern in das Haus am Walde zurück.

 

Das zweite Jahr verlief wie das erste, und wieder entschloß sich der Königssohn, in der Einsamkeit zu verharren, und das dritte Jahr verging in demselben Schweigen. Als aber auch dieses Jahr zu Ende war, sagte der Meister: „Mein Sohn, nun sollst du den Lohn für dein Schweigen, deine Geduld und deine Treue erhalten; denn du bist der Lehre würdig, die noch keinem Wesen zuteil geworden ist. Wisse, ich bin kein Mensch, sondern ich bin der Tod, und die Weisheit, die ich dir geben will, soll dich berühmt machen durch alle Lande, und nun gib wohl acht: Wenn ein Mensch in der Stadt krank wird, so gehe zu ihm, und du wirst mich bei ihm sitzen sehen, und du mußt beachten, wo ich sitze. Sitze ich bei seinen Füßen, so sollst du, wie es auch eintreffen wird, sagen, daß er lange, aber nicht sehr schwer krank sei und davonkommen wird; sitze ich ihm zur Seite, so wird die Krankheit schwerer, aber kürzer sein und ihr Genesung folgen; sitze ich aber zu seinen Häupten, so ist der Tod gewiß, mag die Qual länger oder kürzer währen. Und erkranken deine Freunde oder angesehene Leute, die du erfreuen oder deren Freundschaft du erwerben willst, oder willst du Geld oder Ehre von ihnen erlangen, so nimm den Vogel Karadius: sitze ich nicht am Kopfende des Kranken, so halte ihm den Vogel ins Gesicht, denn der Vogel hat die Eigentümlichkeit, die Krankheit aufzusaugen und aufzunehmen, und dann laß ihn los, und er fliegt mit der Krankheit hoch in die Luft und nahe zur Sonne und bläst die Krankheit in sie hinein, und sie nimmt sie auf und zerstört sie in ihrer Hitze. Und damit ist meine Lehre zu Ende und unser erstes Zusammensein; wir werden uns zwar wiedertreffen, aber das Widersehen wird dir keine Freude bringen.“ Damit schloß der Tod seine Rede.

 

Und es kam der Tag, wo sie beide vor den König gerufen wurden, und der Königssohn stellte dem Meister ein Zeugnis des Lobes aus, und der Meister erntete von dem König reichen Dank und das Angebot von Gaben und Ehrenbezeigungungen; er aber schlug alles aus und bat nur um Urlaub. Die Weisheit des Königssohnes wurde zunächst nicht gar hoch angeschlagen, aber mit der Zeit gewann er Ansehen, und das wuchs immer mehr, und schließlich war es das allgemeine Urteil, seinesgleichen sei noch nie geboren gewesen. Und bald waren gleichsam alle Länder in Bewegung ihn aufzusuchen, und er macht weite Reisen zu vornehmen Leuten, um ihre Krankheiten zu untersuchen. Und dann starb sein Vater, und als er den Thron bestiegen hatte, besuchte er nur noch die seine Freunde und die Mächtigen des Landes. Aber trotz seiner Gabe war er nicht hochmütig, sondern blieb herablassend und sanft und mild, so daß ihm jedes Kind von Herzen hold war. So vergingen seine Tage in Ruhm und Glück, und als er hundert erreicht hatte, war er noch ein rüstiger Mann.

 

Da kam eine heftige Krankheit über ihn, die wenig Aussicht zur Rettung ließ, und als er da einmal aus einer Ohnmacht erwachte, sah er, daß sein alter Meister mit dem breiten Filzhut gekommen war, und der saß dicht bei seinem Haupte. Und er sagte zu ihm: „Meister, warum bist du so bald gekommen!“ Und er Tod antwortete: „Einmal muß es sein.“ Und der König sagte: „Damals als ich, ein Königskind, drei Jahre lang schweigend zu deinen Füßen saß, hätte ich nicht gedacht, daß du mich wegreißen werdest aus der Fülle des Glücks und der königlichen Ehren und obwohl ich noch rüstig bin und zur Regierung wohl tauglich.“ Der Tod aber sagte, der König müsse durchaus mit ihm gehen; da sagte dieser: „So viel Frist wirst du mir aber doch gewähren, daß ich noch ein Vaterunser sprechen kann“, und der Tod gewährte die Frist eines Vaterunser. Und der König sprach die ersten vier Bitten des Vaterunsers; als er aber zu der Stelle gekommen war: „Vergib uns unsere Schuld“, schwieg er still. Der Meister wartete lange, aber er blieb stumm. Endlich sagte der Meister: „Warum, mein Sohn, betest du nicht weiter?“ Und der König antwortete: „Ich will nicht. Du hast mir gewährt, daß ich noch ein Vaterunser sprechen darf, und den Schluß werde ich nicht ehr beten, als bis ich gelebt habe, solange es mein Herz begehrt, und dann werde ich das Gebet freiwillig beenden.“

 

Und er Tod sagte: „Es ist deiner List gelungen, mich zu betrügen, und so wiest du für diesmal deinen Willen behaupten.“ Und er schied, und mit dem Könige wurde es so rasch besser, daß es allen ein Wunder schien, wie die Krankheit wich. Und er lebte in seinen Ehren ein zweites Jahrhundert; dann aber hatte ihn das Alter so gebeugt und gelähmt, daß ihm das Leben zur Last ward. Er berief alle Großen seines Landes, und sie kamen allesamt, und der Königsstuhl wurde aufgestellt, und seine Mannen führten ihn hin. Und er traf Bestimmungen über das Reich und die Königswürde und erteilte seinem Volke guten Rat und väterliche Ermahnung, Gott zu fürchten und die Rechte des Landes nach den alten Satzungen guter Fürsten zu gewahren.

 

Dann legt er sich bei hellem Tage zu Bett und gebot den Geistlichen, ihn auf die letzte Stunde vorzubereiten. Und das geschah, und dann erzählte er seinen Vertrauten alles, was sich zwischen ihm und dem Tod zugetragen hatte, und endlich sagte er: „Nun komm, Meister, und höre, wie ich mein Gebet beende; ich bin bereit.“ Und der Meister kam, und der König begann: „Vergib uns unsere Schuld“, und in dem Augenblicke, wo er das Amen sprach, schied er aus seinem Leben.

Und er wurde, obgleich er alt war, sehr beweint, und damit hat diese Geschichte ein Ende.

 

Märchen aus Schottland

 

Tom der Reimer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter alle den jungen Kämpen in Schottland war im 13. Jahrhundert keiner liebenswürdiger und gewinnender als Thomas Learmont, Herr des Schlosses von Ercildoune in Berwickshire. An einem sonnigen Maitage geschah es nun, dass Thomas die Feste Ercildoune verließ und in die Wälder wanderte, die sich am Huntly Burn entlangziehen, einem kleinen Wasser, das von den Eildon-Bergen herunterrauschte.

 

Es war ein lieblicher Morgen, frisch und strahlend und warm, und alles war so schön wie im Paradies. Thomas fühlte sich so glücklich inmitten der Heiterkeit, dass er sich an einer Baumwurzel auf den Boden streckte um alles Leben in seiner Nähe zu beobachten. Als er nun so lag, hörte er das Hufgetrappel eines Pferdes, das sich einen Weg durch die Büsche bahnte. Und da er hinschaute, sah er, wie die schönste Dame, die er je erblickte, auf einem grauen Zelter zu ihm herangeritten kam.

 

Sie trug ein Jagdgewand aus schimmernder Seide, grün wie das Frühlingsgras, und von ihren Schultern hing ein Mantel aus Samt, der aufs beste zu dem Samtrock paßte. Ihr gelbes Haar wie rieselnd Gold hing ihr lose um die Schultern, und auf ihrem Haupte funkelte ein Schmuck von kostbaren Steinen, die wie Feuer im Sonnenlicht blitzten. Ihr Sattel war aus reinem Elfenbein und ihre Decke aus blutrotem Atlas, die Gurte aus gerippter Seide und die Steigbügel aus geschliffenem Kristall. Die Zügel ihres Pferdes waren aus gehämmertem Golde, und kleine Silberglocken ließen beim Reiten die zarteste Feenmusik erklingen. Gewiß war sie auf der Jagd: Denn sie hielt ein Horn und ein Bündel Pfeile, und sie führte sieben Windhunde daher in der Koppel, während ebensoviel Spürhunde frei neben ihrem Pferde liefen. Als sie die Schlucht herunterritt, trällerte sie ein Stück aus dem alten schottischen Liede vor sich hin.

 

Sie trug sich mit einer so königlichen Anmut, und ihr Kleid war so herrlich, dass Thomas am Wegrand knien und sie verehren mochte, da er meinte, es wäre die Heilige Jungfrau selbst. Aber als die Reiterin auf ihn zukam und seine Absicht merkte, schüttelte sie traurig den Kopf: „Ich bin nicht die heilige Frau, wie du glaubst. Sie nennen mich Königin des Feenreiches und nicht die Himmelskönigin.“

 

Und sie schien recht zu haben; denn von dem Augenblick an war ein Zauber über Tom gekommen, der ihn alle Klugheit, Vorsicht und Vernunft vergessen ließ. Er wusste wohl, wie gefährlich es für die Sterblichen ist, sich mit der Fee einzulassen; aber er war so gebannt von der Schönheit der Dame, dass er sie um einen Kuß bat. Das gerade hatte sie sich gewünscht; sie wusste, küsste er sie erst einmal, so hatte sie ihn ganz in der Gewalt.

 

Zu des Jünglings Entsetzen kam eine schlimme Veränderung über sie, als er ihre Lippen berührte. Ihr kostbarer Mantel und seiden Reitgewand fingen an dahinzuwelken und ließen ihr nur eine lange graue Hülle, fahl wie die Asche. Ihre Schönheit schien ebenso zu vergehen, und sie wurde alt und bleich, und noch schlimmer, gar viel von ihrem reichen goldenen Haar wurde vor seinen Augen grau und stumpf. Sie bemerkte sein Erstaunen und seinen Schrecken und brach in Hohngelächter aus: „Nicht mehr bin ich so schön anzuschaun wie zuerst; aber das macht wenig aus. Du hast dich verkauft, Tom, mir sieben Jahre zu dienen. Denn wer die Feenkönigin küsst, muß ihr folgen ins Feenland und ihr dort dienen, bis die Zeit vorüber ist!

 

Als der arme Thomas diese Worte hörte, fiel er auf die Knie und bat um Gnade. Aber sie wurde ihm nicht gewährt. Die Elfenkönigin lachte ihm nur ins Gesicht und lenkte ihren grauscheckigen Zelter dicht an ihn heran. „Nein, nein“, hielt sie seinen Bitten entgegen, „du hast den Kuß begehrt, und nun musst du auch den Preis bezahlen. So zögere nicht länger, steige hinter mir auf; denn es ist hohe Zeit für mich zu gehen.“

 

So stieg Thomas mit manchem Seufzer und Schauer hinter ihr zu Pferde, und kaum saß er, so zog sie den Zügel an, und das graue Roß jagte davon. Immer weiter und weiter ging es, schneller als der Wind, sie hatten das Land der Lebenden hinter sich gelassen und kamen an den Rand einer großen Einöde, die sich vor ihnen dürr und kahl und verlassen bis zum Saum des Himmels ausdehnte. Wenigstens schien es so den müden Augen des Thomas von Ercildoune, und er sann, ob er und seine seltsame Gefährtin wohl auch durch diese Wüste müssten und ob es da ein Zurück ins Land des Lebens gäbe.

 

Aber die Feenkönigin straffte plötzlich die Zügel, und der graue Zelter hielt ein in seinem wilden Gang. „Nun musst du absteigen, Thomas“, sagte die Dame und schaute über die Schulter nach ihrem unglücklichen Gefangenen, „dich niederbeugen und dein Haupt auf mein Knie legen, so will ich dir verborgene Dinge zeigen, die sterbliche Blicke nicht gewahren.“ Tom stieg herunter, beugte sich nieder und lehnte sein Haupt auf das Knie der Feenkönigin, und siehe, da er wieder über die Wüste blickte, schien alles verändert. Denn er sah jetzt drei Straßen quer hindurchführen, die er vorher nicht bemerkt, und jede dieser Straßen war verschieden.

 

Eine von ihnen war breit, eben und gleichmäßig und verlief geradeaus durch den Sand, so dass man auf seiner Reise nicht den Weg verlieren konnte. Die zweite Straße war von der ersten so verschieden, wie sie nur sein konnte. Sie war schmal, gewunden und lang und da war ein Dornstrauch auf der einen und eine Rosenhecke auf der andern Seite, und diese Hecken waren so hoch gewachsen und ihre Zweige so wild und verflochten, dass der Reisende seine größte Mühe gehabt hätte, überhaupt seinen Weg fortzusetzen. Und die dritte Straße war wiederum keiner der beiden anderen verwandt. Es war eine wunderschöne Straße, und sie schlängelte sich aufwärts zwischen Farnen und Heidekraut und goldgelben Ginsterbüschen und sah so aus, als möchte es ein herrlich Reisen sein auf diesem Weg.

 

„Nun“, sagte die Feenkönigin, „wenn du willst, so werde ich dir sagen, wohin diese drei Straßen gehen. Die erste Straße ist, wie du siehst, breit und eben und mühelos, und gar viele werden sie wählen. Aber es mag auch eine gute Straße sein, sie führt doch zu einem bösen Ende, und wer sie wählt, bereut seine Wahl für immer. Und die enge Straße, die so verstrickt und verwachsen ist durch Dornen und Rosen, wird nur von wenigen gewählt und betreten werden. Wüßten sie es genau, sie würden wohl in größerer Zahl auf ihr wandeln; denn es ist die Straße der Rechtschaffenheit. Ist sie auch beschwerlich und lästig, endet sie doch in einer ruhmreichen Stadt, die da heißt die Stadt des Großen Königs.

 

Und dann die dritte Straße, die wunderschöne Straße, die hügelaufwärts zwischen den Farnkräutern läuft und dahin führt, wo kein Sterblicher je war, wohl weiß ich, wohin sie geht, Thomas; denn sie führt ins holde Elfenland – das ist die Straße, die wir wählen. Und merk dir, Thomas, wenn du deine Feste Ercildoune jemals wiedersehen willst, dann hüte deine Zunge, bis wir das Ende unserer Reise erreicht haben, und sprich kein einzig Wort zu irgendeinem außer mir, denn der Sterbliche, der unbesonnen im Land der Feen seine Lippen öffnet, muß dort für immer bleiben.“ Dann hieß sie ihn wieder ihren Zelter besteigen, und weiter ritten sie.

 

Der Weg zwischen den Farnen war allerdings nicht so einladend wie im Anfang. Denn sie waren noch nicht sehr weit geritten, als er sie in einen schmalen Hohlweg führte, der gerade unter die Erde zu gehen schien, wo ihnen kein Lichtstrahl den Pfad wies und die Luft feucht und schwer war. Überall hörte man Wasser rauschen, und schließlich geriet die graue Mähre auch mitten hinein. Und das Wasser kroch empor, kalt und frostig, zuerst an Thomas Füßen und dann über seine Knie. Sein Mut war allmählich immer mehr gesunken, seitdem sie das Tageslicht verlassen; aber jetzt gab er sich ganz verloren. Denn es schien ihm gewiß, dass seine seltsame Gefährtin mit ihm niemals wohlbehalten an das Ziel gelangen würde.

 

Er fiel nach vorn in tiefer Ohnmacht. Und hätte er nicht das graue Gewand der Fee fest angepackt, so wäre er sicher von seinem Sitz gerutscht und ertrunken. Aber alles, sei es gut oder böse, hat seine Zeit, und schließlich begann sich die Dunkelheit zu lichten, und die Helligkeit wurde stärker, bis sie wieder im vollen Sonnenscheine standen. Da faßte Thomas Mut und schaute auf. Und siehe, sie ritten durch einen üppigen Garten, wo Äpfel und Birnen, Datteln und Feigen und Weinbeeren in großer Fülle wuchsen. Seine Zunge war so ausgedörrt und trocken, und er fühlte sich so schwach, dass er nach einer der Früchte begehrte, um sich zu erholen.

 

Er reckte seine Hand, um sich eine zu pflücken, aber seine Gefährtin im Sattel wandte sich um und verbot es ihm: „ Nur einen Apfel darfst du essen, den ich dir gleich geben werde. Wenn du etwas anderes berührst, musst du für immer im Feenland bleiben.“ Der arme Thomas bezwang sich, so gut er konnte, und sie ritten langsam weiter, bis sie an ein niedriges Bäumchen kamen, das war über und über mit roten Äpfeln bedeckt. Die Feenkönigin beugte sich herab, pflückte einen und reichte ihn ihrem Gespielen.

 

„Diesen kann ich dir geben“, sagte sie, „und ich tue es gern; denn es sind die Äpfel der Wahrheit, und wer von ihnen isset, dessen Lippen werden nie mehr eine Lüge tun.“ Thomas nahm den Apfel und aß ihn, und für immer blieb die Gnade der Wahrheit auf seinen Lippen; darum nannte man ihn noch in späteren Jahren Tom den Wahren. Sie hatten nur noch ein kleines Stück Weges zurückzulegen, bis sie ein prächtiges Schloß erblickten, das auf einem Hügel ragte.

 

„Drüben ist mein Reich“, sagte die Königin und wies stolz hinüber. „Dort wohnt mein Herr und alle Vornehmen seines Hofes, und da mein Herr ein ungleich Gemüt besitzt und einem fremden Kämpen, den er in meiner Gesellschaft sieht, nicht sonderlich freundlich ist, bitte ich dich um deinet und meinetwillen, mit niemand ein Wort zu wechseln, der zu dir redet. Und sollte mich jemand fragen, war oder was du seist, so will ich ihm sagen, du wärest stumm. So wirst du unauffällig durch die Menge kommen! Mit diesen Worten setzt die Dame ihr Jagdhorn an und blies. Dabei ging ein merkwürdiger Wandel mit ihr vor: Ihr hässliches Aschengewand fiel von ihr, das graue Haar verschwand, und sie erschien wieder im grünen Reitrock und Mantel, und ihr Gesicht war jung und schön. Aber auch Thomas hatte sich wunderbar verändert: Da er zufällig heruntersah, merkte er, seine groben Kleider vom Lande hatten sich verzaubert in ein Gewand von schönem braunen Tuch, und an seinen Füßen trug er Atlasschuhe.

 

Sobald der Hornruf verklungen war, flogen die Tore des Palastes auf, und der König eilte der Königin entgegen in Begleitung einer großen Schar von Rittern und Damen, Sängern und Pagen; Thomas, der vom Zelter abgestiegen war, hatte keine Mühe, ihren Wünschen zu folgen und unbemerkt ins Schloß zu kommen. Jedermann schien froh, die Königin zurückzusehen, und sie versammelten sich in ihrem Gefolge im Großen Saal, und sie sprach freundlich mit ihnen allen und reichte ihnen ihre Hand zum Kuß. Dann wandte sie sich mit ihrem Gatten zu einem Hochsitz am Ende des ausgedehnten Raumes, wo zwei Thronsessel standen; darauf ließ sich das königliche Paar nieder und schaute den beginnenden Festlichkeiten zu.

 

Der arme Thomas stand indessen weit ab am anderen Ende des Saales, er fühlte sich sehr einsam und doch ergriffen von dem ungewöhnlichen Schauspiel, dessen Zeuge er jetzt wurde. Denn obwohl all die schönen Damen, Hofleute und Ritter in einem Teile des Schlosses tanzten, sah man in einem anderen Jäger kommen und gehen, die brachten große Hirschgeweihe, die sie auf der Jagd geschossen, und warfen sie übereinander auf den Boden. Zu Seiten der toten Tiere standen aber ganze Reihen von Köchen, schnitten sie zurecht und trugen die Stücke zum Braten fort. Das alles war ein seltsames phantastisches Bild, dass Thomas nicht darauf achtete, wie die Zeit verstrich, sondern nur stand und zusah und gaffte, ohne mit jemand ein Wort zu wechseln.

 

Das ging drei lange Tage so weiter, da erhob sich die Königin von ihrem Thron, schritt vom Hochsitz herunter und ging durch den Saal auf ihn zu. „Nun ist es Zeit zu satteln und zu reiten, Tom“, sagte sie, “wenn du jemals das schöne Schloß Ercildoune wiedersehen möchtest.“ Thomas blickte sie verwundert an: „Ihr spracht von sieben langen Jahren, hohe Frau, und ich bin doch erst drei Tage hier." Die Königin lächelte: „Schnell vergeht die Rast im Feenland, mein Freund. Du meinst nur drei Tage hier gewesen zu sein. Sieben Jahre ist es her, seit wir uns trafen. Und so ist es Zeit für dich zu gehen. Gern hätte ich dich noch länger bei mir gehabt, aber ich wage es nicht um deiner selbst willen. Denn in jedem siebten Jahr kommt ein böser Geist aus den Gebieten der Nacht herab zu uns und nimmt einen unserer Gefährten mit fort, wen er gerade fasst. Und da du ein stattlicher Bursche bist, könnte er am Ende gar auf dich verfallen. Es täte mir leid, wenn dir etwas zustieße, und so will ich dich schon heute nacht in dein Land zurückbringen.“

 

Wieder wurde der graue Zelter herbeigeführt, Thomas und die Königin stiegen auf, und wie sie gekommen waren, kehrten sie zurück zum Eildon-Baum am Huntleybach. Dann sagte die Königin Thomas Lebewohl, und als Abschiedsgabe erbat er sich etwas, an dem die Leute erkennen sollten, dass er wirklich im Feenland gewesen. „Ich habe dir schon die Gabe der Wahrheit gereicht“, erwiderte sie. „Ich will dir nun die Gaben der Verkündigungen und Dichtkunst verleihen, so dass du die Zukunft vorauszusehen und wohlklingende Verse zu schreiben vermagst. Und außer diesen unsichtbaren Gaben gehöre dir diese, den Augen der Sterblichen sichtbar. Eine Harfe, die im Feenland geschaffen. Zieh hin, mein Freund. Eines Tages werde ich vielleicht dich wiedersehen.“ Mit diesen Worten verschwand die Dame, und Thomas blieb allein; er fühlte sich, offen gesagt, ein wenig unglücklich, da er von dem strahlenden Wesen Abschied nahm und in die gewöhnlichen Gründe der Menschen sich wandte.

 

Danach lebte er manch langes Jahr in seinem Schlosse Ercildoune, und der Ruhm seiner Dichtung und seiner Verkündigung verbreitete sich über das ganze Land, so dass ihn die Leute Thomas den Wahren und Tom der Reimer nannten. Vierzehn Jahre gingen vorüber, und die Leute hatten schon fast vergessen, dass Thomas der Reimer je im Elfenland gewesen. Da nahte aber eine Zeit, in der Schottland und England im Kriege lagen und das schottische Heer an den Ufern des Tweed sich lagerte, nicht weit von der Festung Ercildoune. Und der Herr des Schlosses entschied sich, ein Fest zu veranstalten und alle Edlen und Herren, die das Heer führten, zu einem großen Essen einzuladen. Noch lange blieb dieses Fest in Erinnerung. Denn der Lord von Ercildoune achtete darauf, dass alles so großartig war, stand von seinem Sitze auf, nahm seine Elfenharfe und sang den versammelten Gästen ein Lied nach dem andern aus längst vergangenen Tagen. Die Gäste lauschten atemlos; denn sie ahnten, dass sie so wunderbare Musik nie wieder hören würden. Und so geschah es auch.

 

In der selben Nacht, als alle Edlen zu ihren Zelten zurückgekehrt waren, sah ein Soldat auf Wache im Mondlicht einen schneeweißen Hirsch und eine Hindin die Straße herabziehen, die über das Lager hinausging. So seltsam schienen die Tiere, dass er seinen Offizier herbeirief, um zuzuschauen. Und der Offizier holte seine Kameraden, und bald folgte eine ganze Schar vorsichtig den stummen Wesen, die feierlich weiterzogen, als ob sie im Maße einer irdischen Ohren nicht vernehmbaren Musik einherschritten. „Das hat Unheimliches zu bedeuten“, sagte schließlich einer der Soldaten, „wir wollen doch nach Thomas von Ercildoune schicken; vielleicht kann er uns sagen, was es auf sich hat.“ „Ja, holen wir Thomas von Ercildoune“, stimmte jeder mit ein.

 

So wurde eilig ein kleiner Page in die Feste gesandt, um Thomas aus seinem Schlummer zu scheuchen. Als er des Knaben Botschaft hörte, wurde des Sehers Antlitz ernst und sinnend. „Das ist ein Zeichen“, sagte er leise, „ein Zeichen von der Feenkönigin. Lange habe ich darauf gewartet, nun ist es doch eingetroffen.“ Als er hinausging, gesellte er sich nicht zu der kleinen Schar der Wartenden, sondern folgte stracks dem schneeweißen Hirsch und der Hindin. Sobald er sie erreicht hatte, hielten sie einen Augenblick ein, als ob sie ihn grüßten.

 

Dann stiegen alle drei langsam ein steiles Ufer hinab, dass sich am kleinen Flusse Leader hinzog, und verschwanden in seinen schäumenden Fluten; denn der Strom führte Hochwasser. Obwohl man überall sorgsam nachforschte, fand man doch keine Spur mehr von Thomas von Ercildoune. Und bis zum heutigen Tag glauben die Leute auf dem Lande, dass der Hirsch und die Hindin Boten der Elfenbeinkönigin gewesen und er mit ihnen ins Feenland zurückgekehrt.

 

Märchen aus Schottland

 

Die drei Witwen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal drei Witwen, und jede von ihnen hatte einen Sohn. Domhnull hieß einer dieser Söhne. Er hatte vier junge Ochsen, und die beiden anderen hatten jeder nur zwei. Immer stritten sie sich darüber; man warf ihm vor, er hätte mehr Gras als die anderen. In einer finsteren Nacht gingen sie hinaus auf die Weide, griffen zu Domhnulls Ochsen und töteten sie. Als Domhnull wach wurde und nach seinem Ochsen sehen wollte, fand er sie dort tot daliegen. Da zog er ihnen die Haut ab, salzte sie ein und nahm eins der Felle mit in die große Stadt, um es zu verkaufen.

 

Der Weg war so lang, dass ihn die Nacht überraschte, bevor er die Stadt erreicht hatte. Er schlug sich seitwärts in einen Wald und deckte sich das Fell über den Kopf. Da kam ein Schwarm Vögel und setzte sich auf das Fell. Er streckte seine Hand aus und griff einen von ihnen. Bei Tagesdämmerung ging er weiter. Er begab sich zu dem Hause eines begüterten Mannes. Der Mann kam an die Tür und fragte ihn, was er denn da in seinem Ochsenfell hätte. Er antwortete, er hätte einen Wahrsager darin. „Was kann er denn prophezeien?“ „Alles, was ihr wollt!" , sagte Domhnull. „Dann laß ihn mal wahrsagen“, meinter der Mann.

 

Er ging hin und drückte den Vogel, und der zirpte schrill auf. „Was sagt er?“, fragte der Mann. „Er sagt, du wolltest ihn kaufen und zweihundert Pfund dafür zahlen“, sagte Domhnull. „Allerdings, das stimmt ohne Zweifel. Und wenn er wirklich wahrsagen kann, dann will ich das schon für ihn zahlen“, sagte der Mann. So kaufte also der Mann Domhnull den Vogel ab und gab ihm zweihundert Pfund dafür. „Aber verkauft ihn ja nicht weiter; es ist ja nicht ausgeschlossen, dass ich selbst ihn mir einmal wieder hole, Ich würde ihn Euch nicht für dreitausend Pfund lassen, wenn ich nicht gerade in großer Not wäre.“ Domhnull ging heim; der Vogel weissagte fortan aber keinen Pfifferling mehr.

Als er sich an sein Mahl machte, fing er an, sein Geld zu zählen. Wer sah da zu? Die, welche die Ochsen getötet hatten. Sie traten ein.

 

„Ah, Domhnull“, staunten sie, „wie bist du zu alledem Geld gekommen, das hier liegt?“ „Auf eine Weise, die es euch auch leicht machen würde. Ich bin euch sehr dankbar, dass ihr meine Ochsen umgebracht habt“, sagte er. „Drum schlachtet auch eure Ochsen, zieht sie ab und nehmt die Felle mit in die große Stadt und ruft aus: „Wer will ein Ochsenfell kaufen?“, und ihr werdet das Geld nur so scheffeln.“ Sie schlugen ihre Ochsen tot und zogen sie ab. Sie begaben sich mit den Fellen in die große Stadt und riefen aus: „Wer will einen Ochsen kaufen?“ Sie trieben dies Geschäft den ganzen Tag lang. Als aber die Leute müde wurden, sich über sie lustig zu machen, kehrten sie heim. Nun wussten sie nicht, was sie angeben sollten. Sie waren ärgerlich wegen der Ochsen, die sie geschlachtet hatten.

 

Da sahen sie Domhnulls Mutter zum Brunnen gehen, fielen über sie her und erwürgten sie. Als Domhnull sich sorgte, weil seine Mutter so lange ausblieb, sah er sich nach ihr um und suchte sie. Er machte sich auf zum Brunnen und fand sie dort tot vor. Er wusste nicht, was er tun sollte. Dann schleppte er sie mit ins Haus. Am Morgen steckte er sie in die besten Kleider, die sie besaß, und nahm sie mit in die große Stadt. Er ging hinaus bis zum Hause des Königs und trug sie vor sich hin. Dort kam er an einen großen Brunnen.

Dann steckte er seinen Stock am Brunnenrand und stellte sie mit der Brust gegen den Stock. Er ging nun an die Pforte, klopfte an, und die Magd eilte herunter. „Sage dem König“, richtete er aus, „da unten steht eine ehrwürdige Frau und möchte mit ihm verhandeln.“ Die Magd bestellte es dem König. „Sage ihm, er soll sie herüberholen“, meinte der König: „Der König trägt dir auf, du sollst sie herüberholen“, sagte die Magd zu Domhnull. „Ich gehe nicht hin. Geh nur selbst, ich bin zu müde!“ Die Magd ging noch einmal zum König, um ihm zu sagen, dass der Mann sich nicht im geringsten rühren wolle. „Dann geh eben selbst“, erwiderte der König.

 

„Wenn sie dir nicht antworten will, musst du sie anstoßen; sie ist krank“, sagte Domhnull zu der Magd. Die kam bei der Alten an. „Gute Frau“, so redete die Magd sie an, „der König heißt Euch herüberkommen.“ Sie rührte sich nicht. Das Mädchen stieß sie an, aber sie sprach kein Wort. Domhnull sah, wie es herging. „Nehmt ihr den Stab vom Leibe“, sagte Domhnull, „sie ist wohl eingeschlafen.“ Die Magd tat es, und die Alte polterte kopfüber in den Brunnen. Da schrie er los: „O bei meinem Vieh! Meine Mutter ist im Brunnen ertrunken! Was soll ich nun tun?“ Dann schlug er die Hände gegeneinander und stimmte solch ein Geheule an, dass man es drei Meilen im Umkreise vernehmen konnte.

Der König kam heraus. „Oh, mein Junge, sei nur still von der Sache, dann will ich dir auch deine Mutter bezahlen. Wieviel verlangst du denn für sie?“ „Fünfhundert Pfund“, sagte Domhnull. „Du hast sie in einer Minute“, versicherte der König. Domhnull bekam seine fünfhundert Pfund. Er ging dahin, wo seine Mutter war. Er zog ihr die Kleider ab, die sie anhatte, und warf sie dann in den Brunnen.

 

Als er nach Haus kam, zählte er sein Geld. Sie stellten sich auch wieder ein, die beiden andern, und wollten sehen, ob er seine Mutter beweinte. „Wo hast du denn all das Geld her?“ „Ich hab es da bekommen, wo ihr es auch bekommen könnt, wenn ihr den Mut dazu habt“, sagte er. „wie sollen wir das machen?“ "Bringt eure Mütter um und nehmt sie dann mit in die große Stadt und ruft aus: „Wer will tote alte Weiber kaufen?“ Und ihr werdet ein Vermögen zusammenhäufen.“ Als sie das hörten, gingen sie heim, und jeder von ihnen schlug mit einem Stein in einem Strumpf so lange auf seine Mutter los, bis sie tot war.

 

Am anderen Morgen zogen sie in die große Stadt. Sie riefen auch wirklich: „Wer will tote alte Weiber kaufen!“ Aber da fand sich niemand, der so etwas haben wollte. Und als die Leute müde wurden, sich über sie lustig zu machen, hetzten sie ihre Hunde auf sie und jagten sie nach Hause. Als sie in der Nacht heimkamen, legten sie sich hin und schliefen. Am nächsten Morgen aber, da sie erwacht, gingen sie zu Domhnull, packten ihn und steckte ihn in ein Faß. Das nahmen sie dann mit, um es von einer Felsspitze hinabzustürzen. Sie machten sich daran und brauchten dazu eine recht lange Zeit.

Da sagte der eine zum andern: „Der Weg war so lang und das Wetter war so heiß, da sollten wir erst einen Schnaps trinken.“ Sie kehrten ein und ließen ihn in seinem Faß draußen auf der Landstraße. Da hörte er ein Trippeltrappeln herannahen, und wer sollte das sein, wenn nicht der Schäfer mit hundert Schafen. Da machte er sich flugs daran und blies ein Stückchen auf der Maultrommel, die er bei sich hatte, in seinem Faß. Der Schäfer schlug mit seinem Stock gegen das Faß. „Wer ist denn da drin“, rief er. „Ich bin’s“, sagte Domhnull. „Was machst du denn da drin?“, meinte der Schäfer. „Ich mache mein Glück“, frohlockte Domhnull, und nie hat man mehr Gold und Silber an einem Fleck gesehen. Ich habe schon tausend Börsen vollgestopft, und mein Glück ist beinah vollkommen.“

 

„Es ist aber schade“, sagte der Schäfer, „dass du mich nicht auch ein Weilchen hereinlassen willst.“ „Nein, das tue ich nicht. Ich brauche alles für mich!“ „Willst du mich denn wirklich nicht hereinlassen? Nicht eine Minute lang? Du hättest doch trotzdem genug!“ „Bei der Schrift, armer Mann, da es dir schlecht geht, will ich dich einlassen. Hebe mal den Deckel vom Faß herunter und komm her. Aber lange darfst du nicht drinbleiben“, sagte Domhnull. Der Schäfer nahm den Deckel ab, und er schlüpfte heraus. Er packte den Schäfer an den Beinen und steckte ihn mit dem kopf voran in das Faß. „Hier ist weder Gold noch Silber“, wandte der Schäfer ein. „Du wirst auch erst dann etwas sehen, wenn der Deckel auf dem Faß ist“, sagte Domhnull. „Ich sehe auch nicht den leisesten Schatten hier drin“, jammerte der Schäfer. „Wenn du nichts siehst, so ist das deine Sache“, erwiderte Domhnull.

 

Damit ging er von dannen, legte den Umhang an, den der Schäfer gehabt hatte, und da er das getan, folgte ihm auch der Hund. Da kamen die anderen aus der Wirtschaft, griffen das Faß an und hoben es auf ihre Schultern. Dann zogen sie los. Der Schäfer stammelte nun jede Minute: „Ich bin drin – ich bin’s ja!“ „Gewiß, du Schurke; gewiß bist du’s!“, höhnten sie. Sie erreichten die Felsspitze und ließen das Faß mit dem Schäfer hinunterrollen.

 

Als sie sich umwandten, wen sahen sie da? Domhnull mit Umhang und Hund und inmitten einer Herde von hundert Schafen. Sie gingen zu ihm hinüber. „Oh, Domhnull“, riefen sie, „wie bist du denn hierhergekommen?“ „Grad so, wie ihr hierherkommen könnt, wenn ihr’s versuchen wollt! Als ich nämlich da drüben angelangt war, sagte man mir, ich hätte noch genügend Zeit, und brachte mich wieder hier rüber und gab mir hundert Schafe dazu, damit ich mein Glück machen könnte.“ „Und würde man uns das gleiche tun, wenn wir hingingen?“, sagten sie. „Das täte man. Ja ganz gewiß täte man’s!“ stimmte Domhnull zu. „Aber wie könnten wir da hingelangen?“, meinten sie. „Grad auf dem gleichen Wege, wie ihr mich hinübergeschickt“, sagte er.

 

Sie gingen also und trieben zwei Fässer auf und stiegen hinan. Oben aber kroch der eine hinein, und der andere schickte ihn den Fels hinunter. Jener aber brüllte auf, als er sich unten das Gehirn zerschlug. Der andere fragte Domhnull, was der gerufen habe. Er rief: „Rinder und Schafe, Geld und Gut“, sagte Domnhull. „Dann runter mit mir, runter mit mir!“, eiferte der andere. Er kroch nicht einmal in das Faß hinein. Er schoß kopfüber nach unten und brach sich den Schädel.
Domhnull aber kehrte heim und behielt nun ihr Land für sich.

 

Märchen aus Schottland

 

Pwyll, Prinz von Dyved

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pwyll, Prinz von Dyved, war Herrscher über sieben Cantrevs von Dyved. Nun geschah es einst, daß er sich in seinem wichtigsten Schloß zu Arberth aufhielt und ihn die Lust ankam, zu jagen. Jener Teil seines Reiches aber, wo es ihm zu jagen gefiel, hieß Glynn Cuch. Er brach am Abend von Arberth auf und ritt bis nach Penn Llwyn auf Bwya. In dieser Nacht verweilte er dort. Zeitig am Morgen stand er auf und kam nach Glynn Cuch. Dort hieß er die Hunde losmachen und das Horn blasen. Die Jagd begann.

 

Als er nun den Hunden folgte, wurde er von seinen Gefährten getrennt. Als er dem Bellen seiner Koppel aufhorchte, hörte er, daß noch andere Hunde anschlugen. Sie kamen offenbar aus der entgegengesetzten Richtung. Er befand sich auf einer Lichtung im Wald, und als seine Meute den Rand dieser Lichtung erreichte, sah er die anderen Hunde, die einen Rehbock verfolgten. Und sieh an, etwa in der Mitte der Lichtung holte die andere Koppel den Rehbock ein und warf ihn zu Boden. Pwyll fiel die Farbe der Hunde ins Auge. Auf den Rehbock achtete er nicht weiter. Die Hunde hatten glänzendes Fell und rote Ohren, und beide Farben leuchteten weithin. Er ritt nun heran, jagte die fremden Hunde von dem Wild fort und hetzte die seinen darauf.

 

Da kam ein Reiter auf ihn zu. Er ritt eine hellgraue Stute, hatte ein Jagdhorn um den Hals und trug Kleider aus grauer Wolle, in der Art, wie man sie zur Jagd anlegt. Der Reiter ritt nahe an ihn heran, und sprach: „Häuptling, ich weiß nicht, wer Ihr seid, aber grüßen will ich Euch nicht.“ „Nun“, erwiderte Pwyll, „Ihr seht so würdig aus. Ihr solltet auch so handeln.“ „Wahrlich, es ist nicht mein Rang, der mich hindert.“ „Aber was ist es denn, Häuptling?“ fragte Pwyll, „seid Ihr so unwissend, oder kennt Ihr keine Höflichkeit?“ „Beim Himmel“, sagte der Fremde, „Eure Grobheit und Eure Unhöflichkeit sind die Ursache.“ „Welcher Unhöflichkeit habe ich mich denn schuldig gemacht?“ „Ist es nicht etwa unhöflich, meine Meute fortzuscheuchen, damit das Fleisch Euren Hunden zur Beute wird? Ich werde keine Rache nehmen, aber ihr seid in Unehre, und müsste sie beziffert werden, so ginge es um den Wert von hundert Rehböcken.“

 

„Häuptling“ sprach Pwyll, „wenn ich Euch gekränkt habe, so verzeiht mir bitte. Ich will versuchen, Eure Freundschaft zu gewinnen.“ „Und wie wollt Ihr Eure Verfehlung wiedergutmachen?“ „Vielleicht gemäß dem Rang, den ihr bekleidet...nur ich weiß nicht, wer Ihr seid.“ „Ich bin in meinem Land ein ungekrönter König.“ „Herr, möge Euer Tag angenehm vergehen“, sprach Pwyll, „aber nun sagt doch, aus welchem Land Ihr kommt?“ „Aus Annwvyn“, antworte er, „ich bin Arawn, ein König in Annwvynn.“ „Und wie Herr, kann ich Eure Freundschaft gewinnen?“

 

„Es gibt da einen Mann, Havgan, König in Annwvynn, dessen Reich dem meinen gegenüber liegt, und der führt ständig Krieg gegen mich. Wenn du den Gewalttaten, die er mir zufügt, ein Ende machst, hast du meine Freundschaft gewonnen.“ „Das will ich mit Freuden tun“, sagte Pwyll, „zeigt mir wie das geschehen kann,“ „Hör zu“, sagte Arawn, „wir werden einen starken Freundschaftspakt miteinander abschließen, und ich werde dich an meiner Statt nach Annwvynn schicken. Ich werde dir die schönste Frau zur Seite tun, die du je gesehen hast. Ich will dir meine Gestalt und mein Aussehen geben und zwar genau so, daß kein Kammerdiener, kein Rat und kein Ritter merken wird, daß nicht ich es bin, der mit ihnen umgeht, sondern du. All dies soll gelten für ein Jahr von morgen an.“

 

„Gut und schön“, sagte Pwyll, „aber ich wenn ich mich in deinem Land aufhalte, wie werde ich den Mann finden, von dem du sprichst?“ „In einem Jahr von heute an“, sprach Arawn, „wollen er und ich uns an dieser Furt treffen. Reite du an meiner Stelle hin. Versetzte ihm einen Hieb. Er wird davon tödlich getroffen werden. Aber wenn er dich darum bittet, ihm noch einen Schlag zu versetzen, so laß dich nicht darauf ein, was immer er dir verspricht. Mich hat er dazu gebracht, und am nächsten Tag war er im Kampf so kräftig wie zuvor.“ „Nun gut“, sagte Pwyll, „aber was soll mit meinem Königreich geschehen?“ Sprach Arawn: „Ich werde es so einrichten zu wissen, daß kein Mann oder Weib herausfindet, daß nicht du es bist, sondern ich, der dort regiert.“

 

„Dann will ich gerne gehen“, sagte Pwyll. „Möge deine Reise frei von Mühen sein.
Nichts soll sich dir in den Weg stellen, wenn du in mein Reich reitest. Ich selbst werde dich geleiten.“ Und Arawn führte dann Pwyll bis zu einer Stelle, von der aus man das Schloß und die dazugehörigen Gebäude sehen konnte. „Sieh“, sagte er, „der Hof und das Königreich sind in deine Gewalt gegeben. Jeder dort wird auf deine Befehle hören, und wenn du dir ein wenig Mühe gibst, wirst du bald mit den Sitten und Gewohnheiten der Leute vertraut sein.“

 

Pwyll ritt also gegen das Schloß hin, und als er drinnen war, fand er Wohnungen, Hallen und Kammern, so schön und bequem, wie er sie nie zuvor gesehen hatte. Er betrat die Halle und dachte daran, sich umzukleiden. Pagen und Diener erschienen, zogen ihm die Stiefel aus, und alle grüßten ihn. Zwei Ritter kamen und nahmen ihm die Jagdkleidung ab und brachten bequeme Hauskleidung aus Brokat. Dann wurde die Halle gerichtet. Er sah die Angestellten des Hofes und die Soldaten hereinmarschieren. Es waren die besten Truppen, die er je gesehen hatte. Und mit ihnen erschien die Königin. Eine schönere Frau war ihm nie zu Gesicht gekommen. Sie trug ein Kleid aus glänzender gelber Seide. Alle wuschen sich und setzten sich, und die Königin saß ihm zur Seite, und ein Graf hatte auf der anderen Seite Platz genommen.

 

Pwyll begann mit der Königin zu reden, und von allen Frauen, mit denen er sich unterhalten hatte, besaß sie die natürlichsten Umgangsformen. Sie war liebenswürdig und geistreich im Gespräch. So verging die Zeit mit Essen, Trinken, Singen und Feiern, und von allen Höfen, die er je gesehen hatte, gab es an diesem die meisten goldenen Teller und die kostbarsten Juwelen. Als es nun Zeit wurde, schlafen zu gehen, legte sich Pwyll und die Königin ins Bett. Sobald sie aber beieinander lagen, wandte er sein Gesicht zur Bettkante und ihr den Rücken zu und sprach mit ihr kein einziges Wort, bis zum nächsten Morgen. Bei Tag war er wieder freundlich und zuvorkommend mit ihr. Wie freundlich er aber auch bei Tag war, in den Nächten, die folgten, verhielt sich Pwyll nie anders als in jener ersten Nacht.

 

Das Jahr verging mit Jagen, singen und Festen mit Freunden und unter angenehmen Gesprächen mit den Rittern bei Hofe, bis jene Nacht des Treffens kam, an die sich selbst die Leute in entlegensten Teilen des Landes zu erinnern wissen. Pwyll wurde von den Adligen des Landes begleitet, und als sie an die Furt kamen, zeigte sich dort ein Ritter, der sprach also: „Ihr Edlen, hört gut zu. Dieser Kampf soll ausgetragen werden im Kampf der zwei Könige, Mann gegen Mann, denn jeder von ihnen beansprucht, das Reich und die Herrschaft. Deshalb trete jeder andere nun beiseite.“ Darauf ritten die beiden Könige an und trafen sich in der Mitte der Furt.

 

Beim ersten Angriff schlug der Mann, der an Arawns Stelle focht, Havgans Schild in zwei Hälften; Havgans Rüstung barst, und er selbst wurde eine – Arm- und Speerlänge weit über das Hinterteil eines Pferdes fort zu Boden geschleudert und blieb dort tödlich verwundet liegen. „O Häuptling“, sagte Havgan, „was für ein Recht hast du, mich zu töten? Ich habe dir kein Leid zugefügt, noch wüsste ich sonst keinen Grund, weshalb du mich töten solltest. Aber um der Liebe des Himmels, da wir diesen Kampf nun einmal begonnen haben, mach ein Ende mit mir.“ „Häuptling“, antwortete Pwyll, „wenn ich so handle, könnte ich es bereuen. Erschlage dich, wer da will. Ich werde es nicht tun.“

 

„Meine Getreuen“, rief Havgan, „tragt mich jetzt fort, denn mein Ende ist nun gewiß. Ich kann nicht länger euer Schutzherr sein.“ „Ihr Herren“, rief darauf jener, der an Arawns Stelle kämpfte, „besprecht euch und überlegt, ob ihr nicht zu mir übertreten wollt.“ Und sie antworteten: „Das wollen wir. Es gibt keinen König außer euch in Annwvyn.“ „Gut denn“, antwortete er, „jene, die sich unterwerfen, sollen mir willkommen sein. Jene aber, die sich weigern, sollen mit dem Schwert dazu gezwungen werden.“ Da huldigten ihm diese Männer, und er begann in dieses Land einzudringen, und am Mittag des folgenden Tages waren beide Reiche vereinigt unter seiner Herrschaft. Sein Versprechen hielt er und kam darauf nach Glynn Cuch.

 

Als er nun dort hin kam, wartete Arawn schon auf ihn, und beide freuten sich wiederzusehen.„Wahrlich“, sprach Arawn, „möge dich der Himmel für deinen Freundesdienst an mir belohnen. Ich habe von allem gehört. Wenn du in dein Reich kommst, wirst du sehen, was ich für dich getan habe.“ „was immer du getan hast“, erwiderte Pwyll, „möge der Himmel es dir lohnen.“ Dann gab Arawn durch Zauber Pwyll seine rechte Gestalt und sein Aussehen wieder und nahm seinerseits seine ursprüngliche Gestalt an, und Arawn brach auf zum Hof von Annwvyn. Freude überkam ihn, als er sein Heer und sein Haushalt wieder vor sich sah. Alle hatte er so lange nicht gesehen, aber sie hatten von seiner Abwesenheit nichts bemerkt und waren von seiner Ankunft nicht erstaunter als gewöhnlich.

 

Er verbrachte den Tag in Gesprächen mit seinem Weib und seinen Rittern, und als es Zeit wurde, dem Trinken und Vergnügen ein Ende zu machen, ging er zu Bett. Da kam seine Frau zu ihm und sogleich begann er mit ihr zu reden, nahm sie in die Arme....Das war in dem vergangenen Jahr nie geschehen und sie dachte: „Herr im Himmel, wie anders ist er doch heute als in der ganzen Zeit zuvor.“ Sie dachte lange darüber nach. Er schlief mit ihr, und danach sprach er zu ihr, aber sie gab keine Antwort....! Warum antwortest du mir nicht?“ fragte er, worauf sie sprach: „Mann kann doch wohl auch das Antworten verlernen. Du hast ein ganzes Jahr im Bett nicht mit mir gesprochen.“ „Ach was“, sagte er, „wir haben uns doch immer im Bett unterhalten.“ „Schande über mich, wenn seit einem Jahr in diesem Bett zwischen uns ein Wort gewechselt worden ist oder du mich in der ganzen langen Zeit auch nur ein einziges Mal berührt hast. In all den Nächten hast du stets mit abgewandten Gesicht geschlafen und meine Augen durften sich an deinem Rücken erfreuen.“

 

Da dachte Arawn bei sich: „Herr im Himmel, was für einen treuen Freund habe ich doch mit diesem Mann gewonnen.“ Und er sprach zu seinem Weib: „Liebste, zürne mir nicht, denn das ganze Jahr habe ich nicht bei dir gelegen, noch bei dir geschlafen.“ Er erklärte ihr, was sich zugetragen hatte, und sie sagte: „Dies sprech ich vor Gott, wahrlich, du musst einen starken Pakt mit diesem Mann geschlossen haben, denn dieser Mann, der an deiner Stelle hier lag, ist nie den Versuchungen erlegen. Vielmehr hat er dir unbedingt die Treue gehalten. „Weib“, sprach er darauf, „dies waren auch meine Gedanken, als ich eben schwieg.“

 

Unterdessen war Pwyll, Herr von Dyved in seinem Land und Königreich angekommen, und er begann, seine Ritter zu befragen, wie sie mit seiner Regierung im vergangenen Jahr im Vergleich mit anderen Jahren zuvor, zufrieden gewesen seien. „Herr“, antworteten sie, „nie war deine Klugheit ersichtlicher, nie warst du so freundlich zu uns, nie zuvor hast du großzügig so viele Geschenke an uns ausgeteilt.“ „Beim Himmel“, sprach Pwyll, „ihr sollt dafür, jenem Mann danken, der statt meiner bei euch war.“ Und er erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte. „Danken wir Gott“, sprachen sie, „daß Ihr einen solchen Freund gewonnen habt. Denn an der Art zu regieren, wie wir im vergangenem Jahr kennengelernt haben, werdet Ihr hoffentlich auch in Zukunft nichts ändern.“ „Zwischen mir und Gott“, sagte Pwyll, „das werde ich wahrlich nicht.“

 

Und von da an hielten sie gute feste Freundschaft, und jeder schickte dem anderen Pferde, Windhunde und Falken und solche Schätze, von denen er annahm, daß der andere daran seine Freude hätte. Und weil er ein Jahr auf Annwvyn verbracht, das Land glücklich regiert und durch seinen Mut beide Königreiche innerhalb eines Tages vereinigt hatte, ging nun der Name Pwyll, Prinz von Dyved unter, und er wurde Pwyll, Oberhaupt von Annwvyn genannt. Einmal nun befand sich Pwyll in Arberth, seinem wichtigsten Schloß, wo ein Fest für ihn ausgerichtet war, und bei ihm war eine große Schar von Männern. Als sie sich nun von der Festtafel erhoben, unternahmen sie ein Spaziergang. Sie stiegen auf einen Hügel hinter dem Schloß, der Gorsedd Arberth genannt wird.

 

Da sprach einer der Männer zu Pwyll: „Herr, das hier ist ein merkwürdiger Hügel. Denn wenn jemand sich auf ihm niedersetzt, empfängt er entweder Schwertstreiche und trägt Wunden davon oder er sieht ein Wunder.“ „Nun, mit so vielen guten Rittern aus meinem Gefolge um mich“, sprach Pwyll lachend, „werden mich wohl keine Schläge treffen, und ich werde auch keine Wunde davontragen. Was aber ein Wunder angeht, so hätte ich nichts dagegen einzuwenden, eines zu erleben. Also will ich mich hinsetzen.“ Das tat er. Und als er nun da saß, sah er eine Frau auf einem großen reinweißen Pferd mit Kleidern aus leuchtendem Gold auf der Straße, die am Fuße des Hügels verläuft, vorbeireiten. Ein jeder der sie sah, meinte, das Pferd bewege sich ganz langsam fort. „Männer“, sprach Pwyll, „kennt jemand unter euch diese Frau?“ „Nein, Herr“, antworteten sie. „Dann soll einer von euch hinabsteigen und herausfinden, wer sie ist!“

 

Ein Mann stand auf, aber als er zur Straße kam, war die Frau schon verschwunden. Er folgte ihr zu Fuß, so rasch er konnte. Er sah sie wieder vor sich. Aber je schneller er lief, desto weiter entfernte sie sich von ihm, und als er einsah, daß es vergebliche Mühe war zu versuchen, sie noch einzuholen, kehrte er wieder um und sagte, als er vor Pwyll stand: „Herr, es ist müßig, ihr zu Fuß folgen zu wollen.“ „Nun gut“, erwiderte Pwyll, „Dann hol dir rasch ein Pferd und setz ihr nach.“

 

Er holte also ein Pferd und ritt ihr hinterher. Er kam auf eine offene Ebene und gab dem Tier die Sporen, aber je mehr er es antrieb, desto größer wurde der Abstand zwischen ihm und der Reiterin, obgleich ihr Pferd offenbar nicht schneller lief als zuvor. Sein Pferd wurde müde, und als es schließlich nur noch im Schritt ging, wendete er und kehrte zu der Stelle zurück, an der Pwyll wartete. „Herr“, sprach er, „es hat keinen Zweck, dieser Frau zu folgen. Ich ritt das schnellste Pferd aus unserem Stall, und es war mir damit nicht möglich, sie einzuholen.“ „Nun gut“, sprach Pwyll, „es wird wohl irgendeine verborgene Bewandtnis damit haben, lasst uns ins Schloß zurückkehren.“ So geschah es, und sie verbrachten den Tag dort und den nächsten Tag auch, bis es Zeit wurde, das Fleischgericht zu essen.

 

Nach dem ersten Gang sagte Pwyll: „Nun sollen alle, die gestern auch mit dabei waren, mich zum Hügel begleiten. Und du“, sagte er zu einem jungen Burschen, „hol das schnellste Pferd von der Weide.“ Das tat der junge Mann. Sie bestiegen den Hügel und führten das Pferd mit sich, und als sie oben saßen, sahen sie wider die Frau auf dem selben Pferd und im selben Gewand auf der Landstraße daherreiten. „Schau an“, sagte Pwyll, „da ist sie wieder. Mach dich bereit, Junge, und finde heraus, wer sie ist.“ „Gern, Herr“, rief der Junge. Die Frau ritt unmittelbar am Fuße des Hügels dahin, etwa auf der gleichen Höhe mit ihnen. Der Junge sprang in den Sattel, aber ehe er anreiten konnte, lag schon wieder ein beträchtlicher Abstand zwischen der Gruppe der Männer auf dem Hügel und der Reiterin. Zuerst trieb er sein Pferd nicht übermäßig an, denn es schien ganz leicht, sie einzuholen. Aber das war eine Täuschung.

 

Als er aber nun rasch ritt, kam er ihr auch nicht näher, als wenn er ihr zu Fuß gefolgt wäre. Da machte er kehrt, kam vor Pwyll und sprach: „Herr, dieses Pferd, auf dem ich sitze, ist ausgezeichnet gegangen, aber es ist sinnlos, Die Reiterin vermag niemand einzuholen. „Seltsam“, sagte Pwyll, „mir kommt es so vor, als wolle sie uns auf sich aufmerksam machen. Laßt uns ins Schloß zurückkehren.“ Das taten sie und verbrachten die Nacht mit Singen, Erzählen und Gesprächen und fuhren fort damit am nächsten Tag, und als sie beim Essen das Fleisch verzehrt hatten, sagte Pwyll: „Wo sind die Männer, die gestern und am Tag zuvor mit auf dem Hügel gewesen sind?“ „Hier sind wir, Herr!“ „Dann lasst uns jetzt nocheinmal hinaufsteigen und uns dort hinsetzen. Und du“, sagte Pwyll zu dem Stallburschen, sattle mir mein Pferd, halt es am Rand der Landstraße bereit und bring auch die Sporen mit.“ Das tat der Junge. Die Männer aber erklommen den Hügel, setzten sich und sahen kurz darauf die Reiterin auf der Landstraße herankommen, in derselben Kleidung und in derselben Gangart reitend wie an den Tagen davor. „Junge“, rief Pwyll, „jetzt gilt es. Rasch, mein Pferd.“

 

Er rannte den Abhang hinunter, schwang sich in den Sattel, aber kaum saß er auf dem Rücken des Pferdes, da war die Frau auch schon bei ihm vorbei. Er trieb sein Pferd an und setzte ihr nach, und es schien ihm, als könne er sie auf kurz oder lang überholen. Doch der Abstand zwischen ihr und ihm verringerte sich nicht. Er gab seinem Pferd die Sporen, und nun merkte er, daß der Abstand sogar noch größer wurde...Da rief er: „Mädchen, im Namen dessen, den Ihr am meisten liebt, wartet auf mich.“ „Ich habe einen Auftrag“, sagte sie, „und ich bin froh, daß ich Euch treffe.“ Das Mädchen hielt inne, und sie hob den Schleier, der vor ihrem Gesicht hing. „Ich heiße Euch willkommen“, sagte Pwyll und es kam ihm vor, als habe er nie ein schöneres Mädchen oder eine schönere Frau zu Gesicht bekommen.

 

„Erzählt mir von Eurem Anliegen.“ „Zwischen mir und Gott. Mein wichtigstes Anliegen war, Euch zu treffen.“ „Das ist Euch gelungen. Sagt mir bitte Euren Namen?“ „Auch das will ich gerne tun“, sagte sie, „ich bin Rhiannon, die Tochter des Heveydd Hen, und sie versuchten, mir einen Gatten wider Willen aufzuzwingen. Aber ich will ihn nicht zum Manne, weil ich Euch liebe. Und wenn Ihr mich abweist, will ich gar keines Mannes Weib werden. Um Eure Antwort zu hören, bin ich hergekommen.“ „Beim Himmel“, sagte Pwyll, „hier ist meine Antwort. Könnte ich unter allen Mädchen und Frauen der Welt wählen, ich würde mich für Euch entscheiden.“ „Nun, wenn so Euer Sinn steht“, erwiderte sie, „dann gebt mir Euer Wort, mich zu treffen, ehe ich an einen anderen gegeben werde.“ „Je früher desto besser“, sagte Pwyll, „und den Ort, an dem ich Euch treffen soll, mögt Ihr selbst festsetzen.“ „Gut, kommt heute in einem Jahr in Heveydds Palast. Ich will dafür sorgen, daß zu Eurem Empfang ein Fest ausgerichtet wird.“ „Frohen Herzens will ich diese Verabredung einhalten“, sagte Pwyll. „Lebt wohl, mein Herr, und vergißt nicht, was Ihr versprochen habt. Ich muß jetzt fort.“ So schieden sie, und er kehrte zurück zu den Rittern und den Männern seines Gefolges.

 

Wann immer aber jemand nach dieser Frau fragte, verstand er es, das Gespräch auf etwas zu bringen. Das Jahr verging, und als die rechte Zeit da war, hieß er hundert Ritter sich wappnen, und ihn zum Palast Heveydd Hen folgen. Dort wurden sie mit großer Freude empfangen. Die Vorbereitungen für das Fest waren alle getroffen. Die Halle war gerichtet. Sie traten ein und setzten sich. Heveydd saß auf der einen Seite und Pwyll und Rhiannon auf der anderen, und alle bekamen einen Platz gemäß ihrem Rang. Sie aßen und tranken, und unterhielten sich, und als sie nach dem ersten Gang zu zechen begannen, sahen sie einen großgewachsenen Mann mit kastanienbraunes Haar in Seidenkleidern die Halle betreten. Er kam zum oberen Ende der Tafel und begrüßte dort Pwyll und seine Gefährten.

 

„Gottes Gnade mit Euch, Freund“, rief Pwyll ihm zu, „kommt, setzt Euch zu uns.“„Das werde ich nicht tun, denn ich bin ein Freier und habe einen Auftrag.“ „Dann sprecht nur offen heraus“, sagte Pwyll. „Nun, Herr, mein Auftrag betrifft Euch. Ich erbitte, daß ihr Euch zu etwas verpflichtet.“ „Was immer Ihr auch bittet, sofern es in meiner Macht liegt, soll Euer Wunsch erfüllt werden.“ „Ach, wie konntet Ihr nur so leichtsinnig sein“, rief Rhiannon dazwischen. „Alle hier an der Tafel haben gehört, daß mir ein Wunsch zusteht“, rief der junge Mann. „Bei meiner Seele“, also was verlangt Ihr?“ „Die Frau, die ich vor allen anderen liebe, soll Euch heute Abend zur Braut gegeben werden. Ich wünsche mir, daß Ihr sie an mich abtretet.“ Pwyll hatte es die Sprache verschlagen. „Ja, schweigt nur so lange Ihr wollt“, sagte Rhiannon, „nie machte ein Mann schlechteren Gebrauch von seinem Verstand als Ihr.“ „Frau“, erwiderte Pwyll, „ich wusste nicht, wer er war.“

 

„Dann wißt jetzt, das dies der Mann ist, den ich gegen meinen Willen heiraten soll. Er heißt Gwawl, Sohn des Clud, eines mächtigen Fürsten, der über alle Ritter gebietet. Da Ihr ihm Euer Wort gegeben habt, muß ich nun wohl oder übel in die Hochzeit einwilligen, wenn nicht Schande über Euch kommen soll.“ „Frau“, sagte er, „ich begreife nicht, wie Ihr so reden könnt. Nie werde ich zulassen, was Ihr da vorschlagt.“ Sagt ihm nur zu“, sprach sie, „ich will es schon einzurichten wissen, daß ich nie sein werde.“ „Aber wie sollte das zugehen?“ fragte Pwyll. „Ich werde Euch einen kleinen Sack geben, den Ihr immer behalten müsst. Der Mann wird Euch bitten, das Fest auszurichten, aber eben das steht nicht in Eurer Macht. Ihr könnt es ihm nicht versprechen, denn es ist Sitte, daß die Braut das Bankett ausrichtet. In diesem Sinn müsst Ihr ihm antworten. Ich aber will ihm versprechen, seine Braut zu werden, auf den Abend genau in zwölf Monaten.

 

Am Ende dieses Jahres müsst auch Ihr zur Stelle sein. Bringt auch diesen Sack mit und hundert Ritter, die laßt ihm Obstgarten hinter der Halle warten. Wenn Gwawl mitten beim Essen und Zechen ist, müsst Ihr in schäbigen Kleidern mit dem Sack in der Hand eintreten und ihn bitten, Euch diesen Sack mit Speisen zu füllen. Ich will aber durch Zauber dafür sorgen, daß er niemals voll wird, und würde man alle Speisen und Getränke aus sieben Cantrevs zusammengetragen. Nachdem schon viel hineingefüllt ist, wird Gwawl Euch fragen, ob denn dieser verdammte Sack niemals voll werde. Dann müßt Ihr ihm erklären, daß ein Mann von edler Herkunft in den Sack steigen und die Speisen mit beiden Füßen herunterdücken müsse. Und dabei soll er sagen: „Jetzt ist es genug, Sack!“

 

Ich werde Gwawl überreden, dieses Gebot zu erfüllen. Kommt er nun, um die Bedingung zu erfüllen, so streift Ihr ihm den Sack rasch über den Kopf und bindet ihn oben ab. Ihr müsst ein Jagdhorn bei Euch tragen. Und ist Gwawl erst im Sack geschnürt, so gebt Ihr damit den Rittern draußen ein Zeichen. Darauf stürmen sie in den Saal und hauen auf den Sack solange ein, bis Gwawl um Gnade bittet oder aber zu Tode kommt.“ „Herr“, sprach Gwawl, meint Ihr auch, daß es längst an der Zeit wäre, auf meine Bitte zu antworten?“ Pwyll sprach: „Von dem, was du erbeten hast, soll das geschehen, was in meiner Macht steht.“ „Freund“, sagte Rhiannon, „was dieses Fest betrifft, so ist es zu Ehren der Männer aus Dyved veranstaltet worden. Somit kann es auch niemand anderem gewidmet sein als ihnen. Aber in einem Jahr, auf den Abend genau, will ich an diesem Hof ein Fest für Euch, mein Freund, ausrichten, und danach will ich Eure Braut werden.“

 

Gwawl zog fort, in das Land, das er besaß, und Pwyll kehrte nach Dyved zurück, und beide verbrachten sie das ganze Jahr damit, ungeduldig auf das Fest von Heveydd, dem Alten, zu warten. Gwawl, Sohn des Clud, brach zu dem versprochenen Fest auf, und als er am Hof eintraf, wurde er freundlich empfangen. Pwyll aber kam in den Obstgarten mit seinen hundert Rittern und seinem Sack, gerade so, wie ihn Rhiannon geheißen hatte. Er trug schäbige Kleider und zerfetzte Stiefel an den Füßen. Als er nun hörte, daß die da drinnen den ersten Gang schon verspeist hatten, betrat er die Halle, ging zum oberen Ende der Tafel und begrüßte Gwawl und dessen Begleiter. „Gott mit dir“, sagte Gwawl, „seinen Segen auf dich.“ „Gott soll Euch danken“, sprach Pwyll, „ich bin ein Bettler.“

„Deine Bitte soll erfüllt werden, wenn sie nicht gar zu unbescheiden ist.“ „Ganz und gar nicht unbescheiden, Herr. Laßt nur diesen kleinen Sack hier für mich mit Nahrung füllen.“

 

„Wirklich eine bescheidene Bitte. Ich will sie gern erfüllen. Bringt Speisen!“ rief Gwawl. Zahlreiche Diener eilten herbei und fingen an, den Sack zu füllen, aber wie viel sie immer auch hineinwarfen, er wurde nicht voll. „Bettler, was hast du für einen seltsamen Sack?“ fragte Gwawl.“ Zwischen mir und Gott, er füllt sich immer nur dann, wenn ein Mann, der auch Land besitzt, die Speisen mit beiden Füßen niedertritt und spricht: „Jetzt ist es genug Sack!“ „Tut doch das, Freund“, forderte Rhiannon Gwawl auf, „damit wir endlich mit dieser Sache zu Ende kommen.“ „Ei, warum denn nicht“, sagte Gwawl und stand auf.

Sofort aber warf ihm Pwyll den Sack über den Sack, und band ihn oben zu und blies in sein Jagdhorn. Da stürzten seine Ritter aus dem Obstgarten herein und ergriffen alle Krieger, die mit Gwawl gekommen waren, während Pwyll seine zerlumpten Kleider fortwarf und seine zerrissenen Stiefel auch.

 

Im Hereinstürmen aber schlug jeder von Pwylls Männer auf den verknoteten Sack und fragte: „Was ist das nur?“ „Ein Dachs“, antworteten die anderen. Und die hinterdreinkamen hielten es für ein Spiel. Jeder Mann trat mit den Fußsohlen auf den Sack oder hieb mit einem Knüppel darauf, und während er es tat, fragte er: „Was ist das für ein neues Spiel, das hier gespielt wird?“ Die anderen antworteten dann: „Das ist das Spiel vom Dachs und dem Sack.“ „Herr rief Gwawl unter dem Sacktuch hervor, „wenn Ihr mir nur einen Augenblick Gehör schenken wolltest. In einem Sack den Tod zu finden, will mir als ein gar zu schmähliches Ende vorkommen.“

 

„Das stimmt“, sagte Heveydd, der Alte, „ich meine, auf so jämmerliche Weise zu sterben – das hat er nicht verdient.“ „Was soll ich tun?“ fragte Pwyll zögernd, denn er wollte nicht noch einmal überlistet werden. Rhiannon aber riet ihm: „Laß Gwawl frei, aber besteht darauf, daß er zuvor jeden Anspruch auf mich abschwört. Und lasst ihn auch schwören, daß er keine Rache üben wird.“ „Dazu bin ich bereit“, rief der Mann mit dem Sack über dem Kopf. „Nun gut denn“, sagte Pwyll, „einen Rat, den Heveydd noch an Pwyll geben, nehme ich gerne an.“ Also tat Gwawl Verzicht auf das Mädchen und beschwor, keine Rache zu üben, weder an Heveydd noch an Pwyll und Rhiannon. Und als dies geschehen war, brachten sie ihn in ein heilkräftiges Bad, damit seine Wunden sich schlossen. Darauf stellte er Geiseln und ritt in sein Königshaus.

 

Dann wurde die Halle für Pwyll und seine Gefährten und für die Männer Heveydd hergerichtet. Sie kamen herein und setzten sich so, wie sie vor einem Jahr an der Tafel beisammengesessen haben. Sie aßen und zechten, und als es Schlafenszeit war, nahm Pwyll Rhiannon, führte sie in ihre Kammer. Am anderen Morgen sprach Rhiannon: „Herr, steh jetzt auf und teile Gaben aus unter den Fahrenden Sängern und verweigere niemanden, was er sich wünscht, und tu dies als Zeichen, daß ich gern dein Weib bin.“ „Mit Freuden“, sagte Pwyll, „und so soll es sein heute und alle Tage, so lange das Fest währt.“ Als dies geschehen war, ging das Fest weiter und weiter, und solange es währte, wurde niemand abgewiesen, der sich etwas erbat. Als das Feiern dann ein Ende hatte, sprach Pwyll zu Heveydd: „Mit Euerer Erlaubnis, Herr, morgen will ich nach nach Dyved davonziehen.“ „Gott leite dich“, erwiderte Heyeydd, „und ich will eine Zeit setzen, nach deren Verlauf Rhiannon dir folgen soll.“ „Zwischen Gott und mir, wir reisen zusammen.“ * „Ist das wirklich dein Wille?“ „Zwischen mir und Gott: so muß es sein, sind wir doch Mann und Frau.“

 

Am nächsten Tag reisten sie ab und hielten Hof zu Arberth, wo ebenfalls ein Fest für sie ausgerichtet wurde. Alle wichtigen Männer und Frauen des Reiches kamen, und keiner, auch nicht ein einziger, ging, ohne von Rhiannon ein Geschenk erhalten zu haben – eine Brosche, einen Ring oder einen kostbaren Stein. Pwyll und Rhiannon regierten glücklich im ersten Jahr und im zweiten. Im dritten Jahr jedoch begannen sich die Männer von Dyved Gedanken darüber zu machen, daß der Mann, den sie als ihren Herrscher anerkannten, immer noch ohne Nachkommen war. Also erbaten sie von Pwyll eine Unterredung. „Herr“, sprachen sie, „wir wissen wohl, daß du noch nicht eigentlich alt bist, aber wir fürchten, daß dein Weib keine Kinder gebären wird. Nimm eine andere Frau, damit du einen Erben bekommst. Du wirst nicht ewig leben. Und es muß sichergestellt sein, daß auch dann jemand mit Vernunft und Stärke über das Land herrscht.“

 

„Nun“, sprach Pwyll, „bedenkt doch, daß Rhiannon und ich noch gar nicht so lange miteinander sind, und was nicht ist, kann noch werden. Gebt mir noch ein Jahr. Dann wollen wir wieder zusammenkommen. Dann will ich wieder euren Rat suchen.“ So setzten sie eine Frist, aber ehe das Jahr um war, gebar Rhiannon in Arberth einen Sohn. In der Nacht der Geburt kamen Frauen in die Kammer, um nach der Mutter und dem Kind zu schauen, und Rhiannon schlief tief und fest. Sechs Frauen wachten in der Kammer, aber ehe es Mitternacht war, schliefen auch sie alle und wachten erst bei Morgengrauen wieder auf.

 

Als sie nun die Augen aufschlugen und sich umblickten, war nirgends eine Spur des Neugeborenen. Es schien verschwunden. „O weh! Der Junge ist verloren!“ rief eine Frau. O weh!, rief eine andere, „gewiß wird man uns wegen unserer Unachtsamkeit bestrafen.“ „Gibt es denn für uns keine Hoffnung?“ „Doch, doch hört, ich habe einen guten Plan.“ Und der wäre?“ fragten die anderen. „Es gibt einen Rehpinscher hier, und die Hündin hat Junge. Wir werden einige davon töten und Rhiannons Hände und ihr Gesicht heimlich mit Blut beschmieren, damit es so aussieht, als habe sie ihr eigenes Kind umgebracht. Wenn es hart auf hart kommt, steht ihr Wort gegen das von uns sechs.“ Alle stimmten zu, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

 

Und als es hell wurde, erwachte Rhiannon und fragte: „Frauen, wo ist mein Kind?“ „Liebe Herrin“, antworteten sie, „uns darf man nach dem Kind nicht fragen. Wir sind voller Beulen und Kratzer, so hat man uns zugesetzt. Noch nie zuvor haben wir es mit einer Wöchnerin zu tun gehabt, die solche Kräfte hatte. Aber es war alles umsonst.“ „Was soll das heißen“, sagte Rhiannon, „ihr armen Seelen: bei Gott dem Herrn, der um alle Dinge weiß, redet nicht falsch Zeugnis wider mich. Gott weiß, daß ihr die Unwahrheit sprecht. Wenn ihr Angst habt, so sagt es. Ich werde euch schützen.“ „Gott weiß, daß wir nie darauf kämen, die Unwahrheit zu sprechen“, erwiderten die Frauen heuchlerisch. „“Ihr armen Seelen...euch wird man keinen Vorwurf machen. Dafür verbürge ich mich!“ Aber wie eifrig sie auch den Frauen zuredete, sie blieben bei ihrer Behauptung, Rhiannon habe ihren eigen Sohn umgebracht, trotz aller Anstrengungen hätten sie sie nicht daran hindern können.

 

Um diese Zeit stand Pwyll auf, und der Vorfall blieb vor ihm nicht geheim. Die Geschichte sprach sich im Land herum. Die Edlen und Ritter hörten davon. Sie versammelten sich, schickten Boten zu Pwyll und verlangten von ihm, sich von seiner unmenschlichen Frau zu trennen. Pwyll ließ ihnen antworten: „Ihr habt keinen Anlaß, dies von mir zu verlangen, es sei denn, meine Ehe bliebe kinderlos. Aber da mein Weib ein Kind geboren hat, will ich nicht von ihr lassen. Hat sie Böses getan, so soll sie dafür bestraft werden.“ Rhiannon rief Lehrer und weise Männer und befragte sie, aber auch diese vermochten das Verschwinden des Kindes nicht aufzuklären.

 

Da sie es überdrüssig war, weiter mit den Weibern, die bei ihr gewacht hatten, zu streiten, verbüßte sie eine Strafe. Sie mußte sieben Jahre auf dem Hof von Arberth bleiben und jeden Morgen auf dem Stein sitzen, an dem man die Pferde anband; und jedem, der es nicht schon wusste, mußte sie erzählen, was geschehen war. Auch mußte sie Fremden und Besuchern anbieten, sie auf ihrem Rücken in den Hof hinein zu tragen. Es kam allerdings selten vor, daß jemand von diesem Angebot Gebrauch machte. Ein Jahr verging.

 

Um diese Zeit war der Herr-Unter-Den Wäldern in Gwent Teirnon Twrvliant, der beste Mann auf der irdischen Welt. Teirnon aber besaß eine Stute in seinem Haus, und es war das schönste Pferd im ganzen Reich. In jeder Walburgisnacht fohlte sie, aber nie bekam das Fohlen zu Gesicht. Immer schleppte es jemand fort. Eines Abends sprach Teirnon zu seinem Weib: „Frau, was sind wir doch für Narren. Jedes Jahr verlieren wir das Fohlen, das das Tier wirft.“ „Aber was lässt sich da tun?“ „Heute ist Walpurgisnacht“, sagte Teirnon, „Gott soll es an mir rächen, wenn ich nicht herausfinde, was mit dem Fohlen geschieht.“ Also ließ er die Stute hereinbringen, während er sich bewaffnete, und darauf hielt er bei ihr Wache.

 

Als es Nacht wurde, fohlte die Stute und brachte ein großes Fohlen ohne Fehl zur Welt. Teirnon fiel auf, wie groß das Tier war, aber als er sich aufrichtete, vernahm er einen fürchterlichen Lärm. Eine gewaltige Klaue griff durch das Fenster und packte das Fohlen. Teirnon zog sein Schwert und hieb dem, der das Tier offensichtlich stehlen wollte, den Arm bis zum Ellenbogen ab, so daß das Fohlen und ein Teil des Armes zurück ins Zimmer fielen. Wieder erhob sich ein großer Lärm, und zugleich hörte er einen Schrei. Er stieß die Tür auf und sprang in Richtung auf das Geräusch hin, aber die Nacht war stockdunkel, so daß er nichts zu erkennen vermochte.

 

Er wollte weiterlaufen und das Diebesgesindel verfolgen, als er sich daran erinnerte, daß er die Tür aufgelassen hatte, und als er deswegen umkehrte, fand er auf der Schwelle einen kleinen Jungen in lose Tücher und seidenen Mantel gehüllt. Teirnon nahm das Kind und stellte fest, daß es für sein Alter recht kräftig war. Er schloß die Haustür und ging zur Kammer seiner Frau. „Weib, schläfst du?“ „Nein, Herr. Ich habe geschlafen, aber als du hereinkamst, bin ich aufgewacht.“ „Hier ist ein Kind für dich, wenn du es annehmen magst, denn wir hatten ja nie eines.“ „Herr, was ist das für eine Geschichte“, sagte sie, und er erzählte, was er erlebt hatte. „Sieh nur, in was für feines Tuch der Junge eingehüllt ist.“ „In einen Mantel aus Seide!“ „Dann muß es der Sohn reicher Leute sein, Herr. Und vielleicht wächst uns daraus Trost und Freude. Ich will ein paar Frauen ins Vertrauen ziehen. Wir werden sagen, ich sei schwanger gewesen.“ „Tu, wie du meinst“, sagte Teirnon.

 

Der Junge wurde getauft, so wie es damals üblich war, und er erhielt den Namen Gwri Goldhaar, weil sein Haupthaar die Farbe von Gold hatte. Er wurde aufgezogen am Hof. Ehe er ein Jahr alt war, konnte er schon laufen und war so kräftig wie ein gesunder Dreijähriger. Am Ende des zweiten Jahres war er so groß wie ein sechsjähriger Junge, und als er vier war, stritt er sich mit dem Stalljungen darum, wer von beiden das Wasser für die Pferde holen solle. „Herr“, sprach Teirnons Weib, „wo ist das Fohlen, das in jener Nacht zur Welt kam, als du den Jungen gefunden hast?“ „Ich habe es dem Stallburschen zur Pflege übergeben“, antwortete Teirnon. „Wäre es nicht gut, wenn man es zureiten und dem Jungen geben würde, den wir in der Nacht, als das Fohlen zur Welt kam, auf der Türschwelle fanden?“ „Das ist ein guter Vorschlag. Er soll das Pferd bekommen.“
So erhielt der Junge das Pferd, und Teirnons Frau ging zu den Stallburschen und Kutschern und hieß diese das Pferd zureiten.

 

Unterdessen hatten sie von Rhiannons Missgeschick und ihrer Bestrafung gehört, und da er Mitleid empfand, dachte Teirnon über all das nach und betrachtete das Kind, das sie gefunden hatten, genau. Da fiel ihm auf, daß der Junge Pwyll erstaunlich ähnlich sah. Pwylls Aussehen war Teirnon wohlbekannt, denn er war einer seiner Ritter gewesen. Darauf überkam Teirnon große Furcht. Er sagte sich, es sei ungerecht, ein Kind zu behalten, das eines anderen Mannes Sohn sei. Als sie allein waren, sprach er mit seiner Frau darüber, und sie war es, die ihm riet, Gwri zu Pwyll zu schicken. „Wir können nur gewinnen dabei“, meinte die Frau, „nämlich auf dreifache Weise: Segen, weil wir Rhiannon von ihrer ungerechten Strafe erlösen. Dank von Pwyll, der sich freuen wird, nun doch einen Sohn zu haben und Dank auch von dem Jungen selbst. Und wenn er einmal groß ist, wer weiß, vielleicht kehrt er dann zu uns als Ziehsohn zurück.“

 

Also beschlossen sie, den Jungen zurückzugeben. Am nächsten Tag schon ritt Teirnon mit drei Gefährten und dem Jungen nach Arberth. Als sie den Hof erreichten, sahen sie Rhiannon, die auf dem Schandstein saß,und als sie nahe herankamen, redete sie sie an: „Häuptling, kommt, wenn Ihr wollt, werde ich Euch in den Hof tragen. Dies ist als Strafe über mich verhängt, weil ich angeblich meinen eigenen Sohn umgebracht habe.“ „Liebe Frau“, antwortete Teirnon, „keiner von uns will sich von Euch tragen lassen.“ „Mag sich tragen lassen, wer will. Ich jedenfalls nicht“, rief der Junge.

 

Als sie in den Hof kamen, war große Freude über ihren Besuch. Ein Fest wurde ausgerichtet. Pwyll selbst war gerade von einem Rundritt von Dyved zurückgenommen. Alle wuschen sich vor dem Mahl. Pwyll war froh, Teirnon einmal wiederzusehen. Nach dem ersten Gang des Essens, begannen sie zu schwatzen und zu zechen, und Teirnon erzählte seine Geschichte von der Stute und dem Kind, und wie er dieses seiner Frau in Obhut gegeben hatte. Und dann sprach er zu Rhiannon: „Liebe Frau, seht dort, das ist Euer Sohn, und wer anderes behauptet, der hat wahrlich gelogen. Als ich von Eurem Kummer hörte, ergriff mich Furcht. Ich denke, keiner hier am Tisch wird bestreiten wollen, daß dieser Junge Pwylls Sohn ist.“

 

„Nach dem was wir gehört haben, steht das außer Zweifel“, sagten alle. „Zwischen mir und Gott“, sagte Rhiannon, „welche Last wäre von mir genommen, wenn das was wir gehört haben, wahr wäre.“ „Frau, Ihr habt Euren Sohn recht benannt“, sprach Pwyll, „Pryderi ist ein Name, der zu ihm paßt.“ Rhiannon antwortete: „Fragt ihn, ob ihm nicht sein jetziger Name besser gefällt.“ „Wie wird er denn gerufen?“ fragte Pwyll. „Wir rufen ihn Gwri Goldhaar.“ „Dann soll sein Name doch Pryderi sein“, sagte Pwyll, „denn er paßt zu ihm und zu dem, was seine Mutter sagte, als sie die gute Nachricht empfing. Und weiter sprach Pwyll: „Dir Gottes Dank, Teirnon, daß du den Jungen die ganze Zeit über großgezogen hast. Wenn aus ihm ein guter Mann wird, so ist das auch dein Verdienst.“

„Herr, meine Frau, hat den Jungen großgezogen, und niemand grämt sich mehr über den Verlust, den wir nun erleiden, als sie. Um ihretwillen soll er daran denken, was wir für ihn getan haben.“ „Zwischen mir und Gott“, sagte Pwyll, „ich will für euch beide sorgen, so lange ich lebe, und wenn meine Ritter einverstanden sind, so soll Pryderi zu Penderan Dyved geschickt werden und bei diesem als Ziehsohn aufwachsen.“ Damit waren alle einverstanden, und so geschah es . Pryderi, Sohn von Pwyll, wurde mit Sorgfalt erzogen, wie es recht ist. Er war ein hübscher Bursche und war auf jedem Fest des Königreiches zu sehen.

 

Die Jahre vergingen. Pwylls Leben neigte sich dem Ende entgegen, und schließlich starb er. Pryderi regierte die sieben Cantrevs von Dyved mit Geschick. Alle mochten ihn gern. Er eroberte drei Cantrevs von Ystead Tywi und fügte sie seinem Königreich hinzu, und bald darauf nahm er auch die vier Cantrevs von Keridgyawn in Besitz. Er focht im Feld, bis es Zeit wurde, ein Weib zu nehmen. Dann heiratete er Kigva, die Tochter der Gwynn. Und damit endet der erste Zweig der Mabinogi.

 

Märchen des Wales von Mabinogion

 

Einion und die Dame vom Grünen Wald

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einion, der Sohn des Gwalchmei, ging an einem schönen Sommertag durch die Wälder von Trefeilir. Da begegnete er einer schlanken schönen Frau. Ihre Haut übertraf an Schönheit das Weiß des Schnees auf dem hohen Gebirge und das Rot der Morgendämmerung. Da überfiel ihn im Herzen große Liebe. Er grüßte sie. Sie erwiderte seinen Gruß, und die Art, in der sie zu ihm redete, bewies ihm, daß ihr seine Gesellschaft nicht unangenehm war.

 

Er war höflich zu ihr, und sie war höflich zu ihm. Aber als er näher trat, sah er, daß sie statt Füßen Hufe hatte. Sie aber warf Glanz über ihn und sprach: „Du musst mir folgen, wohin immer ich auch gehe.“ Sie hatte ihn verzaubert. Er versprach ihr, bis ans Ende der Welt zu folgen. Zuvor aber bat er sie, sich noch von seiner Frau Angharad verabschieden zu dürfen. Damit war die Dame vom Grünen Wald einverstanden. „Aber“ sagte sie, „ich werde dabei sein, unsichtbar für alle, außer für dich.“ Also ging er heim und der Gobelin ging mit ihm. Als er Angharad, seine Frau nun sah, erschien sie ihm wie eine häßliche Alte, aber er erinnerte sich an frühere Zeiten und fühlte immer noch etwas Liebe zu ihr. Doch von dem Zauber konnte er sich nicht befreien. „Es ist nicht nötig für mich“ , sprach er, „daß ich dich für eine gewisse Zeit verlasse. Ich weiß nicht, für wie lange.“ Sie weinten zusammen und zerbrachen einen goldenen Ring zwischen sich. Er behielt die eine Hälfte, Angharad die andere. Dann nahmen sie Abschied voneinander, und er folgte der schönen Dame aus dem grünen Wald. Wohin sie gingen, wusste er nicht, denn es lag ein mächtiger Zauber auf ihm, und er sah keinen Ort und keine Person in ihrer wahren Gestalt. Nur die Hälfte des Ringes nahm er unverstellt so wahr, wie sie auch in Wirklichkeit aussah.

 

Nachdem er lange Zeit – er wusste nicht, wie lange – bei der schönen Dame vom grünen Wald gewesen war, schaute er eines Morgens, als die Sonne aufging, auf die eine Hälfte des Ringes und überlegte, an welchem sicheren Platz er sie verstecken könne. Schließlich schob er sie unter sein Augenlid. Als er das getan hatte, sah er einen Mann in einem weißen Gewand auf einem schneeweißen Pferd auf sich zukommen. Der Reiter fragte ihn, was er hier zu suchen habe. Einion erwiderte, er habe sich eben an seine Frau Angharad erinnert. „Möchtest du sie sehen?“ fragte der Mann in Weiß. „O ja“, erwiderte Einion, „mehr als nach irgend etwas anderem auf der Welt, verlangt es mich danach.“ „Nun dann“, sagte der Mann, „steige hinter mir auf mein Pferd.“ Einion tat, wie ihm geheißen. Und als er zurückblickte, war die schöne Dame vom grünen Wald verschwunden. Er erblickte nur Hufspuren von gewaltiger Größe, die nach Norden wiesen.


„Unter was für einen Zauber stehst du?“ fragte der Mann in Weiß. Da erzählte ihm Einion alles, was zwischen ihm und der schönen Dame vom Grünen Wald geschehen war. „Faß mit deiner Hand diesen Stab hier“, sagte der Mann in Weiß, „und wünsche dir, wonach es dich am dringlichsten verlangt.“ Einion faßte den Stab, und das erste, was er sich wünschte, war, die schöne Dame vom Grünen Wald wiederzusehen, denn er war immer noch nicht völlig vom Zauber befreit.

 

Ein abstoßendes Wesen zeigte sich ihm, widerlichster als die schrecklichsten Dinge auf dieser Welt. Einion stieß einen Schreckensschrei aus. Der Mann in Weiß warf seinen Mantel über ihn und in soviel Zeit, wie es zu einem Augenzwinkern bedarf, stand Einion auf einem Hügel von Trefeilir, an seinem eigenen Haus, aber er erkannte es nicht, und jeder, der ihn sah, wußte nicht, wer er war. Unterdessen war der Gobelin, der Einion als Dame vom Grünen Wald erschienen war, nach Trefeilir gegangen und hatte sich dort den Leuten als ein ehrenwerter und mächtiger Edelmann vorgestellt, als jemand, der offensichtlich sehr reich war. Er hatte Angharad einen Brief übergeben, in dem stand, Einion sei vor mehr als zehn Jahren in Norwegen gestorben. Er warf einen Zauber über sie, und sie hörte auf seine schmeichlerischen Liebesworte. Als sie sah, daß sie eine edle Dame werden konnte, höher gestellt als jede andere Dame von Wales, setzte sie einen Tag fest für die Hochzeit. Man traf große Vorbereitungen. Speisen und Getränke in Hülle und Fülle wurden herbeigeschafft. Musiker wurden bestellt, und man dachte sich Unterhaltungen aus, die einem jeden gefallen.

 

Nun gab es in Angharads Halle eine besonders schöne Harfe. Der Gobelin zeigte sich den Leuten als Edelmann. Aber als er die versammelten Harfenspieler – die besten Musiker aus ganz Wales waren dabei – aufforderte zu spielen, gelang es keinem, die Harfe zu stimmen. Gerade in diesem Augenblick betrat Einion das Haus, und Angharad sah ihn als einen alten, hinfälligen Mann mit Runzeln im Gesicht und mit weißem Haar, in Lumpen gehüllt. Nachdem all die anderen Harfner die Harfe nicht hatte stimmen können, nahm er das Instrument in die Hand und stimmte im Nu. Da wunderten sich alle sehr und fragten, wer er denn sei: „Ich bin Einion, Sohn des Gwalchmei“, sagte er, „dieses Gold ist der Beweis.“ Und er gab Angharad die Hälfte des zerbrochenen Ringes wieder.

 

Aber sie konnte sich nicht mehr darn erinnern, daß jeder beim Abschied eine Hälfte an sich genommen hatte. Da drückte Einion seinem Weib den Stab in die Hand, den der Mann in Weiß ihm gegeben hatte. Sofort stellte der stattliche und ehrenwerte Edelmann, sich in seiner wirklichen Gestalt dar – als ein fürchterliches Ungetüm. Angharad wurde ohnmächtig. Einion aber stützte sie und hielt sie in seinen Armen, bis sie wieder zu sich kam. Als sie nun die Augen aufschlug, sah sie weder den Gobelin noch irgendeinen der Gäste, nicht die Musiker und nicht die Mundschenken, nicht die Fleischvorschneider und nicht die Diener. Sie sah nur die Harfe, die gestimmt war, Einion und das Essen, das auf dem Tisch stand und köstlich duftete.


Da setzten sie sich, aßen, tranken und liebten sich, und groß war ihre Freude, daß nun der Bann des Gobelin, der sie verzaubert hatte, für immer gebrochen war.

 

Märchen aus Wales des Mabinogion

 

Wo König Arthur schläft

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein junger Mann im Westen von Wales, der war der Siebente von sieben Söhnen. Von solchen Menschen sagt man, daß auf dem 49. Teil ihrer selbst der Segen der Feen ruhe.

 

Nun geschah es eines Tages, daß er sich mit seinem Vater stritt, sein Heim verließ und sein Glück in England suchte. Als er durch Wales wanderte, traf er einen reichen Farmer, der ihn einstellte, um eine Viehherde nach London zu bringen.


»In meinen Augen«, sagte der Mann, »bist du ein rechter Kerl, und Glück hast du bestimmt im Leben auch. Mit einem Hund hinter dir und einern Stab in der Hand wärest du der Prinz, unter den Rindertreibern. Nun, hier ist ein Hund, aber wo in aller Welt bekommen wir einen Stab für dich her?«

»Überlaß das nur mir« , sagte unser Mann aus Wales, ging zu einem steinigen Hügel und schnitt sich dort den schönsten Haselstecken, den er finden konnte. Der war so lang, daß er ihm bis zur Schulter reichte, biegsam wie eine Forelle und zugleich so hart, daß;, als die Stecken seiner Gefährten schon wie zerschlissenes Stroh aussahen, der seine weder einen Riß noch einen Sprung aufwies.

 

Er zog durch England und lieferte seine Herde in London ab. Etwas später stand er an der London Bridge und fragte sich, was er nun tun solle, als ein Fremder bei ihm stehenblieb und sich erkundigte, woher er komme.

»Aus meinem eigenen Land« , erwiderte er, denn ein Waliser in England ist vorsichtig.

»Und wie heißt du?« fragte der Fremde.

»Ich trage den Namen, den mir mein Vater gab.«

» Und wo stammt dieser Stecken her, Freund ?« » Wohl von einem Baum.«

»Du bist gewiß nicht auf den Kopf gefallen«, sagte der Fremde, »aber was würdest du wohl sagen, wenn ich behauptete, daß du mit diesem Stecken in deiner Hand Gold und Silber machen kannst?«

»Ich würde sagen, Ihr seid ein weiser Mann.«

»In großen Buchstaben geschrieben«, sagte der Fremde, und er erklärte, daß der Haselstecken über einem Platz gewachsen sei, an dem ein großer Schatz verborgen liege, »wenn du dich nur noch daran erinnern kannst, wo du diesen Stecken geschnitten hast und mich dorthin führst, ist dieser Schatz dein. «

 

»Das kann schon geschehen«, sagte der junge Mann, »denn um mein Glück zu machen, bin ich ja hier .« Ohne weitere Worte brachen sie zusammen nach Wales auf und erreichten schließlich den Felsen der Festung (Craig-y-Dinas ), wo der junge Mann dem Weisen (denn das war dieser Mann wirklich) genau die Stelle zeigte, an der er den Stock abgeschnitten hatte. Er war aus dem Wurzelwerk eines alten Haselnußbusches gewachsen, und man konnte noch die Schnittfläche sehen, gelb wie Gold und breit wie eine breite Bohne. Dort gruben sie nach und stießen bald auf einen großen flachen Stein, und als sie den Stein aufhoben, sahen sie einen Gang, in dem irgend etwas in der Ferne leuchtete.

 

»Du gehst voran«, sagte der weise Mann, denn ein Engländer in Wales tut auch gut daran, vorsichtig zu sein. Also krochen sie in den Gang hinein, immer dem Leuchten nach.

Von der Decke des Ganges hing eine bronzene Glocke herab, die hatte die Form eines Bienenkorbes, und der weise Mann sagte dem Waliser, daran dürfe er um Himmels willen nicht stoßen, sonst gebe es ein Unglück. Bald erreichten sie den Hauptteil der Höhle. Es war ein sehr großer Raum, aber mehr noch erstaunte sie, was sie dort sahen. Er war angefüllt mit Kriegern in strahlender Rüstung, die alle auf dem Boden lagen und schliefen. Es gab einen äußeren Ring von tausend Männern und einen inneren von hundert, die Köpfe ruhten zur Wand hin, und ihre Füße waren gegen die Mitte hin ausgestreckt, jeder trug ein Schwert, einen Schild, eine Streitaxt und einen Speer , und ganz außen lagen ihre Pferde. Weshalb sie das alles so deutlich erkennen konnten, wird man fragen. Nun, die Waffen und die Rüstungen glitzerten wie Sonnen, und die Hufe der Pferde strahlten ein Licht aus wie der Mond im Herbst. Und ganz in der Mitte lag ein König und Kaiser, den man an der juwelenbesetzten Krone in seiner Hand und an seiner ganzen Erscheinung erkannte. Dann sah der junge Bursche, daß in der Höhle auch zwei große Haufen Gold und Silber lagen. Gierig wollte er sich darauf stürzen, aber der weise Mann riet ihm, einen Augenblick zu warten.


»Nimm von einem Haufen oder vom anderen«, warnte er , »aber hüte dich, von beiden zu nehmen.«

Der Waliser lud sich so viel Gold auf, bis er auch nicht eine Münze mehr hätte tragen können. Zu seinem Erstaunen nahm der weise Mann nichts. »Gold und Silber machen nicht weise« , sagte er. Das erschien dem Waliser mehr angeberisch als klug, aber er sagte nichts, als sie wieder zum Eingang der Höhle zurückkehrten. Wieder warnte ihn der weise Mann, nur nicht an die Glocke zu stoßen.

 

»Es könnte für uns schlimm ausgehen, wenn einer oder mehrere der Krieger aufwachten und ihren Kopf höben und dann fragten: Ist es Tag? Sollte das geschehen, so mußt du auf der Stelle antworten: Nein, schlaft nur weiter, dann werden sie hoffentlich den Kopf wieder senken, und das bedeutet, wir können entkommen.«

Und so geschah es. Der Waliser hatte sich die Taschen so mit Gold vollgestopft, daß er sich nicht an der Glocke vorbeizwängen konnte, ohne mit dem Arm daranzustoßen. Sofort weckte der Klang einen der Krieger. Er hob seinen Kopf und fragte :

»Ist es Tag?«

»Nein«, antwortete der junge Mann, »schlaf nur weiter. «

 

Und prompt senkte der Krieger seinen Kopf wieder und schlief ein. Nicht ohne sich noch einmal nach hinten umzuschauen, erreichten die beiden Männer das Tageslicht und brachten den Stein wieder in seine alte Lage. Der weise Mann verabschiedete sich von dem jungen Burschen und sprach :

»Nütze deinen Reichtum gut, dann wird er für den Rest deines Lebens hinreichen. Wenn du aber noch einmal kommst und noch mehr holen willst, was ich vermute, dann bediene dich von dem Haufen mit Silber. Stoß nicht an die Glocke, aber wenn ein Krieger von ihrem Ton erwacht, wird er fragen: Ist der Cymry in Gefahr? Dann mußt du antworten: Noch nicht, schlaf weiter! Aber auf keinen Fall darfst du ein drittes Mal in die Höhle zurückkehren.«

» Wer sind diese Krieger?« fragte der junge Mann aus Wales, »und wer ist der schlafende König?«

» Es ist König Arthur, und die um ihn sind die Männer von der Insel der Mächtigen. Sie schlafen mit ihren Stuten und Waffen, weil ein Tag kommen wird, an dem Land und Himmel widerhallen vom Lärm einer Heerschar, und die Glocke wird läuten. Dann werden die Krieger ausreiten, Arthur allen voran, um den Feind ins Meer zurückzuwerfen, und von da an wird Friede und Gerechtigkeit unter den Menschen sein, solange die Welt dauert.«

» Vielleicht kommt es dahin«, sagte der junge Mann, »unterdessen habe ich mein Gold.«

Aber bald war es soweit, daß er alles Gold ausgegeben hatte. Zum zweiten Mal betrat er die Höhle, und diesmal nahm er eine große Ladung Silber mit. Ein zweites Mal stieß er mit dem Ellbogen an die Glocke. Drei Krieger hoben ihre Köpfe. »Ist der Cymry in Gefahr?« Die Stimme des einen klang leicht, wie die eines Vogels, die Stimme des zweiten dunkel wie die eines Ochsen, und die Stimme des dritten so drohend, daß man kaum zu antworten wagte .

»Noch nicht«, sagte der junge Mann, »schlaft nur weiter.« Langsam, unter Seufzen und Murmeln, senkten sie ihre Köpfe, ihre Pferde wieherten und scharrten mit den Hufen, dann war es wieder still in der Höhle.

 

Für lange Zeit gab sich der junge Mann damit zufrieden, daß er sich sagte: Ein drittes Mal darfst du die Höhle nicht betreten. Aber nach ein, zwei Jahren war das Silber den Weg des Goldes gegangen, fast gegen seinen Willen stand der junge Mann abermals unter dem Haselbusch, eine Hacke in der Hand. Ein drittes Mal betrat er die Höhle, und diesmal nahm er eine große Ladung Gold und Silber mit sich. Ein drittes Mal stieß er mit dem Ellbogen an die Glocke.

 

Als sie läutete, sprangen alle Krieger auf und die Pferde mit ihnen, und nie hatte man einen solchen Aufruhr erlebt. Dann erklang Arthurs Stimme, und Cei, der einhändige Bewyr, Owein, Trystan und Gwalchmei gingen unter der Mannschaft umher und beruhigten die Pferde.

 

» Noch ist es nicht Zeit« , sagte Arthur. Er deutete auf den jungen Mann, der mit Gold und Silber beladen war . »Oder wollt ihr etwa wegen dem da ausmarschieren ?«

Cei wollte den Eindringling fassen und ihn gegen die Wand schleudern, aber Arthur verbot ihm dies und hieß ihn, den Fremden nur hinauszubefördern. Wie ein Kaninchenfell flog der Bursche durch den Gang und der Verschlußstein hinter ihm drein. Ohne einen Pfennig, bleich vor Schrecken und voller Schrammen kam er wieder ans Tageslicht.

 

Es dauerte lange, bis man ihn dazu bringen konnte, seine Geschichte zu erzählen, und noch länger dauerte es, bis es ihm wieder besser ging.

Eines Tages aber kehrte er zusammen mit einem Freund nach Craig-y-Dinas zurück.

» Wo ist der Haselstrauch hin ?« fragten sie sich, denn er war nirgends zu sehen. »Und wo ist der Stein?« Auch der Stein war nicht mehr zu finden. Als der junge Mann darauf beharrte, seine Erlebnisse in der Höhle seien wahr, wurde er ausgelacht, und als er trotzdem die Geschichte weitererzählte, wurde er mit Schlägen zum Schweigen gebracht. Voller Zorn und Schande ging er außer Landes. Und seit diesem Tag hat niemand, und sei er auch der Siebente unter sieben Söhnen, Arthur mit seinem Hofstaat schlafen gesehen. Und niemand wird ihn auch sehen, bis zu dem Tag, da England und Wales in höchster Gefahr sind.

 

Märchen aus Wales

 

Die verheiratete Meermaid

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An einem schönen Sommerabend ging ein Einwohner von Unst auf dem sandigen Rande einer Voe spazieren. Der Mond hatte sich erhoben, und er sah bei dessen Licht eine Menge Unterirdischer, die eifrig auf dem weichen Sande tanzten. - Neben ihnen lagen mehrere Seehundfelle auf der Erde.


Als sich der Mann den Tänzern näherte, hörten sie alle plötzlich auf, und eilten schnell wie der Blitz ihre Gewänder in Sicherheit zu bringen; dann sich ankleidend, sprangen sie als Seehunde in die See. Da nun der Shetländer die Stelle betrat, wo sie gewesen waren, und die Augen auf den Boden richtete, bemerkte er, dass sie eins von den Fellen, das gerade vor seinen Füßen lag, zurückgelassen hatten. - Er ergriff es, trug es schnell fort und brachte es in Sicherheit.

 

Als er an's Ufer zurückkehrte, sah er das schönste Mädchen von der Welt; es ging auf und nieder, und beklagte in den traurigsten Tönen den Verlust seines Seehundgewandes, ohne welches es nie hoffen konnte, wieder zu seinen Verwandten und Freunden unter dem Wasser zurückzukehren, sondern wider Willen auf der Oberwelt bleiben musste.

Der Mann näherte sich der Jungfrau, und versuchte sie zu trösten; umsonst, sie wollte nicht getröstet sein. Sie bat ihn in den rührendsten Ausdrücken, ihr das Gewand zurückzugeben; aber der Anblick ihres holdseligen Gesichtes, dass die Tränen noch verschönten, hatten sein Herz verhärtet. - Er stellte ihr die Unmöglichkeit ihrer Rückkehr vor, dass ihre Freunde und Verwandten sie endlich aufgeben würden, und schloss damit, dass er ihr sein Herz und seine Hand antrug.

 

Da sie fand, dass ihr nichts anderes übrig blieb, willigte sie zuletzt ein, seine Frau zu werden. Sie wurden verehelicht und lebten manches Jahr mit einander, während welcher Zeit sie mehrere Kinder zeugten, die außer einer dünnen Haut zwischen den Fingern und einer Beugung der Hand, wodurch diese Ähnlichkeit mit der Vorderpfote eines Seehundes bekam, keine weiteren Spuren ihrer seeischen Abkunft an sich trugen; jene Merkmale charakterisieren aber noch heutigen Tages die Abkömmlinge dieser Familie.

Des Shetländers Liebe zu seinem schönen Weibe war unbegrenzt; sie erwiderte hingegen seine Neigung nur sehr kalt. Oft schlich sie sich allein fort, und eilte zum einsamen Strande, wo auf ein gegebenes Zeichen ein sehr großer Seehund erschien, mit dem sie sich ganze Stunden unterhielt; gewöhnlich kehrte sie dann nachdenkend und traurig nach Hause zurück.

 

Jahre verstrichen, und ihre Hoffnung die Oberwelt verlassen zu können, war fast gänzlich erloschen, als die Kinder zufällig eines Tages ein Seehundfell hinter einem Haufen Getreide fanden. Erfreut über diese Beute, liefen sie eifrig zu ihrer Mutter, ihr dasselbe zu zeigen. - Mit Entzücken betrachtete jene das Fell; denn sie erkannte ihr Gewand, dessen Verlust sie so betrübt hatte. Jetzt glaubte sie sich von allen Banden befreit, und war in Gedanken schon bei ihren Freunden unter den Wellen. - Eins nur gab es, das ihrer Wonne Fesseln anlegte. Sie liebte ihre Kinder zärtlich und sollte sie jetzt für immer verlassen. -


Doch wogen diese die Lust, die ihrer wartete, nicht auf; deshalb umarmte und küsste sie sie, ergriff das Fell und eilte an den Strand.

Gleich nachher kam ihr Gatte heim und die Kinder erzählten ihm, was sich zugetragen hatte. Er erriet augenblicklich das Wahre, und eilte, von Angst und Liebe getrieben, ihr nach. - Doch kam er nur an, um zu sehen, wie sie in der Gestalt eines Seehundes, herab vom Felsen in die Flut sprang. -


Der große Seehund, mit dem sie sich für gewöhnlich zu unterhalten pflegte, gesellte sich alsbald zu ihr, wünschte ihr Glück zu ihrer Flucht, und beide verließen zusammen das Ufer. - Ehe sie aber schied, wandte sie sich zu ihrem Gatten, der in stummer Verzweiflung auf dem Felsen stand, und dessen Trauer ihr Mitleid erregte. Lebe wohl! rief sie ihm zu, alles Glück mit Dir. - Ich habe Dich wahrhaft geliebt, so lange ich bei Dir war, aber meinen ersten Gatten liebe ich stärker.

 

Märchen der Shetlands-Inseln

 

Deidre von den Schmerzen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Edlen von Ulster feierten im Hause des Felmy, Sohn des Dall, der da Sänger bei König Conor war. Da war das Weib des Felmy hochschwanger, aber sie ließ es sich nicht nehmen, ihre Gäste zu bedienen. Die Becher kreisten, und die Wände des guten Hauses warfen das Echo von viel Gelächter zurück. Plötzlich schrie das Kind im Leib der Mutter, und die Frau überkamen die bitteren Schmerzen der Geburt.

 

Da erhob sich Cathbad, der Druide, und prophezeite: „Unter deinem Gürtel, o Weib, in deinem hochgewölbten Leib schreit ein weibliches Kind. Zu einem blondhaarigen, helläugigen, schönen Mädchen wird es heranwachsen. Viel Leid wird es bringen über Ulster. Tödlich wird sein Blick sein für die Männer, die es begehren, ein Kind des Unglücks und der großen Schmerzen für Erin wird geboren werden, und sein Name wird sein Deidre.“ Alle waren starr vor Schrecken, und keiner sprach ein Wort, bis das Kind geboren war und hereingebracht wurde, und wirklich, es war ein Mädchen mit hellgrünen Augen. Die Edlen von Ulster riefen wie mit einer Stimme: „Dieses Kind soll nicht leben!“ Aber Conor nahm Felmy das Kind ab und befahl, daß es in seiner Familie aufgezogen werde, und als es gesäugt worden war, ließ er es in ein einsames Fort bringen, wo es nie einen Mann zu Gesicht bekommen sollte, bis es der König selbst zum Weib machen würde.

 

In der Wildnis lebte Deidre, bis sie zu dem schönsten Mädchen in ganz Irland herangewachsen war. Nie sah sie ein männliches Wesen, außer ihrem alten häßlichen Wächter. Aber an einem Tag im Winter, als der Alte ein Hirschkalb erlegt hatte, erblickte sie einen Raben, der das Blut, das in den Schnee geflossen war, trank. Da sprach sie zu der Amme: „Liebe, wo ist der Mann mit den Farben: einem Leib wie Schnee, Wangen wie geronnenes Blut, Haaren schwarz wie die Flügel der Raben. Ach, Lewara, sag mir, gibt es einen solchen Mann draußen in der Welt? Ich will ihn lieben und er soll mich lieben.“ „Es gibt ihrer viele“, sprach Lewara, die Amme „aber der Schönste von allen wohnt in des Königs Haus. Es ist Naisi, der Sohn des Usnach.“ „Ach“, rief Deidre, „wenn ich den Mann nicht zu sehen bekomme, will ich sterben.“

 

Da überlegte die Amme, wie sie Naisi und Deidre zusammenbringen könne. Und alles Unglück begann. An einem bestimmten Tag geschah es, daß Naisi in der Mitte der Ebene von Eman saß und Harfe spielte. Süß war die Musik der Söhne von Usnach. Die Rinder hörten zu, und wenn diese Musik erklang, gaben sie zweidrittel soviel Milch mehr wie sonst, und von Mann und Weib fielen alle Pein und jeglicher Schmerz ab, sobald sie diese Musik vernahmen. Groß war auch die stärke der Söhne von Usnach. Wenn sie sich Rücken an Rücken stellten im Kampf, vermochten alle Männer aus Conors Reich sie nicht zu überwinden. Sie waren flink wie die Hunde bei der Jagd, und sie übertrafen die Rehe an Geschwindigkeit.

 

Als nun Naisi auf der Ebene von Eman sang, sah er, wie sich ein Mädchen ihm näherte. Sie hielt ihren Kopf gesenkt. Er sah nur ihr Haar, das gelb war wie Weizen. Sie kam nahe heran, ging vorbei, ohne ein Wort zu sagen, aber der Sternblick aus ihren hellgrünen Augen brannte auf seiner Stirn. „Lieblich ist diese junge Dame, die an mir vorbeiging“, sprach Naisi. Da sah ihn das Mädchen an und erwiderte: „Was nützt einem Mädchen all seine Schönheit, wenn es nie die Hand eines jungen Mannes spürt.“ Da wußte Naisi, daß es Deidre war, denn kein anderes Mädchen hätte es gewagt, so zu reden, und große Furcht überfiel ihn. „Der Provinzkönig ist dein Verlobter, meine Schöne“, sagte er. „Ich liebe ihn nicht“, antwortete sie, „er ist ein alter Mann. Viel lieber würde ich einen zum Manne nehmen, der so jung ist wie du.“ „Sprich nicht so“, sagte Naisi „besser ist es, den König als Ehegemahl zu haben, als nur dessen Diener. „Welch eine Torheit“, antwortete Deidre, „wenn einer in sich immer nur Vernunft zu Wort kommen läßt.“

 

Dann brach sie eine Rose von einem wilden Rosenstrauch, warf die Blume Naisi vor die Füße und sagte: „Für immer sollst du entehrt sein, wenn du mich zurückweist.“ „Versuche mich nicht, ich bitte dich“, sprach Naisi. Ich will dich“, erwiderte Deidre, „wenn du mich nicht zum Weibe nimmst, nachdem was zwischen uns gesagt worden ist, wirst du vor allen Männern dieses Landes entehrt sein. Das weiß ich von meiner Amme Lewara. Da wußte Naisi nichts mehr zu sagen und Deidre nahm seine Harfe, setzte sich zu ihm und spielte eine süße Musik. Die Männer von Ulster überfiel ein Zauber, als sie diese Klänge hörten. Aber die Söhne von Usnach kamen herbeigelaufen und sprachen zu ihrem Bruder: „Ach, was hast du getan? Ist dies nicht das Mädchen, von dem gesagt ist, sie werde großes Leid über Ulster bringen?“ „Was konnte ich tun“, antwortete Naisi, „wer kann gegen die Liebe kämpfen. Wenn ich sie nicht zum Weibe nehme, nachdem, was zwischen uns geschehen ist, bin ich entehrt von allen Männern in Irland.“ „Unglück wird über uns kommen“, sagten die Brüder. „Das kümmert mich nicht“, antwortete Naisi, „besser ist’s Unglück auf sich zu ziehen, als ehrlos zu sein. Wir wollen in ein anderes Land fliehen.“

 

Sie berieten sich, und da sie Naisi über alles liebten, beschlossen seine Brüder, ihm zu folgen, wo er hingehen würde. Schon am nächsten Morgen brachen sie auf und nahmen mit dreimal fünfzig Männer und dreimal fünfzig Weiber und dreimal fünfzig Windhunde und dreimal fünfzig Diener. In der Nacht vor diesem Morgen schlief Naisi bei Deidre. Conor, der König, wutentbrannt über die Entführung des schönen Mädchens, das er bestimmt hatte, seine Frau zu werden, setzte ihnen nach. Und sie wanderten hierhin und dorthin über ganz Irland und kamen endlich in das Reich Alba. Da schlugen sie ihre Lager auf, mitten in der Wildnis. Wenn sie in den Wäldern des Gebirges kein Jagdglück hatten, stahlen sie Vieh von den Männern in Alba. Bei diesen Überfällen, bewiesen sie große Kühnheit, und als dies dem König von Alba zu Ohren kam, ließ er sie an seinen Hof holen und nahm sie freundlich auf, denn kühne Männer sieht jeder gern in seiner Nähe.

 

Eines Morgens aber, als der Hofmarschall des Königs einen Rundgang durch die Gärten des Palastes machte, schaute er in ein Zelt und erblickte dort Naisi und Deidre. Da sprach der Hofmarschall zu seinem König: „O mein König, wir haben endlich ein passendes Weib für dich gefunden. Dem Sohn des Usnach und es ist eine Frau, wie sie einem Herrscher der westlichen Welt wohl anstehen würde. Laß Naisi erschlagen und nimm dir diese zur Frau.“ Nein“, sprach der König, „wir wollen anders vorgehen. Finde heraus, ob sie mir zu Willen sein würde.“ So geschah es. Als der Hofmarschall sie zur Untreue verlocken wollte, erzählte Deidre alles sogleich Naisi, der Ihr am liebsten war unter allen Männern, und sprach: „Wir müssen wieder fort. Wenn wir nicht noch in dieser Nacht davonschleichen, wird man euch Männer morgen alle erschlagen.“ Da verließen die Söhne von Usnach den Palast des Königs von Alba und fuhren zu einer entfernten Insel.

 

An einem bestimmten Tag feierte König Conor mit seinen Edlen in dem guten Haus Emania. Liebliche Musik wurde gespielt, und nachdem der Barde die hundert Vorfahren des Königs gerühmt hatte, erhob der König selbst seine Stimme und sprach: „Ich möchte von euch wissen, ihr Prinzen und Edelleute, ob ihr je ein prächtigeres Fest erlebt habt, oder ob ihr je ein besseres Haus gesehen habt als dieses Haus Emania?“ „Nein, o König“, antworteten sie wie aus einem Mund. Und abermals frage ich euch“, fuhr Conor fort, „ob es irgend etwas gibt, was hier fehlt?“ „Es wird die Höflichkeit sein, die euch dazu verleitet, die Unwahrheit zu sagen“, sprach Conor. „Ich weiß wohl, daß ihr alle vergebens Ausschau gehalten habt, als ihr in dieses Haus kamt. Ich meine die drei jungen Männer, die Kriegsleuchten von Gael, die drei edlen Söhne von Usnach –Naisi, Aini und Ardan. Ach, daß sie so fern von uns sein müssen, nur wegen dieses Weibes.

 

Hart bestraft sind sie gewiß, ausgestoßen hausen sie auf einer Insel im Ozean und schlagen sich mit barbarischen Horden des Königs von Alba herum. Wie beruhigt könnten wir sein, säßen sie mit an diesem Tisch und unter diesem Dach, stets dazu bereit, das Reich Ulster verteidigen zu helfen. Ich wünschte, sie wären bei uns.“ Darauf erwiderten die Edelleute: „Hätten wir es gewagt, unsere Gedanken auszusprechen, unsere Reden hätten dieselben Worte enthalten wie die deine. Wahrlich, es ist schade, daß die drei besten Männer in ganz Erin nicht unter uns sind.“ Conor nahm wieder das Wort: „Laßt uns Boten schicken nach Alba, zu der Insel von Loch Etive und die Söhne von Usnach bitten, nach Erin zurückzukehren.“ „Aber wer ist in der Lage, sie zu überzeugen, daß ihnen in deinem Königreich kein Leid geschehen wird?“ fragten die anderen. „Es gibt nur drei unter uns allen“, sagte Conor, „deren Wort dafür bürgen kann, daß ich mich nicht von meinem Zorn fortreißen lasse; es sind dies Fergus, Cuchullan und Conell Carnach. Einen von ihnen wollen wir als Botschafter bestimmen.“

 

Darauf nahm der König Conell Carnach beiseite und fragte ihn, was er tun würde, falls die Söhne von Usnach zurückkehren unter dem Versprechen freien Geleits. „Wer immer ihnen ein Leid zufügen würde“, antwortete Conell Carnach, dem würde ich’s mit bitterer Todespein vergelten.“ „Daraus entnehme ich“, sagte Conor, „daß ich dir nicht lieb und wichtig bin über alles.“ Dieselbe Frage wie Carnach legte Conor Cuchullan vor, und von ihm erhielt er eine ähnliche Antwort. „Gibt es denn niemanden auf der Welt“, sprach Conor, bei sich, stiller Trauer, „der weiß, wie bitter die Einsamkeit schmeckt?“ Darauf rief er Fergus, den Sohn des Roy, befragte ihn auf die gleiche Art, und Fergus antwortete: „Dein Blut, mein König, würde ich nie vergießen, aber wer sonst Männern, denen man freies Geleit verspricht, ein Haar krümmen würde, der bliebe nicht am Leben.“ „Daraus ersehe ich“, sagte Conor, „daß du mich über alles lieb und wert hälst. Geh zu dem Clan Usnach und führe ihn her. Kehre heim auf dem Weg über Dun Barach, aber laß die Söhne von Usnach nirgends rasten, bis sie hier auf meinem Fest sind. Versprich mir, daß du dich an diesen Befehl genau hälst.“ Da band sich Fergus mit einem heiligen Eid, worauf der König und er auf das Fest zurückkehrten und mit den anderen Edlen die ganze Nacht hindurch ausgelassen feierten.

 

Der König ließ aber Barach an einen anderen Ort rufen und fragte ihn dort, ob er in seinem Haus ein Fest vorbereitet habe. „Ich habe ein Fest ausgerichtet in Dun Barach“, sagte der Mann, „auf dem bist du und deine Edlen stets willkommen.“ „Laß Fergus nicht aus dem Haus“, sagte Conor, „ehe er bei dir gefeiert hat, wenn er aus Alba zurückkommt. Dadurch kannst du mir einen großen Dienst erweisen.“ „Er soll drei Tage bei mir feiern“, sagte Baruch, „wir gehören beide dem Kampfbund des Roten Zweigs an. Sein Eid zwingt ihn, meine Gastfreundschaft anzunehmen.“ Am nächsten Morgen brach Barach mit seinen beiden Söhnen Buini Borb und Illan Finn und mit Cailon, seinem Schildträger von Emania nach Alba auf. Sie segelten über die See und kamen nach Loch Etive zu der Insel, auf der die Söhne von Usnach wohnten.

 

Deidre und Naisi saßen zusammen in ihrem Zelt. Conors poliertes Schachbrett zwischen sich. Sie spielten Schach. Als nun Fergus in den Hafen eingelaufen war, stieß er einen Schrei aus, den Jagdruf eines kräftigen Mannes, und Naisi, der den Schrei hörte, sprach: „Ich höre den Ruf eines Mannes aus Erin.“ „Das war nicht der Ruf eines Mannes aus Erin“, erwiderte Deidre, „es war der Ruf eines Mannes aus Alba.“ Da rief Fergus zum zweitenmal. „Es war doch der Ruf eines Mannes aus Erin“, sagte Naisi. „Nicht doch“, erwiderte Deidre, „laß uns weiterspielen.“ Da rief Fergus zum drittenmal. Naisi aber wußte, daß nur der Fergus so rief, und er sprach: „Wenn dies nicht der Sohn des Roy ist, will ich nicht Naisi heißen. Geh, Ardan, mein Bruder und begrüße unsere Verwandten.

 

„Ich wußte gleich, daß es Fergus ist, der so ruft“, sagte Deidre leise. „Warum hast du denn versucht, es vor uns zu verbergen, Königin?“ fragte Naisi. Da erzählte Deidre: „In der letzten Nacht hatte ich einen Traum. Drei Vögel kamen zu uns geflogen von den Ebenen von Emania her. Sie hatten einen Tropfen Honig an ihrem Schnabel. Aber als sie wieder davonflogen, war der Tropfen Honig zu einem Tropfen Blut geworden.“ „Und was meinst du, Prinzessin, hat dieser Traum zu bedeuten?“ fragte Naisi. „Daß Fergus mit falscher Botschaft hergesandt worden ist von Conor, denn süß wie Honig ist die Botschaft des Friedens. Aber das Blut ist unser Blut, das vergossen werden wird.“ „Nein, das kann ich nicht glauben“, sagte Naisi, und zu seinem Bruder sprach er: „Fergus wird längst an Land gegangen sein. Geh, Ardan, zeig ihm den Weg zu unserem Zelt.“

 

Da lief Ardan hinunter zum Hafen, hieß Fergus willkommen, umarmte ihn und seine Söhne und verlangte zu wissen, was für Nachricht er aus Erin bringe. „Gute Nachricht“, antwortete Fergus, „Conor verspricht euch freies Geleit, wenn ihr nur heimkehrt nach Emania.“ „Das muß nicht sein“,sagte Deidre, „denn größer ist unser Einfluß in Alba denn Conors Einfluß in Erin.“ „In dem Land seiner Geburt zu leben“, erwiderte Fergus, „ist besser als alles andere. Wenig wert sind Macht und Reichtum für den, der nicht jeden Tag die Erde betrachten kann, die ihn hervorgebracht hat.“ „Das ist wahr“, sagte Naisi, „Erin ist meinem Herzen weit näher, selbst wenn ich in Alba sicherer und bequemer lebe.“ „Habt Vertrauen zu mir, „sagte Fergus, „ich verbürge mich für eure Sicherheit.“ „So laßt uns gehen“, sprach Naisi, „wenn sich Fergus für unser freies Geleit verbürgt, wer wollte da zweifeln!“

 

Als sie nun in den Hafen von Duan Barach einliefen, war Barach selbst am Kai. Er begrüßte die Söhne Usnachs und Deidre mit tückischer Herzlichkeit. Fergus aber nahm er bald auf die Seite und sprach zu ihm: „Verweile, und nimm an meinem Fest teil, denn ich lasse dich nicht abreisen, eh drei Tage vergangen sind beim Eid der Brüderlichkeit und der Gastfreundschaft, den du im Kampfbund des Roten Zweigs geschworen hast.“ Als Fergus dies hörte, wurde er purpurrot im Gesicht und sagte dies: „Du tust Böses, Barach; Wie kannst du mich zu deinem Fest bitten, da du doch weißt, daß ich zu Conors unterwegs bin und die Söhne von Usnach nicht aus den Augen lassen soll, da denen der König freies Geleit gelobt hat.“ „Das kümmert mich nicht“, erwiderte Barach, „wenn du meine Gastfreundschaft zurückweist, spreche ich den Bann über dich.“ Da beriet sich Fergus mit Naisi, was er tun solle, und Deidre antwortete: „Du mußt entweder Barach im Stich lassen oder die Söhne von Usnach. Mir scheint es eine geringe Verfehlung, die Einladung zu einem Fest auszuschlagen, als Freunde allein zu lassen, die deinem Schutz anvertraut sind, doch kann ich nicht für dich entscheiden.“

 

„Ich sehe einen Ausweg“, antwortete Fergus, „ich werde bei Barach bleiben, doch meine Söhne Illan Finn und der rote Buini Borb werden euch begleiten und an meiner Statt für eure Sicherheit sorgen.“ „Wir brauchen deinen Geleitschutz nicht“, sagte Naisi zornig, „unsere starken Arme sind immer noch die beste Garantie für unsere Sicherheit gewesen.“ Ardan und Ainli, Deidre und die zwei Söhne des Fergus folgten ihm nach. Fergus aber blieb zurück, traurig und voll düstere Gedanken. Dann sprach Deidre: „Ich rate, wir sollten auf die Insel Rathlin ziehen und dort warten, bis Fergus uns begleiten kann, denn von jetzt an, meine ich, können wir uns auf die Zusicherung freien Geleits nicht länger verlassen.“ Aber Naisi und die Söhne des Fergus wollten nicht auf sie hören, und es wurde beschlossen, nach Emania weiterzureisen. „Ach“, klagte Deidre, „hätte ich nur nie Alba, das Land mit dem langen Gras verlassen.“

 

Als sie nun zu dem Wachtturm Fincairn im Gebirge von Fuadag kamen, bemerkte Naisi, daß Deidre nicht mehr bei ihnen war. Er kehrte um und fand sie in tiefen Schlaf versunken, und als er sie weckte, war sie voller Kummer und Angst. „Ich fürchte Verrat“, sagte sie, „ich hatte einen Traum. Ich sah Illan Finn für uns kämpfen, aber am Ende war sein Leib ohne Kopf. „Deine Lippen sind lieblich, aber deine Träume sind immer nur mit Bösem angefüllt“, sagte Naisi, „ich fürchte keinen Verrat. Laß uns weiterziehen. “Und so reisten sie weiter, bis sie nach Ardsallagh kamen. Dort sprach Deidre zu Naisi: „Ich sehe eine Wolke über Emania, und es ist eine Wolke vollgesogen von Blut. Ich rate euch, ihr Söhne von Usnach, geht nicht nach Emania ohne Fergus, lasst uns nach Dundalgan reisen zu unserem Nefffen Cuchullan, bis Fergus sich seiner Verpflichtung entledigt hat.“ „Ich fürchte niemanden und nichts“, sprach Naisi, „wir ziehen weiter.“

 

Da schrie Deidre auf: „O Naisi, siehst du denn nicht die Wolke über Emania, eine Wolke aus Blut, Eitertropfen sickern aus ihren roten Rändern. Weh mir, geh nicht nach Emania, heute abend.“ „Ich fürchte mich nicht“, antwortete Naisi, „ich will auf deinen Rat nicht hören. Ziehen wir also weiter.“ „Enkel des Roy“, erwiderte Deidre, „selten genug hat es zwischen dir und mir Meinungsverschiedenheiten gegeben. Immer waren wir ein Herz und ein Gedanke, seit dem Tag, an dem mich Lewara zu dem Platz in der Ebene von Emania schickte, wo du Musik machtest.“ „Ich habe keine Furcht“, sagte Naisi wieder. „Söhne von Usnach“, sprach Deidre abermals „es gibt einen Anhaltspunkt dafür, ob Conor Verrat gegen uns im Sinn führt oder nicht. Wenn man uns in die Häuser von Emania geleitet, brauchen wir nichts zu befürchten, weist man uns aber als Quartier das Haus des Kampfbundes vom Roten Zweig an, dann seid auf das Schlimmste gefaßt.“ Während sie dies sagte, kamen sie an den Toren von Emania an. Naisi klopfte, und der Türhüter fragte, wer da sei. „Der Clan von Usnach und Deidre“, war die Antwort.

 

Da geleitet man sie zum Haus des Kampfbundes vom Roten Zweig auf Conors Befehl. „Besser, ihr würdet wenigstens jetzt meinen Rat bedenken“, sprach Deidre, „denn nun wird uns gewiß Böses widerfahren.“ „Ach was“, sprach Illan Finn, der Sohn des Fergus, „Feigheit haben die Söhne meines Vaters nie gekannt. Ich und Buini Borb werden mit euch gehen zum Haus des Roten Zweigs.“ Als sie nun dort eintrafen, brachte ihnen der Diener reichlich Fleisch und süßen Wein, bis sie alle zufrieden waren und lustig, nur Deidre und die Söhne von Usnach blieben vorsichtig und genosssen nur wenig von den Speisen und dem Wein, aus Furcht um ihr Leben. Dann sagte Naisi: „Bringt das Schachbrett her!“ „Und er spielte mit Deidre Schach auf dem polierten Brett.

 

Da nun Conor Deidre im Haus des Roten Zweigs wußte, hielt er es nicht mehr ruhig auf dem Fest aus. Zu seinen Gästen sagte er: „Wer geht für mich hinüber zum Haus des Roten Zweigs, um zu schauen ob Deidre immer noch von so großer Schönheit ist. Wenn ihr Gesicht und ihr Körper sich nicht verändert haben, gibt es keine schönere Frau auf der Welt als sie.“ Da sprach Lewara, die Amme: „Das will ich für dich tun, König“, denn sie liebte Naisi und Deidre, die sie zusammengebracht hatte. sehr, und dies war die einzige Möglichkeit, mit ihnen zu sprechen. Als sie nun in das Haus des Roten Zweigs kam, traf sie Naisi und Deidre am Schachbrett an, und sie küßte und umarmte beide und sprach: „Meine lieben Kinder, wie könnt ihr eure Zeit mit Spielen und Vergnügen vertun, während Conor auf Verrat sinnt. Ach weh mir, dies wird eine böse Nacht für den Clan, wenn ihr nicht eure Türen und Fenster verrammelt und tapfer zu kämpfen wisst. Dir aber, Sohn des Fergus, rate ich, tu deine Pflicht, bis dein Vater selbst zur Stelle ist.“ Dann vergoß sie bittere Tränen und kehrte ins Haus Emania zurück.

 

Conor fragte sie, was sie zu berichten habe. „Gute und böse Nachricht bringe ich, meine gute Nachricht ist, daß die Söhne von Usnach immer noch die drei tapfersten Kämpfer sind, die ihr in Erin finden werdet. Die schlechte Nachricht aber besteht darin, daß die, welche die herrlichste unter den Weibern von Erin war, als sie von hier floh, nun nicht länger lieblich anzusehen ist.“ Da stieg in Conor Zorn und Eifersucht auf. Er trank weiter auf seinem Fest, doch nach einer Weile konnte er nicht mehr an sich halten und sprach: „Wer ist hier, der bereit wäre, mir wahre Nachricht aus dem Haus des Roten Zweigs zu bringen?“ Niemand von den Edlen gab Antwort, denn alle fürchteten, der König könne sein Versprechen brechen, das er Fergus gegeben hatte.

 

Da sprach Conor zu einem von seinen Leuten: „Erinnerst du dich, Trendorn, wer deinen Vater erschlagen hat?“ „Naisi Mac Usnach hat meinen Vater erschlagen und meine drei Brüder auch.“ „Dann geh und erkunde du für mich, wie Deidre in Wahrheit aussieht. Ich mag es einfach nicht glauben, daß ihre Schönheit vergangen ist wie der Schnee im Frühling.“ Da lief Trendorn hinüber zum Haus des Roten Zweigs, und er fand, daß ein Fenster offenstand, und sah Naisi und Deidre drinnen vor dem Schachbrett sitzen und spielen. Deidre sagte zu Naisi: „Ich sehe. Da ist jemand am Fenster, der beobachtet uns.“ Da warf Naisi die Schachfigur nach Trendorn und er verlor ein Auge. Darauf rannte er klagend zu Conor, und dieser hatte nun einen Vorwand zum Kampf gefunden.

 

Laut tat er seine Entrüstung kund: „Dieser Mann Naisi war einst mein Vasall. Jetzt will er selbst König sein.“ Leise aber fragte er nach Deidre. „Sie ist noch immer so schön“, antwortete Trendorn, „daß kein Weib auf der Welt sich mit ihr an Schönheit messen könnte.“ Als Conor das hörte, lohten die Flammen des Zornes und der Eifersucht in ihm. So hell brannte dieses Feuer, daß es jeder in der Halle sah. Er sprang auf den Tisch und schrie den Männern, die am Fest teilnahmen, zu: „Auf denn, lauft hinüber, und bringt mir die Übeltäter her, damit ich sie bestrafe.“ Die Krieger von Ulster umstellten also das Haus, stießen ein furchtbares Gebrüll aus und legten Feuer an Fenster und Türen.

Als die Söhne von Usnach die Rufe hörten, fragten sie, wer da draußen lärme. Und die Antwort kam: „Conor und Ulster!“ „Verräter“, rief Illan Finn, „wollt ihr das Wort brechen, das der König meinem Vater gegeben hat?“ „Räudige Hunde und Schurken“, brüllte Conor zurück, „wollt ihr den Verführer meines Weibes schützen?“ „Weh mir“, klagte Deidre, „wir sind betrogen worden, und Fergus war ein Verräter.“ „Wenn Fergus euch betrogen haben sollte", sprach Buini Borb, „so will ich doch zu euch halten“, und er stieß die Tore auf und machte einen Ausfall mit seinen Männern. Er erschlug fünfzig gute Krieger unter den Ulster Männern und richtete eine große Verwirrung unter den Truppen des Conor an.

 

Als der König davon hörte, verlangte er zu hören, wer seine besten Männer erschlagen habe.“ „Das war der rote Buini Borb, Sohn des Fergus.“ „Halt ein“, rief Conor zu dem Fergus Sohn hinüber“, ich will dir das Land in Slive Fuadh geben.“ „Und was noch?“ „Ich will dich zu meinem Kanzler machen“, versprach Conor. Da ließ Buini Borb ab und ging seines Weges. Aber das Land, das ihm der König versprochen hatte, verwandelte sich über Nacht in eine Wüste; es wird seither Dalwhiuny genannt und ist ein düsteres Moor im Gebirge Fuadh.

 

Als Deidre sah, daß sie auch von Buini Borb im Stich gelassen worden waren, rief sie aus: „Verräter der Vater, Verräter der Sohn, hab ich nicht gesagt, daß Fergus ein Verräter sei.“ „Wenn Fergus ein Verräter ist“, sprach Illan Finn, „so werde ich euch doch nie verraten. Solange dieses kleine gerade Schwert in meiner Hand ist.“ Dann stürmte Illan Finn mit seinen Männern vor. Er lieferte den Belagerern drei heftige Gefechte und erschlug dreimal hundert Männer. Darauf kam er ins Haus, wo Naisi und sein Bruder Ainli Schach spielten, denn die Söhne von Usnach wollten nicht zeigen, daß ihre Herzen von dem Lärm erschreckt worden seien. Mit Fackeln, die er seinen Männern in die Hand gab, machte Illan Finn abermals einen Ausfall und vertrieb jene Feinde, die Feuer an das Haus des Roten Zweigs gelegt hatten.

 

Da war es Connor, der rief: „Wo ist mein Sohn Fiara Finn?“ „Hier bin ich, mein König!“ „So wahr es ist, daß Illan Finn und du in derselben Nacht das Licht der Welt erblickt haben, geh hin und kämpfe mit ihm. Und da er die Farben seines Vaters zeigt, trage du meine Farben und meine Rüstung. Nimm Ozean, Flucht und Sieg, meinen Schild, meinen Speer und mein Doppelschwert, und kämpfe gut für deinen Vater mit dem Sohn Fergus.“ Da zog Fiara die gute Rüstung seines Vaters an und ging in das Haus des Roten Zweigs, um mit Illan Finn zu kämpfen. Sie lieferten sich einen fairen Kampf, männlich, bitter, blutig, bis Illan Finn Fiara zu Boden schlug und ihn zwang, unter seinem Schild Schutz zu suchen.

 

Da begannen die Wellen am blauen Rand des Ozeans zu grollen, denn es war eine Besonderheit des Schilds, daß in ihm das Geräusch der sturmgepeitschten See widerklang, wenn der, welches es trug, in Gefahr war. Und die drei Meere um Erin brüllten mit ihren Wellen zum Gesang des Ozeans. Die Wellen von Tuath und die Wellen von Cliona, die Wellen von Inver-Roy, sie alle donnerten laut und kündeten Fiara Bedrängnis. Colonel Carnach saß auf dem Felsen von Sanseverich und hörten den Lärm von Loch Rory und von der See. Da griff er nach seinen Waffen, rief seine Männer zusammen und führte sie gen Emania, da er wußte, daß sein König in Gefahr war. Dort auf dem offenen Feld vor dem festen Haus des Roten Zweigs fanden sie Fiara Finn arg bedroht von seinem Widersacher. Sie stürmten gegen Illan Finn von hinten an und schleuderten ihre Speere auf ihn, die ihn ins Herz trafen, ihn, der nicht wußte wie ihm geschah, da er die Männer nicht hatte kommen sehen.

 

„Wer hat mich von hinten durchbohrt?“, schrie er, „warum haben diese Schurken nicht den Kampf Auge in Auge gesucht?“ „Sag lieber, wer du bist?“ rief Conel. „Ich bin Illan, der Sohn des Fergus!“ „Und ich bin Colnel Carnach!“ „Weh dir. Bös ist die Tat, zu der du dich hergegeben hast, Conel. Gemein und hündisch ist es von dir, mich von hinten zu durchbohren, da ich den Clan von Usnach verteidige, der zurückgekehrt ist aus Alba und dem man freies Gesuch zugesichert hat.“ „Bei meiner linken Hand“, rief Conel, „diese Beleidigung soll nicht ungerächt bleiben“, und mit einem gewaltigen Schlag trennte er Fiaras Haupt vom Leib und ging dann davon in großem Zorn und tiefer Sorge. Die Schwachheit des Todes überkam Illan, und er warf seine Waffen in das feste Haus und forderte Naisi auf, nun namentlich zu kämpfen.

 

Und wieder rannten die Mannen gegen das Haus des Roten Zweigs an und versuchten, es in Brand zu stecken. Hervor kamen Ardar und seine Männer, um das Feuer auszutreten. Naisi selbst griff in den Kampf ein und im letzten Drittel der Nacht, und beim Morgengrauen hatte er alle Truppen aus der Umgebung des Hauses vertrieben. Doch Conor warf neue Krieger ins Gefecht, und der Kampf tobte in der Ebene mit unerhörter Verbissenheit, bis es heller Tag war. Und das Schlachtenunglück wandte sich gegen die Männer von Ulster, und bis die Sandkörner am Meer, die Blätter im Wald, die Tautropfen auf den Wiesen und die Sterne am Himmel nicht gezählt worden sind, wird man nicht auf die große Zahl kommen, von Naisis Hand und durch die Hände seiner Brüder, die auf der Ebene lagen. Dann kam Naisi noch einmal in das Haus des Roten Zweigs zurück, machte Deidre Mut und sprach: „Wir werden entkommen, kämpfe tapfer und fürchte dich nicht.“ Da bildeten die Söhne von Usnach eine Schutzmauer mit ihren Schilden, stürzten sich wie drei Adler auf die Streitmacht Conors, und viele guten Männer ließen wiederum ihr Leben.

 

Als nun Cachbad sah, daß die Söhne von Usnach selbst den König bedrohten, nahm er Zuflucht zur Magie und verzauberte sie, so daß ihre Waffen ihnen aus der Hand fielen und sie von den Männern von Ulster ergriffen werden konnten, denn ihre Glieder waren gelähmt von dem Zauber. Es war aber kein Mann in der Streitmacht von Ulster zu finden, der den Söhnen von Usnach den Tod geben wollte, so beliebt waren sie beim Volk und bei den Edlen. Doch war da im Haus der Edlen ein Mann, der hieß Maini, die rauhe Hand, Sohn des Königs von Lochlin, und Naisi hatte seinen Vater und seine Brüder erschlagen. Dieser Mann gab ihnen den Tod. So waren die Söhne von Usnach erschlagen, und als die Männer von Ulster vom Tod der Recken hörten, stießen sie drei laute Schreie des Kummers und der Klage aus. Deidre warf sich über die Leichen und küßte ihre toten Leiber. Dann beutelte sie ihr eigenes Haar und zerriß die Kleider. Das Grab wurde geschaufelt, und Deidre stand da mit ihrem aufgelösten Haar, vergoß viele Tränen und sang ihr Trauerlied:

 

Die Löwen von den Hügeln sind dahin.
Ich bin allein, ich bin allein.
Grabt tief das Grab und breit.
Denn ich bin krank und sehne mich nach Schlaf.

 

Die Falken aus den Wäldern sind dahin.
Ich bin allein, ich bin allein.

Grabt tief das Grab und breit,
Und lasst mich ruhn an ihrer Seite.

 

Die Drachen von den Felsen schlafen nun.
Und Schlaf ist’s, den kein Klagelied mehr weckt.
Schaufelt das Grab, macht es bereit.
Und lasst mich ruh’n an meines Liebsten Seite.

 

Märchen aus Irland

 

Jack Hannaford

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein alter Soldat, der hatte viele Kriege mitgemacht, so daß er ganz heruntergekommen war und nicht wußte, wo er einen Lebensunterhalt finden sollte. So wanderte er über Heidehügel und durch Schluchten, bis er schließlich an einen Bauernhof kam, den der gute Bauer verlassen hatte, um zum Markt zu gehen.

 

Die Frau des Bauern war ein törichtes Weib; sie war Witwe, als er sie heiratete. Der Bauer aber war auch reichlich dumm, und es ist schwer zu sagen, wer von beiden der Dümmere war. Wenn ihr meine Geschichte gehört habt, mögt ihr’s entscheiden.

Bevor also der Bauer zum Markt ging, sagte er zu seinem Weib: „Hier sind 10 Pfund ganz in Gold. Gib acht darauf, bis ich zurückkomme.“ Wäre der Mann nicht ein Narr gewesen, er hätte niemals seiner Frau das Geld zum Verwahren gegeben. Gut, er fuhr also mit seinem Wagen zum Markt, und die Frau sagte zu sich: „Ich werde die 10 Pfund ganz sicher vor den Dieben aufbewahren.“ Sie wickelte sie in einen Lumpen und legte den auf den Kamin in der Stube. „Hier wird kein Dieb es jemals finden“, sagte sie, „das ist ganz gewiß.“

 

Da kam Jack Hannaford, der alte Soldat, und pochte an die Tür. „Wer ist da draußen?“ fragte das Weib. „Jack Hannaford.“ „Woher kommst du denn?“ “Aus dem Paradies.” „Allmächtiger! Und womöglich hast du dort meinen guten Alten gesehen?“ Sie meinte damit ihren ersten Mann. „Ja, gewiß!“ „Und wie ging es ihm?“ fragte die Biedere. „Sehr mittelmäßig. Er flickt alte Schuhe und hat nichts als Kohl zu essen.“ „Herrje!“ rief die Frau aus. „Hat er mir nichts bestellen lassen?“ „Ja, natürlich“, erwiderte Jack Hannaford. „Er sagte, das Leder wäre ihm ausgegangen, und seine Taschen wären leer; da solltest du ihm ein paar Schillinge schicken, dann kann er wieder neuen Ledervorrat kaufen.“ „Die soll er haben um seiner armen Seele willen!“

 

Und fort eilte die Frau zu dem Kamin, nahm den Lumpen mit den 10 Pfund herunter und gab die ganze Summe dem Soldaten. Sie sagte ihm, ihr Alter sollte davon gebrauchen, soviel er wünschte, und den Rest zurückschicken. Jack hielt sich nicht mehr lange auf, als er das Geld empfangen hatte; er ging davon, so schnell er konnte. Gleich darauf kam der Bauer heim und fragte nach seinem Geld. Die Frau erzählte ihm, durch einen Soldaten hätte sie es ihm ins Paradies geschickt, damit er sich Leder kaufen könnte; denn er müsse ja die Schuhe der Heiligen und Engel im Himmel flicken. Der Bauer war sehr ärgerlich und schwor, er sei niemals einem solchen Narren wie seinem Weibe begegnet. Die Frau aber sagte, er wäre der größere Narr, da er ihr das Geld gegeben hätte.

 

Doch es blieb keine Zeit, Worte zu verschwenden. Der Bauer bestieg sein Pferd und trabte hinter Jack Hannaford her. Der alte Krieger hörte das Hufgetrappel hinter sich auf der Straße und wußte sofort, dass es der Bauer war, der ihn verfolgte. Er legte sich auf den Boden und schaute in den Himmel hinauf. Dabei hielt er sich eine Hand vor die Augen und wies mit der anderen ins Blaue. „Was hast du denn vor?“ fragte der Bauer und hielt an. „Gott zum Gruß!“ rief Jack. „Ich habe aber was Seltsames gesehen!“ „Ja, was denn?“ „Einen Mann, der ging geradewegs in den Himmel, als zöge er auf einer Landstraße dahin.“ „Kannst du ihn immer noch sehen?“ „Ja!“ „Wo denn?“ „Steig von deinem Gaul und leg dich auf die Erde!“ „Wenn du das Pferd derweilen halten willst!“ Jack tat es bereitwilligst.

 

„Ich kann ihn aber nicht sehen!“ sagte der Bauer. „Halte die Hand vor die Augen, und du wirst dann gleich einen Mann von dir wegeilen sehen.“ Und so war es; denn Jack sprang auf das Pferd und ritt mit ihm über alle Berge. Der Bauer ging zu Fuß und ohne sein Pferd heim. „Du bist der größere Narr“, sagte die Frau, „denn ich habe nur eine Dummheit gemacht, du aber zwei!“

 

Märchen aus England