MÄRCHEN AUS DEM BALTIKUM: Estland, Letland, Litauen, Lappland ...,

Verzeichnis

„Rõugatajas Tochter“

„Der Zwerge Streit“

„Schnellfuss, Flinkhand und Scharfauge“

„Der Schlaukopf“

„Pikne´s Dudelsack“

„Dudelsack-Tiidu“

„Die zwölf Töchter“

„Die Meermaid“

„Die Zauberschuhe“

„Der Waise Handmühle“

„Die aus dem Ei entsprossene Königstochter“

„Der dankbare Königssohn“

„Das verwunschene Mädchen“

„Der Hirt Ans“

„Der Donnersohn“

„Die Unterirdischen“

„Die im Mondschein badenden Jungfrauen“

„Die Goldspinnerinnen“

„Das Glücksei“

„Goldhärchen und Goldsternchen“

„Der wunderliche Spiegel“

„Der Nordlands-Drache“

„Der gütige Holzfäller“

„Die fliegenden Haselnüsslein“

„Die Geschenke des Frostes“

„Die Sonne und die Mutter der Winde“

„Jonas und das Knochenweib“

„So lieb wie das Leben“

„Der Welt Lohn“

„Der Tontlawald“

„Der herzhafte Riegenaufseher“

„Die Sage von Batje und Nanna“

„Der Teufel und der Riegenmeister“

„Ein Weib ist schlimmer als der Teufel“

Der Pilzkönig“

„Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand“

„Das zerschlagene Hühnerei“

„Warum der Hase eine gespaltene Lippe hat“

„Das Weizenbrötlein“

„Eglä, Königin der Nattern“

„Loppi und Lappi“

„Der Lohn der Stieftochter und der Haustochter“

„Das Gesicht in der Neujahrsnacht“

„Die leichtfüssige Königstochter“

„Ants und der Drache“

„Der Mühlstein von Hiisi“

„Das goldene Beil“

"Warum das Elentier weiße Streifen unter dem Bauche hat"

"Der Arme und der Nimmersatt"

"Der Fuchs, der Wolf und der Bär"

"Der Mann mit der goldenen Nase" (erstes Märchen)

"Der Räuber Nachtigall"

"Der Bauer und die drei Teufel"

"Der gehörnte Pastor"

"Der Fuchs und der Krebs"

" Kastute"

"Warum der Schwarzspecht auf die Bäume hackt" 

"Der Diebslehrling"

"Jokima und sein Vater Grumpis"

"Das kluge Weib"

"Der Bettler und die reiche Bäuerin"

"Der geizige König"

"Der Bösen Tochter und das Waisenmädchen"

"Das vergessene Kind"

"Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen hat"

"Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs"

"Das Werwolfsfell"

"Gut und schlecht"

"Der Glückliche und der Unglückliche"

"Der Hund und die Katze"

"Die Krähe und der Fuchs"

"Fliege und Spinne"

"Die drei guten Worte"

"Die drei genasführten Freier"

"Die Stiefmutter"

"Der Hausgeist"

"Der kluge Ratgeber"

"Der Reiche drischt"

"Die Tiere gehen zur Beichte"

"Die Geldmühle"

"Der Schlangenkamm"

"Des Nebelberges König"

"Wie der Rabe die Meise freien wollte"

"Des Krähenmännchens Heirat"

"Die wunderbare Flöte"

"Der Tod auf dem Apfelbaum"

"Pikkers Dudelsack"

"Der Lohn für die Rettung des Teufels"

"Die Mücke und das Pferd"

"Wie der Gutsbesitzer in den Himmel kam"

"Warum die Bäume nicht mehr reden"

"Das Gutspferd und das Bauernpferd"

"Wie ein Mann Hausfrau war"

"Wie ein Bauer auf seinen Tod wartete"

"Zwei Leichen und ein schwanzloses Pferd"

"Der Aschewicht"

"Die Färber des Mondes"

"Hans und der Teufel"

"Die kämpfenden Brüder"

"Der Bräutigam mit der goldenen Nase" (zweites Märchen)

"Wie drei Brüder ihr Glück machten" 

 

 

WIE DREI BRÜDER IHR GLÜCK MACHTEN ...

Der Teufel im Fluss

 

Ein alter Mann starb, drei Söhne blieben zurück. Die Söhne teilten den Besitz des Vaters: einer bekam ein Riegensieb, der andere eine Katze und der dritte ein Bastbund.

 

Der Siebmann ging das Riegensieb verhandeln. Geht und sieht: ein alter Mann schwingt mit bloßen Händen Roggen. Der Siebmann schwingte seinen Roggen fertig. Der alte Mann ist sehr guten Mutes und will das Sieb kaufen. Der andere Mann war auch gar nicht abgeneigt, sondern sagte: "Wenn du mir das Sieb voll Geld füllst, kannst du es haben!" Der alte Mann gab es ihm.

 

Ging der Katzenmann in die Stadt, die Katze zu verhandeln. Ein Gutsherr kommt ihm entgegen, fragt: "Was für ein Tier ist das?" "Das ist der Mäusekönig." Der Mäusekönig wurde in die Kammer gesteckt, wo viele Mäuse waren. Am Morgen waren sie alle kalt. Der Herr fragte: "Was kostet der Mäusekönig?" "Decke die Katze mit Geld zu, so daß man nichts von ihr sieht", sagte der Katzenwirt. Der Herr tat es und bekam die Katze.

 

Nun ging das allerjüngste Söhnlein mit seinem Bastbund los. Geht zu einem Fluß und fängt an, eine Bastschnur zu flechten. Der Teufel kommt aus dem Fluß heraus und fragt: "Mann, was tust du?" "Ich mache einen Strick, damit wird das Geschlecht der Teufel vernichtet." Der Teufel verlegt sich aufs Bitten: "Ich zahle eher, aber vernichte uns nicht!" "Na, wenn du mir diesen Fluß voll Geld bringst, werde ich sie nicht vernichten." Der Teufel trug den Fluß voll Geld, und der Lindenbastmann wurde der allerreichste Mann.

 

Quelle: Märchen aus Estland

 

DER BRÄUTIGAM MIT DER GOLDENEN NASE ...

Braut und der Bräutigam mit der goldenen Nase

 

Es war einmal ein sehr schönes und stolzes Mädchen. Jeden Tag kamen Freier, die sie haben wollten, aber keiner gefiel ihr, denn jeder hatte ja eine natürliche Fleischnase, und das Mädchen wollte einen Mann, der eine goldene Nase hatte.

 

Als sie nun genug Freier heimgeschickt hatte, ohne die gewünschte Goldnase zu finden, zog sie selbst in die Welt, um sich einen Bräutigam zu suchen. Sie reiste und reiste, aber ohne besseren Erfolg. Schließlich fand sie jedoch den gewünschten Bräutigam mit der goldnen Nase; das war aber Zauberei und ging nicht mit rechten Dingen zu.

 

Als das Mädchen den Bräutigam fand, saß er gerade in seiner Kammer und machte Stiefel. Sofort hatte er dem Mädchen gefallen, und was brauchte man da mehr, als die Verlobung abzuschließen? Die Verlobung kam auch wirklich zustande. Die Goldnase verlangte aber, daß die Braut vor der Trauung mit ihm an drei Kirchen vorbeifahre; darauf ging sie auch ein.

 

Die Zeit der Trauung kam heran. Der Bräutigam ließ zwei schwarze Hengste vor den Wagen spannen, setzte sich dann mit seiner Braut in den Wagen und jagte zur ersten Kirche. Als sie vor der Kirche an kamen, ging er hinein und sagte seiner Braut, sie solle im Wagen so lange warten, bis er zurück kehre. Die Braut gehorchte. Der Bräutigam war ziemlich lange in der Kirche, kam aber noch vor den Kirchenbesuchern heraus, setzte sich in den Wagen und jagte zur zweiten Kirche.

 

Im Augenblick waren sie angelangt. Dort machte der Bräutigam Goldnase es ebenso wie bei der ersten Kirche und ließ die Braut im Wagen sitzen, ging selbst in die Kirche und kam ebenso vor den Kirchgängern heraus; dann jagte er zur dritten Kirche. Hier tat er das selbe, blieb aber recht lange in der Kirche. Die Braut dachte: 'Wer weiß, was er in jeder Kirche tun mag?' Sie stieg aus dem Wagen, ging ins Kirchenvorhaus und blickte durchs Schlüsselloch hinein.

 

Aber was sieht sie da! - Ihr geliebter Bräutigam, die Goldnase, frißt in der Kirche Leichen, gerade zu der Zeit, wo der Pastor die Toten einsegnet! Sie stieg wieder in den Wagen und wartete auf die Goldnase. Sie kam auch bald, und die Fahrt ging wieder los, aber diesmal nach Hause.

 

Unterwegs fragte die Braut den Bräutigam, weshalb er in die Kirchen gegangen sei. Er antwortete, daß er es getan habe, um den Gottesdienst anzuhören. Die Braut konnte aber ihr Geheimnis nicht mehr bei sich behalten und erzählte ihm alles, was sie durchs Schlüsselloch in der Kirche gesehen hatte.

 

Als der böse Geist das hörte, geriet er in Zorn, weil die Braut sein Verbot übertreten hatte, und erwürgte sie mit schauerlichem Gebrüll.

So endete das Leben des stolzen Mädchens.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DIE KÄMPFENDEN BRÜDER ...

Die Schwester und der Ring im Brot

 

Es lebte ein Mann mit seiner Frau, die hatten drei Söhne und eine Tochter. Die Frau starb, der Mann nahm sich eine andere Frau - das war eine Hexe. Und so lebten sie nun miteinander.

 

Einstmals fuhr der Mann mit der Frau zur Kirche. Die Söhne sagten: »Wie, sind sie in die Kirche gefahren?« Ein jeder ging, um sich ein Pferd auszusuchen; ein jeder aber wollte das beste haben, so zankten sie und kämpften, bis der Vater und die Mutter zurück kamen. »Warum kämpft ihr?« - »Um die Pferde kämpfen wir!« - »Kämpft ihr jetzt, so möget ihr euer Leben lang kämpfen!« fluchte die Mutter. Kaum war das Wort heraus, so gingen die drei, immer noch kämpfend, davon.

 

Jetzt blieb nur noch die Schwester nach; aber diese wurde von der Hexe geschlagen und gequält; Hunger mußte sie leiden, sogar ihrem Leben stellte man nach. Die Schwester entfloh und dachte: 'Vielleicht finde ich meine Brüder.'

 

Sie ging und ging, bis sie zu einer alten, verfallenen Hütte kam, und da ging sie hinein und fand dort einen alten Mann. »Guten Tag, liebes Kind, wohin gehst du?« - »Ich gehe, meine Brüder zu suchen.« - »Wo sind denn deine Brüder geblieben?« Das Mädchen erzählte dem Alten, wie die Stiefmutter die Söhne verwünscht habe. »Leg dich hin, liebes Kind, vielleicht kann ich dir helfen.«

 

In der Nacht rief der Mann alle Tiere im Walde zusammen, die Wölfe, die Bären, die Füchse, die Elche - kurz alles, was sich im Walde bewegte. »Ihr kommet in alle Welt, sahet ihr nicht drei kämpfende Brüder?« Niemand aber hatte sie gesehen.

 

»Mach dich wieder auf den Weg, liebes Kind«, unterwies sie der Alte am anderen Morgen, »du wirst bald zu einer eben solchen Hütte kommen, wie die meinige ist; vielleicht findest du dort Hilfe, ich vermag dir nicht zu helfen.«

 

Das Mädchen ging und ging und kam zu einer verfallenen Hütte; drin wohnte auch ein altes, graues Männlein. »Wo führt dich denn Gott her, liebes Kind?« Das Mädchen erzählte ihm, weshalb sie wandere. »Leg dich hin; der Morgen ist klüger als der Abend!«

 

Der Alte ging in die Nacht hinaus vor die Hütte und rief: »Es sollen sich versammeln alle Vögel, die unter dem Himmel fliegen!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so entstand ein Rauschen, ein Brausen auf allen Seiten. Es flogen zusammen alle Vögel, die kleinen wie die großen. »Ihr sehet die ganze Welt; sahet ihr nicht die drei kämpfenden Brüder?« - »Wir haben sie gesehen; über neun Könige Land, am Meeresstrand, da kämpften sie mit eisernen Keulen.«

 

Der Alte gab dem Mädchen einen Knäuel. »Wohin dieser rollt, dahin folge du nach!« Der Knäuel rollte zu den Brüdern. Da war ein altes Hüttlein; im Hüttlein alles leer, nur drei Brötlein auf dem Tisch. Das Mädchen nahm des ältesten Bruders Brötlein und schnitt es an.

 

Die Brüder kamen nach Hause. Der älteste erblickte sein Brot und sagte: »Wer hat mein Brötlein angeschnitten?« Die andern meinten: »Gott gibt uns Brot, er hat es vielleicht auch genommen.« Die Schwester hielt sich hinter dem Ofen versteckt; sie sah, wie die Brüder in großer Eintracht lebten: sie küßten einander, und es fiel kein böses Wort. Doch als die Zeit zum Kämpfen kam, da nahmen sie ihre Keulen, begaben sich an den Meeresstrand und schlugen wieder aufeinander los.

 

Die Schwester nahm nun des zweiten Bruders Brötlein, zerschnitt es und versteckte darin der Mutter Ring. Die Brüder kamen nach Hause und schauten: »Wer mag das getan haben?« Sie erkannten ihrer Mutter Ring. »Vielleicht ist es unsere Schwester, die uns den Ring gebracht hat? - Schwester, bist du's, dann tritt hervor!«

 

Die Schwester trat hervor, alle Brüder fielen ihr um den Hals; sie unterhielten sich und sagten: »Hör, Schwester! Hier kannst du nicht leben. Kommt die Stunde, wo wir kämpfen müssen, da schlagen wir auch dich. Doch wenn du neun Jahre hindurch kein Wort sprichst, man mag dich quälen, man mag dich martern, dann wirst du uns erretten - sonst nie!«

 

Die Stunde brach an; die Brüder fingen an zu kämpfen, sie schlugen aufeinander los mit eisernen Keulen. Die Schwester aber entfloh; und auf der Flucht stürzte sie in eine Grube, die am Wege war. Da fuhr der Königssohn an der Grube vorbei, zwei Kutscher saßen auf dem Bock. »Hier war ein Mädchen, wo ist es geblieben?« Der Königssohn schickte den einen Kutscher, nachzusehen; der schaute und erblickte das Mädchen. So schön, so schön war es, daß er nicht vermochte, sich vom Anblick zu trennen.

 

Der Königssohn aber wartete und wartete und schickte endlich den zweiten Kutscher. Dem erging es ebenso: auch er vermochte nicht die Augen abzuwenden. Da lief der Königssohn selber hin, um nach zu sehen. Auch ihm gefiel das Mädchen; er zog es aus der Grube, nahm es in seine Kutsche, brachte es nach Hause und machte es zu seiner Frau.

 

Die Schwester lebte ein Jahr mit ihm und wurde Mutter eines Söhnleins. Doch die Stiefmutter des Königssohnes nahm das Kind, schnitt ihm den Fuß ab, bestrich die Mutter mit dem Blute des Kindes und steckte ihr sogar den Fuß in den Mund. Drauf ging sie zum Königssohne und klagte: »Sieh doch, was deine Frau gemacht hat - ihr eigenes Fleisch und Blut hat sie umgebracht; dafür müßte auch sie umgebracht werden.« Doch der Mann antwortete: »Sie ist eine so gute Frau, wenn sie auch nicht spricht - sie soll noch leben, was sie auch getan haben mag.«

 

So lebte sie und lebte und wurde wieder Mutter eines Kindes. Die Stiefmutter schnitt dem Kinde eine Hand ab, bestrich mit dem Blute die Lippen der Mutter und steckte ihr sogar die Hand in den Mund. Drauf eilte sie zum Königssohn und klagte: »Komm doch und sieh, was deine gute Frau getan hat, ihr eigenes Fleisch und Blut hat sie umgebracht; die Hand steckt ihr noch im Munde. Laß sie vertilgen von Gottes Erdboden.«

 

Der Königssohn wollte sie immer noch nicht töten lassen, doch die Stiefmutter drängte ihn, bis sie ihn schließlich soweit hatte. Der Königssohn ließ einen Pfosten einrammen, an diesem sollte seine Frau erhängt werden. Doch während sie zur Hinrichtung hingeführt wurde, waren die neun Jahre gerade um.

Da laufen die Brüder zu ihr, und Engel kommen aus dem Himmel und rufen: »Wie könnt ihr diese fromme Seele quälen und töten?« - »Richtet selber: sie hat ihre Kinder aufgefressen!« Doch die Engel Gottes sagen: »Tragt alle in den Himmel, aber die Stiefmutter stoßt in die Hölle, wo es weder Mond noch Sonne gibt!«

So wurde es auch ausgeführt.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

HANS UND DER TEUFEL ...

 

Der Teufel trat einst zum klugen Hans und sprach: 'Komm, laß uns unsere Kraft messen! Wer dem anderen so die Hand drücken kann, daß er schreit, der soll gewonnen haben.' 'Wohl', sprach Hans, 'mag's drum sein! Ich möchte aber nicht, daß es bei Tage geschehe; denn wenn ich schrie und es gingen Leute vorbei, so schämte ich mir die Augen aus dem Kopfe.'

 

So verabredeten sie denn, in der Dämmerung im Walde zusammen zu kommen: weit vom Dorfe, da sollte der Wettkampf stattfinden. Hans aber ließ sich einen Fausthandschuh aus Eisen machen und zog ihn an die rechte Hand, und als die Sonne hinter den Wipfeln des fernen Waldes verschwunden war, ging er beherzt in den dunklen Wald und fand den Teufel beim Kreuzweg auf ihn harrend.

 

Da stellten sie sich einander gegenüber, Fuß an Fuß und Aug' in Auge; der Teufel streckte seine langfingerige Tatze aus, ergriff Hansens Rechte und drückte - wie der Teufel. Aber der Handschuh war aus schwedischem Eisen geschmiedet, und Hans lachte nur dazu, denn weil es dunkel war, so vermochte der Teufel nicht zu erkennen, daß Hans behandschuht war. 'Teufel', rief er aus, 'wie ist deine Hand so hart.' - 'Das kommt von harter Arbeit!' - 'Und woher ist deine Hand so schwarz?' - 'Das kommt vom Mistfahren!' -

 

Und als der Teufel müde geworden war, griff Hans zu und quetschte des Teufels Krallen zusammen, daß dieser anfing kläglich zu heulen, gerade wie eine Katze im Schraubstock. 'Au, au, auweh, auweh!' schrie er, dann setzte er sich in einen Graben, biß ins Gras, legte sich kühlende Kräuter auf die gequetschte Hand und nahm sich vor, nie mehr den Kampf mit Hans aufzunehmen.

 

Der Wald aber, wo solches geschehen, hieß fortan der Druckwald. Die Blümlein, die der Teufel ab biß und sich auf die Pfote legte, heißen noch heutigentags Teufelsabbiß und Katzenpfötchen.

 

Estland: Oskar Dähnhardt: Naturgeschichtliche Volksmärchen

 

 

DIE FÄRBER DES MONDES ...

Der geschwärzte Mond

 

Altvater hatte schon die ganze Welt erschaffen, aber noch war sein Werk nicht vollkommen, wie es wohl sein sollte, denn noch mangelte es der Welt an reichlichem Licht. Des Tages wandelte die Sonne ihre Bahn am himmlischen Zelt, aber wenn sie abends unterging, so deckte tiefe Finsternis Himmel und Erde. Alles, was geschah, verbarg die Nacht in ihrem Schoße.

 

Gar bald ersah der Schöpfer diesen Mangel und gedachte, dem abzuhelfen. So gebot er denn dem Ilmarinen, dafür Sorge zu tragen, daß es fortan auch in den Nächten auf Erden hell sei. Ilmarinen gehorchte dem Befehl, trat hin zu seiner Esse, wo er vor dem schon des Himmels Gewölbe geschmiedet, nahm viel Silber und goß daraus eine gewaltige runde Kugel. Die überzog er mit dickem Golde, setzte ein helles Feuer hinein und hieß sie nun ihren Wandel beginnen am Himmelszelt. Darauf schmiedete er unzählige Sterne, gab ihnen mit leichtem Golde ein Ansehen und stellte jeden an seinen Platz im Himmelsraum.

 

Da begann neues Leben auf der Erde. Kaum sank die Sonne, da stieg auch schon am Himmelsrande der goldene Mond auf, zog seine blaue Straße und erleuchtete das nächtliche Dunkel nicht anders als die Sonne den Tag. Dazu blinkten neben ihm die unzähligen Sterne und begleiteten ihn wie einen König, bis er endlich am anderen Ende des Himmels anlangte. Dann gingen die Sterne zur Ruhe, der Mond verließ das Himmelsgewölbe, und die Sonne trat an seine Stelle, um dem Weltall Licht zu spenden.

 

So leuchtete nun Tag und Nacht ein gleichmäßiges Licht hoch von oben auf die Erde nieder. Denn des Mondes Angesicht war ebenso klar und rein wie der Sonne Antlitz, und nur gleicher Wärme ermangelten seine Strahlen. Am Tage brannte aber die Sonne oftmals so heiß, daß niemand eine Arbeit verrichten mochte. Um so lieber schafften sie dann unter dem Schein des nächtlichen Himmelswächters, und alle Menschen waren von Herzen froh über das Geschenk des Mondes.

 

Den Teufel aber ärgerte der Mond gar sehr, denn in seinem hellen Lichte konnte er nichts Böses mehr verüben. Zog er einmal auf Beute aus, so erkannte man ihn schon von fern und trieb ihn mit Schanden heim. So kam es, daß er sich in dieser Zeit nicht mehr als zwei Seelen erbeutet hatte.

 

Da saß er nun Tag und Nacht und sann, wie er es wohl angriffe, damit es ihm wieder glückte. Endlich rief er etliche Gesellen herbei, aber die wußten auch keinen Ausweg. So ratschlagten sie denn zu dreien voll Eifer und Sorge, es wollte ihnen aber nichts einfallen. Am siebenten Tage hatten sie keinen Bissen mehr zu essen, saßen seufzend da, drückten den leeren Magen und zerbrachen sich die Köpfe mit Nachdenken. Und sieh, endlich kam dem Bösen selbst ein glücklicher Einfall.

 

»Wir müssen den Mond wieder fortschaffen, wenn wir uns retten wollen. Gibt es keinen Mond mehr am Himmel, so sind wir wieder Helden, wie zuvor. Beim matten Sternenlicht können wir ja unbesorgt unsere Werke betreiben!« »Sollen wir denn den Mond vom Himmel herunterholen?« fragten ihn die Knechte. »Nein«, sprach der Teufel, »der sitzt zu fest daran, herunter bekommen wir ihn nicht! Wir müssen es besser machen. Und das beste ist, wir nehmen Teer und schmieren ihn damit, bis er schwarz wird. Dann mag er am Himmel weiterlaufen, das wird uns nicht verdrießen.«

 

Dem Höllenvolke gefiel der Rat des Alten wohl, und alle wollten sich sogleich ans Werk machen. Es war aber zu spät geworden, denn der Mond neigte sich schon zum Niedergang, und die Sonne erhob ihr Angesicht. Den andern Tag aber schafften sie mit Eifer an ihrer Arbeit bis zum späten Abend. Der Böse war ausgezogen und hatte eine Tonne Teer gestohlen, die trug er nun in den Wald zu seinen Knechten. Indes waren diese geschäftig, aus sieben Stücken eine lange Leiter zusammenzubinden, und ein jedes Stück maß sieben Klafter. Darauf schafften sie einen tüchtigen Eimer herbei und banden aus Lindenbast einen Schmierwisch zusammen, den sie an einen langen Stiel steckten.

 

So erwarteten sie die Nacht. Als nun der Mond aufstieg, warf sich der Böse die Leiter samt der Tonne auf die Schulter und hieß die beiden Knechte mit Eimer und Borstwisch folgen. Als sie angekommen waren, füllten sie den Eimer mit Teer, schütteten auch Asche hinzu und tauchten dann den Borstwisch hinein. Im selben Augenblick lugte auch schon der Mond hinter dem Walde hervor. Hastig richteten sie die Leiter auf, der Alte aber gab dem einen Knechte den Eimer in die Hand und hieß ihn hurtig hinaufsteigen, indes der andere unten die Leiter stützen sollte.

 

So hielten sie nun unten beide die Leiter, der Alte und sein Knecht. Der Knecht aber vermochte der schweren Last nicht zu widerstehen, also daß die Leiter zu wanken begann. Da glitt auch der Mann, der nach oben gestiegen war, auf einer Sprosse aus und stürzte mit dem Eimer dem Teufel auf den Hals. Der Böse prustete und schüttelte sich wie ein Bär und fing an, schrecklich zu fluchen. Dabei hatte er der Leiter nicht mehr acht und ließ sie fahren, so daß sie mit Donner und Gekrach zu Boden fiel und in tausend Stücke schlug.

 

Als ihm nun sein Werk so übel geraten und er selbst anstatt des Mondes vom Teer begossen ward, da tobte der Teufel in seinem Zorn und Grimm. Wohl wusch und scheuerte, kratzte und schabte er seinen Leib, aber Teer und Ruß blieben an ihm haften, und ihre schwarze Farbe trägt er noch bis auf den heutigen Tag.

 

So kläglich schlug dem Teufel sein Versuch fehl, aber er wollte von seinem Vorsatz nicht ablassen. Darum stahl er anderntags wiederum sieben Leiterbäume, band sie gehörig zusammen und schaffte sie an den Waldsaum, wo der Mond am tiefsten steht. Als der Mond am Abend aufstieg, schlug der Böse die Leiter fest in den Grund ein, stützte sie noch mit beiden Händen und schickte den anderen Knecht mit dem Teereimer hinauf zum Mond, gebot ihm aber streng, sich fest an die Sprossen zu hängen und sich vor dem gestrigen Fehltritt zu hüten.

 

Der Knecht kletterte so schnell wie möglich mit dem Eimer hinauf und gelangte glücklich auf die letzte Sprosse. Eben stieg der Mond in königlicher Pracht hinter dem Wald auf. Da hob der Teufel die ganze Leiter auf und trug sie eilig bis hin an den Mond. Und welch ein Glück! Sie war wirklich gerade so lang, daß sie mit der Spitze an den Mond reichte.

 

Nun machte sich des Teufels Knecht ohne Säumen ans Werk. Es ist aber nichts Leichtes, oben auf einer solchen Leiter stehen und dem Mond mit einem Teerwisch ins Gesicht fahren wollen. Zudem stand auch der Mond nicht still auf einem Fleck, sondern wandelte ohne Unterlaß seines Weges fürbaß. Darum band sich der Mann da oben mit einem Seil fest an den Mond, und da er also vor dem Fall behütet war, ergriff er den Wisch aus dem Eimer und begann, den Mond zuerst von der hinteren Seite zu schwärzen.

 

Aber die dicke Goldschicht auf dem reinen Mond wollte keinen Schmutz leiden. Der Knecht strich und schmierte, daß ihm der Schweiß von der Stirne troff, bis es ihm nach vieler Mühe endlich doch gelang, des Mondes Rücken mit Teer zu überziehen. Der Teufel unten schaute offenen Mundes der Arbeit zu, und als er das Werk zur Hälfte vollendet sah, sprang er vor Freude von einem Fuß auf den anderen.

 

Als er so des Mondes Rücken geschwärzt hatte, schob sich der Knecht mühsam nach vorn, um auch hier den Glanz des Himmelswächters zu vertilgen. Da stand er nun, verschnaufte ein wenig und dachte nach, wie er es anfinge, um mit der anderen Seite leichter fertig zu werden. Es fiel ihm aber nichts Gescheites ein, und er mußte es wie zuvor machen.

 

Schon wollte er sein Werk wieder beginnen, als gerade Altvater aus kurzem Schlummer erwachte. Verwundert nahm er wahr, daß die Welt um die Hälfte dunkler geworden, obgleich kein Wölkchen am Himmel stand. Wie er aber schärfer nach der Ursache der Finsternis ausschaute, erblickte er den Mann auf dem Mond, der eben seinen Wisch in den Teertopf tauchte, um die erste Hälfte des Mondes der zweiten gleichzumachen.

 

Unten aber sprang der Teufel vor Freuden wie ein Ziegenbock hin und her. »Solche Streiche macht ihr also hinter meinem Rücken!« rief Altvater zornig aus. »So mögen denn die Übeltäter den verdienten Lohn empfangen! Auf dem Monde bist du und sollst du ewig mit deinem Eimer bleiben, allen zur Warnung, die der Welt das Licht rauben wollen.«

 

Altvaters Worte gingen in Erfüllung. Noch heute steht der Mann mit dem Teereimer im Monde, der deswegen nicht mehr so hell leuchten will wie sonst. Oft wohl steigt der Mond hinab in den Schoß des Meeres und möchte sich reinbaden von seinen Flecken; aber sie bleiben ewig an ihm haften.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER ASCHEWICHT ...

Der weiße Vogel

 

Es lebte einmal ein Mann, der hatte drei Söhne. Die beiden älteren waren recht klug, nur der jüngste war ein Dümmling. Die älteren Söhne standen beim Vater in hoher Gunst, aus dem jüngsten aber machte er sich nicht viel. Auch die beiden älteren Brüder sahen über den Dümmling hinweg und schimpften ihn stets nur Aschewicht.

 

Das Leben wurde dem Aschewicht zu Hause von Tag zu Tag unerträglicher, darum dachte er schließlich, fort zu gehen und anderswo sein Glück zu versuchen. So überlegte er hin und her, und es fiel ihm nichts Besseres ein als die Königsstadt. Irgend etwas würde sich dort schon finden, womit er sich ernähren könnte. So brach er auf in die Königsstadt.

 

Auf dem Wege zur Königsstadt hörte der Aschewicht, daß der König wegen der wilden Tiere in großer Sorge sei. Im Walde des Königs sollen ein riesiger Waldochse und ein furchterregendes Wildschwein hausen. Diese bösen Tiere sollen jeden, der sich in den Wald wagt, anfallen. Der König habe schon etliche mutige Männer ausgeschickt, die den wilden Tieren den Garaus machen sollten, aber keiner von ihnen hatte es bisher vollbracht. Schließlich soll der König versprochen haben, er vermähle mit seiner Tochter denjenigen, der den riesigen Waldochsen und das gewaltige Wildschwein besiegt. Viele tapfere Männer sind daraufhin ausgezogen, um ihr Glück zu versuchen, waren aber froh, wenn sie mit dem Leben davonkamen. Deshalb sei der König so in Sorgen.

 

Da dachte der Aschewicht bei sich: >Wenn's weiter nichts ist, mit den bösen Tieren will ich schon fertig werden! Laßt uns nur sehen!< Er ging ins Königsschloß und verkündete, daß er dem Waldochsen und dem Wildschwein den Garaus machen werde. Die Diener des Königs lachten ihn aus: »Viele tapfere Männer haben es schon versucht, und doch alles umsonst. Da kommst du, der Dümmling, daher! Dich reißen die Tiere doch gleich in Stücke!« Am liebsten wollten die Diener des Königs den Aschewicht wieder nach Hause schicken, doch das durften sie nicht, denn der König hatte strengstens befohlen, wer das Wagnis wünscht, der soll es tun! Und der Aschewicht wollte es wagen, mit dem Ochsen zu kämpfen.

 

 

 

Der vereinbarte Tag rückte heran. Die ganze Stadt lief zusammen, um den Kampf des Aschewichts mit dem Ochsen zu sehen. Sogar der König war gekommen. Als Kampfplatz wählte der Aschewicht den Kirchhof aus, auf dem mehrere hundert Jahre alte Eichen wuchsen. Der Ochse wurde aus dem Wald gelockt. Sobald er den Aschewicht erblickte, stürmte er wutschnaubend auf ihn zu. Der Junge aber tat so, als würde er den Ochsen gar nicht beachten. Schon war der Ochse vor ihm und wollte ihn mit seinen riesigen Hörnern aufspießen. Flink wie ein Eichhörnchen sprang der Aschewicht beiseite. Mit mächtiger Wucht durchbohrten die Hörner des Waldochsen den Eichenstamm. Der Ochse rüttelte und rüttelte an ihm, es half alles nichts, er war gefangen. Da sprang der Aschewicht schnell herbei und schlug dem Ochsen den Kopf ab. Der Aschewicht hatte gesiegt. Alle Leute und sogar der König applaudierten ihm.

 

Die Diener des Königs spotteten nun wieder: »Den Ochsen hat der Junge zwar besiegt, aber mit dem Schwein wird er doch nicht fertig werden. Schweine bohren ihre Hauer nicht ins Gehölz!« — »Wir werden ja sehen, was sich tun läßt!« sagte der Aschewicht zu den Zweiflern. Er ging in die Kirche hinein und schloß sorgfältig alle Türen und Fenster. Nur eine Tür ließ er offen. Dann sagte er, man solle das Wildschwein aus dem Wald locken. Er selbst blieb an der Kirchtür stehen, um auf das Schwein zu warten.

 

Das Wildschwein kam bei der Kirche an und bemerkte den Aschewicht zuerst gar nicht. Es rannte um die Kirche herum, und nun gewahrte es den Gegner. Der Junge aber sprang schnell hinter die Tür, und das Schwein sauste an ihm vorbei, geradewegs in die Kirche hinein. Der Junge schlüpfte flink hervor und warf die Tür mit einem Knall zu. Das Wildschwein war in der Kirche gefangen!

 

Das Volk stand voller Verwunderung da, der König aber lobte: »Was für ein schlauer Bursche! Hat das Schwein in die Falle gelockt! Nicht schlecht, doch wie willst du das Schwein besiegen?« Der Aschewicht lächelte über die Zweifler. Dann begann er, das Schwein vor der Tür zu reizen. Das Schwein hörte ihn und wurde wütend. Es wollte über den Jungen herfallen, aber die Tür war ja zu. Das Schwein rannte in der Kirche umher, konnte jedoch nicht heraus.

 

Der Aschewicht hatte mit Absicht die Turmluke aufgelassen. Als das Wildschwein die offene Luke sah, lief es die Treppe hinauf in den Turm und schaute von dort herunter. Wie wunderte sich das Volk, als es das Schwein im Turm erblickte. Unten aber setzte der Junge sein Spiel fort. Da wollte das Schwein von oben auf den Jungen springen, doch jener hüpfte flink beiseite. Das Schwein fiel herunter und mit den Beinen so tief in den Erdboden, daß es sich nicht mehr bewegen konnte. Da ergriff der Aschewicht das Schwert und hieb dem Schwein den Kopf ab. Wieder hatte der Dümmling gesiegt. Das Volk umjubelte ihn, auch der König applaudierte ihm.

 

Nun fragte der Aschewicht den König: »Gibst du mir jetzt deine Tochter zur Frau?« Der König entgegnete: »Was ich versprochen hab', will ich auch halten.« Und so heiratete der Aschewicht die Königstochter. Alle tanzten, daß die Wände wackelten. Hundert Ochsen und tausend Schweine wurden zum Fest geschlachtet. Den Hochzeitstisch deckte man auf dem Hof des Königs, und essen durfte daran, wen es gelüstete. Erst als es zum zweiten Mal Vollmond wurde, machten sich die Gäste auf den Heimweg. Nun hatte es der Aschewicht gut! Er war der Schwiegersohn des Königs, und seine Frau, die Prinzessin, war lieb und schön, so daß er sich keine bessere hätte wünschen können. So lebte er glücklich und zufrieden in den Tag hinein.

 

Doch der König mochte es nicht, daß seine Schwiegersöhne faulenzten. Eines Tages sagte er zum Aschewicht: »Weißt du, in meinem Walde lebt ein sonderbarer weißer Vogel. Ich möchte ihn gern haben. Wer mir diesen Vogel fängt, bekommt einen reichlichen Lohn. Geh mit den anderen Schwiegersöhnen, und fangt mir den Vogel!« Gähnend erwiderte der Aschewicht: »Gut, ich werde schon gehen!« Den gleichen Wunsch teilte der König auch seinen anderen Schwiegersöhnen mit.

 

Am nächsten Morgen machten sich die anderen Schwiegersöhne in aller Frühe auf den Weg, um den weißen Vogel zu fangen. Der Aschewicht aber schlief noch fest, ein Bein übers andere geschlagen. Am Vormittag weckte ihn seine Gemahlin: »Steh doch endlich auf! Die anderen sind schon längst im Wald! Vielleicht haben sie den Vogel schon gefangen, und du schläfst immer noch!« Der Aschewicht erwiderte gähnend: »Ein jeder bekommt, was für ihn vorgesehen!«

 

Endlich stand er auf, frühstückte, nahm ein Stück Brot mit und schlenderte in den Wald, den Vogel zu suchen. Er ging im Walde hin und her, aber keine Spur von dem weißen Vogel. Plötzlich kam dem Aschewicht ein kleines, graues Männchen entgegen. Das graue Männchen sagte: »Sei ein guter Mann, und gib mir etwas zu essen! Ich habe schon den dritten Tag kein Krümelchen in den Mund bekommen!«

 

Dem Aschewicht war es recht. Er gab seinen Brotsack dem Männchen und meinte: »Da, Väterchen, iß, bis du satt bist! Begnüge dich damit, was ich dir bieten kann!« Das graue Männchen aß mit großem Appetit. Während es aß, fragte es den Aschewicht: »Sag mal, wohin gehst du mit so einem großen Brotbeutel?« Der Aschewicht erwiderte: »Ich soll ebenfalls den weißen Vogel fangen den der König haben will. Die anderen Schwiegersohne des Königs haben sich schon früh morgens aufgemacht, sie werden den Vogel wohl längst gefangen haben. Ich werde mich nur noch ein wenig im Walde umschauen!«

 

Doch das Männchen tröstete ihn: »Es ist halb so schlimm! Ohne mich werden sie den Vogel nicht fangen. Sammle die herunter gefallenen Brotkrümel auf und streue sie auf die kleine Lichtung hier in der Nähe. Dort werden sich viele Vögel einfinden, um sie aufzupicken, darunter auch der weiße Vogel, nach dem sich der König so sehnt. Du brauchst ihn nur zu fangen. Und hab keine Angst, es wird ein leichtes sein, ihn zu fangen. Wenn du ein andermal meine Hilfe brauchst, komm nur hierher und rufe dreimal: »He, altes Männchen!« Ich werd's schon hören und kommen.«

 

Der Junge dankte dem Männchen für den guten Rat und tat, wie befohlen. Alsbald kamen viele Vögel herbei geflogen. Der Aschewicht fing den weißen Vogel und lief bis zu dem Weg, den entlang die anderen kommen mußten. Er setzte sich nieder, öffnete seinen Brotbeutel und aß. Dann wartete er und wartete, doch niemand kam vorüber.

 

Erst am Abend erschienen die anderen Schwiegersöhne und sahen sehr traurig aus. Als sie den Aschewicht erblickten, sagten sie: »Sieh dir den Faulpelz an! Da schläft er, wir aber suchen den Vogel und fallen bald um vor Müdigkeit.« Der Aschewicht entgegnete: »Habt ihr den Vogel nicht gefangen? Sollte ich denn auch so mir nichts, dir nichts im Walde herumbummeln? Ich esse und schlafe, den Vogel aber habe ich längst schon gefangen!« —

 

»Red keinen Unsinn!« — »Wenn ihr es nicht glauben wollt, schaut her!« sagte der Junge, zog den weißen Vogel aus dem Sack und zeigte ihn den anderen. »Wer hätte es geglaubt, daß ausgerechnet der Dümmling den Vogel fängt!« riefen die anderen voller Verwunderung. Der ältere Schwiegersohn sagte: »Was fängst du mit dem Vogel schon an? Verkaufe ihn lieber uns, wir wollen gut bezahlen!«

 

Der Aschewicht entgegnete: »Warum nicht, wenn wir uns einig werden?« — »Was verlangst du für den Vogel?« — »Nicht mehr, als ein körnchengroßes Stück vom kleinen Finger.« — Der ältere Schwiegersohn überlegte, es wird wohl weh tun, ein Stückchen vom Finger abzuschneiden, aber ich werde es aushalten, und dann gehört mir der weiße Vogel und die große Belohnung des Königs. So schnitt er sich ein Stück vom Finger ab, der Aschewicht steckte es in die Hosentasche und gab ihm den weißen Vogel dafür. Dieser brachte den Vogel dem König und wurde reichlich belohnt.

 

Am nächsten Tag sagte der König zu seinen Schwiegersöhnen: »Ihr seid tapfere Männer, denn ihr habt den Vogel gefangen. Aber wirklich tapfere Männer seid ihr erst dann, wenn ihr mir aus dem Wald den wundersamen Hengst bringt. Hunderte vor euch haben ihn schon gejagt, aber keiner konnte ihn bisher fangen. Sollte es euch gelingen, will ich euch reichlich belohnen. Macht euch also auf den Weg!«

 

Am nächsten Morgen waren die Schwiegersöhne des Königs schon in aller Frühe im Wald, nur der Aschewicht schlief, als hätte er mit all dem gar nichts zu tun. Schließlich weckte ihn seine Gemahlin und sagte: »Steh auf und geh auch in den Wald! Die anderen haben gestern den Vogel gefangen, du aber gar nichts. Versuche es heute mit dem Hengst!«

 

Der Aschewicht ließ sich Zeit. Schließlich machte er sich auf, und nahm sich einen dick gefüllten Brotbeutel mit. Im Walde ging er zur selben Stelle, wo er das kleine, graue Männchen getroffen hatte. Dort rief er: »He, altes Männchen!« Alsbald erschien das graue Männchen und fragte: »Na, mußt du heute wieder etwas suchen?« Der Aschewicht erwiderte: »Ja, der König möchte den wundersamen Hengst dieses Waldes haben. Hilf mir bitte, den Hengst zu fangen!« —

 

»Das ist eine Kleinigkeit. Da, nimm das Zaumzeug! Geh ein Stückchen weiter, bis zum Waldesrand. Dort werden Pferde grasen. Wirf dem ersten das Zaumzeug über, und du wirst den gewünschten Hengst haben.« Der Aschewicht tat, wie ihm das Männchen geheißen. Er warf dem ersten Pferd das Zaumzeug über. Und welch Wunder, vor ihm stand ein wunderschöner Hengst mit goldenem Sattel. Der Aschewicht brauchte sich nur in den Sattel zu schwingen und zu der Stelle zu reiten, wo er am anderen Tag die anderen Schwiegersöhne getroffen hatte. Dort machte er halt, band das Pferd an einen Baum und begann zu essen. So aß er, bis die anderen aus dem Walde kamen.

 

Wie begannen die anderen da zu schimpfen: »Sieh dir den Vielfraß an! Da haut er sich den Bauch voll und denkt gar nicht ans Suchen. Ihm ist es einerlei, daß wir uns die Hacken abrennen. Es ist Zeit, daß wir uns auf den Heimweg machen!« Der Aschewicht erwiderte nur: »Ich werde schon kommen. Ich muß nur noch einmal in den Wald, da muß ich noch etwas erledigen.«

 

Der Junge nahm seinen Brotbeutel, schritt in den Wald, schwang sich in den Sattel des wundersamen Hengstes und ritt nun zu den anderen. Voller Verwunderung fragten sie ihn: »Wo hast du denn dieses schöne Pferd her?« Der Aschewicht erwiderte: »Wer sucht, der findet!« Die anderen sagten wiederum: »Wir haben doch auch gesucht, haben aber nichts gefunden.« Da meinte der Junge: »Ihr werdet wohl nicht gut genug gesucht haben, wenn ihr nichts gefunden habt.«

 

Da legten sich die anderen aufs Bitten: »Verkauf uns den Hengst!« »Warum nicht, wenn wir uns einig werden?« — »Was verlangst du?« — »Nichts weiter, als daß der Käufer mir seinen Siegelring gibt.« Der mittlere Schwiegersohn bot ihm viel Geld an, aber der Aschewicht ließ sich nicht erweichen, er wollte nur den Siegelring. Was blieb dem Käufer anderes übrig, als ihm den Ring zu geben. Nun gehörte der schöne Hengst dem mittleren Schwiegersohn, und er brachte ihn dem König. Der König lobte ihn und zahlte ihm eine reichliche Belohnung.

 

Am nächsten Tag sagte der König wieder zu den Schwiegersöhnen: »Im Wald treibt sich ein ungeheuer großer Bär herum, der viel Schaden anrichtet. Wer den Bär fängt und ihn mir als Beute bringt, bekommt einen Sack voll Gold. Schwiegersöhne, zeigt, daß ihr tapfere Männer seid. Geht und fangt ihn mir!«

 

Am nächsten Morgen waren die Schwiegersöhne schon in aller Frühe im Wald. Der Aschewicht aber ließ sich Zeit. Er schlief bis in den späten Vormittag. Die Gemahlin aber ließ ihm keine Ruhe, und so machte er sich schließlich auf in den Wald, um den Bären zu fangen. Sobald er im Wald war, rief er wieder: »He, altes Männchen!« Im Handumdrehen war das graue Männchen zur Stelle. »Du willst heute also den Bären fangen?« fragte er den Aschewicht. Der Junge erwiderte: »Das will ich, wenn ich nur wüßte, wo ich ihn finde.« Da sagte das alte, graue Männchen: »Ich werde dir den Weg weisen.

 

Es ist noch zu früh, du mußt ein wenig warten. Der Bär streicht im Wald umher, es ist schwer, ihn zu fangen. Um Mittag legt sich der Bär ins dichte Gebüsch zur Ruhe, das ist die beste Zeit, um ihn zu töten. Schleiche dich leise zum Gebüsch, schlag dem Bär mit einem Knüppel eins auf die Nase und spring selbst flink beiseite. Der Bär wird aus dem Gebüsch hervorspringen, du aber spring hinein! Ein zweites Mal brauchst du nicht zuzuschlagen, denn der Bär wird beim Gebüsch alle viere von sich strecken. Komm erst dann aus dem Gebüsch hervor, wenn der Bär tot daliegt. Zieh dem Bär das Fell ab und bring es dem König!«

 

Der Aschewicht tat, wie ihm das Männchen geheißen. Er machte den Bär ausfindig, tötete ihn und zog ihm das Fell ab. Dann warf er sich das Fell über die Schulter und ging zu dem Weg, wo er die anderen auch an den vorigen Tagen erwartet hatte, und begann zu essen. Er mußte lange warten. Schließlich kamen auch die anderen. Spottend fragten sie den Aschewicht: »Na, Dümmling, hast den Bären wohl schon erlegt, daß du Mahlzeit hältst?« Der Aschewicht erwiderte: »Freilich hab ich ihn erlegt.« Die anderen wollten ihm keinen Glauben schenken, als sie aber das Bärenfell sahen, mußten sie es glauben. Wieder begannen sie zu verhandeln: »Verkauf uns das Fell!« — Aber gern.« — »Was verlangst du dafür?« — »Nichts weiter, als daß der Käufer sich ein Loch ins Ohrläppchen machen läßt.«

 

Ärgerlich sprach der jüngere Schwiegersohn: »Laß doch endlich deine Dummheiten! Was hast du davon, wenn man mir ein Loch ins Ohrläppchen bohrt? Nimm lieber Geld, dann hast du was davon!« Der Aschewicht entgegnete: »Eure Ohren, mein Fell. Macht, was ihr wollt!« Der jüngere Schwiegersohn wollte das Fell aber unbedingt haben. Da half nichts anderes, als daß er sich ein Loch ins Ohr bohren ließ. Dann ging er mit dem Fell zum König und erhielt die versprochene Belohnung.

 

Bald danach veranstaltete der König ein großes Fest. Geladen waren alle Könige der nächsten Umgebung, geladen waren auch seine Schwiegersöhne, nur der Aschewicht nicht. Der König meinte: »Warum sollte ich ihn zum Fest laden? Was hat er schon Gutes getan? Die anderen haben mir die Tiere gefangen, er hat gar nichts gebracht.«

 

Traurig ging der Aschewicht am Festtagsmorgen in den Wald. Dort traf er das graue, alte Männchen wieder. Das Männchen fragte ihn: »Was fehlt dir, Söhnchen? Warum bist du so betrübt?« Der Junge entgegnete: »Ich bin traurig, daß ich so dumm gehandelt habe. Ich habe die Tiere zwar gefangen, habe sie aber den anderen Schwiegersöhnen verkauft. Der König meint nun, sie seien die Helden, ich wäre aber ein Nichtsnutz. Er hat mich nicht einmal zum Fest eingeladen. Hab ich nicht Grund genug, traurig zu sein? «

 

Das Männchen tröstete ihn: »Das macht nichts! Du wirst schon am Fest teilnehmen! Da, nimm diese Erbse! Iß sie auf, und du kannst dich in jedes Tier verwandeln und hin gehen, wohin du willst!« Der Aschewicht bedankte sich beim Männchen für den guten Rat, nahm die Erbse und ging zurück ins Schloß.

 

Zu Hause angelangt, aß er die Erbse auf und verwandelte sich in einen Floh. Nun konnte er unbemerkt in den Saal gelangen, in dem die Gäste sich versammelt hatten. Da hörte er, wie die anderen Schwiegersöhne sich vor den Gästen brüsteten. Er hörte, wie der eine den Bär erlegt hätte und der andere den Hengst gefangen habe, der dritte aber den Vogel gefunden hätte. Darauf ging der Aschewicht in sein Zimmer, zog sich prächtige Kleider an und begab sich zurück zu den Gästen.

 

Wie erschraken da die Lügner, als sie den ungebetenen Gast erblickten. Der Aschewicht aber sagte vor allen Gästen zu den anderen Schwiegersöhnen: »Ich habe die Tiere zwar euch gegeben, da ihr damit aber falsche Ehre ernten wollt, muß ich jetzt die Wahrheit sagen. Ich war es, der die Tiere gefangen hat!« Die Schwiegersöhne des Königs wurden böse und riefen: »Er lügt, er lügt!« Dann riefen sie die Wächter, damit sie den Lügner festnehmen sollten.

 

Der Aschewicht aber nahm aus der Tasche das Stückchen Finger und den Siegelring und sagte: »Seht hier, was man mir für die Tiere gegeben hat. Das Stückchen Finger habe ich für den Vogel und diesen Siegelring habe ich für den Hengst bekommen. Der dritte Schwiegersohn aber ließ sich für das Bärenfell ein Loch ins Ohrläppchen machen!«

 

Nun traute sich keiner der Schwiegersöhne mehr zu widersprechen. Voller Scham verließen sie das Fest des Königs. Der Aschewicht aber wurde nun in allen Ehren gefeiert. Von diesem Tag an erkannte auch der König den Aschewicht an, und er ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Und wenn der Aschewicht nicht gestorben ist, so regiert er noch heute das Königreich.

 

Quelle: Estland

 

ZWEI LEICHEN UND EIN SCHWANZLOSES PFERD ...

Das Pferd ohne Schwanz

 

Es waren einmal zwei Bauernwirte: der eine war reich, der andere war arm. Der Arme ging zum Reichen und bat ihn um ein Pferd, damit er Holz führen könne; er bekam das Pferd auch, aber ohne den Schlitten.

 

Der Arme nahm es nun, ging in den Wald und band das Holzfuder mit einem Strick an den Schwanz des Pferdes; aber auf der Heimfahrt riß der Pferdeschwanz ab. Der Arme brachte das Pferd wieder zum Reichen zurück und bedankte sich aufs schönste, aber das Pferd hatte keinen Schwanz mehr. - Der Reiche verklagte den Armen vor dem Gericht.

 

Zum Gericht ging der Reiche mit seiner Frau und seinem Sohn, der Arme wanderte allein hinter ihm drein. Wegen der Kälte betraten sie alle eine Schenke. Der Reiche bestellte sich Bier und Schnaps, um warm zu werden, die Frau mit dem Sohn machte es sich am Ofen bequem, um sich ebenfalls zu wärmen, und der Arme kletterte auf den Ofen.

 

Der Arme schloß die Augen, um nicht zu sehen, wie der Reiche trank; er schlummerte aber ein, stürzte vom Ofen genau auf den Sohn des Reichen herab und schlug ihn zu Tode. Auf diese Weise war er schon doppelt schuldig. Auf dem Wege zum Gericht mußten sie noch über einen Fluß gehen. Der Arme ging über die Brücke, gerade als ein alter Mann unten auf dem Eise durchfuhr. Der Arme tat einen Fehltritt, stürzte von der Brücke gerade dem alten Mann auf den Kopf und schlug ihn ebenfalls zu Tode. Auf diese Art war er schon dreifach schuldig und dachte, daß man ihn jetzt natürlich hängen werde.

 

Da fand er am Wege einen Stein, ungefähr ebenso groß wie ein Haufen von dreihundert Talern. Der Arme band den Stein in sein Tuch und sprach zu sich selbst: »Wenn ich einmal zum Tode verurteilt bin, so mag auch mein Richter krepieren: ich werfe ihm mit dem Steine den Schädel ein.«

 

So kamen sie nun alle zum Galgen ins Gericht. Der arme Mann wartete auf das Urteil und hob seine Hand mit dem Stein in die Höhe, um ihn, wenn er zum Tode verurteilt würde, augenblicklich dem Richter an den Kopf zu werfen. Der Richter aber dachte, daß der Mann ihm dreihundert Taler zeige, und fällte das Urteil folgendermaßen: der Reiche solle sein Pferd dem Armen überlassen, bis dem Pferde wieder ein Schwanz gewachsen sei; auch seine Frau solle er dem Armen geben, bis sie von diesem ein neues Kind geboren habe - dann solle er Pferd, Frau und Kind zurückerhalten; was drittens den alten Mann anlange, so wäre der sowieso bald von selbst gestorben, deshalb könne der Richter darüber kein Urteil fällen.

 

Damit war das Gericht zu Ende, und alle gingen nach Hause. Am nächsten Morgen eilte der Arme sofort zu dem Reichen und verlangte das Pferd und die Frau, um sich unverzüglich an die vorgeschriebene Arbeit machen zu können. Doch der Reiche bat ihn, sich nicht zu bemühen - er selber wolle schon die Sache mit der Frau in Ordnung bringen und dem Pferde einen Schwanz wachsen lassen. Der Arme war damit nicht einverstanden. Nun, da gab ihm der Reiche dreihundert Taler Abschlagsgeld, und der Arme ging fröhlich nach Hause.

 

Hinterdrein schickte der Richter seinen Diener nach den dreihundert Talern, der Arme aber klagte, woher er dreihundert Taler nehmen solle. Der Diener erinnerte ihn daran, daß er sie ja im Gericht gezeigt habe. Nun erklärte der Arme: »Ich habe nur einen Stein gezeigt: wenn der Richter nicht zu meinen Gunsten entschieden hätte, so hätte ich ihm mit dem Stein den Schädel eingeworfen. Diesen Stein kann ich ihm freilich mit Vergnügen abtreten.«

 

Als der Richter das hörte, da war er selber noch froh darüber, daß er es unbewußt verstanden hatte, so zu urteilen, daß er keinen Stein an den Kopf bekommen hatte, und sprach: »Gott sei Dank, daß die Sache noch so abgelaufen ist!«

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen - Livische Märchen

 

WIE EIN BAUER AUF SEINEN TOD WARTETE ...

Der liegende Bauer, der Mehlsack und die Schweine

 

Es lebte einst ein Bauer, dessen Kinder waren längst schon erwachsen und sogar verheiratet. Der älteste Sohn und die Schwiegertochter hatten schon eine Zeit lang darauf gewartet, daß der Vater ihnen das Gehöft abtrete. Doch der Vater war gesund und munter und dachte nicht einmal daran. Im stillen überlegte der Vater jedoch, daß sein letztes Stündchen nicht weit sein konnte und daß der Sohn dann Bauer wurde.

 

Eines Tages ging er nun zu einem Weisen, um zu fragen, wie lange er noch leben würde. Der Weise schaute ihn aufmerksam an und sagte: »Dreimal wirst du noch niesen, dann kommt der Tod!« Traurigen Sinnes begab sich der Alte auf den Heimweg. Zugleich aber nahm er sich fest vor, sich vorm Niesen zu hüten. Doch schon als er durchs Hoftor trat, spürte er, daß er niesen mußte. Und so nieste er denn auch. »O weh! Zweimal darf ich noch niesen!« seufzte der Alte.

 

Am nächsten Tag ging der Alte zur Mühle. In der Mühle aber geriet ihm Staub in die Nase, und wieder mußte er niesen. »Was du nicht sagst! Nun darf ich nur noch einmal niesen!« seufzte der Alte. Er eilte schnell aus der Mühle, damit ihm das Unglück nicht noch einmal passiert. Als sein Korn gemahlen war, wurde er herein gerufen, damit er sein Mehl fort schaffe.

 

Der Alte ging hinein, hob den Mehlsack auf den Buckel und wollte wieder hinaus treten. Da geriet ihm jedoch wieder Mehlstaub in die Nase, und als er zur Tür hinaus war, mußte er niesen. Nun schon zum dritten Mal. »Du liebe Zeit! Nun bin ich tot!« seufzte der Alte, ließ den Mehlsack fallen und sank selbst daneben nieder.

 

Die Schweine des Müllers sahen nun den Mehlsack an der Erde liegen und ließen es sich schmecken. Der Alte schaute ihnen liegend zu und seufzte: »Ach ihr Übeltäter! Wäre ich am Leben, ich würde es euch schon zeigen! Aber nun bin ich tot und kann euch gar nichts mehr tun!«

 

Da trat der Müller vor die Tür, sah, daß der Mann lang lag und die Schweine im Mehl wühlten. Erstaunt fragte der Müller: »Was machst du da, Alter?« Der Alte entgegnete: »Was ich da mache? Ich bin tot und kann gar nichts machen. Wäre ich lebendig, würde ich die Schweine weg jagen, aber ein Toter jagt niemanden mehr. Ich bitte dich, jag die Schweine fort!«

 

Der Müller hörte ihm zu und staunte: »Ach so, du bist also tot! Schade, schade!« Dann nahm der Müller die Peitsche und fuhr damit zwischen die Schweine, vergaß dabei aber auch den Alten nicht. Wie da der alte Bauer aufsprang! Zum Müller sagte er noch: »Hab tausend Dank, daß du mich zum Leben erweckt hast, sonst wäre ich wohl für immer tot gewesen!«

 

Dann hob er seinen Mehlsack auf den Wagen und fuhr heim. Vom Tod hatte er von nun an nichts mehr hören wollen.

 

Quelle: Estland

 

WIE EIN MANN HAUSFRAU WAR ...

Vor der Arbeit eine Pfeife rauchen

 

Es lebte einmal ein Mann, der mit seinem Weib ständig unzufrieden war, weil er glaubte, sie hätte es leichter als er. So sagte er: »Ich muß draußen schwer arbeiten, der weilen du daheim hin und her spazierst und nur Zeit vergeudest. Ein wahrlich goldenes Leben!« Das Weib erwiderte: »Wenn du glaubst, ich führte ein goldenes Leben, so könnten wir doch einmal tauschen. Ich werde draußen deine Tagesarbeit verrichten, und du bist statt meiner Hausfrau! Wir werden ja sehen, wer es besser hat!« Dem Mann war es recht. Er sagte: »Ich werde morgen Hausfrau sein, du aber gehst in den Wald mähen!«

 

Es war gerade ein Sonnabend. Das Weib ging auf die Wiese, der Mann blieb zu Hause. Bevor das Weib sich auf den Weg machte, lehrte es den Mann noch: »Ist der Schatten zwei Schritte lang, komme ich zur Mahlzeit nach Hause. Heute ist Sonnabend, koche uns zu Mittag einen Brei und mache frische Butter dazu. Und vergiß die Kuh nicht! Die Kuh muß auf die Weide!« Der Mann erwiderte lachend: »Weiß schon Bescheid! Werde alles tun, was notwendig, mach dir meinetwegen keine Sorgen!«

 

Das Weib ging mähen, der Mann aber zündete sich die Pfeife an und dachte: >Ich werde zeitig den Brei aufsetzen.< Er ging, wusch den Kessel aus und kippte Wasser hinein. Die Pfeife jedoch wollte nicht brennen und störte den Mann bei seiner Arbeit. Er zündete sie wieder an und wollte seine Arbeit fortsetzen. Unter dem Kessel entfachte er ein recht großes Feuer, damit der Brei schneller gar wurde. Dann rührte er eifrig um, damit der Brei nicht anbrannte.

 

Die Kuh hatte der Mann ganz und gar vergessen. Auf einmal begann sie zu muhen. Jetzt fiel dem Mann ein, daß sie noch gar nichts zu fressen bekommen hatte. Der Mann dachte nun, bringe ich die Kuh auf die Weide, brennt der Brei an. Ich müßte erst noch Wasser hinzu schütten, damit er nicht so heftig kocht. Der Mann ging zum Brunnen, holte Wasser und schüttete es in den Kessel. Es war jedoch zuviel Wasser, es floß über den Rand des Kessels und löschte das Feuer. So zündete der Mann das Feuer noch einmal an, doch die nassen Scheite wollten nicht brennen. Und da muhte auch die Kuh schon wieder. Er dachte im stillen, warte, warte schon, ich komme gleich und bringe dich auf die Weide. Aber erst muß ich das Feuer an machen.

 

Es ging nicht anders, als daß der Mann trockene Scheite holen mußte, bis schließlich unter dem Kessel wieder ein lustiges Feuerchen brannte. Doch da muhte die Kuh schon wieder. Nichts weiter, als schnell zur Kuh. Bei sich dachte der Mann, führe ich die Kuh zur Weide, könnte etwas mit dem Feuer oder dem Brei schiefgehen. Ich werde die Kuh lieber näher am Hause lassen. In der Nähe wächst schönes, saftiges Gras, das kann sie ruhig fressen. Man kann aber der Kuh nicht glauben, denn solange ich hier den Brei koche, kann sie ins Korn laufen. Ich werde die Kuh festbinden müssen.

 

Der Mann ging und band der Kuh einen Strick um den Hals, um sie dann in der Nähe des Hauses fressen zu lassen. Selbst kehrte er zurück ins Haus, um den Brei weiter zu kochen. Plötzlich fiel ihm ein, daß die Butter noch nicht fertig war. Schnell holte er aus dem Speicher Rahm und Butterfaß und machte sich ans Buttern. Beim Buttern verspürte er auf einmal starken Durst. Der Mann warf den Butterlöffel bei Seite, richtete sich auf und ging aus dem Haus vor den Speicher zum Bierfaß, um sich einen den Durst löschenden Schluck Bier zu gönnen.

 

Als er aus dem Haus ging, vergaß er jedoch, die Tür zu schließen. Vor dem Haus trollte sich gerade die alte Sau mit ihren sieben Ferkeln. Als sie die Haustür offen stehen sah, marschierte sie zur offenen Tür hinein, die Ferkel hinterdrein. Der Mann machte sich eben am Bierfaß zu schaffen, da sah er, wie die Sau mit den Ferkeln ins Haus spazierte. Sogleich fiel dem Mann ein, daß er die Rahmschüssel auf dem Fußboden hatte stehen lassen, Sau und Ferkel konnten sich daran genug tun. Der Mann sprang auf und lief ins Haus, um die Sau heraus zu treiben. Dabei vergaß er ganz und gar das Bierfaß.

 

Als der Mann ins Haus gelangte, war die Sau schon am umgekippten Butterfaß und ließ sich den Rahm schmecken. Sofort ergriff der Mann den Besenstiel und setzte der Sau damit eins über. Die Sau fiel daraufhin um, strampelte noch ein wenig mit den Beinen und war tot! Verärgert trieb der Mann die Ferkel aus dem Haus und schaffte auch die tote Sau hinaus. Jetzt erst fiel dem Mann das Bierfaß ein, das er nicht zugedreht hatte. Er lief zum Speicher, um nachzusehen. Das Bierfaß war leer, das Bier floß auf dem Fußboden als Bächlein.

 

Der Mann schaute sich um, woher er neuen Rahm bekäme, um noch einmal zu buttern. Er fand auch wirklich welchen, und nun begann er von neuem zu buttern. Dann aber dachte er, daß ins Bierfaß neues Wasser hinein muß. Aber was dann, wenn wieder etwas mit dem Butterfaß passiert? Der Mann nahm das Butterfaß mit und stellte es auf den Brunnenrand. Beim Wasserschöpfen stieß er mit dem Eimer dagegen, und das Butterfaß sauste — schwupp! — in den Brunnen. Du liebe Zeit! Nun war der letzte Rahm im Brunnen, woraus sollte er nun Butter machen?

 

Da fiel ihm zum Glück der Breikessel ein. Er kippte das Wasser ins Bierfaß und ging, nach dem Brei zu sehen. Da quoll aus dem Haus schon dicker, schwarzer Qualm, der Brei war völlig angebrannt. Doch der Mann tröstete sich: »Was macht mir schon der Gestank, Hauptsache, es schmeckt!« So kostete er den Brei und fand, man konnte ihn noch essen. Woher aber Butter nehmen? Vielleicht hatte das Weib welche im Speicher zurückgelegt? Die könnte man an Stelle der frischen Butter nehmen. Man mußte also suchen.

 

Und der Mann ging in den Speicher. Hier suchte er und suchte, konnte aber nichts finden. Schließlich dachte er, vielleicht hat sie das Buttergefäß in irgendein tiefes Faß gesteckt. Da stand ein hohes und enges Faß, und auf dessen Grund war etwas Mehl. Der Mann langte hinein, um darin das Buttergefäß zu suchen. Zum Unglück aber fiel er Hals über Kopf hinein ins Mehl. Nun konnte er nicht mehr heraus. Da nieste er und nieste, die Nasenlöcher waren voller Mehl, aber an ein Herauskommen war nun einmal nicht mehr zu denken.

 

Zur Mittagszeit kam die Hausfrau nach Hause. Sie begann, den Mann zu suchen, konnte ihn aber nicht finden. An Stelle seiner sah sie auf dem Hof die tote Sau, der ganze Fußboden des Hauses aber war voller Rahm. Dann erblickte sie in Hofnähe die Kuh, die sich das Bein gebrochen hatte. Die Kuh hatte sich im Strick verfangen und konnte sich nicht mehr bewegen. Der Brei im Kessel war ganz und gar angebrannt. Allein den Mann konnte die Frau nirgends sehen. Schließlich ging sie, um ihn im Speicher zu suchen. Da fand sie ihn, wie er mit dem Kopf im Faß steckte. Das Weib half dem Mann aus dem Faß und säuberte seinen Kopf von der dicken Mehlschicht.

 

Die gute Frau hat mit ihrem Mann überhaupt nicht geschimpft, obwohl ihm alles so schief geraten war. Sie machten das Haus zusammen sauber, kochten einen neuen Brei und ließen ihn sich schmecken. Und dann war der Tag auch zu Ende. Seitdem war der Mann nie wieder mit seinem Weib unzufrieden, denn er kannte nun selbst die Mühen der Hausarbeit.

 

Quelle: Estland

DAS GUTSPFERD UND DAS BAUERNPFERD ...

Zwei Pferde

 

Das Gutspferd und das Bauernpferd waren gute Freunde. Wann immer sie sich trafen, grüßten sie einander höflich. Hatten sie aber ein Weilchen frei, setzten sie sich nieder und plauderten gemeinsam.

 

Eines Tages aber konnte das Gutspferd seine Eitelkeit nicht bremsen, und es sagte zum Bauernpferd: »Was bist du, Brüderchen, doch von niederer Herkunft. Bald ziehst du den Wagen, bald die Egge, bald den Pflug! Du stinkst ja entsetzlich nach Schweiß! Schau her, wie ich es mache, und nimm dir ein Beispiel an mir. Ich fresse reinen Hafer und fahre nur stolze Herrschaften aus. Sieh, was für schlanke und schöne Beine ich hab! Sieh, wie nett und sauber meine Hufe sind! Sieh, wie mein Fell glänzt, wie mein Nacken sich wölbt und wie die weiße Blesse an meiner Stirn strahlt und leuchtet! Wie fein bin ich doch neben dir, Brüderchen, oder nicht?« —

 

»Ja, ja, du bist wirklich fein«, nickte das Bauernpferd. »Ich weiß es. Du brauchst es mir nicht erst zu sagen!« rief das Gutspferd, und seine Eitelkeit kannte keine Grenzen. »Und würdest du erst sehen, wie bezaubernd ich im Trab laufe! Und wie flink ich bin! Die Erde schwindet unter meinen edlen Hufen, wenn ich vor dem leichten Federwagen im Galopp davonsause. Du, Brüderchen, wirst wohl nicht sehr flink laufen können?« —

 

»Nein, nein, das kann ich nicht.« “ — »Ich weiß es. Du brauchst es mir gar nicht erst zu sagen. Du wirst wohl kaum ein Schaf besiegen, würdest du mit ihm um die Wette laufen.« — »Ein Schaf wohl kaum, aber dich ganz bestimmt.« Eine so freche Antwort ärgerte das Gutspferd sehr. Es prustete voll Verachtung, stampfte mit den Hufen und schlug vor: »Wir wollen es probieren.« — »Gut, wollen wir«, sprach das Bauernpferd und war einverstanden.

 

Sie liefen in die Koppel und vereinbarten, so lange im Kreis zu laufen, bis sie müde wurden. Wer nicht mehr laufen konnte, hatte verloren, wer es länger schaffte, war der Sieger. Das Gutspferd warf den Kopf in den Nacken und sauste davon. Bald hatte es die erste Runde hinter sich, holte das Bauernpferd ein und setzte an ihm vorbei. Dabei wieherte es laut und spottete: »O welch Wunder! Du läufst ja immer noch und willst dich gar nicht ausruhen!« — »Nein, nein, noch nicht!« antwortete das Bauernpferd.

 

Bald hatte das Gutspferd auch die zweite Runde hinter sich; es holte das Bauernpferd ein und setzte an ihm vorbei. Wieder wieherte es laut und spottete: »Oho, welch Wunder! Du läufst ja immer noch und willst dich gar nicht ausruhen!« — »Nein, nein, noch nicht!« antwortete das Bauernpferd.

 

Als das Gutspferd das Bauernpferd nach der dritten Runde einholte, wieherte es schon viel leiser, spottete über den Freund aber wie vorher: »Oho-och! Welch... Wunder! Du läufst... ja immer noch... und willst dich... gar nicht... ausruhen.« — »Nein, nein, noch nicht«, antwortete das Bauernpferd und fragte: »Woher aber kommt es, Freund, daß du so keuchst?« — »Bin gerade über einen Grashügel gestolpert«, sagte das Gutspferd.

 

Bei der vierten Runde sagte das Gutspferd nichts, sondern lief stillschweigend am Bauernpferd vorbei. Das Bauernpferd fragte: »Woher kommt es, Freund, daß du so pustest?« — »Bin eben über einen Baumstumpf gestolpert«, sagte das Gutspferd.

 

Bei der fünften und sechsten Runde schaffte es das Gutspferd gar nicht mehr, das Bauernpferd einzuholen. Nach der siebenten Runde aber holte das Bauernpferd das Gutspferd ein. Holte es ein, galoppierte vorbei und fragte: »Woher kommt es, Freund, daß du mich vorbeiläßt?«

 

»Ich habe da einen Gedanken, den muß ich mir gründlich überlegen«, antwortete das Gutspferd. Nach der achten Runde aber bog das Gutspferd von der Wettlaufstrecke ab, legte sich nieder und wälzte sich ausgiebig. Das Bauernpferd fragte: »Es wird doch nichts Schlimmes sein?« — »Eine Bremse hat sich unter die Mücken gemischt, sie hat mich so stark gestochen, daß es mir bis ins Mark fuhr. Werde sie vertreiben und dann wieder weiterlaufen — wir haben ja Zeit.« — »Du hast recht, wir haben Zeit«, nickte das Bauernpferd und setzte seinen Weg fort.

 

Während der neunten Runde hatte das Gutspferd seinen Lauf immer noch nicht fortgesetzt, es schlenderte verschämt zwischen den Büschen umher und zupfte Grashälmchen. »Es wird doch nicht schon Mahlzeit sein, lieber Freund?« fragte das Bauernpferd. »Ja, der Nebel steigt, mir wurde so flau zumute. Halte du, Bruder, nun auch ein, bis zum Morgen ist Zeit genug, um zu laufen«, sagte das Gutspferd. »Warte, warte noch ein Weilchen, noch etwa zehn Runden und noch ein Dutzend, ich bin ja noch nicht einmal richtig warm geworden«, antwortete das Bauernpferd.

 

Von diesem Abend an soll das Gutspferd sich nicht mehr so gebrüstet haben.

 

Quelle: Estland

WARUM DIE BÄUME NICHT MEHR REDEN ...

WIE DER GUTSBESITZER IN DEN HIMMEL KAM ...

Der Advokat und der Gutsherr vor dem Himmelstor

 

Es war einmal ein Gutsbesitzer. Als sein Stündlein gekommen war, machte er sich auf den Weg nach dem Himmel. Er war schon mehrere Tage unterwegs, da kam er endlich zum Himmelstor; dort klopfte er mit zitternder Hand an. Gleich fragte Petrus: »Wer ist da?« Der Gutsbesitzer erwiderte: »Ich bin ein Gutsbesitzer, komme aus der sündigen Welt und bitte, mich in den Himmel einzulassen.« Petrus antwortete: »Gutsbesitzer werden im Himmel nicht aufgenommen, sie müssen alle direkt in die Hölle wandern, denn der Himmel ist voll von Juden, welche durch Schuld der Gutsbesitzer auf der Reise nach Amerika umgekommen sind.«

 

Der Gutsbesitzer bat noch mehrere Male, doch Petrus gab immer dieselbe Antwort. Da half es denn schließlich nichts - er mußte in die Hölle wandern, denn auf die Erde wollte er auch nicht mehr zurück. Auf dem Wege zur Hölle kam dem Gutsbesitzer sein alter Advokat entgegen, der fragte ihn: »Was siehst du so mißmutig aus?« Der Gutsbesitzer antwortete: »Wie sollt ich nicht mißmutig sein? Ich wollt in den Himmel kommen, aber Petrus ließ mich nicht zum Tor hinein. Er schickte mich in die Hölle, denn der Himmel soll voller Juden sein.«

 

Der Advokat sprach: »Komm zurück! Ich will dich schon hinein bringen, hab ich doch auch auf Erden deine Sachen immer gut geführt; ich werde auch mit Petrus schon fertig werden.« Der Gutsbesitzer ließ sich das nicht zweimal sagen. Er ging sogleich mit dem Advokaten zurück. Der Gutsbesitzer und der Advokat langten endlich vor dem Himmelstor an. Der Advokat klopfte ans Tor.

 

Petrus fragte: »Wer ist da?« Der Advokat antwortete: »Ein alter ehrlicher Gutsbesitzer mit seinem Advokaten.« Petrus sprach: »Ich habe doch schon gesagt, daß Gutsbesitzer nicht in den Himmel kommen!« Der Advokat entgegnete: »Mach das Tor auf und laß wenigstens mich hinein.« Petrus öffnete das Himmelstor, der Advokat ging hinein und sagte zu Petrus: »Geh rasch und ruf mir den lieben Gott selber herbei, ich will ihn persönlich wegen des Gutsbesitzers sprechen; solange du fort bist, bleibe ich hier als Torhüter.« Petrus ging. -

 

Kaum war er fort, so rief der Advokat mit lauter Stimme in den Himmel hinein: »He! Ich komme grade aus der Hölle, der Teufel versteigert heute alte Kleider!« Kaum hatte er das gesprochen, so stürmten alle Juden zum Himmelstor. Es dauerte nicht lange, so waren sie alle aus dem Himmel hinaus. Jetzt ließ der Advokat den Gutsbesitzer ein, und als Petrus zurück kam, da konnte er nichts dawider sagen, denn Platz war ja genug da.

 

Seit jener Zeit läßt Petrus aber keinen einzigen Advokaten mehr in den Himmel hinein.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DIE MÜCKE UND DAS PFERD ...

Gespräch zwischen Pferd und Mücke.

 

Das Pferd graste auf der Weide, als die Mücke von der Wiese her zu ihm geflogen kam. Das Pferd achtete nicht auf die Mücke, aber die Mücke fragte: »He, Fremder, siehst du mich denn gar nicht?« — »Jetzt sehe ich dich wohl«, erwiderte das Pferd.

 

Die Mücke betrachtete das Pferd aufmerksam von allen Seiten — den Schwanz, den Rücken, die Hufe, die Beine, den Körper, die Ohren. Dann wiegte sie verwundert den Kopf und sagte: »Ei, ei, mein Lieber, wie groß du bist.« — »Groß bin ich, ja«, nickte das Pferd einverstanden mit dem Kopf. »Und du hast wohl auch viel Kraft, ja?« fragte die Mücke. »Kraft habe ich, ja, viel Kraft«, erwiderte das Pferd. »Die Fliegen werden dir auch nichts anhaben können?« — »Ach was, die Fliegen, die tun mir gar nichts.« —

»Und die Bremsen..., die kommen wohl auch nicht gegen dich an?« — »Ach was, die Bremsen, die schon gar nicht.« Nun plusterte sich die Mücke auf und brüstete sich: »Du kannst so groß sein, wie du willst, du kannst so stark sein, wie du willst — das Mückenvolk, das macht dir den Garaus, als ob es dich gar nicht gegeben hätte!« — »Ach was, wo denkst du hin!« sagte das Pferd. »Doch, doch, es macht dir den Garaus!« versicherte die Mücke.

 

So stritten sich das Pferd und die Mücke eine ganze Stunde und noch eine zweite — keiner von beiden wollte nachgeben. Schließlich meinte das Pferd: »Lassen wir den Streit und die leeren Worte — wir werden unsere Kräfte messen!« — »Du hast recht, wir werden unsere Kräfte messen«, sprach die Mücke und war einverstanden. Sie flog auf und rief mit heller Stimme: »Hallo, ihr Mücken, fliegt alle herbei! Hallo, ihr Mücken, fliegt alle herbei!«

 

Oh, wie die Mücken da angeflogen kamen! Sie kamen aus den Birkenwäldern und aus den Fichtenwäldern, aus den Hochmoorwäldern und aus den Sümpfen! Kaum waren sie angelangt, setzten sie sich alle schnurstracks auf das Pferd. Als keine Mücke mehr kam, fragte das Pferd über die Schulter: »Sind nun alle da?« — »Alle sind da, alle sind da!« erwiderte der Anführer der Mücken. »Haben auch alle Platz?« fragte das Pferd. »Alle, alle haben Platz!« erwiderte wiederum der Anführer der Mücken.

 

Nun legte sich das Pferd nieder und begann sich zu wälzen. Es wälzte und wälzte sich in einem fort und hörte nicht eher auf, bis das ganze Mückenheer tot war. Eine einzige Mücke kam mit dem Leben davon. Taumelnd stieg sie in die Luft, flog zum Anführer der Mücken, stand stramm und meldete, die Hacken zusammenschlagend: »Wir haben den Feind umgelegt! Hätten wir nur noch vier Mann gehabt, die dem Pferd die Beine festgehalten hätten — ich war schon dabei, ihm das Fell abzuziehen.« —

 

»Brav, brav!« lobte der Anführer der Mücken und sauste wie der Blitz in den Wald, um allen anderen Käfern und Insekten die freudige Nachricht zu überbringen: Das Mückenvolk hat das Pferd besiegt, und ab heute ist das Mückenvolk das mächtigste Volk in der ganzen Welt!

 

Quelle: Estland

 

DER LOHN FÜR DIE RETTUNG DES TEUFELS ...

Rettung des kleinen Männchens

 

Es ging einmal ein Mann nach Schützenart mit einer Flinte in den Wald. Er kam an einen Fluß. Was sieht er aber da am Flußufer? Ein graues Männchen hat sich dort schlafend lang hin gestreckt und scheint weder von der Erde noch vom Himmel etwas zu wissen.

 

Der Mann bleibt stehen und denkt nach, wo solch ein Männchen her gekommen sein könne. Plötzlich sieht er aber, daß ein großer Wolf schnaufend an das schlafende Männchen heran schleicht und es zerreißen will. Der Mann läßt das aber nicht zu, sondern schießt den Wolf mit seiner Flinte tot. Und das graue Männchen, welches niemand anders war als Vanapagan, springt plumps! in den Fluß und verschwindet.

 

Der Mann bleibt stehen und denkt nach: 'Was für ein Teufelsmensch ist das gewesen?' Als bald kommt aber der graue Mann wieder aus dem Wasser hervor, tritt vor den Schützen und fragt: »Hör, was willst du als Lohn dafür, daß du mich gerettet hast?« Der Mann antwortet: »Gib mir aus gutem Herzen das, was du selber willst!« Vanapagan sagte dem Manne, er solle an dem und dem Tage an dieselbe Stelle kommen, und fügte hinzu: »Nimm dann demjenigen mit, der dir am aller nächsten steht!« Der Mann versprach es. Vanapagan war verschwunden, und der Mann ging nach Hause ...

 

Zur verabredeten Zeit ging er wieder dort hin an das Flußufer, wo er Vanapagan gerettet hatte, und nahm seine Frau mit. Er wartete schon eine Zeit lang auf Vanapagan. Der aber kommt und kommt nicht. Endlich sagt der Mann zu seiner Frau: »Nimm das Messer und such mir den Kopf ab, bis Vanapagan her kommt!« Die Frau tat es. Der Mann schlief sogleich auf dem Schoße seiner Frau ein. Als bald kam auch Vanapagan mit einem Goldkasten. Er sprach zur Frau: »Hör, du hast jetzt ein Messer in der Hand; stoß es deinem Mann in die Kehle, daß er stirbt, dann bekommst du alles Gold für dich allein!«

 

Die Frau war in ihrem Leichtsinn gleich bereit, ihren Mann zu ermorden. Da legte aber Vanapagan seine Hand vor das Messer und erlaubte es nicht. Dann weckte er den Mann und sprach: »Nun, Mann, sind wir jetzt nicht quitt? Du hast mich vor dem Tode gerettet, als der Wolf mich zerreißen wollte - jetzt habe ich dich vor dem Tode gerettet, denn deine Frau hätte jetzt mit dem Messer deinem Leben ein Ende gemacht, wenn ich dir nicht zu Hilfe gekommen wäre.«

 

Das Gesicht der Frau war schamrot. Der Mann jedoch sagte: »Wenn die Sache so steht, so sind wir natürlich quitt!« Vanapagan aber sprach wieder: »Nein doch; ich bleibe bei meinem Wort und zahle dir deinen Lohn aus. Ich wollte bloß deine Frau prüfen, ob sie bereit sei, ihren Mann zu ermorden, und zweitens wollte ich dich prüfen, ob du auf meine Worte eingehen wirst. Nimm aber jetzt dieses Gold und geh nach Hause. - Du hättest lieber deinen Hund mitnehmen sollen als deine Frau. Die Frau war bereit, dich zu töten, der Hund hätte das aber nimmer getan und hätte auch keinen Fremden an dich heran gelassen.«

 

Vanapagan war verschwunden. - Der Mann ging mit seiner Frau nach Hause. Daheim prügelte er sie durch und sagte: »Du leichtsinniges Ding! Du wolltest mich ermorden? Hättest du es dann besser gehabt als jetzt, wenn du mich ermordet und du den Schatz für dich allein genommen hättest? Wart nur, du Galgenstrick! Ich werde dich lehren!«

Darauf lebten sie in ihrem Reichtum zusammen ein glückliches Leben.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

PIKKERS DUDELSACK ...

Der Dudelsack in der Hölle

 

Im Jahre achtzehnhundertsechsundsechzig gab es einen trockenen Sommer. Warum war er wohl so trocken? Waaske, ein Zauberer, erklärte diesen trockenen Sommer folgendermaßen:

 

An einem warmen Frühlingstage legte sich Pikker in den Sonnenschein schlafen; den Dudelsack legte er an seine Seite und seinen Arm auf den Dudelsack, damit niemand ihm diesen stehlen könne. Vanapagan ging zufällig vorbei und sah Pikker schlafen. Sofort bekam er Lust, den Dudelsack zu stehlen; aber er konnte ihn nicht in seine Hände bekommen, denn Pikkers Arm lag auf dem Dudelsack.

 

Vanapagan war nicht um einen Rat verlegen, er hatte sogleich einen Plan. Er nahm seinen Sohn auf die Arme und hob ihn empor, damit er den Dudelsack stehle. Aber dem Sohn ging es ganz ebenso, er konnte nicht heran, denn Pikkers Arm lag auf dem Dudelsack! Vanapagan kratzte sich hinter dem Ohr, holte da eine Laus hervor, reichte sie seinem Sohn und hieß ihn, sie hinter Pikkers Ohr zu setzen, damit sie ihn dort beiße; wenn Pikker sich hinter dem Ohr kratze, solle er ihm sogleich den Dudelsack fortnehmen.

 

So geschah es auch. Die Laus fing an zu beißen; Pikker kratzte sich den Kopf, der Knabe nahm den Dudelsack fort und gab ihn Vanapagan. Dann gingen sie sogleich in die Hölle. Vanapagan verschloß den Dudelsack hinter sieben Schlössern, von wo ihn niemand mehr herausbekommen konnte.

 

Als Pikker aus dem Schlafe erwachte und seinen Dudelsack nirgends fand, wurde er sehr traurig: woher sollte denn jetzt die Erde ihren Regen bekommen! Pikker erriet gleich, daß Vanapagan den Dudelsack gestohlen hatte; was konnte ihm aber da helfen? Pikker begann zum Zeitvertreib mit seinem Sohn Fische zu fangen. Als sie bis zum Abend gefischt hatten, hatten sie noch keinen einzigen Fisch gefangen.

 

Plötzlich sah der Sohn, wie ein kleines Männchen unten mit einem Messer ins Zugnetz ein Loch schnitt, die Fische in seinen eigenen Sack laufen ließ und das Loch rasch wieder zunähte. Pikker nahm das kleine Männchen fest. Das war Vanapagans Sohn, welcher sich mit Fischestehlen beschäftigte. Der Knabe begann zu bitten: »Wir haben in der Hölle bald große Hochzeit, denn die Höllentochter heiratet, da haben wir frisches Fleisch nötig.« »Aber anders lasse ich dich nicht frei, es sei denn, daß du versprichst, mich auch zur Hochzeit zu rufen!«

 

Vanapagans Sohn hatte freilich keine Lust, ihn zu rufen, da er aber sah, daß man ihn anders nicht freilassen würde, so versprach er, Pikker zur Hochzeit einzuladen. Da sagte auch Pikkers Sohn: »Wenn du mich nicht zur Hochzeit einlädst, nehmen wir dir die Fische weg; dann müßt ihr eure Hochzeit ohne frisches Fleisch abhalten.« Dem Knaben tat es leid, die Fische fahren zu lassen, und so lud er Pikkers Sohn ebenfalls zur Hochzeit.

 

Im Herbste, im Monat August, kamen die Einladungsschreiben. Pikker und sein Sohn sollten in die Hölle zur Hochzeit kommen. Die Hochzeit begann. Die Höllengesellschaft tobte in der größten Hochzeitslust. Schnaps gab es so viel, daß die Hochzeitsgäste darin schwammen. Aller Art Instrumente - Dudelsäcke, Posaunen, Flöten und Trommeln - lärmten durcheinander. Der alte Satan war in bester Laune und blickte auf diese Hochzeitslust, wo alle Höllenbewohner hüpften und sprangen.

 

Plötzlich kam es Vanapagan in den Sinn, daß er noch einen Dudelsack habe, der hinter sieben Schlössern verschlossen lag. Er ging und brachte auch diesen her, um die Blasmusik zu verstärken. Wohl versuchte er, ihn zu blasen, aber er konnte keinen Ton herausbringen. Pikker schaute hin: »Sieh da, wo mein Dudelsack ist! Könnt ich ihn nur in die Hände bekommen, ich würde euch schon etwas vor blasen!«

 

Alle Höllenmusikanten versuchten darauf zu blasen, aber keiner konnte den Dudelsack handhaben. Schließlich sprach Pikkers Sohn: »Laßt auch mich probieren, ob ich nicht ein paar Töne herausbringe!« Der Dudelsack wurde Pikkers Sohn übergeben. Der Knabe besah ihn von allen Seiten, dann setzte er ihn an seinen Mund. Alle Hochzeitsgäste versammelten sich um den Knaben, um den neuen Dudelsack hören zu können.

 

Kreuzmillionendonnerwetter! Als der Knabe los legte, da fuhren Blitze aus dem Dudelsack und Donnergetöse erscholl. Viele der Hochzeitsgäste wurden vom Blitz erschlagen, und die am Leben geblieben waren,  sind spurlos verschwunden. Pikker und sein Sohn spazierten durch die leere Hölle und fanden nirgends ein lebendes Wesen. Pikker nahm den Dudelsack und blies darauf so, daß die Hölle krachte.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER TOD AUF DEM APFELBAUM ...

 

Es war einmal ein alter Mann, der hatte ein kleines Haus. Eines Abends kamen drei Männer und gingen durchs Dorf, und da sie nirgends ein Nachtlager erhielten, so kamen sie auch zu jenem alten Mann. Sie baten ihn um ein Nachtlager, und der Alte antwortete ihnen, sie sollten sich nur hin legen, aber ein Bett könne er ihnen nicht anbieten. Die Männer waren zufrieden und legten sich dort hin.

 

Der alte Mann machte sich an sein Abendessen - er hatte nur vertrocknete Brotkrusten und Krebsfüße - und bat seine Gäste, mit zu essen, wenn es ihnen schmecke. Und so aßen sie denn alle. Am Morgen, als die Fremden sich zum Fortgehen anschickten, fragten sie den alten Mann, was sie zu zahlen hätten. Der Mann antwortete, daß er keinen Lohn verlange; er habe aber einen Apfelbaum, wenn nur die Äpfel an diesem Baum hängen bleiben wollten! Er habe selbst noch niemals von diesen Äpfeln essen können, denn wenn sie zu reifen anfingen, so verschwänden sie immer alle vom Baume. Die Männer versicherten ihm, daß seine Äpfel von nun an nicht mehr verschwinden würden.

 

Eines Morgens ging der alte Mann hinaus, um zu harnen, und sah - der Apfelbaum war voll kleiner Knaben, und im Wipfel saß auch noch ein erwachsener Mann. Der Alte fragte ihn: »Freund, wie bist du hier her geraten?« Der Mann antwortete nichts. Nun ließ der Alte die Knaben vom Baume herunter steigen, aber den großen Mann ließ er nicht frei. Der Mann begann aber ihn an zu bitten, und da ließ er ihn ebenfalls gehen.

 

Kurz darauf kam der Tod zum Alten und sagte, es sei Zeit, daß der Alte mit ihm gehe. Dieser bat, der Tod möge ihm erlauben, noch einige Äpfel mit auf den Weg zu nehmen, und der Tod erlaubte es auch. Aber die Äpfel hingen hoch oben, und der alte Mann konnte nicht hinauf langen. Da kletterte der Tod mit seinen langen Beinen selbst auf den Baum und holte die Äpfel, als er aber hinab steigen wollte, da wurde er nicht mehr frei: wohl schüttelte er den Baum, konnte aber vom Baume nicht los kommen.

 

Nun begann er den alten Mann zu bitten, dieser möge ihn hinab steigen lassen. Der Alte sagte, er wolle das tun, wenn der Tod ihm noch einige Jahre zu leben vergönne. Und als der Tod endlich vom Baume herab kam, da wußte er nicht, wohin er vor jenem Manne fliehen solle. Und deshalb liebt es der Tod bis auf den heutigen Tag nicht, alte Leute zu holen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen - Livische Märchen

 

 

DIE WUNDERBARE FLÖTE ...

Die Kaufmannstochter und die Schweinchen

 

Ein junger Schweinehirt hatte eine so gute Flöte, daß, wenn er sie blies, alles geschah, was er nur wünschte. Einmal war er mit seiner Schweineherde an der Landstraße; er blies die Flöte, und die Schweine tanzten. Da ging eine reiche Kaufmannstochter des Wegs vorbei. Sie war sehr verwundert darüber, daß die Schweine tanzten, und wollte dem Burschen ein Schwein abkaufen. Der Bursche war auch bereit, es zu verkaufen. Er stellte nur die Bedingung, daß die Kaufmannstochter ihm ihr Gesicht zeigen solle.

 

Die Kaufmannstochter war zufrieden. Sie lüftete ihren Schleier und zeigte dem Burschen ihr schönes Gesicht. Dann ließ sie das Schwein nach Hause bringen. Sie hoffte nun, daß das Schwein zu tanzen anfangen werde, das Schwein tanzte aber gar nicht. Am anderen Tage klagte die Kaufmannstochter dem Burschen ihr Leid: »Hör einmal, Bursche, das gestrige Schwein tanzt gar nicht!« Der Bursche antwortete: »Wohl wahr, jenes tanzt nicht gut, aber die anderen tanzen besser!«

 

Die Kaufmannstochter wollte sich sogleich ein anderes Schwein kaufen. Der Bursche erwiderte: »Zeigt mir Euren Hals, dann bekommt Ihr ein Schwein, welches tanzt!« Die Kaufmannstochter zeigte ihm ihren Hals. Dann bekam sie ein anderes Schwein. Daheim erzählte der Bursche seinem Herrn, daß der Wolf das Schwein geholt habe.

 

Die Kaufmannstochter wartete, daß das Schwein zu tanzen anfange, aber sieh mal an! Das Schwein tat nichts, was nicht auch andere Schweine tun. Am nächsten Tage ging die Kaufmannstochter wieder, dem Burschen ihr Leid zu klagen, daß das Schwein nicht tanze. Der Bursch entgegnete: »Das Schwein versteht nicht allein zu tanzen. Nehmt noch ein drittes dazu, das tanzt am aller besten. Dann tanzen sie alle zusammen!«

 

Die Kaufmannstochter fragte, was das Schwein koste. Der Bursche antwortete: »Zeigt mir Euren Hals bis zu den Armen!« Die Kaufmannstochter zeigte es ihm. Der Bursche sah, daß die Kaufmannstochter unter dem einen Arm Goldhaare hatte, unter dem anderen Silberhaare. Der Bursche gab ihr das dritte Schwein ab. Zu Hause erzählte der Bursche seinem Herrn, daß der Bär das Schwein geholt habe. Der Herr jagte den Burschen fort, weil er jeden Tag sich ein Schwein rauben lasse.

 

Der Bursche ging seines Weges und blies zum Zeitvertreib seine Flöte. Da sieht er: es kommt ein Wagen, und drei Männer sind darin. Der Bursche bläst die Flöte und denkt: 'Die Pferde sollen tanzen, die Herren sich prügeln!' Sofort begannen die Pferde vor dem Wagen an zu tanzen und die Herren im Wagen sich zu prügeln. Die Pferde liefen aber immer weiter.

 

Nach kurzer Zeit holte wieder ein Wagen den Burschen ein, ein Herr saß darin, ein schwarzer Hengst war vorgespannt. Der Bursche blies seine Flöte und dachte: 'Möchte jener Herr mich in den Wagen nehmen!' Der Herr hielt sogleich das Pferd an und rief den Burschen in seinen Wagen. Er fragte den Burschen: »Fuhr hier nicht ein Wagen vorbei, in dem drei Herren saßen?« Der Bursche erwiderte: »Freilich fuhr er vorbei, aber die Herren zankten sich untereinander!« Der Herr erklärte: »Wie sollten sie sich denn nicht zanken? Wir fahren alle vier, um die Kaufmannstochter zu freien. Sie zankten sich deswegen, wer von ihnen die Kaufmannstochter bekommen solle.« In solchem Gespräch erreichten sie das Haus des Kaufmanns.

 

Der Bursche bat: »Ich komme mit in die Stube hinein und krieche unter den Tisch. Wenn Ihr zu essen anfangt, so werft auch mir einige Mundvoll unter den Tisch hinab!« Der Herr versprach es. Die anderen Herren waren schon in der Stube und säuberten ihre blutigen Gesichter und Kleider. Jener, der mit dem Burschen gekommen war, wurde am aller freundlichsten aufgenommen.

 

Man setzte sich nun an einen prächtigen Tisch, um zu speisen. Während des Essens warf der Herr dem Burschen unter dem Tisch auch etwas zu. Nach der Mahlzeit sprach der Kaufmann: »Nur derjenige bekommt meine Tochter, der ihre besonderen Kennzeichen nennen kann!« Der Bursch unter dem Tisch sprach: »Eure Tochter hat unter dem einen Arm Goldhaare, unter dem anderen Silberhaare!« Der Herr sagte gleich: »Habt ihr es nicht gehört, ich hab es gesagt!«

 

Die Kaufmannstochter hatte aber deutlich gehört, daß die Stimme unter dem Tisch hervor gekommen war. Man begann zu suchen, fand unter dem Tisch den Burschen und fragte ihn, ob er geantwortet habe. Kühn erwiderte der Bursche, er habe so gesprochen. Dann setzte er sogleich die Pfeife an den Mund und dachte, die Kaufmannstochter soll sich in ihn verlieben.

 

Sofort sprach die Kaufmannstochter zu den anderen Herren: »Dieser Bursche hat meine besonderen Kennzeichen genannt, deshalb nehme ich ihn zum Mann!« Der Kaufmann war damit zufrieden, die Freier dagegen zogen erbost ihres Weges. Dem Burschen wurden feine Kleider angezogen. Die Hochzeit dauerte ununterbrochen sieben Tage und Nächte. Es wurde genug gegessen und getrunken, genug musiziert und getanzt. Der Bursche lud auch seinen früheren Herrn zur Hochzeit ein, der kam aber nicht.

 

Nach dem Tode des Kaufmanns erbte der Bursche dessen ganzes Vermögen. Zu der Zeit aber verschwand die Flöte des Burschen. Er hatte sie ja auch nicht mehr nötig, weil er sowieso schon reich genug war.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DES KRÄHENMÄNNCHES HEIRAT ...

Die Krähenhochzeit

 

Einmal flog ein Krähenmann aus Järwen nach Harrien auf die Freite. Er erzählte der Braut und deren Eltern, er sei ein reicher Mann, habe große Felder und ganze Haufen von Getreide. Er könne mit seiner Frau ohne Sorgen leben. Den Brautvater und die Brautmutter lud er zu sich ein, seinen Reichtum zu sehen. Sie flogen hin. Der Krähenmann zeigte ihnen alle Kornschober in der Nähe seines Nestes und sagte, dies alles gehöre ihm.

 

Die Brauteltern flogen nach Harrien zurück und priesen vor der Tochter den Reichtum des Bräutigams. Sie wollten einem so reichen Manne ihre Tochter nicht verweigern. Die Braut selber war auch bereit, nach Järwen zum Krähenmanne zu ziehen. Es wurde also mit der Elster nach Järwen die Botschaft geschickt, die Braut könne abgeholt werden. So gleich flog der järwische Krähenmann nach Harrien und holte seine Braut heim. Die Neuvermählte machte sich sogleich an die Kornschober.

 

Eines Morgens, als die neu vermählte Krähe gerade oben auf einem Kornschober mit Fressen beschäftigt war, kamen die Menschen mit mehreren Wagen und führten auch den letzten Kornschober fort. Als die Krähe das sah, schrie sie: »Jaak, Jaak! Das Getreide wird fort geführt! Das Getreide wird fortgeführt!«

 

Ihr Mann hörte das und schrie ihr entgegen: »Jeder führt das Seine fort! Jeder führt das Seine fort!«

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

WIE DER RABE DIE MEISE FREIEN WOLLTE ...

Der Rabe und die Meise

 

Der Rabe hatte die Meise getroffen und beschloß, sie zu freien. Auch die Meise fand am Raben Gefallen, so war sie einverstanden. Am Abend, als man sich zu Tisch setzte, um sich zu stärken, fragte der Rabe seine Braut: »Sag, warum bist du nur so klein?« — »Ich bin noch sehr jung, ich bin noch sehr jung«, antwortete die Meise. »Du wirst also noch wachsen?« — »Aber ja doch! Natürlich werde ich noch wachsen!«

 

Nach dem Abendessen wurde es der Braut langweilig. Sie gähnte ohne Unterlaß und sagte schließlich zum Bräutigam: »Es ist so langweilig bei dir, erzähle mir irgendeine Geschichte, damit es nicht mehr so langweilig ist.« — »Gut«, meinte der Rabe und begann sofort zu erzählen: »Im vorigen Jahr wuchs im Dorf hinterm Wald, wo mein Onkel lebt, eine so hohe Bohne, daß die Schnecke daran dreimal zur Regenwolke kletterte, um zu trinken.« — »Ach, was ist das schon für ein Wunder«, sagte die Meise. »Im vorvorigen Jahr hab' ich solch eine lange Erbse gesehen, daß die Heuschrecke daran zur Sonne kletterte, um sich die Pfeife anzuzünden.«

 

Der Rabe erzählte sofort eine andere Geschichte: »Vor drei Jahren kam im selben Dorf hinterm Wald solch ein Wind auf, daß die Menschen auf allen vieren gingen. Sie konnten diese Gewohnheit erst nach mehreren Monaten loswerden.« — »Ach, was ist das schon für ein Wunder«, sagte die Meise. »Vor fünf Jahren habe ich einen Wind erlebt, daß die Windmühlen ohne Flügel zu sein schienen, so schnell drehten sie sich.«

 

Da erzählte der Rabe nun die dritte Geschichte: »Vor zehn Jahren soll es solch einen harten Frost gegeben haben, daß die Fichten von den Wurzeln bis zu den Wipfeln entzwei sprangen. « — »Ach, was ist das schon für ein Wunder!« rief die Meise. »Vor ungefähr einem Dutzend Jahren, als ich noch um meine dritten Söhnchen trauerte, gab es um Neujahr solch einen harten Frost, daß der vor dem Ofen den Brotteig knetenden Frau die Hand im Teig einfror und die Suppe im Topf auf dem Herd auf einer Seite kochte, auf der anderen aber zu Eis gefroren war.« —

 

»So, so, das muß damals ja wirklich ein sehr harter Frost gewesen sein...« meinte der Rabe, seufzte und bat um Erlaubnis, kurz vor die Tür zu gehen. Danach kam er nie wieder.

 

War es nun die Geschichte mit der Bohne, mit der Erbse oder mit dem Frost, ganz gleich, welche es war, nein, ein solch altes Weib, das das alles gesehen und miterlebt hatte, wollte er nun doch nicht.

 

Quelle:Estland

 

DES NEBELBERGES KÖNIG ...

Das kleine Mädchen auf dem Nebelberg

 

Es waren einmal Dorfkinder auf Nachthütung im Walde. Die Nacht war kalt und neblig, so daß auch am Feuer die erstarrte Hand nicht mehr warm werden wollte. Da sagte eines der Mädchen, das einen aufgeweckten Geist hatte: »Ich will lieber ein Stück Weges laufen, das wird mir mehr Wärme geben als das Sitzen am Feuer.« Mit diesen Worten sprang es auf und lief davon.

 

Die anderen lachten hinter ihr her und sagten: »Sie wird wohl bald zurück kommen!« Aber der Flüchtling kam nicht wieder. Als die Morgenröte schon am Himmel stand, fingen sie an, das verschwundene Mädchen zu rufen, erhielten aber von keiner Seite her eine Antwort. Die Kinder meinten nun, sie müsse wohl ins Dorf gegangen sein. Als man aber heimkam, war die Vermißte nirgends zu finden. Die Eltern gingen in den Wald, ihre Tochter zu suchen; umsonst aber strichen sie über einen halben Tag lang von einem Flecke zum anderen, sie fanden keine Spur von ihr. Da dachten sie mit Schrecken daran, daß wilde Tiere das Mädchen getötet haben könnten. Sorgenvoll und betrübt gingen sie gegen Abend wieder nach Hause.

 

Das verloren gegangene Kind war schon eine Strecke weit von den übrigen abgekommen, als es an eine Bergspitze gelangte, auf der ein kleines Feuer brannte, weiter konnte es durch den dichten Nebel nichts sehen. Das Kind dachte, seine Gefährten seien da am Feuer, kletterte den Berg hinan und sah, daß ein graubärtiger, einäugiger Mann ausgestreckt am Feuer lag und es mit einem Eisenstecken schürte. Das Kind erschrak und wollte zurück, aber der Alte hatte es schon bemerkt und rief in strengem Tone: »Bleib stehen, oder ich werfe den Eisenstecken nach dir! Zwar habe ich nur ein einziges Auge, aber das ist ebenso sicher wie die Hand, so daß ich niemals mein Ziel verfehle!«

 

Das Kind blieb zitternd stehen. Der Alte hieß es näher kommen, und als das Mädchen furchtsam zögerte, stand er auf, nahm es bei der Hand und sagte: »Komm und wärm dich!« Das Mädchen mußte nun wohl mit gehen. Der Alte nahm Weißbrot aus seinem Schultersack und gab es dem Kinde zu essen. Dann klopfte er mit dem Eisenstecken auf den Rasen, und als bald standen zwei hübsche Mädchen am Feuer, als wären sie aus der Erde hervor gewachsen. Es dauerte nicht lange, so hatten sich die Kinder miteinander befreundet, spielten und trieben Kurzweil am Feuer, der Alte aber hatte das Auge geschlossen, als schliefe er.

 

Als die Morgenröte heraufstieg, trat ein altes Mütterchen heran und sprach zum Dorfkinde: »Heute mußt du bei unseren Kindern zu Gast bleiben und auch die nächste Nacht hier schlafen, dann schicke ich dich wieder nach Hause.« Obwohl sich nun das Dorfkind anfangs geängstigt hatte, so war es dort bald mit den anderen Kindern so bekannt geworden, daß es weder Furcht noch Heimweh mehr empfand. Der Tag verging ihnen spielend, und abends wurden die Kinder miteinander zur Ruhe gelegt. Den anderen Morgen aber kam ein junges Frauenzimmer und sprach zum Dorfkinde: »Du mußt heute nach Hause gehen, denn deine Eltern haben deinetwegen großen Kummer, sie glauben, du seist gestorben.«

 

Mit diesen Worten führte sie das Kind an der Hand, bis sie aus dem Walde herauskamen. Dann sagte die Führerin: »Von dem, was du gestern und die vorige Nacht gehört und gesehen hast, darfst du kein Wörtchen zu Hause reden, sage nur, du habest dich im Walde verirrt.« Darauf gab sie dem Kinde eine kleine silberne Spange und sagte: »Wenn dich die Lust anwandeln sollte, wieder einmal zu uns zu Gast zu kommen, so hauch nur auf diese Spange, so findest du schon den Weg zu uns!« Das Kind steckte die Spange in die Tasche und dachte auf dem Wege zum Dorfe daran, was wohl die Eltern von der Sache halten würden, da sie ihnen die Wahrheit nicht gestehen dürfe.

 

In der Dorfgasse gingen zwei Männer an ihr vorüber, welche sie nicht kannte. Als sie in des Vaters Hoftor trat, schien ihr der Ort gänzlich fremd; wo vorher nichts gestanden hatte, da wuchsen jetzt Apfelbäume, an denen schöne Früchte hingen. Auch das Haus erschien ihr fremd. Da trat ein fremder Mann aus der Tür, schüttelte verwundert den Kopf und sagte, so daß das Mädchen auf dem Hofe es hörte: »Ein fremdes Dorfmädchen ist auf unserem Hofe.« Dem Mädchen erschien die Sache wie ein Traum, doch trat sie einige Schritte näher, bis sie an die Türschwelle kam. Als sie ins Zimmer hinein sah, erblickte sie den Vater, der auf der Ofenbank saß; eine fremde Frau und ein junger Mann saßen neben ihm, aber dem Vater waren Bart und Haupthaar ganz grau geworden.

 

»Guten Morgen, Vater!« sagte die Tochter. »Wo ist die Mutter?« - »Die Mutter, die Mutter?« rief die fremde Frau. »Hilf Gott! Bist du der verlorenen Tiu Geist, oder bist du ein lebendiges Geschöpf wie wir? Ist es denn möglich, daß unser liebes Kind, das uns vor sieben Jahren starb, zum zweiten Male ins Leben zurück kommt?« Tiu konnte aus dieser Rede nicht klug werden. Da erhob sich die fremde Frau von der Bank, streifte Tius Hemdärmel auf, fand auf der Handwurzel eine kleine Brandnarbe und rief dann aus, das Mädchen umhalsend: »Unsere Tiu, unser für tot beweintes Kind, das vor sieben Jahren im Walde verloren ging.« - »Das kann ja nicht sein«, erwiderte Tiu, »ich bin nur eine Nacht und einen Tag von euch weg gewesen, oder zwei Nächte und einen Tag.«

 

Jetzt gab es genug, sich zu wundern; Tiu sah nun deutlich, daß sie länger weg gewesen war, als sie glaubte, denn sie war jetzt schon größer als ihre Mutter, und Vater und Mutter waren gealtert. Gern hätte sie den Eltern erzählt, was ihr begegnet war, allein sie durfte ja nicht. Endlich sagte sie: »Ich hatte mich verirrt und war unter fremde Leute geraten.« Der Eltern Freude über ihr wieder gefundenes Kind war so groß, daß sie nicht weiter nachforschten, wo es denn gewesen sei.

 

Den anderen Abend aber, als Vater und Mutter schlafen gegangen waren, ließ es der Tiu keine Ruhe mehr, sie zog die Spange aus der Tasche und hauchte darauf, um Auskunft darüber zu erlangen, was für ein wundersames Ereignis sich mit ihr zugetragen. Als bald fand sie sich wieder am Feuer auf dem Berge, und auch der einäugige Alte war wieder da. »Lieber alter Vater«, bat Tiu, »gib mir Auskunft darüber, was mit mir vor gegangen ist.« Der Alte erwiderte lachend: »Plappern ist Weibersache!«, klopfte mit seinem Stecken auf den Rasen, und das junge Frauenzimmer, welches Tiu nach Hause geleitet und ihr die Spange geschenkt hatte, stand vor ihr.

 

Sie nahm Tiu bei der Hand und führte sie einige Schritte vom Feuer weg; dort sagte sie: »Da du dir zu Hause nichts hast merken lassen, will ich dir mehr verraten. Der Alte am Feuer ist des Nebelberges König, die alte Mutter, welche du die erste Nacht gesehen hast, ist die Rasenmutter, und wir sind die Töchter. Ich will dir jetzt eine noch schönere bunte Spange geben, sage zu Hause, du habest sie gefunden. Willst du uns sehen, so hauch nur wieder auf die Spange. Heute darf ich dir nichts weiter sagen, aber sei verschwiegen, so wirst du künftig mehr von uns zu hören bekommen. Jetzt geh nach Hause, ehe die Eltern aus dem Schlafe erwachen.«

 

Als sie am Morgen erwachte, hielt sie das in der Nacht Geschehene für einen Traum, aber die schöne Spange auf ihrer Brust bewies ihr, daß sie nicht geträumt hatte. Indes war ihr das Leben im Dorfe so fremd geworden, daß sie häufig abends, wenn die Eltern schlafen gegangen waren, auf ihre Spange hauchte und sich dadurch, wie sie wünschte, auf den Nebelberg versetzte. Am Tage war sie meist verdrießlich, weil sie sich nach ihrem nächtlichen Glücke sehnte und somit wenig Ruhe hatte. Als der Herbst kam, fanden sich viele Freier ein, aber sie wies sie ab; endlich vor Weihnacht wurde mit dem jungen Manne, welchen sie bei ihrer Rückkehr auf des Vaters Hofe gesehen hatte, Branntwein getrunken. Der Bräutigam blieb als Schwiegersohn im Hause, denn die Eltern waren beide schon betagt.

 

Im nächsten Jahre brachte Tiu ein Töchterchen zur Welt, es war ein sehr schönes Kind, konnte aber doch der Mutter Herz nicht ausfüllen. Sie sehnte sich stets nach dem Nebelberge zurück und wäre gern hingezogen, wenn sie das Kind hätte allein lassen können. Als aber die Tochter sieben Jahre alt geworden war, kam eine Nacht, wo die Mutter ihr Verlangen nicht mehr zurück drängen konnte, sie hauchte auf die Spange und sah sich auf den Nebelberg versetzt.

 

Der Rasenmutter Töchter kamen ihr mit Freudengeschrei entgegen. »Warum bist du so lange weggeblieben?« fragten sie. Tiu sagte mit tränenden Augen, daß es ihr nicht möglich gewesen sei, zu kommen, wie wohl ihr Herz großes Verlangen danach getragen habe. »Des Nebelberges König muß uns helfen«, sagten darauf die Mädchen und baten Tiu, nach zwei Wochen wiederzukommen und ihr Töchterchen mit zu bringen. Tiu versprach, es zu tun, wenn es möglich wäre.

 

Als aber die Zeit heran gekommen war, schlief das Kind so ruhig an des Vaters Seite, daß die Frau nicht das Herz hatte, es mit sich zu nehmen, sie ging deshalb, in dem sie sich der Spange bediente, allein. Der alte König des Nebelberges lag beim Scheine des Feuers am Boden und sagte, als er Tiu erblickte: »Du bist heute zur unglücklichen Stunde ohne dein Kind her gekommen, und es wird dir große Qual daraus erwachsen. Doch kannst du zu guter Letzt noch eine vergnügte Nacht feiern, ehe deine Leidenstage beginnen.« Bei diesen Worten klopfte er mit dem Eisenstecken auf den Rasen, und sofort erschienen der Rasenmutter Töchter, nahmen Tiu mit sich und feierten ein schönes Fest miteinander.

 

Inzwischen war daheim der Mann erwacht, und als er die Frau nicht im Bette fand, stand er auf und suchte sie auf dem Hofe. Auch hier fand er keine Spur der Verschwundenen. Da entbrannte im Manne der Zorn, denn er glaubte, die Frau sei irgendwo auf bösen Wegen, darum legte er sich nicht wieder hin, sondern ging sofort zu einem Weisen des Dorfes, ihm den Fall zu erzählen und ihn um Rat zu fragen. Als der Weise sich aus einem Weinglase Aufschluß verschafft hatte, sagte er: »Mit deinem Weibe steht es nicht, wie es sein soll, sie geht des Nachts als Werwolf um und hat das gewiß schon lange getrieben, nur daß du es bis heute nicht bemerkt hast. Wenn sie nach Hause kommt, mußt du sie gleich vor Gericht stellen.«

 

Der Mann fand, als er nach Hause kam, die Frau an der Seite des Kindes ruhig im Bette schlafen, er weckte sie jedoch nicht, um sie über ihren nächtlichen Gang auszufragen, sondern ging vor Gericht, wie der Weise gewollt hatte. Die Frau wurde vor gefordert. Sie weigerte sich, Auskunft darüber zu geben, wo sie vergangene Nacht gewesen sei, wollte auch nicht gestehen, wo sie früher als Kind sieben Jahre lang sich verborgen gehalten, und sagte nur: »Meine Seele ist schuldlos, mehr kann ich nicht sagen.«

 

Auch später wollte sie ihr Geheimnis nicht verraten, so daß endlich der Spruch gefällt wurde: das Weib ist ein Werwolf, eine Hexe und Übeltäterin, deshalb muß sie den Feuertod sterben. Es wurde dann ein großer Scheiterhaufen errichtet, an welchen man das arme Weib festband, worauf er angezündet wurde. Als aber die Flamme eben aufloderte, fiel so dichter Nebel, daß man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte. Als später die Sonnenstrahlen den Nebel auf sogen, fand man den Scheiterhaufen noch unversehrt, das Weib aber war nirgends zu finden, es war, als ob sie im Nebel zerflossen wäre. - Des Nebelberges König hatte sie gerettet.

 

Wie wohl nun Tiu jetzt auf dem Nebelberge gute Tage hatte, so fand ihr Herz doch keinen Frieden, sondern sehnte sich nach dem zurück gebliebenen Kinde. »Hätte ich mein Töchterlein hier«, so seufzte sie oft, »dann könnte ich glücklich leben, so aber ist das halbe Herz immer bei dem Kinde im Dorfe, und die andere Hälfte lebt in Trauer.« Des Nebelberges König erriet ihre geheimen Gedanken und ließ einst bei Nacht das Töchterlein aus dem Dorfe zur Mutter bringen.

 

Da waren beide, Mutter und Tochter, vollkommen glücklich und sehnten sich nach nichts mehr. Die Dorfleute und der Mann glaubten, daß die in einen Werwolf verwandelte Frau das Kind bei Nacht fort genommen habe. Der Mann freite eine andere Frau, aber weder seine eigene Wirtschaft noch die anderen Höfe nahmen so guten Fortgang wie sonst; allsommerlich litten sie Schaden durch Dürre, das Getreide und Gras verdarben, weil der erfrischende Nachttau nicht auf den Strich fiel, den die Leute bewohnten.

 

Des Nebelberges König war zornig darüber, daß sie sein Pflegekind hatten umbringen wollen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER SCHLANGENKAMM ...

Der Jäger mit seinen Hunden

 

Es ging einmal ein Jäger in den Wald. Dort traf er eine Schlange, die auf dem Kopf einen Kamm hatte. Der Jäger schoß auf sie mit der Flinte. Die Schlange begann zu schreien. Auf ihr Geschrei strömte eine Menge kleiner Schlangen herbei. Wohl schlug der Jäger mit einem Knüttel nach ihnen, das half aber nichts. Endlich warf der Jäger seine eigenen Kleider ihnen zu. Da blieben die Schlangen bei den Kleidern, und der Jäger konnte entfliehen.

 

Am anderen Tage ging der Jäger wieder dorthin, wo er nach der Schlange mit dem Kamm geschossen hatte. Er fand die Schlange wieder vor. Sie hatte nur noch wenig Leben in sich und konnte nicht mehr entfliehen. Dem Jäger kam der alte Glaube in den Sinn: Wer einen Schlangenkamm aufißt, der versteht alle Vogelsprachen. Der Jäger nahm den Schlangenkamm, ging nach Hause, kochte ihn und aß ihn auf.

 

Dann ging er hinaus spazieren. Eine Krähe krächzte, und der Mann verstand alles, was die Krähe sprach. Am nächsten Abend ging der Jäger in den Wald auf die Jagd. Im Walde wurden die Hunde des Jägers unruhig und fingen an, um den Herrn herumzuwinseln. Der Herr streichelte sie und fragte sich selbst: 'Wer weiß, was den Hunden fehlen mag?' Der eine Hund öffnete das Maul, und der Jäger verstand sogleich, was der Hund in seiner eignen Sprache sagte: »Diebe kommen heute in unsre Vorratskammer, um zu stehlen!«

 

Da bekam der Jäger sofort Eile, nach Hause zu gehen. Aber der eine Hund sprach zu dem andern: »Bleib du hier! Ich gehe nach Hause, um die Klete zu bewachen!« Als der Jäger das hörte, ließ er den Hund nach Hause gehen, selber aber blieb er mit dem anderen Hunde im Walde. Der erste Hund kam nach Hause und verscheuchte die Diebe sogleich in den Wald.

 

Die Hausfrau kam auf das Gebell des Hundes aus der Stube heraus und sah, was geschehen war. Die Hausfrau lobte den Hund und sprach: »Dafür will ich dir etwas Gutes geben, woran du dich satt essen kannst!« Die Hausfrau ging in die Stube. In der Stube fand sie aber kein Wasser. Da nahm sie Spülicht, tat Mehl hinein und setzte es dem Hund vor. Der Hund schnupperte daran, fraß es aber nicht, sondern wollte aus der Stube hinaus.

 

Die Hausfrau ließ den Hund ins Freie, und der Hund lief zum Hausherrn in den Wald. Der andere Hund fragte ihn: »Nun, wie ging es zu Hause?« Jener antwortete: »Die Diebe hab ich freilich fort gejagt, und die Hausfrau hat mir zu essen gegeben! Aber was soll man da essen! Schmutziges Spülicht mit etwas Mehl!«

 

Der Hausherr hörte das. Er ging nach Hause und nahm sich seine Frau vor: »Wie darfst du so etwas tun! Der Hund hat unser Eigentum vor dem Diebe behütet, und du setzt ihm schmutziges Wasser vor!« Die Frau fragte ihn: »Wer hat es dir denn gesagt, daß ich das getan habe?« Der Jäger antwortete: »Die Hunde haben es gesagt!« Die Frau entgegnete: »Hunde sprechen doch nicht! Hunde bellen!«

 

Der Jäger antwortete: »Ich hab einen Schlangenkamm in die Hände bekommen, hab ihn gekocht und aufgegessen. Deshalb versteh ich jetzt die Sprachen der Tiere!« Als der Jäger das gesprochen hatte, fiel er zur Erde und war tot.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DIE GELDMÜHLE ...

Hahn und Geldmühle des alten Mannes

 

Es war einmal ein alter Mann, der hatte eine Bohne. Er wollte die Bohne verspeisen, die Bohne aber bat ihn, er solle sie nicht essen - lieber solle er sie in die Erde pflanzen. Also pflanzte der Mann sie in einen Topf und stellte ihn auf das Fenster seiner Hütte. Eines Tages sah er nach, wie hoch die Bohne schon gewachsen sei - da reichte sie bis zur Zimmerdecke; er sah am folgenden Tage nach - da reichte sie bis zum Dach; und am dritten Tage reichte sie bis zum Himmel.

 

Nun kletterte der Mann an der Bohnenranke in den Himmel und sah, wie die Engel Geld mahlten. Er bat, man solle die Geldmühle ihm geben, und er bekam sie auch - nur sagten ihm die Engel, er dürfe die Mühle bloß einmal täglich umdrehen, dann werde er Geld bekommen, wenn er sie öfter drehe, so bekomme er nichts als Staub. Nun, der alte Mann drehte sie auch nur einmal täglich und erhielt auf solche Weise viel Geld.

 

Die anderen merkten, daß der alte Mann viel Geld hatte, und wurden auf ihn neidisch; und die Mühle wurde dem alten Mann gestohlen. Er hatte aber einen Hahn, der sang, daß die Mühle gestohlen sei und daß ein reicher Bauer das getan habe. Jener Bauer erfuhr, daß irgendwo ein Gut zu verkaufen sei; er wollte es kaufen und brauchte dazu viel Geld, so mahlte er also täglich viele Mal und schüttete alles in den Keller; schließlich dachte er, daß der Keller schon voller Geld sei, als er aber die Tür auftat, da war dort nichts als Staub.

 

Nun flog der Hahn auf das Dach des Kellers und krähte: »Kleine Herren, Bettelherren, gebt des armen Mannes Geldmühle heraus!« Der Bauer wurde vor Scham sehr böse und sperrte den Hahn in den Kuhstall ein. In der Nacht öffnete der Hahn das Tor, der Wolf sprang in den Stall und fraß alle Kühe auf. Am Morgen sang der Hahn wieder sein altes Lied, der Bauer solle des armen Mannes Geldmühle herausgeben.

 

Nun sperrte der Bauer den Hahn in den Pferdestall ein. Der Hahn aber öffnete in der Nacht wieder das Tor, der Wolf sprang hinein und zerriß alle Pferde. Und am Morgen sang der Hahn wieder dasselbe alte Lied: »Kleine Herren, Bettelherren, gebt des armen Mannes Geldmühle heraus!«

 

Da warf der Bauer ihn in den Brunnen, aber der Hahn trank den Brunnen leer und sang immer wieder sein altes Lied. Der Bauer steckte den Hahn in den Ofen, damit er verbrenne, aber der Hahn löschte mit dem Wasser das Feuer und sang immer wieder sein Lied: »Kleine Herren, Bettelherren, gebt des armen Mannes Geldmühle heraus!«

 

Da nahm der Bauer den Hahn, tötete ihn und aß ihn auf. Doch der Hahn begann sogar in des Bauern Bauch sein Lied zu singen, kam dann aus dem Bauche noch wieder heraus und sang immer: »Kleine Herren, Bettelherren, gebt des armen Mannes Geldmühle heraus!«

 

Da ging der Bauer hin und gab dem armen Mann sowohl seine Mühle als auch seinen Hahn zurück. Und so mahlt der alte Mann Geld noch bis auf den heutigen Tag.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen - Livische Märchen

DIE TIERE GEHEN ZUR BEICHTE ...

Der Fuchs und der Star

 

Es war einmal eine Frau, die hatte eine Katze. Die Frau sammelte Milch und sammelte so lange, bis sie einen großen Topf gefüllt hatte. Die Katze kam und stieß den Topf um, mit samt der Milch. »Ich Ärmste«, jammerte die Katze, »was soll ich nun anfangen, wie soll ich Verzeihung erlangen für diese Sünde? Was wird da anderes helfen, ich will gehen, meine Sünden wieder gut zu machen!«

 

Die Katze ging fort, um zu beichten, und geriet in den Wald; da kam ihr der Hase entgegen, der wünschte ihr einen guten Tag: »Sei gegrüßt, Gevatterin, wohin gehst du?« - »Sei selbst auch gegrüßt! Wohin ich gehe? Ich lebte bei einer Frau, die Frau sammelte Milch, füllte einen ganzen Topf, ich Ärmste stieß ihn um, und nun gehe ich zur Beichte.« - »Ah, zur Beichte! Dann laß mich auch mitgehen!« - »Was hast du denn verbrochen?« - »Ich räumte im Hafer eines Wirtes auf; ein Hahn kann da jetzt dem anderen zu jodeln!« - »In diesem Falle komm nur mit!«

 

Sie gingen und gingen, da begegnete ihnen der Fuchs: »Seid gegrüßt, Katze und Hase, wohin eilt ihr?« - »Zur Beichte eilen wir!« - »Wirklich zur Beichte! Was bedrückt denn euch das Herz?« - »Ich stieß meiner Hausfrau die Milch um!« - »Ich fraß einem Wirt den Hafer weg.« - »Oh, Gevatterchen, laßt mich auch mitgehen! Mein Herz ist mir auch schwer, ich traf auf eine große Herde Gänse und biß allen den Hals durch!« - »Komm nur mit!«

 

Da gingen sie nun zu dreien, sie gingen und gingen; da kam ihnen der Wolf entgegen: »Wünsche einen guten Tag, Gevatterchen, wohin geht ihr so zu dreien?« - »Wir gehen zur Beichte, haben viel verbrochen -; ich stieß meiner Hausfrau die Milch um -; ich fraß einem Wirt den Hafer weg -; ich biß Gänsen den Hals durch.« - »Dann laßt mich auch mitgehen; es war eine prächtige Kuh, die riß ich nieder.«

 

Sie gingen nun zu vieren, da kam ihnen der Bär entgegen; der wollte auch mit: »Es war ein herrlicher Hengst, dem habe ich den Garaus gemacht.« Da gingen sie nun alle und kamen zu einem großen tiefen Grabe, und über das Grab hinweg lag eine Stange. Die Katze sagte: »Wer auf der Stange über das Grab kommt, der hat seine Sünden gut gemacht.«

 

Die Katze machte selbst den Anfang und war hinüber wie der Wind. Der Hase ihr nach, fiel aber in das Grab. Dann schritt der Fuchs hinüber: bis zur Hälfte kam er, da glitt er hinein. Der Wolf kletterte auf die Stange: er schlug mal mit dem Schwanz, da lag er schon drin. Der Bär versuchte auch sein Glück, doch hatte er kaum die Vordertatzen auf der Stange, da war er schon auf die anderen gefallen mit samt der Stange.

 

So lebten sie nun einige Zeit im Grabe, da fing der Hunger an, sie zu plagen. Was nun beginnen? Der Fuchs half aus der Verlegenheit: »Wir wollen singen! Wer die leiseste Stimme hat, den fressen wir auf.« Prächtig! Sie fingen an zu singen: der Bär brüllte so auf, daß der Sand von den Wänden rieselte, der Wolf heulte, daß die anderen taub wurden; was konnte neben ihnen der Hase mit seinem Gepiepse! Der Hase wurde verspeist. Der Fuchs hatte überhaupt den Mund nicht aufgetan, er hörte zu und gab das Urteil ab, wie die Stimmen der anderen geklungen hatten.

 

Mit dieser Nahrung lebten sie einige Tage, da stellte sich wieder das alte Übel ein: der Hunger. Sie fingen wiederum an zu singen. Der Bär brummte wohl so, daß der Boden erzitterte, doch die Stimme des Wolfes ist schriller: der Bär wurde verspeist. Der Fuchs, das schlaue Tier, fraß, soviel er nur konnte, außerdem stopfte er noch von des Bären Eingeweide unter seinen Sitz.

 

So lebten sie wiederum einige Tage, da fing der Wolf an zu jammern: »Füchschen, Gevatterchen, der Magen knurrt, ich möchte was zum Fressen!« - »Wie soll ich dir helfen, ich selbst fresse schon meine eigenen Eingeweide!« Mit diesen Worten holte er unter seinem Sitz des Bären Darm heraus und verspeiste ein Stückchen.

 

»Füchschen, Brüderchen, laß mich auch davon schmecken!« - »Meinetwegen, Onkelchen, ich geb dir vom eigenen Körper, das wirst du mir nicht vergessen!« Der Fuchs gab dem Wolf ein Endchen vom Darme, und jener verschlang es gierig - der Fuchs wollte nichts mehr geben und sagte: »Nimm von den deinigen!« - Der Wolf hatte an der Speise Geschmack gefunden; er fing an, die eigenen Gedärme herauszureißen, und endete auf der Stelle.

 

Der Fuchs blieb allein nach und verspeiste den Wolf; er saß und saß; wie lange aber willst du ohne Essen sitzen! Was nun anfangen? Da sah der Fuchs: ein Star hüpfte am Rande des Grabes; er fing an, dem Star zu drohen: »Hör einmal, Star! Sieh zu, daß du mich aus dem Grabe schaffst, sonst freß ich deine Jungen bis auf das letzte!« - »Aber wie soll ich dich heraus schaffen?« - »Hol Ästlein, wirf Reisig!« Der Star schleppte und schleppte, daß ihm die Augen quollen, bis das Grab gefüllt war und der Fuchs hinaus konnte.

 

»Hör du, Star, gib mir was zu fressen, sonst freß ich deine Jungen!« - »Wo soll ich was her nehmen?« - »Sieh, da geht eine Mutter mit ihrem Sohn zur Taufe, die tragt in einer Schale Kuchen. Flieg ihnen um den Kopf, immer um den Kopf, dann legt die Mutter den Kuchen nieder und geht eine Rute schneiden.« Der Star flog und flog, die Frau ging, eine Rute zu schneiden, um den Star zu jagen; unter dessen besorgte der Fuchs den Kuchen.

 

»Hör du, Star, schaff mir zu trinken, sonst freß ich deine Jungen!« - »Wie soll ich das anfangen?« - »Sieh, da fährt ein Mann zur Hochzeit, ein Faß Bier hat er auf dem Wagen; flieg um den Zapfen des Fasses, der Mann schlägt nach dir und schlägt zugleich den Zapfen heraus.« Der Star flog um den Zapfen, der Mann scheuchte ihn mit der Peitsche und schlug den Zapfen heraus: das Bier strömte im Bogen hervor wie nur je aus dem Spundloch; der Fuchs pumpte sich den Magen voll, nahm sich auch den Kopf voll.

 

»Hör du, Star, jetzt schaff mir, worüber ich lachen kann, sonst freß ich deine Jungen!« - »Aber wie soll ich das machen?« - »Sieh mal, da drischt ein Vater mit seinem Sohn; flattre um den Kopf des Vaters, nur immer um den Kopf des Vaters; der Sohn langt nach dir mit dem Dreschflegel, schlägt dabei dem Vater um die Ohren - dann hab ich zu lachen genug.« Der Star flatterte um den Kopf des Vaters, der Sohn wollte ihn vertreiben und versetzte dabei dem Vater einen gesalzenen Hieb: der Fuchs klatschte vor Freude mit den Tatzen und lachte so, daß ihm der Magen zitterte.

 

»Hör du, Star, jetzt sieh zu, daß ich springen kann!« - »Aber wie soll ich das machen?« - »Wir wollen aufs Gut! Da wart ich hinter dem Zaun, du gehst hinein und rufst: 'Laßt die Windhunde los, die Windhunde laßt los, der Fuchs ist hinter dem Zaun!' - dann kann ich springen, soviel das Herz nur begehrt.« Sie gingen beide aufs Gut, der Fuchs blieb hinter dem Zaun, der Star rief die Windhunde heraus. Die kamen alle mit Gesaus und Gebraus und fingen an, dem Fuchse nach zu jagen; sie jagten und jagten, doch ohne Erfolg - der Fuchs verschwand wie der Wind und rettete sich in seine Höhle.

 

In der Höhle fragte er seine Füße: »Was tatet ihr zu meiner Rettung?« - »Wir gruben, wir gruben, damit der Fuchs davon käme.« - »Aber ihr Hinterfüße, was tatet ihr?« - »Wir sprangen, wir sprangen, damit der Fuchs davon käme.« - »Aber ihr Augen?« - »Wir wiesen getreulich den Weg, damit der Fuchs davon käme.« - »Aber du, Nase, was tatest du?« - »Ich schnupperte, ich roch, damit der Fuchs in seine Höhle käme.« - »Aber ihr Ohren?« - »Wir hörten nur und hörten, woher Gefahr käme.« - »Nun, und du, Schwanz?« - »Ich schlug an die Bäume, ich zerrte am Gesträuch, damit man den Fuchs finge.« - »Aha, also das tatest du! Da hast du, Hund, friß den Schwanz auf!« Der Fuchs steckte den Schwanzbüschel aus der Höhle, da wartete auch gerade ein Hund, der schnappte zu, fraß den Schwanz und auch den Fuchs.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER REICHE DRISCHT ...

Brand auf dem Bauernhof

 

Als Jesus noch auf Erden wandelte, kam er eines Abends mit seinen Jüngern zu einem reichen Bauern und bat ihn um ein Nachtlager. Der Bauer gab ihnen aber keins, sondern sagte, er habe dafür keinen Raum.

 

Darauf ging Jesus zu einem armen Bauern, um ihn um ein Nachtlager zu bitten. Der Arme antwortete, ein Nachtlager möchte er ihnen wohl um Gottes willen gewähren, er könne aber dennoch keine Fremden beherbergen, weil er morgen dresche. Doch Jesus versprach ihm, mit seinen Jüngern beim Dreschen zu helfen. Unter dieser Bedingung erhielten sie denn auch das Nachtlager.

 

Als man am Morgen zu dreschen anfing, nahm Jesus einen Kienspan und steckte die trockenen Halme an. Die flammten sofort auf. Der Bauer erschrak bei diesem Anblick furchtbar. Jesus aber ging mit einem Stock ums Feuer herum und sprach: »Sachte, sachte, Laurits, geh nicht ins Lattenwerk!«

 

Das Feuer hörte das und brannte ruhig und ganz sachte. Als es am Verlöschen war, fand man hier die Körner und dort die Spreu. Der reiche Bauer hörte von diesem Dreschverfahren. Er versuchte es sofort nachzumachen. Sowie er aber die Halme angesteckt hatte, flammte das Feuer augenblicklich auf und wollte aufs Lattenwerk hinüberspringen. Wohl rief der Mann: »Sachte, sachte, Laurits, geh nicht in den Dachraum!« - das half aber gar nichts, das Feuer griff doch in den Dachraum hinein.

 

Schließlich schrie der Mann, indem er ums Feuer herum sprang: »Laurits, Teufel, was hast du im Dachraum zu suchen!« Aber dennoch brannte das Haus bis auf den Grund nieder.

 

Diesmal übernachtete Jesus dort in der Nähe. Ein Jünger ging hinaus und sah den Feuerschein. Er kam in die Stube und sprach: »Draußen sieht es böse aus!« Jesus drehte sich aber auf die andre Seite und sprach: »Das hat nichts zu bedeuten; da drischt bloß der Reiche!«

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER KLUGE RATGEBER ...

Eine wundersame Begegnung

 

Einst machte ein Jüngling auf seinem Wanderweg an einem großen Stein Rast, um sich zu stärken, und als er satt war, streckte er die müden Glieder aus und lehnte den Kopf an den Stein. Im Schlaf suchten ihn komische Träume heim. Es war, als hätte an seinem Ohr eine tiefe, summende Stimme gesungen. Noch komischer aber war, daß diese Stimme auch dann weiter sang, als er schon erwacht war. Dem Jüngling schien, als käme die Stimme aus dem Stein oder unter diesem hervor. Er drückte das Ohr fest an den Stein und hörte nun deutlich, daß das Summen aus dem Stein kam.

 

Als er genauer hin hörte, vernahm er folgende Worte: »Glückskind! Rette mich aus meiner langen langweiligen Gefangenschaft! Siebenhundert Jahre schon muß ich durch einen Zauber hier schmachten, und auch der Tod erlöst mich nicht. Du bist bei Sonnenaufgang am Himmelfahrtstag zur Welt gekommen, und nur du allein kannst mich erlösen, wenn du den guten Willen hast, zu helfen!«

 

Der Jüngling erwiderte zweifelnd: »Ich weiß nicht, ob Kraft und Wille gleich stark sind. Erzähle mir zuerst, wie du ins Unglück geraten bist, und dann rate mir, wie ich dir helfen könnte.« Das verborgene Stimmchen sagte: »Schneide dort, wo sich drei Güter treffen, vom Vogelbeerbaum einen Zweig, einen Finger dick und eine Spanne lang, nimm ein paar Handvoll Bärlapp und Hexenkraut, zünde alles zusammen an und beräuchere den Stein neunmal im Kreis gegen Sonnenaufgang, so daß kein Fleckchen unberäuchert bleibt. Dann werden sich die Tore meines Kerkers öffnen, und ich werde mich wieder der Sonne und des Windes erfreuen können. Ich werde dir für deine Wohltat grenzenlos dankbar sein und dich zu einem großen Mann machen.«

 

Der Jüngling überlegte ein Weilchen und sagte dann: »Dem Nächsten in der Not zu helfen, ist eines jeden Menschen Pflicht. Ich weiß zwar noch nicht, ob du ein guter oder ein böser Geist bist, aber ich will dir in deiner Not helfen. Doch bevor ich es tue, mußt du mir schwören, daß keinem Menschen daraus Schaden erwächst.« Das verborgene Stimmchen gelobte dem Jüngling, all seine Wünsche zu erfüllen. Nun ging der Jüngling in den Wald, um das nötige Holz und die Kräuter für die Beräucherung zu suchen. Zum Glück kannte er die Stelle, wo sich drei Güter trafen und die nicht zu weit entfernt war. Es dauerte aber trotzdem bis zum Mittag des nächsten Tages, bis er alles Notwendige beisammen hatte. So war er erst gegen Abend wieder bei dem Stein zurück.

 

Eine ganze Weile nach Sonnenuntergang begann er, den Stein zu beräuchern, machte, wie geheißen, neun Kreise gegen Sonnenaufgang um den Stein und gab acht, daß auch nicht das kleinste Fleckchen unberäuchert blieb. Als er gerade die neunte Runde beendete, donnerte es plötzlich gewaltig. In diesem Augenblick hob sich der Stein aus der Erde. Aus der Grube des Steins sprang wie der Wind ein kleines Männlein hervor und lief davon wie vom Teufel geritten. Es war aber noch keine fünf Schritte weit, da fiel der Stein ins Loch zurück und überschüttete den Jüngling und das Männlein mit Schutt und Staub. Das Männlein lief zu dem Jüngling, fiel ihm um den Hals und hätte ihm sogar Hände und Füße geküßt, doch jener sträubte sich. Dann setzten sich beide neben den Stein ins Gras, und das gerettete Männlein erzählte, was ihm zugestoßen war.

 

»Vor langer, langer Zeit war ich ein berühmter Weiser, ich tat den Menschen viel Gutes und wurde dafür reichlich belohnt. Ich heilte Menschen und Tiere, wenn ihnen etwas zustieß. Ebenso vereitelte ich den bösen Hexen das Werk, das sie zum Schaden der Menschen betrieben. Deshalb haßten sie mich und fürchteten sich vor mir wie vorm Feuer, denn ich war ihnen in allem überlegen. So rieten sie hin und her, wie sie meiner mächtig werden könnten, doch ich war jedesmal schlauer und vereitelte somit alle ihre Vorhaben. Schließlich legten sie eine große Menge Geld zusammen und sandten es mit einem Boten ins Nordland, wo sie einen mächtigen Hexenmeister zu Hilfe riefen. Diesem Bösewicht gelang es, mich durch Gerissenheit zu fangen.

 

Heimlich entwendete er mir mein Werkzeug der Heilkunst und sperrte mich unter diesen Stein, wo ich so lange schmachten sollte, bis das Glück einen Mann herbei führe, der am Himmelfahrtstage bei Sonnenaufgang geboren war. Siebenhundert Jahre mußte ich hier warten, bis der glückliche Augenblick kam, daß du vorbei gingst, meine flehende Bitte zu Herzen nahmst und mich befreitest. Hab Dank, unendlich viel Dank für deine Güte! Ohne Entgelt werde ich dir dienen und dankbar sein, all meine Macht und Weisheit in deine Dienste stellen, bis ich dich so hoch erhoben habe, wie es für einen Sterblichen nur möglich ist.

 

Habe ich dieses Versprechen erfüllt, werde ich dich um Hilfe bitten, um meinem Feind alles Böse zu vergelten, sollte das Glück ihn mir zu Augen bringen. Bis zu diesem Tag werde ich mich vor den Blicken der Menschen verborgen halten, damit meine Feinde von meiner Befreiung nichts erfahren. Durch Zauberkraft vermag ich, jede beliebige Gestalt anzunehmen. So kann ich mich in einen Floh verwandeln und in deiner Hosentasche leben. Brauchst du jemals Hilfe oder Rat, werde ich hinter dein Ohr springen und sagen, was du zu tun hast. Wegen Speis und Trank brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich habe siebenhundert Jahre ohne einen Bissen unterm Stein verbracht, was sollte mir nun an frischer Luft und bei hellem Sonnenschein fehlen? Laß uns schlafen gehen, morgen früh machen wir uns auf den Weg, unser Glück zu versuchen.«

 

Als das Männlein nichts mehr sagte, verzehrte der Jüngling sein dürftiges Abendbrot und legte sich zur Ruhe. Als er am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmelszelt, vom gestrigen Gefährten aber fehlte jede Spur. Schlaftrunken wußte der Jüngling nicht, was er von all dem halten sollte. War das Geschehene Wirklichkeit, oder hatte er nur geträumt?

 

Als er nun gefrühstückt hatte und sich gerade auf den Weg machen wollte, sah er drei Wanderer des Weges kommen. Diese sahen wie Handwerker aus, und jeder hatte einen Ranzen auf dem Rücken. Plötzlich fühlte der Jüngling ein Kitzeln hinterm Ohr, und eine feine Stimme summte ihm wie eine Mücke zu: »Lade die Wanderer zur Rast ein, und versuche zu erfahren, wohin der Weg sie führt!« Nun erinnerte sich der Jüngling, daß der gestrige Gefährte ihm versprochen hatte, in seiner Hosentasche zu leben und sein Ratgeber zu sein. Also war das Geschehene Wirklichkeit und kein Traum.

 

Er trat den Wanderburschen entgegen und bat sie freundlich, am Stein Rast zu machen, und falls sie den gleichen Weg hätten, zu viert weiterzuziehen. Die Wanderburschen erzählten ihm nun, daß sich in der Königsstadt vor ein paar Tagen ein großes Unglück zugetragen habe, die einzige Tochter des Königs soll beim Baden im Fluß ertrunken sein. Und obwohl das Wasser an dieser Stelle gar nicht allzu tief gewesen war, konnte man den Leichnam nicht mehr finden, als hätte sich die Königstochter im Wasser aufgelöst.

 

Wieder verspürte der Jüngling das vertraute Kitzeln hinterm Ohr, und sein geheimer Ratgeber summte ihm zu: »Geh mit ihnen, du kannst dort dein Glück finden!« Der Jüngling folgte dem Rat und gesellte sich zu den anderen. Als sie schon ein gutes Stück des Weges gegangen waren, gelangten sie in einen dichten Kiefernwald. Da sahen sie am Wege einen alten Bastranzen liegen. Der Ohrkitzler sprach: »Heb den alten Bastranzen auf, er wird euch von Nutzen sein!« Obwohl der Jüngling ihm nicht recht Glauben schenken wollte, hob er den Ranzen dennoch auf, hing ihn sich über und sagte schmunzelnd: »Der Mensch soll nicht verschmähen, was er zufallig am Wege findet. Wer weiß, wo dieser alte Ranzen uns zugute kommt.« Die Gefährten lachten darauf und erwiderten: »Von uns aus nimm ihn mit, der leere Ranzen wird deiner Schulter nicht schwer fallen.« .

 

Aber schon nach einigen Stunden sollten sie die geheimen Kräfte des Ranzens kennen lernen und sich beim Jüngling bedanken, das verschmähte Ding aufgehoben zu haben. Die brennende Mittagssonne trieb den Männern den Schweiß aus den Poren. Sie setzten sich unter einen schattigen Baum zur Rast und gedachten gerade, sich mit ihrer kargen Wegzehrung zu stärken, als der Ohrkitzler seinem Herrn ins Ohr summte: »Befiehl dem Ranzen, die Mahlzeit zu besorgen!« Der Jüngling dachte: >Will er mich auch zum besten haben, warum sollte ich meinen Gefährten einen Streich spielen?< Aber er band den Ranzen ab, legte ihn vor sich aufs Gras, klopfte mit dem Wanderstab darauf und rief: »Ranzen, Ranzen, schaffe uns eine Mahlzeit herbei!«

 

Hat man je auf der Welt gesehen oder gehört, was jetzt geschah! Die im Scherz gesprochenen Worte wurden wahr. An Stelle des Ranzens stand vor ihnen ein kleines weiß gedecktes Tischlein voller Schüsseln mit allerlei Speisen und vier Löffeln daneben. Und was für leckere Sachen es dort gab! Eine Kraftbrühe aus frischem Fleisch, Schweinebraten, Würstchen und Kuchen aus feinstem Mehl, für den Durst aber Flaschenbier, Schnaps und Honigwein. Die Männer machten sich darüber her, ohne gebeten zu werden, als säßen sie am Hochzeitstisch, denn noch nie im Leben hatten sie eine solche leckere Festspeise zu Munde bekommen. Als sie alle satt waren, verschwand das Tischlein ebenso plötzlich wie es erschienen war, und anstelle dessen lag wieder der alte Ranzen da.

 

Hatten die drei Gefährten sich anfangs über den Ranzenträger lustig gemacht, so wollte nun ein jeder den Ranzen selbst tragen, und schließlich drohte deshalb sogar ein Streit auszubrechen. Der Finder des Ranzens sagte aber: »Ich habe den alten Ranzen aufgehoben, also glaube ich mit Recht, er gehört mir.« Das konnten die anderen nicht bestreiten, und so mußten sie denn den Ranzen dem Finder überlassen. Doch wollten sie nun nicht mehr, daß der Ranzen so einfach auf dem Rücken getragen wird. Einer der Wanderer, ein gelernter Schneider, nahm Nadel und Faden aus seinem Ranzen und nähte für den alten, zerfetzten Ranzen aus einem Brotbeutel einen Überzug, in den sie den Nahrungsspender behutsam legten, damit er unterwegs nicht zufällig beschädigt würde.

 

Als die Männer sich nach dem Mittagsmahl ein paar Stunden ausgeruht hatten, machten sie sich eiligst wieder auf den Weg. Ein voller Bauch und ein von Hoffnung beschwingtes Herz sind auf Wanderwegen stets die heitersten Begleiter. Das war auch unseren Wandersleuten anzusehen, die singend und scherzend voran schritten. Am Abend richteten sie unter einem Busch ein Nachtlager, und der Ranzen sorgte wie am Mittag reichlich für Speis und Trank.

 

Als die Männer sich zur Ruhe legten, war die größte Sorge für sie, wie sie den Ranzen bewachen sollten, daß er nicht einem Bösewicht in die Hände fiel. Zuletzt beschlossen sie, daß alle vier ihren Kopf auf den Ranzen legen und die Beine in Richtung Norden und Süden, Osten und Westen strecken sollten. Der Finder des Ranzens band außerdem noch ein Ende seines Gürtels an den Ranzen und das andere an die linke Hand, so daß er jede Bewegung des Ranzens bemerkt hätte. Obwohl sie ihren Speisespender nicht besser hätten bewachen können, wurden die Männer durch unruhige Träume mehrmals aus dem Schlaf geschreckt, wobei es das erste war, nachzufühlen, ob sich ihr Schatz noch an Ort und Stelle befand.

 

Am Morgen, bevor sie aufbrachen, schaffte der Ranzen auf Befehl im Handumdrehen das Frühstück herbei. So wiederholte sich das Glück jeden Tag, bis sie nach einer Woche in die Königsstadt gelangten. Dort summte der Ohrkitzler seinem Retter ins Ohr, die Königstochter sei von einem bösen Wassermann entführt und in seine Höhle verschleppt worden, und er versprach, ihm den Weg zu weisen, wo die Jungfrau verborgen gehalten werde.

 

Zunächst aber riet er dem Jüngling, vor den König zu treten und zu versprechen, er wollte die ertrunkene Königstochter aus dem Wasser holen. Sollte ihm dabei etwas zustoßen und er nicht mit dem Leben zurück kehren, müßte der König sich verpflichten, die Hälfte der versprochenen Belohnung seinen Eltern zu schicken, die andere Hälfte aber unter den Armen der Stadt zu verteilen. Obwohl der König nicht die geringste Hoffnung hegte, nach so langer Zeit auf die Spur der verschollenen Tochter zu kommen, nahm er das Anerbieten des Jünglings voller Freude an und versprach, mit der Belohnung so zu verfahren, wie der Jüngling es wünschte.

 

Am folgenden Tage sollte der Jüngling sein Glück versuchen. Als sie das königliche Schloß verließen, summte der Ohrkitzler: »Fang dir heute Abend drei Krebse, sie werden dir den Weg weisen!« Der Jüngling tat, wie geheißen. Am nächsten Tag versammelten sich die Menschen in Scharen am Ufer, wo der Jüngling ins Wasser steigen sollte, um die verschwundene Königstochter zu suchen. Auch der König kam in Begleitung vieler würdiger Amtsträger, um dem Versuch des fremden Jünglings zuzusehen. Dann wurde die Kammerjungfer gerufen, die die Stelle zeigen sollte, wo die Königstochter in den Wogen verschwunden war, denn die Jungfer saß an diesem Tag am Ufer und sah mit eigenen Augen, wie sich die traurige Geschichte zugetragen hatte.

 

Es war gleich zu sehen, daß man an dieser Stelle unmöglich hätte ertrinken können. Das Wasser war keine drei Fuß tief, der Grund fest und die Strömung sehr schwach. Mehr als dreihundert Schritt Fluß abwärts fand man zwar eine sehr tiefe Stelle, aber wie konnte die Königstochter so weit abgekommen sein? Mit rechten Dingen konnte es hier nicht zugehen. Der Ratgeber summte dem Jüngling ins Ohr: »Setze heimlich einen Krebs ins Wasser, und paß auf, welche Richtung er einschlägt!«

 

Der Jüngling tat augenblicklich, wie ihm geheißen. Er steckte eine Hand ins Wasser, als messe er die Tiefe des Wassers, und setzte dabei einen Krebs hinein, so daß niemand es sah. Der Krebs schwamm etwa zwanzig Schritt Strom abwärts, drehte dann plötzlich nach links und verschwand unter dem Ufer. Der zweite und der dritte Krebs folgten dem Beispiel des ersten. Nun summte der Ratgeber dem Jüngling ins Ohr: »Den Weg kennen wir jetzt, es ist auch unser Weg. Stampfe dreimal mit dem Absatz aufs Ufer und springe dann kopfüber ins Wasser. Wir werden den rechten Weg schon finden!« Der Jüngling tat, wie befohlen, stampfte dreimal auf und sprang kopfüber ins Wasser, daß es nur so schäumte. Das Volk am Ufer harrte still der Dinge, die nun folgen sollten.

 

Unter dem Ufer fand der Jüngling eine Öffnung zu einer Höhle, in die ein Mensch bequem hinein paßte. »Kriech hinein!« rief der Ratgeber. Als der Jüngling eine Weile mit Mühe voran gekrochen war, wurde der dunkle Gang plötzlich so breit, daß er aufrecht weitergehen konnte. Der Ratgeber riet ihm, mutig voran zu schreiten. Eine Weile später fiel ein Lichtschimmer auf den dunklen Weg, und bald umgab den Jüngling wieder helles Licht. Vor ihm öffnete sich eine weite grüne Wiese, und etwas weiter stand ein großes Wohnhaus aus blauem Stein.

 

»Merke dir nun gut, was ich dir sage«, sprach der Ratgeber, »und führe alles genau so aus, sonst wirst du die Königstochter nie aus ihrer Gefangenschaft befreien. Die Königstochter lebt dort im blauen Haus des Wassermanns. Zwei Bären bewachen Tag und Nacht das Tor, so daß kein Lebewesen hinein noch hinaus kann. Du mußt sie versöhnen. Nimm deinen Ranzen, und befiehl ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln, wenn wir bei dem Tor sind. Wirf ihn den Bären zu, und schleiche dich hinter ihren Rücken ins Haus. Dort werden wir weitersehen.«

 

Als der Jüngling zum Tor gelangte, hörte er das Brummen der Bären und erschrak. Als er aber die Tiere selbst durch einen Spalt des Tores erblickte, rutschte ihm das Herz vollends in die Hosentasche. Dennoch warf er den Ranzen ab und befahl ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln. Im Handumdrehen stand ein Bienenstock vor ihm, aber so schwer, daß er ihn nicht zu bewegen vermochte. Doch die Bären hatten den Honig gewittert, sie stießen das Tor auf und machten sich über den Bienenstock her, ohne sich um den Jüngling zu kümmern. Dieser eilte hinter ihren Rücken auf den Hof und geradewegs zur Haustür, die zum Glück nicht verschlossen war. Der Ratgeber summte:

 

»Die rechte Kammertür hat einen goldenen Schlüssel, schließe damit die Tür ab und stecke den Schlüssel ein, dann kann der alte Wassermann nicht mehr heraus. In der linken Kammer mit dem silbernen Schlüssel schmachtet die Königstochter, die du befreien mußt.« Als der Jüngling mit dem goldenen Schlüssel die Tür abgeschlossen hatte, hörte er aus der Kammer ein so fürchterliches Gejaule, daß die Wände wackelten. Er steckte den Schlüssel in die Tasche und eilte zur Tür mit dem silbernen Schlüssel. Als er die Tür öffnete, sah er die Königstochter auf dem Bettrand sitzen und bitterlich weinen. Als sie den fremden Jüngling erblickte, erschrak sie heftig, aber als er ihr erzählte, daß er gekommen sei, um sie zu befreien, lief sie ihm voller Freude entgegen.

 

Der Jüngling sagte zu ihr: »Wir dürfen nicht länger hier bleiben, wir müssen fliehen, bevor die Bären den Bienenstock leer gemacht haben!« Dann faßte er die Königstochter bei der Hand und zog sie mit sich vor die Tür des Hauses. Die Bären waren so mit dem Bienenstock beschäftigt, daß sie ihr Kommen überhaupt nicht bemerkten. Auf Zehenspitzen schlichen sich die beiden zum Hoftor hinaus. Der Jüngling schloß das Tor von außen ab, so daß die Bären nicht mehr heraus kommen konnten, und sie machten sich flugs auf den Weg.

 

Der Ratgeber aber summte an seinem Ohr: »Ruf den Ranzen zurück!« Der Jüngling rief: »Ranzen, mein Ranzen, komm heim!« Augenblicks hatte er den Ranzen wieder auf dem Rücken. Als sie zur dunklen und engen Stelle des Weges gelangten, sagte der Jüngling zur Königstochter: »Fürchtet Euch nicht vor der Dunkelheit und der Enge, gleich sind wir da. Im Wasser drückt die Augen zu, bis ich Euch ans Ufer getragen habe.« Nun war der Gang aber viel breiter als beim Hereinkommen, so daß beide ungehindert voran kamen. Im Wasser des Flusses nahm er die Königstochter auf die Arme und trug sie ans Ufer.

 

Die meisten der Schaulustigen waren schon nach Hause gegangen, denn sie dachten, den Jüngling nie wieder zu sehen. Der König aber saß mit seinem Gefolge noch am Ufer und sprach über das unglückliche Ereignis, als im Wasser plötzlich zwei Köpfe auftauchten. Wer könnte die Freude des Königs beschreiben, als er die für tot gehaltene Tochter quicklebendig vorfand. Der König fiel mal der Tochter, mal ihrem Retter um den Hals und vergoß Freudentränen. Ebenso weinten alle Menschen, die noch da waren, vor Freude. Als die freudige Nachricht aber mit Windeseile in die Stadt gelangte, strömte das Volk in Scharen herbei, um das Wunder selbst zu sehen.

 

Auf Befehl des Königs mußte der Retter seiner Tochter mit aufs Schloß kommen, wo ihm die königliche Belohnung ausgezahlt wurde, dreimal mehr, als man ihm versprochen hatte. Am Abend, als der Jüngling sich im prächtigen Bett zur Ruhe legen wollte, summte der Ratgeber an seinem Ohr: »Du darfst nicht länger als ein paar Tage hier bleiben, dann müssen wir weiter ziehen, denn nun bist du auf einmal sehr reich geworden. Ich glaube, der König würde mit der Zeit aus dir seinen Schwiegersohn machen, aber das wäre nicht gut. Du bist noch zu jung und unerfahren, es wäre nichts für dich, so hoch in Ehren zu stehen. Laß uns lieber in die weite Welt ziehen, bis du älter und erfahrener wirst!«

 

Obwohl dieser Rat dem Jüngling nicht besonders gefiel, beschloß er, auch jetzt nach seinem Rat zu handeln. Der König und die Königstochter baten zwar, er möge etwas länger ihr Gast sein, doch er durfte ihnen nicht nachgeben, denn das Männchen hatte ihm anders geraten. Als reicher Mann hätte er nun nicht mehr zu Fuß laufen müssen, sondern hätte in einer schönen Kutsche fahren können, da er aber keine Eile hatte und der Ranzen täglich für Speis und Trank sorgte, wanderte er wie gewohnt mehr zu Fuß als zu Pferde.

 

Eines Tages, als ihm gerade die Beine müde geworden waren, wurde er wieder hinterm Ohr gekitzelt, und das bekannte Stimmchen summte: »Du wirst verfolgt, und man will dir den Ranzen rauben, denn deine ehemaligen Gefährten haben in der Stadt über den wunderlichen Ranzen geplaudert, und alle möchten ihn nun in ihren Besitz bringen. Such dir eine Keule aus hartem Eichenholz, so lang, daß sie gerade in den Ranzen paßt. An einem Ende mach ihr ein Loch und gieß Blei hinein, dann wirst du einen wackeren Helfer haben, der dich vor deinen Feinden schützt.« Der Jüngling befolgte den Rat noch am selben Tage. Er schnitzte sich eine schwere Keule und steckte sie in den Ranzen.

 

Am nächsten Vormittag, als der Jüngling gerade durch einen dichten Wald ging, sprangen zehn Mann aus dem Dickicht und wollten ihn berauben. Der Ohrkitzler summte an seinem Ohr: »Hol die Keule aus dem Ranzen!« Der Jüngling holte die Keule hervor, und sieh, welch Wunder! Plötzlich war die Keule wie lebendig. Sie sprang den Räubern auf den Buckel und gerbte ihnen tüchtig das Fell, daß sie mehrere Tage lang lagen, ehe sie wieder laufen konnten.

 

An einem schönen Sommerabend gelangte der Wandersmann in ein großes Dorf, wo die Jugend sich auf dem Dorfplatz gerade lustig vergnügte. Die einen schaukelten Lieder singend auf der Dorfschaukel, andere schwangen nach der Musik der Ziehharmonika das Tanzbein. Plötzlich spürte der Wandersmann, der dem lustigen Treiben zusah, wie es hinter seinem Ohr kitzelte und summte: »Zu einer glücklichen Stunde sind wir her gekommen, denn auch mein Feind vergnügt sich hier. Wenn es uns gelingt, wie ich es mir gedacht habe, und wenn du genügend geschickt bist, werden wir ihn heute erwischen, und ich werde ihm das heimzahlen, was er verdient hat.

 

Schau dir genau die Mädchen an, du findest dort eine, die an Stelle von Perlen ein fingerdickes Band um den Hals trägt. Versuche, mit dem Mädchen zu tanzen, und wenn ihr euch am schnellsten dreht, mußt du nach dem bunten Halsband greifen und es zerreißen, auch wenn du das Mädchen dabei erwürgst! Sie ist zäh wie eine Katze, ein wenig drücken schadet ihr gar nichts!« Der Jüngling begab sich sofort auf die Tanzfläche, wo er aber eine Zeit lang suchen mußte, bis er unter den anderen das Mädchen mit dem bunten Halsband fand, dem die Burschen wegen ihrer Schönheit und ihres bauschigen Lockenkopfes wenig Ruhe gönnten.

 

Sobald unser Jüngling den rechten Augenblick fand, da das Mädchen gerade nicht im Arm eines anderen Burschen war, forderte er es zum Tanz auf. Mitten im größten Schwung griff er mit der rechten Hand nach dem bunten Halsband und zerriß es, daß die Stücke in alle Winde flogen. Ein herzzerreißendes, fürchterliches Wehgeheul — und das Mädchen war verschwunden! Die jungen Leute ringsumher erschraken fürchterlich über das Gebrüll.

 

Dann sahen sie ein graues Männlein mit einem langen Bart, das flink dem dichten Walde zu lief, und einen anderen, der sich ihm auf den Fersen hielt, so daß der erstere nicht entkommen konnte. Die Entfernung und die Abenddämmerung brachten die beiden den Zurückgebliebenen bald aus den Augen, deshalb setzte das junge Volk allmählich sein Vergnügen wieder fort, als wäre nichts geschehen. Unser Jüngling sah dem lustigen Treiben noch eine gute Weile zu und machte sich dann auf, um für sich ein stilles Fleckchen zu suchen, wo er übernachten könnte.

 

Er war noch nicht weit aus dem Dorf, als er hinter sich jemanden mit schnellen Schritten kommen hörte. Er schaute sich um und sah, daß ein fremder Mann ihm folgte. »Warte, Brüderchen!« rief der Fremde. »Laß uns gemeinsam gehen! Oder erkennst du mich nicht? Ich bin wieder groß und stark geworden und fremd für dein Auge, doch bin ich wie vorher dein Schuldner, weil du mich aus siebenhundert jähriger Gefangenschaft erlöstest und heute meinen ärgsten Feind in meine Gewalt brachtest, so daß ich nicht mehr in deiner Hosentasche leben muß.«

 

Nun erzählte er dem Jüngling, wie er seinen Feind im Walde gefesselt habe, der ja nicht mehr entwischen konnte, denn mit dem zerrissenen Zauberhalsband, das nichts weiter als eine lebendige Schlange gewesen, war auch all seine Zauberkraft hin. Dem Feind aber sollte noch ein paar Tage lang mit einem Knüppel das Fell gegerbt werden, damit er den Ort angebe, wo er vor siebenhundert Jahren die drei Königstöchter und einen unermeßlichen Schatz verborgen hatte. »Finden wir den Schatz und die Königstöchter, bist du ein reicher und glücklicher Mann, wenn du es vermagst, die Königstöchter aus ihrem Zauberschlaf zu wecken.« Nach diesem langen Bericht stärkten sich beide aus dem Ranzen und legten sich danach zur Ruhe.

 

Am nächsten Morgen gingen sie in den Wald, um nach dem gefangenen Zauberer zu sehen. Da stand das arme Männlein, Hände und Beine mit einem starken Strick gefesselt und ein Querholz hinter den Knien, daß es wie ein zusammengerollter Igel aussah. Der weise Mann sprach: »Knüppel aus dem Ranzen!« Da sprang der Knüppel dem gefesselten Zauberer auf den Buckel und schlug drauflos, als wollte er ihm alle Glieder brechen. Der Zauberer flehte um Gnade und versprach, alles zu gestehen. Als man ihn aber nach den Königstöchtern und dem Schatz fragte, sagte er, er habe den Ort nach so langer Zeit vergessen.

 

Wieder wurde der Knüppel aus dem Ranzen gelassen. Da der Zauberer nun alle Hoffnung auf ein Entkommen verlor, gestand er schließlich, wo die Königstöchter und der Schatz zu finden wären. Der Weise sagte: »Du wirst mein Gefangener sein, bis wir alles gefunden haben. Du kannst aber nicht hierbleiben, wo dich zufällig ein Mensch finden könnte und aus Mitleid deine Bande lösen würde.« Mit diesen Worten hob er sich das Männlein wie ein Knäuel auf die Schulter und trug es an den Rand eines tiefen Abgrundes, wo er es hinab schleuderte, daß seine Knochen krachten. »Warte hier«, lachte der Weise, »bis wir wieder da sind!«

 

Dem Jüngling erklärte der Weise, daß sie zum gewünschten Ort nur durch Zauberkraft gelangten, weil es sonst zu weit wäre, und der Ranzen würde ihnen als Fuhrwerk dienen. Auf seinen Befehl verwandelte sich der Ranzen in einen Schweinetrog, wo beide gerade so viel Platz hatten, daß sie bequem sitzen oder liegen konnten. An beiden Seiten hatte der Trog Flügel. Als beide Männer drin saßen, erhob sich der Trog bis zu den niedrigsten Wolken und flog in Richtung Süden. Auf Befehl des Weisen spendete der Trog den beiden jeden Tag Speis und Trank wie vorher der Ranzen, so daß es ihnen an nichts fehlte. Auch wurde ihr Schifflein nie müde und eilte Tag und Nacht unaufhaltsam weiter.

 

Nach einer Woche befahl der Weise dem Trog, daß er sie absetze. Sie waren zu einer unendlich großen heißen Wüste gelangt, wo nichts weiter zu sehen war, als einige Ruinen von alten Wohnstätten. Der Weise verwandelte den Trog nun wieder in den Ranzen und gab ihn seinem Gefährten zu tragen, wobei er sagte: »Du hast noch einen Weg von einigen Tagen vor dir, ich darf dich aber nicht weiter begleiten.« Dann scharrte er unter einem Mauerrest den Sand beiseite, und alsbald kam dort eine Luke zum Vorschein. Als er die Luke anhob, öffnete sich ihnen eine Treppe. Dann fing der Weise eine große Fliege und steckte sie in ein kleines Schächtelchen. Dem Jüngling aber sagte er: »Wirst du gefragt, wer diese oder jene Königstochter sei, dann laß die Fliege los und paß auf, wo sie hinfliegt. Die Fliege wird dir die Jungfrau zeigen, nach der man dich gefragt hat.«

 

Danach machte sich der Jüngling auf den Weg, mochte es nun Glück oder Unglück bringen. Wie ihm schien, war er dann schon länger als eine Zeit zwischen zwei Mahlzeiten die dunkle Treppe hinab gestiegen, als er Müdigkeit in den Beinen und Hunger im Magen verspürte. Er setzte sich auf eine der Treppenstufen nieder, stärkte sich mit Speis und Trank, ruhte ein wenig und stieg dann weiter in die Tiefe. Nach einer Weile erfaßte sein Auge einen Lichtschimmer, und nach einer halben Stunde gelangte er in eine fremde Gegend, wo er ein stattliches Schloß erblickte. Munter schritt er darauf zu.

 

Am Tor kam ihm ein kleiner Alter mit grauem Haupt und Bart entgegen und sagte: »Komm, Brüderchen, versuche dein Heil! Kannst du mir sagen, welche die jüngste Tochter des Königs ist, so nimm ihre Hand, und die Schlafenden werden sogleich erwachen. Solltest du dich irren, fällst du in eben solchen Schlaf!«

Der Jüngling trat ein, holte heimlich das Schächtelchen hervor und folgte dem Alten, bis sie ins dritte Zimmer gelangten. Dort schliefen auf einem wunderschönen Seidenbett drei wunderschöne Jungfrauen, die sich aber alle drei so ähnlich sahen, daß man keinen Unterschied hätte machen können. Als der Jüngling sich die Mädchen eine Weile zögernd angeschaut hatte und weder ein noch aus wußte, ließ er die Fliege los. Sie flog im Zimmer hin und her und setzte sich schließlich auf die Stirn des mittleren Mädchens.

 

Der Jüngling trat näher, nahm die Hand der Jungfrau und sagte: »Das ist die jüngste Königstochter.« Im selben Augenblick erwachten die Königstöchter aus ihrem Schlaf, sie standen auf, und die jüngste Schwester fiel ihrem Retter um den Hals und sagte: »Sei willkommen, liebster Bräutigam, der du uns aus unserem langen Zauberschlaf erlöst hast. Jetzt aber laßt uns heim eilen.«

 

Auf dem Rückweg konnte der Jüngling nicht mehr die Treppe finden, als sie sich aber eine Weile durch den finsteren Gang getastet hatten, umgab sie plötzlich heller Sonnenschein. An Stelle der Wüste sahen sie grünende Gärten und Wiesen voller Blumen und an Stelle der alten Mauerreste ein stolzes Schloß, umgeben von einer großen Stadt.

 

Der Weise kam ihnen auf halbem Wege entgegen, nahm den Jüngling bei der Hand und führte ihn ein wenig abseits, an einen kleinen Teich mit klarem Wasser und Büschen am Ufer. »Schau in den Wasserspiegel!« befahl der Weise. Der Jüngling tat, wie geheißen, doch schien ihm, daß seine Augen ihn täuschten. Wohl hatte sein Antlitz sich nicht verändert, nur die prächtigen königlichen Kleider aus Samt und Gold kamen ihm recht fremd vor.

 

»Wo kommen die prächtigen Kleider her?« fragte der Jüngling. Der Weise erwiderte: »Das war der letzte Dienst, den dir der Ranzen erwiesen hat. Weiterhin brauchst du seine und meine Hilfe nicht mehr, denn in ein paar Tagen wirst du Schwiegersohn des Königs sein und späterhin selbst König werden, wenn der alte König seine müden Augen geschlossen hat. Damit hoffe ich, dir meine Schuld abgetragen zu haben.« — »Mehr als tausendfach!« rief der Jüngling freudig, und sie nahmen voneinander Abschied.

 

Nach einigen Tagen wurde die Hochzeit der jüngsten Tochter des Königs und des Jünglings gefeiert. Und als nach einem Jahr der alte König für immer die Augen schloß, wurde der Jüngling zum König ernannt, der wohl heute noch regiert, wenn er nicht gestorben ist.

 

Quelle: Estland

 

 

DER HAUSGEIST ...

Der kleine Mann am Herd

 

Ein Gutsherr hieß seinen Koch ein leckeres Gericht zubereiten. Da ward denn gleich ein großer Kessel aufs Feuer gesetzt, der sott allerlei Lammfleisch. Vor dem Kessel saß der Koch und schürte das Feuer.

 

Plötzlich kam unter dem Ofen aus dem Boden ein kleines Männchen hervor und bat den Koch: »Lieber Freund, laß mich ein wenig von der schönen Speise kosten! Ich bin so hungrig, und es ist mir so flau zumut wie einem Fischer!« »Darf's nicht tun«, versetzte der Koch, »wir haben selbst ein großes Hausgesinde!« »Gib mir nur ein Tröpfchen von der Suppe!« bat der Kleine von neuem. »Nun, so nimm!« sagte der Koch und reichte ihm den gefüllten Schöpflöffel hin.

 

Kaum aber war der Löffel in des Kleinen Hand, so hatte er im Augenblick den ganzen Kessel leer gegessen und war unter dem Ofen verschwunden. Der Koch erschrak. Was sollte er jetzt beginnen? Ging also der Ärmste hin zu seinem Herrn und erzählte ihm unter Jammern und Klagen den Hergang der Sache. Der Herr wollte seiner Rede anfangs keinen Glauben schenken, als aber der Koch bei Leib und Leben die Sache beschwor, ließ der Herr seinen Ärger fahren und befahl dem Koch, den Kessel von neuem aufzusetzen, fügte aber streng hinzu: »Sollte das kleine Männchen wiederkommen, so gib ihm mit dem Löffel tüchtig vor den Kopf!«

 

Der Koch machte sich ans Werk, und bald stand denn auch ein neues Festgericht auf dem Feuer. Wieder kam das Männchen unter dem Ofen hervor und bat den Koch, etwas von der Speise in das Säckchen zu füllen, das er am Halse trug. »Darf's nicht tun!« sagte der Koch. »Der Herr befahl mir, dich mit dem Löffel auf den Kopf zu schlagen!« »Schlag mich nicht, lieber Freund!« bat der kleine Mann. »Ich will dir auch beistehen, wenn du einmal in Not gerätst. Mein Weib daheim ist krank! Ich habe niemand, der mir ein Essen anrichtet oder Wasser herbei trägt. Laß mich nur einen Schöpflöffel voll Suppe in diesen Sack gießen, um die Arme etwas zu erquicken!«

 

Der Koch dachte bei sich: 'Er wird ja nicht so unverschämt sein wie vorhin, und wie viel wird denn sein krankes Weib aufessen können!' Er reichte also dem Männchen den Löffel hin. Im Augenblick war die ganze Suppe samt dem Fleisch in des kleinen Mannes Sack, er selbst aber verschwunden und der Kessel leer. Was nun? Der Koch klagte seine Not wieder seinem Herrn und jammerte noch lauter als das erste Mal, aber der Herr ward über die Maßen zornig, schalt ihn heftig und drohte, ihn sogleich aus dem Hause zu jagen, wenn er noch ein drittes Mal seines Amtes nicht besser zu walten wüßte. Den kleinen Mann aber solle er augenblicklich totschlagen, wenn er sich wieder in der Küche zeigen würde.

 

Abermals stand ein neuer Kessel auf dem Feuer, und abermals erschien das kleine Männchen. Der Koch ergriff den Schöpflöffel und rief: »Du Schelm, der Herr hat mir befohlen, dich auf der Stelle totzuschlagen!« Der Kleine bat: »Tu es nicht, lieber Freund! Wer weiß, ob dich nicht auch Mangel und Hunger dereinst erwarten! Dann will ich wiederum dir helfen, wenn ich es vermag. Mein kleines Kind daheim ist siech und mein krankes Weib gestorben; so habe ich jetzt gar niemanden, der mir Speise kochen oder einen Trunk herbei schaffen könnte. Gib mir doch für mein hilfloses Kind wenigstens einen halben Löffel Suppe!«

 

Dem Koch ward's wieder weich ums Herz, und wieder meinte der gute Mann: »Wieviel kann denn solch ein elendes Kind essen?« - »Da greif denn zu!« sagte er. Augenblicklich war aber der ganze Kessel wieder leer und der Kleine verschwunden. Jetzt hatte der Koch seinen Lohn zu erwarten. Mit zitternder Stimme meldete er seinem Herrn: »Der kleine Mann hat zum dritten Male die Suppe vom Feuer gestohlen!« »Fort mit dir, du Bösewicht«, schrie der Herr, »da du mir aber bisher treu gedient hast, will ich dir noch gestatten, über Nacht im Hause zu bleiben. Morgen früh aber schnür dein Bündel und troll dich fort!«

 

Darauf gab der Herr dem Fronvogt Befehl, die Suppe zu kochen, und sagte: »Wenn der Kleine sich abermals zeigen sollte, so schlag ihn auf der Stelle tot!« »Schon gut, Herr«, versetzte der Vogt, »ich will ihn tüchtig treffen!« Der Kessel kam wieder aufs Feuer, und da war auch schon der kleine Mann zur Stelle und bettelte um Suppe. »Also Suppe willst du Schelm?« schrie der Vogt und gab dem Kleinen mit dem Schöpflöffel einen solchen Schlag vor den Kopf, daß er wie ein Knäulchen zurück unter den Ofen rollte. Darauf wurde die Suppe fertig, und der Herr hatte seine Lust daran. »Jetzt wird der Kleine wohl nicht wiederkommen, um sich die Finger zu verbrennen!« sagte er.

 

Am nächsten Tage lud sich der Koch ein Säckchen mit seinen Sachen auf und schickte sich an, die Küche zu verlassen. Plötzlich stand der Kleine mit verbundenem Kopf vor ihm und sprach: »Komm, Freund, nimm auch von mir Abschied, ich will dir auch etwas auf den Weg mitgeben!« Der Koch folgte auch wirklich dem Männchen. Unter dem Ofen befand sich ein schönes, geräumiges Haus, wo allerlei seltsame Sachen und Geräte umher standen.

 

Der Kleine führte den Koch durch das erste Gemach in eine Kammer, blieb vor einem Bretterfach stehen und langte eine Schachtel herunter. »Hier, mein Freund«, sprach er zum Koch, »nimm den Lohn für deine Wohltat! Hast du irgend etwas nötig, so klopfe nur mit dem Zeigefinger auf den Deckel der Schachtel und nenne deinen Wunsch!« Der Koch bedankte sich für das Geschenk und kam wieder in die Küche zurück. Da stand auch gerade der Vogt in der Küche.

 

Der Koch zog sein Schächtelchen hervor, klopfte mit dem Zeigefinger auf den Deckel und sprach: »Einen Brotsack für den Wandersmann!« Augenblicklich war der Brotsack zur Stelle. So schaffte der Koch mit Hilfe des Schächtelchens noch viele andere Dinge herbei, und der Vogt konnte sich nicht genug darüber wundern. Endlich fragte er: »Sag doch, lieber Freund, wo hast du dies prächtige Schächtelchen her?« Der Koch teilte dem Vogt alles mit und ging dann seines Weges. 'Wenn es so steht', dachte der Vogt, 'so muß ich von dem kleinen Mann auch solch ein Schächtelchen haben. Den Backenschlag von gestern will ich schon wieder gut machen. Wart nur, der Kessel muß wieder aufs Feuer!'

 

Da stand nun der Vogt am Kessel, kochte und wartete, aber der Kleine zeigte sich nicht. Endlich rief der Vogt: »Freund, so komm doch zu Gast!« Sofort war der Kleine da. »Warum rufst du mich?« fragte er. »Ich habe vom Koch noch Speise in Hülle und Fülle zu Hause!« »So koste doch nur, es ist dir ja geschenkt!« sagte der Vogt. Der Kleine kostete von der Speise und sprach: »Schönen Dank! Aber komm jetzt mit mir, ich will dir alles vergelten!« »Was braucht's da vieler Vergeltung!« sagte der Vogt und folgte dem Kleinen mit Freuden. Jetzt erhielt auch der Vogt ein Schächtelchen, verließ aber den kleinen Mann ohne ein Wort des Dankes. Damit lief er zu seinem Herrn und bat ihn achtzugeben, was geschehen würde, wenn er mit dem Finger auf den Deckel klopfe.

 

Und so begann er zu klopfen. Da flog aus der Schachtel ein kleines Männchen mit einer Eisenkeule heraus, fiel über den Herrn und den Vogt her und hieb so lange auf sie ein, bis beide halbtot am Boden lagen. Dann verschwand er samt der Schachtel. Den Kleinen unter dem Ofen hat aber nachher niemand wiedergesehen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DIE STIEFMUTTER ...

Der Weidenbaum mit der Harfe

 

Einem Manne starb seine Frau. Zwei Kinder blieben übrig. Die Kinder waren noch klein, und deshalb nahm der Mann sich eine zweite Frau. Die ging aber mit den Kindern sehr hart um und gab ihnen mehr Prügel als Essen. Das Weib bekam schließlich auch selbst ein paar Kinder, und das machte das Leben der Waisen noch schlechter. Besonders schlimm ging es dem jüngeren Kinde, denn es konnte noch nicht arbeiten; deshalb war die schlechte Stiefmutter immer auf dieses Kind böse. Sie dachte immer nach, wie sie diese Brotesser klein kriegen könne.

 

Eines Tages war der Mann im Walde mit Holzfällen beschäftigt. Um diese Zeit kam der Teufel und half der Frau einen Rat finden. Der Frau kam ein schrecklicher Gedanke in den Sinn. Sie nahm das jüngere Kind, schlachtete es, schnitt es in Stücke und kochte es. Am Abend kam der Mann nach Hause. Die Frau gab dem Manne das Fleisch des Kindes zu essen. Der Mann aß es und lobte: »Wo hast du solch ein schönes, knuspriges Fleisch hergenommen?« Die Frau antwortete: »Ich habe ein kleines Ferkel geschlachtet.«

 

Der Mann aß sich satt, ohne auch nur zu ahnen, daß er seines eigenen Kindes Fleisch esse. Das ältere Kind wußte es wohl, wagte aber nicht, es dem Vater zu sagen, weil es die Drohungen der Stiefmutter fürchtete. Als das Essen zu Ende war, fragte der Mann nach dem Kinde. Die Frau antwortete: »Wer weiß, wo es wieder steckt?« und ging dann mit dem größten Eifer, das Kind zu suchen.

 

Nach dem Essen sammelte das ältere Kind die Knochen des jüngeren vom Tisch zusammen, umband sie mit einem Faden und vergrub sie unter einer Weide, die hinter dem Hause wuchs. Nach einiger Zeit begann an der Weide eine Harfe zu wachsen, und schließlich hörte man auch eine traurige Stimme, die aus der Harfe die Worte sang:

 

»Die Mutter hat mich umgebracht,

der Vater hat mich gegessen,

die Schwester sammelte meine Knochen,

sie umwand sie mit blauem Faden

und umflocht sie mit rotem Band.«

 

Diesen Gesang hörte der Vater des Kindes am häufigsten. Endlich fing man an, unter der Weide zu suchen, und fand die Kinderknochen. Nun kam es heraus, daß das Kind ermordet war, und die Mörderin erhielt natürlich ihre Strafe.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DIE DREI GENASFÜHRTEN FREIER ...

Die List der Witwe

 

Es war einmal eine sehr reiche und schöne Witwe, deren Mann schon vor ein paar Jahren gestorben war. Zu ihr kamen viele Freier, die sie zur Ehefrau wünschten; sie wollte aber vom Heiraten überhaupt nichts mehr wissen. Da kamen nun einmal wieder drei junge Männer, die nacheinander ihre Werbung vorbrachten, die Witwe schickte sie jedoch ebenso heim wie die anderen.

 

Die Männer gaben sich aber damit noch nicht zufrieden, sondern begannen, der Frau mit weiteren Besuchen lästig zu fallen: ein jeder pries seinen Reichtum und seine Liebe zu ihr, so daß die Witwe ihrer endlich überdrüssig wurde und im stillen Rat hielt, wie sie die Zudringlichen wieder loswerden könne.

Endlich fand sie auch ein gutes Mittel: sie ließ die drei an einem bestimmten Abend einzeln zu sich kommen, einen jeden immer eine Stunde später als den anderen, aber so, daß sie davon einander nichts sagen durften und ihr Kommen geheimhalten mußten.

 

Am bestimmten Abend kam nun derjenige, der als erster zur Frau geladen war. Die Frau sprach zu ihm: »Wenn du mich wahrhaft liebst, so verbring eine Nacht wie ein Toter in der Stube im Sarge.« Der Mann war's zufrieden, ließ sich Totenkleider anlegen, ging hin und legte sich lang hingestreckt in den Sarg.

 

Nach kurzer Zeit kam der zweite Freier. Die Frau fragte ihn: »Wenn du mich wahrhaft liebst, willst du da eine Nacht in der Stube an dem Sarge eines Toten wachen?« Der Mann war's zufrieden und versprach, die Wache zu übernehmen. Die Frau legte ihm weiße Kleider um, band ihm zwei Gänseflügel an die Schultern, gab ihm eine brennende Laterne in die Hand und schickte ihn zum Sarge. - Der Mann, der im Sarge lag, schaute hin: »Wovor brauche ich mich nun noch zu fürchten, wenn ein Engel mich zu bewachen kommt?« - und war ganz ruhig.

 

Hierauf kam zur Witwe der dritte Freier, und sie fragte ihn ebenso wie die andern: »Wenn du mich liebst, willst du mir da eine Leiche aus der Stube tragen?« Der Mann war's zufrieden und sprach: »Und wenn der Teufel sie selbst bewacht, so will ich sie dir holen.« Die Frau schwärzte ihm mit Ruß das Gesicht, band ihm zwei Bockshörner auf den Kopf und schickte ihn in die Stube.

 

Als er dort eintrat, erschraken alle drei, sowohl er selbst als auch der Engel und der Tote. Endlich fragte der Teufel den Engel: »Was hast du hier zu tun? Heb dich fort von hier! Ich hab den Befehl, diesen Toten in die Hölle zu bringen.« - »Und ich habe den Befehl, diesen Toten zu bewachen«, erwiderte der andere.

Nun erhob sich ein Kampf, und der Teufel begann die Oberhand zu gewinnen. Als der Mann im Sarge sah, daß der Teufel der Stärkere war, da fürchtete er, bei lebendigem Leibe in die Hölle getragen zu werden, sprang entsetzt aus dem Sarg und rannte davon, was er konnte.

 

Als die Kämpfer sahen, daß der Tote lebendig wurde, erschraken sie so fürchterlich, daß sie an nichts anderes dachten, als ebenso Hals über Kopf davonzulaufen.

 

Die Witwe, die alles dies aus einem Versteck beobachtet hatte, lachte darüber bis zu Tränen. Seit der Zeit verloren aber die drei alle Heiratslust und ließen die Witwe in Ruh.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DIE DREI GUTEN WORTE ...

Wasser unter der Weide

 

Es war einmal ein fauler, alter Mann. Seine Frau webte schöne Decken und schickte den Mann, sie zu verkaufen. Eine Werst von der Stadt kam ihm aus dem Walde ein fremder Mann entgegen und bat: »Peter, gib deine Decke mir.« Peter wollte sie nicht her geben, der andere aber bat: »Gib, gib, ich sage dir ein gutes Wort dafür.« Nun, Peter war auch damit zufrieden und gab die Decke ab; und der Fremde sagte ihm das gute Wort: »Wenn du den Arm auf hebst, so laß ihn nicht sinken!«

 

Der Fremde verschwand mit der Decke im Walde; Peter kehrte zu seiner Frau heim, die Frau aber begann ihn zu schelten. Brot hatten sie nicht, es war rein um des Hungers zu sterben! Sie besaßen nur noch dreißig Kopeken Geld. Die Frau schickte den alten Mann in die Stadt, um für dieses Geld Garn zu kaufen, damit sie eine neue Decke weben könne.

 

Wieder webte die Frau eine unbeschreiblich schöne Decke und schickte wieder ihren Mann, diese Decke zu verkaufen; selber hatte sie zwei bis drei Tage nichts gegessen. An derselben Stelle, wo der Mann die erste Decke weg gegeben hatte, kam ihm jetzt wieder der fremde Greis aus dem Walde entgegen und lockte ihm die Decke wieder für ein gutes Wort ab: »Du wirst ins Wasser fallen und nicht ertrinken.«

 

Als der Mann nach Hause kam, fing seine Frau wieder an zu zanken. Die Frau hatte nur noch fünf Kopeken Geld. Für dieses Geld ließ sie ihren Mann aus der Stadt Garn holen, webte wieder eine schöne Diamantendecke und schickte ihren Mann, diese zu verkaufen. An der alten Stelle - eine Werst von der Stadt - kam ihm aus dem Walde wieder der alte Mann nachgelaufen und rief: »Peter, gib die Decke mir!« Vor Schreck begann Peter vor dem alten Manne zu fliehen, aber dieser lief hinter ihm drein und bat immer wieder: »Peter, gib die Decke mir, gib sie - ich sage dir ein gutes Wort dafür!« So liefen sie nun beide. Peter wollte nicht und wollte nicht die Decke hergeben, aber gerade vor der Stadt gab er sie doch her und bekam für die Decke ein gutes Wort: »Wo eine Weide wächst, da gibt es keinen Wassermangel.«

 

Nun wagte Peter nicht mehr zu seiner Frau heimzukehren, sondern ging aufs Meer als Matrose. Da erhob sich aber auf dem Meere ein schauerlicher Sturm, und der Kapitän erklärte: »Es ist nötig, einen Mann ins Meer zu werfen.« Man warf das Los - und das Los traf Peter. Der Kapitän versprach, dem Peter die Hälfte der Schiffsladung zu schenken, wenn dieser nur erlaube, sich ins Meer werfen zu lassen. Da erinnerte sich Peter an das Wort des alten Mannes: »Du wirst ins Wasser fallen und nicht ertrinken.« Und Peter ließ sich ins Wasser werfen und ertrank auch wirklich nicht, sondern das Meer warf ihn ans Ufer.

 

Hier wartete Peter auf das Schiff. Und als der Kapitän mit seinem geretteten Schiffe im Hafen anlangte, da bekam er einen furchtbaren Schreck, denn Peter stand vor ihm auf dem Boulevard, den Kontrakt in der Hand. Nun, da bekam Peter also auch die Hälfte der Schiffsladung.

 

Dort in der Stadt war zu jener Zeit ein großer Wassermangel, und der König hatte drei Schiffsladungen Schätze dem jenigen versprochen, der die Stadt von dem Wassermangel befreie. Nun erinnerte sich Peter an das andere gute Wort, das er vom alten Manne gehört hatte: »Wo eine Weide wächst, da gibt es keinen Wassermangel.« Peter ging sofort zum König und versprach diesem, das Wasser zu verschaffen: er ging in den königlichen Garten, ließ eine Weide aus dem Boden graben - und sogleich sprudelte unter ihren Wurzeln eine Quelle hervor. Es gab Wasser in Hülle und Fülle, und die Stadt war von dem Wassermangel erlöst; und Peter erhielt die versprochenen Schätze.

 

Nun kehrte Peter heim. In der Zwischenzeit war sein Sohn zu einem großen Mann heran gewachsen und schlief gerade an der Seite seiner Mutter. Peter hielt ihn für einen Fremden und erhob schon sein Schwert, um ihn zu töten - da kam ihm das dritte Wort in den Sinn, das er vom alten Manne gehört hatte: »Wenn du den Arm aufhebst, so laß ihn nicht sinken!« Peter ließ das Schwert nicht nieder fallen. Da erwachte auch seine Frau, und alles klärte sich auf; sie versöhnten sich miteinander und lebten ein glückliches Leben. Das ist alles.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen - Livische Märchen

 

 

FLIEGE UND SPINNE ...

Warten auf Beute

 

In alten Zeiten gab es auf Erden nur einen König; dem waren nicht nur die Menschen, sondern auch alle Tiere untertan. Damals hatte man noch kein Feuer und mußte nach Sonnenuntergang im Dunkeln weilen und frieren. Man wußte wohl, daß in den Tiefen der Hölle Feuer sei, aber niemand wagte es von dort zu holen. Da versprach der König, daß der, der ihm Feuer aus der Hölle schaffen würde, mit seinen Kindern und Kindeskindern für ewige Zeiten umsonst an allen Tischen sollte essen dürfen, und niemand dürfe es ihm wehren.

 

Nun versuchten es viele, das Feuer zu erlangen, fanden aber alle dabei ihren Tod. Zuletzt ließ sich die Spinne an ihrem Faden hinab, und es gelang ihr, einen Brand zu entwenden und wieder die Oberwelt zu erreichen. Dort schlief sie ermüdet ein. Die Fliege aber, die durch den Geruch aufmerksam gemacht war, stahl der Schläferin das Feuer, brachte es dem König und erhielt urkundlich den verheißenen Lohn.

 

Die Spinne suchte nach ihrem Erwachen umsonst das Feuer, niemand wollte ihr glauben, daß sie es aus der Hölle gebracht hatte, und auch der König wies sie ab, da sie ihre Behauptung nicht beweisen konnte. Zuletzt versammelte sie alle Spinnen und forderte sie, da mit ihr auch alle übrigen bestohlen und betrogen seien, zu gemeinsamer Rache an dem ganzen Fliegengeschlechte auf. Sie beschlossen Netze zu spinnen, alle Fliegen darin zu fangen und jeder, die sie erwischen würden, den Kopf abzubeißen. Das tun sie bis zum heutigen Tage, aber die Fliegen haben das Recht, an allen Herrentischen zu essen.

 

Estland: Oskar Dähnhardt: Naturgeschichtliche Volksmärchen

 

 

DIE KRÄHE UND DER FUCHS ...

Der listige Fuchs und die Krähe

 

Die Heumacher hatten auf der Wiese eine Heugabel aufrecht in den Boden gesteckt vergessen. Es kam der Frühling. Eine Krähe fand die Gabel und baute zwischen deren Zinken ihr Nest.

 

Der Fuchs sah es und dachte nach, wie er die Krähenjungen aus dem Nest herauskriegen könne. Er begann, der Krähe Furcht einzujagen: »Das ist meine Gabel. Gib mir ein Kind aus dem Neste heraus. Gibst du es nicht, so hau ich die Gabelstange nieder!«

 

Die Krähe gab aber das Kind nicht her. Da ging der Fuchs unters Nest und schlug mit dem Schwanz an die Gabelstange. Die Krähe sah das und dachte: 'Jetzt haut der Fuchs die Stange nieder und brennt sie mit Feuer!' Sie nahm ein Kind und warf es dem Fuchse hinunter. Auf diese Weise lockte ihr der Fuchs drei Kinder ab.

 

Endlich merkte die Krähe den Betrug und gab ihm keine Kinder mehr. Der Fuchs beschloß, die Krähe dafür umzubringen. Er legte sich in der Nähe des Krähennestes nieder und stellte sich tot. Auf solche Weise lag der Fuchs zwei Wochen lang an ein und der selben Stelle hingestreckt, so daß ihm auf der einen Seite schon die Haare ausgingen.

 

Jetzt erst kam die Krähe, um dem Fuchse die Augen auszuhacken. Da sprang der Fuchs vom Boden auf und zerriß die Krähe.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER HUND UND DIE KATZE ...

Der Vertrag

 

Der Hund und die Katze wollten dem Hausherrn nicht anders dienen als um Fleischkost. Der Hausherr war freilich zuerst dagegen, als er aber schließlich einsah, daß der Handel sonst nicht zustande kommen werde, gab er nach und unterzeichnete mit ihnen einen Kontrakt, worin er sich verpflichtete, dem Hunde und der Katze einmal täglich Fleisch zu geben.

 

Die Katze nahm den Kontrakt an sich, brachte ihn in den Dachraum und band ihn dort an einen Querbalken. Die Mäuse fanden den Kontrakt und zerknabberten ihn in lauter kleine Stückchen. Nachher, als der Hund und die Katze zum Hausherrn gingen, um von ihm das versprochene Fleisch zu verlangen, da wünschte er den Kontrakt einzusehen; weil aber weder der Hund noch die Katze ihn vorzeigen konnten, ließ sie der Hausherr das Fleisch nicht einmal riechen.

 

Schließlich entbrannte zwischen dem Hunde und der Katze ein Streit. Der Hund verlangte, die Katze solle den Kontrakt herbei schaffen, denn ohne das hatten sie auch nicht einen Mundvoll Fleisch zu erhoffen. Weil aber die Katze den Kontrakt auf keine Weise herbei schaffen konnte, so wurde seit jenem Tage der Hund zum schlimmsten Feinde der Katze.

 

Da nun die Katze trotz ihres Mutes dem Hunde nichts anhaben konnte, so begann sie die Mäuse zu verfolgen, weil sie den Kontrakt zerrissen hatten.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER GLÜCKLICHE UND DER UNGLÜCKLICHE ...

Der Laden

 

Es waren einmal zwei Bauern, die lebten nicht weit voneinander. Der eine war reich, der andre war arm. Der Arme war freilich auch ein fleißiger Arbeiter, aber dennoch wurde er nicht reicher, als er war.

 

Einmal ging er in der Nacht aufs Feld, um dort nach zu schauen, aber o Wunder - was sah er da! Er sah, wie ein Mann auf dem Felde des Reichen Roggen säte.

»Was tust du hier?« fragte der Arme.

»Ich säe Roggen!« war die Antwort.

»Nun, wann kommst du denn auf mein Feld säen?« fragte der arme Mann.

»Niemals!«

»Weshalb säst du denn auf dem Felde des anderen?«

»Ja, ich bin eben sein Glück.«

»Nun, wo ist denn mein Glück?« fragte der Arme.

»Dein Glück schläft dort neben jenem großen Stein«, sprach der Sämann.

Der Arme eilte zum Stein, um sein Glück zu wecken.

»Höre, Mann, steh auf und geh Roggen säen!«

»Ich gehe nicht«, antwortete der Schläfer.

»Ja, warum gehst du denn nicht?« fragte der Arme.

»Nun, ich bin doch eben kein Landwirtsglück.«

»Aber du bist doch mein Glück!«

»Ja, freilich«, sagte der Schläfer; »wähl dir nur ein anderes Handwerk, dann werde ich schon dein Glück sein.«

»Was soll ich denn werden?« fragte der Arme.

»Werde Kaufmann!«

Sogleich ging der Mann nach Hause, verkaufte sein Haus und eröffnete in der Stadt einen Laden. Nun bekam er sein Glück und lebt auch heute noch glücklich.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

GUT UND SCHLECHT ...

 

Zwei Männer unterhalten sich:

»Ist bei euch dieses Jahr der Kohl gut gewachsen?« -

»Jawohl! Die Kohlköpfe waren so groß wie breitkrempige Filzhüte.«

»Das war doch gut!«

»Wieso gut? Eine Ziege kam in den Garten und fraß alles ab.«

»Das war doch schlecht!«

»Wieso schlecht? Ich schlachtete die Ziege und bekam eine Bütte voll Fleisch.«

»Das war doch gut!«

»Wieso gut? Ich fing an, die Schinken zu räuchern, da brannte das Aas von Badstube nieder.«

»Das war doch schlecht!«

»Wieso schlecht? Ich baute mir eine neue Badstube auf.«

»Das war doch gut!«

»Ja, wieso gut? Als ich den letzten Balken legte, da blieb meine lumpige Frau mit dem Bauch darunter eingeklemmt stecken.«

»Das war doch schlecht!«

»Oh, wieso schlecht? Ich nahm mir eine neue Frau.«

»Das war doch gut!«

»Ja, wieso gut? Der verdammte Pfaff hat meine Frau verführt.«

»Das war doch schlecht!«

»Jawohl, schlecht war es und schlecht blieb es! Freilich habe ich den Pfaffen lahm geschlagen und einen Topf voll Geld bekommen, aber eine Frau hab ich nicht mehr!«

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DAS WERWOLFSFELL ...

Eine glückliche Familie

 

Es war einmal ein König, der hatte zwei Bräute. Die eine heiratete er, die andere ließ er sitzen. Aber dieses andere Mädchen, dem er einen solchen Kummer bereitet hatte, schwor ihm lebenslängliche Rache.

Der König hielt Hochzeit, und nach einem Jahr wurde ihm ein schöner Knabe geboren. Da bekam der König aber die Nachricht, daß er in den Krieg ziehen müsse. Seine kranke Gemahlin mit dem kleinen Sohne blieb zu Hause. Und zu jener Zeit, wo der König im Kriege war, suchte seine andere, verlassene Braut nach einer Gelegenheit zur Rache. Eine alte Zigeunerin lehrte sie neunmal unter den Wurzeln einer Kiefer durch zu kriechen, um sich in einen Werwolf zu verwandeln. Und jenes Mädchen ging hin, kroch neunmal unter den Wurzeln einer Kiefer durch und wurde zu einem Werwolf. Das auf solche Weise erlangte Werwolfsfell wollte sie der jungen Königin überwerfen, sie fand aber auf keine Weise Gelegenheit, bis zur Königin durchzudringen. Da ging sie zu einem Diener des Königs und bat um Arbeit. Der Diener meldete dies der Königin, und die Königin ließ sie anstellen, damit sie den Hof in Ordnung halte. Der Diener ließ das Mädchen sofort ihren Dienst antreten, und nun ging sie herum und lauerte der Königin auf.

 

Eines schönen Abends säugte die Königin am offenen Fenster ihr Kind - da warf das Dienstmädchen ihr durchs Fenster das Werwolfsfell über. Sogleich wurde die Königin zu einem Werwolf, legte das Kind nieder und schlich in den Wald. Jenes Mädchen stieg nun selbst zum Fenster hinein, nahm das Kind in seine Arme und begann es zu säugen. Sie hatte aber zum Säugen gar keine Milch, und das Kind schrie und weinte gar sehr. Doch ließ das Mädchen keinen Menschen zu sich heran.

Als nun der König nach Hause kam, da klagte man ihm, die Königin lasse niemand in ihre Nähe, wo das Kind doch so sehr schreie. Der König begriff nicht, was seinem guten Weibe so Böses zugestoßen sei; er ging selbst zu seiner Frau und begehrte Einlaß. Jemand tat die Tür auf und ließ den König ein. Die Frau lag platt auf dem Bett, und das Kind schrie ganz schrecklich. Die Frau hatte die Augen geschlossen, und als der König fragte, was ihr fehle, da winkte sie nur mit der Hand und sagte, sie sei sehr krank. Augenblicklich rief der König den Diener und sagte ihm, er solle rasch einen Arzt holen, und war noch über ihn böse, weil er nicht von selbst zur kranken Königin einen Arzt gerufen hatte.

 

Der Diener verteidigte sich, er sei nicht schuld, denn die Königin selber habe keinen Menschen in ihre Nähe gelassen. Da fragte der König seine Frau, ob sie einen Arzt wolle, und die Frau bat ihn und sagte, sie wolle keinen; und sie sprach zum König kein Wort mehr, sondern winkte nur mit der Hand, daß man sie verlassen solle. Der König konnte nicht heraus bekommen, was seiner Frau fehle; doch ließ er den Arzt holen, und dieser erklärte, die Königin müsse allein sein und niemand dürfe sie stören.

Da saß nun an einem sehr, sehr schönen Abend der alte Diener des Königs draußen auf einem Stein und dachte an seinen kummervollen Herrn. Die Mitternacht kam heran. Da sah der Diener mit seinen eigenen Augen einen Werwolf herankommen. Der Diener saß so regungslos, wie er nur konnte, und wollte sehen, was für ein Tier das eigentlich sei.

 

Der Werwolf ging geradewegs unter das Fenster der Königin und sprach diese Worte: »Wenn man nur das Kind herausbringen und auf dem Hof niederlegen wollte, dann würde ich es säugen.« Der alte Diener horchte und schaute und begriff nun klar, daß die jetzige Königin nicht die rechte sei, sondern daß hier ein schreckliches, großes Verbrechen geschehen sein müsse. Und der Diener erzählte am Morgen dem Könige alles, was er in der Nacht gesehen und gehört hatte.

In der nächsten Nacht ging der König auch selbst lauschen. Die beiden legten das Kind auf den Erdboden und setzten sich auf den Stein, um den Werwolf zu erwarten. Dieser kam, nahm das Kind und ging damit zur Ecke der königlichen Vorratskammer. Da war ein sehr großer Stein. Dort zog der Werwolf sein Fell aus, legte es auf den Stein, setzte sich darauf und säugte das Kind. Nun sah auch der König deutlich, daß es seine eigene Frau war, und wollte sogleich zu ihr eilen; aber der Diener hielt ihn fest und ließ ihn nicht hin. Als die Frau das Kind gesäugt hatte, brachte sie es zurück, legte es hin und sprach diese Worte: »Noch zwei Abende und dann niemals mehr!« Und sie schlich fort.

 

Der König nahm sein Kind auf und brachte es in die Stube; dann ließ er durch seine Diener die Königin im Bett festnehmen und ins Gefängnis werfen. Mit dem Diener aber hielt er Rat, wie sie den Werwolf in ihre Hände bekommen sollten. Und sie verabredeten sich, das Kind am Abend wieder hinaus zu tragen und dann in der Nacht den Werwolf dort fest zu nehmen. Sie brachten das Kind auch hinaus und warteten auf das Kommen des Werwolfs. Der Werwolf kam, nahm das Kind auf und ging wieder zum selben Stein, um es zu säugen. Als die Frau das Werwolfsfell ausgezogen hatte und das Kind zu säugen begann, da lief der König hinzu und wollte sie festhalten; aber so wie sie das merkte, warf sie das Kind hin und lief davon und sprach nur noch diese Worte: »Noch morgen Nacht und dann niemals mehr!«

Der König konnte kein Mittel erdenken, um den Werwolf zu fangen. Da gab ihm der alte Diener einen guten Rat: man solle auf dem Stein ein Feuer anlegen und den Stein glühend machen; wenn da der Wolf sein Fell ausziehe und auf den Stein lege, so werde das Fell am Stein haften bleiben, und ohne das Fell werde der Wolf nicht fortlaufen. Das taten sie auch: sie heizten den Stein glühend und warteten, bis der Werwolf kam.

 

Dieser nahm sogleich das Kind und fing es an zu säugen; er zog sein Fell aus, legte es auf den Stein und setzte sich darauf. Der König aber und sein Diener warteten noch, damit die Frau länger auf dem Stein sitze - dann bleibt das Fell fester am Stein haften. Als die Frau das Kind gesäugt hatte, küßte sie es noch dreimal, legte es nieder und wollte das Fell nehmen, sie konnte es aber nicht, denn das Fell war am Stein haften geblieben. Nun stürmte der König herbei und hielt sie fest und überzeugte sich jetzt, daß es seine rechte Frau war, welche sechs Monate lang das Werwolfsfell getragen hatte.

Da führte der König seine Frau ins Zimmer und ließ jene andere, welche im Gefängnis saß, an einen Pferdeschweif binden, damit das Pferd sie zu Tode trete. Und der König selbst hielt mit seiner ersten Frau zum zweiten Mal Hochzeit; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen - Livische Märchen

 

WIE EIN KÖNIGSSOHN ALS HÜTERKNABE AUFWUCHS ...

Der Hirtenjunge

 

Es war einmal ein König, der seine Untertanen milde und liebreich regierte, so daß niemand im Königreiche war, der ihn nicht gesegnet, und den himmlischen Vater um die Verlängerung seiner Lebenstage angefleht hätte.

Der König lebte schon manches Jahr in glücklicher Ehe, aber kein Kind war den Ehegatten geschenkt worden. Groß war daher seine und sämtlicher Untertanen Freude, als die Königin ein Söhnlein zur Welt brachte, aber die Mutter sollte dieses Glück nicht lange genießen. Drei Tage nach des Sohnes Geburt schlossen sich ihre Augen für immer - der Sohn war Waise, und der König Witwer. Schweren Kummer empfand der König über den Tod seiner teuren Gemahlin, und mit ihm trauerten die Untertanen; man sah nirgends mehr ein fröhliches Antlitz. Zwar nahm der König, auf Andringen seiner Untertanen, drei Jahre später eine andere Gemahlin, aber bei der neuen Wahl war ihm das Glück nicht wieder günstig: ein Täubchen hatte er begraben, und einen Habicht dafür bekommen; es geht leider vielen Witwern so.

Die junge Frau war ein böses, hart herziges Weib, das weder dem Könige noch den Untertanen Gutes erwies. Den Sohn der vorigen Königin konnte sie nicht vor Augen leiden, da sie besorgen mußte, die Regierung werde an diesen Stiefsohn fallen, den die Untertanen um seiner hin geschiedenen Mutter willen liebten. Die tückische Königin faßte darum den bösen Vorsatz, das Knäblein heimlich an einen Ort zu schaffen, wo der König es nicht wieder finden könne; es umzubringen, dazu hatte sie nicht den Mut.

Ein nichtswürdiges altes Weib half für gute Bezahlung der Königin die böse Tat auszuführen. Bei nächtlicher Weile wurde das Kind dem gottlosen Weibe überliefert, und von diesem auf Schleichwegen weit weg gebracht, und armen Leuten als Pflegekind übergeben. Unterwegs zog die Alte dem Kinde seine guten Kleider aus, und hüllte es in Lumpen, damit niemand den Betrug merke. Der Königin hatte sie mit einem schweren Eide gelobt, keinem Menschen den Ort zu nennen, wohin der Königssohn geschafft worden sei. Am Tage wagte die Kindesdiebin nicht zu wandern, weil sie Verfolgung fürchtete; darum dauerte es lange, bis sie einen verborgenen Ort fand, der sich zum Aufenthalte für das königliche Kind eignete.

 

In ein einsames Waldgehöft, das fremder Menschen Fuß selten betreten hatte, wurde der gestohlene Königssohn als Pflegling getan, und der Wirt erhielt für das Aufziehen des Kindes die Summe von hundert Rubeln. Es war ein Glück für den Königssohn, daß er zu guten Menschen gekommen war, die für ihn sorgten, als wäre er ihr leibliches Kind. Der muntere Knabe machte ihnen oft Spaß, besonders wenn er sich einen Königssohn nannte. Sie sahen wohl aus der reichlichen Bezahlung, die sie erhalten hatten, daß das Knäblein kein rechtmäßiger Sprößling sei, und vom Vater oder von der Mutter her vornehmer Abkunft sein mochte, allein so hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht, daß sie für wahr gehalten hätten, wessen das Kind in seinem einfältigen Sinne sich rühmte.

Man kann sich leicht vorstellen, wie groß der Schrecken im Hause des Königs war an dem Morgen, wo man entdeckte, daß das Söhnchen in der Nacht gestohlen war, und zwar auf so wunderbare Weise, daß niemand es gehört hatte, und daß nicht die leiseste Spur des Diebes zurückgeblieben war. Der König weinte Tage lang bitterlich um den Sohn, den er im Andenken an dessen Mutter um so zärtlicher liebte, je weniger er mit seiner neuen Gemahlin glücklich war. Zwar wurden lange Zeit hindurch aller Orten Nachforschungen angestellt, um dem verschwundenen Kinde auf die Spur zu kommen, auch wurde jedem eine große Belohnung verheißen, der irgend eine Auskunft darüber geben könnte, aber alles blieb vergeblich, das Knäblein schien wie weggeblasen. Kein Mensch konnte das Geheimnis aufklären, und manche glaubten, das Kind sei durch einen bösen Geist oder durch Hexerei entführt. In das einsame Waldgehöft, wo der Königssohn lebte, hatte keiner der Suchenden seine Schritte gelenkt, und eben so wenig konnten die Bekanntmachungen dahin dringen. -

 

Während nun der Königssohn daheim als Toter beweint wurde, wuchs er im stillen Walde auf und gedieh fröhlich, bis er in das Alter trat, daß er schon Geschäfte besorgen konnte. Da legte er denn eine wunderbare Klugheit an den Tag, so daß seine Pflegeeltern sich oft genug gestehen mußten, daß hier das Ei viel klüger sei als die Henne. Der Königssohn hatte schon über zehn Jahre in dem Waldgehöft gelebt, als er ein Verlangen empfand, unter die Leute zu kommen. Er bat seine Pflegeeltern um Erlaubnis, sich auf eigene Hand sein Brot zu verdienen, in dem er sagte: »Ich habe Verstand und Kraft genug, um mich ohne eure Hilfe zu ernähren. Bei dem einsamen Leben hier wird mir die Zeit sehr lang.« Die Pflegeeltern sträubten sich anfangs sehr dagegen, mußten aber endlich nachgeben, und den Wunsch des jungen Burschen erfüllen. Der Wirt ging selbst mit, um ihn zu begleiten, und eine passende Stelle für ihn ausfindig zu machen.

In einem Dorfe fand er einen wohlhabenden Bauernwirt, der einen Hüterknaben brauchte, und da sich der Pflegesohn gerade einen solchen Dienst wünschte, so wurde man bald einig. Der Vertrag lautete auf ein Jahr, allein es wurde ausdrücklich bedungen, daß es dem Knaben zu jeder Zeit gestattet sein solle, den Dienst zu verlassen und zu seinen Pflegeeltern zurückzukehren. Ebenso konnte der Wirt, wenn er mit dem Knaben nicht zufrieden war, ihn noch vor Ablauf des Jahres entlassen, jedoch nicht ohne Vorwissen der Pflegeeltern.

Das Dorf, wo der Königssohn diesen Dienst gefunden hatte, lag unweit einer großen Landstraße, auf welcher täglich viele Menschen vorbeikamen, Hohe wie Niedere. Der königliche Hüterknabe saß häufig dicht an der Landstraße, und unterhielt sich mit den Vorübergehenden, von denen er Manches erfuhr, was ihm bis dahin unbekannt geblieben war. Da geschah es eines Tages, daß ein alter Mann mit grauen Haaren und langem weißen Barte des Weges kam, als der Königssohn auf einem Steine sitzend die Maultrommel schlug; die Tiere grasten indeß, und wenn eines derselben sich zu weit von den übrigen entfernen wollte, so trieb des Knaben Hund es zurück.

 

Der Alte betrachtete ein Weilchen den Knaben und seine Herde, trat dann einige Schritte näher und sagte: »Du scheinst mir nicht zum Hüterknaben geboren zu sein.« Der Knabe erwiederte: »Mag sein, ich weiß nur soviel, daß ich zum Herrscher geboren bin, und hier vorerst das Geschäft des Herrschens erlerne. Geht es mit den Vierfüßlern gut, so versuche ich weiterhin mein Glück auch wohl mit den Zweifüßlern.« Der Alte schüttelte wie verwundert den Kopf und ging seiner Wege.

Ein anderes Mal fuhr eine prächtige Kutsche vorbei, in der ein Frauenzimmer mit zwei Kindern saß: auf dem Bocke der Kutscher und hinten auf ein Lakai. Der Königssohn hatte gerade ein Körbchen mit frisch gepflückten Erdbeeren in der Hand, welches der stolzen deutschen Frau in die Augen fiel, und ihren Appetit reizte. Sie befahl dem Kutscher zu halten, und rief gebieterisch zum Kutschenfenster hinaus: »Du Rotzlöffel! bring die Beeren her, ich will dir ein paar Kopeken zu Weißbrot dafür geben!« Der königliche Hüterknabe tat, als ob er nichts hörte, und auch nicht glaubte, daß ihm der Befehl gelte, so daß die Frau ein zweites und ein drittes Mal rufen mußte, was aber auch nur in den Wind gesprochen war. Da rief sie dem Lakaien hinter der Kutsche zu: »Geh und ohrfeige diesen Rotzlöffel, damit er gehorcht.« Der Lakai stürzte hin, um den erhaltenen Befehl auszuführen.

 

Noch ehe er ankam, war der Hüterknabe aufgesprungen, hatte einen tüchtigen Knüppel ergriffen, und schrie dem Lakai zu: »Wenn dich nicht nach einem blutigen Kopf gelüstet, so tue keinen Schritt weiter, oder ich zerschlage dir das Gesicht!« Der Lakai ging zurück, und meldete, was ihm begegnet war. Da rief die Dame zornig: »Schlingel! willst du dich vor dem Rotzlöffel von Jungen fürchten? Geh und nimm ihm den Korb mit Gewalt weg, ich will ihm zeigen, wer ich bin, und werde auch noch seine Eltern bestrafen lassen, die ihn nicht besser zu erziehen verstanden.« - »Hoho!« rief der Hüterknabe, der den Befehl gehört hatte, »so lange noch Leben in meinen Gliedern sich regt, soll niemand mir mit Gewalt nehmen, was mein rechtmäßiges Eigentum ist. Ich stampfe jeden zu Brei, der mir meine Erdbeeren rauben will!« So sprechend spuckte er in die Hand, und schwang den Knüppel um den Kopf, daß es sauste. Als der Lakai das sah, hatte er nicht die geringste Lust, die Sache zu probieren; die Frau aber fuhr unter schweren Drohungen davon, versichernd, daß sie diesen Schimpf nicht ungeahndet lassen werde.

Andere Hüterknaben, welche den Vorfall von Weitem mit angesehen und angehört hatten, erzählten ihn am Abend ihren Hausgenossen. Da gerieten alle in Furcht, daß man auch ihnen zu nahe tun könnte, wenn die vornehme Frau sich vor Gericht über die törichte Widerspenstigkeit des Burschen beklagte, und es zur Untersuchung käme. Den Königssohn schalt sein Wirt und sagte: »Ich werde nicht für dich sprechen; was du dir eingebrockt hast, kannst du auch ausessen.« Der Königssohn erwiederte: »Damit will ich schon zurecht kommen, das ist meine Sache. Gott hat mir selber einen Mund in den Kopf, und eine Zunge in den Mund gesetzt, ich kann selber für mich sprechen, wenn es not tut, und werde euch nicht bitten, mein Fürsprecher zu sein. Hätte die Frau auf geziemende Weise die Erdbeeren verlangt, ich hätte sie ihr gegeben, aber wie durfte sie mich Rotzlöffel schimpfen? Meine Nase ist noch immer eben so rein von Rotz gewesen wie die ihrige.«

 

Die Frau war in die Stadt des Königs gefahren, wo sie nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich bei Gericht über das unverschämte Benehmen des Hüterknaben zu beschweren. Man schritt auch ungesäumt zur Untersuchung, und es wurde Befehl gegeben, das Bürschlein samt seinem Wirt vors Gericht zu bringen. Als die Gerichtsdiener ins Dorf kamen, um den Befehl auszuführen, sagte der Königssohn: »Mein Wirt hat mit dieser Sache nichts zu schaffen; was ich getan habe, das muß ich auch verantworten.«

Jetzt wollte man ihm die Hände auf den Rücken binden, und ihn als Gefangenen vor Gericht führen, aber er zog ein scharfes Messer aus der Tasche, trat rasch einige Schritte zurück, richtete die Spitze des Messers auf sein Herz, und rief aus: »Lebend soll mich niemand binden! Ehe eure Hand mich bindet, stoße ich mir das Messer ins Herz! Meinen Leichnam mögt ihr dann binden, und damit machen, was ihr wollt; so lange ich noch Atem habe, soll kein Mensch mir einen Strick oder eine Fessel anlegen! Vor Gericht will ich gern erscheinen, und Auskunft geben, als Gefangenen lasse ich mich nicht fortführen.«

Seine Kühnheit setzte die Gerichtsdiener dermaßen in Schrecken, daß sie nicht wagten, ihm nahe zu kommen; sie fürchteten, es möchte ihnen zur Last fallen, wenn der Knabe in seinem Trotze sich umbrächte. Und da er ihnen gutwillig folgen wollte, so mußten sie sich zufrieden geben. Unterwegs wunderten sich die Gerichtsdiener täglich mehr über den Verstand und die Klugheit ihres Gefangenen, denn dieser wußte in allen Dingen besser Bescheid als sie selber. Noch viel größer war die Verwunderung der Richter, als sie den Hergang der Sache aus dem Munde des Knaben vernahmen; er sprach so klar und bündig, daß man ihm Recht geben und ihn von aller Schuld frei sprechen mußte.

 

Auch der König, an den sich die vornehme Frau jetzt wandte, und der sich auf ihre Bitten die ganze Sache auseinander setzen ließ, mußte den Richtern beistimmen, und den Burschen straflos lassen. Jetzt wollte die vornehme Frau bersten vor Zorn, sie geberdete sich wie eine Katze, die wütend auf einen Hund schnaubt, so ein Rotzlöffel von Bauernjungen sollte ihr gegenüber Recht behalten! Sie klagte ihre Not der Königin, von der sie wußte, daß sie ungleich härter war als der König. »Mein Gemahl,« sagte die Königin, »ist eine alte Nachtmütze, und seine Richter sind all' zusammen Schafsköpfe! Schade, daß ihr eure Sache vor Gericht brachtet, und nicht lieber gleich zu mir kamt; ich hätte euren Handel anders geschlichtet und euch Recht gegeben. Jetzt, da die Sache durch's Gericht entschieden und vom Könige bestätigt ist, bin ich nicht mehr im Stande, der Sache öffentlich eine bessere Wendung zu geben, aber wir müssen sehen, wie wir ohne Aufsehen über den Burschen eine Züchtigung verhängen können.«

Da fiel es der Frau zur rechten Zeit ein, daß auf ihrem Gebiete eine sehr böse Bauerwirtin angesessen war, bei der kein Knecht mehr bleiben wollte; auch gab der Wirt selber zu, daß es bei ihnen ärger hergehe als in der Hölle. Wenn man das naseweise Bürschlein auf diesen Hof als Hüterknaben geben könnte, so würde ihm das gewiß eine schwerere Züchtigung sein, als irgend ein Richterspruch ihm zuerkennen könnte. »Ich will die Sache gleich so einrichten, wie ihr wünscht,« sagte die Königin, ließ einen zuverlässigen Diener rufen, und gab ihm an, was er zu tun habe. Hätte ihre Seele geahndet, daß der Hüterknabe der von ihr verstoßene Königssohn sei, so hätte sie ihn ohne weiteres töten lassen, ohne sich um König oder Richterspruch zu kümmern.

 

Der Bauerwirt hatte kaum den Befehl der Königin erhalten, als er auch den Hüterknaben seines Dienstes entließ. Er dankte seinem Glücke, daß er noch so leichten Kaufes davon gekommen war. Der Königin Diener führte nun den Burschen selber auf den Bauernhof, auf welchen sie ihn wider seinen Willen verdungen hatte. Die tückische Wirtin jauchzte auf vor Freude, daß die Königin ihr einen Hüterknaben geschafft, und ihr zugleich frei gestellt hatte, mit ihm zu machen was sie wollte, weil das Bürschlein sehr halsstarrig und in Gutem nicht zu lenken sei. Sie kannte des neuen Mühlsteins Härte noch nicht, und hoffte, in ihrer alten Weise mit ihm zu mahlen. Bald aber sollte das höllische Weib inne werden, daß ihr dieser Zaun denn doch zu hoch war, um hinüber zu kommen, sintemal das Bürschlein einen gar zähen Sinn hatte, und kein Haar breit von seinem Rechte vergab.

Wenn ihm die Wirtin ohne Grund ein böses Wort gab, so erhielt sie deren gleich ein Dutzend zurück; wenn sie die Hand gegen den Knaben aufhob, so raffte dieser einen Stein oder ein Holzscheit, oder was ihm gerade zur Hand war, auf und rief: »Wage es nicht, einen Schritt näher zu kommen, oder ich schlage dir das Gesicht entzwei, und stampfe deinen Leib zu Brei!« Solche Reden hatte die Hausfrau in ihrem Leben noch von niemanden, am wenigsten aber von ihren Knechten gehört; der Wirt aber freute sich im Stillen, wenn er ihren Hader mit anhörte, und stand auch seiner Frau nicht bei, da der Knabe seine Pflicht nicht versäumte. Die Wirtin suchte nun den Hüterknaben durch Hunger zu zähmen, und weigerte ihm die Nahrung, aber der Knabe nahm das Laib mit Gewalt, wo er es fand, und melkte sich dazu Milch von der Kuh, so daß sein Magen kein Nagen des Hungers verspürte. Je weniger die Wirtin mit dem Hüterknaben fertig werden konnte, desto mehr suchte sie ihr Mütchen am Manne und dem Gesinde zu kühlen.

 

Als der Königssohn sich dieses heillose Leben, das einen Tag wie den anderen war, einige Wochen lang mit angesehen hatte, beschloß er, der Wirtin alle ihre Schlechtigkeit heimzuzahlen, und zwar in der Weise, daß die Welt den Drachen gänzlich los würde. Um seinen Vorsatz auszuführen, fing er ein Dutzend Wölfe ein, und sperrte sie in eine Höhle, wo er ihnen alle Tage ein Tier von seiner Herde vorwarf, damit sie nicht verhungerten. Wer vermochte der Wirtin Wut zu beschreiben, als sie ihr Eigentum dahin schwinden sah, denn der Knabe brachte alle Abende ein Stück Vieh weniger nach Hause, als er am Morgen auf die Weide getrieben hatte, und antwortete auf alle Fragen nichts weiter als: »Die Wölfe haben's zerrissen!« Die Wirtin schrie wie eine Rasende, und drohte, das Bürschlein den wilden Tieren zum Fraß vorzuwerfen, aber der Knabe entgegnete lachend: »Da wird ihnen dein wütiges Fleisch besser munden!« Darauf ließ er seine Wölfe in der Höhle drei Tage lang ohne Futter, trieb dann in der Nacht, als alles schlief, die Herde aus dem Stalle und statt der selben die zwölf Wölfe hinein, worauf er die Tür fest verschloß, so daß die wilden Bestien nicht heraus konnten. Als die Sache soweit in Ordnung war, machte er sich auf die Socken, da ihm der Hirtendienst schon längst zuwider geworden war, und er jetzt auch Kraft genug in sich fühlte, um größere Arbeiten zu unternehmen.

O du liebe Zeit! was begab sich da am Morgen, als die Wirtin in den Stall ging, um die Tiere heraus zu lassen und die Kühe zu melken. Die vom Hunger wütend gewordenen Wölfe sprangen auf sie los, rissen sie nieder und verschlangen sie samt ihren Kleidern mit Haut und Haar, so daß nichts weiter von ihr übrig blieb, als Zunge und Herz, diese beiden taugten nicht einmal den wilden Bestien, weil sie zu giftig waren. Weder Wirt noch Gesinde betrübten sich über dieses Unglück, vielmehr war jeder dem Geschicke dankbar, das ihn von dem Höllenweibe befreit hatte.

Der Königssohn hatte einige Jahre die Welt durchstreift, und bald dies bald jenes Gewerbe versucht, er hielt sich aber an keinem Orte lange aus, weil ihn die Erinnerungen seiner Kindheit, die ihm wie lebhafte Träume vorschwebten, stets daran mahnten, daß er durch seine Geburt einem höheren Stande angehöre. Von Zeit zu Zeit traf er wieder mit dem alten Manne zusammen, der ihn schon damals ins Auge gefaßt hatte, als er noch Hüterknabe war. Als der Königssohn achtzehn Jahr alt war, trat er bei einem Gärtner in Dienst, um die Gärtnerei zu erlernen.

Gerade zu der Zeit ereignete sich etwas, was seinem Leben eine andere Wendung geben sollte. Die ruchlose Alte, welche ihn auf Befehl der Königin geraubt und als Pflegekind in das Waldgehöft gebracht hatte, beichtete auf ihrem Totenbette dem Geistlichen, den von ihr verübten Frevel, denn ihre unter der Last der Sünde seufzende Seele fand nicht eher Ruhe, als bis sie die böse Tat aufgedeckt hatte. Sie nannte auch den Bauernhof, auf welchen sie das Kind gebracht hatte, konnte aber nichts weiter darüber sagen, ob das Kind am Leben geblieben oder gestorben sei. Der Geistliche machte sich eilig auf, dem König die Freudenbotschaft zu bringen, daß eine Spur seines verschwundenen Sohnes gefunden sei. Der König verriet niemanden, was er erfahren, ließ augenblicklich ein Pferd satteln und machte sich mit drei treuen Dienern auf den Weg.

 

Nach einigen Tagen erreichten sie das Waldgehöft; Wirt und Wirtin bekannten der Wahrheit gemäß, daß ihnen vor so und so langer Zeit ein Kind männlichen Geschlechts als Pflegling übergeben worden, und daß sie gleichzeitig hundert Rubel für das Aufziehen des selben erhalten hätten. Daraus hätten sie freilich gleich geschlossen, daß das Kind von vornehmer Geburt sein könne, aber das sei ihnen niemals in den Sinn gekommen, daß das Kind von königlichem Geblüte sei, vielmehr hätten sie immer nur ihren Spaß daran gehabt, wenn das Kind sich selbst einen Königssohn genannt hätte.

Darauf führte der Wirt selbst den König in das Dorf, wohin er den Knaben als Hirtenjungen gebracht hatte, wie wohl nicht aus eigenem Antriebe, sondern auf Verlangen des Knaben, der an dem einsamen Orte nicht länger hatte leben mögen. Wie erschrak der Wirt, und noch mehr der König, als sich in dem Dorfe der Knabe, der zum Jüngling herangewachsen sein mußte, nicht fand, und man auch keine nähere Auskunft über ihn erhalten konnte. Die Leute wußten nur soviel zu sagen, daß der Knabe auf die Klage einer vornehmen Dame vor Gericht gestellt, von diesem aber freigesprochen und los gelassen worden sei. Später aber sei ein Diener der Königin erschienen, der den Knaben fortgeführt und in einem anderen Gebiete in Dienst gegeben habe.

 

Der König eilte dahin, und fand auch das Gesinde, in welchem sein Sohn eine kurze Zeit gewesen war, darnach aber war er entflohen, und man hatte nichts weiter von ihm gehört. Wie sollte man jetzt aufs Geratewohl weiter suchen, und wer war im Stande, den rechten Weg zu weisen?

Während der König noch voller Kümmernis war, daß sich hier alle Spuren verloren, trat ein alter Mann vor ihn hin - der selbe, der schon mehrere Male mit dem Königssohne zusammen getroffen war - und sagte, er sei einem jungen Manne, wie man ihn suche, dann und wann begegnet, und habe ihn anfangs als Hirten und später in mancherlei anderen Handtierungen gesehen; und er hoffe, die Spur des Verschwundenen zu finden. Der König sicherte dem Alten reiche Belohnung zu, wenn er ihn auf die Spur des Sohnes bringen könne, befahl einem der Diener, vom Pferde zu steigen, und hieß den Alten aufsitzen, damit sie rascher vorwärts kämen. Dieser aber sagte lächelnd: »So viel wie eure Pferde laufen können, leisten meine Beine auch noch; sie haben ein größeres Stück Welt durchwandert, als irgend ein Pferd.«

Nach einer Woche kamen sie wirklich dem Königssohn auf die Spur, und fanden ihn auf einem stattlichen Herrenhof, wo er, wie oben erzählt, die Gärtnerei erlernte. Grenzenlos war des Königs Freude, als er seinen Sohn wieder fand, den er schon so manches Jahr als tot beweint hatte. Freudentränen rannen von seinen Wangen, als er den Sohn umarmte, ihn an seine Brust drückte und küßte. Doch sollte er aus des Sohnes Munde eine Nachricht vernehmen, welche ihm die Freude des Wiederfindens schmälerte und ihn in neue Betrübnis versetzte.

 

Der Gärtner hatte eine junge blühende Tochter, welche schöner war als alle Blumen in dem prachtvollen Garten, und so fromm und schuldlos wie ein Engel. Diesem Mädchen hatte der Königssohn sein Herz geschenkt, und er gestand seinem Vater ganz offen, daß er nie eine Dame von edlerer Herkunft freien, sondern die Gärtnerstochter zu seiner Gemahlin machen wolle, sollte er auch sein Königreich aufgeben müssen. »Komm nur erst nach Hause,« sagte der König, »dann wollen wir die Sache schon in Ordnung bringen.«

Da bat sich der Sohn von seinem Vater einen kostbaren goldenen Ring aus, steckte ihn vor aller Augen der Jungfrau an den Finger und sagte: »Mit diesem Ringe verlobe ich mich mit dir, und über kurz oder lang komme ich wieder, um als Bräutigam dich heim zu führen.« Der König aber sagte: »Nein, nicht so - auf andere Weise soll die Sache vor sich gehen!« - zog den Ring wieder vom Finger des Mädchens und hieb ihn mit seinem Schwerte in zwei Stücke. Die eine Hälfte gab er seinem Sohne, die andere der Gärtnerstochter, und sagte: »Hat Gott euch für einander geschaffen, so werden die beiden Hälften des Ringes zu rechter Zeit von selbst ineinander schmelzen, so daß kein Auge die Stellen wird entdecken können, wo der Ring durch gehauen war. Jetzt bewahre Jeder von euch seine Hälfte, bis die Zeit erfüllt sein wird.«

Die Königin wollte vor Wut bersten, als ihr Stiefsohn, den sie für immer verschollen glaubte, plötzlich zurück kehrte, und zwar als rechtmäßiger Thronerbe, da dem Könige aus seiner zweiten Ehe nur zwei Töchter geboren waren. Als nach einigen Jahren des Königs Augen sich geschlossen hatten, wurde sein Sohn zum König erhoben. Wie wohl ihm die Stiefmutter schweres Unrecht zugefügt hatte, wollte er doch nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern überließ die Strafe dem Gericht Gottes.

Da nun die Stiefmutter keine Hoffnung mehr hatte, eine ihrer Töchter mittels eines Schwiergersohnes auf den Thron zu bringen, so wollte sie wenigsten eine fürstliche Jungfrau aus ihrer eigenen Sippschaft dem Könige vermählen, aber dieser entgegnete kurz: »Ich will nicht! ich habe meine Braut längst gewählt.« Als die verwitwete Königin dann erfuhr, daß der junge König ein Mädchen von niederer Herkunft zu freien gedenke, stachelte sie die höchsten Räte des Reichs auf, sich einmütig dagegen zu stemmen. Aber der König blieb fest und gab nicht nach.

Nachdem man lange hin und her gestritten hatte, gab der Konig schließlich den Bescheid: »Wir wollen ein großes Fest geben, und dazu alle Königstöchter und die anderen vornehmen Jungfrauen einladen, so viel ihrer sind, und wenn ich eine unter ihnen finde, welche meine erwählte Braut an Schönheit und Züchten übertrifft, so will ich sie freien. Ist das aber nicht der Fall, so wird meine Erwählte auch meine Gemahlin.«

 

Jetzt wurde im Königsschloß ein prächtiges Freudenfest hergerichtet, welches zwei Wochen dauern sollte, damit der König Zeit hätte, die Jungfrauen zu mustern, ob eine derselben den Vorzug vor der Gärtnerstochter verdiene. Alle fürstlichen Frauen der Umgegend waren mit ihren Töchtern zum Feste gebeten, und da der Zweck der Einladung allgemein bekannt war, hoffte jedes Mädchen, daß ihr das Glückslos zufallen werde. Schon näherte sich das Fest seinem Ende, aber noch immer hatte der junge König keine gefunden, die nach seinem Sinne war.

Am letzten Tage des Festes erschienen in der Frühe die höchsten Räte des Reichs wieder vor dem Könige und sagten - auf Eingebung der Königinwitwe - wenn der König nicht bis zum Abend eine Wahl getroffen habe, so könne ein Aufstand ausbrechen, weil alle Untertanen wünschten, daß der König sich vermähle. Der König erwiederte: »Ich werde dem Wunsche meiner Untertanen nachkommen und mich heute Abend erklären.« Dann schickte er ohne Vorwissen der anderen einen zuverlässigen Diener zur Gärtnerstochter, mit dem Auftrage, sie heimlich her zu bringen, und hier bis zum Abend versteckt zu halten.

 

Als nun am Abend des Königs Schloß von Lichtern strahlte, und alle fürstlichen Jungfrauen in ihrem Feststaat den Augenblick erwarteten, der ihnen Glück oder Unglück bringen sollte, trat der König mit einer jungen Dame in den Saal, deren Antlitz so verhüllt war, daß kaum die Nasenspitze heraus sah. Was allen aber gleich auffiel, war der schlichte Anzug der Fremden: sie war in weißes feines Leinen gekleidet, und weder Seide, noch Sammet, noch Gold war an ihr zu finden, während alle anderen von Kopf bis zu Fuß in Sammet und Seide gehüllt waren. Einige verzogen spöttisch den Mund, andere rümpften unwillig die Nase, der König aber tat, als bemerkte er es nicht, löste die Kopfhülle der Jungfrau, trat dann mit ihr vor die verwitwete Königin und sagte: »Hier ist meine erwählte Braut, die ich zur Gemahlin nehmen will, und ich lade euch und alle, die hier versammelt sind, zu meiner Hochzeit ein.«

Die verwitwete Königin rief zornig aus: »Was kann man auch Besseres erwarten von einem Manne, der bei der Herde aufgewachsen ist! Wenn ihr da wieder hin wollt, dann nehmt die Magd nur mit, die wohl verstehen mag, Schweine zu füttern, sich aber nicht zur Gemahlin eines Königs eignet - eine solche Bauerndirne kann den Thron eines Königs nur verunehren!« - Diese Worte weckten des Königs Zorn, und streng entgegnete er: »Ich bin König und kann tun, was ich will; aber wehe euch, daß ihr mir jetzt meinen früheren Hirtenstand ins Gedächtniß zurück riefet; damit habt ihr mich zugleich daran erinnert, wer mich in diesen Stand verstoßen hat. Indeß, da kein vernünftiger Mensch die Katze im Sacke kauft, will ich noch vor meiner Trauung allen deutlich machen, daß ich nirgends eine bessere Gemahlin hätte finden können, als gerade dieses Mädchen, das fromm und rein ist wie ein Engel vom Himmel.«

 

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und kam bald darauf mit eben dem Alten zurück, den er von seinem Hirtenstande her kannte, und der den König später auf die Spur seines Sohnes gebracht hatte. Dieser Alte war ein berühmter Zauberer Finnlands, der sich auf viele geheime Künste verstand. Der König sprach zu ihm: »Liebster Zauberer! offenbart uns durch eure Kunst das innere Wesen der hier anwesenden Jungfrauen, damit wir erkennen, welche unter ihnen die würdigste ist, meine Gemahlin zu werden.«

Der Zauberer nahm eine Flasche mit Wein, besprach ihn, bat die Jungfrauen, in der Mitte des Saales zusammen zu treten, und besprengte dann den Kopf einer Jeden mit ein paar Tropfen des Zauberweins, worauf sie alle stehenden Fußes einschliefen. O über das Wunder, welches sich jetzt auftat! Nach kurzer Zeit sah man sie sämtlich verwandelt, so daß keine mehr ihre menschliche Gestalt hatte, sondern statt ihrer allerlei wilde und gezähmte Tiere erschienen, einige waren in Schlangen, Wölfe, Bären, Kröten, Schweine, Katzen, andere wieder in Habichte und sonstige Raubvögel verwandelt. Mitten unter allen diesen Tiergestalten aber war ein herrlicher Rosenstock gewachsen, der mit Blüten bedeckt war, und auf dessen Zweigen zwei Tauben saßen. Das war die vom Könige zur Gemahlin erwählte Gärtnerstochter.

Darauf sagte der König: »Jetzt haben wir einer Jeglichen Kern gesehen, und ich lasse mich nicht durch die glänzende Schale blenden!« Die Königinwitwe wollte vor Zorn bersten, aber was konnte es ihr helfen, da die Sache so klar da lag. Darauf räucherte der Zauberer mit Zauberkräutern, bis alle Jungfrauen aus dem Schlafe erwachten, und wieder Menschengestalt erhielten. Der König erfaßte die aus dem Rosenstrauche hervorgegangene Geliebte, und fragte nach ihrem halben Ring, und als die Jungfrau ihn aus dem Busen nahm, zog auch er seinen halben Ring hervor, und legte beide Hälften auf seine Handfläche; augenblicklich verschmolzen sie mit einander, so daß kein Auge einen Riß oder irgend ein Merkmal der Stellen entdeckte, wo die Schneide des Schwertes den Ring einst getrennt hatte.

»Jetzt ist auch meines heimgegangenen Vaters Wille in Erfüllung gegangen!« sagte der junge König, und ließ sich noch an dem selben Abend mit der Gärtnerstochter trauen. Dann lud er alle Anwesende zum Hochzeitsschmaus, aber die fürstlichen Jungfrauen hatten erfahren, welches Wunder sich während ihres Schlafes mit ihnen begeben, und gingen voller Scham nach Hause. Um so größer war der Untertanen Freude, daß ihre Königin von Innen und von Außen ein untadelhaftes Menschenbild war.

 

Als das Hochzeitsfest zu Ende war, ließ der junge König eines Tages sämtliche Oberrichter des Reiches versammeln und fragte sie, welche Strafe ein Frevler verdiene, der einen Königssohn heimlich habe weg stehlen, und in einem Bauernhofe als Hüterknaben aufziehen lassen, und der außerdem noch den Jüngling schnöde gelästert habe, nachdem ihn das Glück seinem früheren Stande zurück gegeben. Sämmtliche Richter erwiederten wie aus einem Munde: »Ein solcher Frevler muß den Tod am Galgen erleiden.« Darauf sagte der König: »Nun wohl! Rufet die verwitwete Königin vor Gericht!«

Die Königinwitwe wurde gerufen und das gefällte Urteil ihr verkündet. Als sie es hörte, wurde sie bleich wie eine getünchte Wand, warf sich vor dem jungen Könige auf die Knie und bat um Gnade. Der König sagte: »Ich schenke euch das Leben, und hätte euch niemals vor Gericht gestellt, wenn es euch nicht eingefallen wäre, mich noch hinter her mit eben dem Leiden zu schmähen, welches ich durch euren Frevel habe erdulden müssen; in meinem Königreiche aber ist eures Bleibens nicht mehr. Packt noch heute eure Sachen zusammen, um vor Sonnenuntergang meine Stadt zu verlassen. Diener werden euch bis über die Grenze begleiten. Hütet euch, jemals wieder den Fuß auf mein Gebiet zu setzen, da es Jedermann, auch dem Geringsten, frei steht, euch wie einen tollen Hund tot zu schlagen. Eure Töchter, die auch meines heimgegangenen Vaters Töchter sind, dürfen hier bleiben, weil ihre Seele rein ist von dem Frevel, den ihr an mir verübt habt.«

 

Als die verwitwete Königin fort gebracht war, ließ der junge König in der Nähe seiner Stadt zwei hübsche Wohnhäuser aufbauen, von denen das eine den Eltern seiner Frau, und das andere dem Wirt des Bauernhofs geschenkt wurde, der den hilflosen Königssohn liebevoll aufgezogen hatte. Der als Hüterknabe aufgewachsene Königssohn und seine aus niederem Geschlecht entsprossene Gemahlin lebten dann glücklich bis an ihr Ende, und regierten ihre Untertanen so liebevoll wie Eltern ihre Kinder.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald: Estnische Märchen

 

 

WIE EINE KÖNIGSTOCHTER SIEBEN JAHRE GESCHLAFEN HAT ...

Schlafende Prinzessin auf dem Glasberg

 

Einmal war eines großen Königs Tochter plötzlich gestorben, und Trauer und Wehklagen erfüllte das ganze Land. An dem Tage, wo die Tote eingesargt werden sollte, kam aus fernen Landen ein weiser Mann (Zauberer) in die trauernde Königsstadt. Er schloß aus der allgemeinen Bekümmerniß, daß hier etwas Besonderes vorgefallen sein müsse und fragte, was denn die Bewohner so sehr drücke. Als er Auskunft erhalten hatte, begab er sich in den königlichen Palast, nannte sich einen weisen Arzt und bat um Zutritt zum Könige. Schon auf der Schwelle rief er mit starker Stimme: »Die Jungfrau ist nicht tot, sondern nur müde, laßt sie eine Zeit lang ruhen.« Als der König diesen Ausspruch gehört hatte, befahl er dem Fremden, näher zu treten. Der Zauberer aber sagte: »Die Jungfrau darf nicht zu Grabe gebracht werden. Ich werde einen Glaskasten machen, darin wollen wir sie betten und ruhig schlafen lassen, bis die Zeit des Erwachens heran kommt.«

Der König war höchlich erfreut über diese Rede und versprach dem Zauberer reichen Lohn, wenn seine Verheißung sich erfüllen würde. Dieser machte darauf einen großen Glaskasten, legte seidene Kissen hinein, bettete die Königstochter darauf, schloß den Deckel und ließ den Kasten in ein großes Gemach tragen, jedoch Wachen vor die Tür stellen, damit niemand die Schlafende wecke.

Nachdem dies geschehen war, sagte der Zauberer zum Könige: »Sendet jetzt überall hin und lasset allen Glasvorrat aufkaufen, dann werde ich einen Ofen bauen, der größer sein wird als eure Königsstadt, und in welchem wir unser Glas zu einem Berge zusammen schmelzen wollen. Wenn sechs Jahre verstrichen sind, und der Lerchensang den siebenten Sommer ankündigt, dann sendet Boten nach allen Richtungen hin, und lasset bekannt machen, daß es jedem jungen Manne erlaubt sei, sich als Bewerber um eure Tochter einzufinden. Wer von den Freiern dann, sei es zu Pferde, oder auf seinen eigenen Füßen, des Glasberges Gipfel erklimmt, der muß euer Schwiegersohn werden. Wenn nämlich der auserkorene Mann kommt, was binnen sieben Jahren und sieben Tagen geschehen wird, dann wird eure Tochter aus dem Schlafe erwachen und dem Jüngling einen goldenen Ring geben. Wer euch diesen Ring bringt, und wäre es der geringste eurer Untertanen, ja auch eines Tagelöhner's Sohn, dem müßt ihr eure Tochter zur Gemahlin geben, sonst wird sie in ewigen Schlaf versinken.«

Der König versprach, sich in allen Stücken nach dieser Vorschrift zu richten, und gab sofort Befehl, in allen angrenzenden Ländern den Glasvorrat anzukaufen. Als das sechste Jahr ablief, war so viel Glas beisammen, daß es eine Fläche von einer Meile sieben Klafter hoch bedeckte. Inzwischen hatte der Zauberer seinen Schmelzofen fertig, der so hoch war, daß er fast an die unterste Wolkenschicht reichte. Der König stellte ihm zweitausend Arbeiter zur Verfügung, welche das Glas in den Ofen taten. Hier schmolz es, und die Hitze wurde so stark, daß Sümpfe, Flüsse und kleine Seen austrockneten, ja selbst in Quellen und tiefen Brunnen eine Abnahme des Wassers zu bemerken war.

 

 

Während nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in eine Bauernhütte treten, die nicht weit von der Königsstadt liegt, und wo ein alter Vater mit seinen drei Söhnen wohnt. Die beiden älteren Brüder waren gescheite, gewiegte Burschen, der jüngste aber etwas einfältig. Als der Vater erkrankte und sein Ende heran nahen fühlte, ließ er seine Söhne vor sein Lager treten und sprach folgendermaßen: »Ich fühle, daß mein Heimgang heran naht, deßhalb will ich euch meinen letzten Willen kund tun. Ihr, meine lieben älteren Söhne, sollt gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide heiratet. Die Herrschaft zweier Herdesköniginnen würde einen Riß in's Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: 'Wo sieben unbeweibte Brüder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen zu eng; sie müssen sich zausen.' Tritt aber dieser Fall ein, so sollt ihr Haus und Felder unter einander teilen. Euer jüngster Bruder aber, der weder zum Wirt noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch beiden meinen Geldkasten. Euer jüngster Bruder ist zwar etwas kurz von Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat.«

Die älteren Brüder versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge des Vaters Willen zu erfüllen, der jüngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. »Noch Eins will ich sagen,« fuhr der Vater fort - »wenn ich tot bin und ihr mich begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, daß jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht.« Beide älteren Brüder versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge, des Vaters Willen zu erfüllen, der jüngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer geschlossen.

Die beiden älteren Brüder richteten ein großes Gastmahl an und luden viele Gäste ein, damit der tote Vater mit allen Ehren bestattet werde. Sie selbst waren guter Dinge und aßen und tranken wie auf einer Hochzeit, während ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters stand; als der Sarg dann weg getragen und in's Grab gesenkt wurde, da war dem jüngsten Sohne zu Mute, als wären nun alle Freuden abgestorben und mit dem Vater begraben.

Spät am Abend, als die letzten Gäste fortgegangen waren, fragte der jüngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die anderen sagten: »Wir sind müde von der Besorgung des Begräbnisses, wir können heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu tun, also geh du und halte Wache.« Der jüngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tönte:

»Wessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen?«

Der Sohn verstand die Frage und antwortete:

»Das ist ja dein jüngster Knabe,

Dessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte weiter, warum die älteren Brüder nicht zuerst zur Wacht gekommen seien, worauf der jüngste sie entschuldigte, sie hätten, ermüdet von der Beerdigung, heute nicht kommen können. Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wünschen wirst, um in die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu können. Dann tritt an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: 'Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die erste nächtliche Wacht.' Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter heim, frühstückte etwas, um sich zu stärken, und legte sich dann nieder, um zu ruhen. Als am Abend die Zeit herankam, fragte er bei den Brüdern an, wer von ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die Brüder antworteten spöttisch: »Nun es wird wohl niemand kommen, um den Vater aus dem Grabe zu stehlen. Wenn du aber Lust hast, so kannst du ja auch diese Nacht dort wachen. Aber mit all deinem Wachen wirst du den Vater nicht wieder ins Leben zurückrufen.« Der jüngste Bruder wurde über diese lieblose Rede noch betrübter und verließ mit Tränen in den Augen das Gemach.

Auf dem Grabe des Vaters war alles ruhig, wie gestern Nacht, nur die Grille zirpte im Grase. Damit er nicht einschliefe, ging er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte wohl Mitternacht sein, die Hähne hatten schon zweimal gekräht, als eine klagende Stimme aus dem Grabe sich vernehmen ließ:

»Wessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen?«

Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:

»Das ist ja dein jüngster Knabe,

Dessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte weiter, warum keiner der älteren Brüder gekommen sei, und der jüngste entschuldigte sie, sie seien von dem Tagewerk zu ermüdet, um zu wachen.

Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, darum werde ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit kommen, wo du dir einen noch besseren Anzug wünschen wirst, als den, welchen du dir gestern verdient hast. Dann tritt nur dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: 'Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die zweite nächtliche Wacht!' Sofort wirst du einen prächtigeren Anzug und ein schöneres Pferd erhalten, so daß die Leute ihre Augen nicht von dir weg wenden mögen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging er von der Grabeswacht nach Hause, fand die beiden älteren Brüder noch schlafend, frühstückte etwas, um sich zu stärken, streckte sich dann auf die Ofenbank hin und schlief, bis die Sonne schon etwas über Mittag stand. Als am Abend die Zeit wieder heran nahte, fragte er die Brüder, wer von ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde? Sie lachten und antworteten spöttisch: »Wer die wohlfeile Arbeit zwei Nächte getan hat, der kann sie auch die dritte Nacht tun. Der Vater wird aus seinem Grabe nicht davon laufen, und noch weniger werden die Leute kommen, ihn zu stehlen. Wäre er noch bei vollem Verstande gewesen, so hätte er einen Wunsch dieser Art gar nicht geäußert.« Der jüngste Bruder war sehr betrübt über ihre lieblose Rede, und ging wieder mit tränenden Augen davon.

Auf dem Grabe des Vaters war alles still, wie die beiden Nächte zuvor, nur die Grille zirpte im Grase, und die Schnepfe meckerte unter hohem Himmel. Um nicht einzuschlafen, ging der Grabeswächter leisen Schrittes auf und ab. Es mochte Mitternacht sein, die Hähne hatten schon zweimal gekräht, da rief wieder die klagende Stimme aus dem Grabe:

»Wessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen?«

Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:

»Das ist ja dein jüngster Knabe,

Dessen Schritt ist's, der da schüttet

Groben Kiessand auf die Augen,

Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte wieder, weßwegen die älteren Brüder nicht gekommen seien, und erhielt dieselbe Antwort wie gestern.

Aber des Vaters Stimme hob wieder an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, ich will dir den deinigen nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit kommen, wo du an dir selbst erfahren wirst, daß der Mensch, je mehr er hat, desto mehr begehrt. Einem guten Sohne aber, der seinem Vater auch nach dem Tode noch Liebe erwies, müssen alle Wünsche erfüllt werden. Anfangs wollte ich meine verborgenen Schätze unter deine Brüder teilen, jetzt bist du mein einziger Erbe. Wenn dir deine prächtigen Kleider und Pferde, die ich dir für die erste und zweite nächtliche Wacht zum Lohne versprach, nicht mehr gefallen, so tritt dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: 'Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die dritte nächtliche Wacht!' und augenblicklich wirst du die aller prächtigsten Kleider und die aller kostbarsten Pferde erhalten. Alle Welt wird mit Bewunderung auf dich blicken, deine älteren Brüder werden dich beneiden und ein großer König wird dich zum Schwiegersohne wählen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter nach Hause und dachte bei sich selbst: so eine Zeit wird für mich Armen wohl niemals kommen. Als er dann ein wenig gefrühstückt hatte, um sich zu stärken, streckte er sich auf die Ofenbank, schlief ein und erwachte erst, als die Sonne schon in den Wipfeln des Waldes stand.

Während er schlief, sprachen die älteren Brüder untereinander: »Dieser Nachtwacher und Tagschläfer wird uns nie zu was nützen, wozu füttern wir ihn? Wir täten besser, das Futter einem Schweine zu geben, das wir zu Weihnacht schlachten können.« Der älteste Bruder setzte hinzu: »Werfen wir ihn aus dem Hause, er kann vor fremder Leute Türen sein Brot betteln.« Da meinte aber der andere, das würde doch nicht gut angehen, und würde ihnen selber Schande bringen, wenn sie, als wohlhabende Leute, den Bruder betteln gehen ließen. »Lieber wollen wir ihm die Brosamen von unserm Tische hinwerfen, satt soll er nicht dabei werden, aber auch nicht Hungers sterben.«

 

 

Inzwischen hatte der Zauberer seinen Glasberg fertig geschmolzen, und der König hatte überall bekannt machen lassen, daß jeder junge Mann kommen dürfe, sich um seine Tochter zu bewerben, daß aber nur dem jenigen die Jungfrau ihre Hand reichen würde, der zu Pferde oder auf eigenen Füßen den Gipfel des Glasberges erklimmen würde. Der König ließ nun ein große Gelage anrichten für alle die Gäste, die sich einfinden würden. Das Gelage sollte drei Tage währen; für jeden Tag wurden hundert Ochsen und siebenhundert Schweine geschlachtet, und fünfhundert Fässer Bier gebraut. Die aufgestapelten Würste ragten gleich Wänden, die Hefebrote und Kuchen bildeten Haufen, so hoch wie die größten Heuschober.

Die schlafende Königstochter wurde in ihrem Glaskasten auf den Gipfel des Glasberges getragen. Von allen Seiten strömten Fremde herbei, teils um das Wagestück zu versuchen, teils um das Wunder mit anzusehen. Der glänzende Berg strahlte wie eine zweite Sonne, so daß man ihn schon viele Meilen weit aus der Ferne erblickte.

Unsere alten Bekannten, die beiden älteren Brüder, hatten sich Festkleider machen lassen und gingen auch zum Gastmahl. Der jüngste mußte zu Hause bleiben, damit er in seinem elenden Aufzug den schmucken Brüdern keine Schande mache. Aber kaum hatten sich die älteren Brüder auf den Weg gemacht, so ging der jüngste an des Vaters Grab, tat, wie die Stimme ihn gelehrt hatte, und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die erste nächtliche Wacht!« - In dem nämlichen Augenblick, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein ehernes Roß da mit ehernem Zaum, und auf dem Sattel lag die schönste glänzende Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.

Um Mittag kam der eherne Mann auf seinem ehernen Pferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen, aber kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte den glatten Berg hinauf zu kommen. Der eherne Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein Drittel des Berges hinauf, als wäre es geschwendetes Land, kehrte dann um, grüßte den König und verschwand wieder. Manche Zuschauer wollten bemerkt haben, daß die schlafende Königstochter ihre Hand regte, als der eherne Mann hinauf ritt. Beide Brüder konnten am Abend nicht genug von der wunderbaren Tat des ehernen Mannes und seines ehernen Pferdes erzählen. Der jüngste Bruder hörte ihre Reden schweigend an, ließ sich aber nicht merken, daß er selber der Mann gewesen war.

Am anderen Morgen gingen die Brüder mit Sonnenaufgang wieder fort, um die Gasterei nicht zu versäumen. Die Sonne stand in Südost, als der jüngste Bruder an das Grab des Vaters kam; er tat nach der Vorschrift und sagte: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die zweite nächtliche Wacht!« In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein silbernes Pferd da mit silbernem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die prächtigste glänzendste silberne Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.

Am Mittag kam der silberne Mann mit seinem Silberpferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen; aber kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte auf den glatten Berg hinauf zu kommen. Der silberne Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein gut Stück über die Hälfte den Glasberg hinauf, der für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein schien, kehrte um, grüßte den König und war gleich darauf wieder verschwunden. Heute hatten die Leute deutlich gesehen, daß die schlafende Königstochter bei der Annäherung des silbernen Mannes ihren Kopf bewegt hatte.

Die Brüder waren am Abend nach Hause gekommen, und konnten nicht genug Rühmens machen von des silbernen Mannes und seines Silberpferdes wunderbarer Tat, meinten aber doch zuletzt, es könne kein wirklicher Mensch sein, sondern alles sei nur ein Zauberblendwerk. Der jüngste Bruder hörte ihren Reden still zu, ließ sich aber nichts davon merken, daß er selbst der Mann gewesen war.

Am anderen Morgen waren beide älteren Brüder mit Tagesanbruch wieder fort gegangen. An diesem Tage hatte sich noch mehr Volks versammelt, weil heute die sieben Jahre und sieben Tage um waren, nach deren Ablauf die Königstochter aus ihrem langen Schlaf erwachen sollte. Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als der jüngste Bruder an des Vaters Grab ging. Er tat nach der Vorschrift und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die dritte nächtliche Wacht.« In demselben Augenblicke, wo diese Bitte über seine Lippen kam, stand ein goldenes Pferd da mit goldenem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die schönste goldene Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.

Um Mittag kam der goldene Mann mit seinem Goldpferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen, doch kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte den glatten Berg hinaufzukommen. Weder der eherne Reiter noch der silberne hatten Spuren auf dem Berge zurückgelassen, der glatt geblieben war wie zuvor. Der goldene Reiter drängte sich durch die Menge, ritt den Berg hinauf bis zum Gipfel, und der Berg schien für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein. Als er oben angekommen war, sprang der Deckel des Kastens von selbst auf, die schlafende Königstochter richtete sich empor, zog einen goldenen Ring von ihrem Finger und gab ihn dem goldenen Reiter. Dieser aber hob die Jungfrau auf sein Goldpferd und ritt mit ihr langsam den Berg hinunter. Dann legte er sie in des Königs Arme, grüßte anmutig und war im nächsten Augenblick verschwunden, als wäre er in die Erde gesunken.

Des Königs Freude könnt ihr euch leicht vorstellen. Am anderen Tage hatte er, dem Rat des weisen Mannes zufolge, überall bekannt machen lassen, daß der, welcher der Prinzessin goldenen Ring zurück bringen würde, sein Schwiegersohn werden sollte. Von den Gästen waren die meisten zur Nacht da geblieben, um zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Auch unsere alten Freunde, die älteren Brüder, waren darunter und ließen sich die Bewirtung trefflich munden. Aber ihr Erstaunen war nicht gering, als sie sahen, wie ein schlecht gekleideter Mann, in dem sie bald ihren verschmähten Bruder erkannten, an den König heran trat. Dieser Bettler trug in der Tat den Ring der Königstochter an seiner Hand. Da bereute der König seine Zusage, denn so etwas hatte er nicht ahnden können.

Aber der Zauberer sagte zum Könige: »Der Jüngling, den ihr seines schlechten Aufzuges wegen für einen Bettler haltet, ist der Sohn eines mächtigen Königs, dessen Land weit entfernt liegt. Er wurde drei Tage nach seiner Geburt von einer bösen Frau des Rõugutaja mit einem Bauernsohn vertauscht; dieser starb jedoch schon im ersten Monat, während der gestohlene Königssohn in einer Bauernhütte aufwuchs und seinem vermeintlichen Vater immer gehorsam war.«

Der König war durch diese Auskunft zufrieden gestellt, und ließ einen großen Hochzeitsschmaus anrichten, der vier Wochen dauerte. Später vererbte er alle seine Reiche auf seinen Schwiegersohn. Sobald dieser nur die Bauernkleider abgelegt hatte, benahm er sich gar nicht mehr einfältig, sondern seinem Stande gemäß und als kluger Herr. Seine Einfalt war ihm ja nicht angeboren, sondern das böse Weib hatte sie ihm angetan.

Sonntags zeigte er sich dem Volke in seiner Goldrüstung auf seinem goldenen Roß. Seine vermeintlichen Brüder waren vor Neid und Wut gestorben.

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald: Estnische Märchen

 

 

DAS VERGESSENE KIND ...

Unter der Birke

 

Eine Mutter ging mit zum Mähen in die Wiesen. Alle anderen Frauen hatten ihre Kinder zu Hause gelassen. Sie aber war erst ein Jahr verheiratet und außerstande, sich in ihrem Glück von dem Kind zu trennen. Darum band sie es in einem Tuch auf dem Rücken und nahm es mit.

Draußen machte sie ihm ein weiches Bett von Gras, im Schatten einer Birke. Alle drei Stunden kam sie und tränkte es. Jedes mal richtete sie das Bett so, dass es mit dem Schatten des Baumes weiter rückte.

Es war ein heißer Tag. Als ein Gewitter schwarz heranzog, eilten alle, möglichst viel Arbeit hinter sich zu bringen. Am Abend waren sie schon ein gutes Stück von der Birke abgekommen. Ganz klein und fern stand die Birke am Horizont. Aber die Mutter sah immer dahin und lachte und sang dazwischen mit den anderen Frauen, trotz des Schweißes, der ihr vom Gesicht rann.

Als Feierabend gemacht wurde und man den Rückweg antrat, war die Lustigkeit aufs Höchste gestiegen. Man sang ein Liebeslied. Jede wusste einen neuen Vers. Dann fingen sie an, selber Verse hinzu zu dichten, die, nach dem eine vorgesungen hatte, alle nach sangen.

Als sie vor den Häusern des Dorfes angekommen waren und im Blitzschein die Männer vor den Türen standen und nach den Frauen ausschauten, fiel es der jungen Mutter ein, dass sie ihr Kind unter der Birke vergessen hatte.

Ohne ihren Mann zu begrüßen, schrie sie auf:>> Herr Jesus!<< und, wie von dem niederschüttenden Regen verfolgt, jagte sie den weiten Weg zurück. Es war schwarze Nacht geworden. Immer nur, wenn ein Blitz vom Himmel traf, zeigten sich die einzelnen Bäume und der ferne Waldrand.

Die junge Mutter lief immerzu, durch Dornen und Sumpfwasser. Ihre Haare hatten sich gelöst, der Sturm trieb sie vor ihrem Gesicht her. Sie lief so schnell, dass sie, ohne die Füße zu bewegen, über den Erdboden hin zu wehen schien.Weil ihr oft Zweige ins Gesicht schlugen, lief sie mit geschlossenen Augen und verlor doch die Richtung der Birke nie.

Wölfe kamen hinter ihr her. Wölfe kamen von beiden Seiten. Sie hörte ihren Atem. Einer war so nahe, dass er nach ihrem Kleid schnappte. Ohne an Furcht zu denken, die Kleider zerrissen, die Haare voller Dornen und Blätter, Knie und Hände blutig gefallen, erreichte sie endlich die Birke.

Im Blitzschein sah sie ihr Kind im Schoß einer Frau liegen, rotbäckig, den Kopf auf die Seite gelegt und im Traum lachend. Die Mutter wollte aufschreien und streckte die Hände aus, aber ohne einen Laut hervor bringen zu können, brach sie in die Knie. Da wich die fremde Frau, die für einen Augenblick nach der Mutter hin sah, vom Kind fort und entwehte wie ein Schatten. Die Wölfe kamen heran gestürzt. Aber statt sich auf die Frau zu werfen, zogen sie, wie auf einen Befehl und aufbellend wie Hunde, die ihren Herrn begrüßten, dem Schatten der Frau nach, bis aller Schatten in der Ferne verhallte.

Als die junge Mutter ihr Kind in die Arme riss, fand sie um seinen Hals ein goldenes Kettchen, zierlicher gearbeitet, als irgendwelche Menschenhände vermöchten. Nur ein uraltes Weib in einem Nachbardorfe wusste, wer die fremde Frau war: Laima, die Göttin der Vorzeit.

 

Märchen aus Lettland

 

 

DER BÖSEN TOCHTER UND DAS WAISENMÄDCHEN ...

Der goldene Schuh als Pfand

 

Eine Mutter hatte eine Tochter. Sie lebten und lebten und gingen einmal zu Gast; und da geschah es, daß sie vom Wege abirrten. Die Böse gesellte sich zu ihnen; sie schleppte die Mutter, sie schleppte auch die Tochter hinweg. Sie lebten bei der Bösen; da tötete die Böse die Mutter, kochte sie in einem Kessel und verzehrte sie. Die Tochter weinte und weinte, die Mutter rief: »Kindlein, weine nicht, nimm meine Gebeine und schlag sie in ein weißes Tuch!« Die Tochter sammelte unter dem Tisch der Mutter Gebeine, da kam die Böse hinzu: »Was machst du da? Weshalb ißt du nicht?« - »Ich hab schon an den Knochen genug.«

Am Sonnabend heizte man die Badestube. Die Böse sagte zu ihrer Tochter und zum fremden Mädchen: »Wer von euch ihr Haar schneller trocknet, die nehme ich morgen mit in die Kirche.« Sie gingen in die Badestube, sie wuschen sich rein; der Bösen Tochter drehte sich den Kopf ab und trocknete sich schnell das Haar. Am Sonntag fuhr die Böse mit ihrer Tochter zur Kirche, das Waisenmädchen blieb zu Haus; sie weinte und weinte; da fragten der Mutter Gebeine: »Was ist das, ist es ein warmer Regen?« - »Das ist kein warmer Regen, das sind meine Tränen!« - »Hast du's schwer, Töchterchen?« - »Schwer, schwer, Mütterlein.« - »Geh in den Schweinestall, da wirst du finden, was dich erfreut.«

Die Tochter ging in den Schweinestall: da erhielt sie herrliche Kleider, erhielt goldene Schuhe; vor der Kutsche warteten die Pferde, das Mädchen brauchte sich nur hineinzusetzen und fuhr zur Kirche; sie betete ihre Gebete und eilte wieder nach Haus. Unterwegs schaute ein Bursche: »Woher mag doch dieses schöne Mädchen sein, herrliche Kleider, eine prachtvolle Kutsche?«

Wie die Böse mit ihrer Tochter aus der Kirche kam, war das Waisenmädchen schon bei der Arbeit und fragte: »Nun, was habt ihr in der Kirche Neues gehört, gesehen?« - »Wir haben manches gesehen, was deine Augen nicht gesehen haben: ein Mädchen fuhr zur Kirche, schön war sie, stolz, herrliche Pferde hatte sie vor der Kutsche; wir konnten nicht in ihre Nähe, so drängte sich das Volk um sie; doch sie schaute nicht einmal hin; sie fuhr weg, niemand weiß, wohin.«

So lebten sie und lebten sie, bis wieder der Sonnabend da war. Man heizte die Badestube. Die Böse sagte wieder zu den Mädchen: »Wer von euch schneller ihr Haar trocknet, die werde ich morgen mitnehmen zur Kirche, die andere bleibt zu Haus.« Sie gingen in die Badestube. Der Bösen Tochter machte es natürlich keine Mühe, ihr Haar zu trocknen, sie drehte sich einfach den Kopf vom Leibe und trocknete dann das Haar.

Am Sonntag fuhr die Böse mit ihrer Tochter zur Kirche, die Waise blieb zu Haus. Sie ging wieder zu den Gebeinen der Mutter, sie weinte, weinte sehr bitter; die Gebeine sagen: »Oh, es fällt wohl warmer Regen!« - »O nein, es fallen meine bitteren Tränen!« - »Hast du es denn so schwer, Töchterchen?« - »Schwer, ja, Mütterchen.« - »Nun, tritt in den Schweinestall, da findest du vielleicht, was dich erfreut.« Das Mädchen trat in den Schweinestall und erhielt dort schöne Kleider, goldene Schuhe, eine Kutsche mit prachtvollen Pferden. Das Mädchen setzte sich in die Kutsche, fuhr zur Kirche, betete inbrünstig, betete unter vielen Tränen. Dann fuhr sie wieder dem Hause zu. Der Bursche schaute wieder und spähte: »Wohin mag sie doch fahren?« Nichts sah er, verschwunden war sie; das Mädchen saß schon zu Hause bei der Arbeit.

Die anderen kamen auch bald nach Hause und erzählten, welch eine Pracht sie erschaut; heute seien sie schon etwas näher gekommen. »Du Armselige, du hast gar nichts gesehen!« - »Wo soll ich, arme Waise, weder komm ich zur Kirche noch anderswohin!« Es kam der dritte Sonnabend; man ging in die Badestube; der Bösen Tochter hatte ihr Haar wieder schneller trocken: sie drehte nur den Kopf vom Leibe und trocknete dann. Am Sonntag mußte natürlich die Waise zu Hause bleiben, die anderen fuhren zur Kirche. Die Waise weinte bitter bei der Mutter Gebeinen. Die Gebeine fragten: »Ist das ein warmer Regen?« - »Nein, das sind meine bitteren Tränlein!« - »Geh, Tochter, in den Schweinestall, da erhältst du, was dich erfreuen soll.« Die Tochter ging in den Schweinestall und erhielt noch prächtigere Kleider als früher, erhielt goldene Schuhe; sie setzte sich in die Kutsche, fuhr zur Kirche, betete in der Kirche inbrünstig, betete von ganzem Herzen; wie sie gebetet hatte, fuhr sie wieder dem Hause zu.

Doch der Bursche hatte erspäht, wohin sie fuhr; er versteckte sich unter einer Brücke, und als das Mädchen vorbeifuhr, kam er unter der Brücke hervor und hielt die Pferde an: »Wohin fährst du? Wer bist du?« - »Halte mich nicht an, ich muß schnell nach Hause fahren.« - »Ich komme zu dir auf die Freite!« - »Du wirst mich nicht erkennen!« - »Gib mir einen Goldschuh, wem dieser paßt, die will ich heiraten.« Das Mädchen gab ihm einen Goldschuh. Der Bursche nahm den Schuh und ging auf die Freite: »Wem dieser Schuh paßt, die soll die Meine werden.« Die Böse gab den Schuh ihrer Tochter; dieser paßte der Schuh nicht, ihr Fuß war zu groß. Da nahm die Mutter ein Beil, hieb ihr eine Zehe ab, brachte das Mädchen zum Freier: »Hier ist die Deinige!« Der Bursche nahm sie und erkannte nicht, daß es eine Fremde war.

Schon fuhr er, da sah er: am Wege ein Apfelbaum, voll goldener Äpfel, ein kleiner See, goldene Fische darin. Diese Apfelbäume, diese goldenen Fische - alles war entstanden aus den Eingeweiden der Mutter des armen Mädchens, als die Böse sie getötet hatte. Der Freier erblickte die Äpfel, die Fische und sagte: »Wer mir einen Apfel holt, wer mir einen Fisch holt, die will ich heiraten.« Die Tochter der Bösen ging, um das Verlangte zu holen, konnte es aber nicht: der Apfelbaum schlägt sie, der Fisch schwimmt weit weg in den See. Da kam das Waisenmädchen, nahm den Apfel, nahm das Fischlein, gab sie dem Freier und sang selbst dazu:

»Bringet als letzte,

haltet für die geringste -

werfet nieder meinen Goldschuh!«

Der Freier erkannte die Seinige, er hielt an, warf der Bösen Tochter in den See und nahm das Waisenmädchen mit sich.

Nach einiger Zeit begab sich die Böse zur Tochter, um zu sehen, wie es mit der jungen Frau Gesundheit stehe. Als sie zum See kam, sah sie: unter der Brücke wuchs ein hoher Rohrstengel hervor; dieser war entstanden aus der Tochter Nabel. Die Böse dürstete; als sie unter die Brücke ging, um ihren Durst zu löschen, da sang das Rohr:

»Mütterchen, Mütterchen,

reiß mich aus der Erde,

Mütterchen, Mütterchen!«

Die Mutter erkannte, wer das sang; sie riß das Rohr heraus, und die Tochter war sofort am Leben. Dann fuhren sie zum Schwiegersohn; da stillte die Mutter gerade ihr kleines Kindlein. Die Böse warf der Frau eine Wolfshaut über; die Frau wurde zur Wölfin und lief weg in den Wald. Die Böse bettete unter die Decke statt der Frau ihre eigene Tochter, doch diese hatte dem Kinde keine Nahrung zu bieten; das Kind schrie, es schrie so, daß es traurig anzuhören war. Die Hirtin aber hatte dieses alles gesehen, sie nahm das Kind, trug es zum Walde und sang:

»Mütterchen, Mütterchen,

komm und biet die Brust dem Kindlein!

Judas läßt dein Kindlein saugen

morgens an dem Stuteneuter,

mittags saugt es an der Spindel!«

Eine Wölfin kam aus dem Dickicht und warf ihre Haut auf einen Stein; es war des Kindes Mutter; sie bot ihrem Kind die Brust und verschwand dann wieder im Walde. Am zweiten Tage brachte die Hirtin das Kind wieder zum Walde, um es stillen zu lassen. Sie sang:

»Mütterchen, Mütterchen,

komm und biet die Brust dem Kindlein!

Judas läßt dein Kindlein saugen

morgens an dem Stuteneuter,

mittags saugt es an der Spindel!«

Wieder kam die Wölfin aus dem Walde, warf ihre Haut auf den Stein, stillte das Kind und verschwand darauf. Doch der Mann hatte es zufällig gesehen; er kam zur Hirtin: »Was ging hier vor sich?« Die Hirtin entdeckte ihm alles: »Zwei Personen kamen zu dir zu Gast, die andere blieb, deine Frau wurde in eine Wölfin verwandelt.«

Der Mann ging, um sich das Los werfen zu lassen; wie die Weise ihn lehrte, so führte er es aus: er brannte den Stein heiß, brannte ihn glühend. Die Frau kam wiederum ihr Kind stillen; sie warf die Wolfshaut auf den Stein, diese verbrannte sofort. Der Mann hatte wieder seine Frau und brachte sie nach Hause; doch der Bösen Tochter erschlug er mit dem Schwert.

Da fing er wiederum mit seiner Frau an zu leben, und die Böse kam nicht mehr, um ihnen nachzustellen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DER GEIZIGE KÖNIG ...

Flucht ins Meer

 

Es war einmal ein König. Das war solch ein Geizhals - keinem Bettler gab er jemals etwas, sondern sagte nur immer, die Bettler sollten arbeiten gehen und sich Geld verdienen.

Neben seinem Schloß befand sich ein großer Park, und dahin verirrte sich einmal ein großer Hirsch. Der König wollte den Hirsch erlegen und begann auf ihn zu schießen, traf ihn aber nicht, und der Hirsch flüchtete ins Meer. Der König zog sich nackt aus und fing an, den Hirsch im Wasser zu verfolgen. Die Kleider des Königs blieben am Ufer liegen, es kam ein Dieb hinzu und trug sie fort - und auf diese Weise blieb der König nackt. Den Hirsch aber hatte er gefangen; so nahm er nun dessen Fell, hüllte sich ein und ging nach seinem Schloß zurück; doch die Wachen ließen ihn nicht mehr hinein - sie glaubten nicht, daß er ihr König sei.

Bald begann der König Hunger zu spüren; es half nichts anderes - er mußte dienen gehen. Er verdingte sich also bei einem Bauern als Knecht. Dort mußte er aber sehr früh aufstehen und zur Arbeit gehen. Daran war er nicht gewöhnt und schlief länger. Nun, der Bauer gab ihm auch keine Arbeit mehr, sondern jagte ihn fort. Darauf bot der König sich einem anderen Bauern als Pferdehirt an; er dachte, dies sei eine leichte Arbeit, blieb aber wieder schlafen, die Pferde liefen in den Weizen, und der Bauer jagte ihn wieder fort. Dann wurde er Schweinehirt, aber auch die Schweine gingen bald in die Kartoffeln und bald in die Erbsen, und der Bauer jagte den Hirten fort.

Schließlich fand der König nirgends einen Dienst mehr. Er wanderte nun einsam seinen Weg; da kam ihm ein blinder Bettler entgegen und klagte, er habe niemand, der ihn zum Schlosse des Königs leite, wo eine große Bettlerbewirtung zu erwarten stehe. Nun ging der König als Wegweiser des Bettlers hin und wurde auch mit dem Bettler zusammen ins Schloß eingelassen. Dort war ein König, der saß mit den Bettlern an einem Tisch und aß mit ihnen zusammen. Der fragte den geizigen König: »Hast du nun gelernt, König zu sein?« Und er selber stand auf und ging hinaus und ließ ihn an seiner Stelle wieder als König zurück.

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen - Livische Märchen

 

DER BETTLER UND DIE REICHE BÄUERIN ...

Die arme Familie und der Bettler

 

Es kam einmal auf einen Bauernhof ein Bettler und bat um ein Nachtlager. Die Bäuerin jagte aber den Bettler kreischend und schimpfend davon. Der Bettler machte, daß er davon kam, denn die Bäuerin drohte, die Hunde auf ihn zu hetzen.

Der Bettler ging zu einer armseligen Hütte und bat auch dort die Hausfrau um ein Nachtlager. Die Frau sprach: »Wohin wirst du Armer gehn! Komm nur herein! Ich habe freilich selbst nur wenig Brot, aber einem Armen muß man immer etwas abgeben!«

Als der Bettler in die Stube kam und die Kinder der armen Bäuerin sah, da fragte er: »Warum haben deine Kinder so schrecklich schmutzige Hemden an?« Die Bäuerin antwortete: »Ich bin eine arme Witwe und habe fünf Kinder zu ernähren. Soviel Geld hab' ich nicht, daß ich jedem zwei Hemden anschaffen könnte!« Darauf erwiderte der Bettler nichts.

Als die Abendmahlzeit kam, wurde er zum Essen gerufen. Er sagte aber, er sei krank, und kam nicht. Am Morgen legte der Bettler das Brot aus seinem eigenen Sack auf den Tisch und sprach: »Was du zu tun anfängst, das tu bis zum Abend!«

Das arme Weib begriff die Worte des Bettlers nicht. Sie hatte etwas Leinwand und dachte: 'Vielleicht reicht es doch wenigstens einem Kinde zu einem Hemd.' Sie ging ins Dorf, um ein Ellenmaß zu suchen und damit die Leinwand zu messen, ob sie auch zu einem Hemde reiche oder nicht.

Sie bekam das Ellenmaß. Als sie nach Hause kam, sagte sie: 'Wenn schon der Bettler sagt, daß meine Kinder zu zerlumpt sind, was mögen da erst die anderen Leute sagen!' Als sie nach Hause kam, ging sie sogleich zur Vorratskammer. Aber wie erschrak sie, als sie die Tür nicht aufmachen konnte! Schließlich sprengte sie die Tür mit einer Stange auf. Aber was sah sie da! Die Kammer war voll von Leinwandrollen. Da begann die Frau sogleich, die Leinwand zu messen. Am Abend, als die Sonne unterging, war sie mit dem Messen des letzten Stückes fertig. Nun erst begriff sie die Worte des Bettlers. In der Eile des Messens hatte sie nicht einmal Zeit gehabt nachzudenken, woher all dieses Zeug plötzlich in ihre Vorratskammer gekommen sei.

Am Abend, als sie das Ellenmaß zurückbrachte, erzählte sie der reichen Bäuerin, wie sie auf das Wort des Bettlers hin unendlich viel Leinwand bekommen habe. Als die reiche Bäuerin das hörte, sprach sie zum Knecht: »Spann rasch das Pferd an und hol uns den Bettler her! Den Armen muß man immer helfen.« Der Knecht mußte fahren. Als er am nächsten Tage den Bettler auffand, wollte dieser zuerst nicht kommen. Als der Bettler aber hörte, daß der Knecht den strengen Befehl habe, ohne ihn nicht zurück zu kehren, setzte er sich in den Wagen und fuhr mit.

Die Bäuerin nahm den Bettler diesmal mit der größten Freundlichkeit auf. Sie überließ dem Bettler ihr eigenes Lager und gab ihm zu essen und zu trinken. Nun hatte der Bettler ein goldenes Leben. Er aß, trank und schlief, soviel er nur konnte. Ans Fortgehen dachte er überhaupt nicht mehr. Die Geduld der Bäuerin fing aber schon an, zu Ende zu gehen. Fortjagen konnte sie den Bettler freilich nicht, denn dann wäre ja alles umsonst gewesen.

Zur Freude der Bäuerin machte sich der Bettler am Morgen des vierten Tages auf den Weg. Die Bäuerin ging hinaus, ihn zu geleiten. Als der Bettler schon zum Tore hinausgehen wollte, fragte ihn die Bäuerin: »Was werd' ich heute zu tun anfangen?« Der Bettler antwortete: »Was du zu tun anfängst, das tu bis zum Abend!« Die Bäuerin ging in die Stube, um das Ellenmaß zu holen und sich ans Leinwandmessen zu machen. Plötzlich wurde es ihr aber notwendig, ihren Magen zu erleichtern. Damit mußte sie sich nun bis zum Abend beschäftigen. Erst nach Sonnenuntergang kam sie in die Stube zurück.

Sie hatte den Bettler mehrere Tage gefüttert - und gar nichts dafür bekommen! Die Habsucht hatte sich selbst gestraft.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

DAS KLUGE WEIB ...

Die Versöhnung

 

Es war einmal ein reicher Mann und ein armer Mann. Der Reiche hatte ein großes Stück Land und der Arme ein kleines, dafür aber viele Kinder. Nun grub der Arme um sein eigenes Land einen tiefen Graben, damit seine Kinder nicht aufs Land des Reichen gehen sollten. Einmal ließ der Reiche seine Kuh weiden. Die Kuh ging in den Graben, um Wasser zu trinken, und brach sich ein Bein. Der Reiche ging auf das Gericht klagen, aber das Gericht konnte in der Sache kein Urteil fällen. Da sagte der Richter, er wolle drei Rätsel aufgeben; wer sie in drei Tagen zu raten vermöge, der habe den Streit gewonnen. Und diese drei Fragen waren: Wer ist der Reichste? Wer kann am schnellsten laufen? Und was ist das Süßeste?

 

Nun kam der arme Mann in Sorgen nach Hause. Er hatte aber eine erwachsene Tochter, und die fragte ihn: »Was für eine Sorge hast du?« Der Vater erzählte die Sache, und die Tochter antwortete: »Vater, sei nur ganz ruhig.« Und die Tochter lehrte ihn, was er antworten solle. Nach drei Tagen gingen der Arme und der Reiche zum Richter. Dieser fragte sogleich: »Nun, wie steht es mit den Rätseln?« Der Reiche beeilte sich, sofort mit Eifer zu antworten: »Der Reichste, das seid Ihr selbst, Herr Richter; am schnellsten laufen kann der Hengst, den ich zu Hause habe; und ich habe so viel Honig, daß die ganze Kleete davon voll ist - aber Süßeres als Honig gibt es nichts.« Darauf antwortete der Arme: »Der Reichste ist Gott; am schnellsten laufen können die menschlichen Gedanken; und das Süßeste ist der Schlaf.«

 

Nun sprach der Richter: »Du hast recht!« Doch fragte er den Armen, wer ihn diese Weisheit gelehrt habe. Dieser antwortete: »Meine Tochter.« Da sprach der Richter: »Nun, wenn deine Tochter so klug ist, so soll sie morgen zu mir kommen, nicht bekleidet und nicht nackt, nicht zu Pferd und nicht zu Fuß, nicht auf dem Wege und nicht am Rande des Weges; ihr Pferd binde sie zwischen dem Winter und dem Sommer an, und 'Guten Tag' sage sie weder draußen noch in der Stube.«

 

Nun war der arme Mann noch mehr in Sorgen. Er ging nach Hause und sagte zur Tochter, jetzt sei es mit ihm aus. Die Tochter fragte, was ihm fehle, und der Vater erzählte, auf welche Weise die Tochter zum Richter kommen sollte. Die Tochter lachte nur und sagte, der Vater möge sich keine Sorgen machen. Am anderen Tage wickelte die Tochter sich in ein Netz - und war also weder bekleidet noch nackt; dann nahm sie einen Ziegenbock und bestieg ihn, aber ihre Füße berührten den Boden - also war sie weder reitend noch zu Fuß; der Bock ging, indem er den einen Fuß auf den Wegrand, den anderen auf den Weg setzte - so war es also weder das eine noch das andere; den Bock band sie auf dem Hofe des Richters zwischen einem Schlitten und einem Wagen an - so befand er sich also zwischen Winter und Sommer; und den Richter grüßte sie, während sie mit dem einen Fuß dies seits, mit dem anderen jenseits der Schwelle stand. Und so sah der Richter, wie klug das Frauenzimmer war. Er befahl, ihr schöne Kleider anzuziehen, damit ein Diener sie heirate. Aber als das Mädchen schöne Kleider angelegt hatte und der Herr es ansah, da gefiel es ihm selbst sehr gut, und er heiratete es selber.

 

Nach der Hochzeit ging der Herr von Hause fort und verbot seiner jungen Frau, jemandem Recht zu sprechen, und er drohte, sie fortzujagen, wenn sie das Verbot nicht hielte. Als der Herr fort war, kamen zwei Männer aufs Gericht. Der eine hatte vom anderen ein Wagenrad geliehen und wollte irgendwohin fahren, in der Nacht aber warf die Stute ein Füllen, und am Morgen konnte er nirgends hinfahren. Er brachte das Rad zurück, doch der andere verlangte Bezahlung: »Wenn er das Rad nicht gegeben hätte, so hätte auch die Stute kein Füllen gehabt.« - Und die Frau des Richters sprach den beiden das Urteil.

 

Nun kam der Richter nach Hause und sagte, die Frau solle sich jetzt packen, weil sie dem Verbot nicht gehorcht habe; aber einen Gegenstand dürfe sie noch mitnehmen. Da bat das Weib: »Könnten wir nicht ebenso, wie zur Hochzeit, alle Verwandten zusammen rufen, ihnen Speisen und Getränke vorsetzen und danach voneinander scheiden?« Nun, der Herr ging auch darauf ein und rief die Verwandten zusammen. Alle kamen, aßen und tranken, die Frau aber bewirtete ihren Mann fortwährend mit Schnaps, bis der Herr betrunken war. Da nahm die Frau einen kleinen Karren, auf dem im Garten Sand geführt wurde, legte den Richter hinein und karrte ihn ins Haus ihres eigenen Vaters hinter den Ofen, selbst aber legte sie sich nebenbei schlafen.

 

In der Nacht fragte der Herr, an welchem Ort er sich befinde. Die Frau antwortete: »Schlaf nur, du wirst es schon am Morgen sehn!« Der Herr fragte zum zweitenmal, an welchem Ort er sich befinde. Da sagte die Frau: »Du befindest dich hinter dem Ofen meines Vaters.« Der Herr fragte: »Wie bin ich denn hierher geraten?« Die Frau antwortete: »Natürlich habe ich dich hergebracht. Du erlaubtest mir ja, einen Gegenstand mitzunehmen, ich fand, daß der wertvollste Gegenstand du bist, und nahm dich mit.« Der Herr stand auf, nahm seine Frau unter den Arm und ging auf sein Gut zurück und freute sich, daß er eine so kluge Frau hatte.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen - Livische Märchen

JOKIMA UND SEIN VATER GRUMPIS ...

Der Fund auf dem Fluss

 

Grumpis war ein reicher Bojare. Er wohnte nicht weit von der Stadt Veliuona am Nemunas (Njemen). Als ihm sein erster Sohn geboren wurde, gab er ihm den Namen Jokimas. Aber als der Sohn gerade geboren war, fing er zu der selben Stunde an, mit lauter Stimme zu lachen. Und der Vater fragte: "Mein Sohn, warum lachst du verständig wie ein Großer?" Und der Sohn sagt: "Wenn ich groß bin, dann wirst du, Vater, mir Wasser zum Gesicht waschen bringen und meine Mutter ein Handtuch zum Abtrocknen!" Und nachdem er das gesagt hatte, sprach er nichts mehr, und sein Verstand war so wie bei allen kleinen Kindern. Aber der Vater nahm diese Worte übel auf und sagte zu seiner Frau: "Hast du gehört, was unser Sohn gesagt hat? Wenn er groß geworden ist, dann sind wir ein Nichts! Am besten, wir schaffen ihn uns jetzt gleich vom Halse!"

 

So flocht er aus Binsen einen kleinen Wiegenkorb und warf das Kindlein in den Nemunas. Es schwamm Strom ab nach Rusne unweit der preußischen Grenze. Da jagten gerade zwei Söhne eines Bojaren, und als ihre Hunde den Wiegenkorb in Ufernähe auf dem Wasser sahen, fingen sie an zu bellen. Darauf gingen die beiden Bojarensöhne hin, um nach zu sehen. Und als sie einen schönen kleinen Jungen fanden, trugen sie ihn nach Hause. Seinen Namen fanden sie auf einem Stück Papier, das in den Korb gelegt war - Jokimas ist sein Name.

 

Da zogen die Bojaren ihn groß und unterrichteten ihn wie ihre eigenen Söhne. Als er schon zwanzig Jahre alt war, ging er immer auf die Jagd, denn dieses Handwerk hatte er ja gelernt. Einmal, als sein zwanzigstes Jahr begonnen hatte, geschah es, dass er allein zur Jagd auszog. Doch da er in der Nähe des Hauses kein Wild fand, ging er tiefer hinein in die Wälder. Er geriet in ein großes Dickicht, ging vergebens hier hin und dort hin und begriff schließlich, dass er sich verirrt hatte. Als er auf einem Baum ein Rabenweibchen sah, wollte er auf sie schießen, doch sie sagte: "Lieber Jokimas, schieße nicht auf mich!"

 

Und sofort ließ sich das Rabenweibchen vom Baum herab, flog ihm zu Füßen und hieß ihn mit ihr gehen: "Komm", sagte sie, "fürchte dich nicht davor, wohin ich dich führen werde. Ich bin eines reichen Fürsten Tochter in einem verwunschenen Schloss. Doch dir war es schon bestimmt, als du noch nicht geboren warst, ich werde deine Frau, und du wirst einen großen Palast mit einer Stadt haben, aber drei Nächte lang werden dich Teufel furchtbar quälen und peinigen. Doch du selbst wirst nichts spüren: ich werde an deiner Stelle leiden. Es wird dir nur so scheinen. Sie wollen dich zum Sprechen bringen, aber du musst schweigen, auch wenn du viele Qualen dadurch erdulden musst, dass du Schreckliches mit ansiehst. Doch fürchte nichts, ich werde alles für dich vollbringen."

 

Indem sie so sprach, führte das Rabenweibchen Jokimas zu einem hohen Berg. Der Berg tat sich auf wie eine Tür, und sie gingen hinein. In der Erde fand er ein Schloss. Dort gab es Gold und Silber, doch herrschte eine schreckliche Finsternis. Als sie nun Jokimas hineingeführt hatte, gab sie ihm den ganzen Tag zu essen und zu trinken wie dem vornehmsten Herrn, doch am Abend musste sie hinausgehen und Jokimas allein den Qualen überlassen. Und sie schärfte ihm ein, zu schweigen und nichts zu sagen, was auch immer vor seinen Augen geschehen würde. Sie ging also hinaus, und er blieb allein zurück.

 

Da kamen um die neunte Abendstunde von allen Seiten die Teufel herbei geflogen und fingen an ein wildes Fest zu feiern. Doch als sie Jokimas entdeckten, begannen sie ihn zu schlagen und zu bespeien. Das taten sie bis zum ersten Hahnenschrei, und danach verschwand der Spuk plötzlich. Als aber Jokimas von den Teufeln geschlagen wurde, schwieg er und sagte kein Sterbenswörtchen. Am Morgen kam das Rabenweibchen - von den Füßen bis zum Gürtel war sie ein Mensch geworden. Und die anderen Gemächer, in denen Verwunschene mit den Dienern eingeschlossen waren, auch die taten sich von selbst auf, und alle Diener, Lakaien und Zimmerjungfern waren bis zum Gürtel weiß. Und alle verwunschenen Dinge wurden schöner.

 

So nahte die zweite Nacht. Wieder bat die Jungfrau Jokimas, dass er schweigen und kein Sterbenswörtchen sagen sollte, denn in der zweiten Nacht gäbe es noch größere Qualen. Und als sie so gesprochen hatte, ging sie wieder hinaus. Um die neunte Stunde kamen die Teufel wieder in Scharen angeflogen, alle Gemächer voll, und als sie dort Jokimas fanden, wollten sie ihn hinausjagen. Doch er ging nicht. Da fingen die Teufel an ihn zu würgen, ihn mit Hühnermist zu bewerfen und mit Ahlen und Nadeln zu stechen. Und das taten sie bis zum ersten Hahnenschrei. Als die Hähne aber zu krähen anfingen, da ließen sie von ihm ab, und alle Teufel verschwanden. Die Jungfrau kam und war bis unter die Arme weiß, aber der Kopf war noch der eines Rabenweibchens. Nun, sie dankte für seine Leiden und bat ihn um Standhaftigkeit für die letzte, dritte Nacht, dass er sein Schweigen nicht brechen möge.

 

Als die dritte Nacht schon begonnen und sie ihn allein gelassen hatte, da kamen zur neunten Stunde wieder die Teufel angepoltert. Voll waren alle Gemächer! Und als sie Jokimas entdeckten, marterten sie ihn, hackten auf ihn ein und verwundeten ihn immer wieder auf neue Weise. Sie kochten ihn im Kessel und sagten immerzu: "Warum schweigst du denn jetzt, und warum sprichst du nicht mit uns?"Doch als der erste Hahn krähte, da erdröhnte der ganze Palast wie von einem furchtbaren Donnerschlag und stieg aus der Tiefe der Erde nach oben. Und die ganze Stadt, die in den Schoß der Erde gesunken war, stieg auf, heil und gesund und voller Freude. Und sie, die ein Rabenweibchen gewesen war, wurde nun vor Jokimas' Augen die aller schönste Jungfrau, die jetzt seine Gemahlin werden wollte. Und aus allen Gemächern - von denen es zwanzig gab, und alle diese Gemächer waren voll von allerlei Dienern und Lakaien - sie kamen alle, um sich grüßend vor ihr zu verneigen und für die Erlösung zu danken. Und alle wollen ihn sehen und ihm die Hand küssen.

 

In großer Liebe zu ihrem Jokimas zog die Jungfrau ihm Kleider an, die glänzten wie die Sonne, so wie sie selbst der weiseste, stolzeste und ruhmreichste König nicht haben konnte. Und nun gedachte Jokimas zu seinem Vater zu Besuch zu fahren; er wusste aber nicht, in welchem Lande der Welt dieser Grumpis lebte. Und so versprach er seiner Jungfrau: "Wenn ich vom Besuch bei meinen Eltern zurückkomme, dann heirate ich dich, dann veranstalten wir ein Hochzeitsfest!" Weil er nun zu seinen Eltern reisen wollte und damit er bald zu ihnen käme, gab die Jungfrau ihm jetzt ein besonderes kleines Kissen, wenn man sich nur darauf setzte, ritt man gleich in einer Minute fünfzig Meilen. Und sie gab ihm eine Nadel, wenn man die in der ausgestreckten Hand hielt, dann zeigte sie den Weg. Und sie gab ihm noch ein Hütchen, wenn du es dir auf den Kopf setzt, dann kann dich niemand sehen, bis du es wieder ab nimmst.

 

So reiste er nun los zu seinem Vater. Und er zeigte sich seinen Eltern, sagte ihnen, was er nun war, wies seine prächtigen Kleider vor, und welches Glück er hatte, alles erzählte er. Als der Vater und die Mutter ihren Sohn in so prächtigen Kleidern sahen, da wussten sie gar nicht, wie sie bei ihm schön tun sollten! Früh am Morgen, als der Sohn aufgestanden war, brachte ihm sein Vater sofort Wasser und die Mutter ein Handtuch zum Abtrocknen des Gesichts nach dem Waschen. Und so erfüllte sich jetzt das, was er gleich nach der Geburt unter Lachen gesagt hatte, dass ihm der Vater Wasser bringen würde und die Mutter ein Handtuch.

 

Schließlich beendete Jokimas seinen Besuch und verabschiedete sich von den Eltern, denn er wusste, dass die Jungfrau auf seine Rückkehr wartete. Doch als er zurückkehrte, konnte er den Palast nirgends finden! Da flog er zur Sonne und fragte sie, ob sie nicht wisse, wo der Palast wäre. Da sagte die Sonne: "Ich kann durch meinen Lichtglanz nicht so weit sehen - geh zum Mond!" Doch als er den Mond fragte, sagte der wiederum: "Auch ich habe durch meinen Glanz nichts sehen können. Geh zu den Wolken, die wandern herum und können es vielleicht wissen!" Und als er zu den Wolken flog, sagten sie ihm die Wahrheit: "Geh, Jokimas, geh schnell nach Hause, denn deine Jungfrau ist schon mit einem anderen einig geworden, und morgen schon soll die Trauung sein! Und wenn du den Palast finden willst, dann geh da und dort hin."

 

Als er von den Wolken erfahren hatte, wo sich der Palast befindet, flog er geradewegs dorthin, und schon traf er den jungen Mann am Tisch, wie er mit der Jungfrau trank. Da setzte sich Jokimas sorgfältig das Hütchen auf den Kopf, damit man ihn nicht sah, und schob sich vorsichtig auch an den Tisch, wo der Jüngling mit der Jungfrau saß. Und Jokimas setzte sich neben den jungen Mann. Und immer, wenn dem Jüngling etwas zu trinken gereicht wird, verschwindet das Getränk aus dem Gefäß; jedes Mal trinkt er, der neben ihm sitzt, alles aus, und der andere bekommt nichts. Und als sie zu essen auftrugen, da füllte sich der Jüngling den Teller voll, doch als er essen wollte, leerte sich der Teller vor seinen Augen. So blieb er an diesem Abend ohne Speise und Trank.

 

Am nächsten Morgen fuhren sie zur Trauung. Und Jokimas ging hinter ihnen her, das Hütchen auf dem Kopfe. Und als der Priester am Altar sie trauen wollte, da gab er, der neben dem Jüngling stand, dem Pfarrer eine kräftige Ohrfeige und dem jungen Mann auch. Da fuhr der Pfarrer sofort auf den Jüngling los: "Warum schlägst du mich?" Und der Jüngling ging auf den Pfarrer los - so lagen sich denn beide am Altar in den Haaren, und die Menschen stürzten herbei, sie zu trennen. Sie prügelten den Jüngling aus der Kirche hinaus, aber Jokimas nahm seinen Hut vom Kopf und zeigte sich seiner Braut.

 

Als sie ihn erblickte, fiel sie ihm sofort zu Füßen und umschlang seine Knie. Da bezeugten alle, dass dieser der Richtige sei, der sie aus der Verzauberung erlöst hatte. Und der Priester traute beide mit großer Freude. Als sie aber nach der Trauung zum Palast gefahren kamen, freute sich der ganze Hof und die ganze Stadt, dass sie einen neuen Fürsten bekommen hatten, der die Leute regieren würde bis ans Ende seines Lebens.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DER DIEBSLEHRLING ...

Der Junge und die gestohlene Kuh

 

Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war ein Landmann, der andere aber ein Dieb. Der Landmann war verheiratet und Vater dreier Söhne, der Dieb dagegen hatte weder Frau noch Kind und wünschte deshalb, einen Neffen als Pflegesohn aufzunehmen, wobei er versprach, ihn sein Handwerk zu lehren.

 

Zu aller erst nahm er seinen ältesten Neffen mit, um zu erproben, ob er zu seinem Pflegesohn tauge. Er brachte den Jungen zu sich und führte ihn in den Wald. Dort zeigte er seinem Neffen die Bäume und den Wald selbst. Als sie im Walde vorwärts schritten, kamen sie zu einer freien Fläche. Der Neffe sah diese Fläche und sprach zum Onkel: »Schau, Onkel, was für eine schöne Fläche das ist! Ein guter Acker kann draus werden!« Da sagte der Onkel zum Neffen: »Du kannst mein Handwerk sicher nicht erlernen, du bist zum Landmann geboren!«

Darauf brachte er seinen ältesten Neffen wieder nach Hause und nahm nun den mittleren Neffen mit, um ihn zu prüfen, führte ihn ebenso in den Wald und zeigte ihm die Bäume. Als der Knabe im Walde die Eschen und Birken sah, sprach er zum Onkel: »Wachsen da aber schöne Bäume! Daraus könnte man gute Wagenspeichen und Schlittensohlen machen.« Diesen Neffen brachte der Onkel ebenso wie den ersten nach Hause zurück und sagte: »Der kann mein Handwerk nicht erlernen, der ist schon ein fertiger Zimmermann!«

Nun kam die Reihe an den jüngsten Neffen. Den führte er ebenso in den Wald und zeigte ihm die Bäume wie auch seinen zwei älteren Brüdern. Als sie im Walde vorwärts schritten, kamen sie zu einer krummen Birke. Als der Knabe die krumme Birke sah, sprach er zum Onkel: »Sieh doch, Onkel, was für eine schöne krumme Birke hier wächst, daraus könnte man einen guten Knüttel machen, um damit anderen Leuten auf den Kopf zu hauen!« »Nun sieh mal an, dieser Junge paßt mir, den kann ich mein Handwerk lehren!« sagte der Onkel und führte dann den Neffen in seine Diebeshöhle und lehrte ihn seine Kunst. Als er manch schönes Jahr beim Onkel verlebt und seine Kunst erlernt hatte, stellte ihn der Onkel auf die Probe, ob er in seinem Handwerk auch geschickt sei.

 

Eines Tages, als er mit seinem Onkel vor dem Eingang der Höhle saß, sahen sie, wie eine Frau mit einer Kuh durch den Wald ging. Als der Onkel die Frau erblickte, sprach er zu seinem Neffen: »Junge, jetzt gehst du augenblicklich hin und stiehlst dieser Frau ihre Kuh, ohne daß die Frau es merkt.« Der Junge ging hin und dachte bei sich: 'Wie kann ich armer Mensch das zuwege bringen! Jetzt sitze ich in der Klemme!' Schließlich kam ihm aber doch ein guter Gedanke. Er lief auf dem Wege voraus, wo die Frau vorbei kommen mußte, und warf dort einen Handschuh zur Erde. Die Frau kam, sah am Wegrand auf der Erde einen Handschuh liegen und sprach: »Sieh mal, da liegt auf dem Boden ein neuer Handschuh. Wären es ihrer zwei, so würde es sich lohnen, sie aufzuheben, was fängt man aber mit dem einen an!«

Sie ließ den Handschuh liegen und ging ihres Weges. Inzwischen lief aber der Junge, eine Wegkrümmung abschneidend, voraus und warf dort den anderen Handschuh hin. Die Frau kam auch an der zweiten Stelle vorbei, sah auf der Erde den anderen Handschuh liegen und sprach: »Sieh doch, da liegt der zweite gleiche Handschuh hier am Boden wie der erste dort. Das gibt ein schönes Paar Handschuhe; ich geh, auch den ersten von dort zu holen!« Mit diesen Worten band sie die Kuh am Rande des Wegs an einen Baum und ging nach dem anderen Handschuh.

 

Der Junge band nun die Kuh vom Baum los und führte sie zu seiner Höhle. Daheim wurde die Kuh sogleich geschlachtet. Dann ging der Junge zur Höhle hinaus, um an dem Ufer eines kleinen Baches den Magen und die Gedärme der Kuh zu reinigen. Als er sich draußen befand und den Kuhmagen und die Gedärme reinigte, begann er mit sich selbst zu sprechen, indem er den Magen gegen die Steine schlug: »Ai, oi, ich bin es nicht allein gewesen, mein Onkel war auch dabei! Aii, oii, ich bin es nicht allein gewesen, mein Onkel war auch dabei!« Als der Onkel in der Höhle die Worte des Jungen hörte, dachte er, der Junge werde draußen geprügelt und ihn selber werde man auch festnehmen und dem Gericht übergeben. Da floh er schnell aus jenem Lande, ohne genauer nachzusehen, wie die Sache stand, und seine Schätze blieben alle in den Händen des Neffen.

 

Da gab der Neffe von jenem Tage an das vom Onkel erlernte Handwerk, das heißt das Stehlen, auf, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute in großen Ehren und Reichtum.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

WARUM DER SCHWARZSPECHT AUF DIE BÄUME HACKT ...

Der Hüter des Waldes.

 

In alten Zeiten säten der liebe Gott und der Teufel einmal gemeinschaftlich Schnittkohl. Nach der Aussaat stellte Gott dem Teufel frei, zu wählen, was er ernten wolle, den unteren oder den oberen Teil. Der Teufel wünschte den oberen. Gut! Gott gab dem Teufel die Blätter, aber er selbst fing an, den Schnittkohl zu essen. Als der Teufel sah, mit welchem Appetit Gott den Schnittkohl verspeiste, bat er, er möge ihn von seinem Teil versuchen lassen. Der Teufel fand den Schnittkohl sehr schmackhaft, und in der Absicht, ihn mit List zu gewinnen, sagte er: 'Laß uns auf den Schnittkohl wetten, daß ich imstande bin, dich zu erschrecken.' 'Gut - warum nicht!' antwortete der Herr. Der Teufel entfernte sich von dem Feuer, das sie im Walde angezündet hatten, um den Schnittkohl zu braten, und verursachte einen so starken Wind, daß der ganze Wald anfing zu krachen. Nach einiger Zeit kehrte er zum Feuer zurück und sah Gott in aller Ruhe dasitzen. 'Hast du dich denn gar nicht erschrocken?' fragte er. - 'Weswegen sollte ich mich erschrocken haben? Glaubst du, ich hätte noch keinen Wind gesehen?' Da sagte der Teufel: 'Wenn ich mich jetzt auch vor dir nicht erschrecke, so mußt du mir deinen Schnittkohl abgeben, und ich überlasse dir die Blätter.' - Der Herr war einverstanden. Und während der Teufel nach dem Schnittkohl auf das Feld ging, befestigte Gott an einem großen Baum zwei trockene Bretter aus Tannenholz so, daß sie im Winde aneinander schlugen, und ging selbst zum Feuer.

 

Ein wenig später kam der Teufel zum Feuer und hörte, wie in den Wipfeln der Bäume etwas plarksch, plarksch, tack, tack! mit solcher Gewalt machte, daß der ganze Wald erdröhnte. Der Teufel erschrak furchtbar und flüchtete von dannen. Als Gott zum Feuer kam, war kein Teufel mehr da. Ein Schwarzspecht aber erblickte den Teufel, und da er wußte, was ihn so erschreckt hatte, begann er mit seinem Schnabel auf einen trockenen Baum zu hacken und setzte dadurch den Teufel noch einmal in so große Furcht, daß er aus dem Wald herauslief und nicht mehr zurückkam. - Und noch heute behütet der Schwarzspecht auf dieselbe Weise den Wald vor dem Teufel.

 

Lettland: Oskar Dähnhardt: Naturgeschichtliche Märchen

KASTUTE ...

Das kleine Mädchen und ihr Retter.

 

Es lebte einmal eine böse, niederträchtige Stiefmutter, die eine Hexe war. Sie hatte eine Stieftochter mit Namen Kastute. Die Stiefmutter konnte das Mädchen durchaus nicht leiden. Sie sorgte kein bisschen für Kastute und hatte kein Fünkchen Liebe für sie. Sie kümmerte sich immer nur um ihr eigenes Kind; das verwöhnte sie, nur dem tat sie Gutes und Liebes. Doch Kastute stieß sie überall herum, Kastute mochte sie am liebsten irgendwie umbringen, damit sie ihr aus den Augen kam.

Einmal gebot ihr die Stiefmutter: "Geh, Kastute, jäte mir auf dem Felde alle Disteln aus! Jäte den ganzen Tag, dass mir keine Distel stehen bleibt!" Sie packte ihr nur eine Brotrinde ein. Da ging Kastute, jätete und jätete, den ganzen Tag jätete sie. Und sie wurde müde und hungrig. Viel hatte sie schon ausgejätet. Es kam der Abend. Doch die Stiefmutter machte sich daran und grub eine ganz tiefe Grube unter der Schwelle, füllte sie mit glühenden Kohlen und wartete: Wenn Kastute kommt, dann wird sie in die Grube fallen und verbrennen.

Der Abend kam, da rief die Stiefmutter: "Komm her, Kastute, komm her, o Tochter, Abendbrot ist schon gekocht dir, Bettlein auch dir schon bereitet!" Doch da kam das Hündlein herausgelaufen: "Kiau-kiau, Kastutelein, Kiau-kiau, Waisenmägdlein, Kiau-kiau, nicht ins Haus geh! Kiau-kiau, Hexenweib grub dir ein Loch schon, Kiau-kiau, füllt's mit Kohlengluten!"

Oh, wie packte sie da die Furcht, wie weinte sie da und klagte: "Meine liebe Not, schwere Mühe du, und die Füße sind müd' von den Steinen, ach, so hart, und die Händlein geschwoll'n von den Disteln, spitz und bös'!" Sie klagte und klagte. Na, warum wohl? Sie fürchtete sich. Sie kauerte sich unter einem Strauch nieder und schlief ein.

Die Stiefmutter wartete und wartete. Sie kam herausgestürzt und schlug das Hündlein tot: "Was kläffst du hier, du Scheusal!" Am anderen Tag erwartete die Stiefmutter sie - doch sie kam nicht heim. Als Kastute erwacht war, nagte sie wieder an der harten Brotrinde und jätete den ganzen Tag. Sie jätete und jätete. Sie hatte schon alle Äcker leer gejätet.

Und am Abend rief die Stiefmutter wieder (sie hatte in der Grube die glühenden Kohlen erneuert und die Glut noch heißer gemacht): "Komm her, Kastute, komm her, o Tochter, Abendbrot ist schon gekocht dir, Bettlein dir auch schon bereitet!" Doch das Hähnchen hockte auf dem Bäumlein: "Ki-ke-ri-ki, Kastutelein, Ki-ke-ri-ki, Waisenmägdlein, Ki-ke-ri-ki, nicht ins Haus geh! Ki-ke-ri-ki, Hexenweib grub dir ein Loch schon, Ki-ke-ri-ki, füllt's mit Kohlenglut an!"

Und Kastute hörte das. Was sollte sie nun tun? Geht sie ins Haus - fällt sie in die Grube, stößt die Stiefmutter sie hinein, und sie verbrennt.

Und wieder setzte sie sich nieder und klagte: "Meine liebe Not, schwere Mühe du, und die Füße sind müd' von den Steinen, ach, so hart, und die Händlein geschwoll'n von den Disteln, spitz und bös'!" Sie klagte und klagte und klagte. Endlich schlief sie ein. Aber die Stiefmutter kam heraus, packte den Hahn und schlug ihm den Kopf ab: "So, ihr Scheusale! Ihr seid immer nur gegen mich!" Na, und wieder lag Kastute die Nacht über draußen. Auch zu essen hatte sie nichts mehr. Und wieder jätete sie den ganzen Tag und ging umher, schaute sich um und weinte.

Am Abend die Stiefmutter: "Jetzt ist niemand mehr da, der etwas sagen kann. Na gut, ich werde sie schon herbekommen." Sie hatte die Kohlenglut noch heißer gemacht und rief wieder: "Komm her, Kastute, komm her, o Tochter, Abendbrot ist schon gekocht dir, Bettlein auch dir schon bereitet!" Doch niemand mehr sagt Kastute etwas. Und Kastute dachte nach: Na, was hat's für einen Zweck - es ist doch alles gleich! Wie lange kann ich noch hier draußen bleiben? Ich habe schon heute nichts zu essen - ich muss eben doch ins Haus gehen!

Sie ging nach Hause. Und die Stiefmutter kam ihr entgegen: "Na, Kastute, hast du alles ausgejätet?" - "Ja, ich habe alles ausgejätet, liebe Mutter." - "Na, dann verbinde dir die Augen!" Sie reichte ihr ein Tuch, sie verband ihr die Augen. Doch das Kind der Stiefmutter lag in der Hängewiege. Da erhob sich ein Wind, ein wilder Sturm. Als er anfing zu blasen, ergriff er die Kohlenglut und trug sie überallhin. Die Hängewiege fing Feuer. Wie sprang da die Stiefmutter zu und packte ihr Kind - da stürzte sie als erste - plumps! - in die Grube.

Und die Stiefmutter verbrannte mit ihrem Kinde, doch Kastute blieb heil und gesund. Und vielleicht lebt sie auch jetzt noch irgendwo.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

DER FUCHS UND DER KREBS ...

Die Wette und der Krebs am Fuchsschwanz

 

Einst stritt der Fuchs mit dem Krebs, daß dieser mit ihm nicht um die Wette laufen könne. Der Krebs aber blieb hartnäckig dabei, daß er den Fuchs noch überholen werde. Endlich beschlossen sie, eine Probe zu veranstalten, und bestimmten einen Berg zum Ziel.

Der Fuchs rannte davon, was er konnte, der Krebs aber hatte sich in seinem Schwanz festgekniffen, und der Fuchs trug ihn mit. Als der Fuchs das Ziel erreicht hatte, wandte er sich, um zu sehen, ob der Krebs weit zurückgeblieben sei.

Der Krebs ließ den Fuchsschwanz fahren und sprach zum Fuchs: »Ich bin schon müde geworden, auf dich zu warten!«

Der Fuchs war sehr ärgerlich darüber, daß der Krebs ihn besiegt hatte, und seit jener Zeit will der Fuchs vom Krebse nichts mehr wissen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

DER GEHÖRNTE PASTOR ...

Der Geldgierige Priester

 

Zur katholischen Zeit lebte einmal ein Vater mit seinen Söhnen in einer verfallenen Hütte am Rande des Pastoratsfeldes. Anderes Getier hatten sie nicht als einen roten Hahn und einen schwarzen Kater. Eines Abends kamen die Söhne von der Arbeit nach Hause zurück. An der Schwelle kam ihnen der Kater mit kläglichem Miauen entgegen und lief vor den Söhnen her zum Lager des Vaters. Die Söhne schauten hin: der Vater lag auf seinem Lager lang hingestreckt. Die Söhne fragten: »Vater, was tust du da?« Aber der Vater gab keine Antwort. Die Söhne fragten wieder: »Vater, bist du krank?« Aber der Vater schwieg noch immer. Da schauten sie genau nach und merkten: der Vater war ganz kalt. Da half nichts mehr: der Vater war tot, ganz tot.

Als der erste Schmerz vorbei war, hielten die Söhne Rat, wie sie ihr Väterchen bestatten wollten. Sie fanden ein paar Bretter und machten daraus einen Sarg. Zum Begräbnisschmaus schlachteten sie ihren Hahn. Der eine Bruder blieb zu Hause, um noch das eine und andere vorzubereiten, der andre aber ging zum Pastor, ihm den Tod des Vaters anzuzeigen und ihn zum Begräbnis zu bitten. Der Junge hatte kaum seine Rede beendet, da rief der Pastor: »Bring deinen Rubel her!«

Nun war der Junge in einer bösen Klemme. Es war auch nicht eine rote Kopeke im Hause vorhanden, wo sollte man da noch den Rubel für den Pastor hernehmen! Der Junge bat: »Lieber Herr! Ich hab' auch nicht eine Kopeke zu Hause! Beerdigt doch das Väterchen umsonst!« Der Pastor erwiderte: »Bring deinen Rubel her, dann beerdige ich ihn, anders nicht!« Es half nichts, der Junge mußte zurückkehren, ohne etwas erreicht zu haben.

Zu Hause hielt er mit seinem Bruder Rat, was man tun solle. Der Ausweg war gleich gefunden: »Beerdigen wir den Vater selbst!« sprach der eine. »Beerdigen wir ihn!« antwortete der andere. »Graben wir sogleich ein Grab. Wenn es dunkel wird, wollen wir den Vater beerdigen!« Sie nahmen Schaufeln und machten sich an die Arbeit und hatten noch gar nicht lange am Grabe geschaufelt, da fanden sie einen Geldkasten. Sie sprengten den Kasten auf. Der Kasten war voll von Silberrubeln. Nun hatten die Jungen eine große Freude und trugen den Kasten nach Hause. Der eine nahm aus dem Kasten einen Rubel und ging damit zum Pastor.

Der Pastor fragte gleich: »Wo hast du diesen Rubel hergenommen?« Der Junge erzählte offenherzig, wie sie den Vater selber begraben gewollt und beim Schaufeln des Grabes den Geldkasten gefunden hatten. Der Pastor erklärte: »Den Geldkasten müßt ihr augenblicklich an die alte Stelle zurück bringen. Den hat der Teufel dorthin versteckt!« Mit traurigem Herzen ging der Junge nach Hause. Was sollte man da anderes tun als des Pastors Geheiß befolgen? Sie nahmen jedoch das Geld aus dem Kasten heraus und brachten dann selbander den Kasten an die alte Stelle zurück. Sie schütteten das Grab bis zum Rande mit Erde zu und gingen langsam nach Hause.

An der Kirchhofsmauer lauerte unterdessen der Pastor, ein weißes Laken um die Schultern, einen dreieckigen Hut auf dem Kopf. Kaum waren die Jungen ihres Weges gegangen, so sprang der Pastor aus seinem Versteck hervor, grub das Grab auf und holte den Kasten heraus. Aber o Wunder: auch nicht eine rote Kopeke war drin! Der Pastor fluchte und schimpfte, was er konnte.

Der Kirchenglöckner hatte einen Ziegenbock. Der kam jeden Tag auf den Pastoratshof weiden. Diesen Bock ließ der Pastor schlachten und das heile Fell zusammen mit den Hörnern abziehen. Er zog sich das frische Bocksfell über den Leib, ging in der Abenddunkelheit zur Hütte der Jungen und rief: »Bringt mir mein Geld her!« Die Jungen waren tief erschrocken. Sie sprangen auf den Ofen zum Gelde. Das Geld lag auf dem Ofen in einem großen Sack. Das gehörnte Gespenst hörte nicht auf, das Geld zu verlangen, und wollte es gar mit Gewalt fortnehmen. Schließlich wußten die Jungen keinen anderen Rat, sie mußten das Geld dem Gehörnten herausgeben. Der nahm das Geld und ging seines Wegs.

Zu Hause wollte der Pastor seinen Gespensterrock wieder ausziehen. Umsonst! Der war wie angewachsen. Schließlich rief der Pastor einen Knecht herbei, damit er ihm die Hörner mit einer Eisenstange vom Kopfe herunterschlage. Er zählte selbst: eins, zwei, drei! Der Knecht schlug zu. Der gehörnte Pastor aber schrie jämmerlich auf. Mehrmals noch versuchte der Knecht die Hörner vom Kopfe zu schlagen, doch alles war umsonst. Der Hörnerträger brüllte geradezu vor Schmerz. Vor Schrecken und Schmerz legte sich der gehörnte Pastor endlich ins Bett.

Der Küster hörte von der Sache. Er ging den Pastor besuchen. Man antwortete ihm: »Der Herr ist krank, er kann niemand empfangen.« Der Küster aber ließ nicht locker. Nach langem Drängen machte der Knecht endlich die Stubentür auf. Der Küster blickte hinein: die Hörner ragten unter der Decke hervor. Der Küster erschrak so sehr, daß er sofort der Länge nach hinstürzte. Er war tot.

Darauf wollte der Glöckner den Pastor besuchen. Er hatte einen schauerlichen Schreck, rief: »Hörner, Hörner!«, fiel hin und war gleichfalls tot. Vor Scham und Entsetzen wagte es der Hörnerträger nicht mehr, noch länger dort zu bleiben. Er ließ am Abend anspannen, stieg in den Wagen und fuhr in die Stadt. Dort hat er unter Freunden noch mehrere Jahre gelebt. Die Hörner aber ist der Arme niemals mehr losgeworden.

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER BAUER UND DIE DREI TEUFEL ...

Der Teufel und der Bauer

 

Ein Bäuerlein hatte in der Stadt seine Geschäfte gemacht und war mit seinem Karren auf dem Weg nach Hause, doch je länger er fuhr, umso langsamer wurde der Schritt seines Pferdes. Da half kein Schnalzen, kein Knallen mit der Peitsche und kein Schimpfen. Schließlich blieb der Gaul sogar stehen und war nicht mehr von der Stelle zu bewegen.

Der Bauer stieg vom Wagen, schlug das Pferd und verfluchte es: „Wie oft sind wir diesen und weitere Wege schon gefahren?! Immer hast du uns hin und zurück gebracht! Was ist heute bloß in dich gefahren, dass du mich so im Stich lässt! Ach, hol dich doch der Teufel!“ Dabei schirrte er das Pferd los und stieß es in den Straßengraben.

 

Nur einen Augenblick darauf kam ein Hündchen herbei gesprungen, machte vor dem Bauern Männchen, wedelte mit dem Schwanze, leckte ihm die Hände und streichelte ihn dreimal mit der Pfote und im nächsten Moment war es auch schon wieder verschwunden. Der Bauern wunderte sich und schüttelte den Kopf, dachte sich aber nichts weiter dabei und trat ärgerlich den Heimweg zu Fuß an. Erschöpft kam das Bäuerlein mit seinem Karren auf seinem Hof an, stellte ihn ab und ging erschöpft schlafen.

Als er am nächsten Morgen ein anderes Pferd von der Koppel holen wollte, graste dort sein Zugpferd und sah prächtiger aus denn je. „Hast du alter Gauner es doch bis hierher geschafft und lässt’s dir gut gehen. Gleich spanne ich dich vor den Pflug und will sehen, ob du wieder so von Kräften kommst wie gestern!“, sagte der Bauer und wollte dem Pferd das Halfter anlegen. Da stand wie aus dem Boden gewachsen ein feiner Herr vor ihm und verwehrte ihm das Tier mit den Worten: „Der Gaul gehört mir.“ „Das Pferd soll dir gehören?“, schalt das Bäuerlein. „Ich selbst habe es aufgezogen und ausgebildet und magst du es nicht glauben, dann frage die Nachbarn.“ „Hast du es mir nicht gestern überlassen? Ich bin der Teufel von der Allerweltsheide. Erinnerst du dich nicht mehr an meinen Neffen, den ich sofort zu dir schickte, der dir die Hand leckte und dich mit der Pfote streichelte?“

 

Da bekreuzigte sich der Bauer dreimal. Einschüchtern ließ er sich aber von dem Leibhaftigen nicht. Er stieß ihn zur Seite, fluchte: „Was habe ich mit dir zu schaffen“ und legte dem Pferd das Halfter an. Gegen das Kreuzzeichen vermochte der Teufel nicht anzukommen und verschwand. Als der Bauer aber mit dem Pferd auf den Hof kam, um es vor den Pflug zu spannen, stand dort ein zweiter Herr, der es ihm verwehren wollte. „Lass’ den Gaul wo er ist. Ich bin der Teufel vom Krallensumpf und der ältere Bruder des Teufels von vorhin. Wenn du den Gaul anspannst, werde dich mit glühenden Eisenruten peitschen.“

Der Bauer merkte sofort, dass mit dem Kreuzzeichen gegen diesen hier nichts auszurichten war, nahm seine Mütze ab und sprach ein Vaterunser, worauf der Teufel augenblicklich verschwand. Fröhlich klopfte der Bauer den Hals seines Pferdes und lachte sich eins: „Denen habe ich gezeigt, wo der Haken hängt, jetzt wirst du wohl bei mir bleiben.“ Darauf spannte er das Tier vor den Pflug und führte es aufs Feld. Kaum war er dort angekommen und wollte mit der Arbeit beginnen, fuhr eine schwarze Gestalt wie ein Heuschober auf ihn zu: „Wirst du wohl die Finger von unserem Pferd lassen! Was du dem Teufel versprochen hast, muss dem Teufel bleiben! Denn was wir in den Klauen haben, geben wir nicht mehr her.“

 

‚Jetzt habe ich mit den Leibhaftigen wirklich meine liebe Not’, dachte das Bäuerlein. Er sah, dass mit diesem hier nicht zu spaßen war und begann sich aufs Bitten und Betteln zu verlegen, er bräuchte das Pferd für seinen Unterhalt und er wolle dem Teufel gern einen Gefallen tun, wenn er ihm nur das Pferd ließe. „Nun gut, du magst deinen Gaul behalten, wenn du uns zum Weihnachtsfest einlädst“, willigte der Teufel schließlich ein.

Das Bäuerlein überlegte, was das wohl kosten mochte und fragte: „Wie viele seid ihr und was wollt ihr essen?“ „Wir sind drei. Mein jüngster Bruder von der Allerweltsheide verlangt eine Tonne Hafer, mein mittlerer Bruder vom Krallensumpf einen Kübel Blut und ich ein Fass Fleisch“, forderte der Teufel. Der Bauer willigte ein und der Teufel ließ ihm das Pferd, das das Feld in einem Zug pflügte wie noch nie und auch an keinem der folgenden Tage und Wochen ermüdete.

Indessen nahte das Weihnachtsfest und der Bauer hatte seine Bedenken wegen der ungebetenen Gäste. Schließlich ging er zu einem Schwarzkünstler, vertraute sich ihm an und fragte, was er tun könne. „Die drei Teufel werden wie es ihrer Sitte entspricht nacheinander in dein Haus treten. Sage folgende Zaubersprüche, so können sie dir nichts anhaben.“ Dann lehrte der Schwarzkünstler das Bäuerlein die Zaubersprüche und es ging frohgemut nach Haus.

 

Als der Weihnachtsabend anbrach und alle Familien bei Tische saßen, da klopfte es auch beim Bäuerlein an der Tür und als es sie aufmachte, stand dort der älteste Teufel und forderte seinen Kübel Blut. „Krieche in den Spalt an der Wand und sauge Blut, wenn du kannst!“, antwortete ihm da das Bäuerlein wie es ihn der Schwarzkünstler gelehrt hatte. Bei diesen Worten verwandelte sich der Teufel in eine Wanze. Doch nur einen Augenblick später stand da schon der Teufel vom Krallensumpf und forderte sein Fleisch. „Fort in den Wald und fange selbst dein Fleisch.“, sagte der Bauer und im nächsten Augenblick wurde aus dem Teufel ein Wolf der jaulend im Wald verschwand.

Da kam der dritte Teufel und rief: „Den Hafer her! Den Hafer her!“ Der Bauer aber antwortete: „Aufs Feld mit dir und such dir selbst deine Körner!“ Da wurde aus dem jüngsten Teufel der Rattenkönig, der auf dem Felde verschwand. So kam der Bauer endlich auch zu seinem christlichen Weihnachtsfest und hatte obendrein seinen Gaul behalten. Das Fluchen aber ließ er von diesem Tag an bleiben.

 

Quelle: Märchen aus Estland

 

DER RÄUBER NACHTIGALL ...

 

Salavei Rasboinik lebte im Wald zu Pränski. Er ließ niemanden näher als auf 25 Werst heran. Wenn er nur pfiff, so pfiff er zum Tod. Paaba Karaleevits Ilja Muromets ritt auf dem Pferd sehr nahe heran. Bei der zehnten Werst pfiff er kräftig und sah, daß jener nicht herunter fiel, sondern immer näher kam. Es blieben noch fünf Werst, er pfiff sehr stark. Jener kam schon ganz nahe, er pfiff, wie er nur konnte. Jener nahm schon die Bogenbüchse mit den Pfeilen, zielte ihm in das rechte Auge. Patsch fiel er von der Eiche herunter wie ein Haferbündel, erschlug sich jedoch nicht. Muromets nahm ihn und band ihn an den Schwanz des Pferdes, schleuderte ihn noch die Erde und die Welt entlang. Jagte nach Moskau und sagte: "Na, Salavei Rasboinik, wie stark bist du? Pfeif noch mal!" Er pfiff noch so stark, daß viele Menschen in der Stadt starben. Jener begann noch einmal, mit dem Pferd durch die Welt zu ziehen, band ihn noch stärker an den Schwanz, bis er starb.

 

Estnisches Märchen

DER MANN MIT DER GOLDENEN NASE ...

Die Braut kehrt heim

 

In alten Zeiten lebte einmal in irgendeinem Land eine Mutter mit ihrer Tochter. Dieser Tochter wurde in der Kindheit von einem Weisen geweissagt, daß sie einst einen Mann mit einer goldenen Nase heiraten würde. Die Tochter wuchs auf und gab auch keinem Jüngling, der um sie freite, ihre Hand, sondern wartete auf den von dem Weisen versprochenen Mann mit der goldenen Nase. Ein Jahr nach dem anderen verging, die Mutter verstarb, aber der erwartete Mann erschien nicht.

 

Da fuhr eines Abends nach dem Tode der Mutter ein Mann mit einem schwarzen Hengst vor die Tür, und - o Wunder! - dieser Mann hatte eine goldene Nase. Er warb um das Mädchen, und sie gab ihm ihre Hand. Der Bräutigam sagte, daß er es eilig habe, und bat die Braut, gleich mitzukommen, er versprach, die Hochzeit gleich bei sich zu Hause abzuhalten und den Bruder der Braut zu sich zur Hochzeit einzuladen. Die Braut widersetzte sich dem zunächst, packte dann aber ihre teuersten Sachen ein, und die Fahrt begann so, daß ihr Hören und Sehen verging.

 

Nachdem sie mehrere Meilen gefahren waren, kamen sie an ein Haus, das wie eine große Kirche aussah. Der Bräutigam hielt das Pferd an, übergab der Braut die Zügel und sagte, daß er selbst hineingehen müsse. Nach langer Zeit kam er zurück, und die Fahrt wurde wie vorher fortgesetzt. Nachdem sie einige Meilen gefahren waren, kamen sie wieder an ein hohes Steinhaus, und der Bräutigam sagte wieder, daß er dort hineingehen müsse.

 

Die Braut ängstigte sich, und als der Bräutigam ins Haus gegangen war, ging sie heimlich nach, um zu sehen, was er dort zu tun habe. Als sie durchs Schlüsselloch spähte, sah sie, daß ihr Bräutigam in dem Hause auf einer erhöhten Stelle, die einem Altar ähnelte und vor der Kerzen brannten, saß und das Aas eines Hundes verschlang. Voller Schreck und Ekel kehrte sie zu ihrem Pferd zurück.

 

Nach einiger Zeit folgte ihr der Bräutigam, setzte sich, und die Fahrt begann wie zuvor. Zum dritten Male kamen sie an ein hohes Haus, und der Bräutigam sagte, daß er auch dort hineingehen müsse. Er sprang vom Schlitten und eilte ins Haus, und auch die Braut ging, um hinter der Tür zu spähen. Da sah sie, daß ihr Bräutigam wieder auf einer erhöhten Stelle saß und einen toten Menschen verspeiste. Wie ein Messerstich fuhr es ihr durchs Herz, wer wohl ihr Bräutigam sein könnte. Sie ging zum Pferd und dachte daran, auf ihm zu fliehen, da sie aber den Weg nicht kannte, wagte sie es nicht zu unternehmen. Nach langer Zeit kam der Bräutigam heraus, und nun wurde die Fahrt mit Windeseile fortgesetzt.

 

Schließlich gelangten sie zu einem großen, altertümlichen, halb verfallenen Schloß. Eine Menge Diener wartete auf dem Hof, die das Pferd in den Stall brachten. Der Bräutigam aber führte die Braut ins Schloß. Nachdem sie eine unendlich scheinende Zeit gegangen waren, während der sie keinen einzigen Diener sahen, kamen sie zu einer Kammer. "Hier kannst du jetzt wohnen", sagte ihr nun der Bräutigam, "bald will ich Hochzeit halten und zu dieser Zeit auch deinen Bruder herholen." Als er das gesagt hatte, ging er weg und ließ die Braut allein zurück.

 

In der darauffolgenden Nacht erschien der Braut der Geist ihrer verstorbenen Mutter und sagte: "Siehe, meine Tochter! Jetzt hast du das bekommen, was du wolltest, denn wisse, der Mann mit der goldenen Nase ist kein anderer als der alte Hagestolz (Teufel) selbst, und deine jetzige Wohnung ist der Vorraum zur Hölle." Auf die Frage, wie die Mutter zu ihr gelangt sei, erwiderte sie, daß ihre Wohnung nicht hier sei, sondern an einem anderen Ort, aber daß das Auge der Mutter überall über ihrer Tochter wache. Auf die Frage, wie sie von hier entkommen könne, erwiderte die Mutter, daß es jetzt wohl keine Möglichkeit dazu gebe.Am Tage kam ihr Mann sie besuchen, war in jeder Hinsicht höflich und freundlich, entschuldigte sich aber auch zugleich, daß es ihm wegen viel Beschäftigung nicht so bald möglich sein werde, die Hochzeit abzuhalten, sie müsse eine Zeitlang warten.

 

Einer von ihren früheren Freiern, dessen Herz sich nicht so schnell erkalten konnte, hörte, daß ein Mann mit einer goldenen Nase seine geliebte Braut weggeführt hatte. Er ging zu dem Weisen, um zu fragen, wer es denn gewesen sein konnte. Der Weise erklärte ihm, daß es der Teufel ("der Hagestolz") selbst gewesen sei und nun seine Braut in die Hölle geschleppt habe. Nun bat der Jüngling ihn zu sagen, wie er seine geliebte Braut retten könne. Der Weise erwiderte: "Nimm ein Knäuel und geh damit an drei Donnerstagen allein zu der nächsten Wegkreuzung, dreh dort das Knäuel dreimal in der der Sonne entgegengesetzten Richtung, dann wirst du schon sehen, was du machen mußt. Aber wehe dir, wenn du dich zu fürchten beginnst, dann bist du verloren!" Der Mann versprach, den Rat des Weisen zu befolgen und eilte nach Hause.

 

Am ersten und zweiten Donnerstag geschah nichts Besonderes. Am dritten Donnerstag kam ein starker Sturm auf und riß ihm das Knäuel aus der Hand. Der Mann ging und fing es ein. Dann riß ein feuriges Rad ihm das Knäuel von neuem aus der Hand. Auch dieses Mal konnte er das Knäuel noch fangen. Bald darauf erschien ein großer Mann. Der fragte ihn: "Was streichst du hier im tiefen Wald herum?" Der Mann erwiderte: "Ich bin ein armer Mensch, suche Arbeit und Verdienst, verirrte mich aber hier in diesem Wald und finde nicht mehr den Weg." Der große Mann sagte: "Ich bin auch einer, der einen Knecht sucht, vielleicht hast du Lust, in meinen Dienst zu treten. Die Arbeit bei mir ist nicht groß, besonders in der Winterzeit nicht, und wenn deine Lohnforderung es auch nicht ist, dann können wir uns bald einig werden." Der Freier erwiderte: "Mit dem Lohn hat es wohl Zeit, wenn die Arbeit schon gemacht ist, dann können wir wieder darüber reden." Der große Mann sagte: "Wenn es so ist, dann gehen wir zu mir nach Hause und wir wollen sehen, wie wir uns einigen."

 

Sie schritten weiter und gelangten nach langer Zeit an das altertümliche Schloß. Hier zeigte der Teufel ihm die künftige Arbeit und außerdem auch seine Wohnkammer und sagte: "Morgen kannst du dich ausruhen, und am zweiten Tage will ich dir Arbeit zuweisen. Im Winter hast du nicht viel zu tun, aber im Sommer mußt du dafür tüchtig die Glieder regen." Er sagte es und ging seines Weges.

 

Den ganzen Tag lang sah sich der neue Knecht um, ob er nicht irgendwo seine Braut sehen könnte, aber er erblickte sie nirgends. In der Nacht wachte er wegen eines großen Gepolters auf und eilte zum Fenster, um zu sehen, was los sei, sah aber nichts. Kurze Zeit darauf wurde eine Tür seiner Kammer geöffnet, die er bisher nicht bemerkt hatte. Die Frau trat ein, grüßte und fragte, wie er dorthin gekommen sei. Der Mann erzählte ihr, wer er sei und wen er suche, und daß er die Absicht habe, sie zu retten, auch wenn es ihm das Leben koste. Die Frau erwiderte: "Wenn dein Entschluß feststeht,dann warte bis zum zweiten Freitag bei Vollmond, dann geht er wie heute fort, dann wollen wir versuchen zu fliehen."

 

Der Mann wartete und arbeitete fleißig bis zum zweiten Freitag bei Vollmond. In der Nacht war wieder großer Lärm und großes Gepolter, und als dieses aufhörte, trat die Frau wieder in die Kammer. In der Hand hatte sie eine Rute, und dem Mann gab sie einen Holzspan, ein Sandkorn und etwas Wasser in einem Glas und sagte: "Wenn ich dir sage, daß du etwas davon wegwerfen sollst, dann tu es, aber laß uns jetzt eilen, denn die Zeit ist knapp."

 

Sie hatten schon eine lange Strecke zurückgelegt, da sagte die Frau: "Die Rute bewegt sich, wir werden verfolgt, wirf das Sandkorn schnell weg!" Der Jüngling tat es, sogleich entstand hinter ihnen ein großer Berg, aber sie selbst flüchteten mit Windeseile weiter. Der Teufel erreichte die Rückseite des Berges, rannte im ersten Anlauf gegen den Berg, prallte zurück und rief seinem kleinen Sohn zu: "Beweg dich, bemüh dich, mein Sohn, geh nach Haus und hol den Spaten!" Alsbald waren zwei Spaten zur Stelle, und sie gruben schwitzend am Berge, so daß der Kopf dampfte.

 

Der Jüngling und die Frau waren wieder eine weite Strecke gegangen, als die Frau rief: "Die Rute bewegt sich, wir werden verfolgt, wirf den Span auf den Weg!" Der Jüngling tat es, und sogleich entstand hinter ihnen ein hoher und dichter Wald. Der Teufel erreichte die andere Seite des Waldes, wischte sich den Schweiß von der Stirn und rief: "Beweg dich, bemüh dich, mein Sohn, geh und hol von zu Hause die Äxte!" Nach einiger Zeit war auch der Sohn mit den Äxten zurück, und nun fällten sie die Bäume, daß die Späne flogen. Alsbald war der Wald abgeholzt, und jetzt stürmten sie mit Windeseile weiter.

 

Der Jüngling und die Frau waren schon beinahe zu Hause, als der Teufel ihnen wieder auf den Fersen war. Da rief die Frau: "Wirf den Wassertropfen auf den Weg!" Der Jüngling tat es, und sogleich entstand zwischen ihnen ein großes, unendliches Meer. Der Teufel erreichte das andere Ufer des Meeres und rief: "Beweg dich, bemüh dich, mein Sohn, geh nach Haus und hol die Alte, die wird schon das Meer austrinken!" Bald war die Alte auch zur Stelle, die auch gleich begann, wie verrückt das Wasser zu saufen. Schon war das Meer beinahe leer, da platzte die Alte und das Wasser lief ins Meer zurück. Der Teufel mußte am Ufer stehenbleiben und erreichte die Fliehenden nicht mehr. Die aber gingen nach Hause und lebten als Mann und Frau mit Hilfe der Rute lange und glücklich.

 

Estnisches Märchen

 

DER FUCHS, DER WOLF UND DER BÄR ...

Fuchs, Wolf und Bär mit Butterfass

 

Die Festtage kamen heran. Der Fuchs, der Wolf und der Bär hielten Rat: sie wollten Butter stehlen gehen. Sie gingen zum Keller, scharrten ein Loch aus und trugen zwei Bütten voll Butter davon. Die eine schleckten sie gleich aus, die andere sparten sie sich für die Festtage auf. Dann gingen sie in ihre Waldhöhle zurück.

Am ersten Tage sprach der Fuchs: »Man hat mich heute zu einem Taufschmaus geladen!« Er ging in den Wald zur Butterhütte, fraß das Obere auf und kehrte zurück. Die andern fragten gleich, wie das Kind getauft worden sei. Der Fuchs antwortete: »Es wurde getauft: 'Oberes'!« Das bedeutete, daß er das Obere aus der Butterbütte aufgefressen hatte.

Am zweiten Tage wollte der Fuchs abermals zu einem Taufschmaus. Er ging jedoch zum Butterfaß und fraß die Butter bis zur Hälfte auf. Zu Hause fragten ihn die anderen: »Wie wurde heute das Kind getauft?« Der Fuchs antwortete: »Biszurhälfte!« Das bedeutete, daß der Fuchs die Butterbütte bis zur Hälfte geleert hatte.

Am dritten Tage sprach der Fuchs: »Man hat mich heute wieder zu einem Taufschmaus geladen!« Er ging zur Bütte und fraß die Bütte leer. Als er zurückkam, fragten ihn die anderen: »Welcher Name wurde denn heute dem Kinde gegeben?« Der Fuchs antwortete: »Leer!«

Bald brachen die Festtage an. Man ging zur Butterbütte. Die Bütte aber war leer. Der Fuchs hatte gleich einen Vorschlag: »Legen wir uns in die Sonne schlafen. Aus wessen Schnauze Fett tropft, der hat alles aufgefressen!« Die anderen waren zufrieden, und sie legten sich alle an jener Stelle schlafen.

Als Bär und Fuchs schliefen, stand der Wolf auf und rieb seine Schnauzenspitze recht sauber, damit ja kein Fett da heraus tropfe. Dann ging er wieder schlafen. Nun stand der Fuchs auf, kratzte aus der Bütte die Butterreste und schmierte ganz leise die Schnauze des Wolfs mit Butter ein. Die Sonne schien heiß und brachte die Butter zum Schmelzen. Die Schnauze des Wolfs sah nun so recht fettig aus.

Als man aufstand, sah man nach, wessen Schnauze fettig sei. Es war nicht die Schnauze des Fuchses, auch nicht die des Bären: sieh, es war die Schnauze des Wolfs. Was war da zu machen? Der Wolf hatte eben die Butter gestohlen. Der Wolf schämte sich so stark, daß er den Schwanz einzog und in den Wald davon schlich.

Seit jener Zeit meidet der Wolf sowohl den Fuchs als den Bären, so sehr schämt er sich des Namens eines Butterdiebes.

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER ARME UND DER NIMMERSATT ...

 

Ein armer Mensch fällte im Walde am Flussufer Bäume. Als er sie haute, schubbs! glitt die Axt vom Stiel, plumps! fiel sie ins tiefe Wasser des Flusses. Der Ärmste lamentierte: „O weh! Meine Axt! Futsch!

Wer wird sie mir herausfischen? Schade um mein handliches Beilchen!“ Unterdessen humpelpahumpel kam ein uralter Greis heran gehumpelt und fragte: „Warum jammerst du so sehr? Was ist geschehen?“ „Ja, ja! Meine Axt ist dahin! Fiel ins Wasser, und eine andere zu kaufen bin ich nicht imstande, ich bin sehr arm. Womit werde ich jetzt die Bäume fällen und den Kindern das Brot verdienen?“ „Still! Jammere nicht! Ich werde sie heraus fischen!” Und so gleich rips! raps! warf er seinen Rock und sprang Plumps ins Wasser, hatte eine goldenen Axt hervor gebracht und sprach: „Da! Nimm dir! Ist das nicht deine Axt?“

„Ach nein! Ist nicht meine!“ antwortete der Ärmste. Wieder plumps! tauchte der Alte unter das Wasser, und kam nach einer Weile hopp! aufrecht empor mit einer Axt von Silber. „Ist nicht meine! Ist nicht meine!“ schrie der Arme, als er sie kaum erblickte. Zum dritten mal plumpste er ins Wasser und brachte die eiserne Axt hervor. „Das ist mein Axtchen! Das ist mein Axtchen!“ schrie der Ärmste voller Freuden. „Gott und dir sei Dank, dass ich meine Axt wieder erhalten habe.“ Er ergriff schnupps! die Axt aus jenes Hand und kehrt! marsch! wollte schon nach Hause laufen. „Ahoi! Ahoi!“ rief der Alte ihm nach und sprach: „Weil du ein so ehrlicher und zufriedener Mensch bist, hier! Ich schenke dir auch die goldene und die silberne Axt.“

Als er nun nach Hause kam plantsch! plantsch! alles plauderte, hörte es auch einer der Nachbarn, ein Nimmersatt. Der besann sich, lief heissi! in den Wald, und los! haute er zapp! zapp! in einen Baum von derselben Stelle, und seine Axt, die lose aufgebracht war, glitt schubbs! vom Stiel und plumps! ins Wasser. Nun fing er an: „O weh! O weh!“ zu jammern wegen seiner Axt. Humpelpahumpel ist der uralte Mann auch schon da. „Was ist dir geschehen?“ „Mein Axtchen plumps! ist ins Wasser gefallen und versunken, wer wird es mir zusammen suchen?“ „Aber ich!“ rief der Alte, sprang hops! ins Wasser, kam nach einer Weile hopps! ins Wasser, kam nach einer Weile stehend mit der eisernen Axt: „Hier deine Axt!“ „

„Ist nicht meine! Ist nicht meine!“ antwortete der Nimmersatt. Wieder plumpste das Alterchen ins Wasser, kam nach einer Weile hopp! wieder mit der silbernen Axt. „Ist das die deine?“„Ist nicht meine! Meine war anders!“ antwortete der Nimmersatt. Zum dritten mal plumps! der Alte ins Wasser und hopp! wieder aus dem Wasser mit der goldenen Axt. „Das ist meine!“ schrie der Unverschämte auf voll Freuden. Aber während er so unverschämt log, wupps! war der Alte unter das Wasser getaucht und kam nicht mehr an die Oberfläche. Dem Nimmersatt ging husch! die goldene Axt an der Nase vorbei, er wartete und wartete, dass man ihm vielleicht eine diamantene Axt anbieten würde, vielleicht hockt er noch heute dort.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

WARUM DAS ELENTIER WEISSE STREIFEN UNTER DEM BAUCHE HAT ...

Der Greis und der Elch

 

Es war einmal ein Mann, der konnte es nicht vertragen, zu arbeiten. Er spazierte nur zwecklos im Walde umher und schlief. Endlich mußte er Hunger leiden; er hatte nichts mehr zu beißen und zu brechen.

In dieser Lage kam zu ihm ein alter Mann und gab ihm den Rat: »Stell eine Falle auf und bet zu Gott, dann wirst du schon ein Tier fangen!« Der Mann dachte: 'Sieh mal an, wie viel Mühe das ist!' Da aber sein Hunger immer größer wurde, konnte er sich nicht anders helfen. Er tat, wie er belehrt war: stellte die Falle auf und legte sich schlafen.

Als er aufwachte, sah er: ein Elentier (Elch )steckte in der Falle. Der Mann fiel sogleich über das Tier her und begann, ihm das Fell ab zu ziehen. Er hatte das Fell schon aufgeschnitten, als der grauköpfige Mann wieder zu ihm kam und sprach: »Nun, hab ich dir nicht gesagt: wenn du eine Falle aufstellst, so wird dir Gott einen Fang geben?« Der Mann entgegnete: »Wieso hat Gott ihn mir gegeben? Ich selber habe die Falle gemacht und aufgestellt!«

Diese Antwort ärgerte den grauköpfigen Mann. Er klopfte mit seinem Stock auf das Elentier: da sprang es auf und lief in den Wald. Der Mann eilte mit ausgebreiteten Armen hinter drein und schrie dabei: »Gott hat dich gegeben! Gott hat dich gegeben!« Das Elentier achtete aber nicht darauf, sondern lief seines Wegs und verschwand im Walde.

Der Mann dachte: 'Jetzt muß ich aber dem alten Graukopf dafür tüchtig das Fell gerben!' Er blickte um sich: da war kein alter Graukopf mehr zu sehen. Nun erst begriff der Mann, daß es der liebe Gott selber gewesen war, der ihn gelehrt hatte, die Falle aufzustellen, und der jetzt das Elentier in den Wald fort geklopft hatte.

Weil des Elentiers Fell am Bauch aufgeschnitten war, so wuchsen an dieser Stelle weiße Haare. Deswegen hat das Elentier unter dem Bauch weiße Streifen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DAS GOLDENE BEIL ...

Winternacht

 

Auf einem Bauernhof, saß eine junge Magd spät Abends beim Kienspanlicht und spann. Die Wirtin und ihre Tochter – der Bauer war schon seit drei Jahren tot – schliefen bereits, denn sie waren sehr bequem, spielten gern die “großen Damen“ und luden der Magd alle häusliche Arbeit auf, so daß diese von Sonnenaufgang bis Mitternacht die Hände regen mußte, ohne doch die Zufriedenheit ihrer Brotgeberinnen zu erlangen. Wenn sie etwas gut und richtig ausgeführt hatte, so hieß es bloß: „Na, ja, das geht an; aber nun tummle dich, daß du das übrige fertig bringst!“ Bei dem geringsten Versehen aber setzte es Schelte und Schläge. Was tun?

 

Ilse hieß das Mädchen, war elternlos und arm; so mußte sie wohl oder übel auf ihrer Stelle aushalten. – Und das war noch aus einem anderen Grunde nicht leicht: - der Sohn des Nachbarwirtes, ein braver, hübscher Bursch, hätte sie gern zum Weibe genommen, wenn die Eltern nicht dagegen gewesen wären. In ihren Augen schickte es sich nicht, daß der Erbe eines Bauernhofes eine arme Magd freite; er dürfte nur eine Wirtstochter heimführen und diese war bereits gefunden. Keine andere als die Tochter der Wirtin sollte es sein. Das war vor drei Tagen alles abgemacht und ins Reine gebracht, die Hochzeit aber auf Ostern festgesetzt worden.

 

Ilse liebte den guten Ans von ganzem Herzen, mußte aber ihre Gefühle vor den Augen und Ohren der Welt streng in ihrem Herzen verschließen; Sie war ja nur eine arme, elternlose Magd; wer fragte viel nach ihren Wohl und Wehe! So daß in stummem Brüten am Spinnrad, indes der eisige Nordwind ums Haus herum heulte und brauste und der Schnee in wildem Flockenwirbel draußen auf dem Hof kreiste. Manch bittere Träne fiel auf das Flachs herab, manch schwerer Seufzer stieg zur niedrigen, rauchgeschwärzten Bohlendecke hinauf – bis aus Seufzen und Tränen ein wehmütig klagend Liedlein wurde:

„Eilig eilte fort die Sonne,

Ließ mich stehn im Schatten tief;

Ach, kein Mütterlein mehr hab ich,

Das mich in die Sonne führt.

Wart’ auf mich, du eil’ge Sonne,

Hör’ was ich dir sagen will -:

Bringe tausend Abendgrüße

Meinem lieben Mütterlein!

Niedrig steht die Sonn’ wie niedrig,

Fern ist Mütterlein, wie fern!

Nie ereile ich die Sonne,

Nie erruf’ ich’s Mütterlein.“

 

Da grollte im Nebenzimmer die heisere Stimme der Wirtin: „Zum Teufel mit dem Singsang! Dein Gekrähe kann Tote aus dem Grabe scheuchen.“ Die Tochter aber schalt: „Wenn du plärren willst, so gehe hinaus auf den Hof und heule mit dem Nordwind um die Wette!“ Ilse schwieg und versuchte wieder zu spinnen, aber Augen und Hände versagten den Dienst. Müde lehnte sie ihr goldblondes Köpfchen an die harte Wand und schloß die Augen. Draußen aber heulte und brauste der Nordwind. Es mochte gegen sechs Uhr morgens sein, als die Magd durch ein Klopfen am kleinen Fenster aus ihrem wenig erquicklichen Schlummer gescheucht wurde.

 

Sie ging hinaus und konnte in der Dunkelheit des Wintermorgens niemand gewahren. Eine zitternde Stimme, wie die eines alten Bettlers, schlug an ihr Ohr: „Erbarme dich, liebes Mädchen, eines verirrten und verhungerten, schier erfrorenen Greises!“ Ilse dachte einen Augenblick nach. Sie wußte wohl, daß die Wirtin keinem Bettler etwas verabreichte, sondern jeden mit Schimpf und Spott vom Hofe jagte. Aber sie und ihre Tochter schliefen noch und würden vor sieben Uhr gewiß nicht aufstehen. „Komm mit in den Kuhstall, Greis“, sagte die Mitleidige, „dort magst du dich ein Stündchen erwärmen, ich aber will dir Milch und Brot bringen.“ Sie führte den Erstarrten in den Stall, hieß ihn sich auf einen umgestürzten Kübel setzen, melkte Milch in ein Trinkgefäß und holte aus dem Hause ein Stück Brot, daß sie in ihrer großen Betrübnis am Abend vorher nicht hatte herunter würgen können.

 

Der Bettler labte und erwärmte sich, so gut es eben gehen wollte, aber nicht mehr mit zitternder, sondern mit voller, wohlklingender Stimme sprach er zu Ilse: „Hab Dank für dein Mitleid und deine Wohltat! Ich bin nicht der, für den du mich ansiehst – wer ich aber bin, brauchst du nicht zu wissen. Nur soviel sei gesagt: ich kenne dich und alles, was dein Kopf denkt und dein Herz fühlt – und will, daß du glücklich werdest. Merk also auf meine Worte.

 

Hast du niemals etwas von Lauskis und seinem goldnen Beil gehört?“ Ilse verneinte: „Nun, damit hat’s folgende Bewandtnis: der Lauskis ist ein Geist der Kälte, welcher zur Zeit starken Frostes mit einem goldnen Beil die Erde zu spalten pflegt. Wenn nun ein junges unschuldiges Mädchen um Mitternacht, gerade zwischen dem ersten und zwölften Schlage der Uhr, dreimal ums Haus herumläuft, so geschieht’s wohl, daß der Frostgeist sein Beil verliert. Dieses Beil ist aus schwerem Golde gefertigt, und wer’s findet, kann viele tausend Rubel dafür bekommen. Nur Unschuld, Mut und Behendigkeit gehören dazu!“ So sprach der Greis, Ilse sah ihn verwundert an – aber wo war er denn geblieben?

 

Der Kübel, auf dem er bislang gesessen, war leer – und das trüb herein dämmernde Morgenlicht ließ keine Spur von ihm sehen. Die junge Magd überlief es schaurig; sie sprach unwillkürlich ein kurzes Gebet – und ging nachdenklich ins Haus zurück. Da war schon die Wirtin auf den Beinen und das alltägliche Elend fing wieder an. So vergingen Wochen. Dem stürmischen Januar war ein bitter kalter aber klarer Februar gefolgt. Des Nachts fror es oft so stark, daß die Erde krachte und das Eis auf dem Teiche barst.

 

Eines Tages fuhren die Mutter und die Tochter zur Stadt, um noch einiges für die Aussteuer zu besorgen, und wollten erst am nächsten Nachmittag wieder zurück kehren, Ilse blieb nun allein in dem ganzen Hause. Am Abend beim Spinnen fiel ihr plötzlich die schon halb vergessene Erzählung jenes seltsamen Greises ein, und je länger sie über dessen Worte nach sann, umso unwiderstehlicher fühlte sie in ihrem Herzen ein Erwachen, einen Versuch mit dem Lauskis zu wagen. Die Stunden bis zur Mitternacht vergingen ihr wie im Traume.

 

Als die alte Wanduhr in der Wirtin Schlafstube, deren Tür jetzt offen stand, zum ersten Schlage ausholte – stürzte das Mädchen zur Tür hinaus und eilte wie der Wind dreimal ums Haus herum. Da geschah ein furchtbarer Krach, daß Haus, Stall und Kammer erbebten und zu schwanken begannen. Ilse selbst hielt sich nur mit Mühe am Türpfosten aufrecht. Da war aber auch schon alles vorüber. Der Mond schien hell – scharf, wie er’s nur in nordischen Winternächten tut, vom Himmel herab auf ein prächtiges goldenes Beil, das gerade zu den Füßen des Mädchens lag ....

 

Zu Ostern feierte Nachbars Ans Hochzeit, aber nicht mit der Wirtstochter, sondern mit ihrer so lange verachteten Magd, dem armen Waisenkinde, nun dem reichsten Mädchen in der Umgegend. – Glücklich und zufrieden gingen den also Vereinten die Jahre hin – und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

 

Märchen aus Lettland

 

DER MÜHLENSTEIN VON HIISI ...

Der Bauer und der Waldschrat Hiisi

 

Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war bettelarm und der andere Bruder steinreich. Der Reiche war mit allen Nachbarn gut Freund, allein seinen armen Bruder schien er nicht zu kennen. Er fürchtete nämlich, jener könnte zu ihm kommen, um ihn um irgend etwas zu bitten. Der Arme, aber ging niemals zu seinem Bruder.

 

Doch einmal, an einem großen Festtag, als sie daheim nichts zu beißen und zu brechen hatten, sagte die Frau zum Armen: „Wie wollen wir den Feiertag begehen? Geh wenigstens ein einziges Mal zu deinem Bruder und bitte ihn um ein wenig Fleisch. Ich habe gesehen, wie er gestern eine Kuh geschlachtet hat.“ Der Arme suchte Ausflüchte zu machen, doch blieb ihm nichts übrig, er wußte nicht, an wen er sich sonst wenden sollte.

 

Der arme Bruder kam also zum Reichen und bat: „Lieber Bruder, borge mir ein wenig Fleisch, wir haben nichts im Haus zum Feiertag.“ Der reiche Bruder warf ihm den Huf von der geschlachteten Kuh hin und rief: „Da, nimm und scher dich in den Wald zum Waldschrat Hiisi!“ Der arme Bruder verließ den Reichen Hof und dachte bei sich: „Wenn er diesen Huf nicht mir, sondern Hiisi gab, so will ich ihn auch dem Waldschrat bringen! Und er ging in den Wald.

 

Ob er lange Zeit durch den Wald wanderte oder kurze Zeit, jedenfalls begegnete er Holzfällern. Sie fragten ihn: „Wohin des Weges?“ „Ich gehe zu Hiisi, will ihm einen Huf von der Kuh bringen“, erwiderte der Arme.  „Wißt ihr vielleicht, wo seine Hütte steht?“ Antworteten die Holzfäller: „Wenn du immer geradeaus durch den Wald gehst und nirgendwo abbiegst, so gelangst du zu Hiisi. Aber höre gut zu, was wir dir sagen. Wenn Hiisi dir für den Huf Silber geben will, so nimm es nicht an. Wenn er dir Gold geben will, lehne es ebenfalls ab. Bitte ihn vielmehr um den Mühlstein, den man mit der Hand drehen kann.“ Der Arme dankte den Holzfällern für ihren Rat, nahm Abschied von ihnen und zog fürbaß.

 

Ob er lange Zeit wanderte oder kurze Zeit, miteins erblickte er eine Hütte. Er trat ein, dort aber saß Hiisi. Der betrachtete den Armen und sagte: „Mir wird häufig etwas versprochen, doch nur selten wird es mir auch dargebracht. Was hast du dort in deinem Sack?“ „Den Huf von einer Kuh.“ Diese Worte freuten den Hiisi. Hab seit dreißig Jahren kein Fleisch mehr gegessen! Gib mir rasch den Huf!“ Er nahm den Huf, verspeiste ihn und sprach: „Ich will dir deinen Huf bezahlen. Verlangst du viel dafür? Hier, nimm zwei Silbermünzen!“ Antwortete der Arme: „Ich brauche kein Silber.“ Hiisi holte Gold hervor und reichte dem Armen zwei Hände voll.

 

Der Arme aber sprach: „Ich brauche auch kein Gold.“ „Was willst du denn haben?“ „Gib mir deinen Mühlstein!“ „Nein, diesen Mühlstein kann ich dir beim besten Willen nicht geben“, entgegnete Hiisi. „Nimm lieber Geld soviel du willst.“ Doch der Arme fand sich nicht drein – er bat um den Mühlstein. „Da ich den Huf verzehrt habe“, sagte schließlich Hiisi, „muß ich ihn auch bezahlen. Sei’s drum, nimm meinen Mühlstein! Aber weißt du auch, wie du ihn handhaben mußt?“ Erwiderte der Arme: „Nein. Bring es mir bei!“ Sprach Hiisi: Dieser Mühlstein besitzt Zauberkraft. Er mahlt alles, was du ihm befiehlst. Mußt nur sagen: Mahle, mein Mühlstein! Wenn du aber ausrufst: „Jetzt ist genug!, so steht er still. Nun aber geh fort. Der Arme dankte dem Waldschrat Hiisi und machte sich auf den Heimweg.

 

Lange wanderte er durch den Wald. Die Dunkelheit brach herein. Regen fiel, der Wind pfiff ungestüm, und die Zweige peitschten dem Armen das Angesicht. Erst gegen Morgen kehrte er heim. Fragte ihn sein Weib: „Wo hast du dich nur den lieben langen Tag und die ganze Nacht herum getrieben? Habe schon lange gedacht, daß ich dich niemals mehr wiedersehen werde!“ Antwortete der Arme: „Ich war beim Waldschrat Hiisi zu Gast. Schau, was ich dir für ein Geschenk von ihm mitgebracht hab!“ Er zog den Mühlstein aus dem Sack und befahl: „Mahle, mein Mühlstein! Mahle uns alles zum Feiertag!“ Da hub der Mühlstein zu mahlen an, und auf dem Tisch häuften sich Mehl, Grütze, Zucker, Fleisch und Fisch, alles, was sich nur wünschen ließ.

 

Die Frau füllte Beutel und Schüsseln. Da klopfte der Arme mit dem Finger auf den Tisch und sprach: „Jetzt ist es genug!“ Und der Mühlstein stand still. Der Arme feierte das Fest nicht schlechter als alle anderen. Fortan lebte er in Wohlstand Er mehrte sein Hab und Gut und kaufte seinem Weib und den Kindern neue Kleider und festes Schuhzeug. Fortan litten sie keine Not.

 

Eines Tages gebot der Arme dem Mühlstein, recht viel Hafer für sein Pferd zu mahlen. Das Pferd stand vor dem Haus und fraß. Just um diese Zeit schickte der reiche Bauer seinen Knecht zum See, um die Pferde zu tränken. Der Knecht trieb sie zur Tränke, doch als sie an dem Haus des Armen vorüber kamen, wurden sie störrisch, blieben stehen und begannen mit dessen Pferd aus einer Krippe den Hafer zu fressen. Das beobachtete der Reiche, trat auf seine Vortreppe und rief: „He Knecht! Treibe die Pferde geschwind zurück! Sie lesen vor einem fremden Haus den Unrat auf!“ Der Knecht trieb die Pferde heim und erzählte dem Herrn: „Herr, die Pferde haben keinen Unrat aufgelesen, sondern hervorragenden Hafer gefressen! Dein Bruder hat Hafer in Mengen!“

 

Da wurde der Reiche neugierig. „Will doch sehen, wie dieses Wunder geschah, daß mein Bruder jetzt alles besitzt“, sagte er. Er kam zum armen Bruder und fragte: „Auf welche Weise bist du eigentlich so reich geworden? Woher hast du all dein Hab und Gut?“ Der Arme erzählte dem Bruder, wie sich alles zugetragen hatte. „Der Waldschrat Hiisi hat mir geholfen“, sagte er. „Wie das?“ „Ganz einfach. Du hast mir zum Feiertag den Huf von deiner geschlachteten Kuh geschenkt und mir aufgetragen, mich zu Hiisi zu scheren. Da bin ich zu ihm gegangen und hab ihm den Huf gebracht. Als Entgelt hat mir Hiisi einen Mühlstein geschenkt, der Zauberkraft besitzt. Dieser Mühlstein gibt mir alles, was ich mir wünsche.

 

„Zeige ihn mir!“ „Hier, schau!“ Der Arme befahl seinem Mühlstein, feine Speisen zu bereiten. Der Mühlstein begann sich zu drehen, da häuften sich auf dem Tisch Piroggen und herrlicher Braten. Dem Reichen gingen vor Staunen und Habgier die Augen über. „Verkaufe mir diesen Mühlstein!“ „Nein, ich geb ihn nicht her, ich brauche ihn selbst.“ Doch der Reiche war hartnäckig: Verlange soviel Geld, wie du magst, aber laß mir den Mühlstein ab!“ „Nein, ich verkaufe ihn nicht!“

 

Als der Reiche merkte, daß er vergeblich bat, beschloß er, den armen Bruder auf andere Weise zu überreden. „Ach, du undankbarer Mensch“, rief er erzürnt. „Erinnere dich, wer hat dir den Huf der Kuh geschenkt?“ „Du.“ „Siehst du! Und nun ist es dir um den Mühlstein leid! Wenn du ihn mir schon nicht verkaufen willst, so leihe ihn mir wenigstens für einige Zeit!“ Der Arme sann nach und sprach: „Sei’s drum, nimm ihn für einige Zeit!“ Freudig nahm der Reiche den Mühlstein und eilte heim.

 

In seiner großen Freude aber hatte er ganz vergessen zu fragen, wie er den Mühlstein anhalten könne, wenn das von Nöten war. Am nächsten Morgen nahm er den Stein und stach mit seinem Schiff in See. Dabei überlegte er: Jetzt ist gerade die Fangzeit gekommen: die Fischer salzen die Fische ein, da wird das Salz teuer. Will mich drum auf den Salzhandel legen.

 

Als er auf hoher See war, gebot er dem Mühlstein: „Mahle, mein Mühlstein! Gib mir recht viel Salz!“ Der Mühlstein begann sich zu drehen und Salz, reines, weißes Salz zu mahlen. Der Reiche sah zu, freute sich und zählte im stillen schon den Gewinn. Er hätte dem Mühlstein längst befehlen müssen, einzuhalten, doch er rief: „Mahle, mahle weiter und haltet nicht ein!“ Unter der schweren Last war das Schiff schon bis zum Heck ins Wasser gesunken, der Reiche aber wiederholte noch immer, als habe er allen Verstand verloren: „Mahle, mahle weiter!“ Das Wasser rollte bereits über das Deck, das Schiff drohte zu sinken, da besann sich der Reiche und schrie: „hör auf zu mahlen!“

 

Der Mühlstein aber mahlte weiter. Rief der Reiche: „So hör doch auf!“ Der Mühlstein aber mahlte weiter ohne Unterlaß. Der Reiche wollte ihn aufheben und ins Meer werfen, doch er konnte ihn nicht anheben. Er schien am Deck fest gewachsen. „Rettet mich!“ schrie der Reiche. „Zu Hilfe!“ Doch wer vermochte ihn zu retten, wer vermochte ihm zu helfen? So sank das Schiff zusammen mit dem habgierigen Reichen auf den Meeresgrund. Der Reiche ertrank, das Meer wurde ihm zur letzten Ruhestatt.

 

Der Mühlstein aber, so erzählt man sich, hielt auch auf dem Meeresboden nicht inne: Er mahlt bis zum heutigen Tage Salz. Drum soll das Meereswasser salzig sein.

 

Karelisches Märchen

 

ANTS UND DER DRACHE ...

Kampf um das goldene Ei

 

Auf der Erde lebten einmal drei Schwestern, drei gute Mädchen. Sie hatten einen Bruder, der hieß Ants. Die Mädchen kochten das Essen, räumten die Zimmer auf, versahen das Viehzeug, und der Bruder arbeitete auf dem Feld und im Garten. So verging ein Tag nach dem anderen. Plötzlich geschah ein Unglück.

 

Eines Morgens gingen die Schwestern im Garten spazieren, und mit einem Mal, wer weiß woher, brauste ein schrecklicher Orkan heran, ergriff die Schwestern und entführte sie, niemand konnte sagen wohin. Drei Tage lang suchte der Bruder seine Schwestern in den Nachbarwäldern und auf den umliegenden Feldern.

 

Nach drei Tagen schloss er sein Häuschen ab und zog aus, um in der weiten Welt nach ihnen zu forschen. Von Dorf zu Dorf ging er und fragte nach den Schwestern. Doch niemand konnte ihm Auskunft geben, niemand hatte sie gesehen. Mittlerweile gingen dem armen Ants alle Vorräte aus, die er von Zuhause mitgenommen hatte. Geld besaß er auch nicht. Was sollte er tun?

 

Ants ging durch einen Wald. Auf dem Wege begegnete ihm ein Hase, und Ants redete ihn an: "Häschen, lauf nicht fort, ich habe Hunger und muss dich verspeisen." Doch der Hase erwiderte: "Gedulde dich, Ants, iss mich nicht auf. Ich will dich lieber begleiten - vielleicht kann ich dir in schweren Zeiten nützlich sein. " Ants hatte Mitleid mit dem Hasen. "Also gut", sagte er, "lass uns gehen."

 

Sie zogen zusammen weiter. Da sah Ants einen Wolf vorbei laufen. "Wolf, lauf nicht fort", rief er, "ich habe Hunger und muss dich verspeisen." "Gedulde dich, Ants, iss mich nicht auf!" antwortete der Wolf. "Ich will dich lieber begleiten. Es wird eine Zeit kommen, da ich dir nützen kann. "Ants hatte Mitleid mit dem Wolf. "Na schön", sagte er, "lass uns gehen. "

 

Zu dritt zogen sie weiter. Da erblickte Ants einen Bienenstock und rief den Bienen zu: "Gebt mir euren Honig zu kosten!" Doch die Bienen antworteten: "Wir haben nur wenig Honig. Kaum langt er unsere Kinder zu füttern. Nimm ihn uns nicht weg. Es wird eine Zeit kommen, da wir dir nützen können. Wenn du willst, fliegen wir mit." "Abgemacht", sagte Ants, "folgt mir nach!" Summend flogen die Bienen hinter Ants her.

 

Ants zog weiter und sah einen Falken fliegen, mit krummen Krallen. "He, Falke", rief er, "flieg nicht fort, ich habe Hunger! Ich will dich verspeisen." "Iss mich lieber nicht auf, Ants", bat der Falke, "es wird eine Zeit kommen, da ich dir nützlich sein kann." So flog denn auch der Falke, der krumm krallige, hinter Ants her.

 

Da kroch ihnen ein Krebs entgegen. "Dann werde ich also den Krebs verspeisen", meinte Ants. Doch der Krebs flehte ihn an: "Iss mich nicht, Ants! Es wird eine Zeit kommen, da ich dir nützlich sein kann." So verspeiste Ants auch den Krebs nicht, und der Krebs folgte ihm. Einträchtig gingen sie alle zusammen des Wegs. Voran schritt Ants, ihm folgte der Hase mit dem Wolf, dann flogen die Bienen und der Falke, und den Schluss bildete Kriechbein, der Krebs.

 

Als sie einen Wald durchqueren, bemerken sie im Dickicht eine kleine Hütte. Ants tritt ein und sieht dort ein altes Mütterchen sitzen. "Woher kommst du, guter Mann? " fragt die Alte. Ants erzählt ihr, wie ein Orkan seine Schwestern fort getragen hat. "Weißt du nicht, Großmütterchen, wo meine Schwestern sind? " fragt der Bursche. "Oh, das weiß ich wohl", entgegnet die Alte. "Eine deiner Schwestern lebt bei einem Hecht, die andere - bei einem Adler und die dritte - bei einem Bären."

 

"Aber wie könnte ich wohl zu ihnen gelangen, Großmütterchen?" fragt Ants. "Dazu musst du dir ein Wunderpferd verschaffen", erwidert die Alte. "Und das Wunderpferd lebt bei einer Hexe." "Wie kann man denn zu der Hexe hinkommen?" Die Alte führt ihn auf einen Pfad. "Von hier aus geh schnurgeradeaus. Drei Tage musst du wandern - dann erreichst du ihre Hütte. Die Hexe hat zwölf Pferde. Sie wird dich zwingen, sie drei Tage lang zu hüten. Wenn du das fertig bringst, erlaubt sie dir, ein Pferd auszusuchen. Doch achte darauf, dass du nicht das prächtigste nimmst, sondern das allerkleinste und krummste."

 

Ants dankte der Alten, verabschiedete sich von ihr und ging den Pfad entlang. Seine Reisegefährten aber folgten ihm. Schließlich kam er zu der Hexenhütte. Die Hexe schaute gerade aus dem Fenster: "Wer bist du, braver Recke, und wohin gehst du?" "Ich bin unterwegs, Großmütterchen, meine Schwestern zu suchen", antwortete Ants, "und nun bin ich vom Laufen müde geworden und wollte dich um ein Pferdchen bitten." "Meinetwegen sollst du ein Pferdchen haben", sagte die Hexe, "nur nicht umsonst. Meine Pferde werden jeden Tag auf die Weide getrieben. Wenn du sie drei Tage lang hütest, kannst du dir ein Pferdchen aussuchen." Ants willigte ein.

 

Am nächsten Morgen jagte die Hexe zwölf Pferde aufs Feld. Ants ging hinaus, sie zu hüten, und seine Reisegefährten folgten ihm. Er ließ sich unter einem Baum nieder, während die Pferde auf der Wiese umher streiften und weideten. Da schlich sich der Hase heran und lauschte, worüber sich die Pferde unterhielten. "Wenn dieser Ants uns heute heimtreiben will", sagten die Pferde, "werden wir nicht nach Hause zurück kehren, sondern nach verschiedenen Seiten auseinander laufen. So hat unsere Herrin befohlen. Mag er hinter uns her rennen." Der Hase eilte spornstreichs zu den Bienen und erzählte ihnen, was die Pferde ausgeheckt hatten. "Keine Bange, wir helfen Ants", versprachen die Bienen.

 

Da war es auch schon Abend, und man musste die Pferde nach Hause treiben. Sie stürmten nach verschiedenen Richtungen auseinander, doch die Bienen flogen von allen Seiten heran, stachen sie und sammelten sie zu einer Herde. Nichts zu machen, die Pferde mussten zusammen heimkehren. Ebenso geschah es auch am folgenden Tag. Als der Hase am dritten Tag hörte, worüber sich die Pferde unterhielten, lief er mit seiner Nachricht zum Wolf. "Nun, so bin ich jetzt an der Reihe, Ants zu Hilfe zu eilen", sagte der Wolf.

 

Als Ants die Pferde abends heimtreiben wollte, stoben sie in wildem Galopp in den Wald. Dort erwartete sie jedoch schon der Wolf, fletschte die Zähne und knurrte, als wollte er sich auf sie stürzen und sie in Stücke reißen. Da erschraken die Pferde und kehrten nach Hause zurück. So vergingen die drei Tage, und Ants erfüllte seine Aufgabe. Es war nichts zu machen, die Hexe musste die Rechnung bezahlen.

 

"Nun, dann geh in den Pferdestall und such dir ein Pferd aus", sagte sie mit saurer Miene. Ants wählte das kleinste und krummste Pferdchen und erklärte: "Dies hier, Großmütterchen, will ich haben." "Na, nimm dir schon ein etwas Besseres", versuchte ihn die Hexe zu überreden, doch Ants antwortete: "Ich mag kein anderes, ich will nur dieses." Wie sich die Hexe auch drehen und wenden mochte, sie musste ihm das Pferd überlassen, das er sich ausgesucht hatte.

 

Ants nahm das struppige Pferdchen und zog weiter. Auf einmal fing das Pferd an zu sprechen: "Herr, führ mich drei Tage auf den weißen Klee zur Weide. Dann werde ich ein richtiges Reckenpferd sein, drei Flügel werden mir wachsen. Weidest du mich sechs Tage - dann werde ich sechs Flügel bekommen. Weidest du mich aber neun Tage - dann werde ich ein Reckenpferd mit neun Flügeln sein. Dann wird uns niemand mehr überwältigen."

 

Ants tat, wie das Pferd ihm geraten. Neun Tage verstrichen - und das krumme Pferdchen verwandelte sich in ein mächtiges, neunflügeliges Ross, stark wie ein Orkan. "Lass jetzt den Hasen, den Wolf und die Bienen nach Hause ziehen", sagte das Pferd, "sie haben ihren Dienst getan. Setz dich auf meinen Rücken und nimm den Falken auf die Schulter, der Krebs kann sich meinetwegen an den Schweif hängen. Wir wollen zu deiner ersten Schwester fliegen."

 

Ants tat, wie das Pferd ihm geraten. Er schwang sich auf seinen Rücken, nahm den Falken auf die Schulter, und der Krebs klammerte sich an den Schwanz des Pferdes. Darauf erhob sich das Pferd in die Luft und brauste davon. Die Erde fing an zu dröhnen, und der Wind pfiff Ants um die Ohren. Er hatte nicht einmal Zeit, sich umzuschauen, da hatte ihn das Ross schon zur Wohnung des Hechts, zu seiner ersten Schwester, gebracht.

 

Ants trat in das Haus. Drinnen kochte die Schwester das Mittagessen und erwartete ihren Hecht-Mann. Sie freute sich sehr über den Bruder, setzte sich mit ihm auf die Bank, unterhielt sich, gab ihm zu essen und zu trinken und bereitete ihm ein Lager zum Schlafen. Um diese Zeit kam ihr Hecht-Mann zurück, zog vorsichtig die Luft durch die Nase und fragte: "Frau, wer ist bei uns? Ist etwa der Drache gekommen?" "Aber nicht doch, lieber Mann! Das ist mein Bruder, der sich zu uns durchgeschlagen hat." "Wenn es so ist, habe ich also nichts zu fürchten", beruhigte sich der Hecht und verwandelte sich in einen Menschen.

 

Plötzlich sah Ants einen schmucken, braven Recken vor sich stehen, sie begrüßten sich, und der Schwager sagte: "Ein Unglück hat uns getroffen, lieber Ants. Der böse Drache hat mich und meine Brüder verwünscht. Den einen verwandelte er in einen Adler, den anderen in einen Bären, mich aber in einen Hecht. Bei uns dreien leben auch deine drei Schwestern. Nur wenn ein kühner Bursche den Drachen erschlägt, werden wir erlöst." "Deshalb bin ich gekommen", antwortete Ants. "Allein kannst du das Ungetüm nicht überwinden", meinte jedoch der Schwager. "Mach dich auf zu meinem Adler-Bruder. Vielleicht kann er dir einen Rat geben, was weiter geschehen soll. Wenn der Morgen graut, muss ich mich wieder in einen Hecht verwandeln." Ants übernachtete bei seiner Schwester. Am Morgen aber stieg er wieder auf sein Wunderpferd und flog zur zweiten Schwester.

 

Die Schwester freute sich sehr über den Bruder, gab ihm zu essen und zu trinken. Da kehrte auch schon der Adler heim. Er schlug mit den Fängen auf den Boden und - verwandelte sich in einen braven Recken. Ants erzählte, was ihn hierher geführt hatte, und der Schwager sagte: "Hab Dank, dass du gekommen bist, Brüderchen. Doch allein kannst du das Ungetüm nicht überwältigen. Hol dir bei meinem Bären-Bruder Hilfe." Ants übernachtete bei seiner Schwester, und am Morgen machte er sich weiter auf den Weg.

 

Er flog zur dritten Schwester. Den ganzen Tag unterhielt er sich mit ihr, und am Abend kehrte ihr Bär-Mann nach Hause zurück. Der Bär verwandelte sich sogleich in einen Menschen, freute sich über Ants und sagte: "Hab Dank, Brüderchen, dass du an uns gedacht hast. Leg dich einstweilen zur Ruhe, morgen werde ich mich wieder in einen Bären verwandeln, dann wollen wir uns beide zusammen tüchtig ans Werk machen. Der Drache haust in einer Feste, doch mit deinen Helfern werden wir ihn rasch erledigen."

 

Am Morgen setzte sich Ants mit dem Bären auf das Wunderpferd. Das Ross löste sich von der Erde - der Wind pfiff ihnen um die Ohren, die Erde huschte unter ihren Füßen vorbei, und schon standen die Reiter am Drachenfelsen. Ants wollte gleich durch das Tor reiten, doch der Bär hielt ihn zurück: "Gedulde dich, Brüderchen, lass mich erst alles vorarbeiten." Und er schickte sich an, die Steine zu zerschlagen.

 

Die Erde fing an zu dröhnen, die Felsen brachen auseinander, ein Heidenlärm erhob sich über den Bergschluchten - der Bär zertrümmerte das Drachennest. Er zerschlug die Wände, dann verschwand er im Schloss und kam bis zum Abend nicht mehr zum Vorschein. Am Abend aber sagte er zu Ants: "Auf, Brüderchen, ich habe das Meinige getan. Der Drache ist gefesselt. Morgen gehst du hin und schlägst ihn tot. Solange aber las uns ausruhen."

 

Ants und der Bär legten sich schlafen, und am Morgen wurde Ants von dem Bären geweckt: "Geh jetzt ins Schloss. Wenn du eintrittst, wirst du zwei Türen erblicken. Die linke Tür ist mit einem Stück Bast zugebunden. An der geh vorüber, dort liegt der Drache. Hinter der rechten Tür jedoch befindet sich ein schönes junges Mädchen. Der Drache hat sie ihrem Vater geraubt und hält sie gefangen. Geh zu ihr und bitte sie, dass sie den Drachen fragt, wo er seine Kraft verborgen hat. Sonst wirst du ihn nicht bezwingen können."

 

Ants ging ins Schloss und fand auch das schöne Mädchen. Er erzählte ihr, warum er gekommen sei, und das Mädchen freute sich sehr. "Du mein Retter", rief sie aus, "wie sollte ich dir nicht helfen! Wart hier auf mich, ich gehe sofort zum Drachen und werde ihn fragen, wo er seine unverwüstliche Stärke verborgen hält." Und gleich ging sie und fragte: "Was ist denn mit dir los, du liegst ja gebunden da? Bist du nicht mehr im Besitz deiner Kraft? Wo hast du sie nur gelassen?"

 

Der Drache erwiderte: "Über hundert Werst von hier entfernt steht ein Fels wie dieser. In dem Fels befindet sich ein Schloss. Darin haust ein schrecklicher Stier. Man kann ihn nicht töten: erschlägt man ihn, dann verwandelt er sich in eine graue Ente und fliegt davon. Schießt man jedoch die Ente ab - dann lässt sie ein Ei fallen. Das Ei sinkt auf den Meeresgrund. Niemand vermag es von dort herauf zu holen. In diesem Ei aber liegt meine unverwüstliche Kraft. Wenn mir jemand das Ei herbrächte, würde ich im Handumdrehen mit allen meinen Feinden fertig werden." Das Mädchen eilte zu Ants zurück und berichtete ihm, was sie erfahren hatte.

 

Ants stieg aufs Pferd, nahm auch den Bären, den Falken und den Krebs mit. Das Pferd flog zu dem Felsen, der an der Meeresküste lag, und der Bär zertrümmerte den Felsen. Gleich stürzte Ants der fürchterliche Stier entgegen. Mit gewaltigem Schwung schlug Ants den Stier, so dass er zu Boden fiel, doch da erhob sich eine graue Ente in die Lüfte und verschwand über dem Meer.

 

Als der Falke mit den krummen Krallen das sah, schoss er hinter der Ente her und bezwang sie. Die Ente aber ließ ein goldenes Ei ins Meer fallen. Das Ei glitzerte einen Augenblick in der Luft und sank dann auf den Grund. Nun warf sich der Krebs ins Wasser und glitt auf den Meeresboden. Ants hatte kaum Zeit, richtig hin zu schauen - als der Krebs schon wieder aus dem Wasser kroch und das goldene Ei mitbrachte. Da hob das Wunderpferd den Huf, trat auf das Ei und zerschlug es in kleine Stückchen. Im selben Augenblick war es um den schrecklichen Drachen. geschehen.

 

Nun flog Ants zurück, kam zum Drachenschloss, trat ein, und das Mädchen eilte ihm freudig entgegen. Ants hob die liebliche Gefangene in den Sattel und flog mit ihr zur ersten Schwester, dann zur zweiten und schließlich zur dritten. "Unser Feind ist nicht mehr am Leben", rief er, "der böse Drache ist tot!" Da löste sich auch der Zauberbann des Drachen von dem Bären, dem Adler und dem Hecht. Sie wurden wieder schmucke Recken wie zuvor. Ants aber heiratete das schöne junge Mädchen und war glücklich.

 

Quelle: lettisches Märchen

 

 

DIE LEICHTFÜSSIGE KÖNIGSTOCHTER ...

Die Prinzessin beim Wettlauf

 

Es lebte einmal eine Königstochter, die wegen ihrer Schönheit und ihrer Anmut weit und breit berühmt war. Viele Freier kamen zu ihr, von Nord und Süd, von Ost und West, so daß der königliche Hof oft die ganze Woche von den Pferden der Freier nicht leer wurde. Zu dieser Zeit aber war das Brautwerben nicht so einfach wie heutzutage, da die Männer oft an sieben Türen klopfen mußten und dennoch nicht den Mut verlieren durften. Bei der schönen Königstochter verhielt es sich nämlich ganz anders, denn ein jeder, der sie freien kam, mußte auch außerordentlich kühn sein.

 

Die Königstochter war sehr leichtfüßig, und sie hatte ihrem Vater gelobt, nicht eher zu heiraten, als daß ein Freier käme, der nicht nur ebenso schnell wäre wie sie, sondern er sollte schneller als sie sein. Das wäre nun nicht so schlimm gewesen, doch die Sache mit dem Wettlauf hatte einen Haken. Jeder Freier, der es nicht vermochte, mit ihr Schritt zu halten, verlor auch noch seinen Kopf! Darum wunderte man sich, daß sich trotzdem Edelmänner fanden, die diesen vagen Versuch unternahmen. —

 

Lange Zeit schon hatte kein Freier mehr das Königsschloß betreten, und das Volk war der Hoffnung, diese unsinnigen Freierzüge hätten nun ihr Ende gefunden. Doch eines Tages machte sich in einem fremden Lande wiederum ein Königssohn auf den Weg. Nun war er sich seiner sicher, denn im ganzen Reich seines Vaters gab es niemanden, der ihn im Wettlauf bezwungen hätte. Er machte sich mit Kutsche und Pferden auf den Weg, um dem Volk seinen Reichtum zu zeigen und um seine Beine zu schonen, damit sie nicht schon vor dem Wettlauf ermüdeten. Als Reisegeld diente dem Königssohn ein halber Sack Gold, den er wie einen Hafersack hinten an die Kutsche binden ließ.

 

Der Königssohn war noch nicht allzu weit von zu Hause fort, da sah er in der Ferne eine Menschengestalt daher sausen wie vom Winde getragen. Einen Augenblick später hatte die Gestalt den Königssohn schon überholt. »He, du, halt ein!« rief der Königssohn aus Leibeskräften, damit es der Leichtfüßige bestimmt hörte. Der Mann hielt im Lauf inne, um zu hören, warum er gerufen wurde. Jetzt erst bemerkte der Königssohn, daß der Läufer an je einem Bein einen Mühlenstein hängen hatte. Der Königssohn konnte sich über die Laufgewalt des Schnellfußes nur wundern, und er fragte: »Wozu hast du dir die Steine an die Beine gebunden?« — »Weil ich sonst im schnellen Lauf nicht den Erdboden berühren würde«, erwiderte der Mann, »und unversehens wer weiß wohin geraten könnte, wenn meine Beine nichts weiter als meinen Leib zu tragen hätten.«

 

Der Königssohn dachte im stillen, solch einen Mann könnte ich gebrauchen, er könnte an meiner Stelle um die Wette laufen, wenn ich nicht schnell genug bin. Laut aber fragte er: »Hättest du nicht Lust, in meine Dienste zu treten?« — »Warum nicht, wenn wir uns einig werden. Was willst du mir als Lohn zahlen?« Der Königssohn erwiderte: »Reichlich Speis und Trank, soviel dein Herz nur begehrt, sowie prächtige Sommer- und Winterkleider und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.«

 

Dem Mann war es recht, und der Königssohn hieß ihn, sich hinten auf den Goldsack setzen. Den Mann wunderte es, und er sagte: »Glaubt Ihr, daß Eure Rosse flinkere und kräftigere Beine haben als ich? Seid unbesorgt, ich werde Ihnen schon immer voraus sein.« Darauf zogen sie weiter.

 

Nach einer Weile sah der Königssohn am Wege einen Mann sitzen, der die Flinte angelegt hatte, als ziele er auf einen Vogel. Aber wie scharf der Königssohn und seine Diener auch hin sahen, konnten sie weder auf dem Erdboden noch in den Lüften etwas entdecken, worauf der Schütze hätte zielen können. »Was machst du da? « fragte der Königssohn den Mann. Der Schütze winkte ab, als hätte er sagen wollen: Nicht so laut, ihr verscheucht mir den Vogel.

 

Als der Königssohn auch beim zweiten Mal keine Antwort erhielt, erkundigte er sich noch ein drittes Mal. »So schweigt doch endlich«, sagte der Schütze flüsternd, »bis ich sie getroffen habe.« Bald darauf knallte die Flinte des Schützen, er erhob sich und sprach: »Jetzt hab' ich sie getroffen und kann Eure Frage beantworten. Eine ganze Weile schon kreiste um den Turm zu Babel eine Mücke und wollte sich auf dessen Spitze niederlassen. Das durfte nicht geschehen, denn sie wog etliches und hätte die feine Turmspitze beschädigt. Deshalb hab' ich den Schädling abgeschossen.«

 

Verwundert fragte der Königssohn: »Kannst du denn so weit sehen?« — »Was ist das schon weit«, lachte der Mann, »mein Auge reicht noch viel weiter!« — »Haltet ein!« rief nun der schnellfüßige Läufer. »Werde hinlaufen und sehen, ob er uns nicht zum besten hält!« Und im Nu war er auf und davon, als hätte ihn der Wind fort geblasen, denn schon hatte der Königssohn ihn aus den Augen verloren.

 

Solch ein Schütze könnte mir von Nutzen sein, dachte der Königssohn und begann, mit dem Mann zu verhandeln. »Willst du nicht in meine Dienste treten?« fragte er den Scharfschützen. »Warum nicht«, erwiderte jener, »wenn wir uns einig werden. Was willst du mir als Lohn zahlen?« — »Reichlich Speis und Trank, soviel dein Herz nur begehrt, sowie prächtige Sommer- und Winterkleider und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.« Dem Schützen war es recht. Da kam auch der Schnellfuß aus Babel zurück gerannt und trug auf dem Rücken die Riesenmücke, als wäre sie so leicht wie Daunen. Der Scharfschütze setzte sich hinten auf den Goldsack, und so ging es weiter.

 

Sie waren noch nicht lange unterwegs, als der Königssohn, der als pfiffiger Mann stets Augen und Ohren offenhielt, am Wegrand einen Mann erblickte, der sein Ohr, das wie ein Rohr und drei Klafter lang war, an den Erdboden drückte, als lausche er. »Was machst du da?« fragte der Königssohn ihn. »Fünf Könige, die einen Krieg im Schilde führen, haben in Rom eine geheime Sitzung. Da möchte ich erfahren, ob auch uns der Krieg droht.« — »Kannst du denn so weit hören? « war der Königssohn erstaunt. »Das ist doch nicht weit«, entgegnete der Mann, »mein Ohr reicht noch viel weiter. Es gibt wohl kaum auf der Welt etwas, was ich nicht höre.«

 

Der Königssohn aber dachte im stillen, ein so hellhöriger Mann könnte ihm noch von Nutzen sein, und er fragte: »Möchtest du nicht in meine Dienste treten?« — »Warum nicht«, erwiderte der Hellhörige, »wenn wir uns einig werden. Was willst du mir als Lohn zahlen?« — »Reichlich Speis und Trank, soviel dein Herz nur begehrt, sowie prächtige Sommer- und Winterkleider und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.« Dem Hellhörigen war es recht, er rollte sein Ohr zusammen, daß es nicht hinter her schleife, kletterte neben den Scharfsichtigen auf den Goldsack, und so setzten sie ihren Weg fort.

 

Als sie ein gutes Stück des Weges hinter sich gelassen hatten, gelangten sie in einen dichten Wald. Schon seit einer Weile war dem Königssohn aufgefallen, daß von Zeit zu Zeit einige Baumwipfel die anderen Klafter hoch überragten und dann wieder verschwanden. Er fragte auch seine Diener, was das bedeuten sollte, doch sie wußten ihm keine Auskunft zu geben. Fällt jemand einen Baum mit der Axt, kann dieser zwar beim Niederstürzen dem Blick entschwinden, aber wie ein Baum, bevor er nieder fällt, den Wipfel noch emporstreckt, das vermochte ihr Verstand nicht zu erklären.

 

Der Wald wurde nun immer dichter, und alsbald konnten die Wanderer sich selbst überzeugen, was es mit dem sonderbaren Emporsteigen der Bäume auf sich hatte. Sie waren noch nicht lange durch das schattige Dickicht gefahren, da trafen sie auf einen Mann, der Bäume aus der Erde riß. Er wählte sich einen passenden Baum aus, packte ihn mit beiden Fäusten am Stamm und riß ihn mitsamt den Wurzeln aus dem Erdboden, als wäre es ein Kohlkopf oder eine Rübe. Wie er die Kutsche halten sah, ließ er von seiner Arbeit ab und trat näher, denn er dachte, in der prächtigen Kutsche reise der Besitzer des Waldes, der ihm nun sein Tun verbieten wollte.

 

Darum sagte er ergeben: »Hochverehrter Herr, nehmt es mir nicht übel, daß ich mir ohne Erlaubnis aus Eurem Walde etwas Kleinholz hole. Die größeren Bäume habe ich stehen lassen. Mein Weib will Brei kochen und hat mich in den Wald nach ein bißchen Holz geschickt, um unter dem Kessel ein Feuerchen zu machen. Ich wollte gerade noch ein paar dazu nehmen, da sah ich Euch kommen.«

 

Den Königssohn wunderte die ungeheure Kraft des Mannes nicht wenig, doch im stillen dachte er: >Werde mich zum Spaß als Herrn des Waldes ausgeben, mal sehen, wie stark der Mann wirklich ist.< Darum sagte er: »Ich verwehre es dir nicht, nimm dir meinetwegen noch ein paar von den dickeren dazu.« Das ließ sich der Mann nicht zweimal sagen. Vergnügt packte er einen Baum, den er mit beiden Händen nicht einmal umspannen konnte, und riß ihn mit einem Ruck aus dem Boden.

 

»Hättest du nicht Lust, in meine Dienste zu treten?« schlug der Königssohn vor. »Warum nicht, wenn wir uns einig werden«, erwiderte der Mann. »Was willst du mir aber als Lohn zahlen?« — »Reichlich Speis und Trank, soviel dein Herz begehrt, sowie prächtige Kleider und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.« Der Mann kratzte sich hinterm Ohr, als wäre er mit dem Lohn nicht zufrieden, sagte dann aber: »Laßt mir nur soviel Zeit, das Holz heim zu tragen und meinem Weib zu sagen, daß ich fort gehe, damit sie nicht unnötig auf mich wartet. Dann werde ich eilenden Fußes wieder da sein.«

 

Der Königssohn willigte ein, und der Mann nahm sein Holz unter den Arm, ging raschen Schrittes davon und war in Kürze wieder da. Der Königssohn war froh, noch einen Diener gewonnen zu haben, auf dessen Hilfe er notfalls bauen konnte.

 

Alsbald hatten sie den Wald hinter sich und fuhren nun durch offene Flur, die ihnen einen weiten Blick gestattete. In der Ferne sahen sie eine Stadt und vor dieser am Wege sieben Windmühlen, die alle in einer Reihe standen. Dem Königssohn, der aufmerksam umher schaute, fiel sofort auf, daß die Flügel der Windmühlen sich drehten, obwohl solch eine Windstille herrschte, daß kein Hälmchen sich regte. Als sie weiterfuhren, verspürte er plötzlich einen Luftzug. Ein Stückchen weiter legte sich der Wind ebenso plötzlich wie er gekommen war.

 

Der Königssohn ließ den Blick nach allen Seiten schweifen, gewahrte aber lange Zeit nichts Sonderliches, was auf die Ursache des Windes hinwies. Als sie nur noch einige Meter vom Stadttor entfernt waren, sah der Königssohn auf einmal einen Mann von mittlerem Wuchs, der sich gar eigenartig benahm, indem er die Füße gegen einen großen Stein stemmte und den Leib rückwärts bog.

 

Der Königssohn hielt an und fragte den Fremden: »Was treibst du da, Brüderchen?« — »Was sollte ich armer Schlucker schon treiben!« antwortete der Mann. »Da ich nirgends eine dankbare Arbeit finden konnte, muß ich mich mit dem Amt eines Mühlenpusters begnügen. Aber was verdient man schon mit der lumpigen Beschäftigung, bei Windstille die Mühlen der Stadt in Gang zu halten? Zu wenig, um zu leben, zu viel, um zu verhungern!« —

 

»Fällt es dir denn nicht schwer, die Mühlen in Gang zu blasen?« — »Das könnt Ihr ja mit eigenen Augen sehen«, erwiderte der Mann. »Ich schließe den Mund und drücke noch ein Nasenloch zu, sonst könnte der Wind zum Sturm anschwellen, und die Mühlen würden mitsamt ihren Flügeln in die Lüfte fliegen.« —

»Willst du nicht lieber in meine Dienste treten?« fragte der Königssohn. »Warum nicht«, sagte der Mühlenpuster, »wenn Ihr mir soviel zahlt, daß ich nicht mehr hungern muß. Und wie viel würde es in Euren Diensten sein?« — »Dienst du mir so, wie alle anderen, soll es auch dir an nichts fehlen. Du bekommst zu essen und zu trinken, soviel dein Herz begehrt, Kleider für Sommer und Winter und als Jahreslohn eine halbe Kanne voll Gold.« Der Mühlenpuster antwortete darauf wohlgemut: »Damit kann unsereiner schon zufrieden sein, solange sich nichts Besseres findet. Den Mann beim Wort, den Stier beim Horn, sagt ein alter Spruch — also, schlagen wir ein!«

 

So zog der Königssohn mit seinen fünf Dienern der Hauptstadt zu, sollte es ihm Glück oder Verderben bringen. Entweder er bekam die schöne Königstochter zur Gemahlin oder er würde seinen Kopf verlieren. In der Königsstadt stieg er im besten Wirtshaus ab und befahl dem Wirt noch nachdrücklich, seinen Dienern vor zu setzen, was ein jeder sich nur wünschte.

 

Er warf eine Handvoll Goldmünzen auf den Tisch und sagte: »Diese Kleinigkeit hier nimm als Handgeld, den Rest bekommst du, wenn ich abreise.« Dann ließ er Schneider und Schuster zusammen rufen, die seinen Dienern schöne Kleider und neue Schuhe anfertigen sollten.

 

 

Der Vater der leichtfüßigen Jungfrau, der alte König, hatte inzwischen schon von der Pracht und dem Reichtum des Jünglings erfahren, noch ehe der Jüngling am dritten Tag selbst vor ihn trat. Als der König den edlen Jüngling erblickte, sagte er mit väterlicher Stimme: »Lieber Freund, laßt ab von diesem Wettlauf! Hättet Ihr noch so geschwinde Beine, so könnten sie es niemals mit denen meiner Tochter aufnehmen, denen geradezu Flügel gewachsen sind. Mich dauert Euer junges Leben, das Ihr unbedacht hingeben wollt.« —

 

»Gnädiger König«, erwiderte der Jüngling, »ich hörte von den Leuten hier, daß der, der mit Eurer Tochter nicht um die Wette zu laufen vermag, auch seinen Diener schicken dürfe.« — »Das stimmt zwar«, bestätigte der König, »doch wird Euch solch ein Gehilfe von geringem Nutzen sein. Verliert er nämlich, was zweifellos der Fall ist, so wird trotzdem Euch der Kopf abgeschlagen.« —

 

»Es sei denn«, sagte der Königssohn, als er eine Weile überlegt hatte, mit fester Stimme: »Soll mein Diener sein Glück versuchen, ich werde mit meinem Haupt seinen Mißerfolg büßen. Eher will ich meinen Kopf verlieren, als unverrichteter Dinge heimkehren und zum Spott in aller Leute Mund werden. Mögen die Leute lieber meinen toten Kopf verspotten.« Wie der alte König den Jüngling auch von seinem Vorhaben abzubringen versuchte, alles war vergeblich, und so mußte er schließlich nachgeben.

 

Der Wettlauf sollte am nächsten Tag stattfinden. Und kaum war der Königssohn gegangen, da wandte sich der König an seine Tochter mit den Worten, die der Hellhörige im Wirtshaus erhorchte und sogleich dem Königssohn weitererzählte: »Liebes Kind, du hast bis heute viele Jünglinge ins Verderben gestürzt, was mir oftmals schon das Herz betrübte. Aber keiner der hingerichteten Freier war mir so nach dem Sinn, wie der junge Königssohn, der sich morgen mit dir im Wettlauf messen will. Er ist im blühenden Alter und klug. Laufe morgen aus Liebe zu mir etwas langsamer, damit der Freier oder sein Diener siege und daß ich endlich einen Schwiegersohn bekäme, der nach meinem Tode das Reich erben könnte, denn ich selbst habe ja keinen Sohn.« —

 

»Was?« rief die Königstochter hochmütig. »Ich sollte um eines Burschen willen die Kraft meiner Beine verleugnen, nur um unter die Haube zu kommen? Da bleibe ich lieber schon mein Leben lang eine alte Jungfer! Warum ist er denn her gekommen? Habe ich ihn gerufen, oder die, die vor ihm hier waren? Habt Ihr Mitleid mit dem Freier, so schickt ihn heim, ehe er den Wettlauf wagt, von mir aber erwartet keine Gnade für ihn. Wer nicht hören will, muß fühlen!«

 

Der König sah, daß seine Tochter nicht nachgeben wollte, und er gab es auf. Als der Hellhörige dem Königssohn von diesem Gespräch berichtete, trat der Schnellfuß in die Stube und sagte: »Ich schäme mich, vor allen Leuten mit diesen Mühlsteinen herum zu laufen. Kauft lieber sechs Ochsenfelle, und laßt daraus einen Ranzen anfertigen mit soviel Eisen darin, wie die Mühlsteine wiegen, und alles wird seine beste Ordnung haben. Die Leute werden mich dann für einen wandernden Handwerker halten.«

 

Der Königssohn erfüllte den Wunsch des Mannes ohne Widerspruch, ließ herbei holen, was nötig, und am anderen Morgen war der Ranzen rechtzeitig fertig. Der Mann schnürte ihn sich auf den Rücken und machte einige Schritte, obwohl die ungewohnte Last den Beinen etwas fremd erschien, alsbald jedoch fügten sie sich.

 

Am Wettlaufplatz hatten sich unzählige Schaulustige eingefunden, die einen lachten über den Felleisenträger, die anderen meinten: »Ein gescheiter Mann wirft beim Wettlauf die überflüssigen Kleider ab, der kommt aber nicht einmal darauf, seinen Ranzen abzulegen.« Der Hellhörige erzählte dies sofort dem Königssohn, doch der Läufer kümmerte sich nicht im geringsten darum.

 

Die Wettlaufstrecke maß genau eine Meile, und von beiden Seiten dieser wuchsen Bäume, die den Laufenden vor den sengenden Sonnenstrahlen Schatten boten. Am Ende der Strecke sprudelte ein Quell aus dem Erdboden. Die Läufer sollten mit einer leeren Flasche zum Quell eilen, diese mit Wasser füllen und zurückkehren. Wer auch nur einen Schritt vor dem anderen anlangte, war Sieger.

 

Als die Königstochter und der geschwinde Diener des Königssohnes auf das Zeichen hin gleichzeitig los liefen, war der Schnellläufer der Königstochter wie der Wind voraus, füllte am Quell die Flasche und lief zurück. Auf halbem Wege traf er die Königstochter, die erst noch zum Quell eilte. »Halt ein, Brüderchen!« rief sie. »Habe mir das Bein verrenkt. Gib mir ein paar Tropfen aus deiner Flasche, um das Bein zu kühlen und mich etwas zu laben, dann kann es wieder weitergehen.« —

 

»Meinetwegen«, erwiderte der Mann, »ich habe es ja nicht eilig. Wenn Ihr wollt, warte ich hier, bis Ihr wieder da seid, und wir können gemeinsam weiterlaufen.« Als er sich aber ohne Argwohn zur Rast niederließ, hielt ihm die Königstochter ein Schlafkraut unter die Nase, und der Mann verfiel auf der Stelle in tiefen Schlaf. Da nahm die Jungfrau ihm die gefüllte Flasche aus der Hand und eilte mit ihr zurück.

 

Das blieb aber dem Scharfäugigen nicht unbemerkt. Er riß seine Flinte an die Backe und schoß geschickt einen Zweig vom Baum, der dem schlafenden Schnellfuß genau auf die Nase fiel. Zu seinem Schrecken entdeckte der Läufer die leere Flasche und das Mädchen, das schon eine gute Strecke voraus auf dem Rückweg war. Der Schreck fuhr ihm derart in die Beine, daß seine Fersen Funken sprühten, als er zum zweiten Mal zum Quell eilte, die Flasche füllte und wie der Wind zurückeilend die Königstochter gerade noch vorm Ziel überholte und wenige Augenblicke vor ihr anlangte.

 

Nun hatte der Freier gesiegt und konnte seinen Kopf behalten. Die Königstochter aber lief voller Wut nach Hause, denn solch einen Streich hatte ihr das Leben noch nicht gespielt, daß jemand flinkere Beine gehabt hätte als sie. Der Königssohn kehrte zurück ins Wirtshaus, ließ ein stattliches Mahl anrichten und den Schnellfuß reichlich belohnen, aber auch den Schützen, der den Läufer gerade noch zur rechten Zeit geweckt hatte.

 

Der Lärm der lustigen Gesellschaft vermochte jedoch nicht zu verhindern, daß der Hellhörige das Zwiegespräch auffing, das im Königsschloß zwischen Vater und Tochter stattfand: »Jetzt, liebes Kind«, sagte der König, »wirst du dich vermählen müssen, denn die Beine eines anderen waren schneller als deine. Es ist mir auch ganz recht, denn nun werden keine jungen Männer mehr sterben, und ich bekomme einen Schwiegersohn, wie ich mir einen besseren nicht wünschen kann.«

 

Er wollte noch etwas hinzufügen, da löste sich aber die Zunge der Tochter, die Zorn und Ingrimm bisher gefesselt hatten, und nun stürzte aus ihrem reizvollen Munde ein Wasserfall, so daß der König gar nicht mehr zu Worte kam. Die Tochter bestand hartnäckig darauf, eher ihrem Leben ein Ende zu machen, wenn der Vater sie zur Ehe zwinge, als die Frau eines Mannes zu werden, der sie durch seinen Diener zufällig bezwungen hatte. Der Vater versuchte, ihr zu drohen, zu schmeicheln, aber alles vergeblich. »Bietet Ihr ihm auch das halbe Königreich«, rief die Königstochter, »seine Frau werde ich nie und nimmer!«

 

Der Königssohn war tief betrübt, als er dies vom Hellhörigen erfahren hatte. Doch der Baumausreißer sagte: »Nehmt es Euch nicht allzu sehr zu Herzen, es gibt noch andere Jungfrauen auf der Welt, auch schönere und feinere als diese Königstochter hier. Verlangt als Lohn soviel Gold, wie ein Mann in einem Sack fortzuschleppen vermag, und laßt die Königstochter verrunzeln, daß niemand sie mehr anschauen mag, geschweige denn heiraten wollte!«

 

Der Königssohn gab sich mit diesem Rat zufrieden, um so mehr, als er am nächsten Morgen aus dem Munde des Königs erfuhr, was ihm der Hellhörige schon berichtet hatte. Darum sagte er: »Soll es von mir aus mit der Hochzeit nichts werden. Ich will mich zufrieden geben, wenn Ihr mir aus Eurer Schatzkammer als Ersatz meiner Reisekosten soviel Gold gebt, wie ein einziger Mann fortzutragen vermag.«

 

Ohne lange zu zögern, erfüllte der König diesen Wunsch und war noch froh dazu, so leicht davon gekommen zu sein. Hätte der Jüngling das halbe Königreich gefordert, hätte er es hingeben müssen, nun sollte es ihn nur einen Sack voll Gold kosten. Im stillen dachte der König: »Ich hätte den Jüngling für gewitzter gehalten, er ahnt ja nicht, wie schwer das Gold ist, denn selbst der stärkste Mann kann nicht viel davon fort tragen.« Und die beiden trennten sich in der Meinung, den anderen übertroffen zu haben.

 

Im Wirtshaus riet der Baumausreißer dem Königssohn: »Schickt einen Diener in die Stadt, daß er sämtliches Leinentuch, welches feilgeboten wird, aufkaufe. Dann ruft fünfzig Schneidergesellen zusammen, damit sie daraus einen sechsfachen Sack nähen, so groß und breit, wie der Stoff hinreicht. In diesem Sack werde ich das Lösegeld für die Jungfrau holen.« Wie gesagt, so geschehen.

 

Der Königssohn versprach den braven Schneidern reichlichen Lohn, würden sie den Sack über Nacht fertig nähen. Am frühen Vormittag war der Sack fertig genäht. Die Schneidergesellen bekamen außer dem Arbeitslohn noch ein so gutes Trinkgeld, daß sie für die Arbeit einer einzigen Nacht drei Tage lang im Wirtshaus zechen konnten. Der Baumausreißer warf sich den leeren Sack über die Schulter und begab sich zur Schatzkammer des Königs.

 

Als der Schatzmeister den riesigen Sack erblickte, lachte er voller Hohn: »Hast wohl den Weg verfehlt, Brüderchen? Du wolltest sicher in eine Heuscheune, für das bißchen Gold hätte es wahrlich nicht eines solchen Sackes bedurft!« Der Sackträger entgegnete: »Na, der Sack wird dem leeren Raum keine Träne nachweinen, auch kann ich nicht mehr hinein tun, als ich fort zu tragen schaffe.« Unter solchem Wortgeplänkel erreichten sie die Schatzkammer.

 

Als die Türen geöffnet waren und das Gold in den Truhen aufblinkte, fragte der Schatzmeister: »Was meinst du, genügt das hier, deinen Sack zu füllen und ihn dann fort zu schleppen?« Worauf der Sackträger erwiderte: »Wir werden sehen, wer kann es schon im voraus wissen. Mein Herr war, als er her reiste, der festen Hoffnung, sein junges Weib Heim zu führen, nun muß er sich mit einem Säckelchen schnöden Goldes begnügen. Aber immerhin ist ein guter Sack voll Gold besser als ein schlimmes Weib.« — »Wie schade, daß du keine Schaufel mitgebracht hast«, spottete der Schatzmeister. »Das würde dir die Arbeit verkürzen, denn es ist höchst langweilig, den Sack mit der Hand zu füllen, zumal er so groß ist.«

 

Doch der Baumausreißer hob die erste Goldtruhe an, als wäre sie ein Daunenkörbchen, bat den anderen, er möge ihm den Sack aufhalten, und schüttete das blinkende Gold hinein, daß es nur so schepperte. Als der Schatzmeister dies sah, beschlich ihn ein ungutes Gefühl, als aber mit den nächsten Truhen das gleiche geschah, wurde er bleich wie eine weiße Wand. Es dauerte nicht lange, da waren alle Truhen leer, der Sack aber erst halbvoll. Der Sackträger fragte nun: »Ist das denn wirklich der ganze Schatz Eures Königs?«

 

»Dort hinten in den Kästen findet sich noch Gold in Barren, es ist aber noch nicht geprägt.« — »Immer her damit!« rief der Baumausreißer und kippte die Kästen genauso munter in den Sack wie vorher die Truhen. Als dann alle Ecken sauber wie ausgefegt waren, hob er den Sack auf die Schultern und schritt zurück zum Wirtshaus.

 

Diesmal brauchte sich der Schatzmeister wegen des Abschließens keine Sorgen zu machen. Darum lief er Hals über Kopf, als hätte er einen Bienenschwarm im Nacken, zum König und berichtete ihm von dem Unglück. Erschrocken ließ der König seine Tochter rufen und schalt: »Sieh nun, welch Unglück deine Dreistigkeit uns beschert hat! Unser ganzer Staatsschatz ist hin, dein Freier hat mich arm gemacht wie eine Kirchenmaus! Was bin ich noch für ein König? Wie soll ein Herrscher ohne Gold das Reich vor seinen Feinden schützen? Sobald die Krieger hören, daß ich nichts habe, um ihnen ihren Lohn zu zahlen, laufen sie auseinander.« —

 

»So darf es freilich nicht bleiben«, meinte die Königstochter. »Wir müssen den Schatz wieder kriegen, sei es denn mit List oder mit Gewalt.« Doch ehe sie sich etwas ausdenken konnten, erreichte sie die Kunde, daß der Königssohn die Stadt verlassen habe. »Nun hilft nur noch Gewalt«, sagte die Königstochter. »Ruft augenblicklich das gesamte Heer zusammen und jagt dem spitzbübischen Freier nach, der mit seiner Last ja noch nicht weit sein kann.«

 

Der König erteilte den Befehl, der sofort ausgeführt wurde. Am nächsten Tag stand das Heer unter Waffen und rückte aus, dem schwer reich gewordenen Fremden nach zu setzen. Voran ritten die Reiter, hinter drein rannte das Fußvolk, und zuletzt in einer Kutsche fuhr der König und seine Tochter. Ein Drittel des Goldes, das dem Freier entrissen werden sollte, wurde den Kriegern versprochen, um sie zu heftigerem Angriff anzuspornen.

 

Der Königssohn hatte sich derweil mit seinem Schatz schon ein gutes Stückchen entfernt. Der sechsfache Goldsack hemmte den Schritt des Baumausreißers keineswegs, anders wäre es aber auch unmöglich gewesen, die ganze Last fort zu schleppen. Die nötigen Zugtiere hätte man ja für gutes Geld kaufen können, aber wo hätte man solch ein Fuhrwerk her genommen, dessen Achsen unter diesem Gewicht nicht gebrochen wären?

 

Der Schatzträger war eben über einen hohen Berg gestiegen und hatte sich am Fuße dessen unter einem Busch nieder gelassen, um auszuruhen, als der Hellhörige mitteilte, was hinter ihnen in der Königsstadt ausgeheckt und vorgenommen worden war. Als der Scharfsichtige nun von der Bergspitze aus das ihnen nachsetzende Heer erkennen konnte, wurde dem Königssohn doch etwas bange zumute. Der Mühlenbläser aber beruhigte ihn: »Wir müssen ein wenig weiterziehen, denn sobald sie den Berg erklommen haben, wird ein Windstoß aus meinem Munde sie um so sicherer treffen.«

 

So zogen die Freunde denn weiter, bis sie ein geschütztes Plätzchen fanden. Da meldete der Scharfsichtige, daß die voran ziehende Reiterschar den Berg erstiegen habe, und der Mühlenbläser begann zu blasen. Und als hätte ein Wirbelwind Staub und Asche in die Höhe gefegt, flogen Mann und Roß bis hoch in die Wolken und stürzten herab. Die gleiche Luftreise mußte etwas später auch das Fußvolk antreten, so daß zuletzt nichts weiter übrig blieb, als die Kutsche des alten Königs und seiner leichtfüßigen Tochter.

 

»Soll ich auch sie fliegen lassen?« fragte der Mühlenbläser. Der Königssohn war damit nicht einverstanden, denn er sagte: »Versuchen wir es noch ein letztes Mal, uns im Guten zu einigen«, und fuhr den Berg hinan, dem König entgegen, grüßte höflich und sprach: »Ihr seid auf einen Schlag ein armer Mann geworden, habt weder Schatz noch Krieger mehr, was für ein Herrscher seid Ihr da noch? Gewährt Ihr mir aber die Hand Eurer Tochter, hat alle Not sogleich ein Ende.«

 

Nun konnten sich der alte König und die leichtfüßige Königstochter nicht länger weigern, und alsbald wurde man sich einig. Der Königssohn tröstete den alten König: »Seid unbesorgt, den Schatz werde ich sogleich zurück tragen lassen, und unter einer fürsorglichen Regierung wird die Zahl Eurer Untertanen, anstelle derer, die heute in die Lüfte geschleudert wurden, rasch wieder zunehmen.

 

Meine braven Diener werden die Grenzen Eures Reiches schützen. Einer vermag es, die winzigste Mücke in den Wolken zu erspähen, der andere hört mit seinem Ohr das Niesen einer Maus hundert Klafter unter dem Erdboden, der dritte hat die Kraft, das gesamte Gold und Silber einer Schatzkammer auf dem Rücken davon zu schaffen, und der vierte bläst mit seinem Munde egal welches Heer auseinander.«

 

So zogen sie denn gemeinsam in die Königsstadt zurück, wo eine prächtige Hochzeit gefeiert wurde, die ganze vier Wochen dauerte. Der Schwiegersohn aber blieb im Schloß des alten Königs und wurde nach seinem Tode Herrscher des Königreiches.

 

Quelle: Estland

 

DAS GESICHT IN DER NEUJAHRSNACHT ...

Das Orakel

 

Einmal ging ein Mädchen, ohne daß die anderen es wußten, in der Neujahrsnacht in eine leere Stube, stellte einen Spiegel vor sich auf, stellte zwei Schnapsflaschen rechts und links vom Spiegel hin, setzte sich vor den Spiegel und schaute starr hinein, um ihren zukünftigen Bräutigam zu erblicken.

 

Plötzlich tauchte vor dem Mädchen ein Soldat auf, der einen blanken Degen in der Hand hielt. Das Mädchen erschrak vor dem Soldaten und lief davon. Der Soldat warf ihr seinen Degen nach, und der Degen blieb in den Kleidern des Mädchens stecken. Darauf verschwand der Soldat. Das Mädchen aber nahm den Degen und versteckte ihn.

 

Im nächsten Jahr bekam das Mädchen auch wirklich einen abgedankten Soldaten zum Mann. Als sie schon ein paar Jahre zusammen gelebt hatten, da gebar die Frau einen Sohn. Um diese Zeit fand der Soldat den von seinem Weibe versteckten Degen. Er fragte sie sogleich, wo sie den Degen her habe.

 

Die Frau wollte es zuerst nicht sagen. Schließlich sagte sie's aber doch. Der Mann geriet in Zorn und rief, daß er wegen des verschwundenen Degens viel Leid erfahren habe. Da habe er damals geschworen, wenn er den Degen wieder in seine Hände bekomme, wolle er sofort den jenigen töten, bei dem er ihn finde.

 

Er zog darauf den Degen und tötete seine Frau und danach auch sich selbst.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

DER LOHN DER STIEFTOCHTER UND DER HAUSTOCHTER ...

Das Mädchen und die Kuh

 

Es war einmal eine Mutter, die hatte eine eigne Tochter und eine Stieftochter. Die Mutter der Stieftochter war gestorben, Das Waisenkind aber wurde von Mutter und Tochter gehaßt und sehr geplagt.

 

Einmal schickte die Stiefmutter das Waisenmädchen aus, am Brunnenrande zu spinnen. Beim Spinnen fiel aber des Mädchens Spinnrocken in den Brunnen. Das Mädchen sprang ihm nach, aber sie fand den Spinnrocken nicht. Sie ging deshalb weiter, ihn zu suchen.

 

Eine Kuh kam dem Waisenmädchen entgegen, einen Melkkübel an ihren Hörnern, und sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, melk mich! Die Hälfte der Milch gieß auf die Erde, die andre in den Melkkübel an meinen Hörnern!« Das Waisenmädchen melkte die Kuh, goß die halbe Milch auf die Erde und die andere Hälfte in den Melkkübel an den Hörnern der Kuh. Dann ging sie weiter.

 

Ein Widder kam ihr entgegen mit einer Schere an den Hörnern, der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Scher mich! Die Hälfte der Wolle wirf auf die Erde, die andre Hälfte bind mir an den Hals!« Das Mädchen schor den Widder, warf die halbe Wolle auf die Erde und hängte die andere Hälfte dem Widder an den Hals. Dann ging sie weiter.

 

Ein Apfelbaum stand am Wege, der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Schüttle mich! Es ist mir zu schwer, mich unter der Last der Äpfel zu beugen! Was auf die Erde fällt, das soll liegenbleiben; was dir auf den Kopf fällt, das nimm du dir!« Das Waisenmädchen schüttelte die Äpfel. Was ihr auf den Kopf fiel, nahm sie sich, was auf die Erde fiel, blieb liegen. Sie ging weiter.

 

Ein Ofen voll heißer Brote stand am Wege. Die Brote sprachen: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Nimm uns aus dem Ofen heraus, wir haben es hier zu warm!« Das Waisenmädchen nahm die Brote ohne Schaufel heraus und ging wieder weiter.

 

Eine Badstube stand am Wege. Darin lebte ein alter Mann. Der Alte sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Bad mich, es ist mir zu schwer, so schmutzig zu sein!« Das Waisenmädchen fragte: »Womit soll ich den Ofen heizen?« Der Alte antwortete: »Sammle Holzpflöcke und Krähenmist und heiz damit.« Das Waisenmädchen holte aus dem Walde Reisig und heizte den Ofen recht heiß. Dann fragte sie: »Wo soll ich das Badewasser hernehmen?« Der Alte antwortete: »Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Laß sie in den Zuber pissen!«

 

Das Waisenmädchen suchte aber einen Brunnen auf und holte daraus Wasser. Dann fragte sie: »Wo soll ich einen Badequast hernehmen?« Der Alte antwortete: »Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Schneid ihr den Schwanz ab und mach daraus einen Badequast!« Das Waisenmädchen ging aber in den Wald und machte einen Badequast aus Birkenreisern. Dann fragte sie den alten Mann: »Wo soll ich Seife hernehmen?«

 

Der Alte antwortete: »Nimm einen Badstubenstein und scheure mich damit!« Das Waisenmädchen holte aus dem Dorfe Seife und quästete und wusch dann den alten Mann. Nach dem Bade sagte der Alte: »Dank dir, gutes Kind, daß du mich gebadet hast! Jetzt bist du auch deines Lohnes wert. Hier, da hast du eine Schachtel, worin sich dein Lohn befindet. Zu Hause ruf deine Familie zusammen und mach dann die Schachtel auf!«

 

Der Alte führte das Waisenmädchen auf die Oberfläche der Erde zurück. Es kehrte heim und rief die Familie zusammen und öffnete die Schachtel. In der Schachtel befand sich eine Menge Gold und Edelsteine.

 

Die Haustochter war auf das Glück des Waisenmädchens neidisch und ging ebenfalls an den Rand des Brunnens spinnen. Sie warf absichtlich ihren Spinnrocken in den Brunnen hinein und sprang selber nach. Den Spinnrocken fand sie wieder, ging aber dennoch weiter.

 

Eine Kuh kam der Haustochter entgegen, einen Melkkübel an ihren Hörnern. Sie sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, melk mich! Die eine Hälfte der Milch gieß auf die Erde, die andre in den Melkkübel an meinen Hörnern!« Die Haustochter aber antwortete: »Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine holen!« Sie ging weiter.

 

Ein Widder kam ihr entgegen mit einer Schere an den Hörnern, der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, scher mich! Die Hälfte der Wolle leg auf die Erde, die andere Hälfte bind mir an den Hals!« Die Haustochter antwortete: »Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine  holen!« Sie ging weiter.

 

Ein Apfelbaum stand am Wege, der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, schüttle mich! Es ist mir schwer, mich unter der Last der Äpfel zu beugen! Was auf die Erde fällt, das soll liegenbleiben; was dir auf den Kopf fällt, das nimm du dir!« Die Haustochter antwortete: »Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine  holen!« Sie ging immer weiter.

 

Ein Ofen mit heißen Broten stand am Wege. Die Brote sprachen: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, nimm uns aus dem Ofen heraus, wir haben es hier zu warm!« Die Haustochter antwortete: »Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine  holen!« Sie ging wieder weiter.

 

Eine Badstube stand am Wege. Darin lebte ein alter Mann. Der sprach: »Schönes Mädchen, schönes Mädchen, bad mich, es ist mir zu schwer, so schmutzig zu sein!« Die Haustochter sagte: »Hier ist kein Reisig noch sonst etwas, womit soll ich denn den Ofen heizen?« Der Alte antwortete: »Sammle Holzpflöcke und Krähenmist und heiz damit!« Die Haustochter sammelte Holzpflöcke und Krähenmist und heizte damit den Ofen.

 

Dann fragte sie: »Wo soll ich das Badewasser hernehmen?« Der Alte antwortete: »Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Laß sie in den Zuber pissen!« Die Haustochter machte es so. Dann fragte sie: »Wo soll ich einen Badequast hernehmen?« Der Alte antwortete: »Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Schneid ihr den Schwanz ab und mach daraus einen Badequast!« Die Haustochter schnitt dem Pferde wirklich den Schwanz ab.

 

Dann fragte sie wieder: »Wo soll ich Seife hernehmen?« Der Alte antwortete: »Nimm einen Badstubenstein und scheure mich damit!« Die Haustochter quästete den alten Mann mit dem Stutenschwanz und scheuerte ihn mit dem Badstubenstein. Darauf sagte der Alte: »Danke dir, gutes Kind, daß du mich gebadet hast! Jetzt bist du auch deines Lohnes wert. Hier, da hast du eine Schachtel, worin sich dein Lohn befindet. Zu Hause ruf deine Familie zusammen und mach dann die Schachtel auf!«

 

Der Alte führte die Haustochter auf die Oberfläche der Erde zurück. Die Haustochter kehrte heim und rief ihre ganze Familie zusammen. Dann machte sie die Schachtel auf. Die Schachtel aber war voll feuriger Kohlen. Und die Kohlen füllten das ganze Haus an und töteten die Haustochter und ihre Familie.

 

Das Waisenmädchen blieb jedoch am Leben, denn man hatte sie überhaupt nicht zum Öffnen der Schachtel gerufen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

 

 

LOPPI UND LAPPI ...

Verunglückte Wünsche

 

Es lebte einmal ein armer Kleinbauer mit seiner Frau in einer einsamen Hütte abseits vom Dorfe. Der Mann hieß Loppi und das Weib Lappi, Es schien, als wären die beiden zum Unglück geboren, denn es wollte ihnen nichts gelingen. Gott hatte ihnen in den früheren Jahren ihrer Ehe auch Kinder geschenkt, es war aber keines am Leben geblieben, das den Eltern eine Stütze im Alter hätte sein können.

 

Wie zwei dürre Baumstümpfe saßen Mann und Frau alle Abend auf der Ofenbank, und da lief ihnen erst ohne Grund die Galle über, und es gab Zank. Wie bekannt, sucht der Mensch im Verdruß meist die eigene Schuld auf den nächsten zu wälzen, und oft auch da, wo menschliche Bosheit nicht im Spiele war, dennoch anderen Menschen die Ursache des Unglücks aufzubürden.

 

So konnte man nicht selten den Loppi im Ärger sagen hören: „Hätte ich nur das Glück gehabt, eine bessere Frau zu bekommen, was hätte mir da gefehlt, ich könnte heute ein reicher Mann sein.“ Aber Lappi hatte eine beflügelte Zunge, die gegen ein Wort des Mannes gleich Dutzende bereit hatte. Wenn also der Mann Worte wie die angeführten wieder vorbringen wollte, so kam er nicht über den Anfang hinaus, vielmehr belferte Lappi flugs dagegen.

 

„Da seh“ einer den Lumpenkerl! Wenn ich in meiner kindsfältigen Einfalt keinen besseren Mann zu wählen wußte, so ist das freilich meine Schuld, aber ich glaube auch sicherlich, daß nur Hexenkünste im Stande waren, mich zu betören, und der Teufel mag wissen, was du mir heimlich ins Essen oder Trinken getan hast, bis mein Sinn sich dir zu wandte. An Freiern hat es nicht gefehlt, und wärst du ein abgerissener Gesell mir nicht zum Unglück in den Wurf gekommen, so könnte ich als Dame am gedeckten Tische sitzen. Um dich nichtsnutzigen Menschen muß ich jetzt Hunger und Kummer leiden, bis der Tod mich erlöst. Daß alle unsere Kinder gestorben sind, da bist du auch schuld, da du weder für Weib noch für Kind, zu sorgen wußtest“, und so floß der einmal los gelassene Redestrom noch lange weiter und hörte oft nicht eher auf, als bis der Mann ihr mit der Faust das Maul stopfte,

 

So saß eines Abends das Ehepaar der Hütte wieder zankend auf der Ofenbank, als eine stattliche Frau in Kleidern von deutschem Schnitt eintrat und durch ihr Erscheinen des Weibes Zungenwerk plötzlich zum Stehen und des Mannes gehobenen Arm zum Sinken brachte.

 

Nachdem sie freundlich gegrüßt, sagte die Fremde: „Ihr seid arme Schlucker und habt bis heute viel Not zu leiden gehabt; aber nach dreien Tagen wird alle Not mit einem Mal aufhören; darum haltet Frieden im Hause und sagt selber, was für ein Los ihr euch als das beste wünschen wollt. Ich bin nicht, was ich euch scheine, ein menschliches, sondern ein höheres Wesen, das die Wünsche der Menschen vermöge göttlicher Kraft in Erfüllung gehen lassen kann. Drei Tage habt ihr Zeit, zu überlegen, und drei Wünsche dürft ihr aussprechen, hinsichtlich der Lage oder der guten Gabe, die ihr begehrt. Dann sprecht eure Wünsche nur aus, sie werden sich im selben Augenblick durch geheime Kraft verwirklichen. Aber seid gescheit, daß ihr euch nicht etwa unnütze Dinge herbeiwünscht.“ Nach diesen Worten grüßte die stattliche Frau abermals und war wie der Blitz zur Tür hinaus.

 

Loppi und Lappi, welche ihren Zank vergessen hatten, starrten jetzt sprachlos auf die Tür, zu der die Wundererscheinung herein gekommen, und durch die sie wieder verschwunden war; endlich sagte der Mann: „Legen wir uns zur Ruhe; wir haben drei Tage Zeit, zu überlegen, und wollen sie weislich anwenden, damit wir uns das allerbeste Glückslos wünschen mögen.“

 

Allein obgleich ihnen drei Tage Bedenkzeit vergönnt waren, so verbrachten sie doch schon über die Hälfte der selben Nacht unter der Last der Gedanken und überlegten, welcher Wunsch wohl der allerbeste wäre, Oh, was für ein köstlicher Friede jetzt drei Tage ununterbrochen in der Hütte wohnte! Loppi und Lappi waren andere Menschen geworden, sprachen freundlich miteinander an den Augen abzusehen, wie jegliches verlangte.

 

Den größte Teil des Tages saßen beide stumm im Winkel und überlegten, was sie wünschen sollten. Am dritten Tage, nach Tisch, ging Loppi ins Dorf, wo den Morgen ein Schwein geschlachtet war und der Wurstkessel gerade auf dem Feuer stehen mußte. Er nahm von zu Hause den Butternapf samt Deckel und wollte des Nachbarn Frau um etwas Wurstwasser bitten, abends seinen Kohl darin kochen. Loppi dachte, wenn der Magen mit guter Suppe gefüllt ist, so kommen dem Menschen gleich bessere Gedanken. Als er wieder heimkam, stellte er den Kohl aufs Feuer, damit die Speise zu rechter Zeit auf den Tisch käme.

 

Als nun die Abendstunde und mit ihr die Zeit heran gekommen war, die Wünsche kund zu tun, dampfte der Kessel mit Kohlsuppe auf dem Tische, und Mann und Frau setzten sich zum Essen – zugleich sollten sie nun auch ihre Wünsche sich vollziehen lassen. Sie hatten schon manchen Löffel von dem schmackhaften Süppchen hinunter gebracht, da sagte Lappi vergnügt: „Gott sei gedankt für das schöne Süppchen, davon kann der Mensch schon satt werden; aber noch viel besser würde die Suppe schmecken, wenn nur auch eine Wurst dabei wäre!“

 

Bums! fiel von der Zimmerdecke eine große Wurst mitten auf den Tisch. Mann und Frau waren ein Weilchen über das Geschenk so erschrocken, daß es ihnen nicht einfiel, sich der Wurst zu bemächtigen. Loppi merkte, daß mit der Wurst der erste Wunsch in Erfüllung gegangen war, und das brachte ihn so auf, daß er mit vollem Munde rief: „Daß dich der Böse hole und dir die Wurst an die Nase setze!

 

Wenn...“ Aber das arme Männlein konnte vor Schrecken nicht weiter sprechen, denn die Wurst hing der Lappi schon an der Nase; und zwar nicht mehr die wirkliche Wurst, sondern als ein mit der Nase aus einer und der selben Wurzel heraus gewachsenes Stück Fleisch. Was jetzt tun? Zwei Wünsche waren schon verpufft, und der zweite hatte obendrein die Nase der Frau so verunstaltet, daß sie sich nicht getrauen konnte, den Leuten unter die Augen zu treten.

 

Immerhin blieb noch ein Wunsch, und der war noch nicht ausgesprochen: mit diesem konnten sie klugerweise alles zum Guten wenden. Aber die arme Lappi hatte in diesem Augenblicke keinen sehnlicheren Wunsch als den, daß ihre Nase von der langen Wurst befreit würde, darum sprach sie diesen Wunsch aus, und die Wurst war verschwunden. Jetzt war es mit den drei Wünschen vorbei, und Loppi und Lappi mußten wieder wie früher armselig in ihrer Hütte leben.

 

Wohl warteten sie eine Zeit lang darauf, daß die schöne Frau wieder komme, allein die teure Fremde erschien nicht mehr. Wer ein unerwartetes Glück nicht gleich beim Schopf oder Zipfel zu fassen und fest zu halten weiß, der hat es verscherzt.

 

Märchen aus Estland

 

 

EGLÄ, KÖNIGIN DER NATTERN ...

Die Prinzessin und die Natter

 

Eines Abends ging Eglä (Tanne) mit ihren Schwestern in die See baden. Sie zogen sich alle aus und sprangen ins Wasser. Nachdem die Mädchen gebadet hatten, stiegen sie alle ans Ufer und wollten sich ankleiden.

 

Die jüngste, Eglä, entdeckte aber in ihren Kleidern eine Ringelnatter, die sie mit menschlicher Stimme ansprach: „Versprich mir, dass du meine Frau wirst, dann gebe ich dir dein Hemdchen." Eglä glaubte nicht, das sie eine Natter heiraten könnte und gab das Versprechen. Die Natter schlich aus ihrem Hemdchen weg.

 

Nach sieben Tagen hörte Eglä eine Kutsche, in die Nattern eingespannt waren, polternd und zischend auf den Hof ihrer Eltern raddern. Es versammelte sich voller Hof von Nattern. die die Braut verlangten. Da erschrak Eglä — und erzählte ihren Eltern, was sie am Meer erlebt hatte. Die Eltern wollten ihre Tochter nicht weg geben, sie versteckten Eglä in die dunkelste Kammer, nahmen eine weisse Gans, schmückten sie als eine Braut und setzten sie in den Brautwagen. Als die Nattern durch den Wald fuhren, hörten sie den Kuckuck schreien: „Ihr habt die falsche Braut! Ihr habt die falsche Braut!“

 

Die Nattern kehrten um, kamen mit viel Krach auf den Hof zu Egläs Eltern zurück, die richtige Braut zu holen. Diesmal gaben ihnen Eglä`s Eltern ein weiss gekleidetes Schaf mit, doch der Kuckuck verlautbarte wiederum die List den Brautwerbern. Die Nattern kamen ganz erbost zurück und drohten das Haus zu verbrennen, wenn sie auch diesmal betrogen würden. Was blieb den Eltern übrig, sie beweinten ihre jüngste Tochter und verabschiedeten sich von ihr.

 

Die Nattern brachten Eglä ans Meeresufer, wo auf sie ein schöner Jüngling wartete. Er erzählte Eglä, dass er die Natter sei, die im Ärmel ihres Hemdchens das Verprechen von ihr ausgelockt hatte. Es war der Natternkönig Žilvinas (Weidenbaum). Er nahm Eglä in seinen Palast auf dem Meeresgrunde, wo sie glücklich und in Freude lebten. Sie schenkte Žílvinas drei Söhne Äžuolas (Eiche), Beržas (Birke) und Uosis (Esche) und eine Tochter Drebulä (Espe).

 

Nach einigen Jahren bekam Eglä heftiges Heimweh und bat ihren Mann um Erlaubnis, ihre Eltern und Geschwister besuchen zu dürfen. Žilvinas sagte: „Gut, du kannst gehen, doch zu erst musst du diese Eisenschuhe abtragen,“ – und gab ihr ein paar eiserne Schuhe. Eglä wetzte die Schuhe an den Steinen, lief darin Tag für Tag um her, doch die Schuhe blieben wie neu.

 

Dann ging Eglä zu einer alten Hexe, die in der Nähe wohnte, und fragte diese nach dem Rat. Die Alte ließ Eglä zu einem Schmied gehen, der die Eisenschuhe im Feuer erhitzen sollte, dann konnte Eglä die Schuhe in drei Tagen abtragen. Und wieder bat Eglä Žilvinas, sie zu ihren Eltern gehen zu lassen. Žilvinas gab ihr aber eine Docke Seide und sagte: „Wenn du die Docke zu Ende spinnst, kannst du gehen.“

 

Eglä spann Tag und Nacht, doch die Docke wurde nicht kleiner. Sie ging wieder zu der Alten und bat um Hilfe. Die Hexe ließ die Docke ins Feuer werfen. Die Docke war verzaubert. Im Feuer sah Eglä eine Kröte, die den Seidenfaden immer hervor brachte. So konnte Eglä die Docke zu Ende spinnen.

 

Žilvinas wollte sie nicht so einfach zu den Menschen lassen und gab ihr noch eine Aufgabe. Sie sollte Hasenbrot für ihre Verwandten backen. Er versteckte alle Schüsseln und Töpfe, nur einen Sieb konnte Eglä finden. Wie sollte sie darin Teig kneten? Und wieder lief sie zu der Alten, die ihr zeigte, wie sie mit dem Teig die Löcher im Sieb verkleben und Wasser holen kann. Jetzt konnte Žilvinas sie nicht mehr zurückhalten.

 

Er brachte sie mit ihren Kindern ans Meeresufer und sagte: „Bleib nicht länger als neun Tage bei den Eltern, komm dann ans Meeresufer und rufe nach mir: „Geliebter Mann, mein Weidenbaum, bist du am Leben, komm als weißer Milchschaum, bist du tot, komm als roter Blutschaum.“

 

Eglä ging mit ihren Söhnen und der Tochter in ihr Elternhaus, wo sie von allen mit großer Freude empfangen wurde. Die Tage verstrichen schnell und die Brüder zerbrachen sich den Kopf, wie sie Eglä für immer bei sich behalten könnten. Sie führten den ältesten Sohn Eiche in den Wald, fragten ihn, wie der Vater zu rufen sei, peitschten ihn mit Ruten aus, hörten von ihm aber kein einziges Wort. Birke und Esche schwiegen auch, wenn sie auch ausgepeitscht wurden.

 

Nur die kleine Espe zitterte, als sie die Ruten erblickte und plauderte alles aus, wie der Vater heiße und wie man ihn rufen müsse. Da gingen die Brüder ans Meeresufer, riefen Žilvinas mit den Worten, die er Eglä gesagt hatte, und als Žilvinas als weißer Milchschaum angeschwommen kam, schlugen sie ihn mit ihren Sensen tot. Zu Hause erzählten sie aber keinem von ihrer bösen Tat.

 

Nach neun Tagen machte sich Eglä mit ihren Kindern auf den Weg nach Hause. Als sie am Meeresufer ihren Mann gerufen hatte, sah sie den blutig roten Schaum ans Ufer schwimmen und hörte die Stimme ihres Mannes aus der Meerestiefe erklingen: „Espe, unser Töchterlein verriet unser Geheimnis deinen Brüdern und sie schlugen mich tot. " Eglä weinte bittere Tränen, dann verwandelte sie ihre Kinder in Bäume und sich selbst in eine immer trauernde Tanne.

 

Märchen aus Litauen

 

DAS WEIZENBRÖTLEIN ...

Das Weizenbrot und der Fuchs

 

Es lebten einmal ein Greis und eine Greisin. Sie hatten zwei Kinder - Jonukas und Elenyte. Einmal buken sie den Kindern ein Weizenbrötlein. Sie schoben das Brötlein in den Ofen, doch es begann, langsam aus der Backofentür auf den Vorofen heraus zu rutschen. Als die Kinder das sahen, riefen sie laut: "Alte, liebe Alte, das Brötlein ist schon auf dem Vorofen!" - "Soll es noch backen, soll es noch backen", antwortete die Alte.

 

Da stieg das Brötlein schon vom Vorofen auf den Boden herunter. Die Kinder schreien wieder: "Alte, liebe Alte, das Brötlein ist schon unten auf dem Boden!" - "Soll es noch backen, soll es noch backen", antwortete die Alte.

 

Da stieg das Brötlein schon auf die Schwelle. Die Kinder begannen wieder laut zu rufen: "Alte, liebe Alte, das Brötlein ist schon auf der Schwelle!" - "Soll es sich abkühlen, soll es sich abkühlen", antwortete die Alte.

 

Da stieg das Brötlein schon auf die Treppenstufen. Die Kinder fingen wieder an zu schreien: "Alte, liebe Alte, das Brötlein ist schon auf der Treppe!" - "Oi, hinter her, hinter her!" antwortete das alte Weiblein, ergriff einen Besenstiel, der Alte nahm einen Ofenhaken, und sie jagten hinter dem Brötlein her. Sie laufen und laufen hinterher, doch sie können es nicht einholen. Und das Brötlein rennt aus Leibeskräften, es schaut sich nicht einmal um!

 

Wie es so rennt, trifft es die Heumahd. Die Heumahd sagt: "Weizenbrot, Weizenbrot, wohin läufst du? Ich will mir ein Stück von dir abschneiden!" - "O weh, schneide nichts von mir ab, ich will dir ein schönes Liedchen vorsingen!" - "Na, dann singe nur!" Und das Brötlein begann zu singen:

"Schon der Opa jagte mich - er fing mich nicht,

Schon die Oma jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon der Junge jagte mich - er fing mich nicht,

Schon das Mädchen jagte mich - sie fing mich nicht,

Der Ofenhaken jagte mich - er fing mich nicht,

Der Besenstiel, er jagte mich - er fing mich nicht,

Jetzt willst du mich jagen, Heumahd -

Du fängst mich nicht!"

 

Und das Brötlein lief Hals über Kopf los, und die Heumahd schaut, schaut und weiß nicht, wo es hin gelaufen ist. Da sieht sie - es kommen der Greis und die Greisin angelaufen, das Mädchen und der Junge. Sie fragt: "Wohin lauft ihr?" - "Den Brotlaib wollen wir fangen! Hast du ihn vielleicht gesehen?" - "Ja, ich hab' ihn gesehen, ich wollt' ihn fangen, doch er entwischte mir!" - "Dann auf und alle hinterher!" - "Schön", antwortete sie und jagte mit ihnen hinterher.

 

Doch das Brötlein lief. Und da traf es die Roggenmahd. Die Roggenmahd fragt: "Weizenbrot, Weizenbrot, wohin läufst du? Ich will mir ein Stück von dir abschneiden!" - "O weh, schneide nichts von mir ab! Ich will dir ein schönes Liedchen vorsingen!" - "Na, dann singe nur! Dann werde ich nichts abschneiden." Und es hub an zu singen:

"Schon der Opa jagte mich - er fing mich nicht,

Schon die Oma jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon der Junge jagte mich - er fing mich nicht,

Schon das Mädchen jagte mich - sie fing mich nicht,

Der Besenstiel, erjagte mich - er fing mich nicht,

Der Ofenhaken jagte mich - er fing mich nicht,

Auch die Heumahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Wenn du mich jagst. Roggenmahd - du fängst mich nicht!"

 

Und das Brötlein - hopp! - und lief los. Und die Roggenmahd hinterher! Aber wo denkst du hin! Das Brötlein ist klein - sogleich ist es entwischt und hat sich versteckt. Da kommen der Greis und die Greisin, das Mädchen und der Junge angelaufen. Und sie fragt: "Wohin lauft ihr?" - "Den Brotlaib wollen wir fangen! Hast du ihn vielleicht gesehen?" - "Gesehen habe ich ihn schon, aber er ist mir entwischt." - "Na, dann hinterher!" Und sie alle hinterdrein.

 

Doch das Brötlein traf den Wolf. Der Wolf fragt es: "Weizenbrot, Weizenbrot, wohin läufst du? Ich will mir ein Stück von dir abschneiden!" - "O weh, schneide nichts von mir ab! Ich will dir ein schönes Liedchen vorsingen!" - "Na, dann singe nur!" Und es hub an zu singen:

"Schon der Opa jagte mich - er fing mich nicht,

Schon die Oma jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon der Junge jagte mich - er fing mich nicht,

Schon das Mädchen jagte mich - sie fing mich nicht,

Der Ofenhaken jagte mich - er fing mich nicht,

Der Besenstiel, erjagte mich - er fing mich nicht,

Auch die Heumahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Die Roggenmahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Willst du mich jagen. Wölflein - du fängst mich nicht!"

 

Und es lief Hals über Kopf davon. Doch der Wolf hinterher! Aber was glaubst du wohl! Das Brötlein ist klein, doch der Wolf groß wie ein Teufelsaas, er kommt schlecht voran. Das Brötlein immer nur husch-husch!, doch der Wolf buch-buch-buch-buch und blieb zurück. Da sieht der Wolf: Es kommt der Alte angelaufen, die Alte, das Mädchen und der Junge. "Wohin lauft ihr?" fragt der Wolf. "Sieh, uns ist ein Weizenbrot entwischt, darum laufen wir hinterher, doch wir können und können es nicht fangen. Hast du es vielleicht gesehen?" - "Gesehen habe ich es schon, es ist bei mir vorbei gelaufen, doch ich konnte es nicht halten, es entwischte mir." - "Dann wirst du uns vielleicht fangen helfen?" - "Schön, ich will euch helfen", antwortete der Wolf. Und alle - auf und hinterher.

 

Doch das Weizenbrötlein war schon weit und begegnete nun dem Füchslein. Und das Füchslein fragt: "Weizenbrot, Weizenbrot, wohin läufst du? Sag's mir schnell, denn ich will mir ein Stück von dir abschneiden!" - "O weh, schneide nichts von mir ab! Ich will dir ein schönes Liedchen vorsingen!" - "Na, dann singe nur, doch du bleibst trotz allem nicht am Leben!" Und das Weizenbrötlein hub an zu singen:

"Schon der Opa jagte mich - er fing mich nicht,

Schon die Oma jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon das Mädchen jagte mich - sie fing mich nicht,

Schon der Junge jagte mich - er fing mich nicht,

Schon der Ofenhaken jagte mich - er fing mich nicht,

Schon der Besenstiel, erjagte mich - er fing mich nicht,

Auch die Heumahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Die Roggenmahd jagte mich - sie fing mich nicht,

Auch das Wölflein jagte mich - es fing mich nicht,

Willst du mich jagen. Füchslein - du fängst mich nicht!"

 

Und dann lief es los, Hals über Kopf, und das Füchslein hinterher. Das Brötlein - hops! - über den Graben, aber auch das Füchslein - hops! - über den Graben; das Brötlein - husch! - in den Wald, aber auch das Füchslein - husch! - in den Wald; das Brötlein - husch! - aus dem Wald, doch auch das Füchslein - husch! - aus dem Wald.

 

Schließlich - das Brötlein lief und lief - da stürzte es hin. Und das Füchslein fing an zu fressen. Als nun die beiden Alten das Brötlein nicht einholen konnten, kehrten sie unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Doch das Füchslein ist inzwischen in aller Ruhe mit seinem Weizenbrötlein beschäftigt.

 

Es beißt die Rinde in zwei Teile und frisst die weiche Brotkrume heraus. Danach machte es sein Geschäft in die eine Hälfte, deckte die andere darüber und beschloss, irgend jemanden zu betrügen. Für das schlaue Füchslein ist das Betrügen eine Kleinigkeit. Es erinnerte sich, dass am Waldrande zwei Hirtenjungen hüten. Es lief also zu ihnen hin und sagte: "Kommt, wir wollen tauschen! Ich gebe euch diesen Laib Weizenbrot, und ihr gebt mir dafür einen kleinen Schafbock!" - "Gut", antworteten die Hirtenjungen und tauschten ohne viel Umstände.

 

Das Füchslein brachte seinen kleinen Schafbock in den Sumpfwald, briet ihn sich und war froh, dass es die Hirtenjungen so schlau betrogen hatte. Aber auch die Hirtenjungen freuen sich, dass sie einen so schönen Laib Weizenbrot haben.

 

Sie breiten sich sogleich ein schönes Tüchlein hin und schneiden das Brötlein an. Als sie aber den Laib Brot angeschnitten haben - pfui!, da fließt es heraus und auf ihr schönes Tuch und beschmutzte es gründlich. So ist nun auch - pfui! - unser Märchen zu Ende.

 

aus Litauen

 

WARUM DER HASE EINE GESPALTENE LIPPE HAT ...

Hasentreffen unter der Kiefer

 

Einst versammelten sich alle Hasen unter einer großen Kiefer, um Rat zu halten, wie ihr Leben gebessert werden könne. Jeder klagte über seine Not.

 

»Seht, ihr lieben Hasen!« sagte der allergrößte unter ihnen. »Wir müssen uns alle fürchten, aber niemand fürchtet sich vor uns! Wir müssen die Katzen und Hunde fürchten und wissen nicht, wo wir unsere Nester bauen und wo wir mit unseren Frauen und Kindern leben sollen! Es ist auch nicht zu hoffen, daß unser Leben besser wird. Eher wird es noch schlechter. Jeder Knirps jagt hinter uns her. Wo jemand uns erblickt, da schreit er gleich: 'Ein Hase! Ein Hase!' Lieber gehen wir zum See und ertränken uns. Sterben müssen wir ja sowieso!«

 

Alle Hasen waren damit einverstanden. Sie liefen zum See und wollten sich ertränken. Am Ufer des Sees weidete aber eine große Schafherde. Als die Schafe die Hasen heran kommen hörten, da erschraken sie so sehr, daß sie Hals über Kopf davon rasten. Der Hirt mit dem Hunde hinterdrein.

 

Als die Hasen das sahen, blieben sie stehen und brachen in ein Gelächter aus. Sie sahen, daß es doch noch Tiere und Menschen gab, die sich vor ihnen fürchteten. Da lachten sie so sehr, daß ihre Lippen platzten. Und seit der Zeit bis heute sind die Lippen der Hasen gespalten geblieben. -

 

Die Lust, sich zu ertränken, war ihnen aber seit jenem Augenblick ganz vergangen.

 

Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen

DAS ZERSCHLAGENE HÜHNEREI ...

Die Greisin, Hühnchen, Mäuschen und zerschlagenes Ei

 

Es waren einmal ein Greis und eine Greisin. Sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein. Dieses Hühnchen legte ein goldenes Ei, die Greisin verwahrte es auf dem Wandbrett. Da kam eine Maus und warf das goldene Ei herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert!

 

Da kommt eine Krähe geflogen und fragt: "Alte, liebe Alte, was klagst du so?" - "Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest noch lauter klagen!" antwortete das alte Weiblein. "Ich hatte ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, ich tat es aufs Wandbrett, da lief eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Wie soll ich denn da nicht klagen?"

 

Da riss sich die Krähe vor Kummer ihre Schwanzfedern aus. Sie hatte im Walde im Wipfel einer Eiche ein Nest. Zu der Eiche fliegt sie nun. Die Eiche sieht, dass sie ohne Schwanz ist, und fragt: "Krähe, Krähe, warum bist du ohne Schwanz?" -

 

"Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin. Sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, ich habe mir den Schwanz ausgerissen."

 

Da brach sich die Eiche vor Kummer ihre Äste ab. Unter dieser Eiche hatte ein Hirsch sein Lager. Der kommt und sieht, dass die Eiche ohne Äste ist, und fragt: "Eiche, Eiche, warum bist du ohne Äste?" - "Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, ich habe mir die Äste abgebrochen.

 

Da - hast du nicht gesehen! - der Hirsch vor Kummer mit dem Geweih gegen die Eiche und brach sich das Geweih ab. Dann geht der Hirsch zum Fluss, um zu trinken. Der Fluss sieht, dass der Hirsch ohne Geweih ist, und fragt: "Hirsch, Hirsch, warum hast du dir das Geweih abgestoßen?" -

 

"Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, die Eiche hat sich die Äste abgebrochen, ich habe mir das Geweih abgestoßen."

 

Da wurde der Fluss vor Schrecken zu Blut. Da kommt ein Mädchen zum Fluss mit ihrem Henkelkrug, um Wasser zu holen (weißt du, die Hausfrau hatte Brot eingerührt, und es fehlte an Wasser), sie sieht: der Fluss ist zu Blut geworden. Und sie fragt den Fluss: "Fluss, Fluss, warum bist du zu Blut geworden?"

 

Der Fluss sagt zu ihr: "Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, die Eiche hat sich die Äste abgebrochen, der Hirsch hat sich das Geweih abgestoßen, und ich bin zu Blut geworden."

 

Da stieß das Mädchen den Henkelkrug so heftig auf einen Stein, dass nur noch Scherben übrig blieben. Das Mädchen kommt ohne Henkelkrug. Die Hausfrau sieht das und fragt: "Mädchen, Mädchen, wo hast du den Henkelkrug gelassen?" -

 

"Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, die Eiche hat sich die Äste abgebrochen, der Hirsch hat sich das Geweih abgestoßen, der Fluss ist zu Blut geworden, und ich habe meinen Henkelkrug zerschlagen!"

 

Die Hausfrau - schwupp, schwapp und warf den Teig aus dem Fenster. Da kommt der Hausherr von der Jagd. Er sieht: der Teig ist aus dem Fenster geworfen! Er geht ins Haus und fragt die Hausfrau: "Hausfrau, Hausfrau, warum hast du den Teig aus dem Fenster geworfen?" -

 

"Ach, wenn du wüsstest, was alles in der Welt geschieht, du würdest dir selbst noch Schlimmeres antun! Es waren einmal ein Greis und eine Greisin, sie hatten ein Hühnchen mit goldenen Füßlein, das legte ein goldenes Ei, sie tat es aufs Wandbrett, da kam eine Maus, warf es herunter, und es zerbrach. Das alte Weiblein klagt, das Hühnchen gackert, die Krähe hat sich den Schwanz ausgerissen, die Eiche hat sich die Äste abgebrochen, der Hirsch hat sich das Geweih abgestoßen, der Fluss ist zu Blut geworden, das Mädchen hat den Henkelkrug zerschlagen, ich habe den Teig hinausgeworfen."

 

"Na, dann werde ich mich wohl erschießen müssen!" sagt der Hausherr. Wie sprang da die Hausfrau auf von der Bank, fiel ihm um den Hals, küsste ihn heftig und bat: "Liebstes Herrlein, du mein allerliebster Mann! Erschieße dich nicht, lass mich nicht als arme Witwe zurück. Zum Teufel mit dem alten Weiblein und ihrem Hühnervieh! Sollen die Mäuse doch ihr und dem Huhn alle Eier zerschlagen! Nur du, mein liebster Mann, du, mein Täubchen, erschieße dich nicht! Und du, Mädchen, was stehst du da und hältst Maulaffen feil! Geh hin und bringe alle Scherben des Henkelkrugs und kratze draußen vor dem Fenster den ganzen Teig zusammen!"

 

Litauen

WIE EINE WAISE UNVERHOFFT IHR GLÜCK FAND ...

Auf Wanderschaft

 

Einmal lebte ein armer Tagelöhner, der sich mit seiner Frau kümmerlich von einem Tage zum anderen durchbrachte. Von drei Kindern war ihnen das jüngste, ein Sohn, geblieben, der neun Jahr alt war, als man erst den Vater und dann die Mutter begrub. Dem Knaben blieb nichts übrig, als vor den Türen guter Menschen sein Brot zu suchen.

 

Nach Jahresfrist geriet er auf den Hof eines wohlhabenden Bauerwirts, wo man gerade einen Hüterknaben brauchte. Der Wirt war nicht eben böse, aber das Weib hatte die Hosen an und regierte im Hause wie ein böser Drache. Wie es dem armen Waisenknaben da erging, läßt sich denken. Die Prügel, die er alle Tage bekam, wären dreimal mehr als genug gewesen, Brot aber wurde nie soviel gereicht, daß er satt geworden wäre. Da aber das Waisenkind nichts Besseres zu hoffen hatte, mußte es sein Elend ertragen.

 

Zum Unglück verlor sich eines Tages eine Kuh von der Herde; wohl lief der Knabe bis Sonnenuntergang den Wald entlang, von einer Stelle zur anderen, aber er fand die verlorene Kuh nicht wieder. Obwohl er wußte, was seinem Rücken zu Hause bevorstand, mußte er doch jetzt nach Sonnenuntergang die Herde zusammentreiben. Die Sonne war noch nicht lange unter dem Horizont, da hörte er schon der Wirtin Stimme: »Fauler Hund! wo bleibst du mit der Herde?« Da half kein Zaudern, nur rasch nach Hause unter den Stock.

 

Zwar dämmerte es schon, als die Herde zur Pforte hereinkam, aber das scharfe Auge der Wirtin hatte sogleich entdeckt, daß eine Kuh fehle. Ohne ein Wort zu sagen, riß sie den nächsten Staken aus dem Zaun und begann damit den Rücken des Knaben zu bearbeiten, als wollte sie ihn zu Brei stampfen. In der Wut hätte sie ihn auch zu Tode geprügelt oder ihn auf Zeit Lebens zum Krüppel gemacht, wenn der Wirt, der das Schreien und Schluchzen hörte, dem Armen nicht mitleidig zu Hülfe gekommen wäre. Da er die Gemütsart des tückischen Weibes genau kannte, so wollte er sich nicht geradezu dazwischen legen, sondern suchte zu vermitteln.

 

Er sagte halb in bittendem Tone: »Brich ihm lieber die Beine nicht entzwei, damit er doch die verlorene Kuh suchen kann. Davon werden wir mehr Nutzen haben, als wenn er umkommt.« »Wahr,« sagte die Wirtin, »das Aas kann auch die teure Kuh nicht ersetzen,« - zählte ihm noch ein Paar tüchtige Hiebe auf und schickte ihn dann fort, die Kuh zu suchen. »Wenn du ohne die Kuh zurück kommst,« - setzte sie drohend hinzu, - »so schlage ich dich tot.«

 

Weinend und stöhnend ging der Knabe zur Pforte hinaus und geradeswegs in den Wald, wo er Tages mit der Herde gewesen war, suchte die ganze Nacht, fand aber nirgends eine Spur von der Kuh. Als am anderen Morgen die Sonne sich aus dem Schoße der Morgenröte erhoben hatte, war des Knaben Entschluß gefaßt. »Werde aus mir, was da wolle, nach Hause gehe ich nicht wieder.« Mit diesen Worten nahm er Reißaus und lief in einem Atem vorwärts, so daß er das Haus bald weit hinter sich hatte. Wie lange und wie weit er so gelaufen war, wußte er selber nicht, als ihm aber zuletzt die Kraft ausging und er wie tot nieder fiel, stand die Sonne fast schon in Mittagshöhe.

 

Als er aus einem langen schweren Schlafe erwachte, kam es ihm vor, als ob er etwas Flüssiges im Munde gehabt habe, und er sah einen kleinen alten Mann mit langem grauen Barte vor sich stehen, der eben im Begriffe war, den Spund wieder auf den Lägel (Milchfäßchen) zu setzen. »Gieb mir noch zu trinken!« bat der Knabe. »Für heute hast du genug,« erwiederte der alte Vater, »wenn mein Weg mich nicht zufällig hier her geführt hätte, so wäre es sicher dein letzter Schlaf gewesen, denn als ich dich fand, warst du schon halb tot.«

 

Dann befragte der Alte den Knaben, wer er wäre und wohin er wollte. Der Knabe erzählte alles, was er erlebt hatte so lange er sich erinnern konnte, bis zu den Schlägen von gestern Abend. Schweigend und nachdenklich hatte der Alte die Erzählung angehört, und nachdem der Knabe schon eine Weile verstummt war, sagte jener ernsthaft: »Mein liebes Kind! dir ist es nicht besser noch schlimmer ergangen als so Manchen, deren liebe Pfleger und Tröster im Sarge unter der Erde ruhen. Zurückkehren kannst du nicht mehr.

 

Da du einmal fort gegangen bist, so mußt du dir ein neues Glück in der Welt suchen. Da ich weder Haus noch Hof, weder Weib noch Kind habe, so kann ich auch nicht weiter für dich sorgen, aber einen guten Rat will ich dir umsonst geben. Schlafe diese Nacht hier ruhig aus; wenn morgen die Sonne aufgeht, so merke dir genau die Stelle, wo sie emporstieg. In dieser Richtung mußt du wandern, so daß dir die Sonne jeden Morgen ins Gesicht und jeden Abend in den Nacken scheint. Deine Kraft wird von Tage zu Tage wachsen.

 

Nach sieben Jahren wird ein mächtiger Berg vor dir stehen, der so hoch ist, daß sein Gipfel bis an die Wolken reicht. Dort wird dein künftiges Glück blühen. Nimm meinen Brotsack und mein Fäßchen, du wirst darin täglich soviel Speise und Trank finden, als du bedarfst. Aber hüte dich davor, jemals ein Krümchen Brot oder ein Tröpfchen vom Trank unnütz zu vergeuden, sonst könnte deine Nahrungsquelle leicht versiegen. Einem hungrigen Vogel und einem durstigen Tiere darfst du reichlich geben: Gott sieht es gern, wenn ein Geschöpf dem anderen Gutes tut.

 

Auf dem Grunde des Brotsacks wirst du ein zusammen gerolltes Klettenblatt finden; das mußt du sehr sorgfältig in Acht nehmen. Wenn du auf deinem Wege an einen Fluß oder einen See kommst, so breite das Klettenblatt auf dem Wasser aus, es wird sich sofort in einen Nachen verwandeln und dich über die Flut tragen. Dann wickele das Blatt wieder zusammen und stecke es in deinen Brotsack.« Nach dieser Unterweisung gab er dem Knaben Sack und Fäßchen und rief: »Gott befohlen!« Im nächsten Augenblick war er den Augen des Knaben entschwunden.

 

Der Knabe hätte alles für einen Traum gehalten, wenn nicht Sack und Fäßchen in seiner Hand die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt hätten. Er ging jetzt daran, den Brotsack zu prüfen und fand darin: ein halbes Brot, ein Schächtelchen voll gesalzener Strömlinge, ein anderes mit Butter und dazu noch ein hübsches Stückchen Speckschwarte. Als der Knabe sich satt gegessen hatte, legte er sich schlafen, Sack und Fäßchen unter dem Kopfe, damit kein Dieb sie wegnehmen könne. Den anderen Morgen wachte er mit der Sonne auf, stärkte seinen Körper durch Speise und Trank und machte sich dann auf die Wanderung.

 

Wunderbarer Weise fühlte er gar keine Müdigkeit in seinen Beinen; erst der leere Magen mahnte ihn daran, daß die Mittagszeit gekommen war. Er sättigte sich mit der guten Kost, tat ein Schläfchen und wanderte weiter. Daß er den rechten Weg eingeschlagen hatte, sagte ihm die untergehende Sonne, die ihm gerade im Nacken stand. So war er viele Tage in derselben Richtung vorwärts gegangen, als er einen kleinen See vor sich erblickte. Hier konnte er die Kraft seines Klettenblattes prüfen.

 

Wie es der alte Mann vorausgesagt hatte, so geschah es: ein kleines Boot mit Rudern lag vor ihm auf dem Wasser. Er stieg ein, und einige tüchtige Ruderschläge führten ihn ans andere Ufer. Dort verwandelte sich das Boot wieder in ein Klettenblatt, und dieses ward in den Sack gesteckt.

 

So war der Knabe schon manches Jahr gewandert, ohne daß die Nahrung im Brotsack und im Fäßchen abgenommen hätte. Sieben Jahre konnten recht gut verstrichen sein, denn er war zu einem kräftigen Jüngling herangewachsen; da sah er eines Tages von weitem einen hohen Berg, der bis in die Wolken hinein zu ragen schien. Es verging aber noch eine Woche, ehe er den Berg erreichte. Dann setzte er sich am Fuße des Berges nieder, um auszuruhen und zu sehen, ob die Prophezeiungen des alten Mannes in Erfüllung gehen würden.

 

Er hatte noch nicht lange gesessen, als ein eigentümliches Zischen sein Ohr berührte: gleich darauf wurde eine große Schlange sichtbar, welche mindestens zwölf Klafter lang war und sich dicht bei dem jungen Manne vorbei wand. Schrecken lähmte seine Glieder, so daß er nicht fliehen konnte; aber im Nu war auch die Schlange vorüber. Dann blieb ein Weilchen alles still. Darauf schien es ihm, als käme aus der Ferne ein schwerer Körper in einzelnen Sätzen herangehüpft. Es war eine große Kröte, so groß wie ein zweijähriges Füllen. Auch dieses häßliche Geschöpf zog an dem Jüngling vorüber, ohne ihn gewahr zu werden. Sodann vernahm er in der Höhe ein starkes Rauschen, als wenn ein schweres Gewitter sich erhebe. Als er hinauf sah, flog hoch über seinem Haupte ein großer Adler in der selben Richtung, welche vorher die Schlange und die Kröte genommen hatten.

 

»Das sind wunderbare Dinge, die mir Glück bringen sollen!« dachte der Jüngling. Da sieht er plötzlich einen Mann auf einem schwarzen Pferde auf sich zu kommen. Das Pferd schien Flügel an den Füßen zu haben, denn es flog mit Windesschnelle. Als der Mann den Jüngling am Berge sitzen sah, hielt er sein Pferd an und fragte: »Wer ist hier vorüber gekommen?« Der Jüngling erwiederte: »Erstens eine große Schlange, wohl zwölf Klafter lang, dann eine große Kröte von der Größe eines zweijährigen Füllens und endlich ein großer Adler hoch über meinem Kopfe. Wie groß er war, konnte ich nicht abschätzen, aber sein Flügelschlag rauschte wie ein Gewitter daher.« -

 

»Du hast recht gesehen,« sagte der Fremde, »es sind meine schlimmsten Feinde, und ich jage ihnen jetzt eben nach. Dich könnte ich in meinem Dienste brauchen, wenn du nichts Besseres vor hast. Klettere über den Berg, so kommst du gerade in mein Haus. Ich werde dort mit dir zugleich anlangen, wenn nicht noch früher.« - Der junge Mann versprach zu kommen, worauf der Fremde wie der Wind davon ritt.

 

Es war nicht leicht, den Berg zu erklimmen. Unser Wanderer brauchte drei Tage, ehe er den Gipfel erreichte, und dann wieder drei Tage, ehe er auf der anderen Seite an den Fuß des Berges gelangte. Der Wirt stand schon vor seinem Hause und erzählte, daß er Schlange und Kröte glücklich erschlagen habe, des Adlers aber nicht habhaft geworden sei. Dann fragte er den jungen Mann, ob er Lust habe, als Knecht bei ihm einzutreten. »Gutes Essen bekommst du täglich, soviel du willst, und auch mit dem Lohne will ich nicht geizen, wenn du dein Amt getreulich verwaltest.«

 

Der Vertrag wurde abgeschlossen und der Wirt führte den neuen Knecht im Hause umher, und zeigte ihm, was er zu tun habe. Es war dort ein Keller im Felsen angebracht und durch dreifache Eisentüren verschlossen. »In diesem Keller sind meine bösen Hunde angekettet,« sagte der Wirt, »du mußt dafür sorgen, daß sie sich nicht unterhalb der Tür mit den Pfoten heraus graben. Denn wisse: wenn auch nur einer dieser Hunde frei würde, so wäre es nicht mehr möglich, die beiden anderen fest zu halten, sondern sie würden nacheinander dem Führer folgen und alles Lebendige auf Erden vertilgen. Wenn endlich der letzte Hund aus bräche, so wäre das Ende der Welt da, und die Sonne hätte zum letzten Male geschienen.«

 

Darauf führte er den Knecht an einen Berg, den Gott nicht geschaffen hatte, sondern der von Menschenhänden aus mächtigen Felsblöcken aufgetürmt war. »Diese Steine« - sagte der Wirt - »sind deßwegen zusammen getragen, damit immer wieder ein neuer Stein hin gewälzt werden kann, so oft die Hunde ein Loch ausgraben. Die Ochsen, welche den Stein führen sollen, will ich dir im Stalle zeigen, und dir auch alles Übrige mitteilen, was du dabei zu beobachten hast.«

 

Im Stalle fanden sie an hundert schwarze Ochsen, deren jeder sieben Hörner hatte; sie waren reichlich zwei Mal so groß wie die größesten Ukrainer Ochsen. »Sechs Paar Ochsen vor die Steinfuhre gespannt, führen einen Stein mit Leichtigkeit weg. Ich werde dir eine Brechstange geben, wenn du den Stein damit berührst, rollt er von selbst auf den Wagen. Du siehst, deine Arbeit ist so mühsam nicht, desto größer muß deine Wachsamkeit sein. Drei Mal bei Tage und ein Mal bei Nacht mußt du nach der Tür sehen, damit kein Unglück geschieht, der Schaden könnte sonst größer sein, als du vor mir verantworten könntest.«

 

Bald hatte unser Freund alles begriffen und sein neues Amt war ganz nach seinem Sinne: alle Tage das beste Essen und Trinken, wie es ein Mensch nur begehren konnte. Nach zwei bis drei Monaten hatten die Hunde ein Loch unter der Tür gekratzt, groß genug, um die Schnauze durchzustecken, aber sogleich wurde ein Stein davor gestemmt, und die Hunde mußten ihre Arbeit von neuem beginnen.

 

So waren viele Jahre verstrichen und unser Knecht hatte sich ein hübsches Stück Geld gesammelt. Da erwachte in ihm das Verlangen, ein Mal wieder unter andere Menschen zu kommen; er hatte so lange in kein anderes Menschenantlitz gesehen, als in das seines Herrn. War der Herr auch gut, so wurde dem Knecht doch die Zeit entsetzlich lang, zumal wenn den Herrn die Lust anwandelte, einen langen Schlaf zu halten. Dann schlief er immer sieben Wochen lang ohne Unterbrechung und ohne sich sehen zu lassen.

 

Wieder war einmal eine solche Schlaflaune über den Wirt gekommen, als eines Tages ein großer Adler sich auf dem Berge nieder ließ und so zu sprechen an hub: »Bist du nicht ein großer Thor, daß du dein schönes Leben für gute Kost hin opferst? Dein zusammen gespartes Geld nützt dir nichts, denn es sind ja keine Menschen hier, die es brauchen. Nimm des Wirtes windschnelles Roß aus dem Stalle, binde ihm deinen Geldsack um den Hals, setze dich auf und reite in der Richtung fort, wo die Sonne untergeht, so kommst du nach wenig Wochen wieder unter Menschen. Du mußt aber das Pferd an einer eisernen Kette fest binden, damit es nicht davon laufen kann, sonst kehrt es zu seiner gewohnten Stätte zurück und der Wirt kann kommen, um dich anzufechten. Wenn er aber das Pferd nicht hat, so kann er nicht von der Stelle.«

 

»Wer soll denn hier die Hunde bewachen, wenn ich weg gehe, während der Wirt schläft?« fragte der Knecht. »Ein Thor bist du, und ein Thor bleibst du!« erwiederte der Adler. »Hast du denn noch nicht begriffen, daß der liebe Gott ihn dazu geschaffen hat, daß er die Höllenhunde bewache? Es ist reine Faulheit, daß er sieben Wochen schläft. Wenn er keinen fremden Knecht mehr hat, so wird er sich aufraffen und seines Amtes selber warten.«

 

Der Rat gefiel dem Knechte sehr. Er tat, wie der Adler gesagt hatte, nahm das Pferd, band ihm den Geldsack um, setzte sich auf und ritt davon. Noch war er nicht gar weit vom Berge, als er schon hinter sich den Wirt rufen hörte: »Halt an! Halt an! Geh' in Gottes Namen mit deinem Gelde, aber laß mir mein Pferd.« Der Knecht hörte nicht darauf, sondern ritt immer weiter, bis er nach einigen Wochen wieder zu sterblichen Menschen kam.

 

Dort baute er sich ein hübsches Haus, freite ein junges Weib, und lebte glücklich als reicher Mann. Wenn er nicht gestorben ist, so muß er noch heute leben; aber das windschnelle Roß ist schon längst verschieden.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

 

DER PILZKÖNIG ...

Der Königssohn und der Pilzkönig

 

Vor langer, langer Zeit gingen einmal Pilzsammler in den Wald, um Pilze zu sammeln. Sie fanden einen großen Pilz, und unter diesem kam ein kleines Männlein hervor. Es war so groß wie ein Finger mit einem sehr langen Bart. Das Männlein nahm sogleich Reißaus, die Pilzsammler hinterdrein. Als sie das Männlein eingefangen hatten, fragten sie, wer es sei. Das Männlein sagte: »Ich regiere über die Pilze, die in diesem Walde wachsen!« Nun berieten die Pilzsammler, was mit dem Männlein zu tun wäre. Zuletzt entschlossen sie sich, das kleine Männlein dem König als Geschenk zu überbringen, und so brachten sie es dem König. Der König zahlte den Pilzsammlern ehrlich ihren Finderlohn, das kleine Männlein aber ließ er in den Keller sperren.

 

Nun hatte der König große Lust, ein Fest zu veranstalten, um seinen Gästen das unter dem Pilz gefundene Männlein zu zeigen. Bis dahin sollte das Männlein im Keller bleiben. In dieser Zeit spielte der kleine Sohn des Königs mit seinem Goldei auf dem Hof. Mitten im Spiel fiel das Goldei dem Königssohn aus der Hand und rollte durchs Fenster in den Keller. Gerade in jenen, wo der König das kleine Männlein gefangen hielt. Das kleine Männlein hob das Goldei auf und zeigte es durchs Fenster dem Jungen. Der Junge rief: »Gib mir bitte mein Goldei wieder!« Das Männlein erwiderte: »Du bekommst es, wenn du selbst zu mir in den Keller kommst!« Der Junge fragte: »Wie kann ich zu dir kommen? Die Tür ist doch verschlossen!« Das Männlein sprach zu ihm: »Geh in das Schloß und hol den Schlüssel!«

 

Der Junge ging und holte den Schlüssel. Dann öffnete er die Kellertür und trat ein. Das Männlein reichte dem Jungen das Goldei, selbst aber sprang es — schwupp! — zwischen den Beinen des Jungen zur Tür hinaus. Der Junge bemerkte nicht einmal, wie das Männlein davon lief. Als der Junge die Tür wieder zuschließen wollte, schaute er aber erst nach, ob das Männlein noch da war, konnte es jedoch nirgends entdecken. Da wurde dem Jungen angst und bange. Er schloß die Tür zu und brachte den Schlüssel zurück. Daß er im Keller war und daß das Männlein davon gelaufen war, sagte er niemandem.

 

Der Festtag rückte heran, an dem der König seinen Gästen das kleine Männlein zeigen wollte. Viele Gäste kamen herbei, das Wunder zu sehen. Der König schickte einen Diener in den Keller, um das Männlein zu holen. Der Diener kam zurück und flüsterte dem König ins Ohr, daß das Männlein verschwunden sei. Der König wollte es nicht glauben. Er ging selbst nachschauen, aber das Männlein war und blieb verschwunden. Da half alles nichts, der König schämte sich zwar, die geladenen Gäste und das Volk an der Nase herum geführt zu haben, er mußte ihnen schließlich doch verkünden, daß das Männlein verschwunden sei. Er fügte noch hinzu, das Männlein wird wahrscheinlich durch ein Mauseloch entkommen und geflohen sein. Die Gäste schenkten dieser Meinung Glauben, bedauerten aber sehr, das kleine Männlein nicht gesehen zu haben.

 

Die Jahre verstrichen. Der Königssohn wuchs zum Manne heran. Da kam man eines Tages während der Mahlzeit auf das kleine Männlein zu sprechen. Nun erzählte der Königssohn seinem Vater zum ersten Mal, wie sein Goldei in den Keller gerollt war, wie er es holen ging und das Männlein dadurch entkommen sei. Da wurde der König sehr böse, sogar so sehr, daß er seinem Sohn befahl ihn für immer zu verlassen. Die Mutter legte zwar für ihn ein gutes Wort ein, aber der König ließ sich nicht erweichen. Er beschloß jedoch, dem Sohn einen General als Weggefährten mit zu schicken. In Gesellschaft des Generals sollte der Königssohn sehen, wie er in der Welt zurecht käme.

 

So zogen der Königssohn und der General in die weite Welt. Alsbald gelangten sie in einen Wald. Es war sehr heiß und der Königssohn verspürte Durst. Wo sollten sie Wasser finden? Da sahen sie einen Brunnen. Der Brunnen war jedoch zu tief, um Wasser zu schöpfen. Der General sagte nun zum Königssohn: »Ich lasse dich an einem Strick hinunter. Du kannst trinken, soviel du willst. Nachher werde ich dich wieder hochziehen!« Der Königssohn war damit einverstanden. Auf dem Grund des Brunnens löschte er ausgiebig seinen Durst.

 

Der General aber sagte oben: »Ich zieh dich nur dann hoch, wenn du versprichst, daß du von jetzt ab der General bist, ich aber der Königssohn.« Was blieb dem Königssohn in seiner Not übrig? Erfüllte er nicht den Wunsch des Generals, zog ihn jener nicht wieder hoch. So war es wohl doch besser, das zu versprechen, was der listige General verlangte. Nun zog der General den Königssohn aus dem Brunnen.

Beide wanderten weiter in das Reich eines anderen Königs, bei dem sie sich um Arbeit bewarben. Der General sagte, er sei der Königssohn, und der Königssohn sagte, er sei dessen General. Der König nahm nun den falschen Königssohn zu sich ins Schloß, den richtigen Königssohn aber ließ er seinen Pferdestallmeister werden. Die Pferde wurden jeden Tag in den Wald getrieben, wo sie sich ihr Futter suchten und dabei von Wächtern bewacht wurden. Der arme Königssohn mußte sich um die Wächter kümmern. Im Wald setzte sich der Königssohn auf einen Stein. Da saß er nun und grübelte über seine traurige Lage.

 

Plötzlich sah er vor sich das kleine Männlein stehen, das er in seiner Kindheit aus dem Keller befreit hatte. Das kleine Männlein fragte ihn: »Warum bist du so betrübt? « Der Königssohn entgegnete: »Warum sollte ich nicht betrübt sein? Mein Vater hat mich fort gejagt, weil ich dir damals zu entfliehen half. Nun hat mir mein General auch noch meinen Namen geraubt — er gibt sich selbst als Königssohn aus, ich aber muß hier die Pferde hüten! «Das kleine Männlein tröstete den Königssohn: »Sei nicht traurig deshalb, du wirst es einmal noch besser haben! Komm heute zu meiner ältesten Tochter zu Besuch!« Der Königssohn fragte: »Aber wer bist du denn?« Das kleine Männchen sagte: »Die Menschen rufen mich den Pilzkönig, denn ich regiere über die Pilze!« Und der Pilzkönig führte den Königssohn zu seiner ältesten Tochter, die in einem kupfernen Schloß lebte. Alle Gegenstände in diesem Schloß waren aus Kupfer. Voll Verwunderung schaute sich der Königssohn alles an. Die älteste Tochter des Pilzkönigs empfing den Königssohn sehr liebenswürdig. Die Zeit verging bei ihr wie im Fluge.

 

Schließlich sagte der Pilzkönig: »Es ist Zeit, daß wir wieder aufbrechen! Einem Gast aber gebührt ein Geschenk. Bringt ihm das kupferne Pferd!« Sofort wurde dem Königssohn das kupferne Pferd gebracht. Vier Männer mußten es am Zügel halten. Der Pilzkönig sagte zum Königssohn: »Dieses Pferd schenke ich dir!« Ein wenig verängstigt entgegnete der Königssohn: »Wie werde ich das Pferd zügeln können, wenn schon vier Männer es kaum schaffen? « Der Pilzkönig sagte: »Siehst du dort die vier Flaschen mit Zauberwasser? Trink sie aus!« Der Königssohn tat, wie befohlen. Auf einmal fühlte er seine Kräfte mächtig wachsen. Nun war er dem Pferd überlegen.

 

Der Pilzkönig gab dem Königssohn eine Kupferpfeife und sagte: »Hüte diese Pfeife wie deinen Augapfel! Verlierst du sie, verlierst du auch das Pferd! Nun zieh dir noch diese kupfernen Kleider an, die auf dem Sattel liegen!« Der Königssohn zog sich die kupfernen Kleider an und sprang in den Sattel. Dann verabschiedete er sich und sprengte zurück zu seiner Pferdeherde. Am anderen Tag saß der Königssohn wieder im Wald bei seinen Pferden. Auf einmal sah er, daß der Pilzkönig wieder vor ihm stand und ihn wie am vorigen Tag bittet: »Komm und besuche heute meine mittlere Tochter!« Der Königssohn schwang sich in den Sattel des kupfernen Pferdes und ritt zur mittleren Tochter des Pilzkönigs. Jene lebte in einem silbernen Schloß, und alle Gegenstände darin waren aus Silber. Sehr fröhlich verbrachte der Königssohn dort die Zeit, bis der Pilzkönig schließlich sagte: »Es ist Zeit, aufzubrechen! Doch erst bringt das silberne Pferd her!«

 

Das silberne Pferd wurde herbei geführt. Acht Männer mußten es am Zügel halten. Da sagte der Pilzkönig: »Nimm die acht Flaschen Zauberwasser dort, und trink sie aus! Dann wirst du das Pferd zügeln können. Ich schenke es dir!« Der Königssohn tat, wie befohlen, und fühlte sofort die Kräfte wachsen. Nun war es ein leichtes für ihn, das Pferd zu zügeln. Auf dem Sattel des Pferdes lagen diesmal silberne Kleider, und der Königssohn zog sie sich an. Da stand er nun, ganz aus Silber. Der Pilzkönig nahm eine Silberpfeife aus der Tasche, reichte sie dem Königssohn und sprach: »Hüte diese Pfeife wie deinen Augapfel, sonst verlierst du dein Pferd!« Der Königssohn bedankte sich, verabschiedete sich und ritt zurück zu seinen Pferden.

 

Am nächsten Tag saß er wieder im Walde auf seinem Stein. Und wieder kam der Pilzkönig und bat ihn nun, seine jüngste Tochter zu besuchen. Der Königssohn machte sich auf den Weg. Die jüngste Tochter des Pilzkönigs lebte in einem goldenen Schloß, und alles darin war ebenfalls aus Gold. Auch hier verbrachte der Königssohn sehr fröhlich seine Zeit, bis der Pilzkönig ihn schließlich daran erinnerte, daß es Zeit wäre, zu den Pferden zurückzukehren. Zugleich gab er den Befehl, ihm das goldene Pferd zu bringen. Sogleich brachten zwölf Männer das goldene Pferd, das sie kaum fest zu halten vermochten. Der Pilzkönig sagte zum Königssohn: »Dieses Pferd schenke ich dir. Siehst du dort die zwölf Flaschen mit Zauberwasser? Trink sie aus, dann wirst du auch mit diesem Pferd zurechtkommen!« Der Königssohn tat, wie geheißen, und fühlte, wie er sehr stark wurde. Mit fester Hand hielt er das Pferd am Zügel, auf seinem Sattel lagen goldene Kleider. Diese zog der Königssohn sich an. Nun glänzte er über und über golden. Der Pilzkönig schenkte dem Königssohn noch eine Goldpfeife und sagte darauf zur jüngsten Tochter: »Schenke auch du dem Fremden etwas zur Erinnerung!« Die jüngste Tochter des Pilzkönigs schenkte dem Königssohn ein Goldei. Der Königssohn bedankte sich, schwang sich in den Sattel des goldenen Pferdes und ritt zurück zu seinen Pferden.

 

Am nächsten Tag begab sich der Königssohn in die Stadt. Dort sah er, wie die Königstochter das Schloß verließ und laut weinte. Der Königssohn fragte: »Warum weinst du? Was fehlt dir?« Die Königstochter entgegnete: »Warum sollte ich nicht weinen! Morgen kommt das große Ungeheuer aus dem Meer und fordert mich zur Braut. Bekommt es mich nicht, vernichtet es das ganze Reich!« Der Königssohn tröstete die Königstochter, so gut wie er konnte. Am nächsten Tag wurden am Meer Soldaten aufgestellt. Die Königstochter fuhr ans Meer, um auf das Ungeheuer zu warten. Der Königssohn begab sich inzwischen in den Wald. Dort pfiff er auf seiner Kupferpfeife, und sofort erschien das kupferne Pferd mit den kupfernen Kleidern. Der Königssohn zog sich die Kleider an und stieg aufs Pferd. Dann sprengte er ans Meer. Das fürchterliche Ungeheuer war schon aus dem Wasser gekommen und fragte die Versammelten: »Wer hat soviel Mut, sich mit mir zu messen?« Niemand hatte soviel Mut. Allein der Königssohn ritt auf seinem kupfernen Pferd dem Ungeheuer mutig entgegen. Das Ungeheuer fragte sogleich: »Für wen kämpfst du?« Der Königssohn entgegnete: »Für mich selbst und für die Königstochter!« Das Ungeheuer wiederum fragte: »Kämpfen wir zu Roß oder Mann gegen Mann?« Der Königssohn erwiderte: »Wir kämpfen zu Roß, du hast ja ebenso vier Beine wie mein Pferd!«

 

Das Ungeheuer begann, voraus zu laufen. Dabei dachte es, ich werde mich blitzschnell umdrehen und den Königssohn samt Roß verschlingen. So einfach ging es aber doch nicht. Der Königssohn ritt dem Ungeheuer nach. Mit einem gewaltigen Hieb schlug er dem Ungeheuer den Kopf ab, den Rumpf aber warf er ins Meer. Nun, da er das Ungeheuer getötet hatte, ritt er mit seinem kupfernen Pferd eiligst zurück in den Wald und tat, als wäre nichts geschehen. Am nächsten Tag begab er sich wiederum in die königliche Stadt. Und wieder sah er, wie die Prinzessin weinend das Schloß verließ. Der Königssohn fragte: »Warum weinst du?« Die Königstochter erwiderte: »Morgen kommt aus dem Meer ein Ungeheuer mit sechs Köpfen, um sich meine ältere Schwester zu holen! Oh, käme doch der selbe Mann, der mich errettete! Oh, käme er doch und rettete auch meine Schwester!« Der Königssohn eilte zurück in den Wald.

 

Am nächsten Morgen nahm er die Silberpfeife und pfiff. Augenblicklich erschien das silberne Pferd mit den silbernen Kleidern auf dem Sattel. Der Königssohn legte sich die Kleider an, schwang sich in den Sattel und ritt wie der Wind ans Meer. Die Königstochter stand schon am Ufer und wartete auf das Ungeheuer. Da begann das Meer zu tosen, und das schreckliche Ungeheuer mit den sechs Köpfen kam aus dem Meer. Es schaute sich um, mit wem es seine Kräfte messen könnte. Die Soldaten suchten voller Angst das Weite. Der Königssohn aber ritt auf seinem silbernen Pferd dem Ungeheuer mutig entgegen. Das Ungeheuer rief nun: »Komm nur, komm, Söhnchen, bist mir ein leckerer Bissen! Ich dachte nur einen zu bekommen, da sind es gleich zwei auf einmal!«

 

Der Königssohn ritt auf seinem silbernen Pferd wie der Sturmwind dem Ungeheuer entgegen. Das Ungeheuer riß den Rachen auf und wollte den Königssohn samt Roß verschlingen. Doch das Schwert des Königssohnes war flinker. Alle sechs Köpfe des Ungeheuers rollten auf den Meeresgrund. Dann ritt der Königssohn gemütlich auf seinem silbernen Pferd zurück in den Wald, als wäre nichts geschehen. Im Wald ließ er das Pferd laufen, er selbst aber legte sich zur Ruhe. Am nächsten Tag kam der Königssohn wieder zur Stadt, sah die Königstochter weinen und fragte: »Warum weinst du?« Die Königstochter erwiderte: »Morgen kommt aus dem Meer ein Ungeheuer mit zwölf Köpfen, um sich meine älteste Schwester zu holen! Oh, käme doch der Mann, der meine ältere Schwester errettete! Oh, rettete er doch auch meine älteste Schwester!« Der Königssohn sagte, sie sollte nicht mehr weinen, und kehrte zurück in den Wald.

 

Am nächsten Morgen pfiff er auf der goldenen Pfeife. Alsbald erschien das goldene Pferd mit den goldenen Kleidern im Sattel. Der Königssohn legte die Kleider an, schwang sich in den Sattel und eilte ans Meer. Die älteste Tochter des Königs stand schon am Ufer und wartete auf das Ungeheuer mit den zwölf Köpfen. Sogar der König war mit vielen Soldaten erschienen, um zu sehen, was mit seiner Tochter geschieht. Da begann das Meer fürchterlich zu tosen, es brodelte und kochte. Das schreckliche Ungeheuer steckte seine zwölf Köpfe aus dem Wasser und kroch ans Ufer. Die Soldaten nahmen voller Angst sofort Reißaus. Auch der König verlor den Mut, zuzusehen. Der Königssohn aber ritt auf seinem goldenen Pferd dem Ungeheuer mutig entgegen. Das Meeresungeheuer spottete: »Komm nur, komm, Söhnchen! Bist mir ein leckerer Bissen! Ich dachte nur einen zu bekommen, da sind es gar zwei!« Und es riß die Rachen auf, um den Königssohn zu verschlingen. Der Königssohn schwang das Schwert nur einmal, und sechs Köpfe des Ungeheuers rollten auf den Meeresgrund. Doch nun griff das Ungeheuer um so wilder den Königssohn an. Es ließ den Reiter nicht näher kommen und versuchte ihn samt Pferd mit dem Schwanz niederzuschlagen.

 

Der Königssohn hatte es schwer, sich vor den Schlägen des Schwanzes zu schützen. Aus Rachen und Nüstern des Ungeheuers strömten dem Königssohn Feuerschwaden entgegen. Der Königssohn wußte nicht, wie er sich nähern sollte, um von seinem Schwert Gebrauch zu machen. Er mußte sehr vorsichtig sein, damit das Ungeheuer seiner nicht Herr wurde. Plötzlich bemerkte der Königssohn neben einem großen Stein den Pilzkönig. Der Pilzkönig rief ihm zu: »Nimm das Goldei zu Hilfe!« Sofort holte der Königssohn das Goldei hervor und öffnete es. Im Handumdrehen umgaben ihn unzählige mutige Soldaten. Diese kämpften von allen Seiten mit dem Ungeheuer. Sie fürchteten sich kein bißchen vor ihm! Das Ungeheuer wandte sich nun den Soldaten zu. Da griff der Königssohn erneut das Ungeheuer an und schlug ihm mit seinem Schwert die übrigen sechs Köpfe ab. Das Ungeheuer war auf der Stelle tot.

Der Königssohn nahm wieder das Goldei, öffnete es, und augenblicklich verschwand die gesamte Kriegerschar darin. Der Königssohn ließ das tote Ungeheuer liegen und ritt geschwind zurück in den Wald, so, als ob nichts geschehen wäre. Im Wald legte er sich vor lauter Müdigkeit schlafen. Er schlief drei Tage hintereinander. Am dritten Tag weckte jemand den Königssohn. Er öffnete die Augen und sah, daß der Pilzkönig neben ihm stand. Der Pilzkönig sagte: »Wach auf! Du mußt in die Königsstadt gehen! Dort erzählt dein falscher Gefährte, der sich als Königssohn ausgibt, er sei derjenige, der die drei Ungeheuer getötet habe. Als Lohn fordert er vom König die Hand der jüngsten Tochter.«

 

Der Königssohn war sofort hellwach, ergriff die kupferne Pfeife und pfiff. Augenblicklich erschien das kupferne Pferd. Der Königssohn legte die kupfernen Kleider an und ritt eiligst zur Königsstadt. Der falsche Königssohn, sein General, war gerade beim König und erzählte ihm von seinen großen Taten und den Kämpfen mit den Ungeheuern. Da ritt auf den Hof des Königs der Königssohn im Sattel seines kupfernen Pferdes. Die jüngste Tochter des Königs sah es und rief: »Seht, dort ist mein wirklicher Retter!« Der Königssohn aber trat nicht ein, sondern machte kehrt und ritt eilig zurück in den Wald. Dort pfiff er auf der silbernen Pfeife, schwang sich in den Sattel des silbernen Pferdes und ritt mit ihm auf den Hof des Königs. Die mittlere Tochter des Königs sah es und rief: »Seht, dort ist mein wirklicher Retter!« Der Königssohn machte wiederum kehrt und eilte zurück in den Wald. Nun pfiff er auf der goldenen Pfeife. Augenblicklich war das goldene Pferd zur Stelle. Und wieder ritt der Königssohn auf den Hof des Königs. Die älteste Tochter des Königs sah es und rief: »Seht, dort ist mein wirklicher Retter!«

 

Der Königssohn wollte auch jetzt in den Wald zurückkehren, aber da trat der König vors Schloß und bat ihn einzutreten, um den ihm gebührenden Lohn zu empfangen. Der König sagte: »Hier ist ein fremder Königssohn, welcher behauptet, meine Töchter gerettet zu haben. Meine Töchter beteuern aber, du hättest sie gerettet!« Der Königssohn entgegnete: »Dieser, der sich Königssohn nennt, ist keiner, er ist nur mein General!« Der König antwortete verwundert: »Dann bist du also der wirkliche Königssohn? Tritt ein, du sollst reichlich belohnt werden! Und du sollst eine meiner Töchter zur Gemahlin haben, welche dir besten gefällt!«

 

Der Königssohn bedankte sich beim König und sagte: »Ich begehre wirklich nichts!« Und er ritt geschwind zurück in den Wald, ohne von dem König etwas anzunehmen. Der König ging zurück ins Schloß. Den General aber, der sich als Königssohn und als Retter seiner Töchter ausgegeben hatte, jagte er davon. Der Königssohn ritt nun zurück in den Wald, blieb aber nicht dort. Er ritt mit seinem goldenen Pferd immer weiter, bis er zur jüngsten Tochter des Pilzkönigs gelangte, die ihm das Goldei geschenkt hatte. Um ihre Hand hielt er beim Pilzkönig an, und beide lebten glücklich in ihrem goldenen Schloß.

 

Den Pilzkönig aber hat man nie wiedergesehen.

 

Quelle: Estland

 

EIN WEIB IST SCHLIMMER ALS DER TEUFEL ...

Das alte Weib und der Teufel

 

Auf einem Hofe lebte ein junger Wirt, der hatte eine schöne junge Frau geheiratet. Und sie paßten auch sonst so gut zu einander, daß niemals und zu keiner Stunde je ein böses Wort zwischen ihnen gesagt worden ist, sondern sie sprachen immer liebevoll zu einander, und sie küßten sich immer zu und zu jeder Zeit.

 

Da geschah es einmal, daß der Teufel, der überall herum streift, auch das junge Paar besuchte. Er wunderte sich nicht wenig über die unsagbar große Eintracht zwischen ihnen und trachtete, sie zu stören, doch das gelang ihm nicht, wie sehr er es auch auf allerlei Weise versuchte.

 

Als er nun lange Zeit alles vergebens probiert hatte, da wurde er furchtbar wütend und machte sich spuckend davon und ging seiner Wege. Als er so dahin zog, traf er eine alte Frau, die auf ihrem Bettelgang unterwegs war. Sie fragte ihn: "Gevatter, was spuckst du denn so arg?" Der Teufel brauste auf und antwortete: "Ach, laß mich in Frieden und frag mich nicht, denn du kannst mir ja doch nicht helfen !" "Warum denn?" antwortete die Frau. " Wir Weiber wissen sehr viel und verstehen sehr viel. Sage nur frei heraus, was dir fehlt, vielleicht kann ich auch dir helfen, wie ich schon vielen geholfen habe."

 

Der Teufel denkt: Warte mal! Sollte das alte Weib wirklich so schlau sein? Und er erzählt ihr nun seinen ganzen Kummer und sagte: "Stell dir nur einmal vor, ich habe fast ein halbes Jahr hier auf diesem Hof bei diesen Jungvermählten herum gehockt, die in solch großer Eintracht leben, und wollte sie irgendwie entzweien und gegeneinander aufbringen, doch ich habe trotz allem und auf keine Weise und nirgend wie etwas ausrichten können - und basta! Da soll ich nun nicht wütend sein, wo ich eine so lange Zeit vergeudet und trotzdem nichts erreicht habe ?"

 

Das Weib antwortete ihm: "Das ist mir aber wirklich eine lächerliche Kleinigkeit, hier will ich dir Ehre machen!" Der Teufel war darüber hoch erfreut und fragte das Weib, was er ihr dafür geben sollte. Das alte Weib antwortete: "Ich will nichts weiter als nur ein Paar Bastschuhe und ein Paar neue Salzburger Schuhe !" Der Teufel versprach, ihr das alles, schön und haltbar gemacht, zu geben. Nachdem sie sich so besprochen hatten, trennten sich die beiden, doch das Weib rief ihm beim Fortgehen noch zu, ja nicht so weit weg zu wandern, denn sie wollte noch heute etwas unternehmen und ausrichten.

 

Nun ging sie zu dem Hof zu der jungen Hausfrau. Die war gerade allein zu Hause, ihr Mann pflügte auf dem Acker. Das Weib ging in die Stube und bat zu erst um ein Almosen, und als sie das bekommen hatte, fing sie an, mit süßer Stimme sich ein zu schmeicheln und allerlei Torheiten zu reden: "Ach, du mein liebes Herzchen, wie bist du mir so schön und lieblich! Dein liebes Männlein, so scheint mir, kann sich über dich nur von Herzen freuen. Ich weiß sehr wohl, daß ihr schön und einträchtig zusammen lebt wie sonst niemand auf der ganzen Welt. Aber mein Hühnchen, mein Töchterchen, ich will dir sagen, daß ihr in noch schönerer Eintracht leben könnt und euch das ganze Leben lang kein einziges böses Wort sagen werdet !"

 

Die junge Frau freute sich und bat das Weib, sie das Geheimnis zu lehren, sie würde sie auch reichlich beschenken. Das Weib sagte: "Auf dem Kopfe deines Mannes unweit des Haarwirbels wächst ein graues Haar. Das mußt du ihm ganz nahe an der Kopfhaut, doch ohne daß er etwas merkt, abschneiden, dann werdet ihr euer ganzes Leben lang nicht nur in solch einer Liebe leben wie bisher, sondern in einer noch viel größeren !"

 

Die junge Frau glaubte, das wäre die Wahrheit, und sie fragte das Weib, wie sie das ohne Wissen ihres Mannes machen könnte. Jene sagte: " Wenn du deinem lieben Männlein das Mittagessen hin bringst, dann sage ihm, daß er seinen Kopf auf deinen Schoß legen und ein Mittagsschläfchen halten soll. Und wenn er eingeschlafen ist, dann hole das Rasiermesser aus der Tasche und schneide das graue Haar ab."

 

Das gefiel der jungen Frau alles sehr wohl, und nachdem sie das Weib reich beschenkt und sich bei ihr herzlich bedankt hatte, ließ sie sie wieder gehen. Das Weib verließ sie und ging zu dem Manne auf den Acker, wo er pflügte. "Guten Tag, mein liebes Vögelchen, guten Tag !" "Danke, danke, liebe Alte !"

 

Als die beiden sich so begrüßt hatten, bat das Weib ihn, ein bißchen Halt zu machen, denn vielleicht müßten auch die Öchslein sich ein wenig verschnaufen. Er hielt auch wirklich an. "Und was möchtest du, liebe Alte?" Sie sagte: "Ach, du mein liebes Kindchen, mein Herzlein, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich erschreckt habe und wie sehr ich weinen mußte!"

 

Der Mann sagte: "Aber was ist dir denn, sag es mir nur ruhig!" Das Weib weinte und sagte: "Ich weiß, du lebst mit deinem Frauchen in großer Eintracht, aber ach, Gott erbarme dich, sie will dir die Kehle durchschneiden und einen anderen heiraten, der viel reicher ist als du. Ich war eben bei ihr, und da habe ich diese ganze Abscheulichkeit gesehen und gehört."

 

Der Mann erschrak sehr über ihre Worte und fragte das alte Weib, ob sie nicht wüßte, wann und wie seine Frau das machen wollte. Die Alte sagte: "Heute um die Mittagszeit, wenn sie dir das Essen bringt, dann wird sie ein Rasiermesser in ihrer Tasche haben. Und dann wird sie dir sagen, daß du nach dem Essen deinen Kopf in ihren Schoß legen möchtest, um ein Mittagsschläfchen zu halten, und wenn du dann eingeschlafen bist, dann wird sie dir die Kehle durchschneiden."

 

Der Mann dankte ihr vielmals und versprach, sie dafür ein andermal reichlich zu beschenken. Und das Weib ging weiter, doch nur bis zum Roggenfeld, denn hier wollte sie sich verstecken und von weitem zu sehen, wie sich die beiden Leute um die Mittagszeit raufen würden.

 

Als nun die Mittagsstunde gekommen war, da holte sich die junge Frau das Rasiermesser ihres Mannes und steckte es in ihre Tasche. Aber ihr Mann erwartete mit großer Unruhe die Mittagszeit, denn er wollte wissen, ob das alles Wahrheit war, was die Alte ihm erzählt hatte.

 

Als sie zu ihm gekommen war, umarmten sich beide und tauschten süße Küsse, wie sie es gewöhnt waren. Und dann setzte er sich, um Mittag zu essen. Als er gegessen hatte, sagte sie zu ihm: "Komm her und lege dein liebes Köpfchen in meinen Schoß und halt ein Mittagsschläfchen, denn du bist doch von der Arbeit am Vormittag müde geworden."

 

Er machte das denn auch und tat bald so, als ob er schliefe, denn schon jetzt meinte er, daß alles wahr sei, was die Alte ihm gesagt hatte. Als sie nun schon meinte, daß er schliefe, zog sie langsam das Rasiermesser aus der Tasche, um ihm das graue Haar abzuschneiden. Doch da er nicht schlief, merkte er das sofort und - schwupp - wie der Blitz sprang er auf und jetzt - hast du nicht gesehen -zapp! ihr an den Kopf, riß die Frauenhaube herunter, griff ihr in die Haare und fing an, ihr schrecklich die Haare zu raufen, sie zu schlagen und sie mit furchtbaren Worten zu beschimpfen.

 

"Du Teufelsfratze, du Verbrecherin, du Bestie, du Mörderin, hast du mir nur deshalb so schön getan und gesagt, daß du mich liebst, um mich desto eher umbringen zu können? Jetzt werde ich's dir aber zeigen und heimzahlen, damit dir in Zukunft solche teuflische Abscheulichkeit nicht mehr in den Sinn kommt !" Sie bat und beteuerte, soviel sie nur immer konnte, aber das half alles nichts. Er schlug sie, solange er nur Kräfte hatte, bis er vom Prügeln müde geworden war.

 

Der Teufel lauerte unweit, hinter einen Stein geduckt, und als er die schmerzlichen Hiebe sah, da klatschte er in die Hände und brach in schallendes Gelächter aus. Doch danach schüttelte ihn ein Schauer vor dieser Bosheit, und er fühlte Abscheu vor der gemeinen Schlauheit des alten Weibes, und er dachte bei sich: Sieh mal an, das Weib ist böser als ich! Warum schmähen die Leute bei allem Bösen und allen Nöten immer nur den Teufel, während doch, wie man sieht, solche alten Weiber viel schrecklichere Untaten begehen als ich!

 

Die versprochenen Bastschuhe und Salzburger Schuhe gab er ihr zwar, doch er brachte eine furchtbar lange Stange mit und hängte die Schuhe an das äußerste Ende, hielt es der Alten hin und sagte: "Ich kann nicht nahe zu dir heran kommen, denn mir scheint, du könntest auch mich verblenden und betrügen, denn ich sehe jetzt, du bist böser und gerissener als ich."

 

Und als sie die Schuhe genommen hatte, da schleuderte er die Stange fort und stürmte, wie aus der Kanone geschossen, eiligst von dannen. Doch das alte Weib ging ihres Weges und freute sich, daß sie schlauer gewesen war als der Teufel und daß ihn die Angst vor ihr gepackt hatte und er vor ihr davongelaufen war .

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

 

DER TEUFEL UND DER RIEGENMEISTER ...

 

Es war einmal ein Riegenmeister, der saß einst und goss zinnerne Knöpfe. Da kam der Teufel heran und grüßte ihn: „Guten Tag, Mann! Was tust du hier?“ Der Mann erwiderte den Gruß und sprach: „Ich gieße Augen.“ Fragte der Teufel: „Könntest du wohl auch mir neue Augen gießen?“ Der Mann sprach: „Natürlich, aber da brauchst Augensalbe, und die habe ich eben nicht.“ – „Kannst du es denn wohl auch ein anderes Mal tun?“ – „Kann´s freilich.“ – „Wann soll ich denn wiederkommen?“ – „Wann´s dir grade recht ist.“

 

Anderen Tages kam der Teufel aufs neue zum Riegenmeister wegen der Augen. Da fragte der Riegenmeister: „Möchtest du große oder kleine Augen?“ – „Nur recht große!“ sagte der Teufel. Nun brachte der Mann ein tüchtig Stück Zinn in der Gießkelle zum schmelzen und sprach zum Teufel: „Du musst aber angebunden werden, sonst kann ich nicht gießen. “So hieß er ihm denn, sich rücklings auf die Bank zu strecken, erwischte einen langen und derben Strick und band ihn gehörig fest.

 

Wie der Teufel so verwahrt war, fragte er den Riegenmeister nach seinem Namen. „Selber ist mein Name“, versetzte der Mann. Der Teufel sagte: „Schon gut – dass ich´s nur weiß. “Wie nun das Zinn flüssig geworden, sprach der Meister zum Teufel: „Halt nun still, die Salbe ist fertig. “Der Teufel hielt mäuschenstill und sperrte die Augen tüchtig auf, damit nur die neuen recht schön würden.

 

Da goss ihm der Riegenmeister das glühende Zinn in die Augen. Im schrecklichen Schmerz sprang der Teufel auf und rannte ins Freie mitsamt der Bank am Rücken. Draußen auf dem Feld pflügten die Knechte, und wie sie des Teufels Schaden sahen, fragten sie: „Wer hat es dir getan?“ – „Selber, Selber“, schrie der Teufel. Da lachten die Knechte und sprachen: „Hast du´s selber getan, wer kann da helfen?“ Aber der Teufel musste mit seinen neuen Augen unter kläglichen Schmerzen verenden, und seitdem

gibt s keinen Teufel mehr.

 

Der Riegenmeister hieß dem Hund, des Teufels Begräbnis auszurichten. Der vermochte es aber nicht allein und nahm sich den Fuchs zum Beistand, aber sie konnten´s beide nicht. Hieß der Hund auch die Ratte kommen. Wie er aber sah, sie wären ihm beide nichts nutz, erwürgte er Fuchs und Ratte. Nun musste der Wolf heran, und so begruben sie den Teufel unter dem Mist einer weißen Mähre.

 

Darauf beginnen sie den Leichenschmaus, und Fuchs und Ratte kamen als Braten auf den Tisch. Der Hund spielte eine üble Festmusik auf, und der Wolf tanzte dazu. Auf diese Art wurde des Teufels Begräbnis ausgerichtet.

 

Quelle: Estnische Märchen

 

DIE SAGE VON BATJE UND NANNA ...

 

Batje und Nanna

 

Als Jubmel das Land der Samen umwendete, geschah es, daß alles Wasser über die Erde floß und die Menschen allesamt ertranken. Nein, doch nicht alle. Jubmel hatte zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, die Batje und Nanna hießen, ergriffen und sie auf einen hohen Berg getragen.

 

Dort lagen sie und schliefen, bis Jubmel das Land herum gedreht hatte. Als die beiden erwachten, konnten sie sich zuerst nicht mehr zurechtfinden, denn das Land hatte ja inzwischen ein ganz anderes Aussehen bekommen, da es von Jubmel umgedreht worden war. Keine Milch floß mehr in den Flüssen und aus den Quellen, und die Bäume trugen auch Fleisch und Käse nicht mehr. Doch der Berghang schimmerte grün von den sprießenden Wiesenkräutern, und dort, unten am Fuße des Fjälls stand der Wald hoch und dunkel.

 

Die beiden Kinder, die nicht wußten, daß sie nun allein in dem großen weiten Land waren, wanderten sorglos den Berghang hinunter, pflückten Beeren und spielten und waren glücklich. Aber als sie recht lange gewandert waren und doch keinen einzigen Menschen auf ihrem Wege getroffen hatten, begannen sie darüber nachzudenken. Und dann sagte Batje zu seiner Schwester Nanna: "Liebe Schwester! Wir sind lange umher gegangen, Hand in Hand, aber wir sind keinem einzigen von unserm Geschlecht begegnet. Laß uns darum für einige Zeit von einander scheiden. Ein jeder soll eine andere Richtung nehmen, vielleicht ist das Glück einem von uns gewogen, und wir finden Menschen."

 

Das Mädchen war sogleich mit dem Vorschlag des Bruders einverstanden, und so wurde beschlossen, daß der Junge in die nördliche Richtung und das Mädchen in die südliche Richtung gehen sollte. So trennten sie sich, und Batje und Nanna zogen fort, ein jeder für sich, der eine nach Norden und der andere nach Süden. Aber Menschen trafen sie nicht. Und in der Einsamkeit wurde den beiden immer schwerer ums Herz.

 

Als sie dann ein ganzes Jahr gewandert waren, geschah es, daß Batje, als er einen Berghang hinaufstieg, in der Ferne etwas sah, das sich bewegte und einem Menschen ähnelte. "Ha", dachte der Junge, "dort ist endlich das, was ich suche." Und er lief dem kleinen Geschöpf, welches sich in der Ferne regte, entgegen. Zur gleichen Zeit erging es auch Nanna so; sie glaubte weit entfernt einen Menschen zu sehen. "Ha", dachte sie, "am Ende ist ihr das Glück doch hold, da ist endlich ein Mensch."

 

Und dann liefen sie mit schnellen Schritten in jene Richtung. Sie wußten aber beide nicht, daß sie selbst es waren, die aufeinander zuliefen. Doch dann erkannten sie sich. "Ha – ich glaube – das ist Nanna", sagte der Junge. "Nein, sehe ich recht, ich glaube, das ist Batje", erwiderte das Mädchen. Sie gingen einige Zeit zusammen, erzählten von ihren Abenteuern während der Wanderschaft und daß sie nirgendwo Menschen angetroffen oder auch nur eine Spur von ihnen bemerkt hatten.

 

Als sie eine Weile so gewandert waren, sagte Batje erneut zu Nanna: "Liebe Schwester, laß uns noch einmal unser Glück versuchen. Ich will gegen Sonnenaufgang ziehen, und du magst gegen Sonnenuntergang wandern – vielleicht werden wir da einem Menschen begegnen." Und sie zogen fort, Batje nach Osten und Nanna nach Westen. Viele sonderbare Dinge sahen sie, und vieles lernten sie auf ihrem Weg, aber andere Menschen erblickten sie nirgends.

 

Als sie wiederum ein ganzes Jahr gewandert waren, trafen sie sich erneut. Beide hatten sich in diesem Jahr sehr verändert, dennoch erkannten sie sich sogleich. "Du bist Batje", rief das Mädchen. "Und du bist Nanna", sagte der Junge. Da küßten sie sich, und wieder wanderten sie einige Zeit zusammen. Doch sie waren nicht mehr so froh und sorglos wie früher. Oft kam eine Unruhe über sie beide, und bisweilen suchte jeder für sich Einsamkeit, obgleich sie einander sehr mochten.

 

Eines Tages zog Batje von Nanna fort ohne ihr zum Abschied einen Kuß zu geben. Und Nanna, die nun ganz allein in dem großen, weiten Land war, weinte bittere Tränen. Da ließ Beijen–Nejta, des Sonnengottes Tochter, einen tiefen Schlaf über die Kinder kommen, und als sie erwachten, fanden Batje und Nanna sich zwar wieder, aber sie erkannten sich nicht mehr. Doch wurden die beiden sehr froh, als sie sich ansahen. Und sie lebten viele Jahre und waren glücklich bis zu ihrem Tod.

 

Von Batje und Nanna stammen alle Lappen her, oder Samen, wie sie selbst sich nannten. Und wie Batje und Nanna umherwanderten, um Menschen zu suchen, aber nur sich selbst fanden, so wandern die Samen noch heute ohne Rast und Ruhe, vom Gebirge zum Meer und vom Meer zum Gebirge.

 

Sage aus Lappland

 

 

 

DER HERZHAFTE RIEGENAUFSEHER ...

Im Schlossgewölbe

 

Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der »alte Bursche«(Teufel) selber gerühmt, ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht vorgekommen. Der Alte ging deshalb häufig an den Abenden, wo die Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter angenehmen Gesprächen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn für einen einfachen Bauern, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er sich auch nichts merken ließ, und hatte sich vorgenommen, den (alten Hörnerträger) Teufel wo möglich einmal übers Ohr zu hauen.

 

Als der alte Bursche eines Abends über sein Junggesellen-Leben klagte, und daß er Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nähe, fragte der Aufseher: »Warum gehst du denn nicht auf die Freite, Brüderchen?« Der alte Bursche erwiederte: »Ich habe schon manchmal mein Heil versucht, aber die Mädchen wollen mich nicht. Je jünger und blühender sie waren, desto ärger spotteten sie meiner.« Der Aufseher riet ihm, um ältere Mädchen oder Witwen zu freien, die viel eher kirre zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmähen würden.

 

Nach einigen Wochen heiratete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes Mädchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum Riegenaufseher, ihm seine Not zu klagen, daß die junge Frau voller Tücke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht, noch bei Tage Ruhe, sondern quäle ihn ohne Unterlass. »Was bist du denn für ein Mann,« lachte der Aufseher, »daß dein Weib die Hosen hat anziehen dürfen! Nahmst du einmal ein Weib, so mußtest du auch deines Weibes Herr werden!« Der alte Bursche erwiederte: »Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und jener, ich setze meinen Fuß nicht mehr in's Haus.« Der Riegenaufseher suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das Joch eines Weibes zu legen.

 

Im Herbste des nächsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte, machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher merkte gleich, daß dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte aber nicht, sondern wollte abwarten, daß der Andere selber mit der Sache heraus käme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Mißgeschick. Im Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Witwe gemacht, die wie ein Täubchen girrte, so daß dem Männlein abermals Freiersgedanken aufstiegen. Er heiratete sie auch, fand aber später, daß sie der ärgste Hausdrache war, den es geben konnte, und daß sie ihm gern die Augen aus dem Kopfe gerissen hätte, so daß er endlich seinem Glücke dankte, als er sich von der bösen Sieben losgemacht hatte.

 

Der Riegenaufseher sagte: »Ich sehe wohl, daß du zum Ehemann nicht taugst, denn du bist ein Hasenfuß, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.« Darin mußte ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch eine Weile über Weiber und Heiraten geplaudert hatten, sagte der alte Bursche: »Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, daß du dir getraust, den schlimmsten Höllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine Herzhaftigkeit besseren Lohn finden wird, als bei der Zähmung eines bösen Weibes.

 

Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge? dort liegt ein großer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu Teil geworden ist, weil eben noch keiner Mut genug hatte, ihn zu heben.« Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: »Wenn hier nichts weiter nötig ist, als Mut, so habe ich den Schatz schon so gut wie in der Tasche!« Darauf teilte der alte Bursche dem Aufseher mit, daß er in künftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen müsse, um den vergrabenen Schatz zu heben, und fügte hinzu: »Hüte dich aber, daß nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen, oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben einbüßen, wie viele Andere, die vor dir ihr Glück versuchten.

 

Wenn du mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauernhof und laß die Leute erzählen, was sie über das Gemäuer des alten Schlosses gehört - Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hüte dich vor aller Furcht.«

 

Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf Menschen zu stoßen, die ihm Eins oder das Andere über die alten Schloßmauern berichten könnten. Er fragte den Wirt, was das für alte Mauern wären auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darüber wüßten, wer sie aufgeführt, und wer sie dann wieder zerstört habe.

 

Ein alter Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehört hatte, gab folgenden Bescheid: »Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher Gutsherr dort gewohnt, der über weite Ländereien und zahlreiches Volk gebot. Dieser Herr führte ein eisernes Regiment, und behandelte seine Untertanen grausam, aber mit dem Schweiß und Blut der selben hatte er unermeßlichen Reichtum zusammen gescharrt, so daß Gold und Silber fuderweise von allen Seiten her aufs Schloß kam, wo es in tiefen Kellern vor Dieben und Räubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der reiche Bösewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem Boden, und eine große schwarze Katze zu Häupten des Bettes, die man vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher, die Katze sei der böse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den Herrn in seinem Bette erwürgt, und dann zur Hölle gebracht habe, wo er für seine Frevel büßen müsse. -

 

Als später auf die Nachricht von dem Todesfall die Verwandten des Schloßherrn sich einfanden, um dessen Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopeke Geld vor. Anfangs hielt man die Diener für die Diebe, und stellte sie vor Gericht; allein da sie sich ihrer Unschuld bewußt waren, so bekannten sie auch auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und die Aussage bestätigt fand, wurden die Diener freigelassen.

 

Das seltsame nächtliche Geldgeklapper wurde später noch oft gehört, auch fanden sich Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von den Schatzgräbern kehrte keiner zurück; sicher hatte eben Der sie geholt, der dem Herrn des Geldes ein so gräßliches Ende bereitet hatte. Soviel sah Jeder, daß hier Etwas nicht geheuer war, - darum getraute sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach und die Wände durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter übrig blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nächtlicher Weile in die Nähe, noch weniger erkühnt sich Einer, dort nach alten Schätzen zu suchen.« - So sprach der alte Bauer.

 

Als der Riegenaufseher seine Erzählung vernommen hatte, äußerte er wie halb im Scherze: »Ich hätte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht künftige Nacht mit mir?« Die Männer schlugen ein Kreuz und beteuerten einhellig, daß ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schätze der Welt, die doch Niemand erlangen könne, ohne seine Seele zu verderben. Dann baten sie den Fremden, er möge den eitlen Gedanken fahren lassen, und sein Leben nicht dem Teufel überantworten. Allein der kühne Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschüchterungen, sondern war entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am Abend von dem Schenkwirt ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu bleiben, und erkundigte sich dann nach dem kürzesten Wege zu den alten Schloßruinen.

 

Einer der Bauern, der etwas mehr Mut zu haben schien als die Anderen, ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Führer voran, kehrte aber um, als sie noch über eine halbe Werst weit von dem Gemäuer entfernt waren. Da der bewölkte Nachthimmel Nichts erkennen ließ, so mußte der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an sein Ohr, konnte aber sein tapfere steigen könnte. Nachdem er eine Weile vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fuße der Mauer ein Loch, welches abwärts führte. Er steckte den brennenden Span in eine Mauerspalte, und räumte mit den Händen soviel Geröll und Schutt fort, daß er hinein kriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war, fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, daß er aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam endlich an eine eiserne Tür, die nicht verschlossen war.

 

Er stieß die schwere Tür auf und wollte eben eintreten, als eine große schwarze Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Tür und zur Treppe hinauf schoß. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewiß den Herrn des Geldes erwürgt, stieß die Tür zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und sah sich dann den Ort näher an. Es war ein großer breiter Saal, an dessen Wänden überall Türen angebracht waren; er zählte deren zwölf, und überlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. »Sieben ist doch eine Glückszahl!« sagte er, und zählte dann von der Eingangstür bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht aufgehen. Als er sich indeß mit aller Leibeskraft gegen die Tür stemmte, gab das verrostete Schloß nach, und die Tür sprang auf.

 

Als der Riegenaufseher hinein trat, fand er ein Gemach von mittlerer Größe, welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der anderen Wand einen Ofen und vor dem selben einen Herd enthielt; neben dem Herde lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah beim Scheine desselben, daß ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfaß. »Sieh' doch!« rief der Aufseher. »Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrat, Wasser habe ich mir im Fäßchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe kochen.«

 

Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, tat Mehl und Wasser hinein, streute Salz darauf, rührte mit einem Splitter um, und kochte die Suppe gar; dann goß er sie in die Schale, und setzte sie auf den Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so daß er keinen Span anzuzünden brauchte. Der mutige Riegenaufseher setzte sich nun an den Tisch, nahm den Löffel und fing an, sich mit der warmen Suppe den leeren Magen zu füllen. Plötzlich sah er, als er aufblickte, die schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte nicht begreifen, wie das Tier dahin gekommen sei, da er doch mit eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt war.

 

Darauf wurden draußen drei laute Schläge an die Tür getan, so daß Wände und Fußboden schütterten, aber der Riegenaufseher verlor den Mut nicht, sondern rief mit strenger Stimme: »Wer einen Kopf auf dem Rumpfe hat, soll eintreten!« Augenblicklich prallte die Tür weit auf, die schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und schoß durch die Tür, wobei ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprühten. Als die Katze davon gelaufen war, traten vier lange Männer ein in langen weißen Röcken und mit feuerroten Mützen, welche dermaßen funkelten, daß sich Tageshelle im Gemach verbreitete. Die Männer trugen eine Bahre auf den Schultern, und auf der Bahre stand ein Sarg; das flößte aber dem beherzten Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die Männer den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem anderen zur Tür hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte an der Tür, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kümmerte sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe.

 

Als er satt war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und erblickte einen kleinen Mann mit langem weißen Barte. Der Riegenaufseher hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu erwärmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Männchen an, sich zu erholen und Hände und Füße zu regen. Der mutige Riegenaufseher hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschüssel und den Löffel vom Tische, und fing an, den Alten zu füttern. Diesem aber dauerte das zu lange, drum faßte er die Schüssel mit beiden Händen und schlürfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: »Dank dir, Söhnchen! daß du dich über mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und Kälte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Für diese Wohltat will ich dir so fürstlichen Lohn spenden, daß du mich Zeit Lebens nicht vergessen sollst. - Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, zünde eine der selben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Tür fest zu, damit die wütige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen würde. Später wollen wir sie so kirre machen, daß sie Niemanden mehr Schaden zufügen kann.«

 

Mit diesen Worten hob der Alte eine viereckige Fliese von der Breite einer halben Klafter aus dem Boden, und es zeigte sich, daß der Stein den Eingang zu einem Keller bedeckt hatte. Der Alte stieg zuerst die Stufen hinunter, und furchtlos folgte ihm der Riegenaufseher mit der brennenden Pechfackel auf dem Fuße, bis sie in eine schauerliche tiefe Höhle gelangten. In dieser großen kellerartig gewölbten Höhle lag ein gewaltiger Geldhaufen, so hoch wie der größte Heuschober, halb Silber, halb Gold. Das alte Männchen nahm jetzt aus einem Wandschranke eine Handvoll Wachslichter, drei Flaschen Wein, einen geräucherten Schinken und ein Brotlaib heraus, und sagte dann zum Riegenaufseher: »Ich gebe dir drei Tage Zeit, diesen Geldklumpen zu zählen und zu sondern. Du mußt den Haufen in zwei Teile teilen, so daß beide ganz gleich werden und kein Rest bleibt. Während du mit dieser Teilung dich beschäftigst, will ich mich an der Wand schlafen legen, aber hüte dich, daß du dabei nicht das geringste Versehen machst, sonst erwürge ich dich.«

 

Der Riegenaufseher machte sich sogleich an die Arbeit, und der Alte streckte sich nieder. Damit kein Versehen vorkommen könne, teilte der Riegenaufseher so, daß er immer zwei gleichartige Geldstücke nahm, es mochten Taler oder Rubel, Gold- oder Silbermünzen sein; das eine Geldstück legte er dann links und das andere rechts, so daß zwei Haufen entstanden. Wenn ihm die Kraft auszugehen drohte, so erquickte er sich durch einen Schluck aus der Flasche, genoß etwas Brot und Fleisch, und setzte dann neu gestärkt seine Arbeit fort. Weil er sich die Nacht nur einen kurzen Schlaf gönnte, um die Arbeit rasch zu fördern, wurde er schon am Abend des zweiten Tages mit der Teilung fertig, aber ein kleines Silberstück war übrig geblieben. Was jetzt tun? Das machte dem braven Riegenaufseher keine Not, er zog sein Messer aus der Tasche, legte die Schneide auf die Mitte des Geldstücks, und schlug dann mit einem Steine so kräftig auf des Messers Rücken, daß das Geldstück in zwei Hälften gespalten wurde. Die eine Hälfte legte er dann zu dem Haufen rechts, und die andere zu dem Haufen links; darauf weckte er den Alten auf und lud ihn ein, die Arbeit in Augenschein zu nehmen.

 

Als der Alte die beiden Hälften des übrig gebliebenen Geldstücks je rechts und links erblickte, fiel er mit einem Freudengeschrei dem Riegenaufseher um den Hals, streichelte lange seine Wangen und sagte endlich: »Tausend und aber tausend Dank dir, kühner Jüngling, der du mich aus meiner langen, langen Gefangenschaft erlöst hast. Ich habe schon viele hundert Jahre meinen Schatz hier bewachen müssen, weil sich kein Mensch fand, der Mut oder Verstand genug hatte, das Geld so zu teilen, daß Nichts übrig blieb. Ich mußte deßhalb, einem eidlichen Gelöbnisse zufolge, Einen nach dem Anderen erwürgen, und da Keiner wiederkehrte, so wagte in den letzten zweihundert Jahren Niemand mehr her zu kommen, obgleich ich keine Nacht verstreichen ließ, ohne mit dem Gelde zu klappern. Dir, du Glückskind! war es beschieden, mein Retter zu werden, als mir schon alle Hoffnung schwinden wollte, und ich ewige Gefangenschaft fürchten mußte. Dank, tausend Dank dir für deine Wohltat!

 

Den einen Geldhaufen bekommst du jetzt zum Lohn für deine Mühe, den anderen aber mußt du unter die Armen verteilen, zur Sühne für meine schweren Sünden; denn ich war, als ich auf Erden lebte und diesen Schatz anhäufte, ein großer Frevler und Bösewicht. Noch eine Arbeit hast du zu meinem und deinem Nutzen zu vollbringen. Wenn du wieder hinauf gehst, und die große schwarze Katze dir auf der Treppe entgegen kommt, dann packe sie und hänge sie auf. Hier ist eine Schlinge, aus der sie sich nicht wieder heraus ziehen soll.« Damit zog er eine aus feinem Golddraht geflochtene Schnur von der Dicke eines Schuhbandes aus dem Busen, gab sie dem Riegenaufseher und verschwand, als wäre er in den Boden gesunken. Aber in demselben Augenblicke entstand ein Gekrach, als ob die Erde unter den Füßen des Riegenaufsehers bersten wollte. Das Licht erlosch, und um ihn her herrschte tiefe Finsterniß, allein auch dieses unerwartete Ereigniß machte ihn nicht mutlos.

 

Er suchte tappend seinen Weg, bis er an die Treppe kam, kletterte die Stufen hinan, und kam in die erste Stube, wo er sich die Suppe gekocht hatte. Das Feuer auf dem Herde war längst ausgegangen, aber er fand in der Asche noch Funken, die er zur Flamme anblasen konnte. Der Sarg stand noch auf der Bahre, aber statt des Alten schlief die große schwarze Katze darin. Der Riegenaufseher packte sie am Kopfe, schlang die Goldschnur um ihren Hals, hing sie an einem starken eisernen Nagel in der Wand auf, und legte sich auf den Boden zur Ruhe.

 

Erst am andern Morgen kam er aus dem Gemäuer heraus, und nahm den nächsten Weg zur Schenke, in der er vorher eingekehrt war. Als der Wirt sah, daß der Fremde unversehrt entronnen sei, kannten seine Freude und sein Erstaunen keine Grenzen. Der Riegenaufseher aber sagte: »Besorge mir für gute Bezahlung ein paar Dutzend Säcke von Tonnengehalt und miete Pferde, damit ich meinen Schatz wegführen kann.« Daran merkte der Schenkwirt, daß des Fremden Gang kein fruchtloser gewesen war, und erfüllte sogleich des reichen Mannes Verlangen.

 

Als darauf der Riegenaufseher von den Leuten erkundet hatte, was für Gebiete vor Alters unter der Herrschaft des damaligen Schloßbesitzers gestanden hatten, wies er den dritten Teil des den Armen bestimmten Geldes jenen Gebieten zu, übergab die beiden anderen Drittel dem Gericht zur Verteilung und siedelte sich mit seinem eigenen Gelde in einem fernen Lande an, wo ihn Niemand kannte. Dort müssen noch heutigen Tags seine Verwandten als reiche Leute leben, und die Kühnheit ihres Ahnherrn preisen, der diesen Schatz errungen hatte.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

 

DER TONTLAWALD ...

Else und der Königssohn

 

Zu alten Zeiten stand in Allentacken ein schöner Hain, der Tontlawald hieß, den aber kein Mensch zu betreten wagte. Dreistere, die zufällig einmal näher gekommen waren und gespäht hatten, erzählten, sie hätten unter dichten Bäumen ein verfallenes Haus gesehen und um dasselbe herum menschenähnliche Wesen, von denen der Rasen wie von einem Ameisenhaufen wimmelte. Die Geschöpfe hätten rußig und zerlumpt ausgesehen wie die Zigeuner, und es wären namentlich viel alte Weiber und halbnackte Kinder darunter gewesen.

 

Als einst ein Bauer, der in finsterer Nacht von einem Schmause nach Hause ging, etwas tiefer in den Tontlawald hinein geraten war, hatte er seltsame Dinge gesehen. Um ein helles Feuer war eine Unzahl Weiber und Kinder versammelt, einige saßen am Boden, die andern tanzten auf dem Plan. Ein altes Weib hatte einen breiten eisernen Schöpflöffel in der Hand, mit welchem sie von Zeit zu Zeit die glühende Asche über den Rasen hin streute, worauf die Kinder mit Geschrei in die Luft hinauf fuhren und wie Nachteulen um den aufsteigenden Rauch flatterten, bis sie zuletzt wieder herabkamen.

 

Dann trat aus dem Walde ein kleiner alter langbärtiger Mann, der auf dem Rücken einen Sack trug, der länger war als er selbst! Weiber und Kinder liefen dem Männlein lärmend entgegen, tanzten um ihn herum und suchten ihm den Sack vom Rücken zu reißen, aber der Alte machte sich von ihnen los. Jetzt sprang eine schwarze Katze, so groß wie ein Fohlen, die mit glühenden Augen auf der Türschwelle gesessen, auf des Alten Sack und verschwand dann in der Hütte. Weil aber dem Zuschauer schon der Kopf brannte und es ihm vor den Augen flimmerte, so blieb auch seine Erzählung unsicher, und man konnte nicht recht dahinter kommen, was daran wahr und was falsch sei.

 

Auffallend war es, daß von Geschlecht zu Geschlecht solche Dinge vom Tontlawalde erzählt wurden; aber Niemand wußte genauere Auskunft zu geben. Der Schwedenkönig hatte mehr als einmal befohlen, den gefürchteten Wald zu fällen, aber die Leute wagten es nicht den Befehl zu vollziehen. Einmal hieb ein dreister Mann mit einer Axt in einige Bäume, da floß sogleich Blut und man hörte Jammergeschrei wie von gequälten Menschen. Der erschreckte Holzfäller nahm zitternd und bebend die Flucht; seitdem war kein noch so strenger Befehl, kein noch so reichlicher Lohn im Stande, wieder einen Holzfäller in den Tontlawald zu locken. -

 

Sehr wunderbar erschien es auch, daß weder ein Weg aus dem Walde heraus noch einer hinein führte; auch sah man das ganze Jahr durch keinen Rauch aufsteigen, der das Dasein menschlicher Wohnstätten verraten hätte. Groß war der Wald nicht, und rings um ihn her war flaches Feld, so daß man freien Ausblick auf den Wald hatte. Hausten wirklich hier von Alters her lebende Wesen, so konnten sie doch nicht anders in dem Walde ein- und ausgehen als auf unterirdischen Schlupfwegen, oder sie mußten auch wie die Hexen bei nächtlicher Weile, wo Alles ringsum schlief, durch die Luft fahren. Das Letztere ist, dem Erzählten zufolge, das Wahrscheinlichere. Vielleicht erhalten wir über diese Wundervögel mehr Auskunft, wenn wir den Wagen der Erzählung etwas weiter lenken und im nächsten Dorfe ausruhen.

 

Einige Werst vom Tontlawalde lag ein großes Dorf. Ein verwittweter Bauer hatte unlängst wieder ein junges Weib genommen und, wie das wohl oft vorkommt, ein rechtes Schüreisen ins Haus gebracht, so daß Verdruß und Zank kein Ende nahmen. Das von der ersten Frau nachgebliebene siebenjährige Mädchen, mit Namen Else, war ein kluges sinniges Geschöpf. Dieser Armen machte aber die böse Stiefmutter das Leben ärger als die Hölle, sie puffte und knuffte das Kind vom Morgen bis zum Abend und gab ihm schlechteres Essen als den Hunden.

 

Da die Frau die Hosen anhatte, so konnte die Tochter sich auf ihren Vater nicht stützen: der Hansdampf mußte ja selbst nach des Weibes Pfeife tanzen. Länger als zwei Jahre hatte Else dieses schwere Leben ertragen und hatte viele Tränen vergossen. Da ging sie eines Sonntags mit andern Dorfkindern aus, um Beeren zu pflücken. Schlendernd, nach Kinderart, waren sie unbemerkt an den Rand des Tontlawaldes gekommen, wo sehr schöne Erdbeeren wuchsen, so daß der Rasen ganz rot davon war.

 

Die Kinder aßen von den süßen Beeren und pflückten noch soviel in ihre Körbchen, als jedes konnte. Plötzlich rief ein älterer Knabe, der die gefürchtete Stelle erkannt hatte: »Fliehet, fliehet! wir sind im Tontlawalde!« Dies Wort war schlimmer als Donner und Blitz, alle Kinder nahmen Reißaus, als wären ihnen die Tontla-Unholde schon auf den Fersen. Else, welche etwas weiter gegangen war als die Anderen, und unter den Bäumen sehr schöne Beeren gefunden hatte, hörte wohl das Rufen des Knaben, mochte sich aber nicht von dem Beerenfleck trennen. Sie dachte wohl: Die Tontla-Bewohner können doch nicht schlimmer sein als meine Stiefmutter daheim.

 

Da kam ein kleiner schwarzer Hund mit einem silbernen Glöcklein um den Hals bellend auf sie zu. Auf dies Gebell eilte ein kleines Mädchen in prächtigen seidenen Kleidern herbei, verwies den Hund zur Ruhe und sagte dann zur Else: »Sehr gut, daß du nicht mit den andern Kindern davon gelaufen bist. Bleibe mir zur Gesellschaft hier, dann wollen wir gar schöne Spiele spielen und alle Tage miteinander gehen Beeren zu pflücken; die Mutter wird es mir gewiß nicht abschlagen, wenn ich sie darum bitte. Komm, laß uns sogleich zu ihr gehen!« Damit faßte das prächtige fremde Kind Else bei der Hand und führte sie tiefer in den Wald hinein. Der kleine schwarze Hund bellte jetzt vor Vergnügen, sprang an Elsen herauf und leckte ihr die Hand, als wären sie alte Bekannte.

 

Ach du liebe Zeit, was für Wunder und Herrlichkeit tauchten jetzt vor Else's Augen auf! Sie glaubte sich im Himmel zu befinden. Ein prächtiger Garten, mit Obstbäumen und Beerensträuchern angefüllt, stand vor ihnen; auf den Zweigen der Bäume saßen Vögel, bunter als die schönsten Schmetterlinge, manche mit Gold- und Silberfedern bedeckt. Und die Vögel waren nicht scheu, die Kinder konnten sie nach Belieben in die Hand nehmen. Mitten im Garten stand das Wohnhaus, aus Glas und Edelsteinen aufgeführt, so daß Wände und Dach glänzten wie die Sonne. Eine Frau in prächtigen Kleidern saß vor der Tür auf einer Bank und fragte die Tochter: »Was bringst du da für einen Gast?« Die Tochter antwortete: »Ich fand sie allein im Walde und nahm sie mir zur Gesellschaft mit. Erlaubst du, daß sie hier bleibt?« Die Mutter lächelte, sagte aber kein Wort, sondern musterte Else mit scharfem Blick vom Kopf bis zu den Füßen.

 

Dann hieß sie Else näher treten, streichelte ihre Wangen und fragte freundlich, wo sie zu Hause sei, ob ihre Eltern noch lebten, und ob sie den Wunsch habe, hier zu bleiben? Else küßte der Frau die Hand, fiel vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und erwiederte dann unter Tränen: »Die Mutter ruht schon lange unter dem Rasen.

Mutter ward hinweg getragen

Liebe zog mit ihr von dannen!

Der Vater lebt wohl noch, aber was hilft mir das, die Stiefmutter haßt mich und schlägt mich unbarmherzig alle Tage. Nichts kann ich ihr recht machen. Bitte, Goldfrauchen, laßt mich hier bleiben! Laßt mich die Herde hüten, oder gebt mir andere Arbeit, ich will alles tun und euch gehorchen, aber schickt mich nur nicht zur Stiefmutter zurück! Sie schlüge mich halb tot, weil ich nicht mit den anderen Dorfkindern gekommen bin.«

 

Die Frau lächelte und sagte: »Wir wollen sehen, was mit dir zu machen ist.« Dann erhob sie sich von der Bank und trat in's Haus. Die Tochter aber sagte zur Else: »Sei getrost, meine Mutter ist freundlich! Ich sah an ihrem Blicke, daß sie unsere Bitte gewähren wird, wenn sie die Sache näher überlegt hat.« Sie ging dann ihrer Mutter nach und hieß Else warten. Diese bebte zwischen Furcht und Hoffnung, und ungeduldig harrte sie des Bescheides, den die Tochter bringen würde.

 

Nach einer Weile kam die Tochter mit einem Schächtelchen in der Hand zurück und sagte: »Die Mutter will, daß wir heute mit einander spielen, derweil sie deinetwegen Weiteres beschließen wird. Ich hoffe, du bleibst uns, ich möchte dich nicht mehr von mir lassen. Bist du schon zur See gefahren?« Else machte große Augen und fragte dann: »Zur See? was ist das? davon habe ich noch nie etwas gehört.« »Du sollst es sogleich sehen,« erwiederte das Fräulein und nahm den Deckel vom Schächtelchen.

 

Da lagen ein Blatt von Frauenmantel, eine Muschelschale und zwei Fischgräten; auf dem Blatte schimmerten ein Paar Tropfen, diese schüttete das Kind auf den Rasen. Augenblicklich waren Garten, Rasen und was sonst noch da gestanden hatte, verschwunden, als hätte die Erde es verschlungen: und soweit das Auge reichte, war nur Wasser sichtbar, das in der Ferne mit dem Himmel zusammen zu stoßen schien. Nur unter ihren Füßen war ein kleiner Fleck trocken geblieben.

 

Jetzt setzte das Fräulein die Muschelschale auf's Wasser und nahm die Fischgräten zur Hand. Die Muschelschale schwoll an, und dehnte sich zu einem hübschen Nachen aus, worin ein Dutzend Kinder und wohl noch mehr Platz gehabt hätten. Die Kinder setzten sich nun selbander in den Nachen, Else mit Zagen, das Fräulein aber lachte; die Gräten, welche sie hielt, wurden zu Rudern. Von den Wellen wurden die Mädchen fort geschaukelt, wie in einer Wiege; nach und nach kamen andere Kähne in ihre Nähe, in jedem saßen Menschen, welche sangen und fröhlich waren. »Wir müssen ihren Gesang beantworten,« sagte das Fräulein, aber Else verstand nicht zu singen. Um so schöner sang das Fräulein.

 

Von dem, was die andern sangen, konnte Else nicht viel verstehen, nur ein Wort kehrte immer wieder, nämlich »Kiisike!« Else fragte, was es bedeute, und das Fräulein antwortete: »Das ist mein Name.« Ich weiß nicht, wie lange sie so spazieren gefahren waren, da hörten sie rufen: »Kinder, kommt nach Hause, es wird Abend.« Kiisike nahm ihr Körbchen aus der Tasche, in welchem das Blatt lag, und tauchte es in's Wasser, so daß einige Tropfen daran hängen blieben, - augenblicklich waren sie in der Nähe des prächtigen Hauses, mitten im Garten; Alles ringsum erschien trocken und fest wie zuvor, Wasser war nirgends. Die Muschelschale und die Fischgräten wurden sammt dem Blatte ins Körbchen gelegt, und die Kinder gingen ins Haus.

 

In einem großen Gemache saßen um einen Eßtisch vierundzwanzig Frauen, alle in prächtigen Kleidern, als wären sie auf einer Hochzeit. Oben am Tische saß die Herrin auf einem goldenen Stuhle. Else wußte nicht, woher die Augen nehmen, um all die Herrlichkeit zu betrachten, die ihr hier entgegen schimmerte. Auf dem Tische standen dreizehn Gerichte, alle in goldenen und silbernen Schüsseln; ein Gericht aber blieb unberührt und wurde abgetragen, wie es aufgetragen war, ohne daß man den Deckel gelüftet hätte. Else aß von den köstlichen Speisen, die noch besser schmeckten als Kuchen, und es kam ihr wieder vor, als müßte sie im Himmel sein; auf Erden konnte sie sich der gleichen nicht denken.

 

Bei Tische wurde leise gesprochen, aber in einer fremden Sprache, von der Else kein Wort verstand. Die Frau sagte jetzt einige Worte zu einer Magd, die hinter ihrem Stuhle stand; die Magd eilte hinaus und kam bald mit einem kleinen alten Manne wieder, dessen Bart länger war als er selber. Der Alte machte einen Bückling und blieb am Türpfosten stehen. Die Frau deutete mit dem Finger auf Else und sagte: »Betrachte dir dieses Bauernmädchen, ich will es als Pflegekind annehmen. Forme mir ein Abbild von ihr, welches wir morgen statt ihrer in's Dorf schicken können.« Der Alte sah Else scharf an, als wolle er das Maaß nehmen, verbeugte sich dann wieder vor der Frau und verließ das Gemach.

 

Nach Tische sagte die Frau freundlich zu Else: »Kiisike hat mich gebeten, ich möchte dich ihr zur Gesellschaft hier behalten und du selbst sagtest, du hättest Lust hier zu bleiben. Ist dem nun wirklich so?« Else fiel auf die Kniee, und küßte der Frau Hände und Füße zum Dank für die barmherzige Rettung aus den Klauen der bösen Stiefmutter. Die Frau aber hob sie vom Boden auf, streichelte ihr den Kopf und die tränenfeuchten Wangen und sagte: »Wenn du immer ein folgsames gutes Kind bleibst, so wird es dir gut gehen, ich will für dich sorgen und dir allen nötigen Unterricht geben lassen, bis du erwachsen bist und dich selbst fortbringen kannst. Meine Fräulein, welche Kiisike unterrichten, werden auch dir behilflich sein, alle feinen Handarbeiten zu erlernen und dir andere Kenntnisse zu erwerben.«

 

Nach einem Weilchen kam der Alte zurück mit einer langen mit Lehm gefüllten Mulde auf der Schulter, und einem kleinen Deckelkörbchen in der linken Hand. Er setzte Mulde und Körbchen an die Erde, nahm ein Stück Lehm und machte daraus eine Puppe, welche Menschengestalt hatte. In den Leib, der hohl geblieben war, legte der Alte drei gesalzene Strömlinge und ein Stückchen Brot. Dann machte er in der Brust der Puppe ein Loch, nahm aus dem Korbe einen ellenlangen schwarzen Wurm und ließ ihn durch das Loch hineinkriechen. Die Schlange zischte und wand sich mit dem Schwanze, als sträubte sie sich, aber sie mußte doch hinein. Nachdem die Frau die Puppe von allen Seiten betrachtet hatte, sagte der Alte: »Jetzt brauchen wir nichts weiter als ein Tröpflein von dem Blute des Bauernmädchens.«

 

Else wurde blaß vor Schrecken, als sie das hörte; sie meinte ihre Seele damit dem Bösen zu verkaufen. Aber die Frau tröstete sie: »Fürchte nichts! Wir wollen dein Blut nicht zu etwas Bösem sondern lediglich zu etwas Gutem und zu deinem künftigen Glücke.« Dann nahm sie eine kleine goldene Nadel, stach damit der Else in den Arm und gab die Nadel dem Alten, der sie in das Herz der Puppe bohrte. Darauf legte er diese in den Korb, damit sie darin wachse und versprach, am nächsten Morgen der Frau zu zeigen, was für ein Werk aus seinen Händen hervorgegangen sei. Man ging hernach zur Ruhe, und auch Else wurde von einer Stubenmagd in ihre Schlafkammer gebracht, wo ihr ein weiches Bett bereitet wurde.

 

Als sie am anderen Morgen in dem seidenen Bette auf weichem Pfühl erwachte und ihre Augen weit auf machte, fand sie sich mit einem feinen Hemde bekleidet und sah reiche Gewänder auf einem Stuhle vor dem Bette liegen. Dann trat ein Mädchen ins Zimmer und hieß Else sich waschen und kämmen, worauf es sie vom Kopf bis zum Fuß mit den schönen Kleidern schmückte, als wäre sie das stolzeste deutsche Kind. Nichts machte Elsen so viel Freude als die Schuhe! Sie war ja bis jetzt fast immer barfuß gegangen. Nach Else's Meinung konnten auch des Königs Töchter keine schöneren Schuhe haben! In ihrer Freude über die Schuhe hatte sie nicht Zeit, die übrigen Stücke des Anzugs zu beachten, obschon Alles prachtvoll war. Die Bauernkleider, welche sie mitgebracht hatte, waren in der Nacht fort genommen worden, weshalb? das sollte sie später erfahren.

 

Ihre Kleider waren nämlich der Lehmpuppe angelegt worden, welche an ihrer statt ins Dorf gehen sollte. Die Puppe war in der Nacht in ihrem Behälter angeschwollen und am Morgen ein vollständiges Ebenbild der Else geworden, und ging einher wie ein von Gott geschaffenes Wesen. Else erschrack, als sie die Puppe erblickte, die ganz so aussah, wie sie selbst gestern ausgesehen hatte. Als die Frau Else's Erschrecken bemerkte, sagte sie: »Fürchte dich nicht, Kind! Das Lehmbild kann dir keinen Schaden zufügen, wir jagen es zu deiner Stiefmutter, damit es ihr als Prügelklotz diene! Mag sie es schlagen, so viel sie will, das steinharte Lehmbild fühlt keinen Schmerz. Aber wenn das böse Weib nicht anderen Sinnes wird, so kann dein Ebenbild einmal die verdiente Strafe an ihr vollziehen.«

 

Von diesem Tage an lebte Else so glücklich wie ein verwöhntes deutsches Kind, das in goldener Wiege geschaukelt worden; sie hatte weder Sorge noch Mühe; das Lernen wurde ihr von Tag zu Tage leichter und das vorige harte Leben im Dorfe erschien ihr nur noch wie ein böser Traum. Aber je tiefer sie das Glück dieses Lebens empfand, desto wunderbarer erschien ihr auch Alles. Auf natürliche Weise konnte es nicht zugehen - es mußte eine unbekannte unerklärliche Macht hier walten.

 

Auf dem Hofe stand ein Granitblock etwa zwanzig Schritt vom Hause. Wenn die Essenszeit heranrückte, ging der Alte mit dem langen Barte an den Block, zog ein silbernes Stäbchen aus dem Busen und klopfte damit dreimal an, so daß es hell wiederklang. Dann sprang ein großer goldener Hahn heraus und setzte sich auf den Block. So oft er in dieser Stellung mit den Flügeln schlug und krähte, kam aus dem Block etwas hervor, zuerst ein langer gedeckter Tisch, auf dem so viel Teller standen als essende Personen waren; der Tisch ging von selbst ins Haus, als trügen ihn des Windes Flügel. Wenn der Hahn zum zweiten Male krähte, kamen Stühle dem Tische nachgegangen; darauf eine Schüssel mit Speise nach der andern - Alles sprang aus dem Block heraus und flog wie der Wind zum Eßtisch. Desgleichen Methflaschen, Aepfel und Beeren; Alles schien beseelt, so daß Niemand zu heben noch zu tragen brauchte. Wenn Alle sich satt gegessen hatten, klopfte der Alte zum zweiten Male mit dem Silberstäbchen an den Block, und dann krähte der goldene Hahn Flaschen, Schüsseln, Teller, Stühle und Tisch wieder in den Block hinein. Wenn aber die dreizehnte Schüssel kam, aus welcher niemals gegessen wurde, so lief eine große schwarze Katze der Schüssel nach, und beide blieben auf dem Block neben dem Hahn, bis der Alte sie fort trug.

 

Er nahm die Schüssel in die Hand, die Katze in den Arm und den goldenen Hahn auf die Schulter, und verschwand mit ihnen unter dem Block. Nicht nur Speisen und Getränke, sondern auch alle übrigen Bedürfnisse des Haushalts, selbst Kleider kamen auf das Krähen des Hahns aus dem Block hervor. - Obwohl bei Tische wenig und immer in einer fremden Sprache gesprochen wurde, welche Else nicht verstand, so wurde dafür desto mehr geredet und gesungen, wenn die Frau mit ihren Fräulein in Zimmer und Garten weilte. Allmählich lernte Else auch die Sprache ihrer Gefährtinnen auffassen; sie verstand fast Alles, was gesagt wurde, aber Jahre verstrichen, ehe ihre eigne Zunge sich den fremden Lauten gewöhnte.

 

Einst hatte Else die Kiisike gefragt, warum die dreizehnte Schüssel täglich auf den Tisch komme, da doch Niemand daraus esse, aber Kiisike konnte es ihr nicht erklären. Sie mußte es aber ihrer Mutter gesagt haben, denn nach einigen Tagen ließ diese Elsen zu sich rufen und sprach zu ihr mit ernstem Ausdruck: »Beschwere dein Herz nicht mit unnützen Grübeleien. Du möchtest wissen, warum wir niemals aus der dreizehnten Schüssel essen! Sieh, liebes Kind, das ist die Schüssel verborgenen Segens; wir dürfen sie nicht anrühren, sonst würde es mit unserem glücklichen Leben zu Ende sein. Auch mit den Menschen würde es auf dieser Welt viel besser stehen, wenn sie nicht in ihrer Habsucht alle Gaben an sich rissen, ohne dem himmlischen Segenspender irgend etwas zum Danke zu lassen. Habsucht ist der Menschen größter Fehler!«

 

Die Jahre verstrichen Elsen in ihrem Glücke pfeilgeschwind, sie war zur blühenden Jungfrau heran gewachsen und hatte Vieles gelernt, womit sie in ihrem Dorfe ihr Leben lang nicht bekannt geworden wäre. Kiisike aber war immer noch dasselbe kleine Kind wie an dem Tage, wo sie das erste Mal mit Elsen im Walde zusammen getroffen war. Die Fräulein, welche bei der Frau vom Hause lebten, mußten Kiisike und Else täglich einige Stunden im Lesen und Schreiben und in allerlei feinen Handarbeiten unterweisen. Else begriff alles gut, aber Kiisike hatte mehr Sinn für kindliche Spiele als für nützliche Beschäftigung. Wenn ihr die Laune kam, so warf sie die Arbeit weg, nahm ihr Schächtelchen und lief ins Freie, um See zu spielen, was ihr Niemand übel nahm. Manchmal sagte sie zu Elsen: »Schade, daß du so groß geworden bist, du kannst nun nicht mehr mit mir spielen.«

 

Als jetzt neun Jahre in dieser Weise verflossen waren, ließ die Frau eines Abends Else in ihr Schlafzimmer rufen. Else wunderte sich darüber, denn um diese Zeit hatte die Frau sie noch niemals zu sich kommen lassen. Das Herz schlug ihr so heftig, daß es zu springen drohte. Als sie über die Schwelle trat, sah sie, daß die Wangen der Frau gerötet waren, ihre Augen voll Tränen standen, welche sie rasch trocknete, als wollte sie die selben vor Elsen verbergen. »Liebes Pflegkind,« begann die Frau, »die Zeit ist gekommen, wo wir scheiden müssen.« »Scheiden?« rief Else und warf sich schluchzend der Frau zu Füßen. »Nein, teure Frau, das kann nimmer mehr geschehen, bis uns einst der Tod trennt. Ihr habt mich einmal huldreich aufgenommen, darum verstoßt mich nicht wieder!« Die Frau sagte beschwichtigend: »Kind, sei ruhig! Du weißt ja noch gar nicht, was ich für dein Glück tun will.

 

Du bist heran gewachsen und ich darf dich hier nicht länger in Haft halten. Du mußt wieder unter Menschen gehen, wo Glückspfade deiner warten.« Else aber bat flehentlich: »Teure Frau, verstoßet mich nicht. Ich sehne mich nach keinem anderen Glücke, als bei euch zu leben und zu sterben. Macht mich zur Stubenmagd oder gebt mir andere Arbeit, nach eurem Belieben, aber schickt mich nicht fort in die weite Welt. Da wäre es besser gewesen, ihr hättet mich bei der Stiefmutter im Dorfe gelassen, als daß ihr mich auf so viele Jahre in den Himmel brachtet, um mich jetzt wieder in die Hölle zu stoßen.«

 

»Still, liebes Kind!« sagte die Frau - »du begreifst nicht, was ich zu deinem Glücke zu tun verpflichtet bin, wie sehr es mich auch schmerzt. Aber Alles muß so sein, wie ich es mache. Du bist ein sterbliches Menschenkind, deine Jahre nehmen zu ihrer Zeit ein Ende und deßhalb darfst du nicht länger hier bleiben. Ich und die mich umgeben haben wohl Menschengestalt, aber wir sind nicht Menschen, wie ihr, sondern Geschöpfe höherer Art und euch unbegreiflich. Du wirst in der Ferne einen lieben Gemahl finden, der für dich geschaffen ist, und wirst glücklich mit ihm sein, bis eure Tage sich zu Ende neigen. Die Trennung von dir wird mir nicht leicht, aber es muß sein, und deßhalb mußt du dich ruhig darein fügen.«

 

Dann strich sie mit ihrem goldenen Kamme durch Elsens Haar und hieß sie zu Bette gehen; aber wo sollte die arme Else in dieser Nacht den Schlaf her nehmen? Das Leben kam ihr vor wie ein dunkler sternenloser Nachthimmel.

 

Während wir Else ihrem Kummer überlassen, wollen wir uns ins Dorf begeben, um zu sehen, wie die Sachen auf dem väterlichen Hofe gehen, wo das Lehmbild an ihrer Statt der Prügelklotz ihrer Stiefmutter war. Daß ein böses Weib im Alter nicht besser wird, ist eine bekannte Sache; man erfährt wohl, daß aus einem hitzigen Jünglinge im Alter ein frommes Lamm wird, aber kommt ein Mädchen, das kein gutes Herz hat, unter die Haube, so wird sie auf die alten Tage wie ein reißender Wolf. Wie ein Höllenbrand quälte die Stiefmutter das Lehmbild Tag und Nacht, aber dem starren Geschöpfe, dessen Körper keinen Schmerz empfand, schadete es nicht. Wollte der Mann einmal dem Kinde zu Hilfe kommen, so setzte es für ihn gleichfalls Prügel, zum Lohn für seinen Versuch Frieden zu stiften.

 

Eines Tages hatte die Stiefmutter ihre Lehmtochter wieder fürchterlich geschlagen und drohte ihr dann, sie umzubringen. Wütend packte sie das Lehmbild mit beiden Händen an der Gurgel, um es zu erwürgen, siehe, da fuhr eine schwarze Schlange zischend aus des Kindes Munde, und stach der Stiefmutter in die Zunge, so daß sie tot nieder fiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Mann Abends nach Hause kam, fand er die tote Frau dick aufgeschwollen am Boden liegen; die Tochter war nirgends zu finden.

 

Auf sein Geschrei kamen die Dorfbewohner herbei. Die Nachbarn hatten wohl um Mittag einen großen Lärm im Hause gehört, aber da so etwas fast täglich dort vorfiel, war Niemand hingegangen. Nachmittags war alles still geblieben, aber Niemand hatte die Tochter erblickt. Der Körper der toten Frau wurde nun gewaschen und gekleidet, und es wurden für die Totenwächter zur Nacht Erbsen in Salz gekocht. Der müde Mann ging in seine Kammer, um zu ruhen, und dankte sicherlich seinem Glücke, daß er diesen Höllenbrand los war. Auf dem Tische fand er drei gesalzene Strömlinge und einen Bissen Brot, verzehrte Beides und legte sich zu Bette.

 

Am andern Morgen wurde er tot auf dem Platze gefunden, und zwar ebenso aufgeschwollen wie die Frau. Nach einigen Tagen wurden beide in ein Grab gelegt, wo sie einander kein Leid mehr antun konnten. Von der verschwundenen Tochter erfuhren die Bauern seitdem nichts weiter.

 

Else hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, sie weinte und beklagte die harte Notwendigkeit, so schnell und unerwartet von ihrem Glücke scheiden zu müssen. Am Morgen steckte ihr die Frau einen goldenen Siegelring an den Finger und hing ihr eine kleine goldene Schachtel an einem seidenen Bande um den Hals, rief dann den Alten, zeigte mit der Hand auf Else, und nahm darauf mit betrübter Miene von ihr Abschied. Eben wollte Else danken, als der Alte dreimal mit seinem Silberstäbchen sanft ihren Kopf berührte. Else fühlte alsbald, daß sie zum Vogel geworden war; aus den Armen wurden Flügel und aus den Beinen Adlerfüße mit langen Klauen, aus der Nase ein krummer Schnabel, Federn bedeckten den ganzen Leib. Dann hob sie sich plötzlich in die Luft und schwebte ganz wie ein aus dem Ei gebrüteter Adler unter den Wolken dahin.

 

So war sie schon mehrere Tage gen Süden geflogen und hatte wohl zuweilen gerastet, wenn die Flügel ermatteten, aber Hunger hatte sie nicht gefühlt. Da geschah es, daß sie eines Tages über einem niedrigen Walde schwebte, wo Jagdhunde sie anbellten, die freilich dem Vogel nichts anhaben konnten, weil ihnen Flügel fehlten. Mit einem Male fühlte sie ihr Gefieder von einem scharfen Pfeile durchbohrt und fiel zu Boden. Vor Schrecken war sie ohnmächtig geworden.

 

Als Else aus ihrer Ohnmacht erwachte und die Augen weit öffnete, fand sie sich in menschlicher Gestalt unter einem Gebüsche. Wie sie dahin gekommen und was ihr sonst Seltsames begegnet war, lag wie ein Traum hinter ihr. Da kam ein stolzer junger Königssohn daher geritten, sprang vom Pferde und bot Elsen freundlich die Hand, indem er sagte: »Zur glücklichen Stunde bin ich heute Morgen ausgeritten! Von euch, teures Fräulein, träumte mir ein halbes Jahr lang jede Nacht, daß ich euch hier im Walde finden würde. Obschon ich den Weg wohl hundert Mal umsonst gemacht hatte, ließ doch meine Sehnsucht und meine Hoffnung nicht nach. Heute schoß ich einen großen Adler, der hierher gefallen sein mußte; ich ging der erlegten Beute nach und fand statt des Adlers - euch.«

 

Dann half er Elsen aufs Pferd und ritt mit ihr zur Stadt, wo der alte König sie freudig empfing. Einige Tage später ward eine prachtvolle Hochzeit gefeiert; am Morgen des Hochzeitstages waren funfzig Fuder mit Kostbarkeiten angekommen, welche die liebe Pflegemutter Elsen geschickt hatte. Nach des alten Königs Tode wurde Else Königin und hat dann im Alter die Ereignisse ihrer Jugend selbst erzählt. Aber vom Tontlawald hat man seitdem Nichts mehr gesehen noch gehört.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

 

DER WELT LOHN ...

Fuchs am Bauernhof

 

Ein Knecht hat seinen Wirt vor Gericht gebracht, weil er ihm nicht richtig den Lohn gegeben hatte. Das Korn hatte der Wirt dicht gesät, der Speck war verfault, und das Geld hatte er ihm immer in alten, abgeschabten Fünfern ausgezahlt. Nun gehen sie vor Gericht klagen.

 

Aber als sie des Weges dahin gingen, ruft eine Schlange, die zwischen Steinen stecken geblieben war, sie um Erbarmen an und verspricht der Welt Lohn zu geben. Der Wirt, der wohl ein wenig liebevolles Herz hatte, hilft doch des Lohnes willen und befreit die Schlange.

 

„Streck nun den Hals aus, dann gebe ich dir mit meiner Zunge der Welt Lohn“, spricht die Schlange. Der Mann ist damit nicht zufrieden und spricht: “Dann müssen wir noch weitergehen, und wer uns zuerst entgegen kommt, der mag das Urteil sprechen.“

 

So gehen sie nun. Es begegnet ihnen ein altes Pferd, und nun erzählen sie ihr Anliegen. Das Pferd spricht: „Als ich jung war, hatte ich sehr leichte Füße, und deswegen hielt mich auch mein Herr sehr gut. Wenn der Kutscher mir den Sattel auf den Rücken legte und mich vor die Treppe des Hauses führte, da kam ich ganz lustig und tanzend, und wenn der Herr heraus kam und mit seiner Rute auf den Sattel schlug, so musste ich meine Füße ausstrecken und den Rücken gebogen halten, bis der Herr seinen Fuß aufhob. Dann musste ich anfangen ganz sachte zu gehen, aber wenn der Herr mit dem Stiefelabsatz drückte, dann musste ich die Füße loslassen. Und auf dem Weg, wenn einige geputzte Deutsche uns entgegen kamen, dann musste ich den Kopf in die Höhe halten und die Hinterfüße länger. Aber wenn einige Arme entgegenkamen, dann musste ich in die Quere über den Weg gehen, so dass der Kopf seitwärts war und der Hintern den Armen entgegen; und wenn ich dies ausführen konnte, so gaben sie mir, wenn ich nach Hause kam, so viel Hafer, als noch übrig blieb, und damit fuhr man mir dann über den Rücken, dass das Haar danach glänzend wurde. Aber nun bin ich alt geworden, und die Füße sind Steif, denn jetzt geht es nicht mehr so, und jetzt tauge ich nicht mehr zum Reiten. Nun treiben sie mich mir einem Klotz in die Riege und heißen mich bei einem Heukorb fressen. Seht, das ist der Welt Lohn.“

 

„Nun, was ist jetzt zu tun?“ – „Man muss noch weiter gehen, was kann so ein Alter urteilen? Und wer uns jetzt begegnet, der mag entscheiden.“ Nun kommt ein alter Hund entgegen, sie erzählen ihm ihr Anliegen, und er soll nun wieder entscheiden. „Als ich ein kleines Hündchen war, wurde mir ein an jedem Morgen warme Milch gewärmt, und zuletzt kam noch der Herr selbst und versuchte mit dem Finger, ob sie nicht noch heiß wäre. Und als ich erwachsen war, da nahm er mich mit auf die Jagd, und wenn ich einen Hasen fing, gab mir der Herr die Füße und den Kopf. Als ich aber nicht mehr zu rennen vermochte, so versalzte man es mir manches Mal mit der Peitsche und gab mir nicht mehr Kopf und Füße, weil ich so manchen Hasen davon gelassen hatte, und jetzt gibt man mir nicht mehr als zweimal täglich Brantweinspülicht zu lecken und befiehlt mir, draußen zu liegen und zu frieren. Wenn ihr darüber einig geworden seid, so seht ihr wohl, welches der Welt Lohn ist, und dann musst du auch deinen Hals her geben.“

 

Der Mann ist damit noch nicht zufrieden und spricht: „Was können solche urteilen, sie haben ja beide Herrenbrot gegessen. Wir müssen noch weiter gehen, Recht zu suchen.“ Die Schlange ist auch damit zufrieden, sie gehen.

 

Aber nun kommt ihnen ein Fuchs entgegen, dem sie nun wieder ihr Anliegen klagen und dass sie nicht Recht finden können. Der spricht nun: „Wenn ich euch nicht recht sprechen kann, so kann es keiner mehr tun, denn ich bin ein überaus kluges Waldtier, das schon viel auf der Welt gesehen hat. Habt ihr nicht in Büchern gelesen, welche Prozesse ich durchgeführt habe?“ Und er schleicht sich dem Mann ganz nahe ans Ohr und fragt: „Wie viel versprichst du?“ Der Mann verspricht zehn Hühner, zwei Gänse und ein Putermännchen. „Aber was für ein Urteil kann ich euch hier sprechen? Wir müssen zu der Stelle gehen, wo die Schlange zwischen den Steinen gewesen ist, und sie mag ihren Kopf ebenso dazwischen legen, dann sehe ich, wie ihr sie gerettet habt.“

 

Und das tun sie; sie legen die Schlange zwischen die Steine, und der Fuchs geht tanzend mit dem Mann zusammen in den Bauernhof. Der Mann geht nun ins Zimmer und heißt den Fuchs zu warten, erzählt der Frau, dass der Fuchs ihn gerettet hat, denn sonst wäre er nicht lebendig nach Hause gekommen, und dass man dem Fuchs zehn Hühner, zwei Gänse und ein Putermännchen geben müsse.

 

Als ob der Frau Salpeter in den Hintern gesteckt wäre, rennt sie hinaus und fängt an, aus vollem Hals die Hunde zu rufen: „Seipur, Seipur! Briten, Dux, Kranz! Hussa, hussa! Der Fuchs will unsere Hühner erwürgen!“ Und wenn der Mann nicht die Hunde eingesperrt hätte, so hätte der Fuchs recht eigentlich der Welt Lohn zu kosten bekommen. Seht, wie dieser Lohn der Welt beschaffen ist.

 

Quelle: Livische Märchen

 

 

SO LIEB WIE DAS LEBEN ...

Ein Leben für die Lebensblume

 

Zu einem der dahin wanderte, sprach das junge Mädchen, das am Wege saß: „Ach wandre doch lieber nicht mehr voran, denn du wanderst in Not und Kummer hinein.“ Er aber sah sie kaum und eilte weiter. Da saß eine andere am Wege, die sah viel älter aus und sagte: „Hüte dich doch, noch fort zu wandern, denn du wanderst in Tod und Verderbnis.“

 

Er sah sie etwas an, aber er eilte weiter, ohne mit ihr zu sprechen. Da saß zum dritten ein Weib da, faltig im Gesicht und greisenhaft in den Augen, die raunte: „Wandersmann, Wandersmann, deine Seele liegt im Bann.“

 

Da blieb er stehen mit den Worten, nun habe er aber genug von den Weiberrufen. „Es wird dich keine mehr aufhalten wollen“, mahnte die Greisin mit hoch erhobener Rechten, „aber nun höre die letzte Rede von mir. Der Rabe hat mir in aller Frühe erzählt, daß du ausziehest, die strahlende Blume zu suchen. Wir drei sind die Warnerinnen vor Gefahr für Leib und Seele dabei. Hüte dich, wenn du um deinetwillen gehst aus Fürwitz, Habgier oder Eitelkeit; dann kommt deine Leiche baldigst hier den Fluß zurück geschwommen. Sage mir, warum du gehst?“

 

Da der junge Wandersmann merkte, daß das Mütterchen es wirklich gut mit ihm meinte, so vertraute er ihr an, daß er die strahlende Blume suche, um seiner Braut vor der Hochzeit das Schönste zu schenken, was sie auf Erden wisse; sie hielte die Blume so lieb wie ihr Leben, und darum ging er.

 

Die Alte schüttelte ihr schneeweißes Haupt: „Höre, das ist nicht recht von ihr, daß sie dich gehen läßt. Dir kann es vielleicht gelingen, aber was dann daraus wird, das mußt du hin nehmen. Du gelangest jetzt an einen großen Sumpf, der voll lauter Schlangen ist; mittendurch zieht sich ein Pfad, von dem du kein bißchen abweichen darfst, wenn dir die Schlangen noch so sehr vor die Füße kriechen; weichst du nur im geringsten ab, so bist du verloren. Nachher kommt eine große Schlucht, in welcher der Riesenbär sein Lager hat, der wird dir den Weg versperren; du mußt ihm aber ganz ruhig die Hand in den Rachen stecken und ihn einladen, er möge nur zubeißen, wenn er wolle, so wirst du ihn loswerden, ohne Schaden für dich. Dann erblickst du bald die Blume, aber was du nun zu tun hast, mußt du dir alleine raten.“

 

Er kam durch den Sumpf und kam auch von dem Bären los. Wie er dann die strahlende Blume ansah, stutze er. Sie stand rings umgeben von einem tiefen grässlichen Abgrund, über den nirgends eine Brücke führte; nur an einer Stelle hing ein Spinnwebefädchen von einer Kante zur anderen. Er schloß eine Weile die Augen und schritt dann kurz gefasst über das Spinnwebefädchen, daß ihn ganz gut trug, als wäre es eine Brücke von Stein.

 

Nun konnte er die Blume pflücken; aber so oft er auch danach greifen wollte, zuckte es in ihm wieder zurück. Da warf er sich auf die Knie und rief vor sich hin: „Meine Braut ersehnt es ja, es ist ihr so lieb wie das Leben.“ Danach brach er die Blume und barg sie wohl. Kaum geschehen, erfaßte es ihn wie ein Wirbelwind. Ehe er es nur ordentlich wahrnehmen konnte, war er an den drei Frauen vorbei und flog nur so durch das Land dahin.

 

Aus dem Haus der Braut klang ihm frohes Lachen und Jubeln entgegen von allen, die darin waren. Die Braut griff voller Wonne die Blume und drückte sie an die Lippen. Auf einmal lag sie dem Bräutigam tot im Arm. Sie hatte sich selbst das Schönste auf Erden gewünscht, so lieb wie ihr Leben.

 

Volksmärchen aus  Ostpreußen

 

JONAS UND DAS KNOCHENWEIB ...

Das Knochenweib und der Vogel

 

Einstmals hatte ein Gutsherr sieben Söhne. Doch als eine schwere Krankheit ihn befiel, wollte er keinem von seinen Söhnen das Gut übereignen, denn er dachte: Ich kann ja wieder gesund werden, und sie könnten dann hartherzig gegen mich sein. (Wir wissen ja, wie es sonst so mit den Vätern und den Müttern ist: wem zu Lebzeiten ihr Herz mehr zugeneigt ist, dem verschreiben sie bei ihrem Tode mehr.) Aber ihn trog seine Hoffnung, denn in einem unglücklichen Augenblick drückte ihm die Krankheit das Herz zusammen, und er starb eher, als er geglaubt hatte.

 

Die Söhne aber wußten nach dem Begräbnis des Vaters weder, an wen der Hof nun fallen sollte, noch wie sie ihn sich teilen könnten. Der eine will ihn haben und der andere auch. Da vertranken sie schließlich das Gut, und so hatte nun ein jeder gleich viel davon. Sie kamen dann überein, sie wollten gemeinsam irgendwo in den Dienst treten.

 

Sie zogen aus, einen größeren Bauern zu suchen, der sie alle sieben in den Dienst nimmt. Als sie einen solchen Bauern gefunden hatten, vereinbarten sie, wie es sich gehört einen Dienst auf ein Jahr und sie blieben bei ihm. Nun kam die Heumahd, und sie machten sich auf, das Gras zu mähen.

 

Als sie einen Tag gemäht hatten und schon ein gutes Stück Wiese abgemäht war, da kommen sie am nächsten Morgen wieder und sehen: irgend jemand hat alles am Tag zuvor gemähte Gras weg genommen. So geschah es an einem Tage, am zweiten und am dritten. Da kamen sie überein, in der Nacht eine Wache aufzustellen, um zu sehen, wer da kommt und das Heu wegnimmt. So blieb der Älteste über Nacht als Wächter, und die anderen gingen nach Hause.

 

In der Nacht kam eine Stute mit sieben Hengstfohlen. Sie gingen die Mähbahnen entlang und fraßen alles dort liegende Heu auf. Der Bruder versuchte immer wieder, die Pferde zu fangen, doch er konnte nichts ausrichten, und das ganze Heu wurde aufgefressen.

 

Als die Brüder am Morgen zum Mähen kamen, fragen sie den Ältesten: "Na, hast du gut aufgepaßt?" Er antwortet: "Da kam eine Stute mit ihren sieben Hengstfohlen, und sie haben alles aufgefressen, immer die Mähbahnen entlang"

 

"Du Dummkopf, warum hast du sie denn nicht gefangen?" Er sagt: "Ich habe sie die ganze Nacht hindurch zu fangen versucht, doch ich konnte nichts ausrichten..." In der folgenden Nacht wacht ein anderer, in der dritten Nacht wieder ein anderer. Keiner von ihnen hatte Erfolg.

 

In der siebenten Nacht war nur noch der jüngste Bruder übrig. Doch den wollten die anderen durchaus nicht als Wächter zurücklassen: "Wenn wir schon nichts fangen konnten, dann kannst du es doch erst recht nicht !.." Mit großer Hartnäckigkeit erreichte er jedoch irgendwie, daß er bleiben durfte. So machte er sich in der Nacht einen großen Heuhaufen zurecht und lag nun darin. Da kam die Stute mit ihren Hengstfohlen zu dem Heuhaufen, um zu fressen. Sofort packte er die Stute. Da begann sie zu sprechen und sagte: "Wenn du nach Hause geritten kommst, dann nehmen sich deine Brüder mit Gewalt die guten Fohlen, und für dich wird nur das kleinste übrig bleiben. Doch gräme dich nicht, nimm das kleinste und tue immer, was es dir sagt, dann wird alles gut ausgehen..."

 

So kam es denn auch. Kaum war der Jüngste nach Hause geritten, da teilten die älteren Brüder auch schon die besseren Pferde unter sich auf und ließen ihm nur das schlechteste übrig. Sie waren selber sieben, und es waren ja auch sieben Hengstfohlen - es fehlte keines, und keines war zu viel. Sie sprachen untereinander: "Wohin reiten wir jetzt? Wollen wir doch zum Knochenweib reiten und sie besuchen. Sie hat sieben Töchter ..."

 

Doch das Knochenweib wohnte auf einer Insel. Darum überlegten sie: "Wie sollen wir auf die Insel kommen?" Der jüngste Bruder hieß Jonas. Der sagt: "Reiten wir nur los, ich werde euch auf die Insel bringen..." Und sie ritten los. Sie kamen an das Haff. Das kleine Pferdchen sagt zu Jonas: "Schlage mit einem Tüchlein nach der einen und nach der anderen Seite, so wird das Wasser auseinander gehen."

 

Also schlug er mit einem Tuch, und das Wasser trat auseinander. Alle ritten nun zum Knochenweib zu Besuch. Sie empfing sie gastlich, gab ihnen reichlich zu essen und zu trinken. Am Abend ließ sie alle in den schönen Wohnspeicher, wo sie schlafen sollten. Doch der Jüngste ging, ehe er sich niederlegte, nach seinem Pferdchen sehen.

 

Das fing an zu sprechen und sagte zu ihm: "Wenn ihr euch hingelegt habt, werden die anderen schlafen, doch du schlafe nicht. Die Jungfern decken sich mit Decken zu, doch euch geben sie keine. Auch wenn alle schlafen, hüte du dich und schlafe nicht! Ihr werdet mit euren Mänteln zugedeckt sein. Vertausche Decken und Mäntel! Nimm die Decken und bedecke dich und deine Brüder damit, die Jungfern aber decke mit euren Mänteln zu, und du wirst sehen, was dann passiert." So tat er denn auch.

 

Als die anderen alle eingeschlafen waren, schlief er nicht, sondern vertauschte Decken und Mäntel. Die Mädchen deckte er mit den Mänteln zu, doch die Brüder und sich selbst mit den Decken, die er den Töchtern weg genommen hatte. Plötzlich, mir nichts dir nichts, löste sich der Säbel vom Haken und schnitt allen Jungfern die Köpfe ab. Da lief der Jüngling eilig zu seinem Pferdchen: ".. das und das ist geschehen: der Säbel hat alle Jungfern geköpft und ist dann wieder an seinen Haken zurückgekehrt!"

 

Das Pferdchen sagte: "Lauf flink, wecke deine Brüder und reitet so schnell wie möglich fort, daß das Knochenweib es nicht merkt!" Er lief und weckte seine Brüder: "Seht mal, hier ist es nicht geheuer für uns, reiten wir lieber nach Hause!" Alle sprangen hurtig auf die Pferde und ritten los.

 

Sie kamen an das Haff. da schlug er wieder rechts und links mit dem Tuch auf das Wasser, und sofort teilte es sich auseinander. Sie reiten durch das Haff - da kommt das Knochenweib angerannt. Das Wasser schlug sofort wieder hinter ihnen zusammen, da war nichts mehr zu machen. Das Knochenweib begann zu rufen: "Ach, Jonas, Jonas, bist du schlau, daß du meine Töchter hast köpfen lassen!"

 

Doch die sieben Brüder ritten ans andere Ufer des Haffs und sprachen untereinander: "Wohin soll'n wir jetzt reiten '! Ach, reiten wir doch zum König und treten in seine Dienste." Als sie zu den Soldaten ritten, fanden sie auf dem Wege eine wunderschöne Feder. Die wollte Jonas gern haben, er stieg ab und hob sie auf. Doch das Pferdchen erlaubt es nicht und sagt: "Du wirst dadurch in große Not kommen!" Doch nein, er gehorchte nicht und nahm die Feder mit.

 

Sie ritten zum König und traten in den Kriegsdienst. Jonas freute sich sehr über die wunderschöne Feder und steckte sie an seine Mütze und trug sie immerfort. Dem König gefiel auch die Feder und er verlangte nach ihr. Als Jonas ihm sie gab, erhielt er vom König für die Feder einen höheren Rang, als seine Brüder. Die Brüder aber packte die Wut darüber, daß er, der Jüngste, höher gestellt war als sie.

 

Sie fingen an, ihn beim König  schlecht zu machen: "Gnädiger Herr König, unser Jonas schüttet sich aus vor Lachen, daß du, der König, dich über Nichtigkeiten freust. Er behauptet, er hätte auch noch den dazu gehörigen Vogel selbst." Der König rief Jonas sofort zu sich und herrschte ihn an: "Gib mir den zu der Feder dazu gehörigen Vogel!" Der Jüngste aber erschrak, denn er wußte ja, daß er den Vogel nicht hatte. Was sollte er tun - er ging zu dem Pferdchen und fragte es, was er machen solle. "Denn so und so, der erlauchteste König fordert von mir den dazu gehörigen Vogel selbst !"

 

Das Pferdchen antwortet: "Warum hast du nicht auf mich gehört? Habe ich dir nicht gesagt, nimm diese Feder nicht, du wirst in Not geraten? Du hast nicht hören wollen. Und nun - das Knochenweib hat den dazu gehörigen Vogel, doch wie willst du ihn ihr weg nehmen? Komm, reiten wir hin, ganz gleich, wie es ausgeht!"

 

Sie ritten beide zum Knochenweib. Das Pferd gebot ihm, sich in einen Kater zu verwandeln, im Obstgarten herum zu spazieren und laut zu schreien. So tat er  es auch, er ging hin, verwandelte sich in einen Kater, lief im Obstgarten umher und schrie laut. Das Knochenweib lockte ihn: miez-miez-miez!, doch er schrie nur noch lauter.

 

Wieder lockte sie und sagte: "Liebes Katerchen, bist du nicht vielleicht Jonaslein?" Der schrie: "Nein, nein." Sie nahm ihn mit in die Gästestube und gab ihm Milch zu schlappern. Er sieht, daß der Vogel, dem die Feder gehört,  in einem Käfig sitzt. Das Knochenweib legt sich zum Mittagsschlaf hin, und Jonas packte sich darauf hin den ganzen Käfig, lief aus dem Hause und ritt davon. Als er zum Haff geritten kam, trennte er das Wasser, und als er zum anderen Ufer geritten war, schlug das Wasser des Haffs wieder zusammen. Das Knochenweib kam angerannt und rief: "Ach, Jonas, bist du schlau! Aber ich werde dich noch kriegen! Meine Töchter hast du köpfen lassen, und den kostbaren Vogel hast du mir gestohlen!"

 

Der Jüngste ritt nach Hause, übergab dem König den Vogel und erhielt dafür einen noch höheren Rang. Die Brüder packte darauf eine noch größere Wut. Sie hätten ihn am liebsten aufgefressen. Da schrieb ein anderer König an diesen, daß er, in dem und dem Monat, an dem und dem Tage, gegen ihn einen Krieg beginnen wolle. Da war der König in großer Bedrängnis geraten, denn er hatte nur ein kleines Land, der andere aber, der den Krieg ankündigte, hatte ein großes.

 

Da sagten die neidischen Brüder zum König, daß Jonas einen Säbel habe, der von selbst ein ganzes Heer nieder machen könnte. Der König rief Jonas sofort zu sich und gebot ihm, den Säbel zu geben. Er antwortete aber: "Durchlauchtigster König, einen solchen Säbel habe ich nicht." Sollte ihm der König das glauben? Wenn seine Brüder es behaupten, dann muß er solch einen Säbel haben und er der König, verlangte von Jonas den Säbel.

 

Jonas ging zu seinem kleinen Pferd und sagt: " Was soll ich jetzt machen? Wo bekomme ich einen solchen Säbel her, der allein ein ganzes Heer nieder macht?" Das Pferdchen antwortet: "Das Knochenweib hat ihn, doch wie willst du ihn bekommen? Reiten wir beide auf gut Glück zu ihr!" Sie ritten beide zum Haff. Er schlug mit dem Tuch das Wasser, und es teilte sich auseinander und sie ritten hindurch.

 

Als sie ankamen, sagte das Pferdchen zu ihm: "Verwandle dich in ihren wunderschönen Vogel und fliege auf dem Hof um her." Als sie hin geritten waren, verwandelte sich Jonas sofort in jenen Vogel, flatterte um her und sang. Gleich wollte das Knochenweib ihn greifen: "Mein liebes Vögelchen, du bist zu mir nach Hause zurück geflogen!" Sie trug ihn in die Gästestube, gab ihm Zucker zu picken und sagte: "Vöglein, bist du nicht vielleicht Jonaslein?" Doch dieser singt: "Nein, nicht Jonaslein!"

 

Da legte sich das Knochenweib zum Mittagsschlaf hin, Jonas jedoch packte den Säbel und lief damit aus dem Hause. Er ritt in das Haff, und als er am anderen Ufer war, schlug das Wasser wieder zusammen. Das Knochenweib kam gelaufen, doch sie konnte nichts mehr ausrichten. Sie ruft: "Wenn du auch noch so schlau bist Jonas,  so denke daran, daß du mich nicht noch einmal betrügen wirst!"

 

Jonas brachte den Säbel dem König und zeigte ihn ihm, doch er sagte: "Durchlauchtigster König, sei nicht böse auf mich! Ich zeige dir den Säbel nur - im Kriege werde ich ihn selber tragen, aber nach dem Kriege werde ich ihn dir übergeben." "Gut", sagte der König, "ich habe keinen Grund, auf dich böse zu sein, denn ich werde ja nicht selber im Kriege kämpfen, das brauche ich nicht. Wir wollen diesen Säbel nur als Hilfe für unser Heer haben."

 

Da kam der Tag des angegebenen Monats, und sie treten beide zum Kriege an. Als aber der Jüngste seinen Säbel los ließ da machte er das ganze Heer nieder. Der König bekam nun auch noch das andere Königreich. Da machte dieser König Jonas zum Höchsten nach ihm selbst. Die anderen Brüder platzten fast vor Neid - sie wußten nicht mehr, wie sie Jonas los werden sollten und suchten nach Möglichkeiten, ihm zu schaden.

 

Nach dem Kriege herrschte drei Tage und drei Nächte lang eine solche Finsternis, daß weder Sonne noch Mond zu sehen waren. Daraufhin meldeten seine Brüder dem König, dass Jonas  gesagt hätte, er wisse, warum drei Tage und drei Nächte diese Finsternis gekommen ist. Die Jungfrau des Haffs hätte auf dem Wasser ein Festgelage veranstaltet, so daß von den verschiedenen Freudenschüssen und Rauchschwaden die Sonne am Tage und der Mond bei Nacht nicht zu sehen gewesen waren.

 

Der König schickte Jonas sofort hin, die Wasserjungfrau zu fangen und vor ihn zu bringen. Jonas lief zu seinem Pferdchen: "Was soll ich tun? Kann ich irgendwie die Wasserjungfrau fangen?" Das Pferdchen antwortet: "Wir fangen sie, aber nimm einen kleinen Tisch und zwölf Flaschen gefüllt mit einem starken, wohlschmeckenden Trunk mit."

 

Jonas lief und besorgte alles, und beide ritten los. Sie kamen zum Haff, stellten das Tischlein am Ufer auf, stellten alle Flaschen darauf und zogen sich zurück. Die Wasserjungfrau tauchte im Haff ein Stückchen vom Ufer entfernt auf, tauchte wieder unter, dann tauchte sie wieder ganz nahe am Ufer auf, stieg das steile Ufer hinauf, kam zu dem Tischchen, nahm eine Flasche, trank sie aus, dann die zweite und die dritte und fiel schließlich  unter den Tisch um. Das Pferdchen sagt: "Lege sie jetzt auf meinen Rücken, steige selber auf und reite nach Hause, doch wecke sie nicht!" Die Wasserjungfrau wachte nicht auf, als sie  nach Hause ritten.

 

Der König war ein Witwer, und als er die Wasserjungfrau erblickte, wollte er sie sofort heiraten, . "Nein", sagt sie, "ich werde dich nicht heiraten, solange du nicht so schön geworden bist wie ich." Der König fragt: "Wie kann ich so schön werden wie du?" Sie antwortet: "Lasse einen Kessel voll süßer Milch aufkochen, springe in die kochende Milch, und du wirst so schön, wie ich."

 

Der König befahl sofort einen Kessel mit Milch kochen zu lassen. Seine Köche brachten die Milch zum Kochen, doch der König konnte und konnte sich kein Herz fassen, um hinein zu springen. Er gebot Jonas hinein zu springen.  Jonas lief zum Pferdchen, um sich Rat zu holen: "Pferdchen, soll ich hinein springen, wenn der König mich dazu drängen sollte?" Das Pferdchen antwortet: "Wenn er dich nötigen wird, so springe nur, aber gib dir die größte Mühe gleich wieder heraus zu springen!"

 

Er lief zurück - der König ging immer noch unschlüssig um den Kessel herum: "Nun, Jonas, wirst du zuerst hinein springen?" Daruf hin sprang Jonas sofort - hops - hinein und wieder hinaus. Und als er sofort wieder heraus gesprungen kam, war er eben so schön wie die Jungfrau. Nun wollte auch der König springen, doch  als er hinein sprang, zerging er sofort in der Milch. Daraufhin heiratete Jonas die Jungfrau und wurde ein sehr tapferer und gerechter König. So beschämte er alle seine Neider.

 

Je mehr die Neider einem Menschen übel wollen, desto besser gelingt ihm alles.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DIE SONNE UND DIE MUTTER DER WINDE ...

Der Bulle und seine Kühe

 

Es waren einmal drei Brüder. Der eine Bruder, Juozapas, sah mit seinen Augen immer zwei Sonnen: am Morgen zur Frühstückszeit und gegen Abend zur Zeit der Vesper, sonst sah er die zweite Sonne nicht. Er bat seine Brüder, sie möchten ihn die andere Sonne suchen lassen. Die Brüder ließen ihn ziehen und segneten ihn. Er zog in andere Länder und kam in große Wälder. Da hörte er im Walde einen lauten Streit. Juozapas wollte gerne wissen, wer sich dort zankt. Er sah einen Löwen, einen Habicht, eine Ameise und einen Wolf, die  einen Bullen gerissen hatten und wissen nun nicht, wie sie ihn unter sich aufteilen sollen.

 

Da bemerkte der Löwe den Menschen und rief ihn herbei: "Mensch, sei so gut, teile das Fleisch unter uns auf!" Da schnitt Juozapas dem Bullen den Kopf ab und gab ihn der Ameise: "Du bist klein, du kannst alle kleinen Löcher leer fressen." Das Fleisch gab er dem Löwen, die Knochen dem Wolf, die Därme dem Habicht. "Seid ihr alle mit meiner Teilung zufrieden?" fragte er - "Ja, sehr zufrieden!" Jedes der Tiere gab ihm ein wenig von seinen Haaren, die Ameise gab ihm einen Fühler, der Habicht eine Feder: "Wenn du einmal in Not bist, dann erinnere dich an unsere Gaben - dann wird wahr, was du dir wünschst!" Juozapas ging weiter durch den Wald und wurde hungrig. Er dachte an den Wolf und wurde sogleich zum Wolf, fing sich einen Widder und aß sich satt. Dann dachte er an den Habicht. Er wurde zum Habicht und flog schnell in ein fernes Land.

 

Es fügte sich so, dass er in das Reich der Mutter der Winde flog. Er ging in ein Haus und grüßt mit dem Lob Gottes. "In Ewigkeit! Was suchst du?"  wurde er gefragt - "Ich suche die zweite Sonne." - "Ich werde ein Knäuel rollen. Folge diesem Knäuel - und du kommst zu meiner Mutter." Er fasste mit dem Schnabel, da er ein Habicht war, den Faden, und er musste sehr weit  fliegen, bis er zur Mutter der Winde kam.

 

Die Mutter der Winde stellte ihn in den Obstgarten als Wächter ein: "Wenn du auf den Garten aufpasst, wirst du morgen von der Sonne hören!" Sie gab ihm ein Schwert, und er ging hinaus in den Obstgarten. Mitten in der Nacht kam ein Mann, die Bäume reichten ihm nicht einmal bis zu den Lenden. Wie nichts stieg der Riese über den Zaun, riß Bäume aus und wollte sie davon tragen. Juozapas stürzte sich mit dem Säbel auf ihn und hieb dem Riesen beide Hände ab, und der Riese ging fort. Nach einer Stunde kam ein anderer, der trat den Wald mit seinen Füßen nieder. Er stützte sich auf den Zaun, wollte wieder einen Apfelbaum ausreißen. Da schlug Juozapas ihm den Kopf ab. Da kam ein dritter Riese, den spaltete er mitten durch.

 

Als es Tag wurde, ging Juozapas zur Hausherrin und erzählte ihr von den Sorgen und Mühen dieser Nacht. Da ging die Mutter der Winde mit ihm in den Obstgarten nachsehen, und sie fand die erschlagenen Riesen. Für diese gute Tat schenkte sie ihm drei Äpfel. Diese Äpfel waren sehr kostbar. Sie rief ihre Kinder zusammen, die vier Winde, und fragte sie: "Habt ihr nicht irgendwo die zweite Sonne gesehen?"

 

Der Nordwind antwortete: "Das ist keine Sonne. Ich war heute dort und habe sie gesehen. Das ist eine Jungfrau auf einer Insel im Meer, dort steht ihr Palast. Sie hat Haare wie die Sonne." Die Mutter der Winde rollte für Juozapas wieder ein Fadenknäuel auf. Er verwandelte sich in einen Habicht, ergriff mit dem Schnabel den Faden und flog ans Ufer des Meeres.

 

Da kam der Nordwind zu ihm geflogen und riet ihm: "Warte jetzt bis zum Abend. Dann kommt der Bulle der Jungfrau mit drei Kühen aus dem Walde nach Hause, und sie schwimmen über das Meer zum anderen Ufer. Hänge dich dem Bullen an den Schwanz, er bringt dich zum anderen Ufer hinüber. Aber wenn du drüben bist, dann tauche unter, denn er stößt dich mit den Hörnern zu Tode, wenn er dich sieht.

Wenn du aus dem Wasser kommst, wirst du auf der Insel einen Birkenstamm finden. Krieche unter den Stamm, denn der Bulle wird dich suchen. Nach dem Frühstück geh ins Schloß und finde das Zimmer, wo die Jungfrau schläft. Du wirst sie schlafend vorfinden, sie liegt auf dem Gesicht. Setze dich auf ihren Rücken wie auf ein Pferd, winde ihre Haare um deine Hände. Sie wird sagen: 'Lass mich frei! Wenn du mich nicht frei lässt, wird das Land verschwinden und überall Meer sein.' Antworte darauf: 'Ich werde auf dir zum Ufer schwimmen.' Dreimal wird sie das sagen und du antwortest immer das selbe. Warte bis sie zu dir sagt: 'Du bist mein, ich bin dein.' Dann lass sie frei."

 

Als abends der Bulle mit den Kühen aus dem Walde heim kam, hängte sich Juozapas  an den Schwanz des Bullen, und der brachte ihn über das Wasser. Darauf tat Juozapas alles nach dem Rat des Windes. Die Jungfrau ließ er erst frei, als sie gesagt hatte "Du bist mein, ich bin dein!" Sie beide lebten dort viele Jahre, und Juozapas als ihr niedriger Diener. Er trieb selbst jeden Morgen die Kühe über das Meer, der Bulle tat ihm nichts mehr.

 

Einmal fand Juozapas auf einem Dornenstrauch ein Haar der Jungfrau, und fand eine Haselnuss mit einem Loch. Er wickelte das Haar zusammen, steckte es in die hohle Nuss und warf sie ins Meer. Da leuchtete aus dem Meer ein Strahl zum Himmel auf, wie der größte Stern. Ein Königssohn, der auf dem Meere fuhr, sah den hellen Strahl. Er richtete sein Schiff direkt auf den Strahl zu, fuhr näher heran, schaute durch sein Fernrohr und fand die Haselnuss. So schnell wie möglich fuhr er nach Hause zurück.

Der Königssohn hatte eine alte Hexe in seinen Diensten und er fragte diese: "Sage, Großmütterchen, was ist das für ein Haar?" - "Es gibt eine Jungfrau mit solch goldenen Haaren!" - "Könntest du sie nicht hierher schaffen? Ich werde dir dafür eine goldene Hängewiege gießen und dich Tag und Nacht schaukeln!"

 

Die alte Hexe verwandelte sich in eine Bettlerin und ging zu der Jungfrau, und sie erzählte ihr, dass man sie von einem Schiff gejagt und ans Ufer gesetzt hätte: "Ich arme Bettlerin habe sie gebeten mich mitfahren zu lassen, doch sie haben mich hier ans Ufer gesetzt. Vielleicht nimmt die gnädige Herrin mich als Dienerin? Ich will ihr treulich dienen."

 

Die Jungfrau nahm sie auf als Dienerin. Die Hexe war bei der Jungfrau eine Woche, eine zweite - sie erwies sich treu, wie eine richtige Dienerin. Was die Herrin sie zu tun hieß, das machte sie zweimal besser, als es von ihr gefordert war. Als die Hexe eines Nachts den Königssohn traf, gebot sie ihm, ein goldenes Schiff gießen zu lassen und dorthin zu fahren, wo er die Haselnuss gefunden hatte; und er sollte dafür sorgen,  dass dort eine silberne Brücke sein sollte.

 

Am Morgen um die achte Stunde stand die Jungfrau auf, trat aus ihrem Palast und erblickte das neue Schiff. Ein solches Schiff hatte sie noch nie gesehen! Die alte Frau rief die Herrin zu: "Kommt, wir wollen uns das Schiff ansehen!" Die Jungfrau war barhäuptig aus dem Palast getreten, und sie wollte zurück kehren, um ein Tuch zu holen. Doch die Zauberin sagte zu ihr: "Ich werde eines holen!" und sie begab sich zurück zum Palast.

 

Als sie dort an kam, schlief Juozapas noch. Die Hexe nahm ein Messer und schlachtete ihn ab. Sie nahm  ihm die Lunge und die Leber heraus, und im Vorübergehen warf sie beides ins Meer. Die Herrin wußte nicht, was sie da getan hatte. Sie kammen nahe an das Schiff heran und sahen, dass kein Mensch darauf war. Die Zauberin forderte die Herrin auf ein zu steigen, um sich das Schiff an zu sehen.

Als sie eingestiegen war, fuhr das Schiff aufs Meer hinaus. Da kam der Königssohn heraus gesprungen, ergriff die Herrin und führte sie in sein Gemach: "Fürchte dich nicht, bei mir wirst du es besser haben als hier. Ich habe ein Königreich, ich habe viele Krieger." Er fuhr mit ihr in sein Königreich. Er wollte sie sofort heiraten. Die Jungfrau wollte ihn nicht heiraten und sagte dem Königssohn: "Ich kann erst in einem Jahr heiraten! Ich trauere um meinen Vater, der  vor kurzem gestorben ist." So lange sie nur immer konnte, zögerte sie immer wieder die Zeit hinaus, denn sie wollte nicht, dass er sie heiratete.

 

Im Land der Mutter der Winde, kamen alle vier Winde bei ihrer Mutter zusammen, um von ihr Neuigkeiten zu hören. Sie sahen, dass im Obstgarten der Mutter alle Apfelbäume verwelkt waren. "Warum ist das so, Mütterchen?" - "Lauft hin und seht nach, vielleicht ist unser Freund  der unseren Garten bewacht hat, nicht mehr am Leben." Also flogen alle vier Winde aus, um Juozapas zu finden. Sie fanden ihn abgeschlachtet im Schloß auf der Insel. Sie fingen an, an den Ufern entlang und überall im Wasser seine Lunge und Leber zu suchen. Da sahen sie einen sehr großen Krebs, der die Lunge in seine Höhle schleppte. Sie nahmen ihm die Lunge und die Leber weg.

 

Der Nordwind tauchte in das Meer und brachte das heilende Wasser des Lebens mit. Sie bestrichen und wuschen Juozapas mit dem Heilwasser und Juozapas wurde lebendig und gesund. Die vier Winde fragten: "Wo ist die Jungfrau abgeblieben?" - "Ich weiß es nicht. Ich hatte geschlafen." - "Nein, du bist abgeschlachtet worden! und die Jungfrau ist verschwunden." Darauf hin suchte Juozapas  die Jungfrau in allen Ländern -  aber nirgends konnte er seine Herrin finden. Er fragte die Winde um Rat: "Was soll ich jetzt tun?"

 

Der Nordwind sagte: "Geh im Schloß in ihr Gemach, dort findest du Zaumzeug und einen Sattel. Sattle dir deinen Bullen, er wird sich in ein prächtiges Pferd verwandeln, dass es im ganzen Königreich kein zweites solches gibt. Steige auf, und reite dann über dem Meer, denn  du wirst besser voran kommen  als über Land. Das Pferd wird dich in das Königreich bringen, wo die Jungfrau sich befindet. Dort wird an dem Tage Pferdemarkt sein, und der König wird versuchen, dir den Hengst ab zu kaufen. Wenn er anfängt zu handeln, dann sage: 'Wenn ihr kaufen wollt, so kauft, ich habe keine Zeit', sage es so lange, bis die Jungfrau heraus kommt." Juozapas tat alles nach dem Rat des Windes.

 

Da kam die Jungfrau heraus, und sie erkannte ihr Tier. Sie ergriff Juozapas bei der Hand, trat ihm auf den Fuß und stieg auf. Sie erhoben sich in die Lüfte und flohen zu ihrem Palast. Der König viel in tiefe Trauer. Er fragt die Zauberin: "Was soll ich jetzt tun? Wie bekomme ich die Jungfrau zurück?" - "Da gibt es keine Hilfe mehr!" antwortete ihm die Hexe.

 

Als die Jungfrau wieder  nach Hause kam, ließ sie den Bullen frei. Der Bulle viel  auf die Knie nieder und begann mit menschlicher Stimme zu sprechen: "Schlage mir den Kopf ab!" Die Jungfrau wollte ihm den Kopf nicht abschlagen, aber schließlich, nach langem Bitten, musste sie es doch tun. Sie schlug ihm den Kopf ab, und es verschwand der vierte Teil des Meeres, und an seiner Stelle war nun Land. Und aus dem Bullen wurde ihr Bruder. Sie schlug allen drei Kühen die Köpfe ab, und diese verwandelten sich in ihre Schwestern. Da verschwand das ganze Meer, und es entstand überall Land. Es siedelten sich dort Menschen an und die Jungfrau wurde Königin in diesem Lande. Juozapas wurde ihr Mann und König, weil er dabei behilflich war, ihren Bruder und ihre Schwestern, zu erlösen. Alle  lebten nun glücklich und froh zusammen. Und so endet das Märchen.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DIE GESCHENKE DES FROSTES ...

Väterchen Frost und das alte Weiblein

 

Es waren einmal ein Greis und eine Greisin. Die Alte war aber nicht gesund: sie hustete in einem fort und konnte keinerlei Arbeit verrichten. Deshalb liebte der Greis sie nicht, und er hoffte von Tag zu Tag, dass sie endlich sterben möchte. Doch die Greisin dachte gar nicht daran zu sterben, sie hielt sich und quälte sich immer so weiter. Als der Greis sah, dass sie nicht starb, packte er sie, warf sie, nur mit einem Hemd bekleidet, in den Schlitten, fuhr mit ihr in den Wald, warf sie auf einem Berge hinaus und fuhr einfach wieder nach Hause. Und es friert, friert, dass es nur so knackt!

 

Die Alte schmiegt sich an einen Stein, sitzt und wartet auf den Tod. Sie sieht, dass sie erfrieren muss. Wie sie da so saß, kam ein furchtbar großer Herr und fragt die Greisin: "Nun, wie ist's - friert es, Weiblein?" - "Es friert, lieber Herr, wie sollte es nicht frieren? Es ist ja jetzt die Zeit dafür, soll es nur ordentlich frieren!" Da wandte sich der Herr und ging weiter. Doch inzwischen hatte die Kälte etwas nachgelassen.

 

Nach kurzer Zeit kommt derselbe Herr wieder, doch er war schon viel kleiner. Er brachte einen Schafspelz, Stiefel, ein Kopftuch und einen halben Laib Käse, und wieder fragt er die Alte: "Friert es. Weiblein?" Die Alte antwortete: "Es friert, lieber Herr, das muss es ja, es ist die Zeit dafür; soll es ordentlich frieren!" Da zog der Herr der Alten den Schafspelz und die Stiefel an, band ihr das Kopftuch um, reichte ihr den halben Käse und gebot ihr zu essen, doch selbst ging er wieder fort. Die Kälte hatte schon fast ganz aufgehört. Da wurde der Alten warm. Sie sitzt still für sich an den Steinen und isst Käse.

 

Nicht lange darauf sah sie, dass jemand in einer schönen Kutsche angefahren kommt, die mit vier Pferden bespannt war. Als die Kutsche nahe herangekommen war, erkannte sie ihn wieder: es war jener Herr, doch nun war er schon ganz klein geworden. Als er herangekommen war, fragte er: "Friert es, Weiblein?" - "Es friert, lieber Herr, warum sollte es nicht frieren? Das muss es doch, es ist die Zeit dafür; soll es ordentlich frieren!" Darauf stieg der Herr aus der Kutsche, setzte die Alte hinein, gab ihr einen großen Sack voller Geld und gebot ihr, nach Hause zu fahren.

 

Da fuhr die Alte nach Hause. Der Greis sah, dass jemand mit einem Kutschwagen auf seinen Hof gefahren kommt. Er meinte, dass irgendein Herr gekommen ist, um ihn zu verprügeln, weil er die Alte hat zu Tode frieren lassen. Er lief eilig aus der Hütte, um ihn ohne Mütze zu empfangen, doch da sieht er, dass in der Kutsche seine Alte sitzt und einen großen Sack voll Geld hat. Jetzt versöhnte sich der Greis mit der Alten, und sie lebten hinfort in Eintracht miteinander.

 

Nicht weit von ihnen in der Nachbarschaft lebte ein anderer Greis. Als er von dieser Sache hörte, besprach er sich mit seiner Frau, dass sie den Frost betrügen wollen. Obwohl beide zuvor in großer Eintracht lebten, fing der Greis jetzt absichtlich an, die Alte zu hassen, und als die Kälte gekommen war, fuhr er die Alte auf den Berg und ließ sie da, nur mit einem Hemd bekleidet. Und es friert, dass es kracht und die Zäune bersten!

 

Da kommt ein sehr großer Herr und fragt die Alte: "Nun, wie ist's - friert es, Weiblein?" Die Alte erhob die froststarren Augen und begann, obwohl sie die steife Zunge kaum rühren konnte, zu fluchen und sagte: "Fort mit dir, du Verfluchter, dass dich doch das Donnerwetter erschlagen möchte!" Der Herr wandte sich und ging fort. Doch mittlerweile begann es noch stärker zu frieren.

 

Nach kurzer Zeit kommt derselbe Herr wieder, doch er war jetzt noch viel größer, und fragt die Alte: "Friert es, Weiblein?" Doch wie zuvor verfluchte ihn die Alte und schrie nur in einem fort, dass ihn das Donnerwetter erschlagen möchte. Denn, siehst du, sie glaubte, dass der Herr hier lauert, um an ihr Geld zu kommen, das sie erwartete. Wie sie da so saß und wetterte, erstarrte sie schließlich. Da steckte der Frost sie in den großen Sack, legte sie in einen Trog, spannte ein Schwein davor und fuhr sie zur Hütte des Greises.

 

Als der Alte sah, dass jemand angefahren kommt, lief er voller Freude zum Empfang hinaus, doch als er gesehen hatte, dass sie nicht mit Pferden in einer Kutsche kam, sondern mit einem Schwein in einem Trog, wurde der Alte traurig. Aber als er sah, dass in dem Trog ein großer Sack lag, vergaß er, dass doch die Alte nicht zu sehen war, und stürzte sich mit Freude auf den Sack, denn er glaubte, das wäre der Sack voller Geld. Er bindet ihn auf und sieht: das ist seine Alte, völlig erstarrt.

 

Das war also die Lehre, die der Greis für seine Gier nach Geld erhielt.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DIE FLIEGENDEN HASELNÜSSLEIN ...

Die fliegenden Haselnüsslein

 

Es war einmal ein Alter mit seiner Alten. Und der Greis verließ das Weib. Der Sohn und die Tochter blieben bei der Alten. Der Greis ging zu einer Zauberhexe.

 

Einmal gingen die Kinder aus, um den Vater zu besuchen. Sie kamen zu der kleinen Hütte und baten, dass sie übernachten dürften. Doch die Hexe erlaubte es nicht. Die Kinder bitten, dass sie sich wenigstens im Garten ein kleines Feuer anmachen dürfen. Sie sagt: "Geht und macht euch eins!" Sie waren sehr müde und schliefen ein. Da schweben um das Feuer zwei Haselnüßlein. Und die Hexe fragt: "Schlafen die beiden jungen Fürsten?" Die Haselnüßlein antworten: "Wir schlafen nicht, wir überlegen, wie wir die Hexe totschlagen können."

 

Sie lief ins Haus. Nachdem sie sich dort etwas aufgehalten hatte, kam sie wieder angelaufen. Doch jetzt schwebte nur ein Haselnüßlein umher. "Schlafen die beiden jungen Fürsten?" - "Wir schlafen nicht, wir denken nach, wie wir die Hexe totschlagen können." Und das andere Haselnüßlein fiel ins Feuer. Als die Hexe zum dritten Mal fragte, antwortete niemand mehr. Sie kam und schlachtete die Kinder.

 

Und ihre Mutter wartet, aber sie kommen nicht - da geht sie die Kinder suchen. Jemand sagte ihr dort Bescheid und zeigte ihr den Weg. Sie kam zu dem Feuer, fand die Knochen und sang:

"Hier liegt, hier liegt

Der Fürst unten und mit ihm die Fürstin,

Hier liegen auch meine beiden Kindlein

An dem Graben verscharrt."

 

Sie klagt schmerzlich, verwandelt sich in einen bunt gesprenkelten Kuckuck und fliegt davon. Sie fliegt an das Fenster des Alten und singt:

"Ku-ku, o ihr meine Kindlein,

Ku-ku, o ihr meine Blümlein,

Ku-ku, sagte ich euch nicht,

Ku-ku, bat ich euch denn nicht:

Ku-ku, Vater findet ihr nicht,

Ku-ku, ihr verliert die Mutter,

Ku-ku, selber sterbt ihr beide!"

 

Der Alte: "Wer singt hier am Fenster?" Da scheucht die Hexe den Kuckuck vom Fenster fort. Doch der Greis sagt: "Mag er doch singen!" Der Kuckuck aber singt am anderen Fenster dasselbe:

"Ku-ku, o ihr meine Kindlein,

Ku-ku, o ihr meine Blümlein,

Ku-ku, sagte ich euch nicht,

Ku-ku, bat ich euch denn nicht:

Ku-ku, Vater findet ihr nicht,

Ku-ku, ihr verliert die Mutter,

Ku-ku, selber sterbt ihr beide!"

 

Dann sang der Kuckuck auch am dritten und am vierten Fenster und an der Tür. Der Greis ließ den Kuckuck in das Haus, warf ihn über die eine Schulter, dann über die andere, verwandelte ihn wieder in einen Menschen und ging zu den Knochen der Kinder. Er warf die Knochen über die eine Schulter, dann über die andere, über den Kopf - und sie wurden wieder zu den Kindern.

 

Doch die Hexe legte er auf die Zinken einer Egge und fuhr mit ihr über die Felder.

 

Quelle: Märchen aus Litauen

 

DER GÜTIGE HOLZFÄLLER ...

König des Waldes

 

Einst ging ein Mann in den Wald, um Holz zu fällen. Er kam zu einer Birke und wollte sie fällen. Als die Birke die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin noch jung und habe viele Kinderchen, die um meinen Tod weinen würden." Der Mann gab der Bitte nach und ging zur Eiche, um sie zu fällen.

 

Als die Eiche die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin noch nicht groß und stark, meine Eicheln noch nicht reif, um sie zu säen. Woher soll für deine Kinder ein Eichenwald wachsen, wenn meine Eicheln verkommen?" Der Mann gab der Bitte der Eiche nach und ging zur Esche, um sie zu fällen.

 

Als die Esche die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin noch jung und war erst gestern auf Brautschau. Was wird aus der Liebsten, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Esche nach und ging zum Ahorn, um ihn zu fällen.

 

Auch der Ahorn begann jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Meine Kinder sind noch klein und schwach, was wird aus ihnen, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte des Ahorns nach und ging zur Erle, um sie zu fällen.

 

Als die Erle die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich treibe gerade Saft und ernähre damit viele kleine Tierchen. Was wird aus ihnen, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Erle nach und ging zur Espe, um sie zu fällen.

 

Die Espe aber begann jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich muss mit meinen Blättern im Winde säuseln und des Nachts die Bösen vor ihren Taten warnen. Was wird aus der Welt, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Espe nach und ging zum Vogelkirschbaum.

 

Als der Vogelkirschbaum die Axt sah, begann er jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Meine Krone steht noch voller Blüten, und ich muss den Vögelchen Schutz bieten, wenn sie auf meinen Zweigen singen. Wo könnten die Leute so schönen Vogelgesang hören, wenn alle Vögelchen geflohen sind, weil du mich gefällt hast?" Der Mann gab der Bitte des Vogelkirschbaums nach und ging zur Eberesche, um sie zu fällen.

 

Die Eberesche aber begann jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich blühe gerade so schön und werde viele Beeren tragen, die im Herbst und im Winter den Vögeln als Futter dienen. Was wird aus den Ärmsten, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Eberesche nach und dachte: 'Wenn es mit den Laubbäumen nichts wird, muss ich mein Glück bei den Nadelbäumen versuchen!' Er ging zur Fichte und wollte sie fällen.

 

Als die Fichte die Axt sah, begann sie jämmerlich zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin noch jung und stark und muss meine Kinder großziehen, im Sommer und im Winter aber zur Freude der Menschen grünen. Wo würden sie Zuflucht finden, wenn du mich fällst?" Der Mann gab der Bitte der Fichte nach und ging zur Kiefer.

 

Als die Kiefer die Axt sah, begann sie jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Bin noch jung und stark und muss mit der Fichte um die Wette grünen. Es wäre schade, wenn du mich fällst!" Der Mann gab der Bitte der Kiefer nach und ging zum Wacholder, um ihn zu fällen.

 

Der Wacholder aber begann jammernd zu bitten: "Lass mich am Leben! Ich bin der größte Schatz des Waldes und bringe allen nur Glück, denn man kann mit mir neunundneunzig Krankheiten heilen. Was wird aus den Menschen und den Tieren, wenn du mich fällst?"

 

Nun setzte sich der Mann nieder und begann zu grübeln: "Was ist es doch wunderlich, dass jeder Baum seine Sprache hat und für sich bitten kann, um nicht umzukommen. Was soll ich tun, wenn ich keinen Baum mehr finde, der sich stillschweigend fällen lässt? Ich bringe es nicht übers Herz, ihnen ihre Bitte abzuschlagen. Hätte ich kein Weib würde ich mit leeren Händen heimkehren."

 

Da trat aus dem Dickicht ein alter Mann hervor, mit langem, grauem Bart, einem Hemd aus Birkenrinde und einem Wams aus Fichtenborke, und fragte den Holzfäller: "Warum bist du so betrübt, Brüderchen? Hat dir jemand Schlechtes zugefügt?" Der Mann erwiderte: "Warum sollte ich nicht betrübt sein? Ich nahm am Morgen die Axt und ging in den Wald, um Brennholz zu fällen und es nach Hause zu schaffen. Aber welch Wunder! Plötzlich scheint der ganze Wald zu leben, und jeder Baum hat eine Bitte, dass ich es nicht übers Herz bringe, sie ihnen abzuschlagen. Es komme, was da will aber ich habe kein Herz, die lebenden Bäume zu töten."

 

Der Alte sah ihn mit gütigen Augen an und sagte: "Hab Dank, guter Mann, dass du ein Ohr für das Bitten meiner Kinder hattest. Für deine Güte werde ich dich belohnen und dafür sorgen, dass es dir nie an etwas fehlen wird. Das unvergossene Blut meiner Kinder soll dein Glück bedeuten. Es soll dir von jetzt ab niemals mehr an Brennholz fehlen, in dein Haus wird Segen ziehen, so dass du nichts weiter tun musst, als deine Wünsche auszusprechen. Verstehe aber, deine Wünsche zu zügeln. Sage es auch deinem Weib und deinen Kindern, dass sie in Maßen sich etwas wünschen sollen, so dass jeder Wunsch die Möglichkeit der Erfüllung nicht übersteigt. Sonst könnte das Glück zum Unglück werden. Hier, nimm diese Goldrute, und hüte sie wie deinen Augapfel!"

 

Er reichte dem Mann eine lange Goldrute und fügte noch hinzu: "Willst du ein Haus bauen oder andere notwendige Arbeit verrichten dann geh zum Ameisenhaufen, lasse dreimal darüber die Rute sausen, aber pass auf, dass du nicht den Ameisenhaufen triffst, sonst könntest du den kleinen Wesen weh tun. Sag ihnen, was du wünschst, und am Morgen wird alle Arbeit deinem Wunsch nach verrichtet sein.

 

Hast du Hunger, befiel dem Kochtopf zu kochen, was du begehrst. Möchtest du als Nachspeise etwas Leckeres, zeige die Goldrute den Bienen, und sie werden dir Honig bringen, der für dich und auch für deine Familie reichen wird. Möchtest du aber Saft, dann geh zur Birke oder zum Ahorn, sie werden deinen Wunsch sofort erfüllen. Die Eberesche wird dir Milch bringen und der Wacholder Gesundheit, du brauchst es ihnen nur zu sagen.

 

Der Kochtopf wird dir jeden Tag Fisch- und Fleischgerichte kochen, ohne dass du nur ein Lebewesen zu töten brauchst. Möchtest du Seide oder wollenen Stoff, so sag es den Spinnen, sie werden dir weben, soviel du benötigst. Es wird dir an nichts fehlen, du wirst alles in reichlicher Fülle haben, denn du hattest ein Herz für meine Kinder und ließest sie am Leben. Ich bin der König des Waldes, der Herrscher aller Bäume." Dann sagte der Alte ihm Lebewohl und war im nächsten Augenblick verschwunden.

 

Der Mann hatte aber ein böses Weib, das ihn schon auf dem Hof wie ein zornig bellender Hund empfing, als es ihn mit leeren Händen aus dem Walde kommen sah. "Wo ist das Holz, das du bringen solltest?" schrie das Weib. Der Mann erwiderte leise: "Es wächst im Walde weiter!"

 

Das Weib herrschte ihn zornig an: "Ach, hätten sich doch alle Birkenruten zu einem Bündel geschnürt und dir Faulpelz das Fell gegerbt!" Der Mann ließ heimlich seine Rute sausen und sagte so, dass das Weib es nicht hörte: "Möge sich der Wunsch an dir selbst erfüllen!"

 

Plötzlich begann das Weib, laut zu jammern: "Aua-aua-au! Es tut ja so weh! Aua-au! Schenkt mir Gnade, schenkt mir Gnade!" Mit lautem Geschrei sprang sie bald hier hin, bald dort hin und schrie und jammerte vor Schmerzen. Die Rute aber schlug immer wieder kräftig zu. Als der Mann dachte, es würde genug sein, gab er seiner Rute leise den Befehl.

 

Nun merkte der Mann, welch teures Geschenk er vom Herrscher des Waldes bekommen hatte, konnte er doch mit der Glücksrute auch sein böses Weib strafen. Auf seinem Hof stand ein alter Schuppen, und so beschloss er, noch am selben Tage die Baukunst der Ameisen zu probieren. Er ging zum Ameisenhaufen, ließ dreimal die Goldrute sausen und rief: "Baut mir bitte auf meinen Hof eine neue Scheune!" Als er sich am anderen Morgen den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, sah er, dass die Scheune schon fertig war.

 

Wer hätte nun glücklicher sein können als der gütige Mann. Sie hatten nicht die geringsten Sorgen. Was das Herz begehrte und die Goldrute dem Kochtopf befahl, das brachte der Kochtopf ihnen auf den Tisch, und sie hatten weiter keine Mühe, als es zu essen. Die Spinnen webten ihnen Stoff, die Maulwürfe pflügten ihr Feld, und die Ameisen säten und brachten die Ernte ein, so dass der Mann und sein Weib keinen Finger zu krümmen brauchten.

 

Wurde aber die Frau wieder böse oder hatte schlechte Gedanken, musste sie es durch die Macht der Goldrute selbst auskosten. Der Mann lebte mit der Goldrute glücklich bis ans Ende seiner Lebtage, denn er wünschte sich nie etwas, was unmöglich gewesen wäre. Vor seinem Tode vererbte er die Goldrute seinen Kindern und lehrte sie so, wie der Alte des Waldes es ihn gelehrt hatte, mit der Rute wie mit einem zarten Gegenstand umzugehen und sich nie Unmögliches zu wünschen.

 

Die Kinder folgten dem Rat des Vaters und lebten ebenso glücklich wie er.

 

Quelle: Märchen aus Estland

 

DER NORDLANDS-DRACHE ...

Die Höllenjungfrau an der Quelle

 

Vormals lebte, der Erzählung alter Leute zufolge, ein gräuliches Untier, das aus Nordland gekommen war, schon große Landstriche von Menschen und Tieren entblößt hatte, und allmählich, wenn niemand Abhilfe gebracht hätte, alles Lebendige vom Erdboden vertilgt haben würde.

 

Es hatte einen Leib wie ein Ochs und Beine wie ein Frosch, nämlich zwei kurze vorn und zwei lange hinten, ferner einen schlangenartigen zehn Klafter langen Schweif; es bewegte sich wie ein Frosch, legte aber mit jedem Sprung eine halbe Meile zurück. Zum Glücke blieb es an dem Ort, wo es sich einmal niedergelassen hatte, mehrere Jahre, und zog nicht eher weiter, als bis die ganze Umgegend kahl gefressen war. Der Leib war über und über mit Schuppen bedeckt, welche fester waren als Stein und Erz, so daß nichts ihn beschädigen konnte. Die beiden großen Augen funkelten bei Nacht und bei Tage wie die hellsten Kerzen, und wer einmal das Unglück hatte, in ihren Glanz hinein zu blicken, der war wie bezaubert, und mußte von selbst dem Ungeheuer in den Rachen laufen. So kam es, daß sich ihm Tiere und Menschen selber zum Fraße lieferten, ohne das es sich von der Stelle zu rühren brauchte.

 

Die Könige der Umgegend hatten demjenigen überaus reichen Lohn verheißen, der durch Zauber oder durch andere Gewalt das Ungeheuer vertilgen könnte, und viele hatten schon ihr Heil versucht, aber ihre Unternehmungen waren alle gescheitert. So wurde einst ein großer Wald, in welchem das Ungeheuer hauste, in Brand gesteckt; der Wald brannte nieder, aber dem schädlichen Tiere konnte das Feuer nicht das Mindeste anhaben. Allerdings sagten Überlieferungen, die im Munde alter Leute waren, daß niemand auf andere Weise des Ungeheuers Herr werden könne, als durch des Königs Salomo Siegelring; auf diesem sei eine Geheimschrift eingegraben, aus welcher man erfahre, wie das Untier umgebracht werden könne. Allein niemand wisse zu melden, wo jetzt der Ring verborgen sei, und eben so wenig sei ein Zauberer zu finden, der die Schrift deuten könne.

 

Endlich entschloss sich ein junger Mann, der Herz und Kopf auf dem rechten Flecke hatte, auf gut Glück den Spuren des Ringes nachzuforschen. Er schlug den Weg gen Morgen ein, allwo vornehmlich die Weisheit der Vorzeit zu finden ist. Erst nach einigen Jahren traf er mit einem berühmten Zauberer des Ostens zusammen und fragte ihn um Rat. Der Zauberer erwiederte: »Das Bischen Klugheit der Menschen kann dir hier nichts helfen, aber Gottes Vögel unter dem Himmel werden dir die besten Führer sein, wenn du ihre Sprache erlernen willst. Ich kann dir dazu verhelfen, wenn du einige Tage bei mir bleiben willst.«

 

Der Jüngling nahm das freundliche Anerbieten mit Dank an und sagte: »Für jetzt bin ich freilich nicht im Stande, dich für deine Wohltat zu beschenken, fällt aber mein Unternehmen glücklich aus, so werde ich dir deine Mühe reichlich vergelten.« Nun kochte der Zauberer aus neunerlei Kräutern, die er heimlich bei Mondenschein gesammelt hatte, einen kräftigen Trank und gab davon dem Jüngling drei Tage hintereinander neun Löffel täglich zu trinken, was zur Folge hatte, daß ihm die Vogelsprache verständlich wurde. Beim Abschied sagte der Zauberer: »Solltest du das Glück haben, Salomonis Ring zu entdecken und des selben habhaft zu werden, so komm zu mir zurück, damit ich dir die Schrift auf dem Ringe deute, denn es lebt jetzt außer mir keiner, der das vermöchte.«

 

Schon am nächsten Tage fand der Jüngling die Welt wie verwandelt, er ging nirgends mehr allein, sondern hatte überall Gesellschaft, weil er die Vogelsprache verstand, durch welche ihm vieles offenbar wurde, was menschliche Einsicht ihn nicht hätte lehren können. Aber geraume Zeit verfloß, ohne daß er von dem Ring etwas gehört hätte. Da geschah es eines Abends, als er vom Gang und der Hitze ermüdet, sich zeitig im Walde unter einem Baume niedergelassen hatte, um sein Abendbrot zu verzehren, daß auf hohem Wipfel zwei buntgefiederte fremde Vögel ein Gespräch mit einander führten, welches ihn betraf.

 

Der erste Vogel sagte: »Ich kenne den windigen Herumtreiber unter dem Baume da, der schon so lange wandert, ohne die Spur zu finden. Er sucht den verlorenen Ring des Königs Salomo.« Der andere Vogel erwiederte: »Ich glaube, er müßte bei der Höllenjungfrau Hilfe suchen, die wäre gewiß im Stande ihm auf die Spur zu helfen. Wenn sie den Ring auch nicht selbst hat, so weiß sie doch ganz genau, wer das Kleinod jetzt besitzt.« Der erste Vogel versetzte: »Das wäre schon recht, aber wo soll er die Höllenjungfrau auffinden, die nirgends eine bleibende Stätte hat, sondern heute hier und morgen dort wohnt: eben so gut könnte er die Luft fest halten!« Der andere Vogel erwiederte: »Ihren gegenwärtigen Aufenthalt weiß ich zwar nicht anzugeben, aber heute binnen drei Tagen kommt sie zur Quelle, ihr Gesicht zu waschen, wie sie jeden Monat in der Nacht des Vollmonds tut, damit die Jugendschöne nie von ihren Wangen schwinde und die Runzeln des Alters ihr Antlitz nicht zusammenziehen.« Der erste Vogel sagte: »Nun, die Quelle ist nicht weit von hier; wollen wir des Spaßes halber ihr Treiben mit ansehen?« »Meinethalben, wenn du willst,« gab der andere Vogel zur Antwort. -

 

Der Jüngling war gleich entschlossen, den Vögeln zu folgen und die Quelle aufzusuchen, doch machte ihn zweierlei besorgt, erstens, daß er die Zeit verschlafen könne, wo die Vögel aufbrächen, und zweitens, daß er keine Flügel hatte, um dicht hinter ihnen zu bleiben. Er war zu sehr ermüdet, um die ganze Nacht wach zu bleiben, die Augen fielen ihm zu. Aber die Sorge ließ ihn doch nicht ruhig schlafen, er wachte öfters auf, um den Aufbruch der Vögel nicht zu verpassen. Darum freute er sich sehr, als er bei Sonnenaufgang zum Wipfel hinauf blickte und die bunt gefiederten Gesellen noch sah, wie sie unbeweglich saßen, mit den Schnäbeln unter den Federn. Er verzehrte sein Frühstück und wartete dann, daß die Vögel aufbrechen sollten. Aber sie schienen diesen Morgen nirgends hin zu wollen, sie flatterten, wie zur Kurzweil oder um Nahrung zu suchen, von einem Wipfel zum andern und trieben das so fort bis zum Abend, wo sie sich an der alten Stelle zur Ruhe begaben. Eben so ging es noch den folgenden Tag.

 

Erst am Mitmorgen des dritten Tages sagte der eine Vogel zum anderen: »Heute müssen wir zur Quelle, um zu sehen, wie sich die Höllenjungfrau ihr Antlitz wäscht.« Bis Mittag blieben sie noch, dann flogen sie davon und nahmen ihren Weg gerade gen Süden. Dem Jüngling klopfte das Herz vor Furcht, seine Führer aus dem Gesicht zu verlieren. Aber die Vögel waren nicht weiter geflogen, als sein Gesichtskreis reichte, und hatten sich dann auf einem Baumwipfel niedergelassen. Der Jüngling rannte ihnen nach, daß seine Haut dampfte und ihm der Atem zu stocken drohte. Nach dreimaligem Ausruhen kamen die Vögel auf eine kleine Fläche, an deren Rande sie sich auf einem hohen Baumwipfel niederließen. Als der Jüngling nach ihnen dort anlangte, gewahrte er mitten in der Fläche eine Quelle; er setzte sich nun unter den selben Baum, auf dessen Wipfel die Vögel sich aufhielten. Dann spitzte er seine Ohren, um zu vernehmen, was die gefiederten Geschöpfe miteinander redeten.

 

»Die Sonne ist noch nicht unter« - sagte der eine Vogel - »wir müssen noch eine Weile warten, bis der Mond aufgeht, und die Jungfrau zur Quelle kommt. Wollen doch sehen, ob sie den Jüngling unter dem Baume bemerkt?« Der andere Vogel erwiederte: »Ihrem Auge entgeht wohl Nichts, was nach einem jungen Manne riecht. Sollte der Jüngling verschlagen genug sein, um nicht in ihr Garn zu gehen?« Worauf der erste Vogel sagte: »Wir werden ja sehen, wie sie miteinander fertig werden.«

 

Der Abend war schon vorgerückt, der Vollmond stand schon hoch über dem Wald, da hörte der Jüngling ein leises Geräusch: nach einigen Augenblicken trat aus dem Walde eine Maid hervor, und schritt flüchtigen Fußes, so daß ihre Sohlen den Boden nicht zu berühren schienen, über den Rasen zur Quelle. Der Jüngling mußte sich gestehen, daß er in seinem Leben noch kein schöneres Weib gesehen habe, und mochte kein Auge mehr von der Jungfrau verwenden.

 

Diese ging, ohne seiner zu achten, zur Quelle, hob die Augen zum Monde empor, fiel auf die Knie, tauchte neun Mal ihr Antlitz in die Quelle, blickte nach jedem Male den Mond an und rief: »Vollwangig und hell, wie du jetzt bist, möge auch meine Schönheit blühen unvergänglich!« Dann ging sie neun Mal um die Quelle und sang nach jedem Gange:

»Nicht der Jungfrau Antlitz welke,

Nie der Wangen Rot erbleiche,

Ob der Mond auch wieder schwinde,

Möge ich doch immer wachsen,

Mir das Glück stets neu erblühen!«

Darauf trocknete sie sich mit ihren langen Haaren das Gesicht ab, und wollte von dannen gehen, als ihre Augen plötzlich auf die Stelle fielen, wo der Jüngling unter dem Baum saß. Sogleich wandte sie ihre Schritte dahin. Der junge Mann erhob sich und blieb in Erwartung stehen. Die schöne Maid kam näher und sagte: »Eigentlich müßtest du einer schweren Strafe verfallen, daß du der Jungfrau heimliches Tun im Mondschein belauscht hast; aber da du fremd bist und zufällig herkamst, so will ich dir verzeihen. Doch mußt du mir wahrheitsgetreu bekennen, woher du bist und wie du hierher kamst, wohin bisher noch kein Sterblicher seinen Fuß gesetzt hat?«

 

Der Jüngling antwortete mit vielem Anstande: »Vergebet, teure Jungfrau, wenn ich ohne Wissen und Willen gegen euch gefehlt habe. Da ich nach langer Wanderung hierher geriet, fand ich den schönen Platz unter dem Baume, und wollte da mein Nachtlager nehmen. Eure Ankunft ließ mich zögern, so blieb ich sitzen, weil ich glaubte, daß stilles Schauen euch nicht nachteilig werden könne.« Die Jungfrau versetzte liebreich: »Komm zur Nacht zu uns! Auf Kissen ruht es sich besser als hier auf kühlem Moose.« Der Jüngling stand ein Weilchen zweifelnd, und wußte nicht, was er tun solle, ob das freundliche Anerbieten annehmen oder zurückweisen. Da sprach auf dem Baumwipfel ein Vogel zum anderen: »Er wäre ein Tor, wenn er sich das Anerbieten nicht gefallen ließe.« Die Jungfrau, die der Vogelsprache wohl nicht kundig war, sagte mit freundlicher Mahnung: »Fürchte nichts, mein Freund! ich lade dich nicht in böser Absicht ein, ich wünsche dir von ganzem Herzen Gutes.« Die Vögel sagten hinterdrein: »geh', wohin man dich ruft, aber hüte dich, Blut zu geben, um deine Seele nicht zu verkaufen.«

 

Nun ging der Jüngling mit ihr. Nicht weit von der Quelle kamen sie in einen schönen Garten, in welchem ein prächtiges Wohnhaus stand, das im Mondschein schimmerte, als wären Dach und Wände aus Gold und Silber gegossen. Als der Jüngling hinein trat, fand er viele prachtvolle Gemächer, eins immer schöner als das andere; viele hundert Kerzen brannten auf goldenen Leuchtern und verbreiteten überall eine Helligkeit wie die des Tages. Darauf gelangten sie in ein Gemach, wo eine mit köstlichen Speisen besetzte Tafel sich befand; an der Tafel standen zwei Stühle, der eine von Silber, der andere von Gold; die Jungfrau ließ sich auf den goldenen Stuhl nieder, und bat den Jüngling, sich auf den silbernen zu setzen. Weiß gekleidete Mädchen trugen die Speisen auf und räumten sie wieder ab, wobei aber kein Wort gesprochen wurde, auch traten die Mädchen so leise auf, als gingen sie auf Katzenpfoten. Nach Tisch, als der Jüngling mit der königlichen Jungfrau allein geblieben war, wurde ein anmutiges Gespräch geführt, bis endlich ein Frauenzimmer in roter Kleidung erschien, um zu erinnern, daß es Zeit sei, sich schlafen zu legen.

 

Da führte die Jungfrau den Jüngling in eine andere Kammer, wo ein seidenes Bett mit Daunenkissen stand; sie wies es ihm und entfernte sich. Der Jüngling meinte bei lebendigem Leibe im Himmel zu sein, auf Erden sei solch' ein Leben nicht zu finden. Nur darüber wußte er später keine Rechenschaft zu geben, ob ihn Träume getäuscht, oder ob er wirklich Stimmen an seinem Bette vernommen hätte, welche ihm ein Wort zuriefen, das sein Herz erschreckte: »Gib kein Blut!«

 

Am anderen Morgen fragte ihn die Jungfrau, ob er nicht Lust habe hier zu bleiben, wo die ganze Woche aus lauter Feiertagen bestehe. Und als der Jüngling auf die Frage nicht gleich Antwort gab, setzte sie hinzu: »Ich bin, wie du selbst siehst, jung und blühend, und ich stehe unter niemandes Botmäßigkeit, sondern kann tun, was mir beliebt. Bisher ist es mir noch nie in den Sinn gekommen zu heiraten, aber von dem Augenblicke an, wo ich dich erblickte, stiegen mir plötzlich andere Gedanken auf, denn du gefällst mir. Sollten nun unsere Gedanken übereinstimmen, so könnte ein Paar aus uns werden. Hab' und Gut besitze ich unendlich viel, wie du dich selber auf Schritt und Tritt überzeugen kannst, und so kann ich Tag für Tag königlich leben. Was dein Herz nur begehrt, kann ich dir gewähren.«

 

Wohl drohte die Schmeichelrede der schönen Maid des Jünglings Sinn zu verwirren, aber zu seinem Glücke fiel ihm ein, daß die Vögel sie die Höllenjungfrau genannt und ihn gewarnt hatten, daß er ihr Blut gebe, und daß er auch in der Nacht, sei es träumend oder wachend, dieselbe Warnung vernommen habe. Darum erwiederte er: »Teure Jungfrau, verargt es mir nicht, wenn ich euch ganz aufrichtig gestehe, daß man das Freien nicht abmachen kann wie einen Roßkauf, sondern daß es dazu längerer Überlegung bedarf. Vergönnt mir deßhalb einige Tage Bedenkzeit, dann wollen wir uns darüber verständigen.« »Warum nicht,« erwiederte die schöne Maid - »meinethalben kannst du dich einige Wochen bedenken und mit deinem Herzen zu Rate gehen.«

 

Damit nun dem Jünglinge inzwischen die Zeit nicht lang würde, führte ihn die Jungfrau von einer Stelle ihres prächtigen Hauses zur anderen, und zeigte ihm alle die reichen Schatzkammern und Truhen, welche sein Herz erweichen sollten. Alle diese Schätze waren aber durch Zauberei entstanden, denn die Jungfrau konnte mit Hilfe des Salomonischen Siegelringes alle Tage und an jedem Orte eine solche Wohnung nebst allem Zubehör hervor bringen, aber das Alles hatte keine Dauer: es war vom Winde her geweht, und ging auch wieder in den Wind, ohne eine Spur zurückzulassen. Da der Jüngling das aber nicht wußte, so hielt er das Blendwerk für Wirklichkeit. Eines Tages führte ihn die Jungfrau in eine verborgene Kammer, wo auf einem silbernen Tische ein goldenes Schächtelchen stand. Auf das Schächtelchen zeigend sagte sie: »Hier steht mein teuerster Schatz, dessen Gleichen auf der ganzen Welt nicht zu finden ist, es ist ein kostbarer goldener Ring. Wenn du mich freien solltest, so würde ich dir diesen Ring zum Mahlschatz geben, und er würde dich zum glücklichsten aller Menschen machen. Damit aber das Band unserer Liebe ewige Dauer erhalte, mußt du mir dann für den Ring drei Tropfen Blut von dem kleinen Finger deiner linken Hand geben.«

 

Als der Jüngling diese Rede hörte, überlief es ihn kalt; daß sie sich Blut ausbedang, erinnerte ihn daran, daß er seine Seele aufs Spiel setze. Er war aber schlau genug, sich nichts merken zu lassen, und auch keine Einwendung zu machen, vielmehr fragte er, wie beiläufig, was es für eine Bewandniss mit dem Ringe habe.

 

Die Jungfrau erwiederte: »Kein Lebendiger ist bis jetzt im Stande gewesen, die Kraft dieses Ringes ganz zu ergründen, weil keiner die geheimen Zeichen desselben vollständig zu deuten wußte. Aber schon mit dem halben Verständniß vermag ich Wunder zu verrichten, welche mir kein anderes Wesen nachmachen kann. Stecke ich den Ring auf den kleinen Finger meiner linken Hand, so kann ich mich wie ein Vogel in die Luft schwingen, und hinfliegen wohin ich will. Stecke ich den Ring auf den Ringfinger meiner linken Hand, so bin ich sogleich für alle unsichtbar, mich selbst und Alles, was mich umgibt, sehe ich, aber die Anderen sehen mich nicht. Stecke ich den Ring an den Mittelfinger meiner linken Hand, dann kann mir kein scharfes Werkzeug, noch Wasser und Feuer etwas anhaben. Stecke ich den Ring an den Zeigefinger meiner linken Hand, dann kann ich mir mit seiner Hilfe alle Dinge schaffen, die ich begehre; ich kann in einem Augenblicke Häuser aufbauen und sonstige Gegenstände hervor bringen. So lange endlich der Ring am Daumen der linken Hand sitzt, ist die Hand so stark, daß sie Felsen und Mauern brechen kann. Außerdem trägt der Ring noch andere geheime Zeichen, welche, wie gesagt, bis heute noch niemand zu deuten wußte; doch läßt sich denken, daß sie noch viele wichtige Geheimnisse enthalten. Der Ring war vor Alters Eigentum des Königs Salomo, des weisesten der Könige, unter dessen Regierung die weisesten Männer lebten. Doch ist es bis auf den heutigen Tag nicht kund geworden, ob der Ring durch göttliche Kraft oder durch Menschenhände entstanden ist; es wird behauptet, daß ein Engel dem weisen Könige den Ring geschenkt habe.«

 

Als der Jüngling die Schöne so reden hörte, war sein erster Gedanke, sich des Ringes durch List zu bemächtigen, er tat deshalb, als ob er das Gehörte durchaus nicht für wahr halten könne. So hoffte er die Jungfrau zu bewegen, daß sie den Ring aus dem Schächtelchen nehme und ihm zeige - wobei er dann vielleicht Gelegenheit fände, sich des Wunderringes zu bemächtigen. Er wagte aber nicht, die Jungfrau geradezu darum zu bitten, daß sie ihm den Ring zeige. Er umschmeichelte sie und gebärdete sich zärtlich, aber sein Herz sann nur darauf, in den Besitz des Ringes zu gelangen.

 

Schon nahm die Jungfrau den Schlüssel zum Kästchen aus dem Busen, um es aufzuschließen, aber sie steckte ihn wieder zu sich und sagte: »Dazu haben wir künftig noch Zeit genug.« Ein Paar Tage darauf kam die Rede wieder auf den Wunderring, und der Jüngling sagte: »Nach meinem Dafürhalten sind solche Dinge, wie ihr sie mir von der Kraft eures Ringes erzählt, schlechterdings nicht möglich.« Da öffnete die Jungfrau das Schächtelchen und nahm den Ring heraus, der zwischen ihren Fingern blitzte wie der hellste Sonnenstrahl. Dann steckte sie ihn zum Spaße an den Mittelfinger ihrer linken Hand und sagte dem Jüngling, er solle ein Messer nehmen und damit auf sie los stechen wohin er wolle, denn es könne ihr doch nicht schaden.

 

Der Jüngling sträubte sich gegen dies bedenkliche Beginnen, als aber die Jungfrau nicht abließ, mußte er sich fügen. Obwohl er nun, anfangs mehr spielend, dann aber ernsthaft, auf alle Weise die Jungfrau mit dem Messer zu treffen suchte, so war es doch, als ob eine unsichtbare Wand von Eisen zwischen Beiden stünde; die Schneide konnte nicht eindringen, und die Jungfrau stand lachend und unbewegt vor ihm.

 

Darauf steckte sie den Ring an ihren Ringfinger, und war im Nu den Blicken des Jünglings entschwunden, so daß dieser durchaus nicht begreifen konnte, wohin sie gekommen war. Bald stand sie wieder lachend vor ihm auf der alten Stelle, den Ring zwischen den Fingern haltend. »Laßt doch sehen« - bat der Jüngling - »ob es mir auch möglich ist, so seltsame Dinge mit dem Ringe zu machen?« Die Jungfrau, welche keinen Betrug ahndete, gab ihm den Wunderring.

 

Der Jüngling tat, als wisse er noch nicht recht Bescheid, und fragte: »An welchen Finger muß ich den Ring stecken, damit mir ein scharfes Werkzeug nicht schaden könne?« - Worauf die Jungfrau lachend erwiederte: »An den Mittelfinger der linken Hand!« Sie nahm dann selbst das Messer und suchte damit zu stoßen, konnte aber dem Jüngling keinen Schaden tun. Darauf nahm dieser das Messer und versuchte sich selber zu beschädigen, aber es war auch ihm unmöglich.

 

Darauf bat er die Jungfrau, ihm zu zeigen, wie er mit dem Ringe Steine und Felsen spalten könne. Sie führte ihn in den Hof, wo ein klafterhoher Kiesel lag. »Jetzt stecke den Ring« - so unterwies ihn die Jungfrau - »an den Daumen deiner linken Hand, und schlage dann mit der Faust auf den Stein, und du wirst sehen, welche Kraft in deiner Hand liegt.« Der Jüngling tat es und sah zu seinem Erstaunen, wie der Stein unter dem Schlage seiner Hand in tausend Trümmer barst.

 

Da dachte der Jüngling, wer das Glück nicht bei den Hörnern zu fassen weiß, der ist ein Thor, denn einmal entflohen, kehrt es nicht zurück. Während er noch über die Zertrümmerung des Steines scherzte, steckte er wie spielend den Ring an den Ringfinger seiner linken Hand. Da rief die Jungfrau: »Jetzt bist du für mich so lange unsichtbar, bis du den Ring abziehst.« Aber das zu tun war der Jüngling nicht gesonnen, vielmehr ging er rasch einige Schritte weiter, steckte dann den Ring an den kleinen Finger der linken Hand, und schwang sich in die Höhe wie ein Vogel. Als die Jungfrau ihn davon fliegen sah, hielt sie Anfangs auch diesen Versuch für bloßen Scherz, und rief: »Komm zurück, mein Freund! Jetzt hast du gesehen, daß ich dir die Wahrheit gesagt habe!« Aber wer nicht zurück kam, war der Jüngling; da merkte die Jungfrau den Betrug, und brach in bittere Klagen aus über ihr Unglück.

 

Der Jüngling hielt seinen Flug nicht eher an, bis er nach einigen Tagen wieder zu dem berühmten Zauberer gekommen war, bei welchem er die Vogelsprache gelernt hatte. Der Zauberer war außerordentlich froh, daß des Mannes Wanderung so guten Erfolg gehabt hatte. Er machte sich sogleich daran, die geheime Schrift auf dem Ringe zu deuten. Er brauchte aber sieben Wochen ehe er damit zu Stande kam.

 

Darauf gab er dem Jünglinge folgende Auskunft, wie der Nordlands-Drache zu vertilgen sei: »Du mußt dir ein eisernes Pferd gießen lassen, das unter jedem Fuße kleine Räder hat, so daß man es vorwärts und rückwärts schieben kann. Dann mußt du aufsitzen und dich mit einem eisernen zwei Klafter langen Speere bewaffnen, den du freilich nur führen kannst, wenn der Wunderring am Daumen deiner linken Hand steckt. Der Speer muß in der Mitte die Dicke einer mäßigen Birke haben und seine beiden Enden müssen gleich scharf sein. In der Mitte des Speeres mußt du zwei starke zehn Klafter lange Ketten befestigen, die stark genug sind, den Drachen zu halten. Sobald der Drache sich in den Speer fest gebissen hat, so daß dieser ihm die Kinnlade durchbohrt, mußt du wie der Wind vom Eisenroß herunter springen, um dem Untier nicht in den Rachen zu fallen, und mußt die Enden der Ketten mit eisernen Pflöcken dergestalt in die Erde rammen, daß keine Gewalt sie herausziehen kann.

 

Nach drei oder vier Tagen ist die Kraft des Untiers so weit erschöpft, daß du dich ihm nähern kannst, dann stecke Salomo's Kraftring an den Daumen deiner linken Hand, und schlage es vollends tot. Bis du aber herangekommen bist, muß der Ring am Ringfinger deiner linken Hand stecken, damit das Untier dich nicht sehen kann, sonst würde es dich mit seinem langen Schwanze tot schlagen. Wenn du alles vollbracht hast, trage Sorge, daß du den Ring nicht verlierst, und daß dir auch niemand mit List das Kleinod entwende.«

 

Unser Freund dankte dem Zauberer für die Belehrung und versprach, ihn später für seine Mühe zu belohnen. Aber der Zauberer erwiederte: »Ich habe aus der Entzifferung der Geheimschrift des Ringes so viel Zauberweisheit geschöpft, daß ich keines anderen Gutes weiter bedarf.« So trennten sie sich, und der Jüngling eilte nach Hause, was ihm nicht mehr schwer wurde, da er wie ein Vogel fliegen konnte wohin er wollte.

 

Als er nach einigen Wochen in der Heimat anlangte, hörte er von den Leuten, daß der gräuliche Nordlands-Drache schon in der Nähe sei, so daß er jeden Tag über die Grenze kommen könne. Der König ließ überall bekannt machen, daß er demjenigen, der dem Untier das Garaus machen würde, nicht nur einen Teil seines Königreiches schenken, sondern auch seine Tochter zur Frau geben wolle. Nach einigen Tagen trat unser Jüngling vor den König und erklärte, er hoffe das Untier zu vernichten, wenn der König alles wolle anfertigen lassen, was dazu erforderlich sei. Der König ging mit Freuden darauf ein.

 

Es wurden nun sämmtliche geschickte Meister aus der Umgegend zusammen berufen, die mußten erst das Eisenpferd gießen, dann den großen Speer schmieden, und endlich auch die eisernen Ketten, deren Ringe zwei Zoll Dicke hatten. Als aber Alles fertig war, fand es sich, daß das eiserne Pferd so schwer war, daß hundert Männer es nicht von der Stelle bringen konnten. Da blieb dem Jüngling nichts übrig, als mit Hilfe seines Kraftringes das Pferd allein fort zu bewegen.

 

Der Drache war keine Meile mehr entfernt, so daß er mit ein Paar Sprüngen über die Grenze setzen konnte. Der Jüngling überlegte nun, wie er allein mit dem Untier fertig werden solle, denn da er das schwere Eisenpferd von hinten her schieben mußte, so konnte er sich nicht aufsetzen, wie es der Zauberer vorgeschrieben hatte. Da belehrte ihn unerwartet eines Raben Schnabel: »Setze dich auf das Eisenpferd, und stemme den Speer gegen den Boden, als wolltest du einen Kahn vom Ufer abstoßen.« Der Jüngling machte es so und fand, daß er auf diese Weise vorwärts kommen könne.

 

Das Ungeheuer sperrte schon von Weitem den Rachen auf, um die erwartete Beute zu vertilgen. Noch einige Klafter, so wären Mann und Eisenroß im Rachen des Untiers gewesen. Der Jüngling bebte vor Entsetzen und das Herz erstarrte ihm zu Eis, allein er ließ sich nicht verwirren, sondern stieß mit aller Kraft zu, so daß der eiserne Speer, den er aufrecht in der Hand hielt, den Rachen des Untiers durchbohrte. Dann sprang er vom Eisenroß und wandte sich schnell wie der Blitz, als das Untier die Kinnladen zusammenklappte. Ein gräßliches Gebrüll, das viele Meilen weit erscholl, gab den Beweis, daß der Nordlands-Drache sich fest gebissen hatte.

 

Als der Jüngling sich umwandte, sah er eine Spitze des Speers Fuß lang aus der oberen Kinnlade hervorragen, und schloß daraus, daß die andere im Boden fest steckte. Das Eisenroß aber hatte der Drache mit seinen Zähnen zermalmt. Jetzt eilte der Jüngling, die Ketten am Boden zu befestigen, wozu starke Eisenpflöcke von mehreren Klaftern Länge in Bereitschaft gesetzt waren.

 

Der Todeskampf des Ungeheuers dauerte drei Tage und drei Nächte: wenn es sich bäumte, schlug es so gewaltig mit dem Schwanze gegen den Boden, daß die Erde auf zehn Meilen weit bebte. Als es endlich den Schwanz nicht mehr rühren konnte, hob der Jüngling mit Hilfe des Ringes einen Stein auf, den zwanzig Männer nicht hätten bewegen können, und schlug damit dem Tiere so lange auf den Kopf, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Grenzenlos war überall der Jubel, als die Botschaft kam, daß der schlimme Feind sein Ende gefunden. -

 

Der Sieger wurde in der Königsstadt mit großen Ehrenbezeugungen empfangen, als wäre er der mächtigste König. Der alte König brauchte auch seine Tochter nicht zur Heirat zu zwingen, sondern diese verlangte selber, sich dem starken Manne zu vermählen, der allein ausgerichtet hatte, was die anderen auch mit einer ganzen Armee nicht vermochten. Nach einigen Tagen wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert, welche vier Wochen lang dauerte, und zu welcher alle Könige der Nachbarländer sich versammelt hatten, um dem Manne zu danken, der die Welt von ihrem schlimmsten Feinde befreit hatte. Allein über dem Hochzeitsjubel und der allgemeinen Freude hatte man vergessen, daß des Ungeheuers Leichnam unbegraben liegen geblieben war, und da er jetzt in Verwesung überging, so verbreitete er einen solchen Gestank, daß Niemand sich in die Nähe wagte. Es entstanden Seuchen, welche viele Menschen hinrafften.  Deßhalb beschloß der Schwiegersohn des Königs, Hilfe bei dem Zauberer im Osten zu suchen, was ihm mit seinem Ringe nicht schwer fiel, weil er auf Vogelschwingen hin fliegen konnte.

 

Aber das Sprichwort sagt, unrecht Gut gedeiht nicht, und wie gewonnen, so zerronnen. Diese Erfahrung sollte auch des Königs Schwiegersohn mit dem entwendeten Ring machen. Der Höllenjungfrau ließ es weder Tag noch Nacht Ruhe, ihrem Ring wieder auf die Spur zu kommen. Als sie mit Hilfe von Zauberkünsten erfahren hatte, daß des Königs Schwiegersohn sich in Vogelgestalt zu dem Zauberer aufmache, verwandelte sie sich in einen Adler, und kreiste so lange in den Lüften, bis ihr der Vogel, auf den sie wartete, zu Gesicht kam - sie erkannte ihn sogleich an dem Ring, der ihm an einem Bande um den Hals hing. Da schoß der Adler auf den Vogel nieder und in demselben Augenblick, wo seine Klauen ihn packten, hatte er ihm auch mit dem Schnabel den Ring vom Halse gerissen, ehe noch der Mann in Vogelgestalt etwas dagegen tun konnte. Jetzt ließ der Adler sich mit seiner Beute zur Erde nieder, und beide standen in ihrer früheren Menschengestalt neben einander.

 

»Jetzt bist du in meiner Hand, Frevler!« rief die Höllenjungfrau. - »Ich nahm dich als meinen Geliebten auf, und du übtest Betrug und Diebstahl: ist das mein Lohn? Du nahmst mir mein kostbarstes Kleinod durch List, und hofftest, als Schwiegersohn des Königs ein glückliches Leben zu führen, aber jetzt hat sich das Blatt gewandt. Du bist in meiner Gewalt und sollst mir für alle Frevel büßen.« »Vergebt, vergebt,« bat des Königs Schwiegersohn, »ich weiß wohl, daß ich mich schwer gegen euch vergangen habe, und bereue meine Schuld von ganzem Herzen.« Die Jungfrau erwiederte: »Deine Bitten und deine Reue kommen zu spät, und Nichts kann dir mehr helfen. Ich darf dich nicht schonen, das brächte mir Schande und machte mich zum Gespött der Leute. Zweifach hast du dich an mir versündigt, erst hast du meine Liebe verschmäht, und dann meinen Ring entwendet, dafür mußt du Strafe leiden.«

 

Mit diesen Worten steckte sie den Ring an den Daumen ihrer linken Hand, nahm den Mann wie eine Hedekunkel auf den Arm und ging mit ihm von dannen. Diesmal führte ihr Weg nicht in jene prächtige Behausung, sondern in eine Felsenhöhle, wo Ketten von der Wand herunter hingen. Die Jungfrau ergriff die Enden der Ketten, und fesselte damit dem Manne Hände und Füße, so daß Entkommen unmöglich war; dann sagte sie mit Zorn: »Hier sollst du bis an dein Ende gefangen bleiben. Ich werde dir täglich so viel Nahrung bringen lassen, daß du nicht Hungers sterben kannst, aber auf Befreiung darfst du nimmer hoffen.« Damit verließ sie ihn.

 

Der König und seine Tochter verlebten eine schwere Zeit des Kummers, als Woche auf Woche verging, und der Schwiegersohn weder zurück kam, noch auch Nachricht von sich gab. Oftmals träumte der Königstochter, daß ihr Gemahl schwere Pein leiden müsse, sie bat deshalb ihren Vater, von allen Seiten her Zauberer zusammen rufen zu lassen, damit sie vielleicht Auskunft darüber gäben, wo der Verschwundene lebe, und wie er zu befreien sei. Aber sämtliche Zauberer konnten nichts weiter berichten, als daß er noch lebe und schwere Pein leide, keiner wußte den Ort zu nennen, wo er sich befinde, noch anzugeben, wie man ihn auffinden könne.

 

Endlich wurde ein berühmter Zauberer aus Finnland vor den König geführt, der den weiteren Bescheid erteilen konnte, daß des Königs Schwiegersohn im Ostlande gefangen gehalten werde, und zwar nicht durch Menschen, sondern durch ein mächtigeres Wesen. Also schickte der König seine Boten in der genannten Richtung aus, um den verlorenen Schwiegersohn aufzusuchen. Glücklicherweise kamen sie zu dem alten Zauberer, der die Schrift auf Salomonis Siegelring gedeutet und daraus eine Weisheit geschöpft hatte, die allen Übrigen verborgen blieb. Dieser Zauberer fand bald heraus, was er wissen wollte, und sagte: »Den Mann hält man durch Zaubermacht da und da gefangen, aber ohne meine Hilfe könnt ihr ihn nicht befreien, ich muß selbst mit euch gehen.«

 

Sie machten sich also auf und kamen, von Vögeln geführt, nach einigen Tagen in die Felsenhöhle, wo des Königs Schwiegersohn jetzt schon beinah sieben Jahre die schwere Kerkerhaft erduldet hatte. Er erkannte den Zauberer augenblicklich, dieser aber erkannte ihn nicht, weil er sehr abgemagert war. Der Zauberer löste durch seine Kunst die Ketten, nahm den Befreiten zu sich, und pflegte und heilte ihn, bis er wieder kräftig genug war, um die Reise anzutreten.

 

Er langte an dem selben Tage an, wo der alte König gestorben war, und wurde nun zum Könige erhoben. Jetzt kamen nach langen Leidenstagen die Freudentage, welche bis an sein Ende währten; den Wunderring aber erhielt er nicht wieder, - auch hat ihn nachmals keines Menschen Auge mehr gesehen.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER WUNDERLICHE SPIEGEL ...

Der Königssohn und die schlafende Prinzessin

 

Vor langer, langer Zeit lebte einmal in einer riesengroßen Stadt ein berühmter König. Er war sehr reich und mächtig. Der König hatte drei Söhne. Die beiden älteren waren gesund, stark und hatten kluge Köpfe, der jüngere aber war schwach. Die älteren Brüder nannten ihn Dümmling. Aber der jüngste Bruder machte sich nichts daraus.

 

Eines Tages ließ der König seine zwei ältesten Söhne vor sich treten und sagte: „Ich merke, dass ich alt werde, mein Haar wird grau und beginnt aus zu fallen. In meiner Kindheit erzählte mir ein hinkender Alter, dass es irgendwo auf der Welt einen Spiegel gäbe, der einen jeden, der hineinschaut, wieder jung macht. Wenn ihr mir diesen Spiegel bringt, gebe ich euch das halbe Königreich. Auf die Reise könnt ihr mitnehmen, was ihr begehrt. Seid also flink, und versucht, diesen seltenen Spiegel zu finden. Es wird euer Glück bedeuten.“

 

Die Königssöhne waren mit der Bitte des Vaters einverstanden und sagten: „Gib uns die Kutsche mit sechs Pferden und einen Sack voll Gold mit auf den Weg, den Spiegel werden wir schon finden, und sei er auch am Ende der Welt. Der König war damit einverstanden. Am anderen Tag wurden sechs Pferde vor eine Kutsche gespannt, ein Sack Gold hinein gelegt, ein Kutscher an die Zügel gesetzt, und die Königssöhne machten sich auf den Weg.

 

Der jüngste Bruder hatte davon gehört, und so trat auch er vor den König und bat um Erlaubnis, ebenso diesen Spiegel suchen zu dürfen. Doch der König begann darauf hin zu lachen und sagte: „Was weißt du, Dümmling, von der Welt! Du verreckst beim ersten Meilenstein, wenn du es überhaupt schaffst, aus der Stadt zu gelangen. Geh nur, geh. und bleib hübsch in der Nähe des Schlosses, die älteren Brüder werden den Spiegel schon finden.“ Der jüngste Sohn ließ aber nicht locker, bis der König schließlich sagte: „Also, von mir aus kannst du gehen. Sieh aber zu, wie du selbst zurecht kommst. Auf den Weg werde ich dir nichts mitgeben, findest du den Tod, ist es deine eigene Schuld.“

 

Der jüngste Sohn dankte dem König und versprach, sich unverzüglich auf den Weg zu machen. So suchte er seine letzten Heller zusammen, es waren aber nicht einmal zehn Taler. „Also werde ich mit all dem bisschen mein Glück versuchen! Nur zu Fuß kann ich nicht gehen, ich werde mir ein altes Pferd kaufen.“ Alsbald kaufte er für seine zehn Taler einen steinalten weißen Wallach. Er saß auf und machte sich auf den Weg. Ab und zu setzte sich der alte Wallach auch in Trab, mehr aber ging es im Schritt voran. „Was macht’s“, dachte der Königssohn, „wir werden es schon schaffen!“

 

Am Abend gelangte er zu einer Schenke, die sehr groß war. Hier sah der Königssohn die Pferde und die Kutsche der Brüder vor der Tür stehen. „Oho! Die Brüder werden nicht weit sein, wenn ihre Pferde hier stehen! Ich werde mal rein schauen, vielleicht können wir dann gemeinsam weiter ziehen.“ Er band sein weißes Ross fest und trat ein. „Sieh dir den Dummkopf an! Was suchst du denn hier?“ grinsten die Brüder, die bisher am Stammtisch gesessen und hier den Spiegel gesucht hatten.

 

„Ich will auch den Spiegel suchen. Kam schauen, ob wir nicht gemeinsam weiter ziehen könnten. In Gesellschaft wird auch der Weg kürzer sein.“ „Scher dich nur weiter, du Dümmling! Wie könnten wir so einen wie dich noch mit auf den Weg nehmen?“ Der jüngste Bruder trat stillschweigend aus der Schenke, setzte sich auf seinen alten Gaul und ließ ihn gemütlich dahin trappeln. Die beiden Brüder lachten hinter ihm her: „Lass den Dümmling ziehen! Die Wölfe werden ihn schon mitsamt dem alten Gaul fressen, und wir brauchen uns nicht um ihn zu kümmern.“

 

Der jüngste Königssohn machte sich aber nichts aus dem Gelächter der Brüder und ritt die Landstraße entlang immer weiter, bis er in einen großen Eichenwald gelangte. „Ich werde geradeaus durch den Wald reiten!“ sagte er. Auf einmal sah er einen kleinen Fußpfad, der in den Wald abbog. Er drehte das Pferd dem Fußpfad zu, und sie schritten den engen Pfad entlang immer tiefer in den Wald hinein.

 

„Wir werden ja sehen, wo es uns hinführt, mein alter Gaul!“ sagte der Königssohn. Dann griff er sich ein Blatt vom Baum und blies munter darauf, in dem das Pferd immer weiter schritt. Am dritten Tag gelangte der Königssohn zu einer kleinen Waldlichtung, und siehe da, zwischen den Bäumen an der Lichtung stand eine kleine Hütte. „Ich werde schauen, was es dort gibt!“ Und er ritt näher. Als man seine Schritte hören konnte, kam aus der Hütte ein altes graues Mütterchen und sagte voll Verwunderung: „Was muss ich sehen! Bekomme ich hier sogar einmal einen Menschen zu sehen! Ich habe hier solange gelebt, ein Eichenwald verfaulte und ein neuer wuchs wieder, aber einen Menschen sah ich bisher noch nie. Was suchst du hier, Jüngling?“

 

Der Königssohn erzählte der alten Frau den Grund seiner Reise und sagte: „Ich bin gekommen, um den Spiegel zu suchen, der einen jeden, der hinein schaut, wieder jung macht. Unser König will nicht alt werden und lässt nun diesen Spiegel in der ganzen Welt suchen. Kannst du, Mütterchen, mir den Weg weisen?“ ....“Nein, Söhnchen! Ich bin zwar alt, aber von so einem Spiegel habe ich noch nie gehört. Vielleicht weiß meine ältere Schwester etwas davon. Sie lebt drei Tage weit von hier. Reite hin, und lass dir von ihr einen guten Rat geben!“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten für ihren Ratschlag, ließ das Pferd ein wenig ruhen, stärkte sich und machte sich auf den Weg.

 

Am dritten Tag gelangte er zu einer Hütte, wie die Alte ihm gesagt hatte. Aus der Hütte kam ein noch älteres Mütterchen heraus, und es wunderte sich nicht weniger als das erste, dass seine Augen noch eine Menschenseele zu sehen bekamen, und sagte: „Ich lebe hier schon solange, zwei Eichenwälder verschwanden und zwei wuchsen neu. Ich habe hier noch nie einen Menschen gesehen. Was suchst du hier, Jüngling?“ Der Königssohn erzählte der Alten vom Spiegel und fügte hinzu: „Deine jüngere Schwester hat mit den Weg gewiesen. Vielleicht kannst du, Mütterchen, sagen, wie ich den Weg finde?“

Die Alte erwiderte: „Nein, Söhnchen diesen Weg kenne ich nicht. In meiner Kindheit habe ich wohl von solch einem Spiegel gehört, aber wer weiß, wo man ihn jetzt finden könnte. In drei Tagen gelangst du zu meiner älteren Schwester, vielleicht weiß sie etwas von diesem Wunderspiegel!“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten für ihren guten Rat, ließ das Pferd ein wenig ruhen, stärkte sich und machte sich wieder auf den Weg.

 

Am dritten Tag gelangte er zum Häuschen der älteren Schwester. Auch die ältere Schwester wunderte sich und wollte wissen, was den Jüngling hergeführt habe. Der Königssohn erzählte von seiner Reise und fragte, wiederum, ob die Alte ihm nicht den Weg weisen könnte. „Nein, Söhnchen, diesen Weg kenne ich nicht. Ich habe zwar vor kurzem von solch einem Spiegel gehört, weiß aber nicht, wo er zu finden wäre. Doch steig ab, Jüngling, und ruh dich in meinem Häuschen aus! Ich werde meine Familie zusammenrufen, vielleicht kann einer von ihnen Rat geben.“

 

Der Jüngling trat ins Häuschen. Er staunte, wie schön und sauber es hier war. Die Alte aber nahm vom Wandbrett eine große Pfeife und ging hinaus. Dort pfiff sie, dass es aus dem Wald widerhallte. Gleich darauf hörte der Jüngling das Getrappel vieler Füße. Er schaute aus dem Fenster hinaus und sah, dass sich ums Häuschen alle Tiere des Waldes versammelt hatten. Nach einer Weile kam die Alte herein und sagte: „Nein, von diesem Spiegel haben sie nichts gehört. Ich werde die anderen rufen, vielleicht haben sie etwas von dem Wunderspiegel gesehen oder gehört!“ Sie nahm vom Wandbrett eine andere Pfeife und ging wieder hinaus. Draußen pfiff sie, dass es aus dem Wald wie vorher laut widerhallte. Nun hörte der Jüngling auf einmal ein Rauschen und Sausen, als hätten sich etliche Dutzend Windmühlen in Gang gesetzt.

 

Er schaute zum Fenster hinaus, und welch Wunder! Alle Vögel des Waldes hatten sich versammelt! Nun würde die Alte das Geheimnis wohl erfahren. Nach einer Weile kam die Alte wieder herein und sagte: „Auch sie wissen nichts von dem Spiegel. Ich habe da aber noch einen kleinen Ratgeber. Weiß er auch nichts davon, wird der Spiegel wohl verloren gegangen sein!“ Die Alte nahm vom Wandbrett eine dritte Pfeife und sagte: „Komm auch du mit hinaus, und höre, wie das letzte Urteil lautet!“

 

Dann gingen beide hinaus vors Häuschen. Die Alte hob die Pfeife an den Mund und pfiff, dass es dem Jüngling in den Ohren gellte. Plötzlich war ein Rauschen zu hören, als brauste ein mächtiger Windstoß über die Wipfel der Bäume. Ein großer Adler mit zwei Köpfen kam zum Häuschen geflogen, setzte sich auf einen Stein neben diesem und fragte: „Was wünschst du, Herrscherin des Waldes?“... „Lieber Adler, Söhnchen mein, hast du etwas von einem Spiegel gehört, der einen jeden wieder jung macht, der in ihn hinein schaut?“...“Ja, ich hab von ihm gehört“, antwortete der Adler. „Kein Mensch aber soll ihn finden. Dort draußen im Meer liegt eine große Insel, umgeben von großen Felsen, und kein Schiff kann sich ihr nähern. In der Stadt auf der Insel steht ein großes Schloss, in dem eine Königstochter lebt. Ihr gehört der wundersame Spiegel!“...„

 

Lieber Adler, Söhnchen mein, fliege mit dem Jüngling zur Insel, und hole den Wunderspiegel!“ Der Jüngling dachte: „Es komme was will, ich fliege mit!“ Der Adler breitete seine Schwingen aus, der Jüngling setzte sich auf seinen Rücken, und der Adler erhob sich in die Lüfte. Die Alte gab dem Pferd derweilen freien Lauf, damit es sich stärke, solange der Jüngling unterwegs war. Die Luftreise nahm viel Zeit in Anspruch. Neun Tage und Nächte flog der Adler, ohne zu ruhen, bis sie endlich zur Stadt auf der Insel gelangten. Gerade am Abend des neunten Tages kamen sie an.

 

Nun gab der Adler dem Königssohn folgenden Rat: „Heute Nacht gehst du zur Königstochter ins Schloss und holst den Spiegel. Sieh aber zu, dass du nicht zu lange verweilst, es könnte unser Unglück sein. Der Spiegel hängt über dem Bett der Königstochter. Nimm ihn und eile hierher zurück! Du brauchst nichts zu befürchten, dass das Mädchen erwacht. Um Mitternacht liegt sie in so tiefem Schlaf, dass sogar der Lärm von Pferdehufen in ihrem Gemach sie nicht zu wecken vermag.“ Dann gab der Adler dem Königssohn zwei von seinen Federn und sagte: „Vor dem Tor wachen zwei Bären. Wirf ihnen diese Feder zu und eile furchtlos weiter. Nun aber mach dich auf den Weg!“

 

Die Bären am Tor richteten sich auf und drohten über den Jüngling herzufallen. Sobald er ihnen die Federn des Adlers zuwarf, legten sie sich nieder und schliefen ein. Der Jüngling trat ins Königsschloss. Im Schloss schien alles zu schlafen. Die Stuben aber waren hell erleuchtet, als schien hier die Mittagssonne. Ungehindert gelangte der Jüngling bis ans Bett der Königstochter. Schließlich nahm er den Spiegel von der Wand, steckte ihn ein und wollte zur Tür hinaus eilen. Da sah er in der Ecke des Zimmers einen reichlich gedeckten Tisch stehen. Der Jüngling dachte: „Es wird nicht lange dauern, ich werde mich erst stärken und dann gehen.“

 

Er setzte sich an den Tisch und aß nach Herzenslust. Dann stand er auf und dachte: „Ich müsste doch mal schauen, wie die Königstochter aussieht.“ Er trat ans Bett und konnte sich nicht satt sehen. Die Königstochter war so schön, wie der Jüngling nie zuvor ein Mädchen auf der Welt gesehen hatte. Am Finger des Mädchens strahlte ein Ring aus Gold so hell wie die Sonne. „Welch ein Unglück soll es bringen, wenn ich den Goldring nehme!“ sagte der Jüngling. Und er nahm dem Mädchen vorsichtig den Rind vom Finger, eilte damit aus dem Königsschloss, vorbei an den schlafenden Bären und geradewegs zum Adler. Der Adler aber war böse über die Verspätung. Er fasste den Jüngling mit dem Schnabel am Kragen, warf sich ihn auf den Rücken und stieg in die Luft. Im selben Augenblick waren auch die Bären zur Stelle. Sie brüllten und sprangen in die Lüfte, konnten den Adler aber nicht mehr fassen.

 

Der Adler und der Königssohn waren gerettet. Als sie übers Meer nach Hause flogen, fasste der Adler den Königssohn mit dem anderen Schnabel beim Kragen und tauchte ihn bis zu den Knien ins Wasser. Dann hob er ihn zurück auf den Rücken und flog weiter. Nach einer Weile tauchte der Adler den Königssohn bis zur Brust ins Meer, und schließlich bis zum Hals. Der Königssohn schrie jedes mal laut vor Angst. Als sie das Ufer erreichten, konnte der Königssohn wieder freier atmen, und er fragte den Adler: „Hör mal, warum hast du mich auf dem Meer dreimal ins Wasser getaucht? Mein Herz zitterte wie ein Espenlaub. Du wolltest dich wohl über mich lustig machen?“

 

„Ich habe es deshalb getan“, antwortete der Adler, „damit du verstehst, was mein Herz empfand, als ich auf deine Rückkehr von der Königstochter wartete. Das erste Mal, als du dich im Königsschloss umsahst und dich nicht beeiltest, hatte ich das gleiche Gefühl wie du, als du bis zu den Knien im Wasser warst, denn die Bären hoben schon die Köpfe. Meine Schlaffedern schienen nicht mehr zu wirken. Das zweite Mal, als du dich an den königlichen Tisch setztest, verspürte ich die gleiche Angst wie du, als du bis zur Brust im Wasser warst, denn die Bären richteten sich schon auf. Beim dritten Mal aber, als du den Ring nahmst, war meine Angst am größten, denn die Bären waren aufgestanden. Wäre die Königstochter dabei erwacht, hätten die Bären mich zerrissen, und auch du wärst nicht mit dem Leben davongekommen.“

 

Der Jüngling dankte dem Himmel, dass das Mädchen nicht erwacht war. Dann waren sie wieder bei der Alten im Eichenwald. Der Jüngling bedankte sich bei seinem Wegbegleiter und zeigte den Wunderspiegel der Alten. Die Alte sagte: „Ich habe keinen Nutzen mehr von ihm, ich bin schon zu alt. Hier, Söhnchen, nimm dieses Rutenbündel! Lässt du es durch die Luft sausen, geschieht sofort, was du dir wünschst!“ Dann brachte sie dem Königssohn das Pferd und schickte ihn auf den Heimweg.

 

Als der Wanderer zur zweiten Schwester gelangte, zeigte er auch ihr den Wunderspiegel. Doch die Alte sagte: „Ich habe keinen Nutzen mehr von ihm. Hier mein Kind, nimm dies Beutelchen! Solltest du Getreide brauchen, öffne den Beutel ein wenig. Du wirst sehen, was dann geschieht!“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten, sagte ihr Lebewohl und eilte weiter heimwärts, so schnell ihn die Hufe des alten Wallachs trugen. So gelangte er zur ersten Schwester und zeigte auch ihr den Wunderspiegel und die Geschenke der älteren Schwestern. Auch die jüngste Schwester erwiderte: „Ich habe keinen Nutzen von ihn, ich bin schon zu alt. Hier, mein Kind, nimm diese Schere mit! Solltest du jemals Stoff oder Kleider brauchen, so lass die Schere klappern.“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten für das Geschenk, sagte ihr Lebewohl und machte sich eiligst auf den Heimweg.

 

Unterwegs sah er, dass die Pferde und die Kutsche der Brüder immer noch vor der selben Schenke standen wie an dem Tage, als er sich von hier auf den Weg gemacht hatte. Der Jüngling dachte: „Ich werde hinein schauen!“ Und er trat ein. Die Brüder riefen gleich: „Na, Brüderchen, hast du den Spiegel gefunden?“ „Aber, warum denn nicht?“ antwortete der jüngste Bruder. Die älteren Bruder baten ihn zu sich an den Tisch und ließen ihn essen und trinken, solange, bis der Wein dem jüngeren Bruder zu Kopfe stieg. Dann baten sie: „So zeig uns doch den Wunderspiegel. Wer weiß, ob es überhaupt derjenige ist, den wir suchen wollten!“ „Er ist schon der richtige!“ antwortet der jüngste Bruder und gab den Spiegel den Brüdern, damit sie sich überzeugen sollten.

 

Die Brüder besahen den Spiegel von vorn und hinten und mussten zugeben, dass es der richtige war. „Was machst du Brüderchen, mit dem teuren Ding?“ grinsten die Brüder. Der älteste Bruder steckte den Spiegel ein und sagte zum jüngeren: „Also komm! Wir haben das Glück gefunden!“ Und schon waren sie auf und davon. Was sollte der jüngere Bruder nun tun? Die Peitsche sollte er zu kosten bekommen, falls er den Mund nicht hielt.

 

Der alte König schaute in den Spiegel, und – welch Wunder, er wurde immer jünger und jünger. Da lobte er die Söhne für ihren Fleiß und ihren Mut und versprach ihnen das halbe Königreich. Schließlich jedoch kam auch der jüngste Sohn zu Hause an. Er trat vor den König und sagte: „Ich war es der den Spiegel gefunden hat. Die älteren Brüder haben es nicht weit geschafft, sie haben in der Schenke gesessen und mir den Spiegel weg genommen, als ich von meiner langen Reise zurückkehrte........“ „Sieh dir doch den Dümmling an!“ schrie der König und lachte. Die älteren Brüder aber begannen, den König aufzuhetzen und sagten: „Lass den jüngsten Bruder töten! Wozu lebt so ein dummer Mensch auf dieser Welt?“

 

Als der König nun noch hörte, dass der jüngste Bruder sagte, er sei mit einem Adler geflogen, packte ihn die Wut, und er befahl, den Dümmling aufs Meer zu bringen. Er sagte zu seinen ältesten Söhnen: „Setzt ihn in einen Kahn, nehmt die Ruder weg und stoßt den Kahn hinaus in die Wellen!“ So geschah es denn auch mit dem armen Königssohn. Die Brüder spotteten noch am Ufer hinterher: „Ruf nur deinen Adler zu Hilfe, Brüderchen!“

 

Der Königssohn schaukelte in seinem Kahn über die Wellen, und diese trugen ihn weiter hinaus aufs Meer. Wie er nun eine Zeitlang dem Meer zutrieb, kam eine Welle und schleuderte ihn mitsamt dem Kahn ans Ufer. Es dauerte eine Weile, bis der Königssohn sich von seinem Schreck erholte und sich umschaute, wohin er geraten war. Bald sah er, dass die Welle ihn an den Strand einer Insel getragen hatte. „Was fange ich nun an diesem einsamen Ort an!“ klagte der Unglückliche. „Ich werde meinen Kahn aus dem Wasser ziehen. Wer weiß, wann er mir von Nutzen sein wird!“

 

Wie er nun den Kahn aus dem Wasser zerrte, fühlte er etwas unter seiner Jacke. Er guckte genauer hin und sah das Rutenbündlein. „Da habe ich doch die Geschenke der alten Frauen aus den Eichenwäldern ganz und gar vergessen! Nun werde ich sehen, ob sie die Wahrheit gesagt haben!“ Er nahm das Rutenbündel, ließ es durch die Luft sausen und rief dabei: „Ich wünsche mir eine große Stadt mit vielen Menschen darin.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, da war die Stadt schon fertig und das Volk strömte in Mengen durch die Tore ein und aus. Nur waren die Ärmsten alle nackt.

 

„Wozu habe ich die Schere in der Tasche!“ sagte der Königssohn, nahm sie heraus, ließ sie klappern und fügte hinzu: „Schere, Scherchen, nähe den Menschen neue Kleider!“ Und welch Wunder! Da lagen auch schon Hunderte Fuhren von Kleidern. „Nehmt sie euch und zieht sie euch an!“ Aber was sollten sie essen? Nirgends ein Körnchen Getreide.

 

„Mal sehen, was in des Beutels Macht liegt!“ Sobald der Jüngling den Beutel lüftete, begann aus diesem Getreide zu fließen, dass es für zehn Königreiche gereicht hätte. Nun fehlte ihnen weiter nichts mehr! Die Menschen ernannten den Jüngling zu ihrem König und so lebte er in Lust und Freude, denn das Rutenbündel, die Schere und das Beutelchen besorgten ihm alles, was sein Herz begehrte.

 

Nach einiger Zeit ging der junge König am Meer spazieren. Da sah er weit draußen auf dem Meer ein Schiff vorübersegeln. „Warte, wo ist mein Kahn?“ sagte der König. Er ließ den Kahn ans Ufer bringen, setzte sich hinein und ruderte hinaus aufs Meer, immer weiter und weiter dem Schiff zu. Er stieg aufs Schiff und sah dort die schöne Königstochter der Inselstadt. Der König verbeugte sich tief vor der Prinzessin und bat sie an Land zu kommen, damit sie sich ausruhe.

 

Die Königstochter aber erwiderte: „Ich darf nicht an Land gehen! Vor ein paar Jahren wurde aus meinem Schloss ein Spiegel gestohlen, der einen jeden, der hineinschaut, wieder jung macht. Mehr noch als um den Spiegel tut es mir um den Goldring leid, den der Dieb mitnahm. Wer im Besitz des Wunderspiegels ist, muss ihn wie seinen Augapfel hüten, und wird er dabei auch etliche hundert Jahre alt. Ich darf aber keinen anderen Mann heiraten als den, dem ich selbst den Ring gegeben hätte oder der ihn nun hat. Es könnte aber sein, dass er im Besitz eines alten Mannes oder eines bösen Hexenmeisters ist. Darum habe ich meine Stadt verlassen und lebe auf dem Meer, damit mir nicht irgendein Ungeheuer den Ring wiederbringt.“

 

Als der junge König diese Worte hörte, nahm er den Ring und reichte ihn der Prinzessin. Wie groß war ihre Freude, als sie nun sah, dass ihr Ring sich im Besitz eines schönen Jünglings befand, der zudem noch König war. Sie fuhren ans Ufer, und das Volk empfing sie jubelnd. Dann wurde Hochzeit gefeiert, die viele Wochen dauerte. Aber von dem Wunderspiegel hatte nie wieder jemand etwas gehört.

 

Märchen aus Estland

 

GOLDHÄRCHEN UND GOLDSTERNCHEN ...

Goldsternchen und der Vogel der Wahrheit

 

Es war einmal ein König, der wollte keine andere freien, als nur die Allerschönste und Sittsamste aus dem ganzen Lande. Und sie wiesen ihm ein so schönes Mädchen zu, mit goldenen Haaren, daß man sich bei ihrem Anblick nicht satt sehen konnte. Der König verliebte sich in sie und nahm sie zur Frau, aber seine alte böse Mutter konnte ihre Schwiegertochter in den Tod nicht leiden, hätte sie lieber vergiftet, als sie in ihrem Haus gelitten, und lauerte auf sie.

 

Nach einer Zeit bekam die junge Königin einen sehr schönen Sohn. Die alte Königin leistete Beistand und windelte ihn und legte ihn scheinbar in die Wiege, in Wahrheit aber warf sie ihn in ein Kästchen, schlug den Deckel zu, trug ihn an den Fluß, setzte ihn dort ins Wasser und ließ ihn stromabwärts los. Aber in die Wiege legte das alte Nickel einen Kater in Windeln. Als man am Morgen frühe bei Tageslicht zur Besichtigung kam, wunderten sich alle über das wunderbare, behaarte Kind, und nach dem Auswindeln, siehe da! wars ein Kater.

 

Die Königin wußte nichts zu sagen; die alte Teufelin schwieg, verleumdete vielmehr die Königin, als wenn sie eine Hexe wäre und einen Kater geboren hätte. Im anderen Jahr machte sie es ebenso. Als die Königin ein junges Töchterchen bekommen hatte, schön wie eine Tochter der lieben Sonne, trug sie das Kind auf den Fluß hinaus und legte in die Wiege eine Katze in Windeln. Der König wurde fast auf seine Gemahlin böse, die Königin verzagt und bekam seit dem keine Kinder mehr, und alle Welt verleumdete die Königin als gräßliche Hexe.

 

Aber in der Nacht, in welcher der erste Sohn geboren wurde, hörte ein Mann im Finstern beim Fischen auf dem See die weinerliche Stimme eines Kindes. Nach der Stimme zufahrend, erblickte er ein schwimmendes Kästchen, fischte dieses auf und fand ein kleines Kindchen. Fröhlich eilte er nach Hause, es seiner Frau zu zeigen, und nachdem er es heim getragen hatte, fragte er: Sonnchen! Nun rate einmal auf, was ich im Kästchen bringe?“ Als sie es nicht erraten konnte, öffnete er den Deckel und zeigte ihr das schlafende Kind mit den Worten: „Du hast mir kein Kind geschenkt, nun bringe ich dir wenigstens einen Findling.“

 

Beim Auswickeln fanden sie prächtige Windeln und Leinwand und auf dem Boden auch ein wenig Geld eingewickelt. Als sie das Kind besahen, erblickten sie wirklich drei goldene Haare hinterm Ohr, nannten ihn darum Goldhärchen und erzogen ihn als ihren Sohn. Das Geld aber und die Windeln verwahrten sie im Kasten, in dem sie meinten: „Geld brauchen wir beide nicht, wir haben ja, Gott sei Dank! unser Brot, und für das Kind wird’s auch noch erreichen, besser ist es, wir heben ihm alles auf. Wer weiß, ob er dies nicht einmal gebrauchen wird.“

 

Nach einem Jahr fischte er wieder ein Kästchen auf und brachte es heim, und in demselben fand er ein schönes Mädchen, ebenso schön gekleidet, auch ein Teilchen Geld; es schien des ersten Schwester zu sein. Sie fanden aber drei goldene Sterne hinter dem Ohre, nannten sie Goldsternchen und erzogen sie mit Freuden. Lange Jahre blieben diese beiden Kinder im Hause des Fischers und wuchsen in guter Obhut und Pflege auf. Sie waren schon ziemlich groß, als sie einmal von fremder Stätte her nach Hause gelaufen kamen und fragten: „Väterchen! Mütterchen! Ist das wahr?" Die anderen Kinder sagen, wir seien nicht eure Kinder, sondern Findlinge, aus dem Wasser gefischt?“

 

Was sollten sie tun, sie mußten die Wahrheit sagen, zeigten jedem seinen Kasten und was darinnen für jeden zum Andenken drin war. Als sie alles erforscht und besehen hatten, sprachen sofort beide: „Dank euch beiden für eure Pflege und alles Gute, nun müssen wir in die Welt hinaus gehen und die Eltern suchen.“ Lange irrten und fragten sie, endlich waren sie des Wanderns müde. Sie trafen eine Stadt an, kauften dort ein Haus, richteten einen schönen Garten ein, daß der Ruf ausging durch die ganze Stadt vom Goldhärchen und Goldsternchen.

 

Sie beide wußten aber nicht, daß sie den Eltern so nahe wären, denn das war dieselbe Stadt, in welcher die Eltern herrschten. Da hörte auch des alten Königs Mutter das Gerücht von diesen beiden Kindern und merkte am Namen, was das für Kinder sein könnten, die goldenen Haare und die goldenen Sterne hatte sie damals beim Einwindeln wohl bemerkt. Sie dachte hin, sie dachte her, vielleicht daß es möglich wäre, die beiden auf irgendeine Weise in den Tod zu treiben.

 

Verkleidet ging das alte Ungestüm zu beiden ins Haus mit süßer Zunge und allerlei Lobeserhebungen. „Ach! Wie schön ist euer Haus und ihr beide gar, meine Hühnchen! Wie jung und schön! Herzchen! Ich wollte auch euren Garten sehen, mein Töchterchen! Ich habe sagen hören, daß er sehr schön sei.“ Dort hingekommen, heuchelte sie: „Ach! Was ist das für eine Pracht! Hast du die schönen Blumen großgezogen? Und du, mein Goldchen? Hast hier wohl die Bäume so schön gepflanzt? Meine Küchlein! Überaus schön ist das Gärtchen, aber wenn an jedem Baume Glöcklein wären, wie würde das klingen!“ – „Und wo könnte man die bekommen?“ fragte sogleich Goldhärchen. „Ich weiß, dort auf dem Berge ist ein ganzer Garten voll, nur eins braucht man sich heimzutragen, dann wächst in der Nacht der ganze Garten voll. Ja! Wenn ihr dieses Glöcklein hättet, meine weißen Lieblinge!“

 

Nachdem sie das gesagt hatte, zog sie ab wie ein dürres Jahr, daß seine Zeichen hinterlässt. Sie schickte beide Kinder geradezu in des Todes Rachen, denn der Garten auf dem Berge war verzaubert und wer in ihm länger als eine Stunde blieb, kam schon nicht mehr heraus, sondern verwandelte sich in irgendeinen Baum. Nach Abgang der Alten sprachen die beiden unter sich, was zu tun wäre. Goldhärchen sagte: „Ich gehe und bringe mit ein solches Glöckchen!“ – „Geh nicht! Geh nicht! wehrte die Schwester, „wer weiß was dir begegnen kann?“ - „Du wirst mich nicht abwendig machen! Ich gehe und damit genug! Furcht habe ich nicht in Gottes Namen.“ „Dann kehre wenigstens rasch um und halte dich nicht auf!“ sagte die Schwester.

 

Frühmorgens erwachte er, lief hinauf auf den Berg, kam an einen schönen Garten, groß ohne Ende, stellte sich auf die Fußspitzen, riß sich eins der Glöcklein ab und lief ohne sich umzuschauen, wie von Furien getrieben, vom Berge heimwärts, kam nach Hause und hängte es an den Baum. Am andern Morgen klang der ganze Garten, es war lieblich anzuhören. Die alte Hexe kommt wieder und spricht mit süßer Zunge: „Mein liebes Töchterchen, nun ist ein schönes Klingen Im Garten! Aber, meine Gute! Wenn noch im Teich goldene Fischlein wären, dann wäre es noch schöner, mein süßes Täubchen!“ – „Und wo kann man die bekommen?“ – „Wieder dort auf dem Berge wirst ein Teichlein finden, mein Junge!“ sagte sie und schlich davon.

 

Früh am Morgen lief Goldhärchen auf den Berg, sich ein Fischlein holen, fand es, sputete sich rasch heim und ließ es in den Teich hinein. Am anderen Morgen kribbelte und wibbelte das ganze Wasser voll von Fischen aus Gold, welche herumschwammen glitzernd, daß man seine lieblichen Augenweide dran hatte.

 

Als das alte Weib dies hörte, wunderte sie sich, wie er leben bleiben und aus dem Garten heraus kommen konnte, sie entwarf aber einen Plan, sie gewiß zu verderben, wenn nicht beide, doch wenigstens einen. Zum dritten Male kam sie und lobte den schönen Garten der beiden und sprach: „Meine Kleeblättchen! Schön! Sehr schön! Aber noch eine Sache fehlt, nämlich der Vogel der Wahrheit!“ – „Wo ist der zu erhalten?“ „Mein Herzchen! Auch dort auf dem selben Berge in der hintersten Stube auf den Ofen ist er hingesetzt.“ Das sagend bürzelte sie hinaus, innerlich sich belachend: nun muß sicher einer verloren gehen.

 

Als sie herausgewatschelt war, sagte Goldhärchen sogleich: „Den Vogel muß ich haben, und wenn da wer weiß was wäre.“ Die Schwester redete ab so gut sie konnte, aber vergebens. Am anderen Morgen nach dem Erwachen wehrte sie wieder: „Um Gottes Willen, geh nicht! Mir ist so bange ums Herz! Und diese Nacht habe ich so wunderbar von dir geträumt, mein Brüderchen! Bitte, bleibe zu Hause, du wirst sonst umkommen!“ Der aber fragte nach nichts und lief des Morgens auf den Berg in sein Unglück.

 

Gleichsam absichtlich ließ er sich Zeit, bummelte im Garten herum, besah Bäume und Blumen, schlich nachher ins Haus. Aber dort im ersten Zimmer fand er solch schöne Sachen, daß er sich nicht sattwundern konnte, im zweiten, die schönsten silbernen und goldenen Geräte, im dritten lauter Gemälde, im vierten die schönsten Anzüge, im fünften Geld und Geschmeide, überall wollte er seine Augen und verzögerte sich. Zuletzt kam er in das rechte Stübchen, sah dort den Vogel sitzen. und wollte ihn hoch steigend schon ergreifen, da fiel er als ein Glasstückchen auf die Erde und blieb liegen. Das Schwesterlein wartete auf ihren Bruder einen Tag und eine Nacht und konnte ihn durchaus nicht erwarten.

 

Am anderen Morgen stand sie auf, ging auf den Berg, ihn zu suchen, immer mit Weinen. Bei ihrem Umherirren traf sie eine alte Frau an, welche sich ihrer erbarmte, sie ausfragte und belehrte, wie sie tun sollte. Sie merkte sich alles wohl, lief durch den Garten, durch die Stuben, ohne die Augen seitwärts zu wenden, las die Glasstückchen in die Schürze, stieg hoch, ergriff den Vogel der Wahrheit und lief wieder im Trabe zurück nach Hause. Als sie aber aus dem Garten kam, fielen die Glasstückchen aus der Schürze und verwandelten sich sogleich in die Kinder, welche dort den Vogel hatte greifen wollen. Unter diesen erblickte sie auch ihr verlorenes Brüderchen, erfaßte ihn rasch bei der Hand und führte ihn mit sich nach Hause.

 

Den Vogel stellte sie  zu Hause im Bauer auf. Wieder ging das Gerücht von der beiden Kinder Gewinn durch die ganze Stadt, auch der König und die Königin hörten die Nachricht und kamen sich die Neuigkeit zu beschauen. Nach Bewunderung aller Dinge sahen sie auch den Vogel und erfuhren, daß es ein Verkünder der Wahrheit sei. Sogleich fingen sie ihn an zu fragen von ihren Kindern, wie das zugegangen sei und ob sie noch am Leben sind.

 

Der Vogel bezeugte alles der Wahrheit gemäß, und mit einem Male fanden zum Staunen aller die Eltern ihre Kinder und die Kinder ihre Eltern, das war eine Freude ohne Ende! Sie fragten aber auch, wer das alles verbrochen habe, und bekamen zu wissen, daß des Königs alte Mutter an dem allen Schuld sei. Zornig befahl der König sie zu greifen und gebunden in ebensolch einer Kiste auf dem Wasser loszulassen. Wer weiß, wohin sie gekommen ist! Aber in des Königs Hause richteten die Eltern ihren wiedergefundenen Kindern ein großes Fest aus, zu welchem viele eingeladen waren.

 

Märchen aus Litauen

 

DAS GLÜCKSEI ...

Zwei aussergewöhnliche Freunde

 

Einmal lebte in einem großen Walde ein armer Mann mit seinem Weibe; Gott hatte ihnen acht Kinder gegeben, von denen die ältesten schon ihr Brot bei fremden Leuten verdienten, und so machte es den Eltern gerade nicht viel Freude, als ihnen im späten Alter noch ein neuntes Söhnlein geboren wurde. Aber Gott hatte es ihnen einmal geschenkt, und so mußten sie es nehmen, und ihm nach Christenbrauch die Taufe geben lassen. Nun wollte aber Niemand zu dem Kinde Gevatter stehen, weil Jeder besorgte: wenn die Eltern sterben, so fällt mir das Kind zur Last. Da dachte der Vater: ich nehme das Kind, und trage es am Sonntag in die Kirche, und sage, daß ich nirgends Gevattern habe finden können, mag dann der Prediger tun, was er will, mag er das Kind taufen oder nicht, auf meine Seele kann keine Sünde fallen.

 

Als er sich am Sonntag aufmachte, fand er nicht weit von seinem Hause einen Bettler am Wege sitzen, der ihn um ein Almosen bat. Der Mann sagte: »Ich habe dir nichts zu geben, Brüderchen, die wenigen Kopeken die ich in der Tasche habe, muß ich für die Kindtaufe ausgeben; willst du mir aber einen Gefallen tun, so komm und steh bei meinem Kinde Gevatter, nachher gehen wir nach Hause und nehmen vorlieb mit dem, was uns die Hausfrau zum Taufschmaus beschert hat.«

 

Der Bettler, den bis dahin noch niemand zu Gevatter gebeten hatte, erfüllte mit Freuden die Bitte des Mannes, und ging mit ihm zur Kirche. Als sie eben dort angekommen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit vier Pferden vor, und eine junge vornehme Dame stieg aus. Der arme Mann dachte: hier will ich zum letzten Male mein Glück versuchen, trat mit demütigem Gruße vor die Frau oder das Fräulein, was sie nun sein mochte, und sagte: »Geehrtes Fräulein, oder was ihr sonst sein mögt! würdet ihr euch nicht der Mühe unterziehen, bei meinem Kinde Gevatter zu stehen?« Das Fräulein sagte zu.

 

Als nun nach der Predigt das Kind zur Taufe gebracht wurde, verwunderten sich Prediger und Gemeinde sehr darüber, daß ein armseliger Bettelmann und eine stolze vornehme Dame zusammen bei dem Kinde Gevatter standen. Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Pärtel. Die reiche Pate bezahlte das Taufgeld und machte noch ein Patengeschenk von drei Rubeln, worüber der Vater des Kindes höchlich erfreut war. Der Bettler ging dann mit zum Taufschmause.

 

Ehe er am Abend fortging, nahm er ein in einen kleinen Lappen gewickeltes Schächtelchen aus der Tasche, gab es der Mutter des Kindes, und sagte: »Mein Patengeschenk ist zwar unbedeutend, aber verschmähet es dennoch nicht, vielleicht erwächst eurem Söhnlein einmal Glück daraus. Ich hatte eine sehr kluge Tante, die sich auf vielerlei Zauberkünste verstand, die gab mir vor ihrem Tode das Vogelei in diesem Schächtelchen, indem sie sagte: 'wenn dir einmal etwas ganz Unerwartetes begegnet, was du niemals ahnden konntest, dann entäußere dich dieses Eies; wenn es demjenigen zu Teil wird, für den es bestimmt ist, so kann es ihm großes Glück bringen. Aber hüte das Ei wie deinen Augapfel, damit es nicht zerbricht, denn die Glücksschale ist zart.' Nun ist mir bis auf den heutigen Tag, obwohl ich nahe an sechzig Jahre alt bin, noch nichts so Unerwartetes begegnet, als daß ich heute morgen zu Gevatter gebeten wurde, und es war gleich mein erster Gedanke: Du mußt dem Kinde das Ei zum Patengeschenk geben.«

 

Der kleine Pärtel gedieh vortrefflich, und wuchs seinen Eltern zur Freude auf, bis er im Alter von zehn Jahren in ein anderes Dorf zu einem wohlhabenden Wirte als Hüterknabe kam. Alle im Hause waren mit dem Hüterknaben sehr zufrieden, da er ein frommer stiller Bursche war, der seiner Brotherrschaft niemals Verdruß machte. Die Mutter hatte ihm beim Abschied das Patengeschenk in die Tasche gesteckt, und ihm empfohlen, es sorgfältig zu hüten, wie seinen Augapfel, was Pärtel auch befolgte.

 

Auf dem Weideplatze stand ein alter Lindenbaum, und unter diesem lag ein großer Kieselstein; diesen Ort hatte der Knabe sehr lieb, so daß den Sommer über kein Tag verging, an dem er nicht unter der Linde auf dem Steine gesessen hätte. Auf diesem Steine verzehrte er auch gewöhnlich das Brot, welches ihm alle Morgen mitgegeben wurde, und seinen Durst stillte eine kleine Quelle in der Nähe des Steines. Mit den anderen Hirtenknaben, die viel Mutwillen trieben, hielt Pärtel keine Freundschaft. Wunderbar war es, daß ringsum nirgends so schönes Gras anzutreffen war, als zwischen dem Stein und der Quelle; obwohl die Herde jeden Tag hier weidete, so hatte doch am andern Morgen der Rasen mehr das Ansehen einer geschonten Wiese als das einer Weide.

 

Wenn Pärtel zuweilen an einem heißen Tage auf dem Steine ein wenig einschlummerte, so erfreuten ihn jedesmal wunderbare Träume, und noch beim Erwachen klangen ihm Spiel und Gesang in den Ohren, so daß er mit offenen Augen weiter träumte. Der Stein war ihm wie ein teurer Freund, von dem er täglich mit schwerem Herzen schied, und zu dem er den anderen Morgen voll Sehnsucht zurückeilte. So war Pärtel funfzehn Jahre alt geworden, und sollte nun nicht länger mehr Hüterknabe bleiben. Der Wirt nahm ihn zum Knecht, ohne ihm jedoch schwerere Arbeit aufzulegen, als er zu leisten vermochte.

 

Am Sonntage oder an Sommerabenden, wenn die anderen Bursche mit den Dirnen schäkerten, gesellte sich Pärtel nicht zu ihnen, sondern ging still sinnend auf den Weideplatz an seinen lieben Lindenbaum, unter welchem er nicht selten die halbe Nacht zubrachte. So saß er einmal wieder an einem Sonntag Abend auf dem Steine und schlug die Maultrommel, da kroch eine milchweiße Schlange unter dem Steine hervor, hob den Kopf, als wollte sie zuhören, und blickte den Pärtel mit ihren klaren Augen an, die wie feurige Funken glänzten. Dies wiederholte sich in der Folge, weßhalb Pärtel, sobald er nur freie Zeit hatte, immer nach seinem Steine eilte, um die schöne weiße Schlange zu sehen, die sich zuletzt so an ihn gewöhnt hatte, daß sie sich oftmals um seine Beine wand.

 

Pärtel war nun in das Jünglingsalter getreten, seine beide Eltern waren gestorben, und seine Brüder und Schwestern lebten alle weit entfernt, so daß sie nicht viel von einander hörten, geschweige denn einander sahen. Aber lieber als Brüder und Schwestern war ihm die weiße Schlange geworden; bei Tage waren seine Gedanken auf sie gerichtet, und fast jede Nacht träumte er von ihr. Deshalb wurde ihm die Winterzeit sehr lange, wo tiefer Schnee lag und der Boden gefroren war. Als im Frühling die Sonnenstrahlen den Schnee geschmolzen und den Boden aufgetaut hatten, war Pärtels erster Gang wieder zum Steine unter der Linde, obwohl noch kein Blättchen am Baume zu sehen war.

 

O die Freude! Sobald er seine Sehnsucht in den Tönen der Maultrommel ausgehaucht hatte, kroch die weiße Schlange unter dem Stein hervor und spielte zu seinen Füßen, aber dem Pärtel schien es heute, als wenn die Schlange Tränen vergossen hätte, und das tat seinem Herzen weh. Er ließ nun keinen Abend mehr hingehen, ohne zum Steine zu kommen, und die Schlange wurde immer dreister, so daß sie sich schon streicheln ließ, aber wenn Pärtel sie festhalten wollte, schlüpfte sie ihm durch die Finger und kroch wieder unter den Stein.

 

Am Abend des Johannistages, da alle Dorfbewohner, alt und jung, mit einander zum Johannisfeuer gingen, durfte doch auch Pärtel nicht zurück bleiben, obwohl sein Herz ihn auf einen andern Weg lockte. Aber mitten in der Lustbarkeit, als die anderen sangen, tanzten und andere Kurzweil trieben, schlich er sich von ihnen fort zum Lindenbaum, denn das war der einzige Ort, wo sein Herz Ruhe fand. Als er näher kam, glänzte ihm vom Steine her ein helles kleines Feuer entgegen, was ihn sehr in Verwunderung setzte, da, so viel er wußte, Menschen sich um diese Zeit dort nicht aufhielten. Als er ankam, war das Feuer erloschen, und hatte weder Asche noch Funken zurückgelassen. Er setzte sich auf den Stein und fing an, wie gewöhnlich, die Maultrommel zu rühren. Mit einem Male tauchte das Feuer wieder auf, und es war nichts anderes als das funkelnde Augenpaar der weißen Schlange. Diese spielte wieder zu seinen Füßen, ließ sich streicheln, und sah ihn so durchdringend an, als wollte sie sprechen. Mitternacht konnte nicht weit sein, als die Schlange unter den Stein in ihr Nest schlüpfte, und auch auf Pärtels Spiel nicht wieder zum Vorschein kam.

 

Als er sein Instrument vom Munde nahm, in die Tasche steckte, und sich anschickte, nach Hause zu gehen, da säuselte das Laub der Linde im Hauch des Windes so wunderbar, daß es wie eine Menschenstimme an sein Ohr schlug, und er mehrmals die Worte zu hören glaubte:

»Zarte Schale hat das Glücksei,

Zähen Kernes ist die Trübsal;

Zaudre nicht das Glück zu haschen.«

 

Da fühlte er ein so schmerzliches Verlangen, daß ihm das Herz zu brechen drohte, und doch wußte er selber nicht, wonach er sich sehnte. Bittre Tränen rannen ihm von den Wangen, und er klagte: »Was hilft mir Unglücklichem das Glücksei, da mir auf dieser Welt doch kein Glück beschieden ist! Von klein auf fühle ich, daß ich für die Menschen nicht passe, sie verstehen mich nicht, und ich sie nicht: was ihnen Freude macht, das schafft mir Qual, was mich aber glücklich machen könnte, das weiß ich selbst nicht, wie sollten es Andere wissen. Der Reichtum und die Armut haben beide bei mir zu Gevatter gestanden, darum habe ich auch zu nichts Rechtem kommen können.«

 

Da wurde es plötzlich so hell um ihn her, als ob Linde und Stein von der vollen Sonne beschienen würden, so daß er eine Weile die Augen nicht öffnen konnte, sondern sich erst an die Helligkeit gewöhnen mußte. Da sah er neben sich auf dem Steine ein schönes Frauenbild stehen, in schneeweißen Kleidern, wie wenn ein Engel vom Himmel herunter gestiegen wäre. Aus dem Munde der Jungfrau aber tönte eine Stimme, die ihm süßer klang, als der Gesang der Nachtigall, und die Stimme sprach:

 

»Lieber Jüngling, fürchte dich nicht, sondern erhöre die Bitte eines unglücklichen Mädchens! Ich Arme lebe in einem trübseligen Kerker, und wenn du dich meiner nicht erbarmst, so habe ich nimmer Hoffnung auf Erlösung. O, lieber Jüngling, habe Mitleid mit mir, und weise mich nicht ab. Ich bin eines mächtigen Königs Tochter aus dem Ostlande, unendlich reich an Gold und Schätzen, aber das kann mir nichts helfen, weil ein Zauber mich zwang, in Gestalt einer Schlange hier unter dem Felsen zu leben, wo ich schon viele hundert Jahre weile, ohne je älter zu werden. Obwohl ich noch nie einem Menschenkinde Böses zugefügt habe, so fliehen doch Alle vor meiner Gestalt, so wie sie mich erblicken. Du bist das einzige lebende Wesen, das meine Annäherung nicht scheute; ja, ich durfte zu deinen Füßen spielen, und deine Hand hat mich oftmals freundlich gestreichelt. Darum erwachte in meinem Herzen die Hoffnung, daß du mein Retter werden könntest. Dein Herz ist rein, wie das eines Kindes, in welchem Lug und Trug noch nicht wohnen. Auch trifft bei dir Alles zu, was zu meiner Rettung erforderlich ist: eine vornehme Dame und ein Bettler standen zusammen Gevatter bei dir, und das Glücksei wurde dein Patengeschenk. Nur einmal nach je fünf und zwanzig Jahren in der Johannisnacht ist es mir vergönnt, in Menschengestalt eine Stunde lang auf der Erde zu wandeln, und wenn dann ein Jüngling reinen Herzens, der diese besonderen Gaben besitzt, kommen und meine Bitte erhören würde, so könnte ich aus meiner langen Gefangenschaft erlöst werden. Rette, o rette mich aus der endlosen Kerkerhaft, ich bitte dich in aller Engel Namen.« So sprechend fiel sie dem Pärtel zu Füßen, umfaßte seine Knie und weinte bitterlich.

 

Dem Pärtel schmolz das Herz bei diesem Anblick und bei dieser Rede, er bat die Jungfrau aufzustehen und ihm zu sagen, wie die Rettung möglich sei. »Ich würde ja ohne Zögern durch Feuer und Wasser gehen,« sagte er, »wenn dadurch deine Rettung möglich würde, und hätte ich zehn Leben zu verlieren, ich würde sie alle für deine Rettung hingeben! Eine nie gekannte Sehnsucht läßt mir keine Ruhe mehr, aber wonach ich mich sehne, weiß ich selbst nicht.«

 

Die Jungfrau sagte: »Komm morgen Abend gegen Sonnenuntergang wieder hierher, und wenn ich dir dann als Schlange entgegen komme, und mich wie einen Gürtel um deinen Leib winde, und dich dreimal küsse, so erschrick nicht, und bebe nicht zurück, sonst muß ich wieder weiter seufzen unter dem Fluche der Verzauberung, und wer weiß auf wie viel hundert Jahre.« Mit diesen Worten war die Jungfrau den Blicken des Jünglings entschwunden, und wieder säuselte es aus dem Laube der Linde:

»Zarte Schale hat das Glücksei,

Zähen Kernes ist die Trübsal;

Zaudre nicht das Glück zu haschen!«

 

Pärtel war nach Hause gekommen und hatte sich vor Tages Anbruch schlafen gelegt, aber wunderbar bunte Träume, teils freundliche, teils häßliche, scheuchten die Ruhe von seinem Lager. Mit einem Schrei sprang er auf, weil ein Traum ihm vorgespiegelt hatte, daß die weiße Schlange sich um seine Brust schlang und ihn erstickte. Zwar achtete er nicht weiter auf dieses Schreckbild, vielmehr war er fest entschlossen, die Königstochter aus den Banden der Verzauberung zu erlösen, und wenn er selber darüber zu Grunde gehen sollte - aber dennoch wurde ihm das Herz immer schwerer, je näher die Sonne dem Horizonte kam.

 

Zur festgesetzten Zeit stand er am Steine unter der Linde, und blickte seufzend zum Himmel empor, den er um Mut und Kraft anflehte, damit er nicht vor Schwäche zittere, wenn sich die Schlage um seinen Leib winden und ihn küssen werde. Da fiel ihm plötzlich das Glücksei ein; er zog das Schächtelchen aus der Tasche, wickelte es los, und nahm das kleine Ei, das nicht größer war, als das Ei einer Grasmücke, zwischen die Finger.

 

In demselben Augenblicke war die schneeweiße Schlange unter dem Steine hervorgeschlüpft, hatte sich um seinen Leib gewunden, und richtete eben ihren Kopf empor, um ihn zu küssen, da - der Mann wußte selbst nicht wie es geschah - hatte er der Schlange das Glücksei in den Mund gesteckt. Er stand, ob auch mit frierendem Herzen, ohne zu beben, bis die Schlange ihn dreimal geküßt hatte. Jetzt erfolgte ein Krachen und Leuchten, als hätte der Blitz in den Stein geschlagen, und schwerer Donner machte die Erde erzittern, so das Pärtel wie tot zu Boden fiel, und nicht mehr wußte, was mit ihm oder um ihn her geschah.

 

Aber in diesem furchtbaren Augenblicke waren die Bande des Zaubers gebrochen, und die königliche Jungfrau war aus ihrer langen Haft erlöst. Als Pärtel aus seiner schweren Ohnmacht erwachte, fand er sich auf weichen Seidenkissen, in einem prächtigen Glasgemach von himmelblauer Farbe. Das schöne Mädchen kniete vor seinem Bette, streichelte seine Wangen, und rief, als er die Augen aufschlug: »Dank dem himmlischen Vater, der mein Gebet erhört hat! und tausend, tausend Dank auch dir, teurer Jüngling, der du mich aus der langen Verzauberung erlöst hast! Nimm jetzt zum Lohne mein Reich, dieses prachtvolle Königsschloß mit allen seinen Schätzen, und wenn du willst, auch mich als Gemahlin mit in den Kauf. Du sollst fortan hier glücklich leben, wie es dem Herrn des Glücksei's gebührt. Bis heute war dein Loos wie das deines Taufvaters, jetzt harrt deiner ein besseres Loos, ein solches, wie es deiner Taufmutter zugefallen war.«

 

Pärtel's Glück und Freude vermöchte wohl niemand zu schildern; alle unbegriffene Sehnsucht seines Herzens, die ihn ruhelos immer wieder unter die Linde trieb, war jetzt gestillt. Von der Welt geschieden lebte er mit seiner teuren Gemahlin im Schoße des Glückes bis an sein Ende. -

 

In dem Dorfe aber und auf dem Bauernhofe, wo er gedient hatte, und wo man ihn um seines frommen Wesens willen lieb hatte, erregte sein Verschwinden große Betrübnis. Darum machten sich Alle auf, ihn zu suchen, und ihr erster Gang war zur Linde, welche Pärtel so häufig zu besuchen pflegte, und wohin man ihn auch Abends zuvor noch hatte gehen sehn. Groß war das Erstaunen der Leute, als sie dort weder den Pärtel, noch die Linde, noch den Stein mehr vorfanden; auch die kleine Quelle in der Nähe war vertrocknet, und keines Menschen Auge hat selbige Dinge jemals wieder erblickt.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald: Estnische Märchen

 

 

DIE GOLDSPINNERINNEN ...

Flucht aus dem Wald

 

Ich will euch eine schöne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzählen, welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der Weisheit-Sprache der Vierfüßer und der Befiederten wiederhallten.

 

Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit drei frischen Töchtern: ihre Hütte lag im Dickicht versteckt. Die Töchter blühten schönen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf; besonders war die jüngste Schwester schön und zierlich wie ein Bohnenschötchen. Aber in dieser Einsamkeit gab es keine anderen Beschauer als am Tage die Sonne, und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne.

»Brennend heiß mit Jünglingsaugen

Schien die Sonn' auf ihren Kopfputz,

Glänzte auf den bunten Bändern,

Rötete die bunten Säume.«

 

Die alte Mutter ließ die Mädchen nicht müßig gehen, noch säumig sein, sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie saßen Tag für Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen Dingern wurde weder Donnerstag noch Sonnabend Abendmuße gegönnt, den Gabenkasten zu bereichern, und wenn nicht in der Dämmerung oder im Mondenschein verstohlener Weise die Stricknadel zur Hand genommen wurde, so blieb der Kasten ohne Zuwachs. War die Kunkel abgesponnen, so wurde sofort eine neue aufgesetzt, und überdies mußte das Garn eben, drall und fein sein.

 

Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloß und Riegel in einer geheimen Kammer, wohin die Töchter ihren Fuß nicht setzen durften. Von wo der Goldflachs ins Haus gebracht wurde, oder zu was für einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen nicht bekannt geworden; die Mutter gab auf solche Fragen niemals Antwort. Zwei oder drei Mal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise, man wußte nicht wohin, blieb zuweilen über eine Woche aus und kam immer bei nächtlicher Weile zurück, so daß die Töchter niemals erfuhren, was sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, teilte sie jedesmal den Töchtern auf so viel Tage Arbeit aus, als sie aus zu bleiben gedachte.

 

Jetzt war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung unternehmen wollte. Gespinnst auf sechs Tage wurde den Mädchen ausgeteilt, und dabei abermals die alte Ermahnung eingeschärft: »Kinder laßt die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit der Faden in der Spule nicht reißt, sonst würde der Glanz des Goldgarns verschwinden und mit eurem Glücke würde es auch aus sein!« Die Mädchen verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung; ehe noch die Mutter auf ihrer Krücke zehn Schritte weit vom Hause gekommen war, fingen sie alle drei an zu höhnen.

 

»Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt wird, hätten wir nicht nötig gehabt,« sagte die jüngste Schwester. »Der Goldgarnfaden reißt nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen.« Die andere Schwester setzte hinzu: »Eben so wenig ist es möglich, daß der Goldglanz sich verliere.« Oft schon hat Mädchen-Vorwitz manches voreilig verspottet, woraus doch endlich nach vielem Jubel Tränenjammer erwuchs.

 

Am dritten Tage nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter Vorfall, der den Töchtern anfangs Schrecken, dann Freude und Glück, auf lange Zeit aber Kummer bereiten sollte. Ein Kalew-Sproß, eines Königs Sohn, war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefährten abgekommen, und hatte sich im Walde so weit verirrt, daß weder das Gebell der Hunde noch das Blasen der Hörner ihm einen Wegweiser herbeischaffte. Alles Rufen fand nur sein eigenes Echo, oder fing sich im dichten Gestrüpp.

 

Ermüdet und verdrießlich stieg der königliche Jüngling endlich vom Pferde und warf sich nieder, um im Schatten eines Gebüsches auszuruhen, während das Pferd sich nach Gefallen auf dem Rasen sein Futter suchen durfte. Als der Königssohn aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne schon niedrig. Als er jetzt von neuem in die Kreuz und in die Quer nach dem Wege suchte, entdeckte er endlich einen kleinen Fußsteig, der ihn zur Hütte der lahmen Alten brachte.

 

Wohl erschracken die Töchter, als sie plötzlich den fremden Mann sahen, dessen Gleichen ihr Auge nie zuvor erblickt hatte. Indeß hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in der Abendkühle mit dem Fremden befreundet, so daß sie gar nicht einmal zur Ruhe gehen mochten. Und als endlich die älteren Schwestern sich schlafen gelegt hatten, saß die jüngste noch mit dem Gaste auf der Türschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen.

 

Während die Beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne sich ihr Herz öffnen und süße Gespräche führen, wollen wir uns nach den Jägern umsehen, die ihren Anführer im Walde verloren hatten. Unermüdlich war der ganze Wald nach allen Seiten hin von ihnen durchsucht worden, bis das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ziel setzte. Dann wurden zwei Männer in die Stadt zurück geschickt, um die traurige Botschaft zu überbringen, während die Übrigen unter einer breiten ästigen Fichte ihr Nachtlager aufschlugen, um am nächsten Morgen wieder weiter zu suchen.

 

Der König hatte gleich Befehl gegeben, am andern Morgen ein Regiment zu Pferde und eins zu Fuß ausrücken zu lassen, um seinen verlorenen Sohn aufzusuchen. Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tage aus; dann erst wurden in der Frühe Fußstapfen gefunden, die man verfolgte und dadurch den Fußsteig entdeckte, der zur Hütte führte.

 

Dem Königssohne war in Gesellschaft der Mädchen die Zeit nicht lang geworden, noch weniger hatte er Sehnsucht nach Hause gehabt. Ehe er schied, gelobte er der Jüngsten heimlich, daß er in kurzer Zeit wieder kommen und dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, sie mit sich nehmen und zu seiner Gemahlin machen wolle. Wenn gleich die älteren Schwestern von dieser Verabredung nichts gehört hatten, so kam die Sache doch heraus und zwar in einer Weise, die Niemand vermutet hätte.

 

Nicht gering war nämlich der jüngsten Tochter Bestürzung, als sie, nachdem der Königssohn fortgegangen war, sich an den Rocken setzte und fand, daß der Faden in der Spule gerissen war. Zwar wurden die Enden des Fadens im Kreuzknoten wieder zusammengeknüpft und das Rad in rascheren Gang gebracht, damit emsige Arbeit die im Kosen mit dem Bräutigam verlorene Zeit wieder ein brächte. Allein ein unerhörter und unerklärlicher Umstand machte das Herz des Mädchens beben: das Goldgarn hatte nicht mehr seinen vorigen Glanz. -

 

Da half kein Scheuern, kein Seufzen und kein Benetzen mit Tränen; die Sache war nicht wieder gut zu machen. Das Unglück springt zur Tür ins Haus, kommt durchs Fenster herein und kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein altes weises Wort; so geschah es auch jetzt.

 

Die Alte war in der Nacht nach Hause gekommen. Als sie am Morgen in die Stube trat, erkannte sie augenblicklich, daß hier etwas Unrechtes vorgegangen sei. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie ließ die Töchter eine nach der anderen vor sich kommen und verlangte Rechenschaft. Mit Leugnen und Ausreden kamen die Mädchen nicht weit, Lügen haben kurze Beine; die schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem Rücken der jüngsten Tochter ins Ohr gekräht hatte. Das alte Weib fing nun an so gräulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren Verwünschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem Jüngling den Hals zu brechen und sein Fleisch den wilden Tieren zur Speise vor zu werfen, wenn er sich gelüsten ließe, noch einmal wieder zu kommen. -

 

Die jüngste Tochter wurde rot wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag keine Ruhe und konnte auch die Nacht kein Auge zu tun; immer lag es ihr schwer auf der Seele, daß der Jüngling, wenn er zurück käme, seinen Tod finden könnte. Früh am Morgen, als die Mutter und die Töchter noch im Morgenschlummer lagen, verließ sie heimlich das Haus, um in der Taueskühle aufzuatmen. Zum Glück hatte sie als Kind von der Alten die Vogelsprache gelernt, und das kam ihr jetzt zu Statten. In der Nähe saß auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder zurechtzupfte.

 

Das Mädchen rief: »Lieber Lichtvogel, klügster des Vogelgeschlechts! willst du mir zu Hilfe kommen?« »Was für Hilfe begehrst du?« fragte der Rabe. Das Mädchen erwiederte: »Flieg' aus dem Walde heraus über Land, bis dir eine prächtige Stadt mit einem Königssitz aufstößt. Suche mit dem Königssohn zusammen zu kommen und melde ihm, was für ein Unglück mir widerfahren ist.« Darauf erzählte sie dem Raben die Geschichte ausführlich, vom Reißen des Fadens an bis zu der gräßlichen Drohung der Mutter, und sprach die Bitte aus, daß der Jüngling nicht mehr zurück kommen möchte. Der Rabe versprach, den Auftrag auszurichten, wenn er Jemand fände, der seiner Sprache kundig wäre und flog sogleich davon.

 

Die Mutter ließ die jüngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn aufzuwickeln. Diese Arbeit wäre dem Mädchen leichter gewesen als die frühere, aber das ewige Fluchen und Zanken der Mutter ließ ihr vom Morgen bis zum Abend keine Ruhe. Versuchte die Jungfrau sich zu entschuldigen, so wurde die Sache noch ärger. Wenn einem Weibe einmal die Galle überläuft, und der Zorn ihre Kinnladen geöffnet hat, so vermag keine Gewalt sie wieder zu schließen.

 

Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenwipfel her kraa, kraa! und das gequälte Mädchen eilte hinaus, um den Bescheid zu hören. Der Rabe hatte glücklicherweise in des Königs Garten eines Windzauberers Sohn gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Ihm meldete der schwarze Vogel die von der Jungfrau ihm anvertraute Botschaft, und bat ihn, die Sache dem Königssohn mit zu teilen. Als der Gärtnerbursche dem Königssohn alles erzählt hatte, wurde diesem das Herz schwer, doch pflog er mit seinen Freunden heimlich Rat über die Befreiung der Jungfrau.

 

»Sage dem Raben,« so unterwies er dann des Windzauberers Sohn - »daß er eilig zurückfliege und der Jungfrau melde: sei wach in der neunten Nacht, dann erscheint ein Retter, der das Küchlein den Klauen des Habichts entreißen wird.« Zum Lohn für die Bestellung erhielt der Rabe ein Stück Fleisch, um seine Flügel zu kräftigen, und dann wurde er wieder zurück geschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel für seine Besorgung, verbarg aber das Gehörte in ihrem Herzen, damit die andern nichts davon erführen. Aber je näher der neunte Tag kam, desto schwerer wurde ihr das Herz, wenn sie bedachte, daß ein unvorhergesehenes Unglück alles zu Schanden machen könnte.

 

In der neunten Nacht, als die alte Mutter und die Schwestern sich zur Ruhe gelegt hatten, schlich die jüngste Schwester auf den Zehen aus dem Hause, und setzte sich unter einen Baum auf den Rasen, um des Bräutigams zu harren. Hoffnung und Furcht erfüllten zugleich ihr Herz. Schon krähte der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her war weder ein Geräusch von Tritten noch ein Rufen zu hören. Zwischen dem zweiten und dritten Hahnenschrei drang von weitem ein Geräusch wie leises Pferdegetrappel an ihr Ohr. Sie ließ sich durch dies Geräusch leiten und ging den Kommenden entgegen, damit deren Annäherung die im Hause Schlafenden nicht wecken möchte.

 

Bald erblickte sie die Kriegerschaar, an deren Spitze der Königssohn selbst als Führer ritt, denn er hatte, als er von hier fortgegangen war, an den Bäumen heimliche Zeichen gemacht, durch die er den rechten Weg erkannte. Als er die Jungfrau gewahr wurde, sprang er vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin, damit sie sich an ihn lehne und dann ging es schleunig heimwärts. Der Mond gab zwischen den Bäumen so viel Licht, daß der bezeichnete Pfad ihnen nicht verloren ging.

 

Das Frührot hatte überall der Vögel Zungen gelöst und ihr Gezwitscher geweckt. Hätte die Jungfrau auf sie zu achten und aus ihrer Zwiesprach Belehrung zu schöpfen gewußt, es hätte den Beiden mehr genützt als die honigsüße Schmeichelrede, welche aus des Königssohnes Munde floß und das Einzige war, was in ihr Ohr drang. Sie hörte und sah nichts Anderes als den Bräutigam, der sie bat, alle eitle Furcht aufzugeben und dreist auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als sie in's Freie kamen, stand die Sonne schon ziemlich hoch.

 

Zum Glück hatte die alte Mutter am Morgen früh der Tochter Flucht nicht gleich bemerkt; erst etwas später, als sie die Garnwinde nicht abgewickelt fand, fragte sie, wohin die jüngste Schwester gegangen sei. Darauf wußte Niemand Antwort zu geben. Aus mancherlei Zeichen ersah jetzt die Mutter, daß die Tochter entflohen war; sofort faßte sie den tückischen Vorsatz, der Flüchtigen die Strafe auf dem Fuße nachzusenden. Sie holte vom Boden herunter eine Handvoll aus neunerlei Arten gemischter Hexenkräuter, schüttete Salz, das besprochen war, dazu und band alles in ein Läppchen, daß es ein Quast wurde; dann hauchte sie Flüche und Verwünschungen darauf und ließ nun das Hexenknäuel mit dem Winde davon ziehen, während sie sang:

»Wirbelwind! verleihe Flügel!

Windesmutter! deinen Fittig!

Treibet dieses Knäulchen vorwärts,

Daß es windesschnell dahin saust,

Daß es todverbreitend hinfährt,

Seuchenbringend weiter fliege!«

 

Zwischen Mittmorgen und Mittag gelangte der Königssohn mit der Kriegerschaar an das Ufer eines breiten Flusses, über welchen eine schmale Brücke geschlagen war, so daß die Männer nur einzeln herüber konnten. Der Königssohn ritt eben mitten auf der Brücke, als mit dem Winde das Hexenknäuel daher fuhr und wie eine Bremse auf das Pferd traf. Das Pferd schnaubte vor Schreck, stellte sich plötzlich hoch auf die Hinterbeine, und ehe noch Jemand zu Hilfe kommen konnte, glitt die Jungfrau vom Sattel herab jählings in den Fluß. Der Königssohn wollte ihr nachspringen, aber die Krieger hinderten ihn daran, indem sie ihn festhielten; denn der Fluß war grundlos tief und menschliche Hilfe konnte dem Unglück, das einmal geschehen war, doch nicht mehr abhelfen.

 

Schrecken und tiefe Betrübniß hatten den Königssohn ganz betäubt; die Krieger führten ihn gegen seinen Willen nach Hause zurück, wo er Wochen lang in stiller Kammer über das Unglück trauerte, so daß er anfangs nicht einmal Speise noch Trank zu sich nahm. Der König ließ aus allen Orten von nah und fern Zauberer zusammenrufen, aber keiner konnte die Krankheit erklären, noch wußte einer ein Mittel dagegen anzugeben. Da sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der in des Königs Garten Gärtnerbursch war: »Sendet Botschaft nach Finnland, daß der uralte Zauberer komme, der versteht mehr als die Zauberer eures Landes.«

 

Alsbald sandte der König eine Botschaft an den alten Zauberer Finnlands, und dieser traf schon nach einer Woche auf Windesflügeln ein. Er sagte zum König: »Geehrter König! die Krankheit ist vom Winde angeweht. Ein böses Hexen-Knäuel hat des Jünglings bessere Herzenshälfte hingerafft, und darüber grämt er sich beständig. Schickt ihn oft in den Wind, damit der Wind die Sorgen in den Wald treibt.« So kam es auch wirklich; der Königssohn fing an sich zu erholen, Nahrung zu nehmen und Nachts zu schlafen. Zuletzt gestand er seinen Eltern seinen Herzenskummer; der Vater wünschte, daß der Sohn wieder auf die Freite gehen und ein junges Weib nach seinem Sinne heim führen möchte, aber der Sohn wollte nichts davon wissen.

 

Schon über ein Jahr war dem Jüngling in Trauer verstrichen, als er eines Tages zufällig an die Brücke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden hatte. Als er sich das Unglück ins Gedächtnis zurück rief, traten ihm bittere Tränen in die Augen. Mit einem Male hörte er einen schönen Gesang anstimmen, obwohl nirgends ein menschliches Wesen zu sehen war. Die Stimme sang:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Nahm das Wasser die Unselige,

Barg das Wellengrab die Kleine,

Deckte Ahti's Flut das Liebchen.«

 

Der Königssohn stieg vom Pferde und spähte nach allen Seiten, ob nicht Jemand unter der Brücke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte, war nirgends ein Sänger zu sehen. Auf der Wasserfläche schaukelte zwischen breiten Blättern ein Teichröschen, das war der einzige Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blümchen konnte doch nicht singen, dahinter mußte irgend ein wunderbares Geheimniß stecken. Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die Brücke und lauschte, ob Auge oder Ohr nähere Auskunft geben würden. Eine Zeitlang blieb alles still, dann sang wieder der unsichtbare Sänger:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Nahm das Wasser die Unselige,

Barg das Wellengrab die Kleine,

Deckte Ahti's Flut das Liebchen.«

 

Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Königssohn dachte: wenn ich ungesäumt zur Waldhütte reite, wer weiß, ob mir nicht die Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten können. So stieg er zu Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den früheren Zeichen hoffte er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er hatte über einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fußsteig gelangte. In der Nähe der Hütte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen herauskommen würde.

 

Früh Morgens kam die älteste Schwester zur Quelle, um sich das Gesicht zu waschen. Der Jüngling trat näher, erzählte das Unglück, welches sich voriges Jahr auf der Brücke zugetragen, und was für einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehört habe. Die alte Mutter war glücklicher Weise gerade nicht daheim, deßwegen lud die Jungfrau den Königssohn ins Haus. Als die Mädchen die ausführliche Erzählung angehört hatten, begriffen sie ohne Weiteres, daß das Unglück des vorigen Jahres durch ein Hexenknäuel der Mutter entstanden war, und daß die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden liege.

 

Die älteste Schwester fragte: »Ist euren Blicken auf dem Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang hätte können ertönen lassen?« »Nichts,« erwiederte der Königssohn. »So weit mein Auge reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein gelbes Teichröschen zwischen breiten Blättern, aber Blümchen und Blätter können doch nicht singen.« Die Töchter mutmaßten sogleich, daß das Teichröschen nichts Anderes sein könne, als ihre in den Wellen versunkene und durch Hexenkunst in ein Blümchen verwandelte Schwester. Sie wußten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknäuel hatte fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tötete, in jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermutung sagten sie indeß dem Königssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rat wußten zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die Rückkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie Zeit sich zu beraten.

 

Die älteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehörig gemischter Zauberkräuter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jüngling zu essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Königssohn hatte in der Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vögeln lebte und die einem jeden der selben eigene Sprache verstünde. Als er am Morgen seinen Traum den Jungfrauen erzählte, sagte die älteste Schwester: »Zur guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen buck und zu essen gab, war mit Zauberkräutern gefüllt, welche euch in den Stand setzen, alles zu verstehen, was die klugen Vögel unter einander reden. In diesen Männlein im Federkleide steckt viel verborgene Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, deßhalb gebt scharf Acht, was die Vögelschnäbel verkünden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorüber ist, so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen Kerker am Rocken sitzen.«

 

Der Königssohn dankte den Mädchen für ihre gute Gesinnung und versprach, sie später aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es für ein Lösegeld oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rückreise an. Die Mädchen freuten sich, als sie sahen, daß ihnen der Faden nicht gerissen und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie heim kam, ihnen nichts vorwerfen.

 

Um so spaßhafter ging die Sache mit dem Königssohne, der im Walde wie mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das Gezwitscher der Vögel ganz verständlich wie Worte an sein Ohr schlugen. Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch unbekannt bleibt, daß er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht fassen; es wurde über vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert, aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er plötzlich auf einem hohen Föhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren Unterhaltung auf ihn gemünzt war.

 

»Die Dummheit der Menschen ist groß,« sagte die Drossel. »Sie wissen auch die geringfügigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben der Brücke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorübergehenden ihre Not, aber Niemand kommt sie zu erlösen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger Bräutigam über die Brücke, und hörte den sehnsüchtigen Gesang der Jungfrau, war aber auch nicht klüger als die Anderen.« Die Elster erwiederte: »Und gleichwohl muß das Mädchen um seinetwillen von der Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine größere Weisheit zu Teil wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt das Mädchen ewig ein Blümlein.« »Des Mädchens Befreiung würde eine Kleinigkeit sein,« sagte die Drossel, »wenn die Sache dem alten Zauberer von Finnland gründlich dargelegt würde. Er könnte die Jungfrau leicht aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.«

 

Dieses Gespräch machte den Jüngling nachdenklich; indem er weiter ritt, ging er mit sich zu Rate, wo er wohl einen Boten her nähme, den er nach Finnland schicken könnte. Da hörte er über seinem Haupte, wie eine Schwalbe zur andern sagte: »Komm, laß uns nach Finnland ziehen, dort ist besser nisten als hier!« »Haltet, Freunde!« rief der Königssohn in der Vogelsprache. »Bringt dem alten Zauberer in Finnland tausend Grüße von mir und bittet ihn um Bescheid, wie es wohl möglich wäre, eine in eine Teichrose verwandelte Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen.« Die Schwalben versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon.

 

Als er ans Ufer des Flusses kam, ließ er sein Pferd verschnaufen und blieb auf der Brücke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich wieder hören lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts zu hören, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes. Unmutig setzte sich der Jüngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer.

 

Eine Woche später saß er eines Tages im Garten, und dachte, die Schwalben müßten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein großer Adler hoch in den Lüften über seinem Haupte kreiste. Allmählich stieg der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast in der Nähe des Königssohnes niederließ. »Der alte Zauberer in Finnland,« so ließ der Adler sich vernehmen, »sendet euch viele Grüße, und bittet es ihm nicht zu verübeln, daß er nicht früher Antwort erteilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte.

 

Um die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlösen, ist nur dies nötig: Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch den Körper über und über mit Schlamm ein, so daß kein weißer Fleck bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: 'Aus dem Mann ein Krebs!' Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befürchten. Drängt euch dreist unter die Wurzeln des Teichröschens, und löset sie von Schlamm und Schilf, so daß sie nirgends mehr fest sitzen. Hängt euch dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das Wasser sammt dem Blümchen auf die Oberfläche heben. Dann treibet mit dem Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit beblätterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche steht ein Stein von der Höhe einer kleinen Badstube. Beim Steine müßt ihr die Worte ausstoßen: 'Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs der Mann!' In demselben Augenblick wird es so geschehen.« Als der Adler geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jüngling sah ihm eine Weile nach und wußte nicht, was er davon halten sollte.

 

Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm über eine Woche; er hatte weder Mut noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen. Da hörte er eines Tages aus dem Munde einer Krähe: »Was zögerst du, der Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen. Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtstränen der Jungfrau.« Die Rede der Krähe machte dem Jünglinge Mut; er dachte: Größeres Unglück kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter ist der Tod als unaufhörliches Trauern.

 

Er setzte sich zu Pferde und ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brücke kam, hörte er den Gesang:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Muß ich hier im Schlummer liegen,

Muß das junge Kind verwelken,

In der Wellen Schoos hinsiechen.

Feucht und kalt das tiefe Bette

Decket jetzt die zarte Jungfrau.«

 

Der Königssohn legte seinem Pferde die Fußfessel an, damit es sich nicht zu weit von der Brücke entfernen könnte, warf die Kleider ab, schmierte den Körper über und über mit Schlamm, so daß nirgends ein weißer Fleck blieb, faßte sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem Rufe: »Aus dem Mann ein Krebs!« Einen Augenblick zischte das Wasser auf, dann war alles wieder still wie zuvor.

 

Der in einen Krebs verwandelte Königssohn begann die Wurzeln der Teichrose aus dem Flußbette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die Würzelchen saßen im Schlamm und Schilf fest, so daß der Krebs sieben Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmännlein seine Scheeren in ein Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blümchen auf die Oberfläche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und Teichrose nur allmählich vorwärts, und wie wohl Bäume und Sträuche genug am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem großen Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit seinem Laube und den roten Beerenbüscheln, und etwas weiterhin stand auch der Fels, der die Höhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stieß das Krebsmännlein die Worte aus: »Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebse der Mann!« - Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei Menschenhäupter, ein männliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie ans Ufer, aber beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen.

 

Die verschämte Jungfrau bat nun: »Lieber Jüngling, ich habe keine Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen!« - Der Jüngling bat dagegen: »Tretet ans Ufer unter die Eberesche, ich mache so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume berget. Dann eile ich zur Brücke, wo ich mein Pferd und meine Kleider ließ, als ich in den Fluß sprang.« Die Jungfrau hatte sich unter der Eberesche verborgen, und der Jüngling eilte zur Brücke, wo er Kleider und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das Andere. Daß sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wußte er nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prächtige mit sechs Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles Nötige, sowohl für sich, wie für die aus dem Wasserkerker erlöste Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche angekommen. Den Diener behielt der Königssohn für sich, das Mädchen schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes Liebchen unter der Eberesche harrte.

 

Es verging über eine Stunde, da kam die hochzeitlich geschmückte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo der Königssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prächtig als Bräutigam gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs zur Stadt und vor die Kirchentür. Der König und die Königin saßen in Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten über den teuren verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und Kleider am Ufer gefunden hatte. Groß war der Eltern Freude, als der für tot beweinte Sohn lebend an der Seite einer schönen Jungfrau vor sie trat, beide in Prunkgewändern. Der König führte sie selbst zum Altar und sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte.

 

Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu fließen als die Stunden der Trübsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann kam Frost und Schnee, so daß das junge Paar nicht viel Lust hatte, den Fuß aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frühling wiederkehrte und neue Freuden brachte, ging der Königssohn mit seiner jungen Gattin im Garten spatzieren. Da hörten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab rief: »O du undankbares Geschöpf, das in den Tagen des Glücks seine hilfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der Mädchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Sünden sind groß, sie verdient keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wäre für sie das beste Gericht; sonst würde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem Hexenknäuel verfolgen.«

 

Jetzt fiel es dem Königssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin, wie er zur Waldhütte gegangen sei, die Schwestern um Rat zu fragen, dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Die Gattin bat mit Tränen in den Augen, den Schwestern zu Hilfe zu eilen. Als sie den andern Morgen erwachte, sagte sie: »Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte Mutter war von Hause gegangen und hatte die Töchter allein gelassen; jetzt wäre gewiß die rechte Zeit ihnen zu Hilfe zu kommen.«

 

Der Königssohn ließ sofort eine Kriegerschaar sich rüsten und zog mit ihnen zur Waldhütte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mädchen waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus für die Alte ein Gericht zu kochen, so daß, wenn sie nach Hause käme und sich daran satt äße, ihr die Lust am Essen für immer verginge. Sie blieben zur Nacht in der Waldhütte und machten sich am andern Morgen in der Frühe mit den Mädchen auf den Weg, so daß sie Abends die Stadt erreichten. Der Schwestern Freude war groß, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder vereinigt fanden.

 

Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit großer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann ins Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Königssohn eine Woche später einen zuverlässigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache anzusehen, fand man die Alte tot. In der heimlichen Kammer wurden funfzig Fuder Goldgarn aufgehäuft gefunden, welche unter die Schwestern verteilt wurden. Als der Schatz weggeführt war, ließ der Hauptmann den Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen roten Kamm zum Rauchloch heraus, als eine große Katze mit glühenden Augen vom Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vögelchen gab von einem Baumwipfel herab die Weisung: »Heftet der Katze eine Falle an den Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen!« Die Männer taten es.

 

»Peinigt mich nicht, ihr Männer!« bat nun die Katze. »Ich bin ein Mensch wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt bin. Es war der Lohn für meine Schlechtigkeit, daß ich in eine Katze verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Königsschlosse Haushälterin, und die Alte war der Königin erste Kammerjungfer. Von Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des Königs drei Töchter und außerdem einen großen Schatz zu stehlen und dann zu entfliehen. Nachdem wir allmählich alle goldenen Geräthe bei Seite geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen wir die Kinder, deren ältestes drei Jahre, das jüngste sechs Monate alt war. Die Alte fürchtete dann, daß ich bereuen und anderen Sinnes werden möchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in ihrer Todesstunde die Zunge gelöst, aber die frühere Gestalt habe ich nicht wieder erhalten.« Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze ausgesprochen hatte: »Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die Alte!« und ließ sie in's Feuer werfen.

 

Die beiden Königstöchter aber bekamen bald, wie ihre jüngste Schwester, Königssöhne zu Männern, und das von ihnen in der Waldhütte gesponnene Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern blieben unbekannt. Man erzählt sich, daß das alte Weib noch manches Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die Stelle angeben.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

 

 

DIE IM MONDSCHEIN BADENDEN JUNGFRAUEN ...

Waldelfentöchter beim Bad im Mondschein

 

Es lebte einmal ein Jüngling, der nirgends Ruhe hatte, sondern sich abmühte, alle verborgenen Dinge zu erforschen, die anderen Leuten unbekannt geblieben waren. Als er die Vogelsprache und andere geheime Weisheit genugsam erlernt hatte, hörte er zufällig, daß unter der Decke der Nacht sich Manches zutragen solle, was den Augen Sterblicher zu schauen verwehrt sei. Jetzt sehnte er sich darnach, solche Heimlichkeiten der Nacht zu ergründen, und mochte sich nicht eher zufrieden geben, als bis ihm diese verborgene Kunde geworden wäre. Wohl ging er eine Zeit lang von einem Zauberer zum anderen, und lag ihnen an, ihm zu seinem Zwecke die Augen zu schärfen, aber keiner konnte helfen.

 

Da kam er durch einen glücklichen Zufall endlich mit einem Mana-Zauberer aus Finnland zusammen, der über diese verborgenen Dinge Auskunft zu geben wußte. Als er diesem seinen Wunsch kund getan hatte, sagte der Zauberer warnend: »Söhnlein! jage nicht allerlei leerer Weisheit nach, welche dir kein Glück bringen kann, wohl aber Unglück. Manches ist den Augen der Menschen verhüllt, weil es dem Frieden des Herzens ein Ende machen müßte, wenn es erkannt würde. Wer alle geheimen Dinge schauen lernt, der findet keine Freude mehr an dem, was ihm die Alltagswelt vor Augen bringt. Dies bedenke, ehe du später bereuest. -

 

Dennoch will ich, falls du meiner Abmahnung nicht achtest und dein Unglück wünschest, dich unterweisen, wie du die unter der Decke der Nacht geschehenden Dinge gewahr werden kannst. Aber du mußt mehr als Mannesmut haben, sonst kannst du nie geheimer Weisheit inne werden.« Darauf gab ihm der Zauberer aus Finnland einen Ort an und nannte ihm die, zum Glück nahe bevorstehende Nacht, wo der Schlangenkönig immer nach sieben Jahren mit seinem Hofstaat zusammen kommt, um ein großes Festgelage zu halten.

 

»Der Schlangenkönig hat ein Goldschüsselchen mit Himmelsziegenmilch vor sich; wenn es dir nur gelingt, ein Stückchen Brot in diese Milch zu tunken und den eingetunkten Bissen in den Mund zu stecken, ehe du dich wieder auf die Flucht begiebst, so kannst du alles Geheime schauen, was unter der Decke der Nacht geschieht, ohne daß die Menschen Kunde davon haben. Als einen glücklichen Zufall kannst du es ansehen, daß des Schlangenkönigs Fest gerade in dieses Jahr fällt, sonst hättest du sieben Jahre auf die Wiederkehr desselben warten müssen. Sei aber dreist, beherzt und rasch, sonst geht die Sache schief.« -

 

Der Jüngling dankte für diese Belehrung und ging mit dem festen Vorsatz, der selben nach zu kommen, und müßte er auch dabei sein Leben einbüßen. Als nun die bezeichnete Nacht herangekommen war, ging er Abends auf ein großes Moor, wo der Schlangenkönig mit seinen Untertanen zusammen kommen sollte, um das Fest zu feiern. Obwohl aber der Jüngling seine Augen nach allen Seiten scharf umher gehen ließ, so sah er doch im Mondenschein nichts weiter, als eine Anzahl Rasenhügel, die unbeweglich da lagen.

 

Schon wurde ihm die Zeit lang, Mitternacht konnte nicht mehr fern sein, als plötzlich mitten auf dem Moor ein heller Feuerschein aufstieg, etwa wie wenn ein Stern des Himmels auf einem der Rasenhügel schimmerte. In demselben Augenblicke, wo der Feuerschein aufglänzte, fingen sämmtliche Rasenhügelchen an zu krimmeln und zu wimmeln, und von jedem derselben kamen Hunderte von Schlangen herunter und krochen alle auf den Feuerschein zu - und jetzt war nur noch flaches Moor vorhanden. Die vermeintlichen Hügelchen waren nichts weiter als Haufen lebendiger Schlangen gewesen, die hier ihren König erwartet hatten.

 

Als nun sämmtliche Schlangen sich an der Stelle, wo der Feuerschein glänzte, versammelt und sich dort zu einem Haufen zusammen geknäult hatten, war dieser so hoch und breit wie ein kleiner Heuschober geworden, und auf der Spitze des selben hielt sich der helle Feuerschein. Das Gewirre und Geschwirre in dem Schlangenhaufen war so groß, daß der Jüngling vor Furcht keinen Schritt näher zu treten wagte, sondern lange von weitem stehen blieb, und das Wunder betrachtete. Allmählich aber faßte er sich ein Herz, und ging fein sachte Schritt vor Schritt auf den Zehen vorwärts.

 

Was er da sah, war gräulicher als gräulich, und ging über alle Begriffe. Tausende von Schlangen, groß und klein, von allen Farben, waren hier wie in einem Traubenbündel um eine große Schlange gelagert, deren Körper die Dicke eines tüchtigen Balkens zu haben schien, und die auf dem Kopfe eine prächtige goldene Krone trug, von welcher jener Glanz ausstrahlte. Hunderte und Tausende von Schlangenhäuptern, die aus dem Haufen hervorragten, züngelten und zischten wie böse Gänse und machten ein so arges Geräusch, daß es zum Taub werden war.

 

Der Jüngling hatte lange nicht das Herz, an den Schlangenhaufen heranzugehen, wo jeder Augenblick ihm Tod drohte; als er aber plötzlich das Goldschüsselchen, von dem er gehört hatte, vor dem Schlangenkönig erblickte und an den daran geknüpften Gewinn dachte, durfte er nicht länger zaudern. Obwohl ihm die Haare zu Berge standen und das Blut im Herzen erstarrte, so stachelte ihn doch sein Verlangen und trieb ihn vorwärts. - O was für ein Gewirr und Geschwirr sich jetzt in dem Schlangenhaufen erhob! Alle die Tausend Köpfe sperrten die Mäuler weit auf und suchten den Mann zu stechen, aber zum Glück konnten sie ihre Leiber nicht so schnell aus dem Knäuel los wickeln.

 

Der Jüngling hatte mit Blitzesschnelle einen Bissen Brot in das Goldschüsselchen getunkt, ihn in den Mund gesteckt und dann Fersengeld gegeben, als ob Feuer hinter ihm drein jagte. Aber der Verfolger war schlimmer als Feuer, darum ließ er sich nicht Zeit, hinter sich zu blicken, obgleich ihm war, als ob Tausende von Feinden ihm auf der Ferse wären und er stets das Geräusch derselben zu hören glaubte. Endlich stockte ihm der Atem und seine Kraft erlahmte; er fiel ohne Bewußtsein auf den Rasen und blieb starr wie ein Toter liegen. Wohl war er in Schlaf gefallen, aber schreckliche Traumbilder ließen die Gefahr noch viel größer erscheinen.

 

So träumte ihm, als wäre der Schlangenkönig mit der funkelnden Goldkrone auf ihn gefallen und wollte ihn verschlingen. Mit lautem Geschrei sprang er auf und zur Seite, um dem Feinde zu entkommen und sah, daß der Strahl der aufgehenden Sonne ihn geweckt hatte. Er riß die Augen weit auf, sah aber nirgends die nächtlichen Feinde, und das Moor, wo er in so großer Gefahr gewesen, mußte zum mindesten eine Meile weit entfernt sein. Sicherlich hatte die Himmelsziegenmilch seine Kraft gestählt, daß er so weit hatte laufen können. Als er dann seine Gliedmaßen prüfte, fand er sie unversehrt; und nun war seine Freude groß, daß er mit heiler Haut davon gekommen war.

 

Nach Mittag ruhte er mehrere Stunden vom Schrecken und der Ermüdung der vergangenen Nacht aus, dann beschloß er, noch in dieser Nacht in den Wald zu gehen, um den Nutzen der Himmelsziegenmilch zu erproben, ob ihm nun wirklich verborgene Dinge offenbar werden würden. Im Walde sah er alsbald, was noch kein sterbliches Auge gesehen hatte und auch gewiß nicht wieder sehen wird. Unter den Baumwipfeln zeigten sich goldene, rötlich schimmernde Badebänke, silberne Quäste und silberne Eimer fehlten nicht, aber nirgends waren lebende Wesen sichtbar, welche hätten baden wollen.

 

Der Vollmond glänzte und gab so viel Licht, daß der Mann Alles deutlich sehen konnte. Nach einiger Zeit hörte er ein Geräusch im Laube, als ob ein Wind sich erhoben hätte, dann kamen von allen Seiten nackte Jungfrauen, viel schöner und stattlicher anzuschauen, als sie irgendwo in unsern Dörfern aufwachsen. Sie waren alle des Waldelfen und der Rasenmutter Töchter und kamen, um zu baden. Der hinter dem Gebüsch spähende Jüngling hätte sich diese Nacht hundert Augen gewünscht, denn seine zwei konnten all die Schönheit nicht erschauen.

 

Endlich, als es schon gegen Morgen ging, verlor der Schauende Badegerüste und badende Jungfrauen aus dem Gesichte, als wären sie in Nebel verschwommen. Er blieb noch, bis die Sonne aufging; dann erst ging er wieder heim. Wohl dehnte sich seinem Sehnen der Tag länger als ein Jahr, bis wieder Abend und Nacht herein brachen, wo er hoffte, der im Mondschein badenden Jungfrauen abermals ansichtig zu werden; doch endlich war auch diese Zeit des Sehnens verstrichen. Aber im Walde fand er nichts mehr, weder Badegerüst noch Jungfrauen. Dennoch wurde er nicht müde, Nacht für Nacht hin zu gehen, aber jeder Gang war vergeblich.

 

Jetzt nagte der Kummer an ihm, es gab nichts mehr auf der Welt, was ihm hätte Freude machen können; er nahm weder Speise noch Trank zu sich, sondern verzehrte sich vor Sehnsucht. Gewiß ist es für den Menschen ein Glück, wenn er der gleichen Geheimnisse nimmer schaut.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DIE UNTERIRDISCHEN ...

Verirrt im Wald in einer Winternacht

 

In einer stürmischen Nacht zwischen Weihnacht und Neujahr war ein Mann vom Wege abgekommen; während er sich durch die tiefen Schneetriften durchzuarbeiten suchte, erlahmte seine Kraft, so daß er von Glück sagen konnte, als er unter einem dichten Wacholderbusch Schutz vor dem Winde fand. Hier wollte er übernachten, in der Hoffnung, am hellen Morgen den Weg leichter zu finden. Er zog seine Glieder zusammen wie ein Igel, wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief bald ein.

 

Ich weiß nicht, wie lange er so gelegen hatte, als er fühlte, daß Jemand ihn rüttele. Als er aus dem Schlafe auffuhr, schlug eine fremde Stimme an sein Ohr: »Bauer, ohe! steh auf! sonst begräbt dich der Schnee, und du kommst nicht wieder heraus.« Der Schläfer steckte den Kopf aus dem Pelze hervor und sperrte die noch schlaftrunkenen Augen weit auf. Da sah er einen Mann von langem schlanken Wuchse vor sich; der Mann trug als Stock einen jungen Tannenbaum, der doppelt so hoch war wie sein Träger. »Komm mit mir,« sagte der Mann mit dem Tannenbaum - »für uns ist im Walde unter Bäumen ein Feuer gemacht, wo  es sich besser ruht, als hier auf freiem Felde.«

 

Ein so freundliches Anerbieten mochte der Mann nicht ausschlagen, vielmehr stand er sogleich auf, und schritt rüstig mit dem fremden Manne vorwärts. Der Schneesturm tobte so heftig, daß man auf drei Schritt nicht sehen konnte, aber wenn der fremde Mann seinen Tannenbaum aufhob und mit strenger Stimme rief: »Hoho! Stürmesmutter! mach' Platz!« so bildete sich vor ihnen ein breiter Pfad, wohin auch kein Schneeflöckchen drang. Zu beiden Seiten und im Rücken tobte wildes Schneegestöber, aber die Wanderer focht es nicht an. Es war, als ob auf beiden Seiten eine unsichtbare Wand das Gestürm abwehrte.

 

Bald kamen die Männer an den Wald, aus dem schon von fern der Schein eines Feuers ihnen entgegen leuchtete. »Wie heißt du?« fragte der Mann mit dem Tannenstock, und der Bauer erwiederte: »Des langen Hans Sohn Hans.«

 

Am Feuer saßen drei Männer mit weißen leinenen Kleidern angetan, als wäre es mitten im Sommer. Auch sah man in einem Umkreise von dreißig oder mehr Schritten nur Sommerschöne: das Moos war trocken, die Pflanzen grün, und der Rasen wimmelte von Ameisen und Käferchen. Von fern aber hörte des langen Hans Sohn den Wind sausen und den Schnee brausen. Noch verwunderlicher war das brennende Feuer, welches hellen Glanz verbreitete, ohne daß ein Rauchwölkchen aufstieg.

 

»Was meinst du, Sohn des langen Hans, ist dies nicht ein besserer Ruheplatz für die Nacht, als da auf freiem Felde unter dem Wacholderbusch?« Hans mußte dies zugeben, und dem fremden Manne dafür danken, daß er ihn so gut geführt hatte. Dann warf er seinen Pelz ab, wickelte ihn zu einem Kopfkissen zusammen, und legte sich im Scheine des Feuers nieder. Der Mann mit dem Tannenstock nahm sein Fäßchen aus einem Busche und bot Hansen einen Labetrunk, der schmeckte vortrefflich und erfreute ihm das Herz. Der Mann mit dem Tannenstock streckte sich nun auch auf den Boden hin und redete mit seinen Genossen in einer fremden Sprache, von der unser Hans kein Wörtchen verstand; er schlief darum bald ein.

 

Als er aufwachte, fand er sich allein an einem fremden Orte, wo weder Wald noch Feuer mehr war. Er rieb sich die Augen und rief sich das Erlebnis der Nacht zurück, meinte aber geträumt zu haben; doch konnte er nicht begreifen, wie er denn hierher an einen ganz fremden Ort geraten war. Aus der Ferne drang ein starkes Geräusch an sein Ohr, und er fühlte den Boden unter seinen Füßen zittern. Hans horchte eine Zeit lang, von wo der Lärm komme, und beschloß dann, dem Schalle nachzugehen, weil er hoffte, auf Menschen zu treffen. So kam er an die Mündung einer Felsengrotte, aus welcher der Lärm erscholl, und ein Feuer hervor schien.

 

Als er in die Grotte trat, sah er eine ungeheure Schmiede vor sich mit einer Menge von Blasebälgen und Ambossen; an jedem Ambos standen sieben Arbeiter. Närrischere Schmiede konnten auf der Welt nicht zu finden sein! Die einem Manne bis zum Knie reichenden Männlein hatten Köpfe, die größer waren als ihre winzigen Leiber, und führten Hämmer, die mehr als doppelt so groß waren, als ihre Träger. Aber sie hämmerten mit ihren schweren Eisenkeulen so wacker auf den Ambos los, daß die kräftigsten Männer keine wuchtigeren Schläge hätten führen können. Bekleidet waren die kleinen Schmiede nur mit Lederschürzen, die vom Halse bis zu den Füßen reichten; auf der Rückseite waren die Körper nackend, wie Gott sie geschaffen hatte.

 

Im Hintergrunde an der Wand saß der Hansen wohlbekannte Mann mit dem Tannenstocke auf einem hohen Block, und gab scharf Acht auf die Arbeit der kleinen Gesellen. Zu seinen Füßen stand eine große Kanne, aus welcher die Arbeiter ab und zu einen Trunk taten. Der Herr der Schmiede hatte nicht mehr die weißen Kleider von gestern an, sondern trug einen schwarzen russigen Rock und um die Hüften einen Ledergürtel mit großer Schnalle; mit seinem Tannenstocke gab er den Gesellen von Zeit zu Zeit einen Wink, denn das Menschenwort wäre bei dem Getöse unvernehmlich gewesen.

 

Ob Jemand den Hans bemerkt hatte, blieb diesem unklar, sintemal Meister und Gesellen ihre Arbeit hurtig förderten, ohne den fremden Mann zu beachten. Nach einigen Stunden wurde den kleinen Schmieden eine Rast gegönnt; die Bälge wurden angehalten, und die schweren Hämmer zu Boden geworfen. Jetzt, da die Arbeiter die Grotte verließen, erhob sich der Wirt vom Blocke und rief den Hans zu sich: »Ich habe deine Ankunft wohl bemerkt,« sagte er, »aber da die Arbeit drängte, konnte ich nicht früher mit dir reden. Heute mußt du mein Gast sein, um meine Lebensweise und Haushaltung kennen zu lernen. Verweile hier so lange, bis ich die schwarzen Kleider ablege.« Mit diesen Worten zog er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß eine Tür in der Grottenwand auf, und ließ Hans hineintreten.

 

O was für Schätze und Reichtümer Hans hier erblickte! Ringsum lagen Gold- und Silberbarren aufgestapelt und schimmerten und flimmerten ihm vor den Augen. Hans wollte zum Spaße die Goldbarren eines Haufens überzählen und war gerade bis fünfhundert und siebzig gekommen, als der Wirt zurückkehrte und lachend rief: »Laß nur das Zählen, es würde dir zu viel Zeit kosten! Nimm dir lieber einige Barren vom Haufen, ich will sie dir zum Andenken verehren.« Natürlich ließ sich Hans so etwas nicht zweimal sagen; mit beiden Händen erfaßte er einen Goldbarren, konnte ihn aber nicht einmal von der Stelle rühren, geschweige denn aufheben. Der Wirt lachte und sagte: »Du winziger Floh vermagst nicht das kleinste meiner Geschenke fortzubringen, begnüge dich denn mit der Augenweide.«

Mit diesen Worten führte er Hans in eine andere Kammer, von da in eine dritte, vierte und so fort, bis sie endlich in die siebente Grottenkammer kamen, die von der Größe einer großen Kirche und gleich den anderen vom Fußboden bis zur Decke mit Gold- und Silberhaufen angefüllt war. Hans wunderte sich über die unermeßlichen Schätze, womit man sämtliche Königreiche der Welt hätte zu erb und eigen kaufen können, und die hier nutzlos unter der Erde lagen.

 

Er fragte den Wirt: »Weswegen häuft ihr hier einen so ungeheuren Schatz an, wenn doch kein lebendes Wesen von dem Gold und Silber Vorteil zieht? Käme dieser Schatz in die Hände der Menschen, so würden sie alle reich werden, und Niemand brauchte zu arbeiten oder Not zu leiden.« »Gerade deshalb,« erwiederte der Wirt - »darf ich den Schatz nicht an die Menschen überliefern; die ganze Welt würde vor Faulheit zu Grunde gehen, wenn Niemand mehr für das tägliche Brot zu sorgen brauchte. Der Mensch ist dazu geschaffen, daß er sich durch Arbeit und Sorgfalt erhalten soll.« Hans wollte das durchaus nicht wahr haben und bestritt nachdrücklich die Ansicht des Wirts. Endlich bat er, ihm doch zu erklären was es fromme, daß hier all das Gold und Silber als Besitztum eines Mannes lagere und schimmele, und daß der Herr des Goldes unablässig bemüht sei, seinen Schatz zu vergrößern, da er schon einen so überschwenglichen Überfluß habe?

 

Der Wirt gab zur Antwort: »Ich bin kein Mensch, wenn ich gleich Gestalt und Gesicht eines solchen habe, sondern eines jener höheren Geschöpfe, welche nach der Anordnung des Allvaters geschaffen sind, der Welt zu walten. Nach seinem Gebot muß ich mit meinen kleinen Gesellen ohne Unterlass hier unter der Erde Gold und Silber bereiten, von welchem alljährlich ein kleiner Teil zum Bedarf der Menschen herausgegeben wird, nur knapp soviel als sie brauchen, um ihre Angelegenheiten zu betreiben. Aber Niemand soll sich die Gabe ohne Mühe zu eignen. Wir müssen deshalb das Gold erst fein stampfen, und dann die Körnlein mit Erde, Lehm und Sand vermischen; später werden sie, wo das Glück will, in diesem Grant gefunden, und müssen mühsam herausgesucht werden. Aber, Freund, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen, denn die Mittagsstunde naht heran. Hast du Lust, meinen Schatz noch länger zu betrachten, so bleib hier, erfreue dein Herz an dem Glanze des Goldes, bis ich komme dich zum Essen zu rufen.« Damit trennte er sich von Hans.

 

Hans schlenderte nun wieder aus einer Schatzkammer in die andere, und versuchte hie und da ein kleineres Stück Gold aufzuheben, aber es war ihm ganz unmöglich. Er hatte zwar schon früher von klugen Leuten sagen hören, wie schwer Gold sei, aber er hatte es niemals glauben wollen - jetzt lehrten es ihn seine eigenen Versuche. Nach einer Weile kam der Wirt zurück, aber so verwandelt, daß Hans ihn im ersten Augenblick nicht erkannte. Er trug rote feuerfarbene Seidengewänder, reich verziert mit goldenen Tressen und goldenen Fransen, ein breiter goldener Gürtel umschloß seine Hüften und auf seinem Kopfe schimmerte eine goldene Krone, aus welcher Edelsteine funkelten, wie Sterne in einer klaren Winternacht. Statt des Tannenstockes hielt er ein kleines aus feinem Gold gearbeitetes Stäbchen in der Hand, an welchem sich Verästelungen befanden, so daß das Stäbchen aussah wie ein Sproß des großen Tannenstockes.

 

Nachdem der königliche Besitzer des Schatzes die Türen der Schatzkammern verschlossen und die Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte, nahm er Hans bei der Hand und führte ihn aus der Schmiedewerkstatt in ein anderes Gemach, wo für sie das Mittagsmahl angerichtet war. Tische und Sitze waren von Silber; in der Mitte der Stube stand ein prächtiger Eßtisch, zu beiden Seiten desselben ein silberner Stuhl. Eß- und Trinkgeschirr, als da sind Schalen, Schüsseln, Teller, Kannen und Becher, waren von Gold.

 

Nachdem sich der Wirt mit seinem Gaste am Tisch niedergelassen hatte, wurden zwölf Gerichte nach einander aufgetragen; die Diener waren ganz wie die Männlein in der Schmiede, nur daß sie nicht nackt gingen sondern helle reine Kleider trugen. Sehr wunderbar kam Hansen ihre Behendigkeit und Geschicklichkeit vor; denn obgleich man keine Flügel an ihnen wahrnahm, so bewegten sie sich doch so leicht, als wären sie gefiedert. Da sie nämlich nicht bis zur Höhe des Tisches hinan reichten, so mußten sie wie die Flöhe immer vom Boden auf den Tisch hüpfen. Dabei hielten sie die großen mit Speisen angefüllten Schalen und Schüsseln in der Hand, und wußten sich doch so in Acht zu nehmen, daß nicht ein Tropfen verschüttet ward.

 

Während des Essens gossen die kleinen Diener Met und köstlichen Wein aus den Kannen in die Becher und reichten diese den Speisenden. Der Wirt unterhielt sich freundlich und erläuterte Hansen mancherlei Geheimnisse. So sagte er, als auf sein nächtliches Zusammentreffen mit Hans die Rede kam: »Zwischen Weihnacht und Neujahr streife ich oft zum Vergnügen auf der Erde umher, um das Treiben der Menschen zu beobachten und einige von ihnen kennen zu lernen. Von dem, was ich bis jetzt gesehen und erfahren habe, kann ich nicht viel Rühmens machen. Die Mehrzahl der Menschen lebt einander zum Schaden und zum Verdruß. Jeder klagt mehr oder weniger über den Anderen, Niemand sieht seine eigene Schuld und Verfehlung, sondern wälzt auf Andere, was er sich selbst zugezogen hat.«

Hans suchte nach Möglichkeit die Wahrheit dieser Worte abzuleugnen, aber der freundliche Wirt ließ ihm reichlich einschenken, so daß ihm endlich die Zunge so schwer wurde, daß er kein Wort mehr entgegnen, und auch nicht verstehen konnte, was der Hausherr sagte. Binnen kurzem schlief er auf seinem Stuhle ein, und wußte nicht mehr, was mit ihm vorging.

 

In seinem schlaftrunkenen Zustande hatte er wunderbare bunte Träume, in welchen ihm unaufhörlich die Goldbarren vorschwebten. Da er sich im Traume viel stärker fühlte, nahm er ein paar Goldbarren auf den Rücken und trug sie mit Leichtigkeit davon. Endlich ging ihm aber doch unter der schweren Last die Kraft aus, er mußte sich niedersetzen und Atem schöpfen. Da hörte er schäkernde Stimmen, er hielt es für den Gesang der kleinen Schmiede; auch das helle Feuer von ihren Blasebälgen traf sein Auge. Als er blinzelnd aufschaute, sah er um sich her grünen Wald, er lag auf blumigem Rasen und kein Feuer von Blasebälgen, sondern der Sonnenstrahl war es, was ihm freundlich ins Gesicht schien. Er riß sich nun vollends aus den Banden des Schlafes los, aber es dauerte eine Zeit lang, ehe er sich auf das besinnen konnte, was ihm in der Zwischenzeit begegnet war.

 

Als endlich seine Erinnerungen wieder wach wurden, schien ihm Alles so seltsam und so wunderbar, daß er es mit dem natürlichen Lauf der Dinge nicht zu reimen wußte. Hans besann sich, wie er im Winter einige Tage nach Weihnacht in einer stürmigen Nacht vom Wege abgekommen war, und auch was sich später zugetragen hatte, tauchte wieder in seiner Erinnerung auf. Er hatte die Nacht mit einem fremden Manne an einem Feuer geschlafen, war am anderen Tage zu diesem Manne, der einen Tannenstock führte, zu Gast gegangen, hatte dort zu Mittag gegessen und sehr viel getrunken - kurz er hatte ein paar Tage in Saus und Braus verlebt. Aber jetzt war doch rings um ihn her vollständiger Sommer, es konnte also nur Zauberei im Spiele sein.

 

Als er sich erhob, fand er ganz in der Nähe eine alte Feuerstelle, welche in der Sonne wunderbar glänzte. Als er die Stätte schärfer ins Auge faßte, sah er, daß der vermeintliche Aschenhaufe feiner Silberstaub und die übrig gebliebenen Brände lichtes Gold waren. O dieses Glück! Woher nun einen Sack nehmen, um den Schatz nach Hause zu tragen? Die Not macht erfinderisch. Hans zog seinen Winterpelz aus, fegte die Silberasche zusammen, daß auch kein Stäubchen übrig blieb, tat die Goldbrände und das Zusammenfegte in den Pelz und band dann die Zipfel desselben mit seinem Gürtel zusammen, so daß nichts herausfallen konnte. Obwohl die Bürde nicht groß war, so wurde sie ihm doch gehörig schwer, so daß er wie ein Mann zu schleppen hatte, ehe er einen passenden Platz fand, um seinen Schatz zu verstecken.

 

Auf diese Weise war Hans durch ein unverhofftes Glück plötzlich zum reichen Manne geworden, der sich wohl ein Landgut hätte kaufen können. Als er aber mit sich zu Rate ging, hielt er es zuletzt für das Beste, seinen alten Wohnort zu verlassen, und sich weiter weg einen neuen aufzusuchen, wo die Leute ihn nicht kannten. Dort kaufte er sich denn ein hübsches Grundstück, und es blieb ihm noch ein gut Stück Geld übrig. Dann nahm er eine Frau und lebte als reicher Mann glücklich bis an sein Ende.

Vor seinem Tode hatte er seinen Kindern das Geheimnis entdeckt, wie es der Unterirdischen Wirt gewesen, der ihn reich gemacht. Aus dem Munde der Kinder und Kindeskinder verbreitete sich dann die Geschichte weiter.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

DER DONNERSOHN ...

Donnersohn und Teufel, Flucht vor einem Gewitter

 

Der Donnersohn schloß mit dem Teufel einen Vertrag auf sieben Jahre, laut dessen sollte der Teufel ihm als Knecht dienen und unweigerlich in allen Stücken des Herrn Willen erfüllen; zum Lohn für treue Dienste versprach  der Donnersohn ihm seine Seele zu geben. Der Teufel tat seine Schuldigkeit gegen seinen Herrn, er scheute nicht die schwerste Arbeit und murrte niemals über das Essen, denn er wußte ja, was für einen Lohn er nach sieben Jahren von Rechtswegen erhalten sollte. Sechs Jahre waren vorüber, und das siebente hatte begonnen, aber der Donnersohn hatte durchaus keine Lust, dem bösen Geist seine Seele so wohlfeilen Kaufes zu überlassen, und hoffte deshalb durch irgend eine List den Klauen des Feindes zu entrinnen. Schon beim Abschluss des Vertrages hatte er dem alten Burschen den Streich gespielt, daß er ihm statt des eigenen Blutes Hahnenblut zur Besiegelung gab, und der kurzsichtige Teufel hatte den Betrug nicht gemerkt. Und doch war eben dadurch das Band, welches die Seele des Donnersohns unauflöslich verstricken sollte ganz locker geworden. Obgleich indes das Ende der Dienstzeit immer näher rückte, hatte der Donnersohn sich immer noch keinen Kunstgriff ersonnen, der ihn frei machen konnte.

 

Da traf es sich, daß an einem heißen Tage von Mittag her eine schwarze Wetterwolke aufstieg, die den Ausbruch eines schweren Gewitters drohte. Der alte Bursche verkroch sich sogleich in der Tiefe der Erde, zu welchem Behuf er immer ein Schlupfloch unter einem Steine bereit hatte. »Komm Brüderchen, und leiste mir Gesellschaft, bis das Ungewitter vorüber ist!« bat der Teufel seinen Herrn mit honigsüßer Zunge. »Was versprichst du mir, wenn ich deine Bitte erfülle?« fragte der Donnersohn. Der Teufel meinte, darüber könne man sich unten einigen, denn hier oben mochte er die Bedingungen nicht mehr besprechen, da die Wolke ihm jeden Augenblick über den Hals zu kommen drohte.

 

Der Donnersohn dachte: heute hat die Furcht den alten Burschen ganz mürbe gemacht; wer weiß, ob es mir nicht glückt, mich von ihm los zu machen. So ging er denn mit ihm in die Höhle. Das Gewitter dauerte sehr lange, Krach folgte auf Krach, daß die Erde zitterte und die Felsen erbebten. Bei jeder Erschütterung drückte sich der alte Bursche die Fäuste gegen die Ohren und kniff die Augen fest zu; kalter Schweiß bedeckte seine zitternden Glieder, und er konnte kein Wort hervorbringen.

 

Gegen Abend, als das Gewitter vorüber war, sagte er zum Donnersohn: »Wenn der alte Vater nicht dann und wann so viel Lärm und Getöse machte, so könnte ich mit ihm schon durchkommen und könnte ruhig leben, da mir seine Pfeile unter der Erde nicht schaden können. Aber sein grässliches Getöse greift mich so an, daß ich gleich die Besinnung verliere und nicht mehr weiß, was ich tue. Denjenigen, der mich von diesem Drangsal befreit, würde ich reichlich belohnen.«

 

Der Donnersohn erwiederte: »Da ist kein besserer Rat, als dem alten Papa das Donnergerät heimlich wegzunehmen.« »Ich würde es schon entwenden,« antwortete der Teufel, »wenn die Sache möglich wäre, aber der alte Kõu ist stets wachsam, er läßt weder Tag noch Nacht das Donnerwerkzeug aus den Augen, wie wäre da ein Entwenden möglich?« Der Donnersohn blieb aber dabei, daß sich die Sache wohl machen ließe. »Ja, wenn du mir helfen würdest,« rief der Teufel, »dann könnte der Anschlag vielleicht gelingen, ich allein komme damit nicht zu Gange.«

 

Der Donnersohn versprach nun sein Helfershelfer zu werden, verlangte aber dafür keinen geringeren Lohn, als daß der Teufel den Seelenkauf rückgängig mache. »Meinethalben nimm drei Seelen, wenn du mich von dieser grässlichen Not und Angst befreist!« rief der Teufel vergnügt. Nun setzte ihm der Donnersohn auseinander, in welcher Weise er die Entwendung für möglich halte, wenn sie sich Beide einmütig und mit vereinten Kräften ans Werk machten. »Aber,« so schloß er, »wir müssen so lange warten, bis der alte Papa sich wieder einmal so sehr ermüdet, daß er in tiefen Schlaf fällt, denn gewöhnlich schläft er ja wie der Hase mit offenen Augen.«

 

Einige Zeit nach dieser Beratung brach ein schweres Gewitter aus, das lange anhielt. Der Teufel saß wieder mit dem Donnersohn in seinem Schlupfwinkel unter dem Steine. Die Furcht hatte den alten Burschen so betäubt, daß er kein Wort von dem hörte, was sein Gefährte sprach. Am Abend aber erstiegen Beide einen hohen Berg, wo der alte Bursche den Donnersohn auf seine Schultern hob und sich dann selber durch Zauber immer weiter in die Höhe reckte, wobei er sang:

»Recke, Brüderchen, dich aufwärts,

Wachse, Freundchen, in die Höhe!«

bis er zur Wolkengrenze hinaufgewachsen war. Als der Donnersohn über den Wolkenrand hinüber spähte, sah er den Papa Kõu ruhig schlafen, den Kopf auf zusammengeballte Wolken gestützt, aber die rechte Hand lag quer über das Donnergerät ausgestreckt. Man konnte das Instrument nicht fortnehmen, weil das Berühren der Hand den Schlafenden geweckt haben würde. Der Donnersohn kroch nun von der Schulter des alten Burschen in die Wolken hinein, schlich leise wie eine Katze näher und suchte sich durch List zu helfen.

 

Er holte hinter seinem Ohre eine Laus hervor und setzte sie dem Papa Kõu zum Kitzeln auf die Nase. Der Alte nahm alsbald die Hand, um seine Nase zu kratzen, in demselben Augenblick aber packte der Donnersohn das frei gewordene Donnerwerkzeug und sprang vom Wolkenrand auf den Nacken des Teufels zurück, der mit ihm den Berg hinunter rannte, als hätte er Feuer hinter sich. Der alte Bursche hielt auch nicht eher an, als bis er die Hölle erreicht hatte. Hier verschloß er seinen Raub in eiserner Kammer hinter sieben Schlössern, dankte dem Donnersohn für die treffliche Hilfe und leistete auf dessen Seele völlig Verzicht.

 

Jetzt aber brach über die Welt und die Menschen ein Unglück herein, welches der Donnersohn nicht hatte vorhersehen können: die Wolken spendeten keinen Tropfen Feuchtigkeit mehr, und Alles welkte in der Dürre hin. - Habe ich leichtsinniger Weise dieses unerwartete Elend über die Leute gebracht, so muß ich suchen, die Sache, soweit möglich, wieder gut zu machen, - dachte der Donnersohn und überlegte, wie der Not abzuhelfen sei.

 

Er zog gen Norden an die finnische Grenze, wo ein berühmter Zauberer wohnte, entdeckte ihm den Raub und gab auch an, wo das Donnerwerkzeug gegenwärtig versteckt sei. Da sagte der Zauberer: »Zunächst muß dem alten Vater Kõu Kunde werde, wo sein Donnergerät festgehalten wird, er findet dann selbst wohl Mittel und Wege, wieder zu seinem Eigentume zu gelangen.« Und er schickte dem alten Wolkenvater Botschaft durch den Adler des Nordens.

 

Gleich am folgenden Morgen kam Kõu zum Zauberer, um ihm dafür zu danken, daß er die Spur des Diebstahls nachgewiesen hatte. Sodann verwandelte sich der Donnerer in einen Knaben, suchte einen Fischer auf und verdingte sich bei dem selben als Sommerarbeiter. Er wußte nämlich, daß der Teufel häufig an den See kam, um Fische zu raffen, und hoffte ihn dort einmal zu treffen. Wie wohl nun der Knabe Pikker Tag und Nacht kein Auge von seinen Netzen verwandte, so verging doch eine Weile, ehe er des Feindes ansichtig wurde.

 

Dem Fischer war es längst aufgefallen, daß oftmals die bei Nacht in den See gelassenen Netze am Morgen leer herauf gezogen wurden, aber er konnte die Ursache nicht erklären. Sein Knabe wußte freilich recht gut, wer der Fischdieb sei, aber er wollte nicht früher sprechen, als bis er seinem Herrn den Dieb auch zeigen könnte.

 

In einer mondhellen Nacht, als er mit seinem Herrn an den See kam, um nach den Netzen zu sehen, traf es sich, daß der Dieb gerade bei der Arbeit war. Als sie über den Rand ihres Kahnes ins Wasser blickten, sahen sie Beide, wie der alte Bursche aus den Maschen des Netzes Fische heraus holte und in seinen Schultersack stopfte. Am folgenden Tage ging der Fischer einen berühmten Zauberer um Hilfe an und bat ihn, den Dieb durch seine Kunst der maßen an das Netz zu bannen, daß er ohne Willen des Besitzers sich nicht los machen könne. Das geschah denn auch ganz nach des Fischers Wunsch.

 

Als man am folgenden Tage das Netz aus dem See herauf wand, kam auch der alte Bursche mit an die Oberfläche und wurde ans Ufer gebracht. Hei! was er da vom Fischer und Fischerknaben durch gegerbt wurde! Da er ohne Willen des Zauberers vom Netze nicht loskommen konnte, so mußte er alle Hiebe ruhig hin nehmen. Die Fischer zerschlugen ihm wohl ein Fuder Prügelstecken auf dem Leibe, ohne hin zu sehen auf welchen Körperteil die Schläge fielen. Des alten Burschen Kopf blutete und war dick aufgeschwollen, die Augäpfel traten aus ihren Höhlen - es war ein grässlicher Anblick - aber der Fischer und sein Knabe hatten kein Erbarmen mit dem gemarterten Teufel, sondern ruhten nur von Zeit zu Zeit aus, um von neuem darauf los zu dreschen.

 

Als klägliches Bitten nicht half, bot der alte Bursche endlich ein hohes Lösegeld, ja er versprach dem Fischer die Hälfte seiner Habe und noch mehr, wenn der Bann gelöst würde. Der erzürnte Fischer ließ sich aber nicht eher auf den Handel ein, als bis ihm die letzte Kraft ausging, so daß er keinen Stock mehr rühren konnte. Endlich kam, nachdem ein Vertrag geschlossen worden, der alte Bursche mit Hilfe des Zauberers vom Netze los, worauf er den Fischer bat, er möge nebst seinem Knaben mit ihm kommen, um das Lösegeld abzuholen. Wer weiß, ob er nicht hoffte, sie noch durch irgend eine List zu betrügen.

 

Im Höllenhofe wurde den Gästen ein prächtiges Fest bereitet, das über eine Woche dauerte und bei welchem es an Nichts fehlte. Der alte Wirt zeigte den Gästen seine Schatzkammern und geheimnisvolle Geräte, und ließ von seinen Spielleuten dem Fischer zur Erheiterung die schönsten Weisen aufspielen. Eines Morgens sprach der Knabe Pikker heimlich zum Fischer: »Wenn du heute wieder bewirtet und geehrt wirst, so bitte dir aus, daß man das Instrument bringe, welches in der Eisenkammer hinter sieben Schlössern liegt.« Bei Tische, als die Männer schon einen halben Rausch hatten, bat der Fischer, man möge ihm das Instrument aus der geheimen Kammer zeigen.

 

Der Teufel zeigte sich willig, holte das Instrument herbei und fing selbst an darauf zu spielen. Allein obgleich er aus Leibeskräften hinein blies und die Finger an der Röhre auf und ab bewegte, so war der Ton, den er heraus brachte, doch nicht besser als das Geschrei einer Katze, die in den Schwanz gekniffen wird, oder das Gequieke eines Ferkels, das man auf die Wolfsjagd nimmt. Lachend sagte der Fischer: »Quälet euch nicht umsonst ab! ich sehe wohl, daß aus euch doch kein Dudelsackbläser mehr wird! Mein Hüterknabe würde es besser machen.« »Oho!« rief der Teufel. - »Ihr meint vielleicht, das Blasen auf dem Dudelsack sei ungefähr wie das Flöten auf einem Weidenrohr, und haltet es für ein Kinderspiel? Komm, Freundchen, versuch' es erst, und wenn du oder dein Hüterknabe etwas wie einen Ton auf dem Instrumente hervor bringen könnt, so will ich nicht länger der Höllenwirt heißen.« »Da versuch's!« rief er und reichte das Instrument dem Knaben hin.

 

Der Knabe Pikker nahm es, als er aber den Mund an die Röhre setzte und hinein blies, da erbebten die Wände der Hölle, der Teufel und sein Gesinde fielen ohnmächtig hin und lagen wie tot da. Plötzlich stand an Stelle des Knaben der alte Vater Donnerer selbst neben dem Fischer, dankte für geleistete Hilfe und sagte: »Künftig, wenn mein Instrument wieder aus den Wolken ertönt, soll deinen Netzen reiche Gabe beschieden sein.« Dann trat er eilig die Heimkehr an.

 

Unterwegs kam ihm der Donnersohn entgegen, fiel auf die Knie, bereute seine Schuld und bat demütig um Verzeihung. Der Vater Kõu sagte: »Oft genug vergeht sich des Menschen Leichtsinn gegen die Weisheit des Himmels; danke drum deinem Glücke, Söhnchen, daß ich wieder Macht habe, die Spuren des Elends zu vertilgen, welches deine Thorheit über die Leute gebracht hat.« Mit diesen Worten setzte er sich auf einen Stein und blies das Donnerinstrument, bis die Regenpforten sich auftaten und die Erde tränkten. Den Donnersohn nahm der alte Kõu als Knecht zu sich, und da muß er noch heute sein.

 

Estland: Friedrich Reinhold Kreutzwald, Estnische Märchen

 

 

DER HIRT ANS ...

Hirte mit Kuh-Herde

 

Bei einem reichen Gutsherrn diente der arme Ans als Hirt. Er war ein guter Kerl. Alle im Dorf und auf dem Herrenhof mochten ihn gern wegen seines munteren Wesens, aber mehr noch, weil er so schön auf der Rohrflöte blasen konnte. Ans hatte seine Flöte aus einem einfachen Schilfhalm selbst geschnitten und trennte sich niemals von ihr. Wer Ans flöten hörte, fand das Leben leichter und fröhlicher.

 

Nur der Gutsherr liebte diese Lieder nicht. Er behandelte Ans grob und schrie ihn oft ,,Spielst du schon wieder deine dummen Lieder? Ich habe dich in den Dienst genommen, damit du das Vieh hütest, aber nicht, um auf der Flöte zu blasen.“ Dabei störte die Rohrflöte Ans bei seiner Arbeit überhaupt nicht.

 

Einmal erzürnte sich der Gutsherr wegen einer Kleinigkeit so sehr, daß er Ans aus seinem Dienst jagte. Er ließ seine Wut an dem armen aus. So, dachte er, da hast du es Bursche!, nahm ihm seine Flöte weg und zerbrach sie. Wie willst du jetzt noch spielen! Ans begann zu weinen und zog vom Herrenhof weg. Er wußte nicht wohin.

 

Da begegnete ihm ein altes Männchen. ,,Was ist mit dir, Bursche? Warum weinst du?“ ,,Mein Herr hat mich fortgejagt und meine geliebte Flöte in lauter kleine Stücke gebrochen.“ Da sprach der Alte zu ihm: ,,Weine nicht, Ans. Komm mit mir! Ich lehre dich, wie du dich an dem Herrn rächen kannst.“ Der Alte nahm ihn zu sich, und Ans fertigte sich eine neue Flöte an, die noch besser war. Der Alte lehrte ihn, auf der Flöte so wunderbar zu blasen, daß alle Tiere des Waldes zusammen liefen, sich niederließen und der Musik lauschten.

 

Der Gutsherr hatte inzwischen längst vergessen, wie sehr er den armen Ans gekränkt hatte. Denn bei einem Herrn vergeht ja kein Tag, an dem er nicht neue Launen hat.

 

Eines Tages rief der Gutsherr seine Söhne zu sich und sprach: ,,Ich habe im Traum einen wunderbaren Hasen gesehen. Er war so weiß wie Schnee, nur auf der Stirn hatte er ein schwarzes Sternchen. Einen solchen Hasen will ich mir im Garten halten.“

 

,,Vater, woher sollen wir dir einen solchen Hasen beschaffen?“ fragten die Söhne. Da bestand der Herr erst recht auf seiner Laune. ,,Ich will einen solchen Hasen! Wer ihn mir bringt, dem hinterlasse ich mein gesamtes Gut als Erbe.“ Die Brüder verließen den Vater, dachten nach und berieten, was zu tun sei. Der älteste Bruder ging in den Wald, um solch einen Hasen zu suchen.

 

Da begegnete ihm der Alte. ,,Nun, junger Bursche, wohin führt dich dein Weg?“ Der älteste Bruder erzählte ihm, weshalb er sich aufgemacht hatte. Der Alte gab ihm einen Rat: ,,Geh in den Wald, dort hütet ein junger Hirt meine Kühe. Frage ihn, vielleicht kann er dir helfen.“ Der älteste Bruder ging in den Wald, traf den Hirten Ans und erzählte ihm von seinem Vorhaben. Ans lächelte spöttisch. ,,Gut“, sagte er, "Ich helfe dir, einen solchen Hasen zu finden. Komm heute Abend hierher und bring tausend Rubel mit!“

 

Der älteste Bruder freute sich: Tausend Rubel waren viel Geld aber dafür würde er den gesamten väterlichen Reichtum bekommen. Er ging abends wieder in den Wald und brachte das Geld mit. Ans saß auf einem Baumstumpf und spielte so schön auf seiner Flöte, wie es nicht einmal die herrschaftlichen Musikanten konnten. Ringsum hatten sich die Tiere des Waldes versammelt und lauschten der Musik. Unter ihnen saß auch der Hase mit dem schwarzen Sternchen auf der Stirn.

 

Ans nahm den Hasen an den Ohren und gab ihn dem Sohn des Herrn. ,,Nimm ihn“, sagte er, ,,aber halt ihn recht fest. Wenn du ihn aus den Händen läßt, bekommst du ihn nicht zurück!“ Der Herrensohn gab Ans das Geld, bedankte sich und ging mit dem Hasen nach Hause. Kaum hatte er den Wald verlassen, als Ans von neuem auf seiner Flöte zu spielen begann. Der Hase befreite sich, sprang in den Wald zurück und war nicht mehr zu sehen. Der Sohn des Herrn lief zu Ans zurück und sagte ,,Dein Hase ist mir durch die Hände geschlüpft und in den Wald gelaufen. Was soll ich nun tun?“ ,,Das weiß ich nicht“, antwortete Ans, ,,ich habe ihn dir gegeben. Du bist selbst schuld, wenn du ihn nicht festgehalten hast.“

 

Der älteste Bruder kam nach Hause und erzählte, wie es ihm ergangen war. ,,Morgen werde ich gehen“, sagte der mittlere Bruder. Es erging ihm nicht anders. Ans hatte schon zweitausend Rubel in der Tasche, aber die Herrensöhnchen kehrten mit leeren Händen aus dem Wald zurück. Auch der dritte Bruder brachte den Hasen nicht nach Hause.

 

Als der Herr sah, daß seine Söhne nichts ausrichten konnten, entschloß er sich, selbst in den Wald zu gehen, um den weißen Hasen zu suchen. Ans erkannte den Herrn schon von weitem und begann auf seiner Flöte zu spielen. Im Nu kamen alle Tiere des Waldes zu ihm gelaufen. Nicht nur Hasen, sondern auch Wölfe und Bären. Der Herr stand starr vor Schreck — er wußte nicht, wohin er sich vor den wilden Tieren retten sollte.

 

Da sprach Ans: ,,Erinnerst du dich, Herr, wie du mich und das übrige Gesinde gekränkt hast? Wenn ich jetzt will, stürzen sich die Tiere auf dich und zerreißen dich.“ ,,Bester“, schrie der Herr, ,,nimm, was du willst! Ich gebe dir die Hälfte meines Vermögens, aber bring mich nicht um!“ ,,Gut“, sagte Ans, ,,ich bin einverstanden. und vergiß nicht, daß auch die Armen es den Herren recht gut einmal heimzahlen können.

 

Lettland

 

DAS VERWUNSCHENE MÄDCHEN ...

Schlafendes Mädchen

 

Ein Vater hatte einen Sohn; der hatte seine Schlafstätte in der Riege. In der Nacht kam zu ihm ein Mädchen, das brachte selbst alles mit: Bett, Kissen, Decke. Dieses Mädchen war verwunschen und lebte beim Bösen. Das Mädchen schlief beim Jungen bis zum Hahnenschrei, dann verschwand es samt dem Bett.

 

Am zweiten Abend kam das Mädchen wieder. Sie war schön, ihr Gesicht wie Milch und Blut, sie selbst weich wie frisches Weißbrot. Sie schlief beim Jungen wieder bis zum Hahnenschrei, dann war sie in die Erde verschwunden.

 

Es kam der dritte Abend. Das Mädchen kam, wie gewöhnlich, und brachte alles mit sich: Kissen, Decken. Sie legte sich neben den Jungen und schlief ein. Als der Hahn krähte, war alles verschwunden – der Junge lag wieder auf der Diele der Riege, wie am Abend.

 

Was war da zu tun? Der Junge begab sich zum Weisen und fragte ihn um Rat. „Es ist jetzt schon die dritte Nacht, dass ein Mädchen zu mir kommt, jung und schön, aber wenn der Hahn kräht, ist sie spurlos verschwunden.“ Der Alte sagte: „Kauf einen Rosenkranz, kauf ein Skapulier (Überwurf über einer Ordenstracht). Wenn sie wieder bei dir schläft, so leg ihr beides um.“

 

Der Junge kaufte einen Rosenkranz, und er kauft ein Skapulier. Als es Abend wurde, ging er in die Riege zum Schlafen. Die Jungfrau kam, ihr Bett hatte sie unter dem Arm, und legte sich neben den Jungen hin. Der Junge wartete, bis das Mädchen eingeschlafen war, dann nahm er den Rosenkranz und den Skapulier, hing beides dem Mädchen um, liess sie aber nicht aus der Hand. Als der Hahn krähte – das Mädchen zerrte und zerrte. Der Hahn krähte zum zweiten Mal – das Mädchen zerrte mit noch größerer Kraft. Der Hahn krähte  zum dritten Mal – das Mädchen konnte sich nicht loszerren, es blieb und schlief, bis zum Tagesanbruch.

 

Am Morgen warteten die Eltern auf den Jungen und dachten: >Es ist schon ganz hell, und der Junge liegt immer noch.< Sie gingen zur Riege, um nach ihm zu sehen. Was erblickten sie! Neben dem Jungen lag ein Mädchen, so schön, so lieblich, dass man nicht das Auge von ihr wenden mochte.

 

Das junge Paar erhob sich, das Mädchen wurde dann beim Priester getauft, und es wurde dem Jungen angetraut. So lebten sie, so gut es sich leben ließ. Sie waren arme Leute, ihr Stüblein schmutzig und dunkel.

 

Eines Tages schnitt die Frau Korn auf dem Feld, da flog ein Rabe vorbei: „Kraa, kraa, kraa!“ – „Hilf Gott!“ rief die Frau dem Raben zu. „Väterchen“, sagte sie, „mein Bruder feiert Hochzeit, man ladet mich auch ein.“

 

Sie kam nach Hause, kämmte sich das Haar, wusch sich das Gesicht. Sie sagte zu ihrem Mann: „Du, komm mit mir zur Hochzeit, und merk dir: Mein Vater hat viele Kohlen. Bitte ihn um Kohlen – und sie werden zu Geld. Doch gibt er Geld – so werden aus dem Geld Kohlen. Mein Vater hat auch viel Stroh, alles in Bündel gebunden, in Haufen gelegt. Erfrag dir etwa zehn Bündel und sage folgendes: >Vater, ich muss mein Haus abdecken, sei so gut und gib mir Stroh; bekomme ich welches, so sollst du dein Stroh zurück haben!< Versprichst du ihm als Bezahlung dein eigenes Stroh, so wird er dir nichts geben.“

 

Die Frau und der Mann gingen hinter die Riege. Dort drehten sie sich auf der linken Hacke dreimal und waren sofort beim Bösen. Dort gab es große Festlichkeiten, viele Tage hindurch.

 

Als die Festlichkeiten vorbei waren, trat der Mann zum Bösen: „Du hast viele Kohlen, sei doch so freundlich und gib mir welche. Ich muss zum Schmied, muss meinen Wagen beschlagen lassen.“ Er bat auch um das Stroh: „Ich muss zu Hause die Dächer ausbessern, das Haus decken, vielleicht gibst du mir einige Bündel. Bekomme ich Stroh, will ich das deinige zurückbringen.“ –„Wenn du es mir zurück bringst, dann sollst du es haben.“ antwortete der Böse.

 

Nachdem sie alles erhalten haben,  traten sie auf die Schwelle. Die Frau sagte zum Mann: „Dreh dich dreimal auf der linken Hacke um.“ Wie er sich umgedreht hatte, waren sie wieder hinter der Riege. Sie brachten die Kohlen ins Zimmer. Die Kohlen wurden zu Geld und sie litten keine Not mehr.

 

„Doch das Stroh, wo sollen wir das hin tun?“ – „Das Stroh“, sagte die Frau, „müssen wir zusammenbinden: je drei Hälmlein zusammen.“ Sie banden je drei Hälmlein zusammen. Die Frau pflanzte das gebündelte Stroh im und um den Garten, ums Haus, überall hin, wo sich Platz fand.

 

Aus dem Stroh wuchsen Apfelbäume, aus jedem Bündelchen einer. Ein Apfelbaum golden, der andere Silbern; es blitzte und glitzerte, Gold- und Silberäpfel hingen an den Zweigen. Alle kamen und bewunderten diese Schönheit, diesen Reichtum. Doch die Frau sagte dem Mann: „Von den Äpfeln darfst du nicht einen nehmen; du wirst sehen, was aus ihnen wird!“ Der Mann befolgte ihren Rat und sie lebten im Wohlstand.

 

Nach langer, langer Zeit  kam zu ihnen ein alter Mann, das war der Herrgott; er bat, ob er nicht ein Äpfelchen vom Baum nehmen dürfe. Die Frau führte ihn in den Garten: „Du darfst es nehmen, dir ist es erlaubt!“ Als der Alte einen Apfel genommen hatte, wurde aus allen Äpfeln Engelein, reine weiße Kindelein.

 

Der Altvater ging voran in den Himmel und die Kinder folgten ihm nach. Auch der Mann und die Frau wurden von der Erde abberufen und folgten ihm.

 

Estnische Märchen

DER DANKBARE KÖNIGSSOHN ...

Mit dem Zauberknäul auf der Flucht

 

Einmal hatte sich ein König des Goldlandes im Walde verirrt und konnte, trotz alles Suchens und hin und her Streifens, den Ausweg nicht finden. Da trat ein fremder Mann zu ihm und fragte: »Was suchst du, Brüderchen, hier im dunklen Walde, wo nur wilde Tiere hausen?« Der König erwiederte: »Ich habe mich verirrt und suche den Weg nach Hause.« »Versprecht mir zum Eigentum, was euch zuerst auf eurem Hofe entgegenkommen wird, so will ich euch den rechten Weg zeigen,« sagte der Fremde.

 

Der König sann eine Weile nach und erwiederte dann: »Warum soll ich wohl meinen guten Jagdhund einbüßen? Ich finde mich wohl auch noch selbst nach Hause.« Da ging der fremde Mann fort, der König aber irrte noch drei Tage im Walde umher, bis sein Speisevorrat zu Ende ging; dem rechten Wege konnte er nicht auf die Spur kommen. Da kam der Fremde zum zweiten Mal zu ihm und sagte: »Versprecht ihr mir zum Eigentum, was euch auf eurem Hofe zuerst entgegenkommt?« Da der König aber sehr halsstarrig war, wollte er auch dies Mal noch nichts versprechen.

 

Unmutig durchstreifte er wieder den Wald in die Kreuz und die Quer, bis er zuletzt erschöpft unter einem Baume nieder sank und seine Todesstunde gekommen glaubte. Da erschien der Fremde - es war kein anderer als der »alte Bursche« selber - zum dritten Male vor dem Könige und sagte: »Seid doch nur kein Thor! Was kann euch an einem Hunde so viel gelegen sein, daß ihr ihn nicht hingeben mögt, um euer Leben zu retten? Versprecht mir den geforderten Führerlohn, und ihr sollt eurer Not ledig werden und am Leben bleiben.« »Mein Leben ist mehr wert, als tausend Hunde!« entgegnete der König. »Es hängt daran ein ganzes Reich mit Land und Leuten. Sei es denn, ich will dein Verlangen erfüllen, führe mich nach Hause!« Kaum hatte er das Versprechen über die Zunge gebracht, so befand er sich auch schon am Saum des Waldes und konnte in der Ferne sein Schloß sehen.

 

Er eilte hin und das Erste, was ihm an der Pforte entgegen kam, war die Amme mit dem königlichen Säugling, der dem Vater die Arme entgegenstreckte. Der König erschrack, schalt die Amme und befahl, das Kind eiligst hinweg zu bringen. Darauf kam sein treuer Hund wedelnd angelaufen, wurde aber zum Lohn für seine Anhänglichkeit mit dem Fuße fortgestoßen. So müssen schuldlose Untergebene gar oft ausbaden, was die Oberen in tollem Wahne Verkehrtes getan haben.

 

Als des Königs Zorn etwas verraucht war, ließ er sein Kind, einen schmucken Knaben, gegen die Tochter eines armen Bauern vertauschen, und so wuchs der Königssohn am Herde armer Leute auf, während des Bauern Tochter in der königlichen Wiege in seidenen Kleidern schlief. Nach Jahresfrist kam der alte Bursche, um seine Forderung einzuziehen und nahm das kleine Mädchen mit sich, welches er für das echte Kind des Königs hielt, weil er von der betrügerischen Vertauschung der Kinder nichts erfahren hatte. Der König aber freute sich seiner gelungenen List, ließ ein großes Freudenmahl anrichten, und den Eltern des geraubten Kindes ansehnliche Geschenke zukommen, damit es seinem Sohne in der Hütte an Nichts fehlen möge. Den Sohn wieder zu sich zu nehmen, getraute er sich nicht, weil er fürchtete, der Betrug könnte dann heraus kommen. Die Bauernfamilie war mit dem Tausche sehr zufrieden; sie hatten einen Esser weniger am Tische und Brot und Geld im Überfluß.

 

Inzwischen war der Königssohn zum Jüngling herangewachsen, und führte im Hause seiner Pflege-Eltern ein herrliches Leben. Aber er konnte dessen doch nicht recht froh werden. Denn als er vernommen hatte, wie es gelungen war, ihn zu befreien, war er sehr unwillig darüber, daß ein armes unschuldiges Mädchen statt seiner büßen mußte, was seines Vaters Leichtsinn verschuldet hatte. Er nahm sich daher fest vor, entweder, wenn irgend möglich, das arme Mädchen frei zu machen, oder mit dem selben umzukommen. Auf Kosten einer Jungfrau König zu werden, war ihm zu drückend. Eines Tages legte er heimlich die Tracht eines Bauernknechtes an, lud einen Sack Erbsen auf die Schulter und ging in jenen Wald, wo sein Vater sich vor achtzehn Jahren verirrt hatte.

 

Im Walde fing er laut an zu jammern: »O ich Armer, wie bin ich irre gegangen! Wer wird mir den Weg aus diesem Walde zeigen? Hier ist ja weit und breit keine Menschenseele zu treffen!« Bald darauf kam ein fremder Mann mit langem grauen Barte und einem Lederbeutel am Gürtel, wie ein Tatar, grüßte freundlich und sagte: »Mir ist die Gegend hier bekannt, und ich kann euch dahin führen, wohin euch verlangt, wenn ihr mir eine gute Belohnung versprecht.« »Was kann ich armer Schlucker euch wohl versprechen,« erwiederte der schlaue Königssohn, »ich habe nichts weiter als mein junges Leben, sogar der Rock auf meinem Leibe gehört meinem Brotherrn, dem ich für Nahrung und Kleidung dienen muß.«

 

Der Fremde bemerkte den Erbsensack auf der Schulter des Anderen und sagte: »Ohne alle Habe müßt ihr doch nicht sein, ihr tragt ja da einen Sack, der recht schwer zu sein scheint.« »In dem Sacke sind Erbsen,« war die Antwort. »Meine alte Tante ist vergangene Nacht gestorben und hat nicht so viel hinterlassen, daß man den Totenwächtern nach Landesbrauch gequollene Erbsen vorsetzen kann. Ich habe mir die Erbsen von meinem Wirte um Gottes Lohn ausgebeten, und wollte sie eben hinbringen; um den Weg abzukürzen, schlug ich einen Waldpfad ein, der mich nun, wie ihr seht, irre geführt hat.«

 

»Also bist du, aus deinen Reden zu schließen, eine Waise,« sagte der Fremde grinsend. »Möchtest du nicht in meinen Dienst treten, ich suche gerade einen flinken Knecht für mein kleines Hauswesen, und du gefällst mir.« »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden, antwortete der Königssohn. Zum Knecht bin ich geboren, fremdes Brot schmeckt überall bitter, da ist es mir denn ziemlich einerlei, welchem Wirt ich gehorchen muß. Welchen Jahreslohn versprecht ihr mir?« »Nun,« sagte der Fremde, »alle Tage frisches Essen, zwei Mal wöchentlich Fleisch, wenn außer Hause gearbeitet wird, Butter oder Strömlinge als Zukost, vollständige Sommer- und Winterkleidung, und außerdem noch zwei Külimit-Teil Land zu eigener Nutznießung.« »Damit bin ich zufrieden,« sagte der schlaue Königssohn. »Die Tante können auch Andere in die Erde bringen, ich gehe mit euch.«

 

Der alte Bursche schien mit diesem vortheilhaften Handel sehr zufrieden zu sein, er drehte sich wie ein Kreisel auf einem Fuße herum, und trällerte so laut, daß der Wald davon wiederhallte. Als dann machte er sich mit seinem neuen Knechte auf den Weg, wobei er bemüht war, die Zeit durch angenehme Plaudereien zu verkürzen, ohne zu bemerken, daß sein Gefährte, je nach zehn und fünfzehn Schritten immer eine Erbse aus dem Sack fallen ließ. Ihr Nachtlager hielten die Wanderer im Walde unter einer breiten Fichte, und setzten am anderen Morgen ihre Reise fort. Als die Sonne schon hoch stand, gelangten sie an einen großen Stein. Hier machte der Alte Halt, spähte überall scharf umher, pfiff in den Wald hinein und stampfte dann mit dem Hacken des linken Fußes dreimal gegen den Boden. Plötzlich tat sich unter dem Stein eine geheime Pforte auf, und es wurde ein Eingang sichtbar, welcher der Mündung einer Höhle glich. Jetzt faßte der alte Bursche den Königssohn beim Arm und befahl in strengem Tone: »Folge mir!«

 

Dicke Finsternis umgab sie hier, doch kam es dem Königssohne vor, als ob ihr Weg immer weiter in die Tiefe führe. Nach einer guten Weile zeigte sich wieder ein Schimmer, aber das Licht war weder dem der Sonne, noch dem des Mondes zu vergleichen. Scheu erhob der Königssohn den Blick, aber er sah weder einen Himmel noch eine Sonne; nur eine leuchtende Nebelwolke schwebte über ihnen und schien diese neue Welt zu bedecken, in der alles ein fremdartiges Gepräge trug. Erde und Wasser, Bäume und Kräuter, Tiere und Vögel, alles erschien anders, als er es früher gesehen hatte. Was ihn aber am meisten befremdete, war die wunderbare Stille ringsum; nirgends war eine Stimme oder ein Geräusch zu vernehmen. Alles war still wie im Grabe; nicht einmal seine eigenen Schritte verursachten ein Geräusch.

 

Man sah wohl hie und da einen Vogel auf dem Aste sitzen mit lang gerecktem Halse und aufgeblähter Kehle, als ob ein Laut heraus komme, aber das Ohr vernahm ihn nicht. Die Hunde sperrten die Mäuler auf, wie zum Bellen, die Ochsen hoben, wie sie pflegen, den Kopf in die Höhe, als ob sie brüllten, aber weder Gebell noch Gebrüll wurde hörbar. Das Wasser floß ohne zu rauschen über die Kiesel des flachen Grundes, der Wind bog die Wipfel des Waldes, ohne daß man ein Säuseln hörte, Fliege und Käfer flogen ohne zu summen. Der alte Bursche sprach kein Wort, und wenn sein Gefährte zuweilen zu sprechen versuchte, so fühlte er gleich, daß ihm die Stimme im Munde erstarb.

 

So waren sie, wer weiß wie lange, in dieser unheimlichen stillen Welt dahin gezogen, die Angst schnürte dem Königssohne das Herz zu und sträubte sein Haar wie Borsten empor, Schauerfrost schüttelte seine Glieder - als endlich, o Wonne! das erste Geräusch sein lauschendes Ohr traf, und dieses Schattenleben zu einem wirklichen zu machen schien. Es kam ihm vor, als ob eine große - Roßherde sich durch Moorgrund durcharbeitete. Nun tat auch der alte Bursche seinen Mund auf und sagte, indem er sich die Lippen leckte: »Der Breikessel siedet, man erwartet uns zu Hause!« Wieder waren sie eine Weile weiter gegangen, als der Königssohn das Dröhnen einer Sägemühle zu hören glaubte, in der mindestens ein Paar Dutzend Sägen zu arbeiten schienen, der Wirt aber sagte: »Die alte Großmutter schläft schon, sie schnarcht.«

 

Sie erreichten dann den Gipfel eines Hügels, und der Königssohn entdeckte in einiger Entfernung den Hof seines Wirtes; der Gebäude waren so viele, daß man das Ganze eher für ein Dorf oder eine kleine Vorstadt hätte halten können, als für die Wohnung eines Besitzers. Endlich kamen sie an, und fanden an der Pforte ein leeres Hundehäuschen. »Krieche hinein,« herrschte der Wirt, »und verhalte dich ruhig, bis ich mit der Großmutter deinetwegen gesprochen habe. Sie ist, wie die alten Leute fast alle, sehr eigensinnig, und duldet keinen Fremden im Hause.« Der Königssohn kroch zitternd in's Hundehäuschen und begann schon seine Überkühnheit, die ihn in diese Klemme gebracht hatte, zu bereuen.

 

Erst nach einer Weile kam der Wirt wieder, rief ihn aus seinem Schlupfwinkel heraus und sagte mit verdrießlichem Gesicht: »Merke dir jetzt genau unsere Hausordnung und hüte dich, dagegen zu verstoßen, sonst könnte es dir hier recht schlecht gehen:

 

Augen, Ohren halte offen,

Mundes Pforte stets verriegelt!

Ohne Weigerung gehorche,

Hege, wie du willst, Gedanken,

Rede nimmer, wenn gefragt nicht.«

 

Als der Königssohn über die Schwelle trat, erblickte er ein junges Mädchen von großer Schönheit, mit braunen Augen und lockigem Haar. Er dachte in seinem Sinne: »Wenn der Alte solcher Töchter viele hätte, so möchte ich gern sein Eidam werden! Das Mädchen ist ganz nach meinem Geschmack.« Die schöne Maid ordnete nun, ohne ein Wort zu sprechen, den Tisch, trug die Speisen auf und nahm dann bescheiden ihren Sitz am Herde ein, als ob sie den fremden Mann gar nicht bemerkt hätte. Sie nahm Garn und Nadeln und fing an, ihren Strumpf zu stricken. Der Wirt setzte sich allein zu Tisch, und lud weder Knecht noch Magd dazu, auch die alte Großmutter war nirgends zu sehen. Des alten Burschen Appetit war grenzenlos; binnen Kurzem machte er reine Bahn mit allem, was er auf dem Tische fand, und davon hätten doch wenigstens ein Dutzend Menschen satt werden können. Nachdem er endlich seinen Kinnladen Ruhe gegönnt hatte, sagte er zur Jungfrau: »Kehre jetzt aus, was auf dem Boden der Kessel und Grapen ist, und sättiget euch mit den Resten, die Knochen aber werfet dem Hunde vor.«

 

Der Königssohn verzog wohl den Mund über das angekündigte Kesselbodenkehrichtsmahl, welches er mit dem hübschen Mädchen und dem Hunde zusammen verzehren sollte. Aber bald erheiterte sich sein Gesicht wieder, als er fand, daß die Reste ein ganz leckeres Mahl auf den Tisch lieferten. Während des Essens sah er unverwandt das Mädchen verstohlener Weise an, und hätte wer weiß wie viel darum gegeben, wenn er einige Worte mit ihr hätte sprechen dürfen. Aber sobald er nur den Mund zum Sprechen öffnen wollte, begegnete ihm der flehende Blick des Mädchens, der zu sagen schien: »Schweige!« So ließ denn der Jüngling seine Augen reden, und gab dieser stummen Sprache durch seinen guten Appetit Nachdruck, denn die Jungfrau hatte ja doch die Speisen bereitet, und es mußte ihr angenehm sein, wenn der Gast brav zulangte und ihre Küche nicht verschmähte. Der Alte hatte sich auf der Ofenbank ausgestreckt und machte seinem vollen Magen dermaßen Luft, daß die Wände davon dröhnten.

 

Nach der Abend-Mahlzeit sagte der Alte zum Königssohn: »Zwei Tage kannst du von der langen Reise ausruhen, und dich im Hause umsehen. Übermorgen Abend aber mußt du zu mir kommen, damit ich dir die Arbeit für den folgenden Tag anweisen kann; denn mein Gesinde muß immer früher bei der Arbeit sein, als ich selber aufstehe. Das Mädchen wird dir deine Schlafstätte zeigen.« Der Königssohn nahm einen Ansatz zum Sprechen, aber o weh! der alte Bursche fuhr wie ein Donnerwetter auf ihn los und schrie: »Du Hund von einem Knecht! Wenn du die Hausordnung übertrittst, so kannst du ohne Weiteres um einen Kopf kürzer gemacht werden. Halt das Maul und jetzt scher' dich zur Ruhe!«

 

Das Mädchen winkte ihm, mit zu kommen, schloß dann eine Tür auf und bedeutete ihn, hinein zu treten. Der Königssohn glaubte eine Träne in dem Auge des Mädchens Quillen zu sehen und wäre gar zu gern noch auf der Schwelle stehen geblieben, aber er fürchtete den Alten und wagte nicht länger zu zögern. »Das schöne Mädchen kann doch unmöglich seine Tochter sein,« dachte der Königssohn, »denn sie hat ein gutes Herz. Sie ist am Ende gar das selbe arme Mädchen, welches statt meiner hierher getan wurde, und um dessen willen ich das tolle Wagstück unternahm.« Es dauerte lange, ehe er den Schlaf auf seinem Lager fand, und dann ließen ihm bange Träume keine Ruhe; er träumte von allerlei Gefahr, die ihn umstrickte, und überall war es die Gestalt der schönen Jungfrau, die ihm zu Hilfe eilte.

 

Als er am anderen Morgen erwachte, war sein erster Gedanke, daß er alles tun wolle, was er der Schönen an den Augen absehen könnte. Er fand das fleißige Mädchen schon bei der Arbeit, half ihr Wasser aus dem Brunnen heraufwinden und ins Haus tragen, Holz spalten, das Feuer unter den Grapen schüren, und ging ihr bei allen andern Arbeiten zur Hand. Nachmittags trat er hinaus, um seine neue Wohnstätte näher in Augenschein zu nehmen, und wunderte sich sehr, daß er die alte Großmutter nirgends zu Gesicht bekam.

 

Im Stalle fand er ein weißes Pferd, im Pfahlland eine schwarze Kuh mit einem weißköpfigen Kalbe, in andern verschlossenen Ställen glaubte er Gänse, Enten, Hühner und anderes Fasel zu hören. Frühstück und Mittagsessen waren eben so schmackhaft gewesen, als Abends zuvor, und er hätte mit seiner Lage ganz zufrieden sein können, wenn es ihm nicht so sehr schwer geworden wäre, dem Mädchen gegenüber seine Zunge im Zaume zu halten. Am Abend des zweiten Tages ging er zum Wirt, um die Arbeit für den kommenden Tag zu erfahren.

 

Der Alte sagte: »Für morgen will ich dir eine leichte Arbeit geben. Nimm die Sense zur Hand, mähe so viel Gras, als das weiße Pferd zu seinem Tagesfutter braucht, und miste den Stall aus. Wenn ich hin käme und die Krippe leer oder auf der Diele Mist fände, so könnte es dir bitterbös bekommen. Hüte dich davor!« Der Königssohn war ganz vergnügt, denn er dachte in seinem Sinn: »Mit dem bischen Arbeit komme ich schon zu Gange; wenn ich auch bis jetzt weder Pflug noch Sense geführt habe, so sah ich doch oft, wie leicht die Landleute mit diesen Werkzeugen umgehen, und Kraft genug habe ich.«

 

Als er sich eben auf's Lager hinstrecken wollte, kam das Mädchen leise herein geschlichen, und fragte ihn mit gedämpfter Stimme: »Was für eine Arbeit hast du bekommen?« »Morgen« - erwiederte der Königssohn - »habe ich eine leichte Arbeit; ich soll für das weiße Pferd Futtergras mähen und den Stall säubern, das ist Alles.« »Ach du unglückseliges Geschöpf!« seufzte das Mädchen: »wie könntest du die Arbeit vollbringen? Das weiße Pferd, des Wirtes Großmutter, ist ein unersättliches Geschöpf, welchem zwanzig Mäher kaum das tägliche Futter liefern könnten, und andere zwanzig hätten vom Morgen bis Abend zu tun, den Mist aus dem Stalle zu führen. Wie würdest du denn allein mit beidem zu Stande kommen? Merke auf meinen Rat und befolge ihn genau. Wenn du dem Pferde einige Schooß voll Gras in die Krippe geschüttet hast, so mußt du aus Weidenreisern einen starken Reif flechten, und aus festem Holze einen Keil schnitzen, und zwar so, daß das Pferd sieht, was du tust. Es wird dich sogleich fragen, wozu die Dinge dienen sollen, und dann mußt du ihm also antworten: Mit diesem Reifen binde ich dir das Maul fest, wenn du mehr fressen wolltest, als ich dir hin schütte, und mit diesem Pflock werde ich dir den After verkeilen, wenn du mehr solltest fallen lassen, als ich Lust hätte fort zu schaffen.« Nachdem das Mädchen dies gesprochen, schlich es auf den Zehen eben so leise wieder hinaus, wie es gekommen war, ohne dem Jüngling Zeit zum Dank zu lassen. Er prägte sich des Mädchens Worte ein, wiederholte sich alles noch einmal, um nichts zu vergessen, und legte sich dann schlafen.

 

Früh am andern Morgen machte er sich an die Arbeit. Er ließ die Sense wacker im Grase tanzen und hatte zu seiner Freude nach kurzer Zeit so viel gemäht, daß er einige Schooß voll zusammenharken konnte. Als er dem Pferde den ersten Schoß voll hingeworfen hatte, und gleich darauf mit dem zweiten Schooß voll in den Stall trat, fand er zu seinem Schrecken die Krippe schon leer, und über ein halbes Fuder Mist auf der Diele. Jetzt sah er ein, daß er ohne des Mädchens klugen Rat verloren gewesen wäre, und beschloß, denselben sogleich zu benutzen. Er begann den Reifen zu flechten: das Pferd wandte den Kopf nach ihm hin und fragte verwundert: »Söhnchen, was willst du mit diesem Reifen machen?« »Gar nichts,« entgegnete der Königssohn, »ich flechte ihn nur, um dir die Kinnladen damit fest zu klemmen, falls es dir in den Sinn käme, mehr zu fressen, als ich Lust habe dir aufzuschütten.« Das weiße Pferd seufzte tief auf und hielt augenblicklich mit Kauen inne.

 

Der Jüngling reinigte jetzt den Stall, und dann machte er sich daran, den Keil zu schnitzen. »Was willst du mit diesem Keil machen?« fragte das Pferd wieder. »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich mache ihn nur fertig, um ihn im Notfalle als Spunt für die Ausleerungspforte zu gebrauchen, damit dir das Futter nicht zu rasch durch die Knochen schießt.« Das Pferd sah ihn wieder seufzend an, und hatte ihn sicher verstanden, denn als Mittag längst vorüber war, hatte das weiße Pferd noch Futter in der Krippe, und die Diele war rein geblieben. Da kam der Wirt, um nachzusehen, und als er alles in bester Ordnung fand, fragte er etwas erstaunt: »Bist du selber so klug, oder hast du kluge Ratgeber?« Der schlaue Königssohn erwiederte schnell: »Ich habe niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte warf unwillig die Lippen auf und verließ brummend den Stall; der Königssohn aber freute sich, daß alles gelungen war.

 

Am Abend sagte der Wirt: »Morgen hast du keine eigentliche Arbeit, da aber die Magd manches Andere im Hause zu besorgen hat, so mußt du unsere schwarze Kuh melken. Hüte dich aber, daß keine Milch im Euter zurückbleibt. Fände ich das, so könnte es dir das Leben kosten.« Der Königssohn dachte, als er hinausging: »wenn dahinter nicht etwa wieder eine Tücke steckt, so kann mir die Arbeit nicht schwer werden; ich habe, Gottlob, starke Finger, und will die Zitzen schon so pressen, daß kein Tropfen Milch darin bleiben soll.«

 

Als er sich eben zur Ruhe legen wollte, kam das Mädchen wieder zu ihm und fragte: »Was für eine Arbeit hast du morgen?« »Morgen habe ich Gesellentag« - antwortete der Königssohn. »Ich bin morgen den ganzen Tag frei, und habe nichts weiter zu tun, als die schwarze Kuh zu melken, so daß kein Tropfen Milch im Euter zurückbleibt.« »O du unglückseliges Geschöpf! wie wolltest du das zu Stande bringen,« sagte das Mädchen seufzend. »Du mußt wissen, lieber unbekannter Jüngling, daß, wenn du auch vom Morgen bis zum Abend ununterbrochen melken würdest, du doch nimmer das Euter der schwarzen Kuh leeren könntest; die Milch strömt gleich einer Wasserader ununterbrochen. Ich sehe wohl, daß der Alte dich verderben will. Aber sei unbesorgt, so lange ich am Leben bin, soll dir kein Haar gekrümmt werden. Achte auf meinen Rat und befolge ihn pünktlich, so wirst du der Gefahr entgehen. Wenn du zum Melken gehst, so nimm einen Topf voll glühender Kohlen und eine Schmiedezange mit. Im Stalle lege die Zange in die Kohlen und blase diese zu heller Flamme an. Wenn die schwarze Kuh dich dann fragt, weshalb du das tust, so antworte ihr, was ich dir jetzt in's Ohr sagen werde.« Das Mädchen flüsterte ihm einige Worte in's Ohr, und schlich dann auf den Zehen, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer. Der Königssohn legte sich schlafen.

 

Kaum strahlte die Morgenröte am Himmel, als er sich schon von seinem Lager erhob, den Melkkübel in die eine und den Kohlentopf in die andere Hand nahm und in den Stall ging. Er machte Alles so, wie das Mädchen am Abend zuvor angegeben hatte. Befremdet sah die schwarze Kuh, seinem Treiben eine Weile zu, dann fragte sie: »Was machst du da, Söhnchen?« »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich will die Zange nur rotglühend machen, weil manche Kuh die niederträchtige Gewohnheit hat, nach dem Melken noch Milch im Euter zu behalten, und da ist kein besserer Rat, als ihr die Zitzen mit einer glühenden Zange zusammen zu kneifen, damit sich die Milch nicht unnütz ins Euter ergieße.« Die schwarze Kuh seufzte tief auf und sah den Melkenden scheu an. Der Königssohn nahm den Kübel, melkte das Euter aus, und als er es nach einer Weile wieder anzog, fand er nicht einen Tropfen Milch.

 

Später kam der Wirt in den Stall, zog und drückte wiederholt an den Zitzen, fand aber keine Milch, und fragte mit böser Miene: »Bist du selbst so klug, oder hast du kluge Ratgeber?« Der Königssohn antwortete: »Ich habe niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte ging aufgebracht fort.

 

Als der Königssohn sich am Abend beim Wirt nach seiner Arbeit erkundigte, sagte dieser: »Ich habe noch ein Schoberchen Heu auf der Wiese stehen, das ich bei trockener Witterung unter Dach bringen möchte. Führe mir morgen das Heu ein, aber hüte dich, daß nicht das Mindeste zurückbleibt, sonst könntest du dein Leben einbüßen.« Der Königssohn verließ vergnügt das Zimmer und dachte: »Heu führen ist keine große Arbeit, ich habe weiter keine Mühe, als aufzuladen, das Pferd muß ziehen. Ich werde die Großmutter dieses Wirts nicht schonen.«

 

Abends kam das Mädchen wieder zu ihm geschlichen, und fragte ihn nach seiner Arbeit für morgen. Der Königssohn sagte lachend: »Hier lerne ich alle Arten von Bauernarbeit, morgen soll ich ein Schoberchen Heu einführen, und nur darauf achten, daß nicht das Mindeste zurückbleibt; das ist mein ganzes Tagewerk.« »Ach du unglückseliges Geschöpf,« seufzte das Mädchen: »wie könntest du das vollbringen? Wolltest du auch mit allen Leuten eines noch so großen Gebiets eine ganze Woche lang Heu führen, so würdest du doch dieses Schoberchen nicht fortschaffen. Was von oben her weg genommen wird, das wächst vom Grunde auf wieder nach. Merke wohl, was ich dir sage: du mußt morgen vor Tagesanbruch aufstehen, das weiße Pferd aus dem Stalle ziehen, und einige starke Stricke mitnehmen. Dann geh an den Heuschober, lege die Stricke herum, und schirre das Pferd an die Stricke. Wenn du damit fertig bist, so klettere auf den Schober hinauf, und fange an zu zählen: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und so weiter. Das Pferd wird dich sogleich fragen, was du da zählst, dann mußt du antworten, was ich dir in's Ohr sage.« Das Mädchen flüsterte ihm das Geheimnis zu, und verließ das Zimmer; der Königssohn wußte nichts Besseres zu tun, als zu Bette zu gehen.

 

Als er den anderen Morgen erwachte, fiel ihm sogleich des Mädchens guter Rat von gestern ein; er nahm starke Stricke, eilte in den Stall, führte das weiße Pferd heraus, schwang sich darauf und ritt zum Heuschober, der aber mindestens an fünfzig Fuder hielt, also kein »Schoberchen« zu nennen war. Der Königssohn tat Alles, was ihm das Mädchen geheißen hatte, und als er endlich, oben auf dem Heuschober sitzend, bis zwanzig gezählt hatte, fragte das weiße Pferd verwundert: »Was zählst du da, Söhnchen?« »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich machte mir nur den Spaß, die Wolfsherde dort am Walde zu zählen, aber es sind ihrer so viel, daß ich nicht damit fertig werde.« Kaum hatte er das Wort »Wolfsherde« heraus, als auch das weiße Pferd wie der Wind davon schoß, so daß es in einigen Augenblicken mit dem Schober zu Hause war.

 

Des Wirts Erstaunen war nicht gering, als er nach dem Frühstück hinaus kam, und das Tagewerk des Knechts schon getan fand. »Bist du selber so klug, oder hast du kluge Ratgeber?« fragte der Alte, worauf der Königssohn erwiederte: »Ich habe niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte ging kopfschüttelnd und fluchend von dannen.

 

In der Abenddämmerung ging der Königssohn wieder zu ihm, nach seiner Arbeit zu fragen. Der Wirt sagte: »Morgen mußt du mir das weißköpfige Kalb auf die Weide führen, doch hüte dich, daß es sich nicht verläuft, sonst könntest du leicht dein Leben einbüßen.« Der Königssohn dachte bei sich: »mancher zehnjährige Bauerbursch muß eine ganze Herde hüten, da kann mir doch die Hut eines einzigen Kalbes nicht schwer werden.« Als er sich eben schlafen legen wollte, kam das Mädchen wieder in seine Kammer geschlichen und fragte, was für eine Arbeit er morgen habe. »Morgen habe ich Faullenzerarbeit,« sagte der Königssohn, »ich soll mit dem weißköpfigen Kalbe auf die Weide gehen.« »O du unglückseliges Geschöpf,« seufzte das Mädchen: »damit wirst du wohl nimmer durch kommen. Du mußt wissen, daß dieses Kalb eine solche Rennwut hat, daß es an einem Tage dreimal um die Welt laufen könnte. Merke dir genau, was ich dir jetzt sagen will. Nimm diesen Seidenfaden, binde das eine Ende an das linke Vorderbein des Kalbes, und das andere Ende an den kleinen Zeh deines linken Fußes, dann wird das Kalb keinen Schritt von deiner Seite weichen, gleichviel ob du gehst, stehst oder liegst.« Darauf ging das Mädchen fort, und der Königssohn legte sich schlafen, aber es ärgerte ihn, daß er wieder vergessen hatte, für den guten Rat zu danken.

 

Den anderen Morgen tat er pünktlich, was ihm das gute Mädchen vorgeschrieben hatte, und führte das Kalb an dem seidenen Faden auf die Weide, wo es, wie ein treues Hündlein, keinen Schritt von seiner Seite wich. Bei Sonnenuntergang führte er es wieder in den Stall, als ihm der Wirt auch schon entgegenkam und mit zornfunkelndem Blick fragte: »Bist du selber so klug, oder hast du kluge Ratgeber?« Der Königssohn erwiederte: »Ich habe niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.« Wieder ging der Alte wütend davon, und der Königssohn glaubte nun darüber im Reinen zu sein, daß die Nennung des göttlichen Namens den alten Burschen jedesmal in Harnisch brachte.

 

Spät Abends ging er wieder zum Wirt, um dessen Befehle für den folgenden Tag einzuholen. Der Wirt gab ihm ein Säckchen mit Gerste und sagte: »Morgen hast du einen Feiertag und kannst ausschlafen, aber dafür mußt du dich heute Nacht brav rühren. Säe mir sogleich diese Gerste aus, sie wird rasch wachsen und reifen; dann schneidest du sie, drischst sie und windigest sie, so daß du sie mälzen und mahlen kannst. Aus dem erhaltenen Malzmehl mußt du mir Bier brauen, und morgen früh, wenn ich erwache, mir eine Kanne frischen Biers zum Morgentrunk bringen. Hab Acht, daß meine Befehle genau befolgt werden, sonst könntest du leicht das Leben einbüßen.«

 

Niedergeschlagen, mit sorgenschwerem Herzen verließ der Königssohn das Gemach, blieb draußen stehen und weinte bitterlich. Er sprach zu sich selbst: »Die heutige Nacht ist meine letzte, solche eine Arbeit kann kein Sterblicher vollbringen, und eben so wenig kann mir des klugen Mädchens Rat hier helfen. O ich unglückseliges Geschöpf! warum habe ich leichtsinnig das Königsschloß verlassen und mich in Gefahren verstrickt. Nicht einmal den Sternen des Himmels kann ich mein bitteres Leid klagen, denn hier sieht man weder Himmel noch Sterne, doch haben wir einen Gott, der überall ist.«

 

Als er mit seinem Gerstensäcklein da stand, öffnete sich die Haustür und das liebe Mädchen trat zu ihm heraus. Sie fragte, was ihn so betrübe, und der Jüngling antwortete mit Tränen in den Augen: »Ach, meine letzte Stunde ist gekommen, wir müssen auf immer scheiden. Vernimm denn noch alles, ehe ich scheide: ich bin eines mächtigen Königs einziger Sohn, dem der Vater einst ein großes Reich hinterlassen sollte; aber nun ist alles hin, Glück und Hoffnung.«

 

Dann erzählte er ihr unter häufigen Tränen, was für eine Arbeit der Wirt ihm für die Nacht aufgegeben habe, aber es verdross ihn, zu sehen, daß das Mädchen sich aus seiner Betrübnis nicht viel machte. Als er endlich seinen langen Bericht geschlossen hatte, sagte die Jungfrau lachend: »Heute Nacht kannst du denn, mein lieber Königssohn, ganz ruhig schlafen, und morgen den ganzen Tag feiern. Merke genau auf meinen Rat und verschmähe ihn nicht, weil er aus dem Munde einer niedrig geborenen Magd kommt. Nimm diesen kleinen Schlüssel, er schließt den dritten Faselstall auf, worin des Alten dienende Geister wohnen. Wirf den Gerstensack in den Stall und schärfe ihnen Wort für Wort den Befehl ein, den dir der Wirt für die Nacht gegeben hat; füge aber hinzu: Wenn ihr ein Haar breit von meiner Vorschrift abweicht, so müßt ihr alle samt sterben; solltet ihr aber Hilfe brauchen, so wird heut' Nacht die Tür des siebenten Stalles offen stehen, in welchem des Wirts mächtigste Geister wohnen.«

 

Der Königssohn richtete alles nach Vorschrift aus, und legte sich schlafen. Als er am folgenden Morgen aufwachte und in der Brauküche nachsah, fand er die Bierkufen in voller Gährung, so daß der Schaum über den Rand floß. Er kostete das Bier, füllte dann eine große Kanne mit dem schäumenden Trank an, und brachte sie dem Wirte, der sich eben auf seinem Lager aufrichtete. Aber statt des erwarteten Dankes sagte der Wirt ungehalten: »Das kommt nicht aus deinem Kopfe! Ich merke, du hast gute Freunde und Ratgeber gefunden. Schon gut, heut' Abend wollen wir weiter sprechen.«

 

Am Abend sagte der Alte: »Morgen habe ich dir keine Arbeit aufzutragen, du mußt nur, wenn ich erwache, vor mein Bett treten, und mir zum Gruße die Hand reichen.« Der Königssohn spottete innerlich über des Alten wunderliche Grille, und lachend setzte er das Mädchen davon in Kenntnis. Dieses aber wurde sehr ernst und sagte: »Wahre deine Haut! Der Alte will dich morgen früh auffressen. Nur Eins kann dich retten. Du mußt eine eiserne Schaufel im Ofen rothglühend machen, und ihm statt deiner Hand das glühende Eisen zum Morgengruß dar bieten.« Damit eilte sie davon, und der Königssohn ging zu Bette.

 

Am Morgen hatte er die Schaufel schon rotglühend gemacht, ehe noch der alte Bursche aufwachte. Endlich hörte er ihn rufen: »Fauler Knecht, wo bleibst du? komm' und grüße!« Als darauf der Königssohn mit der glühenden Schaufel eintrat, rief der Alte ihm mit kläglicher Stimme zu: »Ich bin heute sehr krank und kann deine Hand nicht fassen. Aber komm' heute Abend wieder, damit ich dir meine Befehle geben kann.«

 

Der Königssohn schlenderte nun den ganzen Tag um her, und ging dann am Abend zum Wirt, um sich von ihm die Arbeit für den folgenden Tag auftragen zu lassen. Der Wirt war sehr freundlich und sagte schmunzelnd: »Ich bin mit dir sehr zufrieden! komm Morgen früh mit dem Mädchen zu mir, ich weiß, daß ihr euch schon längst lieb habt, und will euch als Mann und Frau zusammengeben!«

 

Der Königssohn hätte vor Freude jauchzen und in die Höhe springen mögen, aber glücklicher Weise fiel ihm noch zu rechter Zeit die strenge Hausordnung ein, deßhalb blieb er ruhig. Als er vor dem Schlafengehen der Geliebten von seinem Glücke erzählte und von ihr eine gleiche Freude erwartete, sah er zu seinem großen Erstaunen, daß das Mädchen vor Schrecken bleich wurde wie eine getünchte Wand, und ihr die Zunge wie gelähmt war. Als sie sich wieder erholt hatte, sagte sie: »Der alte Bursche ist dahinter gekommen, daß ich deine Ratgeberin gewesen bin, und will uns Beide verderben. Wir müssen noch diese Nacht die Flucht ergreifen, sonst sind wir verloren. Nimm ein Beil, gehe in den Stall und schlage dem weißköpfigen Kalbe mit einem kräftigen Hieb den Kopf ab, mit einem zweiten Hieb spalte den Schädel entzwei. Im Hirn des Kalbes findest du ein glänzend rotes Knäulchen, das bringe mir, alles was sonst nötig ist, werde ich selbst besorgen.«

 

Der Königssohn dachte: »lieber töte ich ein unschuldiges Kalb, als daß ich mich selbst und das liebe Mädchen umbringen lasse; gelingt uns die Flucht, so sehe ich meine Heimat wieder. Die Erbsen, welche ich ausstreute, müssen jetzt aufgegangen sein, so daß wir den Weg nicht verfehlen werden.«

 

Darauf ging er in den Stall. Die Kuh lag neben dem Kalb hingestreckt, und beide schliefen so fest, daß sie ihn nicht kommen hörten. Als er aber dem Kalb den Kopf ab hieb, stöhnte die Kuh so schauerlich, als hätte sie einen schweren Traum. Rasch führte er den zweiten Hieb, der den Schädel spaltete. Siehe! da wurde der Stall plötzlich hell, wie am Tage. Das rote Knäulchen fiel aus dem Gehirn heraus und leuchtete wie eine kleine Sonne. Der Königssohn wickelte das Knäulchen behutsam in ein Tuch und steckte es in seinen Busen. Es war ein Glück, daß die Kuh nicht aufwachte, sonst hätte sie angefangen zu brüllen, und dadurch hätte auch der Wirt geweckt werden können.

 

An der Pforte fand der Königssohn das Mädchen schon reisefertig, ein Bündelchen am Arme. »Wo ist dein Knäulchen?« fragte sie. »Hier!« antwortete der Jüngling, und gab es ihr. »Wir müssen schnell fliehen!« sagte sie, und wickelte einen kleinen Teil des Knäulchens aus dem Tuche heraus, damit der leuchtende Schein gleich einer Laterne das nächtliche Dunkel ihres Pfades erhelle. Die Erbsen waren, wie der Königssohn vermutet hatte, alle aufgegangen, so daß sie sicher waren, den Weg nicht zu verfehlen.

 

Unterwegs erzählte ihm die Jungfrau, daß sie einmal ein Gespräch zwischen dem Alten und seiner Großmutter belauscht und daraus erfahren habe, daß sie eine Königstochter sei, welche der alte Bursche ihren Eltern mit List abgenommen habe. Der Königssohn wußte freilich die Sache besser, schwieg aber und war nur von Herzen froh, daß es ihm gelungen war, das arme Mädchen zu befreien. So mochten die Wanderer eine gute Strecke zurückgelegt haben, als es begann zu tagen.

 

Der alte Bursche erwachte erst spät am Morgen und rieb sich lange die Augen, bis der Schlaf abfiel, dann weidete er sich im voraus an dem Gedanken, daß er die Beiden bald verzehren würde. Nachdem er ziemlich lange auf sie gewartet hatte, sagte er für sich: »Sie sind wohl noch nicht mit ihrem Hochzeitsstaat fertig!« Als ihm aber das Warten doch zu lange dauerte, rief er: »Knecht und Magd, he! wo bleibt ihr?« Fluchend und schreiend wiederholte er den Ruf noch einige Male, aber weder Knecht noch Magd ließen sich sehen.

 

Endlich kletterte er zornig aus dem Bette und ging die Säumigen suchen. Aber er fand das Haus menschenleer, und bemerkte auch, daß diese Nacht die Lagerstätten unberührt geblieben waren. Jetzt stürzte er in den Stall ... als er hier das Kalb getötet und das Zauberknäulchen entwendet fand, begriff er alles. Er fluchte, daß alles schwarz wurde, öffnete rasch den dritten Geisterstall und schickte seine Gehilfen aus, die Entflohenen zu suchen. »Bringt sie mir, wie ihr sie findet, ich muß ihrer habhaft werden!« So sprach der alte Bursche und seine Geister stoben wie der Wind davon.

 

Die Flüchtlinge befanden sich gerade auf einer großen Fläche, als das Mädchen den Schritt anhielt und sagte: »Es ist nicht alles, wie es sein sollte. Das Knäulchen bewegt sich in meiner Hand, gewiß werden wir verfolgt!« Als sie hinter sich sahen, erblickten sie eine schwarze Wolke, welche mit großer Geschwindigkeit näher kam. Das Mädchen drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um und sprach:

 

»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!

Würde gern alsbald zum Bächlein,

Mein Gefährte auch zum Fischlein!«

 

Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen floß als Bächlein dahin, und der Königssohn schwamm als Fischlein im Wasser. Die Geister sausten vorüber, kehrten nach einer Weile um, und flogen wieder heim, aber Bächlein und Fischlein ließen sie unangetastet. Sobald die Verfolger fort waren, verwandelte sich das Bächlein wieder in ein Mädchen und machte das Fischlein zum Jüngling, und dann setzten sie in menschlicher Gestalt ihre Reise fort.

 

Als die Geister müde und mit leeren Händen zurück kehrten, fragte sie der alte Bursche, ob ihnen denn beim Suchen nichts Besonderes aufgefallen wäre? »Gar nichts!« war die Antwort: »nur ein Bächlein floß in der Ebene, und ein einziges Fischlein schwamm darin.« Wütend brüllte der Alte: »Schafsköpfe! Das waren sie ja, das waren sie ja!« Schnell riß er die Türen des fünften Stalles auf, ließ die Geister heraus und befahl ihnen, des Bächleins Wasser auszutrinken und das Fischlein zu fangen. Die Geister stoben wie der Wind von dannen.

 

Unsere Wanderer näherten sich eben dem Saum eines Waldes, da blieb das Mädchen stehen und sagte: »Es ist nicht alles, wie es sein soll. Das Knäulchen bewegt sich wieder in meiner Hand.« Als sie sich umsahen, erblickten sie abermals eine Wolke am Himmel, dunkler als die erste und mit roten Rändern. »Das sind unsere Verfolger!« rief die Jungfrau und drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um, indem sie sprach:

 

»Höre Knäulchen, höre Knäulchen!

Wandele uns alle Beide:

Mich zum wilden Rosenstrauche,

Ihn zur Blüte an dem Strauche.«

 

Augenblicklich waren sie verwandelt. Aus dem Mädchen ward ein wilder Rosenstrauch, und der Jüngling hing als Rose am Stock. Sausend zogen die Geister über ihnen hin und kehrten erst nach einer guten Weile wieder um; da sie weder Bächlein noch Fischlein gefunden hatten, kümmerten sie sich nicht um den Rosenstrauch. Sobald die Verfolger vorüber waren, verwandelten sich Strauch und Blume wieder in Mädchen und Jüngling, welche nach der kurzen Ruhe rasch weiter eilten.

 

»Habt ihr sie gefunden?« fragte der Alte, als er seine Gesellen keuchend wiederkehren sah. »Nein,« antwortete der Anführer der Geister: »wir fanden weder Bächlein noch Fischlein in der Ebene.« »Habt ihr denn sonst nichts Besonderes unterwegs gesehen?« fuhr der Alte auf. Der Anführer antwortete: »Dicht am Saume des Waldes stand ein wilder Rosenstrauch, an dem eine Rose hing.«