VERZEICHNIS

"Die Bergelfe und die Saat des Zauberwaldes"

"Das Märchen vom Kobold und der Königstochter"

"Die drei Fragen"

"Der Schneemann und die Schneekönigin"

"Die Geschichte vom müden Weihnachtsmann"

"St. Nikolaus, die Geschichte eines Bischofs"

"Eine kleine Weihnachtsgeschichte"

"Der Christbaumständer"

"Rudolph, das Rentier mit der roten Nase"

"Die Gabe der Weisen"

"Von kleinem Finchen und dem Zauberstöckchen"

"Warum die Tanne Christbaum ist"

"Der Christbaumständer"

"Der allererste Weihnachtsbaum"

"Eine kleine Weihnachtsgeschichte"

"Die Salzprinzessin"

 

DIE SALZPRINZESSIN

 

Die Salzprinzessin

 

Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter, Antonia, Martha und Mariechen, die er wie sein Augenlicht liebte. Er war schon alt und des Herrschens müde und so sann er oft darüber nach, welche seiner Töchter nach seinem Tode Königin werden sollte. Die Wahl wurde ihm schwer, denn er liebte alle drei gleichermaßen. Endlich, nach reiflichem und langem Erwägen entschloss er sich, diejenige zur Herrscherin zu bestimmen, die ihn am innigsten liebte. Er berief die Prinzessinnen vor seinen Thron und sprach zu ihnen:

 

“Meine lieben Töchter! Ich bin alt und schwach geworden und werde nicht mehr lange unter euch weilen. Doch bevor ich sterbe, will ich eine von euch zu meiner Nachfolgerin ernennen. Vorerst aber will ich prüfen, welche mich am liebsten hat. Sage du mir, Antonia, meine Älteste, wie liebst du deinen Vater?”

 

“Ach, lieber Vater, ich liebe dich mehr als Gold!” antwortete Antonia und küsste seine Hand.

 

“Und du, Martha, wie sehr liebst du mich denn?”

 

“Ach, mein gutes Väterchen”, rief das Mädchen und umarmte den König, “ich liebe dich wie mein Brautgeschmeide.”

 

“Und nun du, meine Jüngste, sage mir, wie du mich liebst?” fragte der König und wandte sich Mariechen zu.

 

“Ich, Vater, liebe dich … wie Salz!” antwortete sie nach kurzem Überlegen und sah den König allerliebst an.

 

“Oh, du böses Mädchen, du liebst deinen Vater nur wie Salz? Schäme dich!” riefen ihre beiden Schwestern empört.

 

“Ja, wie Salz liebe ich meinen Vater!” wiederholte Mariechen von neuem.

 

Da wurde auch der alte König zornig. Er konnte nicht verstehen, dass Mariechen ihre Liebe zu ihm mit einem so einfachen Dinge verglich, das jedermann, auch der Ärmste besaß und nur für wenige Groschen erwerben konnte.

 

“Geh, mir aus den Augen, du undankbares Mädchen!” rief er. “Ich will dich erst dann wiedersehen, wenn den Menschen Salz wertvoller als Gold und Edelsteine erscheinen wird. Dann kehre zurück, denn dann will ich dich zur Königin machen!”

 

Dass jemals eine solche Zeit kommen könnte, daran glaubten weder der alte König noch seine beiden älteren Töchter.

 

Ohne zu widersprechen, mit tränenüberströmtem Antlitz, verließ das stets gehorsame Mariechen das Schloss ihres Vaters. Einsam und verlassen stand sie auf der Straße und wusste nicht, wohin sie ihre Schritte wenden Schließlich beschloss sie, der Richtung des Windes zu folgen. Sie wanderte über Berge und Täler, bis sie zu einem dichten Wäldchen kam. Da trat ihr eine alte Frau in den Weg. Mariechen grüßte freundlich und wünschte der Alten einen guten Morgen. Die Alte sah die rotgeweinten Augen des Mädchens und sagte mitfühlend:

 

“Was bedrückt dich denn, mein Kind, dass du so bitterlich weinest?”

 

“Ach, Mütterchen!” antwortete Mariechen, “fragt nicht nach meinem Kummer! Ihr könnt mir ja ohnehin nicht helfen!”

 

“Vielleicht doch!” sagte die Alte lächelnd. “Öffne mir dein Herz und sage mir, was dich quält. Wo graue Haare sind, da ist auch Vernunft.”

 

Ermutigt erzählte nun Mariechen, was sich zugetragen hatte, und weinend fügte sie hinzu:

“Ich will ja gar nicht Königin werden, sondern will nur allzu gerne meinen Vater von meiner aufrichtigen Liebe zu ihm überzeugen!”

 

Die Alte ließ Mariechen zu Ende erzählen, obzwar sie von allem Anfang an wusste, was der Grund ihres Kummers war, denn sie war keine gewöhnliche alte Frau, sondern eine gute Fee. Freundlich nahm sie das Mädchen bei der Hand und forderte es auf, in ihre Dienste einzutreten. Mariechen war überglücklich und ging mit der Alten.

 

Die gute Fee führte sie in ihr Häuschen und gab ihr zu essen und zu trinken. Als sich Mariechen gelabt hatte, fragte die alte Frau:

 

“Kannst du Schafe hüten? Kannst du melken? Kannst du spinnen und weben?”

 

“Nichts desgleichen habe ich gelernt!”, antwortete das Mädchen traurig. “Doch wenn Ihr es mir zeigen wollt, will ich es versuchen und sicherlich schnell lernen!”

 

“Dies werde ich gerne tun und dich in allem unterweisen. Sei nur stets gut und gehorsam und tue, was ich dir sagen werde. Wenn sich die Zeit zur Zeit gesellt, wird dir Glück und Freude erwachsen!”

 

Mariechen versprach folgsam zu sein, und da sie fleißig und willig war, lernte sie schnell, und die Arbeit machte ihr viel Freude.

 

Inzwischen lebten die beiden älteren Prinzessinnen auf dem Schloss in Saus und Braus. Mit falschen Worten und vorgetäuschten Liebkosungen umgarnten sie den alten König und verlangten täglich neue und neue Geschenke. Die älteste Prinzessin stand den lieben Tag lang vor dem Spiegel und kleidete sich in prächtige Gewänder, während ihre Schwester sich mit Gold und Edelsteine schmückte und unaufhörlich tanzte. Ein Festmahl folgte dem anderen, und die Mädchen hatten nichts anderes als nur ihr Vergnügen im Sinne.

 

Da gingen dem alten König die Augen auf und er musste erkennen, dass seinen Töchtern Gold und Tanz lieber waren als er. Er gedachte seiner jüngsten Tochter und erinnerte sich an die aufrichtige Liebe, mit der sie ihn immer umgeben, ihn geherzt und geliebkost hatte und er wusste nun, dass er sie allein zur Königin hätte ernennen sollen. Wie gerne hätte er sie zurückgeholt, wenn er nur ihren Aufenthaltsort gekannt hätte! Kamen ihm aber ihre Worte in den Sinn, dass sie ihn nur so wie Salz liebe, wurde er wiederum ärgerlich und zweifelte an ihr. Eines Tages sollte ein Festmahl im Schloss gegeben werden. Da stürzte der Koch vor des Königs Thron und rief:

 

“Herr, ein großes Missgeschick hat uns befallen! Das Salz in der Küche und auch im ganzen Lande ist zerflossen und hat sich aufgelöst. Womit soll ich denn die Speisen salzen?”

 

“Kannst du denn nichts anderes zum Würzen verwenden?” fragte der König ärgerlich.

 

“Oh, Herr, welches Gewürz könnte denn Salz ersetzen?” rief der Koch verzweifelt. Auf diese Frage aber wusste der König keine Antwort. Er wurde böse und befahl dem Koch, das Festmahl ohne Salz zu bereiten.

 

“Wenn es dem König recht ist, mir kann es sicherlich recht sein!”, dachte der Koch und sandte ungesalzene Speisen zur Königstafel. Den Gästen wollten die Gerichte nicht munden, obzwar sie sonst schmackhaft und wohlgefällig zubereitet waren.

 

Der König sandte seine Boten nach allen Windrichtungen aus, um Salz zu holen, doch sie alle kehrten unverrichteter Dinge und mit leeren Händen ins Schloss zurück. Das gleiche Missgeschick hatte auch die Nachbarländer betroffen und wer noch einen kleinen Salzvorrat hatte, wollte sich nicht für alles Gold der Welt von ihm trennen.

 

Auf Befehl des Königs bereitete nun der Koch nur süße Speisen und Gerichte zu, die keines Salzes bedurften. Doch auch diese Speisen wollten den Gästen auf die Dauer nicht schmecken, und als sie sahen, dass keine Besserung abzusehen war, verließen sie, einer nach dem anderen, das königliche Schloss. Die beiden Prinzessinnen waren untröstlich, aber es blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Gäste ziehen zu lassen.

 

Doch nicht nur die Menschen, sondern auch das Vieh in den Ställen litt unter diesem Salzmangel. Kühe, Ziegen und Schafe gaben wenig Milch. Es war ein Unglück für jedermann im Lande. Die Leute wankten müde zur Arbeit und wurden schwach und krank. Sogar den König und seine beiden Töchter verschonte die Krankheit nicht. Da erst erkannten sie, welch seltene Gabe des Himmels das Salz war und wie wenig sie diese geschätzt hatten. Die Schuld, Mariechen Unrecht getan zu haben, lastete schwer auf des Königs Gewissen.

 

In der Zwischenzeit lebte das Mädchen in der Hütte im Walde glücklich und zufrieden. Sie ahnte nicht, wie schlecht es ihrem Vater und ihren beiden Schwestern zu Hause erging. Die weise Frau jedoch wusste nur zu genau, was sich dort zutrug!

 

Eines Tages sprach sie zu Mariechen:

 

“Stets sagte ich dir, dass wenn die Zeit sich zur Zeit gesellt, deine Stunde kommen wird. Deine Stunde hat nun geschlagen. Kehre nach Hause zurück!”

 

“Ach, mein gutes Mütterchen, wie könnte ich denn jemals wieder zurückkehren, wenn mich mein eigener Vater aus dem Haus gewiesen hat”, antwortete das Mädchen und fing zu weinen an.

 

Da erzählte ihr die gute Fee, was sich während ihrer Abwesenheit im Lande zugetragen hatte, dass nun die Worte an ihren Vater wahr geworden und Salz wertvoller als Gold und Edelsteine sei.

 

Ungern verließ Mariechen die gute Fee, die sie so viele nützliche Dinge gelehrt hatte. Doch ihre Sehnsucht nach dem Vater war erwacht und sie konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen.

 

“Du hast mir treu gedient, Mariechen”, sprach die Alte beim Abschied, “und ich will dich gut entlohnen. Sage mir, was du dir wünschest.”

 

“Ihr wart so gut zu mir und habt mich so vieles gelehrt”, antwortete Mariechen, “ich will nichts anders von Euch, Mütterchen, als ein wenig Salz, welches ich meinem Vater bringen will.”

 

“Und nichts weiter wünschest Du? Ich könnte jeden deiner Wünsche erfüllen”, fragte nochmals die gute Fee.

 

“Nein, nichts mehr begehre ich, Mütterchen, als das Salz”, beharrte Mariechen.

 

“Da du das Salz so hoch schätzest, möge es dir niemals daran fehlen!” sprach die Alte. “Nimm hier diese kleine Weidenrute, und wenn einmal der Mittagswind zu wehen beginnt, folge ihm. Gehe durch drei Täler und über drei Berge, dann halte ein und berühre den Boden mit der Weidenrute. Die Erde wird sich öffnen und du trete getrost ein. Was du dort finden wirst, behalte – es sei dein Eigen.”

 

Dankend nahm Mariechen die Weidenrute und verwahrte sie sorgfältig. Dann gab ihr die alte Frau ein Beutelchen, welches sie mit Salz füllte. Schweren Herzens nahm das Mädchen Abschied von dem kleinen Waldhäuschen, das ihr zur zweiten Heimat geworden war und machte sich, von dem Mütterchen begleitet, auf den Heimweg. Weinend versicherte Mariechen, dass sie wiederkommen wolle, um die alte Frau zu holen und sie für immer mit sich auf Schloss zu nehmen.

 

“Bleibe nur stets gut und gehorsam”, sagte die Alte lächelnd, als sie den Rand des Wäldchens erreicht hatten, “und es wird dir wohl ergehen!”

 

Als ihr Mariechen nochmals für ihre Güte danken wollte, war sie verschwunden.

 

Verwundert stand das Mädchen da, doch die Sehnsucht nach ihrem Vater ließ sie nicht lange verweilen und sie eilte dem Schlosse zu.

 

Sie war ärmlich gekleidet und da sie den Kopf in ein Tuch gehüllt hatte, erkannte sie niemand. Die Diener im Schloss verweigerten ihr den Eintritt zum König, da er krank und schwach im Bette lag.

 

“Ach, lasst mich doch ein.”, bat sie. “Ich bringe ein Geschenk, welches dem König seine verlorene Kraft und Gesundheit wiedergeben wird!”

 

Als der König dies hörte, befahl er, das Mädchen zu ihm zu bringen.

 

“Gebt mir ein Stück Brot!” bat Maiechen, als sie vor dem König stand.

 

“Salz kann ich Dir mit dem Brote jedoch nicht reichen lassen,” seufzte der König, “denn wir haben im Schloss kein Stäubchen davon.”

 

“Das Salz habe ich!” rief Mariechen und sie öffnete ihren Beutel, streute ein wenig aufs Brot und reichte es dem König.

 

“Salz! Hört ihr Leute”, rief der König entzückt. “Wie soll ich dir nur für deine Gabe danken? Sage mir, was du dir wünschest!”

 

“Nichts wünsche ich mir sehnlicher, als dass du, mein geliebtes Väterchen, mich wiederum zu dir nimmst und mich ebenso liebst wie das Salz hier”, antwortete Mariechen und enthüllte ihr liebliches Antlitz.

 

Der König war überglücklich, als er seine jüngste Tochter wiedersah. Er bat sie um Verzeihung, doch Mariechen küsste und streichelte ihren Vater nur und hatte auch schon alles Unrecht, welches ihr geschehen war, vergessen.

 

Schnell verbreitete sich im Schloss und auch im ganzen Lande die Kunde, dass des Königs jüngste Tochter heimgekehrt war und Salz mitgebracht hätte. Jeder, der im Schloss erschien und um Salz bat, bekam ein wenig aus dem Beutelchen, welches nie leer wurde.

 

Der König wurde gesund und voller Freude darüber berief er eines Tages um die Mittagsstunde seine Edelleute, um ihnen zu verkünden, dass er Mariechen zu seiner Nachfolgerin bestimmen wolle.

 

Mariechen wurde gerufen und unter großem Jubel des Volkes wurde sie zur Königin ernannt. Da strich ein warmer Windhauch leise über ihre Wange und es war ihr, als höre sie die Stimme der alten Frau im Walde. Sie erkannte das Zeichen, welches ihr der Mittagswind gab und beschloss, ihm zu folgen.

 

Schnell vertraute sie sich ihrem Vater an, nahm die kleine Weidenrute zur Hand und schritt in der Richtung des Windes aus. Sie wanderte über drei Berge und durch drei Täler und blieb hierauf stehen, so wie es ihr die alte Frau geboten hatte. Mit ihrer Rute schlug sie auf den Boden und siehe da! Die Erde öffnete sich und Mariechen trat ein.

 

Sie stand inmitten eines großen Saales, dessen Wände und Boden wie aus Eis gebaut zu sein schienen. Von allen Seiten liefen winzige Männchen herbei, die alle hellleuchtende Fackeln trugen.

 

“Sei uns willkommen, oh Königin!” riefen sie. “Wir haben deine Ankunft lange erwartet! Unsere Gebieterin befahl uns, dir dieses unterirdische Reich zu zeigen, denn es gehört dir!”

 

So schnatterte und plapperte es von allen Seiten, die kleinen Wesen hüpften und tanzten ihre Fackeln schwingend um Mariechen herum. Sie kletterten auf die Wände hinauf und sprangen über die glitzernden Kristalle, die wie Edelsteine im Fackellichte blitzten.

 

Die kleinen Männchen führten Mariechen durch Gänge, von deren Decken silberschimmernde Eiszapfen hingen. Sie geleiteten sie in Gärten, in welchen rote Eisrosen und andere wunderbare Blumen blühten. Dann brachen sie eine der schimmernden Blüten ab und reichten sie Mariechen, doch kein lieblicher Duft entströmte ihrem Kelch.

 

“Was soll denn all dies bedeuten?” fragte das Mädchen verwundert. “Niemals noch habe ich solche Pracht gesehen!”

 

“All dies ist Salz!” riefen die Männchen im Chor. “Nimm davon, so viel dir beliebt. Der Vorrat ist unerschöpflich!”

 

Mariechen dankte den kleinen Wesen von ganzem Herzen und kehrte ans Tageslicht zurück. Der Eingang zum unterirdischen Reiche aber schloss sich nicht wieder.

 

Als sie nach Hause zurückkehrte und ihrem Vater von ihrem wunderbaren Erlebnis erzählt hatte, erkannte dieser, mit welch unschätzbarem Reichtum seine Tochter von der alten Frau im Zauberwald überschüttet worden war.

 

Mariechen sehnte sich nach der alten Frau, und sie eilte mit einem großen Gefolge zum vertrauten Wäldchen, um sie zu finden und für immer ins Schloss zu holen, so wie sie es ihr beim Abschied versprochen hatte. Doch so sehr sie sich auch bemühte und den Wald kreuz und quer durchsuchte – es gelang ihr nicht, die Hütte zu finden und das Mütterchen blieb verschwunden.

 

Da erst wurde es Mariechen klar, dass die alte Frau ihre gütige Fee gewesen war. Sie kehrte heim und wurde von ihren Untertanen stets geliebt und geehrt.

Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie vielleicht noch heute.

 

Märchen nach den Gebr. Grimm, (Autor unbekannt)

 

 

EINE KLEINE WEIHNACHTSGESCHICHTE

 

Wie in jedem Jahr am 1. Dezember kam auch in diesem Jahr der Weihnachtsengel zu Gott, um mit ihm über die bevorstehende Weihnachtszeit zu reden. Doch diesmal war irgend etwas anders. Gott machte so ein finsteres Gesicht, wo er doch sonst die Freundlichkeit in Person war. Der Weihnachtsengel ging also hin und fragte was los ist. Gott lief hin und her. Dann sagte er ” Ich weiß gar nicht, wie ich es dir beibringen soll, du wirst in diesem Jahr nicht auf der Erde die Weihnachtsvorbereitungen leiten. Du wirst hier bleiben und die himmlische Weihnacht zusammen mit den anderen Engeln vorbereiten. Der Weihnachtsengel wurde sehr traurig und wollte wissen warum. Da sagte Gott zu ihm “Die Menschen haben den Glauben, die Nächstenliebe und die Hilfsbereitschaft verloren und nach der Weihnachtsbotschaft braucht man erst gar nicht zu fragen.” Der Weihnachtsengel entgegnete darauf: “Aber doch nicht alle Menschen. Lass mich wenigstens zu denen gehen, die noch daran glauben”. Gott aber hatte schon was anderes beschlossen: “Es sind schon über 75%, die nur noch an ihr eigenes Wohl denken. Ich muss jetzt den Menschen eine Lektion erteilen.” “Wie willst du das denn machen?” fragte der Weihnachtsengel. “Nun, ich werde sie einfach so weiter machen lassen, aber ohne deine Unterstützung in der Weihnachtszeit” antwortete Gott. “Was soll das denn bringen?” wollte da der Weihnachtsengel wissen. “Das wirst du bald sehen” erwiderte Gott darauf.

Und Gott hatte Recht! Bald darauf wurde es immer kälter in den Herzen der Menschen. Niemand war mehr da, der dem Herz mal einen Ruck gab, um einem anderen Menschen zu helfen. Alle dachten nur noch an sich selbst. Nachts konnte man sich nicht mehr auf die Straße trauen. Obdachlose haben sich zusammengerottet, um Leute zu überfallen, weil keiner mehr etwas Spendete und zu Essen hatten sie auch nichts.

 

Beim Weihnachtsengel, der im Himmel geblieben war, wollte keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen. Er grübelte ständig über die Situation auf der Erde nach und er wusste, dass er etwas unternehmen musste. Es waren doch noch die anderen Menschen da, die an das Gute im Menschen glaubten. Der Weihnachtsengel beschloss sich heimlich, zu ihnen auf die Erde, zu begeben. Er machte sich sofort auf den Weg. Im Himmel war er sowieso zu nichts nütze wenn er missmutig war. Doch als er auf der Erde ankam musste er feststellen, dass auch die letzten aufrechten Menschen ihre Gesinnung geändert haben. Das traf ihn hart. Was Gott da vorhatte, dachte er, kann Jahrzehnte dauern ehe die Menschen mal zur Besinnung kommen und sich daran erinnern, wie schön doch das Gefühl war, jemandem geholfen zu haben. Er hatte schon jegliche Hoffnung aufgegeben und wollte mit hängenden Flügeln gen Himmel ziehen. Da erinnerte er sich an eine Familie, die weit draußen im Wald wohnte und vielleicht von der ganzen Herzenskälte nicht angesteckt worden war.

 

Es keimte in ihm ein Fünkchen Hoffnung auf und er machte sich auf den Weg zum Wald. Unterwegs musste er über Wiesen, Felder und Wälder fliegen. Auf einer Lichtung traf er Mutter Natur. Sie wirkte sehr beschäftigt. Dem Weihnachtsengel kam eine Idee. ´Ich werde Mutter Natur um Rat fragen,` dachte er, ´die weiß immer einen Ausweg.` Also flog er runter und schilderte ihr die Situation. Daraufhin sagte Mutter Natur ” Ich werde mir etwas einfallen lassen, wenn ich hier fertig bin. Die Natur leidet ebenfalls unter der Hartherzigkeit der Menschen. Zuerst muss ich aber ein Tauwetter machen, denn sonst kommen die Tiere nicht mehr an das Futter ran und müssen verhungern, weil die Menschen ihnen nichts mehr bringen . Aber es darf nicht zu warm werden, weil sonst die Winterschläfer aufwachen“. “Na gut”, sagte der Weihnachtsengel, “ich werde erst die Einsiedler besuchen.” Und er flog über den Wald. Als er zum Haus der Einsiedlerfamilie kam und durch das Fenster blickte, sah er, dass der Vater sich gerade um ein krankes Reh kümmerte. Er freute sich darüber so sehr, das er am liebsten in der Luft ein paar Loopings geflogen wäre. Nun wusste er: Hier ist alles in bester Ordnung!! Das gibt Hoffnung und Mutter Natur weiß bestimmt, was zu tun ist.

 

Kaum hatte er das gedacht, da tippte sie ihm schon von hinten an die Flügel. “Mir ist da was in den Sinn gekommen,” sagte sie “aber für die Menschen wird es sehr hart werden. Dafür werden sie hinterher wieder die Nächstenliebe in Person sein und einander helfen wo es nur geht.” “Na dann erzähl mal!” sagte der Weihnachtsengel und Mutter Natur erzählte ihm von einem Plan. Sie wolle große Unwetter, Hochwasser und Stürme über die Menschen schicken. “Nur wenn die Menschen ihr gesamtes Hab und Gut verlieren und ihnen nur noch das nackte Leben bleibt, werden sie zur Besinnung kommen und sich gegenseitig helfen. Der Weihnachtsengel überlegte kurz und sagte dann ” Das könnte hinhauen, aber irgend wie müssen wir Gott noch davon überzeugen.” “Mach dir darüber mal keine Sorgen,” sagte Mutter Natur ” Gott ist wie mein großer Bruder. Den wickle ich um meinen kleinen Finger”. Gesagt, getan: Gott hörte sich den Vorschlag an und willigte ein, weil auch die anderen Engel im Himmel zu rebellieren anfingen. Gott und Mutter Natur machten sich gemeinsam daran die Unwetter zu schaffen und der Weihnachtsengel durfte wieder die Herzen der Menschen an stupsen, wenn sie zauderten, zu helfen. So hatten die Menschen in diesem Jahr durch ihre eigene Schuld, eine sehr ärmliche Weihnacht. Das war ihnen aber egal, weil sie sich gegenseitig gerettet hatten. Sie haben ihre Liebe wieder zueinander gefunden. Und das ist doch das Wichtigste ! Der Weihnachtsengel war zufrieden. Gott, Mutter Natur und er mit all den anderen Engeln im Himmel feierten daraufhin das fröhlichste Weihnachtsfest, das sie jemals zusammen gefeiert hatten.

Ich hoffe, wir brauchen nicht erst große Unwetter und Unglück, um uns gegenseitig zu unterstützen, zu helfen und zu lieben. Oder seid Ihr anderer Meinung?

 

Eine Geschichte von Bernd Schmidt

 

 

DER ALLERERSTE WEIHNACHTSBAUM..., Märchen von Hermann Löns

Image and video hosting by TinyPic

 

Hermann Löns ( 1866 - 1914 )

 

Der Weihnachtsmann ging durch den Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der sonst immer lustig bellend vor ihm herlief, merkte das und schlich hinter seinem Herrn mit eingezogener Rute her. Er hatte nämlich nicht mehr die rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre dasselbe. Es war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Eßwaren, das war auf die Dauer nichts. Die Kinder freuten sich wohl darüber, aber quieken sollten sie und jubeln und singen, so wollte er es, das taten sie aber nur selten. Den ganzen Dezembermonat hatte der Weihnachtsmann schon darüber nachgegrübelt, was er wohl Neues erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude in die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch die Großen teilnehmen würden. Kostbarkeiten durften es auch nicht sein, denn er hatte soundsoviel auszugeben und mehr nicht.

So stapfte er denn auch durch den verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzweg war. Dort wollte er das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer über die Verteilung der Gaben.
Schon von weitem sah er, daß das Christkindchen da war, denn ein heller Schein war dort. Das Christkindchen hatte ein langes weißes Pelzkleidchen an und lachte über das ganze Gesicht. Denn um es herum lagen große Bündel Kleeheu und Bohnenstiegen und Espen- und Weidenzweige, und daran taten sich die hungrigen Hirsche und Rehe und Hasen gütlich. Sogar für die Sauen gab es etwas: Kastanien, Eicheln und Rüben.

Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen die Tageszeit. "Na, Alterchen, wie geht's?" fragte das Christkind. "Hast wohl schlechte Laune?" Damit hakte es den Alten unter und ging mit ihm. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht mehr betrübt aus und hielt seinen Schwanz kühn in die Luft. "Ja", sagte der Weihnachtsmann, "die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß mehr. Liegt es am Alter oder an sonst was, ich weiß nicht. Das mit den Pfefferkuchen und den Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr. Das essen sie auf, und dann ist das Fest vorbei. Man müßte etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen und nicht zum Spielen ist, aber wobei alt und jung singt und lacht und fröhlich wird. " Das Christkindchen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es: "Da hast du recht, Alter, mir ist das auch schon aufgefallen. Ich habe daran auch schon gedacht, aber das ist nicht so leicht." "Das ist es ja gerade", knurrte der Weihnachtsmann, "ich bin zu alt und zu dumm dazu. Ich habe schon richtiges Kopfweh vom vielen Nachdenken, und es fällt mir doch nichts Vernünftiges ein. Wenn es so weitergeht, schläft allmählich die ganze Sache ein, und es wird ein Fest wie alle anderen, von dem die Menschen dann weiter nichts haben als Faulenzen, Essen und Trinken."

Nachdenklich gingen beide durch den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem, das Christkindchen mit nachdenklichem Gesicht. Es war so still im Wald, kein Zweig rührte sich, nur wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein Stück Schneebehang mit halblautem Ton herab. So kamen die beiden, den Spitz hinter sich, aus dem hohen Holz auf einen alten Kahlschlag, auf dem große und kleine Tannen standen. Das sah wunderschön aus. Der Mond schien hell und klar, alle Sterne leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen standen darin, schwarz und weiß, daß es eine Pracht war. Eine fünf Fuß hohe Tanne, die allein im Vordergrund stand, sah besonders reizend aus. Sie war regelmäßig gewachsen, hatte auf jedem Zweig einen Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und glitzerte und flimmerte nur so im Mondenschein. Das Christkindchen ließ den Arm des Weihnachtsmannes los, stieß den Alten an, zeigte auf die Tanne und sagte: "Ist das nicht wunderhübsch?"
"Ja", sagte der Alte, "aber was hilft mir das ?" "Gib ein paar Äpfel her", sagte das Christkindchen, "ich habe einen Gedanken." Der Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht vorstellen, daß das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel hatte. Er hatte zwar noch einen guten alten Schnaps, aber den mochte er dem Christkindchen nicht anbieten.

Er machte sein Tragband ab, stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin herum und langte ein paar recht schöne Äpfel heraus. Dann faßte er in die Tasche, holte sein Messer heraus, wetzte es an einem Buchenstamm und reichte es dem Christkindchen. "Sieh, wie schlau du bist", sagte das Christkindchen. "Nun schneid mal etwas Bindfaden in zwei Finger lange Stücke, und mach mir kleine Pflöckchen." Dem Alten kam das alles etwas ulkig vor, aber er sagte nichts und tat, was das Christkind ihm sagte. Als er die Bindfadenenden und die Pflöckchen fertig hatte, nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte den an einen Ast. "So", sagte es dann, "nun müssen auch an die anderen welche, und dabei kannst du helfen, aber vorsichtig, daß kein Schnee abfällt!" Der Alte half, obgleich er nicht wußte, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß, und als die ganze kleine Tanne voll von rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er fünf Schritte zurück, lachte und sagte; "Kiek, wie niedlich das aussieht! Aber was hat das alles für'n Zweck?" "Braucht denn alles gleich einen Zweck zu haben?" lachte das Christkind. "Paß auf, das wird noch schöner. Nun gib mal Nüsse her!"

Der Alte krabbelte aus seiner Kiepe Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen. Das steckte in jedes ein Hölzchen, machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuß an der goldenen Oberseite seiner Flügel, dann war die Nuß golden, und die nächste an der silbernen Unterseite seiner Flügel, dann hatte es eine silberne Nuß und hängte sie zwischen die Äpfel. "Was sagst nun, Alterchen?" fragte es dann. "Ist das nicht allerliebst?" "Ja", sagte der, "aber ich weiß immer noch nicht..." "Komm schon!" lachte das Christkindchen. "Hast du Lichter?" "Lichter nicht", meinte der Weihnachtsmann, "aber 'nen Wachsstock!" "Das ist fein", sagte das Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt ihn und drehte erst ein Stück um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch gerade und sagte dann; "Feuerzeug hast du doch?" "Gewiß", sagte der Alte, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer aus dem Stein, ließ den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und steckte daran ein paar Schwefelspäne an. Die gab er dem Christkindchen. Das nahm einen hellbrennenden Schwefelspan und steckte damit erst das oberste Licht an, dann das nächste davon rechts, dann das gegenüberliegende. Und rund um das Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen.

Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinem halbverschneiten, dunklen Gezweig sahen die roten Backen der Äpfel, die Gold- und Silbernüsse blitzten und funkelten, und die gelben Wachskerzen brannten feierlich. Das Christkindchen lachte über das ganze rosige Gesicht und patschte in die Hände, der alte Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine Spitz sprang hin und her und bellte. Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit seinen goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann, er solle das Bäumchen vorsichtig absägen. Das tat der, und dann gingen beide den Berg hinab und nahmen das bunte Bäumchen mit.

Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die beiden halt. Das Christkindchen machte leise die Tür auf und trat ein; der Weihnachtsmann ging hinterher. In der Stube stand ein dreibeiniger Schemel mit einer durchlochten Platte. Den stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein. Der Weihnachtsmann legte dann noch allerlei schöne Dinge, Spielzeug, Kuchen, Äpfel und Nüsse unter den Baum, und dann verließen beide das Haus so leise, wie sie es betreten hatten. Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am andern Morgen erwachte und den bunten Baum sah, da staunte er und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Als er aber an dem Türpfosten, den des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold- und Silberflimmer hängen sah, da wußte er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem Bäumchen an und weckte Frau und Kinder. Das war eine Freude in dem kleinen Haus wie an keinem Weihnachtstag. Keines von den Kindern sah nach dem Spielzeug, nach dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur alle nach dem Lichterbaum. Sie faßten sich an den Händen, tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie wußten, und selbst das Kleinste, das noch auf dem Arm getragen wurde, krähte, was es krähen konnte.

Als es hellichter Tag geworden war, da kamen die Freunde und Verwandten des Bergmanns, sahen sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in den Wald, um sich für ihre Kinder auch ein Weihnachtsbäumchen zu holen. Die anderen Leute, die das sahen, machten es nach, jeder holte sich einen Tannenbaum und putzte ihn an, der eine so, der andere so, aber Lichter, Äpfel und Nüsse hängten sie alle daran. Als es dann Abend wurde, brannte im ganzen Dorf Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum, überall hörte man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder. Von da aus ist der Weihnachtsbaum über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze Erde. Weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den Kindern morgens beschert.

 

DER CHRISTBAUMSTÄNDER..., Autor Unbekannt

Merry Christmas

 

Beim Aufräumen des Dachbodens – ein paar Wochen vor Weihnachten -entdeckte ein Familienvater in einer Ecke einen ganz verstaubten, uralten Weihnachtsbaumständer. Es war ein besonderer Ständer mit einem Drehmechanismus und einer eingebauten Spielwalze. Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied “O du fröhliche” erkennen. Das musste der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählte, wenn die Weihnachtszeit herankam. Das Ding sah zwar fürchterlich aus, doch da kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Wie würde sich Großmutter freuen, wenn sie am Heiligabend vor dem Baum säße und dieser sich auf einmal wie in uralter Zeit zu drehen begänne und dazu “O du fröhliche” spielte. Nicht nur Großmutter, die ganze Familie würde staunen. Es gelang ihm, mit dem antiken Stück ungesehen in seinen Bastelraum zu verschwinden. Gut gereinigt, eine neue Feder, dann müsste der Mechanismus wieder funktionieren, überlegte er. Abends zog er sich jetzt geheimnisvoll in seinen Hobbyraum zurück, verriegelte die Tür und werkelte. Auf neugierige Fragen antwortete er immer nur “Weihnachtsüberraschung”.

Kurz vor Weihnachten hatte er es geschafft. Wie neu sah der Ständer aus, nachdem er auch noch einen Anstrich erhalten hatte. Jetzt aber gleich los und einen prächtigen Christbaum besorgen, dachte er. Mindestens zwei Meter sollte der messen. Mit einem wirklich schön gewachsenen Exemplar verschwand Vater dann in seinem Hobbyraum, wo er auch gleich einen Probelauf startete. Es funktionierte alles bestens. Würde Großmutter Augen machen! Endlich war Heiligabend. “Den Baum schmücke ich alleine”, tönte Vater. So aufgeregt war er lange nicht mehr. Echte Kerzen hatte er besorgt, alles sollte stimmen. “Die werden Augen machen”, sagte er bei jeder Kugel, die er in den Baum hing. Vater hatte wirklich an alles gedacht. Der Stern von Bethlehem saß oben auf der Spitze, bunte Kugeln, Naschwerk und Wunderkerzen waren untergebracht, Engelhaar und Lametta dekorativ aufgehängt.

Die Feier konnte beginnen. Vater schleppte für Großmutter den großen Ohrensessel herbei. Feierlich wurde sie geholt und zu ihrem Ehrenplatz geleitet. Die Stühle hatte er in einem Halbkreis um den Tannenbaum gruppiert. Die Eltern setzten sich rechts und links von Großmutter, die Kinder nahmen außen Platz. Jetzt kam Vaters großer Auftritt. Bedächtig zündete er Kerze für Kerze an, dann noch die Wunderkerzen. “Und jetzt kommt die große Überraschung”, verkündete er, löste die Sperre am Ständer und nahm ganz schnell seinen Platz ein. Langsam drehte sich der Weihnachtsbaum, hell spielte die Musikwalze “O du fröhliche”. War das eine Freude! Die Kinder klatschten vergnügt in die Hände. Oma hatte Tränen der Rührung in den Augen. Immer wieder sagte sie: “Wenn Großvater das noch erleben könnte, dass ich das noch erleben darf.” Mutter war stumm vor Staunen.

Eine ganze Weile schaute die Familie beglückt und stumm auf den sich im Festgewand drehenden Weihnachtsbaum, als ein schnarrendes Geräusch sie jäh aus ihrer Versunkenheit riss. Ein Zittern durchlief den Baum, die bunten Kugeln klirrten wie Glöckchen. Der Baum fing an, sich wie verrückt zu drehen. Die Musikwalze hämmerte los. Es hörte sich an, als wollte “O du fröhliche” sich selbst überholen. Mutter rief mit überschnappender Stimme: “So tu doch etwas!” Vater saß wie versteinert, was den Baum nicht davon abhielt, seine Geschwindigkeit zu steigern. Er drehte sich so rasant, dass die Flammen hinter ihren Kerzen herwehten. Großmutter bekreuzigte sich und betete. Dann murmelte sie: “Wenn das Großvater noch erlebt hätte.”

Als Erstes löste sich der Stern von Bethlehem, sauste wie ein Komet durch das Zimmer, klatschte gegen den Türrahmen und fiel dann auf Felix, den Dackel, der dort ein Nickerchen hielt. Der arme Hund flitzte wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer in die Küche, wo man von ihm nur noch die Nase und ein Auge um die Ecke schielen sah. Lametta und Engelhaar hatten sich erhoben und schwebten wie ein Kettenkarussell am Weihnachtsbaum. Vater gab das Kommando “Alles in Deckung!” Ein Rauschgoldengel trudelte losgelöst durchs Zimmer, nicht wissend, was er mit seiner plötzlichen Freiheit anfangen sollte. Weihnachtskugeln, gefüllter Schokoladenschmuck und andere Anhängsel sausten wie Geschosse durch das Zimmer und platzten beim Aufschlagen auseinander. Die Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gefunden. Vater und Mutter lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den Armen schützend. Mutter jammerte in den Teppich hinein: “Alles umsonst, die viele Arbeit, alles umsonst!” Vater war das alles sehr peinlich.

Oma saß immer noch auf ihrem Logenplatz, wie erstarrt, von oben bis unten mit Engelhaar und Lametta geschmückt. Ihr kam Großvater in den Sinn, als dieser 14-18 in den Ardennen in feindlichem Artilleriefeuer gelegen hatte. Genau so musste es gewesen sein. Als gefüllter Schokoladenbaumschmuck an ihrem Kopf explodierte, registrierte sie trocken “Kirschwasser” und murmelte: “Wenn Großvater das noch erlebt hätte!” Zu allem jaulte die Musikwalze im Schlupfakkord “O du fröhliche”, bis mit einem ächzenden Ton der Ständer seinen Geist aufgab. Durch den plötzlichen Stopp neigte sich der Christbaum in Zeitlupe, fiel aufs kalte Buffet, die letzten Nadeln von sich gebend. Totenstille! Großmutter, geschmückt wie nach einer New Yorker Konfettiparade, erhob sich schweigend. Kopfschüttelnd begab sie sich, eine Lamettagirlande wie eine Schleppe tragend, auf ihr Zimmer. In der Tür stehend sagte sie: “Wie gut, dass Großvater das nicht erlebt hat!” Mutter, völlig aufgelöst zu Vater: “Wenn ich mir diese Bescherung ansehe, dann ist deine große Überraschung wirklich gelungen.” Andreas meinte: “Du, Papi, das war echt stark! Machen wir das jetzt Weihnachten immer so?”

 

 

WARUM DIE TANNE CHRISTBAUM IST, Märchen von R. Wiedmann

Image and video hosting by TinyPic

 

Aus Waldmärchen

 

Die Bäume im Walde haben sich immer viel zu erzählen. Wenn der Wind durch ihre Kronen streicht, dann rauscht es in ihren Zweigen, dann flüstern ihre Blätter und reden miteinander von allem, was sie erlebt haben. So war es auch an einem Abend im Spätsommer. Viele fremde Leute waren im Walde gewesen, aber nun waren sie wieder nach der Stadt gezogen und im Walde war es still geworden.

“Ach,” sagte da eine lange, schlanke Birke zu ihrer Nachbarin, einer struppigen Kiefer, “in der Stadt muß es doch schön sein! Da tragen die Leute so schöne Kleider und schmücken sich mit goldenen Ketten und bunten Perlen.” “Ja,” mischte sich die stolze Buche ins Gespräch, “in die Stadt möchte ich wohl auch einmal; da kann man sogar mit der Elektrischen fahren.” – “Woher wißt ihr denn das alles?” fragte neugierig der Ahorn. “Nun”, sagte die Eiche, “hast du denn geschlafen den ganzen Sommer? Hast du nie gehört, was sich die Leute aus der Stadt da erzählten, wenn sie unter unserem Blätterdach saßen?” Kurz und gut, die Bäume erzählten sich noch allerhand von der Stadt und alle wären zu gern einmal in die Stadt gekommen, am liebsten nach Berlin. Aber wie sollte das möglich sein?

Da geschah es eines Nachts, daß ein Engelein licht und weiß durch den Wald flog, um die Waldfee zu besuchen. Das war das Christkindlein. “Waldfee,” sagte es, “mich dauern die armen Menschen in der Stadt, die gar keine schönen Bäume haben. Ich möchte ihnen zum Christfest einen bringen, er muß aber der schönste Baum im ganzen Walde sein. Kannst du mir wohl einen geben?” – “Gern,” sagte die Waldfee, “aber ich weiß nicht recht, welchen. Jeder Baum ist schön und mir gleich lieb, ich möchte keinen dem anderen vorziehen.” – “So laß uns die Bäume selber fragen,” sagte das Christkindlein. “Wir wollen ihnen sagen, daß der schönste von ihnen in die Stadt soll, dann werden wir ja sehen, wen sie dafür halten.” So gingen sie zu den Bäumen und sagten es ihnen. Aber da wollte keiner es dem anderen gönnen. Da wurde das Christkindlein traurig und sagte: So muß ich wiederkommen und mir selbst den schönsten aussuchen. In wenigen Wochen reise ich zur Stadt, dann nehme ich ihn mir mit.” Und damit flog es von dannen.

Kaum war es fort, so fing unter den Bäumen ein großer Wettstreit an, sich so schön wie möglich zu schmücken. Der Ahorn zog ein leuchtend gelbes Kleid an, die Buche ein braunes, die Eiche ein rotes, andere flickten sich aus lauter bunten Stoffen ein Kleid zusammen, daß sie aussahen wie ein richtiger Tuschkasten, und das alles so fix und flink, daß, als Christkindchen wiederkam, der ganze Wald in bunten Farben glänzte. Nur ein Baum hatte sein einfaches grünes Kleid behalten, die Tanne. Wieder flog Christkindchen durch den Wald und sah sich alle Bäume an. “Ja,” sagte es, “eure Kleider sind schön aber ihr müßt eine weite Reise machen und sie müssen lange vorhalten. Ob sie das auch können?” “Natürlich!” schrien alle Bäume. Aber da kam ein großer Wirbelwind und zupfte die Bäume alle an ihren bunten Kleiderchen brrr, wie da der ganze bunter Flitterkram in tausend Fetzen ging, und all die gelben und roten und braunen Läppchen durcheinander tanzten, wie sie müde und matt zur Erde fielen!

Da standen die Bäume im Walde da mit zerfetzten und zerrissenen Kleiderchen, und ihre ganze Schönheit war dahin. Nur die Tanne, die nicht eitel genug gewesen war, ihr grünes Alltagskleid, das der liebe Gott ihr gemacht hatte, gegen bunten Flitterstaat zu vertauschen, stand noch im Schmuck ihrer grünen Nadeln unversehrt. Da sagte das Christkindlein: “Tanne, du bist der schönste Baum im Walde, dich will ich den Menschen bringen. Du sollst Christbaum sein!”

VON KLEINEM FINCHEN UND DEM ZAUBERSTÖCKCHEN...


Einst saß Fienchen traurig auf ihrem Bett,

sie dachte an Bratkartoffeln mit Spiegelei, fein geröstet in reichlich Fett.

Auch könnten es Nudeln sein,

lecker mit Soße, Tomaten oder Paprika,

aber ihr Schränkchen war leer, kein Krümel war zum knabbern da.

Sie sank in ihr Kissen, ihr knurrte der Magen,

dann schlief sie ein und träumte von besseren Tagen.




Am nächsten Morgen, beim ersten Hahnenschrei,

ihr Hunger war noch immer nicht vorbei,

glaubte sie nicht, was sie da sah,

in ihrem Bettchen lag ein Stöckchen,

sie dachte: "Nanu, der war doch gestern noch nicht da?"

Dann ganz flink und elegant, nahm sie das Stöckchen in die Hand.

"Nicht so grob, du böses Kind", rief das Stöckchen,

"leg mich wieder hin, schnell, schnell, rasch und geschwind!

Sei ganz zärtlich auch dabei, dann hast du bei mir zwei Wünsche frei!"



Schnell legte Fienchen behutsam und sanft den Stock zurück,

deckte ihn zu und sprach: "Du kommst zur rechten Zeit,

mir knurrt mein Magen, du bringst mir Glück.

Ich habe Hunger, möchte an Kuchen, Torten und an Pudding naschen,

aber mein Schränkchen ist leer, habe auch keine Taler in den Taschen.

Mein erster Wunsch, und bitte lass mich nicht so lange warten,

ist ein riesengroßer Kuchen, mit viel Sahne und Früchten,

am besten mit denen, aus des Nachbarn Garten.

Danach würde ich ein Eisbein, einen Schweinebraten 

oder auch viel Entenbrust vertragen,

und was ich dann noch möchte, werde ich dir etwas später sagen".

.

Es surrte und knarrte, dann kam ein großer Zisch,

und Fienchen stand vor einem reich gedeckten Tisch.

Sie machte sich daran, von all den Leckerein zu essen,

und hat darüber hinaus die Zeit für ein ganzes Jahr vergessen.

Die guten Gaben im Schränkchen und auf dem Tisch, sie wollten nicht enden,

zuerst aß Fienchen brav mit Löffel, Messer und Gabel,

später dann nur noch mit ihren Händen.

Sie wurde immer schwerer, dicker und dann unbehände,

das Fett lief ihr am Mund herunter, fettig waren auch die kleinen Hände.

Doch zum Aufhören sah sie keinen Grund,

am Ende war sie hässlich, dick und rund.



Als das kleine Stöckchen dann aus seinem Schlaf erwachte,

sah es mit Schrecken, was das kleine Fienchen machte.

"Was fällt dir ein, du dummes Kind" rief es,

"schau in den Spiegel, schnell, schnell, geschwind.

Nur gegessen hast du, ohne zu denken, immer mit Wonne,

nun siehst du aus wie ein Fässchen, ach was sag ich, wie eine Tonne.

Wie kannst du nur so etwas machen,

die anderen Kinder werden dich verhöhnen und über dich lachen.

Sei gescheit, lass die Finger vom fetten Essen und vom süßen Punsch,

überleg dir mit Klugheit, den zweiten und deinen letzten Wunsch.

.

Als Fienchen in den Spiegel sah, musste sie sich eingestehen,

so dick und rund wollte sie nicht bleiben,

so konnte es nicht weitergehen.

Sie sprach zum Stöckchen, flink und keck:

"Oh bitte, ich wünsch mir meine angefutterten Pfunde weg.

Möchte wieder schlank sein, wie einst in früheren Tagen,

ich verzichte auf all die schönen Leckereien,

möchte lieber ab und zu mal wieder Hunger haben.

Fort mit den süßen Kuchen und fort mit der leckeren Soße,

mir passt kein Hemdchen mehr, kein Kleidchen und auch keine Hose.



Es surrte und knarrte, dann kam wieder ein großer Zisch,

es waren fort, die süßen Kuchen, die Braten mit Soßen,

leer waren wie einst, das Schränkchen und der Tisch.

Auch das kleine Fienchen war wieder rank und schlank,

zum Stöckchen sagte sie glücklich: "Hab vielen Dank.

Nie wieder werde ich nach soviel Naschwerk streben,

werde von nun an gesund, besonnen und vernünftig leben".

Das Stöckchen stimmte dem Fienchen zufrieden zu und sprach:

"Na dann, bis bald", und verschwand dorthin, wo es einmal hergekommen,

zurück in den tiefen Wald.

.

Ende

DIE GABE DER WEISEN - O. HENRY


Die Gabe der Weisen

 

Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles. Und sechzig Cent davon bestanden aus Penny-Stücken. Pennies, die sie durch zähes Feilschen dem Krä- mer, dem Fleischer und dem Gemüsehändler nach und nach abgehandelt hatte bis es ihr die Schamröte ins Gesicht trieb, denn sie bemerkte sehr wohl, dass man ihr diese Pfennigfuchserei insgeheim als kleinlichen Geiz anlastete. Dreimal zählte Della nach. Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten. Da blieb nun wirklich nichts anderes übrig, als sich auf das schäbige alte Sofa zu werfen und zu heulen. Was Della denn auch tat. Und was uns zu der hoch philosophischen Überlegung führt, dass das Leben aus Schluchzen, Seufzen und Lächeln besteht, wobei die Seufzer wohl in der Überzahl sind. Während die Dame des Hauses allmählich vom ersten der genannten Stadien in das zweite hinübergleitet, werfen wir einen Blick in ihr Heim.  

 

Eine möblierte Wohnung für acht Dollar die Woche, die eigentlich mehr die Bezeichnung Asyl verdient, denn nur wenig unterscheidet sie von den unsäglichen Behausungen, die die Fürsorge Obdachlosen zur Verfügung stellt. Im Entree befand sich ein Briefkasten, in den nie ein Brief fiel, und ein Klingel- Knopf, dem keines Sterblichen Finger jemals einen Ton entlocken würde. Vervollständigt wird dieses Bild durch ein Schildchen mit der Aufschrift „Mr. James Dillingham Jr,“. Den Namen „Dillingham“ hatte man in besseren Zeiten dort unten angebracht, als vorübergehender Wohlstand seinem Besitzer dreißig Dollar pro Woche einbrachte. Jetzt war sein Einkommen auf zwanzig Dollar geschrumpft und die Buchstaben auf dem Namens-Schildchen waren von Wind und Wetter so ausgebleicht, dass sie aussahen, als würden sie ernsthaft darüber nachdenken, ob sie sich nicht besser zu einem bescheidenen und ganz anspruchslosen „D“ zusammenziehen sollten. Jedes Mal aber, wenn Mr. James Dillingham Jr. nach Hause kam und seine Wohnung betrat, wurde er von Mrs. James Dillingham Jr. - die wir Ihnen bereits als „Della“ vorgestellt haben, stürmisch umarmt und begeistert als „Jim“ begrüßt. Was eigentlich alles sehr erfreulich ist.


Della hörte zu weinen auf und retuschierte die Tränen Spuren in ihrem Gesicht mit der Puderquaste. Sie stand am Fenster und sah betrübt einer grauen Katze zu, die in einem grauen Hinterhof, einen grauen Zaun, entlang schlich. Morgen war Weihnachten, und sie hatte nur einen Dollar und siebenundachtzig Cent, um Jim ein Geschenk zu kaufen. Seit Monaten hatte sie nach Kräften jeden Penny gespart - und das war alles, was dabei herausgekommen war. Mit zwanzig Dollar in der Woche kommt man nicht sehr weit. Sie hatte mehr Ausgaben gehabt als geplant. Das ist ja immer so. Nur ein Dollar und siebenundachtzig Cent, um Jim ein Geschenk zu kaufen. Ihrem Jim.  Viele glückliche Stunden hatte sie damit verbracht, sich etwas Hübsches für ihn auszudenken. Etwas wirklich Feines, Seltenes, Kostbares, etwas, das, wenn auch halbwegs, der Ehre würdig sei, ihrem Jim zu gehören. Zwischen den Fenstern des Zimmers hing ein schmaler, langer Pfeiler-Spiegel. Vielleicht haben Sie eine solche Art von Spiegel in einer Acht-Dollar-Wohnung gesehen. Nur eine sehr schlanke und bewegliche Person kann, so sie ihr Spiegelbild in einer raschen Folge von Längsstreifen zu betrachten in der Lage ist, ein einigermaßen zuverlässiges Bild ihrer äußeren Erscheinung gewinnen. Da Della schlank war, beherrschte sie diese Kunst. Plötzlich wirbelte sie herum und stellte sich vor den Spiegel. Ihre Augen blitzten aufgeregt, doch ihr Gesicht hatte in weniger als zwanzig Sekunden alle Farbe verloren. Rasch löste sie ihr Haar und ließ es in seiner vollen Länge herabfallen.

 

Nun gab es zwei Dinge im Besitz von Mr. und Mrs. James Dillingham Jr., auf die sie beide mächtig stolz waren. Eines davon war Jims goldene Uhr, die zuvor schon seinem Vater und seinem Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte in der Wohnung jenseits des Lichtschachts die Königin von Saba gewohnt, so hätte Della vielleicht eines Tages ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, und alle Juwelen und sonstige Schätze Ihrer Majestät wären zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Und wären König Salomo Portier im Haus der Dillinghams gewesen und hätte all seine Reichtümer im Keller gestapelt, so hätte Jim jedes Mal im Vorbeigehen seine Uhr gezückt, und der König hätte sich vor Neid den Bart gerauft. So fiel nun Dellas schönes Haar wie brauner Wasserfall glänzend und sanft sich kräuselnd an ihr herab. Es reichte ihr bis unter die Knie und umhüllte sie fast wie ein Gewand. In nervöser Hast steckte sie es wieder auf. Einen Augenblick lang schwankte sie noch in ihrem Entschluss, während eine Träne oder möglicherweise auch zwei auf den abgetretenen roten Teppich tropften. Schnell zog sie ihre alte braune Jacke an, schnell setzte sie ihren alten braunen Hut auf. Mit wehenden Röcken und immer noch diesem Leuchten in den Augen huschte sie aufgeregt durch die Tür, die Treppe hinunter, auf die Straße. Sie blieb erst stehen, als sie ein Schild erreicht hatte, auf dem zu lesen war: „Mme. Sofronie, Haarteile aller Art“. Della rannte die Treppe hinauf und rang, oben angekommen, nach Luft und Fassung.

 

Die Gnädige Frau war wohl genährt, bleichgesichtig und eiskalt. Sie sah kaum so aus, als könne sie „Sofronie“ heißen. „Wollen Sie meine Haare kaufen?“, fragte Della. „Ich kaufe Haar“, antwortete Madame. „Dann nehmen Sie mal ihren Hut ab und lassen Sie sehen.“ Herunter strömte der braune Wasserfall. „Zwanzig Dollar“ bot Madame und griff mit geübten Händen in die Haarflut.“ „Schnell, geben Sie mir das Geld“. Die nächsten zwei Stunden eilten dahin wie auf rosigen Flügeln - das ist ein stilistisch nicht gerade brillanter Vergleich, vergessen Sie ihn also lieber. Della stürmte durch die Läden auf der Suche nach Jims Geschenk.  Sie fand es schließlich. Es war nur für Jim gemacht und für niemand anders, das stand fest. In keinem der anderen Geschäfte hatte sie auch nur eines gefunden, das diesem hier auch nur annähernd gleichkam. Und sie hatte sie wirklich alle auf den Kopf gestellt. Es war eine schlichte, edle und in der Form vollendete Uhrkette aus Platin, deren Wert sich allein in ihrem Material offenbarte und nicht in auffälligen Verzierungen. Sie war gerade so, wie alle wirklich guten Dinge sein sollten. Sie war sogar der Uhr aller Uhren würdig. Kaum dass Della sie gesehen hatte, wusste sie, dass sie Jim gehören musste. Sie war wie er, dezent, vornehm und wertvoll - diese Begriffe treffen es wohl ziemlich genau.  Einundzwanzig Dollar nahm man ihr ab, und sie eilte mit den siebenundachtzig Cent nach Hause. Mit dieser Kette an seiner Uhr konnte Jim in jeder Gesellschaft stilvoll nach der Zeit sehen. Denn wenn die Uhr auch ein Prachtstück war, so schaute er sie oft nur verstohlen an, denn sie war an einem Lederriemen statt an einer Uhrkette festgemacht.  

 

Als Della zu Hause ankam, dämpften Vernunft und ruhige Überlegung ein wenig ihren Taumel, Sie holte ihre Brennschere hervor, zündete das Gas an und machte sich daran, die verheerenden Folgen zu beheben, die ihre Großzügigkeit im Verein mit ihrer Liebe zu Jim bewirkt hatten. Und das, liebe Freunde, ist stets eine ungeheure Aufgabe, ein wahres Mammutprogramm. Vierzig Minuten später war ihr Kopf mit winzigen, eng anliegenden Löckchen bedeckt, mit denen sie aussah wie ein bezaubernder Lausbub, der gerade die Schule schwänzt. Sie besah sich lange, sorgfältig und kritisch im Spiegel. „Wenn Jim mich nicht umbringt“, sagte sie sich, „wird er behaupten, dass ich wie ein Revuegirl von Coney Island aussehe, wenn er mich überhaupt noch eines zweiten Blickes würdigt. Aber was bitte, hätte ich tun können? Was hätte ich mit einem Dollar und siebenundachtzig Cent anfangen sollen?“ Um sieben Uhr war der Kaffee fertig und auf dem Ofen stand die Pfanne bereit, in denen die Koteletts gebraten werden sollten.

 

Jim kam nie zu spät. Della rollte die Uhrkette in ihrer Hand zusammen und setzte sich auf die Tischkante gegenüber von der Tür, durch die er immer hereinkam. Als sie seine Schritte unten im Stock hörte, wurde sie einen Augenblick lang ganz weiß. Sie hatte die Angewohnheit, kleine Stoßgebete gen Himmel zu richten, auch wenn es nur um Alltagsdinge ging. So flüsterte sie auch jetzt: „Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich immer noch hübsch findet.“ Die Tür ging auf, Jim trat ein und machte sie hinter sich zu. Er sah schmal und sehr ernst aus. Armer Kerl! Er war erst zweiundzwanzig - und schon hatte er eine Familie zu versorgen. Er brauchte dringend einen neuen Mantel, und Hand- schuhe hatte er auch keine. Jim blieb an der Tür stehen, bewegungslos wie ein Jagdhund, der eine Wachtel wittert. Er fixierte Delta, und in seinen Augen war etwas, das sie nicht zu deuten vermochte, das sie aber erschreckte. Es war weder Zorn noch Überraschung, weder Missbilligung noch Entsetzen, und es war auch keines der Gefühle, auf die sie gefasst war. Er starrte sie mit diesem selt- samen Ausdruck im Gesicht ganz einfach nur an. Della rutschte vom Tisch herunter und lief auf ihn zu. „Bitte, lieber Jim, sieh mich nicht so an. Ich habe mein Haar abgeschnitten und verkauft, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, kein Weihnachtsgeschenk für dich zu haben. Es wachst bald wieder nach, du bist mir doch deswegen nicht böse, oder? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst furchtbar schnell. Wünschen wir uns „Fröhliche Weihnachten“, Jim, und lass uns ganz einfach glücklich sein! Du weißt ja gar nicht, was für ein schönes, ja, was für ein wunder - wunderschönes Geschenk ich für dich habe.“ „Du hast dein Haar abgeschnitten?“, stieß Jim schließlich mühsam hervor, so als sei ihm die Tatsache auch nach größter gedanklicher Anstrengung noch nicht zu Bewusstsein gelangt und als wolle er sie erst nach reiflicher Überlegung anerkennen. „Abgeschnitten und verkauft“, antwortete Della. „Magst du mich nicht trotzdem genauso gern? Ich bin auch ohne Haar immer noch dieselbe, oder?“ Jim sah sich forschend im Zimmer um. „Du sagst, dein Haar sei fort?“ fragte er, was ein wenig einfältig klang. „Du brauchst gar nicht danach zu suchen“, erwiderte Della. „Ich sage dir ja, ich habe es verkauft. Es ist weg. Und weg ist weg. Aber heute ist Heiliger Abend. Komm, sei ein wenig lieb zu mir, ich hab’s doch für dich getan. Es mag ja sein, dass die Haare auf meinem Kopf gezählt waren“ fuhr sie mit hinreißender, plötzlicher Ernsthaftigkeit fort, „aber niemand könnte jemals meine Liebe zu dir zählen. Soll ich jetzt die Koteletts braten, Jim?“ Jetzt endlich, schien Jim aus seiner Benommenheit zu erwachen. Er schloss Della in die Arme. Wir wollen daher zehn Sekunden lang in diskreter, taktvoller Weise irgendeinen belanglosen Gegenstand am entgegengesetzten Ende des Raumes betrachten.

 

Acht Dollar die Woche oder eine Million im Jahr – wo ist da der Unterschied? Ein Mathematiker oder ein anderer kluger Kopf würde uns eine falsche Antwort geben. Die drei Weisen aus dem Morgenland brachten kostbare Geschenke, aber jene Gabe war nicht dabei. Sie werden es bald verstehen, was mit dieser dunklen Andeutung gemeint ist.  Jim zog ein Päckchen aus seiner Manteltasche und warf es auf den Tisch. „Täusche dich nicht in mir, Della“, sagte er. „Ich glaube kaum, dass ein Haarschnitt oder eine Kopfwäsche oder irgendetwas in dieser Richtung mich dazu bringen können, mein Mädchen weniger zu lieben. Aber wenn du dieses Paket aufmachst, wirst du sehen, warum ich vorhin Probleme hatte, die Fassung zu bewahren.“ Zitternde weiße Finger zogen an Schnur und Papier. Dann ein entzückter Freudenschrei, dem in echt weiblicher Manier übergangslos Tränen und Wehklagen folgten. Diese wiederum stellten den Herrn des Hauses augenblicklich vor die Notwendigkeit, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften Trost zu spenden. Denn dort lagen die schönsten aller Kämme, eine ganze Garnitur davon, seitlich und hinten einzustecken. Della hatte sie schon seit langem in einem Schaufenster am Broadway bewundert. Es waren herrliche, mit Edelsteinen und Perlen verzierte Käme aus echtem Schildpatt, die von genau der Farbe waren, die zu ihrem verschwundenem Haar gepasst hätte. Es waren teure Kämme, das wusste sie, und ihr Herz hatte sie voller Sehnsucht begehrt, doch hatte sie nie auch nur im Entferntesten zu hoffen gewagt, sie jemals zu besitzen. Jetzt gehörten sie ihr, nur waren die Flechten nicht mehr da, die der ersehnte Schmuck zieren sollte. Doch Sie drückte ihn ans Herz, und schließlich konnte sie auch mit verweinten Augen und einem Lächeln aufblicken und versichern: „Meine Haare wachsen ja so schnell, Jim!“ Da plötzlich sprang sie auf wie ein Kätzchen, das sich das Fell versengt hat und rief: „Oh, oh!“ Jim hatte ja sein wunderschönes Geschenk noch nicht gesehen. Sie hielt es ihm eifrig auf der geöffneten Hand entgegen. Das kostbare, matt glänzende Metall schien plötzlich aufzuleuchten und ihr helles kristallklares Wesen widerzuspiegeln. „Ist sie nicht prächtig? Ich habe die ganze Stadt nach ihr gesucht, bis ich sie endlich gefunden habe. Jetzt kannst du getrost hundertmal am Tag nach der Zeit sehen. Gib mir deine  Uhr. Ich will doch mal sehen, wie sie dazu aussieht.“ Aber Jim tat nicht, was sie sagte. Stattdessen ließ er sich auf das alte Sofa fallen, faltete die Hände hinterm Kopf und lächelte. „Della“, sagte er, „lass uns unsere Weihnachtsgeschenke wegpacken und eine Weile aufheben. Sie sind zu schön, als dass wir sie gleich jetzt benutzen sollten. Ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für deine Kämme zu bekommen. Und jetzt, denke ich, wäre es an der Zeit, die Koteletts aufs Feuer zu stellen.“

 

„Die drei Könige waren, wie ihr wisst, weise Männer - wunderbar weise Männer -, die dem Kind in der Krippe Geschenke brachten. Sie haben die Kunst erfunden, Weihnachtsgeschenke zu machen. Da sie weise waren, waren natürlich auch ihre Geschenke weise und hatten vielleicht den Vorzug, umgetauscht werden zu können, falls es Dubletten gab.

 

Und hier habe ich euch nun schlecht und recht die ereignislose Geschichte von zwei törichten Kindern in einer möblierten Wohnung erzählt, die höchst unweise die größten Schätze ihres Hauses für einander opferten. Doch mit einem letzten Wort sei den heutigen Weisen gesagt, dass diese beiden die weisesten aller Schenkenden waren. Von allen, die Geschenke geben und empfangen, sind sie die weisesten. Überall sind sie die weisesten. Sie sind die wahren Weisen.“


 

RUDOLPH, DAS RENTIER MIT DER ROTEN NASE

 

Rudolph, das kleine Rentier

 

Hoch oben im Norden, wo die Nächte dunkler und länger und der Schnee viel weißer ist als in unseren Breitengraden, sind die Rentiere beheimatet. In jedem Jahr geht der Weihnachtsmann dort auf die Suche nach den stärksten und schnellsten Tieren, um seinen gewaltigen Schlitten durch die Luft zu befördern. In dieser Gegend lebte eine Rentierfamilie mit ihren fünf Kindern.. Das Jüngste hörte auf den Namen Rudolph und war ein besonders lebhaftes und neugieriges Kind, das seine Nase in allerlei Dinge steckte. Tja, und diese Nase hatte es wirklich in sich. Immer, wenn das kleine Rentier-Herz vor Aufregung ein bisschen schneller klopfte, leuchtete sie so rot wie die glühende Sonne kurz vor dem Untergang. Egal, ob er sich freute oder zornig war, Rudolphs Nase glühte in voller Pracht. Seine Eltern und Geschwister hatten ihren Spaß an der roten Nase, aber schon im Rentierkindergarten wurde sie zum Gespött der vierbeinigen Racker. "Das ist der Rudolph mit der roten Nase", riefen sie und tanzten um ihn herum, während sie mit ihren kleinen Hufen auf ihn zeigten. Und dann erst in der Rentierschule! Die Rentier-Kinder hänselten ihn wo sie nur konnten. Mit allen Mitteln versuchte Rudolph seine Nase zu verbergen, indem er sie mit schwarzer Farbe übermalte. Spielte er mit den anderen verstecken, freute er sich, dass er diesmal nicht entdeckt worden war. Und im gleichen Moment begann seine Nase so zu glühen, dass die Farbe abblätterte. Ein anderes Mal stülpte er sich eine schwarze Gummikappe darüber. Nicht nur, dass er durch den Mund atmen musste. Als er auch noch zu sprechen begann, klang es als säße eine Wäscheklammer auf seiner Nase. Seine Mitschüler hielten sich die Rentier-Bäuche vor Lachen, aber Rudolph lief nach Hause und weinte bitterlich. "Nie wieder werde ich mit diesen Blödhufenspielen", rief er unter Tränen, und die Worte seiner Eltern und Geschwister konnten ihn dabei nur wenig trösten.


Die Tage wurden kürzer und wie in jedem Jahr kündigte sich der Besuch des Weihnachtsmannes an. In allen Rentier-Haushalten wurden die jungen und kräftigen Burschen herausgeputzt. Ihre Felle wurden so lange gestriegelt und gebürstet bis sie kupfernfarben schimmerten, die Geweihe mit Schnee geputzt bis sie im fahlen Licht des nordischen Winters glänzten. Und dann war es endlich soweit. Auf einem riesigen Platz standen Dutzende von Rentieren, die ungeduldig und nervös mit den Hufen scharrten und schaurig-schöne Rufe ausstießen, um die Mitbewerber zu beeindrucken. Unter ihnen war auch Rudolph, an Größe und Kraft den anderen Bewerbern zumeist deutlich überlegen. Pünktlich zur festgelegten Zeit landete der Weihnachtsmann aus dem nahegelegenen Weihnachtsdorf, seiner Heimat, mit seinem Schlitten, der diesmal nur von Donner, dem getreuen Leittier gezogen wurde. Leichter Schnee hatte eingesetzt und der wallende rote Mantel war mit weißen Tupfern übersät. Santa Claus machte sich sofort an die Arbeit, indem er jedes Tier in Augenschein nahm. Immer wieder brummelte er einige Worte in seinen langen weißen Bart. Rudolph kam es wie eine Ewigkeit vor. Als die Reihe endlich bei ihm angelangt war, glühte seine Nase vor Aufregung fast so hell wie die Sonne. Santa Claus trat auf ihn zu, lächelte freundlich und - schüttelte den Kopf. "Du bist groß und kräftig. Und ein hübscher Bursche dazu ", sprach er, "aber leider kann ich dich nicht gebrauchen. Die Kinder würden erschrecken, wenn sie dich sähen." Rudolphs Trauer kannte keine Grenzen. So schnell er konnte, lief er hinaus in den Wald und stampfte brüllend und weinend durch den tiefen Schnee.


Unterwegs


Die Geräusche und das weithin sichtbare rote Licht lockten eine Elfe an. Vorsichtig näherte sie sich, legte ihre Hand auf seine Schulter und fragte : "Was ist mit dir?" "Schau nur, wie meine Nase leuchtet. Keiner braucht ein Rentier mit einer roten Nase!" antwortete Rudolph. "Das kenne ich", sprach die Elfe, "ich würde gerne im Weihnachtsdorf mit den anderen Elfen arbeiten. Aber immer, wenn ich aufgeregt bin, beginnen meine Ohren zu wackeln. Und wackelnde Ohren mag Santa Claus nicht." Rudolph blickte auf, wischte sich mit den Hufen die Tränen aus den Augen und sah eine bildhübsche Elfe, deren Ohren im Rhythmus eines Vogelschlags hin und her wackelten. "Mein Name ist Herbie", sagte sie schüchtern. Und während sie sich so in die Augen sahen, der eine mit einer leuchtend roten Nase, die andere mit rhythmisch wackelnden Ohren, prusteten sie urplötzlich los und lachten bis ihnen die Bäuche weh taten. An diesem Tag schlossen sie Freundschaft schwatzten bis in die Nacht und kehrten erst am frühen Morgen heim.

Mit Riesenschritten ging die Zeit auf Weihnachten zu. Herbie und Rudolph trafen sich in dieser Zeit viele Male im Wald. Alle waren mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest so beschäftigt, dass sie nicht bemerkten, wie sich das Wetter von Tag zu Tag verschlechterte. Am Vorabend des Weihnachtstages übergab die Wetterfee Santa Claus den Wetterbericht. Mit sorgenvoller Miene blickte er zum Himmel und seufzte resigniert : "Wenn ich morgen anspanne, kann ich vom Kutschbock aus noch nicht einmal die Rentiere sehen. Wie soll ich da den Weg zu den Kindern finden?" In dieser Nacht fand Santa Claus keinen Schlaf. Immer wieder grübelte er über einen Ausweg nach. Schließlich zog er Mantel, Stiefel und Mütze an, spannte Donner vor seinen Schlitten und machte sich auf den Weg zur Erde. "Vielleicht finde ich dort eine Lösung", dachte er.

 

Während seines Fluges begann es in dichten Flocken zu schneien. So dicht, dass Santa Claus kaum etwas sehen konnte. Lediglich ein rotes Licht unter ihm leuchtete so hell, dass ihm der Schnee wie eine riesige Menge Erdbeereis vorkam. Santa Claus liebte Erdbeereis. "Hallo", rief er, "was hast du für eine hübsche und wundervolle Nase! Du bist genau der, den ich brauche. Was hältst du davon, wenn du am Weihnachtstag vor meinem Schlitten herläufst und mir so den Weg zu den Kindern zeigst?" Als Rudolph die Worte des Weihnachtsmannes hörte, fiel ihm vor Schreck der Tannenbaum zu Boden und seine Nase glühte so heftig wie noch nie in seinem Leben. Vor lauter Freude fehlten ihm die Worte. Erst langsam fand er seine Fassung wieder. "Natürlich furchtbar gerne. Ich freu' mich riesig." Doch plötzlich wurde er sehr traurig. "Aber wie finde ich den Weg zurück zum Weihnachtsdorf, wenn es so dicht schneit?" Im gleichen Moment, in dem er die Worte aussprach, kam ihm eine Idee. "Bin gleich wieder da", rief er, während er schon in schnellem Galopp auf dem Weg in den Wald war und einen verdutzten Santa Claus zurückließ. Wenige Minuten später kehrten ein Rentier mit einer glühenden Nase und eine Elfe mit wackelnden Ohren aus dem Wald zurück. "Sie wird uns führen, Santa Claus", sagte Rudolph voller Stolz und zeigte auf Herbie. "Mit ihren Ohren hält sie uns den Schnee vom Leibe. Und sie kennt den Weg." "Das ist eine prachtvolle Idee", dröhnte Santa Claus. "Aber jetzt muss ich zurück. Auf morgen dann."

Und so geschah es, dass Santa Claus am Weihnachtstag von einem Rentier mit einer roten Nase und einer Elfe mit wackelnden Ohren begleitet wurde. Rudolph wurde für seine treuen Dienste am nächsten Tag von allen Rentieren begeistert gefeiert. Den ganzen Tag tanzten sie auf dem großen Marktplatz und sangen dazu : "Rudolph mit der roten Nase, du wirst in die Geschichte eingehen." Und es muss jemanden gegeben haben, der Santa Claus und seine beiden Helfer beobachtet hat. Sonst gäbe es sie heute nicht, die Geschichte von Rudolph mit der roten Nase.

 

von Monika Schüssler

DER CHRISTBAUMSTÄNDER



Beim Aufräumen des Dachbodens - ein paar Wochen vor Weihnachten -entdeckte ein Familienvater in einer Ecke einen ganz verstaubten, uralten Weihnachtsbaumständer. Es war ein besonderer Ständer mit einem Drehmechanismus und einer eingebauten Spielwalze. Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied "O du fröhliche" erkennen. Das musste der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählte, wenn die Weihnachtszeit herankam. Das Ding sah zwar fürchterlich aus, doch da kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Wie würde sich Großmutter freuen, wenn sie am Heiligabend vor dem Baum säße und dieser sich auf einmal wie in uralter Zeit zu drehen begänne und dazu "O du fröhliche" spielte. Nicht nur Großmutter, die ganze Familie würde staunen. Es gelang ihm, mit dem antiken Stück ungesehen in seinen Bastelraum zu verschwinden. Gut gereinigt, eine neue Feder, dann müsste der Mechanismus wieder funktionieren, überlegte er. Abends zog er sich jetzt geheimnisvoll in seinen Hobbyraum zurück, verriegelte die Tür und werkelte. Auf neugierige Fragen antwortete er immer nur "Weihnachtsüberraschung".


Kurz vor Weihnachten hatte er es geschafft. Wie neu sah der Ständer aus, nachdem er auch noch einen Anstrich erhalten hatte. Jetzt aber gleich los und einen prächtigen Christbaum besorgen, dachte er. Mindestens zwei Meter sollte der messen. Mit einem wirklich schön gewachsenen Exemplar verschwand Vater dann in seinem Hobbyraum, wo er auch gleich einen Probelauf startete. Es funktionierte alles bestens. Würde Großmutter Augen machen! Endlich war Heiligabend. "Den Baum schmücke ich alleine", tönte Vater. So aufgeregt war er lange nicht mehr. Echte Kerzen hatte er besorgt, alles sollte stimmen. "Die werden Augen machen", sagte er bei jeder Kugel, die er in den Baum hing. Vater hatte wirklich an alles gedacht. Der Stern von Bethlehem saß oben auf der Spitze, bunte Kugeln, Naschwerk und Wunderkerzen waren untergebracht, Engelhaar und Lametta dekorativ aufgehängt.


Die Feier konnte beginnen. Vater schleppte für Großmutter den großen Ohrensessel herbei. Feierlich wurde sie geholt und zu ihrem Ehrenplatz geleitet. Die Stühle hatte er in einem Halbkreis um den Tannenbaum gruppiert. Die Eltern setzten sich rechts und links von Großmutter, die Kinder nahmen außen Platz. Jetzt kam Vaters großer Auftritt. Bedächtig zündete er Kerze für Kerze an, dann noch die Wunderkerzen. "Und jetzt kommt die große Überraschung", verkündete er, löste die Sperre am Ständer und nahm ganz schnell seinen Platz ein. Langsam drehte sich der Weihnachtsbaum, hell spielte die Musikwalze "O du fröhliche". War das eine Freude! Die Kinder klatschten vergnügt in die Hände. Oma hatte Tränen der Rührung in den Augen. Immer wieder sagte sie: "Wenn Großvater das noch erleben könnte, dass ich das noch erleben darf." Mutter war stumm vor Staunen.

Eine ganze Weile schaute die Familie beglückt und stumm auf den sich im Festgewand drehenden Weihnachtsbaum, als ein schnarendes Geräusch sie jäh aus ihrer Versunkenheit riss. Ein Zittern durchlief den Baum, die bunten Kugeln klirrten wie Glöckchen. Der Baum fing an, sich wie verrückt zu drehen. Die Musikwalze hämmerte los. Es hörte sich an, als wollte "O du fröhliche" sich selbst überholen. Mutter rief mit überschnappender Stimme: "So tu doch etwas!" Vater saß wie versteinert, was den Baum nicht davon abhielt, seine Geschwindigkeit zu steigern. Er drehte sich so rasant, dass die Flammen hinter ihren Kerzen herwehten. Großmutter bekreuzigte sich und betete. Dann murmelte sie: "Wenn das Großvater noch erlebt hätte."


Als Erstes löste sich der Stern von Bethlehem, sauste wie ein Komet durch das Zimmer, klatschte gegen den Türrahmen und fiel dann auf Felix, den Dackel, der dort ein Nickerchen hielt. Der arme Hund flitzte wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer in die Küche, wo man von ihm nur noch die Nase und ein Auge um die Ecke schielen sah. Lametta und Engelhaar hatten sich erhoben und schwebten wie ein Kettenkarussell am Weihnachtsbaum. Vater gab das Kommando "Alles in Deckung!" Ein Rauschgoldengel trudelte losgelöst durchs Zimmer, nicht wissend, was er mit seiner plötzlichen Freiheit anfangen sollte. Weihnachtskugeln, gefüllter Schokoladenschmuck und andere Anhängsel sausten wie Geschosse durch das Zimmer und platzten beim Aufschlagen auseinander. Die Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gefunden. Vater und Mutter lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den Armen schützend. Mutter jammerte in den Teppich hinein: "Alles umsonst, die viele Arbeit, alles umsonst!" Vater war das alles sehr peinlich.


Oma saß immer noch auf ihrem Logenplatz, wie erstarrt, von oben bis unten mit Engelhaar und Lametta geschmückt. Ihr kam Großvater in den Sinn, als dieser 14-18 in den Ardennen in feindlichem Artilleriefeuer gelegen hatte. Genau so musste es gewesen sein. Als gefüllter Schokoladenbaumschmuck an ihrem Kopf explodierte, registrierte sie trocken "Kirschwasser" und murmelte: "Wenn Großvater das noch erlebt hätte!" Zu allem jaulte die Musikwalze im Schlupfakkord "O du fröhliche", bis mit einem ächzenden Ton der Ständer seinen Geist aufgab. Durch den plötzlichen Stopp neigte sich der Christbaum in Zeitlupe, fiel aufs kalte Buffet, die letzten Nadeln von sich gebend. Totenstille! Großmutter, geschmückt wie nach einer New Yorker Konfettiparade, erhob sich schweigend. Kopfschüttelnd begab sie sich, eine Lamettagirlande wie eine Schleppe tragend, auf ihr Zimmer. In der Tür stehend sagte sie: "Wie gut, dass Großvater das nicht erlebt hat!" Mutter, völlig aufgelöst zu Vater: "Wenn ich mir diese Bescherung ansehe, dann ist deine große Überraschung wirklich gelungen." Andreas meinte: "Du, Papi, das war echt stark! Machen wir das jetzt Weihnachten immer so?"

Verfasser unbekannt



EINE KLEINE WEIHNACHTSGESCHICHTE



Wie in jedem Jahr am 1. Dezember kam auch in diesem Jahr der Weihnachtsengel zu Gott, um mit ihm über die bevorstehende Weihnachtszeit zu reden. Doch diesmal war irgend etwas anders. Gott machte so ein finsteres Gesicht, wo er doch sonst die Freundlichkeit in Person war. Der Weihnachtsengel ging also hin und fragte was los ist. Gott lief hin und her. Dann sagte er " Ich weiß gar nicht, wie ich es dir beibringen soll, du wirst in diesem Jahr nicht auf der Erde die Weihnachtsvorbereitungen leiten. Du wirst hier bleiben und die himmlische Weihnacht zusammen mit den anderen Engeln vorbereiten. Der Weihnachtsengel wurde sehr traurig und wollte wissen warum. Da sagte Gott zu ihm "Die Menschen haben den Glauben, die Nächstenliebe und die Hilfsbereitschaft verloren und nach der Weihnachtsbotschaft braucht man erst gar nicht zu fragen." Der Weihnachtsengel entgegnete darauf: "Aber doch nicht alle Menschen. Lass mich wenigstens zu denen gehen, die noch daran glauben". Gott aber hatte schon was anderes beschlossen: "Es sind schon über 75%, die nur noch an ihr eigenes Wohl denken. Ich muss jetzt den Menschen eine Lektion erteilen." "Wie willst du das denn machen?" fragte der Weihnachtsengel. "Nun, ich werde sie einfach so weiter machen lassen, aber ohne deine Unterstützung in der Weihnachtszeit" antwortete Gott. "Was soll das denn bringen?" wollte da der Weihnachtsengel wissen. "Das wirst du bald sehen" erwiderte Gott darauf.


Und Gott hatte Recht! Bald darauf wurde es immer kälter in den Herzen der Menschen. Niemand war mehr da, der dem Herz mal einen Ruck gab, um einem anderen Menschen zu helfen. Alle dachten nur noch an sich selbst. Nachts konnte man sich nicht mehr auf die Straße trauen. Obdachlose haben sich zusammengerottet, um Leute zu überfallen, weil keiner mehr etwas Spendete und zu Essen hatten sie auch nichts. 

Beim Weihnachtsengel, der im Himmel geblieben war, wollte keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen. Er grübelteständig über die Situation auf der Erde nach und er wusste, dass er etwas unternehmen musste. Es waren doch noch die anderen Menschen da, die an das Gute im Menschen glaubten. Der Weihnachtsengel beschloss sich heimlich, zu ihnen auf die Erde, zu begeben. Er machte sich sofort auf den Weg. Im Himmel war er sowieso zu nichts nütze wenn er missmutig war. Doch als er auf der Erde ankam musste er feststellen, dass auch die letzten aufrechten Menschen ihre Gesinnung geändert haben. Das traf ihn hart. Was Gott da vorhatte, dachte er, kann Jahrzehnte dauern ehe die Menschen mal zur Besinnung kommen und sich daran erinnern, wie schön doch das Gefühl war, jemandem geholfen zu haben. Er hatte schon jegliche Hoffnung aufgegeben und wollte mit hängenden Flügeln gen Himmel ziehen. Da erinnerte er sich an eine Familie, die weit draußen im Wald wohnte und vielleicht von der ganzen Herzenskälte nicht angesteckt worden war.


Es keimte in ihm ein Fünkchen Hoffnung auf und er machte sich auf den Weg zum Wald. Unterwegs musste er über Wiesen, Felder und Wälder fliegen. Auf einer Lichtung traf er Mutter Natur. Sie wirkte sehr beschäftigt. Dem Weihnachtsengel kam eine Idee. ´Ich werde Mutter Natur um Rat fragen,` dachte er, ´die weiß immer einen Ausweg.` Also flog er runter und schilderte ihr die Situation. Daraufhin sagte Mutter Natur " Ich werde mir etwas einfallen lassen, wenn ich hier fertig bin. Die Natur leidet ebenfalls unter der Hartherzigkeit der Menschen. Zuerst muss ich aber ein Tauwetter machen, denn sonst kommen die Tiere nicht mehr an das Futter ran und müssen verhungern, weil die Menschen ihnen nichts mehr bringen . Aber es darf nicht zu warm werden, weil sonst  die Winterschläfer aufwachen". "Na gut", sagte der Weihnachtsengel, "ich werde erst die Einsiedler besuchen." Und er flog über den Wald. Als er zum Haus der Einsiedlerfamilie kam und durch das Fenster blickte, sah er, dass der Vater sich gerade um ein krankes Reh kümmerte. Er freute sich darüber so sehr, das er am liebsten in der Luft ein paar Loopings geflogen wäre. Nun wusste er: Hier ist alles in bester Ordnung!! Das gibt Hoffnung und Mutter Natur weiß bestimmt, was zu tun ist.


Kaum hatte er das gedacht, da tippte sie ihm schon von hinten an die Flügel. "Mir ist da was

in den Sinn gekommen," sagte sie "aber für die Menschen wird es sehr hart werden. Dafür werden sie hinterher wieder die Nächstenliebe in Person sein und einander helfen wo es nur geht." "Na dann erzähl mal!" sagte der Weihnachtsengel und Mutter Natur erzählte ihm von einem Plan. Sie wolle große Unwetter, Hochwasser und Stürme über die Menschen schicken. "Nur wenn die Menschen ihr gesamtes  Hab und Gut verlieren und ihnen nur noch das nackte Leben bleibt, werden sie zur Besinnung kommen und sich gegenseitig helfen. Der Weihnachtsengel überlegte kurz und sagte dann " Das könnte hinhauen, aber irgend wie müssen wir Gott noch davon überzeugen." "Mach dir darüber mal keine Sorgen," sagte Mutter Natur " Gott ist wie mein großer Bruder. Den wickle ich um meinen kleinen Finger". Gesagt, getan: Gott hörte sich den Vorschlag an und willigte ein, weil auch die anderen Engel im Himmel zu rebellieren anfingen. Gott und Mutter Natur machten sich gemeinsam daran die Unwetter zu schaffen und der Weihnachtsengel durfte wieder die Herzen der Menschen anstuppsen, wenn sie zauderten, zu helfen. So hatten die Menschen in diesem Jahr durch ihre eigene Schuld, eine sehr ärmliche Weihnacht. Das war ihnen aber egal, weil sie sich gegenseitig gerettet hatten. Sie haben ihre Liebe wieder zueinander gefunden. Und das ist doch das Wichtigste ! Der Weihnachtsengel war zufrieden.Gott, Mutter Natur und er mit all den anderen Engeln im Himmel feierten daraufhin das fröhlichste Weihnachtsfest, das sie jemals zusammen gefeiert hatten.


Autor: Bernd Schmidt



ST. NIKOLAUS, DIE GESCHICHTE EINES BISCHOFS...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal vor langer Zeit, da lebte in der reichen Stadt Patara ein Junge. Er hörte auf den Namen Nikolaus. Die Eltern von Nikolaus sind an einer bösen Krankheit früh verstorben. Der Junge weinte Tag und Nacht, um seine Eltern. Nikolaus erbte sehr großen Reichtum: Gold, Silber, Edelsteine, Schlösser, Paläste und Ländereien. Auch Schafe, Pferde, Esel und noch ein paar andere Tiere gehörten ihm. Außerdem hatte er  viele Untertanen, die sich um ihn kümmerten. Nikolaus war trotzdem sehr traurig und konnte sich über seinen Reichtum nicht freuen. Deshalb wollten ihn seine Untertanen aufmuntern. Der Hofmeister bot sich an, ihm seine Schlösser zu zeigen. Der Stallmeister wollte mit Nikolaus auf den schönsten Pferden durch die Ländereien reiten. Der Küchenmeister machte den Vorschlag, er könne doch für alle reichen Kinder der Stadt ein köstliches Essen zubereiten. Doch Nikolaus wollte von dem allem nichts wissen. Seine Traurigkeit wurde immer schlimmer, so das auch seine Tiere es deutlich spürten, dass er sehr traurig war. Sie drängten sich zu ihm, um ihn zu trösten. Vom Weinen müde geworden, wollte er sich schlafen legen. Ungeschickt stieß er mit dem Fuß an einen Tonkrug in dem viele Schriftrollen steckten. Der Krug zerbrach. Die Schriftrollen verteilten sich auf dem glänzenden Boden. Nikolaus ergriff eine der Schriftrollen und begann zu lesen. "Da war ein reicher Mann, der lebte herrlich und in Freuden. Und da war aber auch ein armer Mann, der lag hungernd vor seiner Tür und wollte nur Brosamen, die dem Reichen vom Tische fielen. Doch dieser gönnte es dem Armen nicht. Als der arme Mann starb, wurde er von den Engeln in den Himmel getragen. Auch der Reiche starb. Doch es kamen keine Engel, um ihn zu holen".

 

Gleiche ich nicht dem reichen Mann in der Geschichte, dachte sich Nikolaus. Ich bin schön gekleidet, lebe in Saus und Braus. Ich habe alles, was man sich erträumt. Die Bettler draußen vor dem Stadttor sehe ich nicht. Morgen werde ich mein Leben ändern. Ich werde früh aufstehen und mich dort umsehen. Am Morgen schlich sich Nikolaus aus dem Palast hinaus. Hinter dem Stadttor fand er die Ärmsten der Stadt. Sie waren zerlumpt, hungrig und krank. Die Not und das Elend waren sehr groß. Als sie Nikolaus erblickten, streckten sie ihm die Hände entgegen. Nikolaus wollte in die Tasche greifen, aber an seinen bestickten Kleidern gab es keine Taschen. Flink löste er seine schwere Goldkette vom Hals. Er zog sich den Goldring vom Finger und gab den Armen den wertvollen Schmuck. Danach schlüpfte Nikolaus aus dem Obergewand, dem bunten Rock, den Sandalen und verschenkte auch noch seine Kleidung. Es wurde Nikolaus warm ums Herz. Glücklich ging er nach Hause. Nun war Nikolaus wieder fröhlich. Am nächsten Tag trug Nikolaus dem Hofschneider auf, auf seine Kleider große Taschen aufzunähen. Vergnügt schlüpfte er in seinen weiten, roten Mantel. Er füllte seine Taschen mit Nüssen, Äpfel und Mandarinen. Abends schlich er sich wieder aus dem Palast. Er ging zu den Armen und verteilte alles. So beschenkte Nikolaus nun fast jeden Tag die Armen der Stadt. Seine lang andauernde Traurigkeit war vorbei.

 

Als Nikolaus zwölf Jahre alt wurde, besuchte er eine Schule, die weit von seinem Palast entfernt war. Berühmte Lehrer unterrichteten ihn und unterwiesen ihn in der Heiligen Schrift. Wo er jedoch Not und Elend sah, gab er mit vollen Händen. Das machte er aber weiterhin im Verborgenen. Als er einmal zum Gottesdienst in der Kirche war, wurden die Worte von Jesus Christus verlesen, wie er zu einem reichen Jüngling gesagt hatte: "Willst du mir angehören, so verschenke alles was dir gehört an die Armen". Über diese Worte hatte Nikolaus oft nachgedacht. Sie ließen ihn nicht mehr los. Er rief den Haushofmeister, befahl ihm Geld und Gut an die Armen zu verteilen. Nikolaus wollte sich ins Heilige Land aufmachen, wo unser Herr Jesus gelebt hatte. Auf seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land, litt Nikolaus oft große, unvorstellbare Not. Er wurde verletzt, er hatte kaum was zu Essen und zu Trinken. Bei allem Hunger blieb er aber stets fröhlich. Er zog durch das Land und predigte das Wort Gottes. Den Kindern erzählte er Geschichten aus der Bibel.

 

Eines Tages kehrte er in seine Heimat zurück. In Myra war vor einiger Zeit der alte Bischof gestorben. Als die Leute Nikolaus sahen, fragten sie ihn, wer er sei. "Ich bin Nikolaus ein Diener Christi", antwortete er. Die Leute führten Nikolaus ins Gotteshaus und ernannten ihn zum Bischof. Als er wieder ins Freie trat, erblickte Nikolaus seinen alten, grauen Esel vor der Tür angebunden. Von da an wurde der Esel sein treuer Begleiter. Nikolaus sorgte für die Gläubigen wie ein Hirte für seine Schafherde. In Zeiten der Gefahr predigte er den Christen an einsamen Orten und stärkte sie im Glauben. An seinem Geburtstag kleidete sich Nikolaus in seinen kostbaren Bischofsmantel und nahm den Hirtenstab in die Hand. Seinen Esel belud er mit einem schweren Sack. Der Sack war mit Leckereien, wie Nüssen, Mandarinen, Äpfel und Honigkuchen gefüllt. Nikolaus ging durch die Strassen und verteilte die Gaben. Diesen Tag machte er zu einem großen Fest. Das hielt er bei, bis ins hohe Alter. Als die Stunde kam, da Gott ihn heimholen wollte, fiel ihm nur eines schwer, sich von seinen Kindern zu trennen. Der Bischof Nikolaus starb am 6. Dezember 352. Zum Andenken an den Bischof Nikolaus wird heute noch der Nikolaustag gefeiert. Er kündigt als Vorbote das Weihnachtsfest an.

 

Diese überlieferte Nikolauslegende wurde aufbereitet von:

© 2003 Sylvia Müller

© 2011 Günter Fellner (Überarbeitung)

 

Morgen kommt der Weihnachtsmann

DIE GESCHICHTE VOM MÜDEN WEIHNACHTSMANN


Weihnachtsmann

 

Es war ein Tag vor Weihnachten, die Kinder auf der ganzen Welt hatten sich für den Heiligabend so einiges einfallen lassen, um den Weihnachtsmann mit Gedichten und Liedern zu erfreuen, denn er brachte ihnen Geschenke und so mancherlei süße Leckereien.

Doch dieses Mal war alles anders.

Hoch oben, in der Weihnachtsmannwolke, wo sonst der Weihnachtsmann mit seinen kleinen Weihnachtselfen fleißig und emsig arbeitete, herrschte unheimliche Stille. Der große Sack, der eigentlich schon fertig gefüllt sein sollte mit all den Geschenken für die artigen Kinder unten auf der Erde, lag leer vor dem Bett des Weihnachtsmanns, und dieser lag darin und schlief tief und fest.

.

.

Keiner der kleinen Helfer war in der Lage den schnarchenden Weihnachtsmann zu wecken. Sie rüttelten ihn, schüttelten ihn und schlugen mit Hölzern auf die Suppentöpfe, aber alles vergebens, der Weihnachtsmann wollte nicht wach werden.

Als man nun endlich den Weihnachtselfenprinz um Hilfe und Rat fragte, kam dem der rettende Gedanke: „Wenn wir nicht in der Lage sind den Weihnachtsmann zu wecken, müssen wir einen anderen bitten, der die morgigen Arbeiten für ihn übernimmt. Aber wer könnte das sein, wer war in der Lage den schweren Sack zu tragen und wer konnte den Weihnachtsschlitten herunter zur Erde führen?

Alle überlegten angestrengt. Einer der Elfen rief: “Und wenn wir Weihnachten dieses Jahr ausfallen lassen würden?“ Ein anderer meinte: „Wir könnten Weihnachten auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, solange, bis der Weihnachtsmann aufgewacht ist,“ aber alle diese Vorschläge lehnte der Prinz ab.

„Weihnachten muss stattfinden“, sagte er nachdenklich, „die Kinder warten unten auf der Erde und wären furchtbar traurig, wenn sie keine Geschenke erhielten.“

Der kleinste der Weihnachtselfen rief ganz aufgeregt: „Fragen wir doch den Osterhasen, ob er für den Weihnachtsmann einspringen kann.“ „Das ist eine prima Idee“, riefen alle durcheinander, „ja, fragen wir den Osterhasen.“

Der Elfenprinz nickte zustimmend und erteilte dem Kleinsten den Auftrag schnell zur Osterhasenwolke zu eilen, und den Hasen zu fragen, ob er die Weihnachtsgeschenke an die Kinder verteilen möchte.

Gesagt, getan. Eiligst machte sich der kleine Elf auf den Weg und erreichte bald die Wolke, wo der Osterhase zu Hause war.

„Ich bin doch viel zu klein und auch viel zu schwach, um den großen Sack vom Weihnachtsmann zu tragen“, sagte verwundert der Osterhase.

„Aber wenn wir Elfen alle mit anfassen und dir somit die große Last erleichtern, müsste das doch machbar sein“, erwiderte der Kleine, „denke doch nur an die vielen Kinder, wie traurig sie wären, wenn du an den Ostertagen deine schönen, bunten Ostereier nicht verstecken würdest“.

„Das leuchtet mir ein,“ sprach der Hase nachdenklich, „also machen wir uns sofort ans Werk, denn die Zeit drängt.“

Unten auf der Erde war die Nacht hereingebrochen, und die Menschen schliefen tief und fest, als der kleine Weihnachtself mit dem Osterhasen die Weihnachtswolke erreichte. Alle begrüßten den Hasen auf herzlichste und bedankten sich bei ihm für seine Hilfsbereitschaft.

„Hurtig, hurtig,“ rief der Elfenprinz, „bis heute Abend muss alles erreicht sein. Der Sack muss gefüllt werden, und das Gewand vom Weihnachtsmann muss mit Nadel und Faden für unseren Helfer auf die passende Größe geändert werden.“

Alle Weihnachtselfen eilten hin und her, einige füllten den Sack des Weihnachtsmannes, andere machten sich an dem purpurroten Mantel zu schaffen, und der Rest polierte den himmlischen Weihnachtsschlitten auf Hochglanz.

Als alles fertig war, schauten sie sich zufrieden ihr Werk an. Der Osterhase sah prima aus in seinem weihnachtlichen Gewand, der Sack war prall mit all den Gaben für die Kinder gefüllt, und zwanzig Rentiere, mit silbernen und goldenen Glöckchen geschmückt, waren vor den Schlitten gespannt.

Der Osterhase schwang sich auf das Gefährt und fuhr mit hundert kleinen Helfern von der Weihnachtswolke in Richtung Erde. Von Ferne hörte man noch die kleinen Glöckchen klingeln und den Hasen freudig rufen: „Juchhu, ich bin der Weihnachtsosterhase und komme zu euch, um meine Geschenke zu überbringen.“

.

.

Bis alle Kinder beschenkt waren hatten sie alle Hände voll zu tun, und keiner von ihnen bemerkte, dass unter dem Gewand gar nicht der Weihnachtsmann steckte, sondern der Osterhase. Brav wurden Gedichte aufgesagt und die schönsten Weihnachtslieder gesungen, freudig die Geschenke übergeben auch ebenso ausgepackt wie bestaunt. Alles schien wie immer, ein jeder war glücklich und zufrieden.

Als die Arbeit auf der Erde für den Hasen und seine Helfer beendet war, ging es mit dem Schlitten wieder in Richtung Himmel, zurück zur Weihnachtswolke.

Dort lag der Weihnachtsmann noch immer in seinem Bett und schnarchte laut vor sich hin.

Aber die Weihnachtselfen und der kleine Osterhase waren sehr glücklich darüber, dass die Kinder doch noch rechtzeitig beschenkt werden konnten, auch wenn sie wegen dem verschlafenen Weihnachtsmann einen Trick anwenden und somit etwas schummeln mussten. Dieser aber sollte nicht ungestraft davonkommen. Der Elfenprinz und der Osterhase schmiedeten einen Plan, der für den Weihnachtsmann nicht ohne Folgen sein sollte. Er selber sollte, wenn die Osterfeiertage anfingen, statt des Hasen nun die Ostereier verteilen und verstecken.

Als der Weihnachtsmann nun endlich aufwachte und er seinen Schlaf gähnend aus den Augen rieb, hörte er von den Elfen, dass er Weihnachten verschlafen hatte und der Osterhase seine Arbeit verrichten musste.

„Ist ja nicht so schlimm“, gähnte der Verschlafene, „dann bin ich nächstes Jahr wieder pünktlich zur Stelle“.

„Nein, so einfach kommst du mir nicht davon“, sagte böse und enttäuscht der Elfenprinz, „zur Strafe wirst du Ostern zur Erde herabfahren und die Arbeit des Osterhasen übernehmen. Du wirst alle Eier schön bunt bemalen und sie unter jedem Baum und Strauch verstecken, damit die Kinder danach suchen können.“

Der Weihnachtsmann gehorchte zähneknirschend, und als die warme Osterzeit heran brach, sah man ihn schwitzend in seinem dicken roten Weihnachtsmantel auf allen vieren mit einem kleinen Körbchen voller bunter Ostereier von Gebüsch zu Gebüsch krabbeln.

.

.

„Oh wie ist mir das peinlich, oh wie schäme ich mich“, murmelte der Weihnachtsmann immer wieder vor sich hin und schwor sich für die Zukunft, nie mehr so lange zu schlafen und immer zur Weihnachtszeit pünktlich aufzustehen und fleißig seinen weihnachtlichen Aufgaben gerecht zu werden.

.

.

ENDE

.

.

Copyright: GiTo

 

 


DER SCHNEEMANN UND DIE SCHNEEKÖNIGIN


Ein Wintertag


Es war bitterkalt. Der Winter machte seinem Namen alle Ehre. Seit Stunden schneite es. Der kleine Paul und seine Schwester Marie drückten ihre Näschen an die Fensterscheibe und schauten dem Schneetreiben mit großem Interesse zu. Sie nahmen sich vor, morgen früh, nach dem Aufstehen einen riesengroßen Schneemann zu bauen. Sie gingen zu Bett, wünschten sich eine gute Nacht und schliefen dann auch bald ein.


Als der Morgen erwachte, aßen sie schnell ihr Frühstück und machten sich eilig daran im Vorgarten ihren Plan in die Tat umzusetzen. Sie formten einen Schneeball und rollten ihn solange in dem Schnee hin und her, bis der immer größer und immer größer wurde. Das taten sie genau drei mal. Eine große Kugel war für den Kopf bestimmt, die zweite für den Oberkörper und die letzte und größte Kugel war dann der Unterkörper von ihrem Schneemann. Sie setzten alle drei übereinander und schauten sich ihr Werk an. Ja, er sah schon ganz stattlich aus, aber es fehlte noch die Hauptsache. Marie eilte in die Küche und Paul in den Keller. Ganz feierlich drückte Marie eine Karotte in die oberste Kugel und siehe da, die Nase vom Schneemann war fertig. Der kleine Paul, der aus dem Keller kleine Kohlenstückchen geholt hatte, drückte ihm damit Mund und Augen ins Gesicht. Oh, war ihr Schneemann schön. Damit er auch nicht zu sehr fror, spendierte Paul ihm seinen grünen Schal, und Marie trennte sich vorübergehend von ihrer heißgeliebten Pudelmütze.


Die Mutter der beiden trat vor das Haus und lachte: „Prima habt ihr das gemacht. Ein wunderschöner Schneemann. Hier habt ihr einen Besen, den könnt ihr eurem Schneemann in die Hand drücken, dann hat er noch zusätzlich etwas Halt.“ Sie gab ihren beiden Kindern einen alten, ausrangierten Besen und ging dann wieder an ihre Hausarbeit.

Paul und Marie faßten sich an den Händen und hüpften singend um ihren weißen Mann herum und sangen ihre schönsten Kinderlieder.

Am Abend, vor dem Zubettgehen, schauten sie ihren Schneemann noch einmal an, wünschten ihm eine gute Nacht und huschten dann unter ihre warme Zudecke. Marie sagte zu Paul: „Wir brauchen noch einen Namen für unseren Schneemann.“ „Hm,“ murmelte Paul nachdenklich, „wie wäre es mit Ferdinand?“

„Gut,“ sagte Marie, „nennen wir ihn Ferdinand,“ und schlief zufrieden ein.


Draußen stand nun der Schneemann. Es war stockfinstere Nacht. Der Schnee rieselte vom Himmel als wollte er nie aufhören. Ferdinand schaute sich um, und

überlegte, was er nun so alleine anstellen könnte. Er schaute auf seinen Besen und dachte sich: „Ich kann den Kindern eine Freude machen und den Weg zu ihrem Haus vom vielen Schnee freikehren.“ Er machte sich an die Arbeit und bis der Morgen erwachte war er auch schon fertig.

Marie und Paul rieben sich erstaunt die Augen, als sie den schneefreien Weg sahen und waren sich einig, daß dies nur ihr Freund, Ferdinand getan haben könnte. Beide liefen eiligst zu ihm, umarmten und herzten ihren Schneemann, dann machten sie sich auf den Weg zur Schule.

..


„Was ist los mit dir,“ fragte Ferdinand, „willst du mich ärgern oder weißt du nicht wohin des Weges?“ „Nichts von beiden,“ piepste die Schneeflocke, „ich finde dich wunderschön und muß dich immer wieder anschauen. Du bist so groß, so stattlich, so liebenswert, so anmutig, so...........“ „Ja ja, ist ja gut,“ lachte der Schneemann und schaute verlegen zur Seite. „Mein Name ist Flöckchen, darf ich bei dir bleiben?“ fragte die kleine Flocke und setzte sich ohne eine Antwort abzuwarten direkt auf die Rübennase vom Ferdinand. „So kann ich dir immer in deine schönen Augen schauen,“ flötete Flöckchen, „und wenn der Frühling kommt, und wir beide von der Erde Abschied nehmen müssen, gehen wir diesen Weg gemeinsam.“

„Frühling, was ist das?“ fragte Ferdinand erstaunt, und wieso Abschied nehmen?

Die kleine Schneeflocke erzählte ihm vom Frühling und daß der Schnee dann schmelzen muß. Dann wäre es warm und es gäbe auf der ganzen Welt keine Schneemänner und keine kleinen Schneeflocken mehr. „Ich möchte aber nicht schmelzen,“ klagte Ferdinand weinerlich, „ich bin doch erst ein paar Tage alt, und was soll dann aus Paul und Marie werden? Ich kann sie doch nicht alleine lassen.“ „Das ist eben unser Schicksal,“ sagte Flöckchen, „aber laß uns die Zeit genießen, in der es kalt ist. Da kann uns nichts passieren. Denke nicht an morgen, freue dich über den heutigen Tag.“

Marie und Paul kamen aus der Schule und umarmten ihren Ferdinand. Dann faßten sie sich wieder bei den Händen und sangen ihre kleinen Lieder. Der aber konnte sich nicht so recht freuen, denn er mußte immer an die Worte der kleinen Schneeflocke denken. Er schielte auf seine Nase und beobachtete die Kleine. Sie aber tanzte fröhlich auf und ab, hin und her und benahm sich so, als wenn es keine Schneeschmelze und keinen Abschied gäbe.

Am Abend kamen noch einmal die beiden Kinder, um nach Ferdinand zu sehen, aber sie waren traurig und bedrückt. Marie legte ihre Ärmchen um ihren Schneemann und fing an bitterlich zu weinen. Paul sah nur zu Boden und zog mit seinen Schuhspitzen verlegen lauter Streifen in den Schnee, ohne dabei den Ferdinand auch nur einmal anzuschauen.

.

.

„Lebe wohl, Ferdinand,“ schluchzte Marie, „morgen bist du nicht mehr da. Im Radio haben sie gesagt, daß es heute Nacht Tauwetter gibt und es mit der Kälte nun vorbei ist.

Wir werden immer an dich denken.“ Beide winkten ihrem Schneemann noch einmal zum Abschied zu und gingen mit gesenkten Köpfen in ihr Haus.

„Nun ist es soweit,“ seufzte Ferdinand, „Flöckchen, hast du gehört, was mit uns heute Nacht geschieht?“ „Ja,“ sagte sie leise, „habe doch aber keine Angst. Sieh mich genau an, erkennst du mich denn nicht?“

Ferdinand stellte seine beiden, mit Tränen verschwommenen Augen, auf volle Sehschärfe ein und sah Flöckchen verwundert an. „Ja,“ sagte er, „ja, du trägst ja ein Krönchen, bist du am Ende........bist du am Ende die Schneekönigin?“

„Na endlich hast du mich erkannt,“ sagte sie. „Ich gebe dir meinen purpurroten Zaubermantel. Der wird dich vor der Wärme schützen und dich kalt halten.



Du wirst somit nicht zu Wasser zerschmelzen, sondern direkt in mein Schneereich eintreten können.

Beruhigt legte Ferdinand den Mantel der Königin um seine Schultern und wartete auf die Nacht. Ein warmer Wind wehte um seine Nase, und wie von Geisterhand schmolz alles um ihn herum, was nur im geringsten aus Schnee war. Ja, er sah sogar kleine Blumen ihre Köpfchen aus der Erde strecken, und unter seinen Füßen kitzelte ihn saftig grünes Gras.

Er schaute sich alles mit großen und erstaunten Augen an, mußte aber feststellen, daß dies nicht seine Welt war, in der er leben möchte. Er sehnte sich nach dem Schnee, die vielen kleinen Flocken, der Kälte und nach der Schneekönigin. Er sah noch einmal zum Haus der Kinder und schloß dann lächelnd seine Augen. Dann war er wie vom Erdboden verschwunden.

Als er seine Augen wieder öffnete, war er in seiner neuen, kalten Welt. Alles war wie in silberner Farbe getaucht und Tausende von kleinen Flocken tanzten um ihn herum. Und mittendrin stand die Schneekönigin und forderte ihren Ferdinand zum Tanz auf.

Alle waren glücklich und zufrieden.

Jedes Jahr aufs neue, und immer zur Winterzeit, kommen sie alle zu uns auf die Erde zurück, um die Menschen zu erfreuen.

Dann kleidet sich die Erde in ein weißes Kleid, vom Himmel tanzt die Schneekönigin mit ihren vielen kleinen Flocken, und unser Ferdinand steht Nacht für Nacht am Fenster von Paul und Marie und winkt den beiden fröhlich zu.

.

.

Ende

.

.

Copyright: GiTo


DIE DREI FRAGEN

Die drei Fragen

Ein König dachte einmal darüber nach, daß ihm nichts mißglücken würde, wenn er immer den richtigen Zeitpunkt wüßte, um eine Sache zu beginnen; wenn er ferner wüßte, mit welchen Menschen er sich abgeben sollte und mit welchen nicht, und wenn er vor allem wüßte, welches Werk das wichtigste von allen ist.

Danach ließ er in seinem Land verkünden, daß er einen hohen Lohn demjenigen geben wolle, der ihn lehren würde, den richtigen Zeitpunkt für jedes Werk, den richtigen Menschen und das wichtigste Werk zu erkennen.


Es kamen viele Gelehrte zum König und sie gaben ihm verschiedene Antworten auf seine Fragen.

Auf die erste Frage antworteten die einen: Um die richtige Zeit für jedes Werk zu wissen, müsse man sich vorher eine Einteilung der Tage, Monate und Jahre machen und sich streng daran halten.

Die anderen sagten zum König, man könne überhaupt im voraus nicht wissen, welches Werk zu welcher Zeit verrichtet werden müsse, und man dürfe sich nicht durch leere Spielereien ablenken lassen, sondern müsse vielmehr auf alle Geschehnisse achten und das Nötige zur richtigen Zeit beginnen.

Die dritten aber behaupteten, daß der König noch so aufmerksam alles beachten möge--ein einzelner Mensch könne doch nicht immer richtig erkennen, in welcher Zeit jedes Werk das rechte sei. Er müsse daher den Rat weiser Männer hören und danach entscheiden, wann jedes Werk am besten erledigt werden könne.

Die vierten aber sagten, daß es Dinge gäbe, bei denen einem keine Zeit bliebe, den Rat der anderen einzuholen. Oft müsse man sofort entscheiden, ob es Zeit sei, das Werk zu beginnen oder nicht. Um dies zu wissen müsse man die Zukunft kennen. Diese aber sei nur den Magiern bekannt und daher müsse man, um die richtige Zeit für jedes Werk zu wissen, einen Magier befragen.

Ebenso verschieden beantworteten auch die Gelehrten die zweite Frage.

Die einen sagten, die wichtigsten Menschen für den König seien seine Mitarbeiter, die Statthalter; die zweiten sagten, die wichtigsten Menschen seien die Priester. Die dritten behaupteten, die wichtigsten Menschen seien die Ärzte. Und die vierten sagten, die wichtigsten Menschen seien die Krieger.

Auf die dritte Frage, welches Werk das wichtigste von allen sei, sagten die einen, das wichtigste seien die Wissenschaften; die zweiten erklärten, das wichtigste sei die Kriegskunst; und die dritten sagten, das wichtigste sei die Gottverehrung.


Da alle Antworten sehr verschieden waren, nahm der König keine an. Und er gab auch niemandem die Belohnung. Er beschloß daher, um die richtigen Antworten auf seine Fragen zu bekommen, zu einem Einsiedler zu gehen, der sehr berühmt wegen seiner Weisheit war. Dieser Einsiedler lebte im Walde, verließ nie seine Wohnstätte und empfing nur einfache Leute.

Der König zog sich daher ein einfaches Gewand an und machte sich auf den Weg zum Einsiedler.

Als er in die Nähe des Einsiedlers kam, stieg er vom Pferde, ließ seine Leibwache zurück und ging allein zu ihm hin.

Der Einsiedler grub vor seiner Hütte die Beete um, als der König sich ihm näherte. Als der Einsiedler ihn erblickte, begrüßte er ihm und grub gleich wieder weiter. Der Einsiedler war mager und schwach, und wenn er den Spaten in die Erde stieß und die Schollen umwandte, atmete er mühsam.

Der König ging auf den Einsiedler zu und sagte:

"Ich komme zu dir, weiser Mann, um dich zu bitten, mir drei Fragen zu beantworten:

Welchen Zeitpunkt muß man stets im Sinn haben, um nichts zu versäumen und um hinterher nichts zu bereuen?

Welche Menschen brauchen wir am notwendigsten, mit welchen Menschen muß man sich also mehr beschäftigen und mit welchen weniger?

Welche Werke sind die wichtigsten? Welche Werke muß man vor allen anderen tun?"

Der Einsiedler hörte den König an, sagte aber nichts; er spuckte in die Hand und grub weiter.

"Du bist wohl müde?" fragte der König, "gib mir den Spaten, ich will für dich graben!"

"Danke", sagte der Einsiedler.

Er gab dem König den Spaten und setzte sich auf die Erde.

Nachdem der König zwei Beete umgegraben hatte, hielt er inne und wiederholte seine Fragen.

Der Einsiedler gab ihm auch jetzt keine Antwort, stand auf und streckte seine Hand nach dem Spaten aus.

"Jetzt ruhe du dich aus, und ich werde weiter graben", sagte er.

Aber der König gab ihm den Spaten nicht und grub weiter.

Es verging so eine Stunde und eine zweite, die Sonne begann hinter den Bäumen unterzugehen. Der König steckte den Spaten in die Erde und sagte:

"Ich kam zu dir, weiser Mann, damit du mir meine Fragen beantwortest, wenn du sie nicht beantworten kannst, so sage es mir offen, und ich werde wieder nach Hause gehen."

"Da kommt jemand gelaufen!" sagte der Einsiedler, "wollen wir schauen wer es ist."

Der König sah sich um und erblickte tatsächlich einen bärtigen Mann, der aus dem Walde hergelaufen kam.


Der Mann hielt sich mit den Händen den Leib, und Blut strömte unter seinen Händen hervor. Er lief auf den König zu, stürzte zu Boden, schloß die Augen, rührte sich nicht, sondern stöhnte nur mit schwacher Stimme.

Der König und der Einsiedler öffneten die Kleider des Mannes und sahen eine tiefe Wunde in seinem Leib. Der König wusch sie, so gut er konnte, und verband sie mit seinem Taschentuch und mit dem Handtuch des Einsiedlers. Doch das Blut konnte man nicht stillen, und der König nahm immer wieder den nassen, mit warmem Blut durchtränkten Verband ab, um die Wunde von neuem zu verbinden. Als das Blut endlich gestillt war, kam der Verwundete zu sich und bat um einen Trunk Wasser. Der König holte ihm frisches Wasser und stillte den Durst des Verwundeten.

Inzwischen war die Sonne untergegangen, und es begann kühl zu werden.

Der König und der Einsiedler trugen den Mann in die Hütte und legten ihn aufs Bett. Er schloß die Augen und wurde ganz still.


Der König war müde von dem weiten Weg und von der Arbeit, so daß er sich vor den Eingang der Hütte hinlegte und so fest einschlief, daß er die ganze kurze Sommernacht hindurch schlief.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, konnte er es nicht begreifen, wo er sich befand, und wer dieser sonderbare bärtige Mann dort war, der auf dem Bette lag und unverwandt mit strahlenden Augen den König anblickte.

"Vergib mir!" sagte der bärtige Mann mit schwacher Stimme, als er bemerkte, daß der König erwacht war und ihn ansah.

"Ich kenne dich nicht und habe dir auch nichts zu vergeben", antwortete der König.

"Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich, ich bin dein Feind, der Rache geschworen hatte, weil du meinen Bruder hinrichten ließest und mir meine Habe weggenommen hast. Ich wußte, daß du allein zum Einsiedler gegangen warst, und ich wollte dich auf dem Rückweg töten. Der ganze Tag verging, und immer noch kamst du nicht zurück. So verließ ich mein Versteck, um nach deinem Aufenthaltsort zu sehen, und stieß dabei auf deine Leibwache, die mich verwundete.

Ich floh und wäre verblutet und gestorben, hättest du dich meiner nicht angenommen und meine Wunden verbunden. Ich wollte dich töten, aber du hast mir das Leben gerettet. Wenn ich nun am Leben bleibe, so werde ich dir, wenn du es mir erlaubst, als dein treuer Sklave dienen und auch meinen Söhnen dasselbe befehlen. Vergib mir!"


Der König freute sich, daß es ihm so leicht gelungen war, sich mit seinem Feinde zu versöhnen. Er vergab ihm nicht nur, sondern versprach ihm auch, seine Güter zurückzugeben und ihm seine Diener und einen Arzt zu schicken.

Der König verabschiedete sich von dem Verwundeten, ging aus der Hütte hinaus und suchte den Einsiedler; er wollte ihn zum letzten Male, bevor er ihn verließ, bitten, ihm doch seine Fragen zu beantworten.

Der Einsiedler war draußen und kroch auf den Knien zwischen den Beeten herum, die gestern gegraben worden waren und säte Gemüse hinein.

Der König ging zu ihm und sagte:

"Weiser Mann, ich bitte dich zum letzten Male, beantworte mir meine Fragen!"

Der Einsiedler kauerte auf seinen dünnen Beinen und schaute zu dem vor ihm stehenden König empor und sagte:

"Die sind doch schon beantwortet!"

"Wieso sind sie beantwortet?" fragte der König.

"Gewiß", sagte der Einsiedler, "hättest du gestern nicht Mitleid mit meiner Schwäche gehabt und diese Beete für mich umgegraben, sondern wärest allein zurückgegangen, so hätte dich der Mann überfallen, und du hättest es bereut, nicht bei mir geblieben zu sein.

Also war der richtige Zeitpunkt, als du meine Beete umgrubst; und ich war für dich der wichtigste Mensch; und das wichtigste Werk war, mir Gutes zu tun. Dann später, als der Verwundete hergelaufen kam, war der rechte Zeitpunkt, als du ihn pflegtest. Denn hättest du seine Wunde nicht verbunden, so wäre er gestorben, ohne sich mit dir ausgesöhnt zu haben. So war der Verwundete für dich der wichtigste Mensch, und was du an ihm getan hast, das wichtigste Werk.


So merke dir nun, es gibt nur eine wichtigste Zeit, das ist der Augenblick, denn nur in ihm haben wir Gewalt über uns. Der wichtigste Mensch aber ist der, mit dem du im Augenblick zusammenkommst, denn niemand kann wissen, ob noch ein anderer sich um ihn bemühen wird. Und das wichtigste Werk ist, diesem Menschen Gutes zu tun, denn nur dazu ist der Mensch in diese Welt gesandt."


Leo N. Tolstoi

DAS MÄRCHEN VOM KOBOLD UND DER KÖNIGSTOCHTER


Es war einmal ein kleiner Kobold mit Namen Adrian. Er war ein Glückskobold, denn er war in der Lage, traurigen und alleingelassenen Menschen für ein paar Stunden Glück zu schenken. Dafür hatte er drei Wünsche und sein Säckchen, vollgefüllt mit goldenem Zauberstaub, zur Verfügung. Aber er musste acht- geben, denn wenn er seinen dritten und letzten Wunsch jemandem schenkte, ohne dass der ihn aus tiefsten und reinsten Herzen liebte, musste er für den Rest seines Lebens im Wald der ewigen Finsternis verbringen.

Adrian lebte glücklich und zufrieden in seinem Wald, bis er von der schönen aber traurigen Königstochter Jolanda erfuhr. Sie sollte auf Wunsch ihres Vaters den grausamen und bösen König Aktus aus dem Land der Nöte heiraten. Den König, der durch seine Habgier sein Volk leiden ließ und bei dem Krankheit und Hungertod ein ständiger Gast war. Sie und ihr Vater waren dem mächtigen König hilflos ausgeliefert und musste sich seinen Willen beugen. 

Jede Nacht weinte sich die Prinzessin in den Schlaf, und je näher der Tag ihrer Hochzeit kam, um so trauriger wurde sie. 

Adrian beschloss Jolanda zu helfen. Er nahm sein Zauberstaubsäckchen, suchte sich einen geeigneten Wanderstab aus dem Gehölz seines Waldes und machte sich auf den langen Weg zu ihr. 

Er war nun schon sieben Tage und sieben lange Nächte unterwegs, bis er nun endlich vor dem großen Schloss stand, in dem die Prinzessin wohnte. Er klopfte mit seinem Stab gegen das Schlosstor und bat um Einlass. 

"Was willst du?" fragten die Wachen den kleinen Wicht und sahen ihn verwundert an, denn sie hatten noch nie einen Kobold gesehen.

"Ich möchte zur Königstochter" sagte Adrian freundlich "ich habe von ihrer Traurigkeit gehört und möchte ihr ein paar Stunden Glück schenken."

"Niemand hier in diesem Land ist in der Lage die Prinzessin aufzuheitern" sagte einer der Wachen "aber ein Versuch soll es Wert sein. Folge mir, ich geleite dich zu ihren Gemächern, dort kannst du dein Glück versuchen."

Nun endlich stand Adrian vor der Königstochter. Sein kleines Herz schien fast vor Mitleid und Sorge um Jolanda zu zerspringen als er sie so leiden sah. Sie lag auf ihrem Bett und hatte ihr verweintes Gesicht hinter all ihren Kissen versteckt. 

"Bitte höre mir zu Jolanda" sagte Adrian leise "ich heiße Adrian und bin ein Glückskobold. Ich kann dich für ein paar Stunden von deiner Traurigkeit und all deinem Leid befreien." 

Zaghaft ergriff der kleine Kobold die Hand der Königstochter und streichelte sie sanft. "Komme mit mir in meine Welt, dort findest du das Glück, nach dem du dich so sehr sehnst."

Die Prinzessin sah Adrian tief in seine gutmütigen Augen und fragte: "Gibt es denn eine andere Welt für mich? Gibt es irgendeinen Ort, an dem ich all mein Leid und Kummer vergessen kann? Kann ich mich dort auch vor dem grausamen König Aktus verstecken?"

"All deine Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit wirst du dort finden. Habe Vertrauen zu mir, ich kann dir helfen," versprach Adrian und holte sein Säckchen mit dem Zauberstaub hervor. 

"Dann führe mich fort von hier," flüsterte weinend die Prinzessin "weit weit fort. Auch wenn es nur für ein paar Stunden ist, so will ich dir jetzt schon dafür dankbar sein." 

"Schließe deine Augen," sagte Adrian "und vertraue dich mir an." 

Die Prinzessin tat das, was ihr der kleine Kobold geheißen hatte und legte ihr Schicksal seine Hände. 

Der kleine Wicht nahm eine Handvoll Goldstaub aus seinem Säckchen und blies ihn Jolanda direkt in ihr schönes Gesicht. Dann sagte er seinen Zauberspruch auf:

"Schlafe Prinzessin schlafe ein,

wirst nun im Traum wie ich ein kleiner Kobold sein.

Vergiss alle deine Sorgen alles Leid,

tausch` nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Sollst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit meinen Augen sehen."

Nun schlief die Prinzessin tief und fest und träumte den schönsten Traum ihres Lebens.

Sie träumte, sie wäre selbst ein kleines Koboldmädchen und ginge mit Adrian Hand in Hand durch seine fremde Welt. Nur ihr kleines Krönchen auf ihrem Haupt verriet, dass sie eine Prinzessin und somit von höherer Geburt war. Adrian zeigte ihr nun seine Heimat, und sie konnte sich nicht satt sehen an den vielen wunderschönen bunten Blumen, an den geheimnisvollen Bäumen und an 

dem sonnendurchwirkten Himmel, der wie ein Diamant auf sie herab zu strahlen schien. 



Selbst die vielen kleinen Tiere, denen sie begegneten, verneigten sich vor ihr und hießen sie freundlich und herzlich willkommen. 

Alle Vögel sangen ihr zu Ehren ihre schönsten Lieder, und so manches kleines Bienchen kam angeflogen, um ihr eine Kostprobe ihres süßesten und feinsten Honigs anzubieten. Und dabei erklang das Rauschen des Windes wie eine leise Melodie.

Jolanda war von all dem Zauber und soviel Schönheit der ihr fremden Natur so beeindruckt, dass sie am liebsten für immer geblieben wäre. Aber leider war es nur ein Traum, aus dem sie bald wieder erwachen würde. Sie nutzte die Zeit und genoss die schönen Dinge, die ihr diese Traumwelt zu geben hatte. Und dabei hielt Adrian ganz fest ihre Hand und wich nie von ihrer Seite. 

Als die Prinzessin erwachte und Adrian erblickte, der noch immer vor ihrem Bett wachte, lächelte sie ihn dankbar an und sprach: "Solch eine glückliche Zeit habe ich noch nie erlebt. Ich danke dir dafür. Bitte bleibe bei mir so lange du kannst, denn allein durch deine Anwesenheit fühle ich mich sicher und geborgen." 

Dann wurde ihr Blick wieder traurig und ängstlich, denn die Erinnerung an ihre bevorstehende Vermählung mit König Aktus kam zurück. Von nun an beherrschte sie wieder das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit. 

Der kleine Kobold blieb. Er wollte solange bleiben, bis die nächste Nacht hereinbrach. Immer und immer wieder schaute er Jolanda an und konnte seinen Blick nicht mehr von ihr wenden. Und dabei schlug sein kleines Koboldherz so laut und schnell, dass er befürchtete, die schöne Königstochter könnte dies hören.

Als der Abend hereinbrach, stand Adrian abermals vor Jolandas Bett. Und wieder weinte sie so herzzerreißend, dass der kleine Wicht nicht anders konnte und ihr seinen zweiten Zauberwunsch anbot. Sie durfte noch einmal seine Welt mit ihm für ein paar Stunden besuchen. 

Unendlich dankbar willigte sie freudig ein und schloss ihre Augen, während Adrian seinen Goldstaub verblies und seinen Zauberspruch aufsagte:

"Schlafe Prinzessin schlafe ein,

wirst nun im Traum wie ich ein kleiner Kobold sein.

Vergiss alle deine Sorgen alles Leid,

tausch` nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Sollst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit meinen Augen sehen."

Dieses mal träumte Jolanda sie säße auf einem wunderschönem Pferd, das von Adrian mit sicherer Hand durch die Nacht geführt wurde. 



Sie schwebten über Bäche, die zu Flüssen wurden, und die wiederum ergossen sich hinein ins weite Meer. 

Dort schien der Mond am Himmel so hell, und die Sterne leuchteten so klar, dass sie das Gefühl hatte, sie wären mitten im fernen endlos weitem Weltall. Sie lauschten beide dem Rauschen der Wellen und erfreuten sich an dem Gesang der Wale.

Adrian ließ seine schöne Prinzessin nie aus den Augen und bot ihr somit Zuversicht, Vertrauen und Geborgenheit. Und manchmal, wenn Jolanda glaubte er würde gerade nicht einmal zu ihr hinschauen, schenkte sie ihm einen liebevollen und vertrauten Blick. Sie fühlte sich zu dem kleinen Kobold so sehr hingezogen, dass sie wiederum den Wunsch hegte, mit ihm für immer den Rest ihres Lebens dort in seiner verzauberten Welt zu verbringen. 

Auch dieser Traum musste zu Ende gehen, und als Jolanda von ihm erwachte, fühlte sie einen Schmerz in ihrem Herzen. Es war der süße Schmerz einer großen Liebe, einer tiefen und reinen Liebe zu Adrian.

Lange und überglücklich über das Erlebte schaute sie dem kleinen Kobold tief in die Augen, und ihr Blick hätte beinahe verraten, dass sie mehr für ihn empfand als nur eine Freundschaft. Doch sie hielt sich zurück, denn schließlich war sie ein Mensch und er ein Kobold. Eine Verbindung der Beiden in ihrer Welt schien für die Prinzessin unmöglich, deshalb hatte sie folgenden Plan und fragte:

"Oh du lieber guter Adrian, ist es dir möglich, mich heute Nacht für immer in deine wunderbare Zauberwelt mitzunehmen? Morgen ist der Tag, an dem ich mit dem grausamen König Aktus vermählt werden soll, und nur du allein kannst mir helfen und mich vor diesem großen Unglück bewahren."

Adrian, der längst wusste, dass er sich in die schöne Jolanda verliebt hatte, zögerte zuerst, sprach dann aber mit leiser ängstlicher Stimme: 



"Ich kann und werde dir deinen Herzenswunsch erfüllen, muss dir aber von den Bedingungen meines dritten und letzten Wunsches für dich berichten. Solltest du mich nicht aus tiefsten und reinsten Herzen lieben, darfst du zwar in meiner Welt leben und glücklich sein, ich aber werde für den Rest meines Lebens im Wald der Finsternis verbringen müssen, und wir werden uns dann nie mehr wiedersehen." 

Und während er ihr sein großes Geheimnis verriet, zitterte der kleine Wicht aus Angst vor seiner ungewissen Zukunft und weinte eine große Träne.

Jolanda zerbrach es fast ihr Herz als sie den verängstigten und traurigen Adrian vor sich sah. Sie beugte sich zu ihm herab, nahm zärtlich seinen Kopf zwischen ihre Hände und hauchte ihm einen zarten liebevollen Kuss auf seinen traurigen Mund und wischte ihm seine Träne fort.

Dieses Mal war sie es, die zu dem kleinen Kobold sagte: "Habe Vertrauen zu mir. Ich verspreche dir, du brauchst dich nicht zu ängstigen. Du wirst sehen, es wird alles gut."

Und Adrian hatte Vertrauen. Als der Abend hereinbrach, legte sich die Prinzessin auf ihr Bett, während Adrian ein letztes Mal in sein Säckchen griff und den Rest seines Zauberstaubes über Jolanda verblies.

Dann sagte er mit fester Stimme seinen Zauberspruch auf:

"Schlafe Prinzessin schlafe ein,

sollst nun für immer ein kleiner Kobold sein.

Vergessen sind all die Sorgen all das Leid,

tauschst nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Du wirst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit deinen eigenen Augen sehen."

Als Jolanda ihre Augen öffnete, fand sie sich an der Stelle wieder, an der sie schon in ihrem ersten Traum mit Adrian war. Das Gras schien noch grüner, all die Blümchen noch bunter, und die Vögel sangen noch schöner als sie es in Erinnerung hatte. Aber sie war allein. Von ihrem kleinen Kobold war nichts zu sehen.

Immer und immer wieder rief sie seinen Namen: "Adrian oh geliebter Adrian wo bist du, oh was habe ich dir nur angetan."

War ihre Liebe am Ende doch nicht so groß, dass sie ihn vor sein grausames Schicksal bewahren konnte?

Sie setzte sich in das Gras und fing an zu weinen. Sie weinte um ihren geliebten Kobold, der, wie sie nun glaubte für immer sein Dasein im Wald der Finsternis verbringen musste. 

Während sie um ihren Geliebten trauerte, hörte sie aus der Ferne einen Gesang. Sie horchte und bemerkte, dass er langsam aber unaufhörlich immer fröhlicher und lauter wurde und sich ihr näherte. Sie erhob sich und schaute in die Richtung, aus der er kam. Auf einmal klopfte ihr Herz so stark als wollte es vor Freude zerspringen, da sie nun endlich erkannte, wer dort so wunderschön sang. 

Adrian hatte alle seine Freunde zusammengerufen, und alle sind sie gekommen, um die schöne Jolanda zu begrüßen und sie in ihrer Mitte willkommen zu heißen.

"Dieses schöne Koboldmädchen ist Prinzessin Jolanda," verkündete Adrian stolz seinen Freunden, "und ab heute ist sie die Königin meines Herzens."

Er umarmte sie, küsste sie herzlich und innig auf ihren roten Mund und flüsterte ihr ins Ohr: "Willkommen in meinem Leben, willkommen in meinem Herzen."

 

Ende

 

Illustriert und geschrieben von GiTo

 

Wer mehr schöne Märchen von GiTo lesen möchte, hier ist der Link zu seiner Märchenseite.:


 
 

DIE BERGELFE UND DIE SAAT DES ZAUBERWALDES

 

 

 Alle einhundert Jahre wurde im Elfenland die schönste unter den Schönen zur Jahrhundertkönigin gewählt, und bald sollte dieses große Ereignis stattfinden. Alle Elfenmädchen, die meinten hübsch genug zu sein, um diesen Platz einzunehmen, schmückten ihr Haar mit Blumen zogen sich ihr schönstes Gewand an und säuberten ihre feinen Flügel. Dann war es soweit. Eine nach der anderen stellte sich zur Wahl und wartete dann voller Ungeduld auf die Entscheidung des Ältestenrates. Auch Hildegunde, eine Elfe, die schöner nicht sein konnte, mit kastanienbraunem Haar, Augen so sanft wie ein Reh und einen Mund so rot wie die Abendsonne aber ein Herz aus Stein, hatte sich zur Wahl gestellt. Sie war sich sicher, dass sie die Auserwählte sein würde, deshalb hatte sie auch keine Angst vor der weiteren Konkurrenz. Endlich, nach beinahe endlosem Warten, wurde der Name der Siegerin verkündet. Der Älteste des Rates erhob sich und verkündete mit freudiger Stimme: „Für das nächste Jahrhundert wird unsere neue Königin sein............... die Elfe Maxima“. Hildegunde stand da wie versteinert. Sie glaubte ihr Herz hätte aufgehört zu schlagen. Sie, die schönste unter aller Elfen, sollte nicht Königin werden? Sie konnte es nicht glauben, deshalb stellte sie empört den Rat zur Rede. „Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu“ ereiferte sie sich „habt ihr nicht genau hingesehen, seid ihr alle blind, habt ihr nicht bemerkt, dass ich die Schönste bin?“ Sie bekam freundlich aber dennoch ermahnend zur Antwort: „Sicherlich bist du die Schönste hier, aber allein das Äußere galt hier nicht als Maßstab, sondern es wurde auch die Schönheit des Herzens beurteilt“. Das war zuviel für Hildegunde. Total außer sich vor Wut und mit den drohenden Worten: „Schönheit des Herzens, lächerlich, ich werde euch zeigen, zu was mein Herz alles in der Lage ist“, verließ sie die Veranstaltung. Der Ruf der Elfen unter den Menschen und Tieren war, dass sie liebenswert und hilfreich sind, und genau diese tausendjährige Erfahrung wollte sie nun zerstören. Sie wollte erreichen, dass die Menschen alle Elfen so sehr hassten, dass es kein Miteinander mehr geben sollte. Hildegunde sammelte alle ihre Zauberkräfte zusammen und setzte ihre teuflischen Pläne einen nach dem anderen in die Tat um. Zuerst setzte sie den Wald in Brand und brachte damit die Holzfäller im Dorf und ihre Familien um Lohn und Brot und das Wild um dessen Behausungen. Dann ließ sie das Meer über die Ufer treten und zerstörte damit all die kleinen Häuser, Ställe und Scheunen der Menschen. Aber sie hatte immer noch nicht genug. Ihr nächster und grausamster Racheplan wurde ihr dann selbst auch zum Verhängnis. Als sie den klaren See, an dem die Kinder immer so gerne spielten und badeten, zum kochen brachte und damit alle Fische, die darin schwammen und alles andere Getier tötete, fällte der Ältestenrat eine schwerwiegende Entscheidung. Hildegunde musste ein für alle Mal Einhalt geboten werden. „Auch wenn sie eine von uns ist und uns es nicht zusteht über andere zu richten, müssen wir die Menschen und vor allem Hildegunde vor sich selbst schützen“, beschloss der Rat und verurteilte die Elfe den Rest ihres Lebens im eisernen Berg, der mitten im Meer stand, für immer eingeschlossen, einsam und allein zu verbringen. Die Elfe nahm das Urteil mit versteinerter Miene an. Willig ließ sie sich ihre Flügel abnehmen und zu ihrem eisernen Verließ geleiten. Als man sie dort eingeschlossen hatte, verriegelte der Rat den Berg und überließ Hildegunde ihrem wohlverdienten Schicksal. Viele Jahre sind seitdem vergangen. Im Land der Elfen kehrte wieder Ruhe und Frieden ein. Der Wald wuchs langsam nach und bot den Tieren, die dort lebten, wieder Schutz und Unterschlupf, und die Menschen hatten ihre durch das Wasser vernichteten Häuser neu aufgebaut, und viele Generationen sind nachgekommen. Nur ein kleines Fischerdorf ist seit Jahren nicht mehr zur Ruhe gekommen, denn die Hand des Todes hatte die Einwohner fest im Griff.

.
Jedes Mal, wenn die tapferen Männer zum Fischfang hinaus auf das offene Meer fuhren, kamen weniger von ihnen zurück als erwartet. Immer wieder mussten Frauen um ihre Männer und Mütter um ihre Söhne trauern und weinen. Sie hatten keine Erklärung dafür, was auf dem Meer geschah, ihre geliebten Menschen blieben für immer verschollen.
Abends, wenn der Mond am Himmel stand, trafen sich die Frauen, ganz in schwarz gekleidet, am Strand, zündeten kleine Feuer an und schauten mit verweinten Augen auf das offene Meer hinaus. Die Hoffnung auf die Rückkehr der Verschollenen wollten sie nicht aufgeben, aber für keine von ihnen wurde dieser Wunsch erfüllt.
Als Michel, der selbst den Verlust seines Vaters und älteren Bruders beklagte, siebzehn Jahre alt wurde, sagte er zu seiner Mutter Maria: „Mutter, ich fahre morgen früh hinaus auf das Meer, um Fische zu fangen. Jahre sind nun vergangen, als Vater nicht mehr heimkam und viele Monate, als meine Bruder auf dem Meer zurückblieb. Irgendjemand muss für dich sorgen. Außerdem bin ich nun selbst ein Mann und kann mich schützen vor jeder Gefahr, die auf mich wartet“.
Maria fing an zu weinen und wollte ihren Sohn nicht ziehen lassen. Der aber ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen und bereitete sein Fischerboot auf die Fahrt vor. Er faltete sein Netz und überprüfte, ob Segel und Paddel keine schadhaften Stellen hatten. Nachdem er auch kein kleinstes Leck entdecken konnte, befand er alles für ordnungsgemäß, ging zurück zum Haus, legte sich in sein Bett und schlief auch sofort ein.
Als der Morgen graute, schlich er sich aus dem Haus, ohne sich von Maria zu verabschieden, und eilte zu seinem Boot. Minuten später befand er sich schon auf dem Meer, weit entfernt von dem Land und von seiner Mutter.
 
Das Meer war glatt und ruhig, nicht eine Welle kam auf. Man hätte meinen können, es läge auf der Lauer und wäre zu jeder Zeit zu einem Sprung bereit.
Mit Schaudern musste Michel an das Schicksal von seinem Bruder und Vater denken. „Was war damals nur geschehen“ ging es ihm durch den Kopf, er verwarf aber schnell diesen Gedanken, konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit und ruderte noch weiter hinaus. Dann warf er sein Netz aus und wartete ab.
Eine leise liebliche Melodie erfüllte die Luft. Michel war so fasziniert von diesen Klängen, dass er nicht mehr vom Zuhören ablassen konnte und dabei langsam in einen tiefen Schlaf fiel.
Als er erwachte, war es Nacht. Hell stand der Mond am Himmel, und das Wasser war unruhig. Die Wellen trugen ihn schnell immer schneller hinaus aufs offene Meer, bis er in der Ferne über dem Wasserspiegel ein helles, funkelndes Licht erblickte.
Michel nahm seine Ruder in die Hand und paddelte neugierig auf die Lichterscheinung zu und erkannte ein wunderschönes, lächelndes Gesicht mit gütigen Augen. „Das muss eine Göttin sein“ dachte sich der junge Mann. Sein Herz schlug ihm vor Angst bis zum Hals, und obwohl ihm eine innere Stimme zur
Rückkehr riet, lenkte er sein Fischerboot wie unter einem Zwang direkt auf die Erscheinung zu.
  

..
Und wieder erklang die Melodie, aber dieses Mal hörte er auch eine sanfte Stimme rufen: „Komm her, komm her zu mir!“
Kaum hatte er sein Ziel erreicht, verwandelten sich die liebevollen Augen der Schönen in einen zornig hasserfüllten Blick, und ehe Michel bemerkte was geschah, hob ihn eine haushohe Welle in die Höhe und schleuderte das Boot mit dem jungen Mann gegen eine Felswand, wo es zerschellte.
Dann erlosch das Licht, die Erscheinung verschwand, und übrig von dem Zauber blieb ein eiserner, schwarzer Berg, umgeben vom kalten Meer.
Michel kam nie wieder zurück zu seiner Mutter.
Und wieder standen die schwarzgekleideten, trauernden Frauen und Mütter am Strand. Wieder waren kleine Feuerstellen entfacht, und wieder war das Meer glatt und ruhig.
Marias Blick war starr und leer. Nun wurde ihr auch noch das Letzte, was sie besaß, genommen, und dass sie ihren Sohn zum Abschied nicht noch einmal in ihre Arme schließen konnte, wollte ihr Herz nicht überwinden. Sie konnte nicht einmal mehr weinen.
Voller Verzweiflung schaute sie hinaus aufs Meer und erstarrte für einen Moment. Sah sie da nicht ein Schiff? Ein großes, weißes Segelschiff?
Auch die anderen Frauen wurden unruhig und liefen aufgeregt den Strand entlang.
Weit draußen fuhr tatsächlich ein stolzes Segelschiff an ihnen vorbei.
„Halt, nicht weiterfahren“ riefen die Frauen „ihr steuert direkt in euren Tod hinein“, aber alle ihre Schreie konnten von der Besatzung nicht gehört werden, denn sie waren zu weit weg, und was die Frauen nicht ahnen konnten, alle Anwesenden auf dem Schiff schliefen tief und fest, denn sie hatten die Melodie der Lüfte gehört.
Dann verschwand es am Horizont, und die Frauen verließen noch trauriger den Strand, als sie gekommen waren. Nur Maria setzte sich müde auf einen Stein und verharrte dort die ganze Nacht.
Als die Besatzung auf dem weißen Schiff erwachte, sahen sie den strahlenden Mond und das herrliche glitzernde Licht über dem Wasser. Als sie diesem näher kamen, erkannten sie auch das schöne Gesicht und hörten die liebliche Stimme rufen: „Kommt her, kommt her zu mir!“
Der Kapitän gab den Befehl: „Volle Fahrt voraus“, und das Schiff näherte sich der Gestalt mit hoher Geschwindigkeit.
Doch bevor es sein Ziel erreichte und somit alle in den sicheren Tod fuhren geschah das Wunder.
Langsam ganz langsam schob sich der Schatten der Erde vor den Mond und verdunkelte ihn. Und je dunkler der Mond wurde, umso schwächer wurde auch das Abbild der Lichtgestalt. Als es nun bis zur völligen Mondfinsternis kam und alles stockfinster war, erlosch auch das Glitzern und das Gesicht der Schönen und somit auch ihre Macht.
Da erkannte die Besatzung die Gefahr, in der sie sich befand, denn sie fuhren direkt mit voller Fahrt auf den aus dem Meer ragenden riesigen schwarzen Berg zu.
„Maschinen stopp und wenden“ schrie der Kapitän kreideweiß und nochmals: „wenden, wenden!“
Gerade noch in letzter Sekunde gelang es der Mannschaft das Ruder herumzureißen und das Schiff zu wenden. Somit konnten sie den rettenden Fluchtweg ergreifen, denn die Mondfinsternis dauerte nur wenige Minuten.
Als der Mond wieder hell und klar am Himmel leuchtete, entflammte auch das Leuchten über dem Wasserspiegel, aber das Böse hatte nun keine Macht mehr über Schiff und Besatzung, denn sie hatten sich zu weit von dem todbringenden Berg entfernt.
Noch in Angst und Panik erteilte der Kapitän der erschöpften Mannschaft den Befehl den ersten Hafen anzulaufen und sei er noch so klein. Alle sollten sicheres Land unter ihren Füßen fühlen und den Schrecken mit einem guten Schluck Whisky herunterspülen.
Maria saß noch immer auf ihrem Stein. Die Morgensonne erschien schon am Horizont, als sie sich langsam erhob und nun auch endlich den Heimweg antreten wollte. 
  
  
Noch einmal schaute sie aufs Meer und zwinkerte mit den Augen. War sie übermüdet, oder sah sie wirklich dort in der Ferne das weiße Segelschiff, dem die Frauen gestern Abend zuriefen?
Nein ihre Augen spielten ihr keinen Streich. Das riesige Schiff steuerte direkt ihren kleinen Dorfhafen an.
Schnell eilte sie zur Dorfkirche und läutete mit letzter Kraft die Turmglocke.
Alle Bewohner eilten herbei, und als sie erfuhren, dass ein Schiff in ihrem Hafen einläuft, rannten alle so schnell sie konnten zum Strand.
Majestätisch lag das Segelschiff vor Anker. Die Mannschaft wurde von den Wartenden freudig bejubelt und begrüßt, denn alle erhofften sich eine Antwort darauf, ob sie etwas von ihren Lieben wüssten oder über deren Verbleib berichten konnten.
Als der Kapitän von der schönen Lichtgestalt mitten im Meer, von der sanften Melodie und dem großen, schwarzen Eisenberg berichtete, und dass sie alle ihr Leben einer Mondfinsternis zu verdanken haben, schauten sich die Frauen nur fragend und enttäuscht an. Keiner erkannte einen Sinn darin, was das mit dem Verschwinden ihrer Männer und Söhne zu tun haben könnte.
Doch Maria, die eine innere Unruhe trieb, hatte eine Idee. Hatte sie nicht einst von einem alten, weisen Mann mit magischen Zauberkräften im Nachbardorf gehört? Sie wollte sofort zu ihm eilen und von den Erlebnissen der Schiffsmannschaft berichten. Vielleicht wusste er ja einen Rat.
Schnell machte sie sich auf den Weg, um den Weisen aufzusuchen.
Er empfing sie freundlich mit den Worten: „Ich sehe dein Leid in deinen Augen, mein Kind. Berichte mir von deinem Kummer, und ich werde versuchen, dir zu helfen“.
Als Maria ihm alles erzählt hatte, strich er langsam und behäbig über seinen schneeweißen Bart und überlegte lange. Seine Augenbrauen vertieften sich zu einem düsteren und finstern Blick, dass es Maria Angst und Bange wurde.
„Hildegunde“ murmelte der Alte „Hildegunde hat euch das alles angetan. Eine alte Sage sagt, dass einst eine böse und grausame Elfe der Menschen größter Feind war. Dass man sie zur Verdammnis in einen Berg, der sich mitten im Meer befinden soll, einschloss, den aber bis heute noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Und die, die ihn gesehen haben, sind heute tot. Ich hätte nie gedacht, dass sich diese Sage bewahrheitet. So soll sie zum wiederholten Male ihre gerechte Strafe erhalten“.
  
 
Der Alte stand auf und reichte Maria ein kleines Säckchen mit Saatgut.
„Nimm diese Saat und bitte den Kapitän abermals zum eisernen Berg zu fahren.
Aber er soll auf der Hut sein. Er soll des nachts seine Fahrt antreten, damit er am Tag sein Ziel erreicht. So kann ihm und seiner Mannschaft nichts geschehen, denn die Elfe kann sich nur in der Dunkelheit bei hellem Mondschein mit all ihrer Zauberkraft zeigen. Wenn sie dort angekommen sind, sollen sie den Inhalt dieses Säckchens ins Meer schütten und sofort umkehren. In wenigen Tagen wird dann das Grauen ein Ende haben, und ihr werdet euren Frieden wieder finden“.
Maria bedankte sich bei dem weisen Mann und eilte so schnell sie konnte zurück in ihr Dorf.
Als sie dem Kapitän von dem alten Mann und seinen Anweisungen erzählte, zögerte dieser zuerst. Aber als er in all die traurigen Gesichter der Frauen sah, nahm er sich ein Herz und all seinen Mut zusammen und trat seine Fahrt ins Grauen noch einmal an.
Am selben Abend stach er mit seinen Männern noch einmal in See in Richtung des Berges. Die ganze Nacht hindurch. Kaum waren sie dort angekommen, wurde das Meer unruhig. Aber dieses Mal hörten sie keine Melodie und sahen auch, wie es der alte Mann vorhergesehen hatte, keine Lichtgestalt, nur die helle Morgensonne. Die Wellen schlugen mit gewaltiger Kraft gegen den Berg, dass sich ein dichter hässlicher Schaum bildete.
Der Kapitän beugte sich über das Schiffsgeländer und leerte sein Säckchen mit der Saat, das ihm Maria übergeben hatte. Danach befahl er sofort das Schiff zu wenden und zum Hafen zurückzukehren.
Kaum waren sie dort angekommen, tobte ein heftiger Sturm über dem Meer. Ein Geheule und Getöse mit Hagelkörnern so groß wie Hühnereier fegte über das Land. Die Dorfbewohner und ihre Gäste mussten sich Watte in die Ohren stopfen, um von dem Lärm nicht wahnsinnig zu werden. Dann, nach einigen Tagen, war auf einmal alles still. Totenstill.
Was war geschehen?
Als die Saat, die der Kapitän ins Meer schüttete, mit dem Wasser in Berührung kam, ging sie sofort auf, und die Wellen spülten sie an den Fuß des Berges. Dort angekommen, umschlangen ihre starken Zauberwurzeln das eiserne Bergmetall, und aus ihnen wuchsen Bäume so dick, dass man 100 Menschen brauchte, um ihren Umfang messen zu können, und ihre Höhe gelangte bis hin zu den Wolken. Und jeder gewachsene Baum vermehrte sich in Windeseile um das tausendfache, so dass es nur wenige Tage brauchte, um den Berg in einen riesigen Urwald zu verwandeln. Doch das war nicht alles. Die Bäume waren so schwer, dass der Berg die Last nicht mehr tragen konnte, und er Stück für Stück in das Meer versank, bis zum Schluss nichts mehr von ihm zu sehen war.
Das war nun das endgültige Ende des Berges und der grausamen Hildegunde.
 
.
Im Dorf hatte man von der Tragödie draußen auf dem Meer nichts mitbekommen oder gesehen, aber man ahnte, ja man war sich sicher, dass nun kein weiteres Unheil mehr zu befürchten war.
Allen war nun leichter ums Herz, die nachkommende Generation war nun nicht mehr gefährdet, und ihre Kinder konnten später einmal wieder als Fischer arbeiten, ohne dass ihre Angehörigen Angst um sie haben mussten.
Am nächsten Morgen verabschiedete die ganze Dorfgemeinschaft ihre Retter den Kapitän mit seiner tapferen Mannschaft auf ihrem stolzen Segelschiff.
Mit weißen Tüchern winkend standen sie am Strand, während sich das Schiff weiter von ihnen entfernte und dann am Horizont für immer verschwand.
Trotzdem traten alle traurig ihren Heimweg an, denn den Verlust ihrer lieben Menschen konnten sie nicht vergessen.
Maria drehte sich noch einmal wehmütig um und schaute ein letztes Mal aufs Meer.
Aber sie konnte ihren Blick nicht abwenden. Sie kniff Ihre Augen zusammen, um besser sehen zu können, dann stieß sie einen schrillen Schrei aus.
Auf dem Meer sah sie viele kleine Punkte, die, so schien ihr es, langsam immer größer wurden.
„Was ist das“ schrie sie so laut, dass die anderen noch einmal zurückkehrten, um zu sehen, was Maria meinte.
Als die Frauen auch die Erscheinungen am Horizont sahen, brachen einige zusammen, andere umarmten sich weinend, und weitere liefen ins Wasser, den kleinen Booten entgegen.
Ein lautes Hupkonzert ertönte über dem Meer, und einhundertsechsundachtzig kleine Fischerbote mit freudig winkenden Vätern und Söhnen liefen im Heimathafen ein. Allen voran Marias jüngster Sohn Michel.
Die böse Elfe Hildegunde, die als einzige nun tot und immer noch eingeschlossen in ihrem eisernen Berg lag, hatte zwar die Macht den Menschen zu schaden, aber sie hatte keine Macht einen Menschen zu töten, deshalb war der leidvolle und grausame Zauber mit ihrem Tode aufgehoben, und all diese vielen Menschen wurden wieder glücklich vereint.
Wie groß die Freude darüber war, brauche ich wohl nicht hier weiter zu erzählen.
 
 
Ende
 
Illustriert und geschrieben von GiTo
 
Wer mehr schöne Märchen von GiTo lesen möchte, hier ist der Link zu seiner Märchenseite.:

 http://gito-gito.jimdo.com/