MÄRCHEN AUS DEN NIEDERLANDEN ...

"Jan, der Dieb"

"Von Piet Jan Clas, der den Tod suchte"

"Klein Däumchen"

"Die schöne Königstochter im Garten"

DIE SCHÖNE KÖNIGSTOCHTER IM GARTEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine arme Frau hatte drei Söhne und keinen Mann und auch nichts zu essen und das tat ihr so weh, so weh, dass sie meinte, das Herz im Leibe müsste ihr zerspringen vor lauter Jammer und Not, und sie setzte sich hin und weinte bittere Tränen. Als die drei Söhne das sahen, da tat es ihnen leid und der Älteste sprach zu seiner Mutter:

Moeder, geef me 'ne koeck,
Lapp me mijn broeck,
Ik zal uit reizen gaan."

(Mutter, gib mir einen Kuchen, flicke mir meine Hose, ich will auf Reisen gehn.)

Da gab ihm die Mutter einen Kuchen und flickte ihm seine Hose und er ging weg und kam in einen großen Wald; und darin ging er immer weiter und weiter, bis es stichdunkel geworden war. Da kletterte er auf einen hohen Baum und sah, wie von fern ein ganz kleines Lichtlein schimmerte; auf das Lichtlein ging er zu und wandelte die ganze Nacht, und als es Morgen geworden war, da stand er vor einem wunderschönen Schloss, das glänzte, als wenn es von lauter Diamanten gewesen wäre.

Weil das Tor nun offen stand, ging er hinein und kam in einen Garten; aber der war so schön, oh so schön, wie noch kein Mensch in der ganzen Welt einen gesehen hat. Wo er nur hinschaute, da standen Blumen und Bäume mit Äpfeln und Birnen und goldenen Nüssen und er hatte so große Freude daran, dass er immer weiter darin fort ging, bis er an das Ende kam, wo er eine Königstochter sitzen sah, die von so großer Schönheit war, dass er im ersten Augenblicke glaubte, es wäre ein Englein aus dem Himmel.

Er zog höflich sein Käpplein und sprach: „Gott grüß euch, schöne Jungfrau!" „Schönen Dank“, antwortete die Königstochter. „Aber sage mir nun auch, was dir am Besten gefällt in meinem Garten." Darauf antwortete der Älteste: „Ach, schöne Jungfrau, das sind die lieben Blümlein." — „Ei, du dummer Tölpel“, sprach da die Königstochter, „weißt du nichts Schöneres, dann marsch fort mit dir in den Keller!" und mit dem nahm sie ihn beim Kragen und setzte ihn in den Keller.

Als der Älteste nun nicht wiederkehrte, da sprach der Zweite zu seiner Mutter:

„Moeder, geef me 'ne koeck,
Lapp me mijn broeck,
Ik zal uit reizen gaan."

(Mutter, gib mir einen Kuchen, flicke mir meine Hose, ich will auf Reisen gehen.)

Da gab ihm die Mutter einen Kuchen und flickte ihm seine Hose und er zog fort und immer weiter bis in den großen Wald und endlich auch bis an das Schloss; da ging er hinein und rund herum in dem Garten, bis er an die Laube kam, wo die schöne Königstochter saß. „Gott grüß euch, schöne Jungfrau“, sprach er.

„Schönen Dank“, antwortete die Königstochter; „aber sage mir nun auch, was dir in meinem Garten am Besten gefällt." Darauf antwortete der Zweite: „Ach, schönste Jungfrau, das sind die roten Äpfel und die gelben Birnen und die goldenen Nüsse." — „Ei, du dummer Tölpel“, sprach da die Königstochter, „weißt du nichts Besseres, dann marsch fort mit dir in den Keller“; und sie fasste ihn am Kragen und setzte ihn in den Keller.

Als der Zweite nun auch nicht zurückkehrte, da beschloss der Jüngste, sein Glück auch einmal zu versuchen, und er sprach zu seiner Mutter:

„Moeder, geef me 'ne koeck,
Lapp me mijn broeck,
Ik zal uit reizen gaan."

(Mutter, gib mir einen Kuchen, flicke mir meine Hose, ich will auf Reisen gehen.)

Da gab ihm die Mutter einen Kuchen und flickte seine Hose und er zog aus und kam gleichfalls in den Wald und an das schöne diamantene Schloss. Er verwunderte sich über die Maßen ob der schönen Blümelein und der lachenden Früchte, bekam auch wohl Lust, einmal davon zu kosten, doch bezwang er sich und ging immer fort, bis er von ferne die Königstochter erblickte.

„Nein“, sprach er da zu sich selbst, „ein so bildschönes Mädchen habe ich doch in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen“, und er zog sein Käpplein und trat ihr naher und grüßte sie höflich: „Gott grüß euch, schöne Jungfrau!" „Schön Dank“, entgegnete die Königstochter; „aber sage mir doch, was dir in meinem Garten am Besten gefällt." —

„Ach, das seid ihr, schöne Jungfrau, denn neben euch sieht man keine Blümlein und keine Äpfel und nichts“, sprach der Jüngste schnell. Da fiel die Königstochter ihm um den Hals und sprach: „Du bist mein und ich bin dein und du bist mein lieber Mann“, und sie führte ihn in das Schloss und am anderen Tage wurde die schöne Königstochter seine Frau und sie lebten zufrieden und glücklich miteinander.

 

KLEIN DÄUMCHEN ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine blutarme Frau, die hatte nichts auf der Welt als ein kleines Hüttchen und ein altes Tischchen und ein zerbrochenes Stühlchen und ein Söhnchen, und das war so klein, so klein, dass es nicht größer war als ein Daumen; darum hatte die Mutter es auch klein Däumchen geheißen.

Eines Tages wusste die arme Frau nicht, was sie kochen sollte, und da sprach sie in sich hinein: „Ach hätte ich doch ein Pfund Mehl, ich möchte mir so gerne einen Kuchen backen!" Das hatte klein Däumchen gehört, denn es saß zufällig in der Schürzentasche seiner Mutter; und es sprang flink heraus und sprach: „Nichts mehr als das, liebe Mutter? Das will ich schon schaffen“; und damit hüpfte es weg und lief in einen Laden und stahl sich dort ein Pfund Mehl.

Als es das nach Hause brachte, da war seine Mutter über die Maßen froh und sprach: „Ja, das ist wohl schön und gut, aber wenn ich Kuchen backen soll, dann muss ich auch Butter haben." —

„Hoho, nichts mehr als das?“, fragte Däumchen. „Die will ich schon schaffen“, und es hüpfte fort und in einen anderen Laden, wo es ein Pfund Butter stahl.

Als es dies seiner Mutter getragen brachte, da freute sich die arme Frau noch mehr, aber sie schüttelte doch noch den Kopf und sprach: „Mehl und Butter haben wir nun, aber um den Kuchen zu backen, muss ich auch noch eine Pfanne haben." —

„Ei, nichts mehr als das“, lachte Däumchen, „die will ich schon schaffen“; und es lief eilig in Nachbars Eisenladen und schnitt ritsch, ratsch eine Kordel durch, woran eine Pfanne hing, und rannte damit nach Hause zurück. „Nun fehlt nur noch eins“, sprach die Mutter da; „ich müsste auch noch Holz haben."

„He, nichts mehr als das“, sprach Däumchen, „das Holz will ich wohl schaffen“, und mit den Worten sprang es weg und in den Wald, um da selbst Holz zu lesen. Als es aber eben am Suchen war, da hörte es plötzlich viele Menschen sprechen.

„Halt“, dachte es, „das sind Räuber und vor denen muss ich mich verstecken; sonst sind sie im Stande und machen mich tot und dann kann ich kein Holz suchen und meine Mutter kann keinen Kuchen backen“; und indem es das sprach, versteckte es sich unter einem Wegerichblatt.

Die Räuber hatten Däumchen auch nicht gesehen; sie kamen aber immer näher und näher, wo der Wegerich stand, und als sie endlich ganz nahe waren, da tat der Eine von ihnen einen unglücklichen Tritt auf das Blatt und trat Däumchen tot, und so konnte es seiner Mutter kein Holz bringen und die konnte keinen Kuchen backen und die ganze Geschichte war aus.

 

VON PIET JAN CLAS, DER DEN TOD SUCHTE ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein Mann, der hieß Piet Jan Clas, und der war so neugierig, oh, so neugierig, dass es nicht zu sagen ist. Eines Tages nun hörte er zufällig von dem Tode sprechen und die Leute sagten, das wäre zwar ein gar hässlicher und grimmiger Kerl, aber gerecht dabei! Wie kein anderer.

Als Piet Jan Clas das hörte, da dachte er bei sich: „Ach, den Tod möchte ich doch gern einmal sehen, das muss ein kurioser Kauz sein“; und damit ging er nach Hause und nahm seinen Stock und setzte seinen dreikantigen Hut auf und machte sich auf den Weg.

Als er nun schon weit gegangen war, da kam er in eine Stadt und sah da einen Schuhladen voll Schuhe und der Schuster saß an der Türe und machte immer noch neue Schuhe. „Guten Morgen, Meister“, sprach er und der Schuster dankte, ohne jedoch von seiner Arbeit aufzusehen.

„Was macht ihr da Gutes?“, fragte Clas. „Wie ihr seht, Schuhe und immer Schuhe“, antwortete der Meister und stach mit der Pfrieme ein Loch und zog, „Krrrr“, den Pechfaden durch. „Aber ihr habt ja schon so viel fertig da stehen“, sprach Clas weiter, „warum macht ihr denn noch immer neue?"

„Ah, um sie zu verschleißen und zu verkaufen und meine Frau und Kinder mit dem Gelde zu ernähren." „Krrrr!“ „Und wenn ihr das denn nun getan habt, was dann?“, fragte Clas weiter, und der Schuster entgegnete: „Ei, dann lege ich mich aufs Ohr und dann kommt der Tod und holt mich ab. „Krrrr!“ „Der Tod?“, schrie Clas verwundert, „Ach, lieber Meister, tut mir doch um Gottes willen den Gefallen und sagt mir, wo ich den finde. Habt ihr ihn nie gesehen?"

„Nein, nein“, lachte der Meister, „und dafür danke ich unseren lieben Herrgott, bin auch nicht gar neugierig darum." „Wo könnte ich ihn denn finden?“, fragte Clas und der Schuster sprach schmunzelnd: „Geht nur gerade aus und immer weiter eurer Nase nach, da findet ihr ihn vielleicht." Clas bedankte sich für den guten Bescheid und ging fröhlich weiter den ganzen Tag und die ganze Nacht und den folgenden Tag bis Mittag.

Da begegnete er in einem Walde einem Bauer, der hatte schon einen ganzen Wagen voll Holz gehauen und hieb noch immer mehr. „Aber sag mir doch, Bruderherz“, sprach Clas, nachdem er den Bauer gegrüßt und der ihn wieder gegrüßt hatte, „was willst du denn eigentlich mit all dem Holze anfangen?" —

„Ei“, sprach der Bauer, „ich binde Bündel daraus, die ich im Winter brenne, und was ich für mich nicht nötig habe, das verkaufe ich und hole mir Brot und Fleisch von dem Geld; so bring ich mein Leben hin bis zu meinem seligen Tode." Apropos (übrigens)“, fiel Clas ein, „mit dem Tod; wisst ihr nicht, wo der sich wohl aufhält und herumtreibt, ich möchte ihn so gern sehen, dass mir der Bauch weh tut."

„Da kann ich euch nicht dienen, Freund“, sprach der Bauer; „aber geht einmal ganz gerade aus, es ist möglich, dass ihr ihn antrefft." Clas dankte fein höflich für den Bescheid und ging weiter und weiter, immer geradeaus, bis er abermals in eine Stadt kam.

Da saß ein Schneider in einem schönen Hause auf dem Tische und nähte und um ihn herum war alles voll Kleider, so dass kein Fleckchen Wand blieb, wohin auch nur eine Fliege sich hätte setzen können. „Was tut ihr doch mit all den Kleidern“, fragte Clas, nachdem er eine Zeit lang das Haus angestaunt hatte.

„Die verkaufe ich“, antwortete der Schneider, „die wollenen im Winter, die linnenen im Sommer und die baumwollenen im Frühling und Herbst." „Und wenn ihr die dann verkauft habt?“, fragte Clas. „Nun, dann nähe ich wieder neue“, brummte der Schneider verdrießlich, „und die verkauf ich wieder und nähe noch einmal neue und verkauf' sie abermals, bis der Tod kommt." —

„Dann könnt ihr mir gewiss auch sagen, wo ich den Tod finden kann; nicht wahr, Meister?" fuhr Clas neugierig fort, aber der Schneider sprach, er solle sich nur geschwind aus der Tür machen, denn die Schneidermeister wären nicht gar gut Freund mit dem Tode, der hole ihnen zu viel Kunden weg.

„Das ist ein grober Kerl“, dachte Piet Jan Clas und ging seiner Nase nach weiter und als er wieder lange gegangen war, da kam er in einen Wald, der so groß war, dass man kein Ende davon sah.

Er schritt aber gütig hinein und fand dort einen Einsiedler mit langem, greisem Bart, kahlem Kopf, einer dicken groben Kutte und einem Rosenkranze in der Hand. „Ach“, dachte Clas, „wenn das nicht der Tod ist, dann weiß er mir doch sicherlich Bescheid davon zu geben“, und ging auf den Einsiedler zu und grüßte ihn und der Einsiedler grüßte Clas wieder und Clas fragte:

„Was tut ihr denn hier allein in der Einsamkeit; da wüsste ich nichts Angenehmes dran zu finden, so allein zu sein." „Ach“, sprach der Einsiedler, „ich habe mich von den Menschen abgesondert, um Gott besser dienen zu können und wohl vorbereitet zu sein, wenn der Tod kommt, um mich …"

„Ja, wegen dem Tode wollte ich euch just fragen“, fiel ihm Clas in die Rede, „den möchte ich für mein Leben gern einmal sehen; könnt ihr mir vielleicht dazu verhelfen?" — „Den Tod kann man nur einmal sehen“, antwortete der Einsiedler, „aber wollt ihr ihn sehen, nun so geht weiter, jeden Abend seit ihr ihm einen Tag näher."

Das gefiel Clas und er dankte dem Einsiedler aus vollem Herzen und sprach, als er die Klause eben aus den Augen verloren hatte, zu sich selbst: „Das nenne ich mir doch einmal einen vernünftigen Bescheid, nur wird es mir jeden Tag zu lang werden, ehe es Abend ist; aber ich hab es dem Alten gleich angesehen, dass er es wusste."

So schritt er munter fort über Berg und Tal, durch Wald und Wiese, bis er eines Abends in der Ferne ein großes Schloss sah; da ging er darauf zu. Als er an das Tor gekommen war, stand da ein Stein, Steinaltes Mütterchen, die war so mager, dass man jedes Knöchelchen an ihrem Leibe zählen konnte; dabei hatte sie feuerrote Augen, ganz eingefallene hohle Backen und eine dicke Hängelippe; auf ihrem Rücken saß ein dicker Buckel und darauf stand ein Korb voll Fläschchen und Salbentöpfchen; außerdem hatte sie ein großes Messer an ihrer Seite hängen.

„Das könnte leicht der Tod sein“, dachte Clas und trat zu ihr und zog seinen Dreispitz und sprach: „Gott grüß euch, Mütterchen." „Schönen Dank, mein Söhnchen“, sprach die Alte. „Ach, liebes Mütterchen, seid ihr nicht der Tod?“, fragte Clas alsdann. „Nein, im Gegenteil“, antwortete sie, „ich bin das Leben und heile mit meinen Salben und Medizinen alle Schäden und Wunden und Krankheiten." —

„Das ist doch schade“, sprach da Clas, „ich hatte schon so große Freude, indem ich dachte, ihr wärt der Tod; ich reise nun schon so lange über Berg und Tal, durch Wald und Wiese, um ihn zu suchen, und ich finde ihn nirgends; könntet ihr mir ihn nicht zeigen?" —

„Doch das kann ich wohl“, sprach die Alte. „Ach, lieb, lieb Mütterchen, dann tut das doch!“, rief Clas entzückt aus; „ich bitte euch um alles in der Welt, ihr könntet mir keinen größeren Gefallen erweisen." — „Ja, das will ich gern“, sprach das Mütterchen, „zieh dich nur vorerst ganz splitternackt aus."

Da warf Clas voller Freude Hut und Stock und Kittel hin und zog sich alsdann auch die übrigen Kleider vom Leibe. Als das geschehen war, da sprach das Mütterchen: „Nun knie dich nieder und leg deinen Kopf in meinen Schoß“, und als er das auch getan hatte, da nahm sie ihr scharfes Messer und schnitt ihm den Kopf ritsch ratsch ab, drehte ihn ganz geschwind herum und setzte ihn wieder so auf, dass das Gesicht nach dem Rücken gekehrt war.

Im selben Augenblicke sprang Clas auf und schrie ganz jämmerlich: „Oje, oje, oje! o weh! Hilfe, Hilfe! Oh rettet mich! Helft mir aus der grausamen Not! Oh was sehe ich für gräuliche Sachen!" Das alte Mütterchen hörte aber nicht darauf und ließ ihn zwei Stunden lang mit dem Gesichte auf dem Rücken.

„Du wolltest ja den Tod sehen, nun siehst du ihn“, sprach sie. Clas ermattete aber dermaßen von all dem Schrecken, den er ausstand, dass er endlich ohnmächtig zusammenfiel und kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Als die Alte das sah, schnitt sie ihm den Kopf wieder ab und setzte ihn wieder zurecht, strich ein bisschen Salbe aus einem ihrer Töpfchen auf die Wunde und in zwei Minuten war sie heil und Piet Jan Clas wieder so gesund wie vorher.

„Hast du nun den Tod gesehen?“, fragte das Mütterchen. „Ja, das sei Gott geklagt“, sprach Clas, „das ist nicht zum Spaßen“; und er zog sich so schnell, wie er konnte, an und lief, was er konnte, nach Haus zurück.

 

JAN, DER DIEB ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal eine blutarme Frau, die hatte nur einen Sohn namens Jan, aber der machte ihr nicht viel Freude, denn er war so langfingerig, dass er von allen, die ihn kannten, nicht anders geheißen wurde, als Jan der Dieb.

Die Frau hielt ihm häufig vor, dass er sein Leben ändern und sich bessern müsse, wolle er nicht zuletzt mit Seilers Tochter Hochzeit halten, aber das half alles nichts und Jan blieb stets der Alte. Der letzte und einzige Trost, der dem armen Weib blieb, war unser lieber Herrgott; alle Tage sah man sie in der Kirche, wo sie um nichts anders betete, als dass Gott doch ihrem Jan einen anderen Sinn geben solle.

Einmal hatte sie auch wieder lange gebetet und geweint; endlich seufzte sie wie in halber Verzweiflung: „Ach, ach, was soll aus meinem Jan doch noch werden!" Der Küster saß aber zufällig hinter dem Altar und als er den Seufzer hörte, antwortete er: „Dieb, großer Dieb, allzeit Dieb."

Da erschrak die arme Frau über die Maßen, denn sie meinte, unser Herrgott selber hätte ihr das zugerufen; doch fasste sie sich bald und sprach: „Herr, dein Wille geschehe" und ging mit rot geweinten Augen nach Haus. Da kam Jan ihr just entgegen; als er ihre Augen ansah, fragte er, warum sie denn wieder so betrübt wäre?

Sie erzählte ihm offenherzig, was ihr begegnet war, und sagte ihm dabei, dass sie ihm lieber auf den Rücken sähe, denn es tue ihr zu leid, ihn immer Dieb nennen zu hören und das selbst von unserm Herrgott. Jan war des zufrieden, sie gab ihm noch eine tüchtige Kruste Brot und ein Kännchen Wasser mit auf den Weg und so zog er in die weite Welt.

Nach langem Wandern und als von seinem Brot schon längst kein Krümchen mehr übrig war, kam er eines Tages an einen Bauernhof, ging da dreist hinein und fragte, ob sie keinen Knecht nötig hatten. Der Bauer sprach, er hätte wohl einen Knecht nötig, aber er könne ihn doch nicht so aufs Geratewohl nehmen und müsse doch wissen, wer er wäre.

„Wenn ihr das wissen wollt, das kann ich euch wohl sagen“, antwortete Jan, „alle, die mich kennen, heißen mich Jan den Dieb." — „Hm, hm, Dieb, Dieb“, brummte der Bauer, „und du baumelst noch nicht am Galgen?" Darob lachte Jan und sprach: „Ihr sprecht vom Galgen, ja davor nehme ich mich wohl in Acht, dem bin ich zu klug." —

„Bist du wirklich so klug“, sprach der Bauer, „dann will ich es mit dir wagen; ich nehme dich in Dienst, aber unter drei Bedingungen; kannst du damit fertig werden, dann gebe ich dir noch dazu meine Tochter zur Frau. Du musst nämlich in Zeit von drei Wochen dem Pastor all sein Geld, meiner Frau das Hemd vom Leibe und die Pferde unter den Knechten, die drauf sitzen, weg stehlen. Kannst du das, gut, dann weißt du, was du bekommst; bringst du es aber nicht fertig, dann lass ich dich hängen." —

„Ganz gut“, antwortete Jan, setzte sich zu Tische, aß und trank tüchtig und ging als dann an seine Arbeit. In den ersten Tagen wusste er noch nicht recht, wie er es angreifen sollte, um an das Geld des Pastors zu kommen; endlich aber fiel ihm etwas ein. Er ging hin und stahl dem Bauern zwei Hühner vom Hof, machte sie tot und rupfte ihnen die Federn aus; dann trug er sie zu Markte und schlug sie für gut Geld los; von dem Erlöse kaufte er sich einen Topf Sirup und schlenderte nach Hause zurück.

Des Nachmittags nun ging er in die Vesper und verbarg sich in der Kirche in einem Beichtstuhl, wo er still sitzen blieb bis gegen Abend. Dann zog er seine Kleider aus, bestrich sich den Leib mit dem Sirup und wälzte sich in den Federn herum, so dass er aussah, wie ein Engel, tat drei Züge an der Glocke und stellte sich schnell auf den Hochaltar.

Als der Pastor die Glocke lauten hörte, schrak er zusammen, denn er wusste wohl, dass es noch nicht Morgen war; weil er aber dachte, dass Diebe in der Kirche sein könnten, zog er sich schnell an und lief hin. Kaum hatte er die Türe aufgeschlossen, als Jan von dem Hochaltar herab rief:

„O du frommer und tugendsamer Hirte dieser Pfarre; lange genug hast du deines Amtes mit Sorgen und Mühen gepflegt und Gott sendet mich, dich nach dem Himmel zu führen. Zuvor aber will er dein Herz noch prüfen, ob es nicht am Irdischen hänge, darum gebietet er dir durch mich, dass du all dein Geld hier auf den Hochaltar bringst, auf dass es nach deinem Hingang unter die Armen verteilt werde."

Dem Pastor hüpfte das Herz im Leibe vor Freude über seine bevorstehende Himmelfahrt, doch gefiel es ihm nicht ganz, dass der Engel ihm sein Geld abfragte. Da er aber fürchtete, durch Zweifeln oder Zögern den Zorn Gottes auf sich zu laden, bat er den Engel nur, sein zu warten, und lief nach Hause zurück, um das Geld zu holen; Jan, der auf jeden Fall gehen wollte, sprang schnell vom Altar herab und folgte ihm, sah genau zu, was er tat, und eilte wieder zurück auf den Altar.

Gleich darauf kam der Pastor und stellte zwei Geldsäcke auf den Altar, sprach, da waren all seine Schätze, aber Jan wusste besser, wie es stand und antwortete: „O du, dessen Herz noch so sehr am Irdischen hängt, wie magst du einen Engel Gottes belügen wollen; hast du nicht noch einen Geldsack in deiner Kiste zurück gelassen?"

In seinem ganzen Leben hatte der Pastor keinen größeren Schreck bekommen, als in diesem Augenblick; rot bis hinter die Ohren lief er, auch den dritten Geldsack zu holen, denn er meinte, sonst gewiss und sicherlich für ewig verloren zu sein. Als er damit zu dem Altar kam, lobte Jan seine Treue und sprach:

„Nun bereite dich zu deiner Himmelfahrt. Damit ich aber gemächlicher mit dir fliegen könne, krieche in diesen Sack, ich lade dich dann auf die Schulter." Der Pastor folgte und Jan sprang vom Hochaltar, lief mit ihm die Turmtreppe hinauf, ließ sich am Glockenseil herunter und schritt mit großen Schritten nach dem Pfarrhause.

„Hier wären wir an der Tür“, sprach er, „aber wo mag Sankt Peter sein? Warte einen Augenblick, ich gehe zu ihm, den Schlüssel zu holen. Hüte dich aber zu sprechen, oder anderes Geräusch zu machen, denn das könnte dir übel bekommen, das Fegefeuer ist gleich hierbei." Mit den Worten lief Jan weg, holte das Geld in der Kirche und trug es zu dem Bauern, der vor Verwunderung stumm und steif stand.

Als die Köchin des Pastors morgens früh die Türe öffnete und den Sack sah, stieß sie einmal mit dem Fuße daran, um zu fühlen, was darin wäre; als sich aber nichts darin regte noch regte, schmiss sie ihn einmal herum, und damit fiel der arme Pastor so arg auf den Kopf, dass er unmutig rief: „So lasst mich doch in Ruhe, ihr stoßt mir den Kopf entzwei. Ein Engel hat mich hierher gebracht und holt eben die Schlüssel bei Sankt Peter."

Da lachte die Köchin laut auf und öffnete den Sack und ihr Herr kroch heraus. Man kann sich leicht denken, was der für Augen machte, als er sich statt an der Himmelstür an seiner Haustür fand.

Das zweite Diebesstückchen von Jan war viel schwerer, aber er verlor doch den Mut nicht. Er hatte gemerkt, dass der Bauer jeden Abend in die Schenke ging, sein Gläschen zu trinken, und um im Wiederkommen niemand im Schlafe zu stören, die Türe seiner Kammer nur einklinkte und nie fest schloss.

Am folgenden Abend schlich er ein wenig vor der Zeit, wo der Bauer zurückzukehren pflegte, in die Schlafkammer und legte sich ruhig zu der Frau ins Bett. Er lag aber noch keine fünf Minuten da, als er mit halber und heiserer Stimme sprach: „Frau, tue ein anderes Hemd an, ich habe gesehen, es ist gar schmutzig, das ist keine Reinlichkeit und dem Dienstvolk ein schlechtes Vorbild."

Die Frau wollte noch Einreden machen, aber es half nichts; als sie das frische Hemd nun anhatte, nahm Jan das andere still zu sich und brummte, er müsse noch einmal in den Hof gehen, ging aber, in sein Fäustchen lachend, nach seiner Kammer zurück.

Spät abends erst kam der Bauer nach Hause; als er in die Kammer trat, schaute die Frau groß auf und fragte verwundert: „Warum hast du dich denn wieder ganz angezogen und wo bist du so lange geblieben?" — „Wieder angezogen?“, fragte der Bauer verwundert; „ich habe mich diesen Abend noch nicht ausgezogen, wie kannst du von wieder Anziehen sprechen?" —

„Ei, du wirst mir doch nicht weis machen wollen, dass ich geträumt, so eben bist du im Hemde heraus gegangen und nun kommst du in deinen Kleidern wieder herein." Obgleich der Bauer nicht mehr nüchtern war, begriff er doch, dass da etwas anderes im Spiel sein müsse, fragte die Frau näher aus und erkannte, dass Jan sein zweites Stückchen auch fertig gebracht. Er ging zu ihm und Jan gab ihm das Hemd der Frau.

Um so mehr suchte der Bauer nun zu verhindern, dass Jan auch das dritte Stückchen gelänge, und er passte so wohl auf, dass der letzte Tag vor den festgesetzten drei Wochen da war, ohne dass Jan zum Ziele gelangt wäre. Des Abends rief er gar die Knechte zu sich und befahl ihnen, nicht nur in dem Stalle zu bleiben, sondern selbst auf den Pferden sitzend die Nacht zu durchwachen. Das gefiel Jan schlecht, doch verlor er den Mut nicht.

Gegen Abend begann es so schrecklich zu hageln und zu schneien, dass man keinen Hund vor die Türe hatte jagen sollen; als es dunkelte, gingen die Knechte alle zusammen in den Stall, zündeten eine Laterne an und setzten sich auf die Pferde. Sie hatten noch nicht lange da gesessen, als es an die Türe klopfte.

Anfangs schwiegen sie und gaben keine Antwort; als das Klopfen aber kein Ende nahm, rief endlich einer von ihnen: „Wer ist da?" — „Ach, ein armer Einsiedler“, war die Antwort, „der rund geht, sich ein Almosen zu erbetteln. Die Nacht hat mich überfallen, nirgends sehe ich mehr Licht, als hier, und ich bin ganz steif vor Nässe und Kälte. Gebt mir doch ein Eckchen, wo ich die Nacht durchbringen kann." —

„Nichts da, nichts da“, riefen die Knechte, „es geht jemand darauf aus, diese Nacht hier die Pferde zu stehlen und am Ende seid ihr selbst der Spitzbub." — „Ach Gott, ich ein Spitzbub“, antwortete der Einsiedler, „wie könnt ihr doch so hartherzig sein, mich bei meinem Leid noch zu schimpfen; öffnet mir nur und seht dann zu, ob ich ein Spitzbub sein kann. Ich will im Gegenteil euch wachen helfen und euch beistehen, so etwa ein Dieb in der Nähe sein sollte; lasst mich doch nur ein."

Da ließen die Knechte sich bewegen und gingen hin, zu öffnen; denn, dachten sie, ist der Einsiedler wirklich auch der Dieb, er kann doch nichts gegen uns alle ausrichten." So machten sie denn die Türe auf und ein stockalter Einsiedler trat ein, grüßte sie alle und kroch als dann in ein Hüttchen, wo er sich mit ein wenig Stroh deckte.

Den Knechten fiel die Zeit gewaltig lang auf den Pferden; darum begannen sie bald ein Gespräch mit dem Einsiedler und der erzählte ihnen von allerhand, so dass sie ihm endlich vertrauten. Als er nun aber eine Zeit lang erzählt hatte, da zog er ein Fläschchen aus der Tasche, setzte es an den Mund und tat einen tüchtigen Zug daraus.

Das hatten die Knechte nicht sobald gesehen, als sie auch schon neugierig fragten, was das denn wäre, was er tränke?— „Ach, das ist nicht viel", antwortete der Einsiedler; „ich stehe stets so viel Kälte aus auf meinen Wallfahrten, dass ich schon seit lang immer etwas mit mir trage, um mich zu erwärmen." —

Das machte den Knechten den Mund wässrig und sie baten ihn, doch ihnen etwas davon mitteilen zu wollen. „Ich habe zwar nicht viel“, antwortete der Einsiedler, „aber ich teile doch gern mit euch, weil ihr mir so viel Freundschaft bewiesen habt." Mit den Worten reichte er ihnen sein Fläschchen und sie tranken jeder einen tüchtigen Zug daraus; es dauerte kein Viertelstündchen mehr und die Augen fielen ihnen langsam zu und nach einer halben Stunde schnarchten sie wie Bären.

„Nun bin ich weit genug“, sprach Jan, denn wer anders konnte der Einsiedler sein? „und mein drittes Stückchen ist gespielt“; und damit nahm er den Einen und setzte den rittlings auf die Vorderwand der Krippe; dem anderen legte er einen Sattel auf eine Mistgabel und dem Dritten einen auf einen Rechen. Dann koppelte er die drei Pferde an einen Strick und ging mit ihnen nach dem Hause, wo der Bauer noch in der Küche saß.

Als der Bauer den Einsiedler sah, erschrak er gewaltig, aber Jan half ihm bald daraus, indem er seinen Bart abriss, die Kapuze hintenüber warf und laut lachend rief: „Da, da stehen die Pferde vor der Haustür." — „Und wo sind denn die Knechte?“, fragte der Bauer erstaunt, und Jan antwortete: „Geht nur in den Stall, da könnt ihr sie auf wunderlichen Pferden sehen."

Da ging der Bauer mit Jan in den Stall; wie er da gelacht haben muss, das ist leicht zu denken. „Heda, der Stall brennt!“, schrie der Bauer und alle drei Reiter fielen zugleich von Krippe, Mistgabel und Rechen herab, rafften sich aber bald zusammen und liefen mit all ihren Beinen weg, so schnell sie konnten; denn sie schämten sich in den Tod, dass sie sich also hatten anführen lassen.

Jan heiratete aber des Bauern Tochter und wurde ein reicher Mann und lebt vielleicht noch, wenn er nicht gestorben ist.